Der Dommeister von Regensburg

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Autor: Herman Schmid
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Titel: Der Dommeister von Regensburg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33–39
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Geschichtliche Erzählung

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[505]
Der Dommeister von Regensburg.
Geschichtliche Erzählung von Herman Schmid.


Ein schöner Aprilabend dunkelte über dem engen Straßenknäuel von Regensburg: nur die Spitzen und Stufengiebel der hohen Häuser waren noch vom röthlichen Nachglanz des Sonnenuntergangs erhellt; über dem Platze aber, wo der Dom gebaut wurde, wölbte sich ein weiter, blauer Lichtraum, in welchen das noch unvollendete Gebäude mit Phialen, Zacken und Thürmchen, mit Mauern, Krahnen und Gerüst dunkel und erhaben emporstieg wie ein künstlich aufgeschichtetes Gebirge.

Am Fuße des gewaltigen Baues, in einer aus starkem Gebälke gefügten Hütte, stand ein Mann an’s offene Fenster gelehnt und sah unverwandten Blicks in den Abendhimmel empor, an dem schon einzelne Sterne aufblitzten; es war nicht zu erkennen, ob er nur die einströmende Abendfrische und Frühlingsluft genießen und sich mit seinen Gedanken im Blauen verlieren wollte, oder ob sein Auge prüfend und forschend an den Umrissen des Gebäudes hing. Jedenfalls war er so tief in Sinnen versunken, daß er die Zimmerer und Steinmetzen nicht gewahrte, welche Feierabend gemacht hatten und nacheinander die Bauhütte verließen. Sie zogen im Vorübergehen ehrerbietig die Mützen und sagten nach Brauch ihren Werkspruch, wie sie nun redlich Schicht gemacht hatten und den Bau in Gottes Schutz verließen; der Mann grüßte nicht hinwider und vergaß sogar, mit dem üblichen Schlußreim zu entgegnen, wie nun statt ihrer Sanct Johannes kommen und getreue Hüttenwacht halten werde. Es war eine kräftige, wohlgebildete Gestalt im ersten Mannesalter, in einen dunkeln Koller gekleidet, über den ein weiter Aermelrock mit Verbrämung von Marderpelz geworfen war; eine ähnlich aufgeschlagene Mütze saß keck über der männlich offenen Stirn und den kühnen, scharfblickenden Augen, langes, dunkles Haar fiel kunstlos auf Nacken und Schultern und nur an den Schläfen waren die Locken schon mit einem leichten Silberanfluge bestreut.

Unweit davon, hinter dem Werktische, stand ein Anderer, in Allem so ziemlich das gerade Widerspiel des Ersteren; ein feines Männchen von hagerer Gestalt in eine warme Pelzschaube gewickelt, wie zum Schutze gegen eine Erkältung durch die Frühlingsluft, welche abendlich frisch durch das Fenster hereinwehte. Das Gesicht war hager und bleich, aber von klugem Ausdruck; gleich den zarten Händen und dem kostbaren Sammetwamms mit dem Mäntelchen darüber, verrieth es, daß der Mann nicht in Werkstatt oder Lager als Kriegsmann oder Bürger gelebt, sondern seine Tage als Gelehrter in der Stube verbracht haben mußte. Auch er schien weder Auge noch Ohr zu haben für das, was um ihn her vorging, und war ganz in das mächtige Pergamentblatt vertieft, das auf dem Tische vor ihm ausgebreitet lag und worauf der Dom gezeichnet war, wie er einmal fertig dastehen sollte.

„Ein wunderbares Gebäude!“ rief er endlich, indem er mit dem Finger leichthin die Linien des Planes beschrieb. „Ist allerdings schwer zu entscheiden, was daran fürtrefflicher, ob die innern Hallen mit den gewaltigen Säulenbündeln und den luftigen Kreuzgewölben, oder die äußere Zier und Pracht und die Keckheit, mit der die Thürme sich über die Kirche wie bis in den Himmel hinein erheben! Solches zu betrachten ist ein wahrhaftig Labsal für ein kunstsinnig Gemüth und möchte unsereins wohl die Glücklichen beneiden, denen es verstattet sein wird, das vollendete Werk zu schauen und sich daran zu ergötzen!“

Der Mann am Fenster schwieg einen Augenblick und sah noch fester nach den Thürmen empor, deren stumpfe Häupter noch um manches Stockwerk von dem Punkte ferne waren, wo das Aufsetzen der ihnen bestimmten durchbrochenen Steinkronen beginnen sollte. „Ein schöner Wunsch, Herr …,“ sagte er dann, „und doch wollt’ ich mir’s genügen lassen, so Jemand es vermöcht’ und könnt’ mir nur die Gewißheit geben, daß der Dom wirklich einmal vollendet dastehen wird!“

„Zweifelt Ihr daran?“ rief nähertretend das Männchen im schwarzen Wamms. „Ist doch das Hauptgebäude bereits vollendet; Schiff und Chor, Abseiten und Giebel sind fertig und schon mit allerlei Schmuck verziert; wird doch schon Amt und Predigt darin gefeiert mit Gesang und Orgel, also daß schier nur noch die Thürme auszubauen übrig scheint.“

„Nur noch die Thürme?“ entgegnete der Mann mit leichtem Spott in Ton und Geberde. „Das bedünket Euch wohl gar ein gering und leicht fügsam Werk? So Ihr das vermeinet, seid Ihr in argem Irrthum, Herr! Daß Schiff und Chor fertig sind, daß sie schon predigen können und Messe lesen … darin steckt eben das Uebel! Sie haben, was sie unerläßlich bedürfen; wär’ es wohl das erste Mal, Herr, daß man sich damit begnügt? daß der Eifer erkaltete für die schöne Zier … daß man für entbehrlich hält, was nicht völlig unumgänglich ist?“

„Ihr seid wohl zu ängstlich!“ rief das feine Männchen und wickelte sich eifrig noch tiefer in seinen Pelz, als wollte es andeuten, wie sehr ihm das Schließen des Fensters erwünscht wäre, durch das es immer kühler hereinstrich. „Wie lange ist es doch, daß mit dem Bau begonnen ward?“

„Seht Ihr dort drüben den mächtigen Steinblock in der Ecke des alten Krenzgangs? Darauf ist zu unterst die Jahrzahl 1275 eingegraben; damals, es war gerade um dieselbe Zeit im Jahr, [506] war die alte hölzerne Kirche, von der die Chronica meldet, vom Blitz getroffen worden und ein Regensburger Kind, Herr Leo Dundorfer, der’s bis zur Bischofsmütze gebracht, der legte den Grundstein.“

„Und jetzt stehen wir im Jahre des Herrn 1514 …“ sagte der Hagere bedächtig rechnend vor sich hin … „also nicht volle dreihundert Jahr sind vergangen, seit die Gemeinde von Regensburg sich eines solchen Riesenwerks vermaß! Was ist diese Zeit für diesen Bau – wie ein achtes Weltwunder steht er jetzt schon da, wie ein ewiges Denkmal, was der feste Wille vermag und der gläubige Sinn!“

„Und vor Allem die Eintracht!“ setzte der Andere mit bedeutsamem Nachdruck hinzu.

„Sollt’ es daran gebrechen in dem reichen, mächtigen Regensburg?“ fragte der Hagere staunend entgegen und trat mit weit vorgestreckten Armen rasch an das Fenster, weil der Mann Anstalt machte, noch einen Flügel desselben zu öffnen. „Wollt’ es auch nicht übel vermerken, so ich Euch ersuche, das Fenster zu schließen. Ihr möget wohl an derlei gewohnt und dafür gehärtet sein, dieweilen mich mein asthmatisches Leiden zwingt, alle Verkühlung zu meiden.“

„Soll geschehen, Herr,“ erwiderte der Angeredete; „wollt’ Euch nur Gelegenheit geben, auf die Frage, so Ihr eben gestellt, die Antwort recht deutlich von außen zu hören … horchet einmal …“

Durch die inzwischen völlig eingetretene Dunkelheit erscholl von draußen her wüstes, verworrenes Geschrei, vermischt mit Waffengeklirr und einzelnen, scharf gellenden Glockenschlägen.

„Ihr müßt nicht lange in deutschen Landen und noch kürzere Frist in Regensburg sein, Herr,“ fuhr der Mann fort, indem er das Fenster schloß, „sonst wüßtet Ihr, daß das nicht mehr die reiche, mächtige Stadt ist, die Ihr in Gedanken haben mögt! Die drei Säcula sind nicht darüber weggezogen, ohne gar Manches zu ändern … der Gemeingeist ist erloschen, Rath und Bürgerschaft liegen miteinander seit Jahren in Hader und Zwietracht und drüber haben sie’s versehen, wie die gierigen Nachbarn uns allmählich eingebunden und eingeschnürt haben, daß wir uns nicht mehr regen können … die Bürger können und wollen nicht mehr steuern, denn das reiche Regensburg ist verarmt, die Christenheit aber ist lau geworden im Glauben, und darum ist auch das Gnadenbrünnlein versiecht, das der Papst dem Dombau verliehen … die Ablaßpfennige fließen nur mehr tropfenweise.“

Der Hagere schüttelte bedächtig das ernste Haupt. „Freilich, so es sich also verhält,“ sagte er, „sind das schlimme Anzeichen und Prästigia! Habe all’ das nicht so gewußt, weil ich erst kürzlich von einer weiten Reise aus Hispania zurückgekommen, so ich im Auftrage des Kaisers Maximilian vollführt, um kostbare Bücher und Handschriften aufzuspüren. Der Kaiser ist ein Freund und großgünstiger Mäcenas der Künste, und wie ich wieder zu ihm komme, werde ich ihm Vorstellung machen, daß er ein gnädig Einsehen nimmt und auch dafür sorgt, daß der Zwietrachtsgöttin, die den Zankapfel in diese Stadt geworfen, die Hände gebunden werden. Werd’ ihm auch von Euch erzählen, Meister, denn seit ich das Sacramentshäuschen gesehen, das Ihr in dem Dome ausgeführt, habt Ihr keinen eifrigern Verehrer Eurer Kunst, als den alten Doctor Leonardus Stabius! Werde kaiserlicher Majestät sicher von Euch erzählen und ich darf mich wohl rühmen, daß mein Wort Gewicht hat in seinem Sinn: ist er es doch gewesen, der mich mit aller Gnade überhäuft, auch eigenhändig vor dem ganzen kaiserlichen Hofe als Poeten gekrönet hat. … Sagt doch, Meister, seid Ihr nicht ein Nachkomme des berühmten Steinmetzen Roritzer, der am Stephansdom zu Wien mitgeholfen und das Beste gethan bei der Lorenzer-Kirche in Nürnberg?“

„Es war mein Ahn, Herr Stabius,“ entgegnete der Meister, „und hieß Wolfgang, wie ich; mein Vater, Matthias Roritzer, ist nach ihm Dommeister gewesen.“

„Und was Vater und Sohn begonnen,“ sagte Stabius und bot Roritzer lächelnd die Hand, „das wird der Enkel vollenden! Ihr seid noch zu guten Jahren, Herr Dommeister, möget immer noch so ein vierzig Jährlein vor Euch haben, zu wirken und zu schaffen… Gebet Acht, meine Prophezeiung wird sich erfüllen und als der größte Eures Namens werdet Ihr die Reihe schließen und der letzte Dommeister sein!“

„Ihr meint es wohl gut mit mir, Herr Doctor,“ erwiderte Roritzer, „aber ich weiß nicht, wie es geschieht, es will keine rechte Freudigkeit, keine feste Zuversicht mehr aufkommen in meinem Gemüth! Gebe Gott, daß Euer Spruch sich nicht in schlimmem Sinn erfüllt … drüben auf dem großen Quaderstein, den ich Euch vorhin gezeigt, sind all’ die Werkzeichen derer eingehauen, die als Steinmetzen und Dommeister an dem Bau mitgeholfen; es ist Brauch so, daß Jeder in der Hütte sein Zeichen zurücklaßt.“

„Welch’ ein Zeichen habt Ihr gewählt?“

„Ein schwarzes Kreuz, Herr, am untern Stamm gebrochen. Das Kreuz wird einmal auch in dem Quaderstück eingehauen stehen und das wird vielleicht Alles sein, was man von Wolf Roritzer wissen wird… Weiß man mehr von Meister Ludwig, der den Werkplan gemacht? Von Meister Andreas, der den Chor gebaut? Aber wenn es so ist, soll’s mich nicht kränken, ich begehre nicht mehr als sie! Drum ist unsre Kunst die größte von allen, weil Einer allein ein solches Werk nicht ausführen kann, weil ihrer Viele zusammenhelfen müssen und weil ein Jeder sich selbst vergessen muß über dem Werk, das sie schaffen alle nacheinander und doch miteinander. Mir soll’s genug sein, auch mein redlich Theil daran geschaffen zu haben … wüßt’ ich’s nur gewiß, daß der Bau nicht stocken wird, daß er einmal vollendet dasteht …“

Der Poet wollte erwidern, aber die Thür ging auf und der Gruß eines rasch Eintretenden schnitt ihm das Wort vom beredten Munde ab. Es war ein kleiner, stark beleibter Mann mit rothem, fröhlichem Gesicht und munteren Augen, zu denen das schneeweiße, starke und etwas wirre Haupthaar ganz wundersam stand, ein Greis mit dem Aussehen, der Behendigkeit und dem Feuer eines Jünglings. „So hat’s das Blitzmädel doch errathen!“ rief er lachend. „Da sitzt er richtig einsam und in der Finsterniß wie eine Nachteule! Hast wohl die Weinglocke überhört, Wölflein? Ich war schon zweimal in der Donauwacht und hab’ nachgesehen im güldenen Greiffen; Sibylle, das Schenkmädel, hat auch um Dich gefragt und hat dabei ein paar Augen gemacht, so verdreht und verwirrt, daß sie mich schier dauerte… Da bin ich nun hergelaufen und will Dich fragen, ob Du nicht weißt, daß ein richtiger Steinmetz, wenn er den Tag über genug Sand geschluckt hat, Abends hinter den Schenktisch gehört?“

„Kugle Dich nur erst vollends herein,“ erwiderte Roritzer, indem er Feuer schlug und mit dem Schwefelfaden eine alte Metalllampe anzündete, deren Form mit Schnabel und Henkel hohes Alter verrieth. „Laß Deine Schwänke, Alter, und sieh Dich um, wir sind nicht allein… Vermerkt es nicht übel, Herr Doctor,“ fuhr er gegen Stabius gewendet fort, „daß Ihr solchen Gruß vernehmt, es ist mein allzeit lustiger, fürtrefflicher Freund, Meister Loy, der Bildschnitzer…“

„Wie?“ rief Stabius, indem er beide Hände erhob und verwundert einen Schritt zurücktrat. „Ihr seid Loy? Hans Loy der Bildschnitzer? Der berühmte Loy?“

Der muntere Greis besah sich etwas verwundert den Fragenden und ein gutmüthiges Spottlächeln zuckte ihm um die Lippen. „Berühmt?“ sagte er dann. „Davon spür’ ich nichts, aber das hab’ ich sagen hören, daß die Köpfe und Figuren, die ich schnitze, Menschen eher gleichsehen, als Affen!“

„Ihr seid Loy?“ rief Stabius wieder, der sich von seinem Erstaunen noch immer nicht erholen konnte. „Ihr habt den engelischen Gruß in der Rosenkrone geschnitzt, der in der Stiftskirche zu Straubing hängt?“

„Habt Ihr ihn gesehen, Herr?“ fragte der Bildschnitzer noch immer etwas unsicher.

„Gesehen und bewundert! O, welch’ ein glückseliges Gestirn ist es, so über dem heutigen Abend regiert und mich zu zwei solchen Männern und Künstlern geführt! Ich werde den Tag im Kalender roth anstreichen. Wie wird mein kaiserlicher Herr sich freuen, wenn ich ihm von dieser Begegnung erzähle! Und wie will ich ihm erzählen; Ihr sollt zufrieden sein, wie ich Euer gedenken werde, Meister Loy, und Euer, Herr Roritzer!“

„Das ist all’ ganz gut, Herr,“ sagte Loy, der Stabius noch immer prüfend, wie mit Kenneraugen, betrachtete. „Aber ich weiß ja gar nicht …“

„Ihr wißt nicht, wer ich bin … mein Name ist Stabius, Leonardus Stabius, kaiserlicher, gekrönter Poet, auch der sieben freien Künste Doctor.“

Der Ausdruck in dem Gesichte des weißköpfigen Bildschnitzers ward immer eigenthümlicher und immer stärker zuckte es um seine [507] Mundwinkel, so daß der redselige Gelehrte in seinem Wortfluß zu stocken begann. „Ihr seid ein Poet, Herr?“ rief Loy. „Also so sehen die Poeten aus? Vermerkt mir’s nicht übel, Herr Doctor, so hab’ ich mir das nicht vorgestellt, und wenn ich einen Poeten hätte schnitzen sollen, würde er wohl anders ausgefallen sein! Aber meinetwegen, wenn man Euch als Poeten gekrönt hat, muß es doch wohl so sein… Was Ihr aber da sonst vom Kaiser gesagt, deshalb versetzt Euch um meinetwillen in keine Unkosten!“

„Wie, Ihr wolltet es zurückweisen, wenn die Gnade des Kaisers …“

„Gnade, Herr? … Es giebt nur Einen, der wahrhaftig Gnaden austheilen kann,“ sagte Loy mit Nachdruck, „und der hat mich nicht zu kurz kommen lassen, meiner Lebtage bis heut! Gnade des Kaisers! So ‘was hätte früher kommen müssen, wie ich noch jung war, da hätt’ es mir vielleicht genützt, hätte mir vorwärts geholfen – vielleicht auch nicht. Jetzt hab’ ich mich selber zu dem gemacht, was ich bin, da will ich mir von Niemand mehr dareinpfuschen lassen und wenn’s der Kaiser wär! Was ein alter Kerl für die paar Jährchen bedarf, die mir noch aufgehoben sind, das wird reichen für ein Wamms und für einen täglichen Trunk aus dem Mittelfäßlein; mehr brauch’ ich nicht… So Ihr aber dem da förderlich sein wollet, Herr Poet und Doctor, so Ihr etwas zu thun vermöget für Wolf Roritzer, den Thumbmaister …“

„Solches bin ich schon des Eifrigsten gesonnen!“

„Dann seid Ihr mein Mann! Seht, ich will es Euch nur sagen, … der Junge da, das Wölflein hat mir’s angethan, er ist mir an’s Herz gewachsen und wenn Ihr mir den beim Kaiser so recht herausstreichen wollt, daß er ihn in die Höhe hebt vor allen Andern, so werdet Ihr Euch keine Schande, dem alten Loy aber eine herzinnige Freude machen, und wenn ich einmal einen Poeten zu schnitzen bekomme, will ich das Muster von Euch nehmen …“

Roritzer hatte lächelnd zugehört und noch einiges Werkgeräthe in Ordnung gebracht. „Ei, ei, du liebe Eitelkeit!“ rief er jetzt. „Nun spricht er immer von mir und meint doch nur sich selbst; mich will er herausgestrichen haben, nur damit man wissen und davon reden soll, daß er mein Lehrer war.“

„Nun und wenn es so wäre, Du Gelbschnabel?“ erwiderte Loy und stemmte beide Arme in die Hüften. „Du brauchst Dich dessen nicht zu schämen, hast was bei mir gelernt, meine Schulmeisterei hat Dir wohl genützt … freilich, Du hast es auch verstanden, sie Dir zu Nutzen zu machen. Ich bin stolz auf Dich, mein Wölflein; in allen Bauhütten der Welt ist kein Meister, der Dir das Wasser reicht…“

„Ihr müßt den alten Plauderer nicht hören!“ unterbrach ihn Roritzer, indem er dem Gelehrten näher trat. „Wenn er in Zug kommt, zu schwatzen, stehen wir morgen früh noch hier. Kommt, Herr Doctor, wir wollen fort, in den Greiffen, es ist ein ganz ehrbares Zeichen, wir wollen beim Becher noch ein Stündchen verplaudern!“

„Solches ist nicht meine Art und Gepflogenheit,“ erwiderte, sich sachte zurückziehend, der Doctor. „Ich bin gewöhnt, Abends mein einfach Süpplein zu genießen und dann noch den Studien zu obliegen und der edlen Poesei…“

„Nichts da, Herr,“ rief der Bildschnitzer, indem er seinen Arm unbedenklich in den des Gelehrten legte, „im Greiffen sollt Ihr das richtige Süpplein kosten, so zur Poesei tauget, und Ihr werdet sehen, daß wir hinterm Humpen in einer Viertelstunde mehr Gescheidtes fürbringen, als Ihr in einer ganzen Nacht zusammenstudiret!“

„Aber Loy …“ tief Roritzer mißbilligend.

„Stille, Junge,“ entgegnete dieser lachend, „nicht geknurrt, Wölflein! Mach’, daß wir fortkommen; die braune Sibylle lugt sich sonst die Augen aus nach Dir! Nimm Deinen Mantel und gürte auch den Stoßdegen um, wir können ihn vielleicht brauchen…“

„Was? Wie?“ rief Stabius ängstlich, „so steht es in Regensburg? Man hat Waffen nöthig auf offner Straße, mitten in der Stadt?“

„Es ist nicht anders,“ erwiderte Loy, „aber sorgt nicht, Herr; unser Einem geschieht nicht leicht was zu Leide, auch wollen wir klüglich einen Umweg machen, es führt ein jeder Weg nach Rom, warum nicht auch in den güldenen Greiffen?“

„Aber was giebt es denn schon wieder?“ fragte Roritzer, während er sich rüstete.

„Was wird es geben! Die Schreihälse, die Wachthansen sind wieder einmal los und brüllen vor dem Rathhaus und dem Goliath, daß es einem das Gehör verschlagen könnte! Mich wundert, daß man es nicht bis hierher hört! Sie haben den Lyskirchner in der Arbeit; der ist ihnen wieder einmal durch den Sinn gefahren!“

„Lyskirchner? Der Stadtkammerer?“

„Als ob es zwei solcher gäbe! Sein Hochmuth hat Oel in’s Feuer gegossen; Du kennst ihn ja … ist ja Dein bester Freund, wenn Du von hinten zu zählen anhebst…“

„Was schwatzest Du wieder!“ rief Roritzer unwillig; „ich bin dem Kammerer nicht feind, aber ich will nichts zu schaffen haben mit ihm!“

„Sieh da,“ sagte der Doctor, ihn unterbrechend, „ich erfahre schon wieder Neues! Ich bin erst seit diesem Abend in Regensburg, da war es mein erster Gang, den Dombau zu besuchen, morgen aber wollt’ ich im Auftrag des Kaisers zu dem Herrn, den Ihr eben genannt, zu dem Patricier und Kammerer Lyskirchner, … es sollen gar seltene alte Handschriften in der Stadtbücherei liegen… So aber dieser Herr also übel geartet von Gemüth, fürcht’ ich schlimmen Empfang…“

„Deß habt Ihr nicht Ursach’,“ sagte der Bildschnitzer, „Ihr kommt vom Kaiser und habt nichts zu befahren; der Herr Kammerer ist nur hochmüthig gegen Alles, was unter ihm steht, nach oben macht er den Rücken krumm trotz einer Katze…“

„Ihr müßt nicht denken, Herr Doctor,“ rief Roritzer, „als sollt’ dem Herrn übel nachgeredet werden, und damit Ihr nicht eine schiefe Meinung bekommt von ihm und mir, muß ich Euch wohl sagen, warum wir nicht eben gut zu sprechen sind auf den Herrn. … Er ist Kammerer der Stadt, das ist so viel als anderswo der Bürgermeister; als solcher kam er auch einmal in den Dom, das Fortschreiten des Baus zu besehen, und wie’s meine Schuldigkeit war als bestallter Dommeister, macht’ ich seinen Führer und wies und erklärt’ ihm Alles, wornach er begehrte… Drauf kam er mit den Herren vom innern Rath, die bei ihm waren, davon zu reden, wie der Bau am schnellsten zu fördern sei; da dacht’ ich, das sei meines Amtes und Geschäfts, und vermaß mich auch meine Meinung zu sagen und meinen Rath dazu zu geben und mußte bescheidenlich dem widersprechen, was der Herr Kammerer gesagt. Da wandt’ er sich zu mir, sah mich von oben bis unten an und herrschte mir zu … das sei Sache des Raths, der Rath habe allein zu beschließen und werde beschließen, den Steinmetz werde man rufen lassen, sobald man ihn brauche…“

„So war’s,“ rief Loy dazwischen, „und wär’ ich dabei gewesen, ich hätt’ ihm wohl mit der richtigen Antwort gedient, so nahm’s einer vom Rath, der Herr Kitzthaler, auf sich und meinte, der Dommeister habe wohl zuerst mit zu reden beim Dombau, damit aber war’s nur ärger, und seitdem neckt und schiert er den Meister, wie er’s nur vermag! Hat’s eben heut’ wieder nicht anders gemacht! Es gährt und kocht schon lang in der Stadt, die Gemein’ hat allerlei Beschwer wider den Rath; da wurden aus jeder von den zehn Wachten vertraute Männer gewählt, die sollten’s fürbringen und gütlich ausgleichen mit dem Rath … auf morgen war der Tag bestimmt, und der Kammerer Lyskirchner und Hans Schmaller der Schultheiß, die sollten morgen die Beredung beginnen: da gewahrt einer von den Nachbarn, daß es in des Lyskirchner’s Haus sonderlich geschäftig ward und daß die Knechte Roß und Sänfte rüsteten wie zu einer Reise, und wie sie zu ihm schickten und ihn mahnen ließen, daß morgen das Geding sein solle mit ihm und den Vertrauten der Bürgerschaft, da schnauzt’ er sie ab und sagt’, er wisse das wohl, aber er hab’ ein wichtig Geschäft in Nürnberg, das könnt’ er nicht aufschieben um ihretwillen; sie sollten nur zuwarten, bis er wiederkäme!“

„In der That, das ist stark!“ rief Roritzer erregt.

„Ja, stark ist es und grob dazu,“ entgegnete Loy, „aber so wenig ich den Hochmuthsnarren leiden kann, ist doch etwas dran, was mir gefällt! Ist es doch auch stark, daß der Rath jedem Schreihansen Rede stehn soll und soll ihm Antwort geben für jeden Pfenning!“

„Wenn man ihm den Pfenning aus seinem Säckel nimmt, warum soll er nicht mitreden dürfen? Warum soll er nicht wissen, wer den Pfenning einsteckt?“

[508] „Das wird immer besser!“ rief Loy erstaunt. „Du nimmst wohl gar Partei für die Lärmer und Schreier? … Na, wenn ich dem Gesindel über die Köpfe dürfte, … Herrgott, sie sollten spüren, wie ich sie mir zusammenschnitzen wollte!“

„Schweig, alter Prahler!“ lachte der Dommeister. „Du würdest ihnen auch nichts thun, ich kenne Dich, Dein Gemüth ist weich, nur Deine Zunge schneidet! … Der Rath könnte ja Frieden machen mit einem Wort! Warum thut er es nicht? Warum weigert er sich die Stadtrechnung vorzulegen, wie sie fordern? Ich bin gewiß, es ist nichts Unrechtes darinnen zu verbergen .… warum nährt er durch Weigern und Zögern den Argwohn und die Nachrede? Geradheit, Offenheit ist immer das Beste!“

„Es ist nur gut, daß Dich keiner von den Spießgesellen hört,“ entgegnete Loy; „sie sähen Dich als einen von den Ihrigen an und machten Dich wohl gar zu ihrem Anführer und Hauptmann!“

„Du bist ein grauer Thor!“ rief Roritzer lachend. „Du weißt, daß mein Sinn und mein Weg weit ab führen von dem öffentlichen Treiben in Rath und Gemeinde … ich lasse dafür Andere sorgen, die besser berufen sind; mein Leben gehört meiner Kunst! Aber soll ich mir darum Aug und Ohr verstopfen, daß ich nicht höre und sehe, was um mich vorgeht … soll ich mich abschließen und verhärten, daß ich kein Herz mehr habe für meine Vaterstadt, wenn es ihr schlimm geht, für das Volk, wenn man ihm Unrecht thut?“

„Ein Herz für’s Volk?“ fuhr Loy kopfschüttelnd fort. „Vom Herzen spür’ ich nichts, wenn ich an’s Volk denke, aber im Magen liegt es mir, als ob ich ein Gericht Kieselsteine verschluckt hätte! Es geht mir wie Dir, Wölflein, meine Kunst geht mir vor Allem und was mir vorkommt, das schau’ ich mir Alles so an, als ob ich’s nachmachen sollt’ mit Schnitzmesser und Stemmeisen … drum ist mir die blinde rohe Menge zuwider, die nicht Form und Maß hat, nicht Ziel und Grenze … lauter verhunzte Köpfe, verschnitzelte Zerrbilder, die man auf einem Kreuzwegbilde kaum als Kriegsknechte brauchen könnte oder als Schergen. … Aber wir wollen gehen und uns all’ die Weisheit in den Greiffen versparen…“

„Nur noch einen Augenblick zögre,“ entgegnete Roritzer, „weil es doch nicht geheuer in der Stadt, will ich hinüber in die Werkhütten und nachsehen, daß Alles wohl verwahrt sei…“

„Das sind ja höchst bedenkliche Vorgänge und Ereignisse!“ begann Stabius, als Roritzer sich entfernt hatte; „verarget mir nicht, mein lieber Meister Loy … so mir noch immer nicht recht klar werden will, was denn eigentlich die wahre Ursache, der erste Grund ist zu solch’ arger Zerwürfniß?“

„Das wär’ eine lange Geschichte, Herr Doctor,“ antwortete Loy, „davon manch’ ein Liedlein zu singen … ich will’s aber kurz machen! Regensburg, Ihr wißt es wohl, ist zu allen Zeiten eine mächtige und ehrwürdige Stadt gewesen, eine freie Stadt, eine von den vieren, die Niemand unterworfen sind als dem Reich, und so ward sie geachtet von Königen und Kaisern; manch’ prachtvoller Hof ward hier gehalten, mancher Tag und manch’ Geding; das Gewerbe florirte und auf der Donau ging der Handel in alle Welt und im deutschen Hause zu Venedig war kein Gewölb’ angesehener, als das von Regensburg … aber wir haben’s versäumt, uns zu rühren und zu strecken, so lang es noch Zeit war; darüber ist das Stadtgebiet klein geblieben und machtlos, und Baiern hält uns von allen Seiten eingeschlossen, wie ein eiserner Reifen. Drum hat sich Alles an uns gewagt; die Nürnberger haben andre Straßen gebaut, die Fracht an sich gezogen und den Saumzug; das Gewerk in der Stadt ist heruntergekommen, denn wenn der Eine dem Andern den Rock flickt, damit ihm dieser hinwider den Stiefel versohlt, so haben sie alle Beide nichts … darüber wurden Rath und Gemeine wunderbarlicher Weise einig und beschlossen, auf ihre alte Freiheit zu verzichten und sich Albrecht, dem Herzog von Baiern, als ihrem rechten Landesherrn zu unterwerfen…“

„Ich habe davon gehört; der Kaiser wollt’ es nicht zugeben…“

„Das war das Ende vom Liede! Herzog Albrecht hatte um den Bissen, nach dem ihm schon lang der Mund gewässert, mit beiden Händen zugegriffen, hatte gleich angefangen, mannhaft zu regieren, wie er denn allgemein bekannt ist als ein weiser Mann und ein gestrenger Regent, und hatte sich hoch und theuer vermessen, wie er nicht wieder lassen wollt’ von seiner treuen Stadt Regensburg und wollt’ sie beschützen gegen Kaiser und Reich … aber wie Noth an den Mann ging, wie uns der Reichsbann traf und ihm mit dem Reichskrieg gedroht ward, da ließ er sich herum bringen von seinem Schwager Maximilian, der damals noch deutscher König war, von seiner Frau Kunigunde, die er ohne Wissen und Willen des kaiserlichen Vaters heimgeführt und die ihm immer anlag mit Bitten und Schmeicheln, sich mit ihm auszusöhnen; er gab uns auf, wir mußten wieder unter’s Reich zurückkehren und den kaiserlichen Völkern die Thore öffnen. Seitdem ist Regensburg wieder eine freie Stadt, aber damit es dem stätigen Rößlein nicht wieder einfällt, seine Freiheit zu mißbrauchen, hat man ihm einen Kappzaum übergeworfen, ein scharfes Gebiß angelegt: der Kaiser hat der Stadt einen Hauptmann gesetzt, der darüber wachen und das Regiment führen und dafür einen Sold haben soll von vierhundert Goldgulden. Darüber ist nun arges Mißvergnügen, Zorn und Erbitterung überall; dem Rath wäre der Hauptmann wohl recht, weil er heimlich darauf rechnet, er werd’ ihm helfen, die unruhige und störrische Gemeine zu zwingen, aber vom Sold will er nichts hören, weil die verarmte Stadt solche Last nicht erschwingen könne … die Gemeine hinwider, die glaubt, auf den Sold käm’ es nicht an, aber es sei gegen der Stadt alte verbriefte Rechte, einen Hauptmann über sich zu haben; auch sei’s eine Schmach, wenn Regensburg bekennen müsse, daß es nicht im Stande sei, einen solchen Bettel zu bezahlen … Die Stadt sei nicht so arm, und wäre sie’s, so sei’s der Rath, der sie dazu gemacht; dann müsse er auch für den Riß stehen und Rechnung legen und den Stadtsäckel zu besserer Verwaltung in die Hand der Gemeinde liefern … Aber da ist der Dommeister von seinem Rundgange zurück! Nun, Wölflein, ist Alles in Ordnung?“

„Alles ist wohl bewahrt, mindestens von innen,“ erwiderte Roritzer, „aber draußen ist’s noch immer unruhig. Hörst Du, es ist, als ob der Lärmen wieder losginge und stärker als zuvor!“

Der Alte sprang behende an das große zweiflügelige Eingangsthor der Bauhütte und öffnete, um hinaus zu sehen. „Ich will in meinem Leben keinen Schnitzer mehr anrühren, wenn Du nicht Recht hast!“ rief er, „und ich glaube gar, das wilde Gejaid kommt hierher! Eine ganze Rotte wälzt sich in das Gäßlein herein … sie haben Fackeln, ich sehe Lanzen blitzen und die Häuser sehen aus in dem Feuerschein, als ob sie in Flammen stünden… Wie sie johlen, die Kerle! Wie sie brüllen! … Was seh’ ich? Es huscht etwas vor ihnen her … sie hetzen Jemand, der sich vor ihnen flüchtet…“

„Laß sehen!“ rief der Dommeister, indem er Loy vom Eingang drängte und den Thorflügel weit aufriß.

