Das Schloß eines deutschen Reichsgrafen

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Autor: Ludwig Storch
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Titel: Das Schloß eines deutschen Reichsgrafen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 741–743
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[741]
Ein oberfränkisches Landschaftskleeblatt.
Von L. Storch.
Nr. 2. Das Schloß eines deutschen Reichsgrafen.

Wie das jetzt größtentheils zu dem Königreich Baiern gehörige Land Franken eins der schönsten in Deutschland ist, so war die fränkische Ritterschaft eine der reichsten und mächtigsten in Deutschland, und noch heute schmücken viele ihrer Dynastensitze seine Berge und Hügel und die Ufer seines großen Stroms, des Mains. Zu den am treuesten gepflegten gehört das Schloß Thurnau, das noch jetzt die Residenz der in Baiern hochangesehenen Grafen Giech ist. Zu ihm lenken wir heute unsere Schritte.

Schon die äußere Erscheinung des großartigen und stattlichen

Die Gartenlaube (1862) b 741.jpg

Schloß Thurnau.

Grafenschlosses regte mich ungemein an, als wir die Anhöhe in Mitte des Städtchens, an welcher es sanft emporsteigt, hinauf schritten; denn das feste Haupteingangsthor ist oben; insbesondere ist es die verschiedene und unregelmäßige Bauart, die auf jeden poetischen Sinn einwirken muß, zumal wenn er von der nüchternen Regelmäßigkeit der modernen Bauart vorher gelangweilt worden ist. Schon im Thorhause wehte uns wieder jener freundliche Geist geregelter maßvoller Ordnung, auf’s Innigste verbunden mit natürlichem Schönheitssinn, der uns beim Betreten der Marken Thurnaus und noch mehr im Orte selbst so gemüthlich begrüßt hatte, nur in erhöhter Stärke und Lieblichkeit entgegen, und er potenzirte sich gleichsam mit jedem Schritte, den wir über den geräumigen, mit einem großen und im Styl des vorigen Jahrhunderts ornirten Brunnen geschmückten Hof dem heitern Wohngebäude der gräflichen Familie zu machten. An und neben der grotesken und pittoresken Eigenthümlichkeit der verschiedenartigen Architektur ist es überall die ungesuchte und nichts weniger als pedantische Sauberkeit, die das Auge vergnügt, wohin es sich wendet. Auf dem Hofe beginnen schon die Zusammenstellungen archäologischer Sculpturen und Bildwerke monumentaler Ornamentik, die in irgend welcher Beziehung zur Geschichte und Biographik des Grafenhauses stehen.

Das Schloß ist eins der größten und ältesten kleiner Dynasten in Franken und bildet ein unregelmäßiges mit acht Thürmen geziertes Viereck. Drei umfangreiche Höfe geben eine Vorstellung von der Ausdehnung dieser echten Burg. Sechs bis sieben und wohl noch mehr Jahrhunderte haben daran gebaut und jedes ihm seinen eigenthümlichen Baustyl aufgeprägt. So hat man eine wahre Musterkarte der Geschichte der Baukunst vor sich, von der hochragenden thurmartigen und auf einen zu Tag stehenden Felsen fußenden Kemnate aus dem 12. Jahrhundert, dem „Haus auf’m Stein“,[1] bis auf den neuesten Bau aus dem vorigen Jahrhundert. Doch datirt der Ausbau des Schlosses, wie er jetzt ist, zumeist von der Mitte des 16. Jahrhunderts an; denn im Bauernkriege wurde das Schloß, wie so viele fränkische Edelsitze, ausgebrannt und verwüstet. Es war ein origineller Gedanke der Pietät des jetzt regierenden Grafen gegen seine Vorfahren, den Namen eines jeden Gebäudes – und jedes hat einen besondern – und seines Erbauers, sowie die Zeit seiner Entstehung mit kalligraphischen Lettern in die Wand einhauen zu lassen. So trägt das interessante Schloß seine Geschichte in Lapidarstyl gleichsam an der Stirn.

