Das Wesen des Christentums/Neunte Vorlesung

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Achte Vorlesung Adolf von Harnack
Das Wesen des Christentums
Zehnte Vorlesung »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).


[96]
Neunte Vorlesung.




Unsere Aufgabe innerhalb der zweiten Hälfte dieser Vorlesungen ist, die Geschichte der christlichen Religion in ihren Hauptmomenten darzustellen und zu untersuchen, wie sie sich im apostolischen Zeitalter, im Katholizismus und im Protestantismus entwickelt hat.

Die christliche Religion im apostolischen Zeitalter.

Aus dem engeren Jüngerkreise, aus der Gemeinschaft jener Zwölf, die Jesus um sich gesammelt hatte, bildete sich eine Gemeinde. Er selbst hat eine solche im Sinne eines organisierten gottesdienstlichen Vereins nicht gestiftet – er war lediglich der Lehrer, die Jünger die Schüler gewesen[AU 1] –; aber die Thatsache, daß sich sofort der Schülerkreis in eine Gemeinde verwandelt hat, ist für die ganze Folgezeit grundlegend geworden. Wodurch war der neue Verband charakterisiert? Wenn ich recht sehe, durch drei Elemente: 1. durch die Anerkennung Jesu als des lebendigen Herrn, 2. dadurch, daß jeder einzelne in der neuen Gemeinde – auch die Knechte und Mägde – die Religion wirklich erlebte und sich in eine lebendige Verbindung mit Gott gesetzt wußte, 3. durch ein heiliges Leben in Reinheit und Brüderlichkeit und in der Erwartung der nahe bevorstehenden Wiederkunft Christi.

In diesen drei Momenten läßt sich die Eigenart der neuen Gemeinde erfassen. Wir haben sie genauer zu betrachten.

1. Jesus Christus der Herr – in diesem Bekenntnis setzt sich zunächst die Anerkennung fort, daß er der maßgebende Lehrer[97] ist, daß sein Wort die Richtschnur des Lebens seiner Jünger bleiben soll, daß sie halten wollen „alles, was er ihnen geboten hat“[WS 1]. Aber darin ist der Begriff „der Herr“ nicht erschöpft, ja seine Eigentümlichkeit noch gar nicht getroffen. Die Urgemeinde nannte Jesus ihren Herrn, weil er das Opfer seines Lebens für sie gebracht hatte, und weil sie überzeugt war, daß er, auferweckt, nun zur Rechten Gottes sitze. Es gehört zu den sichersten geschichtlichen Thatsachen, daß nicht etwa erst der Apostel Paulus die Bedeutung des Todes Christi und die Bedeutung seiner Auferstehung so in den Vordergrund geschoben, sondern daß er mit dieser Anerkennung ganz auf dem Boden der Urgemeinde gestanden hat. „Ich habe euch überliefert“, schreibt er den Korinthern, „was ich (durch Überlieferung) empfangen habe, daß Christus gestorben ist für unsre Sünden, und daß er am dritten Tage auferweckt worden ist.“[WS 2] Paulus hat allerdings den Tod und die Auferstehung Christi zum Gegenstand einer besonderen Spekulation gemacht und das ganze Evangelium in diese Ereignisse sozusagen eingeschmolzen,[AU 2] aber bereits für den persönlichen Jüngerkreis Jesu und die Urgemeinde galten sie als grundlegend. Man darf behaupten: die bleibende Anerkennung und die Verehrung und Anbetung Jesu Christi hat hier ihren Halt empfangen. Auf dem Grunde jener beiden Stücke ist die ganze Christologie erwachsen. Es ist aber schon in den ersten zwei Menschenaltern alles von Jesus Christus ausgesagt worden, was Menschen Hohes überhaupt zu sagen vermögen. Weil man ihn als den lebendigen wußte, pries man ihn als den zur Rechten Gottes Erhöhten, als den Überwinder des Todes, als den Fürsten des Lebens, als die Kraft eines neuen Daseins, als den Weg, die Wahrheit und das Leben. Die messianischen Vorstellungen gestatteten es, ihn an den Thron Gottes zu stellen, ohne den Monotheismus zu gefährden. Aber vor allem – man empfand ihn als das wirksame Prinzip des eigenen Lebens: „Nicht ich lebe, sondern Christus lebet in mir“[WS 3]; er ist „mein“ Leben, und durch den Tod zu ihm hindurchzudringen ist Gewinn. Wo hat sich in der Geschichte der Menschheit etwas Ähnliches ereignet, daß die, welche mit ihrem Meister gegessen und getrunken und ihn in den Zügen seiner Menschlichkeit gesehen haben, ihn nicht nur verkündigten als den großen Propheten und Offenbarer Gottes, sondern als den göttlichen Lenker der Geschichte, als den „Anfang“ der Schöpfung Gottes und als die innere Kraft eines neuen Lebens! So haben[98] Muhamed’s Jünger von ihrem Propheten nicht geredet! Es genügt auch nicht, zu sagen, man habe die messianischen Prädikate einfach auf Jesus übertragen, und von der erwarteten Wiederkunft in Herrlichkeit aus, die ihre Strahlen rückwärts warf, sei alles zu erklären. Gewiß, in der sicheren Hoffnung auf die Wiederkunft sah man über die „Ankunft in Niedrigkeit“[WS 4] hinweg; aber daß man diese sichere Hoffnung zu fassen und festzuhalten vermochte, daß man trotz Leiden und Tod in Ihm den verheißenen Messias erblickte und wie man in und neben dem vulgären messianischen Bilde Ihn als den gegenwärtigen Herrn und Heiland empfunden und ins Herz geschlossen hat – das ist das Erstaunliche! Und hier eben ist es der Tod „für unsre Sünden“[WS 5] und ist es die Auferweckung gewesen, die den an der Person gewonnenen Eindruck befestigten und dem Glauben den sicheren Halt boten: er ist als ein Opfer für uns gestorben, und er lebt.

