Beschreibung des Oberamts Sulz/Kapitel B 6

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Binsdorf,

Gemeinde II. Klasse mit 1110 Einw., wor. 17 Evang. a. Binsdorf, Stadt, 1093 Einw. b. Binsdorfer Mühle im Bubenhofer Thal, Haus, 10 Einw. c. Keinbachmühle, 2 Häuser, 4 Einw. d. Loretto-Kapelle, Kap. u. Haus, 3 Einw. e. Schafhaus, Haus. f. Steinfurthhof, Haus. – Kath. Pfarrei; die Evang. sind nach Rosenfeld eingepfarrt.

Das Städtchen Binsdorf liegt 3 Stunden südöstlich von der Oberamtsstadt unter dem 48° 18′ 23,47″ nördlicher Breite und 26° 25′ 25,82″ östlicher Länge (Kirchthurm). Auf einer Hochebene, die sich gegen 2000′ über die Meeresfläche erhebt und beinahe ringsum in einer Terrasse gegen die stark geneigten Thalabhänge abbricht, hat der Ort am östlichen Rande derselben eine freie, sehr angenehme Lage, welche eine ausgedehnte, freundliche Aussicht an die Alp und bis in die Gegend von Rottenburg, Wurmlingen, Herrenberg etc. gestattet.

Der Ort zerfällt in zwei Partien, in das ursprüngliche Städtchen und in die Vorstadt. Das Städtchen liegt auf einem Vorsprung zwischen 2 Thaleinschnitten, die sich nahe am Ort vereinigen, und war somit auf 3 Seiten natürlich fest; überdieß ist dasselbe mit Mauern und Graben umgeben gewesen, welche theilweise noch vorhanden sind. Das Städtchen hatte 3 Thore, das neue Thor, das alte Thor und das noch vorhandene, übrigens nur für Fußgänger errichtete Klosterthörle. Die beiden erstern sind im Laufe dieses Jahrhunderts abgebrochen worden.

Die Vorstadt besteht in einer aus beiden Seiten mit Gebäuden besetzten Straße, welche sich von dem Städtchen in südöstlicher Richtung hinzieht.

Im Allgemeinen ist der Ort freundlich und reinlich; die meisten| Gebäude sind massiv aus Steinen erbaut und nicht selten hübsch verblendet. Einige Häuser in der sogen. Hintergasse blieben bei dem großen Brande, welcher am 8. Sept. 1799 48 Gebäude in Asche legte und 70 Familien um das Ihrige brachte, verschont; sie tragen noch ein ächt mittelalterliches Gepräge und repräsentiren den ehemaligen Charakter des nun beinahe neu erbauten Orts.

Die Pfarrkirche zum heil. Markus steht am östlichen Ende des ursprünglichen Städtchens; sie wurde im Jahr 1835 an der Stelle der alten Kirche in einem modernen Rundbogenstyl aus grobkörnigem Keupersandstein in Basilikenform mit rundem Chorschluß neu erbaut. Der an der Nordseite stehende, viereckige Thurm mit Zeltdach stammt noch aus der spät germanischen Periode. Das sehr freundlich ausgestattete Innere der Kirche enthält ansprechende Deckemalereien, von denen das Mittelbild die Verklärung Christi und die Eckenbilder die vier Evangelisten darstellen. Die reich ausgestattete, im germanischen Geschmack aus Holz schön ausgeführte Kanzel enthält an der Brüstung die vier Kirchenväter, und an dem reich verzierten, pyramidalisch aufstrebenden Schalldeckel ist Christus mit den vier Evangelisten angebracht. Die Kanzel ist ein Werk des Holzschnitzers Joseph Lindle aus Deufstetten, der gegenwärtig auch einen prachtvollen Hochaltar für die Kirche fertigt. Der alte noch in der Kirche aufgestellte Altar ist im Rococostyl gehalten und enthält als Altarblatt ein Gemälde, die Kreuzigung des Herrn vorstellend. Auf dem Thurme hängen vier Glocken, von denen die größte als Umschrift die vier Evangelistennamen und 1507 gos mich Jos. Egen von Ritlingen trägt. Auf der zweiten steht in alten Majuskeln: O rex glorie veni cum pace und die vier Evangelistennamen; die beiden übrigen tragen weder Schrift noch Zeichen. Die Baulast der Kirche hat die Stiftungspflege.

Der mit einer Mauer umfriedigte Begräbnißplatz liegt außerhalb (westlich) des Orts; über seinem Eingang steht 1788.