Graf Giech, bei dem wir uns hatten anmelden lassen, trat uns als eine jener edlen einfachen Persönlichkeiten entgegen, die sich dem Blick des Menschenkenners sogleich als Träger des Genius kund geben, als Besitzer scharf ausgeprägter Individualität und der harmonischen Verbindung gleich starken Geistes- und Gemüthslebens, wie wir sie nur bei hervorragenden deutschen Naturen [742] finden. In seiner „gastlichen Gestalt“ kündigt sich ein gewinnendes patriarchalisches Wesen an, das uns sagt: dies ist ein Mann von der freilich nicht häufigen deutschen Adelstrinität, der Geburt, des Geistes und der Seele. Auch an ihm bewährt sich die alte und doch immer so wenig begriffene Wahrheit, daß alle bedeutenden Menschen schlicht und einfach sind.

Es ist dies derselbe Mann, der zu einer Zeit in Baiern offen und ehrlich die Wahrheit zu sagen wagte, wo der Renegat Karl Abel als Minister durch ultramontane Ueberschwenglichkeiten die freisinnigen Aeußerungen seiner frühern Wirksamkeit vergessen zu machen suchte, und wo es Niemand wagte die kirchlichen Neigungen des Königs Ludwig zu alteriren. Damals hatte Graf Giech durch seine würdige Sprache als Vertheidiger des in Baiern bedrohten Protestantismus und durch sein männliches Handeln meine Bewunderung, Begeisterung und Ehrfurcht erregt, und ich hatte in seinen „Ansichten über Staats- und öffentliches Leben“[2] einen wahren Schatz gediegnen Gedankengoldes entdeckt, und wenn ich später die Namen „Giech und Schön“ zusammengestellt fand, so hatte ich diese Verbindung, als eine gerechte, würdige und wahre, mit voller Seele begrüßt. Es ist für manche untergeordnete Geister ein unabweisbares Bedürfniß, Männern, die sich um die Entwicklung der Menschheit, um das Gedeihen des Vaterlandes durch Geistesklarheit, Gemüthswärme, Freimuth in Wort und That und richtige Beleuchtung der Verhältnisse mit der Fackel der Wahrheit bleibende Verdienste erworben haben, mit unbegrenzter Hingebung zu lieben und zu verehren und mit Befriedigung in Jenen aufzusuchen, was ihnen selbst abgeht. Zu diesen liebenden Geistern gehöre ich. Mein Wahlspruch ist jenes kleine deutsche Gedicht – so echt deutsche Geistesblüthe, daß man nicht weiß, ob sie in Goethe’s oder Schiller’s Garten wuchs; denn Beide haben sie als ihr Eigenthum beansprucht:

Immer strebe zum Ganzen, und kannst Du selber kein Ganzes
Bilden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes Dich an.

Deshalb war mir Graf Giech eine so ungemein interessante Persönlichkeit.

Der Graf führte uns selbst durch die weiten hellen Räume seines Schlosses, um uns die von ihm zusammengebrachten wissenschaftlichen und Kunstsammlungen zu zeigen und zu erklären; denn das Grafenschloß zu Thurnan ist bekanntlich ein kleines und in vieler, namentlich historischer Beziehung ein höchst merkwürdiges Museum.

Welche köstlichen Stunden hohen geistigen Genusses verlebten wir! Die Sammlungen, über deren Haupteingang mit großen Buchstaben folgende Stelle aus dem Giech-Hausgesetz (vom 5. März 1855) zu lesen ist: „Wir legen es Unsern Nachkommen an das Herz, nicht abzulassen von dem Bestreben, die schriftlichen und andern Zeichen und Denkmale des Lebens und des Wirkens ihrer Vorfahren zu erforschen, zu sammeln und zu erhalten,“ bestehen:

1) in einer an 20,000 Bände starken reichen Bibliothek, zumeist historischen, philosophischen, juristischen, staatsrechtlichen und staatsökonomischen Inhalts. Die Büchersammlung ist in einem hellen freundlichen Saale höchst zweckmäßig aufgestellt und auf das Sorgfältigste geordnet und katalogisirt. Ihr vorzüglichster Werth besteht darin, daß eben die neuesten Forschungen auf den verschiedenen wissenschaftlichen Gebieten reich vertreten sind. Als bibliologische Seltenheit verdient das durchschossene und um des Dichters eigenhändigen Emendationen versehene Handexemplar von Schiller’s Geisterseher genannt zu werden.

