Der Vater des Kladderadatsch und der Berliner Posse

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Max Ring
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Vater des Kladderadatsch und der Berliner Posse
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 658, 659, 662, 663
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[658]
Der Vater des Kladderadatsch und der Berliner Posse.


Nachdem ich meine Studien in Berlin beendet und die Examina glücklich überstanden hatte, machte ich eine Reise in meine oberschlesische Heimath, um Verwandte zu besuchen. Einige Tage verweilte ich in Ratibor, das mir außer seinem bekannten schlechten Klima und seinem ausgezeichneten Ungarwein keine Merkwürdigkeiten bot. Den letzteren kredenzte mir, und zwar in den ältesten und vorzüglichsten Jahrgängen, ein lieber Jugendfreund; was ihm auch nicht schwer fiel, da er selbst einer der größten und renommirtesten Weinhändler Oberschlesiens war. Zur Feier unseres Wiedersehens nach so langer Zeit versammelte mein guter, leider zu früh gestorbener Wirth eine muntere Gesellschaft, unter der bald ein kleiner, unansehnlicher junger Mann von höchstens zwanzig Jahren mit krankhaftem, blassen, bartlosen Gesicht, aber interessanten, orientalischen Zügen durch seinen schlagenden Witz, liebenswürdigen Humor und seine sprudelnde Laune meine Aufmerksamkeit erregte, nachdem erst einige Gläser des köstlichen feurigen Tokaiers seine Zunge gelöst und die ihm angeborene Schüchternheit überwunden hatten.

Wie dies beim Weine zu geschehen pflegt, wurden wir schnell mit einander bekannt, da wir außerdem vielfache Anknüpfungspunkte und gemeinschaftliche Freunde hatten. Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich, daß er in Breslau geboren war, wo er bis zu seinem fünfzehnten Jahre das Gymnasium besuchte, um zu studiren. Durch den Tod seines Vaters, der die Familie in traurigen Verhältnissen zurückließ, sah er sich jedoch gezwungen, als Lehrling in die Handlung der Gebrüder Bauer, welche in Breslau ein ansehnliches Galanterie- und Möbelgeschäft besaßen, einzutreten. Nichts desto weniger erwarb er sich in kurzer Zeit die Zufriedenheit seiner Principale in so hohem Grade, daß sie ihm die selbstständige Leitung ihrer Ratiborer Commandite übergaben. Trotz dieser einträglichen Stellung und der Beliebtheit, deren er sich in den besten Familien der Stadt als heiterer Gesellschafter und talentvoller Gelegenheitsdichter erfreute, fühlte er sich hier keineswegs wohl, noch durch seinen kaufmännischen Beruf befriedigt, vielmehr verzehrt von einem unwiderstehlichen Drange nach Bildung und Wissen, wozu ihm weder die kleine Stadt noch seine Stellung die erwünschte Gelegenheit boten.

Mit jugendlicher Begeisterung schwärmte er für Poesie und Literatur, besonders für Börne und Heine, für die glänzenden Verirrungen der französischen Dichter, für Victor Hugo, Eugen Sue, Jules Janin und vor Allen für Beranger, wie wir Alle das mehr oder minder in jenen vormärzlichen Tagen thaten. Wiederholt von unserem Wirthe und von mir aufgefordert, eine Probe seines eigenen poetischen Talentes zu geben, entschloß er sich mit jungfräulichem Sträuben und schüchternem Erröthen, einige Verse vorzutragen, worunter sich eine „unterthänige Bitte an seine erzürnte Principalin“ befand, ihn von dem lästigen Abendbrode zu dispensiren. Die charakteristischen Strophen, von denen ich später eine Abschrift erhielt, lauteten:

„O halt’ es nicht für eiteles Vermessen,
Daß ich verletzt Dein strenges Eßgebot!
Preßfreiheit giebt es nicht; drum frei vom Essen
Eßfreiheit, Herrin! – und kein Abendbrod!

Nie würde diese Gnade ich vergessen,
Verspritzte gern für Dich mein Blut so roth,
Ich will des Mittags Alles, Alles essen –
Entsetzlich essen – nur kein Abendbrod.

Laß sterben nicht, ein Opfer der Kabale,
Mich einer Stopfgans schmachvoll knecht’schen Tod!
Laß ab, laß ab! sonst wird zum Abendmahle,
Zum letzten Mahl für mich – Dein Abendbrod.

