Die Gartenlaube (1854)/Heft 30

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1854) 345.jpg
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[345]

No. 30. 1854.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.

Arzt und Advokat.
(Schluß.)

In diesem Augenblicke ließ sich die Glocke am Thore vernehmen. Anstatt zu antworten, ergriff der Doctor Joseph’s Hand, und zog ihn hastig in das Kabinet, dessen Thür er hinter sich verschloß. Die Männer nahmen so auf zwei Stühlen Platz, daß sie durch die Vorhänge den hellerleuchteten Saal übersehen konnten.

„Und nun denken Sie“, flüsterte der Doctor, „daß sie an dem Krankenbette Ihrer Louise sitzen. Vermeiden Sie jedes Geräusch, und fassen Sie sich in Geduld; daß diese Krisis heilbringend ist, verbürge ich mit meinem grauen Kopfe. Beobachten Sie genau, aber staunen Sie über nichts, was auch kommen möge. Fragen Sie mich nicht, denn ich werde nicht antworten.“

Die Pein des armen Joseph läßt sich nicht beschreiben, als er den Advokaten in den Saal treten sah. Er war der festen Meinung, daß er Zeuge von der Arglist seiner Frau sein sollte. Mit einem verzweifelten Muthe entschloß er sich, zu lauschen, und dann seine Einrichtungen darnach zu treffen.

Julius, höchst elegant gekleidet, ging lächelnd im Saale auf und ab. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, sah nach der Uhr und lauschte. Als sich kein Geräusch vernehmen ließ, trat er zu dem Tische, auf dem die Lampe brannte, zog ein Billet hervor und las.

„Er prüft noch einmal, ob es echt ist“, dachte lächelnd der Doctor. „Ah, mein Freund, wir machen die Handschriften nicht nach, so lange uns die Originale zu Gebote stehen.“

Fünf Minuten verflossen. Da erklang die Glocke am Thore wieder. Joseph sah, wie Julius stehen blieb, mit einem triumphirenden Lächeln nach der Thür blickte, und mit der Hand durch das krause Haar fuhr. Der Doctor ergriff die Hand des jungen Kaufmanns, als ob er ihm Muth einflößen wollte; bei dieser Gelegenheit fühlte er, wie sein Puls jagte, und die Hand brannte.

„Es ist nichts! Es ist nichts!“ flüsterte er an seinem Ohre.

Joseph lauschte in einer furchtbaren Spannung. Da ward zum zweiten Male die Thür geöffnet, und eine Dame trat ein. Sie trug einen kurzen seidenen Mantel und einen weißen Hut, dessen Schleier das Gesicht bedeckte. Nachdem sie vorsichtig die Thür verschlossen, trat sie tiefer in den Saal.

„Meine Frau!“ flüsterte der Kaufmann, dem das Blut in den Adern stockte. Und mit einem konvulsivischen Zittern ergriff er die Hand des Arztes, ohne die beiden Personen im Saale außer Acht zu lassen.

„Ruhig, ruhig!“ mahnte der Doctor.

Die Lauscher sahen nun, wie der Advokat der jungen Frau entgegentrat, ihre kleine mit weißen Handschuhen bekleidete Hand ergriff, und sie zärtlich küßte.

„Endlich?“ rief er aus. „Die Minuten sind mir zu Stunden geworden, und schon zweifelte ich, daß ich diesen Abend so glücklich sein würde, Ihnen die Gefühle meiner aufrichtigsten Verehrung ausdrücken zu können. Ach, Louise, Sie haben bisher grausam mit mir gespielt!“

Die Dame antwortete nicht, aber ihr ganzer Körper begann zu zittern, und ein leises Schluchzen ließ sich vernehmen.

„Sie weinen!“ rief Julius Morel mitleidig. „O, diese Thränen brennen wie Feuer auf meinem Herzen! Louise, brechen Sie diese lästigen Fesseln, vertrauen Sie mir, der sich auch ohne Ihren Willen mit Ihrem Glücke beschäftigt hat, vertrauen Sie dem guten Geiste der wahren Liebe, und die Zukunft wird eine heitere, eine lichtvolle sein. Sie haben mich bisher nicht verstanden, Sie haben wie eine fromme Dulderin gelitten, ohne die Quelle Ihres Leidens zu kennen. – Louise, heute werden Sie mir sagen, daß ich Recht gehabt habe! Wie Keiner in der Welt fühle ich mich berufen, Ihr Glück zu fördern, und bei Gott, ich werde es befördern! Immer noch Thränen als Antwort? Können Sie sich nicht entschließen, mir Ihr Herz auszuschütten? Louise, lassen Sie mich in Ihrem schönen Auge lesen, was Sie den Muth nicht haben mir zu sagen, und ich vollende das Werk Ihrer Befreiung, das ich bereits wider Ihren Willen begonnen habe!“

Julius warf den Schleier zurück. Doch kaum hatte er das Gesicht der Dame erblickt, als er bestürzt zurückwich, und einen lauten Schrei ausstieß. Joseph suchte seine Augenkraft zu verdoppeln, und er sah ein fremdes, aber sehr schönes Frauengesicht, das von Aufregung geröthet, und in Thränen gebadet war.

Das Wesen des Advokaten hatte sich plötzlich verändert. Bleich vor Zorn und zitternd am ganzen Körper trat er der jungen Frau wieder näher, und rief mit erstickter Stimme: „Du, Helene, Du? Wahrlich, Du spielst eine vortreffliche Rolle! Bekenne, Elende, wer hat Dich dazu gedungen? Wie kommst Du in dieses Landhaus?“

„Wer mich dazu gedungen?“ fragte eine zarte, bebende Stimme. „Niemand, Herr Advokat Morel! Ich glaube, ich habe ein Recht dazu, meinen Mann an das zu mahnen, was er mir vor dem Altare Gottes feierlich gelobt hat! Diesen Mittag boten Sie mir Geld, wollten mir meine Ansprüche an Sie abkaufen, und droheten selbst, mich durch Ihren Einfluß zu vernichten, wenn ich mich nicht gutwillig fügte.“

„Und es wird noch geschehen!“ sagte Julius, der seine Fassung wiedererlangt, in einer furchtbaren Ruhe und Kälte. „Madame, Sie kennen jetzt ein Geheimniß meines Herzens, das Ihnen darthun muß, wie wenig Sie von mir erwarten können. Ich wiederhole [346] jetzt noch einmal alle meine Anerbietungen, und fordere dagegen, daß Sie meine Heirath als eine unbesonnene Jugendthorheit betrachten und vergessen.“

„Julius, Julius!“ schluchzte die arme Frau, „Ihre Liebe zu mir nennen Sie eine Jugendthorheit?“

„Ich habe Sie aus Mitleiden zum Altare geführt.“

„Das ist gräßlich!“ stammelte Helene. Sie weinte einen Augenblick still vor sich hin, dann trocknete sie ihre Thränen und sagte in einer würdevollen Fassung: „Es ist wahr, Julius, ich war arm, als Sie mich in Wien kennen lernten, ich sorgte durch meiner Hände Arbeit für meine kranke Mutter, und hatte oft mit Noth und Entbehrung zu kämpfen; aber was schworen Sie mit einem furchtbaren Eide, als ich, das arme Mädchen, Ihren Liebesbetheuerungen nicht glauben wollte? Sie schworen, sich zu tödten, wenn Sie mich nicht als Gattin heimführen könnten. Damals sprachen Sie nicht von Mitleid, damals war ich nur das Ideal Ihrer Liebe, die Gattin, wie sie Ihre Phantasie sich gedacht hatte. Und mußte ich nicht an die Uneigennützigkeit Ihrer Liebe glauben, da ich Ihnen nichts als meine Ehre und meine innige Zuneigung bieten konnte? Um meine letzten Zweifel zu heben, ließen Sie sich mit mir trauen, ich war die Ihrige, und Sie versicherten mich, daß Sie völlig glücklich seien. Da reisten Sie ab, um meine Ankunft vorzubereiten und versprachen, mich in zwei Monaten Ihrer Familie zuzuführen. Ich erhielt von Zeit zu Zeit Briefe und auch an Mitteln zu meiner Existenz ließen Sie es nicht fehlen; aber Sie kamen nicht zurück und hielten mich zwei Jahre mit der Versicherung hin, daß Sie Ihren Vater nur vorsichtig auf unsere, ohne sein Wissen vollzogene Heirath vorbereiten müßten, da er ein anderes Heirathsproject entworfen habe, und der Verlust Ihres Vermögens auf dem Spiele stehe. Ich bin Ihre Gattin, Julius, und reiste nach Hamburg, um in ihrer Nähe zu leben. Sie haben mich hintergangen, Herr Morel; nicht Ihr Vater hindert Sie, mich anzuerkennen, sondern die Neigung zu einer andern, die Sie jetzt ebenfalls mit ihren Netzen zu umgarnen suchen, wie Sie mich umgarnt haben.“

„Ach, wie gut Sie unterrichtet sind!“ rief Julius höhnend.

„Es macht Ihrer Verschlagenheit alle Ehre, daß Sie sich so geschickt in den Besitz meiner Geheimnisse zu setzen wußten.“

„Das hat Gott gefügt, Herr Morel!“ rief Helene. „Ich bin zur rechten Zeit nach Hamburg gekommen, um Sie an Ihre Pflicht zu mahnen, um Ihre Ehre zu retten.“

„Meine Ehre? Wer hat sie angetastet?“

„Sie selbst!“

„Helene!“ rief drohend der Advokat.

„Sie schrecken mich nicht zurück, Julius, denn Ihre Ehre ist auch die meine, und wenn ich sie zu wahren suche, erfülle ich eine heilige Pflicht. Ich war zwei Jahre von Ihnen getrennt, und in dieser Zeit habe ich mich mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß ich von Ihrer Liebe mein Glück nicht erwarten darf – der heutige Tag hat es bestätigt. Sie können die arme, liebende Helene zurückstoßen, aber Ihre Gattin werden Sie vor der Welt anerkennen müssen.“

„Wer will mich dazu zwingen?“

„Ich, die arme Helene, die Sie diesen Mittag durch Ihre Domestiken auf die Straße werfen lassen wollten. Mein Herr, Sie haben Ihre Stellung mir gegenüber bezeichnet, ich werde Ihnen jetzt die meinige bezeichnen. Sie sprachen von der Ehe so geringschätzend, wie man von einem gewöhnlichen Handelscontrakte spricht: wohlan, ich verbanne die Liebe aus diesem Contracte, aber ich bestehe darauf, daß er gehalten wird. Mit meiner Bewilligung wird er nie gelöst werden, und Sie werden nun die Folgen Ihrer unbesonnenen Jugendthorheit, wie Sie unsere Heirath zu nennen beliebten, mit mir zugleich tragen. Sie werden morgen Madame Morel der Welt vorführen, und wenn Sie sich weigern – “

„Nun?“ fragte Julius höhnend. „Wenn ich mich weigere?“

„So gebe ich Sie der allgemeinen Lächerlichkeit preis. Man wird über Herrn Julius Morel, den man für den schlauesten Advokaten Hamburgs hält, herzlich lachen, und wo er sich zeigt, mit dem Hohne empfangen, den er verdient. Seht, wird man sagen, da ist der vorsichtige Jurist, der zuverlässige Mann, der die Gattin seines besten Freundes durch die raffinirtesten Floskeln zu verführen trachtete, der ihr die zärtlichsten, eindringlichsten Briefe schrieb, dem es endlich gelang, durch seinen Scharfsinn die arme Frau zu einer heimlichen Unterredung zu bewegen, und als er der Verführten den Schleier lüftete, seine eigene Gattin, die er schändlich im Stiche gelassen und hundert Meilen entfernt wähnt, vor sich sah, da ist der Mann, der sich für den Besieger einer tugendhaften Frau hält, der sich einbildet, daß er leidenschaftlich von Louise Raimund geliebt wird, und die gute Louise weiß kein Wörtchen davon, denn alle seine rührenden und scharfsinnigen Briefe sind nicht in ihre Hände gelangt.“

„Helene! Helene!“ rief Julius mit bebender Stimme.

