Der Klotz von Istein

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Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Der Klotz von Istein
Untertitel:
aus: Die Volkssagen der Stadt Freiburg im Breisgau S. 107-113
Herausgeber: Heinrich Schreiber
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Franz Xaver Wrangler
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Erscheinungsort: Freiburg
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Originaltitel:
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Quelle: UB Freiburg und Commons
Kurzbeschreibung:
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60. Der Klotz von Istein.

Auffallend ist es, daß die Schönheiten des Oberrheines, die doch denen des Niederlandes nicht nachstehen, fast gar nicht bekannt sind. Selbst am Niederrhein scheinen dieselben so fern, als wären sie in der neuen Welt; obschon dort alle Mittel vorhanden sind, sie kennen zu lernen. Viele der schönen Stellen des Oberrheines liegen freilich am Schwarzwalde, in der Entfernung einiger Meilen von dem herrlichen Flusse, aber dennoch entbehrt auch dessen unmittelbare Nähe nicht des Reizes der malerischen Ansichten, über den zum Ueberflusse noch der Geist der Sage schwebt, so daß Alles durch die Vergangenheit vielfach belebt wird.

Eine kleine Meile abwärts von Basel, wo der Rhein die Grenze zwischen Baden und dem Elsaß bildet, rückt das Gebirge, aus den Vorbergen des Schwarzwaldes bestehend, bis dicht an den Fluß, über welchen es als steiler Felsen jäh hinabhängt. Dieser Felsen, aus Korallkalk bestehend, wird der Isteiner Klotz genannt. Der Klotz fällt so steilrecht gegen das Ufer ab, daß er nur an wenigen Stellen mühsam und nicht ohne Gefahr erklettert werden kann. Da der Felsen sich mehrere hundert Fuß über das Strombett erhebt, von mehreren Höhlen durchbrochen ist; so gewährt er, von unten betrachtet, ein recht anziehendes Bild, das durch das nahe liegende Dörfchen Istein, durch eine [108] kleine Kapelle, Sanct Veit, und einen dabei liegenden Friedhof noch mannigfachere Beziehungen erhält. Die Höhlen des Felsenballs, in welchen früher Einsiedler gewohnt zu haben scheinen, sind in jüngster Zeit um eine vermehrt. Der ganze Felsen wurde nämlich für die rheinische Eisenbahn untergraben, und dieser Höhlengang ist beiderseitig durch prächtige Thorvorsprünge geschmückt, die in der Baupräge des Mittelalters sich an die Trümmer anreihen, welche auf der Spitze des Felsens noch sichtbar sind. Diese Trümmer bildeten ehedem ein stolzes Ritterschloß, dessen Anblick die weite Gegend in Furcht und Schrecken setzte. Die Herren vom Istein waren gewaltige Bauern-Unterdrücker, zuletzt gefährliche Wegelagerer, die schon vor dem großen Bauernkriege die Rache des Volkes gegen sich heraufbeschworen. Im Jahre 1409 zogen die Bürger von Basel, durch die Bewohner der Umgegend verstärkt, so daß sie ein Heer von 5000 Streitern in’s Feld stellen konnten, gegen die Veste, und erstürmten dieselbe trotz des tapfersten Widerstandes gleich am ersten Tage, am 12. des Reifmonds. Die Sieger zerstörten die Veste dergestalt, daß sie nicht wieder zur Herberge der Wegelagerer dienen konnte. Aber sie begnügten sich nicht mit einfacher Zerstörung der Raubburg, sondern luden deren Quadern auf Schiffe, führten diese gen Basel und erbauten dort von denselben das Rheinthor, als herrliches Sieger-Denkmal. Sie schenkten ferner 382 Umwohnern, welche mitgekämpft hatten, zum Lohne der Tapferkeit das Basler Bürgerrecht. Jetzt steht auf dem höchsten Flecke des Felsens über den Trümmern eine kleine Holzhütte, dem Besucher Schatten und Schirm gegen des Wetters Ungemach zu geben. Man hat bei dieser Hütte eine Aussicht, wie der Rhein sie wohl nicht wieder bietet. Von Basel ab sieht man den Fluß, der gerade unten am Fuße des steilrechten Felsens sich um unzählige Werder zu winden beginnt; über dem Flusse liegt der ganze Sundgau, [109] das Elsaß, wie eine Landkarte ausgedehnt, liegt die prächtige Reihe des Wasgau’s, die man bis Straßburg verfolgen kann. Auf der entgegengesetzten Seite sieht man die Häupter des Schwarzwaldes, welche über die Rebengelände emportauchen und, mit den Gefilden des Elsasses im Vereine, ein Rundgemälde liefern, wie es deren wenige in Deutschland gibt. Zu diesen Herrlichkeiten tritt nun aber bei heiterem Wetter noch die schneebedeckte Alpenkette, welche über den Höhen der Voralp sichtbar wird, demnach gegen Süden hin das Gemälde mit einer silbernen Schranke schließt.

Eine Sage aus dem 12. Jahrhundert, welche über den Trümmern der alten Burg schwebt, giebt ihnen einen eigenen schwermüthigen Reiz.