„Was fällt Dir ein,“ eiferte der Bildschnitzer, „daß Du die Thür öffnest? Lege lieber den Riegelbalken vor, sonst …“

Er vollendete nicht, denn athemlos, fast taumelnd vor Erschöpfung kam ein Mann herangestürzt, eine hohe Gestalt in dunklem Gewand mit einem schmalen Silberkranze um das trotzig geschnittene Haupt, am Rücken hing ihm der Fetzen eines Mantels hinab, in der Hand hielt er einen zerbrochenen Raufdegen. „Schützt mich, Leute,“ keuchte er, indem er über die Schwelle taumelte und in der nächsten Ecke auf einen Steinblock zusammenbrach. „Die Meuter verfolgen mich … ich werde Euch reichlich belohnen … ich bin Lyskirchner, der Stadtkammerer…“

„Ihr seid hier nicht unbekannt, Herr,“ erwiderte Roritzer mit Würde, „aber wärt Ihr auch der ärmste und gemeinste Mann, Ihr seid in der Dombau-Hütte; das ist eine Freistatt, die Keiner zu betreten wagt…“

„Sie kommen schon,“ rief Loy unterbrechend, „schließ’ das Thor, Junge: wirst Dich doch nicht bloß stellen vor dem wüthigen Heer!“

„Laß mich,“ erwiderte der Meister, „das Thor würde ernsthafter Gewalt doch nicht widerstehen, ich will’s auf andre Art versuchen!“ Damit trat er in die offne Thür, den leeren Raum mit seiner hohen Gestalt deckend, und erwartete die herantobende Volksmenge.

„Ihr könnt von Glück sagen, Herr Lyskirchner,“ rief Loy, „es stand auf Spitz und Knopf’, daß sie Euch erwischten … aber das Wölflein wird ihnen die Zähne weisen und ich will ihm helfen, so gut ich kann… Macht auch Euern Degen flügg’, Herr Doctor,“ fuhr er, gegen Stabius gewendet, fort, indem er die eigene Klinge in der Scheide lüftete und sich zum Gefechte bereit machte.

[510] „Verschont mich damit,“ lallte der Poet, der sich neben den Flüchtling in die Ecke drückte, fast nicht minder erschöpft und angegriffen als dieser. „Solches ist nicht meine Gepflogenheit … mein Schwert ist die Feder und das Wort…“

„Da ist mein Schnitzer, so schwach er ist, mir doch noch lieber,“ murmelte Loy und sprang an’s Thor hinter Roritzer, denn die enge Straße war nun von Pechfackeln und Kienbränden erhellt, und in dem unheimlich rothen Licht drängte mit wüstem Geschrei eine wild aussehende Schaar durcheinander: stämmige Gestalten, meist Handwerker in der Arbeitstracht ihres Gewerbes, mit Knitteln, Schwertern und Hellebarden in den Händen; ein riesig langer, hagerer Mensch mit bleichgelbem Gesicht und pechschwarzem Haar, das wild und wirr um Stirn und Nacken hing, tobte als Anführer voran und schwang eine mächtige Pike über dem Haupt.

„Hier ist er hinein!“ rief es durcheinander. „Wir haben’s deutlich gesehen. Hier muß er sein! Aus dem Wege, Herr … Verbergt den Mann nicht, den wir verfolgen … wir müssen den Schelm haben!“

[521] „Zurück!“ rief Roritzer, die Hand an’s Schwert gelegt, mit würdevollem Ernst der herantobenden Volksmenge zu. „Ihr steht am Eingang der Dombauhütte … das ist eine von Kirche, Kaiser und Stadt gleich geweihte und gefriedete Freistatt, ich schütze sie, wer will an ihr zum Friedensbrecher werden?“

„Was da! Der Friede ist längst gebrochen und nicht von uns!“ rief der Anführer entgegen. „Wir kennen Euch wohl, Herr Dommeister, und möchten gern vermeiden, Euch zuwider zu sein … aber haltet uns nicht auf! Gebt uns den heraus, den wir suchen, oder Ihr sollt das Gewicht unserer Arme spüren!“ Damit senkte er seine Lanze und drängte gegen Roritzer vor.

„Spür’ erst Du selber das Gewicht des meinen!“ rief dieser und führte einen Schlag nach der Lanze, daß der Schaft zertrümmerte und die Eisenspitze klirrend zu Boden flog. „Der nächste Hieb gilt Deinem Kopfe! Zurück, Gesindel!“ fuhr er fort, während die vorgedrängte Menge betroffen anhielt und der Hagere unschlüssig das Lanzenstück in seiner Hand anstarrte.

„Oho, Meister Roritzer,“ rief jetzt sich vordrängend ein stämmiger Mann in schwarzem Schurzfell und aufgestülpten Hemdärmeln, deren Ruß verrieth, daß er von der Arbeit weg dem Tumulte zugelaufen war, „so müßt Ihr nicht mit uns reden! Wir sind kein Gesindel, Herr, wir sind Handwerksmeister, so gut wie Ihr, Männer und Bürger der Stadt und ehrbare Zunftgenossen, die dem Schandregiment ein Ende machen und mit dem Schelm abrechnen wollen, der schuld ist an allem Unheil. Ich bin der Schmied von Sanct Peter’s Thor; hier ist Meister Rauchenfelser, der Tuchscheerer, Schneider Wastel, Zinngießer Bauer, und dem Ihr den Spieß zerschlagen, ist Altmeister Hörhammer von der ehrsamen Schusterzunft!“

„Nun denn, wenn Ihr Bürger seid,“ entgegnete Roritzer, „so zeigt es in der That, nicht blos in Reden! Was lärmt und tobt Ihr durch unsere friedliche Stadt als Meuter und Rebellen, statt Euern Handel und Eure Beschwerde auszutragen und zu verhandeln, wie’s Recht ist und das Recht erheischt?“

„Wirst Dich doch jetzt nicht auf Federlesen einlassen?“ rief ein kleiner schielender, etwas verwachsener Mensch, indem er vorsprang und klirrend auf das Bruststück schlug, das er sich umgeschnallt hatte. „Werdet doch nicht jetzt erst viel Dicentes machen? Recht? Es giebt kein Recht mehr: der Rath hat das Recht todtgeschlagen, und nun wollen wir dafür ihn selber ein bischen todtschlagen!“

„Kräht Ihr auch mit, Meister Hetzer?“ rief Roritzer unmuthig. „Wollt Ihr Eurem Namen Ehre machen? Meint Ihr, man kennt Euch nicht?“

„O, man darf mich kennen!“ schrie der Kleine. „Ich bin ein Barchentweber und heiße Hetzer, und wo ich selber nicht beißen kann, da will ich wenigstens hetzen, daß Andre es für mich thun! Ich hab’ mich schlecht und gerecht, aber kümmerlich genug durchgeschlagen; seit der Rath das fremde Gewebe hereingelassen, kann ich lustwandeln gehen und mit meinen Kindern am Hungertuch nagen! Hat der Rath nach meinem Recht gefragt? Nichts da von Recht, es giebt kein andres Recht als drein zu schlagen! Also aus dem Weg, Herr!“

„Zurück!“ donnerte Roritzer, indem er mit mächtigem Arm sein Schwert ein paar Mal im Kreise schwang, daß es blitzte und pfiff und der andrängende Haufen unwillkürlich etwas zurückwich. „Zum letzten Male zurück! Was Ihr auch vorhaben mögt, und ob Eure Sache die gerechteste der Welt wäre, hier macht Ihr keinen Schritt vorwärts … über diese Schwelle setzt Keiner einen Fuß, so lang ich lebe! Ich bin Dommeister … meinem Schutz ist Bau und Hütte vertraut und ich werde die Freistatt wahren bis zum letzten Blutstropfen! Auf Eure Köpfe die Verantwortung, Euer Blut über Euch selbst!“

Die Festigkeit des Meisters verfehlte ihren Eindruck auf die Menge nicht; sie stand einen Augenblick schwankend und unschlüssig, aber sie war wie eine am Felsen abprallende Welle, die nur zurückweicht und sinkt, um wilder, höher und drohender wiederzukommen. Der Barchentweber kreischte, und der Schuster hatte die erste Ueberraschung abgeschüttelt. „Voran!“ rief es aus verschiedenen Kehlen. „Der Dommeister ist einverstanden mit dem Rath! Er ist auch einer von den Herren! Voran, nieder mit ihm!“

Schon hoben sich die Waffen, als der Schmied noch mit lautem Ausruf dazwischen sprang. „Halt ein, Wachtgenossen!“ rief er, „noch einen Augenblick haltet ein! Mir will’s nicht aus dem Sinn, daß der Meister uns Meuter und Gesindel geheißen und gesagt hat, wir sollen in Ruhe und Ordnung unser Recht suchen… Wir wollen ihm zeigen, daß wir Bürger und ehrbare Männer sind, und er soll erproben, daß es nicht leeres Gerede war, das mit dem Rechtsuchen! Woran hat es uns immer am meisten gefehlt? Warum haben wir in der Verhandlung noch immer den Kürzern gezogen? Weil wir schlichte Leute, einfache Handwerker und den Pfiffen und Schlichen des Raths und der Geschlechterherren nicht gewachsen sind! Hätten wir einen tüchtigen Fürsprech gehabt, einen Anführer, der’s mit Wortfängern und [522] Wortverdrehern aufnehmen kann, wir wären längst im Reinen. … Was meint Ihr, Wachtgenossen? Wenn uns der Meister nicht blos abspeisen will, so soll er uns zu unserm Recht verhelfen; wenn er’s nicht heimlich mit den Geschlechtern halt, soll er zu uns stehen und unser Anführer sein!“

„Das fehlte noch!“ brummte Loy, der mit blankem Degen hinter Roritzer stand. „Du wirst Dich doch nicht vom Teufel blenden lassen?“ flüsterte er ihm zu, „sag’ nein, Wölflein, oder Du bist verloren!“

„Euer Anführer?“ entgegnete Roritzer gelassen. „Das kann ich nicht sein; ich hab’ derlei nie geübt und bin nur in meiner Werkstätte und meinem Bau am rechten Platz. Ich kann nicht zu Euch stehen, denn ich weiß nicht, ob ich Alles gutheißen kann, was Ihr fordert; was mir davon bekannt, so geb’ ich dem Rath Unrecht, aber darum geb’ ich Euch noch lange nicht Recht! Ich kann Euer Anführer nicht werden, doch der Vermittler will ich sein zwischen Euch und dem Rath…“

„Thu’s nicht, thu’s nicht,“ flüsterte Loy wieder; „den Vermittler holt der Teufel!“

„Nichts da von Vermittlung!“ schrie der Schuster, der inzwischen die alte Keckheit wieder gefunden hatte, und der Barchentweber winkte den Andern, daß sie brüllend einstimmten. „Wir wollen nichts Halbes, wollen uns nicht den Halm durch’s Maul ziehen lassen! Fisch oder Fleisch, wir müssen wissen, für was wir Euch zu halten haben; also gegen uns als unser Feind oder mit uns als unser Anführer!“

Roritzer senkte das Schwert und sah einen Augenblick zu dem Dome hinan, der sich über Lärm, Fackelschein und Rauchqualm ernst und in erhabener feierlicher Ruhe empor hob. … „Nun denn,“ sagte er nach kurzem Besinnen, „ich will denken, daß eine höhere Macht es so fügt … vielleicht bin ich auserwählt, Handlanger beim Neubau meiner lieben Vaterstadt sein, einen Stein beitragen zu dürfen zum Glücke meiner Landsleute und Mitbürger: ich will denn Euer Anführer sein! Von diesem Augenblick gelob’ ich mich Euch und will Euer Fürsprech beim Rath, bei Kaiser und König sein und nicht von Euch lassen, bis Euer gutes Recht errungen und gewahrt ist. Ihr dagegen versprecht mir als Euerem Anführer volle Unterwürfigkeit, strengen Gehorsam…“

„Redet, Herr, was verlangt Ihr?“ fragte der Schmied.

„Ihr laßt die Dombauhütte in Ehren und achtet den Frieden dieser geheiligten Freistatt,“ entgegnete Roritzer; „ist es doch meist um ihretwillen … um die Entweihung abzuhalten von dem mir anvertrauten Heiligthum, daß ich den Weg betrete, auf den Ihr mich zerrt! Ihr zieht ruhig ab und erwartet in Eueren Wachen den Morgen, um die Verhandlung mit dem Rath zu beginnen … Dann aber gebt Raum, daß ich den Mann, der hier Schutz gesucht, unangefochten in sein Losament begleite …“

„Aber er darf nicht aus der Stadt,“ riefen viele Stimmen durcheinander, „der Kammerer muß bleiben und muß Rechnung legen…“

„Er wird bleiben,“ erwiderte Roritzer, „ich bürge Euch dafür, und wenn es Euch so genehm ist, sei der Vertrag also geschlossen und mit einem Handschlag besiegelt!“

„Es gilt! Es soll so sein! Hier meine Hand!“ rief der Schmied und bot Roritzer die Rechte, in welche dieser kräftig einschlug: auch der Schuster, der Weber und die andern Führer drängten sich hinzu und gaben dem Dommeister die Hand. Loy stand noch immer hinter diesem und sah wortlos und betroffen zu; Entrüstung und Schmerz rangen in seiner Seele wie in seinen Mienen mit der gewohnten Spottneigung und Lachlust. „O … o!“ seufzte er endlich, „sogar der bucklige Wechselbalg, der schmierige Weber, faßt nach seiner Hand! Ein Kerl, der für den linken Schächer zu schlecht wäre…“

„Der Vertrag ist also geschlossen,“ rief der Schmied wieder. „Jetzt auseinander, Genossen, unser Anführer soll sehen, daß wir auf ihn halten und ihm gehorsam sind! Macht die Gasse frei, Fackeln an beide Seiten, senkt die Spieße und schreit: Hoch lebe unser Anführer! Wolfgang Roritzer, der wackere Dommeister, hoch!“

Der Befehl ward überraschend schnell vollzogen; wie von geschickten Kriegern gebildet, that sich die Gasse auf, hart zwischen den eng aneinander gerückten Häusern dahin.

„Was hast Du gethan, Unglücklicher!“ sagte Loy halblaut und faßte, wie um sein Beileid zu bezeigen, des Freundes Hand; Doctor Stabius trat hinzu, haschte nach der andern und sagte mit schlecht verhehlter Ergriffenheit: „Herr Dommeister … deß’ werd’ ich nie vergessen … Ihr seid ein ganzer Künstler, aber auch ein ganzer Mann!“

Roritzer erwiderte nichts; mit leichter würdevoller Verbeugung trat er vor Lyskirchner hin, der die alte Haltung mindestens äußerlich wieder gefunden. „So es Euer Gestrengen beliebt,“ sagte er, „so gestattet, daß Euch der Steinmetz aus seiner Freistatt das Geleite giebt!“

Schweigend und mit verbissenen Lippen folgte der Rathsherr und schritt an Roritzer’s Seite durch die Menge; Alles lüftete die Mützen und rief dem Meister zu, aber dazwischen erklang auch Murren und manches bedenkliche Wort gegen den Schützling desselben. Loy und Stabius schritten hinter den Beiden einher; der Gelehrte in unbehaglicher Beklommenheit, Loy in einer Stimmung, die zwischen Thränen und lautem Gelächter schwankte. „Wie sie Reverenz machen vor dem Jungen!“ brummte er in sich hinein. „Wie sie Respect haben vor meinem Wölflein! Er ist eben in alle Sättel gerecht … aber ich wüßte nicht, was ich gäbe, wenn wir heut’ ein Stündlein früher im güldenen Greiffen gesessen wären!“

„Das ist ein Mann, der Dommeister,“ sagte der Schmied, als der Zug vorüber war und die Schaar wieder ordnungslos durcheinander wogte. „Wir haben ein gut Geschäft gemacht und unsere Sache wird nun bald ein ander Gesicht kriegen!“

„Ich will’s uns wünschen,“ erwiderte der Barchentweber, „und ihm wünsch’ ich es auch! Morgen wird sich’s ja zeigen, ob er ernstlich zu uns hält, und wenn er es nicht thut, habens wir ihn in der Hand, wie alle Andern… Verloren haben wir auf keinen Fall! Aber kommt, Genossen, vertheilt Euch wieder auf Euere Wachten, oder geht heim, wer sich auf’s Ohr legen will … behaltet aber die Waffen in den Händen, und wer schläft, der lege sie neben sich in’s Bett! Wir müssen die Augen offen haben oder es geht an Haut und Haar!“

Roritzer hatte bald mit seinem Schutzbefohlenen dessen Behausung erreicht; kein Wort war gesprochen worden, denn der Kammerer sann und wählte nach einem Ausdruck, seinen Dank kund zu machen und doch seinem Ansehen nichts zu vergeben.

„Ich weiß wirklich nicht,“ begann er endlich, als sie schon vor den Thürstufen standen, „in welche Worte ich meine Erkenntlichkeit kleiden soll. … So Ihr mit Eueren Gefährten noch bei mir eintreten und einen Becher edlen Rheinfall nicht verschmähen wolltet…“

„Laßt das, Herr Lyskirchner,“ entgegnete Roritzer kalt, „wir werden uns begegnen, wo wir einander begegnen müssen, und ich bin Bürge dafür geworden, daß Ihr Euch der Begegnung nicht entzieht! Was ich gethan, ist meine Schuldigkeit gewesen als Dommeister, und meint Ihr Ursache zu haben zur Erkenntlichkeit, so bewährt sie dadurch, daß Ihr mir Euer Wort gebt, Regensburg nicht zu verlassen, ehe wieder Frieden ist zwischen der Gemeine und dem Rath…“

Der Kammerer antwortete nicht sogleich; er hatte Mühe, seine Betroffenheit zu bergen.

„Ihr zögert?“ rief Roritzer unmuthig. „Ihr besinnt Euch, mir Euer Wort zu geben?“

Aus der Thür fiel voller Lichtschein auf ihn, daß er unwillkürlich inne hielt und dahin blickte. In dem erleuchteten Raume stand eine hohe schlanke Mädchengestalt, mit offnen, weit über die Schultern herabwallenden Locken, die Züge des Schreckens und der Besorgniß in dem schönen, erblaßten Angesicht. Sie wollte mit offenen Armen auf Lyskirchner zueilen, hielt aber in schüchterner Befangenheit inne, als sie dessen Begleiter erblickte. „Großvater,“ flüsterte sie, „kommst Du endlich? Bist Du endlich da und unversehrt? Gott sei Dank … wie habe ich mich um Dich geängstigt…“

„Der wüthende Haufe,“ entgegnete der Kammerer, „hatte mich unterwegs überfallen… Hier steht mein Retter, Wolf Roritzer, der Dommeister…“

Das Mädchen erröthete; ihr dunkles Auge richtete sich mit unaussprechlichem Ausdruck auf Roritzer’s Antlitz, der hinwider betroffen stand und den Blick von ihr nicht abzuwenden vermochte. „Verschmäht meinen Dank nicht, Meister,“ sagte sie leise, „und lehret mich, wie ich ihn Euch zu erweisen vermag…“

„Das könnt Ihr leicht, edles Fräulein,“ rief Roritzer, „ich bin Bürge dafür geworden, daß Herr Lyskirchner die Stadt nicht [523] verläßt … ich habe sein Wort gefordert, er zögert, es zu geben … bewegt ihn dazu, so Ihr es vermögt!“

„Ihr habt Euch zuerst für ihn verbürgt, ohne sein Wort zu haben,“ erwiderte sie, „und jetzt zweifelt Ihr doch an ihm? Nun denn, so nehmt mein Wort statt des seinen, ich will für ihn Bürge sein bei Euch … ich, die Euch Alles dankt, der Ihr mit dem Leben dieses Mannes Alles gerettet habt und wieder gegeben… Wollt Ihr mir glauben?“

Roritzer sah sie fest an und reichte ihr die Hand. „In Euern Augen ist Wahrheit, edle Jungfrau,“ sagte er, „Euch glaub’ ich! Geht, Herr Lyskirchner, diese Bürgschaft nehm’ ich an!“


2.

Der erste Strahl des andern Morgens, der über Dächern und Zinnen der Stadt emporblitzte, fiel in das Gemach des Dommeisters und traf dessen Bewohner schon in voller Geschäftigkeit. Es war ein hohes, freundliches Zimmer, worin er hauste, ein Giebel mit breitem Fenster, vor welchem drüben, jenseits der Stadt, die grünen, anmuthigen Donauhügel die Ebene umrahmend den Bergen des bairischen Waldes zustrebten; mit altersdunklem Holzgetäfel verschalt, sonst aber schmucklos und schier ohne Geräth. Auf einem schwarzbraunen Schranke standen allerlei zierlich geformte Becher und Krüge; an einer Kante des Schnitzwerks hing der Stoßdegen mit Bandelier unter dem darübergestülpten Pelzhute; im Hintergrunde stand auf stattlichen, gewundenen Säulenfüßen ein einfaches Lager, an den Wänden aufgehangen und in den Ecken verstellt waren Bilder, Figuren und allerlei Modelle, in Lehm geformt … Alles wohl bestäubt und durcheinander, und doch war etwas über dem Ganzen, was der Zerstreuung Sinn gab und das Gewirr wie Ordnung aussehen machte.

Roritzer saß an dem einfachen, mit Rollen und Blättern aller Gestalten überdeckten Tische, den Reißstift in der Hand. Die Ereignisse des Abends hatten ihm Kopf und Herz überfüllt; über den hochgehenden Wogen der Gedanken und Gefühle hatte der Schlummer lange vergeblich sich herabzusenken gesucht; als er endlich doch seinen unwiderstehlichen Zauber geübt, genügte der erste Dämmerstreifen im Osten, ihn wieder zu verscheuchen; die aufsteigende Leidenschaft verschmäht die beruhigende Trösterhand, nach welcher die sinkende sich oft so heiß und so vergeblich sehnt.

Der Meister zeichnete auf einem großen Blatte, das sich ansah, wie der Entwurf eines schönen, reich sich ausbauenden Flügelaltars, dessen Abtheilungen statt durch Säulen durch drei Frauengestalten geschieden waren, die sich erst in den einfachsten Umrissen kennzeichneten. Er war ganz in seine Arbeit vertieft, schien aber nichts weniger als zufrieden mit den Linien und Zügen, die unter seiner Hand entstanden, immer wieder verlöschte er dieselben, um sie durch neue, noch feinere und sinnreichere zu ersetzen und nach kurzem Schwanken auch diese dem gleichen Geschick zu überliefern.

Darüber gewahrte er nicht, daß die Thüre aufging und Meister Loy auf der Schwelle stehend sichtbar wurde; er wandte sich erst, als der Alte zu sprechen begann.

„Ei, ei, Wölflein, mein Junge,“ rief er verwundert, „Du bist schon aus den Federn und schon über der Arbeit? War’s doch schier Mitternacht, als wir vom Greiffen aufbrachen und ich den verschnitzelten Poeten, den Doctor Stabius, in seine Herberge geleitete … hat das Menschenkind einen einzigen Humpen getrunken und war nicht mehr Herr über sein Fußwerk, als ein Büblein, so eben anfängt, das Laufen zu lernen; muß seiner Lebtage nichts geschlürft haben, als Froschwein, sonst hätte das Tröpflein ihn nicht so benebeln können. Und das will ein Poet sein! Da lob’ ich mir Deine Natur und die meine! Du hast zwar auch gestern mehr in’s Glas hinein- als herausphantasirt … aber da sitzest Du schon in früher Morgenstunde überm Werk und so ist es recht, mein Junge! Was ist es, was Du zeichnest? Laß einmal sehen …“

„Es ist noch nicht reif zum Beschauen,“ entgegnete Roritzer, indem er die Zeichnung mit einem andern Blatte bedeckte und sich dem Bildschnitzer zuwendete. „Es ist der Schutzengel-Altar, an dem ich arbeite; die beiden Seitenfiguren, den Glauben und die Hoffnung, hab’ ich lange fertig; die dritte, die im Giebel darüber stehen soll, die Liebe will mir immer nicht aus dem Blatt entgegentreten, wie ich sie innen vor mir stehen sehe … da hab’ ich heute wieder ein paar Morgenstunden daran verstümpert …“

„Und vor mir, vor Deinem alten Lehrer, verdeckst Du, was Du zeichnest und entwirfst?“ entgegnete Loy, indem er sich auf dem Bette behaglich niederließ. „Das ist ja etwas Nagelneues; sonst bin ich ja immer der Erste gewesen, der was zu sehen bekam, und wenn Du Zweifel hattest, war ich’s, den Du um Rath gefragt, und heut ist Dein Schutzengel-Altar ‚noch nicht reif zum Beschauen‘ für den alten Loy?“

„Du kommst ja heute aus der Verwunderung gar nicht wieder heraus!“ rief der Dommeister, zu ihm tretend. „Laß mir doch auch ein Theil übrig, der mir ehrlich gebührt, da Du schon um diese Zeit die zweihundert Stufen zu meinem Giebel überwunden hast! Sag’ mir lieber, was Dich schon so früh zu mir führt.“

„Hast Recht, Wölflein,“ erwiderte der Bildschnitzer, „ist mir auch sauer genug geworden, und was mich zu Dir führte, ist wohl jetzt die Hauptsache. Kannst es errathen, unschwer, eh’ ich’s ausspreche; was ich Dir gestern im Greiffen gesagt, muß ich Dir noch einmal wiederholen, im letzten Augenblick, eh’ es zu spät ist! Geh’ heute nicht auf’s Rathhaus, gutes Wölflein, sag’ Dich von der Handwerker-Sippschaft los, an einem Vorwand dazu kann es einem Kopf wie Du nicht fehlen …“

„Haben sie nicht mein Wort?“

„Leider Gottes, ja; Du mußt eben machen, daß sie es Dir zurückgeben! Fahr’ ihnen durch den Sinn, brich die Gelegenheit vom Zaun und fang’ Händel an mit ihnen, daß sie Dir aufsagen: ihre Forderungen und Sprüche, so sie Dir gestern noch geschrieben zugestellt, geben gewiß einen vernünftigen Anlaß dazu …“

„Die Forderungen sind mitunter wohl thöricht gestellt, aber es ist ein gerechter Kern in allen; soll ich eine gerechte Sache aufgeben?“

„Aber so sag’ mir Du selbst, was Du thun willst, was denn geschehen soll!“ ries der Bildschnitzer, indem er aufspringend die Hände zusammenschlug und ängstlich hin und wider rannte. „Du kannst doch unmöglich der Fürsprech und Rädelsführer von dem Aufrührervolk sein … thu’s nicht, Wölflein, ich bitt’, ich beschwöre Dich darum! Ich hab’ mir’s die Nacht über, wie ich allein war, erst so recht überdacht … es geht nicht! Wie’s nun kommen mag, ob die Tumultirer obenauf kommen oder ob sie unterliegen, immerhin wird es Dein Unglück sein! Mir geht’s im Geiste vor, wenn ich Dir auch nicht bestimmt sagen kann, was ich fürchte…“

„Ich sehe die Gefahr wie Du, mein alter Freund,“ erwiderte Roritzer ernst, indem er die Hand des Alten ergriff und schüttelte, „aber ich fürchte sie nicht! Ich habe mich in diese Unternehmung nicht muthwillig gestürzt; in der Vertheidigung meines guten Rechts, im Schutz der mir anvertrauten Domhütte bin ich dazu gedrängt worden, wider Will’ und Verhoffen; drum will und muß ich’s durchführen und kann Dir den Kummer nicht ersparen! Ich sag’ es mit schwerem Herzen, aber es ist nicht anders: zum ersten Male gehen unsere Wege auseinander… Bleibe auf dem Deinigen, bleibe Du unserer heiligen Meisterin, der edlen Kunst, getreu; mich laß den meinen gehen und sei gewiß, wenn nicht Berge zwischen uns gelegt werden, komme ich wieder zurück und hole Dich ein!“

„Auseinander?“ sagte der Bildschnitzer, und seine ehrlichen Augen füllten sich mit Thränen. „Ich sollte Dich verlassen? Wölflein, das ist nicht Dein Ernst … und wenn ich den Weg, den Du gehst, zehn Mal für den unrechten hielt, und wenn ich wüßte, daß er g’radaus in die Hölle führte – Junge, der Weg, den Du gehst, ist auch der meinige! Die Zunftgenossen, die Wachtbrüder, die Scharrhansen sind mir zuwider … zuwider wie im Weine das Wasser, aber wenn Du ihr Anführer bist, dann sind sie meine Genossen, dann will ich auch ein Volksmann werden. … O, Du sollst sehen, ob ich verstehe, mit den Kunden umzuspringen…“

„Loy …“ rief der Dommeister bewegt, „altes, wackeres Herz, Du treuer Vater und redlicher Freund, das wolltest Du? Nun denn, so will ich hinwieder Dir’s nie vergessen, was Du auch sonst von mir verlangen magst, ich will Dir zu Willen ein!“

„Mach’ kein Aufhebens von der Sache, mein Junge,“ rief Loy lachend entgegen, „und sieh Dich vor, daß ich Dich nicht beim Worte nehme! Hab’ allerdings noch ein ander Gesuch und Anliegen an Dich … und wenn ich mir so Deine Stube überblicke, [524] bekomm’ ich weidlich Lust, es gleich fürzubringen! Wie’s hier aussieht! Wie Alles durcheinander geworfen ist! Der Staub liegt auf dem Geräth’, man könnt’ schreiben darauf! Da hängt Dem schönes Koller von gerissenem Sammt über dem Bettpfosten, der Kerzenstahl ist über die Handschuhe gefallen und die Stiefeln haben sich in den Waschkasten verirrt – eine leibhafte, leidige Jungherrenwirthschaft! Das ist nichts für Dich, das ist nicht für einen Mann wie Du. Du brauchst Jemand, der Ordnung hält, Du solltet …“

„Und was sollt’ ich?“ fragte Roritzer, der ihm verwundert und lächelnd zugesehen und sich wieder an dem Tisch zu seiner Zeichnung niedergelassen hatte. „Warum stockst Du?“

„Stocken? Warum doch sollt’ ich?“ fuhr Loy eifrig in immer zutraulicherem Tone fort. „Du solltest zur Freit’ gehen und Dir eine liebe, wackere Hausfrau heimführen…“

„… In der That?“

„Freilich, mein Wölflein, freilich! Das solltest Du, und wenn Du mich anhören und mit dem Kuppelpelz nicht knickern willst, wüßte der alte Loy Dir wohl zu verschaffen, was Du brauchst. Ist Dir nichts Besonderes vorgekommen gestern Abend im Greiffen? Aber nein, Du warst zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, Du hast nichts davon gesehen, daß die Sibylle ganz verweinte Augen hatte, daß sie ganz verdreht war und sich immer zweimal rufen ließ! Hat sie mir nicht, als ich zuletzt noch einen Humpen Rheinfall begehrte, Wasser hingestellt, klares, wirkliches Wasser? … Dem armen Mädel ist’s eben angethan… Was meinst Du, Wölflein? Sie ist guter Leute Kind und ihr Vater, der Schenk zum Greiffen, wird mit einer ganz anständigen Mitgift herausrücken…“

Roritzer schwieg; er hatte den Stift ergriffen und zeichnete.

