Die Gartenlaube (1854)/Heft 31

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Honigbaum.

In den vereinigten Staaten von Nordamerika giebt es eine Unmasse von wilden Bienen, die ihre Zellen in hohle Bäume oder Aeste bauen und dort vortrefflichen Honig einlegen. Es leben dort auch Leute, die ein wirkliches Geschäft daraus machen, den Bienen nachzugehen und die Bäume zu finden; besonders in Illinois z. B. wo die weiten blumigen Prairieen das wahre Paradies der Bienen sind; aber auch in Missouri und Arkansas, Louisiana und Texas sucht der Jäger eifrig, die Stellen aufzufinden, die ihm so süßen Raub versprechen, und süßer Honig gehört nicht allein zu seinen Delicatessen, nein, bildet sogar einen Theil seiner Provisionen, neben getrocknetem oder geräuchertem Wildpret und Bärenspeck, neben gedörrten Kürbissen und ausgeschältem Mais.

Die Bienenjagd selbst ist sehr einfach; soll ein Baum aufgefunden werden und sind nicht gerade honigreiche Blumen in der Nähe, auf denen die Bienen arbeiten, und von denen ab ihr Cours zu bestimmen ist, so wählt sich der Jäger in irgend einer Gegend, in der er Bienen vermuthet, einen kleinen offenen Platz, oder haut sich mit seinem schweren Jagdmesser einen solchen im Walde aus, in dessen Mitte er dann einen Stock in die Erde schlägt, ein Bündel Blätter darauf steckt und verdünnten Honig darüber weg spritzt.

Nicht lange dauert es, so finden die Bienen die süße Lockung, und nachdem sie sich schwer damit beladen haben, steigen sie erst in kleinen, dann in größer werdenden Kreisen in die Höhe, als ob sie sich über die genaue Richtung orientiren wollten, und schießen nun plötzlich in schnurgerader Linie ihrem Baume zu, um das Gesammelte im allgemeinen Waarenhaus niederzulegen.

Der Bienenjäger muß nun vor allen Dingen genau auf die Richtung achten, in der die beladenen Bienen fortziehen, wozu natürlich ein gutes Auge gehört; dann trägt er seine Lockspeise zwei- bis dreihundert Schritte den fortgezogenen Bienen nach und wartet, bis sie wieder von diesen, was gar nicht lange dauert, auf’s Neue gefunden ist, um auch von hier aus ihren Cours zu beobachten·

Behalten sie denselben bei, so ist das ein sicheres Zeichen, daß der Baum noch weiter entfernt sein muß, und ihnen nach werden die mit Honig bespritzten Blätter so lange getragen und wieder aufgestellt, bis sie zurück fliegen. Der Jäger weiß nun, daß er den Honigbaum passirt hat, und daß sich derselbe zwischen seinem jetzigen und letzten Haltepunkt befinden müsse, wonach er nun sorgsamer und aufmerksamer zu Werke geht.

Ist er dicht am Baum und die Bienen arbeiten, so zeigt ihr ungewisses Aufsteigen und Zickzackfliegen die sichere Nähe der Zellen an, und es hält dann selten schwer, ihnen mit den Augen bis zu der kleinen Oeffnung zu folgen, in der sie ihren Eingang haben, und wo man gegen den hellen Himmel bald die fleißig und geschäftig aus und einschießenden dunklen Punkte erkennen kann.

Nun werden diese Bienenbäume freilich in allen Jahreszeiten gesucht und gefunden, aber nicht in allen Jahreszeiten darf der Baum umgehauen werden, da man z. B. im Frühjahr, wo der ganze Schwarm den Winter hindurch von dem eingetragenen Honig gelebt, nur sehr wenig darin aufgespeichert finden würde; der Baum könnte aber auch, ehe die richtige Jahreszeit zum Umhauen käme, von einem andern Jäger gefunden werden, und nachher Streitigkeit entstehen, wer der rechtmäßige Besitzer wäre; dem deshalb zu begegnen, hat sich ein Gesetz im Walde, unter den Jägern selber gebildet, daß der einen Bienenbaum als sein rechtmäßiges Eigenthum beanspruchen darf, der ihn zuerst gefunden und, als sein Zeichen ein Stück Rinde davon abgeschlagen, wie die Anfangsbuchstaben seines Namens, oder wenigstens sein Zeichen mit dem Messer da hineingeschnitten hat. Den Baum darf von da an Niemand mit der Axt berühren, wie der Eigenthümer und wenn er ihn fünf oder zehn Jahre stehen ließe – er ist sein, und ein derartiges Eigenthumsrecht wird in der That nur von solchen mißachtet werden, die auch ein Pferd oder Rind ihres Nachbars stehlen würden.

Als ich im Jahre 1840 Rohr am Mississippi schnitt, dasselbe nachher den Kaufleuten in die nördlichen Provinzen hinaufzuschaffen, hatte ich mich durch das stromab gehende Dampfboot an einem Schilfbruch im Staate Tenessee aussetzen lassen, wo ich, wenn ich nicht draußen im Walde logirte, in der Hütte eines dortigen Holzschlägers übernachtete.

Dort im Haus wohnten auch drei junge Leute, zwei Söhne des Mannes und ein anderer junger Bursch, den er zu sich genommen, ihm Klafterholz für die dort anlegenden Boote zu schlagen, und wir vier wurden bald gute Freunde mitsammen, jagten in den Sümpfen, fischten in den Bayous und Slews, oder segelten auf dem Mississippi, und hetzten fast jede Nacht mit einer zahlreichen Meute Hunde (wir hatten deren neunzehn, besonders zur Bärenjagd bestimmt) Waschbären und Opossums, kurz, führten ein ganz vortreffliches Leben und befanden uns ausnehmend wohl. Die Zeit liegt jetzt noch wie ein Traum hinter mir, und ich denke mit Freuden an die glücklichen, sorglosen Stunden zurück, die wir da verlebt.

Nur einen Gegner hatten wir dort oben, und das war ein anderer Farmer oder Ansiedler, ein Mr. Bowley, der sich da später niedergelassen und die ganze Section, trog seinem späteren Eintreffen, beanspruchte, weil er das Land bebaute, oder wenigstens [358] angefangen hatte, urbar zu machen, während Dehart nur Holz für die Dampfboote schlug. Dehart hatte sich ebenfalls einen kleinen Garten hergerichtet, und ein paar Kartoffeln, Kürbisse und Wassermelonen darin gezogen, wonach er gerade ein sogenanntes preemptions right beanspruchte und die beiden Nachbarn lebten deshalb eben nicht auf besonders freundlichem Fuß miteinander. Das Alles hätte sich aber vielleicht noch reguliren lassen, wenn Bowley nicht auch sonst ein ungemüthlicher und streitsüchtiger Mensch gewesen, mit dem sich eben nicht auskommen ließ, und die Neckereien zwischen den Beiden hörten deshalb nicht auf.

Ursache genug boten hierzu schon die politischen Ansichten der Beiden; Bowley war Whig, und wir dagegen, Dehart besonders, waren eifrige Demokraten, wobei die damalige Präsidentenwahl, in der die Whigs Alles aufboten, General Harrison in das „weiße Haus“ zu bekommen (was ihnen auch zuletzt gelang) Stoff zu den ergötzlichsten Scenen und Reibereien lieferte. Das ist aber nicht, was ich hier erzählen wollte, denn mehr noch als selbst General Harrison’s Wahl hatte ein „Bienenbaum“ gerade damals, als ich dort eintraf, die Gemüther erbittert, um dessen Eigenthumsrecht sie sich stritten, und der in der That die Ursache eines ernsten Zwistes zu werden drohte.

Dehart hatte denselben nämlich im Februar, und kurz vorher, ehe sich Bowley dort niedergelassen, auf die gewöhnliche, oben beschriebene Weise gesucht, und vielleicht achtzig Schritt vom Ufer des Mississippi in dem starken Ast eines mächtigen Baumwollenholzbaumes, die in jenen Sümpfen besonders groß und stark werden, gefunden und bezeichnet, sich aber damals die Mühe des Umhauens nicht machen wollen, da die Bienen in der Jahreszeit doch nicht viel Honig haben konnten, und sich die Ernte auf den Herbst verspart.

Im Sommer nun war Bowley dorthingegangen, und seine Fenz aufrichtend, brachte er den Baum nicht allein in dieselbe, sondern baute sogar sein eigenes Blockhaus in den Schatten des gewaltigen Baumes, um den herum er alle die übrigen wegschlug, freien Raum zu gewinnen, und schien im Anfang gar nicht auf das Zeichen am Stamm, das ihn als einen gefundenen und in Anspruch genommenen Bienenstock bezeichnete, geachtet zu haben. Dehart dachte auch nicht gleich daran; die ganze Ansiedlung so in seiner Nähe war ihm nicht recht, und wie ihm endlich der bezeichnete Bienenbaum einfiel und er zu Bowley ging, seinen Anspruch darauf geltend zu machen, weigerte sich dieser, irgend ein Recht darauf anzuerkennen. Der Platz war durch das Preemptionsrecht sein, eben so alle Bäume, die darauf standen, besonders aber der, unter dessen Schutz er sein Haus gebaut, und wenn er sich auch sonst nichts daraus machen würde, wie er sagte, daß sein Nachbar auf seinem Lande einen früher gefundenen Bienenbaum fälle, so denke er gar nicht daran, sich den Baum, der ihm Schatten gab, eines lumpigen Eimers Honig wegen, über den Kopf abschlagen zu lassen.

Hiergegen wandte nun Dehart ein, daß er auch gar nicht daran denke, den riesigen Baum zu fällen, nur den Ast wolle er abschneiden, in dem die Bienen ihre Zellen hätten, und der gerade nach der seinem Haus entgegengesetzten Seite hinausstand, wo er ihm weder Schutz noch Schatten geben könne.

Bowley wollte sich aber nicht überzeugen lassen; der Baum war sein und stand neben seinem Hause, und Niemand anderes hatte ein Recht, daran herumzuhacken oder zu sägen; dabei blieb er. Uebrigens erklärte er, Jeden, der ihm etwa mit Gewalt den Honig vor der Nase wegholen wolle – und Dehart hatte allerdings eine solche Drohung ausgestoßen – gerade so zu behandeln. als ob er zu ihm auf Einbruch komme, d. h. ihm eine Kugel durch den Pelz zu jagen. Wir Alle wußten dabei recht gut, daß er den Schutz der Gesetze in diesem Fall auf seiner Seite gehabt haben würde, denn das Recht des bezeichneten Bienenbaums war nur eben ein unter den Ansiedlern selber anerkanntes, und keineswegs vom Staat sanktionirt. Desto mehr empörte uns aber auch die gemeine Handlungsweise des Burschen, und halbe Nächte lang deliberirten wir, auf welche Art wir doch noch unsern Willen – der Bienenbaum war eine allgemeine und Prinzipangelegenheit geworden – durchsetzen, und den Alten prellen könnten, ohne eben zu einem Resultat zu kommen.

Nun war es allerdings noch nicht Herbst, und Dehart’s trösteten sich damit, daß bis dorthin noch Manches geschehen und auch vielleicht ein Weg gefunden werden könnte, den Alten einmal auf kurze Zeit zu entfernen, die nicht unbenutzt hätte bleiben sollen; gerade in jener Woche brachte denn auch Einer der jungen Leute heraus, daß Bowley eine kleine Tour nach Memphis - der nächsten Stadt in Tenessee – machen wolle, dort einige Einkäufe zu besorgen. Denselben Abend aber kam der alte Dehart wüthend nach Haus und erzählte, er habe einen von Bowley’s Negern im Holz getroffen und von diesem erfahren, daß Bowley allerdings morgen Nachmittag mit dem ersten stromabkommenden Dampfboot nach Memphis fahren, vorher aber erst noch – er schwur dabei mit einem kräftigen Fluch, daß das nicht geschehen solle, wenn er es verhindern könne – den Ast mit dem Honig abschneiden und bergen wolle.

Das war die Frechheit zu weit getrieben, nach des alten Hinterwäldlers Meinung, und da uns das Feuer also auf den Nägeln brannte, denn bis morgen früh war kein langer Zeitraum mehr, beschlossen wir, das Aeußerste daran zu setzen, und noch in dieser Nacht dem alten Geizhals den Honigast vor der Nase und über dem Hause fortzuholen. Bob, der älteste Sohn Dehart’s, besonders war Feuer und Flamme darauf und schwur, er wolle den Ast haben und wenn er den alten Schrift von einem Whig das Haus über dem Kopf anzünden oder ihm eine Kugel durch das zähe Hirn jagen müsse – und er wäre es auch vielleicht im Stande gewesen.

Gleich nach Sonnenuntergang machten wir uns fertig, denn selbst die Neger auf dem Platze sollten über Tag keine Ahnung davon haben, was wir vorhätten, mögliche Klatschereien und eine Vereitlung unsers Planes zu vermeiden. Eine scharfe Säge war hierzu das nöthigste Instrument, und Taue, den Ast, wenn er abgesägt, von dem Baum herunter zu lassen. Unsere Büchsen luden wir übrigens ebenfalls, fest entschlossen, einen etwaigen Angriff zurückzuweisen, und trugen dann Alles, etwa zehn Uhr Abends, und wie wir darauf rechnen konnten, daß Bowley mit den Seinen schlafen gegangen, in das Boot hinunter, lösten das Tau und ruderten mit umwickelten Riemen stromauf.