Vielen sind heute diese beiden Stücke sehr fremd geworden, und sie stehen ihnen teilnahmslos gegenüber – dem Tode, denn wie kann man einem einzelnen Ereignis dieser Art eine solche Bedeutung beimessen? der Auferweckung, denn etwas Unglaubliches wird hier behauptet.

Es ist nicht unsre Aufgabe, jene Beurteilung und diese Vorstellung zu verteidigen, wohl aber ist es Pflicht des Historikers, beide so vollständig kennen zu lernen, daß er die Bedeutung nachzuempfinden vermag, die sie gehabt haben und noch haben. Daß jene Stücke für die Urgemeinde Hauptstücke gewesen sind, hat noch niemand bezweifelt; auch Strauß hat es nicht in Abrede gestellt, und der große Kritiker Ferdinand Christian Baur hat anerkannt, daß sich die älteste Christenheit auf dem Bekenntnis zu ihnen auferbaut hat. Dann muß es möglich sein, ein nachempfindendes Verständnis für sie zu gewinnen, ja vielleicht noch mehr: wenn man in die Tiefe der Religionsgeschichte eindringt, so erkennt man das an den Wurzeln des Glaubens liegende Recht und die Wahrheit von Vorstellungen, die an der Oberfläche so paradox und unannehmbar erscheinen.


