Beschreibung des Oberamts Backnang/Kapitel B 22

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Rietenau,

Gemeinde III. Kl. mit 537 Einw., a. Rietenau, Pfarrdorf. 527 Einw., b. Schönenbühl, Haus, 10 Einw. – Ev. Pfarrei. 11/2 Stunden nordwestlich von der Oberamtsstadt gelegen.

In dem friedlichen, fast rings von Waldbergen umgebenen Wiesenthale des Jettenbaches, das südwärts zieht und gerade hier eine von Osten herkommende Thalschlucht ausnimmt, liegt unten an dem sanft gegen Osten geneigten Thalgehänge der meist aus kleineren Bauernhäusern bestehende Ort. Auf der nahen Wartebene, wo im J. 1870 dem verstorbenen Prinzen Friedrich von Württemberg ein Denkstein gesetzt wurde, bietet sich eine sehr schöne Aussicht.

Die Kirche steht zwischen Baumgruppen frei und hoch am Nordende des Dorfes auf dem in einen hübschen Garten umgewandelten alten Friedhof, der einst sehr fest gewesen sein muß, seine Mauern bilden namentlich gegen Osten noch eine hohe Terrasse. Der Thurm, an der Stelle des Chores stehend, zeigt im Osten ein spätgothisch gefülltes , das Schiff an der Südseite einige ungefüllte Spitzbogenfenster; innen ist es flach gedeckt, der Thurmchor aber hat einen halbrunden Triumphbogen und ein starkes romanisches (korbartiges) Kreuzgewölbe mit großen halbachteckigen Rippen, die auf einfachen Konsolen ruhen. Durch die Tünche des Gewölbes schimmern noch Spuren von Fresken. An der Nordwand des nicht geräumigen Schiffes stehen vier tüchtige sandsteinerne Renaissancegrabmäler, zwei Ritter und zwei Frauen, die Gestalten lebensgroß und halberhaben; leider | sind sie stark übertüncht, und die Inschrifttafeln über ihnen durch eine Empore zugedeckt; sie gehören der Familie Miner an und reichen von 1536 bis 1593. Nach einer in der Pfarr-Registratur vorhandenen Aufzeichnung der Inschriften sind es die Grabdenkmäler: 1) des Konrad Miner, würt. Dieners, † 1560, 2) der Margaretha Geislerin, alt Konrad Miners Hausfrau, † 1536, 3) des Konrad Miner des Jüngeren, würt. Forstmeisters zu Reichenberg, † 1593 und 4) der Agnes Listen, Jung Konrad Miners Hausfrau, † 9. Okt. 1571. Außen an der Südwand der Kirche befinden sich von derselben Familie zwei Grabsteine, geschmückt mit Renaissancezierathen und dem Wappen der Familie. Auf einem steht: Anno Domini 1597. Den 23. Juny Starb der Ehrnhaft und fürnem Herr Conradt Müner von Riethnaw. Allter Forst. Meister. uf. Reichenberg. Auf dem andern Grabsteine steht: Anno Domini 1597. Den Ersten Septemb. Starb. Abraham Conrad Miners Seligen Sohn seines Alters 4 jar. Von den Glocken auf dem zweistockigen unschönen, mit vierseitigem Zeltdach bekrönten Thurme hat eine die Umschrift: Gos mich Christoph Roth 1666, die andere: M. Hans Miller zu Esslingen gos mich 1616. Die Unterhaltung der Kirche ruhte früher auf dem Staate, es wurde jedoch durch Erkenntniß des Civilsenats des Obertribunals v. 9. Okt. 1855 beschlossen: 1) „Im Fall der Unvermöglichkeit der Heiligenpflege liegt der kgl. Oberfinanzkammer als Besitzerin des Vermögens der Kirche die Baupflicht ob. Demgemäß hat sie 2) eine neue Kirche in erweitertem Maßstab nach dem Bedürfniß der Kirchengemeinde zu bauen“. Im Laufe des Sommers 1859 wurde die Kirche auf Kosten der k. Staatsfinanzverwaltung gründlich reparirt. Die subsidiäre Kirchenbaulast wurde von der kgl. Finanzverwaltung im Jahr 1867 um die Summe von 18.000 fl. abgelöst.

Das hübsche, im Jahr 1845 gründlich erneuerte, zweistockige Pfarrhaus steht westlich bei der Kirche in schönem Gärtchen, das mit dem um die Kirche gehenden zusammenhängt. Seine Unterhaltung hat der Staat. Der Gottesacker liegt außerhalb des Ortes. Das Schulhaus, mit der Jahreszahl 1548 über der Thüre, enthält zwei Lehrzimmer und die Wohnung des Schulmeisters. Ein Rathhaus ist vorhanden. Eine Kelter besteht mit einem Baum und einer Spindelpresse.