Bob Dehart kannte hier jeden Fußbreit Landes, wie auch den Baum selber, in dessen Ast sich die Bienen befanden; ja, war früher sogar schon ein paar Mal hinaufgeklettert, darnach zu sehen, und leitete auch jetzt das ganze Unternehmen, bei dem sich übrigens der alte Dehart nicht betheiligte. Wir waren auch genug Menschen; vier junge Burschen, die sich den Henker um eine Gefahr kümmerten, wenn sie nur einen Spaß dabei hatten, und das Einzige, was uns noch besorgt machte, waren zwei starke Hunde, die Bowley an seinem Hause hielt, und die allerdings nicht laut werden durften, wenn sie uns nicht den ganzen Plan verderben sollten. Bob kannte die aber ebenfalls genau, denn da er fortwährend mit seiner Meute hier durch den Wald jagte, waren die beiden Hunde sehr oft zu ihm gekommen, ihn Tage lang zu begleiten und einmal Fleisch zu fressen, das sie zu Hause wenig genug bekamen. Bowley jagte nie, und war auch zu geizig, oft zu schlachten.

Für die Hunde lag deshalb auch ein Vorrath Fleisch im Boot und Bob sollte damit vorangehen, sie erst einmal vor allen Dingen zu beruhigen. Das glückte und auch besser, wie wir eigentlich hoffen durften. Wir legten unter der steilen Uferbank mit unserem Boote an, landeten Bob und warteten unten, bis uns sein Zeichen, der vorsichtig nachgeahmte Ruf des Whip poor Will, die Versicherung der einen beseitigten Gefahr gab.

Langsam und selbst das geringste Geräusch vermeidend, betraten wir jetzt gerade dort das Ufer, wo Bowley ebenfalls ein Boot befestigt hatte, das leer und leicht auf dem Wasser lag. Eine Verfolgung damit, im ungünstigsten Fall der Entdeckung, wäre möglich gewesen, und wir beschlossen deshalb, nach kurz gehaltenem Kriegsrathe, es, wenn auch nicht zu beschädigen, doch unbrauchbar für den augenblicklichen Bedarf zu machen. Den Rand desselben daher an der einen Seite niederpressend, bis das Wasser hineinlief, ließen wir es füllen und krochen dann, darüber beruhigt, so leise und vorsichtig als möglich die Uferbank hinauf, wo uns Bob ungeduldig erwartet hatte. Die beiden Hunde lagen neben ihm und als sie bei unserer Ankunft knurren wollten, streichelte und beschwichtigte er sie.

Ohne weiteren Zeitverlust schlichen wir uns jetzt dem Baume zu; das Wetter begünstigte uns ebenfalls, denn es fing an zu regnen und der Wind heulte durch den Wald; nur Bob hatte jetzt die schwerste Arbeit, den mächtigen Stamm zu erklettern und den Ast oben, den er allein so genau wußte, durchzusägen und niederzulassen. Hierbei half ihm übrigens vortrefflich eine lange dünne [359] Stange, die wir unfern vom Haus liegen fanden, und an der er mit leichter Mühe so weit hinaufzuklettern im Stande war, die ersten auszweigenden Aeste zu erreichen. Oben glücklich angekommen ließ er dann vollkommen geräuschlos einen dünnen Bindfaden herunter, an den er einen kleinen, in ein weißes Tuch gewickelten Stein gebunden hatte, damit ihn die Untenstehenden leichter finden konnten; an diesen wurde des Tau geschlagen, das er zu sich aufzog, mit dem einen Ende fest und sicher um den Ast befestigte und dann das übrige um einen andern Ast knotete, damit das abgesägte Stück Holz mit dem Honig nicht etwa plötzlich einmal hinunterschlage und durch sein Geräusch den Eigenthümer des Hauses wecke.

Als das geschehen, begann Bob oben mit größter Vorsicht zu sägen, und mußte nach unserer Berechnung, die wir etwas ungeduldig unter dem Baume standen, schon ein ziemliches Stück durchgesägt haben, als er plötzlich wieder aufhörte und uns ein früher verabredetes Zeichen durch Schlenkern mit dem niederhangenden Seil gab. Ziemlich geschickt im Klettern wurde ich jetzt hinaufgeschickt, zu sehen, was er verlange, denn einander zu rufen durften wir nicht wagen, wo das Geräusch von Stimmen so leicht an das Ohr des gefürchteten Gegners schlagen konnte. Bob war aber sehr zufrieden als er mich kommen sah, und dachte gar nicht daran, mich wieder herunter zu lassen; er mußte noch Jemanden da oben haben, der ihm behülflich war den schweren Ast, so geräuschlos als möglich, niederzulassen, und hatte das Holz bald durchgesägt, das jetzt anfing der schweren Last des weitausbiegenden Astes schon etwas nachzugehen. Vorsichtig stützte ich jetzt, während er noch sägte, den Ast selber, dessen Schwere im Fall zu brechen; die Last war nun aber doch zu groß, die Stellung auch die ich dabei einnehmen mußte zu mühsam und auch zu gefährlich, viel wagen zu dürfen, und wie es so weit eingesägt war, daß es nur noch durch einen dünnen Splitter gehalten wurde, brach es plötzlich, trotz meinem Dagegenstemmen, hinunter und schlug, als es den Widerstand in dem Tau fand, schwerfällig und dumpfdröhnend gegen den Stamm an.

„Wau, wau, wau!“ sagte der eine Hund, der sich über das fremdartige Geräusch wahrscheinlich ärgerte, und der andere schien nur auf eine Entschuldigung gewartet zu haben, ebenfalls laut zu werden. Er bellte erst ein paar Mal kurz und abgebrochen, setzte sich dann auf sein Ende und fing laut und kläglich an zu heulen.

„Jetzt können wir uns gratuliren,“ sagte ich mit einem leise gemurmelten aber herzlich gemeinten Fluch zu meinem Nachbar; „die verdammten Bestien haben einmal angefangen und werden nicht eher wieder aufhören, bis sie das ganze Haus rebellisch gemacht und wir sitzen indessen hier oben in der Falle.“

„So lange es dunkel bleibt ist hier oben der beste Platz,“ knurrte Bob, „aber wie wird’s nachher. Hol’ der Teufel das elende Vieh – nun hör’ nur ein Mensch an wie er heult.“

Der Ast hing indessen, nur jetzt oben von dem starken Tau gehalten, tief hinunter, und schlug in dem Windzug herüber und hinüber. Bob hatte dabei, ehe er an zu sägen fing, den Eingang zu den Zellen, ein schmales etwa drei Zoll breites Astloch, mit seinem Halstuch verstopft, daß die Bienen nicht heraus sollten; das abgesägte Ende war aber ebenfalls hohl, und wie sich später herausstellte, selbst bis zu dort mit Honig gefüllt, und die Bienen müssen da jedenfalls einen Ausweg gefunden haben, denn wir hörten jetzt, wie sie einzeln daraus vorsummten und in der Dunkelheit verwirrt in den Wipfel des Baumes hinaufschossen.

„Es kann Nichts helfen, wir müssen den Ast hinunterlassen,“ sagte jetzt Bob leise zu mir; „der war unten auch hohl und ich schmecke hier Honig an der Säge; wenn er lange hängen bleibt, schlägt er sonst Alles heraus was darin sitzt. Wo nur die andern Beiden stecken?“

Wir horchten einen Augenblick, als unten plötzlich eine Thür knarrte.

„Hu, faß!“ sagte da plötzlich eine Stimme, deren Eigenthümer jedenfalls vorher ein Paar Secunden hinausgehorcht und irgend etwas Verdächtiges gehört hatte oder gehört zu haben glaubte – „faß, Deik, faß, Pollo!“

Pollo, der junge Hund, wurde jetzt ganz ausgelassen vor lauter Freude, er sprang erst nach seinem Herrn zu und bellte und heulte und dann gegen den Baum an, auf dem wir saßen und wo sich sein anderer guter Freund befand, und es war fast, als ob er die beiden einander vorstellen wollte. Glücklicher Weise regnete es in dem Augenblick was vom Himmel herunter wollte, und Bowley war jedenfalls im Negligée und scheute sich herauszukommen, der niederhängende Ast hätte ihn sonst unbedingt auffallen müssen, und wir Beiden wären da oben wirklich gefangen gewesen.

Jemand im Hause mußte jetzt wahrscheinlich gefragt haben, was denn die Hunde da draußen hätten, denn Bowley sagte:

„Ach was wird’s sein, ein Opossum, das sie hier aufgebäumt haben, aber man kann jetzt nicht hinaus, es gießt wie mit Eimern – nun sie werden’s schon noch oben halten bis es hell wird – hu, faß, Pollo, mein Hund, hu, faß – und du paß auf, Deik, und wahr ihn, mein Bursche.“

Damit hörten wir, wie die Thür wieder zugeschlagen wurde, und Bob ließ jetzt ohne ein Wort weiter zu sagen, den Ast langsam niedergleiten. Der Regen war uns hierbei insofern zu statten gekommen, daß er die Aeste schlüpfrig gemacht; das Tau konnte leicht darüber wegrutschen und wir fühlten bald Grund. Wir hielten uns selber aber auch nicht länger als irgend nöthig oben auf, und waren froh von unserem Stand auf den schlüpfrigen Zweigen erlöst zu werden, kletterten rasch bis zum untersten Ast nieder, ließen das Tau über diesen langsam zur Erde, daß es doppelt hing und nachher übergezogen werden konnte und glitten, dieses fassend, zu Boden.

Hier hatten indessen unsere anderen beiden Kameraden schon das Ende des Taues von dem Honigast losgemacht, und diesen auch greifend, der allerdings eine arge Last hatte, keuchten wir damit so rasch wir konnten, und von den beiden jungen Hunden wedelnd gefolgt, dem Ufer zu, warfen ihn, gerade über halb da wo unser Boot lag, den steilen sandigen Hang nieder und schleppten ihn dann auf das Boot, das er durch sein Gewicht halb unter Wasser drückte. Mit den überall hinausstarrenden Zweigen wäre es aber auch gar keine Möglichkeit gewesen zu rudern, und die in’s Wasser hängenden, würden uns ebenfalls bös aufgehalten haben. Der jüngere Dehart ging deshalb scharf daran das Gesperre wie den ganzen äußeren Theil des Astes, in dem doch kein Honig saß, fortzusägen, und Bob, da das kein anderer der Hunde wegen riskiren durfte, kletterte noch einmal auf die Uferbank hinauf, das noch in dem Baum hängende Tau niederzuziehen und herunter zu bringen.

Wir waren eben unten mit dem Ast so weit fertig geworden, daß er uns wenigstens nicht mehr im Rudern störte und auch etwa die Hälfte seines Gewichts verloren hatte, als oben am Haus der eine Hund plötzlich einen lauten Schmerzesschrei ausstieß und furchtbar zu winseln und heulen anfing – wie wir später erfuhren, hatte das von Bob heruntergezogene Tau ihn gerade auf den Rücken getroffen.

„Daß die Bestie der Teufel hole!“ fluchte der junge Dehart, „wenn’s nach mir gegangen wäre, hätten wir ihnen beiden schon lange die Gurgel abgeschnitten.“

„In’s Boot, in’s Boot!“ rief aber der Andere – „das bringt den Alten heraus und Bob wird gleich da sein!“

Der Rath war nicht zu verachten, wir machten das Boot, das auf dem Schlamm saß, flott, sprangen auf unsere Sitze und hatten kaum die Riemen[1] aufgegriffen, zum Abstoßen fertig zu sein, als oben vom Haus aus ein Schuß fiel und in demselben Moment auch der Körper Bob’s von der steilen Uferbank aus nieder auf den Sand stürzte.

„Schuft, das kostet Dein Leben!“ schrie sein Bruder, die Büchse aufgreifend, ehe er aber nur an’s Land springen konnte, hatte sich der Gestürzte schon wieder aufgerafft, und war in wenigen Sätzen, das Tau hinter sich drein schleifend, am Boot.

„Fort!“ rief er dabei, indem er lachend hineinkletterte, „fort, der Schuß war gut gemeint, aber schlecht gezielt – fort, er hat noch eine Büchse im Haus“ und wir Alle legten uns schon in die Ruder und glitten in demselben Moment in den Strom hinein, als eine dunkle Gestalt oben auf der Uferbank erschien und ihr „halt! Halt oder ich schieße!“ zu uns herüber schrie.

„Schieß und sei verdammt!“ brummte Bob in den Bart, „vorwärts meine Bursche – der Kerl ist’s wahrhaftig im Stande,“ und die elastischen Ruder bogen sich unter dem guten Willen unserer Sehnen. Der alte Bowley aber, ob er nun schon gemerkt hatte was geschehen war oder nicht, verlor seine Zeit auch nicht [360] mit Redensarten, denn dem Land das Gesicht zugedreht, wie wir beim Rudern saßen, sahen wir den scharfen zuckenden Blitz einer Büchse durch die Nacht leuchten, und in demselben Moment auch fast schlug die Kugel in unser Boot, zwischen mir und dem jüngsten Dehart durch, aber glücklicher Weise nicht durch das Boot selber, sondern mitten auf den entführten Ast, der vorn im Bug lag.

„Klapp!“ lachte Bob, „irgendwo saß es; jetzt paßt nun auf, ob der alte Kasten an zu lecken fängt, daß wir das Kugelloch finden.“

„Ich glaube sie hat auf den Ast geschlagen,“ sagte der junge Bursche, der bei Dehart’s in Arbeit stand.

