Der Lehrer eines großen Schülers

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Titel: Der Lehrer eines großen Schülers
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 132–135
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Lehrer eines großen Schülers.

An der Nordseite des prächtigen Augustusplatzes in Leipzig erhebt sich, wetteifernd mit den vornehmsten Theatergebäuden Deutschlands, das der Thalia und Melpomene gewidmete imposante neue Haus, und der Platz hat damit den schönsten Abschluß gefunden. Das betriebsame Menschengewühl, das ihn während der Messen erfüllt, empfängt aus den bedeutenden Umgebungen gleichsam die höhere Deutung, daß die Handelsstadt auch den höchsten Interessen der Menschheit auf die würdigste Weise dient. Die Hallen der Künste, der Wissenschaften, wie der Industrie bilden hier den erhabenen Rahmen um den bunten Markt.

Am 28. Januar d. Js. wurde das neue Theater eröffnet und glanzvoll eingeweiht durch Goethe’s Iphigenie auf Tauris, das edelste Drama des großen Deutschen, der vor hundert Jahren als Student in Leipzig den regsten Antheil an den bildenden Künsten nahm, wie an der dramatischen Kunst, ihren Jüngern und sogar am decorativen Theil der Bretter, welche die Welt bedeuten. So sehen wir ihn auf unserer von Künstlerhand ausgeführten Abbildung an der Seite seines Lehrers Oeser, der für das damals neuerbaute Theaterhaus den berühmten Vorhang malt.

Im Anfange seines siebenzehnten Lebensjahres (1765) reiste Goethe bekanntlich aus Frankfurt a. M. nach Leipzig. Für die durch das Ranstädter Thor eintreffenden freien Reichsstädter war der nahe dem Thore in der großen Fleischergasse gelegene Gasthof „zur Stadt Frankfurt“ das allgemeine Absteigequartier, wo auch Goethe den Leipziger Boden zuerst betreten und vermuthlich Nachtruhe nach glücklich überstandenen Reisegefahren gefunden hatte. Seine Wohnung aber, nahm er in der großen Feuerkugel in einem nach dem Hofe zu gelegenen Zimmer, das jetzt durch eine Gedenktafel bezeichnet ist. Die Gartenlaube hat bereits in einem frühern Artikel (Jahrg. 1865, Nr. 47) das Studenten- und Liebesleben des großen Dichters geschildert, es bleibt uns also nur übrig auch der künstlerischen Einflüsse zu gedenken, die auf die Bildung des jungen Poeten so ungemein bedeutend und bestimmend wirkten.

Unter den nachhaltigen Einwirkungen, welche das von Goethe vielgeliebte, hochgepriesene Leipzig auf ihn gehabt hat, sind unstreitig die wichtigsten: daß er sich hier von seinem Brodstudium, der Jurisprudenz, entschieden lossagte, dagegen, von seiner Bestimmung zur Poesie durchglüht, die Bahn zu seiner künftigen Größe betrat; ferner, daß sich hier die ersten Spuren finden, einer Neigung für die bildenden Künste nachzuhängen, ja diese zu erlernen und zu üben unter Anleitung des sinnreichen Oeser, der ihm das Geheimniß der Alten erschloß und ihn lehrte, das Ideal des Schönen sei Einfalt und Stille.

Adam Friedrich Oeser ein geborener Preßburger, bildete sich auf der Wiener Malerakademie in seiner Kunst, außerdem bei Raphael Donner auch zum Bildhauer aus. Später wirkte er als Professor an der Akademie in Dresden. Von seiner Wohnung, Frauengasse, Ritschel’s Haus, vier Treppen hoch, hatte ihm Joh. Winckelmann aus Stendal (gegen dritthalb Thaler wöchentlichen Zins) ein Zimmer abgemiethet, und der große Archäolog erkannte später in seinen Werken und Briefen dankbar den außerordentlichen Einfluß an, den sein einziger Freund Oeser auf die Ausbildung seines künstlerischen Sinnes durch Unterweisung im Zeichnen, durch Lehren und Unterredungen gehabt habe. Wie Oeser namentlich in allegorischen Darstellungen seine Neigung

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Die Gartenlaube (1868) b 133.jpg

Goethe und Oeser auf dem Theaterboden in Leipzig.
Originalzeichnung von Karl Huth.