„Ja, mein Herr, Sie wollten Ihren besten Freund betrügen, und nun sind Sie selbst der Betrogene. Nicht wahr, das ist eine lustige Geschichte? Was meinen Sie, wenn sie die Fama durch die Stadt trägt? Was meinen Sie, wenn man sich Ihre Briefe, ein Muster von Stylistik und Scharfsinn, in Abschriften in den Kaffeehäusern vorliest? Und das Alles hängt von mir ab, Herr Advokat – denn ich besitze die verhängnißvollen Briefe, von deren Existenz Madame Raimund keine Ahnung hat. Jetzt kennen Sie meine Waffen – es steht bei Ihnen, den Kampf einzustellen oder fortzusetzen.“

Julius stand wie versteinert in der Mitte des Saales. Wie aus einem tiefen Nachsinnen raffte er sich plötzlich empor und fragte: „Helene, wo sind die Briefe?“

„Hier!“ rief triumphirend die junge Frau, indem sie ihm ein kleines Paket zeigte.

„Und wer gab sie Dir?“

„Der Schutzengel Louise’s, der sie empfing und aufbewahrte.“

„Gestehe es nur, der Doctor Friedland!“ sagte der Advokat.

Joseph konnte sich nicht enthalten, die Hände des Doctors inbrünstig zu drücken.

„Sie gehören mir,“ fuhr Helene ausweichend fort, „und der freundliche Geber überläßt sie mir so lange, als es zu meiner Sicherstellung nöthig ist.“

Der Advokat betrachtete sinnend die wirklich reizende Helene, die mit hoch gerötheten Wangen und flammenden Augen vor ihm stand.

„Weib,“ rief er plötzlich aus, „welch ein Geist ist in Dich gefahren?“

Die junge Frau trat ihm näher, und ergriff seine Hand.

„Julius,“ sagte sie in einem weichen Tone, „mächtiger noch als die Liebe der Jungfrau, ist die Liebe einer Mutter. Für das Glück ihres Kindes kämpft sie mit dem Muthe eines Mannes; aber sie verzeiht auch eben so leicht, wenn sie auf friedlichem Wege ihr Ziel erreichen kann. Sorge für Dein Kind, schaffe ihm eine ehrenvolle, glückliche Zukunft und Du hast die erzürnte Mutter nicht mehr zu fürchten. Meine Liebe opfere ich – aber nicht mein Kind.“

„Jetzt ist es Zeit,“ sagte der Arzt, indem er aufstand, die Thür öffnete, und Joseph in den Saal zog.

Bei dem Erblicken der beiden Männer erbleichte der Advokat.

„Mein Herr,“ sagte der Arzt, „unser Prozeß ist zu Ende. Wir kommen nicht, um Ihnen Vorwürfe zu machen, sondern unser Erscheinen soll Ihnen nur andeuten, daß wir das Schicksal Ihrer armen Gattin kennen. Sie hat viel gelitten, und nur mit großem Widerstreben hat sie sich zu der Rolle verstanden, die ich ihr zugetheilt. Wären Sie weniger befangen gewesen, so hätten Sie die Pein Ihrer Frau erkennen müssen. Ich bestätige feierlich vor Gott, daß nur die Mutterliebe ihr die Kraft gab, sich meinem Rathe zu fügen. Aber auch Sie mögen meinen Rath hören: folgen Sie dem bessern Gefühle Ihres Herzens, und erfüllen Sie die eingegangenen Pflichten als ein braver Mann. Dann sind Ihre Verirrungen vergessen, und Sie können der Zukunft ruhig entgegensehen. Glauben Sie mir, die Zeit bleibt nicht aus, wo der Verstand zu ohnmächtig ist, um die Gewissensscrupel hinwegzuphilosophiren.“

„Julius,“ rief Joseph mit bewegter Stimme, „Du hast mir also nicht den Zustand Louise’s, sondern den Deiner eigenen Gattin geschildert, als ich diesen Mittag bei Dir war?“

Der Advokat reichte dem Kaufmann hastig die Hand.

„Lebe wohl, Joseph!“ rief er sichtlich bewegt. „Ist es mir vergönnt, so glücklich mit meiner Frau zu werden, als Du es mit Deiner Louise zu sein verdienst, so habe ich mich über die Kur unseres Arztes nicht zu beklagen. Lebe wohl, wir sehen uns nie wieder!“

Julius bot Helenen den Arm und verließ mit ihr das Landhaus. Joseph sank dem Arzte an die Brust.

[347] „Mein Retter, mein Wohlthäter!“ rief er aus „Jetzt begreife ich Alles!“

„Und auch das werden Sie begreifen, mein Freund, daß Sie Louise in einem ungerechten Verdacht gehalten haben. Sie kennt nicht einen einzigen der verhängnißvollen Briefe, denn sie gelangten alle in meine Hände.“

„Aber sie kennt das Unternehmen des Advokaten?“

„Ich hielt es für Pflicht, sie davon in Kenntniß zu setzen. Die Worte, die sie in ihren Fieberphatasien ausstieß, waren die Befürchtung der Möglichkeit eines solchen Falles. Und nun fort, nach Hause!“

Die beiden Männer bestiegen den Wagen den Doctors, der an dem Landhause hielt.

„Wie lernten Sie Helenen kennen?“ fragte der Kaufmann.

„Man rief mich in das Hotel zu dem kranken Kinde einer angekommenen Reisenden. Die junge Dame, die in der That von auffallender Schönheit war, nahm mein ganzes Interesse in Anspruch, und sie faßte ein so großes Vertrauen zu mir, daß sie mir sagte, wer sie war, und mich um Auskunft über die Familie Morel bat. Das Uebrige können Sie sich denken.“

Der Wagen hielt vor Raimund’s Hause. Der Arzt führte den Kaufmann in das Zimmer seiner Gattin. Louise stand vor Erwartung zitternd an dem Bette ihres Kindes, als die beiden Männer eintraten.

„Louise!“ rief Joseph außer sich – und schloß die reizende Frau in seine Arme.

„Kinder,“ sagte der alte Arzt, „wollt Ihr jetzt auf meinen väterlichen Rath hören?“

„Reden Sie, Doctor, reden Sie!“ riefen Beide.

„Stellt keine Erörterungen an, fragt nicht und antwortet nicht, sondern überlaßt Euch dem Glücke des Augenblicks, das neu erstrahlend wie die Sonne nach einem Gewitterregen durch die Wolken bricht. Sie, Freund Joseph, bedürfen einer weitern Aufklärung nicht mehr, und Madame Louise wird vor Eitelkeit bewahrt,“ fügte er lächelnd hinzu. „Die Frau darf nicht wissen daß sie außer ihrem Manne auch noch Andern gefallen. Jetzt bereiten Sie sich zu einer Badereise vor, in vierzehn Tagen müssen Sie in Pyrmont sein. Gute Nacht!“

Der Doctor war verschwunden. Joseph und Louise standen Arm in Arm an dem Bette ihres ruhig schlafenden Kindes, sie sprachen nicht, aber durch eine innige Umarmung feierten sie die Versöhnung nach dem ersten ehelichen Sturme. Beide befolgten um so lieber den Rath des Arztes, da sich jedes nicht ganz vorwurfsfrei wußte. Louise kannte die Briefe des Advokaten, und Joseph schämte sich seiner Eifersucht um so mehr, als er am folgenden Morgen einen Brief erhielt, worin Julius ihm ankündigte, daß er mit seiner Frau und seinem Kinde nach Wien gereis’t sei, und seine Praxis einem befreundeten Advokaten übertragen habe. „Verschweige Deiner Gattin meine Verirrung,“ schloß er, „denn außer in den Briefen, die man ihr glücklicherweise vorenthielt, existiren keine Beweise davon. Der würdige Friedland hat mich vor mir selbst gerettet.“

Vierzehn Tage später hatte das Landhaus Raimund’s ein festliches Ansehen, aus allen Fenstern desselben schimmerte Licht, und die vorübergehenden Spaziergänger blieben stehen, um den fröhlichen Weisen der Quadrillen zu lauschen, und die schön geschmückten Tänzerpaare vorüberschweben zu sehen. Eine glänzende Gesellschaft war in den sinnig verzierten Sälen versammelt, und Alles athmete Frohsinn und Lust.

Louise, einfach aber geschmackvoll gekleidet, saß wie eine Königin in der Mitte von Freunden und Bekannten, und empfing die Glückwünsche zu ihrer Genesung. Als der Doctor Friedland erschien, erhob sie sich, sank dem vor Freude strahlenden Greise an die Brust, und bedeckte ihn im Uebermaße ihrer Gefühle mit Küssen.

Außer Joseph kannte Niemand die doppelte Gefahr, aus welcher der Arzt die junge Frau gerettet, denn die Briefe des Advokaten blieben ein Geheimniß, und auch der Verfasser dieser Erzählung würde keine Kenntniß davon erhalten haben, wenn er nicht vor zwei Monaten unter den nachgelassenen Papieren des allgemein betrauerten Arztes Notizen darüber gefunden hätte.

August Schrader.

Erfurter Geschichten.
I. Der König von Jerusalem.

Zu Erfurt lebte vor sechshundert Jahren Einer, der hieß Herr Ulrich Hetzenbrecht, seines Zeichens aber war er ein Schneider.

Wär’ nun selbiger Herr Ulrich bei seiner Schneiderkunst geblieben, hätt’ es so weit nicht gefehlt. So aber kam ihm ganz was Anderes zu Sinn. Er nähte alle Tage weniger und versenkte seinen Geist statt der Ober- und Unterstiche in tiefsinnige Geschriften, und so der erste Morgenstrahl sprühte, fand er gar oft, was der letzte am Abend vorher gefunden – der Herr Ulrich las und studirte.

Nun wurde kein Rock und kein Wams mehr fertig, kam er ja mit einem Stück zu Ende, war es sicher zu eng oder zu weit, und wann sich die Leute beklagten, ließ sich Herr Ulrich nicht zum Feinsten heraus, schier als ob es eine Gnade und Gunst wäre, daß er der Kunden Geld annähme. Also wurden der Kunden allwöchentlich weniger, Herr Ulrich hingegen nahm stets zu an Tiefsinn und Gelehrtheit. Allgemach überkam ihn ein hohes Bewußtsein, glaubte sich derselbe zu großen Dingen berufen und erkoren, und da man das Jahr 1240 schrieb, war er schon längst aus dem Concept gekommen, ging Tag für Tag in den Straßen von Erfurt umher und glaubte dabei nichts Geringeres, als er sei der König von Jerusalem.

Nun sollt Ihr in Kurzem vernehmen, wie’s erging, allbis der Schneider zum König ward.

Welch heilig erhabenes Werk die Kreuzfahrer unternahmen und was wunderbarer Eifer Jünglinge, Männer und Greise zum Zug in’s heilige Land entflammte, das ist Jedem wohl bekannt, nicht minder, wie des Sieges Botschaft stets neue Schaaren zu gleichem Ziele fortriß – erscholl aber die Kunde von Niederlage und weiterem Drangsal der Christen, so zogen der Schaaren so viel mehre von dannen, aufopfernd Gut, Blut und Leben.

Wie nun das schon lange Zeit anwährte, kam ein Geist auch über die Kinder.

Durch ganz Sachsenland ging ein Knabe, Namens Seraph, und der sang ein Lied. Drin war verkündet, alle Ungläubigen sollten sich bekehren, und was Heiliges sie den Kreuzfahrern wieder entrissen, das sollten sie gutwillig herausgeben.

Auf des Knaben Seraph Wort und Gesang hin erfüllte sein Geist vieltausend andere Kinder, entbrannten Diese, in Land Syrien zu ziehen, verließen Vater, Mutter und Heimath und nichts vermochte, sie zurückzuhalten. Also wanderten sie betend und singend dahin und gedachten, über das Meer zu fahren. Da starben ihrer die Mehrzahl an Hunger, Durst und Ermattung. Die Wenigen aber, so sich gen Welschland schleppten und in die Schiffe gelangten, wurden des Meeres Beute. Denn die Stürme brachen in wildester Wuth herein, und was da lebte und webte, von unbändigen Wellen ward es verschlungen!

