Das Waßer des Lebens

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Textdaten
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Autor: Johann Andreas Christian Löhr
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Titel: Das Waßer des Lebens
Untertitel:
aus: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, Band 2, S. 160–165
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Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1820]
Verlag: Gerhard Fleischer d. Jüng.
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Kinder- und Jugendbibliothek München und Commons
Kurzbeschreibung:
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19. Das Waßer des Lebens.

Ein König, der drei Söhne hatte, wurde so krank, so sehr krank, daß keine Arztneien mehr helfen wollten. Da dachten sie, er müßte sterben, und die Aerzte hatten das auch gesagt.

Die Söhne gingen in den Garten und weinten. Da kam ein altes Männlein, das sagte: „Was weint Ihr, und seid so betrübt in Eurer Seele?“ Da erzählten sie ihm, der Vater sei so krank, und könne ihm nichts mehr helfen; da würde er sterben müßen, und dann wäre er todt!

„Ja, sprach der Alte, das ist schon wahr; aber ich weiß doch ein Mittel, wenn er das braucht, so soll er schon leben bleiben; das ist nämlich das Waßer des Lebens, welches aber sehr schwer zu finden ist.

„Das will ich schon finden!“ sagte der älteste Prinz, der ein wenig hochmüthig war, und dachte, weil er doch einmal der Kronerbe würde, so könnts ihm nicht fehlen.

Er bat den kranken König um Urlaub, um das Waßer des Lebens zu holen. Der König wollte ihm denselben nicht geben, weil das Werk so gefährlich sei; aber weil der Kronprinz doch gar zu sehr bat, der König aber auch gar zu gern noch ein kleines Weilchen leben wollte, so ließ er ihn gehen. Der Prinz aber dachte, find ich das Waßer des Lebens, so erb’ ich das Reich um so eher gewiß; sonst könnt es der Vater wohl gar noch einen von den andern Brüdern schenken.

Der Prinz zog fort, nachdem er sich erst nach dem Waßer des Lebens hatte erkundigt, und zog weiter und immer weiter, viele Tage lang.

[161] „Wohinaus, lieber Herr, wohinaus so geschwind?“ fragt ihn ein kleiner Mann, der am Wege stand.

„Brauchst du es auch zu wißen, du Knirps du?“ sagte der Prinz hochmüthig, und ritt weiter.

„Nun so reit, daß du nimmermehr hinkommest;“ rief ihm der kleine Mann erzürnt nach.

Da kam der Prinz in eine Bergschlucht, wo sich die Berge immer enger und enger zusammendrängten, und er zuletzt gar nicht mehr umwenden konnte, ja nicht einmal absteigen. Da mußte er denn halten bleiben.

Der König wartete auf ihn, er sollte zurückkommen, und das Waßer des Lebens mitbringen. Als er aber nicht wieder kam, forderte der zweite Prinz Urlaub vom Vater, das Waßer des Lebens zu holen. Er dachte: wenn der Bruder todt ist, so wird dir das Reich Niemand nehmen, wenn du das Waßer bringst. Der König wollt ihn erst nicht ziehen laßen, ließ ihn aber doch ziehen. Auf dem Wege stand der kleine Mann wieder, und fragte: „Wohin so geschwind?“ und die Antwort hieß: „Gehts dich auch an, du kleiner Lump?“ – Und damit gings fort.

Der kleine Mann aber verwünschte ihn auch, und es ging ihm wie seinem Bruder, und mußte in der Bergschlucht stecken bleiben.

Als nun der auch nicht wieder kam, bettelte der jüngste Prinz so lange bei dem Vater, bis der ihn ziehen ließ. Und als er nun auch an den Zwerg kam, und der ihn fragte: „Wohinaus so geschwind?“ antwortete der Prinz: „Ich suche das Waßer des Lebens für den armen kranken Vater, aber der liebe Gott weiß, wo ich es finden soll?“

[162] „Nun, sagte der kleine Mann, du sollst es finden, weil du nicht so hochmüthig bist, wie deine Brüder. Hier rechts reit ab, da liegt ein verwünschtes Schloß, wo der Brunnen ist, aus dem das Waßer des Lebens kommt. Aber da geb ich dir eine eiserne Ruthe; damit schlage dreimal an das eiserne Thor des Schloßes, dann springt es auf; und wenn du hineinkommst, so liegen zwei Löwen da, die bewachen den Brunnen und haben den Rachen weit auf. Aber nimm hier die zwei Brodte und gib sie ihnen; jedem eins, dann werden sie dir nichts thun. Dann hole das Waßer und eile, daß du vor zwölf Uhr aus dem Schloße bist, sonst schlägt sich das Thor zu, und du kommst so bald nicht wieder hinaus.“

Der Prinz dankte ihm freundlich, und kam ins Schloß, und schöpfte aus dem Brunnen. Darnach wollte er sich noch ein wenig umsehen und kam in einen Saal, wo lauter verwünschte Prinzen drin waren, denn der Prinzen, die man verwünscht, hats immer viel gegeben. Er zog ihnen die Ringe ab und nahm dann ein Schwerdt und ein Brodt, die da lagen. Hierauf kam er in ein Zimmer, wo eine Prinzeßin war. Die küßte ihn, und sagte: „Du hast mich erlöst, und über ein Jahr komm, da sollst du mich und mein Reich haben.“ – „Aber mach, daß du vor zwölf aus dem Schloße kommst.“

Er hätte sich gern ein wenig ausgeruht auf einem Bette, das da stand, aber er wußte, daß man nicht allezeit ruhen kann, wenn man will. Er eilte hinaus, und dicht hinter ihm schlug das Thor zu, und schlug ihm den Sporen vom Stiefel ab, denn es war grade zwölf Uhr.