Wir betrachten zunächst die Vorstellung, der Tod Jesu am Kreuz sei ein Opfertod gewesen. Gewiß, wenn wir in äußerlichen oder formalen Spekulationen den Begriff „Opfertod“ erwägen wollten, wären wir bald am Ende und jedes Verständnis würde aufhören;[99] vollends aber auf einen toten Strang würden wir geführt, wenn wir uns in Spekulationen darüber einließen, welche Notwendigkeit für die Gottheit bestanden hat, einen solchen Opfertod zu verlangen. Wir wollen uns erstlich einer ganz allgemeinen religionsgeschichtlichen Thatsache erinnern. Die, welche diesen Tod als Opfertod beurteilten, hörten bald auf, noch irgend welche blutige Opfer Gott darzubringen. Die Geltung der blutigen Opfer war zwar schon seit Generationen in Zweifel gestellt und in einem Rückgang begriffen; nun aber erst verschwanden sie gänzlich. Nicht sofort und mit einem Schlage – das braucht uns hier nicht zu kümmern –, wohl aber in kürzester Frist und nicht erst seit der Zerstörung des jüdischen Tempels. Weiter aber, wohin die christliche Predigt in der Folgezeit kam, da verödeten die Opferaltäre und die Opfertiere fanden keinen Käufer mehr. Der Tod Christi – darüber kann kein Zweifel sein – hat den blutigen Opfern in der Religionsgeschichte ein Ende gemacht. Ein tiefer religiöser Gedanke liegt ihnen zu Grunde, wie schon ihre Verbreitung bei so vielen Völkern beweist, und sie dürfen nicht von kalten und blinden Rationalisten beurteilt werden, sondern von lebendig fühlenden Menschen. Wenn es nun offenbar ist, daß sie einem religiösen Bedürfnisse entsprochen haben, wenn es ferner gewiß ist, daß der Trieb, der zu ihnen geführt hat, in dem Tode Christi seine Befriedigung und darum sein Ende gefunden hat, wenn endlich ausdrücklich bezeugt worden ist, wie wir das im Hebräerbrief lesen: „Mit einem Opfer hat er in Ewigkeit vollendet, die geheiligt werden“[WS 6] –, so wird uns die Vorstellung nicht mehr so fremdartig berühren; denn die Geschichte hat ihr recht gegeben, und wir beginnen sie nachzuempfinden. Dieser Tod hatte den Wert eines Opfertodes; denn sonst hätte er nicht die Kraft besessen, in jene innere Welt einzugreifen, aus der die blutigen Opfer hervorgegangen sind; aber er war kein Opfertod wie die anderen, sonst hätte er ihnen nicht ein Ende machen können: er hob sie auf, indem er sie abschloß. Noch mehr dürfen wir sagen – die Geltung der dinglichen Opfer überhaupt ist durch den Tod Christi abgethan worden. Wo immer einzelne Christen oder ganze Kirchen zu ihnen zurückgekehrt sind, da war es ein Rückfall: die alte Christenheit hat es gewußt, daß nun das ganze Opferwesen beseitigt ist, und wenn sie Rechenschaft geben sollte, wodurch, so verwies sie auf den Tod Christi.

Zweitens: Wer in die Geschichte hineinschaut, der erkennt,[100] daß das Leiden des Gerechten und Reinen das Heil in der Geschichte ist, d. h. daß nicht Worte, sondern Thaten, aber auch nicht Thaten, sondern nur aufopferungsvolle Thaten, aber nicht bloß aufopferungsvolle Thaten, sondern nur die Hingabe des Lebens über die großen Fortschritte in der Geschichte entscheidet. In diesem Sinn glaube ich, daß, so fern uns alle Stellvertretungstheorien liegen mögen, doch nur wenige unter uns sein werden, die das innere Recht und die Wahrheit einer Ausführung wie die Jesaja c. 53 verkennen: „Fürwahr, Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.“[WS 7] „Niemand hat größere Liebe, denn daß er sein Leben läßt für seine Freunde“[WS 8] – so hat man von Anfang an den Tod Christi betrachtet. Je sittlich zarter jemand fühlt, um so sicherer wird er überall in der Geschichte, wo Großes geschehen ist, das stellvertretende Leiden empfinden und auf sich beziehen. Hat Luther im Kloster nur für sich gerungen, hat er nicht für uns alle mit der Religion, die ihm überliefert war, gekämpft und innerlich geblutet? Aber das Kreuz Jesu Christi ist es gewesen, an welchem die Menschheit die Macht der im Tode sich bewährenden Reinheit und Liebe so erfahren hat, daß sie es nicht mehr vergessen kann, und daß diese Erfahrung eine neue Epoche ihrer Geschichte bedeutet.