Darüber verstrichen über zweimal zehn Jahre.

Mittlerweil aber lebte Herr Ulrich in der lebesamen Stadt Erfurt, und so oft von denselben Kindern die Rede war, sagte er: „Wär’ nur ich dabei gewesen!“ Zugleich las und studirte er immer mehr, tagtäglich stieg sein innerlicher Hochmuth, wo er immer eine Prophezeihung fand, so wußte er sie auf sich zu deuten, also währte es die kürzeste Zeit, bis er felsenfest überzeugt war, er sei der rechte Mann zu großen Dingen, und so er nur die Menschen aufriefe, so thäten sie Alles, was er von ihnen verlange.

Machte sich nun einst auf, acht Tage nach Pfingsten war’s, bestieg einen erhabenen Stein und hielt eine gewaltige Rede an die Erfurter. Darin forderte er sie auf, die Waffen zu ergreifen, er selbst aber wolle sich an die Spitze stellen und sie zum Sieg gegen die Türken führen. [348] Wie das die Leute hörten, schüttelten sie die Köpfe ungemein bedenklich. Das leuchtete Herrn Ulrich keineswegs ein und brach er in arge Drohungen aus, so daß er ganz heiser wurde und zuletzt nur noch mit den Händen focht. Da gingen die Einen lachend von dannen, die Andern verhöhnten ihn in’s Angesicht, daß ein Schneiderlein sich so großer Absicht vermesse, die aber, so ihm geneigt waren, ermahnten ihn ernstlich, von derlei Dingen abzulassen, fürhin sein Studiren aufzugeben und statt des lahmen Feldherrnstabes seine flüchtige Nadel zu schwingen.

Drüber wurde er überaus grimmig, sprang von seinem Stein darnieder, rannte spornstreichs nach Hause und warf all sein Nähzeug zum Fenster hinaus. That demnach von Stunde an keinen Stich mehr und hatte er vorher Nacht über studirt, so studirte er nunmehr Tags über desgleichen. Und weil’s ihm bei besonnenen Leuten mißglückt war, erinnerte er sich derselben Kinder, und wie und wo er Weg und Steg fand, sparte er die schönsten Worte nicht und erhitzte die jungen Gemüther.

Wie’s nun sein wollte – eh’ sich ein Mensch und Herr Ulrich selbst dessen versah, fuhr ein lustig wilder Wandergeist in die Kinder zu Erfurt, stahlen sich die eines Morgens aus den Häusern, zogen tanzend und springend zum Löberthor hinaus, dann über den Steiger hinweg und verfolgten ihren Pfad gen Arnstadt.

Da entstand ein großes Rumorn, suchte Jeder seine Kinder, und gar Mancher fand seine Nester ausgeflogen, denn ein ganzes Tausend hatte die Stadt verlassen. Alsbald wurde die Rathsglocke geläutet, die gestrengen Herren vom friedlichen Morgenimbiß aufgesprengt, kamen demnach nüchtern und sehr zornig zusammen und überlegten, was gestalter Dinge zu thun sei, darüber war aber kein Zweifel, an allem Unglück sei der Herr Ulrich schuld und habe der die Kinder davongeführt.

Rannten nun sogleich zwo Rathsherrn fort und auf Herrn Ulrich’s Behausung zu, um sich zu überzeugen, ob er da sei oder nicht.

Er war aber schon da, saß an der Hölle und war so tief in Schriften versenkt, daß er die Rathsherrn lange nicht hörte, so laut sie ihm in die Ohren riefen. Da er nun die Botschaft vernahm und sich mit Drohungen überhäuft sah, zeigte er keinerlei Furcht, richtete sich vielmehr mit verklärtem Gesicht auf und sagte: „Mich schreckt kein Kerker und mich schreckt nicht der Tod, denn ich bin nicht, wie Ihr glaubt, der Schneider Ulrich, sondern ich bin ein ganz Anderer. Also veracht’ ich all Eure Gewalt, und wolltet Ihr mich verbrennen, so stünd’ ich doch wieder lebendig auf, und das ist Alles im Geist gesprochen. Also wird mir Ruhm und Gloria, Euch aber machen die Kinder zu Schanden! Geht alsofort in Euch und ruft das Volk mit mir auf, dann ernenn’ ich Euch Beide zu Kriegshauptleuten und schlag’ Euch Beide zu Rittern!“

Als Herr Ulrich Solches gesprochen, sahen die Rathsherrn, wie es mit ihm stehe und riefen ihm zu, daß er mit seinem Leben hafte, so einem der Kinder ein Haar gekrümmt würde. Drauf versperrten sie die Thüre auf’s Beste und eilten aus das Rathhaus zurück.

In Kurzem ritten Boten aus Erfurt, die Bürger von Arnstadt zu warnen, und so viele Wägen in und um die Stadt sich fanden, die wurden alle gefordert und bespannt, um die Kinder nach Erfurt zurückzubringen.

Drüber vergingen mehrere Stunden, und überaus schwül war’s geworden. Noch viel schwüler aber in Herrn Ulrich’s Kopf.

Da er nicht zur Thüre hinaus konnte, sprang er zum Fenster hinaus, rannte an’s Löberthor und wollte den Kindern nacheilen. Die Reisigen aber ließen ihn nicht vorüber, sondern fällten grimmig ihre Speere. Also wandt’ er sich wieder stadteinwärts, die Bürger von ihrem Vorhaben abzubringen, es wurde ihm aber nicht wohl bezahlt. Gerieth er demnach in größte Wuth und Verwirrung, sprang auf einen Brunnen und donnerte unter die Menge: „Ihr seid Alle faule, unheilige Gesellen! Was wollt Ihr da sitzen zu Land Aegypten bei den Fleischtöpfen, anstatt Ihr Eure Pflicht erfüllt und gegen das Türkenvolk brauset?! Auf da und folgt mir nach, ich bin des Geistes voll und aller Kraft und Glory! Heisa, seht Ihr die verfluchten Türken, da kommen sie daher, wie die Heuschrecken, daß sich die Sonn’ verfinstert, mir nach, wollt Ihr oder wollt Ihr nicht, sonst find’t ganz Erfurt sein Untergang!“

Da nun sein Wort keinen Eingang fand, zerraufte Herr Ulrich vor Grimm Haare und Bart und rief zum Himmel: „Schick Schwefel und Pech, schick Wasser und Feuer, schick Blitz und Hagel und Sturm und Erdbeben, reiß auf Boden, fallt ein Häuser, versink ganz Erfurt!“

Unbändiges Gelächter unterbrach seiner Drohungen Strom. Etliche alte Weiblein aber schüttelten die ehrwürdigen Häupter und meinten, so viel Hohn verdiene Herr Ulrich doch nimmer. Drängten sich auch sonst Etliche um den Brunnen und stritten für den Schneiderpropheten. Dazu zog ein finsteres Gewitter heran und schon grollte und rollte der Donner daher.

Das war Wasser auf Herrn Ulrich’s Mühle. In neue Drohungen brach er aus, inzwischen donnerte und blitzte es stets heftiger, mit einem Mal fielen gar Schloßen – und die waren eben nicht klein. Nun drängte und rannte Alles lärmend von dannen, in Häuser, Hallen, Kirchen oder Bogen.

Herr Ulrich aber wich keinen Schuh breit, focht mit dem Stocke gewaltig in die Luft, denn jetzt war er ganz aus dem Concept gekommen und glaubte nicht anders, als die zahllosen Schloßen wären eben so viele Türkenpfeile und Bolzen, er selbst jedoch sei an den Mauern Jerusalems. Dazu rief er unablässig: „Heisa, Victoria, was wollt Ihr Türkenhunde, mir sollt Ihr Teufel nicht Herr werden!“

Nun hagelte es aber stets wilder und dichter und schlug ihn weidlich auf den zerrauften Kopf, daß er zuletzt die Flucht ergriff und unter die nächsten Bögen sprang. Nicht lange darauf endete das Gewitter, das hatte viel Schaden angerichtet.

Wie nun die Leute aus den Häusern kamen und sich nach allen Dingen umsahen, glaubten sie, Herr Ulrich sei vom Hagel erschlagen worden oder in den Brunnen gefallen und ertrunken.

Urplötzlich rief Einer: „Keines von Beiden, er lebt und dort sitzt er!“

Drauf wandten sich Alle um.

Da saß Herr Ulrich unter den Bögen auf einem Faß, hatte einen Strohkranz um sein Haupt gewunden, seinen Stock hielt er wie einen Scepter in der Rechten und von seinen Schultern hing ein Stück rothes Schamlott, das hatte Einer im Gedränge verloren. „Was soll das bedeuten?“ rief ihn der Nächste an. „Wir dachten schon, Ihr wärt zu Grunde gegangen!“

„Mit nichten,“ erwiederte Herr Ulrich, „ich bin nicht zu Grund gegangen und die Welt steht auch noch, weil ich Alles auf mich genommen und die verfluchten Türken alle erschlagen habe. Habt Ihr gesehen, wie die Einen davon rannten und wie die Anderen dafür mit hunderttausend Pfeil und Bolzen auf mich schossen? Das hat mir keineswegs Furcht eingejagt und habe sie Alle zum Land hinausgepeitscht!“

„Seid Ihr denn ganz von Sinnen?“ kam’s ihm entgegen. „Da sind ja keine Türken auf viel tausend Stunden!“

„Da irrt Ihr sehr!“ antwortete Herr Ulrich. „Weit fort sind sie wohl, denn sie liefen davon, so schnell sie konnten, über fünf Meilen sind sie aber nicht von dannen. Nun hab’ ich zwar viele Wunden aufzuweisen, sonderlich schlugen mir Etliche über das Haupt. Da war aber die Schlacht schon entschieden, als ich nun der König von Jerusalem bin und will seiner Zeit meinen Einzug halten.“

„Aber seht Ihr denn nicht, daß Ihr in Erfurt seid?“ rief ihn Einer an.

„Das seh’ ich wohl“ – entgegnete Herr Ulrich und gab ihm einen tüchtigen Streich über den Rücken, „wie kannst Du frecher Knecht an meiner guten Einsicht zweifeln? Freilich bin ich hier in Erfurt. Aber nur, um Euch zu prüfen! Wann Ihr nun an meine Worte glaubt, will ich Euch Böses mit Gutem lohnen und Euch zu Ehren und Aemtern verhelfen. Wo nicht, so laß ich Euch meine Gewalt empfinden und zieh in mein Reich davon.“

Da blieb kein Zweifel, wie’s mit Herrn Ulrich bestellt und beschaffen sei.

Die Erfurter machten sich auf, ihre Kinder von Arnstadt heim zu bringen – das gelang auch mit Gottes und der Bürger zu Arnstadt Hülfe.

Herr Ulrich aber ging fürder nimmer anders, denn in seinem königlichen Anzug, war aber gar mild und schweigsam geworden, so daß Mancher recht wehmüthig auf ihn sah, ihm freundlich zunickte und einen Pfennig schenkte.

Da blieb er dann immer stehen, nahm das Geschenk auch mit freundlichem Kopfnicken an und sagte: „Es kommt die Zeit, daß ich Euch’s lohne – ich aber sag’ Euch nur Eines. Es ist nichts Geringes, ein Land zu regieren, das so fern liegt, mir war wohler, da ich noch ein einfältig Schneiderlein war, denn nun ich so viel weiß und mich König von Jerusalem schreib!“

Franz Trautmann.
[349]
Ein Besuch in Bethanien.
Die Rosen sterben und die Schmerzen sterben,
Und Alles stirbt. – 
M. Ant. Niendorf. 