D’rum, Herrin, denke, einst – o welch Entsetzen!
Gefunden werd’ ich todt beim Morgenroth;
Die Nachwelt wird mir dieses Denkmal setzen:
Er war Commis und aß kein Abendbrod.

Mit diesen Proben eines schon damals unverkennbaren Talents wechselten lustige Geschichten, Scherze und Anekdoten aus dem Breslauer Leben, Jugenderinnerungen aus seiner Gymnasial- und Lehrlingszeit, die von ihm in so drollig drastischer Weise vorgebracht wurden, daß wir laut auflachen mußten, während er selbst ganz ernst blieb und mit seinem blassen Gesicht fast melancholisch dreinschaute, wodurch unsere Heiterkeit nur noch erhöht und die Wirkung durch den Contrast gesteigert wurde. Mit unbeschreiblicher Komik schilderte er die eigenthümlichen Verhältnisse seiner Vaterstadt, das Treiben der zahlreich sich daselbst aufhaltenden polnischen Juden, sein erstes Debut in einem Tanzkränzchen, wo er in einem alten, beim Trödler erkauften braunen Leibrock mit blanken Knöpfen erschien, der ihm um eine Welt zu weit und zu lang war, seine Irrfahrten mit verschiedenen Schulfreunden, mit dem später als Verfasser der „Keilerei auf der Wartburg“ und als Dichter unvergessener Burschenlieder bekannt gewordenen Dr. Hermann Wollheim, mit dem kleinen, witzigen „Spatel“, einem verwachsenen, überaus humoristischen Handlungsreisenden, der als ein zweiter „Till Eulenspiegel“ in seinem Einspänner die kleinen schlesischen „Städte“ durchzog und mit der Trompete seine Kunden zum Kaufen einlud, hundert lustige Streiche verübend.

So zauberte der unansehnliche Commis, der David Kalisch hieß, mir das ganze alte, seitdem gänzlich veränderte Breslau vor Augen. Das gothische Rathhaus mit dem berühmten „Schweidnitzer Keller“, die engen winkligen Gassen, die dunklen Häuser mit ihren seltsamen Durchgängen, die polnischen Juden mit ihren gedrehten Locken und ihrem zersetzenden Witz, die Bierphilister mit ihrer schlesischen Gemüthlichkeit, die Studenten mit ihren Suiten, die zahlreichen Liebhabertheater, in denen er seine ersten dramatischen Eindrücke empfing, die lustigen Tanzkränzchen, wie sie Freytag in „Soll und Haben“ schildert, das ganze Treiben der schlesischen Hauptstadt mit ihrem Handel und Wandel und ihrer eigenthümlichen Poesie lebte wieder in meiner Erinnerung auf. Er selbst erschien mir an diesem Abend, der den ersten Grundstein zu unserer langjährigen Freundschaft legte, als das specifische Product dieser verschiedenen Elemente seiner Vaterstadt, des jüdischen Witzes und der dichterischen Leichtigkeit, jenes liebenswürdigen, schalkhaften Humors und witziger Gelegenheitspoesie, wodurch von jeher die Schlesier sich auszeichneten, durch Karl Schall, Grün, Geisheim und vor allen Holtei damals würdig vertreten.

Am nächsten Tag, wo ich Ratibor verließ, besuchte ich noch einmal den mir interessanten Commis, um von ihm Abschied zu nehmen. Ich fand ihn hinter dem Ladentisch, seine Kunden bedienend, mit Rechnungen und seinen kaufmännischen Büchern eifrig beschäftigt, sichtlich abgespannt, verstimmt und gedrückt, so daß ich kaum den gestrigen, ausgelassen heitern Gesellschafter, den witzig geistreichen Dichter wiedererkannte. Er schien mir mehr als je von seiner damals schon zuweilen ihn befallenden Hypochondrie und unter dem Druck der ihm widerwärtigen Geschäfte zu leiden, was er auch offen mir gegenüber aussprach, indem er sich über sein Loos bitter beklagte und wiederholt die Absicht zu erkennen gab, aus seiner bisherigen Stellung zu scheiden.