Endlich drittens: Keine „vernünftige“ Reflexion und keine „verständige“ Erwägung wird aus den sittlichen Ideen der Menschheit die Überzeugung austilgen können, daß Unrecht und Sünde Strafe verlangen, und daß überall, wo der Gerechte leidet, sich eine beschämende und reinigende Sühne vollzieht. Undurchdringlich ist diese Überzeugung; denn sie stammt aus den Tiefen, in denen wir uns als eine Einheit fühlen, und aus der Welt, die hinter der Welt der Erscheinung liegt. Verspottet und verleugnet, als wäre sie längst nicht mehr vorhanden, behauptet sich diese Einsicht unzerstörbar im sittlichen Empfinden der Menschen. Das sind die Gedanken, die von Anfang an durch den Tod Christi erweckt worden sind und ihn gleichsam umspült haben. Es sind noch andere entfesselt worden – minder bedeutende und doch zeitweilig sehr wirksame –, aber diese wurden die mächtigsten. Sie haben sich zu der festen Überzeugung verdichtet, daß Er durch sein Todesleiden etwas Entscheidendes gethan und daß Er es „für uns“[WS 9] gethan hat. Wollten wir versuchen, es auszumessen und, zu registrieren, wie man es sehr bald versucht hat, so kämen wir zu abschreckenden Paradoxien, aber nachempfinden können wir es mit der Freiheit, mit der es[101] ursprünglich empfunden worden ist. Nehmen wir aber noch hinzu, daß Jesus selbst seinen Tod als einen Dienst bezeichnet hat, den er den Vielen leiste, und daß er ihm durch eine feierliche Handlung ein fortwirkendes Gedächtnis gestiftet hat – ich sehe keinen Grund, diese Thatsache zu bezweifeln –, so verstehen wir es, wie dieser Tod, die Schmach des Kreuzes, in den Mittelpunkt rücken mußte.