Loy war unverkennbar froh, daß er ihn gewähren ließ. „Sie schickt sich wacker zu Dir,“ fuhr er fort, „sie ist still, bescheiden und sittig und lief’ für Dich durch’s Feuer! Hat ein paar runde, rothe Wänglein und Augen wie reife Schwarzkirschen. Wie wär’s, Wölflein, wenn ich den Freiwerber machte für Dich? Ich sorge nicht, einen Korb zu bekommen. Wenn ich mir’s so ausdenke, Junge, daß Du Deinen eigenen Hausstand hättest, daß Dein schönes, großes Haus nicht so einsam wäre, wie eine verlassene Ritterburg, wenn ich jeden Abend, statt in den Greiffen, zu Dir kommen könnte und könnte mit Dir schwatzen und die Sibylle brächte mir wie sonst meinen Abendtrunk und ich erlebt’ es noch gar, daß ich Deinen Buben die Hand führen könnte, wenn sie dem Vater nachschlagen und auch Häuser zeichnen wollen und Kirchen… Wie mich das freuen sollt’, wie’s mich noch einmal jung machen sollt’, um ein zehn Jahre zum wenigsten! Es ist und bleibt wahr, es giebt doch kein rechtes Glück, als daheim in seinem Hause, am eigenen Heerd… Du sagst nichts? Also bist Du einverstanden? Also darf ich ein Wort für Dich anbringen? Du giebst mir die Erlaubniß?“

„Ohne Widerrede,“ erwiderte Roritzer leichthin, ohne aufzusehen und sich im Zeichnen zu unterbrechen, „gieb mir nur vorher auf eine einzige Frage Bescheid…“

„Auf zehn, mein Wölflein; frage nur.“

„So sage mir, warum Du die Freuden, die Du so lockend beschreibst, Dir nie selber verschafft hast? Warum hast Du nicht gefreit?“

„Ich?“ rief Loy verdutzt, „dumme Frage! Bei mir ist es doch ganz was Anderes. Ich … ich hab’ zum Freien keine Zeit gehabt, wahrhaftig keine Zeit. Ich … Wie kannst Du auch nur so fragen; ich war so gut im Zug und Du bringst mich ganz aus dem Zusammenhang.“

„Wir müssen’s verschieben auf ein andermal,“ rief Roritzer, indem er sich lachend erhob. „Ich höre Schritte vor der Thür, es werden die Wachtgenossen sein, sie kommen, mich zu holen!“

„Ich wollt’, es käm’ ein Anderer, sie zu holen!“ rief Loy unwillig, unterbrach sich aber sogleich selbst und verbesserte sich: „Ja so, sie sind ja jetzt unsere guten Freunde, da heißt es, den Katzenbuckel machen… Hu, welch’ ein saurer Apfel, die Zähne werden mir lang bei dem bloßen Gedanken! Aber es muß einmal gebissen sein…“

Dabei hatte er die Thür weit aufgerissen und lud die herantretenden Bürger mit freundlichem Grinsen und unter steten Bücklingen zum Eintritt ein. „Ei, Gott willkommen,“ rief er, „ehrbare Meister, insonders günstige Freunde und Herren! Was Ehre und Freude für diese geringe Schwelle, daß Ihr sie überschreiten möget! Gottwillkommen, gebt mir Eure wackere, vortreffliche Hand, Meister Hörhammer … Ihr auch, Herr Schmiedmeister. Es ist merkwürdig, welche Aehnlichkeit Ihr habt mit Simon Petrus, dem Jünger des Herrn; Ihr wißt wohl, der auch das Schwert zog und Malchus das Ohr abhieb…“

„Ei, das beliebt Euch nur so zu sagen, Herr Loy,“ entgegnete der Schmied etwas unwirsch und doch geschmeichelt. „Man weiß, Ihr seid ein Schalk. Der heilige Apostel war ein Fischer, ich bin ein Grobschmied.“

„Thut nichts, Ihr gleicht ihm doch,“ fuhr der Bildschnitzer fort, „und so Ihr nichts dawider habt, werd’ ich Euch abconterfeien, auf dem nächsten Kreuzweg, den ich zu schnitzen habe, in der Oelberg-Station, unter den schlafenden Jüngern, das Schwert neben Euch!“

„Wenn Ihr denn doch so besondere Lust verspüret, unsere Köpfe unter Euer Messer zu bekommen,“ unterbrach ihn der bucklige Weber, indem er mit lauerndem Blick vortrat, „habt Ihr nicht auch für mich ein Plätzchen in Euren Schnitzereien?“

„Das versteht sich!“ rief Loy. „Für Euch vor allen Andern. Was meint Ihr zu Simon von Cyrene, der dem Herrn das Kreuz trug? Ihr seid ja wie geschaffen zum Kreuzträger.“

„Laß Deine Possen,“ rief jetzt Roritzer mit einem Ernste dazwischen, der den nicht daran gewöhnten fröhlichen Greis stutzen und verstummen machte. „Sie stimmen schlecht zu dem Ernst des Augenblicks… Gott zum Gruß, ehrbare Meister und Wachtgenossen,“ fuhr er fort und wendete sich mit würdevoller Verneigung gegen die Bürger, „so ich recht vermuthe, kommt Ihr, mir das Geleite zum Rathhause zu geben?“

„So ist es, Herr Dommeister,“ erwiderte der Schmied, „wenn Ihr noch gesinnt seid, wie gestern …“

„Hättet Ihr daran gezweifelt?“ sagte der Dommeister ernst. „Wäre dies Geleite vielleicht mehr eine Wache, als eine Ehre? Dann mögt Ihr für alle Fälle Euch einprägen, Wolfgang Roritzer ändert seinen Sinn nicht über Nacht … ich habe mich mit Euch vertragen, Ihr habt Ruhe gehalten und habt die Freiung der Domhütte geachtet; dafür halte auch ich, was ich versprochen, und sollt’ es mich zehnmal gereuen. Das ist aber nicht der Fall: mit meinem Bau beschäftigt und nur in meine Kunst vertieft, hab’ ich nur wenig auf die Beschwerden und Händel geachtet, so den Bürgern und der Gemein mit dem Rath erwachsen. Die Aufschreibung, die Ihr mir noch gestern geschickt, hat mich eines Andern belehrt, und ich danke dem Geschick, das gestern den Flüchtling und seine Verfolger zu mir geführt … ich bin ein Bürger, wie Ihr, und will zu den Bürgern stehen; das Unrecht, das man Euch anthun will, widerfährt auch mir, ich will es abwehren für uns Alle! Viele von Euren Klagen sind wohl begründet, es kommt nur darauf an, sie in’s rechte Licht zu stellen; wollten die Herren vom Rath ernstlich widerstreben, sie müßten geradezu die Partisane des Unrechts sein und dessen wird der Rath von Regensburg sich nicht zeihen lassen. Drum hoff’ ich viel, hoffe Versöhnung und Heil für die gute Stadt von dem heutigen Rathsgespräch… Und so laßt uns in Gottes Namen und mit seiner Hülfe den ernsten Gang beginnen!“

[537] Roritzer’s Ton war feierlich, fast bewegt geworden. Er wandte sich der Thür zu, an der Schwelle blieb er stehen; ein Gefühl bemächtigte sich seiner, als habe er etwas vergessen, als lasse er etwas hinter sich zurück, dessen er sich augenblicklich nicht klar bewußt war und das er doch vermißte. Mit Rührung glitt sein Blick an den Wänden des Gemachs hin, das so lange die stillverborgene Werkstatt seines künstlerischen Schaffens, seine ganze Welt gewesen und aus welchem er nun hinausschritt in eine neue, fast unbekannte Welt, aus der Ruhe in die Bewegung, aus dem Frieden in den Sturm. Auch die Meister mochten ahnen, was ihm durch die Seele ging; sie standen in tiefem Schweigen und gaben ehrerbietig Raum, als er sich sammelnd zwischen ihnen hindurchschritt.

Der alte Loy war als der Letzte zurückgeblieben, die Thür zu schließen. Auch sein Auge glitt durch das Stübchen und blieb wie zufällig an dem Arbeitstische haften und an dem daraufliegenden Zeichnungsblatt.

Er trat hinzu.

„Wie schön!“ rief er überrascht, als er die Gestalt erblickte, an welcher Roritzer gezeichnet hatte. „Wahrhaftig … ein Engel, an dem er mir nicht einen Zug mehr ändern soll, der Trotzkopf! Diese Gewandfalten … wie sie dem Jungen nur so einfallen können … aber der Kopf, das Angesicht … hab’ ich das nicht schon irgendwo gesehen? … So, so,“ fuhr er dann mit bedächtigem Kopfnicken fort, indeß er mit der Hand über die Stirn und seine spärlichen Locken strich … „also darum war der Entwurf zum Beschauen noch nicht reif? Darum wollt’ er nichts wissen von meinem fürtrefflichen Antrag? … Sieh einmal, die Enkeltochter Lyskirchner’s, des hochmüthigen Kämmerers! … So hoch will das Wölflein hinaus? Das gefällt mir von ihm … das Mägdlein ist brav, ich hab’ sie nie anders gekannt, und schön … bei meinen Augen, schön ist sie auch … aber ob sie meinen Jungen auch lieb haben, ob sie der Schutzengel seiner Liebe werden wird, wie er sie da auf den Altar gezeichnet? … Und wenn es ist … Einer wird’s doch das Herz brechen … armes Dirnlein, arme Sibylle!“

– Indessen hatte es auch schon in den Gängen und Gemächern des Rathhauses sich zu regen begonnen, wo sonst außer den Rathsstunden und der Gerichtszeit nur das tiefste Schweigen waltete. Ein hagerer Mann kam mit raschen Schritten durch den Hauptgang gegen die Thurmstiege daher, aber trotz aller Eile übte er große Vorsicht, denn bei jedem Schritte hob er die Beine vorsichtig, um kein Geräusch zu machen, und hielt den Schlüsselbund am Gürtel mit beiden Händen gefaßt, daß er nicht rasselte. Plötzlich schrak er zusammen, als ob ihn unerwartet ein Schlag oder Stoß getroffen; vom andern Ende des Ganges her dröhnte eine mächtige, rufende Männerstimme, daß es an den Gewölbrippen widerhallte; mehr schwankend als gehend kam der Hagere an der Stelle an, von welcher das Rufen ausging. „Ihr seid es, Herr Kraft Dollinger?“ seufzte er, als ihm um die Ecke eine riesige Mannsgestalt entgegentrat, in Pickelhaube und Brustharnisch, ein mächtiges Schwert mit Korbgriff an der Seite. „Wie habt Ihr mich erschreckt durch Euren Ruf! War’s doch nicht anders, als ob schon die Posaune geblasen würde zum jüngsten Gericht. Ihr glaubt nicht, wie’s in diesen Gängen hallt und dröhnt, als wären ihrer Hundert da, die jeden Laut nachriefen!“

„Was soll man anders thun, als rufen?“ erwiderte mit dröhnender Stimme der Gewappnete. „Keine Seele läßt sich blicken, drum meld’ ich mich nach Kriegsbrauch. Ich bin Hauptmann und erster Rottmeister der Stadtknechte von Regensburg und bin mit dem frühesten Morgenschein auf’s Rathhaus beschieden … ist Herr Lyskirchner, der Stadtkämmerer, noch nicht da?“

„Wie könnt Ihr so fragen, Herr Dollinger,“ sagte der Hagere, „seit einer Stunde ist er schon oben und rathschlagt und arbeitet in’s Geheim’…“

„Wer ist bei ihm?“

„St! st!“ rief der Rathsvogt mit abwehrender Geberde, „es ist mir verboten, davon zu reden, und mit Herrn Lyskirchner, Ihr wißt es wohl, ist nicht zu scherzen … ich sag’ Euch nur so viel, es wird heiß hergehen heute, es giebt ein Unglück!“

„Ihr seid ein furchtsamer Unglücksvogel!“ sagte der Rottmeister, indem er mit dem Vogt die Treppe hinanstieg. „Ihr könntet einen anstecken mit Eurem Geflüster und Eurem Angstgesicht, wenn man das Fürchten nicht abgelegt hätte, wie man in den Harnisch kroch. Woher soll das Unglück kommen? Entweder Rath und Gemein’ vertragen sich heut miteinander, oder sie vertragen sich nicht; thun sie’s nicht und es kommt zum Dreinschlagen, so ist’s immerhin besser, als der elende Zustand zwischen Frieden und Fehde, in dem man kein Herz hat für keins von Beiden, und vertragen sie sich, so haben wir Ruhe wieder und Einigkeit, und das werdet Ihr doch kein Unglück nennen?“

„Es ist doch, wie ich sage,“ flüsterte der Rathsvogt wieder, indem er auf einem Treppenabsatz stehen blieb und ängstlich um sich blickte. „Ich lass’ es mir nicht nehmen, wer so lange, wie ich, in dem großen, unheimlichen Gebäude gelebt hat, der hört und sieht und weiß gar Manches, was einem Andern nicht einfällt sein Leben lang… Drunten in der Folterkammer hängt das große [538] Richtbeil; das rührt sich allemal und zeigt sich an, wenn’s wieder Arbeit bekommt… Heut’ Nacht ist es von der Wand heruntergefallen. Ihr werdet sehen, Herr Dollinger, das Beil kriegt zu thun, und Gott sei dem gnädig, den es trifft!“

Der Rottmeister konnte nichts erwidern, denn über die Treppe herauf kamen einige Männer und schritten eilfertig und mit leichtem Kopfnicken an den ehrerbietig Grüßenden vorüber. „Wer sind die Herren?“ fragte Dollinger. „Ich sehe wohl, daß sie zum Rath gehören, aber ich hab’ nicht viel mit den steifen Halskrausen zu thun und kenne die Wenigsten von den gestrengen Herren.“

„Das will ich Euch wohl sagen,“ entgegnete der Vogt, den Männern nachblickend. „Der lange Mann in dem Velbelumwurf mit dem rothen Spitzbart und dem feindseligen Geschau, das ist Herr Aunkhover; der untersetzte Herr mit dem freundlichen, runden Gesicht heißt Kitzthaler, ein Kaufherr, der ganz Regensburg kaufen könnte; der mit dem Federbarett aber, dem langen Haar und dem schwarzen Judenbart, das ist Herr Doctor Hans Baier, der Stadtarzt…“

Während des Gesprächs hatten Beide das Vorgemach des Sitzungssaales erreicht und traten in eine Fensternische, um bereit zu sein, sobald sie gerufen würden; im Saale selbst war die Versammlung immer ansehnlicher und zahlreicher geworden. Kein Name von all’ den Geschlechtern und Häusern fehlte, die seit Jahrhunderten in der Stadt Regiment sich getheilt und zu halten gewußt; da war Hans der Trainer, Erhard der Grafenreut, ein Donauer, ein Gleissenthal, Karg, Auer und Nothscherf. Ihrer Würde bewußt und im Gefühl der ernsten Stunde, standen sie in leisem Gespräch beisammen oder schritten hin und wider, die lange, grüne, verhangene Sitzungstafel entlang, an welcher die Sessel mit den hohen, geraden Lehnen bereitgestellt waren. Am andern Ende stand eine Reihe von niedrigeren und unscheinbareren Stühlen; sie waren für die Zünftler und Handwerker bestimmt, welchen heute zum ersten Male ein Sitz in diesen Räumen gewährt werden mußte.

Auf der Tafel vor dem obersten Platze stand eine Sanduhr.

Der Stadtarzt war an den Tisch getreten, hatte das Stundenglas gestürzt und sah nun gedankenvoll dem unhörbar und unaufhaltsam abrieselnden Sande zu.

„So ganz vertieft, Herr Doctor?“ sagte Aunkhover, indem er hinzutrat und die Spitze seines Bartes zwischen den Fingern drehte. „Ihr wollet wohl besondere Wissenschaft herauslesen aus dem Ablaufen der reisenden Uhr?“

„Dünkt Euch das unmöglich?“ entgegnete der Doctor, ohne sich umzuwenden. „Ich meines Theils lese zweierlei Weisheit ganz deutlich in dem rinnenden Sande…“

„Die wäre?“

„Erstlich, daß es nur ein winzig Löchlein ist, durch das der Sand abläuft, und daß er doch abläuft, bis auch kein Körnlein zurückgeblieben ist, und zweitens, daß, wenn das letzte Körnlein abgelaufen ist, man die Uhr umkehrt und sie die Reise von Neuem beginnen läßt…“

„Und die Weisheit, so daraus folget?“ fragte Aunkhover mit lauerndem Blick.

„Findet Ihr sie nicht?“ rief der Doctor. „Die reisende Uhr predigt, wer in der Fülle sitzt, soll sich nicht überheben, sondern eingedenk sein, wie unsichtbar unter ihm ein klein Löchlein sich befindet, durch das sein Sand verrinnt, unmerklich, aber auch unerbittlich, und daß, was unten ist, darum nicht zu verzagen braucht, denn wenn seine Zeit da ist, wird umgestürzt und es kommt wieder obenauf!“

„Ihr spielt auf den Rath und die Gemein’ an,“ rief Aunkhover, „der Rath, die Geschlechter sind für Euch der ablaufende Sand; man weiß ja, daß Ihr in’s Geheim zu den Zünftlern haltet!“

Der Arzt wandte sich rasch und mit forschendem Blick nach ihm. „So Ihr Jemand kennet, der das zu wissen behaupten will,“ sagte er finster, „so saget ihm, er solle sich vor Hans Baier wahren; ich bin nicht gewillt, Andere zu Auslegern meiner Gedanken zu machen! Ich bin nur ein Arzt und sage: wo Fieber ist, da soll man beruhigen, abkühlen, nicht schüren und erhitzen!“

„Ich bin kein Arzt,“ rief Aunkhover, „aber ich weiß eine bessere Cur und eine kürzere. … Zapft ein wenig ab von dem heißen, übermüthigen Blut, und die Fieberträume verschwinden.“

Grollend wandte er sich ab und ließ den Stadtarzt stehen, der wieder zu seiner vorigen Beschäftigung zurückkehrte.

„Indessen war in seinem Geheim-Gemach der Stadtkämmerer in nicht minder eifrig erregtem Gespräch begriffen; sein Widerpart war ein feiner Mann in mittleren Jahren, der das hochblonde Haar in langgescheitelten Locken hinter die Ohren gelegt hatte; ein kümmerliches Bärtchen von gleicher Farbe deckte nur wenig die verschmitzte Oberlippe, dagegen waren die Augenbrauen ungewöhnlich büschig und stark und machten den Blick der grauen Augen noch greller und stechender. Der hochmüthig überlegene Ausdruck des Gesichts stimmte nicht zu dem fast unscheinbaren schwarzen Wamms und Mantel; nicht minder war die ganze äußerlich einfache und fast demüthige Erscheinung im Widerspruche zu der besondern Artigkeit und Ehrerbietung, mit welcher der Stadtkämmerer dem Fremden begegnete und aufrecht neben dem Stuhle stand, in den dieser sich bequem zurückgelehnt hatte.

Derselbe hatte eine Weile in schweigendem Nachsinnen vor sich hingeblickt. „Was Ihr mir erzählt,“ sagte er dann mit einem kurzen Seitenblick, „dünkt mich immerhin besonderer Art. Was ist dieser Dommeister für ein Mensch?“

„Ein wohlbewanderter Baumeister und Steinmeißel seines Zeichens,“ erwiderte Lyskirchner, „ein angesessener, hablicher Mann aus altem Bürgergeschlecht in besten Jahren, aber unbeweibt, kurz angebunden und glaubt, daß seine Kunst der Angel sei, um den die ganze Welt sich dreht…“

„Ein Phantast also, ein Schwärmer, wie sie Alle sind,“ unterbrach der Fremde. „Das bringt die Natur mit sich, so Einer nicht mit solider Wissenschaft und Geschäft sich befaßt, sondern mit all’ den Dingen, so sich Künste benamsen und doch nur Zierwerk sind und eitel Spielerei! Hat der Mann sonst schon mit den Rebellern sich eingelassen?“

„Es hat nie davon verlautet; er ist lang’ in Frankreich gewesen und in Italien und hatte sich wohl erprobt, daß man ihn nach seines Vaters Tod zum Dommeister erkor; seitdem lebt er zurückgezogen und ich vermeine, es sei auch gestern nur der Augenblick gewesen, der ihn in den Strom hineingerissen…“

„Ein Schwärmer, ein Phantast, wie ich gesagt!“ wiederholte der Fremde. „Ich denke, dem Manne wird beizukommen sein, der wird seine schwache Stelle haben, ob er sie nun wie Siegfried im Nacken, oder wie Achilles an der Ferse trägt!“

„Jedenfalls würde ich sehr zur Vorsicht rathen, der Meister ist hochfahrend und von trutzigem Gemüth… Einer von den Gefährlichen!“

„Ach, lehrt mich meine Leute kennen!“ rief der Fremde sich erhebend, mit geringschätzigem Lächeln. „Wen die Wallung eines Augenblicks von der einen Seite auf die andere hinüberführt, den führt eine Wallung auch wieder zurück; es kommt nur darauf an, daß man versteht, die Wallung wieder hervorzubringen und stärker als vorher… Besser freilich wär’ es gewesen,“ fuhr er mit ernsterem Tone fort, „Ihr hättet meine ersten Rathschläge befolgt und kaiserlicher Majestät Kriegsvolk in die Stadt eingelassen; mit hundert Mann hätt’ ich gründlich Frieden gemacht, eh’ Ihr eine Hand umkehrt!“

„Ich habe schon mehrfach Gelegenheit gehabt,“ erwiderte der Stadtkämmerer geschmeidig, aber mit Nachdruck, „zu demonstriren, wie solches nicht zu wagen und zu rathen war. So die Empörung jetzt nur glimmt und glostet, wäre das ein Windstoß gewesen, die offene Flamme anzublasen … die Gemeine ist zu schwierig…“

„Die Gemeine?“ fragte der Fremde, indem er Lyskirchner mit prüfenden Blicken maß. „Die würde mich nicht schrecken und vermeint’ ich, mit den Handwerkern bald an’s Ende zu kommen; aber Ihr, Ihr Rathsherren, Ihr von den alten Geschlechtern seid’s, die kaiserlicher Majestät eigentlich im Wege stehen… Glaubt Ihr, mich bei sehenden Augen blind machen zu können?“ fuhr er noch strenger fort und wies die betheuernde Geberde des Stadtkämmerers gebieterisch zurück. „Es ist, wie ich gesagt! Ihr seid das eigentliche Hinderniß, daß die Stadt noch immer sich dem Gebote kaiserlicher Majestät widersetzt und den verordneten Reichshauptmann nicht annehmen will! Ihr tragt auf beiden Achseln! Ihr seid kaiserlich, so lang’ sich’s darum handelt, das widerspenstige Volk niederzuhalten, das Eurem Uebermuthe nicht mehr gehorchen will! Zu Daumschrauben wollt Ihr den Kaiser gebrauchen, darüber hinaus aber wollt Ihr selbst wieder und allein die Herren sein! Ihr spielt ein heimliches, ein doppeltes Spiel, aber sehet zu, daß Ihr Euch nicht damit verrechnet!“

[539] „Eure Anwesenheit,“ entgegnete der Stadtkämmerer unterwürfig, „ist wohl die beste Widerlegung und Gegenprobe gegen diesen schweren Vorwurf, diese ebenso kränkende wie grundlose Incrimination! Euch ist nicht unbekannt und auf dem Wege hieher konntet Ihr Euch überzeugen, daß ich insgeheim und nur mit Wenigen einverstanden im Namen der Stadt Soldknechte geworben; Ihr wißt, daß sie sich zu Stauf versammeln; daß Herzog Albrecht von Baiern, noch immer der Stadt ein wohlgewogener Gönner, gutgeheißen hat, daß es unter dem Vorwand geschieht, als sammle er dort seine Mannschaft zu des Kaisers bevorstehendem Reichszug gegen Ungarland… Wäre gestern nicht ein dummer Zufall dazwischen getreten, der das Volk aufregte, so hätt’ es schon heute, wenn es sich zur Beredung eingefunden, meine Söldner gefunden, welche nicht wie die meist einheimischen Stadtknechte aus Besorgniß zaudern, daß es vielleicht ein Gevatter oder der Sohn einer Muhme ist, der ihr Eisen spüren soll! Aber auch für den schlimmsten Fall hab’ ich vorgesehen; es gelang mir, auf verborgenem, nur mir bekanntem Wege einen Boten aus der Stadt und an den Führer des geworbenen Volks zu schicken, daß er sich bereit halten soll; jede Stunde kann er kommen und mir Nachricht bringen, ein Zeichen ruft sie hierher. Jetzt macht mir noch Vorwürfe, so Ihr glaubt, dazu Anlaß zu haben… Alles ist vorbereitet und nichts mehr zu thun, als die Entscheidung zu verzögern und die Unruhigen so lang’ hinzuhalten, bis man ihnen den Herrn zeigen und in der ersten Ueberraschung sie niederwerfen kann; an einem Vorwande dazu wird es wohl nicht fehlen!“

„Wann hätt’ es uns je an einem solchen gefehlt!“ rief der Fremde mit funkelnden Augen. „Das habt Ihr trefflich gemacht, Herr Stadtkämmerer … das versöhnt mich mit Euch! Laßt uns denn nicht länger zögern, den Fastnachtsschwank zu beginnen; mich dünkt, dem Volke währt es zu lang’, bis die Kurzweil beginnt. Ich höre Stimmen von der Straße, die Zünftler kommen…“

Es war wirklich so. Auch die Rathsherren vernahmen den Lärm und traten neugierig an die Fenster, aber weit genug entfernt, um von unten nicht gesehen werden zu können. Der Rottmeister und der Rathsvogt waren minder bedenklich in ihrer Nische und sahen dem Andrängen des Volkes zu, das sich lärmend von der Haid und vom Fischmarkt her über den Rathhausplatz heranwälzte.

„Wie sie brüllen!“ sagte der Rottmeister. „Sie denken, wir sind nicht vorgesehen, aber meine Bursche mit ihrem Waibel stehen hinter dem Thor und wenn sie es wagen … Der große, stattliche Mann in der Pelzschaube ist wohl der Dommeister, den sie sich zum Führer gewählt haben?“

„Das ist Herr Wolf Roritzer,“ „erwiderte der Vogt, „und bei meiner armen Seel’, es ist wirklich ein stattlicher Mann! Schreitet er doch daher, als wär’ er schon Stadtkämmerer und trüge die goldene Kette mit dem Ehrenpfennig um den Hals!“

„In Gedanken trägt er sie wohl schon!“ sagte Dollinger lachend. „Die Andern kenn’ ich meist! Links hinter ihm, ist das nicht Meister Hörhammer, der Schusterkneif, der mir meine Reitstiefeln so elend versohlt hat, daß ich noch heut’ Lust habe, sie ihm um die Ohren zu schlagen? Und der will auch mitreden und will an der Gemeine flicken?“

„Hört nur das Geschrei! Seht nur das Gedräng’!“ rief wieder der Vogt. „Die ganze Menge wird doch nicht herkommen und in’s Rathhaus eindringen wollen? Nein, seht, der Roritzer bleibt stehen und redet zu ihnen… Wie sie alle die Mützen von den Köpfen reißen, als wär’s ein durchlauchtig Fürstenhaupt, vor dem sie stehen! Sie gehorchen ihm, sie bleiben zurück und nur die Rädelsführer geh’n mit ihm vorwärts… O weh, o weh, das ist ein übel Anzeichen!“

„Was ist geschehen?“ fragte der Rottmeister, der sich schon etwas abgewendet hatte, zurückkehrend.

