Das Festungsviereck an Mincio und Etsch

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Autor: unbekannt
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Titel: Das Festungsviereck an Mincio und Etsch
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 395–399
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Festungsbauten Peschiera, Mantua, Verona, Legnano
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Das Festungsviereck an Mincio und Etsch.


Abermals bereitet sich der Kampf vor, in dem sich Italien endlich frei machen möchte bis zur Adria, und mit ihm tritt uns von Neuem ein Schlagwort entgegen, welches bereits in den Kriegen von 1848 und 1859 eine wichtige Rolle gespielt hat. Jenes gewaltige Fortificationssystem, das sogenannte Festungsviereck, das Venetien wie mit einem unübersteiglichen Walle umgiebt, war es, vor dem die verbündeten Italiener und Franzosen in ihrem Siegeszuge Halt machten. Wohl allen unsern Lesern ist dieser Name selbst geläufig, gewiß aber so manchem nicht recht klar, worin eigentlich der Schwerpunkt desselben liegt. Wir wollen darum in dem nachstehenden Aufsatz eine eingehendere Schilderung und Würdigung dieses Festungsvierecks versuchen, müssen aber zum Voraus bemerken, daß die spröde Natur des Gegenstandes nicht die farbige Behandlung zuläßt, welche sonst die Mittheilungen der Gartenlaube zu charakterisiren pflegt.

Zu den wichtigsten Flußlinien in ganz Oberitalien gehören die des Mincio und der Etsch. In ihnen liegt hauptsächlich die Stärke der Oesterreicher für die Vertheidigung gegen eine von Westen kommende feindliche Armee. Der Mincio ist der Abfluß des Gardasees und hat bis zu seiner Mündung in den Po eine Länge von etwa sieben und einer halben Meile. Die Etsch betritt, aus den tiroler Bergen kommend, das venetianische Gebiet bei Ossegno, durchströmt es in einer Länge von ungefähr sechsundzwanzig Meilen und ist, zwischen sechshundert und eintausend zweihundert Fuß breit und sechszehn bis fünfundzwanzig Fuß tief, auf dieser ganzen Strecke schiffbar. Da die Etsch, die außerdem einen sehr starken Fall hat, nur wenige Meilen östlich vom Mincio fließt, so unterstützen sich beide Linien gegenseitig. Vor Allem aber entsteht durch die Festungen Peschiera und Mantua am Mincio und Verona und Legnago an der Etsch ein schiefes Viereck, welches schon 1848 ungemein gute Dienste leistete, sodaß Willisen es für eine der stärksten Positionen erklärte, die er kenne, welches aber seitdem noch wesentlich vervollkommnet worden ist und jetzt, in der rechten Flanke durch Tirol, in der linken durch den Po gedeckt, als eine wahrhaft vortreffliche Stellung für eine active Defensive bezeichnet werden muß.

1848 hatte die Mincio-Linie noch gewisse Nachtheile, indem der Fluß zu wenig breit und tief ist, um als besonderes taktisches Hinderniß gelten zu können, auch dessen Ufer bald auf der rechten, bald auf der linken Seite höher sind, was namentlich am obern Laufe desselben die Vertheidigung erschwerte, während weiter stromabwärts, bei Mantua, Befestigungen am Curtatone fehlten, die eine Seitenstellung gewähren, und Peschiera’s Werke ebenfalls zu wünschen übrig ließen. Gegenwärtig ist alledem abgeholfen, und auch Verona hatte schon 1859 eine Anzahl neuer Forts und Schanzen erhalten, so daß die ganze Festungsgruppe nunmehr vollkommen alle Zwecke erfüllt, die man bei einem System von Befestigungen zu verfolgen pflegt. Sie schützt das hinter ihr gelegene Land, giebt der sie besetzt haltenden Armee den Charakter der Unangreifbarkeit und gestattet derselben, jeden Augenblick zum Angriff überzugehen.

