Der Vampir (Reymont)/Fünftes Kapitel

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Fünftes Kapitel

Mr. Zenon trieb sich schon seit beinahe drei Tagen die ganze Zeit in den Straßen herum.

Am Tage nach dem unerklärlichen Erscheinen jener Schrift wachte er auf, las jene rätselhaften Worte noch einmal, kleidete sich eilig an und ging aus.

Und seit der Zeit ging er immerfort, unaufhörlich umher, er kam nicht einmal in seine Wohnung, um zu schlafen, er aß, wo es sich gerade traf, und nur, wenn ihn der Hunger dazu zwang. Er fürchtete sich, in sein Hotel zurückzukehren, er ging täglich für einen Augenblick hin, aber nur, um vom Pförtner die Briefe von Betsy abzuholen, die er übrigens gar nicht las. Er irrte in der Stadt umher, er mied etwas und suchte es doch, er schaute mit der größten Aufmerksamkeit jedes Gesicht an, das ihm begegnete, und zitterte in der ewigen Erwartung, er würde ein Wort hören, ein Zeichen erblicken, einen Blick verstehen, und dann würde das geschehen, was man ihm verkündet hatte.

Er achtete weder auf die Kälte, noch auf den Nebel, noch auf den Regen, noch auf die Tageszeit; er schleppte sich unaufhörlich von Ort zu Ort, oft stand er ganze Stunden an den Straßenecken oder schlich lauernd umher, beobachtete die Passanten an [133] den Auslagen, erriet in der Dämmerung ihre Gesichter und eilte blindlings jeder Gestalt, jedem ungewöhnlichen Blicke nach; zuweilen ging er in ein Cafe oder in dichtgefüllte Schenken, um auszuruhen, doch sobald er alle Gesichter gemustert hatte, sprang er auf, ohne sein Glas auszutrinken, denn er fühlte: er mußte weitergehen, mußte suchen, mußte warten …

„Suche … folge dem, was dir begegnet … frage nach nichts … sei ohne Furcht … S.O.F. öffnet die Geheimnisse …“ Diese Worte klangen unaufhörlich in ihm wie ein festes, rücksichtsloses Geheiß. Nicht das schwächste Verlangen, sich dagegen aufzulehnen, entstand in ihm, er war wie ein Geschoß, von mitleidloser Hand geschleudert, das einem unbekannten Ziele entgegeneilt, blind, gehorsam und tot gegen alles, was nicht diese dunkle, unbekannte Notwendigkeit ist.

Und doch war ihm alles völlig gegenwärtig und bewußt, was um ihn her geschah, und war in ihm jeder Zusammenhang mit dem vergangenen Leben unterbrochen; er dachte daran, wie man manchmal an merkwürdige Geschichten denkt, die man vor langer, langer Zeit irgendwo gehört hat und die schon in den weiten Fernen der Vergessenheit versunken sind.

„Was wird geschehen?“ dachte er in den seltenen Augenblicken eines inneren Erwachens, und dann wollte er mit aller Gewalt diese Vision des „morgen“ aus dem Unbekannten herausreißen. Doch der Nebel, in dem er umherirrte, wich nicht, sein blinder, irrer Kreislauf nach dem Unbekannten hörte nicht auf, – so suchte er wieder, wartete wieder …

[134] Er lief in der City umher, und dort wurde er zuweilen ganze Stunden von der wogenden Menge fortgetragen, doch er war ihnen fremd und fern und lauerte fortwährend mit angespannten, hungrigen Augen; er ging in die Museen hinein, verlor sich tief in den öden, durchweichten und nebligen Parkanlagen, irrte an den Kais umher, fuhr mit allen Omnibussen, die ihm begegneten, wobei er fortwährend umstieg. Er besuchte überfüllte Theater und Banken, umkreiste London in Untergrundbahnen, er war überall, unermüdet und unaufhörlich, und jagte fieberhaft einem unfaßbaren Phantom nach, immer lauernd und dabei vertrauensvoll, ruhig und sicher, daß er das finden würde, was er suchte …

Sogar die Schutzleute wurden aufmerksam auf sein blasses Gesicht und seine irren Augen, die fortwährend in den Massen nach etwas suchten, auf diese durchdringenden und doch leeren Augen, und auf seine unberechenbaren Bewegungen, denn er hatte sich schon viele Male auf dieser Jagd in das größte Gedränge zwischen Wagen und Omnibusse geworfen, direkt unter die Pferde, aber immer kam er durch einen wunderbaren Zufall unverletzt davon, ja er wußte nicht einmal, daß er in Gefahr gewesen war. Und langsam begann ihm auch das Empfinden für die äußere Wirklichkeit zu entschwinden, denn wie er so ununterbrochen mit bis zur äußersten Grenze angespannter Aufmerksamkeit lauerte, hörte er auf, die Menschen zu bemerken und zu unterscheiden, sie kamen ihm vor wie ein Ungeheuer mit tausenden von Köpfen und Gliedmaßen, das sich unaufhörlich [135] mit einem dumpfen und entsetzlichen Geräusch dahinwände.

Und wieder schien ihm London eine phantastische Wüste zu sein, die dumpf und tot und doch voll von merkwürdigen Erscheinungen wäre, voll von einem unaufhörlichen Werden von geheimnisvollen und schrecklichen Dingen, die er nicht verstehen konnte … Er fühlte nur, daß etwas um ihn herum entstünde, daß es da sei … So ging er also in der Stille der Bewunderung und einer unerklärlichen Zerknirschung umher, denn er begann gleichsam die Seele aller Dinge zu bemerken, die dem profanen Blicke verborgen …

Er ging in der Stadt umher wie in einem von Zaubererhand geschaffenen steinernen Märchen, das erfüllt war von leuchtenden, nie gesehenen Bäumen, und jeden Augenblick bemerkte er leidende, kranke Häuser, gebeugt von der Qual eines jahrhundertelangen Bestehens, voll von Wunden, Seufzern und Ermattung … Er fühlte das schmerzliche Beben der Bäume, die im Nebel ertranken und aus Sehnsucht nach der Sonne, nach den erfrischenden Frühlingslüften hinstarben, er hörte ihr Stöhnen, das nie verstummte … nie … und die Tränen, die leise an den kranken Ästen herabflossen.

Vor dem Towerturm blieb er in Gedanken versunken stehen; der stand da, düster sinnend, tragisch, als letzter aus längst entschwundenen Tagen, aber erhaben in seiner Einsamkeit und stolz abweisend den neuen Dingen und neuen Tagen gegenüber, diesen Tagen, die verächtlich zu den Füßen seiner unsterblichen Majestät dahinkrochen.

[136] Er floh ängstlich vor den banalen, großtuerischen und dummen Palästen des Westends, die ihn höhnend verlachten mit dem fetten, frechen Stimmchen der Vernunft, er floh die Riesenwarenhäuser und die großen Läden, wo die geraubten Schätze der ganzen Welt gefoltert stöhnten. Und schließlich ging er wie in einem Traume, dessen man sich kaum erinnern kann, er fiel gleichsam hinab in Tiefen, wie ein Stern, der in die Unendlichkeit stürzt.

Er fand sich, ohne es zu wissen oder zu wollen, in der Westminsterabtei und saß lange, beinahe tot vor Ermüdung, unter einer Säule, ohne von sich oder der Welt etwas zu wissen.

Leer war es in diesen dämmrigen, düsteren Räumen der Kathedrale; zuweilen kam jemand, den man nicht deutlich sehen konnte, vorüber und verschwand, nur der Widerhall seiner Schritte hallte in dem hohen Schiffe; in dem erlöschenden Lichte der Glasmalereien und der in der Dämmerung verschwindenden Farben, zeichneten sich in einer Unmenge von Denkmalen aus Bronze und Marmor in gespensterhaften Umrissen alle großen Geister Englands ab, als wären sie zu einer Feier versammelt, ganze Jahrhunderte der Geschichte, tote und vergessene Epochen, Ritter ohne Furcht, Eroberer, Dichter, Bischöfe, Gesetzgeber, erhabene und gemeine Seelen, Helden und Kanaillen, Tyrannen der Welt und Narren von Königen, Heilige und Verbrecher, ein Friedhof von Zeiten, die längst in Staub zerfallen sind, und doch leben und der Menschen Gedanken befruchten; eine steinerne Erinnerung der Jahrhunderte, die hier in dieser uralten Kathedrale, [137] zu einem stummen Parlamente versammelt, schweigend das „gestern“ beraten und auf neue, kommende Tage und die Seelen ihrer Nachfolger warten, – ein Keim der Vergangenheit wie der Zukunft.