Zehn Jahre waren seit jenem Abend vergangen, als ich Kalisch in Berlin unter gänzlich veränderten Verhältnissen wieder sah. Aus dem unbekannten Commis in einer oberschlesischen Provinzialstadt war ein namhafter Schriftsteller, ein berühmter [659] Possendichter, der Begründer und Hauptmitarbeiter des ersten Witzblattes in der preußischen Residenz geworden. Ich war natürlich neugierig, meinen Freund wiederzusehn und aus seinem eigenen Mund diesen wunderbaren Schicksalswechsel zu erfahren. Zu diesem Zweck suchte ich ihn in seiner damaligen Wohnung auf, die vor dem Thor in dem sogenannten „Albrechtshof“, einer Besitzung seiner nachmaligen Schwiegereltern, lag. Mit alter Herzlichkeit kam er mir entgegen, und bald saßen wir in seinem comfortabel eingerichteten Arbeitszimmer und sprachen, während wir eine gute Cigarre rauchten, von unseren Erlebnissen, seitdem wir uns getrennt. Während ich nur wenig Bemerkenswerthes zu erzählen hatte, bot seine Vergangenheit eine Fülle der seltsamsten Begebenheiten und merkwürdiger Abenteuer, die er mir theils bei diesem ersten Besuch in Berlin, theils im ferneren Verlauf unseres intimen Verkehrs mittheilte.

Einige Monate nach meiner Abreise von Ratibor wurde die dortige Commandite aufgelöst und Kalisch von seinen Principalen nach Breslau in ihr Geschäft zurückberufen. Obgleich er Procurist desselben wurde, konnte er, an Selbstständigkeit gewöhnt, sich nur schwer mit der Stellung eines Untergebenen und, da er auch den Tisch im Hause hatte, noch schwerer in die Ordnung desselben finden, so daß er die Herrin von Neuem erzürnte, bis er sich endlich mit seinen Collegen feierlich von dem verhaßten Abendbrod lossagte. Dazu kam noch die alte Sehnsucht und der Wunsch, die Welt kennen zu lernen, jener unbewußte jugendliche Drang, das Glück zu suchen, vor Allem das instinctartige Bedürfniß nach bedeutenderen Eindrücken und Anregungen, als er in seinem Stande und in seiner schlesischen Heimath fand. So reifte in ihm der Entschluß, in Gesellschaft eines Freundes nach Paris zu gehen, eines jener zahlreichen Projectenmacher, der Rothschild einen neuen Finanzplan vorlegen wollte, während Kalisch seine zärtlich geliebte und um ihn besorgte Mutter durch die Erklärung zu beruhigen suchte, daß er in Paris die Fabrikation der französischen Luxusartikel studiren würde.

In Wahrheit lockten ihn ganz andere Wünsche und Hoffnungen; es war im Jahre 1844, wo während der letzten Regierungsjahre Louis Philipp’s Paris noch als die Metropole der Welt, als das Asyl der Freiheit, als der Mittelpunkt aller großen politischen und socialen Bewegungen, als das Pantheon aller großen Männer, als das Eldorado der Schriftstellerwelt, als der große Freudentempel aller Nationen eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die deutsche Jugend übte, welche, angewidert von den beschränkten Verhältnissen, von der kleinlichen Polizeiwirthschaft des eigenen Vaterlandes, dort Freiheit, literarischen Ruhm und die höchsten Genüsse des Daseins zu finden hoffte.

Mit ähnlichen Aussichten und Gedanken kam auch Kalisch nach Paris, wo er anfänglich von seinen bisherigen Ersparnissen lebte, in der Absicht, später ein Engagement in irgend einem deutschen Handelshause anzunehmen. Vorläufig aber stürzte er sich in den Strudel des Pariser Lebens; er schlenderte auf den Boulevards umher, besuchte die Cafés und Vergnügungslocale, vor Allem die kleinen Theater, wo Kalisch so leicht bei keiner ersten Vorstellung fehlte. Hier legte er den Grund zu seiner bewunderungswürdigen Bühnenkenntniß; angeregt von dem verwandten Geist, eignete er sich fast unbewußt die Leichtigkeit, den schlagfertigen Witz, den glänzenden Esprit seiner französischen Vorbilder an, erwarb er jene Meisterschaft, womit er die eigenthümlich feine Grazie des Chansons, die scharfen Pointen und zugeschliffenen Spitzen des Couplets zuerst auf unsere deutschen Verhältnisse übertrug.

