Der Jäger (Löhr)

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Textdaten
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Autor: Johann Andreas Christian Löhr
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Titel: Der Jäger
Untertitel:
aus: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, Band 2, S. 464–470
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Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1820]
Verlag: Gerhard Fleischer d. Jüng.
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Kinder- und Jugendbibliothek München und Commons
Kurzbeschreibung:
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[464]
36. Der Jäger.

Ein junger Bursch hatte das Schloßerhandwerk gelernt und war eine feine Weile in der Welt umhergezogen, als ihm sein Handwerk nicht mehr gefallen wollte, weil es eben nicht viel Verdienst brachte, indem zur selben Zeit die Leute so ehrlich waren, daß sie weder Schlößer noch Schlüßel brauchten. Auch war er auf der Wanderschaft des Umherstreifens so gewohnt geworden, daß es ihm gar nicht gefiel, wenn er bei seinem Handwerke viel sitzen und stehen mußte. Da [465] wählte er sich die Jägerkunst und ging in einen großen Wald sich einen Jäger zu suchen, der ihn lehren könnte.

Als er so in dem Walde war, begegnet ihm ein Jäger im grünen Rock, den fragt er, ob er ihn die edle Jägerei lehren wollte? Der sagte: „Ja! gehe nur mit mir.“

Er ging mit und blieb einige Jahre bei ihm. Darnach wollte er doch wieder in die weite Welt hinaus, denn im Walde wurde es ihm so einsam.

Der Jäger gab ihm statt des Lohnes eine Windbüchse, wenn man damit schoß, so traf man Alles, wornach man zielte. Der junge Bursch nahm die Büchse und schritt damit weiter und kam wieder in einen großen Wald, in welchem er sich verirrte und lief wohl drei Tage darin herum und wußte nicht, wo er war.

Am dritten Tage setzte er sich auf einen hohen Baum, damit er nicht mit den wilden Thieren zu thun hätte. Als es Mitternacht geworden war, sahe er ein Licht in der Ferne. Er merkte sich die Gegend genau, stieg herab von dem Baume und ging nach dem Lichte zu, welches immer viel größer und größer wurde, und als er nahe heran kam, saßen drei große Riesen um ein großes Feuer, an welchem sie einen großen Ochsen brateten und große Stücken Fleisch, die schon vorher am Feuer gebraten waren, in den großen Mund hineinstecken wollten.

Der junge Bursch war zwar drei Tage im Walde gewesen, hatte aber eine so lustige Natur, daß er sich noch einen Spaß machen wollte, nahm seine Büchse und schoß dem einen Riesen das Stück Fleisch dicht vor dem Munde weg, eben als er es in den Mund stecken wollte.

[466] „Das war gut getroffen!“ sagte der Riese und nahm sich ein anderes Stück Fleisch. Als er aber dem Zweiten und dann auch dem Dritten das Fleisch vor dem Munde wegschoß, da erstaunten sie und sagten: „Der muß unter den Scharfschützen gewesen sein; das wäre ein Mann für uns, wenn wir nur wüßten wo er steckte?“

„Hier bin ich! sagte er, und bin ein gelernter Jäger und wornach ich ziele, das treff ich.“ – „So bleib bei uns, sagten sie, wir wollen zusammenziehn.“ Er sprach: „Ja, das wollen wir.“

Nachdem sie sich satt gegeßen und getrunken hatten, schliefen sie am Feuer ein. Am andern Morgen sagten sie, sie wüßten ein Schloß vor dem Walde, hinter einem großen Waßer, und bei dem Schloß sei ein Thurm und in dem Thurme wohne die wunderherrlichste Prinzeßin. Aber es läge dort ein schwarzer, zottiger Hund, der mache einen solchen Mordlärm, daß Jedermann erwache, im Schloße und im Thurme, sobald ein Mensch sich nähere. Sonst schliefen sie meistentheils immer.