Zenon kam in dieser heiligen Stille der Gräber halb zu sich; die Denkmäler schienen ihn mit weit aufgerissenen Augen anzusehen, sich zu neigen und etwas in der tiefen Stille zu flüstern, so daß er vor Furcht zu zittern anfing und langsam aus diesen Steinmassen zum Ausgang zu gelangen versuchte.

Jedoch im Seitenschiff, das zum Ausgang führte, wich er schnell zwischen die weißen Bildsäulen zurück, denn eine bekannte schlanke, schwarze Gestalt kam gerade durch das Haupttor, bog links ab und ging in das hohe, schmale Schiff hinein, welches rings um das Presbyterium läuft. Er folgte ihr, es war schon dunkel; nur hoch oben in den gotischen Fenstern schimmerten die letzten Reste des Tages, unten jedoch war völlige Nacht: aus den gotischen Kapellen, die mit Gittern abgegrenzt waren, drang ein feiner violetter Schimmer, in dem die Grabmale der Könige kaum sichtbar waren, in einer undurchdringlichen Stille träumten Königspaare den ewigen Schlaf des Todes; Lichtstreifen fielen wie toter, verlöschender Staub auf die steinernen Profile, die steif gefalteten Hände, die geschlossenen Lider und die stolzen, harten Häupter; die Zepter und Kronen schimmerten düster in ihrer Vergoldung, und auf allem lag die schwere Majestät des Todes und die steinerne Ruhe der Gleichgültigkeit.

Daisy blieb vor einer der Kapellen stehen und schaute, an das Gitter gelehnt, einen Sarkophag an.

[138] „Ich wußte, daß ich Ihnen begegnen müßte,“ flüsterte er und trat an sie heran.

Sie blickte ihn streng an, als wollte sie ihm Ruhe gebieten.

Er fühlte keine Müdigkeit mehr, die wahnsinnige Stimmung glitt von seiner Seele herab wie ein Fetzen; er war wieder ein normaler Mensch.

„Und doch ist’s ihnen besser im Reiche der ewigen Stille,“ flüsterte er wieder.

„Wer weiß? Und wenn ihre Seelen an ihre körperlichen Erscheinungen gefesselt sind, dann müssen sie umherirren in den Fesseln der Materie, dann müssen sie hier sein, müssen diese Hallen mit einem für Sterbliche unhörbaren Jammern und der Sehnsucht der Erwartung erfüllen, so lange diese Bronze und dieser Marmor dauern, bis die Zeit alles in Trümmer verwandelt und sie, befreit, ihrer Bestimmung überläßt.“

„Das wäre zu schrecklich!“ Er schüttelte sich unwillkürlich bei dieser Vorstellung.

„Wer weiß, wovon sein Tod oder sein Leben abhängig ist, was ihn fesselt und was ihn erlöst?“

„S. O. F.,“ sprach er langsam, beinahe unwillkürlich, wie man manchmal Worte ausspricht, die einem hartnäckig im Gehirn stecken und von selbst von den Lippen fließen. Er fühlte, daß sie wankte und sich für einen Moment auf seinen Arm stützte, aber er verstand den Grund nicht. Sie gingen jetzt schweigend weiter, wobei sie der Reihe nach vor den Grabkapellen stehen blieben, welche die Dämmerung mit einem immer dichteren Vorhang [139] verhüllte, so daß die Glasgemälde nur in schwachen Umrissen zu sehen waren, wie man durch dichten Wald die letzten Strahlen der Abendröte sieht.

„Lange schon habe ich Sie nicht mehr gesehen,“ sprach sie merkwürdig weich, wie in einem leisen Vorwurf.

„Lange?“ Er wunderte sich, denn er erinnerte sich plötzlich an die Geißelungsszene und an all seinen Argwohn, den er aber sogleich wieder zu ersticken versuchte.

„Sie waren doch mindestens drei Tage nicht mehr da. Mrs. Tracy war schon sehr beunruhigt.“

„Drei Tage! … Nein … gestern, oder sogar heute erst, bin ich ausgegangen … Nein … wahrhaftig, es geschieht mir zum ersten Male, daß ich mich nicht mehr gut erinnern kann.“

„Sie haben die Erinnerung an diese Tage verloren …?“ Eine diskrete Frage tönte in ihrer Stimme.

„Nein … woher denn … Ich weiß schon, daß Sie heute nach dem Frühstück im Reading Room auf dem Harmonium gespielt haben,“ sagte er schnell und suchte mühsam einen Zusammenhang in seine Erinnerungen zu bringen.

„Sie täuschen sich, seit drei Tagen habe ich keine Taste mehr berührt.“

„Also … was ist mit mir vorgegangen? Seit drei Tagen … seit …“ flüsterte er ängstlich.

Es dämmerten plötzlich abgerissene und traumhafte Erinnerungen in ihm auf an etwas, was er nicht fassen und seinem Bewußtsein verständlich machen konnte.

[140] „Und doch … doch habe ich auf Sie gewartet.“

Sie antwortete nicht, der Pförtner begann zu läuten, und durch die Kathedrale huschten Lichter, man durchsuchte die Winkel, ehe man absperrte.

Sie gingen auf den Square hinaus.

„Manchmal vergessen wir unsere eigene Existenz, oder sie kommt uns vor wie etwas Fremdes, nicht zu uns Gehörendes … Und manchmal verliert die Seele, von einem geheimnisvollen Wirbel fortgerissen, den Körper, und bemerkt es nicht einmal,“ sprach sie sinnend.

„Also auch ich muß mich in der Zeit verloren haben, ja …“

Sie streckte ihm die Hand entgegen, als sie an die Ecke der Victoria-Street gekommen waren.

„Sie gehen nicht nach Hause?“ fragte er und suchte sich gewaltsam aus diesem Dämmerzustande herauszureißen.

„Ich muß noch vor dem Essen meine Freunde aus Kalkutta besuchen,“ sagte sie fröhlich, und in dem Lichte der Laternen und Schaufenster erblickte er auf ihrem wunderschönen Gesichte einen merkwürdig süßen, merkwürdig freundschaftlichen Ausdruck, wie er ihn nie bisher gesehen hatte.

Sie schaute ihm gerade in die Augen, mit einem sanften, beinahe zärtlichen Blick, sie schaute ihm sogar aus dem Cab nach, so daß ihn ein Schauer freudiger Rührung durchrieselte und er ihr lange, lange nachblickte. Und sofort fuhr er nach Hause und trieb den Kutscher zur Eile an.

Der Pförtner begrüßte ihn freudig und erzählte ihm [141] diskret, während er ihm einen ganzen Stoß Zeitungen und Briefe übergab, daß zwei Damen heute schon zweimal nach ihm gefragt hätten; an verschiedenen Einzelheiten erkannte er, daß dies Betsy mit einer der Tanten gewesen sein müßte. Diese Entdeckung war ihm unsagbar unangenehm.

„Was haben Sie den Damen gesagt?“

„Mr. Yoe ist doch zu Hause?“ fügte er eilig hinzu.

„Er ist vor kurzer Zeit nach oben gegangen.“

Er eilte in seine Wohnung hinauf, machte Licht und blieb verblüfft vor dem Spiegel stehen, beinahe entsetzt über seinen eigenen Anblick, denn er war schmutzig, unrasiert und abgerissen und sah aus, als hätte er in den Parkanlagen oder unter Brücken geschlafen.