Zugleich erweiterte sich sein politischer Horizont, seine ganze Gedankenwelt, indem er im Verlauf der Zeit durch den Breslauer Socialisten Wolf mit verschiedenen deutschen Flüchtlingen und Parteiführern, wie Marx und Karl Grün, mit Dichtern, wie Herwegh und Heine, bekannt wurde und selbst dem unzugänglichen Proudhon näher trat. Leider aber wurden seine unbedeutenden Mittel schnell erschöpft, so daß er ernstlich mit Mangel und Noth zu kämpfen hatte, da die gehofften Hülfsquellen ihn im Stich ließen oder nicht lange vorhielten. Alle Bemühungen, als deutscher Correspondent oder in sonst einer angemessenen Branche ein Unterkommen zu finden, scheiterten meist an seiner unansehnlichen Persönlichkeit. Zuletzt sah er sich genöthigt, seine entbehrlichen Kleidungsstücke zu verkaufen, um nur das Leben zu fristen. Gerade in dem Augenblick, wo er einem Trödler das letzte seidene Taschentuch anbot, fuhr ein glücklicher College, den er in besseren Tagen gekannt, der Fürst Pückler-Muskau, in eleganter Equipage, mit Mohr und Jäger auf dem Bock, an ihm vorüber. Oefters hatte Kalisch den Fürsten, der ein Kunde seiner Breslauer Principale war, bedient und mit ihm gesprochen; jetzt wollte er ihn anrufen, ihm seine Noth klagen, um Hülfe bitten, aber der Muth fehlte ihm, die Scham hielt ihn zurück, und bevor er einen Entschluß faßte, war der Wagen mit dem Fürsten verschwunden. Dagegen wandte sich Kalisch an den berühmten Heine und fand bei dem vielfach verkannten, menschenfreundlichen Dichter die erwartete Theilnahme und Unterstützung, für die er seinem edlen Collegen bis zum Tode dankbar war.

In jener Zeit, wo er wie ein Ertrinkender nach jedem Strohhalme griff, las oder hörte er von einem wohlhabenden Herrn, der einen der Landessprache kundigen Reisebegleiter nach Spanien suchte. Kalisch meldete sich bei ihm, in der Hoffnung, bis zum Tage der Abreise noch so viel Spanisch zu lernen, um zur Noth als Dolmetscher dienen zu können. Leider war sein Wille besser als sein Talent, sich die fremde Sprache in so kurzer Zeit anzueignen, so daß er schon an der Grenze das erste Examen so schlecht bestand, daß seinem Begleiter nichts übrig blieb, als ihn wieder zu entlassen. Endlich blieb ihm keine andere Wahl, als mit blutendem Herzen nach Deutschland zurückzukehren, nachdem er noch in Straßburg ein vorübergehendes Engagement gefunden. Mit dem letzten Thaler in der Tasche langte Kalisch eines Tages in Baden-Baden an, außer Stande, seine Reise fortzusetzen. In dieser verzweifelten Stimmung, dem Selbstmord nahe, machte er die zufällige Bekanntschaft eines reichen Russen, der sich langweilte und ihm deshalb vorschlug, bei einer Partie Ecarté ein Glas Wein mit ihm zu trinken. Da sich Kalisch schämte, seinen Mangel an Geld einzugestehen, so nahm er das Anerbieten an, ohne jedoch nach der Höhe des Einsatzes zu fragen. Nachdem Beide mehrere Partien gespielt und einige Flaschen geleert, erklärte der im Verluste befindliche Russe, aufhören zu wollen, indem er zugleich fünf Napoleonsd’or auf den Tisch legte, die Kalisch anzunehmen zögerte, bis er zu seinem Schrecken erfuhr, daß der Einsatz für jede Partie einen Gulden betragen habe. Berauscht von seinem Glücke und dem genossenen Weine, folgte Kalisch seinem Begleiter zur Bank im Cursaal, wo er sich verführen ließ, ein Goldstück im Trente-et-un zu setzen. In kurzer Zeit gewann er hier eine verhältnißmäßig große Summe, die ihn aus aller momentanen Verlegenheit riß und ihn noch in den Stand setzte, eine ihm höchst drückende Ehrenschuld abzutragen.

