Die Gartenlaube (1856)/Heft 8

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1856
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[101]

Frage.[1]

Was ist das für ein Herz, das immer blutet,
Und doch so oft vom Glücke überflutet,
Hier zwischen Furcht und Hoffnung ewig schwankt?
Was rastlos abmüht sich in tausend Plänen,
Abwechselnd unter Beten, unter Thränen
Dem Himmel seine reinsten Freuden dankt!?

In welcher Brust schlägt wohl das Herz, das eine,
Was keine Hoffnung kennt auf Erden, keine,
Die’s nicht für eine zweite Seele hegt?
O, such’s nicht in der Braut am Hochaltare,
Nicht bei dem Jüngling im gelockten Haare,
Auch nicht im Greis, den müd’ die Erde trägt!

Das Herz, von dem ich als das Größte spreche,
Das ein Gemisch von Riesenkraft und Schwäche,
Ein Labyrinth von Seligkeit und Schmerz,
Ein Sorgenmeer, zugleich ein Meer der Wonne,
Wo’s heute Nacht, wo’s morgen lichte Sonne,
Es ist und bleibt allein – – das Mutterherz!!


Blind und doch sehend.
Von Elfried von Taura.
(Schluß.)

„Ich kann nicht, ich kann nicht!“ klagte er mit Thränen im Auge – „Verzeihen Sie mir – ich bin zu tief bewegt – ein andermal, wenn ich ruhiger bin.“ –

„O, es eilt ja nicht, Herr Doktor“ – sagte Clelia lächelnd, – „und Du hast so lange mit mir Geduld gehabt, lieb Väterchen – Du wirst sie auch noch länger haben.“

Der Greis zog sie an seine Brust. Rudolf stand verwirrt und beschämt da – er hätte mögen in die Erde sinken. Doch Widerhold sprach: „Beruhigen Sie sich, Doktor – ich kann mir denken, wie einem Mann von Gefühl bei einem solchen Unternehmen zu Muthe sein muß.“

Der Sprecher wurde unterbrochen, indem die Haushälterin meldete, daß ein Gefangener ihn zu sprechen begehre. Als sich Rudolf mit Clelia allein sah, stürzte er vor ihr nieder.

„Clelia,“ flehte er, „verzeihen Sie mir diese Täuschung, und stellen Sie mich nicht jenem Charlatan an die Seite!“

Da beugte sie sich zu ihm und bat um seine Hand. Und als er sie ihr gereicht und unter ihrem Drucke erglühen fühlte, da entquoll seinen Lippen das Geständniß des eigentlichen Grundes seiner augenblicklichen Unfähigkeit – seiner heißen Liebe. Da erzitterte die liebliche Gestalt, da sank sie fast bewußtlos in seine Arme und zwei unentweihete Lippenpaare fanden sich im keuschen Verlobungskuß. Da sah das blinde Mädchen den Himmel offen und sich mitten darin; da wurde dem Gefangenen der Kerker zum Paradies und er pries Gott, der seine wunderbare Liebe in das dunkle Erdenleben sandte, und ihr Macht gab, selbst in die schauerlichsten Finsternisse zu dringen und sie zu verklären.

Wie Clelia geahnt, rächte sich der Däne für die ihm widerfahrene Schmach dadurch, daß er der Polizei die Identität des Kapitain Gildenstern mit dem Flüchtling Eduard Widerhold verrieth. Aber als die Polizei ihn im Hafen suchte, hatte er schon die offene See gewonnen. Nun wurde Vater Widerhold zur Verantwortung [102] gezogen. Er gestand jene Identität ohne Weiteres zu und wollte erwarten, was die höchste Staatsbehörde über einen Vater beschließen würde, welcher der Stimme der Natur gehorsam gewesen.

V.
Die Verurtheilung.

Ein halbes Jahr der Untersuchung war verflossen. Da kam aus England die gerichtliche Aussage des Käufers von Adolf’s Bild, wodurch sich dessen Antheil an dem Proceß so weit erledigte, daß der Untersuchungsrichter ihn auf Handgelöbniß entlassen zu können glaubte. Als sich der so lange um sein Liebesglück betrogene Künstler auf freiem Fuße befand, war sein Erstes nicht etwa, daß er in die Arme der bekümmerten Braut eilte, sondern daß er für die Rettung des Freundes Sorge trug. Er verband sich mit einem geschickten Advokaten, der Rudolf’s Vertheidigung übernehmen und Alles aufbieten sollte, den wahren Mörder zu entdecken. Dann erst suchte er sein eigenes Glück, an dem es dem heitern und biedern Künstler in den Armen einer seiner würdigen Geliebten nicht fehlte.

Endlich waren die Akten zum Spruche reif oder vielmehr überreif. Der Untersuchungsrichter verschickte sie mit dem Bewußtsein, dem hohen Gerichtshof durch ein Meisterstück der Inquisitionskunst Respekt einzuflößen. Nicht als ob er ein malignanter Mensch gewesen wäre, etwa eine Art Jeffrey’s greuelhaften Andenkens; im Gegentheil, er war ein zärtlicher Gatte und Vater, ein Freund der Nothleidenden — aber ein Fanatiker des Rechtes — „der römische Rechtszopf hängt ihm armstark hinten,“ sagte Adolf von ihm, „und hält ihn auf dem Tretrade der Paragraphentreterei fest.“

„Also Du glaubst in der That, unser Doktor könne verurtheilt werden?“ fragte Clelia ihren Vater am Tage, als die Akten an das Obergericht abgegangen waren.

„Nach dem Stande der Akten,“ erwiederte der Gefängnißverwaltet traurig, „ist daran nicht zu zweifeln. Wir müssen uns darauf gefaßt machen, den armen guten Menschen bald an einen schaurigeren Ort abzugeben, als dieser ist.“

Clelia preßte die Hand krampfhaft auf den Busen. — „O, warum mußte Eduard sich von dem Dänen blenden lassen !“ sagte sie halblaut. Da wurde die Thorklingel gezogen. Bald darauf meldete die Haushälterin, der Maler Walter begehre Einlaß. „Den sendet Gott!“ rief Clelia, ihre Hände faltend. Ihr Vater beachtete den Ausruf nicht weiter und ging, den Gemeldeten selbst einzulassen.

Adolf hatte während seiner Gefangenschaft das Mißtrauen des Greises überwunden. Er brachte einige Erfrischungen für den gefangenen Freund, und hoffte jetzt nach geschlossener Untersuchung zu ihm gelassen zu werden. Vater Widerhold hatte kein Bedenken mehr dagegen. Er führte ihn zu Rudolf. Kaum war Clelia allein, als sie auf ihre Knie sank und Gott dankte, daß er sie, wenn auch leiblich erblinden lassen, doch nicht mit Geistes- und Herzensblindheit geschlagen, und daß er sie in der Zeit der höchsten Gefahr den Weg der Rettung, den sie durch des Dänen Verrath schon für versperrt gehalten, eben so klar erkennen lassen, als einst die Unschuld und den hohen Werth des Geliebten.

Wie ihr Vater mit dem Maler zu ihr zurückkehrte, zog sie ersteren auf die Seite und bat ihn, sie malen zu lassen. Er sah sie verwundert an.

„Wie kommt Dir dieser Einfall?“ fragte er.

„Da Eduard mich nun wohl so bald nicht wieder sehen darf, so soll er wenigstens mein Bild haben,“ erwiederte sie erröthend.

„Wollen Sie meine Tochter jetzt noch malen?“ fragte der Greis den Künstler, und dieser sagte mit Freuden zu.

Schon den andern Tag begann er sein Werk. Arglos ließ der Greis ihn mit dem holden Kinde allein. Und kaum wußte Clelia dies, als sie den Maler in seiner Arbeit unterbrach.

„Ich muß vor allen Dingen über einen Gegenstand mit Ihnen reden, der Ihnen gewiß eben so am Herzen liegt wie mir.“

„Ich bin ganz Ohr,“ versicherte Adolf.

„Helfen Sie mir Ihren Freund retten!“

„Dies zu können, ist mein eifrigster Wunsch, und ich habe schon nach Kräften daran gearbeitet.“

Clelia’s Antlitz verklärte ein freudiges Lächeln. Adolf erzählte ihr, was er bis jetzt gethan. Freilich hätten die Nachforschungen des Advokaten noch zu keinem Resultat geführt — aber er hoffe, Gott werde sie mit Erfolg krönen.

Clelia schüttelte getäuscht das Köpfchen. „Das ist mir zu ungewiß,“ sagte sie, „ich habe ein anderes Mittel gefunden, unsern Freund zu retten. Aber dazu bedarf ich Ihrer Hülfe. Würden Sie sich zu einer Reise nach Norwegen entschließen, wenn ich Ihnen die nöthigen Mittel dazu gäbe?“

Adolf erklärte sich bereit, für Rudolf an den Nordpol zu reisen. Clelia stand auf, ging an ihre Toilette und nahm ein kleines Etui heraus. Es war dem Maler ein rührender Anblick, das holde blinde Geschöpf sich so sicher zurechtfinden zu sehen. Sich wieder setzend sagte sie:

„Ich habe in Drontheim einen Bruder, wie Sie wohl schon wissen, einen Rheder und hochherzigen Seemann. Da ich Ursache habe, einer Sendung an ihn durch die Post zu mißtrauen, so sollen Sie mein Courier sein, und meine schriftliche Bitte an ihn durch Ihre Beredtsamkeit unterstützen. Ein zuverlässiger Schiffer von ihm soll mit einem Dampfer hier im Hafen sein, wenn des Doktors Urtheil ankommt. Leider darf er nicht selbst kommen. Damit wir den ungefähren Zeitpunkt erfahren, soll der Vertheidiger unsers Schützlings Erkundigung darüber einziehen, es koste, was es wolle. Hier, nehmen Sie diesen Schmuck und versilbern ihn — wenn Sie zu dem Allen bereit sind.“ —

„Seelengröße, dein Name ist Weib!“ rief Rudolf begeistert. „Ja, liebes Fräulein, ich bin zu Allem bereit, was Sie wünschen — aber behalten Sie Ihren Schmuck.“

„Nein — wenn Sie mich nicht kränken wollen, so nehmen Sie ihn — ich besitze mehr dergleichen — und welchen Werth hat es denn für mich?“

Adolf konnte die Annahme nicht länger verweigern. „Ich werde Rechnung führen über die Verwendung dieses Darlehens, das ich darauf erhalte.“

„Aber Alles bleibt unser Geheimniß,“ sagte sie, „jetzt bitte ich Sie, in Ihrer Arbeit fortzufahren.“

Das Bild war in wenig Tagen vollendet. In der Zwischenzeit ließ Adolf die von Clelia gewünschte Erkundigung einziehen, und als dies geschehen war, machte er sich mit einem Briefe von ihr auf die Reise. In einem Nachbarhafen fand er gleich ein norwegisches Dampfboot, das ihn sehnell an’s Ziel brachte.