„Saht Ihr’s nicht? Da, mitten auf dem Platz haben die Maurer, die jüngst am Rathhausthor gearbeitet, einen Haufen Sand liegen lassen … wie der Dommeister mit dem Volke geredet und nicht hingesehen, wär’ er bei einem Haare gefallen! Ein schlimmes Anzeichen sag’ ich Euch … wenn mir das geschähe, ich hielt’ es für einen Unglücksgang und kehrte um, bei meiner armen Seele!“

Alles wandte sich dem Eingange zu, wo man die Bürger kommen hörte; auch aus dem Nebengemache trat der Stadtkämmerer mit dem Fremden. Er grüßte flüchtig und herablassend; auch sein Auge hing an der Thür. Niemand fand Zeit, seinen Begleiter zu beachten, der fest und sicher, als ob es so gebühre, neben den Stuhl des Kämmerers trat.

Tiefes Schweigen empfing Roritzer, als er auf der Schwelle erschien; hinter ihm drängten die Meister und Zunftgenossen nach, hart neben ihm pflanzte Loy sich auf: er schien sich vorgenommen zu haben, keinen Schritt von der Seite des Lieblings zu weichen.

„Gott zum Gruß, Ihr edlen Herren und Gestrengen vom Rath der freien Stadt Regensburg!“ begann Roritzer sich leicht verbeugend mit klarer Stimme und ruhigen Blicks die Versammlung überschauend. „Die ehrbare Gemein’ verdankt es Euch höchlich, daß Ihr deren Begehr willfahren wollt; wollet allerlei Beschwerniß und Mißhelligkeit, so sich erhoben, freundlich anhören und friedlich verhandeln. Deshalb erscheinen diese wackern Meister und Zunftgenossen als Abgeordnete der Gemeine auf Eure Ladung vor Euch; mir aber leget es nicht als eigene Kühnheit aus, daß ich als eines gestrengen Raths Diener, auch wohlbestallter Dommeister, als Anführer und Fürsprech erscheine …“

„Ihr bedürfet nicht der Entschuldigung, werther Meister,“ unterbrach ihn der Stadtkämmerer mit ausgesuchter Artigkeit in Ton und Geberde. „Wir sind Euch vielmehr Dank schuldig und der Rath rechnet es Euch zu hohem Verdienste an, daß Ihr an die Spitze löblicher Gemein’ getreten. Wir begrüßen die Abgeordneten mit um so größerer Freude, als ein Mann sie anführet, der die beste Kenntniß und Fähigkeit besitzet, dessen aufrichtigen, redlichen Willen…“

„Ihr habt mich unterbrochen, Herr Lyskirchner,“ sagte Roritzer kalt, „gebt Vergunst, wenn ich es hinwider thun muß, aber Ihr schweift ab und redet von Dingen, die nicht hierher gehören. Diese Männer haben alle den aufrichtigen redlichen Willen, ihren Spahn mit dem Rath gütlich zu vertragen, damit Frieden und Eintracht und mit ihnen Gedeihen und Wohlfahrt wiederkehre in unsere gute Vaterstadt! Und weil sie bei Euch denselben guten Willen voraussetzen, sind sie gekommen zu offenem Rathsgespräch und meinen, es sei wohlgethan, die edle Zeit nicht zu vergeuden mit eitler Reverenz und Wortgepräng…“

Der Stadtkämmerer biß sich auf die Unterlippe. „Wie es Euch gefällt,“ sagte er dann in merklich abgekühltem Tone, „der Rath hofft übrigens, daß Niemand es wagen werde, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln, und so laßt uns denn beginnen. Nehmt Platz, und laßt den Rath erfahren, was die Gemein’ von ihm begehrt…“

„Nichts für ungut, Herr Stadtkämmerer,“ rief Roritzer sich niederlassend, „ich muß Euch gleich bei Beginn zuwider sein. Was eine löbliche Gemein’ von Regensburg begehrt, braucht nicht erst lang erörtert zu werden, es ist dem Rathe längst bekannt, auch unlängst in ausführlicher schriftlicher Vorstellung des Breitern erörtert worden…“

„Mit Vergunst, Herr Dommeister, es ist so viel gesagt und ventiliret worden, daß ein förmlicher präciser Vortrag nicht zu umgehen… auch die Rathsordnung verlangt es so und die Form Rechtens…“

Der Fremde neigte das Lockenhaupt gegen den Stadtkämmerer und sagte feierlich: „Es ist so, ich muß das bestätigen!“

„Und wer ist es, der diese Bestätigung giebt?“ fragte Roritzer mit festem Blick.

„Ah, ich vergaß, diesen Herrn der Versammlung vorzustellen,“ entgegnete der Stadtkämmerer; „seine Anwesenheit ist ein Beweis, wie sehr ich bemüht bin, den obwaltenden Streit in gründlichster Weise zu schlichten… Doctor Fux, ein berühmter Meister der Rechtsgelahrtheit, auch Lehrer an der hohen Schule zu Prag, der auf seiner Durchreise meine Einladung nicht verschmäht, als Juris Consultus sein Gutachten …“

„Das ist dankenswerth von dem Herrn Doctor,“ entgegnete Roritzer, „aber ich vermein’, es soll so gelahrter Hülfe nicht bedürfen, mit schlichtem Verstand und gutem Willen gedenken auch wir das Rechte zu finden; doch um dem Zank ein Ende zu machen und zu zeigen, daß wir nicht widerspenstig sind … Ihr habt Euren Rathsschreiber, gebt ihm die Beschwerdeschrift, er soll sie lesen…!“

„Ich weiß nicht,“ sagte Lyskirchner ausweichend, „ob die Schrift augenblicklich zur Hand…“

„Ei, ei, Herr Stadtkämmerer,“ rief Roritzer rasch, „Ihr wußtet doch, was verhandelt werden soll, und habt nicht einmal die Schrift zur Hand? Doch immerhin, wir haben für eine Abschrift gesorgt… Hier ist sie, nehmt, Rathsschreiber, und lest…“ Er warf das Papier dem Schreiber hin; die Rathsherren machten verlegene Mienen, die Bürger warfen sich bedeutsame Blicke zu. [540] Der Schreiber stand angstvoll, die Schrift bebte in seinen Händen und fragend blickte er auf den gewaltigen Stadtkämmerer. „Lest!“ rief Roritzer noch einmal gebieterisch und der Schreiber begann.

Es war ein langes inhaltvolles Actenstück, ein getreues Verzeichniß aller wirklichen und vermeinten Unbilden, die der Rath seit Jahren gegen die Bürgerschaft verschuldet, Kleinigkeiten neben den wichtigsten Anklagen, Dinge die sich fast lächerlich anhörten neben Inzichten der schwersten Art; das Volk hat ein treues Gedächtniß, es hatte einen empfangenen Nadelstich so wenig vergessen, wie eine Todeswunde. Da war dem Rathe vorgehalten, wie er und die edlen Geschlechter seit Langem darauf ausgegangen, alle Herrschaft an sich zu reißen und die Gemein’ in ihren Rechten zu verkürzen, wie sie darum sich an Herzog Albrecht ergeben, nur um mit Hülf’ eines Gewaltigen das Volk zu unterdrücken, und wie sie der Gemein’ die Zustimmung zu dieser Ergebung arglistig abgelockt, indem sie ihr die lateinischen Freiheitsbriefe der Stadt, welche den Bürgern unverständlich waren, falsch übersetzt und ungetreu vorgetragen, den Vermögensstand der Stadt aber fälschlich als einen trostlosen und unhaltbaren dargestellt. Da war nicht verschwiegen, daß, wenn es übel um der Stadt Säckel beschaffen, dies Niemand verschuldet, als die üble Wirthschaft des Raths und seine Saumsal, die zugegeben, daß Nürnberg den Regensburger Handel an sich gerissen, daß die Wiener die Schiffe von Regensburg angehalten und Herzog Albrecht die Getreidschranne gewaltsam nach Straubing gezogen und daß jetzt kaiserliche Majestät, der die Bürger getreu ergeben, wider der Stadt altes verbrieftes Recht ihr einen Hauptmann aufdrängen wolle. Es sei, hieß es, dem Rathe nicht Ernst, diese Zumuthung abzuwehren, auf welcher der Kaiser sicher nicht bestünde, würde ihm nur Alles in rechter Wahrheit vorgetragen; er unterhandle mit dem Kaiser nur zum Schein, und sei heimlich mit ihm einverstanden zu gemeiner Freiheit Unterdrückung. Da war endlich dem Rathe vorgerückt, daß er den Klöstern und Geistlichen nicht gewehrt, welche allerlei bürgerliches Gewerb’ und den Bier- und Weinschank betrieben zum Schaden der Bürger, daß er diesen eine Kleiderordnung eigenmächtig vorgeschrieben und das Umgeld erhöht habe, ohne die Gemein’ in Wachtversammlungen zu befragen, wie es Rechtens und Herkommens in der alten freien Reichsstadt.

Schweigend hörte die Versammlung zu, wenn auch durch manches Patriciergesicht der Unmuth zuckte, das eigene Sündenregister so anhören zu müssen, und in manchem Auge der Unwille glühte über die kühne Sprache, die das Volk zu führen gewagt; mancher grimmig verbissene Mund hätte gern die Verlesung unterbrochen, aber es war etwas in dem ruhigen Gebahren des Dommeisters, was das kecke Wort auf den Lippen ersterben ließ.

„Der Rath von Regensburg,“ begann endlich der Stadtkämmerer unbefangen in Miene und Ton, „hat nun die Beschwerden löblicher Gemein’ vernommen und darf es wohl als Beweis hervorheben, wie sehr er die Bürgerschaft in ihren Abgeordneten ehrt, daß er so vielfache wie grundlose Beschuldigung ohne Erwiderung und Vertheidigung angehört; der Rath wird diese zu rechter Zeit nachzuholen nicht unterlassen; vor Allem aber ziemt die Frage, was löbliche Gemein’ eigentlich verlange? Wie sie glaubt, daß all’ den Uebeln, so sie in Wirklichkeit als bestehend erachtet würden, soll abgeholfen werden…“

„Die Gemein’,“ erwiderte Roritzer, „bedauert, zu solch’ bitterer Auseinandersetzung gezwungen zu sein, sie tröstet sich mit dem Bewußtsein, es nicht verschuldet zu haben, und will hinwider einen Beweis geben, wie gern sie die Hand bietet und einschlägt zu Versöhnung und Frieden… Vergessen soll Alles sein, was geschehen, jede Kränkung von beiden Seiten geschlichtet und abgethan auf ewige Zeit, wenn der Rath der Gemein’ drei Dinge zugesteht und verbrieft in feierlicher, darüber aufgenommener Urkund’…“

„Nennt die drei Dinge!“

„Zum Ersten, daß der Rath der Gemein’ die alten Freiheitsbriefe und Rechtbücher der Stadt vorlegt zu jederzeit freier Einsicht, Lesung und Abschrift; zum Andern, daß der Rath über den Stadtsäckel auf die letzten fünf Jahre zurück genaue Rechnung legt und eine Tagsatzung bestellt zur Abhör … zum Dritten, daß fortan und für ewige Zeit aus jeder der zehn Wachten, in welche die Stadt getheilt, je vier Bürger in freier Wahl erkürt werden, die im Rath sitzen und Stimme haben wie die Andern und wie die Geschlechter…“

Die Gesichter über den hohen Lehnstühlen waren noch finsterer geworden, desto heller leuchteten die der Zunftgenossen; sie flüsterten einander zu und waren vergnügt über die entschiedene Art, wie der Führer, den sie gewählt, ihre Sache vertrat.

„Wohlan denn,“ begann Lyskirchner wieder, „so wollen wir hoffen, aus sothaner heute begonnener Besprechung den erwünschten Frieden und der Stadt ersprießliche Eintracht entkeimen zu sehen… Der Rath kennt nun das Begehren löblicher Gemein’; er wird solches in gebührende Berathung ziehen und nicht ermangeln, die Resolution, so er gefasset, zu verkünden; inzwischen …“

„Mit Vergunst, Herr Stadtkämmerer,“ unterbrach ihn Roritzer erstaunt, „wozu das? Wozu noch einmal geheime gesonderte Erwägung im Rath? Hier sitzen die Vertreter der Gemein’, nicht um blos zu erwarten und ruhig anzuhören, was einem wohledeln Rath belieben mag zu beschließen: zu gemeinsamer Verhandlung und Berathung sind wir hier – die Gemeinsamkeit ist es, aus der die Eintracht kommen soll!“

„Aber der Rath muß doch erst für sich untersuchen … sich klar werden über die Verhältnisse und Anforderungen!“

„Ei, Ihr Herren, so Euch die Verhältnisse jetzt noch nicht klar geworden,“ rief Roritzer unwillig, „so dürfte das Warten lang währen, bis es geschieht! Ist es nicht schier ein Jahr, daß Rath und Gemein’ im Hader liegen miteinander? Thut Ihr doch, als hörtet Ihr heute das erste Wort davon, und könntet doch längst jede Silbe auswendig wissen und jeden Buchstaben! Ihr sinnt darauf, die Sache zu verzögern …“

„Und Ihr wollt sie überstürzen!“ rief der Fremde, der nicht mehr an sich zu halten vermochte.

„Mit Euch hab’ ich nicht zu verhandeln, Herr Doctor,“ rief Roritzer entgegen, „werd’ Euer nicht vergessen, so ich einmal einen Handel haben sollt’ am neuen Kammergericht zu Wetzlar, hier aber dank’ ich für Euren Rath!“

„Ihr würdet gut thun, Euch zu mäßigen!“

„Ich thue nichts über’s Maß, ich bin’s als Baumeister gewohnt!“

Die Bürger lächelten und nickten noch vergnügter. Der Fremde aber flüsterte Lyskirchner zu: „Ihr habt recht gesagt, das ist ein gefährlicher Mensch!“

„Noch einmal,“ begann der Dommeister wieder, „begebet Euch der Weitwendigkeit und alles Umschweifs! Sagt Eure Meinung über die Sprüche und Forderung der Genossen, wir reden hinwider und kommen so zur Verständigung…“

„Es geht nicht! Es ist wider alle Form!“

„Die Form thut’s nicht, Ihr Herren, glaubet mir das; der Sinn muß Alles thun, der in der Form steckt! Der Sinn hat sie geschaffen, und hat sie ihren Dienst gethan, so zerbricht er sie und schafft sich die neue, deren er bedarf!“

„Ihr seid sehr reich an Bild und Gleichniß,“ entgegnete Lyskirchner kalt, „Ihr vergesset nur, daß es Dinge giebt, die über Senkblei und Winkelhaken hinausgehen, und daß nicht Alles zu schlichten und glatt zu machen ist mit Kelle und Richtscheit!“

Der Dommeister sprang auf; Zorn röthete sein Angesicht, seine Hand ballte sich, seine Augen brannten, die Lippen zuckten, dem Gegner ein grimmiges Wort in’s Antlitz zu schleudern: da war es ihm, als stünde er wie gestern vor ihm am Eingang seines Hauses, als träte eine holde Gestalt wieder zwischen Beide, und schmiegte sich schützend vor den alten Mann und blickte mit den tiefen innigen Augen bittend und abwehrend auf ihn herüber.

Er bezwang sich.

„Herr Lyskirchner,“ rief er mit bebender Stimme, „es ist das zweite Mal, daß Ihr über die Sache die Person angreift und spöttisch meines Handwerks gedenkt… Ich ertrag’ es nur an diesem Ort, in dieser Stunde allein, ich ertrag’ es nur um eines Gedankens willen, den Ihr nicht ahnt; aber wagt nicht, mir wieder so zu begegnen, oder so wahr ich mich nie meines Meißels geschämt …“

Lärmen und wachsendes Stimmgebrause vom Platze her unterbrach ihn. „Was ist das?“ riefen die Rathsherren und drängten zum Fenster. „Was geschieht? Das Volk stürzt in Massen schreiend gegen das Rathhaus heran … das ist Ueberfall!“

„Unmöglich!“ rief Roritzer dazwischen mit Gebieterstimme den Lärm übertönend. „Ich habe dem Volke befohlen, zu warten!“

„Ha,“ knirschte der Fremde dem Stadtkämmerer zu, „der Uebermüthige! Er hat sich’s wohl eingelernt, den Volkstribun zu spielen!“

[560] Fußtritte polterten die Treppe des Rathhauses herauf und durch den Vorsaal; der Schmied von Weih-Sanctpeter stürzte rothglühenden Angesichts in das Gemach. „Mit Verlaub, Ihr Herren und Meister allerseits,“ rief er, „daß ich so hereinfalle mit der Thür in’s Haus … die Wachtgenossen sind nicht mehr zu halten … eine wichtige Kundschaft, die wir aufgefangen …“

„Redet, Meister, athmet aus,“ sagte Roritzer, „und erzählt ruhig, was sich begeben…“

„Weiß schier selber nicht, wo ich anfangen soll,“ fuhr der Schmied fort, „stunden unser eine Schaar gegen das Donauthor zu und hatten unvermerkt Acht, wer die Brücke hereinkäme und wer hinaus wollt’, da kam ein Bauer herangeschritten, den ich von Sehen wohl gekannt, er heißt Hillinger und ist ein Weinzierl in Stauf und hat oft sein Rößlein beschlagen lassen an meiner Schmiede. Fiel mir schon auf, daß er that, als säh’ er mich nicht, und wollt’ sich sacht an uns vorbeidrücken, und wie ich ihn drum anrief, da war er erschreckt und blaß und zitterte, daß er schier nicht zu reden vermocht’. Wir gingen ihn d’rum schärfer an, da siel er auf die Kniee und sagt’, er dürf’s nicht gestehen, aber er hab’ eine wichtige Botschaft zu tragen … an Herrn Lyskirchner, den Stadtkämmerer…“

„An mich?“ stammelte dieser erbleichend.

„Da suchten wir dem Kundschafter das Gewand aus,“ begann der Schmied wieder, „und fanden im Wamms eingenäht dieses Schreiben…“

„Her damit, was enthält es?“ rief Roritzer, entfaltete das Blatt und las: „‚Wir sind gerüstet und die Zahl voll; gebt das Zeichen und sorgt, daß wir das Pförtlein offen finden…‘ Nun, Herr Stadtkämmerer, geliebt es Euch wohl, uns zu künden, was das bedeuten mag?“

„Ich weiß nichts davon!“ rief dieser grimmig. „Das ist elende Verleumdung! Angezettelt Wesen, mich zu schädigen…“

„Meint Ihr, Herr Stadtkämmerer?“ entgegnete der Dommeister mit ruhigem furchtbarem Ernst. „Ich will Euch hinwider meine Meinung sagen … das ist nicht angezettelte Verleumdung, das ist Verrath! Während Ihr uns hier mit dem Schein von Verhandlungen hingehalten, habt Ihr draußen Soldknechte geworben und sinnt, die gute Stadt meuterisch zu überfallen…“

„Lügner, wer das behauptet!“ schrie der Kämmerer außer sich. „Man stelle diesen Bauer zu ordentlicher Untersuchung, es ist ein falscher, ein bestochener Zeuge…“

„Nicht doch, Herr Stadtkämmerer,“ rief jetzt der Fremde dazwischen und trat mit solcher Würde vor, daß die Andern unwillkürlich zurückweichend einen Kreis um ihn bildeten. „Versuchet nicht länger mit diesem irregeleiteten Volke zu verhandeln und seinem hirnverbrannten, übermüthigen Führer, die Zeit der vergeblichen Milde ist vorbei und die der gerechten Strenge beginnt! Ja denn, Ihr Aufrührer, es ist wie Ihr befürchtet, Regensburg ist umstellt und auf das erste Zeichen dringen die Söldner ein, Euch zu züchtigen und die Brandfackel über Euere Häuser zu schleudern; wagt es nicht auf dieses Aeußerste! Unterwerft Euch, legt die Waffen ab und demüthigt Euch, und Euch Allen soll Gnade werden, Ihr sollt ungeschädigt sein an Leib und Leben, an Hab und Gut, dafür bürge ich Euch Allen, im Namen kaiserlicher Majestät … ich, Thomas Fux von Schoenberg, Kaiser Maximilian’s Geheimrath und wohlbestallter Hauptmann in Regensburg.“

„Wie?“ rief der Dommeister außer sich, während die Bürger einen Augenblick betroffen und unschlüssig standen. „Auch das war Mummerei und eitel Fastnachtsscherz? Das ist also die Aufrichtigkeit, mit der Ihr groß gethan, Ihr Verräther?“ Versöhnung habt Ihr nur geheuchelt? Habt dem wackern gläubigen Volk nur einen Köder hingeworfen, daß Ihr Zeit gewinnt, es hinterlistig mit Euren Schlingen zu umstricken? .… Wohlan denn, Ihr Herren, Euer Regiment in Regensburg ist zu Ende!“

„Bedenkt, was Ihr thut!“ rief der Hauptmann. „Ich werde dem Kaiser berichten…“

„Ich will Euch die Mühe sparen, neue Mährlein zu ersinnen, Herr, ich werde selber gehen und dem Kaiser Bericht erstatten, Ihr aber werdet’s Euch indessen in Regensburg gefallen lassen.“

„Ich sehe,“ sagte der Hauptmann, „der Volkstribun hat sich entpuppt und der neue Dictator ist fertig; aber Ihr werdet es nicht wagen, den Gesandten kaiserlicher Majestät zurückzuhalten.“

„Ich will erst glauben lernen,“ sagte Roritzer mit Hoheit, „daß Ihr solche Würde an Euch tragt; ich will von Maximilian selber hören, ob er es gut heißt, daß sein Gesandter und Hauptmann in der Vermummung sich einschleicht, recht wie ein Fuchs in den Bau! Ja, meine Freunde und Genossen, der Kaiser soll mich hören! Er ist eben auf der Reise zum Reichstag in Augsburg, er wird mich hören, wird Eure Sache gerecht aus meinem Munde hören und ein gerechtes Urtel sprechen! In wenig Tagen bin ich zurück; bis dahin gelobet mir, Ruhe zu halten und Niemand zu schädigen an Leben und Eigenthum! Sorgt nicht vor einem Angriff auf die Stadt, die äußeren, die bezahlten Feinde wagen nichts, wenn die inneren unschädlich gemacht sind, und das übertrag’ ich Euch. Besetzt die Thore und Wehrgänge, besetzt das Rathhaus und alle Thüren in demselben, bewachet die edlen Herren wohl! Bei Eurem Leben, bei Eurer guten Sache, Ihr steht für die Ruhe der Stadt, Ihr bürgt mir dafür, daß Keinem ein Haar gekrümmt wird… Gelobet Ihr mir das?“

„Wir geloben!“ tönte es in wildem Zuruf entgegen.

„Nun denn, so thut, wie ich Euch gesagt… Nehmt Eure Gefangenen hin!“

Auf die vernichteten Rathsherren zeigend, die im Augenblick umringt und ergriffen waren, verließ der Dommeister den Saal; von unten dröhnte der Zuruf des Volks, das den Vorgang erfahren, wie ein wettergeschwellter Bergstrom herauf.

Draußen hielt Roritzer an und faßte des Bildschnitzers Hand. „Loy,“ sagte er, „alter Freund, ich verlasse Regensburg und Dich! …“

„Was fällt Dir ein, Wölflein? Ich gehe mit Dir!“

„Diesmal nicht, ich muß mein Kleinod hier zurücklassen und brauche einen treuen, tüchtigen Wächter dafür. Die Bauhütte ist meinem Schutze vertraut, willst Du sie für mich bewahren, als wär’ ich selber da?“

Der Alte konnte nicht reden; gerührt faßte er des Freundes Hand und drückte sie an seine Brust… „Was Du verlangst, Wölflein,“ stieß er dann heraus, „was Du verlangst, ich hab nun einmal keinen Willen gegen Dich!“


3.

In Lärmen und wildem Geschrei verhallte der Tag, die dunkle, ernsthafte Stadt schien Antlitz und Wesen vertauscht zu haben; wo sonst Gewerbe und Handwerk in den engen Erdgeschossen sich lustig hören ließ, war es stumm geworden und auf Straßen und Plätzen, wo es sonst stille gewesen und nichts verlautete, als der kleine Verkehr täglichen Bedürfens, da drängte und wogte es in wüstem Treiben und Brausen, wie in einem Haufen aufgestörter Ameisen oder einem Schwarm verwilderter Immen; mochte auch dem Gebahren [561] der Menschen das unmerkliche Gesetz und die verborgene Einheit fehlen, die das anscheinende Wirrsal der Thiere zu wohlvertheilter, sinniger Arbeit erhebt. Das Gerücht von dem Bürgergespräch auf dem Rathhause, von der Bedrohung der Stadt durch feindlichen Ueberfall und von der Gefangennehmung der edlen und Rathsgeschlechter hatte Alles hervorgelockt, was noch Gleichgültigkeit, Furcht oder Unkenntniß zurückgehalten haben mochte; die Werkstätten, die Bürgerhäuser waren leer, die burgähnlichen Ansitze der Adeligen und Rathsherren aber hatten sich geschlossen, Fenster und Thüren waren verrammelt, als ob Niemand mehr hier hause, oder als ob ein trotziger Feind dahinter laure, entschlossen, einem feindlichen Angriff mit ritterlicher Abwehr zu begegnen. Die Klöster, voran das mächtige Sanct Emmeran und das Frauenstift Niedermünster, sperrten sich ab, kleine Burgflecken bildend, mitten im Stadtgebiet; der Bischofshof mit den Wohnungen der Domherren schloß seine wuchtigen Thore, und die vorsichtigen Juden verrammelten mit doppelter Wehr den Eingang zu ihrer Straße und den darin gesammelten Schätzen. Vom Volke dachte Niemand mehr an Arbeit und Erwerb, die Männer und Gesellen zogen ab und zu und lösten einander ab auf Thorwachen, Wehrgängen und Thürmen, oder sie rasteten auf den Plätzen und die Häuser entlang, bis die Reihe wieder an sie kam, die Frauen und Mädchen aber trugen und schafften herbei, was an Nahrung vorhanden und zu bekommen war, damit Männer und Brüder und Geliebte sich stärken möchten in dem beschwerlichen Geschäft, der Stadt Haushalt und Regiment zu bessern.

Die Gefangenen waren indessen getrennt und in den verschiedenen Räumen und Gewölben des Rathhauses untergebracht, Alle wohlbewacht und behütet, daß Keiner im Stande sein möge, den Seinigen oder irgend einem etwa verborgenen Anhänger ein Zeichen zu geben zur Befreiung oder zum Heranrufen der auf dem Nachbargebiete harrenden Genossen. In ohnmächtiger, verbissener Wuth fügten die gestrengen Herren sich in das Unvermeidliche, knirschend und über eigene Säumniß scheltend die Einen, mit Lachen und Selbstverhöhnung die Andern. „Nun seht, Herr Aunkhover,“ sagte der Stadtarzt im Vorüberschreiten zu dem zornblassen Mann, als sie aneinander vorbeigeführt wurden, „sehet, ob ich nicht Recht gehabt mit meinem Studium der reisenden Uhr … unser Sand will ablaufen…“

„Ihr sagt es, Herr Stadtarzt,“ erwiderte der Rothbart, „aber Ihr habt auch geweissagt, wenn der Sand abgelaufen ist, wird die Uhr gestürzt und was unten gewesen, kommt obenauf!“

„Ein schlechter Trost bei der Aussicht, die Nacht hindurch oder wer weiß wie lange hier bleiben und sein Bett und seine Hausbequemlichkeit entbehren zu müssen,“ rief der Doctor. „All’ dem wär’ vorzubeugen gewesen mit einem kühlenden Mittel…“

„Ich bleibe bei meiner Cur,“ grollte Aunkhover, „die Zeit soll kommen, die mir und Euch beweisen wird, daß nur mit Blut geholfen werden kann!“

„Blut?“ rief einer von den Bürgern dazwischen, ein stämmiger Gerber, indem er den Sprechenden mit der lohbraunen Faust am Genick faßte und schüttelte. „Verwünschtes Edelgezücht, was willst Du damit sagen? Willst Du uns mit Blutvergießen drohen?“

„Was kommt Euch in Sinn, werther Meister?“ rief der Stadtarzt, den Genossen befreiend. „Ihr werdet mir doch nicht wehren, eine ärztliche Consultation zu halten? Der wohledle Herr von Aunkhover hat sich, wie billig, über das Geschehene alterirt und hat mich befragt, ob ihm eine kleine Aderlaß’ nicht heilsam sei…“

„Ist es um die Zeit?“ rief der Gerber und schob seinen Gefangenen vor sich her. „Schlägt es Euch endlich auch in’s Blut? Nur zu, Ihr habt es uns lang’ genug angethan: nun kostet selbst, was es heißt, wenn man die Galle immerfort in sich hineinschlucken muß…“

Der Stadtkämmerer Lyskirchner war in dem Gemache untergebracht, in dem er sonst zu arbeiten und zu amtiren pflegte; derselbe Raum, der ihn so oft gesehen in der Fülle seiner Würde und Macht, war zum Schauplatz seiner tiefsten Erniedrigung gewählt. Das Gemach hatte nur ein großes, wohlvergittertes Fenster und keinen Seitenausgang, die Thür stand offen und in dem Vorsaal an der langen Sitzungstafel machten sich’s die Bürger bequem, von dort konnten sie jede Bewegung des Gefangenen überblicken und bewachen. Es waren einige Schmiedegesellen, die sich mit Hämmern und Eisenstangen aufgepflanzt; ein Paar von ihnen hatte sich zum Ueberfluß Stühle an die Thür gerückt und hielt seine Spieße vor derselben gekreuzt; Meister Hetzer, der Barchentweber, allein hatte sich’s nicht nehmen lassen und sich’s in dem Gemache selbst in des Stadtkämmerers mächtigem Armstuhl bequem gemacht. Auf der Tafel im Vorsaal zeigten die herumstehenden Becher und Krüge, daß die Wächter wohl darauf bedacht waren, sich für die lange Weile ihres Geschäfts mit reichlichem Trunk zu entschädigen.

Der noch vor wenigen Stunden so mächtige Kämmerer empfand die Gefangenschaft und das Bewachtsein wie ein eingekerkertes Raubthier, das ruhelos hinter den Gitterstäben seines Eisenkäfigs hin und wider rennt. Der Weber hatte sich lange daran ergötzt, ihn durch Stachelreden zu reizen und in spöttischen Worten fühlen zu lassen, daß er, der so lange sein Gebieter gewesen, nun sein Untergebener geworden; er rächte sich an dem Gefallenen dafür, daß er so lange vor ihm gezittert. Lyskirchner’s Ingrimm hatte dafür weder Ohr noch Erwiderung; der Spötter ermüdete zuletzt und kehrte ärgerlich zum Kruge zurück, während Jener unermüdet, rastlos hin und wider schritt, grollend und lauernd. Sein kühner Geist gab das Spiel noch nicht verloren, noch hoffte er auf eine Wendung, auf eine Möglichkeit des Entrinnens, und mit ihr tauchten neue Pläne, neue Verwickelungen empor, wenn auch wie Feuer-Meteore wild aufflammend und im ersten Lodern erlöschend. Aber Secunde um Secunde, Stunde um Stunde kroch an ihm vorüber; keine brachte, was er so heiß ersehnte, und im steigenden Unmuth warf er sich endlich auf die an der Wand angebrachte Umlaufbank.