Bald jedoch sah er sich von Neuem gezwungen, ein Unterkommen zu suchen, das er zunächst in einem Berliner Speditionsgeschäfte fand, wo er einige Zeit wieder Ballen verlud, Kaufmannsgüter expedirte und Rechnungen schrieb. In den Mußestunden bearbeitete er französische Vaudevilles für die deutsche Bühne, die jedoch kein Theater aufführen wollte. Immer entschiedener machten sich seine literarischen Neigungen geltend, so daß er sich veranlaßt fand, seine bisherige Stellung wieder aufzugeben und als Hülfsredacteur dem bekannten witzigen Schriftsteller Eduard Oettinger in Leipzig beizustehen. Bald jedoch trat er wieder unschlüssig in die Wechselstube eines jungen, mit ihm noch von Breslau her befreundeten Banquiers, der sich mit äußerst geringen Mitteln damals erst etablirt hatte. Während der zukünftige Rothschild die von seinen Kunden gewünschten Werthpapiere, die sein eigener Geldschrank leider nicht enthielt, bei einem benachbarten, besser situirten Collegen sich borgte, hatte Kalisch die Aufgabe, den Wartenden durch seine Unterhaltung die Zeit zu vertreiben. Da er auch als Banquier nicht seine Rechnung fand, so kehrte er wieder zu den verlassenen Musen zurück. Er bezog mit dem durch seine Reise nach Japan bekannten volkswirthschaftlichen Schriftsteller Dr. Maron zusammen eine Wohnung, und Beide, die sich in gleich trauriger Lage befanden, vereinten ihr Talent, um ein Trauerspiel zu dichten, wobei sie sich durch den Genuß von starkem schwarzem Kaffee und heißem Rum anfeuerten, um die gräßlichsten und blutdürstigsten Scenen zu erfinden.

Aber nicht die ernste Melpomene, sondern die heitere Thalia sollte endlich seine Wünsche krönen. Nicht jene blutige Tragödie, welche die undankbaren Theaterdirectoren zurückwiesen, sondern [662] der lustige Schwank „Ein Billet von Jenny Lind“ erschien zuerst auf den Brettern, welche die Welt bedeuten. Draußen vor den Thoren Berlins, in dem Dorfe Schöneberg, auf einer ärmlichen Sommerbühne feierte Kalisch seinen ersten, so folgereichen Triumph, der über sein Schicksal entschied. Der unerwartete Beifall, den das frische Gelegenheitsstück fand, munterte ihn auf und öffnete ihm zugleich die Pforten des alten Königsstädter Theaters, um das noch die Erinnerungen an die Sontag, Spitzeder und Beckmann, an die heiteren Singspiele Holtei’s, an die lustigen Possen eines Angely schwebten, wenn auch der frühere Glanz im Erlöschen war. Mit und durch Kalisch kam ein neuer Geist in die absterbende Königsstadt, die noch einmal wieder auflebte.

Schon sein nächster Versuch, die einactige Posse „Herr Karoline“, nach dem Französischen, erregte ein ungewöhnliches Aufsehen, während die größere Posse „Hunderttausend Thaler“, eine freie Bearbeitung eines gleichfalls französischen Stoffes, ein epochemachendes Ereigniß in der Theaterwelt war, begleitet von einem nie geahnten Erfolge. Mit einem Schlage war Kalisch der Held des Tages, der erste Possendichter Deutschlands, der moderne Aristophanes, wie er vielfach von enthusiastischen Bewunderern damals genannt wurde. Publicum und Kritik sprachen sich gleich günstig über die neue Erscheinung aus. Die Leiermänner spielten auf der Straße die Melodien seiner Lieder, und die lebenswahren, lebensfrischen Charaktere seiner letzten Posse, besonders „Herr Zwickauer“, erfreuten sich der größten Popularität. Während die Direction des Königsstädter Theaters die glänzendsten Einnahmen erzielte, blieb Kalisch selbst so arm wie zuvor, da er für sein Werk vorläufig nur fünfzig Thaler erhielt, denen die Familie des Theaterdirectors Cerf bei der hundertsten Vorstellung ein freiwilliges Geschenk der gleichen Summe großmüthig hinzufügte.