Die sehr geräumige Wohnung des Ortsgeistlichen befindet sich, nachdem das frühere Pfarrhaus und das Kaplaneigebäude im Jahr 1799 abgebrannt, in dem vormaligen Dominicaner-Nonnenkloster am nordöstlichen Ende des Orts und hat eine hohe, angenehme Lage mit reizender Aussicht. Die Baulast hat die Stiftungspflege.

Das in der Mitte des Orts gelegene Schulhaus enthält zwei Lehrzimmer; die beiden Schulmeister und der Lehrgehilfe wohnen gegen Miethentschädigung in besondern Gebäuden.

| Das Rathhaus, im Jahr 1756 erbaut, befindet sich in gutem Zustande.

Ein Gemeindebackhaus, welches vor 16 Jahren massiv erbaut wurde, ist vorhanden; in demselben befinden sich auch die städtischen Arrest-Lokale.

Der Ort ist mit reinem Quellwasser, das 8 laufende, 7 Pump- und 2 Schöpfbrunnen liefern, hinreichend versehen; der sog. Hummelbrunnen versiegt gar nie, und die übrigen verarmen nur, jedoch äußerst selten, bei anhaltender regenloser Sommerhitze. Der Thalbach (Keinbach) hat in den Brunnen des Orts seinen Ursprung und fließt in nordöstlicher Richtung in die Stunz. Außerhalb des Orts kommen mehrere Quellen zum Vorschein, von denen der sog. Kernbrunnen die bedeutendste ist.

Die Einwohner sind im Allgemeinen schöngewachsene, kräftige Leute, die sich einer guten Gesundheit und nicht selten eines hohen Alters erfreuen; Leute von 70–80 Jahren sind viele vorhanden und der älteste Mann zählt gegenwärtig 85, die älteste Frau 91 Jahre. Zwei Bürger, die vor 11 Jahren starben, erreichten ein Alter von 91 und 93 Jahren; eine pens. Klosterfrau starb 91 Jahre alt. Bei einer mäßigen, einfachen Lebensweise trifft man Fleiß und Ordnungsliebe, dessen ungeachtet sind die Vermögensumstände in Folge des erlittenen Brandunglücks und anderer Mißgeschicke minder günstig; übrigens gibt es auch wohlbemittelte Bürger und eigentliche Bettler sind nicht vorhanden. Der begütertste Einwohner besitzt 36 Morgen Felder und 4 Morgen Wald, der sog. Mittelmann 15 Morgen und die Minderbemittelten 1/2–1 Morgen. Die Haupterwerbsquellen sind sehr gut und bestehen in Feldbau und Viehzucht; die Gewerbe beschränken sich, mit Ausnahme von 4 Schildwirthschaften, einem Kaufmann, 2 Krämern, 3 Mühlen (s. unten) und einer Ziegelhütte, auf die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens.

Was die natürlichen Verhältnisse betrifft, so ist der Boden im Allgemeinen fruchtbar und besteht auf der durchgängig für den Feldbau benützten Hochebene aus einem meist nicht tiefgründigen Lehm, dem Thone und Liaskalk zur Unterlage dienen. An den oberen Thalgehängen tritt ein schwerer Thon (Zersetzungen des Liasmergels und des oberen Keupermergels) auf, der häufig für Wiesenbau benützt wird. Der Boden an den unteren Thalgehängen, welcher vorzugsweise die Waldungen beherbergt, besteht meist aus Thon und Sand (Zersetzung des grobkörnigen Keupersandsteins).

Steinbrüche sind in Keuperwerkstein zwei angelegt, aus denen| die gewonnenen sehr ausgezeichneten Steine weithin versendet werden. Lehm wird an mehreren Stellen abgebaut. Ein Stubensandsteinbruch, aus dem das Material zum Kirchenbau gewonnen wurde, ist vorhanden.

Die Luft ist rein, trocken, ziemlich mild und der Gesundheit sehr zuträglich; die Ernte tritt etwa 8 Tage später ein als in Rottenburg, Horb etc.; feinere Gewächse, wie Blumenkohl, Gurken, Bohnen, Zuckererbsen etc. gedeihen in günstigen Jahrgängen. Hagelschlag ist seit 30 Jahren dreimal (1824, 1843, 1845) vorgekommen.

