Der Vampir (Reymont)/Viertes Kapitel

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Viertes Kapitel

Sie waren allein geblieben im Reading Room. Zenon hatte diesen Augenblick sehnlichst erwartet, – warum, das war ihm völlig unbewußt. Und als Daisy kam, als sich die Tür hinter dem letzten, der das Zimmer verließ, geschlossen hatte, befiel ihn Scheu und Unruhe; er erhob sich und begann nervös hin und her zu gehen. Er fühlte sich unglaublich erregt, er war nicht imstande, ein einziges Wort zu sagen, und er hatte in diesem quälenden Augenblicke auch nichts zu sagen, er fühlte nur und hatte sogar die peinigende Gewißheit, daß er vor etwas stand, was im nächsten Augenblick aus dem Schweigen hervortauchen könnte; und doch erwartete er nichts Bestimmtes!

Kaum vor einer halben Stunde, während eines geräuschvollen und ziemlich banalen Gespräches, als er sich erhoben hatte, um hinauszugehen, hatte er in ihren Augen ganz deutlich das Geheiß gesehn, er solle bleiben; so war er also trotz der hartnäckigen Bitten Yoes geblieben und wartete mit dem inneren Beben einer peinigenden, ängstlichen Unsicherheit, die ihm wie eine Schlange mit kalten Ringen das Herz umschlang, es langsam zusammenpreßte und alles Blut und jeden Gedanken herausschlürfte.

[99] Miß Daisy spielte irgendein leises, in der Melodie verschwommenes Liedchen, als wenn sie ihn gar nicht beachtete, und er ging immerfort wie ein Irrer im Kreis um die Möbel herum und schaute manchmal durch die Scheiben in den grauen, traurigen Tag hinaus, doch er sah nichts, war fern von allem, einzig und allein vertieft in den Tau von Tönen, der immer leiser herunterfiel … Oder er riß sich auch von diesem wunderbaren Zauber los und schaute auf ihre roten Haare, die wie aus Kupfer gemeißelt schienen, und auf ihre weißen, langen Hände, die über die Klaviatur dahinglitten wie ein süßer Traum.

Sie spielte ohne Unterbrechung und wendete ihm nur hin und wieder ihr blasses, sinnendes Gesicht zu, und dann begegneten sich ihre Blicke für einen Moment; ihre wie aus hartem, kaltem Saphir gemeißelten Augensterne durchdrangen seine Seele, durch und durch; er hielt bebend an, denn es schien ihm, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, in dem sich dieses Etwas, das er erwartete, verwirklichen solle, daß jetzt das Geheimnis reden würde … Doch sie spielte weiter.

Er fühlte sich immer mehr gereizt und beunruhigt, er ging wieder im Zimmer umher und lauerte auf jede Bewegung ihres Kopfes, auf jeden ihrer Blicke, doch diese waren immer gleich kalt, durchdringend und stumm. Schon einige Male war die Empörung in ihm aufgewallt, so daß er energisch der Tür zugeschritten war, doch er konnte nicht fortgehen …

Und so flossen lange, lange Augenblicke in schweigender Erwartung dahin. Langsam, unmerkbar begann [100] die Dämmerung das Tageslicht mit ihrem aschgrauen Staub zu überschütten und wob alles in einen Nebel einschläfernder Träumerei, ließ die Farben erblassen und fiel wie ein flaumiger, zitternder, schwerer Nebel herab.

Zenon sank ermüdet und erschöpft in einen Fauteuil und saß unbeweglich da; diese beunruhigende Stille, dieses Schweigen schlug mit kaum hörbaren Tönen wie ein Hammer in ihm und machte ihn kraftlos durch seine unfaßbare Traurigkeit.

Nein, er konnte nicht fortgehen; er saß da, als wäre er mit unsichtbaren und doch gewaltigen Ketten an diese Gestalt geschmiedet, die in der immer dichter werdenden Dämmerung kaum noch sichtbar war; und er selbst verfiel langsam in die schläfrige Leblosigkeit eines Schweigens, das voll von Trauer, merkwürdigen Trugbildern und im Nebel verfließenden Formen war.

Er erwachte nach einiger Zeit und schaute sich um: die Dämmerung wurde schon zur Nacht, das Zimmer war beinahe unsichtbar geworden, nur die Spiegel sahen ihn an wie leere, entschlummernde Augen; und die große Palme, die auf dem mittleren Tische stand, schimmerte in verschwindenden, dämmrigen Umrissen auf dem bläulichen Hintergrunde der Fenster, über die sich langsam die toten Wimpern der Schatten senkten.

Miß Daisy war in der Dunkelheit nicht mehr zu sehen, doch spielte sie immer noch, aber gleichsam traumverloren, apathisch. Er stand plötzlich auf, mit dem unerschütterlichen Vorsatze, zu ihr zu sprechen, doch ehe er noch den Mund zum ersten Wort geöffnet [101] hatte, kam ihm plötzlich ein brutaler Gedanke, der ihn wie ein Peitschenhieb ernüchterte, – der Gedanke, daß vielleicht nur ihr befehlender Blick das sage, wonach er im Geheimen verlangte; vielleicht sollte dieses weder heute, noch irgend jemals geschehen, und er wartete wie ein Dummkopf, bebend vor Neugier und Angst.

Sie kam nämlich sehr oft in den Reading Room, um zu spielen, und spielte einige Stunden ununterbrochen, – also tat sie wohl auch heute dasselbe, ohne auf ihn zu achten, vielleicht sogar ärgerlich darüber, daß er sie durch seine Anwesenheit störte.

Er empfand den bitteren Geschmack der Enttäuschung und eine tiefe Unzufriedenheit mit sich selbst, – darum schlich er möglichst leise, mit einer gewissen Scham, aus dem Zimmer.

Er wohnte auf demselben Flur des ersten Stockwerks. Und er öffnete gerade die Tür, als das gedämpfte und lang hingezogene Brüllen des Panthers erscholl und nach einer Weile Miß Daisy an ihm vorüberging, doch als bemerke sie ihn gar nicht, trotzdem er im vollen Lichte stand, das Gesicht ihr zugewendet.

Dieser ihn völlig übersehende Blick berührte ihn so unangenehm und verursachte ihm so heftigen Schmerz, daß er in die Wohnung trat und die Tür voller Wut zuschlug; er machte sofort Licht, denn er konnte die Dunkelheit im Zimmer nicht vertragen, und begann mit zitternden Händen den Umschlag eines Briefes aufzureißen, der schon seit dem Frühstück auf dem Schreibtisch gelegen hatte.

[102] Der Brief war von Betsy, aber er konnte trotzdem nicht klug aus ihm werden, konnte weder die Worte miteinander verbinden, noch ihren Inhalt verstehen, so daß er in noch heftigere Erregung geriet, den Brief unwillig hinwarf und hinausging, auf den Flur zu sehen, wo es schon leer und still war.

Ihm war es jetzt schon beinahe gewiß, daß er sich getäuscht hätte, und das erregte eine solche Bitterkeit in ihm, daß er sich lange Zeit nicht beruhigen konnte.