Peschiera, die nordwestliche Spitze des Vierecks und am Austritt des Mincio aus dem Gardasee gelegen, wird von Höhen beherrscht, woher man ihm den Namen des „Spucknapfs“ gegeben hat. Die Stadt ist klein, hat nur zweitausend Einwohner, die meist von Fischerei leben, und ist mit Verona durch eine Eisenbahn verbunden. Die Höhen um dieselbe waren bereits 1848 stark befestigt, indem sich auf dem rechten Flußufer die Werke des Monteferro, auf dem linken das Fort Mandella erhoben. Beide geriethen damals nur durch Hunger in die Gewalt der Piemontesen, die sie unter dem General Manno vom 10. April bis zum 31. Mai belagerten und dann bis zum 14. August besetzt hielten. Während dieser Zeit wurde die Stadt mit neuen Werken versehen, die, als Peschiera wieder in die Gewalt der Oesterreicher gerathen war, in großartigem Maßstabe erweitert und ergänzt wurden, so daß der Platz jetzt eine Festung von bedeutender Widerstandskraft ist. Auf den die Stadt beherrschenden Höhen zieht sich zunächst ein doppelter innerer Kreis von Wällen und Bastionen, von zahlreichen Außenwerken umgeben, um den Kern des Ganzen bis an das in den See vorspringende Vorgebirge im Südwesten. Ein dritter Ring vorgeschobener Werke vergrößert den Rayon der Festung um das Dreifache und macht sie fähig, ein Heer von mindestens dreißigtausend Mann aufzunehmen und so nicht blos bei der Vertheidigung, sondern auch bei Offensivoperationen eine wichtige Rolle zu spielen.

Am obern Mincio ist das Terrain von Volta bis Lonato, denen außer Peschiera noch Valeggio und Salionze zu Stützpunkten dienen, der Defensive besonders günstig, und es folgt hier Stellung auf Stellung für einen Feldherrn, der mit der Vertheidigung beginnen und mit dem Angriff schließen will. Was früher fehlte, ist geschaffen worden, und die betreffenden Verschanzungen ziehen sich weit genug stromabwärts, um den oben angeführten, ehedem berechtigten Bedenken in Bezug auf diesen Theil des Festungsvierecks ihre Geltung zu nehmen.

Mantua, der südliche Endpunkt der Minciolinie und vier und eine halbe Meile von Peschiera entfernt, ist eine Stadt von [396] nahe an dreißigtausend Einwohnern und eine der wenigen Festungen, welche schon Napoleon dem Ersten Achtung einflößten. Es liegt auf einer flachen Insel des Mincio, der hier mehrere Arme und sehr morastige Ufer hat und einen ziemlich großen Landsee bildet,

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Peschiera.

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Mantua.

von welchem die Stadt auf der Nord- und Ostseite umgeben ist, während im Westen und Süden der Fluß und eine breite Sumpfstrecke sich hinziehen. Die Werke der eigentlichen Stadt, welche eine viel größere Fläche einnimmt, als man nach ihrer Bevölkerung schließen sollte, sind von keiner besondern Bedeutung und bestehen nur in einer alten, bastionirten Mauer. Desto gewaltiger sind die Forts, welche sie außerhalb dieses Kerns der Festung vertheidigen. In den westlichen Sümpfen liegt das vorgeschobene Hornwerk Pradella, an der Südseite trifft man auf die stark befestigte Insel Cerese oder Il Te und das Außenwerk Miglioretto, welches mit einigen andern von Mantovanna über La Favorita bis Castiglione und La Motella hinaus sich erstreckenden detachirten Werken ein verschanztes [397] Lager deckt, sowie auf ein großes Schleußensystem zur Ueberschwemmung des Terrains, dem das Fort Pietole zum Schutz dient. Die Nordseite gegen Verona hin, mit welchem Mantua durch eine

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Verona.