Die ziemlich große Markung ist mit Ausnahme der nicht unbeträchtlichen Gehänge gegen die Thäler der Stunz, des Keinbachs etc. eben und grenzt gegen Osten an den Oberamtsbezirk Balingen (Markung Erlaheim), gegen Norden und Nordwesten an die preußischen Fürstenthümer Hohenzollern und Südwesten an die Markungen Rosenfeld und Isingen.

Die Landwirthschaft wird gut betrieben und dem Boden durch kräftige Düngung, insbesondere mittelst der fleißig gesammelten Jauche nachgeholfen. Von verbesserten Ackergeräthen findet der Brabanter Pflug mehr und mehr Eingang. Die Dreifelderwirthschaft, mit beinahe ganz angeblümter Brache, ist das übliche Betriebssystem; man baut vorzugsweise Dinkel, Haber, Gerste und überdieß noch Kartoffeln, Runkelrüben, Luzerne, Esparsette, Wicken, Ackerbohnen, Erbsen, Reps und nur wenig Hanf; Flachs gedeiht nicht. Der Ertrag eines Morgens Acker belauft sich auf 7–10 Scheffel Dinkel, 4–7 Schfl. Haber und 5–8 Schfl. Gerste; die Preise eines Morgens bewegen sich von 200–1000 fl. Der Ertrag an Feldfrüchten befriedigt nicht nur das örtliche Bedürfniß, sondern erlaubt auch einen erheblichen Absatz nach Außen, der sich im Durchschnitt auf 800 Schfl. Dinkel, 300 Schfl. Haber und 200 Schfl. Gerste belauft.

Die Wiesen, welche theils eben, theils an den Abhängen liegen, sind meist gut und liefern durchschnittlich 20–25 Ctr. Heu und 12 Ctr. Öhmd per Morgen; sie können nicht bewässert werden und gestatten meist zwei Schnitte. Die Preise sind 300–1200 fl. per Morgen. Das Futter wird im Ort verbraucht.

Die Obstzucht ist ausgedehnt und wird eifrig betrieben, so daß in dieser Beziehung Binsdorf vor den Nachbarorten, wie vor den meisten Orten des Bezirks sich auszeichnet; von Steinobst werden meist Zwetschgen, von Kernobst vorzugsweise zum Mosten taugliche Äpfel- und Birnsorten gepflegt. Der Obstertrag wird meist im Ort selbst verbraucht und nur in reichen Jahrgängen ein Theil desselben| nach Außen verkauft. Baumschulen sind zwei vorhanden. Früher wurde auch Weinbau getrieben und noch wird ein südlich gelegener Bergabhang „Rebenweinberg“ genannt.

Die Rindviehzucht beschränkt sich auf eine gewöhnliche Landrace und wird durch vier gute Farren, welche die Gemeinde hält, zu verbessern gesucht. Der Handel mit Vieh auf benachbarten Märkten ist nicht unbeträchtlich.

Von geringer Bedeutung ist die Schafzucht; fremde Schäfer lassen auf der ausgedehnten Weide etwa 300 Stücke Landschafe und Bastarde laufen und zahlen hiefür einen jährlichen Weidepacht von etwa 1100 fl.; die Pferchnutzung trägt überdieß jährlich 400 fl. der Gemeindekasse ein. Die Zucht der Ziegen und des Geflügels ist unbedeutend, dagegen nimmt die Bienenzucht namhaft zu.

Durch Vicinalstraßen nach Sulz, Rosenfeld, Balingen und Dautmergen ist der Ort mit der württemb. Umgegend hinlänglich in Verkehr gesetzt, während ein guter Verbindungsweg mit dem angrenzenden Hohenzollern noch fehlt.

Die Gemeinde ist im Besitz von 1200 Morgen meist mit Nadelholz bestockter Waldungen, die einen jährlichen Ertrag von 500 Klaftern liefern; von diesen erhält jeder Ortsbürger 11/2 Klafter und der Rest wird verkauft, was der Gemeinde eine jährliche Einnahme von etwa 1500 fl. sichert. Überdieß besitzt die Gemeinde etwa 500 Morgen Allmanden, welche theils als Weide verliehen, theils den Bürgern zur Nutznießung unentgeldlich überlassen werden.

Die Stiftungspflege (Kirchenstiftung) besitzt gegenwärtig ein Kapitalvermögen von 16.000 fl. und 220 Morgen Nadelwaldungen; Hülfe bedürftige Einwohner werden von der Stiftungspflege, wie auch von der Gemeinde bedeutend unterstützt. Die alljährliche Gemeindeschadensumlage beträgt gegenwärtig 300 fl.