„Wenns weiter nichts ist, sagte er, so will ich schon helfen; das Hundchen das schieße ich todt, wenn ich nur wüßte, wie ich über das Waßer käme?“

Da nahm ihn ein Riese auf den Arm und trug ihn hinüber, und die beiden andern Riesen folgten ihm nach und ehe noch der Hund bellen konnte, war er schon todt geschoßen.

Jetzt wollten die Riesen in den Thurm, der Jäger aber sprach: „Bleibt draußen, und laßt mich nur erst zusehen.“

Er ging hinein und Alles lag im tiefsten Schlaf. Im ersten Zimmer hing ein silberner Degen, auf welchem ein goldener Stern [467] war und stand des Königs Name darauf. Der Jäger dachte in seinen Gedanken: ein Degen von Silber? das mag mir eben der rechte sein. Allein auf dem Tische daneben lag ein versiegelter Brief. Er that, als sei der Brief an ihn und brach ihn auf. Da stand in dem Briefe geschrieben, wer den Säbel hätte, könnte Alles ums Leben bringen.

Der Jäger machte mit dem Säbel ein großes Loch in die Thüre, das ging sehr schnell; rief dann den Riesen und sagte, sie müßten durch das Loch kriechen, denn die Thür ginge nicht auf. Da nun der erste bis an die Achseln durch das Loch war, hieb er ihm mit dem silbernen Degen den Kopf ab, und zog den Körper herein. Also ging es dem zweiten und dritten auch. So war die Prinzeßin erlöst.

Er kam nun in ein Zimmer, darin schlief die Königstochter. Er nahm einen ihrer köstlichen Pantoffeln und schnitt einen Zipfel von ihrem prächtigen Halstuch ab, steckte Beides in seinen Ranzen und machte sich fort. Den Silberdegen nahm er aber auch mit.

Als nun der König die Riesen todt fand, fragte er die Prinzeßin, wer das gewesen sei, der das gekonnt hätte, und sagte ihr, daß sie den nehmen müße; sie aber antwortete: „Lieber Vater, ich weiß es nicht, ich habe geschlafen.

Da nun die Prinzeßin aufstand, fehlte der eine Pantoffel und der Zipfel am Halstuche war fort, und als der König nun den ganzen Hof zusammenkommen ließ und forschte, wer die Riesen getödtet hätte, wußte Niemand es.

Es war aber ein alter Hauptmann am Hofe des Königs, ein langer, stakiger Kerl mit großen Steifstiefeln über den Klapperbeinen, mit einem Auge, der sahe grauwaltig und häßlich aus. Als der [468] nun merkte, daß kein Mensch wußte, wie die Riesen umgekommen waren, trat er auf und sagte, er hätte die Riesen umbracht, mit seinen eigenen zwei Händen, sie hätten ihm aber auch heiß zu schaffen gemacht.

„Der? sagte das Hofvolk verwundert, der vor einem Strohhalm davon läuft, wenn man ihm damit zu Leibe geht? das muß nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.“ Sie sagten es aber nicht laut; aber der König sagte laut: „Hast du die Riesen umgebracht, so bist du für meinen Schwiegersohn gar nicht zu gering, und sollst meine Tochter haben.“

Die Tochter aber sprach: „Ach lieber, lieber Vater, ehe ich den heirathe, so schlagt mich lieber nur gleich todt, oder laßt mich in die weite Welt gehn, so weit mich die Beine tragen.“

Da wurde der König aus der maaßen wild, und sie mußte gleich ihre schönen Kleider abthun und schlechte anlegen, und er befahl ihr, daß sie einen Handel mit Töpfen und anderem irdenen Geschirr anfangen und die Waaren dazu von einem Töpfer borgen, sich damit an eine Straßenecke hinsetzen und dieselben verkaufen sollte. Das that sie auch und dachte, der schlechteste Topf ist doch beßer als der erbärmliche Tropf, den ich heirathen soll, und war ordentlich vergnügt.