[134] und Stärke zu erkennen gab, so hatte er sicher auch an Winckelmann’s Schrift „Versuch einer Allegorie, besonders für die Kunst“ wesentlichen Antheil. Zwei Jahre vor Goethe’s Ankunft in Leipzig endlich war Oeser dem durch Hagedorn und Weiße vermittelten Rufe als Professor der allgemeine Kunstakademie nach Leipzig gefolgt und sah sich hier bald zugleich als Director der Zeichenakademie und als Maler hochgefeiert. Sein heiteres und lakonisches, derbes und doch gewandtes Wesen, vor Allem aber sein reicher Geist hatten den jungen Goethe, welcher Privatunterricht im Zeichnen bei ihm nahm, gleich beim ersten Begegnen sehr angezogen. Die Akademie, wie die Wohnung des Directors, befanden sich in der durch Mauern, Wälle und Gräben befestigten Pleißenburg. Im hohen Alter erinnert sich der Dichter noch genau der Oertlichkeit, weil sie ihm wundersam, ahnungsvoll und reizend war, weil er in ihr die bedeutendsten Anregungen empfangen hatte. Die heitere Wendeltreppe, die hellen, geräumigen Säle, der dunkele Gang mit dem Kornboden, die Wohnung mit den Bildern, Büchern, Kunst- und Naturaliensammlungen, die eleganten, doch einfachen Möbeln und Portefeuilles – Alles wird uns mit der bekannten plastischen Erzählungsgabe in „Wahrheit und Dichtung“ dargestellt.

Unter den Mitschülern Goethe’s, deren dieser in späteren Briefen oft grüßend gedenkt, waren auch der nachmalige Staatskanzler von Hardenberg, von Lieven und Gröning; von anderen Freunden, die im gastfreien Hause des jovialen Meisters fleißig verkehrten, sind besonders Weiße, Huber und Kreuchauff zu nennen. Die Seele der Gesellschaft aber war die aufgeweckte älteste Tochter Oeser’s, Friederike, der muthwillige Liebling des Vaters, wie der Kunstfreunde, die dann im Sommer auf dem freundlichen Landsitze des Meisters in Dölitz zu ungezwungener Heiterkeit zusammenkamen. Hier wandelte über die anmuthigen Pleißenwiesen, durch Feld und Wald auch der junge Goethe an der Seite des Mädchens, hörte gern auf ihr gesundes Urtheil und unterwarf ihm, dem bald strengen, bald neckischen, seine eigenen Dichtungen. Die Freundin war die Vertraute der Schwärmereien und Launen, mit denen er das geliebte Käthchen der Schönkopf’schen Weinstube feierte und heimsuchte. Zu Friederiken floh er, um sein Herz zu erleichtern und zu befreien, wenn ihn Liebe und Eifersucht quälten, aber auch ihr unbarmherziges Gelächter erging über ihn, als er an einem tödtlichen Lungenübel zu leiden glaubte. Sie curirte gründlich die eingebildete Krankheit und verstand es vortrefflich, dem verzagenden Freunde den Kopf zurecht zu setzen. Später, nach seiner ihm so schwer gewordenen Abreise, fühlte er sich unglücklich, beklagte sich über die Frankfurter Schönen in einem langen poetischen Briefe an Friederike und schildert diese darin am besten selbst:

„Du lieber Gott! an Munterkeit ist hie
An Einsicht und an Witz Dir keine Einz’ge gleich,
Und Deiner Stimme Harmonie
Wie käme die heraus in's Reich!

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So ein Gespräch, wie unsers war im Garten

Und in der Loge noch, mit diesem selt'nen Zug
So aufgeweckt und doch so klug,
Ja, darauf kann ich warten! …

Ja, denken müßt Ihr oft an mich, das sage

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Ich Euch, besonders an dem Tage,

Wenn Ihr auf Euerm Landgut seid,
Dem Ort, der mir so manche Plage
Gemacht, dem Ort, der mich so sehr erfreut.