Die Tasche, die er am Gürtel trug, schlug an die Holzkante und machte den Inhalt erklirren.

Der Weber horchte auf, er wandte sich zwar nicht um, aber seine Bewegung war sichtbar genug, um dem spähenden Lyskirchner nicht zu entgehen. Dieser gab sich jedoch den Anschein, als habe er nichts bemerkt, und nahm seinen Wandel durch die Stube wieder auf; nach einiger Zeit ließ er sich wie ermüdet am Tische nieder, wo des Webers Blicke ihn bequem erreichen konnten, und begann in dem goldenen Inhalt seiner Gürteltasche zu wühlen; er that, als ob er zähle, und ließ die Goldstücke klingen und in dem Lampenschein glitzern, der aus dem Vorsaal wie neugierig hereinfiel. Die Gesellen draußen waren stumpf und müde geworden, nur die Beiden an der Thür des Vorsaals mit den gekreuzten Hellebarden waren noch halbwach, murrten unverständliche Worte und nickten mit den schweren Köpfen.

„Plagt Euch wieder der alte Uebermuth?“ rief der Weber, nachdem er einige Augenblicke zugesehen. „Ihr habt Recht, daß Ihr Eure Goldfüchse überzählt, habt lange genug allen Rahm von der Milch abgeschöpft; nun kommt an uns die Reihe! Hättet Ihr uns die fremden Gewebe nicht hereingelassen in die Stadt, dann könnt’ ich auch mit Golde klappern, wie Ihr … all’ das ist eigentlich mein, denn Ihr habt mich verhindert, daß es nicht in meinen Beutel gekommen ist!“

„Ihr mögt Recht haben, Meister,“ sagte Lyskirchner mit anscheinender Betrübniß, „ich fange an, zu begreifen, welch’ ein Thor ich war, mich auf einen solchen Wechsel der Umstände nicht besser vorzusehen. Aber es ist nicht Uebermuth, daß ich das Geld von mir schleuderte, es ist Aerger, weil es so unnütz ist! Wenn ich es auch an Jemand verschenken wollte, der vielleicht ein wenig zu kurz gekommen … es würde mir nicht einmal das Geringste verschaffen, wonach ich lechze, wie der Fisch im Sand, einen frischen, erquickenden Trunk!“

In des Webers Gesicht spiegelte sich die unverhohlenste Ueberraschung. „Einen frischen Trunk?“ fragte er zweifelnd. „Wenn Ihr weiter nichts begehrt und anfangt, Euer Unrecht einzusehen, könnt’ ich Euch wohl meinen Weinkrug anbieten…“

„O, nichts davon!“ sagte Lyskirchner mit abwehrender Geberde. „Ich bin ein kranker, alter Mann … ein vieljähriges Leiden quält mich und wenn ich einen Tropfen Wein über die Lippen brächte, müßte ich es mit unsäglichen Schmerzen bezahlen…“

„Was? Ihr dürft keinen Wein trinken?“ rief Hetzer und drehte sich auf seinem Sitze herum. „Na, dann seid Ihr wahrlich nicht zu neiden gewesen mit all’ Eurem Gold! Aber was meint Ihr dann mit dem frischen Trunk?“

„Was sonst, als einen Trunk frischen erquickenden Wassers.“

„Wasser? Nun, wenn’s weiter nichts ist, der Röhrenbrunnen [562] unten im Hof giebt Wasser, so frisch und so kalt wie Eis. Es ist ja Christenpflicht, daß man die Durstigen tränken soll, und wenn Ihr doch einmal glaubt, daß Euch das Gold nichts mehr nütze …“

Er hielt beide Hände aneinandergelegt gegen Lyskirchner hin, daß sie eine Art Schüsselehen bildeten; ein gierig grinsendes Lachen verzerrte sein Gesicht. Der Stadtkämmerer schleuderte ihm den Beutel zu.

„Recht so, recht so,“ lachte der Weber, „Ihr seid auch ein guter Christ und werfet von Euch, was Euch ärgert! Dafür will ich hinunter zum Brunnenwirth und Euch mein Krüglein voll des besten Gänseweins füllen bis an den Rand…“

Mit Einem Zuge stürzte er den Rest des Kruges aus und stieg dann unter stetem Grinsen und Lachen über die Beine und Hellebarden der schlafenden Schmiede weg; vor der Thür des Vorsaales in dem halbdunklen Gange hielt er jedoch an, blickte höhnisch nach dem innern Gemache zurück und ließ die Goldstücke eins nach dem andern vergnüglich in seine Tasche gleiten. „Dummkopf!“ knurrte er vor sich hin. „Er glaubt wohl, ich soll es nicht merken, daß er mich fortbringen will? daß er, wenn ich nur erst weg bin, zwischen den schlafenden Wächtern zu entwischen hofft? … Er denkt nicht, daß die Andern da vorn im Gang und auf der Stiege keine Maus durchlassen, und ein solcher Mensch ist so viele Jahre der Herr der Stadt gewesen? Ein solcher Hohlkopf hat über so Viele das Regiment gehabt, die allesammt klüger sind, als er? Hahaha, da ist es ja ein gutes Werk, ihn abzusetzen, und der darf wohl Wasser trinken, damit er lichte Augen bekommt!“

Damit eilte er der Stiege zu.

Der Stadtkämmerer lauschte einen Augenblick auf die verhallenden Tritte; dann erhob er sich geräuschlos, warf einen scharfen forschenden Blick auf die schlafenden Gesellen und stand im nächsten Momente vor dem Holzgetäfel, mit welchem die Wand verkleidet war. Tastend glitt seine Hand daran hin, dann ein leises Knarren, eine Tafel wendete sich nach innen und ließ einen dunklen Raum erkennen, groß genug, um einem sich bückenden Manne das Durchschlüpfen zu gestatten. Lyskirchner sah noch einmal in dem Gemache umher, dann trat er hinein und das Getäfel legte sich wieder lautlos und spurlos in seine Fugen.

Es währte nicht lange, bis der Weber wieder im Vorsaal erschien und behutsam wie zuvor zwischen den Wächtern durchschlüpfte. „Da bin ich schon wieder!“ rief er leise, „und Wasser habe ich, so frisch und klar, daß mich schier selber die Lust angewandelt, davon zu kosten… Nehmt und laßt …“

Er verstummte, denn jetzt erst gewahrte er, daß sein durstiger Gefangener entschwunden war, und in wildem Zorn stieß er den Krug auf den Tisch, daß er knackte und das Wasser überfloß. „Heiliges Blut von Neumarkt!“ knirschte er in sich hinein. „So hat er mich doch überlistet und hat den Dummkopf zurückgelassen, daß ich ihn selbst auf meine Achseln setzen kann! O, wir sind noch lang nicht klug genug, um es den Geschlechtern gleich zu thun; wir können’s nicht sein, weil wir nicht so schlecht sind, weil wir auf Treu und Glauben halten, selbst wo man einmal ein Auge zudrücken muß! Der Spitzbube, während ich drauf aus war, ein christlich Werk zu thun, hat er mich betrogen! Wo er nur durchgekommen sein mag! Durch die Thür ging’s nicht, der Boden muß ihn verschluckt haben oder er ist ein Hexenmeister und ist durch die Luft davon geritten! Was thu’ ich nun? Wenn sie sehen, daß er entwischt ist, daß der Kopf der Schlange davon ist, dem der Leib wieder nachwächst, dann geht’s an meinen eigenen Kragen … sie werden glauben, ich hab’ ihm durchgeholfen, und das verzeihen sie mir nie! … Ich muß machen, daß man ihn nicht vermißt, daß seine Flucht so lang als möglich verborgen bleibt… Ich will’s machen, wie die Andern; ich will auch thun, als wenn ich des Guten zu viel gethan und wär’ eingeduselt darüber … einen Krug über den Durst, das verzeihen sie mir noch am leichtesten … vorher aber gilt’s, meinen Goldvögeln ein sicher Nestlein zu bauen…“

Sorgfältig nahm er den Gürtel vom Leibe, trennte ihn von innen auf und schob die Münzen hinein; dann band er ihn wieder fest und kauerte sich ruhig neben die schnarchenden Wächter, den umgestürzten Weinkrug zur Seite…

Der Stadtkämmerer war indeß durch den wohlbekannten Gang, in welchen die geheime Thür mündete, unter der Erde fortgeeilt, im Winkel eines engen Gäßchens an der äußern Stadtmauer wandte derselbe sich wieder zu Tage. Eine Hornlaterne, die in einer Mauerblende für alle Fälle nebst Stein und Zunder bereitstand, hatte ihm zum Wegweiser gedient; jetzt verlöschte er selbe und stand lauschend hinter der Thür still, nichts regte sich und aufathmend trat er in die inzwischen vollends eingebrochene Nacht hinaus, seiner Behausung zuzueilen.

Schon von fern gewahrte er Licht in derselben; ein Erkerfenster war matt erleuchtet, eben hell genug, um den schwachen Umriß einer Gestalt erkennen zu lassen, die ängstlich in das Dunkel blickte und nach dem ferne heranbrausenden Stimmengewirr hinhorchte. Es war Margarethe, welche Schmerz, Sorge und Ungewißheit um das Schicksal des Großvaters nicht zur Ruhe gelangen ließen; nahm auch jede dahin zögernde Minute ein Stück von dem Gebäude ihrer Hoffnungen mit, so brachte jede neu kommende neue Erwartungen und Möglichkeiten, und nichts erschütterte die Zuversicht des Mädchens, daß sie den so sehr verehrten Ahn’ in sein Haus zurückkehren sehen werde. Trotz der Dunkelheit erblickte sie den sich heran Schleichenden sogleich, trotz des Mantels, in den er sich gehüllt hatte, erkannte sie ihn augenblicklich. Sie wollte ihm zuwinken, wollte laut aufschreien vor Freude und Ueberraschung, aber eine Geberde von ihm machte sie verstummen und erstarren, denn sie brachte ihr das ganze Bewußtsein der Gefahr, all’ das drohende Unheil zurück, von dem er umgeben war. Wie ein Schatten huschte sie aus der Stube, die Treppe hinab und schob behutsam den Thürriegel zurück, daß er nicht knarrte, athemlos, stumm vor Erregung faßte sie des Greises Hand, zog ihn hastig nach sich und ruhte nicht, bis sie ihn in die Stube geleitet hatte; als die Thür hinter ihm abgeschlossen war, warf sie sich in nicht mehr bezwingbarem Schluchzen an seine Brust.

„Großvater,“ rief sie, „ist es denn wahr? Bist Du wirklich wieder gekommen? Bist Du es denn, den ich in meinen Armen halte? Ja, ja, Du bist es … Du lebst, Du bist wohlbehalten! Denke Dir, drei Mal bin ich am Rathhause gewesen, habe gefleht und geweint, daß sie mich zu Dir lassen, daß sie mir gestatten sollen, Dein Gefängniß zu theilen, die Unbarmherzigen haben mich zurückgewiesen! Ich habe sie vor Gott verklagt in meinem Herzen und doch wich ein sicheres Ahnen, eine zuversichtliche Hoffnung nicht von mir … ich wußte, Du würdest wieder kommen, es müsse wenigstens Einer unter der Schaar sein, der nicht denkt wie die Andern und der Dich befreit…“

Der Stadtkämmerer hatte die Hand auf den Scheitel des sich innig anschmiegenden Mädchens gelegt und sah ihr mit unverkennbarem Wohlgefallen in die warmen überquellenden Augen; so viele Liebe that ihm wohl, und wie ein später Sonnenstrahl über den Abendhimmel eines Gewittertages flog ein Widerschein von Milde über seine strengen Züge. Es war wirklich nur ein Strahl, und bei den letzten Worten Margarethens verschwand er wieder in dunklen Gewölken des Unmuths. „Ich verstehe Dich nicht, Kind,“ sagte er, „mich hat Niemand befreit, mir selbst ist es gelungen, einen thörichten Wächter zu täuschen, aber lange wird meine Flucht nicht verborgen bleiben; in diesem Augenblick ist sie vielleicht schon entdeckt, sie werden mich suchen, und sicher auch hier nachforschen, darum muß ich in der nächsten Secunde aus ihrem Bereiche sein! …“

„Unmöglich, Großvater,“ rief Margarethe mit sorglicher Angst, „Dein Auge glüht, Deine Stirn brennt, Du bist angegriffen, erregt, Du mußt Dir Ruhe gönnen, mußt Dich stärken. … Ich will die alte Diemuth rufen…“

„Laß!“ entgegnete er gebieterisch. „Zu ruhen hab’ ich keine Zeit, Ruhe kenn’ ich nur am Ziele! Zur Stärkung wird ein Becher guten Weins reichen, den magst Du mir selber bringen … ich bin nicht angegriffen. Du täuschest Dich in meinem Aussehen, ich bin nur den Haaren nach ein Greis; für den Gang, den ich jetzt vorhabe, wird meine Kraft noch wohl ausreichen! …“

„Der Wein steht bereit … vom besten, Vater,“ rief das Mädchen, „hatt’ ich doch schon vorgesorgt, ihn Dir zu bringen, aber geh’ nicht wieder fort, Großvater; ich beschwöre Dich, wage Dich nicht wieder hinaus in die Gefahr! Du selber sagst, daß man nach Dir fahnden, daß man Dich ausspähen wird, verbirg Dich im Hause, bis der Aufruhr vorüber ist; bedenke, wie unglücklich der gestrige Versuch ausfiel … Du wagst Dein Leben zum zweiten Mal … es ist unmöglich, aus der Stadt zu entkommen, alle Thore und Ausgänge sind besetzt…“

[569] „Alle Thore und Ausgänge der Stadt, die sie kennen, sind besetzt,“ sagte der Stadtkämmerer verächtlich zu Margarethe, nachdem er einen kräftigen Zug aus dem ihm gereichten Becher gethan. „Ein klug Mäuslein kennt der Schlupflöcher mehrere … ich laufe keine Gefahr; gestern schon wär’ ich unangefochten aus Regensburg gekommen, hätt’ ich’s nicht noch für nöthig gefunden, dem kaiserlichen Hauptmann ein Wort zu sagen; auf dem Wege zu ihm ergriffen sie mich…“

„Nicht doch, die offen betriebenen Vorbereitungen zur Abreise hatten Dich schon verrathen…“

„Glaubst Du das auch, thöricht Kind? Die Vorbereitungen waren nur ein Vorwand, das rothe Tuch, das man dem wilden Stier vorhält, daß er darauf losstürzt und sich darein verwickelt, um dann gefahrlos von der Seite her angefallen zu werden! Ich dachte nicht daran, die Stadt zu Wagen oder zu Roß zu verlassen, aber glauben sollten es die Schreier und während sie an Brücken, Thoren und Straßen Wache standen, wäre ich lang aus sicherem Kahne die Donau hinabgeschwommen nach Staus und hätte diesen Morgen meine Spießknechte herangeführt, daß sie auch ein Wörtlein mitgesprochen bei dem heutigen Rathsgespräch!“

„Ich kenne und verehre Deine Klugheit, Vater,“ sagte Margarethe schmeichelnd, „aber warum jetzt noch auf dem Vorhaben bestehen? Hat doch Alles eine andere Wendung genommen seit diesem Morgen: die Bürger werden ruhig bleiben, bis ihr Hauptmann wieder kommt…“

„Sieh doch,“ rief Lyskirchner und heftete einen durchbohrenden Blick auf Margarethe, „Du hast Dich doch sonst nie um der Stadt Hader und Zwiespalt gesorgt und bist auf einmal so wohlunterrichtet! Von wannen kommt Dir solche Kunde?“

„Frau Diemuth hat mir Alles erzählt,“ stammelte das Mädchen erröthend und mit gesenktem Blick.

„Dann höre noch von mir, daß das eben der günstige Augenblick des Gelingens ist! Der Führer, den die tolle Schaar gefunden, ist fort … das Ungeheuer ist ohne Kopf; es gilt, ihm schnell den Rest zu geben, eh’ ihm ein anderer wächst! Mag Jener zum Kaiser reiten; bis er wiederkehrt, hab’ ich mit des Kaisers Hauptmann einen raschen Schluß zuwege gebracht. … Fülle mir den Becher noch einmal und schweige davon … Du hältst mich nicht zurück!“

„Ich schweige nicht,“ erwiderte sie, anmuthig credenzend, „und möge dieser Trunk Dir so zu Kraft und Heil gereichen, als ich hoffe, daß es mir gelingen wird, Dich dennoch zu halten… Du bist gebunden, Vater, und bedenkst es nicht, aber Du wirst es fühlen, wenn ich Dich mahne! Es ist heute nicht mehr, wie es gestern war; denkst Du der Zusage, Regensburg nicht eher zu verlassen, als bis der Stadtfriede wieder hergestellt ist…“

„Thörin! Die Zusage ist aufgehoben … soll ich dem Treue halten, der mich gefangen nahm?“

„… Frag’ Dich selbst, Vater, wer es war, der zuerst gegen die Treue gefehlt … Du weißt am besten, wie es gemeint war mit dem Rathsgespräch…“

„Was versteht ein Kind, ein Weib von solchen Dingen! Willst Du urteln und rechten über der Männer Rath? Wenn der Feind mir die Schlinge um den Nacken geworfen, soll ich mich seiner nicht erwehren … ihn nicht niederstoßen und fein abwarten, bis es ihm beliebt, die Schlinge zuzuziehen und mich zu erwürgen?“

„Unnütze Sorge, Ihr hattet nichts zu befahren, Vater…“

„Nichts zu befahren?“ fragte der Kämmerer mit finsterem Blick und steigender Aufmerksamkeit. „Wie kannst Du das ermessen, Du, die bisher sich nur um ihre Kunkel gekümmert, um ein neu Wämmslein oder um Schmuck? Woher diese Zuversicht? … Ich errathe, wem sie gilt! Du denkst an den Uebermüthigen, dessen Name Galle ist in meinem Munde … lüge mir nicht, Du denkst an den Steinmetz … Du kennst ihn, hast mit ihm geredet?“

„Ich lüge nicht, Vater,“ erwiderte Margarethe einfach, „ich hab’ den Meister nicht gekannt, bis Du selber mir ihn gestern gezeigt … ich hab’ kein Wort zu ihm geredet, als Du selber gehört, aber Du hast Recht, Großvater, ihn hab’ ich gemeint … der Dommeister hätte Keinem ein Leid gethan, hätt’ es nicht gelitten, daß Einem ein Leid gescheh’ … der Mann sieht aus, wie Einer, der nur thut, was Recht ist!“

Die Augen des Kämmerers funkelten immer unheimlicher. „Sieht er so aus vor Deinen verblendeten Augen, thörichte Dirne?“ rief er. „So bin ich es wohl, der Unrecht thut, und mein graues Haupt erscheint Dir bedeckt mit Arglist und Verrath? Ungerathene, ein langes Leben hindurch habe ich unerschütterlich und rastlos für das gestanden und gekämpft, was mir Recht gedünkt, weil es nicht allein mein Recht, das meines Stammes, weil es das Recht der edlen Geschlechter, das Recht Aller war, die durch Geburt, Reichthum und das Ansehen von Jahrhunderten über dem gemeinen Volk sich erheben, das mit dem Tage kommt und verschwindet, und die darum zum Regiment berufen sind, wie Insel und Klippe das Meer beherrschen zu ihren Füßen! Mein Bewußtsein, meine Ueberzeugung war mein Stolz und mein [570] Stab, und Du, das eigene Kind, Du wagst es, daran zu rütteln? Dein Sinn ist auf der Seite der andern Partei? Der letzte Sprößling meines alten Hauses will zu meinen Feinden stehen?“

„Vater!“ rief Margarethe, kindlich unbefangen, wie zuvor, aber vor dem Ernst seiner Rede begann ihre Wange sich zu röthen und auch ihr Auge leuchtete, „Vater … bis heut’ hat Dein Gretlein schier nicht gewußt, daß es Parteien giebt … Deine Liebe hat mich davor bewahrt und meine Kindheit ist mir vergangen, wie in einem unnahbaren Zaubergarten, von dem die Märlein sagen … was ein Feind ist, ich weiß es jetzt noch nicht! Gern möcht’ ich’s auch heut’ vermieden haben, solches mit Dir zu reden, aber Du selber zwingst mich, Dein unheilvolles Vorhaben reißt mich willenlos hinein in Kampf und Zwist, der rings umher entbrannt… Manches, was ich nie geschaut, steht vor meinem Blick; was ich geahnt, beginnt mir heller zu dämmern und heller, mir ist als stünd’ ich auf hohem Bergesgipfel und sähe hinaus und hinab über Ströme, Meer und niegesehene Lande: da will es mich bedünken, als wär’ Alles klein unter mir, die Insel, wie die Fluth, als verschwinde ein Jahrhundert hier zusammen wie ein Tag! Es ist etwas in mir, was ich nie gekannt, das ruft mir zu, daß die Welle auch den Felsen unterwühlen und stürzen kann, daß Gott Keinem ein Vorrecht gegeben, daß es herrschen möge über das andere … ich kann nicht fassen, warum es ein so groß Unrecht sein soll, so der Bürger mit seinem Fleiß und seiner Kunst nicht blos dienen, so er das gleiche Recht haben will, wie …“

„Das gleiche Recht?“ rief Lyskirchner außer sich. „Das sagst Du und das Wort stirbt nicht auf Deinen Lippen? Ha, der bloße Gedanke, daß es je so kommen könnte, wär’ im Stande mich irre zu machen an Gott und seiner Vorsehung! Die Zünftler, diese Handwerker, diese schmutzigen Arbeiter sollten sich jemals so weit erheben, sich neben uns zu stellen? Sie dürften es und die Hand, die sie hinunterstößt, wie der Belagerte den anstürmenden Feind von der Leiter stößt, sie beginge wohl gar ein Unrecht, ein Verbrechen? Wisse denn, diese Hand hier scheut nicht zurück vor solcher That, und wenn Keiner es wagt, ich … ich stürze die heranklimmenden Rebellen in die Tiefe zurück, in die sie gehören! Auf meinem Grabe mag einst geschehen, was da will … über mir mögen sie Platz nehmen auf den Stühlen des Raths und der Edlen, aber neben mir … nie! So lang ich athme, nie! …“

„Großvater!“

„Nenne mich nicht so! Wär’ ich das in Wahrheit, Du hättest das nicht zu sprechen vermocht; heißt es doch, daß man an der Frucht erkenne, von welcher Art der Stamm! Aber mir geschieht nur, was mir gebührt, und was ich gepflanzt, ist meine Ernte!“

„Ich verstehe Dich nicht…“

„Du sollst mich verstehen, sollst in dieser Nacht des Unheils erfahren, was Dir verborgen geblieben wäre, hättest Du nicht selbst Dich mir gegenüber gestellt! … Dein Vater war mein einziger Sohn, mein Stolz und meine Hoffnung, in meinen Gedanken erzogen, aufgewachsen nach meinem Sinn als Träger und Vollender manch’ großen Entwurfs; schon hatt’ ich ihm die Frau auserwählt, an deren Seite er mir nur um so fester angehören sollte … ein fürstlich Haus hielt sich nicht für zu hoch, sich meinem Geschlecht zu verschwägern … da kam Kaiser Maximilian in unsere Stadt, er sah Deinen Vater, gewann ihn lieb und ließ nicht ab, bis ich ihm gewährte, daß er ihn mit sich nahm in seinem Gefolge und ihm Großes verhieß für seine Zukunft an Würde und Ehre… Er kam nicht zurück, wie ich ihn entsendet; in dem fröhlichen Treiben am Kaiserhofe zu Wien hatte er mein und meiner Lehren vergessen, der Schönheit flüchtiger Reiz umfing ihn ganz … ein bürgerlich Mädchen, eines Kettenschmieds Töchterlein, ward ihm heimlich angetraut. Mein Hoffnungsgebäude war eingestürzt, mein Zorn kannte keine Grenzen, ich stieß ihn von mir und verbot ihm je wieder vor mir zu stehen und zu sagen, daß er einmal mein Sohn geheißen… Aber er kam dennoch und ich, ich muß es bekennen, ich hatte nicht den Muth, ihn von mir zu stoßen: es war mein Einziger! Der Kaiser sprach für ihn, er deckte großmüthig den Makel der bürgerlichen Abstammung durch Wappen und Adelsbrief… Die weite Entfernung verhieß die Wahrung des unverbrüchlichen Geheimnisses, das ich begehrte; als ein Sprosse fernen, hier unbekannten Geschlechts kam die unwillkommene Tochter in dies Haus, Niemand kannte sie, Niemand hat es je anders erfahren… Das unselige Band währte nicht … sie gab Dir das Leben, um zu sterben und das Geheimniß mit sich zu begraben, um Deinen Vater wieder an den Hof und in Kaisersdienst zu führen… Ich sah ihn nicht wieder, im fernen Flandern ist er als Kriegsmann gefallen! Damit glaubt’ ich das Unheil gesühnt, mit Dir, mit Deiner Hand gedacht’ ich meinem alten Stamm’ ein neues Reis einzupflanzen, mir einen zweiten Sohn zu erwerben, auf den Namen, Wappen und Gesinnung übergehe als würdig Erbe … aber das fremde niedrige Blut verleugnet sich nicht, es wirkt fort in Dir … die Tochter der Bürgerin spricht aus Dir, nicht eines Lyskirchner’s echtes Enkelkind! …“

In immer wachsender Bewegung hatte Margarethe zugehört; je unerwarteter das war, was sie vernahm, desto mächtiger fühlte sie sich davon ergriffen, sie brauchte einige Augenblicke, um Athem zur Antwort zu finden, als der Alte, nicht minder erregt, inne hielt.

„Großvater, rede nicht so,“ rief sie hastig und mit glühendem Blick, „es ist meine Mutter, von der Du sprichst! Wohl hab’ ich nichts von all’ dem geahnt, was Du mir jetzt verkündet, aber es macht den letzten Rest der Dämmerung um mich schwinden, und was ich manchmal dunkel, mir selbst unerklärlich empfunden und geahnt, nun fühl’ ich es deutlich, nun liegt es hell und klar vor mir! Darum rede nicht so, Großvater … der Tropfen Blut, den Du schiltst, ist von meiner Mutter, ich lasse meiner bürgerlichen Mutter Herz nicht schmähen!“

„Und wie redest Du selbst mit mir!“ fuhr Lyskirchner auf. „Welche Blicke sind’s, die Du auf mich zu richten wagst! Welcher Geist ist es, der aus Deinen Worten weht! Hüte Dich, Du trotzig Kind, das sich auf einmal wie eine Heldin aufrichten will und mit seinem Spielzeug wie mit einer Waffe droht! Baue nicht darauf, daß ich einmal schwach gewesen im Leben … damals war ich noch jung, noch weich von Gemüth, seitdem hat mich das Leben starr und stark gemacht und spröde … mich bewegt nichts mehr, aber ich zerbreche, was mich zu beugen sucht! Wähne nicht, in meinem Hause zum andern Mal ein ähnlich Spiel zu treiben … Du verdirbst Dich selbst und jenen Uebermüthigen mit Dir!“

Margarethe sah ihn an, fest und entschieden und doch so kinderhaft, daß er sehen mußte, sie sprach nur, was aus dem Grund ihres Wesens kam. „Ich verstehe Dich wieder nicht, Großvater,“ sagte sie, „ich weiß nicht, ob ich noch vor einem Geheimniß stehe, das Du mir zu enthüllen sinnst, aber fest und gewiß steht Eines vor meinem Gemüth! Ich habe Dich geliebt, Großvater, so ist Niemand geliebt worden, seit die Erde steht; ich habe nur an Dich gedacht, habe einzig für Dich gelebt, es war, weil ich Dich ehrwürdig vor mir stehen sah, den Inbegriff von Allem, was ich als edel erkannt, als wacker und mannhaft… Rede nicht so, Vater, Du lockerst die Wurzeln, die mein Herz an Deinem halten, wenn Du Dich selbst befleckst und Dein Bild in mir entweihst!“

„Beflecken? Das wagst Du mir zu sagen?“

„Ja, ich wag’ es; noch einmal erkühn’ ich mich, Dich zu bitten, Dich zu beschwören, gieb Dein Vorhaben auf! Verlasse Regensburg nicht, eh’ es wieder Frieden hat; folge mir und meinem Gefühle, und wenn es Dich auch fremd anmuthet, es ist doch das Rechte, was aus mir spricht, ich fühl’ es in mir mit der Gewißheit des Siegs! Noch einmal laß mich Dich mahnen an Dein verpfändet Wort, und wenn eines Andern Treubruch Dich davon frei gemacht hätte, sei Du edler als er … Du, Mann aus dem fürnehmen Stamm, beschäme den niedrigen Bürger und sei edler als er!“

Lyskirchner hatte sich selbst und seine Ruhe wieder gefunden. Gelassen erhob er sich, leerte die Neige des Bechers und schlug den Mantel wieder um seine Schultern.

„Du redest umsonst,“ sagte er kalt, „und redest im Wahnwitz! Wann hätte ich mein Wort verpfändet und wem?“

„Das kannst Du fragen, Großvater? Wär’ es möglich, daß Dein adeliger Sinn sich daran zu hängen, sich hinter so armseliger Ausflucht zu bergen ertrüge? Wenn auch nicht Dein eigener Mund das bindende Wort ausgesprochen … ich that es statt Deiner, ich bin Bürge geworden für Dich…“

„Wer hieß Dich, es zu thun, Thörin? Soll ich gebunden sein durch das übereilte Wort eines verblendeten Weibes? .… Laß mich los,“ fuhr er heftiger fort und schleuderte die an ihn sich Klammernde unsanft zurück… „Warum hast Du mich in [571] diese Lage gebracht? Ich habe jenen Mann nie beachtet, weil ich nichts gemein hatte mit ihm; jetzt, da er sich mir in den Weg gedrängt, da er mich in der Erniedrigung gesehen und heut’ zu triumphiren vermeint über mich, jetzt hass’ ich ihn und nichts soll mich anhalten auf der Bahn meines Hasses! Sieh zu, Tochter des Bürgerweibes, wie Du das Wort lösest, das Du dem Bürger gegeben … ich bin zu Ende mit Dir…“

Mit diesen Worten öffnete er die Thür. Margarethe wollte noch einen Versuch machen, ihn festzuhalten, allein eh’ sie ihn erreichte, schlugen die Flügel krachend in’s Schloß; unsicher, die Hände vor den Augen, die nun erst Thränen fanden, glitt sie an der Schwelle zusammen.