Schon vierzehn Tage lag das Dampfschiff „Norman“, Kapitain Lund, im Hafen, und die Hafenbeamten, Makler, Schiffer und andere Leute, die mit dem Schiffsverkehr zu thun hatten, zerbrachen sieh die Köpfe über den Zweck seines langen Verweilens, als ein anderes Ereigniß diese Seltsamkeit in den Hintergrund drängte. Der „Verwandtenmörder“, Doktor Grimm, war vom Obergericht „blos“ zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe statt zum Tode verurtheilt worden.

Mit großer moralischer Entrüstung wurde die Kunde von dieser Gelindigkeit der Justiz von dem Pöbel im Frack wie im Wamms aufgenommen; denn durch sie kam ja wieder ein Loch in das Gebäude der öffentlichen Ordnung und Sicherheit! Nur wenige wagten den „von der Noth Getriebenen“ zu beklagen, und blos die Armen, denen er unentgeltlieh Hülfe geleistet, zweifelten an seiner Schuld.

Rudolf selbst war aufs Tiefste erschüttert durch das ihm verkündete Urtheil. Er hatte es bis auf den letzten Augenblick für unmöglich gehalten, obgleich Vater Widerhold nicht unterließ, ihn darauf vorzubereiten. Vernichtet ging er in seinen Kerker zurück, und als die Thür hinter ihm geschlossen war, brach er laut weinend zusammen. Von welcher Höhe war er aber auch plötzlieh herabgestürzt! In was für rosigen Zukunftsträumen hatte er sich bis jetzt gewiegt! Wie hatte er die neugeschenkte Freiheit benutzen, mit welch’ neuem Muthe sich in’s Leben werfen, für seine Liebe Alles wagen, keck alle Hindernisse besiegen wollen, die sich seinem Glück entgegenstellten! Wie hatte er dieses Glück im Geiste schon voraus genossen, das unaussprechliche Glück an Clelia’s Seite! Und nun sollte er sein Leben in einem Zuchthause beschließen!

Aber wie er in Thränen zerfließend da lag, öffnete sieh die Klappe an seiner Thür, und eine Engelsstimme rief herein: „Weine nicht! verzweifle nicht!“ Es war Clelia, die eine augenblickliche Abwesenheit ihres Vaters benutzend zu ihm kam. Er erhob sich, sie streckte ihre Hand hinein, und er preßte sie unter Thränen an [103] seinen Mund. „Bau’ auf Gott und Dein Lieb!“ flüsterte sie. — „Weg hat er aller Wegen, an Mitteln fehlt’s ihm nicht, wie’s in dem schönen Liede heißt. Hoffentlich läßt der Vater Dich bald zu mir, dann musiciren wir zusammen. Inzwischen wird es Abend — und wer weiß, wie es morgen ist. Nur Muth, mein Freund!“

Dann entzog sie ihm die kleine zarte Hand, streichelte ihm die Wange und schlich sich wieder fort.

„O Gott — welch ein Engel!“ sagte Rudolf, als er wieder allein war. „Ja, ich will nicht verzweifeln — noch bleibt mir ja der Recurs — inzwischen kann meine Unschuld klar an den Tag kommen. Doch will ich nicht darauf pochen, ich will mich auf das Schlimmste gefaßt machen — will ihr in nächster Zeit noch ihr Augenlicht wiedergeben. Das Bewußtsein, diesem Engel die größte Wohlthat nach dem Leben erwiesen zu haben, wird mich Alles ertragen lassen. Ja — ich will jetzt nicht mehr zittern — der Gedanke, daß sie ohne mich vielleicht ihr Leben lang in dieser Nacht wandeln muß, wird mich fest machen — ich will sie operiren!“

Als er später mit Clelia musiciren durfte, flüsterte sie ihm in einem unbewachten Augenblicke zu: „Versprechen Sie mir, zwischen heut und morgen blindlings Alles zu thun, was ich von Ihnen verlange.“ Er wunderte sieh, gab aber das Versprechen, und die Musik nahm ihren Fortgang.

Er spielte und sang sich wieder Muth und Hoffnung in’s Herz, und mehr noch that dies Clelia’s Gesang und heitere Stimmung. Getröstet kehrte er in seine Zelle zurück und streckte sich auf sein Lager.

Es mochte etwa Mitternacht sein, da weckte den leise Schlummernden ein leichtes Geräusch. Seine Thür ging auf — Clelia, mit einem Licht versehen, unter einem Arm einen Pack tragend, kam herein. „Clelia — meine Clelia!“ rief er aufspringend. —- „Still!“ flüsterte sie; „zieh diese Sachen hier an — es ist eine Gensd’armenuniform — säume nicht! ich will inzwischen an der Treppe lauschen, ob Alles noch fest schläft“ —

„Aber Clelia —“

„Kein Aber —— Du gabst mir Dein Wort, heute blindlings zu thun, was ich von Dir verlangen würde“ — Und sie zog sich zurück.

Er legte die Gensd’armenkleidnng an, auch der Pallasch fehlte nicht. Als er fertig war, kehrte Clelia zurück. „Die Stiefel mußt Du ausziehen,“ sagte sie, an seinem Tritt hörend, daß er sie angezogen. „Nimm sie in die Hand und folge mir!“

„Ich soll fliehen?“ sagte er zaudernd, „und Dich und Deinen braven Vater in’s Unglück stürzen? Nimmermehr!“

„Ein Mann hält sein Wort,“ sagte sie; „Du wirst mich tödten, wenn Du die Rettung verschmähst. Ich überlebte es nicht, wenn sie Dich in’s Zuchthaus führten.“

Sie suchte seine Hand und zog ihn fort. Leise schlichen sie durch den Corridor, die Treppen hinab, durch die Hausflur — die Thür stand schon offen. „Nun Gott mit Dir!“ flüsterte sie, preßte seine Hand an ihre Lippen und drängte ihn hinaus. Draußen fühlte sich Rudolf von kräftigen Männerarmen gefaßt ——— es war Adolf, der ihn erwartete und, indeß Clelia die Hausthür innen verriegelte, den Freund mit sich fortriß. Das Hofthor war auf Clelia’s Veranstaltung nur angelehnt, ohne Gefährdung erreichten die Beiden den Hafen.

Am frühen Morgen wunderte sich Jedermann in der Nähe des Hafens, daß der „Norman“ verschwunden war.

Zur gewohnten Zeit weckte Clelia mit einem Kuß ihren Vater und meldete ihm, was sie gethan. Zugleich gestand sie ihm ihre erwiederte Liebe. Der Greis sagte ernst aber ruhig: „Was Gott thut, das ist wohl gethan! Freilich streckt er nicht die Hand aus den Wolken, wie ein Fabelgott, sondern gute Menschen sind seine Finger. Ueber meinen grauen Kopf wird es zwar nun hergehen — in Gottes Namen! er ist mit Ehren grau geworden — und Du, mein Kind, wirst nicht verlassen sein.“

„So hättest Du wohl selbst die Hand zu Rudolfs Rettung geboten, und ich that Unrecht, mein Vorhaben Dir zu verheimlichen?“

„Nein, mein Kind, meinen Diensteid hätte ich nimmer verletzt, der barmherzige Gott gab Dir dieses selbstständige Handeln ein. Ich hätte es müssen verhindern, wenn ich darum gewußt. — Jetzt will ich gleich meine Meldung machen — möglich, daß man mich nun für den Entflohenen einsperrt.“

„Das werden sie nicht! das dürfen sie nicht! Ich gehe mit Dir, und wenn eins von uns eingesperrt werden soll, so müssen sie es mit mir thun!“

Und nun entstand ein Wettstreit zwischen Vater und Kind, wer die Schuld der Entweichung Rudolfs auf sich nehmen dürfe; endlich verschaffte der Zufall Clelien den Sieg. Der Diener des Gerichtsvorstandes hatte in der Nacht einen Gensd’armen mit einer Civilperson aus dem Gefängniß kommen sehen und dies seinem aus dem Casino heimkehrenden Herrn mitgetheilt. Dieser kam nun in aller Frühe, sich zu erkundigen, wen der Gensd’arm mitten in der Nacht fortgebracht habe. Da trat Clelia rasch vor und berichtete mit fester Stimme, was sie gethan, aber ohne ihren Gehülfen zu nennen. Der Beamte war starr vor Staunen. Und der erhabene Muth, der aus dem ganzen Wesen der Blinden sprach, ihre wunderbare Schönheit und ihre fast prophetenhafte Verkündigung, daß Gott die Unschuld ihres Flüchtlings eines Tages an das Licht bringen werde — dies Alles wirkte so überwältigend auf den Mann des Gesetzes, daß er kein Wort des Zornes oder der Strenge über seine Lippen brachte, sondern nur eine Aeußerung des Bedauerns, sofort das gesetzliche Verfahren wider Vater und Tothter einleiten zu müssen. Dann forderte er dem ersteren die Schlüssel ab und übergab sie einem herbeigerufenen Officianten. Vater Widerhold war bis auf Weiteres seiner Amtsführung enthoben.

Zur Einkerkerung der beiden neuen Klagfälligen kam es nicht. Vater Widerhold’s Unschuld stellte sich bald heraus und was wollte man dem blinden Kinde thun? Man mochte wohl auch eine leise Ahnung haben, daß dasselbe klarer und richtiger gesehen, als die zum Theil durch vier Augen sehenden Richter. Dennoch wurde Vater Widerhold — hauptsächlich in Folge der Denunciation des Dänen — in Ruhestand versetzt. Das war kein Schlag für ihn; hätte er nur seine und seines Kindes Behaglichkeit im Auge gehabt, so wäre er längst abgegangen und zu seinem Sohne gezogen. Nur das höhere Pflichtgefühl, das Mitleid für die armen Gefangenen hatte ihn so lange auf seinem Posten festgehalten.

Von Rudolf wußte man bereits, daß er glücklich in Drontheim angekommen sei und dort bei einer Epidemie durch aufopferndes und erfolgreiches Wirken schnell die allgemeinste Anerkennung gewonnen habe. Der außer der Sphäre seines Berufes so schüchterne, ja zaghafte Mann hatte sich in ihr als Heros bewiesen. Clelia war namenlos glücklich über diese Nachricht. „Zu ihm! zu ihm!“ das war fortan ihre Losung, und ehe ein Monat nach der Pensionirung ihres Vaters verstrichen war, lichtete das Schiff, das sie dem Ziele ihrer Sehnsucht entgegentrug, die Anker.

Welch ein Wiedersehen war das in dem Hafen der norwegischen Seestadt! Und welche Tage der Wonne folgten ihm nach! Soll die Feder versuchen, ihrer auch nur einen den Lesern zu schildern? Für den, welchen treue Liebe beglückt, ist es überflüssig, und den Andern rathen wir besser: Gehet und liebet! — Jetzt schaut Clelia, Dank der Hand Rudolfs, mit den leiblichen Augen so klar und hell, wie mit den Augen ihres Gemüthes. Die Herrlichkeit Gottes in seiner wundervollen Schöpfung, die ehrwürdige Gestalt des greisen Vaters, das edle Bild des theuern Gatten, die lächelnden Engelsköpfe ihrer Kinder — es ist ihr Alles aufgegangen im heiligen Gotteslichte.