„Ja, denn was hätte sie mir auch sagen sollen? Weswegen hätte sie wünschen sollen, daß ich mit ihr allein bleibe? Eine Täuschung nur, nichts weiter! In diesem verrückten Hause fange auch ich schon an an Hallzinationen zu leiden!“ dachte er und nahm wieder den Brief Betsys; aber dies herzliche, rührende Geplauder seiner Braut ließ ihn kalt, nur seine Augen lasen Seite auf Seite, denn seine ganze Seele war von Erinnerungen an die andre erfüllt; er hörte auf zu lesen und wollte schon in der ersten, ehrlichen Aufwallung antworten, hatte schon die Überschrift geschrieben, doch er wußte einfach nicht, was er schreiben solle, er hatte in diesem Augenblicke nichts zu sagen; er fühlte plötzlich ein heftiges Verlangen, hinaus in die Stadt zu gehen, in den menschenüberfluteten Straßen umherzuschlendern, ganz zu versinken in dem brausenden Gewoge; doch ehe er noch seinen Entschluß ausgeführt hatte, meldete der Diener ihm Mr. Smith.

Herein trat der hagere, gelbe Herr mit den Augen eines gekochten Fisches, etwas gebeugt, vorsichtig, überaus höflich und übertrieben bescheiden.

[103] Zenon bot ihm ziemlich unwillig einen Stuhl an.

„Ich komme gleich mit zwei Bitten zu Ihnen; aber wenn ich störe, dann will ich sofort wieder gehen, wenn es mir auch, offen gesagt, unsagbar unangenehm wäre, wenn ich mich dieser Bitten nicht gleich entledigen könnte; also …“

„O, ich bitte Sie, ich höre Sie mit Vergnügen an.“ Zenon wunderte sich jedoch über diese Einleitung, denn er kannte den Herrn lediglich vom Speisesaal her.

„Verzeihung!“ Mr. Smith stand plötzlich mit einer leisen Bewegung aus, näherte sich der bronzenen Psychestatue, die neben dem Schreibtische stand, setzte seinen Kneifer auf und begann zärtlich ihren wunderbar geformten Schenkel zu streicheln.

„Sie ist wunderbar, der höchste Ausdruck von Vergeistigung,“ flüsterte er, während er seine Hand voll Wohlbehagen über die keuschen, mädchenhaften Formen gleiten ließ.

„Also erstens: ich bitte Sie, Mr. Zenon, an un- unserer morgen stattfindenden Seance teilzunehmen,“ las er aus seinem Notizbuch vor, während er sich aus seinen alten Platz setzte.

„Ich bin überaus begierig, auch die zweite Angelegenheit zu vernehmen.“ Zenon zwang sich zur Höflichkeit.

„Verzeihung!“ Und wieder glitt der andre mit einer geduckten, katzenartigen Bewegung zu einer bronzenen Antinousstatuette, die in der Ecke auf dem Hintergrunde einer veilchenblauen seidenen Draperie stand.

Er streichelte wiederum ihre Hüften, knipste mit [104] dem Fingernagel an ihr Knie, daß das Erz erklang, setzte sich wieder und las: „Ich bitte Mr. Zenon, Mr. Yoe zu bewegen, an dieser Seance teilzunehmen.“ Der gelbe Herr neigte seinen Kopf und bohrte seine von roten Ringen umränderten Fischaugen in die Porzellanfiguren, die auf dem Kamin standen.

„Ich bedauere sehr, doch muß ich Ihnen eine Enttäuschung bereiten. Ich bitte vielmals um Verzeihung, doch ich nehme niemals an Seancen teil und beschäftige mich nicht mit Spiritismus, – ich war damals nur auf Yoes Bitte dort.“

„Auch Miß Daisy wird dort sein,“ fügte Mr. Smith hinzu, gleichsam unwillkürlich, und wendete sich scheu ab.

„Ich werde kommen.“ Zenon zögerte einen Augenblick. „Aber was Yoe anbetrifft, so verspreche ich keineswegs, auf ihn in dieser Richtung einzuwirken, ich finde sogar, daß er bereits allzusehr vom Spiritismus absorbiert wird.“

„Leider, aber das war nur früher so, denn seit der Ankunft des Mahatma ist er den früheren heiligen Grundsätzen und den Brüdern untreu geworden. O, mit Mr. Yoe steht es gegenwärtig sehr schlimm, sehr schlimm, Sie wissen? …“

„Ich weiß nichts, gar nichts.“

„Es ist kein Geheimnis mehr, – ich kann davon, wenn auch nicht ohne einen gewissen Schmerz, reden; aber wenn Sie’s nicht zu hören wünschen, wenn Sie …“ Mr. Smith stotterte ängstlich.

„Im Gegenteil, Yoe geht mich nur zu sehr an.“ Die ängstliche Stimme des andern begann Zenon zu beunruhigen.

[105] „Nun also, er hat sich auf Fakirexperimente eingelassen, er bereitet sich, um es deutlich zu sagen, unter Führung des Mahatma vor, ein Yoghi zu werden. Ist es schon lange her, daß Sie ihn gesehen haben?“

„Es ist drei Tage her; ich dachte, er wäre verreist, denn er ist nie zu Hause.“

„Er ist wohl zu Hause. Seit zwei Tagen sitzt er eingeschlossen da, sitzt auf derselben Stelle, ohne zu essen, ohne zu trinken, und will so lange dasitzen, bis er sich selbst sieht, bis er in zwei Personen zerfällt … Ein gefährliches Experiment …“

„Ich höre es mit Entsetzen; er hat mir nichts von diesen Übungen gesagt.“

„Wir haben es erst gestern erfahren, auf der Seance. Miß Daisy hat es uns mitgeteilt.“

„Wenn ich auch die Tür einrennen müßte, – ich muß zu ihm, muß ihn aus diesem Wahne herausreißen. Ich danke Ihnen sehr für diese Nachricht.“

„Wir sind besorgt um ihn; er empfängt keinen von den Brüdern, er hat alle Bande mit uns zerrissen; und dann, wenn er Miß Daisy ins Garn gehen sollte …“

„Ja, was dann?“ kam es plötzlich entsetzt von Zenons Lippen.

„Dann kann er für alle Ewigkeit verloren sein!“ flüsterte Mr. Smith düster, während er sich die Figürchen aus dem Kamine ansah.

„Wer ist also um Gottes willen Miß Daisy?“

„Das ist ein Geheimnis … Niemand weiß davon … [106] Man soll nicht danach fragen …“ schrie der gelbe Herr beinah und hielt sich die Ohren zu, um die Fragen nicht zu hören.

„Wozu ein Geheimnis daraus machen? Diese künstliche Geheimnistuerei scheint mir beinahe schon wie Betrug.“

„Hüten Sie sich davor, es zu enthüllen. Es gibt Dinge, an die man mit gewöhnlicher Neugier nicht herandarf, denn sie rächen sich. Du bist ‚ein Ungläubiger‘, drum spielst du wie ein Kind mit der Flamme, ohne zu wissen, daß sie dich jeden Augenblick erfassen kann … O, ich warne dich sehr: halte dich fern von Miß Daisy! Das ist ein unheilverkündendes Feuer. Wir selbst fürchten sie … Sie erscheint auf den Seancen und vollbringt Wunder, wie sie niemals jemand erträumt hat, sie enthüllt erschütternde Dinge und verkündet solche Wahrheiten, daß … daß wir allen Grund zu Befürchtungen haben … Wir haben allen Grund, ihre Macht zu fürchten, und den Verdacht, daß sie eine Abgesandte nicht des Herrn, sondern ‚Jenes‘ ist, vielleicht sogar seine Verkörperung …“

„Wessen?“ fragte Zenon leise und zuckte unbewußt zusammen.