Indessen bot der Platz vor dem Rathhause ein eigenthümlich wildes, wirr ineinander wogendes Bild. Die Hauptmacht der Bürger hatte sich dort gelagert, von dort gingen die Wachen und Runden nach allen Seiten ab und in der Mitte war ein mächtig Feuer angeschürt, um das die Zurückgebliebenen oder Neuankommenden sich lagerten. Finster schauten das Rathhaus und die andern Gebäude in das Treiben hernieder; der Flammenschein reichte nicht weiter, als ihre unteren Geschosse und Mauern zu erhellen, darüber hinauf ward es völlig dunkel, denn der Mond, der zwischen den Dachgiebeln hereinsah, verbarg sich immer wieder hinter das schnell ziehende Gewölk, als verdrieße es ihn, mit seinem bleichen Glanze den Kampf mit der rothen Gluth aufnehmen zu sollen. Unfern des Feuers war der Eingang in den Rathskeller weit geöffnet und Einige waren eben daran, ein ansehnlich Fäßlein an Stricken über die Stufen heraufzurollen oder zu ziehen; Meister Hörhamer, der Schuster, saß auf einem schon ausgeleerten Fasse und schien für den Augenblick als der Anführer zu gelten; Schneider Wastel, Zinngießer Bauer, Tuchscheerer Rauhenfelser, ein Gerber und ein Metzger hatten sich wie seine Unterbefehlshaber um ihn gereiht. Der Schuster hatte dem Humpen weidlich zugesprochen, sein gelbes Antlitz fing an, wie eine Kohle sich zu röthen, und das Haar hing wirr und unordentlich um die Stirn; an seiner Seite sah Loy’s weißes Haupt fast ehrwürdig und rührend aus. Der Meister war wie eine unter Krähen gerathene Taube, machte ein gar wunderliches Gesicht und lugte nach allen Seiten, ob sich nicht ein Vorwand finden lasse, sich der unangenehmen Cameradschaft zu entziehen. Es ging aber nicht an, die Bürger ließen ihn nicht aus den Augen; weil der Dommeister, ihr Anführer, zum Kaiser geritten, sollte mindestens sein vertrauter Freund an seiner Stelle unter ihnen sein und sie dachten wunder, welche Ehre sie dem Alten damit anthaten. Es konnte zwar nicht fehlen, daß der wilde, scharf bewegte Anblick auch sein künstlerisches Auge fesselte, aber der Ernst dessen, was er um sich vorgehen sah, störte ihn immer wieder auf und ergriff ihn, daß er nicht wußte, wie er sich verhalten sollte. Manchmal däuchte ihm das Gebahren der über und über bewaffneten und doch so unkriegerischen Zunftgenossen so eigen, daß es ihn anwandelte, laut aufzulachen, und doch kam er nicht dazu, denn es grämte und wurmte ihn innerlich, und eh’ er es dachte, waren ihm die Augen naß.

„So recht,“ rief Hörhamer den Genossen zu, welche eben das neue Faß aufspündeten und so kunstgerecht bereiteten, als hätten sie Zeitlebens kein ander Gewerbe betrieben, als das eines Küfers und Zapflers. „So recht, da thut sich ein neu Goldbrünnlein auf! Das ist Gewächs von Wörth; hätt’ mein Tage nicht geglaubt, daß dort solch ein Tröpflein gedeiht, hab’ immer gedacht, wenn ich an den Weingärten vorüberkam und sah die Trauben hängen, es wären nur Herlinge, die einen sauren Krätzer gäben, wie er bei Landshut wächst im Baierland!“

„Aber ob es wohl erlaubt ist?“ fragte der Tuchscheerer und drehte den Hahn, seinen Humpen volllaufen zu lassen. „Ob wir das Recht haben, den Wein aus dem Rathskeller so mir nichts dir nichts herauszuholen? Was wird der Dommeister dazu sagen?“

„Der Dommeister?“ entgegnete Hörhamer. „Der wird nichts sagen, behaupt’ ich, und ich habe zweifache Probe für meine Behauptung; erstlich wird er nichts sagen, weil er nicht da ist, weil er zum Kaiser geritten und jetzt wohl schon über Straubing hinaus sein muß, und zum Zwoten wird er nichts sagen, weil er nichts sagen kann! Warum nennst Du das Weinlager da drunten den Rathskeller! Falsch, sag’ ich Dir, es ist der Regensburger Stadtkeller, wir müssen uns plagen, müssen wachen und die Arbeit versäumen, Alles für gemeiner Stadt Wohlfahrt, es ist nicht mehr als billig, daß die Stadt uns zu trinken giebt! Sagt, Meister Loy,“ fuhr er fort, indem er sich etwas unsicher erhob und ihm den Becher hinhielt, „sagt, ob ich nicht Recht habe, thut mir Bescheid darauf, dann will ich das Neiglein leeren und wenn ich Recht habe, soll der letzte Tropfen in meiner Gurgel sein!“

Der Bildschnitzer wehrte ab. „Nein, Gevatter,“ rief er, „laßt’s gut sein, es könnte zu viel werden und Ihr wißt wohl, daß wir hier nicht im Rath sitzen, wie es in dem Sprüchlein heißt: ‚Betrunken im Rath, nüchtern zur That‘…“

„Betrunken?“ lallte der Schuster. „Wer ist betrunken? Stellt mir den vor die Augen, der sagt, daß ich betrunken bin!“

„Versteht mich nur recht, Meister,“ entgegnete Loy, sich zurückziehend, „ich sagte, ich würde betrunken werden; Ihr seid ja nüchtern, wie ein Kind im Mutterleib!“

„Nicht wahr? Nun, da seh’ ich doch, daß Ihr ein Mann von Verstand seid.“

„O, redet nicht von einer solchen Kleinigkeit, Gevatter,“ rief Loy, der seine sonstige Laune nicht mehr zu zügeln wußte. „Ihr macht mich schamroth! Da seid Ihr ganz andere Männer. Was vermögt Ihr zu leisten! Schade nur, daß der Dommeister nicht zugegen ist, er würde seine Freude daran haben, wie Ihr trotz aller Mühseligkeit Euch selber aufrecht zu halten sucht und die Ruh’ und die Ordnung dazu!“

„Heda, Meister,“ unterbrach ihn der Tuchscheerer, „mir kommt’s vor, als wolltet Ihr Euch über uns lustig machen … das könnt Ihr lassen, sonst …“

„Ich mich über solche Männer lustig machen?“ sagte Loy mit betheuerndem Ernste. „Wie könnte mir solches zu Sinn kommen! Ich bin ja die lautere Verwunderung. Der Rath der Stadt ist gefangen und sie steht doch noch; Regensburg ist im Augenblicke ein Weltwunder: es hat den Kopf verloren und trinkt doch seinen eigenen Wein aus…“

Der Zinngießer stieß seinen Nachbar, den Metzger, an und flüsterte ihm zu: „Gieb Acht, der Weißkopf will uns hänseln…“

„Ja,“ rief Hörhamer lachend dazwischen, „gefangen ist der Rath und Regensburg steht doch noch! Was folgt daraus? Das will ich Euch erproben! Daraus folgt Zweierlei, erstlich, daß wir den Rath nicht brauchen, und zum Zwoten, daß, wenn wir einen haben müssen, das Stadtregiment bei uns in so guten Händen ist, als bei den Geschlechtern! Ehrbare Zunft- und Wachtgenossen … was meint Ihr dazu? Ich schlage vor, wir setzen die gefangenen Rathsherren vollends ab und wählen andere dafür!“

„Ja, ja, das wollen wir!“ riefen Alle durcheinander. „Sie sind abgesetzt! Von diesem Augenblick sollen sie es sein!“

„Sehr wackere Freunde und ehrbare Herren,“ rief Loy, sich vordrängend, „Euer Vorhaben ist sicher ebenso löblich wie klug, aber der Augenblick, es auszuführen, scheint mir doch nicht glücklich gewählt! Wie wär’s, so Ihr Euch belieben ließet, sothane Absetzung und Rathswahl zu verschieben, bis Meister Wolf Roritzer zurückgekommen sein wird, den Ihr doch einmal zum Anführer gewählt und dem Ihr Gehorsam gelobt habt …“

„Nichts da!“ rief Hörhamer. „Warum sollen wir verschieben, was gleich geschehen kann? Was wir thun, ist kein Ungehorsam gegen den Dommeister, denn wer nicht befehlen kann, dem kann man nicht ungehorsam sein, und wer nicht da ist, der kann nicht befehlen! Als unsern Anführer muß es ihn freuen, wenn er bei seiner Ankunft ein Stück von der gröbsten Arbeit schon gethan findet!“

„Das mein’ ich auch! Nicht verschieben!“ rief Rauhenfelser. „Wir wählen gleich!“

„Halt!“ rief der Schneider darein. „Nichts übereilt, werthe Zunftgenossen! Warum denn wählen? Sind wir nicht die Anführer der Bürgerschaft in den acht Stadtwachten? Haben wir uns nicht an die Spitze gestellt für Alle und die Beschwerniß und die Gefahr auf uns genommen für Alle? Sollen wir das umsonst gethan haben? Ich vermein’, sind wir die Anführer gewesen im Krieg, so sollen wir auch die Rathsherren sein im Frieden, und darum sollen wir Alle uns selber dazu wählen!“

Ein Geschrei des Beifalls empfing den Vorschlag des klugen Schneiders.

„Daß Meister Wastel ein feiner Kopf ist, hab’ ich immer gewußt,“ sagte Rauhenfelser, „aber für so ausgestochen hätt’ ich ihn doch nicht gehalten! Er hat Recht, Nachbarn und Freunde. [572] bekomm’ ich weidlich Lust, es gleich fürzubringen! Wie’s hier aussieht! Wie Alles durcheinander geworfen ist! Der Staub liegt auf dem Geräth’, man könnt’ schreiben darauf! Da hängt Dem schönes Koller von gerissenem Sammt über dem Bettpfosten, der Kerzenstahl ist über die Handschuhe gefallen und die Stiefeln haben sich in den Waschkasten verirrt – eine leibhafte, leidige Jungherrenwirthschaft! Das ist nichts für Dich, das ist nicht für einen Mann wie Du. Du brauchst Jemand, der Ordnung hält, Du solltet …“

„Und was sollt’ ich?“ fragte Roritzer, der ihm verwundert und lächelnd zugesehen und sich wieder an dem Tisch zu seiner Zeichnung niedergelassen hatte. „Warum stockst Du?“

„Stocken? Warum doch sollt’ ich?“ fuhr Loy eifrig in immer zutraulicherem Tone fort. „Du solltest zur Freit’ gehen und Dir eine liebe, wackere Hausfrau heimführen…“

„… In der That?“

„Freilich, mein Wölflein, freilich! Das solltest Du, und wenn Du mich anhören und mit dem Kuppelpelz nicht knickern willst, wüßte der alte Loy Dir wohl zu verschaffen, was Du brauchst. Ist Dir nichts Besonderes vorgekommen gestern Abend im Greiffen? Aber nein, Du warst zu sehr mit andern Dingen beschäftigt, Du hast nichts davon gesehen, daß die Sibylle ganz verweinte Augen hatte, daß sie ganz verdreht war und sich immer zweimal rufen ließ! Hat sie mir nicht, als ich zuletzt noch einen Humpen Rheinfall begehrte, Wasser hingestellt, klares, wirkliches Wasser? … Dem armen Mädel ist’s eben angethan… Was meinst Du, Wölflein? Sie ist guter Leute Kind und ihr Vater, der Schenk zum Greiffen, wird mit einer ganz anständigen Mitgift herausrücken…“

Roritzer schwieg; er hatte den Stift ergriffen und zeichnete.

Loy war unverkennbar froh, daß er ihn gewähren ließ. „Sie schickt sich wacker zu Dir,“ fuhr er fort, „sie ist still, bescheiden und sittig und lief’ für Dich durch’s Feuer! Hat ein paar runde, rothe Wänglein und Augen wie reife Schwarzkirschen. Wie wär’s, Wölflein, wenn ich den Freiwerber machte für Dich? Ich sorge nicht, einen Korb zu bekommen. Wenn ich mir’s so ausdenke, Junge, daß Du Deinen eigenen Hausstand hättest, daß Dein schönes, großes Haus nicht so einsam wäre, wie eine verlassene Ritterburg, wenn ich jeden Abend, statt in den Greiffen, zu Dir kommen könnte und könnte mit Dir schwatzen und die Sibylle brächte mir wie sonst meinen Abendtrunk und ich erlebt’ es noch gar, daß ich Deinen Buben die Hand führen könnte, wenn sie dem Vater nachschlagen und auch Häuser zeichnen wollen und Kirchen… Wie mich das freuen sollt’, wie’s mich noch einmal jung machen sollt’, um ein zehn Jahre zum wenigsten! Es ist und bleibt wahr, es giebt doch kein rechtes Glück, als daheim in seinem Hause, am eigenen Heerd… Du sagst nichts? Also bist Du einverstanden? Also darf ich ein Wort für Dich anbringen? Du giebst mir die Erlaubniß?“

„Ohne Widerrede,“ erwiderte Roritzer leichthin, ohne aufzusehen und sich im Zeichnen zu unterbrechen, „gieb mir nur vorher auf eine einzige Frage Bescheid…“

„Auf zehn, mein Wölflein; frage nur.“

„So sage mir, warum Du die Freuden, die Du so lockend beschreibst, Dir nie selber verschafft hast? Warum hast Du nicht gefreit?“

„Ich?“ rief Loy verdutzt, „dumme Frage! Bei mir ist es doch ganz was Anderes. Ich … ich hab’ zum Freien keine Zeit gehabt, wahrhaftig keine Zeit. Ich … Wie kannst Du auch nur so fragen; ich war so gut im Zug und Du bringst mich ganz aus dem Zusammenhang.“

„Wir müssen’s verschieben auf ein andermal,“ rief Roritzer, indem er sich lachend erhob. „Ich höre Schritte vor der Thür, es werden die Wachtgenossen sein, sie kommen, mich zu holen!“

„Ich wollt’, es käm’ ein Anderer, sie zu holen!“ rief Loy unwillig, unterbrach sich aber sogleich selbst und verbesserte sich: „Ja so, sie sind ja jetzt unsere guten Freunde, da heißt es, den Katzenbuckel machen… Hu, welch’ ein saurer Apfel, die Zähne werden mir lang bei dem bloßen Gedanken! Aber es muß einmal gebissen sein…“

Dabei hatte er die Thür weit aufgerissen und lud die herantretenden Bürger mit freundlichem Grinsen und unter steten Bücklingen zum Eintritt ein. „Ei, Gott willkommen,“ rief er, „ehrbare Meister, insonders günstige Freunde und Herren! Was Ehre und Freude für diese geringe Schwelle, daß Ihr sie überschreiten möget! Gottwillkommen, gebt mir Eure wackere, vortreffliche Hand, Meister Hörhammer … Ihr auch, Herr Schmiedmeister. Es ist merkwürdig, welche Aehnlichkeit Ihr habt mit Simon Petrus, dem Jünger des Herrn; Ihr wißt wohl, der auch das Schwert zog und Malchus das Ohr abhieb…“

„Ei, das beliebt Euch nur so zu sagen, Herr Loy,“ entgegnete der Schmied etwas unwirsch und doch geschmeichelt. „Man weiß, Ihr seid ein Schalk. Der heilige Apostel war ein Fischer, ich bin ein Grobschmied.“

„Thut nichts, Ihr gleicht ihm doch,“ fuhr der Bildschnitzer fort, „und so Ihr nichts dawider habt, werd’ ich Euch abconterfeien, auf dem nächsten Kreuzweg, den ich zu schnitzen habe, in der Oelberg-Station, unter den schlafenden Jüngern, das Schwert neben Euch!“

„Wenn Ihr denn doch so besondere Lust verspüret, unsere Köpfe unter Euer Messer zu bekommen,“ unterbrach ihn der bucklige Weber, indem er mit lauerndem Blick vortrat, „habt Ihr nicht auch für mich ein Plätzchen in Euren Schnitzereien?“

„Das versteht sich!“ rief Loy. „Für Euch vor allen Andern. Was meint Ihr zu Simon von Cyrene, der dem Herrn das Kreuz trug? Ihr seid ja wie geschaffen zum Kreuzträger.“

„Laß Deine Possen,“ rief jetzt Roritzer mit einem Ernste dazwischen, der den nicht daran gewöhnten fröhlichen Greis stutzen und verstummen machte. „Sie stimmen schlecht zu dem Ernst des Augenblicks… Gott zum Gruß, ehrbare Meister und Wachtgenossen,“ fuhr er fort und wendete sich mit würdevoller Verneigung gegen die Bürger, „so ich recht vermuthe, kommt Ihr, mir das Geleite zum Rathhause zu geben?“

„So ist es, Herr Dommeister,“ erwiderte der Schmied, „wenn Ihr noch gesinnt seid, wie gestern …“

„Hättet Ihr daran gezweifelt?“ sagte der Dommeister ernst. „Wäre dies Geleite vielleicht mehr eine Wache, als eine Ehre? Dann mögt Ihr für alle Fälle Euch einprägen, Wolfgang Roritzer ändert seinen Sinn nicht über Nacht … ich habe mich mit Euch vertragen, Ihr habt Ruhe gehalten und habt die Freiung der Domhütte geachtet; dafür halte auch ich, was ich versprochen, und sollt’ es mich zehnmal gereuen. Das ist aber nicht der Fall: mit meinem Bau beschäftigt und nur in meine Kunst vertieft, hab’ ich nur wenig auf die Beschwerden und Händel geachtet, so den Bürgern und der Gemein mit dem Rath erwachsen. Die Aufschreibung, die Ihr mir noch gestern geschickt, hat mich eines Andern belehrt, und ich danke dem Geschick, das gestern den Flüchtling und seine Verfolger zu mir geführt … ich bin ein Bürger, wie Ihr, und will zu den Bürgern stehen; das Unrecht, das man Euch anthun will, widerfährt auch mir, ich will es abwehren für uns Alle! Viele von Euren Klagen sind wohl begründet, es kommt nur darauf an, sie in’s rechte Licht zu stellen; wollten die Herren vom Rath ernstlich widerstreben, sie müßten geradezu die Partisane des Unrechts sein und dessen wird der Rath von Regensburg sich nicht zeihen lassen. Drum hoff’ ich viel, hoffe Versöhnung und Heil für die gute Stadt von dem heutigen Rathsgespräch… Und so laßt uns in Gottes Namen und mit seiner Hülfe den ernsten Gang beginnen!“

[585] Indessen hatte Loy die Gelegenheit wahrgenommen, da die Aufmerksamkeit durch andere Dinge von ihm abgelenkt war, und hatte sich seitwärts in’s Dunkel der Häuser gedrückt; es drängte ihn, zum Dome zu eilen und Nachsicht zu pflegen in der seiner Obhut übertragenen Bauhütte. „Ein alter Spruch, ein wahrer Spruch,“ murmelte er in sich hinein, „wenn die Gemein’ unsinnig wird, läuft sie an den Wänden hinauf … aber das Mitlaufenmüssen, das hat seinen Haken! Wie gut, daß ich gleich im ersten Augenblick vorgesorgt habe; die Fluth steigt immer höher und hat leichtlich Alles überschwemmt, noch ehe das Wölflein wiederkommt mit Kaisers Bescheid…“

In diesen Gedanken ward er durch eine zarte Hand unterbrochen, welche sich ihm aus dem Dunkel auf seinen Arm legte, und eine weiche Stimme flüsterte: „Seid Ihr es nicht, Herr, der gestern Nachts mit Meister Roritzer ging?“

Ein Jüngling, kaum den Knabenjahren entwachsen, stand vor ihm, in ein dunkles Wamms gehüllt, das Angesicht halb in dem umgeschlagenen Mantel verbergend.

„He, Bürschlein,“ rief Loy verwundert, „ich kenne Dich nicht. Was rufst Du mich hier an und fragst nach Meister Roritzer? Wohl bin ich sein Freund und wenn’s gilt, bin ich nie weit von dem Orte, wo er ist. Wo soll ich mit dem Dommeister gewesen sein? Was suchst Du bei ihm? Wer bist Du?“

„Gleichviel, Herr … fragt mich nicht,“ war die leise und hastige Antwort; „so Ihr der seid, den ich vermeine, sagt an, wo der Meister jetzt verweilt? Ob es nicht möglich ist, ihm Kundschaft zu bringen?“

„Du scheinst doch ein Regensburger Stadtkind zu sein,“ entgegnete Loy und maß seinen Mann trotz des Dunkels mit scharfen Augen, „und weißt nicht, daß der Dommeister fortgeritten ist an den Kaiserhof? Der muß wohl schon über Straubing hinaus sein, den holt keine Kundschaft ein, wenn nicht ein geflügelter Bote sie trägt … hoffentlich,“ brummte er für sich in den Bart, „hat ihn der meine längst erreicht…“

„Nun denn, wenn Ihr sein Freund seid, so hört mich für ihn …“ er zog ihn etwas bei Seite, ein Strahl des aus Wolken brechenden Mondes huschte über sein Gesicht.

„Wie ist mir denn?“ tief der Bildschnitzer. „Wo hab’ ich meine Augen gehabt? O, jetzt weiß ich, warum mir diese Züge so bekannt vorkamen … hab’ ich Euch doch erst heut’, diesen Morgen noch gesehen in des Dommeisters Stube…“

„Ihr träumt, Herr …“ stammelte der Jüngling; die Nacht verbarg das heiße Roth, das ihn überflog.

„Ist sonst bei offenen Augen nicht Brauch bei mir,“ erwiderte Loy. „Wohl hab’ ich Euch dort gesehen, freilich nicht Euch selbst, aber Euer Conterfei, Euer Bildniß … auf einem Altar sah ich Euch stehen, als Engel der Liebe, und ich weiß nicht … mir ist, als wär’s nicht viel anders, und Ihr steht jetzt wieder so vor mir…“

„Um aller Heiligen willen, wenn Ihr mich denn kennt, verrathet mich nicht…“

„Aber was führt Euch hieher? In diesem Gewand? In dieser wilden Nacht?“

„… Ihr wart gestern zur Seite des Dommeisters … vergeßt Ihr, daß ich ihm Bürge geworden bin?“

„Ei wohl, daß Euer Großvater Regensburg nicht verlassen soll; das ist vorbei, der ist in sicherem Gewahrsam.“

„Dennoch, Herr, ich will mein Wort einlösen … fragt mich nicht um mehr! Ich weiß nichts Bestimmtes … erfahrt nur so viel, der Stadt droht eine große Gefahr…“

„Aber welche?“

„Auch das weiß ich nicht … laßt es Euch genug sein und wahret die Stadt!“

„Und Ihr warnt uns? Des hochmüthigen, adelsstolzen Kammerers Enkeltöchterlein warnt die Bürger, die gegen ihn aufgestanden? Eine so reine Hand greift nach unserm Banner … ein so edel Herz schlägt für unsere Sache? Nun, bei meiner armen Seele, da muß es doch so gar schlecht mit uns nicht bestellt sein, da fängt es beinahe an, mir zu gefallen…“

„Laßt mich jetzt, Herr, ich muß fort; man schaut nach uns.“

Margarethe wollte enteilen, aber der Tuchscheerer vertrat ihr den Weg; er hatte noch von vorhin etwas auf dem Kerbholze gegen den Meister; er hatte ihn vermißt, gab das Rugbuch, dessen gleichförmiger Inhalt schon die Hörer zu ermüden begann, einem Nachbar hinüber und schlich hinzu, seinem Grolle Luft zu machen. „Ei, seht doch unsren lustigen Meister Bildschnitzer!“ rief er höhnisch. „Was pflegt Ihr hier für heimlicher Zwiesprach? Im Dunkeln ist gut munkeln, nicht wahr? Wer ist das Bürschlein?“

„Kümmert Euch um Euere eignen Sachen, Meister, „erwiderte Loy überrascht, „es ist meiner Schwester Kind, das mir eine Botschaft gebracht…“

„So? Eurer Schwester Kind?“ drängte Rauhenfelser weiter, „ei seht doch … meint Ihr, ich sei ein Regensburger Bürger und wisse nicht um eines Jeden Freundschaft und Sippe? Ihr habt nicht Kind noch Kegel, weder Schwester noch Schwesterkind … und ich meine immer, der Bube kommt mir verdächtig vor! [586] Ich will meiner Lebtag selbst einen Weiberrock tragen, wenn das nicht ein verkleidet Dirnlein ist!“

Loy brach in ein Lachen aus, dem man deutlich anhörte, wie wenig es ihm gegen sonst vom Herzen ging. „Und wenn es so wäre, ging es Euch an, Meister Wollkrempler? Wenn ich nun dächte … ‚Immergrün das ganze Jahr, Schätzel noch im grauen Haar!‘ … wolltet Ihr mir’s wehren?“

„Fällt mir nicht ein, Herr, „entgegnete der Tuchscheerer, „aber Ihr werdet auch mir nicht wehren, mir das Schätzel näher anzuschauen … möcht’ Euren Geschmack kennen lernen, Herr…“

Er versuchte, Margarethe mit kräftiger Hand zu fassen und an’s Licht zu ziehen; sie sträubte sich, und mit mehr Kraft, als von dem Alten zu erwarten war, stieß Loy den Zudringlichen hinweg. „Zurück!“ rief er, „ich war eben daran, Euch die Botschaft zu sagen, die dies Mädchen mir gebracht, aber ich lasse mich nicht in’s Verhör nehmen und ausfragen von jedem unsaubern Gesellen, als stünd’ ich vor dem Halsgericht! Darum allein hab’ ich auf Euere Frage Euch nicht gleich die Wahrheit gesagt … es ist Lyskirchner’s, des Stadtkammerers Töchterlein, das sich in dieser Mummerei hierher gewagt und mich aufgesucht…“

„Die Lyskirchnerin?“ riefen neugierige Stimmen von allen Seiten. „Was will die hier? Bei Euch und vermummt?“

„Könnt Ihr das noch lange fragen? Ist es nicht genug, daß es die Tochter ist? Was kann sie suchen, als ihren gefangenen Vater?“

„Da ist nichts zu suchen, war sie doch in Weiberkleidern schon ein paar Mal da, aber sie ward nicht hineingelassen; es thut nicht noth, daß sie ihm Nachricht zubringt oder von ihm hinwegträgt!“

„Das kann Euer Ernst nicht sein, Bürger!“ rief Loy, dem jeder Ausweg willkommen schien, ohne den leisen Händedruck Margarethens zu beachten, mit dem sie ihn zurückhalten wollte. „Seid Ihr nicht auch Väter und habt Kinder, von denen Ihr einmal wollt, daß sie an Euch handeln sollen wie Kinder? Wie, wenn sich’s umgekehrt geschickt hätte, wenn Ihr in Banden läget, würd’ es Euch gefallen, wenn Euere Töchter und Söhne sich nicht um Euch kümmerten? Was würdet Ihr sagen, wenn man sie von Euerer Schwelle stieße, wie Ihr diese hinwegstoßen wollt?“

„Das ist wahr! Der Meister hat Recht!“ riefen mehrere Stimmen. „Man soll uns nicht nachsagen, daß wir Unmenschen sind, die kein Herz im Leibe haben! Die Lyskirchnerin soll zu ihrem Vater; kommt, Fräulein, kommt, wir führen Euch zu ihm…“

„Nein, nein … jetzt nicht!“ rief Margarethe ängstlich, „jetzt bin ich nicht vorbereitet…“

„Ei, habt keine Sorge, Jüngferlein,“ sagte der Schneider und nahm sie treuherzig bei der Hand. „Kommt mit mir, ich thu’ Euch nichts zu Leid, hab’ ja auch einen Vater gehabt und habe einen Buben, an dem ich Freud’ erleben möcht’! Kommt nur, braucht Euch nicht zu entsetzen, wir sind keine Wilden, die einen Feind in’s tiefste Verließ werfen zu den Vipern und Ottern; der Stadtkammerer hat ein ganz feines Gefängniß…“

„Weh’ mir!“ seufzte sie in sich hinein, während sie von der stürmischen Schaar fortgedrängt wurde, „ich löse dem Freunde das gegebene Wort und willenlos werd’ ich vielleicht am Vater zur Verrätherin…“

Sie verschwanden im Rathhause. Die beim Feuer als Wächter Zurückbleibenden hatten aber kaum die alten Plätze wieder eingenommen und bei Faß und Krug Nachsicht gepflogen, als von oben her wildes Lärmen und Rufen ertönte. „Holla, was giebt’s da?“ rief es durcheinander; als Antwort flog oben ein hastig geöffneter Fensterflügel an die Wand und eine gellende Stimme schrie durch die Nacht: „Verrath, Verrath! Bürger heraus! Der Stadtkammerer, unser Todfeind, ist entflohen! Sicher ist er hinaus und sucht nach Stauf zu kommen und uns die bairischen Mordbrenner auf den Hals zu rufen! Bürger heraus! Schickt nach den Thoren! Lauft auf die Mauern! Spürt in allen Winkeln, vielleicht ist er noch in der Stadt, vielleicht ist er noch aufzuhalten!“ Wuthgeheul antwortete dem Ruf; Waffen klirrten darein; nach allen Seiten stob es drohend auseinander und bald verkündeten einzelne dröhnende, sich immer schneller folgende Schläge, daß auch die Glocken ihre ehernen Zungen leihen mußten, das Unheil auszurufen, das über Regensburg hereingebrochen!

Wenige Augenblicke später kamen die Männer vom Rathhause zurück, in ihrer Mitte den Barchentweber, Meister Loy und Margarethe mit sich schleppend und auf sie hineinbrüllend, daß sie es gewesen, die ein heimlich verrätherisches Spiel getrieben und dem Verhaßten zu Flucht und Freiheit verholfen. Am schlimmsten ging es dem Weber, der angstvoll, und ohne die Hände von seinem inhaltschweren Gürtel zu lassen, sich unter den Fauststößen seiner Dränger wand. „Gesteh’, was gethan, Du Hund!“ schrieen sie, „wie hat er entkommen können, wenn Du Deine Schuldigkeit als Wächter gethan? Du hast ihm durchgeholfen!“

„Heiliges Blut von Neumarkt!“ wimmerte der halb Erwürgte. „Ich weiß von nichts! Ich bin ihm nicht von der Seite gewichen, aber er muß ein Hexenmeister und durch die Luft verschwunden sein, zur Thür hinaus konnt’ er nicht!“

„Warum konnt’ er nicht?“ rief zürnend der Schmied. „Ihr habt Wein gesoffen, bis Ihr eingeschlafen seid; das ist das ganze Geheimniß!“

„O Gott, o Gott!“ jammerte Hetzer wieder, „ich will in meinem Leben nie mehr Geld haben, als ich jetzt an mir trage, wenn ich nicht treulich gewacht habe! Habt Ihr den Wasserkrug nicht gesehen? Waren nicht Stiegen und Gänge auch besetzt? Und bin ich denn allein gewesen? Fragt einmal Euere Gesellen, ob wir nicht tapfer gewacht haben?“

Die Gesellen zauderten natürlich keinen Augenblick, ihm beizustimmen, und wenn er das tollste Märlein erzählt hätte, sie hätten es als wahr bestätigt, aus Furcht, daß die Wahrheit an’s Licht kommen möchte.