„Wo habe ich mich denn so zugerichtet?“

Und als er sich umgezogen hatte und daran ging, die Briefe zu lesen, war das erste, was er bemerkte, jenes Papier mit dem geheimnisvollen Geheiß; er entsann sich seiner sofort, ohne zu wissen, wie sehr er ihm gehorcht hatte.

„Ich muß erfahren, wer das geschrieben hat,“ dachte er, während er es in seiner Tasche verbarg.

Die Briefe Betsys betrübten ihn aufrichtig, er konnte gar nicht verstehen, weswegen es ihrer so viele waren.

Er stellte die Daten fest und wich vor der Lösung des Rätsels zurück; denn so oft eine leise Erinnerung an diese Tage in ihm aufdämmerte, fühlte er ein Rauschen im Kopf, als stände er über einem Abgrund, er flüchtete schleunigst und vertiefte sich in [142] diese guten, süßen Bitten Betsys, die sich darüber beklagte, daß er gar nie schreibe und sie ganz vergessen hätte.

Er antwortete ihr ausführlich und bemühte sich von ganzem Herzen, sie zu beruhigen, versprach auch, noch vor dem Sonntag zu kommen.

Der Diener meldete, daß das Essen serviert wäre, und reichte ihm ein Telegramm.

Es war Betsy, die seinen Brief nicht mehr erwarten konnte und ihm eine lange, von Befürchtungen erfüllte Klage telegraphierte und ihn um einige Worte der Nachricht anflehte, was mit ihm und Yoe vorgehe.

Im Nachsatz berichtete sie lakonisch von der Krankheit des Vaters.

Er schrieb einige beruhigende Zeilen, schickte das Telegramm ab und ging zum Essen.

Mrs. Tracy, die ihre Katzen zärtlich in ihren umfangreichen Schoß schmiegte, begann ihn gerührt nach seiner Gesundheit zu fragen, und was er getrieben habe.

„Ich war verreist,“ entgegnete er kurz, da er Miß Daisy bemerkte, die bereits auf ihrem alten Platze saß; der Kopf des Panthers ruhte auf ihren Knieen, die grünen Augen des Tieres bohrten sich mit solcher Kraft in ihn, daß er verwirrt und unruhig war, als er sich setzte.

„Was ist mit dir vorgegangen?“ fragte Yoe und ließ sich auf den Stuhl neben ihm nieder.

Ehe Zenon antwortete, reichte er ihm das Telegramm von Betsy.

[143] „Ich werde gleich nach dem Essen hinfahren … Sie beunruhigt sich ganz unnötig … Wirst du mit mir fahren?“

„Ich weiß nicht; was hat der Mahatma denn da für ein Gefolge?“

„Es sind Professoren aus Eton und verschiedene Gelehrte,“ flüsterte Yoe, während er verstohlen auf einige alte Herren wies, die am Ende des Tisches um Guru herumsaßen.

„Es wird richtig ein platonisches Gastmahl,“ fügte er mit Nachdruck hinzu.

„Ja, Bileams Eselin wird eine prophetische Rede schwingen,“ warf Zenon ironisch hin.

„Du hast mir meine erste Frage noch nicht beantwortet?“

„Aber ich frage dich ja auch nach nichts … nach nichts.“

Der faszinierende Blick des Panthers reizte Zenon immer mehr, so daß er seine Wut nicht mehr zurückhalten konnte.

„Frage nur immerzu, ich verberge nichts vor dir,“ sagte Yoe sanft, über seinen mürrischen Ton verwundert.

„War auch Miß Daisy bei euch?“

„Wo? Ich verstehe nichts, sprich offen …“

„Nun damals, bei jener blutigen Zeremonie der Geißelung, – du wirst doch nicht bestreiten wollen … du wirst nicht etwa auch sagen, daß ich alles vergessen hätte,“ flüsterte Zenon hart, doch da er in Yoes weit aufgerissenen Augen nur aufrichtiges und tiefes Erstaunen las, brach er ab.

[144] „Daß du da Sachen sagst, die mir ganz unbekannt sind, darauf gebe ich dir mein Ehrenwort.“

„Ich werde sie dir ausführlich erzählen, wenn du aus Bartelet Court zurückkehrst … Und inzwischen sage mir, kennst du diese Schrift?“ Zenon reichte ihm jenes geheimnisvolle Papier.

Yoe las und dachte lange nach, indem er einen leisen, ganz unmerklich forschenden Blick auf Daisy warf, die heute ganz besonders gesprächig, beinahe heiter war.

„Ich kenne diese Schrift nicht … Ich werde darüber nachdenken,“ antwortete er endlich ohne die Augen zu Zenon zu erheben. Und als das Essen zu Ende war, schlich er leise hinaus. Niemand hatte es bemerkt, denn die ganze Aufmerksamkeit hatte sich dem Streite zugewandt, den die Gelehrten immer lauter mit dem Mahatma führten.

„Gehen wir doch in den Reading-Room, sie schreien wie Elefantenführer, wenn die Tiere nicht folgen wollen,“ schlug Daisy Zenon vor.

Der Panther eilte leise, mit gesenktem Kopfe witternd und vorsichtig voraus, sprang in einen Fauteuil, rollte sich zusammen und schien zu schlafen.

„Das Wetter in London ist ekelhaft,“ begann Mrs. Tracy und schaute durch das verregnete Fenster hinaus.

„Es ist Februar, überall ist’s ebenso kalt, überall gibt’s jetzt Regen und Nebel.“

„Nicht überall, Mrs. Barney. Vor einem Jahre war ich im fernen Süden, und ich erinnere mich, wie sonnig und warm es dort war,“ protestierte Zenon.

[145] „In Italien?“ fragte Daisy und setzte sich neben ihn.

„Ja, in Amalfi, hinter Neapel.“ Er begann mit Begeisterung die Wunder der sonnigen Tage zu schildern, die Wunder des azurfarbenen Meeres, die Zitronenhaine, die Berge, die vom Äther umflossen in die Ewigkeit schauen; die Fernen voll Lieblichkeit, wo durch die Tiefen des heiteren Himmels und des Meeres rote Segel dahingleiten, wie Flügel unbekannter Vögel; die Inselchen, durchsichtigen Smaragden vergleichbar; die Buchten inmitten grüner, bemooster, epheuumrankter Felsen, als wären sie in einen einzigen riesigen Türkis gemeißelt; alte, tote Türme, voll grüner Eidechsen und schneeweißer Möwen; das stille, holde Leben dieser weltvergessenen Gestade, wo nicht einmal der Tod schrecklich ist, denn er kommt wie die Abenddämmerung und schließt die glanzgeblendeten Augen zu süßem Traume, in einem Land, wo es keine Fabriken gibt, keine lärmenden Städte, kein Chaos der Menschen, die sich gegenseitig um jeden Bissen auffressen, – nein, ein Land, wo man die ganze Wonne des Daseins auskostet … wo in den Herzen noch die guten Gottheiten Griechenlands gemeinsam mit der Madonna herrschen, die immer über dem Lose der Menschen wacht.

Er sprach lange, er strahlte, er ließ sich von seiner Begeisterung hinreißen, als hätte ihn eine plötzliche Sehnsucht ergriffen, so daß Rührung in seiner Stimme mitklang und Tränen in seinen Augen erglänzten.

Sie unterbrachen ihn nicht, sie vertieften sich in diese süße Vision, und Daisy, die den schwarzen Kopf des Panthers streichelte, schaute ihn an und sah [146] gleichsam mit seinen Augen diesen weiten, zauberischn Horizont, ein merkwürdiges Lächeln erblühte auf ihren heißen Lippen, und ihre saphirblauen Augen waren wie jene fernen Meere, umwoben von sonnigen Spinnweben der Melancholie, und über ihr blasses, wunderbares Gesicht huschten leichte Schatten einer plötzlich erblühten Sehnsucht, träumerisches Verlangen und leidenschaftliches stummes Rufen, – sie war wie ein tiefes, durchsichtiges und ruhiges Wasser, durch dessen glatte Oberfläche die Umrisse des geheimnisvollen Grundes hindurchschimmern.