Dafür entschädigte ihn die allgemeine Anerkennung, die Freundschaft und Aufmunterung, die dem talentvollen Schriftsteller von angesehenen Künstlern und Collegen zu Theil wurde. Selbst die sogenannte Hippel’sche Clique, die sich unter dem Vorsitz des gefürchteten Bruno Bauer in der gleichgenannten Weinstube versammelte, nahm Kalisch freundlich in ihrer Mitte auf, wo er die letzten Ausläufer der Hegel’schen Schule und ihre Alles zersetzende Kritik aus eigener Anschauung kennen lernte. Durch seine beiden ihm nicht nur geistig, sondern auch durch die Bande des Blutes verwandten Vettern Ernst Dohm und Rudolf Löwenstein, welche sich zu derselben Zeit in Berlin aufhielten, kam er mit einem nicht minder einflußreichen Kreis junger, talentvoller Männer in Berührung, die eine zwanglose Gesellschaft, das sogenannte Rütli, bildeten. In dieser Versammlung, zu der außer den Genannten noch Rudolf Gottschall, Titus Ullrich, Eduard Kossak, der geistvolle Zeichner Wilhelm Scholz, der Musiker Truhn, Philosophen, Theologen, Doctoren der Medicin, junge Adelige ohne Beschäftigung und einige gebildete Kaufleute gehörten, herrschte jene übermüthige Heiterkeit, die später sich als der sogenannte „höhere Blödsinn“ proclamirte. Man besprach hier mit kühnem Freimuth die öffentlichen Angelegenheiten, die hervorragenden Persönlichkeiten, die lächerlichen Erscheinungen der Gegenwart in einer eigenen Rütlizeitung, die von den Mitgliedern verfaßt und von dem genialen Scholz illustrirt wurde. Hier fand Kalisch die ersten Keime, die Urelemente des „Kladderadatsch“.

Es bedurfte aber erst des günstigen Augenblickes, der Erkenntniß des richtigen Zeitmoments, der nothwendigen Kühnheit und Schlagfertigkeit, der Ausdauer und eines höheren Gedankens, um diese zerstreuten Witzstrahlen, diese mehr persönlichen und localen Lichtfunken in einem Brennpunkt zu sammeln und ihnen eine universellere politische und sociale Bedeutung zu geben. Dazu war allein Kalisch berufen, der mit wunderbarem Instinct den kühnen Griff that und gleich in den erste Wochen nach der Märzrevolution den „Kladderadatsch“ in’s Leben rief, dessen erste Nummer er ohne jede fremde Beihülfe schrieb. Wie die Gartenlaube (Jahrgang 1867, Nr. 13) in der von ihr erzählten Geschichte des „Kladderadatsch“ ausführlich berichtet, war Kalisch nicht nur der Gründer des „Kladderadatsch“, sondern auch die Seele desselben, der Vater des höheren Blödsinns, der Schöpfer des berühmten „Zwickauer“, der Pathe von „Müller und Schulze“. Er hat außerdem den Quartaner „Karlchen Mießnik“ erfunden; die meisten prosaischen Artikel im Berliner Dialect, fast all die geistreichen Parodien und komischen Novellen, die „Sprüche der Weisheit“ verfaßt, den „Kladderadatsch-Kalender“ in’s Leben gerufen, den „Kladderadatsch zur Industrieausstellung in London“, sowie die ersten Bände von „Schulze’s und Müller’s Reisen am Rhein und im Harz“ geschrieben. Aber vor Allem gebührt ihm einzig und allein das Verdienst, ein Blatt von der großen Bedeutung wie der „Kladderadatsch“ geschaffen und im Verein mit Ernst Dohm, Rudolf Löwenstein und Wilhelm Scholz auf seine jetzige Höhe gebracht zu haben.