Abzweigung der lombardisch-venetianischen Ferdinandsbahn verbunden ist, heißt Borgo di Fortezza. Zu ihr führt ein eintausend dreihundert und achtzig Fuß langer, starker Damm, Ponte dei Molini, über den See, und sie wird durch die große Citadelle di Porto vertheidigt, während die Ostseite, Borgo di San Giorgio genannt und mit dem Haupttheile der Stadt durch eine zweitausend

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Legnago.

siebenhundert Fuß lange, durch sechs Bastionen und zwei Strandbatterien vertheidigte Steinbrücke verbunden, durch das Fort San Giorgio gedeckt ist.

Die Ueberschwemmungen, mit denen man das verschanzte Lager umgeben kann und die durch den Fosso Pajolo mittels Stauung gebildet werden, lassen Mantua als von der rechten Flußseite her unangreifbar erscheinen. Ohne den Besitz des starken Forts von Pietole ist es nicht möglich, das hierher geleitete Wasser abzuführen, und jenes Werk bildet daher bei einem Angriff von dieser Gegend den Schlüssel zu der Festung. Der Ponte dei Molini staut auf der andern Seite den obern Theil des Sees, und nur durch Schleußen können Fahrzeuge in den untern gelangen. Die große Stadt, der breite See und das verschanzte Lager mit dem Ueberschwemmungsrayon vor demselben geben der ganzen Festung eine solche Ausdehnung, daß es eines sehr zahlreichen Heeres bedarf, um sie auf beiden Seiten einzuschließen, und überdies ist die Erweiterung des Mincio oberhalb und unterhalb Mantua’s so bedeutend [398] und das Ufer auf beiden Seiten so sumpfig, daß die Brücken, deren ein Belagerer zur Verbindung seiner durch den Fluß getrennten Streitkräfte bedürfte, nicht nahe genug gelegt werden könnten, um schnelle wechselseitige Unterstützung zu ermöglichen. Das belagerte Heer dagegen kann, so oft es will, die Ufer wechseln und den Feind da angreifen, wo er augenblicklich am schwächsten ist, und wollte der Feind auf der kurzen Strecke des Mincio über den Fluß gehen, so könnte die Besatzung, die durch die Eisenbahn von Verona her fortwährend verstärkt werden kann, die Festung verlassen, ihm in den Rücken fallen und ihn in der ungünstigsten Lage zur Schlacht nöthigen.

Der einzige große Mangel, der sich den Vorzügen Mantua’s gegenüberstellt, ist die tiefe, sumpfige Lage des Platzes, das schlechte Wasser und die Ungesundheit der Gegend, die von Fiebern aller Art heimgesucht wird; aber diese Nachtheile treffen auch den Feind, der sich bei einer Belagerung hier länger aufhalten muß. Die Cholera würde in dieser Atmosphäre, wenn sie sich einstellte, unter beiden Theilen mächtig aufräumen und unter den großentheils im Freien lagernden Angreifern vermuthlich am meisten.

Die Etschfestungen des Vierecks sind von sehr verschiedenem Werth. Legnago, ein wenig weiter von Mantua entfernt, als dieses von Peschiera, ist ein kleiner Platz, zu dessen Besetzung etwa eintausend Mann genügen und welcher nur wegen des Uebergangs über die hier ziemlich breite Etsch und deshalb Wichtigkeit hat, weil er noch eine gesicherte Verbindung zwischen Mantua und Verona erlaubt, wenn der gerade Weg bereits vom Feinde bedroht wird. Südwestlich von hier breiten sich in sumpfigem Terrain ungeheure Reisfelder aus, die nur von wenigen Straßen durchschnitten werden. Verona dagegen, in der Nordostecke des Vierecks und fünf Meilen von Mantua, drei Meilen von Peschiera gelegen, ist gegenwärtig, wenn auch nicht so stark, wie Mantua, ein Hauptstützpunkt für die Defensive der Oesterreicher.