„Sie erzählen so verlockend, daß ich plötzlich Sehnsucht empfinde, diese Wunder kennen zu lernen.“

„Sie, die Sie das Märchen der Welt, die Sie Indien kennen …?“

„Das Unbekannte weckt die Sehnsucht immer mehr …“

„Doch es kann ebenso enttäuschen.“

„O nein, denn ich würde dies alles mit Ihren Augen sehen, mit den Augen eines Dichters, und unter einem solchen Gesichtswinkel gesehen, ist alles ein Wunder, ein Zaubermärchen.“

Diese Worte, die sie mit einem besonderen, hypnotisierenden Klange aussprach, erfüllten ihn mit unsagbarer Wonne, er erhob die dankbaren, geblendeten Augen zu ihr, ihre Blicke trafen sich und versanken ineinander, wie zwei lodernde Abgründe; plötzlich gähnte der Panther, sprang auf die Erde und kroch, die schrecklichen Zähne zeigend, zu ihm heran.

„Haben Sie nur keine Angst, ich bürge für ihn.“

Bagh legte den schweren Kopf auf seine Kniee, [147] Zenon berührte ihn ziemlich ängstlich, denn das Tier trug keinen Maulkorb, und das grünrote Schillern seiner Augen war beunruhigend.

Daisy flüsterte Bagh zärtliche Worte zu, streichelte seinen Rücken und hatte sich bei dieser Bewegung so tief geneigt, daß Zenon mit seinen Lippen beinahe ihr bronzefarbenes Haar berührte, es streichelte sein Gesicht, gerade vor seinen Augen hatte er ihren weißen Hals, der aus dem Kragen hervortauchte, er umfing ihn mit einem Blicke, denn er wollte die Spuren der Geißelhiebe entdecken, aber der Panther knurrte drohend, und Daisy, die schnell zurückwich, bemerkte noch die Richtung seiner Blicke …

„Still, Bagh! – Er weiß alles … ahnt alles und ist bereit, für jedes Unrecht, das mir geschieht, Rache zu nehmen,“ sagte sie mit einem eisigen Lächeln, während sie ihre wilden, messerscharfen Augen in Zenon hineinbohrte.

Er verstand ihre Worte nicht, aber er fühlte, daß sie an ihn gerichtet waren, daß sie drohend warnten.

Er erhob sich mechanisch, tief berührt von ihrem Blick.

„Ich habe Sie nicht mit einem Worte beleidigt, Miß Daisy,“ flüsterte er demütig.

„Es gibt Blicke, die mehr beleidigen als die brutalsten Worte …“

„Vielleicht, wenn sie ein ängstlich gehütetes Geheimnis enthüllen …“ fügte er noch leiser hinzu.

„Oder wenn sie sich widerlich wie Schlangen herumwinden.“

„Das paßt auf mich nicht,“ sagte er streng und aufrichtig.

[148] „Ihre Augen schleudern Blitze!“ Sie wendete sich ihm mit ihrem früheren Lächeln zu.

„Ungerechtigkeit verletzt am schmerzlichsten!“

„Sie war unbewußt, darum verwandelt sie sich in die Bitte um Verzeihung,“ sagte sie ganz leise und bittend.

Das Gewitter war vorüber, doch die frühere ungezwungene und heitere Stimmung kehrte nicht wieder. Sie saßen stumm, sogar Mrs. Tracy wußte nicht, wovon sie reden sollte.

Zenon aber ging hinaus. Er benutzte die Gelegenheit, daß die Professoren, mit dem Mahatma an der Spitze, in den Reading-Room übersiedelten; sie sprachen jetzt schon sehr laut und waren im besten Streiten begriffen. Doch Yoe war von Bartelet Court noch nicht zurück; es war noch ziemlich früh, noch nicht zehn Uhr, aber merkwürdig: Zenon hatte keine Lust, zu Betsy zu fahren, er fühlte sich unsagbar müde, die letzte Szene mit Daisy hatte ihm den Rest gegeben.

Indes er sich ihr merkwürdiges, ungleiches Verhalten ihm gegenüber vergegenwärtigte, diese ihre zuweilen eisige Gleichgültigkeit und dann wieder ihre beinahe aufmunternden Blicke, verlor er sich in ein Gefühl von Unsicherheit, in einen geheimnisvollen, beunruhigenden Nebel, der voll von Schatten war, die, kaum sichtbar, einen durch ihre Rätselhaftigkeit peinigten.

Er machte kein Licht in seiner Wohnung, er hatte keine Kraft zu irgendeiner bewußten Bewegung, er sank in einen Fauteuil und starrte in die trübe, schwärzliche Nacht hinaus, aus der nur der gelbliche Schimmer [149] von Laternen hervorschimmerte, er dachte nach, seine Augen wankten zugleich mit den Schatten der Bäume, deren schwarze Umrisse sich schläfrig hinter den Scheiben wiegten.

„Und sie war doch dort!“ dachte er und sah sie wieder vor sich, ganz mit Striemen bedeckt, die ihren Körper umringelten wie ein Knäuel von blutroten Schlangen.

„Sie war dort, sie war dort …!“ wiederholte er, und seine Augen weideten sich an ihrer Schönheit und an der Schmach dieser Nacktheit, als räche er sich an ihr, während er sich ihr zugleich näher fühlte durch dieses ihr entrissene Geheimnis.

„Ein Medium für Geißelungen,“ flüsterte er mit verächtlicher Bitterkeit und sprang plötzlich auf: die Eingangstür schlug zu, und alle Lichter im Kronleuchter brannten plötzlich hell.

Er schaute sich verwundert um, denn die Tür war geschlossen, und im Zimmer war niemand, nur auf dem Schreibtisch lag die Eisenbahnkarte ausgebreitet, eine Anzahl von Orten darauf war mit einem roten Stift dick unterstrichen, und daneben lag ein Führer durch Italien, bei Amalfi aufgeschlagen und gleichfalls mit zahlreichen Strichen versehen …

Er sah sich das mit gespannter Neugier an und konnte nicht verstehen, wer das gemacht haben könnte, und wann? Es mußte jemand vor einem Augenblick dagewesen sein, vielleicht war er noch da … denn der schwere Vorhang an der Tür schwankte noch in einer letzten, ersterbenden Bewegung, als wäre soeben jemand vorbeigegangen … Die Diele im anderen [150] Zimmer knarrte … Irgendein Stuhl wurde fortgerückt … Dort war ganz sicher jemand … Die Möbel zitterten … Ganz deutlich war das Geräusch von leisen Schritten zu hören …

„Annie!“ rief er, denn er dachte, es wäre das Zimmermädchen.

Er erhielt keine Antwort, das Geräusch verstummte, dafür aber tönte gleichsam aus dem letzten Zimmer ein gedämpfter, ferner Gesang herüber …

Er stürzte mit fieberhafter Eile hin.

Auch dort war niemand, doch der Gesang schwoll an und tönte so vernehmbar in der Stille der Wohnung, daß er Daisys Stimme und jenes merkwürdige, geheimnisvolle Lied erkannte …

Er stand, wie erstarrt, in stiller Furcht da, und ließ seine Augen lauernd im Zimmer umherschweifen. Nein, ganz sicher war niemand da, nur die Klänge flossen immer noch dahin, man wußte nicht, von wo sie kamen, sie ertönten ganz nahe bei ihm, dann wieder schienen sie von oben zu kommen, sie flossen dahin in trägen, erlöschenden Wellen, wurden voller und lauter, klangen von weiter her, wie im ersten Zimmer … Er eilte ihnen unbewußt nach … Doch schon erstarben sie fern, gleichsam hinter dem Fenster, in den dichten Bäumen, die im Nebel versanken … Oder vielleicht klangen sie in ihm selbst.

Er war völlig bei Bewußtsein und legte sich genau Rechenschaft über alles ab, was ihm in diesem Augenblick geschah; so hatte er denn, ohne auf irgend etwas Rücksicht zu nehmen, plötzlich das Verlangen, zu erfahren, von wo dieser Gesang käme, denn er [151] nahm an, Daisy müsse in ihrer nebenanliegenden Wohnung sein.