Trotz dieser großen Verdienste und der ihm immer mehr zu Theil werdenden Anerkennung bewahrte sich Kalisch eine seltene Bescheidenheit. Er fühlte die Lücken seiner mangelhaften Bildung, die er durch einen ehernen Fleiß, durch unablässiges Studium und durch den Umgang mit bedeutenden Männern auszufüllen suchte. Er selbst war eine jener tiefer angelegten Naturen, die ihr Bestes vor der Welt verbergen, wie die meisten echten Humoristen ernst und zur Schwermuth geneigt, mißtrauisch gegen sich und Andere, trotzdem ein zuverlässiger Freund seiner Freunde, dankbar für jede ihm erwiesene Gefälligkeit, leicht verletzt, aber eben so leicht versöhnt, reizbar und doch zugleich besonnen, klug und berechnend, aber weich bis zur Sentimentalität, ein seltenes Gemisch von scharfem Verstand und tiefem Gemüth. So erschien er mir im näheren Umgange, der sich mit den Jahren immer vertraulicher gestaltete. Ich war Zeuge seiner inneren und äußeren Kämpfe, seiner Aufregung, die ihm jede Aufführung eines neuen Stückes verursachte, seiner Triumphe, seiner steigenden Popularität, die dem schüchternen Dichter manche Verlegenheit bereitete. Trotz seiner Zurückgezogenheit sah er sich zuweilen gezwungen, aus seiner Verborgenheit hervorzutreten. Es fehlte ihm nicht an Einladungen, die er nicht gut zurückweisen konnte, obgleich sie nicht selten nur in der Eitelkeit der Gastgeber, den vielbesprochenen Theaterdichter bei sich zu sehen, ihren Grund hatten. So lud ein reich gewordener Parvenu den berühmten Verfasser der „Hunderttausend Thaler“ zu einem Diner. Bei Tisch, während der Champagner umhergereicht wurde, erhob sich der neue Kunstmäcen und klopfte an sein Glas, worauf allgemeine Stille erfolgte. Statt des erwarteten Toastes wandte sich der Wirth an seine überraschten Gäste mit den Worten: „Herr Kalisch, der in unserer Mitte weilt, wird jetzt die Güte haben, einen Witz zu reißen.“ Wir entsinnen uns nicht mehr, was Kalisch auf diese Unverschämtheit geantwortet hat.

Am liebsten verkehrte Kalisch mit seinen Büchern und mit einigen intimen Freunden, in deren Gesellschaft der sonst so zurückhaltende und fast schüchterne Humorist eine unwiderstehliche Liebenswürdigkeit, eine hinreißende Heiterkeit entwickelte, die um so schärfer mit seinem gewöhnlichen Ernst und gemessenen Wesen contrastirte. Ebenso fühlte er sich zu dem Volk hingezogen, zu tüchtigen Bürgern, mit denen er gerne bei einer „kühle Weißen“ in schlichter Unterhaltung saß, wobei er seine Studien im Stillen machte, Charaktere beobachtete und manchen Witz in sein stets bereit gehaltenes Notizbuch verzeichnete. Die meisten seiner so lebenswahren Gestalten verdanken diesen Beobachtungen ihren Ursprung und ihre Popularität. Hier fand er die Originale seiner komischen Figuren, die er fast immer der Wirklichkeit entlehnte. Ebenso eifrig sammelte er alle witzigen Redensarten, alle volksthümlichen Ausdrücke und populäre Melodien, um sie bei Gelegenheit anzuwenden. Sein Fleiß ging mit seinem Talent Hand in Hand und sicherte seine Erfolge. Er arbeitete mit einer peinlichen Gewissenhaftigkeit, änderte, strich und that sich nie genug. Er selbst gab den Componisten meist die Melodien zu seinen Liedern an und leitete die Proben seiner Stücke. Er war nicht nur Dichter, sondern zugleich Musiker und Regisseur. Ein feiner Tact, der ihn nur selten täuschte, ein ebenso dramatisch als musikalisch sicherer Geschmack, eine genaue Kenntniß der localen Verhältnisse, ein wunderbares Erfassen der momentanen Zeitrichtung, vor Allem aber sein ursprünglicher Witz, seine meisterhafte Behandlung des Couplets und Liedes zeichneten ihn vor allen neueren Possendichtern aus, obgleich ihm eigentliche Erfindungsgabe und poetische Schöpferkraft fehlte, weshalb er sich meist an fremde Vorbilder anlehnte oder in Gemeinschaft mit Andern arbeitete.