Aber als „der Herr“ ist er nicht nur deßhalb verkündigt worden, weil er für die Sünder gestorben ist, sondern weil er der Auferweckte, Lebendige ist.[AU 3] Wenn diese Auferweckung nichts anderes besagte, als daß ein erstorbener Leib von Fleisch und Blut wieder lebendig gemacht worden sei, so würden wir alsbald mit dieser Überlieferung fertig sein. Aber so steht es nicht. Das Neue Testament selbst unterscheidet zwischen der Osterbotschaft von dem leeren Grabe und den Erscheinungen Jesu einerseits und dem Osterglauben andererseits. Obschon es den höchsten Wert auf jene Botschaft legt, verlangt es den Osterglauben auch ohne sie. Die Geschichte des Thomas wird ausschließlich zu dem Zwecke erzählt, um einzuschärfen, daß man sicher und zuversichtlich den Osterglauben haben solle, auch ohne sich von der Osterbotschaft persönlich überzeugt zu haben: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“[WS 10] Die Jünger, die nach Emmaus gingen, werden gescholten, weil ihnen der Glaube an die Auferweckung fehlt, obgleich sie die Osterbotschaft noch gar nicht erhalten haben. Der Herr ist der Geist, sagt Paulus, und in diese Gewißheit war seine Auferweckung mit eingeschlossen. Die Osterbotschaft berichtet von dem wunderbaren Ereignis im Garten des Joseph von Arimathia, das doch kein Auge gesehen hat, von dem leeren Grabe, in das einige Frauen und Jünger hineingeblickt, von den Erscheinungen des Herrn in verklärter Gestalt – so verherrlicht, daß die Seinen ihn nicht sofort erkennen konnten –, bald auch von Reden und Thaten des Auferstandenen; immer vollständiger und zuversichtlicher wurden die Berichte. Der Osterglaube aber ist die Überzeugung von dem Siege des Gekreuzigten über den Tod, von der Kraft und der Gerechtigkeit Gottes und von dem Leben dessen, der der Erstgeborene ist unter vielen Brüdern. Für Paulus waren die Grundlage seines Osterglaubens die Gewißheit, daß „der zweite Adam“[WS 11] vom Himmel ist, und die Erfahrung, daß Gott ihm seinen Sohn als lebendigen offenbart habe auf dem Wege nach Damaskus. Er hat ihn „in mir“[WS 12] offenbart, sagt er, aber diese innere Offenbarung war mit einem „Schauen“ ver-[102] bunden gewesen, so überwältigend wie niemals später wieder. Ob der Apostel die Botschaft vom leeren Grabe gekannt hat? Angesehene Theologen bezweifeln es, mir ist es wahrscheinlich; aber eine völlige Sicherheit läßt sich nicht gewinnen. Sicher ist, daß er und die Jünger vor ihm nicht auf den Befund des Grabes, sondern auf die Erscheinungen das entscheidende Gewicht gelegt haben. Aber wer kann unter uns behaupten, daß er sich nach den Erzählungen des Paulus und der Evangelien ein deutliches Bild von diesen Erscheinungen machen könne, und wenn das unmöglich und keine Überlieferung einzelner Vorgänge absolut sicher ist, wie will man den Osterglauben auf sie gründen? Entweder man muß sich entschließen, auf Schwankendes, auf etwas, was immer wieder neuen Zweifeln ausgesetzt ist, seinen Glauben zu stellen, oder man muß diese Grundlage aufgeben, mit ihr aber auch das sinnliche Wunder. An den Wurzeln der Glaubensvorstellungen liegt auch hier die Wahrheit und Wirklichkeit. Was sich auch immer am Grabe und in den Erscheinungen zugetragen haben mag – eines steht fest: von diesem Grabe her hat der unzerstörbare Glaube an die Überwindung des Todes und an ein ewiges Leben seinen Ursprung genommen. Man verweise nicht auf Plato, nicht auf die persische Religion und die spätjüdischen Gedanken und Schriften. Das alles wäre untergegangen und ist untergegangen; aber die Gewißheit der Auferstehung und eines ewigen Lebens, die sich an das Grab im Garten des Joseph knüpft, ist nicht untergegangen, und die Überzeugung, Jesus lebt, begründet noch heute die Hoffnungen auf das Bürgerrecht in einer ewigen Stadt, die das irdische Leben lebenswert und erträglich machen. „Er hat die erlöst, so durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mußten“[WS 13] – bekennt der Verfasser des Hebräerbriefs. Das ist es. Und – mag’s auch nicht ausnahmslos gelten: wo heute noch wider alle Eindrücke der Natur ein starker Glaube an den unendlichen Wert der Seele vorhanden ist, wo der Tod seine Schrecken verloren hat, wo die Leiden dieser Zeit gemessen werden an einer zukünftigen Herrlichkeit, da ist diese Lebensempfindung geknüpft an die Überzeugung, daß Jesus Christus durch den Tod hindurchgedrungen ist, daß Gott ihn erweckt und zu Leben und Herrlichkeit erhoben hat. Und wie kann man es sich anders vorstellen, als daß auch für die ersten Jünger der letzte Grund ihres Glaubens an den lebendigen Herrn die Kraft gewesen ist,[103] die von ihm ausgegangen war? Unzerstörbares Leben hatten sie als von ihm ausgehend empfunden; nur eine kurze Spanne hindurch konnte sie sein Tod erschüttern; die Kraft des Herrn siegte über alles: Gott hat ihn nicht im Tode zertreten; er lebt als der Erstling der Entschlafenen. Nicht durch philosophische Spekulationen, sondern durch die Anschauung des Lebens und Sterbens Jesu und durch die Empfindung seiner unvergänglichen Einheit mit Gott hat die Menschheit, soweit sie überhaupt daran glaubt, die Gewißheit eines ewigen Lebens, auf das sie angelegt ist und das sie ahnt, gewonnen – eines ewigen Lebens in der Zeit und über der Zeit. Damit ist erst der Glaube an den Wert persönlichen Lebens sicher gestellt. Von allen Versuchen aber, die Gewißheit der „Unsterblichkeit“ durch Beweise zu begründen, gilt der Satz des Dichters: „Du mußt glauben, du mußt wagen, denn die Götter leih’n kein Pfand.“[AU 4][WS 14] An den lebendigen Herrn und an ein ewiges Leben zu glauben, ist die That der aus Gott geborenen Freiheit.