Zwischen Binsdorf und Erlaheim, auf den sog. Saibswiesen, wurde im Jahr 1808 ein römisches Hypocaustum aufgefunden; auch zieht in der Nähe der östlichen Markungsgrenze eine von Dautmergen herkommende Römerstraße unter dem Namen „Heerstraße, Heerweg“ vorüber; ein weiterer Heerweg führt über die sog. Hardt in der Richtung gegen die ehemalige Burg der Herren v. Bubenhofen und setzt über die Rosenfelder Markung fort. Etwa 1/2 Stunde südwestlich von dem Ort stand in dem sog. Bubenhofer Thal das Stammschloß der Herren von Bubenhofen, Bubenhofer Burgstall genannt, von dem noch der künstlich aufgeworfene, mit Graben umgebene Hügel sichtbar ist.

| Die Familie von Bubenhofen war ein durch Reichthum und Ansehen ausgezeichnetes Geschlecht, welches sich früher viel am württembergischen Hofe aufhielt, nach der Reformation aber sich von da zurückzog und seitdem namentlich in Österreich und in etlichen geistlichen Staaten ansehnliche Civil- und Militärämter bekleidete. Als Wappen führt es zwei fünfmal gebrochene rothe Querbalken in silbernem Felde.

Das älteste bekannte Glied, wofern es ganz sicher dieser Familie angehört, ist Volchardus de Buwinhouin um 1190 in einer Urkunde des Kl. Salem (Mone Zeitschrift 1, 341). Im 13. Jahrhundert treten ein Paar Konrade auf (ein sofort sich öfters wiederholender Name), Werner und Georg Brüder 1251, Burkard, Marquard, Konrad 1351. Ritter Heinrich war Hauptmann im Schleglerbunde 1395. 1396, Wolf, württembergischer Rath 1458. 1460, Hans, württembergischer Landhofmeister 1468 ff. † vor 1489. Wolf, Hansens Sohn, erscheint als Hauptmann im St. Georgenschilde 1496, Joh. Caspar als Landvogt der Grafschaft Mömpelgard 1509 ff., Wilhelm von Bubenhofen als Deutschordenscomthur 1595 zu Kapfenburg, 1616 zu Nürnberg. Den 28. März 1722 erhob K. Karl VI. den churmainzischen Geh. Rath Wilhelm Christoph und dessen Bruder Johann Franz und deren Bruderssöhne Johann Gottfried, Franz Philipp, Johann Joseph Wilhelm und Friedrich Ernst in den Reichsfreiherrnstand. Der Stammsitz kam frühe in fremde Hände. Im Jahr 1345 veräußerte Burkhard von Bubenhofen all sein Gut zu B. an Hermann von Ow für 25 Pf. Pfenning weniger 10 Schilling, und im J. 1393 verkaufte der Priester Walther von Bubenhofen, Kirchherr zu Binsdorf, dem Schultheißen, den Richtern und Burgern der Stadt Binsdorf seinen Theil und sein Recht an Bubenhofen der Vestin, nämlich den halben Theil derselben mit dem Graben, Baumgarten etc. auf sein Ableben für 320 Pf. Heller (Crusius Paralip. 102).

Der Mannsstamm dieses Geschlechts erlosch den 2. April 1814 mit dem, 76jährig zu Bamberg gestorbenen k. bair. Generalmajor und Inhaber eines Chevauxlegersregiments Joh. Nepomuk Wilhelm Clemens Joseph Freih. von Bubenhofen, Herrn auf Winzingen und Kleinsüssen, dessen einziger Sohn den 21. Juli 1796 im Treffen bei Eßlingen gegen die Franzosen geblieben war.[1]

Beträchtlich waren die Besitzungen, welche die Familie zeitweilig inne hatte, und von denen ihr bis zu ihrem Aussterben die Rittergüter| Winzingen und Kleinsüßen verblieben. Zu nennen sind sonst unter mehrerem anderen: Gamertingen, Hettingen und zugehörige Dörfer nur von 1468–1524, Leinstetten (s. d.), Owingen (hechingisch) im 15. Jahrh., Geißlingen bei Balingen, Höfe zu Weildorf und Engstlatt 1434, Binsdorf (s. d.), Justingen von 1497–1530, Hohen-Entringen 1485.