„Des Baphomet!“ flüsterte Mr. Smith ängstlich, nahm eine Prise Salz aus der Westentasche und verstreute sie abergläubisch ringsherum.

„Baphomet?“ wiederholte Zenon, – er verstand nichts davon.

„Still, sprechen wir diesen Namen nicht mehr aus, o Gott,“ schrie der gelbe Herr plötzlich laut auf und [107] sank in einen Stuhl, denn es erscholl ganz nah das erschütternde Brüllen des Panthers.

Zenon eilte auf den Flur hinaus, – es war ihm, als hätte Bagh direkt vor seiner Tür gebrüllt, doch der Gang war ganz leer.

„Er scheint im Käfig zu brüllen, – vielleicht ist er hungrig!“ erklärte er und bemühte sich, ruhig zu bleiben.

„Nein, nein, darin muß irgendein Zeichen der Verständigung sein; denn übrigens: weiß ich, ob Bagh nur ein Tier ist? Ich weiß nicht …“

„Was ist er denn sonst? Doch nicht etwa gar Baphomet selbst?“ rief Zenon höhnend.

„Still, still … Unseliger, du kannst nicht wissen, ob dieser Name, so ausgesprochen, nicht in diesem Augenblick jemand den Tod bringen, Unglück oder Krankheit bedeuten könnte.“

„Ja, was denn, er nimmt ihn auf die Hörner und trägt ihn auf den Blocksberg?“ spottete Zenon boshaft.

Alles ist ein schreckliches Geheimnis. Rings um uns ist Dunkel, in dem die Angst und der ewige Tod lauern. Es gibt tötende Worte, es gibt Namen, bei deren Klange Welten in Staub zerfallen, es gibt Wünsche, die ohne unseren Willen in Erfüllung gehen, es gibt Gedanken, von denen die Bewegung der Sterne abhängt. Wir irren tastend im ewigen Dunkel, als wären wir blind von Geburt, und klammern uns in verzweifelten: Glauben an Staub und rufen mit großer Stimme: Es gibt nichts außer unserer blinden Torheit! Doch die Welt wird einst [108] sehend werden, in Schmerzen sehend werden! Mag sie die Propheten steinigen, mag sie sich an ihrer eigenen Seele weiden, – so oder so muß sie erlöst werden durch die ganze Kraft unseres Glaubens, unserer Sehnsucht, denn wir werden sie aus den Strudeln erretten, sie aus der Gefangenschaft der Sünde befreien … Unsere Wahrheit wird die Welt erlösen! Doch bis dahin herrscht ‚Jener‘ noch und regiert die Welt, er wohnt in allen Herzen und lauert und führt einen verzweifelten Kampf mit Gott, flüsterte Mr. Smith heiß und erhob sich von seinem Platze.

„Das sind alte, längst verwehte Sagen, längst gestorbene Mumien von Symbolen, die in unserem allernüchternsten Jahrhundert, bei dem allernüchternsten der Völker von den Toten erwachen, – die urewige Sehnsucht der Seelen nach dem Sein, die urewige Angst vor dem Tode …“

„Haben Sie die ‚Enthüllte Isis‘ gelesen?“ fragte Mr. Smith ganz unerwartet.

„Ich habe sie gelesen, oder vielmehr Yoe hat sie mir auseinandergesetzt, und ich bin zu dem Schlusse gekommen, daß die Blawatska eine ganz gewöhnliche, ja sogar ordinäre Betrügerin ist, und ihr Buch ein Wust von Blödsinn und bewußten Lügen, die auf guten Glauben und menschliche Naivetät spekulieren!“

„Das bedeutendste Weib, das das Menschengeschlecht je erzeugt hat, die erste Heilige unserer Kirche; und Sie urteilen über sie wie über eine Straßengauklerin,“ jammerte der gelbe Herr.

„Ich bitte vielmals um Verzeihung. Aber diesen [109] Eindruck habe ich aus den Berichten über sie davongetragen.“

„Ich garantiere Ihnen: Sie würden sie verehren, wie auch wir sie verehren. Sie ist vor einigen Tagen nach London gekommen. Morgen kommt sie in die Loge mit Oberst Olcott. Ich will Sie gern einführen, die Seance wird ganz außergewöhnlich sein, es sollen Apporte vom Dalai Lama selbst kommen … Sie ist das größte Medium auf der ganzen Welt!“

„Ich danke, – ich habe die Wunder schon satt.“

„O Gott, welche Lästerung!“

„Ja, denn was tut’s, daß ich ein Wunder sehen werde, wenn ich es nicht verstehe? Wer wird mir das Wunder erklären?“

„Ja, sie wissen sehr wenig, sehr wenig. Verzeihen Sie, lassen wir diese Frage! Ich muß gehen, aber vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, Yoe zu sagen, daß ‚Sie‘ sich danach sehne, ihn möglichst bald zu sehen.“

„Ich wußte nicht, daß sie persönlich miteinander bekannt sind.“

„O, es ist eine alte Verehrung bei Yoe, noch von Bengalen her,“ flüsterte Mr. Smith, ließ einen wollüstigen Blick über den Antinous gleiten und ging hinaus.

Zenon aber eilte schleunigst ins zweite Stockwerk zur Wohnung Yoes hinauf, da er infolge der Erzählung der Mr. Smith sehr in Unruhe um ihn war; doch er mußte lange pochen, bis ihm schließlich ein hochgewachsener zimmtfarbener Malaie die Tür öffnete; dieser Mensch war schön wie Antinous und [110] trug die Haare nach Frauenart in Zöpfe geflochten und auf dem Kopfe aufgesteckt, wo ein hoher, goldener smaragdbesetzter Kamm leuchtete.

„Mr. Yoe ist nicht zu Hause,“ behauptete er hartnäckig und wollte Zenon nicht einlassen.

„Er muß da sein, denn heute sollten wir hier zusammenkommen, und er hat doch seit zwei Tagen das Haus nicht mehr verlassen.“ Zenon versuchte es mit einer List, nur um in die Wohnung hineinzugelangen.

„Ich weiß nicht, aber Sie sind hier nicht verzeichnet, während doch hier die Namen aller derer stehen, die ich einlassen darf.“ Er zeigte ein Blättchen, auf dem etwas in Hieroglyphen geschrieben stand.

„Er hat offenbar vergessen, mich aufzuschreiben; du kennst mich aber doch und weißt, daß ich immer ohne vorherige Anmeldung komme.“

„Aber das Opfer hat schon seinen Anfang genommen.“

„Ich habe mich verspätet.“ Zenon konnte die Bedeutung dieser Worte nicht verstehen.

„Es geht nicht … nein …“ Der Malaie wehrte sich immer schwächer, – er wußte nicht, was er tun solle, denn er wußte sehr wohl von Zenons Freundschaft mit Mr. Yoe. Doch jener achtete nicht mehr auf seinen Widerstand und drang beinahe gewaltsam in das Vorzimmer.