Ritter Veit v. Istein – so sagt die Stimme aus der Vorzeit – war einer der tüchtigsten Jäger und Reiter des ganzen Oberrheines. Er ritt zur Freite und verlobte sich mit dem Fräulein v. Sponeck, das seinen Werbungen auf Dauer nicht hatte widerstehen können. – Der Brautstand der jungen Leute zog sich durch verschiedene Ereignisse in die Länge; da sie sich aber nicht entfernt wohnten, sich fast täglich sehen konnten, verlebten sie glückliche, beneidenswerthe Tage. Indeß begann man schon von der bevorstehenden Hochzeit zu reden, als die Nachricht von einem großen Turnier, welches der Graf v. Thierstein auf seinem Schlosse Angerstein an der Birs ausgeschrieben hatte, die ganze junge Ritterschaft des Oberrheines in Bewegung setzte. Die Hoffnung, einen der herrlichen Turnier-Preise zu gewinnen, mit diesem geschmückt am Vermählungstage auftreten zu können, war für Ritter Veit gar zu lockend. Er sagte daher der Braut für kurze Zeit Lebewohl, zog mit seinen Knappen nach der Birs, wo diese aus den Felsen des Münsterthales hervorbricht in die milden Auen des Rheinlandes. Die Tapferkeit und die Waffengewandtheit Veit’s hatten hier Gelegenheit, sich vor allem Volke dergestalt zu [110] zeigen, daß er den ersten Dank davon trug, welcher ihm durch die junge Gräfin v. Thierstein gespendet wurde. – Die Freude des Sieges, die Spenderin der Siegesgabe, das Bankett, welches mit dem Turnier verbunden ward und mehrere Tage nach demselben fortdauerte, übten auf den jungen Ritter einen mächtigen Zauber. Das sanfte, anspruchslose Fräulein v. Sponeck trat immer mehr in den Hintergrund, dafür füllte die glänzende Gräfin Bertha v. Thierstein die ganze Seele des Ritters, fesselte ihn so, daß er außer ihr kein Heil mehr kannte. Der Graf v. Thierstein schien mit Freuden zu bemerken, daß die Tochter sich zu dem tapfern Isteiner hingezogen fühlte, schien gern zu sehen, daß jeder Festauftritt die jungen Leute näher brachte, verlängerte diese Festauftritte geflissentlich und legte dem Ritter jedesmal neue Hindernisse in den Weg, wenn sein Mund von der Abreise sprach, zu der er sich im Herzen doch so ungern anschicken mochte. – Bald war denn auch eine ordentliche Bewerbung vorgegangen, die Liebesleute umarmten sich als Brautleute mit der Bewilligung des Grafen, der des jungen Ritters Verhältniß zu dem Fräulein v. Sponeck nicht kannte.

Wußte man auf Thierstein wenig von dem alten Verhältniß Veit’s, so trugen dagegen geschäftige Zungen um so rascher nach Sponeck die Kunde von der neuen Brautschaft des Ritters. Anfangs hatte Jutta diesen Gerüchten nicht glauben wollen; als sie sich aber stets wiederholten, stets beunruhigender klangen, verfehlten sie nicht, Kopf und Herz der Jungfrau in Gluth zu setzen, und sie beschloß, der Wahrheit des Gerüchts nachzuforschen. In jenen Zeiten, wo noch die kindliche Frömmigkeit, der kindliche Glaube, der jetzt kaum in der Hütte gefunden wird, in der Burg des Ritters, im Schlosse des Königs herrschte; fiel es dem Mädchen nicht schwer, sich, ohne Aufsehen zu erregen, aus dem elterlichen Hause zu entfernen, allein zur Spähe zu [111] ziehen. Sie rüstete sich als Pilgerin, täuschte alle Fragenden dadurch, daß sie eine Wallfahrt nach Mariastein bei Reinach vorschützte, nach einer als gnadenreich bekannten Bergkapelle, die in der Gegend stand, wo ihr treuloser Bräutigam sich derzeit aufhalten sollte. Sie kam nach kurzer Fahrt glücklich im Dorfe Aesch an, unweit der Burg des Thiersteiners, und hörte dort zu ihrem Schrecken die Bestätigung all dessen, was das Gerücht ihr schon daheim berichtet hatte. Aber immer noch wollte sie es nicht für wahr halten, wollte sie das Vertrauen zu den Schwüren ihres Bräutigams nicht ganz aufgeben. Von Zweifel und Angst getrieben schritt sie am Flusse entlang zur Burg und begegnete zufällig den Liebesleuten auf der Brücke. Diese hatten die Außenwelt um sich so gänzlich vergessen, daß sie die Pilgerin gar nicht beachteten, ihr Kosen Angesichts ihrer nicht einstellten. Die arme Jutta erkannte auf den ersten Blick die Tiefe ihres Elends und stieß sich in dem Drange der Verzweiflung unter lautem Schmerzensrufe einen Dolch in die Brust, den sie wohl nur ihrer Sicherheit halber verborgen mit sich geführt hatte. Ihr Schrei, ihr Fall zog die beiden Lustwandelnden herbei, sie aber wollte den Ritter oder die Nebenbuhlerin nicht mehr schauen, nicht mehr hören: sie stürzte sich mit verwirrtem Blicke über das Brückengeländer hinab in die reißende Birs.