2) in einem nicht minder reichen Archiv und einer Urkundensammlung. Wie sämmtliche Sammlungen zunächst in einer bestimmten und klar ausgesprochenen Beziehung zur Geschichte des gräflichen Hauses stehen, so insbesondere die Urkunden. Aber indem der Ordnungssinn des Grafen in einem von ihm für seine Nachkommen aufgestellten „Hausgesetze“ seiner Pietät für seine Vorfahren ehrenvolle Rechnung trug, hatte er zugleich die Wichtigkeit der Urkunden und andrer Ueberreste des Alterthums für die allgemeine deutsche Geschichte im Auge. Außer den Schriftstücken und Antiquitäten, welche sich auf die ehemaligen Besitzer von Thuruau, das im 16. Jahrhundert ausgestorbene Geschlecht der Foertsch beziehen, von welchem das Haus Giech die Herrschaft Thuruau in Folge ehelicher Verbindung mit einer Foertschischen Tochter theilweise ererbte, sind vorzüglich die von allgemeinem Interesse, welche der Geschichte zweier österreichischer Adelshäuser, der Freiherrn Praunfalck und der Grafen Khevenhüller, angehören, die, des Protestantismus wegen aus Steyermark und Kärnthen unter Kaiser Ferdinand II. vertrieben, in Franken, vorzüglich in Nürnberg, eine neue Heimath begründeten und sich mit fränkischen Adelshäusern, namentlich dem der Giech, verschwägerten. Die Geschichte dieser österreichischen Exulanten, nicht nur für Kirchengerichte, sondern auch für die Culturgeschichte überhaupt von Wichtigkeit, die sich neuerdings durch das endliche Aufgeben des alten verderblichen Regierungssystems in Oesterreich und die Gleichstellung der protestantischen mit der katholischen Kirche erhöht hat, kann eigentlich nur mit gewissenhafter Benutzung der Urkunden im Schlosse zu Thurnau geschrieben werden, und so viel mir bekannt worden ist, werden schon die Anstalten dazu gemacht.

Ein viertes mit dem Hause Giech nah verwandtes, im Nordgau, in der Nähe von Nürnberg, reich begütert gewesenes Geschlecht, das der Grafen von Wolfstein zu Obernsulzburg und Pyrbaum, ist ebenfalls im Archiv stark vertreten. Ein künftiger Geschichtsschreiber der deutschen Specialgeschichte, beziehentlich der deutschen Adelshäuser wird in der Giech’schen Urkundensammlung reiches und kaum anderswo zu findendes Material zur Benutzung antreffen.[3]

3) in einer an 200 Bilder reichen Sammlung von Familienportraits, in einem Ahnensaal aufgestellt, von denen nicht wenige als Kunstwerke, andere wegen der Trachten wichtig, alle von relativem Werthe in Bezug auf die Localität.

4) in einer Sammlung von zum Theil kostbaren Jagdgewehren von den ältesten Schießwaffen bis auf unsre Zeit, 250 Stück. An den Wänden schöne Geweihe von Hirschen und Rehen, über 300 Stück.

5) in einer Sammlung von Ritterharnischen, Pickelhauben und Waffen aus der Ritterzeit. Das Interesse an diesen Stücken wird durch den Umstand sehr erhöht, daß sie Erbgüter der Familie sind, nicht gekaufte Waare. Man sieht Schilde und Tartschen, Lanzen, Panzerhemden, Hellebarden, auch einige türkische Waffen, welche nach sichern Quellen von gräflich Khevenhüller’schen Familiengliedern bei Einfällen der Türken in Kärnthen erbeutet wurden. Das Hauptstück ist ein ciselirter, mit Goldarabesken eingelegter Stahlharnisch, wie mit Grund angenommen werden kann, ein Geschenk des Kaiser Matthias an einen Grafen Khevenhüller.

6) in einer höchst werthvollen und bedeutenden Sammlung von Majolikageschirr, Schüsseln, Tellern, Vasen, Schalen, Aufsätzen, an 120 Stück, nebst einer kleinern Sammlung alterthümtichen Porcellans, und einer andern von Glas, Pokalen, Trinkgläsern und anderen Geschirren. Die Bemerkung drängt sich auf, aus wie vielerlei Geschirr die ritterlichen Vorfahren zu zechen liebten; man erstaunt über die Mannigfaltigkeit.