Der Malaie kratzte sich verlegen hinterm Ohr, verschloß die Tür mit einem ganzen System von Schlössern und führte Zenon in ein Seitenzimmer, wo auf einem niedrigen Tische, in einem siebenarmigen Leuchter aus Erz, sieben hohe, gelbe Wachskerzen brannten; [111] ringsherum an den Wänden standen breite Sofas, die mit gelber Seite überzogen waren, auch die Wände strahlten golden in den reinen Farben chinesischer Seide, auf die goldene Drachen gestickt waren. Der Malaie reichte ihm einen langen Schleier, der dünn war wie Spinnweben, durchsichtig wie Wasser und veilchenfarben, und öffnete die Tür zum benachbarten Zimmer.

Zenon hielt einen rauschenden, wunderbar weichen Stoff in den Händen; er wagte nach nichts zu fragen, um nicht zu verraten, daß er nicht zu den Eingeweihten gehörte. Und erst, als der Diener hinausgegangen war, rührte er sich vom Platze.

„Was soll das alles heißen? Was für ein Opfer hat begonnen?“ dachte er, während er sich erstaunt umsah. Noch niemals war er in diesem Teil der Wohnung gewesen, er hatte nicht einmal etwas von seiner Existenz geahnt … Er schaute durch die angelehnte Tür ins benachbarte Zimmer, doch er zog sich wieder zurück, denn dort war es so völlig dunkel, als wäre alles ganz mit Wandschirmen verstellt. Er nahm eine Kerze und begab sich ins Innere der Wohnung, durchschritt Zimmer für Zimmer: überall herrschte Dunkelheit, Leere und Stille, nirgends eine Spur von Menschen … Erst in dem Zimmer, wo die Seance stattgefunden hatte, vernahm er ein gedämpftes, undeutliches Geräusch, ein Stöhnen, das wie aus der Erde kam … Manchmal ertönte etwas wie ein Schrei in ersterbendem Echo, und wieder herrschte dumpfe Stille. Zenon blieb beklommen stehen, er konnte nicht begreifen, woher die Stimmen kämen. In dem Zimmer [112] war es nämlich leer, wie überall, nur durch die Scheiben schauten die Schatten der Bäume herein, und ferne Lichter spiegelten sich wie goldene Spinnweben im Glase.

Nach einer Weile erzitterten diese unerklärlichen Stimmen aufs neue, und gleichsam näher, deutlicher, wie ganz nahe bei ihm, so daß er entsetzt zurückwich, daß seine Kerze erlosch und ihn wieder Dunkelheit umfing; aber erst da merkte er, daß dieses gedämpfte, merkwürdige Geräusch von dem runden Zimmer herkam; er tastete sich nach der Tür und öffnete sie geräuschlos, aber noch war die Öffnung von einem dicken, schweren Vorhang verdeckt, und die Stimmen, mit denen sich Musikklänge verwoben, erschollen so nahe, daß er den Vorhang etwas hob und ein wenig hineinschaute; aber da erstarrte sein Blick, und er wich entsetzt zurück.

Er flüchtete geradezu in das Seancezimmer, zündete eine Zigarette an und preßte seine Stirn an die Fensterscheibe, um sich von seinem Entsetzen zu erholen.

„Ich sehe es wohl: das hier bin ich … ich fühle die Kühle … weiß, wo ich bin … ich muß doch bei Besinnung sein,“ überlegte er langsam, denn das, was er dort gesehen, hatte ihn mit wahnsinniger Furcht erfüllt.

„Ich sah es, aber das ist unmöglich … Ich habe es mir nur eingebildet … Als hätte mich jemand aufs Hirn geschlagen …“ dachte er ängstlich und konnte sich nur mit Mühe von diesem gleichsam im Wahnsinn Geträumten losmachen.

[113] Erst nach längerer Zeit, als er schon völlig ruhig geworden war und sich überzeugt hatte, daß er bei Besinnung sei, ging er wieder hin und schaute furchtsam hinein.

Das große runde Zimmer war ganz in ein sanftes, bläuliches Licht getaucht, – ein bläulicher Teppich war über den Fußboden ausgebreitet, und bläulich waren die leeren, fensterlosen Wände, die nur hier und da mit heiligen, in Gold gemalten Zeichen verziert waren; von einer bronzenen griechischen Lampe, die von der Decke herunterhing, floß ein gedämpfter, nebliger Schimmer herab; in diesem ein wenig einschläfernden Halblicht, in dieser mondartigen Beleuchtung bewegten sich wie in einer Unendlichkeit, die nur vom Sternenschimmer unterbrochen wird, in dem berauschenden Dufte von Orchideen, die aus goldenen Körben herabhingen, unter den Klängen unbekannter Instrumente barfuß gespensterhafte Gestalten, die beinahe nackt waren; denn ihre Körper waren von bunten Schleiern verhüllt, die durchsichtig wie Wasser waren; nur ihre Gesichter, ihre Köpfe waren sorgfältig verhüllt; es sah aus wie ein Reigen von verdammten Geistern, die einen wilden Tanz aufführten und sich mit langen, grünen Bambusrohren schlugen.

Yoe saß in der Mitte auf einem Teppich, ganz nackt, zusammengekauert, unbeweglich, und schaute mit einem stumpfen, gleichsam erstarrten Blick vor sich hin, – er war wie eine Leiche, taub für alles; er war völlig blind und empfindungslos diesem tollen Wirbel gegenüber, der immer schneller sich drehte, in allen [114] Farben des Regenbogens, von heiseren Stimmen und schmerzlichem Zischen unterbrochen, das aus den weißen, wogenden Leibern drang.

Sieben Männer und Weiber drehten sich in einem tollen, mystischen Tanze, geißelten sich wie besessen, schrieen wie geistesabwesend oder schluchzten krampfhaft; sie geißelten sich mit der ganzen Wonne des Schmerzes, im heiligen Verlangen nach Wunden und Qualen, wie Märtyrer im Opferwahnsinn, sie geißelten sich gegenseitig, wo sie einander erreichen konnten, zusammengedrängt in einem wahnwitzigen Wirbel, verblendet und in konvulsivischen Zuckungen … Die Hiebe hagelten immer dichter, die Bewegungen wurden immer unfaßbarer, und rote Striemen wanden sich immer enger wie Schlangenringe um die weißen Leiber, – das Blut spritzte … Manchmal fiel jemand mit einem furchtbaren Schrei zur Erde und kroch zu Yoes Füßen, küßte seine nackten Füße, ohne es zu achten, daß dieser ganze Strom über ihn hinwegging, ihn trat und weitereilte; ein andrer wieder riß sich von dem tollen Reigen los, schlug mit dem Schädel gegen die Wand, brüllte mit unmenschlicher Stimme furchtbar, wahnsinnig, und fiel dann wie leblos zur Erde.

Plötzlich fielen alle aufs Gesicht, und es erhob sich ein erschütternder Chor todmüder Stimmen, ein Chor von Litaneien und jammernden, tränenerstickten Klagen:

„Für die Sünden der Welt nimm unsere Schmerzen!“

„Für die Sünden der Welt nimm unser Blut!“

Und dann geißelten sie sich mit einer noch fürchterlicheren, ekstatischeren Raserei; Grauen erfüllte das [115] Zimmer, es blieb nur noch ein seelenloses Chaos von Schreien, Düften, Tönen einer unsichtbaren Musik, schmerzhaften Geißelhieben und toll unherwirbelnden, bluttriefenden Leibern; eine blinde Raserei, ein furchtbarer Sabbath besessener Seelen, erschüttert von den Schauern des Wahnsinns und des Todes.