Obgleich sich nach und nach auch die materiellen Verhältnisse des Dichters so günstig gestalteten, daß er seinen eigenen Herd gründen und die Tochter seines bisherige Hauswirths, nach seinem erfolgten Uebertritt zum Christenthum, trotz mancher Schwierigkeiten endlich heimführen durfte, so datirte doch erst [663] von seiner Verbindung mit dem Wallner-Theater, das damals noch die „Grüne Neune“ im Munde des Volkes hieß, die eigentliche große Epoche seiner literarischen und pecuniären Erfolge. Die unermüdliche Thätigkeit Wallner’s, jenes wunderbare dramatische Kleeblatt, Helmerding, Reusche und Neumann, die unvergleichlichen Soubretten, Fräulein Wollrabe, Schramm und Stolle, spornten Kalisch zu neuen Schöpfungen seiner komischen Muse an, die eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf das Berliner Publicum übten. Die größeren Possen „Berlin, wie es weint und lacht“, „der Actienbudiker“, „die Mottenburger“, die kleineren Vaudevilles wie „der gebildete Hausknecht“, „Dr. Peschke“, „Verpflefft“ etc. erlebten hunderte von Wiederholungen, welche dem glücklichen Verfasser in manchen Jahren eine Tantième von sechstausend bis achttausend Thalern abwarfen.

Zugleich hatte Kalisch auch mit dem bisherigen Herausgeber des „Kladderadatsch“ einen neuen Contract abgeschlossen, wodurch seine Einnahme, entsprechend der großen Auflage und steigenden Bedeutung des Blattes, erhöht wurde. So gestalteten sich seine Verhältnisse mit jedem Tage günstiger, wozu noch ein glückliches Familienleben kam, das einen höchst vortheilhaften Einfluß auf seine ganze Lebensanschauung und seine Gesinnung ausübte. In seiner Jugend nicht frei von einer Neigung zum Leichtsinn, angesteckt von der Frivolität seiner Zeit und Umgebung, von jener negativen und zersetzenden Kritik der vormärzlichen Zeit erfüllt, vertraut mit den Schwächen und Lächerlichkeiten der Menschen, im Besitz eines vernichtenden Witzes, strebte Kalisch immer mehr nach dem positiven Inhalt des Lebens, nach Vertiefung seines Geistes, nach Veredlung seines Herzens. Mit bewunderungswürdiger Energie und Ausdauer, mit Entsagung seiner liebsten Genüsse arbeitete er fortwährend an der Vermehrung seines Wissens, wie an der Ausbildung seines Charakters. Die Welt kannte nur den heitern Possendichter, den witzigen Gründer des „Kladderadatsch“, den lebensklugen und glücklich situirten Schriftsteller, aber nur seine nächsten Freunde wußten oder ahnten, wie tief und ernst Kalisch seine Aufgabe nahm, wie unzufrieden er mit sich und allen seinen Leistungen war, wie schwer er mit sich und seinen Schwächen rang, wie gewissenhaft er seine Pflichten nach allen Seiten zu erfüllen suchte. Daher kam es, daß Alle, die ihn näher kannten, eine so hohe Meinung von seinem Geist und seinem Charakter hatten, daß er die bedeutendsten Männer zu seinen Freunden und Bewunderern zählte.

Leider wurde die glückliche Stellung, die er sich erworben, häufig durch wiederholte Kränklichkeit und damit verbundene geistige Verstimmung getrübt, die sich zuweilen bis zur schwärzesten Hypochondrie steigern konnte. Dies war auch im letzten Sommer der Fall, wo verschiedene gemüthliche Aufregungen hinzutraten und ein langjähriges Leiden zu einer gefährlichen Krankheit steigerten. Von einer Reise nach Sylt zurückgekehrt, fand ich Kalisch von seinen Aerzten aufgegeben. Auf seinem Sterbebette begrüßte er mich mit der alten Herzlichkeit, streckte mir die zitternde, fieberheiße Hand entgegen, dankbar für die Stunden, die ich bei ihm verweilte, für jedes tröstliche Wort, womit ich ihn in seinen schweren Leiden aufzurichten suchte. Der Tod entriß ihn zu früh im kräftigen Mannesalter seiner Familie, seinen Freunden und der Welt. Auf dem Kirchhof der Matthäi-Gemeinde in der Nähe von Schöneberg, wo er seine ersten Erfolge auf der Sommerbühne als armer, unbekannter Commis errungen, wurde der bedeutendste Humorist der Gegenwart, gefolgt von einem unübersehbaren Leichenzuge, von den ersten Schriftstellern Berlins, von Männern aus allen Ständen, zu Grabe getragen. Dort ruht David Kalisch, dessen Andenken als Begründer des „Kladderadatsch“, als Vater der modernen Posse unvergeßlich bleiben wird.

Max Ring.