Als der Gekreuzigte und Auferweckte war Jesus der Herr. In diesem Bekenntnis sprach sich das ganze Verhältnis zu ihm aus; aber es bot der Anschauung und Spekulation einen unerschöpflichen Inhalt. Das vielgestaltige Messiasbild wurde mit eingeschlossen in diesen Begriff „Herr“ und alle alttestamentlichen Verheißungen desgleichen. Aber ausgeführte kirchliche „Lehren“ über ihn gab es noch nicht: wer ihn als den Herrn bekannte, gehörte zur Gemeinde.


2. Die erlebte Religion – das zweite Stück, welches die Urgemeinde charakterisiert, ist, daß jeder einzelne in ihr, auch die Knechte und Mägde, Gott erleben. Das ist merkwürdig genug; denn zunächst sollte man denken, daß bei dieser Hingabe an Christus und bei dieser unbedingten Verehrung für ihn sich alle Frömmigkeit in der pünktlichsten Unterordnung unter seine Worte und deshalb in einer Art von freiwilliger Knechtschaft ihm gegenüber hätte äußern müssen. Aber die paulinischen Briefe und die Apostelgeschichte bieten uns ein anderes Bild. Zwar die unbedingte Hochhaltung der Worte Jesu bezeugen sie, aber sie ist nicht der hervorstechendste Zug in dem Bilde der ältesten Christenheit. Viel charakteristischer ist, daß die einzelnen Christen, bewegt vom Geiste Gottes, in ein lebendiges und ganz persönliches Verhältnis zu Gott selbst versetzt sind. Wir haben neuerdings ein schönes Buch erhalten von[104] Weinel: „Die Wirkungen des Geistes und der Geister im nachapostolischen Zeitalter.“[WS 15] Es blickt an vielen Stellen auf das apostolische Zeitalter zurück und führt das weiter aus, was Gunkel in seiner Abhandlung über den heiligen Geist so eindrucksvoll für diese Zeit dargelegt hat. Weinel hat die vernachlässigten Probleme, in welchem Umfange und in welchen Formen der „Geist“ im Leben der ältesten Christenheit wirksam gewesen ist, und wie die hierher gehörigen Erscheinungen zu beurteilen sind, vortrefflich erörtert. Das Wesentliche ist: „den heiligen Geist empfangen haben und durch ihn handeln“[WS 16] bedeutet eine Selbständigkeit und Unmittelbarkeit des religiösen Empfindens und Lebens und eine innere Verbindung mit Gott, der als die mächtigste Wirklichkeit gespürt wurde, wie man sie bei der entschlossenen Unterordnung unter die Autorität Jesu nicht erwartet. Gotteskindschaft und Begabung mit seinem Geist fallen mit der Jüngerschaft Christi einfach zusammen. Daß die Jüngerschaft nur dann wirklich vorhanden ist, wenn der Mensch von dem Geiste Gottes durchwaltet ist, weiß noch die Apostelgeschichte sehr wohl. Die Ausgießung des heiligen Geistes hat sie an die Spitze ihrer Erzählungen gestellt. Ihr Verfasser ist sich bewußt, daß die christliche Religion nicht die letzte und höchste wäre, wenn nicht jeder einzelne durch sie unmittelbar und lebendig mit Gott verbunden wäre. Das Ineinander der vollen gehorsamen Unterordnung unter den „Herrn“ und der Freiheit im Geiste ist das wichtigste Merkmal der Eigenart dieser Religion und das Siegel ihrer Größe. Die Wirkungen des Geistes zeigten sich auf allen Gebieten, in dem ganzen Bereiche der fünf Sinne, in der Sphäre des Wollens und Handelns, in tiefen Spekulationen und in dem zartesten Verständnis für das Sittliche. Die elementaren Kräfte der religiösen Anlage, durch Religionslehren und kultische Zeremonieen niedergehalten, wurden wieder entfesselt und offenbarten sich in Ekstasen, in Zeichen und Kraftthaten, in Steigerungen aller Funktionen bis zu pathologischen und bedenklichen Zuständen. Aber unvergessen blieb die Erkenntnis – und wo sie zu schwinden drohte, wurde sie eingeschärft –, daß jene stürmischen und wunderbaren Erscheinungen individuelle seien, daß es aber neben ihnen Wirkungen des Geistes giebt, die jedem geschenkt werden und die niemand missen kann. „Die Frucht aber des Geistes“, schreibt der Apostel Paulus, „ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube,[105] Sanftmut, Keuschheit.“[WS 17] Das ist das andere Merkmal der Eigenart und Größe dieser Religion, daß sie die elementare Kräftigkeit, welche sie entbunden hat, nicht überschätzte, daß sie ihren geistigen Inhalt und ihre Zucht triumphieren ließ über alle Ekstasen, und daß sie sich in der Überzeugung nicht erschüttern ließ, der Geist Gottes, wie er auch immer sich offenbaren möge, sei ein Geist der Heiligkeit und der Liebe. Damit sind wir bereits zu dem dritten Stück, welches die älteste Christenheit charakterisiert, übergegangen.