„Dann sind wir geborgen,“ rief Bob lachend, „und nun scharf ausgegriffen, meine Jungen, und mitten in den Strom hinein, bis wir außer Sicht sind.“

Es bedurfte kaum weiterer Aufmunterung; wir thaten unser Bestes, und hörten jetzt wie drüben am Ufer grimme Flüche laut wurden. Jedenfalls hatte der Feind das versenkte Boot gefunden, mit dem eine Verfolgung natürlich ganz unmöglich war, und wir brauchten Nichts mehr zu fürchten. Nichtsdestoweniger schossen wir rasch vom Lande ab, und das Ufer lag bald wie ein dunkler Streifen hinter uns, von wo aus es nicht möglich gewesen wäre das kleine Boot noch zu erkennen, vielweniger darauf zu feuern. Mit der Strömung gingen wir dann ein kurzes Stück hinunter, und hielten dann erst wieder unserer eigenen Wohnung zu, die wir auch noch wohl eine Stunde vor Tag glücklich erreichten.

Mr. Bowley, der nicht den mindesten Zweifel hegte, wer ihm den kecken und wie er es nannte, unverschämten Streich gespielt, drohte mit einer Klage, aber das Recht des Besitzes ist in jenem wilden Landstrich schwer anzutasten, und der Honig war verzehrt, ehe er in Memphis einen Advokaten aufgetrieben, sich nur nach der Sache zu erkundigen.

Nun hatten wir allerdings Müh und Noth genug mit der Kleinigkeit Honig gehabt, und sehr wahrscheinlich viel leichter, jedenfalls mit weit weniger Gefahr, drei andere Bäume in der Nachbarschaft gefunden, aber keinen von uns gereute jene nächtliche Arbeit, und der ausgeschälte Ast lag noch lange, als eine Art Siegestrophäe, auf dem Dach unseres Hauses.

Fr. Gerstäcker.


Eduard Duller.

Die deutsche Literatur hat vor Kurzem zwei ihrer würdigsten Vertreter, das deutsche Volk zwei seiner edelsten und liebenswürdigsten Dichter verloren. Eduard Boas und Eduard Duller. Beide starben im kräftigen Mannesalter zu fast gleicher Zeit an fast gleicher Krankheit und nach gleich langen Kämpfen mit ihr. Eduard Boas starb im deutschen Norden, dem er angehörte in Landsberg an der Warthe und Eduard Duller im deutschen Süden in Wiesbaden wohin er von Mainz aus gegangen war, die oft bewährte Heilkraft der Quellen auch an seiner zerstörten Gesundheit zu versuchen. Aber um Eduard Boas trauert nicht nur der Norden, um Eduard Duller nicht nur der Süden – sie gehörten Beide dem ganzen Deutschland an. Wenn in den vorzugsweise literarische und belletristische Interessen vertretenden Zeitschriften Eduard Boas’ Tod zahlreiche Berichte über ihn, sein Leben und Dichten hervorruft – so gehört hingegen Eduard Duller vielmehr jenen weitern Kreisen an, in denen die „Gartenlaube“ vorzugsweise ihre Leser sucht und findet und darum sei zunächst hier auch seiner gedacht.

Eduard Duller ist am 8. November 1809 in Wien geboren, wo er auch die Rechte studirte, bald aber ganz diesem Berufe entsagte und sich allein der literarischen Laufbahn widmete, die er schon als Jüngling und zwar gleich mit einem großen Schritt betreten hatte: mit einem Drama, „Meister Pilgram,“ das 1828 auf dem Hofburgtheater zu Wien mit Beifall aufgeführt ward. Ein seltenes Glück für einen jungen österreichischen Poeten! Eine zweite Tragödie, „der Rache Schwanenlied“ folgte. Wie die meisten österreichischen Schriftsteller, litt es auch ihn damals nicht in seinem Vaterlande. Er verließ Wien 1830 und ging nach München, wo er besonders durch seinen Landsmann und Freund, den Künstler Moritz von Schwind, den Betrachtungen des Mittelalters sich zuwendete und eine poetische Begeisterung für diese Zeit und ihre Kunstwerke faßte, die allein seinen frühern Schriften ihre Eigenthümlichkeit aufdrückt. Nach ein Paar Jahren ging er an den Rhein. In Trier schloß er einen innigen Freundschaftsbund mit Friedrich von Sallet, der von wesentlichem Einfluß für seine Entwickelung war: die nüchtern philosophisch-protestantische Anschauungsweise des Dichters des „Laienevangeliums“ wirkte reformatorisch auf Duller’s mittelalterliche Sympathieen. In Düsseldorf war er im vertrauten Umgange mit Immermann und Grabbe (später auch mit Ferd. Freiligrath und G. Kinckel), wo er sich als Mitarbeiter an mehreren Zeitschriften eine Zeit lang hauptsächlich den ästhetischen Interessen widmete, immer bemüht „deutsche Art und Kunst“ zur verdienten Geltung zu bringen. In Frankfurt begründete er eine der trefflichsten Zeitschriften: „der Phönix.“ Freiligrath durfte in seinem „Bannerspruch“ dazu mit Recht singen:

Da war kein Schelten und kein Toben,
Und keiner eitlen Rede Brunst;
Ich sah ein Band, das war gewoben
Aus Glaube, Freiheit, Wissen, Kunst.

„Das ist das Reich nach dem wir streben;
Und ist auch unser Häuflein schwach:
Wir haben Kämpfer vor und neben
Und immer neue wachsen nach!
Die ganze Menschheit eine Heerde
O nur gerungen und geglaubt!
Es frommt ihr jede Hand breit Erde,
Die der Gemeinheit wir geraubt.“

Tendenz dieser Zeitschrift und Duller’s ganzes Wirken ist vollständig mit diesen Worten charakterisirt. Zu seinen Romanen wählte er meist historische, besonders mittelalterliche und nationale Stoffe und ließ so nach einander erscheinen: „Berthold Schwarz.“ „Freund Hain.“ „Der Antichrist.“ „Die Feuertaufe.“ „Ketten und Kronen.“ „Loyola.“ „Kaiser und Papst.“ Seine kleineren Arbeiten erschienen als: „Erzählungen und Phantasiestücke.“ „Geschichten für Jung und Alt.“ und „historische Novellen.“ Auch noch ein Drama schrieb er: „Franz von Sickingen.“ Seine Dichtungen erschienen in: „Die Wittelsbacher,“ ein Romanzenkranz. „An Fürsten und Völker,“ politische Gedichte, gesammelte Gedichte und: „Der Fürst der Liebe.“ Letzteres ist ein Buch, welches durchaus nicht die Würdigung gefunden hat, welche es verdient. Wer aber Duller ganz kennen und verstehen, wer sich in die ganze Tiefe seines reichen Gemüthes, in die ganze Begeisterung dieser aufstrebenden Seele versenken will, der sollte vor allen dies Buch kennen lernen. Es ist eine Gedichtsammlung wie es ihrer Tendenz nach keine zweite giebt in der deutschen Literatur, wie es denn keinen zweiten Duller giebt! Und dieses Buch ist ganz er selbst. Die erhabenste Begeisterung der Wahrheit und Liebe redet daraus. Nicht gerade daß wir all den darin enthaltenen Gedichten einen poetischen Werth ersten Ranges einräumen möchten, obwohl ihn viele besitzen, allein dem ganzen Buch gebührte der erste Rang unter einer Gattung von Büchern, die freilich von Vielen für ganz überflüssig gehalten, von Tausenden aber dennoch begehrt und in Ermangelung besserer Erzeugnisse unter den schlechteren gesucht wird, so daß den schädlichen Einflüssen derselben durch diesen Mangel Thor und Thür geöffnet ist – ich meine die Gattung der Andachtsbücher. Die Vor-nehmen und Feingebildeten lächeln bei diesen Worten, aber wäre nicht das Bedürfniß im Volke und bei den Frauen zumal, mindestens bei den jungen Mädchen, da, nach religiöser Begeisterung, Trost und Ermunterung durch religiöse Schriften – wie anders wäre das Anwachsen der Traktätlein und der ganzen Literatur im Dienst des Mysticismus zu erklären, die diesem Bedürfniß um so eifriger entgegenkommt, als es von anderer Seite gänzlich ignorirt wird? Leopold Schäfer’s „Laienbrevier“ ist vielleicht das einzige derartige Buch für die Gebildeten, das der Fluth pietistischer Bücher gegenübersteht. Es hat mehrere Auflagen gehabt und ist in unzähligen Händen – aber Duller’s „Fürst der Liebe“ zeichnet

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Die Gartenlaube (1854) b 361.jpg

Eduard Duller.

sich durch eine viel größere Wärme, ja ich möchte sagen: Christlichkeit aus und würde darum auch größere Verbreitung haben, wenn es nur einmal bekannter – und besonders in einer kleineren und billigeren Ausgabe zu haben wäre. „Der Fürst der Liebe“ ist der erhabene Stifter des Christenthums selbst, dessen ewige Lehren der Liebe und Wahrheit durch jedes einzelne Gedicht klingen. Wie für alle nationale Elemente begeisterte sich Duller auch für den Ausbau den Kölner Dom’s und sang mit Freiligrath ein „Dombaulied,“ ohne jemals über eine so rein äußerliche Bestrebung das Höhere zu vergessen was dem deutschen Volke Noth that. Er sah im Dombau nicht wie mancher sonderbare Schwärmer jener Tage eine Verheißung deutscher Einheit, aber er hieß diese Idee willkommen eben in seiner Begeisterung für deutsche Art und Kunst.

Wenn wir so aus seinen Romanen und Gedichten seine nationale und religiöse Begeisterung reden hören, so finden wir auch seine Geschichtswerke von demselben Geiste durchdrungen. Seine „Geschichte des deutschen Volkes“ für Volk und Jugend, hat wohl von allen seinen Werken die weiteste Verbreitung erhalten. Zu Schiller’s Geschichte des Abfalls der Niederlande schrieb er eine treffliche Fortsetzung und Ergänzung. Ferner eine „Geschichte der Jesuiten“ und „Beiträge zur Geschichte Philipp’s des Großmüthigen.“ Die Geschichte „des deutschen Volkes,“ an welcher er zuletzt schrieb, ist leider erst in wenigen Lieferungen erschienen, da er aber schon lange an dem Material dazu gesammelt, so ist zu hoffen, daß es nur einer Redactionsarbeit bedarf, sie in seinem Geiste weiter erscheinen zu lassen. Wie wir hören, hat dies Prof. Hagen übernommen. Wenige waren gleich Duller zu einer solchen Geschichtsschreibung geeignet und er hatte sich in der letzten Zeit ganz diesem Berufe gewidmet. – Duller schloß sich der deutschkatholischen Bewegung an, und wirkte auch in ihrem Dienste durch Wort und Schrift. Ueberall am Rheine predigte er und begeisterte Tausende für seine Sache. In Mainz und Wiesbaden zum deutschkatholischen Prediger gewählt, ward ihm nach langer Schwankung die Bestätigung versagt und endlich mußte auch das von ihm in Wiesbaden redigirte „deutschkatholische Sonntagsblatt“ eingehen. Viele seiner Predigten sind gedruckt und sowohl einzeln als gesammelt erschienen. Die hohe Begeisterung, die ihn selbst durchdrang, war es, durch welche er zumeist wirkte. Er hatte bei einer so bewegten Wirksamkeit durch das viele Reisen und Sprechen sowohl, als auch durch die ganze aufregende Thätigkeit, die mit diesem schweren Apostelberufe verbunden war, seine Gesundheit so sehr [362] angegriffen, daß seine Freunde um seinetwillen es beinahe gut hießen, als er von den Verhältnissen gezwungen ward, dieses ruhelose Leben aufzugeben. Leider aber zu spät! Der Keim des Todes war bereits gelegt und er erlag ihm am 23. Juli vorigen Jahres.

Er hinterläßt eine hochbetagte Mutter und eine treue Gattin, mit der er seit zehn Jahren in der glücklichsten Ehe lebte. Er hatte sie in Darmstadt als eine gefeierte dramatische Künstlerin kennen gelernt und sie aus Liebe zu ihm der Bühne entsagt. In schönster Seelenharmonie trugen sie alle Stürme des Geschickes gemeinschaftlich, wie sie denn auch gemeinschaftlich für die Sache der Humanität wirkten und dabei nicht allein in der eigenen Liebe, sondern auch in der Verehrung von Tausenden reichen Ersatz fanden für alle Verfolgungen und Feindschaften, welche eben dieses Wirken ihnen zuzog.

In Duller’s kleiner, fast schwächlicher Gestalt suchte auf den ersten Blick vielleicht Niemand die feste Männlichkeit, die er durch sein ganzes Leben so schön bewährte. Sein Haar war blond und sein Antlitz bleich – aber wenn er sprach, belebte es sich wunderbar, seine geistige Bedeutenheit strahlte von seiner hohen Stirn und seine blauen Äugen glühten wie blinkende Sterne. Dieser Ausdruck sowohl wie das volltönende Organ, was das Feuer seiner Rede unterstützte, übte einen mächtigen Zauber auf seine Zuhörer, die er nicht nur momentan in die höchste Begeisterung hineinriß, sondern noch lange darin erhielt: man vergaß nicht wieder, was man von ihm gehört, so tief wußte er die Herzen zu fassen. Aber seine größte Macht waren auch nicht diese äußern Gaben, sondern eben sein Herz. Als Mensch war Duller von Freund und Feind gleich hochgeachtet – als Schriftsteller ist es ihm nicht gelungen die allgemeine Popularität und den Einfluß auf das Publikum zu erringen wie er verdient hätte. Ist dies doch dem deutschen Schriftsteller so schwer, hängt es doch meist viel mehr von äußern Umständen ab, als von der eigenen innerlichen Begabung und Kraft. Die literarischen Zustände in Deutschland sind leider der Art, daß es schon viel ist, wenn einer nicht an ihnen in seiner geistigen wie seiner äußerlichen Existenz zu Grunde geht. Wer sich weder erniedrigen kann zum gemeinen Lohnarbeiter der Herren der Presse, noch dem wechselnden Geschmack der Mode sich unterwerfen, noch um die Gunst der Großen buhlen – und wer dennoch darauf angewiesen ist allein von seiner Feder sich und die Seinen zu ernähren: dessen Genius muß Titanenkraft besitzen, wenn er auf seinem Flug zur Sonne niemals zurücksinken und von der erstaunten Welt gesehen und geprießen werden soll.