Es verging geraume Zeit, eh’ es den Bemühungen Adolf’s und des Vertheidigers von Rudolf gelang, den wahren Mörder von dessen Tante zu entdecken. Endlich fanden sie seine Spur und halfen den Dienern der Göttin mit den verbundenen Augen darauf. Aber die Spur leitete über das Meer und verlor sich in den Prairien Amerika’s. Indessen gaben die an’s Licht gebrachten Thatsachen dem Vertheidiger Mittel genug an die Hand, den Proceß umzustoßen, und mit Rudolfs Entbindung von der Instanz zugleich die Ausfolgung des reichen Nachlasses der Ermordeten zu bewirken. Es waren inzwischen vier Jahre verflossen — und in dieser Zeit hätte der empfindsame Rudolf im Zuchthause verderben können, wäre er nicht von Clelia’s innerem Auge in Zeiten erkannt und von ihrer Liebe gerettet worden. Ja, die Liebe! —

[104]
Der Kanal durch die Landenge von Suez.


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A. B. Der Hauptkanal von 370,000 Fuß Länge. – 1. Eingang in den Kanal mit Leuchtthurm des mittelländischen Meeres und Hafendämmen von 19,000 Fuß Länge. – 2. Aus- und Einlaßschleusen. – 3. Reservebassin und Ausweicheplatz. – 4. Tel el Omareïn oder Farannah (Ruinen des alten Pelusium) – 5. Schloß Tineh. – 6. See Menzaleh. – 7. Weg von Kanaan in Palästina nach Egypten (Kotarah oder Kasné-Brücke). – 8. Salieh. – 9. Das alte Cap Cassius (Ras Casserum). – 10. Katieh. – 11. Bir el Buri. – 12. Ruinen von Magdolum – 13. El Gisr. Spuren des alten Kanals, angeblich von König Necho angefangen. – 14. See Timsah, der zukünftige Binnenhafen. Zu Mosis Zeiten Grenze des rothen Meeres. – 15. Wohnung der Ingenieurs. – 16. Spuren des Serapeums, ein zu Ehren des Kanals vom Perserkönig Darius errichtetes Denkmal. – 17. Spuren und Mündung des alten Kanals mit Ruinen alter Bauten. – 18. Bassin des alten Golfs vom rothen Meere, jetzt „Bittersee“, trocken, obgleich 90 Fuß unter dem Meeresspiegel, mit Salzen und Muscheln bedeckt. – 19. Ein persisches Denkmal von Cambyses. – 20. Erstes Lager des Hrn. Lesseps während seiner Untersuchungsreise. – 21. Tel el Klesmeh (das alte Klysma der Ptolomäer.) – 22. Suez. – 23. Begräbnißplatz für Europäer. – 24. Hotel für ostindische Reisende. – 25. Reservebassin des rothen Meeres. – 26. Flutthore und Schleusen, um etwa 7 Fuß hoch über den Stand der Ebbe vermittelst der Flut des rothen Meeres Wasser zu halten. – 27. 28. Karavanenweg von Kairo nach dem Sinai, Medina und Mekka. – 29. Eingang in den Kanal von Suez, Leuchtthurm, Thore und Hafendämme von 10,000 Fuß Länge. – 30. Reservoir für das Nilwasser. – 31. Reservoir für das Regenwasser. - 32. Alte Reservoirs für das vom Berge Ataka fließende Wasser. – 33. Befestigungen und Brunnen von Hadscharut. – 34. Funfzehnte, d. h. letzte Station auf dem Wege von Kairo nach Suez. – 35. Deiche (Brunnen) von Suez. – 36. Weg nach Kairo. – 37. Dschebel (Berg) Ataka. - 38. Berg Avvebet. – 39. Berg Chebrevvet. – 40. Kalkberg Tieh. – 41. Frischwasserkanal, welcher den Hauptkanal über Tomilot mit dem Nil verbindet. Tomilot, das alte Jesse (oder Gessen) der Bibel, wo Joseph seinen Vater Jakob von Kanaan empfangen haben soll. – 42. Roz el Wadi (Thalmündung), in der Bibel Pithom. – 43. Tel Masruta, Spuren des alten Heroopolis der Ptolomäer. – 44. Tel Maffer, Soroth in der Bibel, erste Station der ausziehenden Kinder Israel unter Moses. Von den Arabern Omtihiam (Mutter der Zelte) genannt. – 45. Tel Naim. – 46. Das biblische Etham, zweite Station der Israeliten. – 47. Ruebent el Buze (Rohrbucht), in der Bibel Pilhariut. – 48. Grab des Sheik Enedeh. Baal Zephon. – 49. Bir Marra, d. h. Gruben der Bitterniß, in der Bibel: „Moro“, eine Station Mosis, wo ihm der Sage nach Gott eingab, das bittere Wasser süß zu machen. (Geschieht von den Arabern noch heute durch Hineinwerfen von Kaperfrüchten und Blättern einer Staude, Assaf genannt).


Zu den ersten kulturgeschichtlichen Schöpfungen, welche einst als Marksteine aus unserm Jahrhundert, wenn es längst begraben ist, hervorragen werden, gehören außer der Panama-Eisenbahn und dem damit zusammenhängenden neuen Leben im stillen Oceane, der jetzt eben in Patentirung begriffenen Entdeckung des Wassers als sonnengleichen und beinahe sonnengleich wohlfeilen Beleuchtungs- und Heizmaterials von einem Deutschen in London[2] u. s. w. auch der Untergang, d. h. die Neugeburt des Orients, der Türkei, die Aufschließung der verbarrikadirtesten Länder, China’s und Japans für die schwellenden Schleusen des Weltverkehrs und somit auch der jetzt in Angriff genommene Kanal von Suez. So himmelweit verschieden diese angedeuteten Thatsachen auch scheinen, haben sie doch alle einen gemeinschaftlichen Inhalt, ein und dasselbe Pathos: Befreiung und Erleuchtung unserer schönen Erdoberfläche für Verbindung [105] und Versöhnung aller Völker zu gemeinschaftlichen Interessen des Weltverkehrs und einer Kultur, die alle Nationen erleuchten, erwärmen, besser, humaner, reicher, glücklicher machen wird. Um hier die eine Form dieser kulturgeschichtlichen Schöpfungen genauer zu würdigen, bieten wir eine Totalansicht des Suez-Kanals von Oben, von einem Standpunkte, der uns die Wichtigkeit des Unternehmens sofort mit in den Gesichtskreis rückt, wenn wir uns deutlich machen, was unmittelbar damit zusammenhängt.

Die Landenge von Suez zerschneidet nämlich auf eine sehr hartnäckige Weise die „Brücke der Völker“ (wie Hegel das Meer nennt) gerade auf einem Wege, der mit jedem Tage wichtiger wird, indem diese Landenge die beiden größten Erdtheile, Asien und Afrika, zu verbinden scheint. Diese Verbindung scheint blos, weil sie auch blos eine Trennung ist, so daß die Kinder Israel, welche einst über diese Verbindung hinweg in ihr gelobtes Land auswanderten, vierzig Jahre brauchten, wozu höchstens zwei Jahre hingereicht haben würden, wenn die geographisch so erscheinende Verbindung nicht Hinderniß und Trennung gewesen wäre. Seitdem hat sich aber dieser „Verbindungsweg“ unter mehreren zusammenbrechenden Kulturen so bedeutend verschlechtert, daß nur geschlossene Karavanen unter den größten Strapazen mit großem Vorrath und großer Vorsicht über diese „Verbindung“ [106] hinwegkämpfen können. Doch ist die Landenge von Suez nicht als Verbindung zwischen Asien und Afrika, sondern als barbarische Mauer zwischen den völkerverbindenden Meeren ein Stein des Aergernisses geworden.

Man denke sich, wie in Europa fast in jeder Haushaltung täglich gegessen oder getrunken, mit etwas gewürzt und gekocht wird, was von Indien, von Borneo, Sumatra oder sonst Inseln kam, die uns alle möglichen Nüsse, Früchte und Delikatessen liefern, womit wir unsere täglichen Mahlzeiten würzen, schmackhafter und verdaulicher machen. Man denke sich die ungeheuern Massen europäischer Produkte und Waaren, die dafür als Zahlung nach Indien und die Menge großer und kleiner Inseln des indischen Oceans verschifft werden müssen. Und nun denke man sich die Hauptsache, daß alle diese Waaren und Produkte, blos wegen des winzigen Sand- und Landstreifchens der Suez-Landenge, den vieltausendmeiligen Umweg um ganz Afrika herum machen und den brennenden Aequator auf jeder Reise zweimal passiren müssen. Jeder und besonders Jede in Deutschland wissen, daß eine „gute Bohne“ und Mokka kein leerer Wahn ist. Auch der beste Kaffee, der verhältnißmäßig gar nicht zu weit von uns wächst, muß dieser Landenge wegen erst oft in gerade entgegengesetzter Richtung Tausende von Meilen weit schwimmen, statt uns direkt vom rothen und mittelländischen Meere her zuzufließen. Welch’ eine unabsehbare Welt von Hafenstädten und wimmelnden Fleißes lagert sich um das mittelländische und schwarze Meer herum, mit Eisenbahnarmen und Handelsstraßen bis in die Hauptstädte Europa’s! Diese müssen, um mit Arabien, Persien, Indien, dem großen polynesischen Welttheile, Australien, China u. s. w. zu verkehren, erst vier bis sechs Wochen lang in direkt entgegengesetzter Richtung, mit ihrem Ziele im Rücken, segeln, ehe sie nur den vieltausendmeiligen Umweg erreichen. An alle diesem unberechenbaren großen Zeit-, Geld- und Arbeitsverlust ist diese winzige Landenge von Suez Schuld. Sie ist mitschuldig des Todes und des Verfalls mittelländischer, arabischer und persischer Häfen und Völkerschaften. Die geöffnete Landenge wird direkt einem in die Millionen laufenden ersparten Zeit-, Geld- und Arbeitskapitale gleich sein und durch Beschleunigung einer neuen Kultur in der Türkei, um’s schwarze und mittelländische Meer herum außerdem neue Kapitalien schaffen, die bald Jeder täglich mit verzehren und mit genießen kann, sei es auch nur in einer Tasse Kaffee ohne Cichorien.

Daß die Engländer bei dem Unternehmen speciell ihren Verkehr mit Indien im Auge haben, ändert an der welthistorischen Bedeutung des Suez-Kanals nichts. Spekulationen, selbst politische und diplomatische, werden trotz blinden Eigennutzes und lichtscheuer Sonderinteressen immer mehr von der Gewalt der Verhältnisse, der überall hervorbrechenden menschlichen Interessen, gezwungen, der Geschichte, statt sich und ihren kleinen Hausdrachen, zu dienen.