Gutes Trinkwasser liefern hinlänglich 11 Pumpbrunnen und ein Schöpfbrunnen, dann ist die Markung reich an guten Quellen, wovon die bedeutendsten, der Mönchsbrunnen im Mönchsgarten und der Haselbrunnen im Strietrain sich befinden. Von Bächen fließen über die Markung der Jettenbach, der in heißen Jahrgängen fast versiegende Forstbach und andere kleinere. Beim Bad bestand früher ein Weiher, der jetzt in Wiesengrund verwandelt ist.

Das Bad, ein einfaches dreistockiges Gebäude mit Mansardendach enthält das Wirthschaftslokal, die Wohnung des Wirths und | mehrere einfache Zimmer für die Badgäste; im unteren Stockwerk befindet sich noch die ehemalige Badanstalt, jetzt als Magazin benüzt, an deren Wänden alte, in die Wand eingerizte und bemalte Figuren theilweise noch sichtbar sind, z. B. ein Jäger das Hifthorn blasend, ein springender Hase, eine Schlange etc.; die daselbst angebrachte Inschrift, nach welcher das Bad im Jahr 1562 renovirt wurde, ist leider erst in neuerer Zeit verschwunden. Hinter dem Gebäude steht die erst anfangs dieses Jahrhunderts erbaute Badeanstalt mit 8 Badkabinetten im unteren Stockwerk und einem Saal im oberen. An diese Gebäude grenzt ein hübsch angelegter Garten. Die Quelle, welche gepumpt wird, enthält 1 Gr. schweselsauren, und 31/2 Gr. kohlensauren Kalk in 16 Unzen, auch soll ein bitterschmeckendes Salz in ihr enthalten sein. Dass Wasser ist krystallhell, perlt ein wenig und wenn es gesotten wird, sieht es wie Seifenwasser aus, es ist sowohl wenn man darin badet als auch wenn man es trinkt von erfolgreicher Wirkung, besonders bei veralteten gichtischen und rheumatischen Beschwerden, Kontrakturen, Lähmungen, Schwindung der Glieder, verschiedenen chronischen Hautkrankheiten, Stockungen und allerlei Unordnungen der monatlichen Reinigung etc. Das Wasser hat 9,5°–10° R.

Wegen der einfachen Einrichtung der Anstalt ist der Gebrauch derselben mehr auf unbemittelte Leidende und auf Personen aus der Umgegend, namentlich aus dem Bauernstande beschränkt (s. u.).

Vicinalstraßen führen von hier nach Groß-Aspach und Allmersbach. Über den Jettenbach, Forstbach und Mühlbach sind 5 steinerne und 7 hölzerne Brücken und Stege angelegt, welche die Gemeinde zu unterhalten hat.

Von den im allgemeinen einfachen, fleißigen und sparsamen Einwohnern sind gegenwärtig 5 über 80 Jahre alt; ihre Haupterwerbsquellen bestehen in Viehzucht, Feld-, Wein- und Obstbau. Unter den Handwerkern sind am stärksten vertreten, die Dreher, die auch nach außen arbeiten, die Schuster und die Weber; auch werden ziemlich viel Besen gebunden und nach Ludwigsburg und Umgegend abgesetzt. Südlich am Ort liegt eine Mühle mit 2 Mahlgängen, einem Gerb- und einem Hirsengang. Zwei Schildwirthschaften und zwei Kramläden bestehen.

Die Vermögensverhältnisse sind größtentheils sehr mäßig, so daß sich die Mehrzahl der Einwohner ihr Auskommen durch Handarbeit sichern muß. Der reichste Bürger besitzt 30 Morgen, worunter 8–10 Morgen Wald, der Mittelmann 12 Morgen, worunter 2–4 Morgen Wald, die ärmere Klasse etwa einen Morgen Feld. Privatwaldungen sind im Ganzen 433 Morgen vorhanden.

Die mittelgrosse Markung, von der übrigens der größere Theil mit Wald bestockt ist, hat, soweit sie für den Feldbau benützt wird, eine ziemlich ebene Lage und einen mittelfruchtbaren Boden, der theils | aus sandigem Lehm, theils aus schwerem Thon besteht und an einzelnen Stellen ziemlich viel Steine enthält. Die Wiesen haben zum Theil einen nicht durchlassenden nassen Grund und erzeugen in Folge dessen etwas saures Futter. Das Klima ist ziemlich mild, es gedeihen noch außer Wein und Obst auch Gurken und Bohnen; Frühlingsfröste und kalte Nebel, wie auch Hagelschlag kommen zuweilen vor.