Ein solcher Titane war Duller nicht, aber er gehörte zu jenen selbstständigen Schriftstellern, die lieber ihre Existenz ihrem Streben und ihrer Gesinnung aufopfern, als diese jener, und zu den begeisterten Poeten, welche aus innerm Drange heraus schaffen und dabei nicht fragen nach dem größern pecuniären Gewinn oder nach dem Beifall der Menge oder gar nach der Gunst der Höfe und dem Modeurtheil der Salons. Und weil sich Duller so unabhängig erhielt und doch mit der Eile arbeiten mußte, die alle Schriftsteller zum unausgesetzten Schaffen mahnt, die allein damit ihren Lebensunterhalt gewinnen: so hat er wohl Bedeutendes geleistet, aber nicht das Bedeutende, was er würde geschaffen haben, wenn er sich zuweilen die nöthige Muße hätte gönnen dürfen.

Unter den Schriftstellern zählt er dennoch mit zu den besten Namen der Gegenwart, aber dem Volke sind seine Werke fremder geblieben als sie verdienen. Hoffentlich ruft sein Tod eine Gesammtausgabe seiner Werke hervor und verschafft den Todten die Anerkennung, die dem Lebenden nicht genug geworden. Anfangs in den Kreisen der Literatur mit günstigen Aussichten aufgenommen, ist er später in ihnen, wenn nicht verdächtigt, doch ignorirt worden, da er gerade in einer Zeit seine Begeisterung für Menschenwohl und Freiheit am Offensten darlegte, wo es bereits gefährlich geworden war, nicht nur selbst eine solche zu haben, sondern auch die Träger derselben noch an seiner Seite zu dulden. So war Duller zuletzt nur noch mit seinen Gesinnungsgenossen in Verbindung und für die eigentlichen Literaten, die ihn früher mit Stolz ihren Collegen nannten, hatte er aufgehört zu existiren. Aber so zahlreich auch seine Gegner waren, nie haben sie gewagt, seinen Namen zu verunglimpfen, gemeine und egoistische Motive seinen Wirken unterzuschieben. Sie haben sich begnügen müssen ihn einen Schwärmer zu nennen. Das war er auch im Gegensatz der blasirten und philosophischen Kälte so vieler Führer, sowohl in der Literatur als auch in der Politik auf beiden Seiten. Duller nannte sich selbst mit Stolz einen entschiedenen Liberalen – aber er war noch mehr, er war ein ganzer Mensch. Er dichtete nicht nur von einem „Fürsten der Liebe,“ er weihte sich ihm auch und wirkte für sein Reich, für das Reich der Liebe mit einem begeisterten Herzen, das selbst von Liebe überströmte. So war er für die Einzelnen, so war er für das Allgemeine. So ist er auch gestorben als ein Apostel der Liebe im Glauben, daß ihr Reich noch kommen werde!
L. O. 




Blätter aus dem physikalischen A-B-C-Buche.
I. Das Gesetz der Trägheit.

Kein Körper ist im Stande, aus sich selbst heraus die Bewegung, welche ihm einmal mitgetheilt worden ist, zu verändern oder aufzuheben, ebensowenig wie er vermag, durch sich selbst aus dem Zustande der Ruhe in den der Bewegung überzugehen. Die Materie ist also hierin ganz willenlos und jede Abänderung in der Bewegung eines Körpers müssen wir Ursachen zuschreiben, welche außerhalb desselben liegen. Dieses Gesetz (unter welchem der Physiker also das Unvermögen aller Materie, den Zustand der Bewegung oder der Ruhe selbstständig abändern zu können, versteht) scheint auf den ersten Blick der gemeinen und alltäglichen Erfahrung geradezu entgegen zu sein, denn nach ihm müßte z. B. ein aufgehangenes und in Schwingungen versetztes Pendel ohne ferneren Antrieb bis in alle Ewigkeit fortfahren zu schwingen, und eine auf einer horizontalen Ebene hingerollte Kugel müßte, wofern nur die Ebene sich unendlich ausdehnte, auch bis in’s Unendliche fortrollen; eine Aenderung in der Geschwindigkeit, also ein endliches zu Ruhekommen dürfte niemals eintreten. Das scheint offenbar aller Erfahrung zu widersprechen.

Inzwischen giebt es einige nicht weniger alltägliche und gemeine Erfahrungen, welche, wenn man sie nur richtig zu erklären versteht, mit mathematischer Sicherheit zu dem Gesetz der Trägheit führen. Betrachten wir zunächst einmal die Bewegung auf einer horizontalen Ebene.

Jeder weiß, daß ein auf einer solchen Ebene fortrollender Körper um so länger seine ihm mitgetheilte Bewegung behält, je glatter und ebener die Fläche ist, daß also z. B. ein mit Schnelligkeit dahin fahrender Dampfwagen, nachdem der Dampf abgesperrt worden ist, viel länger noch fortfährt, sich zu bewegen, als ein gleich großer und mit gleicher Schnelligkeit auf einer gepflasterten Straße fahrender Wagen, nachdem die Pferde aufgehört haben, zu ziehen. Das heißt doch nichts anderes als das: je geringer die Hindernisse bei einer Bewegung sind, um so länger dauert sie. Und der daraus zu ziehende Schluß würde kein anderer sein, als daß ein in Bewegung versetzter Körper seine Bewegung bis in alle Ewigkeit unverändert behalten würde, wenn wir im Stande waren, alle Hindernisse zu beseitigen. Eine nicht weniger bekannte Thatsache ist es, daß derjenige, welcher aus einem schnell fahrenden Wagen heraus springt, sobald er den Erdboden mit den Füßen berührt, nach der Seite hingeschleudert wird, nach welcher der Wagen sich bewegt und zwar mit um so größerer Gewalt, je schneller die Bewegung des Wagens war. Diese Erscheinung ist nur dadurch zu erklären, daß der Springende, nachdem seine Füße den Wagen verlassen haben, die Geschwindigkeit desselben noch beibehält. Wer auf dem Verdeck eines schnell fahrenden Schiffes in die Höhe springt, könnte, wenn das Gesetz der Trägheit nicht bestände, Gefahr laufen, daß das Schiff, während er in der Luft schwebte, unter seinen Füßen wegführe und er dann in’s Wasser fiele. Das wird aber nicht geschehen, ebensowenig, als ein auf einem fahrenden Schiff in die Höhe geworfener Stein in’s Wasser fällt; er wird vielmehr wieder auf derselben Stelle niederfallen, wofern er nur vollkommen senkrecht in die Höhe geworfen worden ist. Ebenso müßte ohne das Gesetz der Trägheit alles, was man [363] in der Kajüte fallen läßt, an die Wand fliegen. Es weiß aber Jeder, daß hier ebenfalls alle Körper vollkommen senkrecht fallen. Es müssen also alle Körper, die vom sich bewegenden Schiffe getrennt werden, noch die Bewegung des Schiffes beibehalten. Wer also z. B. mit einer Büchse nach einer am Ufer befindlichen Scheibe schießt, wird dieselbe um so weniger treffen, je schneller das Schiff fährt und je weiter es vom Ufer entfernt ist; denn die aus der Büchse fahrende Kugel hat außer der ihr vom Pulver mitgetheilten Bewegung auch noch die des Schiffes, wird also an der Seite bei der Scheibe vorbeifliegen, nach welcher das Schiff fährt.

Legt das Schiff in einer Secunde zehn Fuß zurück vnd die Büchsenkugel 2000 Fuß, so wird bei einer Entfernung der Scheibe vom Schiffe von 200 Fuß die Kugel zehn Fuß seitlich von der Scheibe vorbeifahren. Recht deutlich kann man sich von dem in Rede stehenden Gesetze überzeugen, wenn man aus dem Fenster eines recht schnell fahrenden Dampfwagens einen Stein zur Erde fallen läßt; dieser Stein wird nicht nur, während er fällt, ununterbrochen in unserem Gesichtskreis bleiben, also uns senkrecht zu fallen scheinen, sondern auch, wenn er den Erdboden erreicht, nach derselben Seite, nach welcher der Dampfwagen fährt, mit so großer Gewalt fortrollen, daß er gewöhnlich Spuren seines Weges im Erdreich zurückläßt.

Daraus folgt unzweifelhaft, daß der fallende Stein die Bewegung des Dampfwagens beibehält und für einen Beobachter außerhalb desselben nicht senkrecht fallen, sondern sich mit dem Dampfwagen fortbewegen wird. Wenn ein Kunstreiter auf schnell dahin jagendem Pferde Kugeln in die Höhe wirft und wieder auffängt, so bewundern es Viele als eine ganz absonderliche Geschicklichkeit des Mannes, die Kugeln gerade so weit vorwärts zu werfen, daß er sie bei ihrem Herunterfallen wieder fangen kann; denn wenn er das nicht machte, würden ja die Kugeln in seinem Rücken niederfallen. Dem ist aber nicht so, denn nach dem Gesetze der Trägheit fallen die Kugeln schon von selbst an der richtigen Stelle nieder, weil sie die Bewegung des Pferdes, auch nachdem sie aus der Hand geflogen sind, beibehalten; es ist also nur nöthig, daß der Kunstreiter sie senkrecht in die Höhe wirft. Ebenso braucht der Kunstreiter, wenn er auf dem jagenden Pferde über etwas hinwegspringt, nicht vorwärts, sondern nur gerade in die Höhe zu springen.

All diese Thatsachen der alltäglichen Erfahrung beweisen das Gesetz der Trägheit unzweifelhaft. Die Physik bietet Beweise dafür in Menge dar und wir werden später Gelegenheit genug haben, daran zu erinnern.

Vorläufig wollen wir nur zwei Erscheinungen aus diesem Bereiche namhaft machen. Die erste ist die Bewegung der Himmelskörper selbst, welche sich nur erklären läßt, wenn man annimmt, daß die Materien ursprünglich eine Bewegung gehabt haben, die nicht verloren gegangen ist und in Verbindung mit der gegenseitigen Anziehung den ununterbrechenen Kreislauf dieser Körper hervorbringt. Die andere Erscheinung besteht darin, daß kein Körper von unserer Erde, wenn er zeitweilig von ihr getrennt wird und frei im Raume schwebt, sich von ihr entfernen kann, was er doch wegen der doppelten Bewegung der Erde um ihre Achse und um die Sonne müßte, behielte er nicht auch dann noch die im verbundenen Zustande mit der Erde ihm mitgetheilte Bewegung. Verläßt z. B. eine Kanonenkugel die Röhre und hätte sie von da an nur die ihr durch das Pulver mitgetheilte Bewegung, so würde sie in den meisten Fällen mit furchtbarer Geschwindigkeit sich von der Erde entfernen und nie wieder zu ihr zurückkehren. Die atmosphärische Luft, der Unkundige diese Erscheinung gewöhnlich zuschreiben, würde das nicht hindern können. Es behält aber die Kugel auch nach ihrer Lostrennung von der Erde die Richtung und die Geschwindigkeit derselben im Augenblicke der Lostrennung bei und muß der Erde folgen.




Pariser Bilder und Geschichten.
Monsieur Porcher.

Im Kaffee „Divan“ der rue Lepeletier, der großen Oper gegenüber, machte sich mir, der ich noch ein Neuling in Paris war, ein Mann schon durch seine Erscheinung, durch ein besonderes Wesen, noch mehr aber durch seine Beziehung zu vielen der Personen, welche das Kaffeehaus theils als zufällige, theils als Stammgäste besuchen, bemerkbar. Das genannte Kaffeehaus wird meist von Künstlern, Schauspielern, Malern und Dichtern besucht, die sich da zusammenfinden, um auszuruhen von den Mühen des Ruhmes, der Gesellschaft und der Arbeit, und sich nebstbei durch Mittheilung, durch Kaffee und eine Parthie Dordes zu vergnügen. Alfred de Musset, in seiner guten Zeit, da sein Geist frisch und sprühend war wie seine Gedichte, war alle Tage in diesem Kaffeehause zu treffen. – Ich bemerkte, daß die meisten der anwesenden Künstler meinen Mann mit einer seltsamen Mischung von Hohn und Höflichkeit, von Geringschätzung und Zuvorkommenheit behandelten, daß er aber seinerseits ihnen mit großer Artigkeit und Freundlichkeit begegnete, die aber das Gepräge stolzer Herablassung an sich trugen.

Das Aeußere des Mannes, den ich Monsieur Porcher nennen hörte, verkündete eine Selbstzufriedenheit, die nicht weit von Anmaßung entfernt und eine auffallende Wichtig- und Vornehmthuerei. Die Finger strotzen von goldenen Ringen. Ein englischer Chronometer an einer schweren goldenen Kette wird übermäßig oft in Anspruch genommen. Der Anzug ist in einem guten Stand und von elegantem Zuschnitt. Sein Gesicht ist schwammig, von der Zeit und wüstem Leben abgenützt und verschossen. Auf einer kräftigen, etwas nach Oben strebenden Nase, sitzt jeder Zeit eine schwarze Zwickbrille, welche an einem buntgefärbten Bande hängt, das ihr zur Unterlage dienende Organ arg zusammenklemmt und aus seiner natürlichen Form bringt. Die grauen Augen blinken scharf und nicht selten über die Gläser hinweg. Die grauangeflogenen Haare, reichlich genug vorhanden, sind von einer häufig in Falten gezogenen niedern Stirn sorgfältig zurückgestrichen, wie das bei Künstlern und Denkern öfters vorkommt. Eine überhand nehmende Beleibtheit läßt Herrn Porcher alle Lebhaftigkeit des Franzosen, die sich in der Hast der Bewegungen und der Sprache kund giebt. Oefters sah ich ihn mit vielen wenig anziehenden Personen, die ihn ehrerbietig umstanden, im leisen Gespräche, das mit einem Eifer seinerseits, mit einer Aufmerksamkeit von den Anderen geführt wurde, daß ich dachte, es könne sich unmöglich um etwas Geringeres, als um das Heil des Staates handeln.