8) in einer großen Siegelsammlung vom 14. bis zum 17. Jahrhundert, kaiserliche und erzherzoglich österreichische, Siegel von zahlreichen Adelshäusern, Klöstern, Städten, Behörden etc. An allen sind die Pergamenturkunden noch befestigt. Daran reiht sich

9) eine Sammlnng Giech’scher Amts- und Familien-Siegel (Petschafte). Zuletzt ist

10) die viel umfassende, in verschiedenen Zimmern placirte und in mehrfache Abtheilungen zerfallende höchst bedeutende Curiositätensammlung zu nennen. Da sehen wir denn bald eine beträchtliche Anzahl alterthümlichen Hausraths, besonders werthvoller und künstlich gearbeiteter Schränke und Truhen, in welchen zum Theil die einzelnen Sammlungen passend untergebracht sind, bald eine Sammlung interessanter, zum Theil seltsamer Tabakspfeifen, als Nachlaß früherer Generationen der Familie, bald eine respectable Zahl geschnitzter Heiligenbilder aus dem 15. und 16. Jahrhundert, bald eine Reihe von aus Hünengräbern und Giech’schen Schlössern ausgegebenen Gegenständen, Urnen, Waffen etc. nebst anderm alterthümlichen Zierrath der verschiedensten Art. Dahin gehört eine besonders für Damen interessante Sammlung alter Nippes, Putzgegenstände und Ordenszeichen, deren Werth durch die Angabe erhöht ist, von wem sie herrühren, wer sie getragen etc.; ferner eine nicht unbedeutende Sammlung von Autographen, zum Theil in Glaskästen liegend. Neben Friedrich des Großen (der sich [743] stets „Federic“ unterzeichnet) zierlicher Handschrift stechen Ernst Moritz Arndt’s kühngeschwungene Schriftzüge in’s Auge. Die Verehrer Arndt’s werden auch seinen Stock, den er bis zu seinem Tode führte, mit Interesse betrachten. Von der Wittwe des Dichter als Andenken an ihn, der dem Grafen Giech befreundet gewesen, in die Sammlung verehrt, erhöht sich sein Werth, daß er, ein von Arndt im eigenen Garten gezogener junger Eichenstamm, von diesem eigenhändig abgeschnitten wurde. Ein schwarz-roth-goldenes Band ist um ihn geschlungen. Ferner eine Kupferstich- und Holzschnittsammlung von zum Theil sehr werthvollen Blättern. Eine in einem Thurme befindliche Sammlung von Petrefacten, welche die Jurakalk- und Keupersandsteinformation enthält, hat auch, was Franken an Quarzen, Kalkspathen, Eisenerzen etc. besitzt. Endlich ist noch eine Urkunden- und Druckschriftensammlung zur Geschichte des dreißigjährigen Kriegs zu erwähnen.

Das Kostbarste unter den Werthgegenständen der Curiositätensammlung ist in aufsteigender Linie ein aus Elfenbein sehr zierlich geschnittenes Schiff, Kunstwerk aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts; ein silbernes und vergoldetes Trinkgeschirr in Form eines Mörsers auf einer Lafette. (Mir fiel dabei das alte Studentenlied ein:

„Lasset die feurigen Bomben erschallen,
Piff, paff, puff, piff, trallerallera!“)

Ein großes Trinkhorn mit vergoldeten und gravirten Silberreisen. Ein anderes 1½ Fuß hohes silbernes und reich vergoldetes Trinkgeschirr oder vielmehr Tafelaufsatz, den Ritter St. Georg als Drachentödter vorstellend, wahrscheinlich ein Denkmal des früher in Kärnthen bestandenen St. Georgenordens und Kunstwerk eines Goldschmieds aus Benvenuto Cellini’s Schule, wenn nicht gar von diesem selbst. Endlich vier Hautelissetapeten, von welchen die erste wegen ihres hohen Kunstwerthes die Krone dieser Sammlung bildet. Kunstwerk eines niederländischen Teppichwebers aus dem 16. Jahrhundert, nach dem Carton eines vorzüglichen Meisters aus Raphael’s Schule, 8 Fuß hoch und 13 Fuß breit, prangt sie in reichster Kunst- und Farbenschöne, hat aber in Bezug auf ihre zweifelsohne mythologische Darstellung noch nicht erklärt werden können. Die übrigen drei Tapeten sind von genealogischer Bedeutung für die gräfliche Familie Khevenhüller, indem sie wie auf Votivtafeln neben oder an dem Fuße einer Scene aus der heiligen Geschichte die Gestalten der Donatoren mit ihren Kindern in ganzer Figur mit unverkennbarer Portraitähnlichkeit darstellen.