Doch Du verstehst mich nicht, ich will es Dir erklären,

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Ich weiß doch, Du verzeihst es mir:

Die Lieder, die ich Dir gegeben, die gehören
Als wahres Eigenthum dem schönen Ort und Dir …

Am Tage sang ich diese Lieder,
Am Abend ging ich wieder heim,

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Nahm meine Feder, schrieb sie nieder,

Den guten und den schlechten Rei.“


Die echten Stimmungslieder, welche er hier erwähnt, sind höchst merkwürdig als die ersten Drucke von Gedichten Goethe’s. Sie erschienen 1770 in Leipzig bei Bernh. Christoph Breitkopf und Sohn ohne seinen Namen, unter dem Titel: „Neue Lieder in Melodien gesetzt von Bernh. Theodor Breitkopf“. Handschriftlich, vom Drucke abweichend, mit der Widmung an Friederike Oeser, werden sie in der bekannten einzigen Goethe-Bibliothek in Leipzig aufbewahrt. Gedruckt erschienen sie ohne diese Widmung, vermuthlich weil freie Stellen der Lieder der mädchenhaften Kritik anstößig erschienen waren. Das zwanzigste, letzte, Lied „Zueignung“ beginnt:

„Da sind sie nun! Da habt ihr sie!
Die Lieder ohne Kunst und Müh’
Am Rand des Bachs entsprungen.
Verliebt, und jung, und voll Gefühl
Trieb ich der Jugend altes Spiel,
Und hab’ sie so gesungen.“

Poetische Huldigungen an die Sängerin Corona Schröter und die Schauspielerin Karoline Schulze sind mit unter die ersten Dichtungen zu zählen, welche Goethe nach genußreichen Theaterabenden durch die Leipziger Presse veröffentlichte; endlich gehören auch seine ersten Lustspiele „die Laune des Verliebten“, in der siedenden Leidenschaft zu Käthchen Schönkopf entstanden, und „die Mitschuldigen“ derselben Periode an.

Seit Gottsched und die Neuberin den Grund zur künstlerischen Entwickelung der deutschen Schaubühne ebenfalls in Leipzig gelegt hatten, stand das Schauspiel besonders in den sechsziger Jahren unter Koch’s tüchtiger Leitung in hoher Blüthe. Unter diesen Umständen nahm Goethe großes Interesse an der Bühne, wie noch besonders am neuen Theaterbau, der sich auf der Ranstädter Bastei erhob und eben seiner Vollendung nahe war. Oeser’s gute Rathschläge in Sachen des Geschmacks wurden wohl dabei benutzt; einige Decorationen, und vor Allem der berühmt gewordene Bühnenvorhang, waren seiner Künstlerhand übertragen worden. Dem alten Grundsätze des Simonides, daß die Malerei eine stumme Dichtkunst sei, standen Winckelmann und namentlich Oeser nicht fern, es konnte also der Vorhang nichts Anderes als erdichtete Bilder haben, er konnte nur eine große Allegorie sein, was er denn auch der Composition nach war. Zwei Säulengänge umschlossen den runden Vorhof des Tempels der Wahrheit, mit der unverhüllten Göttin. Bronzene Statuen des Sophokles und Aristophanes schmückten vorn den Eingang zum Vorhofe. An der Statue des ersteren legte Melpomene, die tragische Muse, einen Kranz nieder; Aristophanes – auf unserm Holzschnitte sichtbar – wurde von Thalia, der heiteren Muse, mit Blumengehängen umwunden, Terpsichore und scherzende Liebesgötter waren ihr dabei behülflich, Zwischen Gruppen, von anderen alten und neueren Dichtern gebildet, schritt Shakespeare, – nach der Idee des Malers – unbekümmert um die großen Vorbilder, ohne Vorgänger und Nachfolger, auf seine eigene Hand der Unsterblichkeit, dem Tempel, entgegen. In den Wolken aber thronten die Grazien, von denen zahlreiche ungeflügelte Genien den Dichtern Lorbeerkränze herabbrachten.

Die Malerwerkstatt war auf dem Boden des Theaterhauses eingerichtet, wo der Meister Besuche von Künstlern und Freunden empfing. Häufig fand sich der junge Wolfgang da ein, das fortschreitende Kunstwerk bewundernd, und es war eben ein glücklicher Tag, da Oeser von Freund Wieland die ersten Aushängebogen des Musarion empfangen hatte und sie dem strebenden Schüler mittheilte, der darin die Antike neu lebendig wiederzusehen glaubte und mit Begeisterung das Werk dem arbeitenden Maler vorlas, wie einen solchen Moment unser Bild darstellt. Unter dem Eindruck geistreicher Unterhaltung war endlich der Vorhang vollendet worden und fand, eine Zierde des neuen Hauses, die Bewunderung von Leipzigern und Fremden bei der im October 1766 mit Schlegel’s „Hermann“ erfolgenden Eröffnung.