Herr Porcher las immer mit einem tiefen, sinnenden Ernst die politischen Zeitblätter, so daß Jeder, der ihn bei dieser Beschäftigung beobachtete, ihn für einen gereiften Staatsmann zu halten versucht sein mußte.

Meine Vermuthung nach dieser Richtung hin wurde aber durch den Umstand erschüttert, daß Monsieur Porcher die Feuilletons der Journale am Montag, da sie in der Regel die Theaterbesprechungen enthalten, mit besonderer Aufmerksamkeit durchstudirte. Meine Erfahrung lehrt mich, daß ein Politiker nie Feuilletons liest, folglich konnte Herr Porcher nach meinem Urtheil kein Politiker sein. Dazu kam noch, daß mein Unbekannter während des Lesens der Theaterkritiken die Wirkung dieser Lecture durch allerhand Bewegungen, durch ein lebhaftes Mienenspiel und durch halblaute Monologe kund gab, die freilich, wenn irgend ein Nachbar seiner Bekanntschaft zur Hand war, sich in Anreden verwandelten. Ich hatte einige Mal Gelegenheit, diese Anreden zu hören, und weit entfernt, mich aufzuklären, machten sie mich über den Mann noch mehr irre.

„Charlotte Corday von Ponsard“, hörte ich ihn einmal ausrufen, als er sein Feuilleton las, „nennt der ein Stück voll Kraft und erschütternder Wirkungen, das kein Publikum kalt lassen kann – der hat’s bequem – etwas Tinte, eine Feder und Papier, dann schreibt sich das so leicht hin, als wäre es richtig. Erschütternde Wirkungen, wo denn? Ich habe nichts davon gespürt, und ich weiß doch auch so gut, wie diese Herren vom Feuilleton, ein warmes von einem kalten Publikum zu unterscheiden. – Wenigstens glaube ich mich zu diesem Selbstlob berechtigt. – [364] Gefrierpunkt, noch schlimmer, als Gefrierpunkt im ganzen Saale. Und das nennen die Leute erschütternde Wirkungen. Wie gewissenlos, eines Kameraden Willen der großen Leistung ehrlicher Leute, die ihr Fach verstehen, das Verdienst abzusprechen! Können Sie sich etwas Unwürdigeres, als so einen Vorgang denken. Ich habe zwar Herrn Ponsard die Wahrheit gesagt; es ist aber zu fürchten, daß er von Eitelkeit verführt, diesen Leuten ohne alle Sachkenntniß, mehr glaubt, als einem von meiner Erfahrung, ob ich gleich im Feuer gestanden und wissen muß, wie heiß es herging. – So wird einem alle Freude an Arbeit und Erfolg verleidet.“

Der Angeredete antwortete nicht, und der Entrüstete, nachdem er eine Weile weiter gelesen, begann wieder: „Hören Sie nur, was da geschrieben steht: „Das Publikum im Theater français ist so fein gebildet, hat an so viel Meisterwerken sein Urtheil zu schärfen Gelegenheit gehabt, daß ihm keine einzige Schönheit einer dramatischen Dichtung entgeht, und daß jedes gut angewendete Wort, jeder schöne Gedanke ohne jedes weitere Kunstmittel die Empfindung trifft und Beifall hervorruft, wie sich das an Herrn Ponsard’s Charlotte Corday deutlich genug erwiesen.“

„Wie kann man nur die Stirn haben, so unverschämt zu lügen und die Wahrheit zu entstellen“, rief Herr Porcher mit zornglühendem Gesichte und in einer Erregung, die ihm sichtlich durch alle Glieder zuckte. „Dieses gebildete Publikum am Theater français ist wie von Stein, alle Wörter und Gedanken der Welt gewinnen ihm oft kein Zucken der Wimpern ab. Und ich weiß es am Besten, wie wenig die Verse in der Charlotte Corday ausgerichtet. – Die Leute blieben erwartungsvoll auf ihren Bänken sitzen, und sahen dem Effekt entgegen, der nicht kam. – In der Lucretia ging es wenigstens am Ende los; diese Charlotte bringt keinen Pulsschlag, geschweige denn eine Hand in Bewegung. Ich habe es meinem Freunde Ponsard aufrichtig gesagt, denn es ist nicht meine Sache, hinter’m Berge zu halten; hätte er sich von Dumas einige Scenen hineinmachen lassen, dann wäre es freilich leichter gegangen, aber zu so einem Anlehen sind die Herren zu stolz. – Ich sagte meinem Freund Ponsard, wenn sich ein Staat nicht schämt zu borgen, brauchen Sie sich auch nicht zu schämen, wenn es sich nun einmal um einen nothwendigen Bedarf handelt. Herr Ponsard hätte noch den Vortheil, daß er keine Interessen bezahlen müßte, wie Herr von Rothschild sie fordert. Meine Vorstellungen halfen nichts, Herr Ponsard bestand darauf, von seinem eigenen Einkommen die Auslagen zu bestreiten. Es wurde so viel als möglich nachgeholfen; das sollte zum Mindesten anerkannt werden. Mit Herrn von Larmartine war’s derselbe Fall, als er seinen „Toussaint Louverture“ zur Ausführung brachte. Was hilft’s, daß Herr von Lamartine ein Mann von Genie ist, wie allgemein behauptet wird? Auf die Rampen versteht er sich so wenig wie auf’s Regieren, und er könnte sehr gut bei Herrn Bayard in die Schule gehen, ich meine nicht etwa bei dem Ritter ohne Furcht und ohne Tadel, sondern bei dem Bandevilledichter mit viel Furcht und vieler Bühnenkenntniß. – Als ich eine Probe des Toussaint Louverture angesehen, sagte ich Herrn Lamartine: Monsieur, dem Ding fehlt viel, um Glück zu machen.“

„Was zum Beispiel?“ frug mich Herr von Lamartine stolz lächelnd, wie Jemand, der sich seiner Ueberlegenheit über den andern vollkommen überzeugt ist.

„Nicht weniger als Alles“, gab ich darauf zur Antwort, da mich dieses Lächeln ärgerte; denn ich brauche Herrn von Lamartine nicht, sondern er braucht mich. – „Es hat keinen Zündstoff“, setzte ich hinzu, „und stände auf dem Anschlagezettel ein anderer Namen, als der Ihrige, würde das Stück ausgegähnt.“

„Das ist schlimm“, versetzte Herr von Lamartine, ernstlich den Kopf schüttelnd.

„Sehr schlimm!“ antwortete ich. „Was hilft es Ihnen, daß Ihre Freunde und Verehrer in den Zeitungen posaunen, wenn die Bänke täglich leerer werden. Glauben Sie mir, ich weiß, was durchzusetzen ist, aber diesem Toussaint hilft keine Menschenmacht über die dreißigste Vorstellung hinüber.“

„Ja, was ist zu thun, mein lieber Porcher?“ frug nun der berühmte Dichter, ohne im Mindesten zu lächeln. Das söhnte mich aus und ich gab zur Antwort: „Versuchen Sie Scenen hineinzubringen, vor denen sich das Publikum fürchtet, dann haben sie gewonnenes Spiel. Herr von Lamartine hat meinen Rath nicht befolgt und sein Toussaint Louverture liegt im Theaterarchiv verscharrt, und wie viel Aufwand an Klugheit und Mühe es gekostet, um ihn sein kurzes Leben mit Ehren durchmachen zu lassen, weiß ich am Besten. Denen Dank gebührt, hat Niemand gedankt. Ich sollte an diese Ungerechtigkeit der Welt gewöhnt sein; allein ich kann sie nicht verwinden.“

Meine Neugierde war zum Höchsten gestiegen, als ich dieses Alles hörte. Wie ich auch grübelte, ich vermochte keinen Stand ausfindig zu machen, auf den dieses Alles, was der Unbekannte sprach, gepaßt hätte. Ich riskirte, da sich Herr Porcher entfernt hatte, die Frage, was er denn eigentlich treibe, die ich an den Mann richtete, welcher unmittelbar mit den angegebenen Erörterungen beehrt wurde.

„Er ist der erste und ausgezeichnetste Chef der Claqueurs von Paris“, erhielt ich zur Antwort.

„Hat diese Kunst auch ihre Grade, ihre Talente und Berühmtheiten?“ frug ich spöttisch weiter.

„Das will ich meinen“, erwiederte mit allem Ernst der Befragte, ein Sänger der komischen Oper, „und seien Sie gewiß, daß es Herrn Porcher Niemand gleich thut.“

„Unglaublich!“ rief ich aus.

„In welchem Lande sind Sie denn zu Hause?“

„Ich bin ein Deutscher, Monsieur.“ – „Ist bei Ihnen ein Claqueur wie der andere?“

„Bei uns wird diese Profession als solche gar nicht getrieben“, versetzte ich. „Ein Schauspieler oder dramatischer Dichter sorgt wohl hie und da dafür, daß gekaufte oder sonst wie gewonnene Gönner seinen Abendtriumphen nachhelfen; man würde aber in Deutschland unendlich darüber lachen und gewiß auch sich ärgern, wenn man, wie hier, eine organisirte Claque im Parterre beisammen sitzen sähe, die gar kein Hehl von ihrer Absicht nacht, die nach Vorschrift, bei bestimmten bezeichneten Stellen in die Hände klatscht, und oft einen Enthusiasmus an den Tag legt, der dem gesammten übrigen Publikum fremd bleibt. Dieses Publikum im Publikum würde bei uns einen Widerstand hervorrufen, der leicht in Beleidigungen ausarten könnte.“

„Seltsam und bedauerlich“, meinte der Sänger. „Dann freilich können Sie nicht gut begreifen, welche Verdienste Herr Porcher um dramatische Kunst und Künstler besitzt. Manche Berühmtheit von heute wäre ohne seine Mitwirkung verkannt, mancher Emporgekommenn wäre verborgen geblieben, manche Leistung wäre ohne Herrn Porcher der Abschluß einer Wirksamkeit gewesen, der die Welt Verdienstliches zu verdanken hat.“

„Trifft denn das nicht ein Jeder so gut, wie Herr Porcher, in die Hände zu klatschen?’

„Gewiß nicht. Niemand weiß wie er das rechte Maß zu halten, den rechten Augenblick zu treffen, nicht mehr zu thun, als zulässig, nicht weniger, als erforderlich. Viele verderben durch schlecht angewendeten Eifer, indem sie durch Uebertreibung zu Gegendemonstrationen herausfordern, oder unterstützen zu lässig, wo lebhafte Nachhülfe am Platze wäre. Kurz, Herr Porcher ist ein Meister in seiner Kunst, und nur seinen Händen kann man einen Erfolg mit aller Beruhigung anvertrauen. Glauben Sie mir, daß ihn nicht umnsonst die ersten wie die letzten Capacitäten von Paris, die mit der Bühne zu thun haben, aufsuchen und beschäftigen, und man muß sich wohl auf ein Handwerk verstehen, das Einem 20,000 Franken jährlich abwirft, und so viel gewinnt Herr Porcher durch seine Arbeit.“

Es wird Niemanden befremden, wenn ich sage, daß mich diese Auskunft der Neuheit des Gegenstandes halber, dem gewiß die lokale Färbung nicht fehlt, interessirte, und den Wunsch in mir erregte, den vielbelobten „Meister in seiner Kunst“ mit all seinen Beziehungen näher kennen zu lernen. Bei der Mittheilsamkeit des Herrn Porcher war nichts leichter, als an dieses Ziel zu gelangen.

Schon nach wenigen Tagen war ich mit dem großen Claqueur auf so gutem Fuße, daß er mich nicht nur in alle Einzelheiten seines seltsamen Metiers einweihte, sondern sogar zu sich in sein Haus lud, wo er mir sein Tagebuch und manches schätzenswerthe Autograph zu zeigen versprach; Überhaupt erwies mir der Mann die außerordentlichste Zuvorkommenheit, als er bei mir eine Theilnahme für seine Laufbahn bemerkte, die ich ihm nach seinem Gutdünken auszulegen überließ. Herr Porcher setzte mir zunächst auf mein Begehren die Organisation der Claque auseinander.

[365] „Ich wirke nur in den größern Theatern“, sagte er mir, „und erhalte von der betreffenden Direktion eine gewisse Anzahl von Parterre-Freibillets, von denen gebe ich vier bis fünf an meine Leute ab, mit denen ich Alles genau einstudirt und probirt. Die übrigen Billets, ungefähr dreißig an der Zahl, verkaufe ich für die Hälfte oder zwei Drittheilen des gewöhnlichen Preises unter der Bedingung, daß mir die Käufer für diesen Abschlag, der ihnen zu Gute kommt, ihre Hände und auch bisweilen ihre Kehlen zur Verfügung stellen. Jedem Einzelnen wird eingeprägt, daß er streng unserem Beispiele zu folgen habe. Auf diese Weise werbe ich meine Armee, besolde ich sie und zugleich mich. Wenn ich manches Geschenk der Künstler mitzähle, gewinne ich durch mein Talent mehr denn 40,000 Franken jährlich und stehe noch nebstbei mit den ausgezeichnetsten Leuten Frankreichs in fortwährender Verbindung, die, wie sie ann meinen Autographen sehen werden, keine geringe Wichtigkeit auf meine Verdienste legen. Ohne mir zu schmeicheln, darf ich sagen, daß es noch Niemand in dem Fache so weit gebracht, wie ich. So z. B. bin ich Erfinder des Lachens.“

„Was wollen Sie damit sagen? Ich denke, die Welt, und besonders Frankreich, hat lange vor Ihnen gelacht“, erlaubte ich mir zu bemerken.