London und Bombay (die nächste ostindisch-englische Hauptstadt) liegen auf dem jetzigen Meereswege 11,500 englische Meilen von einander. Dieser Weg wird durch den Suez-Kanal beinahe um die Hälfte, d. h. um 5300 Meilen kürzer. Fast dasselbe gilt von den nordamerikanischen Welthandelsstädten Von Newyork nach Bombay durch’s mittelländische Meer und die Landenge von Suez ist nicht viel über die Hälfte des jetzigen Weges. Wie durch solche Verkürzung der Wege und Verwohlfeilerung der Frachten der Austausch zwischen Völkern und so auf beiden Seiten der Wohlstand sich hebt, ist ein bekanntes nationalökonomisches Gesetz. England hat noch besondere militärische Vortheile. Waffen und Truppen können auf dem neuen Wege in drei Wochen von Malta nach Bombay, nach Madras und Ceylon in vier, nach Calcutta in fünf Wochen gebracht werden. Jetzt gehören fünf bis sechs Monate dazu. Holland zieht sein Java, Spanien seine Philippinen, Portugal seine chinesischen Stationen auf viele Hunderte geographische Meilen näher an sich. Die Produkte jener Länder kommen uns dann um eben so viel näher und wohlfeiler und in größerer Masse, wofür wir größere Massen von unsern Waaren mit Vortheil los werden. Oesterreich, das schon mit Bengalen in Handelsverbindung steht, (von Triest über Egypten) wird im Kanale von Suez eine neue belebende Hauptschlagader für das Herz seiner Industrie in Bewegung sehen und betheiligt sich deshalb auch mit besonderem Eifer an dem Unternehmen. Für die Luxus-Industrieen Frankreichs wird der Kanal ganz neue Märkte eröffnen.

Nach dem speciell ausgeführten Plane des Herrn Ferdinand de Lesseps wird die ganze Länge desselben 120 Kilometers, d. h. 120,000 Metres (ein Metre ist, ungefähr ausgedrückt, 11/2 Ellen). Die Weite und Breite ist auf 100, die Tiefe auf 8 Metres berechnet. Bei niedrigem Wasferstand siud die Spiegel der beiden zu verbindenden Meere von gleicher Höhe. Durch die Flut entsteht ein Unterschied von 5 bis 8 Fuß, der durch Schleusen und Flutthore regulirt und zum Vortheile des ganzen Unternehmens verwendet werden soll.

Die Landenge von Suez ist ein Thal, welches zwischen dem Winkel des mittelländischen und der Spitze des rothen Meeres, von beiden Erdtheilen, speciell Syrien auf der asiatischen und Egypten von der afrikanischen Seite her, mitten durch Hügel und Gestein hinläuft, ein Thal, durch welches die Natur schon seit Jahrtausenden die Menschen auffordern zu wollen schien, einen Kanal durchzugraben und so eine der wohlthätigsten Völkerbrücken zu bauen. —

So finden wir auch in Geschichtsbüchern, daß schon der fabelhafte König von Egypten, Sesostris, Jahrtausende vor Christi Geburt diese Aufforderung verstanden und er einen Kanal entweder entworfen, oder sogar unternommen habe. Spuren eines solchen alten Kanals sind auch noch zu entdecken. Mit dem Verfalle der alten egyptischen Kultur scheint er allmälig versandet und verwaschen worden zu sein. Neuerdings, eigentlich schon seit Napoleon in Egypten in ihm die große Barre zwischen Europa und Indien bezeichnete, hat man wiederholt von der Nothwendigkeit gesprochen und geschrieben, diese Barre zu brechen. Später entstanden bestimmte Projekte, die sich in ein französisches und ein englisches zuspitzten und in Kairo vor dem Vicekönig von Egypten intriguirten und stritten. Merkwürdiger Weise stritt das französische für einen Kanal, während die Engländer mit all’ ihrem Flottenstolz für eine Eisenbahn kämpften. Daß die Engländer mit ihrer hier besonders lächerlichen Eisenbahnschwärmerei durchfallen mußten, versteht sich eigentlich von selbst; aber dennoch konnten sie nur durch die bestimmte Entscheidung des Vicekönigs zum Schweigen gebracht werden. Wenn man 1000 Meilen Seeweg hat und will expreß dazwischen 20 Meilen Landweg machen, damit die Schiffe auf beiden Seiten löschen und Landwagen beladen und diese dann wieder Schiffe belasten sollen, so ist das gewiß ein kolossaler Unsinn. Die Engländer aber scbwärmten dafür und schmollen jetzt noch, daß der Vicekönig dem französischen Plane des M. de Lesseps, nämlich dem Kanale direct zwischen Pelusium am mittelländischen, und Suez am rothen Meere, seine Zustimmung und Autorität gegeben. Das Haupt-Bureau für die Ausführung ist jetzt nach Konstantinopel verlegt worden, wo überhaupt mitten unter den rauchenden und kreuzbeinig träumenden Türken, Engländer, Franzosen, Deutsche, Griechen, Juden u. s. w. alle Verhältnisse umkehren und neu beleben.

Die Breite der Landenge, also die Länge des Kanals, beträgt hier 90 englische, d. h. etwa 20 deutsche Meilen. Er soll für die größten Schiffe genügende Breite und Tiefe haben, mit großen weit in beide Meere über die sandigeu Seichten hinauslaufenden Vertiefungen und Dämmen und einem Hafen in der Mitte, wozu der Timsah-See ein natürliches Bassin bietet.

Mit einem Kapital von 6,400,000 Pfund Sterling (noch nicht die Hälfte dessen, was die einzige Eisenbahn zwischen London und York kostete) soll das ganze Werk binnen 6 Jahren vollendet sein. Alle Nationen sollen zu der Bau-Kompagnie Mitglieder stellen und diese unter der Direktion des Herrn von Lesseps stehen. Die Kompagnie ist Eigenthümer des Kanals auf 99 Jahre, worauf er Eigenthum des Herrschers von Egypten werden soll. (Das ist ein fauler Paragraph, welchen der Vicekönig von Egypten ungekocht und ohne Sauce aufessen sollte.) Außerdem verlangt dieser brave Vicekönig während der 99 Jahre auch noch 15 Procent vom Gewinne. Wo die Nationen bauen und bilden, da setzt sich der faule dicke Bursche hin und schreit: „Bakschis!“ Schiller sagt: „Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu thun.“ Jetzt muß es umgekehrt heißen: „Wenn die Kärrner bauen, haben die Könige zu leben.“

Es ist nur zu hoffen, daß das Kulturwerk der Nationen, welches der Vicekönig an beiden Seiten mit Forts zu versehen versprochen hat, einst diese Forts gegen den Steuererpresser richte und ihm rathe, sich sein Brot auf eine anständige Weise zu verdienen.

Alle Nationen sollen gleiche Rechte im Gebrauche des Kanals und gleiche Ehre haben, vom Vicekönig besteuert zu werden. Der [107] Kanal soll für 100,000 Pfund mit dem nächsten schiffbaren Arme des Nil in Verbindung kommen. Suez wird die jenseitige, Konstantinopel die diesseitige Verbindung durch feste, unabhängige Behörden controliren.

Die ganze Gegend ist Hunderte von Meilen weit todt und wüst, felsen- und sandbrennend, doch ungemein fruchtbar an stummen Zeugen alten Kulturlebens Sie war die Hauptstraße auf welcher die wahrscheinlich älteste menschliche Bildung von Egypten nach Asien und nach Griechenland auswanderte und zu weiterer Ausarbeitung überfloß.

Suez, das alte Berenice, ist jetzt die traurigste, seltsamste Stadt an einem Arme des rothen Meeres, ohne Wasser und ohne Spur von grüner Vegetation ringsum, ohne die nothwendigsten Lebensmittel, mit Ausnahme von Fischen. Manchmal wimmelt sie von Einwohnern, d. h. Karavanen-Reisenden, manchmal schleichen sich nur einzelne trübe Gestalten spärlich durch die Straßen.

Diese wenigen Einwohner wissen nichts von einem Garten, von einer Pflanze, einem Baume. In’s Unabsehbare ringsum nur Fels mit Sand bedeckt, heiß, hungrig, todt und tödtlich. Die vertrockneten Reste von Einwohnern leben nur von den Hülfsleistungem die sie den Karavanen gewähren, Karavanen, welche Lebensmittel von Kairo bringen und dafür Waaren eintauschen, welche einige kleine Fahrzeuge von Jidda über’s rothe Meer heranbringen. Für große Fahrzeuge wird erst der Weg gebahnt, ein Weg, auf dem sich Asien und Europa begegnen, ein Weg, an welchem die Kinder Israel schlafen, um jetzt die langen Wolken der Dampfschiffe über sich hinziehen zu lassen.




Gegen populär-medicinischen Buch-Charlatanismus.

Populär-medicinische Schriftchen haben in den allermeisten Fällen den Zweck, daß industrielle Heilkünstler sich selbst, ihre Kurmethode oder irgend ein Geheimmittel anzupreisen und leichtgläubigen Kranken, zumal wenn diese ihre Krankheit geheim halten wollen, dadurch Geld aus der Tasche zu escamotiren suchen, indem sie erst am Ende des Schriftchens erklären, es könne nur gegen Einsendung eines bestimmten Honorares der echte gute Rath oder das sichere Heilmittel gegeben werden. In vielen Fällen ist aber auch der Name des Verfassers ein rein erdichteter oder ein ertaufter und das Schriftchen ist nur eine gemeine Buchhändlerspeculation, um mit nichtsnutzigen Geheimmitteln Geld zu machen. Zur Anreizung der Kauflust erhält die Schrift, welcher gewöhnlich noch Zeugnisse, Danksagungen und Briefe angeblich Geheilter beigegeben sind, einen lockenden Titel (wie: „Die Lungenschwindsucht heilbar“; – „keine Hämorrhoiden mehr“; – „sicheres Mittel gegen Epilepsie“ u. s. w.) und wird in einer Menge von Journalen und Zeitschriften unter großen Lobpreisungen annoncirt; auch erlebt sie gewöhnlich schon nach kurzer Zeit mehrere neue Auflagen, wenigstens thut der Verleger so.