Als ihr aber zwei Husaren, auf Anstiften des Königs, durch die Töpfe ritten und ihre Pferde zwischen denselben herumtummelten, da ward sie traurig und weinte, aber den häßlichen Hauptmann mochte sie doch nicht haben. Sie ging zum Töpfer hin, erzählte ihm ihren Unfall, bat um neuen Borg, bekam ihn aber nicht.

[469] Nun ging sie zum Vater und bat, er sollte sie in die Welt ziehen laßen – das könne er ihr ja gewähren, er sei ja sonst immer so gut gewesen, aber nun sei er um des garstigen Kerls willen so garstig geworden.

„Herzenstochter, sagte der Vater, wenn ich nur nicht im ersten Eifer dummer Weise mein Wort gegeben hätte! Von mir laßen kann ich dich ja nicht. Kommt Zeit, kommt Rath. – Ich laß dir aber ein Häuschen im Walde bauen, klein aber nett; darin sollst du sitzen und kochen für Jeden, der eßen will und kein Geld dafür nehmen. – Ich will schon sorgen.“

Sie setzte sich ins Häuschen, auf deßen Schilde stand: „Heute umsonst und morgen fürs Geld:“ und kochte für Jeden, der es verlangte, und das dauerte eine ziemliche Zeit.

Der Jäger war eine Zeitlang in der Welt umhergezogen, hatte sich Mancherlei versucht und kehrte nun wieder zurück. Da hörte er von der seltsamen Wirthin, die umsonst speiste, und nahm seinen Weg hin, fand das Häuschen und ließ sich zu eßen geben. Den Silberdegen hatte er um den Hals hängen.

Als er gegeßen hatte, aber nicht eher, sahe er das Mädchen an und sahe, daß es bildschön war, und ihm war es, als hätte er es schon einmal gesehen. Sie aber fragte ihn: wo er her sei? woher er komme? wohin er wolle? und wie er zu dem Silberdegen gelangt sei, auf welchem ihres Vaters Name stehe?

Da wurde nun Alles bald deutlich und freuten sich die Beiden recht herzlich, gingen zu dem König und offenbarten ihm Alles.

[470] Der König sagte: „Es ist mir recht lieb so, und hab ich Dergleichen schon längst vermuthet, nur daß ich so thöricht dich dem Storchbein zuerkannte. Aber nun soll sich Alles schon finden.“

Der König ließ ein großes, großes Mahl ausrichten und der Jäger saß mit dabei, aber gekleidet wie ein Prinz und der Hauptmann auch. Da wurde denn ein wenig gegeßen und getrunken, und als sie nicht mehr konnten noch mochten, fingen sie allerlei Fragspiele an, und der König fragte: „Was hat derjenige verdient, der sich rühmt, er habe Löwen und Riesen erwürgt, da er doch vor einer Maus davon läuft, und bringt dadurch Andere um den Dank?“ Der Hauptmann sagte: den muß man in Stücken zerreißen, denn das ist ein schlechter Kerl.“

„Das bist du,“ sagte der König zornig, indem zugleich der Jäger den Pantoffel, den Tuchzipfel und das Silberschwerdt hervorbrachte. „Das bist du, und soll dir geschehen, wie du gesagt hast.“

Da wurde der Hauptmann bleich, gestand und bat um sein Leben. Das wollte ihm aber der König nicht schenken, weil jedoch die Prinzeßin und der Jäger sagten, Narren müße man laufen laßen und nicht todt machen, denn es lohne der Mühe nicht, verhieß ihm der König das Leben, doch sollte er ihm nie wieder vors Angesicht kommen, sonst müßte er baumeln.

Da lief der Hauptmann, was er konnte und wußte; die Leute am Hofe lachten und freueten sich, und wer nun nicht errathen kann, wie es weiter ging und wer die Prinzeßin bekam, der solls auf den Nimmermehrstag erfahren.