In einem abgelegenen, stillen Theile des geräuschvollen Berlins, auf dem köpnicker Felde, wo noch innerhalb der Ringmauern Ackerbau getrieben wird und nur erst die Linien gezogen sind für die künftige Ausdehnung der Stadt, die, wie ein ewig wachsender Riese, ihre kolossalen Glieder immer weiter und weiter streckt, – dort erhebt sich auf freiem luftigen Gebiete das Krankenhaus Bethanien. Es hat seinen Namen erhalten nach jener Stätte des Orients, nahe der „Tochter Zions“, an dem Abhange eines mit Oliven besetzten Hügels, wo Lazarus durch Jesum Christum aus der Nacht des Todes erweckt wurde.

Trotz der vielen Anlagen und Bauten, welche in letzter Zeit auf den vor fünf Jahren noch unbewohnten Feldern emporwuchsen, herrscht noch fast die Ruhe des Landlebens; der verworrene Lärm der Straßen dringt nur gedämpft hierher, die Schatten der Häuser fallen erst über den großen Platz, wenn die Sonne dem Untergange nahe ist und freie frische Luft weht von der Spree und den köpnicker Haiden über die niedrigen Ringmauern. Es ist hier die geeignetste Stelle für ein Asyl leidender Menschen, welche Ruhe, Luft und Licht bedürfen.

Bethanien liegt auf einem quadratischen Raum von etwa 1400 Geviertruthen Flächeninhalt. Eine steinerne Mauer umgiebt den großen Platz, läßt aber die Vorderseite des Gebäudes frei, welche dem köpnicker Thore zugekehrt ist. Diese Front hat in der Mitte den Haupteingang, ein Portal im gothischen Style, auf jeder Seite einen spitzen, das ganze Gebäude weit überragenden Thurm. Die Länge des dreistöckigen Hauptgebäudes enthält auf jeder Seite des Portals sechs Fenster, hieran schließen sich an beiden Enden rechtwinklig die gleichen Seitenflügel, welche auf die Stadt gerichtet sind, gleiche Höhe mit der Front haben, dieselben aber um die doppelte Länge übertreffen. Wenn man die Anstalt von der Brücke des neuen Kanals betrachtet, erblickt man die Rückseite der Mittelfront mit den von drüben herüberragenden Thürmen des Portals und die mächtig langen Flügel, welche nach zwei Seiten 90 Fenster in dreifacher Reihe öffnen. Die nächste Umgebung bilden einzeln stehende Gebäude, die Wohnungen der Oberin, der Aerzte und Geistlichen enthaltend, ein Leichenhaus, welches noch nicht ganz vollendet ist, und ein großer Garten mit frisch gelegtem Rasen und jungen durch Pfähle gestützten Bäumchen, welche durch ihr gedeihliches Aussehen den künftigen Lohn für die Mühe versprechen, mit der man dem unfruchtbaren Boden erquickendes Grün und schattiges Laub abzugewinnen sucht.

Die Gartenlaube (1854) b 349.jpg

Das Krankenhaus Bethanien in Berlin.

Die Anstalt besteht jetzt im achten Jahre, und wurde vom Könige gegründet, welcher 50,000 Thaler zu ihrem Bau bewilligte und ihr noch fortgesetzte Unterstützungen zu Theil werden läßt; durch milde Beiträge und Stiftungen, so wie durch wiederholte Sammlungen sucht sie die Mittel zu einer größeren Wirksamkeit zu erlangen. Obgleich für 300 Kranke eingerichtet, vermag sie jetzt nur 120 aufzunehmen. Der König verfügt über 60 Krankenbetten und für die Stadt stehen 20 zur Verwendung, andere werden durch die Beisteuer der Johanniter in der Mark oder einzelner Privatpersonen unterhalten. Die Verpflegten zerfallen in drei Klassen, je nach den monatlichen Kurgeldern von 9, 15 oder 40 Thalern. – Ein großer Vortheil ist den bemittelteren Herrschaften gewährt, indem dieselben für einen jährlichen Beitrag von zwei Thalern jederzeit ihre erkrankten Dienstboten zur Heilung einliefern können.

Im Publikum hört man zuweilen die Meinung aussprechen, dieses Krankenhaus mache einen zu großen Aufwand von Raum und Geldmitteln, welcher mit den erreichten Zwecken nicht in richtigem Verhältnisse stehe. Diese Meinung erhält allerdings Begründung, wenn man die kleine Anzahl Kranker, welche in dieser großartigen und kostbaren Anstalt verpflegt werden, mit der vielmal größeren vergleicht, welche die Charité für die gleichen Mittel aufnimmt. – Eine andere Stimme noch spricht sich gegen die ganze Organisation des Instituts aus und erklärt sie für pietistisch und krypto-katholisch. Indeß wittert die streng protestantische Richtung gleich in jedem Altarbilde, in jeder buntgedünchten Kirchenwand und in jeder Ordenseinrichtung den versteckten Katholicismus, und es läßt sich vermuthen, daß Bethanien nicht mehr des pietistischen Geistes enthalte, als alles Andre, was sich heut zu Tage der [350] Duldung und Protektion zu erfreuen hat. – Übereinstimmend aber ist das öffentliche Urtheil im Lobe der trefflichen Einrichtung des Hospitals in Bezug auf Reinlichkeit, Ordnung und vor Allem auf sorgsame Pflege und Behandlung der Leidenden. Durch diese Vorzüge ist dasselbe zu einer Musterkrankenanstalt geworden, werth der Kenntnißnahme und Nachahmung.

Treten wir ein in diese Stätte der Schmerzen und Gebrechen! Scheuen wir uns nicht, einen kleinen Theil der beiden versammelt zu sehen, welche Gemeingüter unsers verweichlichten entarteten Geschlechts geworden sind, der Leiden, welche verursacht werden durch die feindlichen Eindrücke der Natur, denen wir nicht gewachsen sind, oder durch die Mängel unserer „civilisirten Barbarei“, denen wir uns nicht entziehen können! Blicken wir den Siechen in das schmerzensvolle Antlitz und lesen aus ihren Mienen die Pein der Wunden, die Klage um die gebrochene Lebensblüthe, das zähe Verlangen nach Rettung und die süße Hoffnung der Genesung, das gefaßte Verzichten auf die freundliche Gewohnheit des Daseins, die verzweifelnde Gewißheit des Todes! – Nur der Egoist geht an den Leidenden theilnahmlos vorüber; für ihn hat das Einzelwesen keinen und die Gattung den höchsten Werth. Aber er frage sich, der Egoist, wie die Gattung zu einer Bedeutung käme ohne den Werth des Individuums; er frage sich, warum er sich selber so hoch schätzt, wenn er dem Einzelwesen seine Wichtigkeit abspricht. Der Humanist hingegen achtet die Menschheit, weil er den Menschen liebt, und die Gesellschaft hat für ihn nur den Zweck des Wohlergehens aller Einzelnen. Der Humanist besucht ein Krankenhaus wie der Samariter, der sich des Klagenden erbarmt; wie der Weise, der die Wahrheit auch aus den Zügen des Sterbenden liest und aus der Betrachtung der Vergänglichkeit zu neuer Freude am Dasein erstarkt.

Wenn wir durch das Hauptportal eingetreten sind, empfängt uns eine Matrone, in einem blauen Kleide mit weißer Haube und weißem Kragen. Sie bittet uns, unsere Namen auf ein Pergamenttäfelchen zu schreiben und in einem freundlichen Stübchen die Ankunft der „Schwester“ zu erwarten.

Aller Dienst in Bethanien wird von den „Schwestern“ ausgeübt, welche gleich gekleidet sind und gleichen Rang haben. Die allgemeine Kleidung ist wie die jener Matrone, doch wird an Sonn- und Festtagen das blaue Gewand mit einem schwarzen vertauscht.

Die Zahl der Schwestern beträgt 33, fast ebenso groß ist die der „Probepflegerinnen“, welche eine einjährige Prüfungs- und Lehrzeit zu bestehen haben. Letztere, deren Alter zwischen 18 und 30 Jahren liegt, können jederzeit ausscheiden, die vereidigten Schwestern jedoch müssen ihren Austritt ein Jahr vorher ankündigen. Kürzlich hat die Schaar der Schwestern eine Gräfin von Stolberg-Wernigerode aufgenommen, welche gegenwärtig die erkrankte „Oberin“, Fräulein von Ranzow, vertritt. Die Oberin ist mit der unmittelbaren Leitung des ganzen Instituts betrauet, dessen Interessen überdies von einem Curatorium aus 20 Personen in regelmäßigen Versammlungen berathen werden. Die Beschützerin der Anstalt ist die Königin von Preußen. – Die verschiedenen Verrichtungen wechseln unter den Schwestern und bestehen in Pflege der weiblichen Patienten; Beaufsichtigung der Krankenwärter der Männerstationen; Verwaltung des Waschhauses, der Küche und Badeanstalt; Ordnung des Leinenzeuges und in auswärtigen Missionen nach andern Heilanstalten.

Nicht lange haben wir gewartet bis die Schwester, welche mit der Führung der Fremden beauftragt ist, erscheint und uns freundlich auffordert, ihr zu folgen. Sie hat eine schlanke aber kräftige Gestalt, ihre Gesichtszüge verrathen Güte und Sanftmuth, ihre Ausdrucksweise zeugt von Bildung.

Sie führte uns zuerst in die Kirche, welche die ganze Mitte der Hauptfront einnimmt, und deren innere Ausschmückung in byzantinischem Style ausgeführt ist. Ein schönes Bild des Christus und eine mittelgroße Orgel sind die Hauptzierden dieser Kirche, welche an jedem Sonntage zum öffentlichen Gottesdienste benutzt wird. Die fungirenden Geistlichen sind die Prediger Schulz und Beher.

Weiter führte uns die Schwester in die Apotheke und in das chemische Laboratorium, in welches metallene Röhren die heißen Wasserdämpfe aus einer Dampfmaschine leiten. Mit dieser Maschine wird hier Erstaunliches geleistet. Sie dient den Apothekern, bei ihren chemischen Arbeiten; sie reinigt in der Waschkammer das Leinenzeug und dreht eine Vorrichtung zum Auswinden der Wäsche; durch sie werden mehrere Kachelöfen geheizt, in deren schmalen Zwischenräumen das nasse Weißzeug in wenigen Minuten getrocknet wird; sie sendet ihren Dampf in die von blanken Gefäßen schimmernde Küche und bringt binnen fünf Minuten das Wasser in acht großen Kesseln zum Sieden; und von ihr aus durchziehen eiserne Röhren die Zimmer, Krankensäle und Flure und bewirken die Heizung durch erwärmte Luft.

Nachdem uns die Führerin alle jene Gemächer des Kellergeschosses, Waschhaus, Trocknenkammer, Küche und Wäschkammer, gezeigt hat, leitet sie uns über weiche Matten, welche die Fußböden des ganzen Hauses bedecken, nach einem großen Saale, der mit seinen hohen Bogenfenstern und den Kreuzgewölben der Decke einen mittelalterlichen Anblick gewährt. In solches Gemach führen uns die gastfreundlichen Mönche, wenn wir nach ermüdender Wanderung in Italien oder im Orient eine willfährige Aufnahme in einem Kloster gefunden haben. Ein trauliches Halbdunkel erfüllt das klösterliche Zimmer, und in den Streiflichtern, welche durch die Fenster fallen, erglänzt das saubere Tischgeschirr. Es ist dies der Speisesaal der Krankenpflegerin. Wenn die freihängende Glocke über dem Portale erschallt, dann versammeln sie sich hier an den beiden langen Tafeln, die Schwestern an der einen, an der andern die Probepflegerinnen.

In einem kleineren Gemach finden wir die Einrichtung einer Schulklasse, und auch hier herrscht, trotz aller Einfachheit die höchste Eleganz. Die Bänke und das Katheder sind aus polirtem Holz; in der Mitte des Zimmers befindet sich eine Gaslampe mit einem Schirm aus weißem Milchglase. Die Tafeln und Wandkarten gehören zu den ausgezeichnetsten ihrer Art. Hier erhalten die Probepflegerinnen Unterricht in den Schulwissenschaften; die Schwestern werden hier von den drei Aerzten, den Doctoren Bartels, Wilms und Orthmann, in der Kenntniß der Krankheiten und der Krankenpflege unterwiesen.