3. Das heilige Leben in Reinheit und Brüderlichkeit und in der Erwartung der nahe bevorstehenden Wiederkunft Christi – der Gang, den die Kirchengeschichte genommen hat, hat es herbeigeführt, daß man im Neuen Testament viel mehr die dogmatischen Ausführungen hervorgesucht und erörtert hat als die Abschnitte, in denen uns das Leben der ältesten Christen geschildert wird und sittliche Ermahnungen gegeben werden. Und doch füllen diese nicht nur einen großen Teil der neutestamentlichen Briefe, sondern auch nicht wenige sog. dogmatische Abschnitte sind lediglich um sittlicher Admonition willen geschrieben. Sie in den Vordergrund zu rücken, hat Jesus seine Jünger angewiesen, und die älteste Christenheit wußte es noch, daß ihre erste Aufgabe im Leben sei, den Willen Gottes zu thun und sich als eine heilige Gemeinde darzustellen. Ihre ganze Existenz und ihre Mission beruhte darauf. Zwei Hauptstücke standen ihr nach den Sprüchen Jesu dabei in erster Linie, und sie umfaßten im Grunde alle sittliche Bethätigung: die Reinheit und die Brüderlichkeit. Reinheit im tiefsten und umfassendsten Sinn des Worts als der Abscheu vor allem Unheiligen und als die innere Freude an Lauterkeit und Wahrheit, an allem, was lieblich ist und wohllautet. Reinheit auch in Bezug auf den Leib. „Wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist? Darum preiset Gott an eurem Leibe.“[WS 18] In diesem hohen Bewußtsein haben die alten Christen den Kampf aufgenommen gegen die Sünden der Unreinheit, die im Heidentum gar nicht als Sünden galten. Als Kinder Gottes unsträflich „mitten unter dem unschlachtigen und verkehrten Geschlecht, unter welchem ihr scheinet als Lichter in der Welt“[WS 19] – so sollten sie sich bewähren und haben sie sich bewährt. Heilig sein wie Gott, rein sein als Jünger Christi – darin ist auch das Maß von Verzicht auf die Welt gegeben, welches diese Gemeinde sich auferlegt hat. „Sich von der[106] Welt unbefleckt behalten“[WS 20], das ist die Askese, die sie trieb und forderte. Das andere aber ist die Brüderlichkeit. Einen neuen Bund der Menschen untereinander hat schon Jesus selbst ins Auge gefaßt, wenn er in seinen Sprüchen die Gottesliebe und die Nächstenliebe in eins gebunden hat. Die ältesten Christen haben ihn verstanden. Sie haben sich nicht nur in Worten, sondern auch in Thaten – in lebendiger Verwirklichung – von Anfang an als ein Bruderbund konstituiert. Indem sie sich „Brüder“ nannten, empfanden sie alle Verpflichtungen, die dieser Name auferlegt, und suchten ihnen zu entsprechen, nicht durch gesetzliche Bestimmungen, sondern durch freiwillige Dienstleistung, ein jeder nach Maßgabe seiner Kräfte und Gaben. Daß man in Jerusalem sogar bis zu einer freiwilligen Gütergemeinschaft vorgeschritten sei, erzählt die Apostelgeschichte; Paulus sagt nichts darüber, und wenn der uns klare Bericht wirklich zuverlässig sein sollte, so haben doch weder Paulus noch die heidenchristlichen Gemeinden das Unternehmen für vorbildlich gehalten. Neue äußere Ordnungen der Lebensverhältnisse schienen nicht gefordert und nicht ratsam. Die Brüderlichkeit, welche „die Heiligen“ pflegen sollten und pflegten, war durch zwei Grundsätze bezeichnet: „So ein Glied leidet, so sollen die anderen mitleiden“[WS 21], und „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“[WS 22].