Schon aus dem Titel solcher Schriften, noch mehr aber aus den empfohlenen einseitigen Heilmethoden und Geheimmitteln kann Derjenige Argwohn gegen die Ehrlichkeit und Kenntnisse der Verfasser solcher Schriften schöpfen, welcher sich von reellen Männern der Wissenschaft sagen läßt, daß zuvörderst nur nach sehr genauer Untersuchung eines Patienten, niemals aber aus der Ferne, das Leiden desselben entdeckt und behandelt werden kann; daß ferner die meisten der auf dem Titel populär-medicinischer Schriften angegebenen Krankheitszustände (wie Hämorrhoiden, Verstopfung, Blindheit und Taubheit, Wassersucht, Krämpfe und Nervenleiden etc.) gar keine Krankheiten, sondern nur Krankheitserscheinungen sind, welche einer großen Anzahl und noch dazu sehr verschiedenartigen, oft sogar entgegengesetzten und ganz verschiedener Heilmittel benöthigten Krankheiten zukommen können; daß sodann noch kein einziges der in solchen Schriften empfohlenen Mittel der Wissenschaft unbekannt und als wirklich heilsam erfunden worden ist. Es sollte doch eigentlich jedem Verständigen von selbst einfallen, daß wirklich zum Wohle der leidenden Menschheit dienende Entdeckungen niemals von ehrenwerthen Menschen verheimlicht und ausgebeutet, sondern sofort veröffentlicht werden, und daß die briefliche Behandlung eines Kranken, den der Arzt nicht ganz genau untersucht hat, eine ganz unsichere sein muß, ja eigentlich ein Verbrechen von Seiten des Arztes genannt werden kann, weil dabei sehr leicht durch falsches Handeln großer Schaden an der Gesundheit anzurichten ist. Am meisten sind die sogen. verschämten Kranken vor einer solchen Behandlung par distance zu warnen, weil durch dieses Behandeln in’s Blaue hinein fürchterliches Unheil entstehen kann. – Lassen wir jetzt eine Anzahl solcher populär-medicinischer Schriften, deren Zweck weniger Belehrung als Geldmacherei ist, die Revue passiren.

Auf die verschämten Kranken haben es vorzugsweise folgende Schriften abgesehen: 1) Der persönliche Schutz, nach La Mert, 16. Auflage, bei Laurentius in Leipzig; empfiehlt nach Einsendung von 3 Thlr. unter andern Geheimmitteln auch eine nichtsnutzige, angeblich kräftigende Tinktur im Preise von 70 Gulden (s. Gartenlaube 1855. Nr. 47). – 2) Rettung vor Gefahr und Schande, von einem alten Arzte (Leipzig 1850, versiegelt, mit mehreren erbärmlichen Abbildungen), hat angeblich die Absicht an die Stelle des „persönlichen Schutzes“ zu treten, „dessen Uebersetzung dem Buchhandel wie der medicinischen Kunst zur gleich großen Schande gereicht“, fordert aber trotz dem die Leser auf, sich unter Einsendung von 2 Thlr. (also um 1 Thlr. billiger als beim persönlichen Schutze) an Hrn. Dr. S. pr. Adr. Gustav Arndt in Leipzig zu wenden. – 3) Curtis Buch. Die Quintessenz davon ist, daß man sich unter Einsendung von 7 Thlr. an den Verfasser wenden soll. – 4) Aerztlicher Rathgeber bei gewissen Krankheiten, von Dr. Albert in Paris (Aachen im versiegelten Umschlag); empfiehlt eine Schachtel armenischer Erde und eine Flasche sogen. Sarsaparillenweines. Jedes dieser Mittel kostet einen Speciesthaler. – 5) Albrecht’s Hülfsbuch u. s. w. 6. Aufl. Quedlinburg u. Leipzig, 1850. Ein mit schädlichen Recepten versehener Rathgeber, in welchem am Schlusse der Herausgeber (Amtschirurg Fr. Stahmann zu Nienburg) „von der Verlagshandlung aufgefordert“ anzeigt, daß er schamhaften Kranken auf portofreie Anfragen und gegen billige Vergütung schriftlichen Rath ertheilen wolle. – 6) Dr. Rosenberg’s Androgynik s. Aufl. (in das Französische und Ungarische übersetzt) und Dr. Sommerville’s Mannheit, angeblich in London gedruckt und in Rosenbergs Selbstverlag, aber bei Hrn. Otto Spamer in Leipzig zu bestellen und von Hrn. Moritz Alex. Schmidt im Spamer’schen Geschäfte gegen baar zu beziehen. Diese verwerflichen Schriften empfehlen mehrere Geheimmittel, von denen ein jedes 1 Louisd’or kostet, nämliche Schutzmittel, Regeneratifs und antisyphilit Tabletten. – 7) Crusius’s Noth- und Hülfsbüchlein, mit Empfehlung china- und eisenhaltiger Pillen, die Schachtel 1 Louisd’or. – 8) Die Stärkung durch bewährte Mittel, ein verklebtes, bei Naumburg in Leipzig erschienenes Schriftchen. Die bewährten Mittel sind rein diätetische, nämlich nahrhaftes Essen und Trinken. – 9) Dr. Jonathan Braun über Unvermögen etc., neu aufgelegt von Dr. Veit Meyer, einem homöopath. Arzte in Leipzig. In der Vorrede dieser Schrift, welche ein und dasselbe Uebel ebenso allopathisch wie homöopathisch kuriren lehrt, bemerkt Hr. Dr. Veit Meyer, daß er „eine große Anzahl von Patienten, die sich brieflich an ihn gewendet hätten, in kurzer Zeit geheilt habe. Gern werde er auch fernerhin bereit sein, den Kranken, welche noch seinen besondern ärztlichen Rath beanspruchen, denselben zu ertheilen.“

Im Otto Spamerschen Verlage zu Leipzig erschienen, abgesehen von dem Vertriebe der oben erwähnten Rosenberg’schen und Sommerville’schen Schrift, folgende: 1) L. Raudnitz „die Heilung der Brust- und Lungenübel“. Eine Empfehlung der Heilkräfte der Lieber’schen Gesundheitskräuter (d. h. herbae galeopsidis grandiflorae), von welchen das Pfund, welches nur einige Groschen werth ist, für 21/2 Thlr. verkauft wird. – 3) Dr. Jul. Lobethal in Breslau „Beweis, daß die Lungenschwindsucht heilbar ist“; nämlich durch die Essentia antiphthisica, von welcher die Flasche 3 Thlr. 5 Ngr. kostet. – 3) Ueber Dr. Hilton’s Nervenpillen, vom Sanitätsrathe Dr. Cernow; 10. Auflage, – 4) Dr. Feldberg: „die Taubheit [108] heilbar“; nämlich durch die Pinter’schen Ohrenpillen. – 5. Ueber Lang’s Reinigungspillen; Präservative und Heilmittel gegen alle Krankheiten aus verdorbenen Säften und Geblüte. – 6) Scheltz „der Darmkanal“ u. s. f.; empfiehlt die Strahl’schen Hauspillen. – 7) Chronische Nervenkrankheiten von Dr. Fleischer; mit Empfehlung der Hilton’schen Nervenpillen. – 8) Dr. Herrmanms Schutzmittel gegen Pollutionen; empfiehlt die Hilton’schen Nervenpillen und ein Instrument. – (NB. Ueber die Zusammensetzung der empfohlenen Geheimmittel s. Gartenlaube 1855. Nr. 47.)

Die Berendsohnsche Buchhandlung in Hamburg verlegte: 1) Dr. Francois St. Gervile „keine Hautkrankheiten mehr“; mit Empfehlung von Flechtenkapseln – 2) Dr. Pierre Cormenins „die Hämorrhoiden, das wahre Wesen und Heilung derselben“ (mit Antihämorrhoidal-Salbe von Laroze). – 3) Dr. B. West „die Schwindsucht heilbar“; durch neuentdecktes Mittel. – 4) Dr. Laroze „Nervenleidende! hört auf den Rath des in Behandlung der Nervenkrankheiten weltberühmten Arztes Dr. Laroze.“ Eine Empfehlung des Laroze’schen Syrups. – 5) Dr. Clement „die Heilung der Taubheit“; (mit Balsam und Gehörpillen). – 6) Dr. Magnus „Reiniget das Blut“ (durch Morison’sche Pillen). – 7) Das grüne Buch oder die verschwiegenen Krankheiten von Dr. Albert-Pouillet; (mit Empfehlung der Laroze’schen Copaivbalsamkapseln und einer blutreinigenden Pflanzenessenz).

Im Verlage von F. Jansen u. Comp. in Weimar erschienen: 1) Noth- und Hülfsbüchlein für Brustleidende von Dr. Höcker, prakt. Arzt zu Magdala; empfiehlt Dr. Kerry’s Brustthee und Brustsyrup (von ersterem kostet das Säckchen 1 Thlr., von letzterem die Kruke 2 Thlr.). – 2) Praktische Belehrungen für Nervenleidende, von Dr. Venus, Großh. Amtsphysicus; mit Empfehlung der spanischen Kloster-Essenz, von welcher die Flasche blos 1 Thlr. kostet, - „aber zum Beginn einer Kur können weniger als 6 Flaschen nicht wohl dienen“. – 3) Belehrungen über Gicht und Rheumatismus von Dr. Venus; mit Bezugnahme auf Stanley’s Gicht- und Rheumatismusleder (in Paketen zu 3 Thlr.). – 4) Heilmittel gegen Hautkrankheiten, von Dr. Schwabe, großh. sächs Amtsphysicus; empfiehlt das Kummerfeld’sche Waschwasser (die Flasche zu 2 Thlr. 5 Ngr.). – 5) Sichere Hülfe für Männer, von einem prakt. Arzte und großh. sächs Medicinalbeamten. Mit Empfehlung der Stanley’schen Kraftessenz (die Flasche zu 2 Louisd’or). – 6) Hülfe für Augenkranke von Dr. Händel, Arzte zu Neustadt; empfiehlt Dr. White’s Augenwasser (das Fläschchen zu 15 Gr.); „mit weniger als 4 Gläschen kann nicht angefangen werden“.

Die ergiebigsten Fabriken populär-medicinischer Schriften waren früher die Buchhandlungen von G. Basse und Ernst in Quedlinburg und C. F. Fürst in Nordhausen. Unter den verschiedensten Namen schrieb die meisten dieser Schriften derselbe Dr. phil. Carl Schöpfer, welcher jetzt die Erde stillstehen und die Sonne sich bewegen läßt.

Erblindung heilbar von A. J. Barth in Cassel. Nach schriftlicher Aufzeichnung eines Erblindeten, welcher von seinen Aerzten als unheilbar erklärt, aber nach Anwendung des Geranium robertianum wieder sehend wurde. Es ist dieses Schriftchen ein mit lateinischen und medicinischen Worten durchwebtes Romanchen, an dessen Ende folgender Rath gegeben wird: „man binde Storchschnabelkraut frisch in 3 oder 5 kleine Bündel, umgebe sie mit einem dünnen Leinwandlappen und lege sie so eingewickelt fest in den Nacken des Kranken. Sowie diese Bündel dürre geworden, werden sie abgenommen und in fließendes Wasser geworfen, dagegen 3 oder 5 frische aufgelegt und so fortgefahren.“ Dieses Mittel soll nicht blos viele Blinde wieder sehend gemacht, sondern außer Augen- auch noch Gehörkrankheiten, Flüsse und Nervenschwäche geheilt haben.