Der Bildschnitzer mengte sich endlich darein; ihm lag daran, das an seinem Arm sich nur mühsam aufrecht haltende Mädchen dem betäubenden Lärm und Gewühl zu entziehn. „Was plärrt Ihr durcheinander, wie die Narren im Mummenschanz?“ rief er überlaut. „Der Fuchs ist aus dem Bau; wollt’ Ihr wie die Schildbürger streiten, durch welches Loch er entwischt ist? Sucht lieber draußen, wohin er sich gewendet haben mag! Thut Euere Schuldigkeit und zeigt, daß der Dommeister nicht einen Haufen blöder Kinder vor sich hatte, als er von Euch sich das Wohl der Stadt geloben ließ! Fort, Jeder auf seinen Posten … den linken Schächer aber da, den Ihr zum Sündenbock machen möchtet, den laßt laufen!“

Damit schwenkte er den Barchentweber herum; der Knirps ließ sich die Gelegenheit nicht zwei Mal bieten und verschwand in der Menge, wie die Grundel, die sich im Schlamm einbohrt.

„Oho!“ rief nun der Schmied, „wer erlaubt Euch, uns zu meistern? Wollt Ihr mehr sein als wir, weil Ihr Euch herausnehmt, uns zu befehlen?“

„Recht, Gevatter,“ schrie der Tuchscheerer darein; „was braucht er uns den Dommeister aufzumutzen? Wir wissen selber, was wir zu thun haben, und wenn wir uns einen Anführer gewählt haben, können wir ihn auch wieder absetzen!“

„Eh’ Ihr uns befehlen wollt,“ schrie ein Dritter, „rechtfertigt Euch erst selber, daß Ihr kein Verräther seid! Zeigt erst, daß Ihr nicht mitgeholfen habt bei der Flucht! Haben wir Euch nicht ertappt, wie Ihr geheime Zwiesprach gepflogen mit der verkleideten Dirne?“

„Laßt mich nur erst das Fräulein in Sicherheit haben!“ rief Loy den auf ihn Andringenden entgegen. „Glaubt nicht, daß ich mich vor Euch fürchte und wenn Ihr Euch noch so bärbeißig anstellt! Bin ich erst allein, dann sollt Ihr die Antwort haben, wie sich’s ziemt, bis dahin aber zurück! Wer das Mädchen nur mit einer Fingerspitze berührt, dem bohr’ ich mein Schnitzmesser in den Leib!“

Loy’s feste und drohende Haltung verfehlte den Eindruck nicht; doch wäre dieser wohl kaum ergiebig genug gewesen, die Menge lang zurückzudrängen, hätte nicht neuer verstärkter Lärm verkündigt, daß ein neues Ereigniß eingetreten, wohl geeignet das Vorhergegangene vergessen zu machen. Darüber gelang es Loy, Margarethen den Händen einiger Weiber zu übergeben, welche mitleidige Neugier aus einem Hause hervorgelockt hatte; Alles wogte in der Richtung gegen die zur Donaubrücke führende Straße hin, von wo ein wüster Haufe in rasendem Knäuel sich heranwälzte.

In Mitte der bewaffneten Werkgenossen ward ein Mann herangeschleppt, kaum vermögend sich aufrecht zu halten, mit triefendem Gewand; ein breiter Blutstreifen lief unter dem weißen Haare hervor über Stirn und Antlitz nieder…

[587] Loy eilte entgegen … auch Margarethe, von schrecklicher Ahnung aus halber Bewußtlosigkeit aufgeschreckt, entriß sich den Armen ihrer Hüterinnen und kam eben hinzu, als die Schaar mit ihrem Gefangenen den Feuerplatz erreichte…

In einem Augenblick hatte sie mit übermenschlicher Kraft das Gedränge durchbrochen, im nächsten stürzte sie mit wildem Aufschrei zu des Mannes Füßen.

Der Blutende richtete sich zur ganzen Höhe seiner Gestalt empor: er war der Alte, ungebrochen an Körper und Geist. „Du hier?“ rief er mit wild ausbrechendem Grimm. „O, nun wird mir Alles klar! Also bis dahin ist es mit Dir gekommen…“

„Nein, Großvater!“ rief sie wie außer sich und suchte seine Hand zu fassen, die er ihr stets entzog, „beim Heil meiner Seele, ich habe nicht gethan, was Du denkst…“

„Hinweg von mir, Entartete!“ entgegnete Lyskirchner, indem er sie von sich drängte und sich zu den Bürgern wendete. „Bringt mich in den Kerker, thut mit mir wie Ihr Macht habt über einen Gefangenen, aber schützt mich vor diesem Weibe, wahrt mich vor der Schlange, die ich mir selbst am Herzen erzogen… Meinen grimmigsten Fluch über Dich, Verrätherin!“

„Was soll das heißen?“ schrie Schuster Hörhamer entgegen, indeß Margarethe mit einem Kreischen des Jammers und der Verzweiflung zu Boden sank. „Wenn hier von Verrath die Rede ist, ist Niemand der Verräther, als Ihr selbst. Habt Ihr nicht Söldner geworben, die Stadt zu überfallen, während Ihr uns mit friedlicher Unterhandlung genarrt? Seid Ihr nicht aus Eurem Gewahrsam entflohen und wolltet hinaus, um den Ueberfall jetzt noch auszuführen? Warum seid Ihr in den Windfangbach hinabgestiegen und in dem Canal hinausgewatet bis unter die Mauer? Haben wir Euch nicht ergriffen, wie Ihr eben den Nachen losmachen wolltet, um nach Stauf hinabzufahren und uns die Mordbrenner über den Hals zu schicken?“

„Und bildet Ihr Euch vielleicht ein,“ erwiderte Lyskirchner stolz, „ich werde leugnen, was ich gewollt und gethan? Es war nur, was mir Recht und Pflicht gebot, dem Aufruhr gegenüber, zu dem Ihr Verblendeten Euch hinreißen ließt, zum Untergange der Stadt und Eurem eigenen Verderben! Ich bereue, ich beklage nichts, als daß mein Vorhaben nicht gelang … Ihr Alle …“

„Ein unheimlicher, dröhnender Schall, wie der Ruf eines Feuerhorns, dröhnte durch die Nacht und unterbrach ihn; Alles stand und lauschte in die Nacht empor. „Der Thürmer ruft an,“ flüsterte es ahnungsvoll und hohle, dumpfe Worte schallten langsam in gezogenen Tönen hernieder. „Fackeln am Thor!“ klang es. „Ein Trupp Reiter jagt heran!“

„Sie sind’s! Die bairischen Mordknechte kommen!“ schrie Alles und rannte in wilder Hast, wüthend und doch angstvoll durcheinander.

„O, daß es wäre!“ rief Lyskirchner und hob die Arme hoch in die nächtliche Finsterniß. „Wenn du meine Rache übernommen hättest, o Himmel … nur so lange halte meine sinkende Kraft empor!“

„Nein,“ rief der Schuster wüthend, „Du wenigstens sollst den Triumph nicht erleben! Nieder mit Dir…“ Damit sauste seine Hellebarde durch die Luft und der breite, beilartige Theil derselben schmetterte auf das schutzlose Haupt des Kämmerers hernieder; der Getroffene wankte, sein trotziger Wille schien einen Augenblick sich selbst gegen den Tod wehren zu wollen, der durch die breit klaffende Wunde eindrang; dann stürzte er mit voller Wucht zusammen, über ihn Margarethe, in herzzerreißendem Jammer, mit schwindenden Sinnen.

– Der verhängnißvolle Schlag war kaum gefallen, noch stand das Volk und hatte kaum erfaßt, was geschehen, als abermals Rufen ertönte, dazwischen der wechselnde Hufschlag heranstürmender Pferde. Bis auf wenige der Beherztesten drängte Alles zur Seite, aus Furcht vor den bairischen Reitern, die man eingedrungen glaubte.

Es war Wolf Roritzer, der Dommeister, der mit einigen Begleitern heransprengte und sich von seinem schaumbedeckten Thiere warf; der erste Blick ließ ihn überschauen, was geschehen war. „Weh’ mir!“ rief er, „also doch vergeblich, dennoch zu spät! Verblendete, welcher Wahnsinn hat Euch erfaßt! Während Ihr mich auf dem Wege zum Kaiser wißt, taucht Ihr Eure Hände in Blut! Habt Ihr mir nicht Ruhe gelobt? Habt Ihr mir nicht feierlich zugesagt, daß Niemandem auch nur ein Haar gekrümmt werden solle?“

Der Rausch in den Köpfen begann bei dem Anblick des Todten zu verfliegen, die Erregung ermattete. „Wir können nichts dafür,“ sagte kleinlaut Rauhenfelser, „der Kammerer war aus dem Gewahrsam entflohen; wir glaubten, die Baiern. seien schon in der Stadt…“

„Loy, Du hier?“ unterbrach Roritzer mit freudig-schmerzlichem Ausrufe und zog ihn an seine Brust. „… So müssen wir uns wiedersehen, alter Freund? Aber Dank für Deine Fürsorge, auch wenn sie vergeblich war! … Du weißt, wie Doctor Stabius mir selbst sich zum Begleiter angetragen und mir sein Fürwort anbot bei Kaisers Majestät, aber der alte Mann, des scharfen Reitens nicht gewohnt, erkrankte uns, wie wir in die Richtung von Pfatter kamen… Drüber ward ein ziemlicher Aufenthalt, konnt’ ich ihn doch nicht so zurücklassen und wollte seiner in Augsburg nicht entbehren; so geschah’s, daß Dein Bote mich noch einholte… Ich brach augenblicklich auf, aber ein böses Geschick vereitelte meinen redlichen Willen, wie Deine gute Absicht! … Wilder, trotziger Greis,“ fuhr er fort und trat näher an die Leiche des Kammerers. „Du selbst hast es auf Dich herabbeschworen, dieses böse Geschick! … Nicht also hab’ ich mir die Zukunft gedacht, wahrlich nicht also war es, wie ich den Ausgang träumte; andere Bilder schwebten vor meiner ahnenden Seele, schöne Träume von Frieden, Versöhnung, Glück … sie fließen mit Deinem unaufhaltsam rinnenden Blute dahin… Und wer ist es, der so über dem Todten trauert? Wessen Gemüth ist so reich, daß es so viel Liebe übrig hat für diesen starren, unbeugsamen Mann? …“

Er blickte näher hin, ein schwacher Schrei drängte sich über seine Lippen, er taumelte einen Schritt zurück in Loy’s Arme…

Wenige Worte genügten, das Geschehene zu erklären.

„Hast Du es so treu gemeint mit dem Wort, das Du mir gegeben?“ sagte Roritzer mit leiser, vor Rührung bebender Stimme. „So hat mein Gefühl mich nicht betrogen … auch Dir ist die Stunde unseres Begegnens zur Grenze geworden, an welcher weit zurück das Leben mit Allem, was vergangen war, versinkt, verweht wie ein Traum, aus dem man erwachend emporfährt und vor welcher weit und leuchtend dahingebreitet ein Paradies emporsteigt im Morgenstrahl? … O, welche reiche Saat von Freude liegt hier zerschmettert … ein Eden von Blumen ist verwelkt und zerstört … Sie regt sich, Freund! Laß sie hinwegbringen, ich folge Dir … ihre wieder sich öffnenden Blicke sollen diesem Bilde des Schreckens nicht mehr begegnen…“

Niemand rührte sich, in lautlosem Ring stand die erst so aufgeregte Menge und ließ Loy gewähren; als Roritzer ihm schweigend folgen wollte, trat ihm der Schmied ehrerbietig in den Weg.

„Sagt nun an, Herr, was geschehen soll,“ sprach er mit gesenktem Tone; „wir warten der Befehle unsers Anführers…“

„Eures Anführers?“ rief Roritzer, indem er sich umwandte und dem Fragenden voll Hoheit entgegentrat. „Wer ist so kühn, Wolf Roritzer, den Dommeister, an dieser Stelle noch mit diesem Namen zu rufen? Ich habe mich Männern zugesagt, besonnenen Bürgern, die gelassen einstehen mit ihrer ganzen Kraft für ihr Recht und ihre Freiheit. Ihr seid, wofür ich Euch anfangs gehalten, meuterisches Gesindel, das im Weine seinen Sinn ertränkt, das aus dem Aufruhr ein Geschäft macht; sucht Euch unter Räubern den Anführer, der zu Euch gehört! Ich sage mich los von Euch … feierlich hebe ich meine Hand zum Schwure auf in den nächtlichen Himmel und sage, daß ich keinen Theil habe an diesem Blute, keinen an Euch… Mein einzig Streben soll sein, Euch zu vergessen, mein ärgster Feind soll heißen, der mich daran mahnt, daß ich jemals Euch angehört!“

Dumpfes Gemurre antwortete. „Das könnt Ihr nicht,“ hieß es, „Ihr habt Euch uns zugesagt, Ihr müßt den Vertrag halten…“

„Vertrag?“ rief Roritzer aufflammend. „Vertrag mit Euch? Hier liegt er zerrissen zu Euren Füßen und wenn seine Buchstaben glühend stünden, wie Flammenschrift der Hölle, dies Blut hat sie ausgelöscht! … Euer Recht habt Ihr zu suchen begehrt? Eure Freiheit? Unselige, hier vor Euch liegt der Beweis, wie sehr wohl Jene gethan, die Euch Beides vorenthielten … Ihr seid reißendes, wildes Gethier, das nur Käfig und Kette bändigt, Ihr wißt die Freiheit nicht anders zu nützen, als zu Raub und Mord! Ihr selber habt den Vertrag, das feierliche Gelöbniß gebrochen, [588] an das Ihr mich mahnt. Ihr selber habt mich freigegeben, wir sind geschieden für immer!“

Er eilte hinweg, die verblüfften Bürger wehrten ihm nicht.

Bald hatte er Loy eingeholt, der mit Hülfe von Roritzer’s Begleitern Margarethen zum väterlichen Hause brachte. An der Schwelle, wo die alte Diemuth sie empfing, kehrte ihr die Besinnung wieder. Sie richtete sich auf, sah mit klaren, fragenden Augen um sich, ihr erster Blick fiel auf den Dommeister; wie am Abend der ersten Begegnung und doch so furchtbar anders standen sie sich gegenüber. Dann raffte sie sich rasch zusammen und wandte sich schweigend der Thür zu.

Roritzer wollte folgen, ein gebieterischer Wink fesselte seinen Schritt.

„Ihr weist mich zurück?“ fragte er leise und innig. „Ihr selbst verbietet mir, diese Schwelle mit Euch zu überschreiten?“

„Seht Ihr nicht, wessen Blut sie befleckt?“ fragte sie düster.

„Mag es um Rache rufen über den, der es vergoß!“ rief Roritzer feurig näher tretend. „Uns trifft keine Schuld, unsere Hände sind rein davon, wie unsere Herzen.“

„Keine Schuld?“ entgegnete sie und noch ernster umflorte sich ihr Blick. „Wer darf so kühn sein, die Hand auf’s Herz zu legen und zu sagen: ich habe keinen Theil daran? Gott allein ist Richter über uns, er wägt den Gedanken wie die That… Hier trennen sich unsere Wege, diese Schwelle scheidet uns!“

„Und sie war es, die uns zusammengeführt,“ rief Roritzer.

„O, daß es so kommen mußte! Welche Hoffnungen sind mir vernichtet, welchen Wünschen muß ich entsagen! O, laßt es mich Euch gestehen, an eben dieser theuren und doch so feindlichen Stelle laßt mich Euch bekennen … der Augenblick, da ich Euch sah, da mir Eure holde Stimme klang, da Ihr mir entgegentratet, wie eine Lichtgestalt, wie ein versöhnender Engel des Friedens und der Liebe – es war der Wendepunkt meines Daseins, der Morgenstrahl der seligsten Zukunft … und Alles, Alles dahin? Unwiederbringlich dahin?“

Er war ganz nahe getreten, hatte sich auf ein Knie vor ihr niedergelassen und beugte sein Angesicht über die theure, nur schwach widerstrebende Hand.

Dann sah er empor zu ihr und lange verharrten sie schweigend; tief, innig, untrennbar ineinander verschlangen sich ihre Blicke.

„Es sind dunkle Pfade, die der Himmel uns führt,“ sagte sie dann, „und so wenig Zeit nur ist uns gegönnt, daß die Schranken und Bedenken des Lebens zwischen uns eingesunken sind. Was mir sonst zu sagen verboten gewesen, in dieser Stunde brauch’ ich es nicht zu verhehlen… Ja, mein Freund, der Augenblick unserer Begegnung hat auch über mich entschieden … er wird das Kleinod meines Lebens sein! Damit sei’s geschieden … lebt wohl und gedenket mein!“

„Und keine, keine Hoffnung des Wiedersehens?“ fragte Roritzer und seine Stimme brach.

„Keine …“ hauchte sie erschüttert entgegen… „keine, als bis die Glocken von Eurem Dome sie einläuten! … Geht, Euer großes Werk wartet Euer, mich laßt dem meinigen … es ist die Trauer um den unglückseligen, theuren Todten, das Gebet für seine Seele und die Sühne meiner Schuld vor dem Ewigen… Lebt wohl! …“

Sie riß sich los, die Thür schloß sich hinter ihr; eine Weile noch starrte Roritzer wie betrübt ihr nach, dann schritt er durch die Nacht dem Dome zu.


4.

„Der Mai ist ‘kummen
„Ins Land herein,
„Mit Pfeifen und Trummen
„Und mit Schalmei’n.
„Ausstreuet er baß
„Laub, Blut und Graß
„Zum Wandel meinem frummen
„Herz-Schätzelein!“

So tönte es von einer tiefen vollen Männerstimme gesungen aus dem Domkreuzgange in den klaren Abend hinein, aus der Ecke wo der große Steinwürfel mit den Werkzeugen all’ Derer lag, die am Dome schon mitgebaut; in den Gesang mischten sich fast gleichmäßig die Schläge von Hammer und Meißel, womit Roritzer den grünlich grauen Sandstein bearbeitete, Die letzten wenigen Wochen hatten ihn sehr verändert: sein Blick war noch ernster und beinahe finster geworden, seine Wangen waren verblichen und die Locken noch reicher mit Silber besprengt.

Nach dem Gesange ließ er wie ermüdet die Werkzeuge sinken und sah innehaltend durch den Bogen des Kreuzgangs in das davon umfaßte kleine Gartenland hinaus, wo der Frühling begonnen hatte, das Gemäuer mit den ersten frühen Knospen, des Weinlaubs zu zieren und mit den rosigen Blüthen der Aprikose, deren mandelartiger Duft leise, aber wohlig in der Abendluft schwamm. Es war still draußen und friedlich, nur einige Bienen summten, die über dem Reiz der Blüthenlese und des ersten Ausflugs der Heimkehr zu vergessen schienen. Es war, als sinne der Meister über den Fortgang des Liedes nach, das in seinem Innern aufgegangen, wie draußen die Blätter und Blüthen; darüber ward er nicht einmal gewahr, daß der alte Loy eingetreten war und, um den Freund nicht zu stören, in der Ecke als stummer Hörer und Zuschauer lehnte.

Nach einer Weile hob Roritzer wieder zu singen an:

„Komm’,“ ruft vermessen
Das Röslein guot,
„Mit mir zu messen
„Der Wänglein Roth!
„Komm’, Meigelein!“[1]
Ruft’s Veigelein,
„Sag’ an – hast uns vergessen
„Oder bist Du todt?“

Der Bildschnitzer wiederholte einstimmend den Schluß. „Veigelein und Rose haben gut rufen,“ sagte er dann traurig. „Herzschätzelein – das Meigelein hat sie nicht vergessen und ist nicht todt, aber es giebt Antwort hinter Gitter und Eisenpfort …“ Und in der Weise des Liedes fortfahrend sang er mit seiner zitternden Stimme:

„… Ich hör’ Euch schon
„Zieht nur davon –
„Dieweilen ich geworden
„Ein’ schwarze Nonn’!“

„Loy!“ rief der Dommeister und sprang erschüttert auf; das Geräth fiel dumpf zu Boden. „Versteh’ ich Dich recht? Ein Märlein lautet so – ein altes Lied … Geht Dir das durch den Sinn oder wäre Wahrheit in dem Gesang? …“

„Du mußt übel denken von meiner Kundschaft in der edlen Meistersingerei,“ erwiderte der Bildschnitzer. „Glaubst Du, ich vermöge nicht, in den blauen Kornblumenton, den Du angestimmt, einzusetzen und reimweis zu sagen, was ich meine und was ich selber gedacht? … Ich komme aus dem Niedermünster und habe zugeschaut, wie ein jung jung edel Fräulein den Schleier nahm …“

„Ich hab’ es geahnt …“ seufzte Roritzer, indem er auf den Stein niederglitt; er senkte Kopf und Angesicht in die aufgestützten Hände – kein stärkerer Athemzug, kein Laut, keine Bewegung verrieth, was in ihm vorging. Auch Loy ehrte den Schmerz des Freundes und schwieg.

[601] Von draußen riefen die Abendglocken zum Gebet, zugleich fiel in Garten und Kreuzgang der letzte Sonnenstrahl und so einmüthig trafen Ton und Licht zusammen, daß man fragen mochte, war es der Abendschein, der so feierlich klang, oder hatte der Schall sich zum Strahle verdichtet und zu leuchten begonnen. Wieder, wie vor Wochen, schritten nach dem Glockenzeichen die Steinmetzen und Werkleute vorüber und zogen die Mützen, aber sie sprachen den Feierabend-Gruß nicht, der doch wohl unerwidert geblieben wäre; es war, als ahnten und ehrten auch sie, was in der Seele des Meisters vorging.

Als der letzte Hall verklungen, richtete Roritzer sich auf, griff gelassen wieder nach Meißel und Hammer und fuhr in der Arbeit fort, wo sie unterbrochen worden.

„Du willst noch arbeiten, Wölflein?“ fragte Loy und trat verwundert hinzu. „So spät noch? Was ist es Dringendes, das Du schaffst?“

„Was ist dringend,“ fragte Roritzer entgegen, „und was ist es nicht? Die Zeit geht dahin – so unmerklich schnell, daß man nie sagen kann, ein Geschäft sei vor dem andern abzuthun … gethane Arbeit bleibt gethan!“

„Ist das nicht der Block mit den Werkzeichen?“

„Er ist’s … mein Zeichen fehlt noch daran: man weiß nicht, was den Menschen anwandeln und treffen kann in der nächsten Stunde … ich hab’ das bitter lernen müssen in den letzten Tagen, drum hab’ ich das Kreuz mit dem unten gebrochenen Stamm eingemeißelt – einmal mußt’ es ja doch geschehen!“

Der alte Meister antwortete nicht gleich; er schien etwas auf dem Herzen zu haben und nicht zu wissen, wie er beginnen sollte, es an den Mann zu bringen; er trat ganz nahe hinzu und sah wie neugierig, als hätte er noch niemals im Leben dergleichen gesehen, den Meißelschlägen zu, unter denen das Zeichen im Stein sich lösend entstand.

„Ja, ja, Wölflein, Du hast ganz Recht,“ sagte er dann, „gethane Arbeit ist gethan und nach ihr soll gut ruhen sein! … Wie weit ist’s mit Deinem Schutzengel-Altar?“

„Er ist vollendet – im Entwurfe, bis zur Ausführung.“

„Gut, gut – und die Geländer zu der Giebelgalerie?“

„Sie sind fertig: ich habe gestern die letzte Kreuzrose zu Ende gebracht … Warum fragst Du all’ das?“

„Warum?“ entgegnete Loy etwas zögernd. „Ja sieh’, mein Wölflein – es geht mir wie Dir! Hab’ auch in den letzten Wochen so viel erfahren, wovon ich keine Ahnung gehabt, daß ich mein altes Regensburg schier nicht mehr kenne und komme mir vor, als hätt’ es mich hinein geschneit an einen wildfremden Ort. Es engt mich in den Mauern, drum will ich hinaus, will die Donau hinauf, wo in der Felsenschlucht eingekeilt das einsame Kloster Weltenburg liegt – Du weißt ja, ich habe einen alten Freund dort, den Pater Sabinus, den ich wohl zehn Jahre nicht gesehen …“

„In der That? Du willst von mir gehen?“ fragte Roritzer lächelnd.

„Das so eigentlich nicht,“ entgegnete der gute Alte, der immer befangener ward. „Das nicht! Hab’ mir vielmehr gedacht, Du solltest mit mir gehen – würde Dir sicher auch gut thun, Wölflein und bist ja fertig schier mit all’ Deiner Arbeit!“

„Meinst Du?“ rief der Meister und fuhr sich sinnend über die Stirn. „In die einsame Felsenschlucht – nach Weltenburg also! Ein guter Name das und ein viel verheißender … Eine feste Burg, die ihren Einwohner wahrhaftig vor der Welt verbirgt! Die Welt bleibt draußen, aber ob das auch zurück bleiben wird, was man in sich mit hinaus trägt aus der Welt … Doch gleichviel, ich gehe mit Dir! Wir wollen Deinen Pater Sabinus besuchen – morgen will ich Urlaub fordern und die Domhütte einem Andern übergeben …“

„Morgen erst?“ rief Loy hastig und doch sichtbar unsicher, wie er das vorbringen sollte, was er im Sinne trug. „Ich hab’ mir’s einmal eingebildet, daß ich heute noch gehe, und Du weißt wohl, Alter macht eigensinnig – darum rüste Dich nur und komm: ich bin deßwegen hier, um Dich mitzunehmen …“

Roritzer trat zu dem Alten, legte ihm, wie er pflegte, die Hand auf die Schulter und sah ihm fest in’s Auge. „Viel hab’ ich für möglich gehalten,“ sagte er, „aber wer mir das gesagt, den hätt’ ich einen Thoren genannt!“

„Was denn?“ fragte Loy und suchte unbefangen auszusehen, schlug aber die Augen vor dem forschenden Blicke des Freundes nieder. „Was hättest Du nicht für möglich gehalten?“

„Daß es meinem alten Loy noch einfallen sollte, seinen Schüler und Sohn zu hintergehen!“

„Hintergehen? Ich Dich? Wie kannst Du … Aber sieh mich nicht so an, Wölflein, ich will’s nur eingestehen und die Mummerei fallen lassen, die mir doch nicht anstehen will. Nun ja denn, weil Du all’ mein Winken und Deuten die Tage her nicht hast verstehen wollen, bin ich auf den Umweg verfallen. Ich werde meine alte Sorge nicht los, bei meiner armen Seele drum sag’ ich’s lieber gerade heraus: Du sollst fort, Wölflein, oder richtiger – Du mußt fort!“

[602] „Aengstigt Dich noch immer das Alte oder ist Neues geschehen?“

„Es war an dem Alten lange genug, aber das Neue wächst sich immer schöner aus, wie Unkraut, das einmal angefangen hat, auf einem Stück Land zu wuchern! – Du weißt, wie die Zünftler und Wachtgenossen, da Du Dich von ihnen losgesagt, noch ein paar Tage lärmten und sich herum tummelten, da fingen sie an Mangel und Noth zu spüren; weil Niemand mehr gearbeitet, fing es überall zu gebrechen an, da wurden sie des Tumultuirens müde und ihr hochfahrender Ungestüm klappte zusammen wie ein Blasbalg, dem der Wind ausgeht. Dazu kam die Sorge vor einem Ueberfall und die Furcht wegen dessen, was geschehen war – da verschwand Einer um den Andern, weil ein Jeder bei sich dacht’, einen Einzigen werde man nicht vermissen in der Schaar, und die übrig blieben, hielten es endlich für das Gescheidteste, die Rathsherren mit einem Vertrag wieder freizugeben und sie zu bitten, sie möchten das Regiment wieder übernehmen und Ruhe und Ordnung machen in der Stadt.“

„Nun,“ rief Roritzer bitter dazwischen, „die Bitte zu erfüllen, haben sie nicht gesäumt!“

„Wahrhaftig’ nicht,“ fuhr Loy fort, „sie haben allen Zünften neue strenge Ordnungen gegeben, die ihnen für die Zukunft den Uebermuth wohl verleiden werden; sie haben neue Umlagen gemacht, größer als je, um dem Stadthauptmann den Sold zu bezahlen …“

„Sie wollten es nicht anders – mögen sie tragen, was sie verdient!“

„Gestern nun,“ begann der Bildschnitzer wieder, „gestern sind kaiserliche Commissarien angekommen, die der Stadthauptmann sich erbeten hat, mit kriegerischem Gefolge. Die Herren machen finstre Gesichter – es geht das Gerede, der Kaiser, der es Regensburg immer noch nicht verzeihen kann, daß es sich Baiern an den Hals geworfen, soll sehr erzürnt sein, sie hätten arge Befehle von ihm mitgebracht …“

„Die Schuldbewußten ängstigt das böse Gewissen!“

„Viele sind noch gestern bei Nacht und Nebel davon – Viele haben sich heute fortgemacht …“ begann Loy etwas bedächtiger. „Weiß wohl, daß Du nichts fürchtest, mein Wölflein, aber ich alter Kerl bin nun einmal so feige und kann die Sorge nicht aus den Knochen bringen! Es drückt mir schier das Herz ab, sie könnten auch an Dich kommen und Dir etwas anhaben wollen …“

„Mir?“ sagte Roritzer und streichelte dem Alten beruhigend über das Silberhaar. „Sei meinetwegen unbesorgt! Sie werden nicht, weil sie nicht können … was wäre meine Schuld? Ich habe …“

Loy ließ ihn nicht weiter reden. „Ich ziehe immer den Kürzeren, wenn ich mit Dir disputiren soll,“ rief er, „ich lasse mich darauf gar nicht ein – Du magst Recht haben, aber ich, ich habe noch mehr Recht, wenn ich sage: mag es gehen und sein wie immer – weit davon ist gut vor’m Schuß! Folg’ mir – ich hab’ Alles wohl bedacht und bereitet. Wir gehen, als wollten wir lustwandeln und den schönen Mai-Abend genießen, über die Brücke durch die Stadt am Hof; – in einem der letzten Häuser, bei einem vertrauten Manne stehen ein paar wackere Rößlein gezäumt … wir schwingen uns hinauf und traben wohlgemuth stromaufwärts, bis wir den Glockenring ziehen mögen am Weltenburger Pförtlein.“

„Das ist nicht Dein Ernst, alter Freund!“ rief Roritzer, „das kannst Du in Wahrheit mir nicht rathen! Ich soll fliehen – soll mich heimlich aus der Stadt stehlen, in der ich mein Haupt so offen getragen und so hoch? Hieße das nicht zeigen, daß ich mich fürchte – hieße es nicht gestehen, daß ich zu fürchten habe, daß ich das Bewußtsein einer Schuld mit mir hinweg getragen? Nein, Vater Loy, Dein alter Lehrling und Sohn, Wolf Roritzer, flieht nicht … Dich zu beruhigen, will ich morgen thun, was Du begehrst, will ehrlich und gerade Urlaub fordern – aber eher keinen Schritt!“

„Morgen! morgen!“ entgegnete der Alte in steigender Unruhe. „Wenn ich’s nur nicht in mir hätte, daß wir schon zu lang gezaudert, daß es morgen vielleicht schon zu spät ist … Sieh, ich bin vorhin Kraft Dollinger, dem Trabanten-Rottmeister, begegnet. Er ist sonst mein Freund nicht, aber er ist jetzt unwirsch und grollt dem Rath, der die kaiserlichen Söldner vorzieht, wie er meint; drum rief er mich an und winkte mir zu und meinte, man solle sich vorsehen – es würde Besonderes bereitet für den Abend …“

„Deine Liebe zu mir läßt Dich nun einmal nicht zur Ruhe kommen,“ sagte Roritzer begütigend. „Quäle Dich nicht nutzlos selbst und mich mit Dir … ich fliehe nicht, und gehe nicht heute …“

„Wölflein,“ hob der Alte bittend an, „Du hast mir oft gesagt und betheuert, ich sei Dir lieb – ich fordre jetzt den Beweis! Geh’ mit mir, geh’ noch heute – noch diesen Augenblick!“

„– Nein …“

„Ich fordre es ja nicht meinetwegen! Um Deinetwillen – um Deiner Kunst willen bitte ich Dich … erhalte Dich Deinem Werke!“

„Meine Kunst!“ rief Roritzer mit Feuer. „Ich darf in Wahrheit sagen, daß ich ihr treu gedient habe mein Leben lang – wahr und treu, bis auf den Einen Augenblick, der mich von ihrem Herzen gerissen, aber nur um ihr noch treuer zu sein und zu dienen auf anderer Bahn … Mein Leben, mein Herzblut für meine Kunst – aber mich für sie entehren kann ich nicht!“

„Entehren?“ sagte der Alte und warf das Pelzmützlein, das er bis dahin in den Händen geballt unmuthig zur Erde. „Bei meiner armen Seele, so soll doch … Entehren? Ist es wohl gar eine Schande für sich selber zu sorgen? Saubere Ehre das, die verlangt, daß man fein still hält, wenn Einem das Schwert überm Haupte gezückt ist!“

„Nein,“ rief Roritzer feierlich, „wer sollte sich Solches erkühnen? Ich glaube es nicht!“

„Nun denn, Unglücklicher, wenn Du nicht glauben willst, – so sieh!“ stieß der Bildschnitzer hervor und stand plötzlich mit ausgestrecktem Arme, wie in eine Bildsäule des Schreckens verwandelt, bleich und starr. Der Dommeister wandte sich um: vom Eingange funkelten ihn aus einem fahlen Gesicht zwei feindselige Augen an; auf der Schwelle des Kreuzganges stand Herr Fux von Schneeberg, der Stadthauptmann von Regensburg, in schwarzem kostbarem Sammtgewand, auf der Brust das schwergüldne Adlergeschmeide zum Zeichen seiner Würde. Hinter ihm standen die andern Commisarien, Wolf von Wolfstall, der Hauptmann von Donauwörth, Sigmund von Reizenstein, der brandenburgische Rath, und Herr Sepp Langenmentel, der mächtigen Reichsstadt Augsburg Bürgermeister. Dahinter drängten Harnische, blitzten Helme und starrten Lanzen – auch von der andern Seite her klirrten Waffen: eine zweite Schaar hielt auch diesen Eingang besetzt, die Domhütte war von allen Seiten umgangen und umstellt. Unter den Blechhüten und Pickelhauben der Letzteren sah manches Angesicht hervor, das wenige Wochen früher sich unter dem Haufen befunden, der hier angestürmt; kenntlich vor Allen und ungescheut ob des Wechsels unter den Vordersten Meister Hetzer, der Barchentweber.