Verona liegt in einer trockenen und wenig fruchtbaren Ebene, um die sich im Halbkreise ein jäh abfallender Erdrücken, jedenfalls ein altes Etschufer, hinzieht, über welchen die beiden Hauptstraßen nach Mantua und Mailand laufen und wo sich die Dörfer Croce Bianca, San Massimo und Santa Lucia befinden, letzteres der Hauptschauplatz der Schlacht, in welcher Radetzky am 6. Mai 1848 das Heer Carl Albert’s schlug. Die Stadt, von ungefähr sechszigtausend Menschen bewohnt, zerfällt in zwei Hälften, von denen die kleinere östliche Veronetta heißt und welche durch sechs Brücken über die Etsch mit einander verbunden sind. Die oberste derselben ist römischen Ursprungs, wie denn Verona verschiedene Reste des Alterthums, namentlich ein großes, marmornes Amphitheater, in ihren Mauern hat; die unterste, Ponte delle Navi, steht an der Stelle der Brücke, welche 1757 durch den Eisgang der Etsch zerstört wurde und zu Bürger’s Lied vom braven Mann Veranlassung gab. Verona hat einen Umfang von ein und dreiviertel Meilen, die Straßen sind meist eng und unregelmäßig, nur der Corso und die Stradone Porta Nuova, die belebteste Verkehrsstraße, sind schön und gerade. Von den vier Hauptplätzen ist die Piazza dei Signori zu erwähnen, die mit Marmorquadern belegt und von sechs alten Palästen umgeben ist.

Als Festung wollte Verona 1848 noch nicht viel bedeuten. Es war damals eigentlich wenig mehr als ein verschanztes Lager, und seine Werte sahen aus, als ob sie von den Feinden Oesterreichs gebaut wären, denn ihre Hauptstärke richteten sie gegen die Erbstaaten, die westliche Front mit ihren zehn Bastionen konnte eher offen, als hinreichend geschützt heißen. Gegenwärtig ist Verona ein im großartigsten Stil der Neuzeit befestigter Waffenplatz. Seine Befestigungen, zum Theil von dem Grafen Bolza erbaut, bestehen zunächst in einer Umfassungsmauer, dann in einer Anzahl detachirter Forts. Die bastionirte Umwallung der Stadt ist älteren Ursprungs, aber in der letzten Zeit vielfach verbessert und verstärkt. Sie hat eine beträchtliche Anzahl Thore, so daß im Verlauf einer halben Stunde fünfundzwanzigtausend Mann ausfallen oder sich in das Innere der Festung zurückziehen können, und auf dem rechten Etschufer als der natürlichen Angriffsfront acht Bastionen: am Eintritt des Flusses in die Stadt liegt das Fort San Proculo, am Austritt desselben das Fort Heß und zwischen diesen beiden Punkten zieht sich eine Reihe von sehr respectabeln Redouten hin, die, trapezförmig gebaut, mit ihren längsten Seiten der Stadt zugekehrt und nur ungefähr eintausend achthundert Fuß von einander entfernt sind.

Diese Werke sind sämmtlich mit bombenfesten Casernen versehen. Der zu einem verschanzten Lager bestimmte Raum hinter ihnen hat eine Länge von fast zehntausend und eine Breite von etwa sechstausend Fuß, und es können hier bequem sechszigtausend Mann aufgestellt werden. Die Befestigungen auf dem linken Etschufer sind zwar nicht so großartig, wie die auf dem rechten, doch verdienen auch sie Beachtung. Der Wall ist ebenfalls mit Bastionen versehen, und die Zugänge werden von dem alten Castell San Felice beherrscht, welches auf einem steilen Felsen zwischen dem Etsch- und dem Patentathale sich erhebt.