Dr. Strahl, königl. preuß. Sanitätsrath in Berlin, „über die wahren Ursachen der habituellen Leibesverstopfung und die zuverlässigsten Mittel, diese zu beseitigen“; 5te Aufl; Schröder’sche Buchhandl. Der Verf., welcher par correspondence sehr erfolgreich zu kuriren behauptet, jagt in dieser Schrift den Leuten, zumal den stuhlsüchtigen Hypochondristen, zuerst einen tüchtigen Schreck über die Nachtheile der Verstopfung ein, erklärt sodann als Ursache derselben eine Verengerung des Grimmdarmes in Folge eines Dickdarmstockschnupfens (partieller Auflockerung der Schleimhaut), sowie einer Verengerung durch Verwachsungen, und empfiehlt schließlich seine Haus-Pillen, von denen es 3 Gattungen giebt. Ueber diese Pillen, deren Debit Hr. St. nicht erlaubt worden ist, und über die Strahl’sche Verstopfung fällte das Medicinal-Ministerium in Berlin folgendes Gutachten: „Die von Herrn St. angegebene Ursache der habituellen Leibesverstopfung kann keineswegs als die allgemeine oder auch nur in den meisten Fällen dem Uebel zu Grunde liegende betrachtet werden. Daß dieselbe zu den mannigfaltigen Ursachen des genannten Uebels gehöre, sei den Aerzten bekannt und könne also von St. die Kenntniß derselben als seine Entdeckung nicht in Anspruch genommen werden, wie auch den von ihm als spezifisches Mittel gegen das Uebel bezeichneten Pillen diese Wirkung nicht zugeschrieben werden könne.“ Nach St. neuesten Erfahrungen haben seine Hauspillen auch die Fähigkeit, die Gallensecretion zu reguliren, die Verdauungsthätigkeit zu normalisiren und dadurch vor der Cholera (deren Wesen in Lähmung der Leber besteht) zu präserviren.

Franzbranntwein und Salz wird als Universalheilmittel bei allen äußeren und inneren Krankheiten in zwei Schriftchen angepriesen, von denen das eine den Titel führt: „Hülfe ohne Arzt“ von W. Lee; das andere (zugeklebte) soll von einem alten Schäfer in Schlesien stammen und ist betitelt: „höchst einfaches Universalmittel“ bei Erbe in Hoyerswerda, wo auch die Flasche dieser Salzlösung für 1 Thlr. zu haben ist.

Dr. Bastler’s Anleitung zur Verhütung und Heilung der Cholera, durch die Anwendung der Choleratinktur (das Fläschchen 1 Thlr.). Diese Tinktur besteht aus Wachholder-, Anis- und Cajebutöl, Zimmttinktur, Haller’sches Sauer und Hoffmann’sche Tropfen, und wirkt als heftiges Reizmittel sehr nachtheilig auf die Magenschleimhaut.

Ein Wort über Nervenleiden und ihre sichere Heilung, von Dr. Max Hoffmann; bei Matthes in Leipzig. Nach franco Einschickung eines Ducaten in Gold an die Buchhandlung erhält Patient eine Flasche mit Waschwasser, welches er Morgens und Abends mit der flachen Hand in das Kreuz und den Unterleib einreibt.

Die Kiesow’sche Lebensessenz in Augsburg (in Leipzig bei Gebr. Tecklenburg), von welcher die Flasche 1 Fl. 20 Kr. kostet, stellt nicht nur die verlorene Gesundheit wieder her (sie dient in allen äußern und innern Krankheiten), sondern verlängert auch das Leben.

Radicale Heilung der Brüche, von Krüsi–Altherr, prakt. Brucharzt in Gais; mittels eines zusammenziehenden Pflasters (zu 3 Gulden), welches, wie uns ein Patient schrieb, unter unausstehlichen Schmerzen und Vereitern der Haut gar nichts hilft.

Schließlich warne ich nun nochmals Jeden, dem seine Gesundheit lieb ist, sich nicht mit Geheimmitteln und von einem Arzte brieflich (par correspondence behandeln zu lassen, weil die Krankheiten, wenn sie überhaupt zu ergründen sind, stets erst nach sehr genauer Untersuchung des Patienten ergründet werden können und weil ganz ähnliche Krankheitserscheinungen den verschiedenartigsten Krankheiten zukommen können. So finden sich z. B. die Erscheinungen des Blutandranges nach dem Kopfe in ganz gleicher Weise auch bei Blutarmuth des Gehirns u. s. w. Nur ein gewissenloser Charlatan oder ein unwissender Heilkünstler kurirt ohne vorherige Untersuchung des Patienten aus der Ferne.
Bock 
[109]
Die Deutschen in Amerika.

Es war einmal ein reicher Mann in Italien, der haßte aber sehr die Deutschen. Deutsche kochten für ihn, musicirten für ihn, bauten und bildeten für ihn und wußten und machten Alles besser, als er selber und alle seine Freunde. Das war eben sein Aerger, zumal da sich die Andern noch mehr ärgerten und ihn aufhetzten. Nichtsdestoweniger behielt der reiche Mann, ein italienischer Fürst, seine Deutschen, nur daß sie bei jeder Gelegenheit geneckt, verhöhnt und der Dummheit und Anmaßung bezüchtigt wurden. Unter solchen Verhältnissen rückte einmal der Geburtstag des Fürsten heran, zu welchem großartige Vorbereitungen getroffen wurden, z. B. auch eine theatralische Vorstellung. Wie der Vorhang zu derselben aufgegangen war, sah man in einer schönen Gegend einen jungen Mann unter einem Baume lesen. Wie er nun so las, öffnete sich die Versenkung und der alte Consul Cicero, bekanntlich der beste Lateiner, stieg als Geist, aber sichtbar, hervor, um sich einmal das neue Rom zu besehen. Er erblickt den jungen Mann lesend.

„Entschuldige, civis, Bürger,“ sagt Cicero, „was ist das für ein merkwürdiges Ding da?“

„Ein Buch!“

„Ein Buch? Was ist das? Was sind das für Zeichen, für Blätter und wie hat man das Alles geschrieben?“

„O Cicero, Du weißt nichts von der Buchdruckerkunst?“ Und so setzt er ihm die Erfindung und den Mechanismus und den Segen der Buchdruckerkunst auseinander.

„Bei Minerva’s Eule,“ ruft Cicero aus, „das ist eine göttliche Erfindung! Die haben gewiß die Nachkommen unserer großen Republik die Söhne der alten Roma, gemacht?“

„O nein,“ sagt der junge Mann, „die Buchdruckerkunst ist von Deutschen erfunden worden.“

„Von Deutschen, Germanis, den Bärenhäutern, den roth-blonden Barbaren in den Wäldern?“ ruft Cicero, und fällt beinahe vor Schreck in Ohnmacht, denn inzwischen hat der junge Mann mit einer Pistole eine wilde Katze todt geschossen.

Cicero erholt sich und läßt sich die Pistole und das Schießpulver erklären. „Na, aber das Pulver haben doch meine Italiener gewiß erfunden?“ ruft Cicero.

„O nein,“ sagt der junge Mann, „die Italiener haben das Pulver nicht erfunden, sondern die Deutschen haben das Pulver erfunden.“

Da bricht die Rebellion im Publikum aus. Wüthende Italiener blitzen mit Augen und Dolchen gegen die Deutschen, welche sich eiligst durch die Flucht retten mußten. Das Stück mit einer langen Reihe anderer deutschen Erfindungen konnte nicht ausgespielt werden. Es ist also noch nicht zu Ende. Die Deutschen erfinden und kultiviren immer fort in aller Welt und bekommen Prügel dafür, im In- und Auslande.

Man sieht das so recht in Amerika, obgleich auch in England und Rußland, in Frankreich, in Ungarn, in der Türkei, mehr oder weniger überall, wohin Deutsche gedrungen sind, „nationale“ Parteien die deutschen Erfinder und Reformatoren bedrohen, verfolgen und gelegentlich aushauen. In Amerika ist die Sache aber am weitesten gekommen. Die Anglo-Amerikaner haben den Deutschen nicht nur den Krieg erklärt, sondern auch wirklichen Krieg gegen sie angefangen. Man hat namentlich in Ortschaften, wo die Deutschen nicht zusammenhalten und wohl gar Renegaten geworden, welche bekanntlich im umgekehrten Saulus-Paulus-Proceß immer die ärgsten Saulus’ gegen ihre ehemaligen Mitbrüder werden, deutsche Häuser und Köpfe demolirt, wobei Deutsche den nationalen Amerikanern friedlich zusehen und wohl gar stolz beteten: ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin, wie andere Deutsche, sondern ein Amerikaner.

So etwas konnte aber nur in New-York, der Kloake alles eingewanderten und einheimischen Auswurfs gelingen. Weiter im Lande, über dessen unabsehbare Flächen und Thäler über 5 Millionen Deutsche neue Herde und Häuser gebaut, wissen sie schon zusammenzuhalten und sich zu wehren. In unzähligen Gegenden, wo Deutsche sich zusammenfanden, hat ihre Sache bereits gesiegt, ist das deutsche Wesen in deutscher Sprache, deutschen Zeitschriften, deutschen Turn- und Gesangsvereinen, deutscher Boden- und Lebenskultur gerettet und gesichert. Zwar hat noch bei Abstimmung in einer Gemeinde, welche Sprache die herrschende sein sollte, Englisch oder Deutsch, ein Deutscher den Ausschlag für das Englische gegeben; aber solche Ausschläge Aussätziger sinken zu Kuriositäten und Abschreckungen herab. Gerade weit in den Westen hinein, bis Texas und Kalifornien, treten die Deutschen am entschiedensten, stolzesten organisirt in ihrem besten Wesen und Streben hervor. Deutsche Männer, die noch vor kurzer Zeit das alte Mutterland mit Stolz nannte, haben drüben mit solchem Erfolg den Germanismus zum Bewußtsein und zur Geltung gebracht, daß man zunächst die deutsche Sprache als vollkommen gesichert ansehen kann. Und mit der Sprache ist auch die Sache, das Wesen sicher. Jene Männer reis’ten als Missionäre des Germanismus unter den Deutschen umher und predigten von dem Grundsatze aus, daß wahre, schöpferische Kultur und Bildung ohne eine selbstständige Wurzelsprache nicht gedeihen könne und namentlich das Englische als abgeschabte Kombination und Korruption zweier ganz verschiedener Sprachen[3] der Massenbildung entschieden feindlich sei. Zum Gedeihen des deutschen Wesens in der Welt umher, in welcher es eine große Kulturmission durchzusehen hat, gehört die Sprache, die Literatur, die Musik und das Lied Deutschlands, vielleicht auch das deutsche Bier mit der bekannten Kneipen- und Räsonnirlust, vor Allem aber noch die deutsche gebildete Kraft und die häusliche Anmuth und Gemüthlichkeit, Kraft und Anmuth aber sind auch vollkommen gesichert durch das Turnwesen und das deutsche Weib. Weder die Engländer, noch weniger die Amerikaner in gebildeten Kreisen wissen, was ein Weib, eine Hausfrau ist. Sie finden nur „Ladys“, die sie heirathen können, um für sie Geld zu machen und sie zu Hause im Wiegelehnstuhle bei Romanlecture, Langeweile, Konditorwaaren und bratendem Feuer immer dünner und blasser und anspruchsvoller zu machen. Bei dem Amerikaner ist das Weib ganz aus der Mode gekommen. Er arbeitet mehr, als irgend ein Mann in der Welt, sieht gelber, schmutziger, magerer, gepantoffelter aus, als irgend ein Mann in der Welt und ist dabei weniger ein Mann als irgend ein Mann in der Welt. Das englische und zumeist das amerikanische Leben zu Hause ist nüchterner, kahler, kostspieliger, trostloser, steifer als irgend eine Häuslichkeit, weil das Weib darin fehlt. Sie haben Ladys im Parlour sitzen, so kostbar, daß man eine Glasglocke darüber stellen möchte. Bei nur einigem „Anstande“ kostet sie zweitausend Pfund oder 3–4000 Dollars jährlich, wobei sie alle andern Ausgaben verschleudert und vertheuert, weil ihr das wirthschaftliche Element aus-erzogen ward. Jeder kennt das alte, klassische Lied, welches so anfängt:

„Sechsmal Sechs ist Sechsunddreißig
Und der Mann ist noch so fleißig,
Und die Frau ist liederlich:
So geht Alles hinter sich.“´

Die Häuslichkeit mit einer liederlichen Frau ist beinahe eben so schlimm, wie Junggesellenwirthschaft, welche nach Sancho Pansa’s weisem Ausspruche bekanntlich auch dann nicht reich macht, wenn das Geld zum Dache hereinregnet.