Er klopfte energisch an die Tür, es antwortete ihm ein kurzes und böses Knurren des Panthers, und dann erst versicherte ihm das Zimmermädchen, ohne zu öffnen, Miß Daisy wäre in die Stadt gefahren.

Doch er glaubte es nicht und ging in den Reading-Room.

„Sicher ist sie in die Stadt gefahren, ich selbst habe sie bis an die Treppe begleitet,“ erklärte Mrs. Tracy, erstaunt über seine hartnäckigen Fragen, und führte ihn etwas abseits, denn die Professoren disputierten äußerst erregt; der Mahatma saß in der Mitte, und seine durchdringenden, schwarzen Augen ruhten für einen Augenblick mit einem bösen Ausdruck auf ihm. Er wendete sich ab und sagte in verächtlichem Tone:

„Eure materialistische Kultur, Eure Erfindungen, Eure Entdeckungen führen nur zu einem Ziele: zur Anbetung der brutalen Gewalt und des Goldes, sie dienen dem Bösen und säen das Böse, Ihr seid wie Geier, die in den Lüften kreisen, blind gegen das Licht der Wunder und gierig in die Tiefen nach Aas ausschauend … Ihr werdet in der Unendlichkeit der Zeiten früher und spurloser verschwinden, denn …“

Zenon hörte nicht weiter zu. Der scharfe Ton dieses Mannes reizte ihn, er ging schnell hinaus, doch im Flur hörte er wie ein schwaches, fernes Echo wieder jenen merkwürdigen Gesang.

„Sie ruft mich! So deutlich ruft sie mich!“ dachte [152] er plötzlich und erinnerte sich dessen, wonach er schon so viele Tage jagte.

„Folge dem, was dir begegnet … folge dem, was dir begegnet,“ wiederholte er mit fahlen Lippen; und ohne weiter nachzudenken, ohne Zaudern, ohne die geringste Lust, zu widerstreben, ruhig, beinahe kalt, völlig bewußt, beschloß er, gehorsam diesem unerbittlichen Geheiße zu folgen, das ihn völlig in der Gewalt hatte.

Er ging in unbekannter Richtung fort, jenem Liede nach, welches manchmal mit leisen Tönen aus dem Schatten hervorquoll und ihm ein Wegweiser zu jenem Ungekannten war.

„Ich gehe … ich komme,“ flüsterte er dann und wann und beschleunigte seine Schritte.

Erst in Picadilly lösten sich diese Klänge völlig auf und versanken in dem Lärm und dem Getöse der Straßen. Da blieb er ratlos stehen und schaute sich in den Straßen um.

Auf der anderen Seite, in der Beleuchtung eines Schaufensters, erblickte er deutlich Daisy, er eilte ihr sofort nach, doch konnte er sich ihr nicht nähern infolge des Gedränges der Massen, über denen er ihren Kopf sah.

„Möge denn geschehen, was geschehen soll,“ dachte er, nicht im geringsten über diese Begegnung verwundert und völlig überzeugt, daß er deswegen hierher gekommen wäre, daß es so sein solle.

Er folgte ihr in kurzer Entfernung und näherte sich ihr nicht einmal dann, wenn sich die Menge zerstreute, wenn sie durch beinahe leere Straßen gingen, [153] so daß nur ihre Schritte dumpf widerhallten; er folgte ihr wie ihr Schatten, wie die Notwendigkeit.

Sie gingen durch allerlei Straßen, über leere Plätze, durch schlafende Parkanlagen und stiegen auf breiten Stufen zu einem Bahnhof hinauf.

Er kaufte eine Fahrkarte bis zu derselben Station, deren Namen sie dem Kassierer genannt hatte.

Er verbarg sich gar nicht vor ihr, sie betraten den Wartesaal beinahe zugleich, doch sie schaute ihn an, als bemerke sie ihn nicht, ihre Augen glitten über sein Gesicht hinweg, wie über eine fremde Sache; er fühlte sich dadurch nicht verletzt, er verstand, daß es so sein müsse, manchmal schien es ihm sogar, daß sie er selbst sei, – eine so merkwürdig harmonierende Identität des Rhythmus fühlte er zwischen ihren Seelen … sie glitten nebeneinander dahin, wie zwei Schatten, die ineinander aufgingen, oder wie zwei Lichter, sie schauten auf dieselben Dinge und sicherlich mit demselben Gefühl des Nichtsbemerkens, sie waren wie jene Bäume, die, im Winter gestorben, aus dem Nebel des erwachenden jungen Frühlings hervortauchen.

Unbewußt wollte er in das gleiche Abteil wie sie steigen, doch ehe er herangekommen war, hatte sie die Tür geschlossen, so setzte er sich denn in das benachbarte und stand den ganzen Weg am Fenster; vor seinen leeren Augen glitten die Umrisse der Landschaft vorüber, die aus einer wolkenbedeckten Nacht auftauchten; der Mond floß langsam vorüber, und wenn er etwas bemerkte, so war es nur ihr Schatten, die schwarze Silhouette ihres Kopfes, der in dem Lichtfleck [154] lag, der durch das Fenster drang und neben dem Zuge auf der Erde dahinlief; sie stand offenbar die ganze Zeit gleichfalls am Fenster.

Sie stiegen an einer stillen, schlafenden Station aus, durchschritten die schweigenden und leeren Säle, die finstere und ebenfalls leere Einfahrt und tauchten in einer schwarzen Allee aus riesigen Bäumen unter.

Der Wind sing zu heulen an, die Zweige rauschten, es erscholl ein düsteres Jammern, und ein leises Flüstern huschte über die Erde dahin, die Angst schlug wie eine Eule mit den Flügeln und duckte sich lauernd in der Dunkelheit.

Sie kamen in einen schlafenden Park, in undurchdringliches, schwarzes Dickicht. Nur Streifen vom Himmel leuchteten düster über ihren Köpfen und zogen sich hin wie lange verzweigte Wege, von Wolkenfetzen verschüttet und von den Umrissen der Bäume begrenzt; der Mond tauchte manchmal auf, und dann fielen die Schatten der Bäume mit einer leblosen Dunkelheit auf den Weg und durchschnitten ihn, wie Leichen, mit schwarzen Schwellen.

Zenon ging ohne Furcht und starrte auf die jeden Augenblick in der Dunkelheit verschwindende undeutliche Silhouette Daisys und lauschte dem düsteren Geflüster der wogenden Bäume.

Er dachte in diesem Augenblick an gar nichts; Schatten voll eines geheimnisreichen Leuchtens ergossen sich über seine Seele, mit wogenden, unfaßbaren Visionen dessen, was kommen sollte; diese kommenden Augenblicke wurden in ungekannten Tiefen [155] geboren und ließen ihn in die dämmerhafte, ungreifbare Scheu vor dem Geheimnis hinabgleiten.

Sie kamen auf ein ödes, großes Feld; in der Tiefe tauchte aus den Schatten ein gewaltiges schwarzes Haus, der Mond hatte sich wieder auf einen Augenblick gezeigt, so daß Zenon deutlich die harten Umrisse eingestürzter Türme und Wände sah und alten Efeu, der die leeren Fensterhöhlen und die zerfallenden Mauern umrankte. Doch ehe er genau Umschau halten konnte, drang plötzlich von irgendwoher, wie aus dem Kellergewölbe, ein blendender Lichtstreifen, und es erscholl das Getöse einer zufallenden Tür.

Daisy verschwand auf einer ruinenhaften gewaltigen Stiege. Er war allein und schaute sich ratlos um. Rings stand eine dunkle Wand von wogenden Bäumen, hin und wieder fegte der Wind darüber hinweg, so daß sie sich ächzend neigte, und über ihr schimmerten die Lichter von London wie ein verlöschender, ferner, gewaltiger Brand.