Zu der Gemeinde gehören:

b. Die Binsdorfer Mühle mit 2 Mahlgängen und einem Gerbgang, 1/4 Stunde westlich von dem Mutterort im Bubenhofer Thal an der Stunz gelegen.

c. Die Keinbach-Mühle, mit 2 Mahlgängen und einem Gerbgang, liegt 1/2 Stunde nordwestlich von Binsdorf an dem Keinbach.

d. Die Loretto-Kapelle mit dem Meßnerhaus liegt frei auf einer Anhöhe etwa 1/4 Stunde nördlich von Binsdorf und wird theils aus religiösem Antrieb, theils wegen der äußerst schönen und ausgebreiteten Rundsicht, die man von hier aus genießt, sehr häufig besucht. Die Kapelle ist im Jahr 1601 in einem einfachen Styl erbaut und enthält keine eigentlichen Merkwürdigkeiten. Der hier wohnende Meßner hat jeden Morgen, Mittag und Abend die Glocke zu läuten und Bittgänge gehen in der Bittwoche zur Kapelle, auch werden auf Verlangen von dem Stadtpfarrer in Binsdorf Messen daselbst gelesen. Über die Erbauung der St. Loretto-Kapelle geht folgende Sage: Ein Feldschütze aus Gruol (Kaspar Senger) denuncirte, ein Bürger habe eine Zehntgarbe gestohlen, worauf der angebliche Dieb in Haigerloch eingesetzt wurde und daselbst im Gefängniß starb. Der Denunciant beichtete später, daß er diesen Mann aus Rache verleumdet habe, worauf ihm der Geistliche erklärte, daß er ihn nicht absolviren könne und schickte ihn zum Papst, der ihm aufgab, er müsse eine Kapelle bauen und die Mittel hiezu betteln. Hierauf in die Heimath zurückgekehrt, nahmen ihn seine Mitbürger nicht auf und vertrieben ihn, worauf er nach Binsdorf kam und seine Aufgabe ausführen durfte. Auf diese Weise entstand im Jahr 1601 die Kapelle auf dem sog. Kesselberg; der Stifter blieb als Einsiedler bei der Kapelle und starb daselbst. Sein Bild ist in der Kapelle aufgehängt.

e. Das Schafhaus, 1/4 Stunde westlich vom Mutterort im Bubenhofer Thal gelegen, ist nebst 27 Morgen Wiesen Eigenthum der Gemeinde.

| f. Der Steinefurthhof liegt auf der Hochebene, 3/4 Stunden vom Mutterort.

Binsdorf kommt erstmals vor am 1. Septbr. 843 unter den Orten, in welchen das Kloster Reichenau Einkünfte an Naturalien hatte, von denen der dortige Abt Walfred zu Bestreitung des klösterlichen Haushalts die genannten bestimmte (de Pinestorf 10 modios leguminum, 100 caseos, 1 ovem, 4 haspas de filis, 5 de canafo, 1 cadum de melle. Wirt. Urk.-Buch 1, 124). Dieser Reichenau’sche Besitz schlug allhier starke Wurzel und noch in weit späterer Zeit erscheint Binsdorf (d. i. wohl ein hiesiges Hauptgut), wie es in Händen der Grafen von Hohenberg war, als Lehen von dem erwähnten Kloster (Schmid, Gr. v. Hohenberg XXII). Noch 1386 belehnte Abt Werner zu Reichenau den Heinrich von Binsdorf und seinen Sohn Märklin mit hiesigen Leuten und Gütern (Crusius Paralip. 102).

Wappen der Stadt Binsdorf.

Binsdorf gehörte den Grafen von Zollern und deren Nebenlinie, den Grafen von Hohenberg; an den Besitz der ersteren mahnt das hiesige Kirchenpatronat (s. u.), welches sie noch lange besaßen, desgleichen das Stadtwappen, welches an Urkunden aus den Jahren 1378, 1381 der gräflich Zollern’sche Schild ist (Schmid a. a. O. 427) und erst später dem gräflich Hohenberg’schen Schilde, dem gegenwärtigen Stadtwappen, wich.

Bereits im Jahr 1315 waren übrigens die Grafen von Hohenberg in hiesigen Besitz eingetreten; es ist Graf Rudolph von dieser Familie, welchem zu lieb K. Friedrich der Schöne am 29. Novbr. d. J. der Stadt das Recht von Oberndorf verlieh. Mit der Grafschaft Hohenberg kam Binsdorf am 26. Okt. 1381 durch Kauf an das Haus Östreich (Schmid, Mon. Hohenb. 659), welches sonach um diese Zeit Inhaber der Landeshoheit, des Blutbanns, des Geleits und der Forstherrlichkeit wurde. Die hiesigen Einkünfte genannter Grafen beliefen sich auf 300 Pf. Heller (wenigstens 1393. Schmid a. a. O. 769. 770).

