Die Damastfabrikation in Groß-Schönau

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Titel: Die Damastfabrikation in Groß-Schönau
Untertitel:
aus: Album der Sächsischen Industrie Band 1, in: Album der Sächsischen Industrie. Band 1, Seite 69–72
Herausgeber: Louis Oeser
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Louis Oeser
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Erscheinungsort: Neusalza
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Quelle: Commons und SLUB Dresden
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Die Damastfabrikation in Groß-Schönau.


Viele Künste und Wissenschaften entstammen dem Orient und auch die Damastweberei nennt ihn ihr Vaterland; sie entstand dort und namentlich in der Stadt Damaskus, berühmt seit den frühesten Zeiten durch ihre mannichfachen Industriezweige, wurde diese Weberei mit hoher Kunstfertigkeit ausgeübt und entfaltete sich dort zu der herrlichsten Blüthe, weshalb diese Erzeugnisse auch ihren Namen – Damast – von der berühmten Fabrikstadt erhielten. Von Kleinasien aus verbreitete sich die Kunst des Damastwebens nach und nach über das Abendland, wo sich die Niederländer bald als Meister zeigten und vorzüglich die niederländische Leinen-Damastfabrikation erlangte großen Ruf. Nach Sachsen und zwar nach Groß-Schönau, kam dieser Industriezweig erst um das Jahr 1666.

In Großschönau war schon im sechszehnten Jahrhundert – und vielleicht auch noch früher – die Leinweberei bekannt, später kam auch die Zwillichweberei hinzu, welche schon 1620 Erwähnung findet, und ein Zwillichweber, Friedrich Lange, war es auch, welcher es in Großschönau zuerst versuchte, Damast zu weben. Man giebt an – obwohl es unerwiesen bleibt – Friedrich Lange habe in der Stolpener Gegend einigen Unterricht in der Weberei gezogener Waare erhalten und diese ersten Grundzüge dann weiter ausgebildet. Unterstützt wurde Friedrich Lange dabei von seinem Bruder Christoph und das Haus Nr. 336 war dasjenige, in welchem der erste Leinen-Damast gefertigt wurde. Der erste Mustermaler war Christoph Löffler aus Seifhennersdorf. Dieser Mann wohnte eigentlich in Warnsdorf, denn in zorniger Eifersucht hatte er eine Mordthat begangen und sich dann in das Nachbarland geflüchtet, von wo aus er Langen die Muster lieferte. Den ersten Webestuhl erbaute Christoph Krause. – Diesen vier Männern gebührt also die Ehre, einen Industriezweig in das Leben gerufen zu haben, dem nicht allein Groß-Schönau sein rasches Aufblühen verdankt, sondern welcher auch wesentlich beitrug, schon in früheren Zeiten Sachsens Gewerbthätigkeit nach allen Richtungen hin ehrende Anerkennung zu erringen.

Der Rath von Zittau, als Besitzer Groß-Schönau’s, nahm sich dieses neuen Industriezweiges mit großem [70] Eifer an und ließ die Erfinder mit großer Behutsamkeit an fremde Orte reisen, wo die Damastweberei bereits betrieben wurde, und wo sie namentlich der Structur der Stühle ihre Aufmerksamkeit zuwendeten, so wie überhaupt sich Alles anzueignen suchten, was ihnen bei Ausübung der Damastweberei von Nutzen sein konnte.

Daß dieses mit großem Erfolg geschah und die Erfinder das Gesehene anzuwenden wußten, beweist der Umstand, daß die Gebrüder Lange in der Damastweberei bald Vorzügliches leisteten. Dieses reizte zur Nachahmung und nicht lange dauerte es, so befanden sich noch mehrere Damastweber in dem Orte, welcher nun einen schnellen Aufschwung nahm.

Bald aber mehrte sich die Zahl der Stühle so, daß der Rath zu Zittau fürchtete, die Manufactur würde dadurch zum Schaden Groß-Schönau’s weiter verbreitet werden und er glaubte, die wachsende Zahl der Damastweber beschränken zu müssen; deshalb setzte er ein Concessionsgeld von zehn Thalern für jeden Stuhl fest. – Dieses war auch die erste Veranlassung zu der nachherigen zunftmäßigen Verfassung der Manufactur. Die hohe Wichtigkeit der Fabrik erkennend, traf man zeitig Maßregeln, um ihr Fortbestehen zu sichern und sie in der Blüthe zu erhalten und unter Anderen führte man die sogenannte Feierzeit ein, um das Anhäufen und dadurch möglicherweise herbeigeführte Preiserniederung der Damastwaaren zu verhüten. Demgemäß mußte jeder Damastwebestuhl vom vierzehnten Tage nach Mariä Geburt an sechs Wochen stille stehen.