Und nirgends eine Spur von Menschen, nirgends Licht noch Stimmen, nur das düstere Schweigen der toten Mauern, durch die der Wind pfiff, nur das Ächzen der Bäume, und überall in der Dunkelheit lauernd Gebüsch, das Zenon gleichsam unerwartet mit seinen Zweigen erfassen wollte; eine Menge Geröll versperrte den Weg, und hie und da schimmerten in Löchern die blinden Augen von Tümpeln.

Er ging langsam um das ganze Haus herum, aber alle Eingänge waren vermauert, so daß er zu den gewaltigen Treppen zurückkehrte, auf denen sich die zerschlagenen Säulen und Balustraden schwarz abzeichneten; [156] er kam an eine große Tür und blieb stehen, ohne zu wissen, was er anfangen solle.

Der Wind wurde immer heftiger und heulte immer düsterer in den Ruinen, manchmal fiel ein Stück Mauer zur Erde, die Bäume wogten und rauschten in der trüben Dunkelheit, denn der Mond war ganz in Wolken versunken, die wogenden, schäumenden Wellen glichen; gedämpfte ferne Stimmen, die Stimmen von Gräbern, drangen mit entsetzlichem Ton aus den Ruinen und aus der Erde, oder sie flossen aus unbekannten Höhen, – oder sie waren im Grunde der Nacht entstanden, – er wußte es nicht.

„Sei ohne Furcht … schweige … S. O. F. öffnet die Geheimnisse,“ wiederholte er plötzlich, sich der geheimnisvollen Formel erinnernd, und ergriff nunmehr dreist und ohne Zögern den Hammer, der an einer Kette hing, und schlug an die Tür.

Schweigen … nur die Bronze stöhnte, und ein langes, dumpfes Echo erscholl.

Er sagte noch einmal, jeden Buchstaben betonend:

„S. O. F.“

Die Tür öffnete sich leise, und als er eingetreten war, schloß sie sich dröhnend.

Er befand sich in einer gewaltigen, beinahe dunklen Halle, in der Mitte stand auf einem niedrigen Dreifuß ein mächtiges Weihrauchgefäß mit glühenden Kohlen, die einen betäubenden, schweren Duft ausströmten, dahinter dämmerte eine Kolossalstatue, die mit einer veilchenfarbenen Draperie verhüllt war; und außerdem nichts: nur nackte Wände, glatte, schimmernde Steine, auf denen hier und da von der [157] Nacht verdunkelte Malereien sichtbar waren, und allerlei goldene Buchstaben, die geheimnisvollen Symbole des Feuers, des Wassers und der Luft, und in visionären Umrissen Ungeheuer, Tiere, angstverzerrte Larven, und alles dies kaum zu sehen in den blutroten Rauchwolken und in dieser purpurnen Dunkelheit.

Er sah sich um, konnte aber niemand erspähen und fühlte Entsetzen über diese tote Stille, die wie ein Grabstein auf seiner Seele lag; da spürte er, daß die Steintafel, auf der er stand, erbebte und langsam mit ihm hinabzugleiten begann, in einem kaum fühlbaren Sinken. Er rührte sich nicht, er zuckte nicht einmal zusammen, er schloß nur die Augen, denn die Angst würgte ihn und schüttelte ihn mit eisigen Schauern, doch bald kann er zur Besinnung, da er an eine Wand anstieß; völlige Nacht umhüllte ihn, er hatte keine Ahnung, wo er sei, in diesem Augenblick der Angst hatte er das Bewußtsein dessen verloren, was mit ihm geschehe. Er verstand nur soviel, daß er sich in einem niedrigen, schmalen Gang befand. Sich an den Wänden entlang tastend, fing er an, ohne Furcht gebückt vorwärts zu gehen.

Ein Chor von fernen, gedämpften und tiefen Stimmen, die dem Rauschen ersterbender Wellen an fernen Gestaden glichen, ertönte irgendwo vor ihm … schluchzte wie in einer dumpfen Leere … zitterte immer leiser und näher, näher; er eilte diesen traumhaften und unerklärlichen Tönen entgegen, voll Scheu und voller Neugier zugleich.

Der Gang hörte plötzlich an einer kalten und [158] schlüpfrigen Wand auf, die Töne verloren sich in Stille; er begann fieberhaft tastend die Tür zu suchen, als sich wieder der Boden unter ihm senkte … Er fühlte, daß er hinuntersank, daß er mit blitzartiger Schnelligkeit in einen Abgrund fiel … Der Schreck und jenes entsetzende Gefühl des Versinkens ohne eine Möglichkeit der Rettung raubten ihm die Kraft.

Als er wieder zu sich kam, saß er auf einer steinernen Bank; er ließ vorsichtig seine Hände über die Wände gleiten: sie waren kalt und glatt wie aus Porphyr; das Zimmer war klein, quadratisch und sehr hoch, denn er konnte, wenn er sich auf die Bank stellte, die Decke nicht erreichen; nur eine der Wände schien ihm kälter zu sein, wie aus Glas, und voll von merkwürdig erhabenen, harten Stellen und verschlungenen Linien, doch nirgends eine Spur von Türen oder Fenstern …

Er fiel hin, fürchterlich ermattet und wie tot von dieser unergründlichen und schrecklichen Stille; steinerne Nacht, die Stille einer absoluten Leere und das unbeschreibbare Grauen eines toten Schweigens lasten auf ihm.

Er saß erstarrt da, ohne sich zu bewegen und ohne zu denken, wie auf dem tiefsten Grunde einer seit Millionen von Jahren gestorbenen Welt, in den ewigen Abgründen des Schweigens; er hatte das unklare Gefühl, als träume er einen steinernen Traum, die ewige Leblosigkeit, aus der man nie erwacht, als wäre er ein lebendiges Atom, das plötzlich in die tiefsten Tiefen ewigen Schweigens und ewiger Nacht hinuntergerissen wurde. Und so stossen ihm in dieser [159] Gefühllosigkeit unbewußte Augenblicke dahin; so muß die Zeit Basaltblöcken gleich auf dem Meeresgrunde dahinfließen, oder gleich Seelen, die in der Unendlichkeit umherirren, oder gleich Sternen, die gestorben sind und ewig, ewig fallen …

Er war nur noch das Schweigen einer versteinerten Angst, er träumte einen bewußtlosen Traum von sich selbst, und wie im Traume fühlte er, daß seine Augen etwas zu ersuchen begannen, daß in ihm etwas in gespensterhaften Umrissen entstand …

Die Wand drüben begann langsam aus der Nacht hervorzutauchen, wurde durchsichtig wie ein grünliches Meer, durch das man die blassen, zitternden Umrisse des Grundes sehen kann … wundersame Grotten eine phantastische Pflanzenwelt und die leise vorübergleitenden Larven eines Gespensterlebens …

Er wußte genau, daß er nur träume; er rührte sich nicht vom Platze, damit die Visionen nicht wichen, mit schweren Augen starrte er auf einen Punkt, auf den Grund dieses langsam hervortauchenden Raumes … auf einen Felsen, der mitten darin emporragte, ganz in blutige Flammen getaucht, und der aussah wie eine Feuergarbe oder eine vom Sturm gepeitschte Fackel; rings in der grünen Dämmerung lagen, wie auf dem Meeresgrunde, gewaltige Steine … und Bäume mit Ästen wie Klauen wiegten sich … es zitterten die Bewegungen unklarer Gegenstände.

Ja, diese gewaltige Grotte, von Tropfsteinen übersäet, die wie lange, schwere Eiszapfen herunterhingen, konnte nur ein Traum sein. Sie war ganz in grünes Licht getaucht, in dem es undeutlich golden zu [160] schimmern anfing, wie ein Schwarm leuchtender Schmetterlinge, und dahinter tauchten schwere, unkenntliche Gestalten auf, sie krochen gleichsam unter dem Stein hervor, aus diesen grünen Höhlen, dem Dickicht grüner Schatten und bewegten sich in stiller, kaum sichtbarer Prozession in dieser smaragdenen Flut, wie in einem leise wogenden Wasser … als schwämmen sie, die blutige Vision der Flammen umkreisend … es erzitterten Töne, als wenn tausend Harfen auf einmal seufzten und erstürben … Die Schatten zerstreuten sich auf dem Gestein wie rostfarbene Kröten … und gleich darauf tauchte wieder eine lange Prozession weißgekleideter Gestalten auf, barfuß mit entblößten Brüsten … Köpfe von Schlangen … Köpfe von Vögeln … Köpfe von Tieren, der ganze teuflische Hofstaat des unheilverkündenden Seth; sie gingen langsam, rhythmisch, und schleppten auf ihren Schultern eine lange, schwarze, verhüllte Bahre, sie umkreisten die Flamme, und als sie die Bahre dicht vor diese hingestellt hatten, entfalteten sie sich nach beiden Seiten wie zwei weiße Flügel.