Zenon stand am Vorhang, gleichsam in einen quälenden, unwahrscheinlichen Traum versunken; seine Augen irrten umher, er horchte und konnte es noch nicht glauben … Er schloß die Augen, er kniff sich in die Hände, um sich von seinem Zustande zu überzeugen, jedoch diese blutige, rasende Vision wollte nicht verschwinden.

Erst nach dieser Hymne, die mehrere Male erscholl, verstand er, daß das, was vor seinen Augen geschah, die wirklichste Wirklichkeit war.

Er versuchte, jemand zu erkennen, doch man konnte kein einziges Gesicht unter dem Schleier hervorreißen. Nur an den geschmeidigen Formen, der straffen Brust, dem langen Schwanenhalse und an den roten Locken auf ihrem weißen Nacken glaubte er, Miß Daisy zu erkennen.

Er glaubte es nicht, und doch ahnte er, daß sie es war, zuweilen meinte er sogar ihre Stimme unterscheiden zu können, und dann erstarrte er in einem wilden, schon nicht mehr menschlichen Schmerze, es erfaßte ihn eine solche Raserei, daß er zu ihr hinstürzen, sie herausreißen, sie weit forttragen, ihre Wunden küssen und mit heißen Lippen die Ströme von Blut aussaugen wollte, die an ihren Beinen herabflossen.

[116] Er beherrschte sich noch zur rechten Zeit, doch er fühlte, daß ihn Fieber befiel, ein blutiges Verlangen ihn erfüllte nach Geißelhieben und Wunden, daß dieses wilde und wollüstige Verlangen nach Blut sich in ihm zum Sprung dehnte wie ein hungriger Panther, – nur einen Augenblick noch, und er müßte sich hineinstürzen … So nahm er also seine ganze, schon übermenschliche Willenskraft zusammen und floh, wie von Furien des Grauens und der Angst gejagt.

Er wußte nicht mehr, wie und wann er sich mitten in der Stadt gefunden hatte, – in irgendeiner breiten Straße, in einer laut schreienden Menge und mitten im fieberhaften Treiben der Weltstadt.

Die blendenden Lichter der elektrischen Bogenlampen, die Transparente an den Balkonen, die erschütternden Schreie der Massen, der rasende Verkehr und der Tumult hatten die Straße gleichsam zu einem mächtigen, aufgepeitschten Strome gemacht, in den er versank, tief auf den Grund, ohne zu verstehen, ohne zu wissen, was rings um ihn geschah, und wohin ihn diese rauschenden Menschenwogen trügen.

Und die Massen wurden immer größer, sie ergossen sich von allen Seiten wie eine Lawine, sie drangen in geräuschvollen Bächen aus den Nebenstraßen und überfluteten die ganze Oxford-Street mit einem wogenden und schreienden Gedränge; Tausende von Zeitungen flatterten über den Köpfen, Hunderte von aufgehaltenen Cabs und Omnibussen wankten hoch über den Köpfen der Massen, und beinahe aus jedem schrie irgendein Mensch heraus und versuchte das unaufhörliche Getöse zu übertönen, [117] Tausende von Hüten hoben sich hoch, Tausende von Kehlen schrien aus ganzer Kraft, ohne Unterlaß, doch das Chaos wurde immer noch gewaltiger, denn vom anderen Ende der Straße drangen dröhnende, mächtige Trompetenstöße herüber; aber Zenon hörte dies alles nicht, denn vor seinen Augen tanzten immer noch nackte, blutige Leiber, und er hörte das Saufen der Bambusstöcke über seinem Kopfe, so daß er sich unbewußt duckte, als wolle er den Hieben entgehen, und immer noch verfolgte er mit ängstlich lauernden Augen einen langen Hals und rote Haarsträhne, die unter dem Schleier hervorquollen …

„Aber vielleicht ist sie es nicht?“ dachte er plötzlich, während er sich mit Mühe von der Vision losriß. „Ich habe doch keinerlei Sicherheit, es schien mir nur so, ich ahnte es nur wegen des roten Haars und der Figur … Unsinn, es muß Tausende in dieser Masse geben, die ihr ähnlich sind … Also konnte auch dort eine Ähnliche sein … aber konnte sie es nicht auch selbst sein?“

In ihm begann ein dumpfer Kampf, ein heftiger, böser und hinterlistiger Kampf, denn er wehrte sich mit der ganzen Kraft des Herzens gegen Vermutungen. Jedoch schon der Gedanke allein, sie könnte dort gewesen sein, dort inmitten dieser besessenen, sich geißelnden Schar, erfüllte ihn mit wilder Pein, mit unsagbarer Qual … Und die Stimme des Verdachtes, eine neidische, böse Stimme, wurde stärker in ihm und zischte wie Schlangen …

„Wer weiß, wer sie ist, wer weiß es?“ höhnte er sich selbst.

[118] „Eine Abenteurerin, ein Medium, das zu verschiedenen Experimenten verwendet wird,“ fügte er hinzu, indem er sich mit immer schrecklicheren Vermutungen peinigte. „Und übrigens, was geht es mich an, – sie kann sich geißeln, wann sie will, sie kann sich meinetwegen zu Tode geißeln. Ich habe es satt“ … Und plötzlich vergaß er alles, denn einige Schritte vor ihm tauchte aus der Menge ein Kopf hervor, der Daisy so ähnlich war, daß er eiligst hinzustürzte, doch sie verschwand im Gedränge; denn gerade in diesem Augenblicke begann die Menge heftig zu wogen, das Orchester nahte, die Trompeten erdröhnten markerschütternd, und aus allen Kehlen erbrauste die „Hymne der Königin“ wie ein Orkan. Er kam völlig zum Bewußtsein, als man ihn an eine Mauer drängte, so daß ihm beinahe die Rippen brachen; er erfuhr zugleich, daß es der Sieg über Arabi-Pascha war, der die Massen so begeisterte, daß ganz London vor Freude wie betrunken war.

„Ah, der Teufel hole euch mit euren Siegen!“ fluchte er wütend. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, so von allen Seiten gestoßen, gedrückt und an die Wände gepreßt wie ein Klotz, denn die Menge drängte in gedankenloser Eile dem Orchester nach. Endlich gelang es ihm, in eine Nebenstraße einzubiegen, wo er wieder aufatmen und seine Gedanken ein wenig sammeln konnte. Aber da er nicht wußte, was er mit sich beginnen sollte, schleppte er sich fürchterlich ermüdet durch gleichgültige öde Gassen dahin; er ging, nur um zu gehen, nur um weiter, tiefer in die Stadt zu versinken, um vor diesen schrecklichen Erinnerungen [119] zu flüchten, vor sich selbst und vor den Leuten; doch lange noch, wie der Widerhall eines Gewitters, folgten ihm die tobenden Stimmen der Massen und die ohrenbetäubenden Klänge der Trompeten … Und er hatte nichts vergessen, er erinnerte sich, man hatte ihm vor nicht allzu langer Zeit im Klub von dem Bestehen einer spiritistischen Geißlersekte erzählt. Damals hatte er gelacht und es nicht geglaubt. Und jetzt! Jetzt hatte er es mit seinen eigenen Augen gesehen.