Der Rath zu Zittau war fortwährend bemüht, die Manufactur zu heben und die Damastweber erhielten nach und nach viele Vorrechte, Vergünstigungen, Befreiungen u.s.w., namentlich wurden die Anbauer von Neu-Schönau bevorzugt. Auch von landesherrlicher Seite geschah Vieles zum Vortheil der aufblühenden Manufactur und dazu gehörte vorzüglich die Befreiung der Damastweber vom Militärdienste. Dabei suchte man die Manufactur selbst ausschließlich auf Großschönau zu beschränken, und sie als Geheimniß zu bewahren; landesherrliche Rescripte z. B. vom Jahre 1732 verboten das Auswandern von Webern und untersagten auch die Aufnahme fremder Personen an dem Orte.

Gleichwohl begann die Auswanderung von Damastwebern schon frühzeitig. Die Manufactur hatte die Aufmerksamkeit des Auslandes auf sich gezogen und dort den Wunsch nach gleichen Vortheilen rege gemacht; es fehlte nicht an verlockenden Versprechungen aus anderen Ländern und nicht Alle widerstanden ihnen; da auch oft drückende Zeitereignisse vorfielen und die Weber durch Auswanderung meinten ihre Lage verbessern zu können, so wirkte auch Dieses mit. Auswanderungen, theils offen, theils im Geheimen wurden häufiger und am Pfingsttage 1744 wendeten sich dreiundzwanzig Personen heimlich nach Schmiedeberg in Schlesien; am 14. Dezember 1745 verließen das Dorf eine noch größere Anzahl Weber mit 116 Wagen, außer den Mobilien mit dreiundvierzig Damastwebestühlen beladen, und unter Bedeckung eines Commando’s preußischer Husaren und Infanterie. Auch diese gingen nach Schlesien. Noch andere gingen nach Berlin. Das Handgeld von vierzig Thalern, sowie andere Vortheile, welche den auswandernden Webern preußischer Seits geboten wurden, wirkten mächtig. Auch Böhmen suchte Auswanderer an sich zu ziehen, und nicht ohne Erfolg.

Doch nicht alle Auswanderer fanden in der Ferne Befriedigung ihrer Wünsche und die geträumten goldenen Berge, und Mancher kehrte ganz verarmt in die Heimath zurück, wurde aber daselbst in Folge eines landesherrlichen Rescripts nicht wieder aufgenommen.

Zugleich erwachte unter den übrigen Webern ein unruhiger Geist; man glaubte Ursache zu haben, sich über Dieses und Jenes zu beschweren, z. B. über die Höhe des Stuhlzinses und über die Zunftordnung. Dadurch wurde eine neue Damastweberordnung hervorgerufen, welche 1795 die landesherrliche Bestätigung erhielt, die aber unter den Webern selbst heftigen Widerspruch fand, wobei die Hartnäckigkeit so weit ging, daß der zittauer Rath endlich sich veranlaßt fand, alle Arbeiten auf Damastwebestühlen zu untersagen und mit Strenge die Ausführung seines Willens überwachte. Nun fügten sich die Widerspenstigen und die allgemeine Annahme der neuen Ordnung erfolgte im Januar 1803.

[71] Der Widerwille gegen die neue Ordnung schwand übrigens bald, da man deren Zweckmäßigkeit erkannte und einsah, daß von strengem Festhalten an derselben das Gedeihen der Damastmanufaktur abhing. Von diesem Zeitpunkt an nahm die Manufaktur ihren ruhigen Fortgang, der nur bisweilen durch die stürmischen Zeitereignisse unterbrochen wurde, Auswanderungen geschahen nur noch selten und fügten dem Ort selbst keinen Schaden mehr zu.

Der erste Damastwebestuhl mit Jacquardmaschine wurde 1834 von J. G. Schiffner aufgestellt und der günstige Erfolg dieses Versuchs überwandt endlich das Vorurtheil, welches die Einführung der Jacquardstühle in Großschönau so lange verhinderte, und bewog zu zahlreicher Nachahmung.

In früheren Jahren machte man bereits Versuche in der Herstellung seidner mit Gold durchwirkter Damaste; später wurde auch Schaafwolle allein oder in Verbindung mit Leinen verarbeitet. 1822 erschienen Proben von mehrfarbigem Damast, wo in einer seidnen Serviette die Blumen in ihren natürlichen Farben eingewebt waren. Erfinder des bunten Doppeldamastes war Herr Ernst Schiffner.