Plötzlich erdröhnte ein erschütterndes Getöse, ein Blitzstrahl erhellte wie ein goldenes Band die Grotte, alle fielen mit den Gesichtern zur Erde, blutigrote Flammen sprühten empor wie ein Vulkan und sanken wieder leise herab, dafür aber begannen goldfarbene Wolken von Opferrauch emporzusteigen, durch die langsam in der unheimlichen Stille des Werdens die Gestalt Baphomets hervortauchte … Er stieg empor aus den scheuen, zuckenden und erblassenden Flammen, er wuchs heraus wie eine drohende Wolke aus einem [161] Abgrunde … bis er ganz erschien, düster wie die Nacht und furchtbar wie der Tod … Er saß auf seinen Bocksbeinen, die goldenen Hörner des Halbmondes erstrahlten auf seinem schmalen entblößten Haupte … Er war ganz nackt, schlank und jugendlich, er saß mit breitgespreizten Knieen, zwischen denen sich wie eine Giftschlange ein blutiger Blitz wand … Die herabhängenden langen Hände berührten mit gekrümmten Krallen die Hülle der Bahre, die unter seinen goldenen Hufen stand … Die roten Augen sprühten Licht wie glühende Karfunkel und schienen über die Häupter der vor ihm in scheuer Demut im Staube Liegenden zu gleiten. Er war furchtbar in seiner kalten, wie mit einem tödlichen Zauber vergifteten Schönheit … düster wie die Unbarmherzigkeit … Ein wildsüßer Ausdruck lag um seinen schmerzhaft zusammengepreßten Mund … Die zusammengezogenen und drohenden Brauen waren gespannt wie ein Bogen der Rache und des Zornes … Und in dem schmalen Antlitz und der erhabenen, stolzen Stirn lag die Qual ewiger Empörung, nie endenwollender Nacht, ungesühnten Unrechts und ewigen Irrens, sein Körper war vorgeneigt und gleichsam zu lauerndem Sprunge gespannt, so daß es schien, als wäre er nur für einen Moment erschienen und würde sich gleich wieder in den Abgrund stürzen, die eisigen Wüsten des Schweigens zu durchrasen und immer, ohne Ende, ewig und rastlos zu wandern …

Zenon kam unter dem Eindruck dieser Vision zum Bewußtsein, er fühlte, daß er nicht schlief, und konnte es doch nicht glauben, er wehrte sich vor dem [162] Wahnsinn … Er wollte fliehen … Doch es umringten ihn die kalten, unbarmherzigen, nicht weichen wollenden Mauern, er wollte in plötzlicher wahnsinniger Angst schreien, doch die Stimme erstarrte in seiner Kehle, er begann mit den Fäusten gegen die durchsichtige glasartige Wand zu schlagen, doch sie gab nicht einmal ein Geräusch von sich, er verwundete nur schmerzlich seine Hände und seine Kniee und sank erschöpft hin.

Erst nach einiger Zeit erhob er den Kopf, die Wand leuchtete noch, ein monotoner, langgedehnter Gesang erscholl, merkwürdige Worte fielen schwer wie Blumen leise herab und verwoben sich mit einem feierlichen, gebetartigen, glühenden Flüstern:

„O Herr der Nacht und des Schweigens!“

„Sei mit uns,“ antwortete das Echo.

„O Herr der Furchtsamen und Bedrückten!“

Immer leidenschaftlicher schluchzten die Stimmen; Zenon erhob sich und preßte das Gesicht an die etwas geschwärzte Wand. Die Grotte war beinahe unsichtbar, Nacht erfüllte sie, nur in der Mitte leuchtete die Figur Baphomets wie ein im Fallen versteinerter Blitz, und die schwarze Bahre stand noch immer unter ihm, aus den Tiefen der Schatten drang langsam die feierliche, packende Psalmodie.

„Der du die Verdammten erlösen wirst.“

„Du Einziger,“ antwortete ein sterbendes Echo.

„Der du die Unterdrückten schützest.“

„Unsterbliche Rache.“

„Der du gleich bist an Macht.“

„Schmerzhafter Schatten.“

[163] „O Licht du, das Habgier in den Abgrund gestürzt.“

„Gefesselte Macht!“

„Barmherzige Macht!“

„Heilige Macht!“

Zenon verstand plötzlich diese wunderliche Litanei, er erinnerte sich ihrer, es war dieselbe Melodie, die er damals auf der Seance gehört hatte, es waren dieselben Worte, deren er sich bisher nicht hatte entsinnen können, – wo und wann hatte er sie gehört?

Die Gesänge verstummten, in der trüben Dunkelheit begann etwas zu geschehen … Zenon konnte die undeutlichen Umrisse nicht unterscheiden … weiße Nebelschatten führten einen Reigen auf … schienen die Statue zu umfließen … zitternde Lichter schimmerten … und ein Schatten neigte sich über die Bahre … deutlich unternahm er das Auftreten unsichtbarer Füße auf dem Kiesboden … ein Flüstern … das Zischen der Flammen … und nicht zu unterscheidende Bewegungen.

Plötzlich erscholl ein langgedehntes klägliches Brüllen.

„Das ist Bagh, Bagh,“ flüsterte Zenon, denn er bemerkte die Umrisse des Panthers, der sich auf die Bahre stürzte.

Die Hülle fiel herab, und eine nackte, hohe Gestalt erhob sich langsam, Zenon erzitterte bis in die tiefsten Tiefen, er hätte in diesem Augenblick sein ganzes Leben hingegeben für die Möglichkeit, ihr Gesicht zu sehen … Er sah nur, wie durch einen dichten Nebel, einen schlanken, nackten Körper, von dem Mantel der in der Ferne rostfarbenen Haare umhüllt, zwischen den Knieen Baphomets stehen.

[164] Eine starke Stimme ertönte mit ehernem Klange.

„Was willst du?“

„Sterben für ihn,“ antwortete unerschrocken eine zweite.

„Willst du dem Tode angetraut werden?“

„Ich bin der Rache und dem Geheimnis angetraut.“

„Verfluchst du das ‚A‘?“

„Ich verfluche es!“

„Verfluchst du das ‚O‘?“

„Ich verfluche es!“

„Verfluchst du das ‚M‘?“

„Ich verfluche es!“ erklang in wohltönenden unerschrockenen Worten die Antwort.

Zenon verstand nichts von der weiteren Litanei der schrecklichen Schwüre und Verwünschungen, die das Blut erstarren machten; denn er lauschte mit ganzer Seele dem Widerklang der schwörenden Stimme, er fühlte an dem Schauer, der in ihm erwachte, daß er sie schon irgendwo gehört hatte … So haschte er denn danach wie nach einem Schmetterling, ohne auf das entsetzliche Ritual zu achten, das sich ununterbrochen hinzog, bis er schließlich ganz deutlich erkannte, daß es Daisy war, daß man sie mit diesen geheimnisvollen Zeremonien dem Baphomet weihte; doch er wunderte sich nicht darüber, – als wäre er bereits der Fähigkeit beraubt, über irgend etwas in Verwunderung zu geraten.

Die Dunkelheit wich, und in der Grotte begann es etwas heller zu werden.