Während wir den Corridor überschreiten, bringen vier graugekleidete Männer einen neuen Patienten in einem Tragkorbe. Die Schwester eilt herbei und unter ihrer stummen Anordnung wird der Kranke in das schon bereitete Bett gebracht, wo Pflege, Hülfe und vor Allem der linde Balsam des Trostes seiner harren. Für viele der Leidenden mag dieser Trost mehr in der sanften, theilnahmvollen Behandlung und in dem freundlichen, ermunternden Zuspruch liegen, als in den ermüdenden und abschwächenden Gebetsverrichtungen, womit man sie unablässig heimsucht.

Die Zimmer der dritttn Klasse der Männerstation sind geöffnet. Auf reinlichen Betten liegen in jeder geräumigen Stube zehn Patienten. Ueberall sind die Wärter und die beaufsichtigenden Pflegerinnen zur Hand, und jeder Schmerzenslaut findet seine Erhörung. – In einem besondern Zimmer sind die kranken Knaben versammelt, welche schon so frühe dem ernsten Genius mit der gesenkten Fackel in das Auge schauen mußten; aber keiner von ihnen wird das junge Leben einbüßen. Die Nachmittagssonne, welche durch die klaren Scheiben fällt, erhöht das Roth der Wiedergenesung fast auf allen Wangen; Einzelne sitzen aufrecht im Bette und verfertigen kleine, zierliche Körbchen aus buntem Papier, ein kleiner Napier oder Omer Pascha oder sonst ein Eisenfresser der Zukunft fuchtelt sogar seine Bettdecke mit einem großen blechernen Säbel. –

Nachdem wir eine kleine Spende in die Büchse am Portal geworfen, verlassen wir Bethanien mit weichem aber zufriedenem Herzen. Es war auch ein Gefängniß, welches wir gesehen haben; aber wir fanden Menschen bereit, die Fesseln zu lindern oder zu lösen; nicht das Princip der Rache, Vergeltung und Peinigung waltete hier, sondern der Grundsatz der Liebe, des Erbarmens und der Hingebung.

Wahrlich, es gehört ein Weib dazu, die sonnigen wie die düsteren Tage, die langen Nächte, Wochen, Monate und Jahre in der Gesellschaft verunstalteter Leiber und verbitterter Seelen zuzubringen, ihnen zu Diensten zu stehen, ihrer unermüdlich zu warten und sie unverdrossen zu beruhigen. Es gehört etwas Höheres dazu, als der bestialische Schlachtenmuth des Mannes: das ist der Muth des Weibes, die Hingebung, Aufopferung, Nachsicht, Geduld, Engelsgüte, – alle die Tugenden, die wir an den Frauen täglich bewundern, wenn wir sie mit überwachten und verweinten Augen an dem Krankenbette des Mannes, oder an der Wiege des Säuglings oder am Sterbebette der Mutter sitzen sehen. – Darum hat

[351] Bethanien an den Schwestern die geeignetsten Personen zur Krankenpflege. Und wenn es gleich zu wünschen ist, daß nicht die frömmelnde Barmherzigkeit, sondern die Pflicht des Staates hinreichende Krankenhäuser für alle Leidtragenden errichte, – so möchten wir dennoch in der Leitung und Einrichtung aller solcher Staatsanstalten den herrlichen Geist der weiblichen Sanftmuth und Theilnahme nicht vermissen, den wir in Bethanien in hohem Maße angetroffen haben.
R. Springer. 




Vergehen und Auferstehen
der Materie.

Die Materie (denn der Geist gehört hier durchaus nicht in unsere Betrachtung) ist ewig und unvergänglich und alle seit Erschaffung unserer Erde vorhandenen Stoffe nehmen weder ab noch zu, nur ihre Form und die Verhältnisse ihrer Mischung ändern sich immerwährend. Die zu Grunde gehenden Körper liefern nämlich fort und fort Material zu neuen Körpern. Wenn z. B. Pflanzen oder Thiere verfaulen, Holz und Kohlen verbrennen, Gesteine verwittern, so zerfallen sie endlich in einzelne, ihnen zu Grunde liegende, zum Theil nicht weiter zerstörbare Bestandtheile, von denen ein Theil luftförmig, ein anderer als Asche und Erde zurückbleibt. Diese luftförmigen und festen Ueberreste sind nun aber das Material, woraus die Natur neue Gebilde zusammenfügt. Das Holz, welches vor Millionen Jahren einer üppigen Pflanzenwelt angehörte, entreißen wir jetzt als Steinkohle dem Schooße der Erde; sie wird verbrannt, wobei auch nicht ein Stäubchen davon verloren geht; der größte Theil derselben erhebt sich in die Lüfte und dient nun der heutigen Pflanzenwelt als Nahrung. Diese Pflanzen werden sodann von Thieren und Menschen verzehrt und so werden dieselben Stoffe, welche zu einer Zeit, wo noch keine Spur von Menschen vorhanden war, einen Baum zusammensetzen halfen, jetzt Bestandtheile eines Thieres oder eines Menschen. Dagegen können dieselben Stoffe, nach Untergang dieses Thieres oder Menschens abermals in eine Pflanze übergehen u. s. f. So ist denn nirgends Ruhe in der Natur und alle Stoffe befinden sich in einem fortwährenden Kreislaufe, in stetem Wechsel ihrer Vereinigung. Vergleicht man nun aber Das, was vor Jahrtausenden unterging mit Dem, was jetzt besteht, so zeigt sich ganz deutlich auf unserm Erdboden eine allmälige, immerfort zunehmende Vervollkommnung des Geschaffenen und es läßt sich deshalb auch in Hinsicht auf die Materie sagen: „Tod ist nicht Tod, Tod ist nur Veredelung sterblicher Natur.“ Ein gebildeter Mensch muß deshalb beim scheinbaren Untergehen der Körper stets an das Auferstehen, d. h. an das Uebergehen der Stoffe jener in andere Körper, denken und auch zum Wohle des Entstehenden benutzen.

Zerlegt man die Substanzen, welche unsere Erde und Alles, was aus derselben existirt, bilden, so stößt man endlich auf Stoffe, die nicht weiter in andere Stoffe zerlegt werden können. Diese Stoffe heißen Urstoffe, Grundstoffe, Elemente oder einfache Körper (s. Gartenlaube Jahrgang I. Nr. 28); ihre Zahl beträgt 64. Jedoch sehen wir nur eine geringe Zahl derselben als Hauptfiguren auf der Bühne des allgemeinen Stoffwechsels fast ununterbrochen thätig und von diesen sind es vorzugsweise wieder der Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Kohlenstoff. Keiner der Grundstoffe läßt sich in einen andern verwandeln und ein jeder behält stets die ihm von Anfang der Schöpfung an verliehenen Eigenschaften (Kräfte). Gold, ein Element, wird demnach niemals vom Menschen künstlich dargestellt werden können. – Nach der bald größeren, bald geringeren Verwandtschaft der Elemente zu einander, gehen dieselben nun die mannigfaltigsten Verbindungen ein und bilden auf diese Weise eine Menge neuer, sogenannter zusammengesetzter Stoffe, denen nach der Eigenthümlichkeit ihrer Zusammensetzung die verschiedenartigsten Eigenschaften (Kräfte) zukommen. Man findet die zusammengesetzten Stoffe als Hauptmasse alles Geschaffenen, während die Grundstoffe, mit Ausnahme von Sauerstoff, Stickstoff und Kohlenstoff, rein nur sehr vereinzelt in der Natur vorkommen. Manche dieser Zusammensetzungen zeichnen sich durch große Einfachheit aus und lassen sich deshalb auch künstlich darstellen, während andere, durch die vielfach verschlungenen und sich durchkreuzenden Beziehungen und Verknüpfungen der Grundstoffe zu einander, sehr complicirte Verbindungen sind. Die einfacheren Verbindungen, welche in flüssiger, erdiger oder kristallischer Form vorkommen, werden als sogenannte unorganische, todte, leblose Körper beschrieben, wie Luft, Wasser, Erden, Salze, Gesteine; dagegen bilden die zusammengesetzteren Verbindungen solche Substanzen, die sich nur in dem pflanzlichen, thierischen und menschlichen Körper vorfinden. Diese zusammengesetzteren Substanzen heißen auch organische und ihnen kommt, sobald sie einen bestimmten Grad von zusammengesetzter Mischung erreicht haben, eine bestimmte, sogenannte organisirte Form und mit dieser Eigenschaften zu, welche man Lebensthätigkeiten zu nennen pflegt und wohl auch einer ganz besondern Kraft, der Lebenskraft, zuschreibt. Die Erhaltung jenes organischen Mischungszustandes und der organisirten Form mit der daraus hervorgehenden Lebensthätigkeit kann aber nur durch fortwährendes Erneuern und Abstoßen der Bestandtheile jener Körper zu Stande kommen und somit beruht das Leben der sogenannten organischen, belebten, beseelten Körper oder Organismen, zu denen Pflanzen, Thiere und Menschen gehören, auf einem ununterbrochenen Stoffwechsel (s. Gartenlaube Jahrgang I. Nr. 39). Mit dem Aufhören dieses Stoffwechsels (d. i. Sterben, Tod) wird auch die eigenthümliche complicirte Zusammensetzung des organischen (durch das Sterben zur Leiche gewordenen) Körpers aufgehoben und seine organisirte Form zerstört; die zusammengesetzteren, organischen Stoffe desselben verwandeln sich nach und nach mit Hülfe des Sauerstoffs in einfachere, unorganische Stoffe; Elemente werden frei.