Der Zustand der Landwirthschaft ist in Vergleichung mit den guten Orten ein mittelmäßiger und einer Verbesserung steht der Mangel an Streu entgegen.

Der Brabanter Pflug ist allgemein; eiserne Eggen, Walzen und Repssämaschinen haben Eingang gefunden. Zum Anbau kommen Roggen, Dinkel, Haber und Gerste, Reps, Hanf, Flachs und Mohn, Kartoffeln, Angersen und Futterkräuter (dreibl.Klee und Luzerne). Ungefähr 100 Sch. Dinkel und 100 Sch. Haber gehen in fruchtbaren Jahrgängen nach Backnang zum Verkauf; dagegen wird von den Ärmeren Mehl und Brot von außen bezogen.

Der Wiesenbau ist ausgedehnt und liefert theils gutes, theils mittelmäßiges Futter. Die Wiesen sind zwei- und dreimähdig.

Wein wird nicht viel gebaut; auf dem Morgen stehen 3200 Stöcke, die größtentheils den Winter über bezogen werden; man pflegt Silvaner, Elblinge, in den höheren Lagen auch Drollinger und Affenthaler; der Wein ist gut, den Weinen der umliegenden Orte gegenüber stärker und sehr haltbar. Die Preise eines Eimers bewegten sich in den Jahren von 1856–1866 von 28–80 fl., im Jahre 1865 von 66–80 fl. Der Wein wird hauptsächlich nach Backnang und Sulzbach abgesetzt.

Die Obstzucht ist im Zunehmen; das Obst geräth gerne, wenn es nicht durch Frühlingsfröste leidet. Man pflegt hauptsächlich Luiken, Goldparmäne, Fleiner, ferner Pomeranzenbirnen, Wolfs-, Brat-, Palmisch- und Knausbirnen; dann Zwetschgen, Kirschen, Pflaumen und Pfirsiche. Von dem Obstertrag kann in günstigen Jahren ziemlich viel nach außen verkauft werden.

Die Stoppel- und Winterweide wird zur Schafweide benutzt; die jährliche Pachtsumme trägt 186 fl., die Pferchnutzung 100 fl. der Gemeindekasse ein. Die vorhandenen Allmanden sind zur Weide geschlagen. Einige Gemeinde-Güterstücke werden um 19 fl. jährlich an die Ortsbürger verpachtet.

Im gutem Zustande befindet sich die Rindviehzucht, welche sich mit einer Kreuzung von Simmenthaler- und Landrace, sowie von Limpurger- und Landrace beschäftigt und zu deren Unterhaltung 2 Zuchtstiere aufgestellt sind. Viehhandel auf den benachbarten Märkten wird ziemlich getrieben; Viehmastung ist selten.

Die Schafzucht treibt ein Bestandschäfer aus Backnang, der von der Ernte bis Frühjahr 150 Stück Bastarde auf der Markung | laufen läßt und im Ort überwintert. Die Wolle geht theils an die Tuchmacher in Backnang, theils auf den Kirchheimer Markt, der Abstoß der Schafe nach Heilbronn.

Stiftungen sind keine vorhanden; die Stiftungspflege leidet an einem Deficit und muß stets von der Gemeinde unterstützt werden.

Die Gemeindeschadensumlage beträgt jährlich 1800 fl.

Etwa 1/4 Stunde vom Ort soll in dem Wald „Mönchsgarten“ ein Bruderhaus gestanden sein.

Zu der Gemeinde gehört:

Schönenbühl, ein vereinzeltes Haus, das 1/8 Stunde östlich vom Mutterort ziemlich hoch am Saume des Waldes „Erlenhau“ steht.

Der Ort, zuweilen auch Rietheim, Rietenheim genannt, tritt schon zu Anfang des 12. Jahrhunderts in der Geschichte auf, indem Diemar von Röttingen (im Taubergrund) im J. 1103 ad Rietenowa 20 hubas et multum de silva ans Kloster Hirschau schenkte. Dieses Kloster jedoch verkaufte mit Genehmigung des Bischofs von Speier im J. 1262 die villa Rietinowe mit dem Patronate und allen Rechten und Zugehörden an das Kloster Steinheim, worüber das Kloster Hirschau, der Probst und Dekan der größeren Kirche, der Probst von St. Guido, sowie der Bischof von Speier den 6. Okt. 1262, im Okt. 1263 und im März 1264 Urkunden ausstellten. Allein die Gemeinde widersetzte sich dem Verkaufe, wurde deßhalb vor das bischöfliche Gericht zu Speier geladen, von demselben wegen ungehorsamen Ausbleibens bei den Verhandlungen verurtheilt und mit dem Banne belegt; zugleich wurde den 15. Okt. 1265 durch den Probst Otto zu St. Guido der Kämmerer zu Murr beauftragt, das Kloster Steinheim in den Besitz des Ortes zu setzen, worauf den 29. Sept. 1270 ein neuer Kaufbrief vom Kloster Hirschau ausgestellt wurde (St.-A.).