Veit hatte die ältere Braut gleich in der stürzenden Pilgerin erkannt, er sah nun, auf das Brückengeländer zueilend, noch einmal deren Oberleib aus der schäumenden Fluth auftauchen, sah deren drohende Stirne, sah die Wellen umher vom Blute geröthet. Von diesem Augenblick an war ihm, als ob er der Mörder gewesen, als ob er den Dolch gegen den liebenden Busen gezückt hätte. Ohne an die von dem grausigen Auftritt ohnmächtig gewordene Gräfin v. Thierstein zu denken, trieb es ihn fort durch das Dorf Aesch, Knappen und Rosse ließ er in der Herberge und [112] streifte, wie vom wilden Jäger gehetzt, durch das Birsthal zum Rheine nieder. Erst vor Basel gelang es ihm, seine Gedanken einigermaßen zu sammeln. Nachdem er bei sich Rathes gepflogen, dünkte ihm das Beste, jetzt nicht wieder nach dem Schlosse zurück zu gehen, das er in so auffallender Weise verlassen hatte, auch nicht in dem seltsamen Aufzuge nach Basel, sondern alsbald nach seiner heimathlichen Burg zu ziehen, die ihm nun nicht mehr fern lag. Nachdem er sich zur Rast zwingen wollte und es nicht vermochte, streifte er auf Umwegen durch Hain und Wald unbemerkt um die Stadt Basel, und gelangte gegen Abend nach der Fähre von Hüningen. Der Schiffer setzte ihn alsbald über den Fluß. Als der Kahn die Mitte des Stromes erreicht hatte, der Ritter gedankenvoll in die Fluth hinab stierte, tauchte plötzlich eine weibliche Leiche vor seinen Blicken aus den Wellen empor. Es war Jutta’s drohendes Antlitz, war der Busen mit der Todeswunde. Der Schiffer sah die Erscheinung ebenfalls, sah den Ritter auf den Grund des Kahnes zusammen sinken, als ob er sich vor dem Anblick erretten wolle, und ruderte herzhafter, um dem Schrecknisse zu entkommen. Als der Kahn an das jenseitige Ufer stieß, verschwand der Ritter alsbald, ohne Fährlohn zu zahlen, und ohne es zu fodern ruderte der zitternde Schiffer wieder zurück, froh, des unheimlichen Gefährten ledig zu sein. Veit eilte stromabwärts nach seiner Burg. Wie er aber unten ankam, sich vom Usfer zum Felsenstege wenden wollte, der ihn in’s Schloß führte, sah er die todte Braut zum dritten Male aus den Wellen auftauchen, sah sie an den Felsen festgehalten. Dies überwältigte die Kräfte seines Geistes. Sinnlos eilte er zur Burg, brachte die Dienerschaft, die ihn nicht erwartet hatte, durch den Ausruf: daß seine Braut einziehen wolle, in Unruhe und Aufruhr. Dann eilte er eben so rasch wieder den steilen Bergpfad hinunter. Seine erschrockenen Diener, [113] welche in der Eile Fackeln ergriffen hatten, folgten ihm, vermochten ihn aber nicht mehr zu erreichen. Sie sahen, wie er sich zum Strome hinab bückte, einen weißen Gegenstand, einer menschlichen Gestalt ähnlich, der Fluth enthob, mit dieser beladen auf den Felsenvorsprung rannte und in die Strudel sich hinein warf. Auf den Schreckensruf der Diener eilten die Fischer des benachbarten Dörfchens herbei. Nach langem Suchen fanden sie die beiden Leichen, die sich umschlungen hielten, dicht am Ufer unter einem Felsenzacken.

Beide Leichen wurden als solche der Selbstmörder unten am Ufer eingescharrt, nicht auf dem Friedhofe feierlich beerdigt. Sicherlich ward aber Beiden in der Stille nachgetrauert. Was den Schuldigsten, den Ritter betrifft, so war damals einer seiner näheren Anverwandten Bischof in Basel; dieser Bischof, Lüthold geheißen, baute an der verhängnißvollen Stelle ein Frauenkloster und segnete den umfriedeten Ruheplatz der Selbstmörder ein. Der Ruheplatz der Unglücklichen ist aber später noch öfter zum Begräbniß gebraucht worden, ja er dient noch bis auf den heutigen Tag zur Grabstätte aller Leichen, welche durch die Fluth des Rheines hier ausgeworfen werden. Da das Strombette so beschaffen ist, daß Alle, die oberhalb verunglücken, hier anlanden, so kann diese eigenthümliche Beschaffenheit wohl der Anlaß zu der Volkssage sein; doch ist die Erbauung des Klosters durch den Basler Bischof keineswegs aus der Luft gegriffen, sondern geschichtlich verbrieft.


(Wilhelm v. Waldbrühl. – Geschichtliches über Istein, mit einer Abbildung, befindet sich in den Burgen, Klöstern u. s. w. Badens und der Pfalz. Thl. II. S. 369. ff.)