Gegenwärtig behauptet Groß-Schönaus Damast trotz der starken Concurrenz des Auslandes immer noch seinen wohl erworbenen Ruf und er wird weit und breit gesucht; selbst in fürstlichen Prunkzimmern fand er Eingang, welches er seiner oft wahrhaft künstlerischen Vollkommenheit verdankt. Dem Fabrikat diese Vollkommenheit zu erhalten und sie noch zu erhöhen, ist fortwährend das Bestreben nicht allein der Fabrikanten, sondern auch der Mustermaler und Weber.

Die Mustermaler empfingen zum Theil ihre Ausbildung auf der Akademie der bildenden Künste in Dresden und liefern oft die kunstreichsten und complicirtesten Muster. Während das erste Muster, welches in Großschönau gemalt wurde, einfach aus einer von acht Rosenblättern gebildeten Rosette bestand, werden jetzt die reichsten Blumenguirlanden, Arabesken, Jagdstücke, Landschaften, Architekturen, Genre-, historische und allegorische Darstellungen, sowie Portraits und Wappen – Letztere aber nur auf Bestellung – gefertigt.

Ueber das Verfahren bei der Damastweberei selbst fügen wir noch einige kurze Notizen bei.

Den Namen Gezogenes oder gezogene Waare hat der Damast, weil die Kettenfäden, welche die einzuwebende Figur bilden sollen, in die Höhe gezogen werden, damit die Figur eine erhabene Bildung erhält. – Zuerst muß das Muster, welches in den Stoff gewebt werden soll, gemalt werden und dieses ist die Arbeit des Mustermalers, welcher die Contourn des Musters auf nach Art eines Stickmusters linirtes Papier durch Punkte bezeichnet und dann grün ausmalt. – Dieses Zeichnen ist sehr schwierig, denn es muß genau berechnet werden, wie sich die Zeichnung in dem Gewebe ausnimmt, auch muß der Zeichner große Genauigkeit und Erfindungsgabe besitzen, sowie die Eigenschaft, das Erfundene zweckmäßig und geschmackvoll darzustellen.

Die zweite Vorarbeit ist das Einlesen, eine höchst mühsame Arbeit, welche der sogenannte Mustermacher oder Einleser verrichtet und die darin besteht, daß das gezeichnete Muster in die Musterschnüre gebracht wird. Jede senkrecht gehende Linie des Musters bildet eine Schnur, und in diese Reihen von Schnüren werden die Querlinien des Musters eingelesen, indem die die Figur bildenden Schnüre, so viel deren in jeder Querlinie des Musters mit grüner Farbe bezeichnet sind, durch Zwirn von den übrigen Schnüren abgesondert werden. Nach Beendigung dieses die größte Genauigkeit erfordernden Geschäfts, werden die Lätze gemacht. Jeder Latz ist eine Vereinigung der in jeder Querlinie zum Muster gehörigen Schnüre durch Zwirn, welcher am Ende zusammengeknüpft und mit einem Hornring versehen wird, welcher die Verwirrung der Zwirnmenge verhindert.

Nun kommen die Musterschnüre dieser Latzvorrichtung auf den Webestuhl, und werden nun mit den auf die kunstvollste Weise durch den Musterkasten gehenden Schnüren auf solche Weise verbunden, daß, wenn ein Latz gezogen wird, die zur Bildung des Musters nöthigen und wiederum mit jenen Schnüren in Verbindung gesetzten Kettenfäden der Werfte in die Höhe gehoben werden, damit die Bildung der Figur erhaben wird.

Nun beginnt das Weben, welches oft auf sehr breiten Stühlen geschieht, welche dann drei bis fünf Arbeiter erfordern, zum Einschießen, Treten und Ziehen. Bei Stühlen von gewöhnlicher Breite ist außer [72] dem Weber nur noch ein Zieher nöthig. Das Weberschiffchen oder der Schütze wird vier Mal durchgeschoben, ehe ein Mal gezogen wird. – Das Weben erfordert übrigens so manche Kenntniß, denn der Weber muß nicht nur die Vorarbeiten oder sämmtliche Vorrichtungen genau kennen, sondern auch mit der Construction des Stuhles vertraut sein, um vorkommende Fehler sogleich zu entdecken und jeder Unordnung in der Maschinerie sogleich abzuhelfen.

Ein eine Elle breites Zeug ordinairer Qualität hat gewöhnlich 1600 Fäden in der Kette, bei der feinsten Qualität aber 3000 Fäden auf die Elle. Die Breite der hier gewebten Damaste geht bis zu sieben Ellen, doch werden Letztere nur auf Bestellung gefertigt. Tafeltücher erreichen bisweilen die Länge von vier und zwanzig Ellen.

Ein ungewöhnliches Muster ist unter sechs bis acht Monaten nicht zu liefern und dadurch, als auch durch Kostenaufwand für Werkzeuge, Vorarbeiten, Materialen, Weber- und Bleicherlöhne wird die Waare kostspielig.