Waren doch dort unter ihnen auch Joe und sie gewesen! Er schüttelte sich und erblickte den Freund wieder vor sich, nackt, zusammengekauert, wieder sah er den blutigen Körper Daisys und ihre wunderbare, straffe Brust, von blutigen Striemen zerschnitten … Auch jede dieser Wunden hatte ihre eigene Stimme und schrie in seinem Herzen voll Schmerz und Klage, – er fühlte sie alle in sich selbst, sie brannten ihn, ergossen lebendiges, warmes Blut über ihn und peitschten ihn mit Raserei.

Wütend schob er die Passanten zur Seite und fing an zu rennen wie ein Wahnsinniger, so daß die Leute stehen blieben und sogar ein Schutzmann ihm nacheilte; doch er rannte immer schneller, gejagt von dem Sausen der Bambusstöcke und dem Bilde ihres blutigen Körpers, den er so nahe, so lebend vor sich sah, als brauchte er nur die Hände auszustrecken und danach zu greifen …

Erst die Themse versperrte ihm den Weg, die Dunkelheit und die Stille lähmten ihn, er setzte sich ganz apathisch auf eine Treppe, die zum Flusse führte, [120] unter ihm plätscherte das Wasser und netzte sein heißes Gesicht; manchmal bildeten sich in der Dunkelheit lange zischende Wellen, wie Schlangen, und krochen leise heran, seine Füße zu umfangen; er fühlte es nicht, da er in die Dunkelheit starrte.

Schwarze, bewegliche Wassermassen schossen im undurchdringlichen Dunkel mit melancholischem Rauschen vorbei; sie flüsterten dumpf und ängstlich und flossen dahin, immerfort und unaufhörlich, wie auf einer ewigen Jagd, in einer ewigen Klage über diese unaufhörliche Mühe, diese tödliche Mühe. Es gab keinen Himmel, keine Sterne, nur ein fahler Schimmer lag gleich feuchtem Staub über der Stadt; das Wasser war öde und still, an den verlorenen, unkenntlichen Ufern blitzten Laternen auf und regten sich wie rote und goldene Blumen, und die weiten Brücken hallten schläfrig und spiegelten ihre bunten Lichter in dem zitternden, düsteren Flusse wieder.

Manchmal glitt ein Schiff durch die Dunkelheit, seine erleuchteten Fenster tauchten gespensterhaft auf und verschwanden wieder, wie etwas, was nie gewesen wäre. Und dann und wann drang von der Stadt der geschwächte Widerhall ihres Getöses herüber und verhallte bald wieder lautlos über dem Wasser …

Zenon saß wie tot vor Ermüdung und so in sich verloren und so fern von allen äußeren Dingen, daß er, so oft auch auf dem Granitufer Schritte hörbar wurden, sie gar nicht hörte: ja er wußte nicht einmal, daß schon einige Male eine Gestalt hinter ihm aufgetaucht war, und daß lauernde Räuberaugen [121] durch die Nacht funkelten … In diesem Augenblicke wußte er von nichts, dachte er an nichts, seine Seele war bewußtlos in die Dämmerung gesunken, sie war wie jenes Boot, das sich zu seinen Füßen auf den Wogen schaukelte, – tot und leer … Er hörte nur das leise, ängstliche Flüstern des Wassers, gleich wie das Flüstern seines eigenen Herzens, er fühlte, wie sich undurchdringliche Nacht in ihm ausbreitete, eine wohltuende Nacht, die erfüllt war von dem leisen Weinen frierender Bäume, von dem traurigen Geplätscher des Wassers und von einer wunderbaren, unsagbaren Sehnsucht.

Ihm war, als läge er mitten in den Wellen und flösse in die Unendlichkeit des Vergehens und Vergessens dahin, als wäre er nur noch dieses unstillbare traurige Weinen, und die Nacht umfänge mit ihren kühlen mütterlichen Händen sein schweres, erhitztes Haupt, wiege es zärtlich, wiege es mit einer beseligenden süßen Bewegung und sänge irgendein vergessenes Lied, ein Lied der Kindheit und des gestorbenen Geheimnisses. Er hätte vielleicht die ganze Rache so dagesessen in diesem seligen Sichselbstvergessen, wäre plötzlich nicht über ihm eine strenge und dröhnende Stimme laut geworden: „Ich rate Ihnen von hier fortzugehen, – es ist hier kalt und gefährlich.“

„Aber still und gut,“ erwiderte er unwillig und stand auf, denn der Schutzmann hatte ihn unter den Arm genommen und führte ihn weit fort vom Flusse.

„Erlaubt ihr einem nicht einmal, sich zu ertränken?“ fragte er ironisch.

Doch der Schutzmann führte ihn bis zu den beleuchteten [122] Straßen, sah ihn genau an und entfernte sich, ohne ein Wort zu sagen.

„Wenn er mich verhaften würde, brauchte ich wenigstens nicht nach Hause zu gehen,“ dachte er und überlegte einen Augenblick, ob er ihm nicht folgen und ihn darum, wie um die größte Gnade, bitten sollte; doch der Schutzmann war bereits verschwunden. Er war allein geblieben und schaute sich ratlos in der öden Gasse um, er hatte weder Lust, nach Hause zu gehen, noch sonst irgendwohin. Er hätte sich am liebsten an die erste beste Wand gesetzt und wäre da geblieben; er würde dies auch getan haben, hätte ihn nicht das Quietschen der Ratten, die in den Rinnsteinen vorüberhuschten, mit Ekel erfüllt. Er schleppte sich weiter fort und fühlte plötzlich, daß ihm furchtbar kalt war und daß er Hunger hatte.

Am Strand war es schon beinahe leer, nur dann und wann wälzten sich aus den Schenken der Seitengassen Scharen von Betrunkenen und begannen mit heiserer Stimme zu singen; die Mehrzahl der Geschäfte war geschlossen, es war schon ziemlich spät; geöffnet waren nur noch die unzähligen Bars. Und auf den Trottoiren spazierten eine Menge geschminkte Weiber und belästigten ihn immerfort mit ihren Blicken, die dreisteren nahmen ihn direkt unter den Arm und zogen ihn in die dunklen Gäßchen hinein; er machte sich, ohne ein Wort, aber sanft, los und suchte, wo er sich etwas stärken könnte.

Er schaute in viele Schenken hinein, doch ihr Inneres, das von Alkoholdunst und dem Lärmen Betrunkener [123] erfüllt war, schreckte ihn ab, so daß er sich zurückzog und wo anders sein Glück versuchte.

Durch die Straße huschte eine Menge von verdächtigen und merkwürdigen Gestalten, geheimnisvolle Gruppen versammelten sich in den dunkeln Seitengäßchen, und unter ihnen ging ein alter, grauer Mann umher und verteilte grüne und rote Kärtchen mit heiligen Sprüchen, die die Schande der fleischlichen Sünde verdammten; er lächelte traurig und verschwand eiligst, damit nicht eine Faust auf seinen Rücken herabsause.