„Es ist begreiflich, daß Sie das nicht verstehen. Sie sind ein Fremder und stehen meinem Berufe fern. Früher, vor meinem Auftreten, hat die Claque blos in die Hände geklatscht und hie und da Bravo gerufen, im Lustspiel wie im Trauerspiel, das blieb sich gleich, als ob man so verschiedenartige Dinge auf eine gleiche Weise behandeln könnte. Ich fühlte lebhaft das Mangelhafte der Methode, ob ich gleich erst durch langes Nachdenken und mit der Zeit zu dem geeigneten Mittel der Verbesserung und Abhülfe gelangte. Ich ging von dem Grundsätze aus, daß, da Komisches und Tragisches verschiedene Wirkungen hervorbringen, diesen Wirkungen auf verschiedene Weise nachgeholfen werden muß. Kurz, ich erfand für das Lustspiel das „Verlachen,“ und es hat sich als ungemein vortheilhaft erwiesen. Nichts ist so ansteckend, wie schon die allgemeine Erfahrung lehrt, als Lachen; kommt also nur eine halbwegs komische Wendung oder Situation in einer Komödie vor, so lachen wir und können mit Gewißheit darauf zählen, daß uns das Publikum nachlacht. Was kann einem Lustspiel Besseres widerfahren, was seinen Erfolg begründet?“

Ich sah den Sprecher mit jener tiefen Ueberzeugung von seiner Vorzüglichkeit verwundert an. Diese redliche Ueberschätzung seiner selbst und seiner Lebensaufgabe dünkte mir eben so rührend wie lächerlich. Anziehend fand ich aber an dem Manne, daß er so ganz und gar so ausschließlich von seinem Berufe erfüllt war.

Seine Gedanken traten niemals aus dem Kreise seiner Beschäftigung und der Interessen, die sich an sie knüpften, heraus. Das Parterre war seine Welt und die ganze Welt schrumpfte vor ihm in ein Parterre zusammen. Hier fand er alle Aufregung und Befriedigung, alle Widerwärtigkeit und alles Glück, von da kam ihm alle Hoffnung und aller Unmuth. Hier fand sein Ehrgeiz mehr als hinreichenden Raum für sein Suchen und Treiben. Kurz, er war mit Leib und Seele Chef der Claqueurs. Als ich den Mann in seiner Wohnung besuchte, fand ich die eigenthümlichste Haushaltung; überall trat mir eine gesuchte theuer gekaufte Eleganz mit Unordnung und Vernachlässigung im Kampfe entgegen. Möbel mit reichen bunten Stoffen überzogen, waren beschmutzt und verschossen; ein Teppich auf dem Boden, den Niemand eine glänzende Vergangenheit abzusprechen vermocht hätte, war stellenweise durch Tinten- und andere Flecken verunziert. An den Wänden hingen Bilder berühmter Dramatiker in goldenen Rahmen, die stark beschädigt und von den Fliegen unanständig mißhandelt waren. Auf einem großen Spiegel, ebenfalls in goldenem Rahmen, lag, besondern in der höhern Region beträchtlich viel Staub; auch war das Glas sonst noch getrübt. Bücher, Zeitungen und Kleidungsstücke lagen durcheinander gemischt umher. Die Vorhänge, mit Spitzen besetzt, sahen statt weiß, grau aus, so arg waren sie von der Zeit heimgesucht, und so wenig wurden sie rein gehalten. Madame Porcher und ihre zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, von ungefähr 4 und 5 Jahren, trugen dasselbe Gepräge wie die Wohnstube an sich. Die Kinder waren schlecht gewaschen und aßen als ich kam aus Tellern, die auf Stühle gesetzt waren, Milchreis mit den Händen. Die Hausfrau trug zwar ein schwarzen Seidenkleid, allein ihre Haare hatten sichtlich diesen Tag noch keine Pflege erhalten und befanden sich in völliger Anarchie und als Fußbekleidung dienten ihr alte vertretene Schuhe und Strümpfe, welche mancher Ausbesserung bedurft hätten. Madame Porcher war eine Frau tief in den Dreißigen, von gestreckter Gestalt, im Gesichte noch manchen verschonten Ueberrest verblühter Schönheit. In ihrem Benehmen zeigte sich dieselbe Mischung, wie im ganzen Haushalt von affektirter Weltmanier mit ordinären Formen, welche auf eine späte und falsche Erziehung schließen ließ.

Herr Porcher, der mit Schreiben beschäftigt war, nahm mich sehr freundlich auf und lud mich ein auf einem Lehnstuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen, und als ich der Einladung gefolgt war, sprach er: „Er ist gar nicht übel, der Fauteuil, auf welchem Sie da sitzen; wenigstens braucht man sich seiner nicht zu schämen; denn er hat gewiß wenig Kameraden, die solche Leute getragen, wie er. Es sind keine drei Monate her, saß mir mein Freund Meyerbeer wie Sie jetzt gegenüber, nur um Vieles ängstlicher.“

„Warum ängstlich?“ frug ich.

„Wenn diese Herren zu mir kommen,“ meinte Herr Porcher, „haben sie alle Angst, nur daß es ihnen mein Freund Meyerbeer allen zuvorthut. Es war vor der Aufführung des Propheten. Porcher, sagte er zu mir, ich zähle auf Sie.“

„Ich werde mein Möglichstes thun, Meister Meyerbeer, gab ich zur Antwort.“

„Mir war noch nie so bange wie dieses Mal,“ sagte er.

„Natürlich, Sie hatten noch nie so viel Ruhm zu verlieren, wie eben jetzt,“ sagte ich.

„Was halten Sie von dem Propheten, mein lieber Porcher, nun da Sie die Generalprobe gehört?“ frug er.

„Der Prophet ist kein Robert, er ist keine Hugenotten. Nichts Diabolisch-Infernalisches, keine Nonnen in sehr leichten Gewändern; kein Sturm von Instrumenten, wilde Chöre mit Chaosscenen; aber er hat seine Schleifer, seinen Einsturz der Kirche und ich hoffe was daraus zu machen, gab ich zur Antwort.“

„Haben Sie schon die Stellen aufgefaßt, mein lieber Porcher, wo Sie Ihren Nachdruck anzuwenden haben?“

„Aufgepaßt und aufgemerkt, Herr Meyerbeer. In die nächste Probe komme ich mit meinen Leuten und wir werden selbst probiren. Sie werden mir dann sagen, ob Sie zufrieden sind.“

„Recht, Porcherchen,“ versetzte Meyerbeer, „ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann, und bin, was Sie betrifft, ganz ruhig.“ Er empfahl sich sehr artig bei meiner Frau, küßte meinen kleinen Charles, der dort in der Ecke spielte, drückte mir freundschaftlich die Hand und ging. Den Tag nach der nächsten Probe des Propheten, wer klopft an meine Thüre und tritt in das Zimmer als ich: „Herein“ rufe? Mein Freund Meyerbeer.“

„Sie sind ein außerordentlicher Mensch,“ sagte er mir gerührt, indem er meine beiden Hände mit der zärtlichsten Innigkeit drückte. Im bescheidensten Tone von der Welt deutet er mir einige Stellen in der Oper an, die von mir vielleicht hervorgehoben werden könnten. So wie ich ihm aber meinen Zweifel an der Zweckmäßigkeit dieser Zuthat ausdrücke, steht er augenblicklich von seinem „Vorschlage,“ wie er es nannte, ab. Sehen Sie, mein Freund Meyerbeer weiß mein Talent zu schätzen und wie ergeht es ihm auch? Sie kennen wohl den Erfolg des Propheten?“ Ich mußte lächeln.

Nun zeigte mir Herr Porcher mit sichtbarem Stolze die versprochenen Autographen, meist Briefe von erzeugenden und darstellenden Künstlern. Da ich einige dieser Episteln sehr bezeichnend für die pariser Zustände fand, erbat ich mir von dem freundlichen Wirth die Erlaubniß, die merkwürdigsten abschreiben zu dürfen, welche dieser gerne gab. Ich glaube mit der Voraussetzung mich nicht zu täuschen, daß auch der Leser dieser Zeilen diese seltsamen Dokumente mit einigem Interesse aufnehmen werde.

Herr Scribe schreibt an das Haupt der Claqueurs Folgendes:
Paris, den 28. Mai 1830. 
„Lieber Porcher!

„Mein jüngstes Kind, der Abälard und dessen Zukunft, lege ich in Ihre Hände. Ich gebe mir genau von den Schwierigkeiten Rechenschaft, welche die Aufführung dieses Stückes zu überwinden hat. Doch sage ich mir zugleich: Ist Porcher mit Dir, so hast Du nichts zu fürchten! Denn Porcher ist ein Erfolg. Porcher gleicht Alles aus, die Schwächen des Talentes, die Ungunst der Verhältnisse. Porcher kann Wunder thun, wenn Wunder nöthig sind. Ich werde Ihnen für den unschätzbaren [366] Dienst, den ich von Ihrer Fähigkeit erwarte, zu danken wissen.

„Genehmigen Sie die Versicherung meiner Ergebenheit.
Eugène Scribe.“
Herr Alexander Dumas hat diese Zeilen an den Claqueur gerichtet:
Paris, 27. December 1847. 
„Mein würdiger Bundesgenosse!

„Hier eine kleine Abschlagszahlung von meiner großen Schuld. Um sie ganz auszugleichen, müßte ich ein Krösus sein. Ich nehme den Rest als ein Geschenk von Ihnen an, für das ich Ihnen bestens danke.

„Empfangen Sie meine freundschaftlichen Grüße.
Alexander Dumas.“
Von Auber hat Herr Porcher dieses Schreiben erhalten:
Paris, 12. Januar 1846. 
„Mein lieber Porcher!
„Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mich morgen zwischen 10 und 11 Vormittags mit Ihrem Besuch beehren wollen. Ich würde mir erlauben Sie durch das Clavier auf einige Stellen aufmerksam zu machen, um sie Ihrer Berücksichtigung zu empfehlen. Ich habe die Ehre Sie zu grüßen.
Auber.“
Mademoiselle Rachel schreibt so:
„Lieber Porcher!
„Sie müssen zu mir kommen; denn ich weiß, Sie schweigen. Die Rolle, welche ich in Mademoiselle de Bellette übernommen, ist die Probe, ob das Publikum mich im Lustspiel annehmen will. Sie braucht unendlich mehr Sorgfalt als jede andere, die ich früher gespielt. Kurz ich habe Ihnen viel zu sagen.
Ihre ergebene  
Rachel.“ 

Das Datum fehlt.

Derselben Art waren auch die andern Zuschriften der minder berühmten Persönlichkeiten.

„Nicht wahr,“ sagte Herr Porcher als ich die Abschriften fertig gebracht hatte, „ich habe es weit gebracht, und sehen Sie mein Herr, was ich bin, das bin ich durch mich selbst.“ Und um mir dieses zu beweisen, erzählte mir Herr Porcher seine Lebensgeschichte, die ich mir, wie er sagte durch sein Tagebuch ergänzen könne. Da die Erzählung sowohl, als die Tagbuchblätter viel Anziehendes und Eigenthümliches enthalten, gedenke ich nächstens den Lesern der Gartenlaube aus Beiden das Interessanteste mitzutheilen.




Aus der Menschenheimath.
Briefe des Schulmeisters emerit. Johannes Frisch an seinen ehemaligen Schüler
Vierundzwanzigster Brief.
Die Insektenverwandlung. 4. Der Fliegenzustand.


Die Maskerade ist aus. In seiner letzten wahren Gestalt erscheint nun jedes Insekt im vierten der Zustände, in welche das Insektenleben schärfer abgetheilt ist, als das irgend einer andern Thierklasse. Die wissenschaftliche Sprache nennt sie nun Fliegen, weil nun erst ihre Flügel, wenn sie überhaupt deren haben sollen, vollkommen entwickelt und zum Fliegen tauglich sind.

Die meisten Insekten erwachen zum Fliegenzustande aus einem todtenähnlichen Schlummer, den ich Dir in meinem vorigen Briefe als Puppenzustand bezeichnete. Nur die Libellen und Heuschrecken und die wanzenartigen Insekten schlummern als Puppen nicht. Du erinnerst Dich aus einem früheren Briefe [2], daß man danach die Insekten in solche mit und in solche ohne Verwandlung eintheilte.

Die Gartenlaube (1854) b 366.jpg

Für die ersteren ist der Uebertritt in den Fliegenzustand in den meisten Fällen mehr als ein bloßes Erwachen aus langem Schlummer, als ein Anlegen einer neuen Gestalt, als ein Beziehen einer neuen Wohnung. Es ist für viele geradezu ein Auferstehen zu einer neuen ganz anderen Thätigkeit, zu anderen Bedürfnissen, anderen Gewohnheiten, anderen Fähigkeiten.

Denke an die vielen Insekten, die Du kennst; vielleicht fällt Dir eben jetzt, da ich Dich aufmerksam mache, zum ersten Male ein, an wie vielen derselben sich die eben gethane Aeußerung bestätigt.