Unter den Zerstörungsprozessen, welche das scheinbare Vergehen unorganischer und organischer Körper nach sich ziehen, ist das Verwittern, Verbrennen, Verfaulen, Verwesen, Vermodern und Gähren für uns vom größten Interesse.– Der Verwitterungsproceß, dem wir die Bildung unseres Erdbodens (der Ackererde) aus den Urgesteinen zu verdanken haben, ist nichts anderes als ein Auflösen der Gesteine in dem Wasser und den freien Säuren (besonders der Kohlensäure) der atmosphärischen Luft. Dieser Zerstörung unterliegen mit der Zeit selbst die härtesten Gesteine, denn auch der Granit wird dadurch nach und nach in eine weiße erdige Substanz umgewandelt. – Die schnellste Zerstörung organischer Substanz ist durch Feuer möglich zu machen. Das Verbrennen kann aber nur bei Zutritt von Sauerstoff (der atmosphärischen Luft) zu Stande kommen, weil sich dieser hierbei mit den verbrennlichen Elementen, vorzugsweise mit dem Kohlenstoffe und Wasserstoffe, der organischen Substanzen verbinden muß. Es bilden sich deshalb beim Verbrennen hauptsächlich Kohlensäure, Kohlenwasserstoff und Wasser; diese Stoffe entweichen in die Luft und nur die unorganischen festen, unverbrennlichen Stoffe bleiben als Asche zurück. Natürlich wird diese letztere nach der verschiedenen Zusammensetzung der verbrannten Körper bald aus diesen, bald aus jenen Stoffen bestehen müssen. – Fäulniß, Verwesung und Vermoderung sind Zerstörungsprozesse organischer Stoffe, welche der Verbrennung ganz ähnlich sind und sich von diesen nur durch ihr langsames Vorsichgehen unterscheiden. Die durchaus nothwendigen Bedingungen, unter denen diese Prozesse zu Stande kommen können, sind: Wärme, Wasser und atmosphärische Luft (Sauerstoff). Man kann deshalb diese Arten der Zerstörung von organischen Körpern dadurch abhalten, daß man sie in eine Temperatur unter dem Gefrierpunkt bringt, oder daß man ihnen alles Wasser entzieht (durch Salz, Alcohol, Kohle, Zucker), oder daß man den Zutritt von Luft zu ihnen abhält (durch Wachs, Fett, Harz, Kalkstein), oder daß man ihnen die Fähigkeit, sich zu zersetzen, durch Chlor, Mineralsäuren, Holzessig oder Gerbstoff benimmt. Fäulniß heißt der Zersetzungsprozeß mancher organischen Körper, bei welchem Wasser die Hauptrolle spielt und dabei theils aufgenommen, theils zersetzt wird (in Wasserstoff und Sauerstoff). Am Fäulnißfähigsten sind die stickstoffhaltigen Eiweißsubstanzen und diese sind es auch, welche andere für sich nicht fäulnißfähige Stoffe zur Zersetzung fähig machen können. Man [352] nennt solche stickstoffhaltige Körper, welche, indem sie selbst in Zersetzung begriffen sind, auch in anderen die Zersetzung vermitteln, Fermente (wie die Hefe). Diese Fermente verlieren aber nach und nach diese zersetzungerregende Kraft und gehen endlich durch eigene Zersetzung zu Grunde. Es bilden sich bei der Fäulniß zuletzt hauptsächlich Kohlensäure, Kohlenwasserstoffgas, Wasser, Ammoniak, Schwefel- und Phosphorwasserstoffgas. Anstatt der Asche bleibt eine dammerdige Masse als festes Ueberbleibsel zurück. Die Verwesung ist die Zersetzung unter reichlichem Zutritt von atmosphärischem Sauerstoff und die Produkte dieses Prozesses sind hauptsächlich Kohlensäure und Wasser, neben erdiger Asche. Bei der Verwesung von Pflanzensubstanzen findet bisweilen eine so schnelle und heftige Sauerstoffaufnahme statt, daß es zu einer bedeutenden Wärmeentwickelung, ja bis zur Selbstentzündung kommen kann (z. B. bei feuchtem Heu und Mehl). Vermoderung nennt man den Zersetzungsprozeß, bei welchem der Luft- und Wasserzutritt nur mangelhaft vor sich geht. Einem solchen Prozesse sind z. B. die unter der Erdoberfläche verschütteten organischen Körper nicht selten unterworfen. Auch hier bildet sich schließlich hauptsächlich Kohlensäure und Wasser, sowie Moder. – Die Gährung ist wie die Fäulniß, Verwesung und Vermoderung ein der Verbrennung ähnlicher langsamer Zersetzungsprozeß, dem aber nur einzelne organische Substanzen, wie Stärke, Zucker, Alcohol und Milchsäure, unterworfen sind. Die Bedingung, unter denen die Gährung zu Stande kommt, sind wie bei der Fäulniß: Wärme, Wasser und atmosphärische Luft, sodann aber auch noch ein Ferment (Hefe). Von dem Grade der Zersetzung dieses Fermentes hängt die Art der Gährung ab; die zuletzt übrig bleibenden Stoffe sind bei dieser Art der Zerstörung ebenfalls Kohlensäure und Wasser. Die Stärke kann eine Zuckergährung eingehen (sich in Stärkezucker verwandeln), wie dies beim Keimen des Getreides (beim Malzen) mit Hülfe eines Fermentes (Diastase genannt) und im menschlichen Körper mittels des Speichels der Fall ist. Die weinige oder geistige Gährung, deren Produkt Alcohol ist, kommt bei Wärme und unter Zutritt von atmosphärischer Luft in Flüssigkeiten zu Stande, welche Zucker und ein Ferment enthalten. Bei der Verbrennung des Zuckers durch den Sauerstoff bildet sich hier aus dem Zucker Alcohol und Kohlensäure. Die letztere entweicht und deshalb ist es gefährlich, sich in solche Räume, wo Stoffe die weinige Gährung erleiden, ohne Vorsicht zu begeben. Das die Gährung bedingende Ferment erzeugt sich entweder in der Flüssigkeit selbst durch Fäulniß von Eiweißsubstanzen (wie bei der Weinbildung) oder wird als solche (Hefe) zugesetzt. Auf der geistigen Gährung beruht die Herstellung aller geistigen Getränke. Die saure oder Essiggährung besteht in der Verwandlung des Weingeistes in Essigsäure durch den Sauerstoff der Luft, wobei sich neben der Essigsäure auch noch Wasser bildet. Die Milchsäuregährung kommt vorzugsweise in einer Milchzucker enthaltenden Flüssigkeit zu Stande und das Produkt dieser Gährung, die Milchsäure, kann sich durch weitere Gährung, in Buttersäure verwandeln. – Ehe durch diese Zersetzungsprozesse die vollständige Auflösung organischer Substanzen (in Kohlensäure, Kohlenwasserstoff, Wasser und Ammoniak) vor sich geht, erzeugen sich gewöhnlich im Verlaufe der Zerstörung vorher noch Substanzen, die für uns von größerer oder geringerer Wichtigkeit sind, wie z. B. Dammerde, Torf, Kohle, Alcohol, Essigsäure u. s. w.

Forschen wir nun nach, wo die beim scheinbaren Vergehen der Körper sich bildenden luftförmigen und festen Stoffe hinkommen, so findet sich, daß dieselben stets zur Zusammensetzung anderer, vorzugsweise organischer Körper verwendet werden, so zwar, daß die einen Stoffe in diese, andere in jene Körper aufgenommen werden, nicht aber alle zusammenbleiben und zu einem einzigen neuen Körper wieder zusammentreten. Eine derartige Verwandlung existirt in der Körperwelt nicht. – Der Pflanze sind für ihr Bestehen: Wasser, Kohlensäure und Ammoniak, sowie bestimmte Salze, unentbehrlich, sie erhält diese ihre Nahrungsstoffe theils durch die Verwitterung von Gesteinen, theils in Folge der Verbrennung, Fäulniß oder Verwesung und Gährung organischer Substanzen. Deshalb geben ja eben faulende pflanzliche, thierische und menschliche Stoffe gute Düngungsmittel ab und es würde das Verbrennen menschlicher Leichen, sowie das vereinzelte Begraben derselben ohne Särge insofern von großem Vortheile für die Menschheit sein, weil alsdann die Zersetzungsprodukte unseres Körpers das Gedeihen solcher Pflanzen befördern würden, die dem hungernden Armen eine reichlichere und bessere Nahrung geben könnten, als er jetzt genießt. Ist es nicht erhebend, wenn wir Bestandtheile unseres Körpers nach dem Tode in Pflanzen und Früchte übergehend wissen, die unsere Mitmenschen vor dem Hunger schützen, oder wenn ein Freund Stoffe, die unserm erstorbenen Herzen entstammen, in dem Vergißmeinnicht wiederfindet, das auf unserer Grabstätte blüht?
B. 




Russischer Krieg. – Afrikanisches Friedens-Oel.

Wie der Krieg manche Lichter ausputzt, ist nicht schwer zu begreifen. Der Talg wird theuer und die Sache ist gemacht. Wie aber derselbe Krieg in Afrika das Oel des Friedens unter Sklaven gießt und sie zur Freiheit und Civilisation ruft, bedarf einer weiteren Beleuchtung, um diesen großen Prozeß in seiner ganzen Größe zu übersehen.

Rußland war der Talg-, Lichter- und Seifenlieferant für Europa, besonders für England, welches in den letzten sechs Jahren 7,654,908 Centner Talg aus russischen Häfen erhielt. Der Krieg hat diese Zufuhr abgeschnitten, so daß in England Licht und Seife bereits über das Doppelte gestiegen sind und die russischen Talg-Producenten in Gefahr kommen, in ihrem eigenen Fette zu ersticken. Die ungeheueren Massen Rinder und Ochsen, welche in den großen Steppen Südrußlands weiden, sind für ganze Gegenden, Städte und Häfen fast die einzige Lebensquelle, insofern sie den Talg davon verkaufen können. Aus dem großen Vorrathe in den Steppen werden regelmäßig Heerden eingefangen und in die Salgans oder Talgfactoreien zur Mast getrieben. Sind sie fett genug, werden sie hundertweise geschlachtet und, nachdem die gröbsten Knochen herausgehackt sind, in Stücken zerhauen und in ungeheuern Kesseln ausgekocht. Die Kessel sind so fabelhaft groß, daß 12, 15 – 20 Ochsen auf einmal darin ausgekocht werden können. Die verschiedenen Abrahmungen den Talgs geben verschiedene Qualitäten, die in Fässer gepackt und in den Häfen an große Exporteurs verkauft werden. Man denke sich die Folgen des Krieges, wenn Millionen Zentner Talg und unzählige Wispel Getreide nicht durch Ausfuhr verwerthet werden können! Die Folgen sind auch für Europa nicht erfreulich, aber das weiß sich schon mit Amerika und Afrika zu helfen. England ist so zu sagen über den Berg und hat vor Beginn des Krieges schon Talglichter machen gelernt, ohne einen Tropfen Talg oder sonst thierisches Fett dabei zu verwenden.

Die Stearinlichter und Palmölkerzen sind im Allgemeinen bekannt, doch werden hier einige chemisch-technische Bemerkungen nicht überflüssig sein, weil es dadurch klarer wird, wie der russische Krieg die Sklaven in Afrika befreit.

Bis vor wenigen Jahren wurden in der von den Vorvätern ererbten Weise Talglichter gegossen, für die Reicheren von Wachs und Walrath. M. Chevreul, der ausgezeichnete französische Chemiker, fing aber 1811 an zu fragen und zu untersuchen, ob die Flamme des Talglichtes die ganze Substanz verzehre und nicht vielleicht etwas darin sein könnte, was den Verbrennungsprozeß und die Leuchtkraft eher störe, als fördere. Nach dreijähriger Untersuchung entdeckte er zuerst eine chemische Substanz im Talge, die er „margarische Säure“ nannte, später die „ölichte Säure“ und 1814 die „stearische Säure“ oder Stearin. Alle diese drei Säuren verbrennen, aber eine vierte, mit der sie im Talge chemisch verbunden sind und die er Glycerin nannte, erwies sich als unverbrennlich. Einige Jahre nach diesen Entdeckungen schlug Gay Lussac dem Entdecker vor, eine industrielle Anstalt für Fabrikation von margarischen und stearischen Lichtern (aus Talg, welcher von dem unverbrennlichen Glycerin befreit war) zu gründen. Beide Chemiker gingen nun mit ihrem Patente an’s Werk, aber da Niemand zweien Herren dienen kann, machten die großen Männer der Wissenschaft an sich die Erfahrung, daß sie der Welt auf industriellem [353] Wege keine Lichter weiter aufgehen lassen könnten. Ihre Anstalt machte 1825 bankerott. Die Chemiker zogen sich in ihre Laboratorien zurück und die Industrie bemächtigte sich ihres rechtmäßigen Antheils an der großen Entdeckung. Die Herren Bonnet, Milly und Motard machten Lichter mit (nach Chevreul) verbessertem Talge; aber noch bedurfte es fünf Pfund Talg um zwei Pfund der neuen Lichtermasse zu gewinnen, so daß sie nur zu hohen Preisen verkauft werden konnten. Giebt’s keinen Ersatz für Talg? war nun die Frage an das Schicksal. O ja! Palmöl. Ein großes Wort. Die Könige der Pflanzenwelt sollten nicht mehr nutzlos in der Wüste stehen und Millionen schwarzer Sklaven und Barbaren sollte die Stunde der Erlösung schlagen. Und so erscholl das Wort Palmöl für Talg. Dr. Hempel, ein Deutscher in London, und Mr. Blundell nahmen ein Patent auf die vom Ersteren erfundenen Palmwachslichter und Mr. Blundell und Mr. Spence machten solche Lichter, nachdem sie den Erfinder – wie das so Regel ist – bei Seite geschoben. Aber die Lichter sahen dunkel aus und kamen deshalb nicht recht in die Mode. Inzwischen ließ sich Mr. Soames Cacaonußöllichter patentiren. Er verkaufte sein Patent an die Herren Wilson und Lancaster, die Begründer der größten neuen Lichterfabrik in Vauxhall. Ihre Lichter bedurften erst noch der Lichtputze, aber bald entdeckte man, daß eine bestimmte Quantität Cacaonußstearin gemischt mit Palmölstearin die prächtigste Lichtermasse gab, die keines Putzens bedarf und deren schönes Licht wir wohl alle kennen. Dabei konnte das Pfund für ein Schilling und später noch billiger verkauft werden.