Eine Menge sehr werthvoller und interessanter Gegenstände, namentlich im Bibliotheksaal, hat hier des Raumes Wegen nicht namhaft gemacht werden können. Sind doch die genannten schon hinreichend, zu einem Besuche des Grafenschlosses in Thurnau anzuspornen. Nachdem wir die genußreiche und belehrende Schloßreise vollbracht, zog es mich mit magischen Banden in den Park, dessen prachtvolle Baumwölbungen mir schon lange verlockend zugewinkt hatten. Vorher aber und gleichsam zur Vorbereitung auf den neuen von dem zeitherigen so verschiedenen und doch nicht minder poetischen Genuß legte uns der Graf ein Gedicht von Taubmann auf Thurnau und seine Umgegend vor. Es ist die einzige poetische Verherrlichung, welche Thurnau erfahren, und es wäre doch werth, daß unsere größten Dichter es besungen hätten. Und noch dazu ist die poetische Beschreibung des so echt gemüthlich deutschen Thurnau – lateinisch! Doch hat der bekannte geistliche Liederdichter Albert Knapp, der kurz vor uns Thurnau besuchte, eine vortreffliche Übersetzung davon gemacht. Es zählt nur wenige Verse, aber sie sind von der süßesten Erinnerung einer schönen Dichterseele an seine reizende Geburtsheimath dictirt. Wir lasen es mit Vergnügen und betraten dann mit gespannter Erwartung den Schloßgarten, in seiner Art so schön und so reich, wie das Schloß in der seinigen. Wir eilten die sanfte Anhöhe hinauf und traten in die Domwölbung der prächtigen, über anderthalb Jahrhunderte alten Lindenallee, welche den untern Theil des ziemlich ausgedehnten Parkes durchschneidet. Im höchsten Grade überrascht und hingerissen, brach ich in einen Jubelschrei aus, einen Naturlaut, der die Stelle eines begeisterten Gedichtes vertrat. Diese Lindenallee hat einst Jean Paul zu dem originellen Ausspruch angeregt, „sie sei würdig, daß Fichte in ihr als dem stolzesten Laubdome Deutschlands seine Reden an die deutsche Nation gehalten hätte.“

Wie wir auch den Garren nach allen Seiten hin durchstreiften, wie wir uns auch in den an üppiger exotischer Pflanzenpracht so reichen Gewächshäusern ergötzten, wie wir die reizend schattirten Berghöhen und Thäler ringsum auf uns einwirken ließen, immer kehrte ich doch zu erneutem Genuß in die Lindenallee zurück. Und wieder war es auch im Garten, wie im Schlosse, wie im Städtchen und der nächsten Umgegend, jener wohlthuende Geist der Ordnung, der Sauberkeit, der Keuschheit und des Friedens, der wie ein süßer poetischer Hauch verklärend über dem Ganzen liegt und schöne Kunde giebt von der antiken Ruhe und deutschen Gemüthstiefe des Mannes, von dem er ausgegangen.

Es wurde noch berichtet, daß Wilhelm von Humboldt in seinen berühmten „Briefen an eine Freundin“ Thurnaus und seines Grafenschlosses erwähnt, dessen Gast er 1828 war. Damals war Graf Hermann von Giech Besitzer der Herrschaft, dessen Gemahlin eine Tochter des großen Stein.

  1. Urkundliche Benennung.
  2. Zweite Auflage, Nürnberg, Lotzbeck 1857, mit Hinweglassung der Vorrede.
  3. Insbesondere sind höchst interessante Correspondenzen, Tagebücher, Reisebücher etc. des bekannten Verfassers der „Annales Ferdinandei“, Grafen Franz Christoph Khevenhüller, und andrer Glieder seiner Familie, welche hohe Staatsämter einnahmen, vorhanden, selbst für allgemeine Geschichte reiches Material.