Anmerkungen des Autors (1908)

  1. „Er war lediglich der Lehrer, die Jünger die Schüler gewesen“ – doch in den letzten Wochen vor seinem Tode hatte sich bereits das Verhältnis geändert, da die Jünger in ihm den zukünftigen Messias, freilich noch unsicher, erkannt hatten.
  2. „und das ganze Evangelium in diese Ereignisse sozusagen eingeschmolzen“ – d. h. die Botschaft vom Gekreuzigten und Auferstandenen wurde von selbst das Evangelium.
  3. Die hier gemachte Unterscheidung von Osterbotschaft und Osterglaube ist vielfach beanstandet worden; ich vermag sachlich nichts an ihr zu ändern, räume aber ein, daß das Wort „Osterbotschaft“ nicht ganz glücklich gewählt und daher mißverständlich ist. Gemeint sind die konkreten Osterberichte.
  4. Das Schillersche Wort würde ich an dieser Stelle jetzt nicht mehr zitieren, weil es die verletzen muß, die in der leiblichen Auferstehung Jesu eine wohl bezeugte geschichtliche Tatsache und deshalb auch ein „Pfand“ sehen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vgl. Mt 28,20.
  2. Vgl. 1. Kor 15,3f.
  3. Vgl. Gal 2,20.
  4. Lk 1,48.
  5. 1. Kor 15,3.
  6. Hebr 10,14.
  7. Jes 53,4a.
  8. Joh 15,13.
  9. Vgl. 1. Thess 5,9f.
  10. Joh 20,29.
  11. 1. Kor 15,45.47.
  12. Gal 1,16.
  13. Hebr 2,15.
  14. Friedrich Schiller, Sehnsucht, in: Nationalausgabe, Bd. 2, Teil 1, Weimar 1983, S. 197.
  15. Die Wirkungen des Geistes und der Geister im nachapostolischen Zeitalter bis auf Irenäus, Freiburg 1899. Internet Archive.
  16. Vgl. Gal 5,25.
  17. Gal 5,22f.
  18. 1. Kor 6,19f.
  19. Phil 2,15.
  20. Jak 1,27.
  21. 1. Kor 12,26.
  22. Gal 6,2.


« Achte Vorlesung Adolf von Harnack
Das Wesen des Christentums
Zehnte Vorlesung »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).