Die gebildeten Frauen Englands und Amerika’s sind aber durchweg liederlich im wirthschaftlichen Sinne. Sie hat 4—6 Dienstboten, darunter einen „Fußmann“ mit wattirten Waden und Kniehosen, mit dem sie zuweilen aus Langeweile „durchgeht“. Sie censirt um 11 Uhr den Speisezettel, schimpft die Dienerinnen beim Ankleiden aus, läßt die Equipage vorfahren, verordnet in Läden die theuersten Luxusgegenstände auf Rechnung des Mannes, läßt sich in New-York ein gräfliches Wappen an die Kutsche malen, wiegt sich eine Zeit lang in einer Konditorei des breiten Weges (der Hauptstraße: „Broad way“, speis’t ohne Appetit und zieht sich um, Abendgesellschaft zu empfangen oder zu besuchen. Engländerinnen trinken dabei nicht selten in stillen Augenblicken „Gin“ oder sonstiges [110] schweres Geschütz, wodurch die schönsten Mädchen als Frauen bald Habitus und Ansehen eines versoffenen Dragoners bekommen.

Eine Wirthschaft mit einer „schlechten Wirthin“ ist doppelte Junggesellenwirthschaft: Die schlechte Wirthin ist auch eine schlechte Mutter. Man giebt in England und Amerika „anständiger“ Weise die Säuglinge AmMen und die Kinder in „Boarding-schools“, wörtlich: „bretterne Schulen“, Erziehungsanstalten, worin den Kindern Bretter vor den Kopf genagelt werden, Bretter der Koketterie, des Dünkels auf vornehme Geburt, des Vorurtheils gegen „Farbe“ und Armuth, worin — um das Schlimmste zu sagen — die Kinder mutterlos aufwachsen. Ich weiß nicht mehr, wie der geniale, aber liederliche Officier Napoleon’s hieß, der ihm viele Feldherrenpläne verdarb und manchmal wie ein Wilder haus’te. Einmal schwer angeklagt, entließ ihn Napoleon, von dem Ney und andere Generäle eine schwere Strafe für den schlechten Kerl verlangten, mit den Worten: „Was kann man von ihm verlangen, der ohne Mutter aufwuchs?“ — Die anständigen Kinder wachsen in Amerika und England mutterlos auf, die unanständigen ganz elternlos. Was wachsen unter diesen Umständen für Geschlechter auf? Jünglinge, die ihre Vatermörder spazieren führen, denen jeder Rock zu weit und jeder Gedanke zu schwer ist, Mädchen, die blos roth werden, wenn sie am Kaminfeuer braten, allenfalls noch, wenn man in ihrer Gegenwart deutsche Frauen und Mädchen lobt (aber nicht schön, sondern wuthroth). Sie liefern Rekruten für die Konditoreien und die — Geisterklopfer-Sekten, die jetzt in mehreren hundert Gemeinden und mehr als funfzig Zeitschriften ihr Wesen treiben und das Bischen gesunden Mutterwitz, der ohne Mutter geblieben, vollends verjagen. Ueber diese Geisterklopfersekten und Gemeinden „der freien Liebe“ ein andermal.

Die deutschen Familien mit ihren Frauen und Kindern, mit ihren gesellschaftlichen Turn-, Musik- und Gesangsfesten wirken unter diesen Amerikanern blos dadurch, daß sie unter ihnen leben, als Missionäre. In manchen Gegenden überwiegen sie bereits durch den Einfluß ihres Lebens und Arbeitens, im Allgemeinen herrscht aber jetzt die Furcht und der Haß gegen ihre Ueberlegenheit, gegen ihren mächtig hervortretenden Sieg in Industrie, Kunst, Wissenschaft, Fleiß, Geschicklichkeit und Production aller Art. Man will sie politisch ausschließen; wenn aber auch die Knownothings auf eine Zeit damit herrschen, die Deutschen sind sicher, und ihr Einfluß läßt sich nicht mehr absperren. Es ist nicht möglich, weil ihr deutsches Leben mit echter weiblicher Wirthschaftlichkeit und Kindererziehung beständig, allseitig materiell und moralisch wirkt und Propaganda macht, zumal in Gegenden, wo Landbau und Meierei den Genius der sorgsamen, wahrende, sparenden, ordnenden Hausfrau zur ersten Lebensbedingung erheben.

Was Frankreich unter allen politischen Umwälzungen und Gelderpressungen so unerschütterlich macht, daß die Leute sich nicht nur halten, sondern auch immer wieder emporkommen, daß sie mit einigen Sous auskommen, wo anderwärts Franks nicht hinreichen, das ist die wirthschaftliche, heitere, anspruchslose, in allen Unglücksfällen sich zärtlich erscheinende und stark sich erhebende Frau, die immer etwas von den unnachahmlichem graziösen Tugenden der pariser Grisette hat. Dieselbe Lebenskraft verdankt Deutschland seinen Frauen, obwohl diese im Durchschnitt nicht so anspruchslos, so leichtsinnig und – gewissenhaft sind, als die braunäugigen, kleinen Französinnen

Die Deutschen in Amerika haben unter manchen Entbehrungen, die nur das Land gewähren kann, wo unsere Wiege stand und wir Rothkelchen fingen, den Vorzug vor den Deutschen in Deutschland, daß sie die Kleinstaaterei verlernen und auch nicht nöthig haben, sich über Monarchie und Republik die Köpfe und Hälse zu zerbrechen, daß sie lernen müssen, sich in die politische Freiheit zu fügen, was ihnen aber meist am schwersten fällt, da sie gar zu sehr an Polizei und hohe Obrigkeit gewöhnt sind, welche wie höhere Wesen über allem Leben, Thun und Denken schweben soll. Dadurch gewinnen sie Zeit und Geist, das deutsche Wesen reiner, edler, ganzer aufzufassen und zu kultiviren, wie das im Mutterlande gestattet ist. Und so finden wir den Germanismus in Amerika besonders getragen und gepflegt in der Sprache, in der Presse, in gesellschaftlichen Vereinen und Freuden, besonders in Gesangs-, Musik- und Turnvereinen.

Hinter Cincinnati wurden die Deutschen einmal von regelmäßigem Militär angegriffen und beschossen. Sie schossen nicht wieder, sondern machten, etwa ein Fünftel an der Zahl des Feindes, den Turnlauf mit Lanze gegen die Colonnen feiger Schußwaffen und trieben diese wie Spreu auseinander. In Kalifornien und Texas sind es zum Theil diese Turner allein, welche ganzen Gegenden Sicherheit der Person und des Eigenthums gewähren.

Das Turn-, Musik- und Gesangs-Element wollen wir nicht weiter verfolgen, sondern blos die deutsche Presse in Amerika näher ansehen. Sobald in irgend einem Winkel Amerika’s sich so viele Deutsche zusammenfinden, daß die Möglichkeit eines Wochenblättchens auftaucht, findet sich auch eines schönen Morgens immer bald dieser Sprechsaal für die deutschen Interessen ein, worin Belehrung über das politische Parteileben Amerika’s auch bald Gestalt und Partei nimmt.

Und so dauert es nie lange, so findet sich auch ein zweites Blättchen, das Organ der andern Partei; denn daß zwei Deutsche schon in der Regel zwei Parteien bilden, ist eine alte Geschichte auch in der neuen Welt. Es ist eine Tugend des Deutschen, daß er gern auf eigenen Kopf besteht und auf eigenen Füßen geht, aber die Folge davon ist hier und drüben leider, daß er erst lernen muß, gegen gemeinsame Feinde sich einer Einheit unterzuordnen. In Deutschland besorgt ihm diese Tugend die Obrigkeit, in Amerika muß er sie selbst lernen. — Es existiren jetzt, nach der neuesten Abschätzung in Nordamerika mit Einschluß von Texas und Kalifornien, über zweihundert deutsche Zeitungen, Zeitschriften und Journale, darunter etwa zwanzig täglich erscheinende.