Er ging auf die andere Seite der Straße, denn dort, in den dunkeln Nischen der Häuser, bei den vielen Theatern, vor den noch erleuchteten Agenturen der Zeitungen, wo sich noch mehr Leute versammelten und wo nur die Silhouetten der lesenden Mädchen zu sehen waren und ein lockendes Zischen zu hören, dort ging ein hochgewachsenes, schwarz gekleidetes Weib, welches mutig die heiligen Sprüche verteilte, manchmal sogar schleichend einem Paare den Weg vertrat, ohne auf die Beschimpfungen, die Stöße und die gemeinen Redensarten zu achten, mit denen sie die wütend gewordenen Mädchen traktierten; sie nahm alles mit Demut hin, sie neigte ihren Kopf und ging unermüdet weiter, ihr heiliges Werk der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit zu verrichten.

Zenon blieb vor ihr stehen und streckte die Hand aus, sie hob ihr blasses, schönes Gesicht und reichte ihm eine ganze Hand voll Kärtchen. Er sagte schüchtern:

„Sie säen unermüdlich das gute Wort.“

[124] „Ich war sündig. Der Herr hat mich erleuchtet und mich emporgehoben aus dem Abgrund der Schande, darum tue ich jetzt Buße …“ entgegnete sie streng und salbungsvoll.

„Gehören Sie zur Heilsarmee?“

„Ich gehöre zur Kirche ‚Der Bezwinger der Sünde‘.“

„Zur Kirche, die das Böse mit Sprüchen bekämpfen will?“ Seine Stimme klang ironisch.

„Wenn diese ihre Seele nicht speisen, wird ihnen auch das Brot zu Stein werden.“

„Und wer wird sie aus dem Elend erlösen?“

„Wer, Herr? Unsere Kirche, die das Böse bis auf den Grund vernichtet und deren Waffe das Gute ist …“

„Hier sind Erklärungen und Berichte über unsere Tätigkeit.“ Sie reichte ihm ein dünnes Heftchen.

„Fürchten Sie keine Beschimpfungen und Gefahren?“

„Mit mir ist der Herr!“

„Das mag sein, aber Sie sind jung, schön und wehrlos,“ flüsterte er unwillkürlich.

Sie maß ihn düster mit ihren schwarzen, großen Augen.

„Deine Schönheit ist nur ein Schein, womit der Satan dich zur Sünde verleitet, eine Maske, die eine übelriechende Leiche verdeckt, also hasse und verachte sie!“ Sie sagte es fanatisch und ging.

Er zuckte mit den Achseln und trat jetzt, ohne zu zögern, in die erste beste Schenke. Am Büfett standen zwei grell geputzte Mädchen, er achtete nicht auf ihre Einladungen und ging in einen großen niedrigen [125] Saal, der ganz in Einzellogen eingeteilt war, und ließ sich etwas zu essen geben.

Bald hatten sich in die benachbarte Loge Mädchen gesetzt und schauten über die Scheidewand oft zu ihm hinein, doch er bemerkte es nicht, denn er aß schnell und trank gierig und viel.

Er trank fast nie, empfand also jetzt ein merkwürdig schmerzhaftes und doch aufregendes Wohlbehagen, wie er so Glas um Glas leerte. Der Schnaps beruhigte ihn, die Ermüdung wich, seine Gedanken wurden langsam klarer, und es durchdrang ihn eine wohltuende Wärme.

Er wurde schnell betrunken, wie er sich so immerzu einschenkte, es umfing ihn eine stille Wehmut und eine angenehme, wollüstige Schwerfälligkeit, und er lächelte sich selbst zu, mit einem dummen, trunkenen Lächeln. In der Schenke wurde dann und wann ein Gröhlen laut, man hörte die heiseren Schreie der Mädchen, der Rauch von Zigarren und Pfeifen verhüllte das Licht mit einer beißenden Wolke, und ein ekelhafter Geruch von Tabak erfüllte den ganzen Saal; aber Zenon fühlte nichts mehr davon, er hörte nichts, es umfing ihn eine so trunkene Rührseligkeit, daß er weinen wollte über sich selbst; er empfand plötzlich die entsetzliche Last der Einsamkeit und des Verlassenseins, die ungeheure Entfernung von irgendeinem Leben, dessen er sich jetzt nicht mehr erinnern konnte; dabei war er schon so betrunken, daß er sich nicht mehr rühren konnte, er legte seinen Kopf auf den Tisch und gab sich Mühe, sich an etwas zu erinnern, er verfiel in einen fieberartigen Schlaf, [126] wachte zuweilen aus, versuchte aufzustehen und schlief wieder.

„Sie, Herr, kommen Sie mit mir,“ flüsterte eines der Mädchen, und trat in die Loge ein.

„Wie? Was?“ stammelte er polnisch, er konnte nicht verstehen, wie sie hierher gekommen wäre.

„Sie sind ein Pole? Rosa! Komm hierher, der Herr ist ein Pole,“ rief sie verwundert.

„Ja, was wollt ihr? Schnell … schnell.“

„Nun, nichts … gar nichts … wir hatten schon sechs Jahre nicht mehr unsere Sprache gehört … Wir wohnen hier gleich in der Dorham-Street … Dort könnten wir in unserer Sprache reden, so kommen Sie doch.“

Sie setzten sich zu ihm, sie verstummten jedoch vor seiner stolzen Miene und seinem Schweigen, vielleicht auch durch irgendeine plötzliche freudige Rührung eingeschüchtert, die sie unvermutet überkam beim Klange der beinahe vergessenen Sprache, beim Klange dieser Worte, die plötzlich längst gestorbene Erinnerungen erweckten …

Er wurde etwas nüchterner infolge dieser unerwarteten Begegnung, er ließ Essen und Trinken für sie bringen, er mußte sie beinahe zwingen, zu essen, sie weigerten sich energisch, denn sie getrauten sich nicht einzugestehen, daß sie hungrig seien, und waren von seiner Güte gerührt. Doch endlich ließen sie sich überreden und machten sich gierig über den Hammelbraten her; sie unterbrachen sich aber jeden Augenblick und erhoben ihre ängstlichen, forschenden und doch dankbaren Augen, denn er schob ihnen fürsorglich die [127] Teller zu und goß ihre Gläser voll, während er halb bewußt darüber nachdachte, worüber er mit ihnen sprechen solle. Die Mädchen ließen hin und wieder ihre verschämten, demütigen Stimmen hören, wobei sie unbewußt englische Worte mit polnischen vermischten, in einem üblen Jargon.

Sie waren beide noch ziemlich jung und hübsch, aber so geschminkt, gepudert und mit falschen Edelsteinen behängt, sie hatten automatische und so gemeine Bewegungen, daß sie den Eindruck von Wachsfiguren in einem schlechten Panoptikum machten. Sie legten ihre Mäntel ab und präsentierten mit einem gewissen unbewußten Stolz ihren lächerlichen Putz; eine von ihnen, die größere, war ziemlich tief dekolletiert. Er zuckte plötzlich zusammen, denn er sah auf ihrem Rücken einen roten Striemen, wie von einer Peitsche.

„Von wo seid ihr?“ fragte er, verstohlen hinschauend.