Im Vauxhalltheile Londons arbeitet nun die größte Lichterfabrik der Welt, ohne einen Tropfen Talg zu brauchen, eine neue Lichtquelle für Europa, der Erlöser Afrika’s und zugleich ein pädagogisches und administratives Muster für alle großen Industrieanstalten, da alle die unzähligen, darin beschäftigten Knaben und Mädchen zugleich auf das Sorgfältigste auf Kosten der Anstalt erzogen und in musterhaften Schulen unterrichtet werden.

Doch gehen wir auf unserem Wege vom russischen Kriege zu den Lichtern und von ihnen zur Civilisirung Afrika’s weiter.

Die Anstalt in Vauxhall macht Lichter von Pflanzensäften. Das Cacaonußöl kommt hauptsächlich von der Insel Ceylon, wo die Gesellschaft über Tausend Acker Cacaonußwaldung gekauft hat, um der Zufuhr sicher zu sein. Jeder Baum giebt von seiner Reife an (im zehnten Jahr) etwa 100 Jahre lang jährlich 100 Nüsse. Das Oel befindet sich im Kerne, aus welchem es ausgepreßt, getrocknet und dann durch Steine zermalmt und kalt und heiß behandelt wird. Aus dem letzteren Prozesse gewinnt man das Cacaonußöl.

Palmöl kommt aus der Schale der Palmfrucht, etwa von der Größe eines Taubenei’s mit einer goldenen, weichen Hülle. Letztere wird zerquetscht und gekocht, wobei sich aber das Oel sammelt, welches nach Abkühlung fest wie Butter wird und eben so aussieht. Die schwarzen Bewohner Guinea’s an der Westseite Afrika’s bringen diese „Butter“ in verschiedenen Gefäßen nach der Küste in die englischen Factoreien und Lagerhäuser und tauschen dafür englische Industrieartikel ein. Oft bringt Einer kaum ein Pfund hundert Meilen weit her, um sich Zeug zu einem neuen Anzug dafür zu holen.

Beide Oele unterliegen chemischen und mechanischen Processen, ehe sie zusammen die Stearinmasse bilden, aus denen die Lichter geformt (nicht gegossen) werden.

Die Sache steht jetzt nun also so, daß schöne Lichter von solider Stearinsäure gemacht werden, welche besser brennen, als die von ungereinigtem Talge, und wohlfeiler als die von gereinigtem. Palmöl giebt den Hauptbestandtheil jetzt schon wohlfeiler, als Talg, und dieses Palmöl wird gerade in den Theilen Afrika’s gewonnen, wo bisher der Sklavenhandel in der scheußlichsten und ausgedehntesten Weise betrieben wird. Dies thun hauptsächlich die verschiedenen Negerkönige, weil sie sich auf eine andere Weise keine „Steuern“ verschaffen können. Fängt nun aber das Volk an, in größerem Maße Palmöl zu produciren, können sich Könige und Unterthanen Geld verschaffen, ohne Menschen einzufangen und zu verkaufen. Der „Unterthan“ bekommt jetzt als „Producent“ Werth, den er früher nicht hatte. Dies ist ein gewaltiger, weil praktischer Cultur- und Civilisationsprozeß.

Mr. Wilson, Director der großen Stearinlichtfabrik in Vauxhall machte in einem öffentlichen Vortrage auf diesen wichtigen Umstand besonders aufmerksam, und eine Commission des Unterhauses, welcher die Untersuchung desselben übertragen worden war, verschaffte sich eine große Menge hierher bezügliche Thatsachen, besonders von Mr. Hutton, dessen Haus seit mehr als vierzig Jahren mit Afrika handelt. Letzterer erzählte, daß man jetzt statt der Perlen, kleinen Spiegel und sonstigen Spielereien, womit man bisher das Palmöl eintauschte, mehr nützliche, civilisirende Artikel sende und er einmal an König Jaman von Alt-Calabar ein ganzes, transportables Haus im Werthe von 7000 Thaler gesandt und die Bezahlung dafür durchaus in Palmöl bekommen habe.

Capitain Forbes erzählt in seinem interessanten Buche „Dahomey und die Dahomeyaner“ (ein Reich an der Westküste, dessen König mit vielen Tausend Mann durchaus weiblicher Soldaten, welche zugleich seine Frauen sind, professionell vom Einfangen und Verkaufen der Gefangenen lebte), daß unzählige Massen von Bewohnern der Küste sich veranlaßt gefunden, den Sklavenhandel ganz aufzugeben, weil das Palmöl ein besseren, sichereres und anständigeres Brot bringe, daß die englischen Industrieartikel bei ihnen in hoher Gunst ständen und Tausende blos deshalb Palmöl machten, weil sie mit Sklaven solche Dinge nicht kaufen könnten. Wenigstens ein ganzes Drittel der ungeheuern Küste sei auf diese Weise bereits der Civilisation gewonnen. Alle Hauptverkehrsstraßen Central-Afrika’s, das Niger-Delta, die Benin’s, die Cameruner, die Calabaren haben sich bereits dem Gesetze der Civilisation unterworfen und sehen mit Ekel und Entrüstung auf den Sklavenhandel herab. Wir erinnern hierbei, daß die deutschen Entdeckungsreisenden Dr.. Barth, Dr.. Overweg, Dr.. Vogel (ein Leipziger) und der Engländer Richardson im Innern Afrika’s bereits die bedeutendsten Eroberungen für die Wissenschaft und zukünftigen civilisirenden Verkehr gemacht haben, ein anderer Deutscher die neueste Nigerexpedition mitmacht und die englische Regierung in Folge der wichtigen Entdeckungen Barth’s eben eine neue Expedition von der Westküste aus in’s Innere ausrüstet.

Nicht weniger als 20,000 Tonnengehalt von Schiffen sind allein von Liverpool aus mit dem Palmölimport beschäftigt. Von 1849 bis 1853 stieg die Palmöleinfuhr von 4,971,800 auf 6,632,560 Centner. Und bis dahin war noch nicht vom Kriege mit Rußland und doppelt und dreifach gestiegenen Talgpreisen die Rede. Der Einfluß des russischen Krieges auf den Frieden und die Civilisation Afrika’s wird nun durch das Interesse allmächtig. Die englisch-afrikanische Expedition hat gradehin den Zweck, eine gute Wasserverbindung mit den Theilen, wo der Palmölbaum am Reichlichsten und Vorzüglichsten wächst – am Zusammenflusse des Niger und Tsadda – die Dr. Barth für ein und denselben Fluß hält, ausfindig zu machen.

Diese Eroberungen Barth’s, Overweg’s, Vogel’s, Richardson’s in Verbindung mit der englischen Expedition und dem englischen und dem Licht-Interesse der Welt überhaupt werden wahrhafte Eroberungen sein und die glänzendsten Siege der Dundas’ und Napier’s überstrahlen.

So taugt aus dem Pulverdampfe der Ostsee und des schwarzen Meeres bedeutungsvoll der älteste Welttheil der Civilisation als ein neuer auf, Afrika, so lange eine leere, brennende Wüste im Weltmeere, eine Europa an Größe viermal übertreffende Welt voll bunten, glühenden, saftigen, lichtspendenden Lebens. Wo jetzt in unendlichen Wüsten und Oasen die Könige der Wildniß, die Palme und der Löwe, die Einsamkeit betrachten, wo die Schiffe der Sandmeere – die Kameele – und hochgethürmte Giraffen, Elephantenheerden und Sklavenkaravanen begegnen und das helläugige braune Tibbuh-Mädchen ängstlich sich und ihre Ziegen hütet, damit keine Räuberbande sie und ihren Reichthum wegfange, wo unabsehbare Oasen und strotzende Fluß- und Seeufer, fruchtbare Wälder und Wiesen vergebens in üppigsten Blüthen und Früchten strotzen und Tausend brauner und schwarzer Menschen neu- und wißbegierig um die ersten weißen Europäer herum sich drängen, um zu hören von einer fremden, schönen Welt, die ihnen so unendlichen Reichthum von Industrieschätzen für ihren Fleiß bietet – da wird es sich nun von allen Seiten, von Innen und Außen freudig regen, und freie, freudige Hände werden in immer wachsenden Schaaren aus goldenen Früchten das friedliche Licht pressen, das künftigen Lesern der Gartenlaube, am Feierabende im Kreise einer glücklichen Familie recht freundlich leuchten mag, ohne daß sie mitten in einem Satze nach der Lichtputze zu fragen brauchen.

[354]
Die Gartenlaube (1854) b 354.jpg

Sebastopol.[1]
1. Ruinen von Chersonesos. 2. Kirche von St. Vladimir. 3. Quarantaine-Hafen. 4. Lazareth. 5. Quarantaine-Fort mit 60 Kanonen. 6. Fort Alexander mit 90 Kanonen. 7. Batterie von Sebastopol mit 50 Kanonen. 8. Fort Nicolas mit 200 Kanonen in 3 Reihen. 9. Fort Paul mit 84 Kanonen. 10. Wohnungen der in den Docks angestellten Arbeiter. 11. Trocken- und Reparatur-Docks. 12. Hospital. 13. Magazine. 14. Südhafen, nur für kleinere russische Schiffe. 1/11 Meile breit und 3/8 Meile lang. 15. Die Stadt Sebastopol. 16. Artillerie-Bucht. 17. Zeughaus. 18. Kasernen. 19. Fort und Wall Sebastopol. Kreisförmiges Fort mit 50 Geschützen, gegen das Land hin die einzige Vertheidigung der Stadt. 20. Wasserleitung. 21. Durch den Felsen gehauener Tunnel, 800 Fuß lang. 22. Die Kalfaterbucht. 23. Der Innenhafen von Sebastopol, Ankerplatz für die russ. Kriegsschiffe. 24. Leuchtthurm von Inkermann. 25. Armee- und Schiffsbäckereien. 26. Batterieen. 27. Signal-Posten. 28. Fort Constantin mit 110 Kanonen. 28. Fort Catharina mit 120 Kanonen in 3 Reihen. 30. Batterie von 30 Geschützen. 31. Die „Fury" (engl. Dampfboot) u. russische Schooner. 32. Schwarzer Fluß.

  1. Siehe „Gartenlaube“ Nr. 23.

[355] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt.

[356]
Blätter und Blüthen.

Die praktische Seite der Amerikaner. Es giebt wohl keinen praktischeren Menschen auf der weiten Gotteswelt, als den Nordamerikaner, und unser sächsischer Stamm hat Ursache, auf diesen Sprößling besonders in dieser Hinsicht stolz zu sein. Wir dürfen aber auch darin eben nichts Ungewöhnliches oder selbst Unerwartetes finden, denn aus der Mischung aller Racen hervorgegangen, mit einem Lande zur Entwickelung, das seinen Kräften vollen und freien Spielraum ließ, und eigentlich gar keine Grenzen für ihn hatte, weder für die Strebsamkeit seines Geistes, noch die, dem Amerikaner eigene Wanderlust, waren und sind gerade ihm alle jene Vortheile gegönnt, die wir zum großen Theil im alten Vaterland entbehren. Mit der vollen Freiheit seiner Bewegungen und in einem noch wilden, kaum begonnenen Lande zwang ihn die 'Noth zuerst zu manchem Schritt, und der Ehrgeiz dabei, es dem Mutterland zuerst gleich-, dann zuvorzuthun, wie eine rasch aufwachsende Opposition im eigenen Vaterland, die drängte und trieb, den Nachbar zu überflügeln, und der wachsende Reichthum mit dem Verlangen nach mehr, half nach.

Keine Gesetze, nur scheinbar geschaffen, eine zahllose Beamtenwelt in Brot zu halten, beengen dort sein Streben; kein Zunftzwang, keine alten, hartnäckig aufrecht erhaltenen Gerechtsame und Monopole Einzelner oder ganzer Regierungen warfen ihm Hindernisse in den Weg, deren Beseitigung bei uns Rebellion genannt werden würde. Regierung und Natur erlauben ihm dort, praktisch zu sein – oder er erlaubt es sich vielmehr selbst, und das Resultat stellt sich heraus, daß er es ist.