„Zu spät …“ lallte Loy und taumelte wie betäubt, die Hände vor die Augen geballt, in eine Ecke, um das Entsetzliche nicht zu sehen, das sich nun vor ihm bereiten sollte – Roritzer stand gelassen und ohne Wort; eine dunkle Gluth überzog fliegend sein Angesicht, aber seine Gestalt beugte sich nicht, es war als ob sie mit der Gefahr sich erhebe und ihr entgegenstemme.

Hauptmann Fux trat vor. „Wer ist hier Wolf Roritzer, der Dommeister?“ rief er.

„Es ist noch nicht lange genug,“ entgegnete dieser fest, die Arme ruhig über der Brust kreuzend, „seit wir uns begegnet – Ihr könnt nicht vergessen haben, wer sich so nennt!“

„Nicht doch, Herr,“ sagte höhnend der Hauptmann, „Fux von Schneeberg vergißt nicht so leicht, wen er einmal gesehen und was er gesehen … aber konnte ich wissen, in welcher Gestalt Ihr belieben würdet, mir entgegen zu treten, ob im Schurzfell als Steinmetz oder als Volkstribun oder im schwarzen Mantel als künftiger Stadtkammerer von Regensburg? – Ich habe mit dem Dommeister zu thun; drum geziemt’ es mir, zu fragen!“

„Vergebne Mühe, Herr,“ war Roritzer’s Antwort, „auch das konntet Ihr von Euch selber wissen, daß ich es Andern überlasse, die Röcke zu wechseln wie beim Mummenschanz. Aber Ihr steht hier auf Grund und Boden der gefreiten Domhütte, als deren Vogt und Meister Ihr mich kennt – darum ist es an mir zu fragen, nicht an Euch! Was erkühnt Ihr Euch hier einzudringen? Was begehrt Ihr von mir?“

„Solches soll Euch nicht länger verhalten sein, rief der Hauptmann und gab seinen Reisigen einen Wink, vorzutreten. [603] „Gebt Euch, Meister Wolf Roritzer … ich verhafte Euch um Beleidigung kaiserlicher Majestät und um Hochverrath!“

„Ihr redet irre, Herr,“ sagte Roritzer, der immer kälter und besonnener ward. „Wann, wo hätte ich des Kaisers Majestät, den ich so hoch verehre, beleidigt? Wie wäre ein Gedanke von Hochverrath in meiner Seele aufgetaucht? Weiß ich doch kaum, was Ihr darunter vermeinen mögt. – Eins aber weiß ich, daß ich Verwahr einlege gegen solche Verhaftung und gegen Euch … Ich verlange einen parteilosen Richter und soll ich wegen des Kaisers gefragt werden, will ich auch nur vor dem Kaiser Red’ und Antwort geben.“

„Ei,“ rief der Hauptmann mit giftigen Blicken, „Ihr wart ja schon auf dem Wege zu ihm – was seid Ihr doch umgekehrt! Seht, Meister, Ihr rühmt Euch, Wunders viel ausgerichtet zu haben mit Richtscheit und Winkelmaß – aber wenn Ihr auch noch so gering von der Rechtsgelahrtheit denkt, – Eins könntet Ihr doch von ihr und ihren Anhängern lernen – die Kunst, nichts halb zu thun! … Appelliren wollt Ihr an des Kaisers Hof? Jetzt stehe ich hier als der Kaiser vor Euch, als des Kaisers Stellvertreter mit unumschränkter Vollmacht, Friede zu machen in dieser unseligen, von Bösewichtern verleiteten Stadt – ich werde wohl Mittel finden, die Euch zwingen, mir Rede zu stehen! … Ihr habt den Befehlen des Kaisers getrotzt, habt Euch der Einführung des von ihm erwählten Hauptmanns widersetzt, habt mich, seinen Abgesandten, gefänglich angegriffen – ist das nicht Beleidigung kaiserlicher Majestät? Ihr habt Euch an die Spitze eines Aufruhrs gestellt, der darauf abzielte, die alte Ordnung, Recht und Verfassung Eurer Vaterstadt umzustürzen …“

„Halt, Herr,“ rief Roritzer auflodernd, „das hab’ ich nie gethan und nie gewollt, und trüg’ er zehnmal des Kaisers Rock, ein Lügner, wer das sagt! Ich wollte der Bedrückung der Gemeine ein Ende machen, der Unterdrückung durch diejenigen, die deren Schutzherren und Verwalter sein sollten und sich allgemach zu Gewalthabern gemacht und zu unbeschränkten Herren! Nicht die alte Verfassung zu stürzen galt es, nein, die vom Rath heimlich, langsam, tückisch untergrabene zu schützen und zu erhalten! Meinen Mitbürgern aber bin ich beigestanden als Fürsprech gegen die Winkelzüge des Raths und weil sie mir gelobt hatten, der Aufruhr solle zu Ende sein und sie ruhig warten bis zur Entscheidung durch das höchste Oberhaupt im Reich… Sie haben ihre Zusage nicht gehalten! Mit Schmerz hab’ ich erkennen müssen, mit tiefer Wehmuth bekenn’ ich, daß die Gewalt nicht der Boden ist, auf welchem das Haus des Rechts gefügt werden kann und gebaut .… Als ich es erkannt, habe ich mich losgesagt von dem Bündniß; wo ist der gerechte Richter, der den Stab über mich brechen und sagen kann … ich sei schuldig?!“

„Sieh’ da,“ entgegnete der Stadthauptmann, der lauernden Blickes zugehört, „wie Ihr zu distinguiren wißt, wahrhaftig sehr fein und scharf für einen gewesenen Tribunus Plebis, einen gestürzten Dictator! Ihr verrathet Geschick zu der Kunst, die ich zur Aufgabe meines Lebens gemacht, drum will ich Euch, obwohl ich nicht hierher gekommen, mit Euch zu rechten, eine Lehre geben … dieselbe, die Ihr schon einmal gehört: Nichts halb zu thun! Hättet Ihr mehr kaltes Blut, Ihr hättet ein Staatsmann werden können, aber Ihr folgt Euren Wallungen und mit Wallungen werden die Geschicke der Völker und Städte nicht gemacht! Ihr seid in’s Fahrzeug gestiegen und habt Euch an’s Steuer gestellt, es durch den Sturm zu leiten… Da Ihr das thatet, mußtet Ihr wissen, welches Element es zu bändigen galt, und mußtet es bändigen. Ihr mußtet das Schiff hindurchführen oder nie eine Hand an’s Steuer legen. Darum seid Ihr schuldig! Ohne Euch wäre der Aufruhr nie zu solcher Höhe gestiegen, nie zu solcher Wildheit entbrannt, Euch trifft die Verantwortung all’ der rohen Thaten, die geschehen, die Vergeltung des Schadens und Unheils, der gestiftet worden, die Rache für das Blut, das von Mörderhänden trieft.“

„Nicht vor meinem Gewissen,“ unterbrach ihn der Dommeister mit feierlichem Ernst, „nicht vor Gott! Ich wälze Schuld, Verantwortung und Rache von mir und hebe meine reine Hand in den reinen Himmel hinauf zu dem Gerechten, der in den Herzen liest und den Willen richtet!“

„Thut es; der Richter auf Erden sieht nicht in’s Herz, darum bestimmt der Erfolg, die That sein Urtheil. So Ihr aber Euch so sicher, so fest fühlet im Bewußtsein Eurer Unschuld, was zaudert Ihr, Euch vor Gericht zu stellen und zu vertheidigen?“

„Ich zaudere nicht, ich bin bereit, mich jeglichem Gerichte zu stellen, aber Hand an mich zu legen, habt Ihr kein Recht. Ich stehe auf gefreiter Erde, die Bauhütte ist ein von Kaiser, Stadt und Bischof geheiligtes Asyl … ladet mich wohin Ihr wollt, ich will Urphede schwören, mich zu stellen, aber hier leget nicht Hand an mich! Ehret die Freistatt, deren Schutz mir vertraut ist; hier habt Ihr kein Recht, hier endet jede Gewalt!“

Der Hauptmann strich sich bedächtig die Locken zurück. „Bedaure höchlich,“ sagte er dann, „auch hierin Eurer Ansicht nicht beipflichten zu können. Ich stehe hier im Namen und Auftrag des Kaisers; ein einfach exemplum logicum ergiebt, daß kaiserliche Freistatt nicht schützen kann vor Kaisers Gericht. Die Stadt ist unterworfen und kann solch’ kostbar Privilegium, so sie dessen in Wahrheit sich erfreute, nicht ausüben, die heilige Kirche aber ist nicht gewillt, Rebellen zu schützen. Sehet hier in meiner Hand die Erlaubniß des Bischofs, auch in der Freiung des Doms auf Euch zu fahnden…“

„Wie?“ rief Roritzer und riß das Blatt an sich, den Inhalt zu durchfliegen, es bebte in seiner Hand; in sein Angesicht stiegen glühende Wellen und sanken zu Eis erstarrend wieder zum Herzen zurück… ‚Als haben wir beschlossen,‘ las er mit schwankender Stimme, ‚die Freiung, so der Dombauhütte zustehet, aufzuheben, aber nur für diesen Einen Fall, da es sich um die gefängliche Annehmung eines sicheren Wolf Roritzer handelt, unter Reservation aller bischöflichen Rechte und Protest gegen jedes Präjudiz, so in Zukunft daraus wollte gefolgert werden. …‘ „Also wahr, wirklich wahr!“ stammelte Roritzer erschüttert. „Ich bin geopfert, preisgegeben von denen, für die ich eingestanden! Wofür war es denn zuerst, daß ich mich in den Wirbel stürzte, der nun über mir zusammenschlägt und mich in den Abgrund zieht? Dieses Kleinod, das mir vertraute, zu wahren, von ihm abzuhalten jede frevelnde Hand, diese Freistätte der Kunst vor Entweihung zu schützen, habe ich Wort und Hand erhoben, und mich stoßen sie aus? Mitten in meinem Heiligthum darf die Gewalt mich fassen? … Wohlan denn, Herr Hauptmann,“ fuhr er, nach kurzem schwerem Aufathmen sich gewaltsam fassend, fort, „ich widerstrebe nicht mehr; vollzieht Euren Auftrag, ich werde folgen … doch Eines, ein Letztes noch sei mir gegönnt! … Es dünkt Euch vielleicht eine Thorheit, mir scheint es von Gewicht. Hat auch ein Gefangener nichts mehr zu verfügen, laßt mich nicht von hinnen führen, eh’ ich das Amt, dessen ich redlich gewaltet, an’s Ende durchgeführt: laßt es mich abgeben und den Mann in die Bauhütte einführen, der nach mir kommen soll…“

„Dessen bedarf’s nicht,“ sagte der Hauptmann gleichgültig. „Ihr werdet keinen Nachfolger haben.“

„Keinen Nachfolger?“ rief Roritzer wieder. „Wie deut’ ich das? Und das Werk, woran ich gebaut? Und der gewaltige Dom?“

„Der Dom?“ fragte Fux noch kaltblütiger als zuvor. „Was meint Ihr, Meister? Der Dom ist fertig, ist nach innen und außen vollständig ausgebaut, dem Dienste des Herrn steht längst kein Hinderniß mehr entgegen, die Glocken finden auch auf den nicht vollendeten Thürmen Platz… Alles Andere ist Zierrath, leerer Schmuck; die Gegenwart hat an andere, an nothwendigere Dinge zu denken, der Bau ist darum eingestellt bis auf bessere Zeiten, es bedarf keines Dommeisters mehr!“

„Eingestellt? Bedarf keines Meisters mehr?“ rief Roritzer schmerzlich und hob die Arme zu dem Gebäude empor, das in majestätischer Ruhe aus der Abendklarheit des Himmels herniederschaute auf das kleine Treiben und Wühlen an seinen Sohlen. „Unvollendet soll dieses herrliche Werk bleiben, eins der schönsten, das je in eines gottbegeisterten Menschen Sinn entstand? Als Ruine vor dem Ausbau soll es dastehen und die Schmach dieser Stunde verewigen auf Jahrtausende! … O meine Ahnung, meine Ahnung! Das war das Gewitter, das ich unsichtbar lauernd mir über’m Haupte drohen fühlte; jetzt ist er gefallen, der Streich, der mich niederwirft, um mich nie wieder zu erheben! Es war ein weissagend Wort, das Jener gesprochen, da er mir verhieß, es werde kein Dommeister nach mir kommen… Weh mir, der Dom ist dem Untergange geweiht, der letzte Dommeister mit ihm! …“

Auf den Wink des Hauptmanns traten die Reisigen vor, umringten den nicht Widerstrebenden und schritten mit ihm hinweg. Eine andere Schaar ergriff den alten Bildschnitzer, der mehr todt als lebend zugesehen und zugehört; das Schreckliche, das auf [604] den Liebling seiner Seele hereingebrochen, hatte seine letzte Kraft fast vernichtet.

„Nur vorwärts!“ rief der Barchentweber. „Sperrt Euch nicht auch, es geht nach dem alten Spruche und mitgegangen wird mitgehangen!“

Der Greis sah den Ungestümen mit großen Augen an und seine Lippen umspielte etwas wie Anflug der alten launigen Fröhlichkeit. „Ihr seid’s, der mich in Verhaft nimmt?“ sagte er. „Wirklich allzuviel der Ehre, daß Ihr Euch selber bemüht! Freue mich auch über die Maßen Eurer Klugheit, die so schnell den Mantel nach dem Winde gedreht und Euch auf diese Seite geführt. Ihr wißt wohl, wo Ihr standet, als wir uns das erste Mal begegneten, und wo das letzte Mal? … Da hatten sie Euch übel am Kragen, nun macht Ihr’s wett, daß ich Euch herausgeholfen. Recht so, und wenn ich wieder loskomme, soll’s mich nur darum freuen, daß ich erst jetzt so ganz genau weiß, wozu Euer lobesam Conterfei mir als Vorbild dienen kann! So ich wieder dazu komme, einen Kreuzweg zu schnitzen, brauch’ ich nicht zu suchen um einen Judas Ischarioth! …“

– – – Des Dommeisters Schicksal war voraus von seinen Feinden entschieden; es erfüllte sich rasch. Noch dieselbe Nacht brachte Verhör und Urtel und dessen Verkündung, schon der kommende Morgen sollte den Vollzug beleuchten.

Er dämmerte nur erst in schwachem Grauen empor, als die Thür von Roritzer’s Kerker sich öffnete, der Meister hatte mit der schnellen zweifellosen Entscheidung das volle Gleichgewicht der Kräfte, die ganze Ruhe seines Gemüthes wieder gefunden und lag sanft in der Umarmung eines friedlichen, stärkenden Schlummers. Das Geräusch erweckte ihn nicht; er kam erst zur Besinnung, als zwei Arme ihn fest umschlangen, zwei Lippen sich zu innigem Kusse auf die seinen drückten und des Bildschnitzers würdiges Silberhaupt sich zärtlich an seine Brust senkte.

„Loy,“ rief Roritzer, „treuester aller Freunde, Du kommst zu mir? Willst aushalten bei mir bis zum letzten Augenblick? Hat nichts Deine Liebe abgehalten und Du bist durchgedrungen durch Haß und Neid bis in den Kerker des Freundes! Gesegnet sei, wer mir diese Freude gewährt’, um ihretwillen soll ihm Alles vergeben sein … es ist seit langer, langer Zeit die einzige, volle, durch nichts verkümmerte Freude!“

Auch der Bildschnitzer hatte sich wieder aufgerafft und vermochte, dem Liebling mit vollem Ausdruck in’s Auge zu sehen. „Du machst zu viel Wesens daraus, mein Wölflein,“ sagte er, „ich habe mir ausgebeten, bei Dir sein zu dürfen, und sie haben mir’s gewährt; sie denken wohl, es hat jetzt keine Gefahr mehr mit mir! Ich habe zu Dir gemußt, ich hätt’ es nicht ertragen, zu denken, daß Du, mein Kleinod, dahin, verloren sein sollst in der Fülle Deiner Kraft, im schönsten Aufblühen Deiner Kunst … sage, Wölflein, wie ist Dir zu Muth?“

„Ich danke dem Himmel,“ erwiderte Roritzer, „er giebt mir viele Kraft, und nun ich Dich gesehen und um Dein Geschick nicht mehr zu bangen brauche, sollen meine Feinde den Triumph nicht haben, mich gebeugt zu sehen. Ich bin freudig im Gemüth, der frühe Abschied vom Leben hat aufgehört, mir befremdlich zu sein … was soll mir das Leben noch? Nicht die Dauer der Jahre macht ein volles Leben aus, sondern sein Inhalt, und auch der letzte schwere Gram der Erde ist mir wunderbar von der Seele genommen…“

„Was meinst Du, Wolf? Ich verstehe Dich nicht.“

„… Du weißt, wie oft ich gesorgt und gebangt, daß der Dom, Regensburgs Wahrzeichen und Zier, nicht zum Ausbau gelangen, daß er unvollendet bleiben würde; jetzt fürchte ich dies nicht mehr, in der letzten Nacht im letzten Schlummer hat mich ein Traumgesicht gestärkt… Höre, mein Freund… Tiefe Finsterniß war um mich her, lauter Jammer erscholl aus derselben und eine unselige Betrübniß erfüllte meine Seele, mir war, als läge ich im Grabe, aber ich wußte, was bei mir und über mir geschah, ich konnte fühlen und denken und schauen und ich sah die Geschicke der kommenden Zeiten wie Nebelgestalten an mir vorüberziehen … eine bleiche, furchtbare Reihe mit Zügen voll Kummer und Leid und wenige darunter, denen Freude aus dem Antlitz leuchtete. Jahre an Jahre reihten sich auf zu Jahrhunderten; da begann es hell zu werden, ein friedlicheres Zeitalter schien emporzudämmern und in seinem Morgenlicht ward ich hinaufgetragen in die Lüfte und sah unter mir das Land der Heimath hingebreitet und sah die Donau funkeln und über ihr, wo die feindselige Burg der Staufer gestanden, stieg ein erhabener Tempel empor und eine leuchtende Versammlung verklärter Gestalten thronte schwebend auf ihm … gegenüber aber … o Freund, fühle mein Entzücken mit … gegenüber, aus der Ebene, stieg der Dom von Regensburg empor mit Thürmen und Zinnen, vollendet und herrlich, wie der Meister ihn entworfen, wie ich ihn oft vor meiner Seele stehen sah, groß, hehr und gewaltig und wie von einer Glorie umstrahlt … Da zog es wie Botschaft von Engelsstimmen durch meine Seele, unausgesprochen ward es mir klar und gewiß, daß mein Wunsch, mein Sehnen nicht unerfüllt bleiben wird. Mag das Werk ruhen und anscheinend vergessen eine Ruine dastehen … ich weiß jetzt, die Zeit wird kommen, wo Reich und Volk seiner Vergangenheit gedenkt, wo es den Schutt von Jahrhunderten wegräumt und seine Denkmale darunter hervorgräbt und mit ihnen die eigene Größe!“

Geräusch von der Thür her unterbrach die Rede des Begeisterten, Bewaffnete standen an der Schwelle, ein stummer, nicht zu mißdeutender Befehl.

Roritzer blickte auf. „Es ist Zeit,“ sagte er und drängte den Alten sanft von sich. „Nimm nochmals den Dank Deines Sohnes und Schülers, den innigsten Dank für die Liebe und Treue des Meisters und Vaters, die ausgehalten bis zur letzten Stunde! Jetzt aber sollst Du nicht weiter mit mir gehen; erspare mir und Dir dieses fruchtlose Leid, die wenigen Schritte, die noch übrig sind, laß mich allein gehen…“

Loy faßte beide Hände des Freundes und sah ihm in’s Auge, lächelnd, wie in den schönsten Tagen des Frohsinns. „Gern wollt’ ich zurückbleiben, wenn Du es durchaus haben willst, mein Wölflein,“ sagte er, indem er mit muthwillig neckender Geberde über die Schulter deutete, „ich sorge nur, die da hinten werden’s nicht leiden…“

„Ich verstehe Dich nicht.“

„Nicht? Und ist doch so leicht zu verstehen! Hab’ ich nicht immer betheuert, daß ich Dir folge und wenn’s in die Hölle ginge? Hast Du nicht oft mir versichert, unsere Wege würden zusammengehen; was willst Du Dich nun verwundern, daß es so ist?“

„Unmöglich, Loy,“ schrie Roritzer auf … „das wäre zu entsetzlich! Das hieße zum Unrecht den himmelschreiendsten Frevel fügen… Das haben sie nicht gewagt…“

Ein fragender Blick auf den Anführer der Bewaffneten brachte die Bestätigung… „Auch Du?“ rief der Meister und sank in nicht mehr aufzuhaltenden Thränen an die Brust des Freundes. „Welche Schuld, welchen Schein von Schuld konnten sie an Dir entdecken? O, keinen, keinen, als Deine Liebe zu mir … ich Unseliger reiße Dich mit mir in den Tod!“

„Der Welt Lauf, mein Wölflein!“ sagte der Alte zwischen Lachen und Rührung. „Gräme Dich nicht und denke, gleiche Brüder, gleiche Kappen! Gräme Dich nicht zu sehr und mißgönne mir nicht, mit Dir zu sterben! Hab’ Mitleid mit dem alten Loy … was sollten mir die paar Greisenstunden noch fruchten, voll Jammer und Gram um Dich? Wie sollt’ ich leben können ohne Dich und nach Dir? Gräme Dich nicht, Wölflein, wir gehen miteinander!“

Roritzer vermochte nichts zu erwidern; schweigend, fest umschlungen, begannen sie den Todesgang.

Auf dem Rathhausplatze war eine hohe Bühne aufgerichtet, rings bis zum Boden nieder mit schwarzen Tüchern verhangen. Der hagere Rathsvogt war eben daran, noch einige Anordnungen zu geben, als er vortretend Kraft Dollinger erblickte, der, seiner Rottmeisterschaft entkleidet, wie ein gemeiner Spießknecht unter den Gewappneten stand, die in weitem Ringe das Hochgericht umschlossen.

„Nun, wer hat Recht behalten?“ raunte er ihm zu. „Hat es nichts bedeutet, daß das Richtbeil sich anmeldete und herunterfiel? Hebt einmal den Umhang des Gerüstes auf und schaut hinein, oben ist ein Bret im Boden, wie’s mit dem Einen vorbei ist, wird das Bret gewendet, daß der Körper herunterfällt und Platz wird für einen Andern… Seht Ihr den Sandhaufen drunter? Es ist derselbe, über den der Dommeister gestolpert; er ist außer Acht liegen geblieben die ganze Zeit, nun ist er eben recht, das Blut aufzusaugen…“

Er ging, denn vom Rathhause kam eilig Herr Hans Bayer, [606] der Stadtarzt, geschritten, sichtlich vermeidend, das verhängnißvolle Gerüst in’s Auge zu fassen; der Edle von Aunkhover trat ihm des Weges entgegen, hochgetragen das Haupt, in der Hast sieghafter Befriedigung. „Ihr wollt fort, Doctor?“ sagte er bissig. „Wollt nicht zusehen, wie meine Cur angewendet wird?“

„Mir gebricht die Zeit,“ entgegnete der Arzt, „ich bin über Land gerufen zu einem gefährlichen Kranken.“

„Was Ihr mir sagt! Und die Gefahr scheint dringend, nach Eurer Eilfertigkeit zu schließen? … Der Kranke wird Euch wohl gar auf längere Zeit in Anspruch nehmen?“

„Möglich, so Ihr aber meiner bedürfen solltet, werde ich nicht verfehlen, zur Hand zu sein; Ihr wißt, meine reisende Uhr behält allzeit Recht…“ Aunkhover ging, der Stadtarzt sah ihm nach. „Er vermuthet, was ich vorhabe,“ murmelte er. „Immerhin! Ich will fort, ehe der Sand abläuft, meine Vorstellung und Fürbitte war vergebens, die Tigerkrallen sind noch ausgestreckt; ich will nicht erproben, wie weit sie reichen…“

Am Fuß der Todesbühne trafen Roritzer und Loy mit dem Zuge der Andern zusammen, mit Hörhamer, Rauhenfelser, dem Schneider und Allen, denen es nicht gelungen war zu entkommen, oder die ihr Haupt sicher geglaubt und es nun niederlegen mußten zu blutiger Sühne; es waren ihrer wohl zwanzig an der Zahl.

Noch ehe sie vollends herangekommen, traf es Roritzer, den Todesreigen zu beginnen. Er umarmte Loy noch einmal, dieser aber streichelte ihm die Wange und rief: „Keinen Abschied, Wölflein, es lohnt der Mühe nicht für die paar Augenblicke, die Du Vorsprung hast…“

Als Roritzer den Fuß auf die Stufen setzte, erscholl feierliches Glockengeläute, den Morgen zu verkünden. „Hörst Du?“ rief er. „Denk’ an Margarethens Wort: die Glocken läuten das Wiedersehen ein…“

Wenige Augenblicke später fiel sein Haupt unterm Beil, noch einige Secunden, und der wackere, fröhliche Bildschnitzer hatte ihn eingeholt.

Am Abend traf auf abgehetztem Rosse, erschöpft und leidend, Doctor Stabius ein, der gekrönte Poet, und brachte den Instandsbefehl, den er am Kaiserhofe erwirkt – er fand nichts mehr zu thun, als die beiden Künstler, die er so werth gehalten, zum Grabe zu geleiten. Daß der Kaiser später über die eilfertige Vollstreckung zürnte und den abgerufenen Hauptmann seine Ungnade fühlen ließ, weckte und störte die Dahingegangenen nicht mehr.

– – – Des letzten Dommeisters letzter Traum aber hat sich zu erfüllen begonnen: der herrliche Dom von Regensburg wird ausgebaut und rückt der Vollendung nahe, vielleicht erfolgt sie zur Stunde, da, wie er es geahnt, Volk und Reich daran gedenkt, die alte Größe aus dem Schutte zu graben.

Roritzer wurde am Dom bestattet. Vor wenigen Jahren noch war die Stelle mit einer durch die Unachtsamkeit der Gegenwart jetzt verloren gegangenen Tafel bezeichnet. Sie trug das schwarze, am Stamm gebrochene Kreuz und die Inschrift:[WS 1]

Die Gartenlaube (1866) b 606.jpg

Anno. domini. 1518. am. 12. may. starb. der. erbar. wolfgang. roritzer. thumbmaister. dem. g. g.

Wie die Tafel, ist auch sein Gedächtniß verschwunden, und nur eine unsichere Sage erzählt von einem Baumeister des Doms, der unter dem Schwerte geendet. Die alten Bücher aber wissen davon, besonders die ungedruckte Chronik eines Zeitgenossen, des wackern Domherrn Widmann, der mit blutendem Herzen die Gräuel beschreibt, deren er Zeuge gewesen, und die meisten der Thatsachen und Namen erzählt, die hier berichtet sind. Er schließt mit unverkennbarer Betrübniß, wenn er von Loy spricht, der ein „schneeweiß alter ehrlicher Herr“ gewesen, und von Roritzer, wie man, „ein so berimbter Meister seiner Kunst er war, ihn aus der Stainhütt’ am Dom nahm“ und wie es geheißen: „… nur nieder und Kopf herab; da half weder Geld noch Kunst, noch Bitte; nichts auf Erden konnt’ und mocht’ helfen!“

Darum war es vielleicht wohlgethan, dem Volke zu Lehr’ und Ehr’ die Erinnerung aufzufrischen an Wolf Roritzer, den Dommeister von Regensburg.




  1. Provincielle Abkürzung für Margarethe.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Wolfgang Roritzer starb 1514. (12. Mai ist ein Datum nach altem Stil.)