„Wir sind beide aus Kutno, vielleicht sind Sie dort bekannt?“

„Ja, ich kenne diese Stadt,“ antwortete er und dachte über die merkwürdige Strieme nach.

„Sie kennen Kutno? Rosa, der Herr kennt unsere Heimat,“ rief sie erstaunt.

„Ruhig, Sara, der Herr ist vielleicht der Herr Gutsbesitzer selbst?“ beruhigte die andere sie bedächtig.

„Der Herr ist der Herr Gutsbesitzer selbst, nicht wahr?“

Er nickte bejahend, er verstand ihre Frage aber nicht, denn er konnte seine Augen nicht von dieser [128] roten Strieme losreißen; die plötzlich erwachte Erinnerung versetzte ihn zu Yoe unter den tollen Reigen der Geißler; und die Mädchen begannen, aufs tiefste gerührt, hocherfreut und setzt schon weniger schüchtern, abwechselnd von der Heimatsstadt zu erzählen, erweckten ihre Erinnerungen und erstrahlten im Glücksgefühl ferner Tage, die plötzlich in ihrem Gedächtnis emportauchten, im Gedanken an Jahre, die längst in den Staub der Vergessenheit versunken waren und jetzt in lauter Freude und Glück wieder auferstanden. Sie hatten aufgehört zu essen, sie schrieen immer lauter, lachten wie Kinder, betranken sich an Schnaps und Erinnerungen, sprangen fortwährend von ihren Plätzen auf, verstummten plötzlich ermüdet und von Tränen erfüllt, vergaßen ihn, sich selbst und die ganze Welt und brachen in langes, klägliches Weinen aus, aber auch da hörten sie nicht auf, ihre Erinnerungen weiterzuspinnen.

„Du, Sara, erinnerst du dich noch an den Gutsbesitzer? Denkst du noch daran: er hatte vier schwarze Pferde, wie Drachen, er fuhr immer in einem Wagen, der leuchtete wie ein Spiegel? Erinnerst du dich?“

„Und du, Rosa, erinnerst du dich noch an das Haus des Bürgermeisters?“

„Ich sollte mich nicht erinnern. Das war kein Haus, das war ein Palast! Zeig mir so einen Palast in London! Auf der ganzen Welt gibt’s keinen zweiten von der Art!“

„Und erinnerst du dich an den Berg hinter der Stadt? Und dahinter das Dorf?“

[129] Er verstand nichts davon, noch hörte er etwas, aber plötzlich wachte er aus seinem Sinnen auf, berührte die Strieme mit dem Finger und fragte leise:

„Woher hast du dieses Mal?“

„Da … habe ich mich gekratzt, – das hat mein Bräutigam …“ fügte sie eilig unter seinem befehlenden Blick hinzu und duckte sich ängstlich.

„Das ist nicht wahr … Du mußt dort gewesen sein,“ zischte er, während er sich zu ihr niederbeugte.

„Wo? Wo sollte ich gewesen sein,“ rief sie, entsetzt über seine bewußtlosen[WS 1] Augen.

„Du warst dort … Du triefst ganz von Blut … bist ganz mit Wunden bedeckt … ganz mit Striemen … zeig her …!“ flüsterte er abgerissen und streckte die gierigen, zitternden Hände aus; und als das Mädchen fortlaufen wollte, erfaßte er es wie mit Krallen, zerriß mit blitzartiger Schnelligkeit ihre Bluse und schälte daraus den nackten, bläulichen Rücken heraus …

Plötzlich sanken seine Hände herab, und er taumelte gegen die Wand.

Die Mädchen aber, von der Plötzlichkeit dessen, was geschehen war, überrascht, verfielen in eine Art Starrheit, sie wagten weder sich zu erheben, noch etwas zu sagen, sie schauten mit einem erstorbenen Blick vor sich hin, beinahe wahnsinnig vor Angst und Grauen.

„Fürchtet euch nicht, ich wollte euch nichts Schlimmes tun, verzeiht, nein,“ flüsterte er, selbst entsetzt darüber, was geschehen war, gab ihnen, was er nur an Geld bei sich hatte, und lief fort …

[130] In seinem Hotel schliefen schon alle, die Lichter waren ausgelöscht, das Haus war ganz in Dunkelheit und Stille getaucht, die kaum sichtbaren Korridore zogen sich wie düstere Tunnel hin, und gleich lauernden Pantheraugen funkelten nur hier und dort gedämpfte Flämmchen.

Er legte sich sofort hin, doch er schlief nicht ein, er lag mit offenen Augen, fern vom Schlaf, fern von allem, wie auf dem äußersten Grunde der Seele; an den Grenzen des scheuen, verworrenen Bewußtseins schlichen die düsteren, unheilverkündenden Spukgestalten des gespensterhaft nahenden „morgen“ und durchflossen sein Hirn und bohrten die scharfen, reißenden Krallen der Halluzinationen hinein.

„Es geht etwas Schreckliches mit mir vor!“ Nichts andres fühlte und wußte er jetzt noch.

Die Eingangstür schlug so heftig zu, daß er aus der Erstarrung erwachte; als ginge jemand durchs Zimmer, erzitterten die Diele und die Möbel ziemlich laut …

„Wer ist da?“ fragte er.

Es wurde ihm keine Antwort, die Schritte wurden leiser, aber Hände glitten über die Tasten, und es erzitterten einen Augenblick lang leise, ernste Töne; er sprang aus dem Bett und griff nach dem Revolver.

„Wer ist da?“ rief er wieder, und wieder erhielt er keine Antwort; er hörte aber das scharfe und schnelle Knirschen einer Feder auf Papier und das Geräusch umgeschlagener Blätter … Er drehte das Licht auf, stürzte ins erste Zimmer, von wo dieses Geräusch kam, doch dort war niemand; er stöberte in [131] allen Ecken, schaute sogar im Schrank und unter dem Bette nach, – keine Spur … Er untersuchte die Tür: sie war verschlossen, der Schlüssel steckte … Er kehrte zum Schreibtisch zurück, er wußte nicht mehr, was er davon halten sollte, als sein Blick auf einen Bogen Notenpapier fiel, der auf einem Buche lag: darauf standen in schwarzen Lettern Worte, – die Tinte war noch feucht.

„Suche … folge dem, was dir begegnet … frage nach nichts … schweige … sei ohne Furcht … S.O.F. öffnet die Geheimnisse …“ Er las es mehrere Male, die Schrift war deutlich, die Striche energisch, und offenbar, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, lief sie quer über das Papier; die noch nasse Feder lag daneben.

„Was bei allen Teufeln soll dieser Rebusscherz bedeuten, wer hat das hier hingeschmiert?“ brach er hervor, da er auch nicht einen Augenblick etwas anderes annahm; er warf das Papier auf den Schreibtisch und ging ins Bett zurück, er war sicher, daß es Täuschung gewesen war, er drehte das Licht aus, hüllte sich in die Decke ein und versuchte einzuschlafen …

Wieder tönten leise, kaum hörbare Klänge vom Klavier im anderen Zimmer herüber, – jene geheimnisvolle, merkwürdige Melodie, die er auf der Seance gehört hatte.

„Wer …?“ Aber er verstummte, ein tödliches Entsetzen würgte ihn.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: bewußlosen