Erinnere Dich an die Biene. Faul und unbehülflich steckte sie als Larve in der Zelle, die sie sich nicht selbst gemacht hatte, und ließ sich von ihren kinderlosen Tanten füttern – denn so muß man die Arbeitsbienen, die unfruchtbaren Schwestern der Königin, der wahren Landesmutter, betrachten – die auch nachher die Zelle mit einem Wachsdeckel verschlossen und so in ein langes Faulbett für die aus der Larve werdende Puppe verwandelten. Vergleiche nun in Gedanken mit jener trägen Larve die Biene, die daraus geworden ist. Wie sich mancher lernfaule Mensch es wünschen würde, ist über sie im Schlafe, im Schlafe der Puppenruhe, die Weisheit gekommen. Ohne Unterricht, ohne Uebung, ohne es einmal gesehen zu haben, denn sie konnte über den Rand ihrer Zelle nicht hinwegsehen, ist aus einem völlig Unfähigen ein fleißiger und geschickter Arbeiter geworden, der den Menschen zum Vorbilde dient.

Den umgekehrten Fall zeigt uns der Seidenspinner. Er hat in der Puppenruhe seine ganze frühere Kunstfertigkeit verschlafen. Mit ihr hat er freilich auch das Werkzeug und den Stoff verloren, den kostbaren Seidenfaden zu spinnen, den er freilich nun auch nicht mehr nöthig hat. Was ist denn übrigens an dem Schmetterling von der Raupe noch übrig? Nichts. Nicht die Gestalt, nicht ein einzelnes Glied, nicht die Form der Nahrung, die er bedarf. Von den sechzehn zweierlei Füßen der Raupe sind nur sechs übrig geblieben, die keiner von beiden Arten der Raupenfüße gleichen. Die Kurzsichtigkeit der zwölf winzigen einfachen Raupenaugen ist für den weit dahin flatternden Schmetterling in die Fernsichtigkeit der zwei großen zusammengesetzten Augen umgewandelt. [367] gewandelt. Die kräftigen Beißzangen, womit die Raupe die Maulbeerblätter zerschrotete, sind in die hohle spiralig auf- und abrollbare Saugzunge umgewandelt, mit der der Schmetterling den süßen Saft aus dem untersten Grunde der Blüthen herauspumpt, der nun seine einzige Nahrung ist. Aus dem im hellen Sonnenschein mit unersättlicher Gefräßigkeit in seinen Eingeweiden das Maulbeerlaub in Seide verwandelnden Wurme, ist der lichtscheue Vogel geworden, der wie eine olympische Göttin nur tropfenweise den süßen Nektar nippt.

Sieh unsere erste Figur an. Die große Seejungfer (Aeschna grandis) demaskirt sich eben. Die Puppe, die uns Figur 9 des vorigen Briefes [3] gezeigt hat, verließ das Wasser, um nimmer wieder dahin zurückzukehren. Sie klammerte sich mit den spitzen Klauen ihrer sechs Beine fest an einem Grashalm am Rande des Wassers an. Sie war schon nicht mehr Puppe; es war fast blos die Puppenhaut, die sich so zu ihrer eigenen Vernichtung befestigte. Ueber dem Rücken platzte sie und nun zieht die ihrer Erlösung zueilende Libelle ihre Beine aus den Beinfutteralen. Kopf und Brust ist schon frei und eben zieht sie, wie der Taschenspieler ein großes Tuch aus einem Eie ihre großen zusammengeknitterten Flügel aus den Flügelfutteralen der Puppenhaut. Nach wenigen Minuten sind sie straff und fest und nun fliegt das kräftige Thier im schnarrenden Fluge hinaus in die warme Sommerluft, um Beute, Verwandte ihrer eigenen Klasse, zu erhaschen. Suchen wir jetzt – erst gerade die Zeit dazu – an den Uferpflanzen an Teichen und Gräben nach den abgestreiften Puppenhäuten der Libellen; sie sehen täuschend wie zur Ruhe dasitzende Thiere aus; wenn Du sie aber abnehmen willst, so zerbrechen die hohlen Gespenster leicht unter dem leisen Druck der Finger.

Die Wespe, Fig. 3, kehrte eben mit vollen Backen von Bretterwänden und Barrieren heim. Sieh Dir die Latten Deines Gartenstaketes an und Du wirst bemerken, daß Wind und Wetter, Regen und Schnee die glatte gelbliche Oberfläche des neuen Holzes in eine graue zottige verwandelt hat. Diese feinen grauen Zotten sind die durch die Verwitterung sich ablösenden Holzzellen und diese sind wieder das Baumaterial des bekannten grauen löschpapiernen Wespennestes. Die Wespe geht gleich nach ihrem Ausschlüpfen aus der Puppenhülle an ihr Hauptgeschäft, an die Erbauung ihres schönen vielzelligen Familienhauses, worin sie ihre Kinder erzieht. Ueberhaupt ist die Sorge für die Nachkommenschaft die Hauptaufgabe, ja bei vielen fast die einzige Thätigkeit des Insektenlebens im Fliegenzustande. Manche Insektenarten nehmen als vollkommene Insekten nicht einmal Nahrung zu sich. Sie kriechen aus der Puppenhaut, legen Eier und – sterben. Für sie lag Genuß und Freude blos in dem Larvenzustande.

Die große Heuschrecke, Fig. 4, wendet weniger Mühe an. Sie legt ihre Eier in eingehüllten Klumpen [4] in Erdlöcher, die sie mit ihrer Legscheide bohrt, die ihr auch dient, zwischen ihren zwei Klappen die Eier hinabgleiten zu lassen.

Der kleine, zierliche Schmetterling, Fig. 2, ist der mächtige Mahner, im Sommer nicht durch den Undank der Vergessenheit unseren treuen Winterpelzen zu lohnen. Es ist die Pelzmotte, deren Bild ich Dir in einem früheren Briefe versprochen habe. Wenn er Abends um die Flamme Deiner Lampe schwirrt, so vergiß nicht, Deinen Pelz vor ihm zu sichern, denn er ist dann bereit, ihm seine unsichtbar kleinen Eierchen aufzuhängen.

So habe ich Dir denn in sechs langen Briefen von der Insektenverwandlung erzählt. Das Mitgetheilte ist nur ein Tropfen aus diesem Meere von Wundern. Vielleicht reicht es aber aus, Dich zu befähigen, wenigstens anzuregen, selbst Mehr zu finden. „Suchet, so werdet ihr finden“ ist auch hier ein Aufruf, der den ihm Folgenden reichlich mit erhebenden Freuden belohnt.




Blätter und Blüthen.

Wie die Patagonier heirathen. Kapitain Bourne, warb, als er auf einer Reise nach Californien mit einigen Begleitern an der patagonischen Küste an’s Land stieg, um von den Eingeborenen Lebensmittel einzutauschen, von diesem wilden und hinterlistigen Volke auf verrätherische Weise gefangen zurückbehalten, um später gegen ein hohes Lösegeld an Taback, Rum und dergleichen wieder freigelassen zu werden. Seinen Begleitern gelang es noch rechtzeitig zu entrinnen, während Kapitain Bourne, dessen Schiff durch einen mittlerweile eingetretenen Sturm von der Küste hinweggetrieben ward und demzufolge seine Auslösung nicht bewirken konnte, über drei Monate in dieser furchtbaren und mit den entsetzlichsten Beschwerden und Entbehrungen verknüpften Gefangenschaft verharren mußte, aus welcher er sich endlich nur mit List und Lebensgefahr rettete.

Wir heben aus dem höchst interessanten Berichte, welchen Capitain Bourne über seine Erlebnisse und Beobachtungen unter diesem abscheulichen Volke veröffentlicht hat, das aus, was er über die Art und Weise sagt, wie dort bei dem Abschluß von Heirathen verfahren wird.

„Ich erfuhr“ – erzählt er – „daß ohne Einwilligung des Häuptlings sich keiner verheirathen durfte und daß kein Indianer, der nicht ein gewandter Jäger und ausgefeimter Dieb und folglich im Stande war, vollauf Fleisch und Fett herbeizuschaffen, für einen richtigen Mann angesehen ward, der auch wirklich eine Frau ernähren könne.

„Während es aber mit den Voraussetzungen zum Heirathen so genau genommen wird, findet bei dem Abschluß der Heirath selbst fast gar keine Feierlichkeit statt. Sobald der Häuptling seine Einwilligung gegeben, nimmt der Bräutigam die Braut ohne weitere Umstände oder Festlichkeiten mit in seine Hütte. Ein Mal jedoch war ich Zeuge einer Vermählung, die von einigen ungewöhnlichen Ceremonien begleitet war.

„Eines Abends nämlich befanden sich der Häuptling, seine vier Weiber, zwei Töchter, eine kleine Enkelin und ich in der Hütte umhergestreut und in einen Rauch von ungewöhnlicher Stärke und Dichtigkeit eingehüllt. Während die andern ganz unbefangen wie eben so viele Speckseiten umhersaßen, lag ich auf dem Leibe, mit dem Gesicht dicht am Boden und den Kopf mit einem Stück Guanacofell bedeckt – die einzige Position, in welcher es möglich war, sich einigermaßen vor dem erstickenden Rauche zu schützen. Während ich so dalag, glaubte ich draußen viele Fußtritte und ein verworrenes Murmeln zu vernehmen, als ob eine Menge Indianer mit einander sprächen. Gleich darauf ließ sich an der Vorderseite der Hütte eine heisere Stimme vernehmen, die offenbar an eine der in der Hütte befindlichen Personen gerichtet war und auf welche der Häuptling sofort antwortete. Ich erhaschte einige Worte, welche hinreichten, mich zu überzeugen, daß ich nicht der Gegenstand des Gesprächs war, sondern daß es sich vielmehr um eine Dame handelte.

„Das Gespräch ward immer lebhafter und der Gleichmuth des Häuptlings schien etwas wankend zu werden. Ich warf einen durchdringenden Blick in dem Rauch auf die weiblichen Mitglieder unseres Haushaltes, um wo möglich zu erspähen, ob eins davon besonders dabei interessirt sei. Ein einziger Blick genügte, denn ich sah, daß die eine Tochter des Häuptlings, welche, beiläufig gesagt, Wittwe mit einem Kinde war, dem Gespräch mit unverkennbarer Spannung zuhörte. Ihre Mutter saß neben ihr und hielt mit besorgter und nachdenklicher Miene das Kinn auf die Hand gestützt. Der unsichtbare Sprecher draußen war, wie sich bald zeigte, ein schon mehrmals abgewiesener Bewerber um die Tochter und jetzt mit seinen Freunden abermals gekommen, um sein Gesuch zu betreiben. Die Beredsamkeit, die er dabei aufbot, war, wenn auch nicht klassisch, doch sehr angelegentlich, wiewohl von wenig Erfolg. Der Häuptling entgegnete ihm, er sei ein armer, nichtsnutziger Gesell, der keine Pferde habe und deshalb weder sein noch sonst Jemandes Schwiegersohn werden könne.

„Der Freier draußen ließ sich indessen nicht so leicht abweisen, sondern begann seine Bewerbung mit neuem Eifer, indem er versicherte, daß sein Mangel an Pferden seinen Grund in dem Mangel an Gelegenheit, aber nicht in dem Mangel an gutem Willen habe. Dabei rühmte er sich, ein so gewandter Dieb und Jäger zu sein, wie nur je einer einen Lasso geschwungen habe und versicherte, daß es seiner Frau niemals an Fett mangeln solle. Der unerbittliche Häuptling gerieth hierüber in bedeutende Aufregung, sagte ihm, er sei ein armer Teufel und möge sich nur seiner Wege packen, denn er wolle nichts mehr davon hören.

„Der Freier wendete sich nun an die Schöne selbst, bat sie, seinem Gesuch Gehör zu schenken und versicherte auch ihr nochmals mit besonderem Nachdruck, daß es ihr, wenn sie ihn mit ihrer Hand beglückte, niemals an Fett fehlen solle. Dieses letzte Argument schien einen unwiderstehlichen Eindruck auf sie zu machen und sie bat ihren Vater, seine Einwilligung nicht länger zu versagen. Dieser aber, welcher diese Appellation von seiner Entscheidung an eine untergeordnete Instanz sehr übel zu vermerken schien, gerieth in die größte Wuth und ergoß sich in einen Strom von Schmähungen.

„Hier mischte sich die Mutter ein und bat ihn, gegen die jungen Leute freundlicher und nachgiebiger zu sein. Dabei gab sie sogar zu verstehen, daß er dem jungen Manne vielleicht Unrecht gethan habe und daß dieser es auch noch bis zum Pferdebesitzer, ja vielleicht sogar bis zum Häuptling bringen könne. Bis jetzt hatte der Alte sich nach seiner Art immer noch gemäßigt, aber dies war zu viel. Seine Wuth kannte nun keine Grenzen mehr. Er sprang auf, packte die Wiege mit sammt dem darinliegenden Kinde seiner Tochter, schleuderte sie heftig zur Thür hinaus, und die übrigen seiner Tochter angehörigen Habseligkeiten flogen eine nach der andern rasch hinterdrein. Hierauf befahl er ihr, sich augenblicklich ebenfalls zu packen, mit welchem Segen sie sich lächelnd entfernte, ihre umhergestreuten Sachen zusammenlas und dann in Begleitung ihrer Mutter so wie ihres Freiers und seiner Freunde verschwand.