Vor diesem Übergang an Östreich und die lange Dauer östreichischen Besitzes über hatte Binsdorf das Schicksal, öfters verpfändet zu werden. Pfandherren waren 1344 Hermann von Ow (Crusius Paral. 102), 1386–1393 die von Bubenhofen (Crusius a. a. O., Schmid a. a. O. 769), 1404 Graf Rudolph von Hohenberg (Schmid 822). Eine langwierige, auf die allgemeine Geschichte Schwabens einwirkende Verpfändung war die an die Schwäbischen Reichsstädte, welche das erzherzogliche Haus Östreich 1410 mit der| untern Grafschaft Hohenberg und einem Theil der obern, darunter mit Binsdorf vornahm[2]; nur auf Gewaltsmaßregeln hin konnte im August 1454 Herzog Albrecht von Östreich die Wiederlösung durchsetzen (Stälin, Wirt. Gesch. 3, 483. 489).

Um die Rücklösungszeit versicherte Herzog Albrecht gerade auf diesen verpfändeten Bezirk und namentlich auch auf Binsdorf mit Heimsteuer, Morgengabe und Widerlage seine Gemahlin Mechthild, welche ihn als Wittwe Graf Ludwigs von Württemberg im Jahr 1452 ehelichte und nach seinem Tod († 1463) in Rottenburg ihren Wittwensitz aufschlug (Stälin, Wirt. Gesch. 3, 493. 494). Zu ihrer Zeit, am 1. Sept. 1471, bestätigte Herzog Sigmund der Stadt Binsdorf ihre Freiheiten und Privilegien (Lichnowsky, Habsburg 7, Nr. 1575).

In der letzten östreichischen Zeit hatte Binsdorf einen eigenen Justizbeamten, die landesfürstlichen Gefälle wurden aber noch von den Stadtschultheißen zu Schömberg eingezogen und verrechnet. Früher versah der kk. Stadtschultheiß zu Schömberg auch das hiesige Amt. Im Jahr 1789 wurde außerhalb der Stadt ein Freihof errichtet.

„Zu Binsdorf bestand eine Sammlung von 12 Schwestern ohne Klosterkleid und Regel, eine Clause, welche 1280 erbaut worden sein soll“ (Gärth). An dieselbe stiftete Margarethe von Nassau, Wittwe des Grafen Rudolph II. von Hohenberg, im Jahr 1361 20 Pf. Heller zu einem Ewiggeld behufs der Feier ihrer Jahrzeit (Schmid, Mon. Hohenb. 502). Späterhin nahmen diese Schwestern auf Anrathen der Grafen von Hohenberg die Regel des h. Dominicus an und wurden von denselben mit ausreichenden Einkünften versehen (Marian Fidler, Austria sacra 1, 315–317). Aufgehoben wurde das Kloster nach dem Übergang der Stadt an Württemberg.

Kirchenpatrone waren in frühester Zeit die Grafen von Zollern. Zeitweilig, 1372 und darauf, bestund allhier eine Collegiat-Kirche, welche Bischof Heinrich von Constanz und Graf Friedrich von Zollern am 24. Mai d. J. aufrichteten und bestätigten, wobei letzterer sein Kirchen-Patronat abgab (v. Stillfried, Mon. Zoll. 1, 219). Die Kastvogtei der Pfarrei Binsdorf gehörte zur Herrschaft Hohenberg (vgl. Lichnowsky, Habsb. 7, Nr. 1715), mit der sie an Württemberg gelangte.

Durch den Presburger Frieden von 1805 kam die Stadt an letztere Herrschaft.


  1. Von diesem Geschlecht handelt Crusius Paral. 101–108; die neuere Genealogie bei v. Schilling Geschlechtsbeschr. derer v. Schilling 148.
  2. Schmid a. a. O. 838; vgl. auch Lichnowsky, Habsburg 5 nr. 1998 wegen einer am 25. Jan. 1441 erfolgten Zwischenverpfändung seitens des Erzherzogs Ernst und des Herzogs Friedrich an Graf Rudolph von Sulz.
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