Daisy saß zwischen den Knien Baphomets in derselben Stellung wie er, die herabhängenden Hände [165] berührten den Panther, der zu ihren Füßen kauerte, und über ihren Kopf, der von goldgelbem Opferrauch umflossen war, neigte sich das grünlich-blutige Antlitz des Teufels, und seine langen Arme schienen sie zu umfangen und sie an sich zu schmiegen; dies eine nur sah Zenon klar, das übrige verschwand vor seinen geblendeten Augen wie ein Reigen von traumhaften Erscheinungen, deren man sich nur unklar erinnern kann.

Er wußte nicht, von wo sie herniederschwebten, und wußte nicht, ob sie außerhalb seiner Seele wären.

Da führte das halb tierische unheilverkündende Gefolge Seths ein weißes Lamm herbei, ein Mensch mit einem Hundekopfe schlachtete es mit einem schweren, steinernen Messer, und dann wurde es unter düsteren Gesängen und Verwünschungen dem Panther zum Fraße vorgeworfen …

Dann verbrannte man sieben Zauberkräuter, die mit dem Blute eines unschuldigen Kindes besprengt waren, und verstreute die Asche nach den sieben Himmelsrichtungen.

Dann dämmerte ein Reigen von Würmern und riesigen Kröten auf, die an Strohseilen ein Kreuz hinter sich herzogen. Unter Schmähungen und Ausspeien mit dem höllischen Chor von Kichern und Spotten zertrümmerten sie es zu Splittern, trampelten auf diesen mit den Füßen und warfen sie der Statue schließlich unter die Hufe.

Dann wieder erschien eine Schar von unbeschreiblichen Ungeheuern, eine Herde von Gespenstern, Vampiren und Spukgestalten, als entsprängen sie einem [166] kranken Gehirn, die trugen auf dem Deckel eines vermoderten Sarges eine symbolische weiße Hostie und warfen sie unter markerschütterndem Getöse, unter Schmähungen und Gegröhl Baphomet zu Füßen.

Dann begannen im Lichte gleichsam alle Gespenster der mittelalterlichen Kathedralen aufzutauchen, alle Larven der Versuchung und der Angst, die sich in der heiligen Seele verbergen, sie erschienen schweigend, düster und trugen heilige Bücher, Symbole, Bilder, Meßgewänder und warfen dies alles auf einen großen Haufen; sieben blutige Blitze schossen aus den Augen Baphomets, sieben Blitzstrahle trafen die geschändeten Heiligtümer, Flammen loderten empor, und alle diese Höllenerscheinungen begannen einen wilden, tollen Reigen um den Scheiterhaufen zu tanzen.

Beißender, schwarzer Rauch verhüllte die Gestalt Daisys und stieg in hohen, wirren Säulen empor und verhüllte die Grotte mit einer düsteren, undurchdringlichen Wolke.

Zenon neigte sich in sich selbst hinein, wie über die Schwelle einer unbekannten Welt, er schaute auf die Geheimnisse, und die Augen seiner Seele eilten zum ersten Male weit über ihn selbst hinaus, weit hinaus über die dummen, trägen Gedanken von Tatsachen und sichtbaren Dingen; zum ersten Mal durchmaßen sie einen unübersehbaren Raum, zauberhafte Fernen, flogen sie über Höhen und unergründliche Abgründe dahin, so daß er geblendet zurückwich, voll von jener heiligen Stille der Ahnungen und Visionen; der Hauch einer unsterblichen Macht wehte durch seine Seele.

[167] „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir,“ hörte er ganz nahe bei sich die Stimme Daisys.

Er versank plötzlich in Demut, fiel auf das Gesicht, gleichsam zu Füßen der Unsichtbaren und flüsterte mit einer Stimme voll tiefster Hingebung:

„Ich weiß nichts, ich verstehe nichts, aber ich fühle, daß du bei mir bist.“

„Denke, und du wirst mich immer und überall finden.“

Seine Seele verschloß sich gegen alles und verfiel in lange Erstarrung.

Als er sich von der Erde erhob, war die Grotte ganz in eine blasse, bläuliche Helligkeit getaucht. Baphomet stand da wie ein Gebüsch aus purpurrotem Feuer, und zu seinen Füßen kroch auf dem weißen Körper Daisys, welche dalag, als wäre sie ans Kreuz geschlagen, ein Schatten, wie der des Panthers, und schien sie zu umarmen.

Die Grotte war leer; die übermenschliche Angst um Daisy spannte Zenons ermattete Kräfte so an, daß er vor Angst wie wahnsinnig aus ganzer Kraft ausschrie und sich gegen die Wand warf, als wollte er ihr zu Hilfe eilen.

Plötzlich war alles verschwunden, die bronzene Tür schlug krachend zu, er stand wieder vor der düsteren Ruine, unsicher, zögernd und ratlos wie zuvor, als wenn er nie dort Eingang gefunden hätte.

Wohin kann sie verschwunden sein, dachte er wie zuvor; er konnte sich an nichts mehr erinnern, seine verwunderten Augen glitten über die Ruinen; er ging wieder um das Haus herum, und da er alle Eingänge [168] wieder vermauert fand, blieb er unwillig stehen. Er wußte nicht, was er mit sich beginnen solle.

Es dämmerte schon, der Widerschein Londons schimmerte kaum sichtbar am blassen Himmel, die Sterne begannen zu erlöschen, wie Augen, über die sich eines Sterbenden Lider senken; riesige, zerfetzte Wolken flogen mit einem stummen Schrei ganz niedrig vorüber, der Sturm zerrte an den Bäumen, die in einem schweren Schlafe die durchnäßten schwarzen und schweren Äste erhoben, der Tag stieg langsam und schwer, als wäre er von Kälte und Nässe erstarrt.

Überall schimmerten graue Wasserpfützen, die harten Umrisse der Ruine schienen in der Morgenröte gewaltiger zu werden, die dumpfen und blinden Felder hoben sich mühsam aus der Dunkelheit empor, die Welt wurde langsam sichtbar im Chaos der weichenden Dämmerung.

Auch Zenon war es, als stünde er auf nach einer Nacht des Selbstvergessens, die Kälte und der Sturm hatten ihn wach gemacht. Er dachte nicht mehr nach, er riß sich von den Ruinen los und machte sich eiligst auf den Weg zur Bahnstation.

Unter den Bäumen verbarg sich noch die scheue Nacht.

Er ging durch eine Allee von riesigen Bäumen, die der Wind schüttelte, und die gleichsam das wilde Lied eines Wintermorgens heulten … Im Gebüsch schrie ein verirrter Pfau … Eine Schar von Krähen erhob sich von den Zweigen und verschwand in der grauen Dämmerung des Morgens; zerbrochene Zweige fielen auf Zenon herab; er ließ sich, ohne es zu wissen, [169] in einem Gebüsch nieder, um den Sturm abzuwarten, der immer heftiger wütete.

Und so blieb er dort, als hielte ihn der Sturm gefangen, bezaubert von dem Erwachen der Lebewesen, er wurde eins mit ihnen, vereinigte sich mit ihnen in dem düsteren Heulen des Orkans und sang mit ihm jenes wilde und übermächtige Lied ohne Worte, das Lied der blinden und unsterblichen Gewalten der Natur. Er vergaß, daß er nach Hause wollte, er ging in den Part hinein, irrte unter den Bäumen umher und versank in ihrer Dunkelheit, er war bei Bewußtsein und wußte doch nichts, er erblickte ein Blümchen im verwelkten Grase und preßte es an seine heißen Lippen; eine plötzliche, übermächtige Sehnsucht ließ seine Seele von solcher Liebe und einem so hungrigen Verlangen, mit allem zusammenzufließen, anschwellen, daß er sich erhob, verbrüdert mit Nacht und Sturm, in seinem Empfinden den Bäumen und dem Himmel ähnlich, mächtig durch die Gewalt einer unermeßlichen Rührung, daß er sich an die Bäume schmiegte, vor den Sträuchern niederkniete, daß er die Äste umarmte und das trockene Gras küßte und mit herzlichen Tränen des Glücks diese teuersten und heiligsten Wesen begoß, die er längst verloren und jetzt unverhofft wieder gefunden hatte.