In der Folge erwarb das Kloster Steinheim durch Kauf und Vermächtniß uoch einzelne Güter und Rechte zu Rietenau, so 1304 und 1311 von den Gebrüdern Konrad und Gottfried von Roth, 1308, 1311, 1318 von Ritter Berthold von Schaubeck, 1314 von Ritter Göz von Böckingen und seinem Sohne Rainbot, 1329 von Hans Kirchherrn zu Böckingen und seinem Bruder Konrad u. s. w.

Den 6. Mai 1350 verglichen sich das Kloster und die Gemeinde über folgende Punkte: die letztere wählt den Schultheißen, desgl. den Holzwarth, und schlägt dem Kloster, wenn ihm derselbe nicht gefällt, 3 Personen zu beliebiger Auswahl vor, Frevel und Einungen werden unter das Kloster und die Gemeinde gleich vertheilt, jeder Hubner darf wöchentlich 2, jeder Söldner 1 Fuhr Holz zum Verkauf führen, jeder erhält das zum Bauen nothwendige Holz und darf liegendes Holz auflesen; wenn die Unterhaltung des Klosterbeamten der Gemeinde zu schwer wird, so soll das Kloster sie unterstützen. Den 10. März | 1500 verglichen sich der Schultheiß und 11 andere Hubner des Orts mit dem Kloster dahin, daß sie in Zukunft statt des bisher an das Kloster geschuldeten Erbfalles von 1/3 fahrender Habe und Guts demselben eine jährliche Gült von 5 fl. und bei Verkauf der Huben der Verkäufer 5 Schill. Handlohn, der Käufer desgl. Weglösin entrichten sollten.

Die schon in dem Speirer Diöcesanregister aus der 2. Hälfte des 15.Jahrhunderts (s. oben VII, 1) aufgeführte Pastorei Rietenau wurde durch das Kloster Steinheim besetzt; den 13. Dez. 1365 erscheint ein Bertholdus dictus Hylpold de Rüdlingen als vom Kloster präsentirt, den 30. November 1445 Konrad Wilin von Wimpfen im Thal als Kirchherr. Die Pfarrei hatte früher das Löbelslehen allhier zu verleihen, allein den 13. März 1445 zog das Kloster Steinheim dieses Lehen an sich und versprach dem Pfarrer dafür 17 Schill. jährl. zu entrichten, welche Summe den 7. Mai 1465 auf 30 Schill. erhöht wurde. Den 15. Dez. 1456 wurden die Bewohner der Höfe Röhrach, Wüstenbach und Fürstenberg (jetzt Fürstenhof), welche bisher der Pfarrei Steinheim einverleibt gewesen waren, durch den Generalvicar zu Speier auf ihre und des Klosters Steinheim Bitte der ihnen näher gelegenen Pfarrei Rietenau zugetheilt (St.-A.); heutzutage sind dieselben wieder von dieser Pfarrei getrennt und den Pfarreien Klein-Aspach, Kirchberg an der Murr und Groß-Aspach zugetheilt.

In der Reformationsperiode kam den 19. Okt. 1559 dem Klostershofmeister zu Steinheim von der württ. Kanzlei der Befehl zu, alle Altäre in der hiesigen Kirche bis auf einen abzubrechen, das Sakramentshäuslein zu vermauern und zu verstreichen, und trotz des Widerspruchs der Priorin des Klosters Steinhelm erfolgte den 14. Februar 1560 der befohlene Abbruch; im Nov. des letztgenannten Jahres ordnete der Obervogt von Marbach die Überführung aller Heiligenbilder von dannen nach Marbach an, was drei Tage hernach vollzogen wurde; den 13. Juli 1564 mußten die Einwohner, nachdem sie sich lange gesträubt, Württemberg huldigen (Besold Virg. 170, 220 ff.). Der Erlös von verkauften Kirchenornaten des Klosters im Betrage von 55 fl. 1 kr. wurde im J. 1580 den Hausarmen und Bresthaften zu Rietenau und Steinheim vertheilt. Württemberg wurde in Folge der Reformation „einiger Landesfürst, Vogt und Grunds-Eigenthums-Fundator, Patronus, Kastvogt, Schutz- und Schirmherr“, bezog den großen, kleinen, Wein- und Heuzehenten , wovon jedoch der kleine und der Heuzehente dem Pfarrer zum Bezug überlassen wurde (Lagerb. von 1699). Durch den Landtagsabschied von 1618 wurde der Ort der Landschaft inkorporirt und in Folge eingetretener Streitigkeiten insbesondere in Ansehung der Besteuerung wurden seine Verhältnisse später durch die Vergleiche vom 28. März 1652 und 28. Febr. | 1680 genauer normirt. Er war „ein besonderer landschaftlicher Ort, welcher jährlich dahin eine paktirte Steuer zu geben hat und zu der völligen Jurisdiktion nach Marbach zugehörig“ (Landbuch von 1736/44). In Folge der Organisation im Beginn dieses Jahrhunderts kam der Ort an das Oberamt Backnang.