Betrachten wir die Festung aus der Vogelschau, so bemerken wir, daß die Stadt zunächst mit einem innern Gürtel von acht, dann mit einem äußern Gürtel von zwölf Forts und Schanzen umgeben ist, zu welchen auf den Höhen, die sich auf dem linken Ufer des Flusses zur Stadt herabsenken, noch vier casemattirte Thürme kommen. Die äußeren Forts, die einen Kreis von etwa drei Meilen Umfang bilden, sind meist erst seit 1848 erbaut und führen die Namen der im Kriege mit Carl Albert berühmt gewordenen österreichischen Feldherren Radetzky, d’Aspre etc. Die Kosten aller Festungswerke Verona’s, soweit sie aus neuerer Zeit datiren, sollen sich auf fünfundzwanzig Millionen Gulden belaufen. Was sich eine Armee nur wünschen kann: gesicherte Stellung, Freiheit der Bewegung, Möglichkeit des raschen Uferwechsels an einem ansehnlichen Flusse, findet sich hier vereinigt. Die Etsch hat zwischen Verona und Legnago eine Breite von zweihundertundsechszig bis dreihundertundzwanzig Fuß; Furten giebt es auf dieser Strecke nicht, auch ist der Lauf des Flusses hier noch ziemlich rasch, weshalb größere Truppenkörper denselben hier nur mit Schwierigkeit überschreiten, wenn sie nicht im Besitz der stehenden Brücken sind.

Verschiedene Vorpunkte haben ebenfalls Befestigungen erhalten, so die beiden wichtigsten: Pastrengo und Rivoli. Jenes wird von Schönhals ein natürlicher Brückenkopf genannt, da es in einem Halbkreis von vortheilhaft gelegenen Höhen umgeben ist. Es nimmt die Stellung vor Peschiera in die Flanke und hilft die von Rivoli decken. Letztere, ein Plateau, unter dem das Thal der Etsch so eng ist, daß man von Rivoli die Straße am linken Ufer durch weittragendes Geschütz völlig sperren kann, wird durch drei Werke, die Forts Rivoli, Wratislaw und Molinari, sowie durch mehrere Maximiliansthürme vertheidigt. Sehr wichtig sind die Eisenbahnen, welche jetzt die drei Hauptvesten des berühmten Vierecks mit einander verbinden. Legnago liegt außer ihrer Linie, aber Pieschiera, Mantua und Verona sind sowohl unter sich als mit ihrem Hinterlande durch Schienenwege verknüpft. Die Schwierigkeiten der Verpflegung und Verstärkung verschwinden dadurch beinahe ganz, und die Kraft des Festungssystems wird durch die innere Verbindung beinahe verdoppelt.

Das ist das gewaltige Festungsviereck, in welchem die österreichische Südarmee wie in einer ungeheuern Verschanzung dem von Westen herandringenden Feinde Trotz bieten und ihn in jedem geeigneten Momente angreifen kann, ohne daß für sie die Möglichkeit besteht, zur Schlacht genöthigt zu werden, wenn es ihr nicht gefällt. „Man kann sich,“ sagt Willisen, „hier sehr gut eine Bewegung denken, bald so, bald anders herum, entweder von Peschiera nach Verona, von da nach Legnago, von da nach Mantua und wieder zurück nach Verona und abermals nach Peschiera oder umgekehrt. Durch welche Mittel aber und durch welche Uebermacht sollte es dem Feinde, der hier überall Hindernisse in seiner Bewegung findet, wo sie mir stets erleichtert ist, je gelingen, mich in einer nachtheiligen Stellung zur Schlacht zu zwingen? Und so lange er das nicht kann, ist der Zweck der Defensive erreicht, der eben kein anderer ist, als der, mich nicht schlagen zu dürfen, ohne daß ich darum Land aufgebe.“