Der Geist dazu liegt aber schon in dem Volke selber, und aus tausenden von Beispielen will ich hier ein einzelnes anführen. Ich stand einst vor einem Laden in Cincinnati, vor dessen Thüre sich ein junger Bursch müßig herumtrieb. Der Eigenthümer verwies es ihm und der Knabe antwortete erst trotzig, war dann still, ging fort und kehrte nach etwa zehn Minuten zurück.

„Sir“, wandte er sich dann an Jenen, nachdem er uns Beide erst einen Augenblick betrachtet hatte, „Ihr wollt, ich soll nicht müßig sein, so gebt mir Gelegenheit, etwas zu verdienen.“ – „Ich habe nichts für Dich zu thun“, lautete die Antwort. – „Das ist auch gar nicht nöthig“, sagte der Knabe ruhig, „ich will schon selber Beschäftigung finden, aber ich brauche ein Capital.“ Der Kaufmann lachte und frug wie viel. „Ich brauche einen halben Dollar“, sagte der Knabe ernsthaft, und das Glühen seines Gesichts und das Blitzen seines Auges verriethen, daß es ihm Ernst sei mit dem neuen Gedanken. „Und wenn ich Dir den nun gebe, wann wirst Du ihn mir zurückzahlen können?“ – „In spätestens vier Wochen.“ Der Knabe bekam dan Geld und vierzehn Tage später zahlte er es ehrlich nicht allein zurück, sondern hatte in der Zeit auch schon einen kleinen Handel mit allen möglichen billigen Gegenständen begonnen, in dem selbst Zeitungen und Bücher nicht fehlten, und der allerdings noch in einem sehr kleinen Korbe Raum hatte, aber mit der Zeit wuchs und dem jungen Burschen einen „Anfang in der Welt“ sicherte.

Mit den geringsten Mitteln und dem größten Selbstvertrauen beginnt der Amerikaner, wenn er sich einer Sache einmal ernst zuwendet, seine Laufbahn; kein Hinderniß schreckt ihn dabei ab, zehn Mal zurückgeworfen, fängt er zum elften Mal eben so guten Muths von Neuem an, und sollt’ es ihm gar nicht glücken, stirbt er zuletzt darüber, so geschieht das mit der festen Ueberzeugung, daß er doch noch in kurzer Zeit ein reicher Mann geworden.

Der Hinterwäldler z. B. und ich kenne da tausende von Beispielen, zieht mit der Axt in den Wald – er hat keinen Vierteldollar baar Geld m der Tasche, kein drittes Hemd, kein zweites Paar Schuhe und beginnt den Grund zu der großartigsten Farm. Die Axt aber ist ihm auch Alles, mit ihr baut er sich sein Haus, stellt seine Fenz oder Umzäunung her, ja arbeitet sich sein ganzen Ackergeräth selber damit, Pflug und Ochsenjoch und selbst den einfachen Wagen, den er im Walde braucht.

Eben so praktisch ist der Handwerker – sein Handwerkszeug ist das vortrefflichste der Welt, sei es ein Zimmermann oder Tischler, Bäcker, Schuster, Sattler oder wie er heißen mag, und so hartnäckig der Deutsche besonders im Anfang an dem selber mitgebrachten Handwerkszeuge hängt, weil er sich nun einmal eingeredet hat, daß es wirklich das beste sei, wirft er es doch zuletzt in die Ecke, weil er sonst mit dem Amerikaner nicht concurriren kann.

Dabei weiß sich der Amerikaner, wozu ihn aber das wilde, früher von allen Hülfsmitteln entblößte Land des Westens gebracht, in Allem zu helfen; er macht Alles selber und mit den einfachsten Instrumenten, während der im alten Vaterland Auferzogene auch für jede verschiedene Beschäftigung nicht allein einen verschiedenen Handwerker oder Arbeiter, sondern auch verschiedenes Werkzeug verlangt. Eine charakteristische Anekdote hat der Amerikaner darüber selber.

Ein Farmer stellte zwei Arbeiter an, den einen, einen Amerikaner, ein paar Bäume zu fällen, später einen Steg über einen steilen Bach zu bauen und einen Irländer, einen Graben auszuwerfen und den dabei liegenden Weg von Erde frei zu schaufeln. Als er nach einiger Zeit zurückkommt, hat der Amerikaner die Stämme gefällt, sich selber dann einen Flaschenzug hergerichtet und sie allein über den Bach gezogen, dann Breter mit seiner Axt ausgespalten und den Steg fertig gemacht; der Ire dagegen seinen Graben ausgeworfen, die Erde aber auf dem Weg liegen gelassen. „Aber ich habe Dir doch gesagt, daß Du den Weg frei schaufeln solltest“, sagte ihm der Farmer.

„Frei schaufeln, Sirrah“, erwiedert ihm der Irländer, „ja wohl, aber wie sollt’ ich das machen? – Ich hatte ja nur einen Spaten.“

Die Yankees, d. h. die Bewohner der nordöstlichen Staaten der Union gelten dabei, selbst unter den Amerikanern, als die meist praktischen Menschen der Nation und sie sagen mit einem eigenthümlichen Stolz auf diese bevorzugten Kinder ihres Landes: „Setzt einen Yankee auf eine Insel mitten in’s Weltmeer und gebt ihm nur ein Federmesser und einen Haufen Schindeln, und er arbeitet sich an’s feste Land hinüber.“

Daß dieser sehr praktische Sinn, besonders der Yankees, aber auch ausarten kann, beweisen z. B. die aus Holz gedrehten Muskatnüsse, die hölzernen Schinken und die mit rohen Kartoffeln, rothem Flanell und Löschpapier gestopften „geräucherten Würste“ eben derselben.




Krieg und Seuchen. In 22 Kriegsjahren von 1793 bis 1813 zählte die englische Marine einen Verlust von 19,796 Getödteten und 79,180 Verwundeten durch Kriegswaffen, – hingegen in zwei Friedensjahren, 1848–49 durch Epidemien (Seuchen, wie Typhus, Cholera, gelbes Fieber etc.) 72,180 Todesfälle. – Im Durchschnitt gerechnet, sterben in England alljährlich 115,080 Menschen an Typhus und ähnlichen Volkskrankheiten, das heißt mit anderen Worten: an Vernachlässigung der einfachsten Gesundheitsmaßregeln, an Unreinlichkeit, schlechter Luft, stockender Feuchtigkeit, ungesunden Wohnungen und dergl. mehr.




Der Bulgarier. Die Engländer und Franzosen sind jetzt in und um Varna, in Bulgarien, deren Bevölkerung zum ersten Male civilisirte Menschen anstaunt. Der Bulgarier, wie er sich mit seinem Ochsenkarren dem Lager nähert, um seine Dienste anzubieten, ist ein starker, wohlgewachsener, schöner Kerl, mit fein geschnittenem Profil und schwarzen Augen, aber zerlumpt und mit dem Stempel der Verwahrlosung und Knechtschaft gebrandmarkt. Nur scheu wagt sich sein niedergedrückter Blick unter der schwarzen Schaffellkappe hervor. Das Gesicht steckt zum Theil in einem schmutzigen Labyrinthe von Bart, dem niemals ein Rassirmesser Schranken anwies. Die braune, grobe Jacke hängt locker um seinen Oberkörper, aus der eine bloße, beinahe schwarzgebrannte Brust sich breit hervorthut. Statt des Hemdes trägt er ein langes Stück Zeug, das in der Taille von einer Leibbinde gehalten wird. In letzterer stecken ein Yataghan (großes Messer) und ein Pfeifenrohr von Schilf. Weite Beinkleider ziehen sich unter den Knieen zusammen, weiter unten Lumpen von Lumpen und Stricken um die Beine gebunden. Man sieht ihm an, daß es in seinem Geiste eben so wüst ist, wie umher in seinem Lande. Man rechnet die Bulgarier zu den Christen, ihre Religion besteht aber in Zauberglauben, Amuletten, Besprechungen und dem Glauben an den speciellen Dorfheiligen. Er fürchtet in dem Türken seinen vom Himmel bestimmten Meister, hofft aber auf den Russen, der, wie man ihm eingeimpft, von Gott berufen ist, ihn zu erlösen. Sein ganzer Reichthum ist diese elende Ochsenkarre, neben der er viele Meilen weit her getrampelt kam, um Geld zu verdienen. Er bekömmt von dem englischen Commissariat für seine, seiner magern Ochsen und seines Karren Dienst täglich drei Schillinge (einen Thaler) und kann nicht begreifen, wie seine Dienste auf einmal zu so hohem Werthe gekommen. Er lebt von elendem schwarzen Brot und Reis in Oel gekocht, gewürzt mit Knoblauch, dessen Geruch sein ganzes Wesen wie eine Festung umgiebt, die ohne Tödtung des Geruchssinns keine Macht so leicht einnehmen kann. In seinen stolzesten Momenten trinkt er Fusel oder „Raki,“ einen Landwein, dessen Name schon im Halse kratzt. Grüneberger soll Honig dagegen sein. Vergebens sucht man in dem Bulgarier nach den Spuren seiner Ahnen, der alten Thracier und römischen Legionen, von denen er abstammt. Der bulgarische Bauer ist das vollendetste Produkt eines verthierten Menschen. Wenn er so, niedergeschlagen, mit herabhängendem Kopfe, träge und schwer neben seinen Ochsen hinstolpert, muß das härteste Herz Mitleid ergreifen über diese dumpfe, stumpfe, stumme Niedertracht. Was die Engländer und Franzosen auch vor seinen Augen thun, er staunt zum ersten Male Civilisation darin an. Die regelmäßige Uhr des Dienstes, die Art, wie sie sich amusiren, Gänse, Enten und Fische in dem großen See hinter Varna schießen, stechen und angeln, wie sie waschen, rasiren, spielen, trinken und überhaupt leben und leben lassen – ist ihm die erste dämmernde Morgenröthe der Civilisation vom Westen, die einst vor Jahrtausenden auch über sein verwahrlos’tes Land vom Osten nach Westen schritt. Die englisch französische Expedition ist auch bei aller bisherigen Faulheit der Politik, die dahinter zögert und lauert, eine große Mission der Bildung. Der Bulgarier, der Rajah lernt zum ersten Male sein Haupt erheben, der Türke, bisher in seinem bornirten Glauben der von Allah berufene Herrscher und Höchste des Ostens, lernt sich ducken unter den Sitten und Gebräuchen christlicher Missionäre des Westens, die alle seine Macht und Herrlichkeit spielend zusammenbrechen könnten und ihn in Wissen und Können chimborassohoch überragen. Die Christen der Türkei lernen sich aufrecht tragen, der Türke verliert den Halt für seine Vorrechte. Die Racen, Klassen und Sekten finden in der Civilisation einen Punkt der Gemeinsamkeit. Die Verschmelzung dieser Unterschiede in Bildung und Arbeit bildet eine stärkere Mauer gegen das Eindringen asiatischer Barbaren, als alle Siege mit Waffen.




Literarisches. Gott sei Dank, mit der deutschen Literatur wird sich’s wohl wieder machen! Die Rettung kömmt abermals aus Weimar, von wo einst Schiller, Goethe, Herder, Wieland etc. etc. ihre Meisterwerke veröffentlichten. Dort kündigt nämlich eine Buchhandlung eine „Wohlfeile Unterhaltungs-Bibliothek“, das Bändchen zu 5 Ngr. an, ein Unternehmen, wie sie sagt, was vor jedem andern derartigen einen Vorzug dadurch habe, weil damit die Herausgabe von Ritter-, Räuber- und Geistergeschichten verbunden sei, die von einem großen Theile des leselustigen Publikums sehr gern gelesen würden und seit Jahren im Buchhandel fehlten. – Das heißt doch einem längst gefühlten Bedürfniß abhelfen.