Im Jahre 1639 bestand die Gemeinde R. nur noch aus 6 Bürgern, die, weil sie keinen Pfarrer hatten, nach Backnang in die Kirche gingen, sich auch meistens daselbst aufhielten, und wenn sie zu Hause waren, durch benachbarte Pfarrer pastorirt wurden; erst gegen Ende des Krieges wurde wieder ein Pfarrer hierher verordnet.

Die Familie Miner von Rietenau, von welcher einige Mitglieder aus dem 16. Jahrhundert in und an der Kirche Grabsteine besitzen, (s. oben S. 292) hat sich in der Geschichte nicht bemerklich gemacht.

Das hiesige Bad [1] gehörte in älteren Zeiten dem Kloster Steinheim, wie dessen noch erhaltene Lehenbriefe schon seit dem 15. Jahrhunderte darthun; das Kloster hatte das Recht, seine Beichtväter und Kapläne, sowie 2 oder 3 sonstige Personen dahin zu senden, denen das Badgeld nachgelassen werden mußte. Unter Herzog Ludwig von Württemberg wurde das Bad im J. 1581 an den damaligen reichenbergischen Forstmeister Konrad Miner von Rietenau verkauft. Gemäß einem Vergleiche vom 21. Jan. 1618 hatte das Bad aus des Klosters Wäldern zu Rietenau jährlich 50 Klafter Holz zu beziehen und hatten dagegen die Badinhaber statt früherer 20 fl. Bodenzinses nur noch 12 fl. zu entrichten. Allein jener Holzgenuß wurde im Jahre 1785 von dem damaligen Badbesitzer Jakob Schad dem Kirchenrath für die Kaufsumme von 2000 fl. zum großen Schaden der Anstalt überlassen.

Auf Rietenauer Markung, 1/2 Stunde nördlich von Rietenau und 1/4 Stunde südwestlich vom Warthof (O. A. Marbach) lag früher der Katzenbachhof, an welchen noch jetzt eine Flurbezeichnung erinnert. Er wurde den 7. April 1455 von Graf Ulrich von Württemberg mit der Feste Reichenberg als Lehen an Erenfried von Schöchingen verkauft, blieb aber nicht lange im Besitz dieser Familie | und kommt in der Folge namentlich vor in Verbindung mit dem Warthof, mit welchem er z. B. den 26. Febr. 1509 von Eitel Hans Nothaft an den Herzog Ulrich von Württemberg verkauft wurde.



  1. Litteratur: Joh. Chr. Eisenmenger, Beschreibung des Badbrunnenwassers zu Riethenau im Herz. Wirtemberg, Stuttg. 1654, Neue Aufl. 1669, 12. Eine weitere Auflage mit Zusätzen [von Dr. Simonius] erschien unter dem Titel: Kurze Beschreibung des zu Riethenau befindlichen Badbrunnenwassers. Stuttg. 1769. 8. – Dangelmaier, über die Gesundbrunnen und Heilbäder Württembergs Th. 4. Gmünd 1823, S. 109 ff. – C. [von] Dillenius, Neueste Nachrichten über die Mineralwasser zu Rietenau bei Backnang. Ludwigsb. 1829. 8. – Chemische Untersuchung der Rietenauer Heilquelle von G. Zwink aus Backnang, im Correspondenzbl. des Apothekervereins in Württ. 4. Jahrg. 1836. S. 101–125. – Das Bad R. mitgetheilt von Oberamtsarzt Dr. Weiß in Backnang, im Correspondenzbl. d. württ. ärztl. Vereins Bd. 7, 1837. S. 306-9. – Analyse des Riet. Mineralwassers von Esenwein, Vorsteher der Monnschen Apotheke in Backnang, im Correspondenzbl. des Apothekervereins 1841.


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