„Der Häuptling setzte sich auf sein Lager von Roßhäuten, schlug die Beine unter und machte ein ziemlich mürrisches Gesicht. Es dauerte nicht lange, so kam die Braut mit ihrer Mutter wieder und nun begann der zweite Aufzug. Der Häuptling erkannte sie nicht sobald, als ein immer stärker werdender grunzender Ton einen neuen Ausbruch verkündete, bis plötzlich seine Wuth sich auf das Haupt seines Weibes entlud. Sie bei [368] dem Haare packend, schleuderte er sie heftig auf den Boden und schlug dann mit geballten Fäusten auf sie los, daß ich glaubte, er müsse ihr jedes Glied am ganzen Leibe zerbrochen haben. Die Tochter hatte sich mittlerweile wieder geflüchtet und nachdem die Mutter ihre Prügel weg hatte, stand sie auf und murmelte etwas, was dem alten grimmigen Hausherrn wieder nicht gefiel und wofür er ihr noch eine furchtbare Ohrfeige versetzte, so daß sie bis an das andere Ende der Hütte taumelte.

„Dieses letzte Argument war entscheidend und sie hielt nun ihren großen Mund. Es trat vollkommenes Schweigen ein und wir legten uns, ohne daß weiter ein Wort gewechselt ward, zur Ruhe nieder. Mir kam es vor, als wenn während der Nacht den alten Heiden das Gewissen plagte, denn sein Schlaf war ein sehr unruhiger. Zeitig am nächsten Morgen begab er sich nach der Wohnung des neuverheiratheten Paares und hatte mit demselben eine lange Unterredung, in deren Folge sehr schnell ein besseres Einverständniß herbeigeführt ward, denn noch im Laufe desselben Tages kehrten die jungen Leute mit Sack und Pack in die Hütte des alten Häuptlings zurück, um hier ihren dauernden Aufenthalt zu nehmen.“


Das Portrait. (Eine Skizze treu aus dem Leben.) Ludwig Tieck, dessen gemüthvolle und prunklose Gastfreundschaft die berühmtesten Künstler und Gelehrten Dresdens in seinen Salon versammelte, und welcher mehrere Abende der Woche so gern die Meisterwerke Goethe’s und Shakespeare’s selbst vorlas und durch seinen gediegenen Vortrag den Anwesenden eben so geistiggenußreiche, als heitere Stunden schuf, erlitt einst durch die Neugierde und Kurzsichtigkeit seines alten Freundes, des Hofraths Bötticher, welcher nun auch schon längst heimgegangen ist, eine Kränkung, durch welche zwischen Ludwig Tieck und einem ihm lange Jahre befreundeten Schriftsteller eine Feindschaft entstand, die nie wieder zur Versöhnung führte. – Ein junger talentvoller Maler, welcher von einer Kunstreise aus Italien zurückgekehrt war, befand sich auf Tieck’s freundliche Einladung, zum ersten Male in einem der kleinen Salonzirkel, in welchem Fräulein Dorothea, Tieck’s geliebte, nun ebenfalls verstorbene Tochter die Honneurs auf so anmuthsvolle herzliche Weise zu machen verstand. Der größte Theil der anwesenden Damen gehörte den beliebtesten und berühmtesten Schauspielerinnen des königlichen Hoftheaters an, und von diesen wurde der junge Maler bestürmt, seine Reiseabenteuer zu erzählen.

„Also in den Abruzzen waren Sie auch?“ frug die eben so liebenswürdige als geistreiche Caroline Bauer. „Sind Sie da nicht calabresischen Räubern in die Hände gefallen?“

„O, zu zwei verschiedenen Malen,“ entgegnete der junge Künstler.

„Wie, unter Räuber sind Sie gerathen?“ frugen die Damen neugierig. „O bitte erzählen Sie, hat man Sie ausgeplündert, war Ihr Leben in Gefahr?“

„Das eben nicht,“ lächelte der Maler, „selbst meine Börse blieb verschont, nur mußte ich zwei Tage in den Schlupfwinkeln dieser Banditen zubringen, bis ich das Portrait ihres Hauptmanns vollendet hatte, von welchem jedes Mitglied der Bande eine Zeichnung haben wollte.“

„Und hatten Sie dazu die nöthige Fassung?“

„Warum nicht, diese Räuber behandelten mich sehr achtungsvoll und störten mich nicht im Geringsten, nur war der Hauptmann selbst ein verteufelt unruhiger Patron, dem das Stillsitzen sehr schwer ankam.“

„Aber das Portrait gelang?!“

„Meisterhaft!“ lachte der junge Maler.

„Und Sie sind noch im Besitz einer Zeichnung desselben?“

„Ja wohl; hier ist es!“

Mit diesen Worten reichte der Maler den Damen ein kleines Bild, welches das Miniaturportrait des Räuberhauptmanns vorstellte.

„Ha, wie entsetzlich! O welche Wildheit in dem Blicke dieses Tigerauges, welch’ abscheulicher Zug roher Sinnlichkeit! Nein, das ist ein Scheusal!“ so tönte es aus dem Kreise der Damen, durch deren Hände jetzt das Bildchen ging.

„Was giebt’s denn da, was habt Ihr denn da, Kinderchen?“ frug der alte Hofrath Bötticher durch diese Exclamationen der Damen neugierig gemacht, und Ludwig Tieck verlassend, mit welchem er sich unterhalten, trat er dem Maler näher. „Wem sieht dies Portrait ähnlich, Herr Hofrath?“ frug jetzt einer der Anwesenden, welcher mit Bötticher und Tieck scheinbar eng befreundet war.

„Dies Portrait hier?“ frug Bötticher zurück und blickte etwas verlegen bald auf den Frager, bald nach Ludwig Tieck; denn seiner Kurzsichtigkeit entging jeder Zug der Zeichnung desselben.

„Ja dies Portrait!“ wiederholte der Erstere und nickte dem Hofrath lächelnd zu.

„Ah, das ist unser guter alter Tieck!“ rief Bötticher, welcher von dem vorhergehenden Gespräche kein Wort gehört hatte und der festen Ueberzeugung war, daß der junge Maler denselben in Eile portraitirt und sehr gut getroffen habe.

„Ei, ei, Hofrath!“ kicherten die Damen. „Das ist stark. Einen Räuberhauptmann aus den Abruzzen mit unserm edlen Gastfreund zu vergleichen, des verzeihen wir Ihnen nie.“

Das Gelächter wurde allgemein, auch Ludwig Tieck stimmte mit ein, der Hofrath Bötticher aber warf dem Frager einen bitterbösen Blick zu und schlich sich ärgerlich über den ihm gespielten Streich fort.

Aber zwischen Tieck und dem ihm bisher anscheinend so genau befreundet gewesenen Schriftsteller, welcher Bötticher’s Kurzsichtigkeit zu einem solch fatalen Mißverständniß verleitet hatte, begann von diesem Lage an eine Feindschaft, die durch ernstere Auftritte immer heftiger wurde und zuletzt zu gegenseitigen Schmähschriften führte, in welchen sich beide Männer unter dem Mantel der Anonymität auf das Schonungsloseste geißelten.


Haschisch-Trunkenheit. Die asiatischen Türken, besonders die Syrier, besitzen in dem Haschisch, ein von ausgetrockneten Blättern der Pflanze Cannabis Indica bereiteten Masse, das mächtigste Nerven- und Phantasie-Reizmittel. Schon die Sarazenen begeisterten sich durch Haschisch zum Kampfe gegen die Kreuzzügler. Von den Indiern als „Bang“ getrunken, ruft es eine Art Tollheit hervor, die unter den Malaien oft in „Mordläufe“ durch die Straßen ausbricht. Von den arabischen Hachachim oder Haschischessern kommt das Wort assassin: Attentäter her. Die Türken genießen den Haschisch in der milderen Form von Zuckerplätzchen, in welchen er zu den wollüstigen Phantasien und Träumen des Orients anregt, ohne so zerstörend zu wirken, wie Opium. Ein Amerikaner, der unlängst in Damaskus versuchsweise gleich für sechs Mann Haschisch aß, beschreibt die Wirkung unter anderem so: Nachdem ich Haschisch in milder Form genommen, in welcher er mich mit dem Gefühle der geistvollsten Lustigkeit und Leichtigkeit und der schärfsten Wahrnehmung für alles Lächerliche erfüllte, aß ich in Damaskus reinen Haschisch. Die Magenhöhle fing an zu brennen, jedes Gefühl von Körper und Schranke hörte auf, in Luft und Licht aufgelöst, verlor ich ganz die Vorstellung, daß ich eine beschränkte Gestalt habe. Das Blut durchlief unzählige Meilen, die Luft, die ich athmete, dehnte sich aus zu Seen klaren Aethers, und in dem zum ganzen Himmelsgewölbe ausgedehnten Kopfe wogten unergründliche blaue Tiefen und leuchtende Wolken und in ihrer Mitte die Sonne. Ich war allgegenwärtig, umfluthet von einem Lichtmeere auf welchem die reinsten lichtgebornen Farben spielten. Dann befand ich mich auf der Pyramide des Cheops, aus lauter Tabaksblättern erbaut. Ich verfiel in einen förmlichen Lachkrampf über diese neue Form der ältesten Baukunst. Nun fuhr ich in einer Barke von Perlemutter und Juwelen über Tausende von Meilen durch ächten Goldsand der Wüste ohne Anstoß und geräuschlos, umwogt von Musik, Licht und Duft, nach Regenbogen mit Edelsteinen besetzt, durch Wölbungen von Ametysten, Smaragden, Tobas und Rubinen. Die Geister des Lichts, der Farbe, des Geruchs, des Schalls und der Bewegung waren meine Sklaven: ich war Herr des Universums, Erbe der Schöpfung. Die fünf Minuten dieser Vision dehnten sich zu Jahren des Entzückens und ununterbrochener Fülle von Genüssen aus. Später kamen zauberische Landschaften in üppiger Fülle von Blüthen und Früchten. Dabei lebte ich stets zwei Wesen, das körperlich aufgelöste und mein nüchternes Ich zugleich. Ich verlor nie ganz das Bewußtsein, daß ich zugleich blos im Zimmer sitzen und an den Wirkungen des Haschich leide. Später wurde es freilich heller. Mein nüchternes Ich verwandelte sich in weiche Gallerte; ich quälte mich in den lächerlichsten Anstrengungen ab, meinen zerfließenden Körper in eine Form zu pressen. Zugleich lachte ich über meine Verzerrungen, daß mir die Augen übergingen. Jede Thräne ward zu einem Brode, die sich um den Bäcker im Bazar so aufhäuften, daß ich ausrief: Der Mensch wird ersticken, aber ich kann nicht an mich halten. Zuletzt ward ich von einer aus dem Magen glühenden Angst gepackt, daß ich Bewußtsein und Verstand auf die Dauer verlieren werde. Während ich kreischend bat, man möge mich von dem Dämon erlösen, sprang mein Freund mit einem Lachkrampfe auf und rief: „Ihr Götter, ich bin eine Locomotive!“ Und so benahm er sich auch Stunden lang seiner neuen Gestalt gemäß. Er paustete den Athem wie Dampf aus und drehte fortwährend die Arme, wie die Kurbeln an den Maschinenrudern, indem er stets im Zimmer umherlief. Nach Mitternacht stellten sich die schrecklichsten Wirkungen der sechsfachen Dosis ein. Das Blut tobte mir und quoll aus den Ohren. Ich litt in entsetzlichster Todesqual. Der letzte Rest des Willens, gegen den Wahnsinn zu kämpfen, schwand und ich warf mich voller Verzweiflung auf’s Bette. Einwohner der Stadt, die uns bewacht hatten, erzählten uns später, daß unsere Seligkeit fünf Stunden gedauert und ich sechs Mal mehr genommen, als zum Lachen gehöre. Man hat nämlich Dosen „zum Lachen“ und Dosen „zum Schlafen“. Nur durch Reisen und Bader konnte ich langsam mein zerrüttetes Nervensystem wieder herstellen. Die „Locomotive“ befindet sich auch wohl. Ein Engländer, der auch mit uns experimentirte, hatte sich von dem Augenblicke an, als er die Wirkungen spürte, fest in seinem Zimmer verschlossen und dem Diener einen Eid abgenommen, nie zu verrathen, was er für Visionen gehabt. Ganz John Bullisch. Wahrscheinlich hat er ungeheure Plum-Buddings, riesige Rostbeefs und Säcke voll Geld gesehen.“ – Dieser penetranteste, alle Tiefen den Nervenlebens und der Phantasie-Plastik aufrufende Pflanzensaft mag in den Händen des Arztes noch einer schönern Mission fähig sein, als bisher im Oriente. Vorsicht, Erfahrung und Wissenschaft können ihn zu einem Heilande gegen die schwersten, schmerzhaftesten Krankheiten erheben, in welchen oft das viel schwerere und angreifendere Opium gegeben wird.




Fürst Blücher und die gelehrten Kriegsgefangenen. Vor dem Einmarsche der alliirten Truppen in Paris, 1815, war das Hauptquartier des Fürsten Blücher nach St. Cloud verlegt, und das eigentliche Hauptquartier hatte das prachtvolle und geräumige kaiserliche Lustschloß in Besitz genommen, während die Truppen die Stadt im eigentlichsten Sinne überfüllten, so daß außer den Lieferungspassionen selbst für Geld kaum etwas zum Essen zu bekommen war.

In der kaiserlichen Bibliothek, welche die besondere Aufmerksamkeit der Offiziere des Generalstabs erweckte, fanden dieselben mehrere sehr kostbare und zum Theil höchst seltene Werke, die sie sich zuzueignen wünschten, ohne dies jedoch zu wagen. Einer von ihnen aber faßte sich ein Herz, und theilte dem Fürsten seinen und seiner Kameraden Wunsch mit.

„Bücher?“ sagte Blücher auf seine gewohnte derbe Weise; „Sie stehen in Reihe und Glied und sind also Kriegsgefangene.“

Der Wink ging nicht verloren und viele Kriegsgefangene wurden zu ewiger Gefangenschaft abgeführt, ohne daß jemals an ihre Auswechselung oder Freigebung gedacht worden ist.