Willisen empfahl eine Umgehung des Festungsvierecks durch Ueberschreiten des Po bei Revere. Dies war 1848, wo die Italiener in der Uebermacht waren und keinen Seitenangriff zu fürchten brauchten, nicht allzu schwierig. 1859, wo die Gegner sich an Truppenzahl gewachsen waren, wäre es sehr gewagt gewesen, in den eingebogenen Winkel von Revere hineinzugehen, dabei die Brückenköpfe Mantua’s, Brescello und Borgoforte, links und die damals von Oesterreich besetzt gehaltenen Festungen Ferrara und Comacchio rechts zu lassen und den Uebergang über den großen, hier gegen eintausend Klaftern breiten und fünfundzwanzig Fuß tiefen Strom in kurzer Entfernung von Mantua und Legnago [399] zu erzwingen. Jetzt fällt ein Theil dieser Schwierigkeiten weg, indem Ferrara und Comacchio den Italienern gehören, die sich überdies in Piacenza’s und Bologna’s verschanzten Lagern eine gute Angriffsbasis geschaffen haben; aber immerhin wäre ein Marsch zwischen der Meeresküste und dem Festungsviereck (in der Richtung Ferrara, Rovigo, Padua) ein so gewagtes Unternehmen, daß die Italiener daran nur denken könnten, wenn sie ein doppelt so starkes Heer in’s Feld stellten als ihre Gegner.

Dagegen ist ein anderer Weg denkbar; Ein Feind, der im Besitz von Venedig ist, kann das Festungsviereck im Rücken fassen. Die Einnahme dieses Platzes ist indeß keine leichte Aufgabe, da seine Lage seltene Vortheile vereinigt und die Kunst Alles gethan hat, seine natürliche Stärke zu vermehren.

Die ganze Küste der Adria, soweit sie zu Venetien gehört – eine Strecke von zwanzig Meilen – ist durchaus flach. Vor der Mündung aller hier sich in’s Meer ergießenden Flüsse haben sich Sand- und Schlammdünen, italienisch Lidos, gebildet, und hinter diesen winden sich Meeresarme, Lagunen, hin, die weiter landeinwärts in Sümpfe übergehen. Auf solchen Lidos und in solchen Lagunen liegt Venedig. Die Gewässer, welche es umgeben, sind meist viel zu seicht, um größeren Seeschiffen Zugang zu gewähren. Indeß giebt es tiefere Canäle, die man sorgfältig offen hält und den Schiffern durch Pfähle bezeichnet. Entfernt man diese, so läuft ein eindringendes Fahrzeug Gefahr, auf Untiefen zu gerathen. Der große Canal, der Venedig vom Festlande trennt, ist so breit, daß von letzterem kein Feuer gewöhnlicher Geschütze nach der Stadt hinüberreicht, und die Brücke, welche diese mit dem Lande verbindet, ist durch das starke, halb im Wasser, halb im Sumpf liegende Fort Malghera vertheidigt, welches die Oesterreicher 1849 erst nach vierwöchentlicher Belagerung einnahmen, ohne daß deshalb aber die Stadt sich sofort ergeben hätte. Die dem Festland zugekehrte Seite der Stadt ist mit allerlei Schanzen und Forts gesichert, und der Lido, der sich drei Stunden lang auf der Meerseite vor Venedig hinzieht, ist ebenfalls mit einer Reihe starker Werke bedeckt, die durch eine Straße miteinander verbunden sind und an deren Vertheidigung der hier stationirte Theil der österreichischen Flotte theilnehmen würde. Auch mit den Panzerschiffen und den gezogenen Vierzigpfündern der italienischen Marine wird hier vermuthlich nicht viel auszurichten sein. Dagegen kann Venedig, da die österreichische Flotte vor der italienischen die offene See nicht zu halten vermag, blockirt werden, und dadurch wird die Vertheidigung beträchtlich erschwert, indem leicht Mangel an Munition und Lebensmitteln eintreten kann. Jedenfalls aber ist die Einnahme Venedig’s, welches mit dem Festungsviereck durch eine Eisenbahn verbunden ist, eine langwierige Sache und keineswegs so leicht, wie mancher Gegner Oesterreichs sie sich vorstellen mag.