Die Theilnahme des Publicums war eine außerordentliche. Der Unternehmer Koch machte jetzt, sowie in der Folge mit den beliebten Operetten des Kinderfreundes Chr. Felix Weiße, zu denen Adam Hiller die angenehme Musik componirte, glänzende Geschäfte, bis er zwei Jahre später dem Rufe nach Weimar folgte, von wo er dann nur zu den Messen nach Leipzig kam.

Zahlreiche anderweitige Werke Oeser’s bestanden in Bildern für die Kirche, in Deckengemälden für die öffentlichen und die Säle der reichen Privatleute, endlich in Zeichnungen zu Kupfern und Vignetten für Bücher. Nicht in großen klaren Contouren, sondern mehr in vertriebenen Umrißlinien, nicht in die Tiefe, sondern mehr in Flächen leicht und licht arbeitete er seine besonders in weiblichen und Kinderfiguren reizvollen Bilder, die vom Zeitgeschmack hochgeschätzt wurden. Sein Schwiegersohn Geyser, wie auch Stock, verstanden trefflich nach seinen Zeichnungen in Kupfer zu stechen. Bei Letzterem versuchte sich auch Goethe im Aetzen und Radiren. Zu dem fleißigen, närrischen Kupferstecher mit den munteren Kindern Minna und Dora, in die Mansarde des neuen silbernen Bären Breitkopf’s, kam der kunstliebende Student oft [135] und gern. Beiläufig bemerkt, saßen in demselben denkwürdigen Zimmer fünfzehn Jahre später Körner und Huber bei den Mädchen, um mit ihnen zusammen jene enthusiastische Anerkennung an Schiller nach Mannheim ergehen zu lassen, die vom größten Einfluß auf Schiller’s Lebensgang war. Dora wurde eine geschickte Kupferstechern, Minna aber bekanntlich Körner’s Frau und die Mutter des Dichters und Helden Theodor.

In der Kunstschule Oeser’s verbreitete sich dessen eigene leidenschaftliche Verehrung für Winckelmann; die Schüler erachteten es für kein geringes Glück, bei ihrem Lehrer aus derselben Quelle zu trinken, aus der Winckelmann seinen Durst gestillt hatte. Dessen Schriften über Kunst und Alterthum würden fleißig studirt, und mit Jubel vernahm man die Kunde, daß der große Forscher auf seiner Rückkehr von Rom den Freund Oeser besuchen werde, der dem nahenden Zeitpunkt mit exaltirter Freude entgegensah. Da, wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel, fiel die Nachricht von der Ermordung Winckelmann’s zu Triest mitten in den Kreis seiner gläubigen Verehrer, und Jammer und Wehklagen herrschten nun im bestürzten Hause.

Als Goethe Leipzig verlassen hatte, blieb er mit Oeser in dankbarster hingebendster Liebe durch dauernden Briefwechsel verbunden. Von Weimar aus veranlaßte er die angenehmsten persönlichen Beziehungen Oeser’s zum dortigen Hofe, an dem der Maler ein oft und gern gesehener Gast war. Im Jahre 1799 starb der allgemein verehrte Meister.

So viel zur Erläuterung der Künstlerwerkstatt, von der Goethe sagt, daß sie den Dichter mehr entwickelte als der Hörsaal des Weltweisen. In der That hatte ja der anregende Maler dem jungen Dichter die Erkenntniß des Schönen, die Kunst, besonders die Kunst des Alterthums, eröffnet und damit ohne Zweifel auch den Grund gelegt zu der bewunderungswürdigen Plastik in den Dichtungen wie in der Prosa Goethe’s. Brachte dieser auch eine andere höhere Kunstanschauung aus Italien mit, den gesegneten Einfluß des alten Lehrers und ihn selbst hielt er stets in Ehren. Oeser aber hatte mit seinem in der Kunst aufgegangenen Menschenleben der Welt genug gethan; denn der große Frankfurter, wie der Weise aus Stendal, der Schöpfer einer Kunsttheorie für alle Zeiten, hatten bei ihm aus einer Quelle geschöpft.