Als er zurückkam, dankte er dem kleinen Manne, und dieser sagte ihm, an dem Schwerdte und an dem Brodte habe er großes [163] Gut. Mit dem Schwerdte könne er große Heere schlagen und mit dem Brodte ganze Völker speisen, und würde nicht alle.

Nun fragte er nach seinen Brüdern; da sagte ihm der kleine Mann, wo sie wären, wollte sie aber nicht erlösen, weil sie hochmüthig wären; weil aber der Prinz gar zu sehr bat, gab er sie los, sagte aber zu ihm: „Nimm dich vor ihnen in Acht; sie sind sehr falsch.“

Als sie nun alle drei beisammen waren, erzählte der Jüngste, daß er das Waßer des Lebens hätte, und bekäm auch übers Jahr eine wunderschöne Prinzeßin, mit einem großen Reiche.

Sie ritten fort und kamen durch drei Länder, da waren Krieg und Hungersnoth drin, aber der Jüngste half bald mit seinem Schwerdte und mit dem Brodte.

Als sie nun auf dem Rückwege über das Meer kamen und der Jüngste eingeschlafen war, nahmen ihm die Aeltesten das Lebenswaßer, und füllten dafür bittersalziges Meerwaßer in seine Flasche.

Da sie nun wieder zu Hause waren, brachte der jüngste Prinz das Waßer des Lebens dem Vater, weil es aber Meerwaßer war, wurde derselbe noch kränker davon. Darnach aber kamen die andern Prinzen und sagten, sie hätten das rechte Lebenswaßer, jenes sei aber Gift gewesen. Da trank der alte König das Waßer und wurde so frisch und gesund wie in den jungen Tagen.

Die bösen Brüder gingen nun zum jüngsten Bruder und höhnten ihn; sagten, wie sie ihn hätten betrogen, und übers Jahr wollte sich einer von ihnen die Prinzeßin holen; wenn er aber dem Vater davon etwas sagte, wollten sie ihn todt machen.

Weil der alte König glaubte, der jüngste Sohn habe ihn vergiften wollen, so befahl er seinem Leibjäger mit dem Prinzen tief in den Wald auf die Jagd zu gehen und denselben heimlich zu erschießen. [164] Als sie nun in den Wald kamen, sagte der Jäger: „Prinz, ich soll Euch heimlich erschießen, aber weil Ihr so ein lieber, leutseliger Herr seid, so kann ichs nicht übers Herz bringen. Flieht und rettet Euer Leben!“ Da floh der Prinz.

Nach einiger Zeit kamen bei dem alten Könige große Wagen an mit Gold und Edelgesteinen; die sollte der jüngste Prinz haben und waren von den Königen gesendet, welchen er mit Schwerdt und Brodt geholfen hatte.

Da fiels dem alten König aufs Herz, sein Sohn möchte wohl unschuldig sein, zumal da er immer mehr mochte gemerkt haben, wie tückisch die andern Beiden waren.

Da fing er laut an zu jammern: „Ach wenn doch mein Sohn noch lebte! ach wenn ich ihn nur nicht hätte tödten laßen! und wollte sich gar nicht zufrieden geben und Niemand konnte ihn trösten. Da tröstete ihn aber der Jäger und sagte: „Ich habe ihn nicht getödtet, denn ich konnt es nicht über das Herz bringen.“

Der alte König fiel dem Jäger um den Hals und küßte ihn, und ließ in allen Reichen bekannt machen, sein Sohn sollte wiederkommen, und verhieß großes Geld und Gut dem, der ihn brächte.

Als aber die Prinzeßin in ihr Reich gekommen war, ließ sie eine große Straße vor ihrem Schloß machen, die war golden und glänzend. Zu ihren Leuten hatte sie aber gesagt, wer mitten über die Straße hinritte, der sei ihr Bräutigam, die aber nebenbei ritten, das wären die rechten nicht.

Da nun die Zeit bald um war, kam der erste Prinz des alten Königs, und wollte sich für den Erlöser der Prinzeßin ausgeben, als er aber an die Straße kam, ritt er rechts derselben nebenher, weil sie so schön war. Wie er aber ans Schloßthor kam, da hieß es: er sei der rechte nicht und möchte nur wieder nach Hause gehen.

[165] Bald drauf kam der zweite Prinz und ritt links neben der Straße, und am Thore hieß es wieder: er sei der rechte nicht, und möchte nur wieder nach Hause gehen.

Da nun das Jahr ganz um war, machte sich der Jüngste auf, und vor Verlangen bei seiner Prinzeßin zu sein, sahe er die Straße gar nicht, und jagte mitten drauf hin zum Schloß.

„Der ist der Rechte!“ sagte die Prinzeßin, und machte Hochzeit mit ihm, und gab ihm ihr ganzes Reich. Sie erzählte ihm aber nun, daß sein Vater großes Verlangen nach ihm trüge. Da machte er sich gleich auf und kam zu seinem Vater, und entdeckte ihm nun, wie es die Brüder gemacht hätten.

Der Vater wollte die bösen Brüder hinrichten laßen, die aber hatten sich schon fort gemacht und Niemand wußte wohin.

Der alte Vater aber gab seinem Sohne sein Königreich auch. Da hatte der Sohn nun zwei Reiche und die andern Beiden hatten gar keins.