Während gegen den Auswanderungsstrom nach Amerika eine Reaktion entstand, so daß Tausende zurück auswanderten und die Zahl der neuen Ankömmlinge von 336,000 im Jahre 1854 voriges Jahr auf 136,000 sank, vermehrte sich die deutsche Presse 1855 um folgende Organe: „Anzeiger des Nordens“ in Rochester, Staat New-York; „Burlington Freie Presse“ in Burlington Iowa; „der chrisiliche Apologete“, orthodox; „die Gegenwart,“ New-York, radikal; „Hermann Volksblatt,“ Hermann; „Hudson-Zeitung,“ Hoboken bei New-York; „Iowa-Staatszeitung,“ Dubuque in Iowa; „Jefferson Demokrat,“ Jefferson, Pensylvanien; „der Lindenmüller,“ Lokalwitzblatt in New-York, von dem bekannten Lindenmüller aus Berlin; „der Lichtfreund,“ Buffalo, New-York, antikirchlich; „das Michigan-Journal,“ Detroit, Staat Michigan; „Milwaukie-Journal,“ Milwaukie, Wisconsin; „Minnesota deutsche Zeitung“, St. Paul, Minnesota; „National-Demokrat,“ Chicago, Illinois; „National-Zeitung,“ Philadelphia; „die neue Zeit,“ New-York; „Philadelphia Wochenblatt,“ „das Quincy-Journal,“ Ouinzy, Illinois; „Racine-Volksblatt“ Racine, Illinois; „Richmond-Anzeiger,“ Virginien; „Schul- und Jugendzeitung,“ Indianopolis, Indiana; „Syrakuse-Zeitung,“ Syrakuse, New-York, communistisch; „die Staaten Isländer,“ New-York, Stapelton; „St. Louiser Volksblatt,“ „St. Franzisko-Journal“ (auf einem Dampfschiffe gedruckt; „die Union,“ Galveston, Texas; „Unsere Flagge,“ Tiffin, Ohio; „Vorwärts,“ Galena, Illinois; „Washington Wochenblatt,“ „Cramford County Demokrat,“ Bucyrus, Ohio; „Port Washington-Zeitung,“ Wisconsin. Also 31 neue Blätter in einem Jahre, von denen nur fünf wieder eingegangen sind, darunter „der Lindenmüller,“ „der Lichtfreund“ und die communistische Syrakuse-Zeitung. Außerdem gingen noch acht ältere Zeitungen ein, aber blos verdrängt von bessern. Und Summa Summarum vermehrte sich die deutsche Presse in einem Jahre der geringsten Einwanderung und vielfacher Rückauswanderung doch um nicht weniger als achtzehn Organe. Darunter sind einige sehr respektable mit Original-Arbeiten über politische, wissenschaftliche, sociale, besonders naturwissenschaftliche Stoffe, obwohl die selbstständigen Arbeiten auch in den besten nicht zur Füllung hinreichen, da sie fast alle sehr groß und spaltenreich sind. So müssen deutsche Blätter, wie „Magazin für die Literatur des Auslandes“, „Ausland“, „die Gartenlaube“, „die Natur“ u. s. w. und selbst deutsche Romane herhalten, um den Mangel an Originalartikeln zu ersehen. Viele ältere Zeitungen haben sich vergrößert und verbessert, besonders durch fleißige Bearbeitung der bis jetzt in Zeitungen sehr kümmerlich behandelten naturwissenschaftlichen Materialien. Auch Erziehung und Schule, die gemeinsamen Interessen der Sprache, des Turnens, der Festlichkeiten, politischer Haltungen der jetzigen Krisis gegenüber treten im Ganzen nobel, gesund und kräftig auf. Besonders tüchtig und sehr wirksam erweisen sich das St. Franzisko-Journal, redigirt von Rühl, „die neue Zeit“ unter Redaktion des Dr. Löwe aus Kalbe, „der National-Demokrat“ in Chicago, „die Union“ in Texas und die „Minnesota deutsche Zeitung.“ Von ältern Blättern [111] reformirten sich mehrere durch Redaktionswechsel, „der Philadelphia-Demokrat“ durch Dr. Kellner, die „Illinois-Staatszeitung“ durch Dr. Hillgärtner, „die freien Blätter“ in Albany durch Otto, genannt Reventlow, „die freie Presse“ durch den Redakteur des „Corsar“, H. L. Wittig, „die deutschen Monatshefte“ von Kolatschek bekamen im Verlage von P. Bernhards in New-York neues Leben. P. Bernhard setzt auch die 33 Bände von Meyer’s „Universum“ und Meyer’s „Volksbibliothek“ (60 Bände) fort. Deutsche Klassiker und Bücher erscheinen fuderweise in prächtigen, spottwohlfeilen Nachdrucken, z. B. Heine’s sämmtliche Schriften, die bei Campe etwa 50 Thaler kosten, vollständiger als bei Campe für 7 Thaler. Schäfer und Konradi in Philadelphia bringen eine „Illustrirte Jugend- und Hausbibliothek“ in 12 Bänden mit 1700 Abbildungen.

Von Buch- und Kunsthandlungen, musikalischen und Tanzinstituten, gymnastischen Turn- und Fechtschulen, deutschen Apotheken, Gasthöfen und Kneipen ließe sich manches Interessante und Ueberraschende sagen, sogar blos statistisch. Denn New-York mit seinen 1500 deutschen Bier- und Frühstücksstuben, worin man bis Nachts ein Uhr fortwährend frühstückt, steht durchaus nicht allein so deutsch illustrirt da. Um Philadelphia herum sieht’s noch viel deutscher aus. Und Cincinnati ist bis auf 10—20 Meilen in’s Land hinein fast ausschließlich deutscher Ackerbau, deutsche Schweinezucht, deutsche Weinkultur mit Oelgemälden und Fortepiano’s in deutschen Bauerstuben.

Ich erwähne nur noch, daß es in den vereinigten Staaten von Nordamerika 215 deutsche Gasthöfe erster Klasse giebt, in Boston 8, in Buffalo 5, in Chicago 6, Detroit 4, in Freeport 6, in Galena 8, Louisville 13, Memphis 5, in New-York 12, in Sacramento (Kalifornien) 8, in St. Franzisko 12. Von den industriellen und Bildungsinstitutionen, in welchen die Deutschen theils schon herrschen, theils überwiegenden Einfluß haben, giebt es noch keine genau statistisch gesammelten Thatsachen, da sich die deutsche Wirksamkeit gerade hier am weitesten verbreitet und bis in unerforschte Urwälder verliert.

In Amerika wird das Germanenthum seine Mission am ersten erfüllen, weil es hier die meisten Vertreter und Streiter findet. Diese Mission erfüllt sich ohne Aufsehen, sicher, ununterbrochen durch bloßes deutsches Leben, Arbeiten, Produciren, Essen und Trinken, Wirthschafte, Turnen und Tanzen, durch gedrucktes, gesungenes und gesprochenes Wort. Diese Art der Wirksamkeit ist unscheinbar, unmerklich, unbesiegbar, nicht durch einzelne Anstrengungen und Siege, auf welche eine Niederlage folgen könnte, nein, sie bildet allmälig die wahre Kultursubstanz, welche immer nur dann substantiell war und siegend, erlösend über die Welt ging, insofern sie von Deutschland ausging, wie einst das Christenthum, der Feudalismus, die Buchdruckerkunst, das Schießpulver, das Spinnrad, die Dampfmaschine (eine ursprünglich nürnberger Erfindung), die Philosophie, die Naturwissenschaft, der Kosmos. Das Schaffen, Erfinden, Reformiren war der großen Menge immer unbequem. Früher verbrannte und mordete man deshalb nicht selten Heilande, um ihnen ein Jahrhundert später Denkmäler zu setzen. Im Ganzen ist aber die Welt jetzt so aufgeklärt, daß man deutsche Erfinder und Verbesserer im schlimmsten Falle durchprügelt, im Ganzen aber doch größtentheils blos schief ansieht und ihnen ihre Ideen abkauft, welche dann doch die Welt bewegen.




Blätter und Blüthen.

Eine Erinnerung an Schiller. Die Karlsschule in Stuttgart war zu ihrer Zeit bekanntlich eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Anstalten Deutschlands; ihr Ruhm wurde noch durch den Umstand vermehrt, daß einer der ersten Dichter der deutschen Nation in ihr seine Bildung erhielt. Freilich hat wohl nicht diese berühmte Lehranstalt Friedrich Schiller zu dem gemacht, was er geworden ist, wie denn überhaupt die Bildung dem Menschen das nicht geben kann, was er nicht schon der Anlage nach besitzt; allein die Bildung hat ihren Zweck vollständig erreicht, wenn sie die Anlagen und Fähigkeiten der Schüler richtig erkennt und dieselben vernünftig zu entwickeln sucht. Dieses Verdienst müssen wir ohne Zweifel der Karlsschule in Beziehung auf unsern Schiller zugestehen und dasselbe ist um so höher anzuschlagen, als im vorigen Jahrhundert noch die wunderlichsten Begriffe der Aufgabe und Zweck der Bildung herrschend waren.

Darum mögen auch die nachkommenden Geschlechter mit Dank und Verehrung des hohen Stifters der Karlsschule eingedenk sein; wäre aus ihr auch nur der einzige Schiller hervorgegangen, so hätte sie für mehrere Menschenalter, ja für mehrere Nationen das Verdienst, das Saatkorn zu einer segensreichen Frucht gepflegt zu haben, die nun die ganze Menschheit erntet. Aber die Karlsschule hat auch noch andere Geister zur Reife gebracht — die zwar nicht die universelle und geniale Bedeutung haben wie Schiller, allein immerhin in ihrer Lebensstellung eine hervorragende Stufe eingenommen haben: wir erinnern nur an den Professor und Hofmaler Viktor Heideloff, den berühmten Bildhauer Dannecker, den Obermedicinalrath von Hofen, Professor in Würzburg, Kapf, Minister des Innern in Stuttgart, den Dichter und Hofkupferstecher Schlotterbeck u. a. m. Das war eben das nicht genug zu würdigende Verdienst unserer Anstalt, daß sie zuerst den Menschen bildete und von diesem sichern und festen Kern aus den Keim der besondern Anlage und Berufsneigung mit Naturnothwendigkeit kräftig herausstrahlen ließ. Die Karlsschule hat der Kirche, der Schule, der Kunst, der Wissenschaft, der Politik, der Architektur, dem Militär u. s. w. ihre Jünger zugeführt: welchem Lebensberuf sie auch angehörten, er ruhte auf der breiten Unterlage eines tüchtigen Charakters, aus der erst die wahre humane Gesinnung erblühen kann. Es ist dies eine Methode der Erziehung, die in neuerer Zeit gewöhnlich nicht genug berücksichtigt wird. Man will heutzutage lieber mit dem Vielerlei des Wissens glänzen, als daß man sich in Dasjenige vertiefte, was allein noth thut.

Es war im Jahre 1828, als mehrere ehemalige Karlsschüler sich verabredeten, den Geburtstag des Stifters der Karlsschule, des Herzog Karl in dankbarer Weise zu begehen. Der Gedanke fand allgemeinen Beifall und der 11. Februar, an welchem Tage der Herzog Karl das Licht der Welt erblickte, wurde im Jahre 1828 von den Karlsschülern und ihren Söhnen zum ersten Mal festlich begangen. Damals waren die Feiernden noch eine zahlreiche muntere Schaar, und auch die folgenden Jahre, wo die Feier nun regelmäßig stattfand, war immer noch ein ansehnliches Häuflein vorhanden, das den bedeutungsvollen Erinnerungstag mit dankbarer Freude beging. Seither ist nun freilich wieder eine schöne Zeit vergangen; wie es in der Natur der Dinge liegt, ist inzwischen die Lebensuhr eines Manchen abgelaufen, der die Karlsschule noch besucht hatte, und bei den noch wenig Ueberlebenden weis’t der Zeiger auf die letzte Stunde. Schon seit mehreren Jahren ist die Zahl der festfeiernden Zöglinge sehr zusammengeschmolzen. Es sind zwar noch manche im In- und Auslande, und namentlich in Stuttgart selbst am Leben, obschon der Jüngste die Siebenzig überschritten hat; doch wird die Zahl derer, welche an der jährlichen Erinnerungsfeier theilnehmen, in steigender Progression eine geringere, weil Alter und Gebrechlichkeit nicht nur die Auswärtigen von der Reise, sondern auch die Hiesigen von der Betheiligung an einem festlichen Essen häufig abhalten. So waren es im verflossenen Jahre nur drei Karlszöglinge, welche den Geburtstag ihres großen Lehrers in der üblichen Weise begingen; den Söhnen, welche seit mehreren Jahren die größere Zahl der Gäste bilden, fehlt die lebendige Erinnerung, um in dem Jubel, mit welchem ihre Väter das Andenken an „Karl Herzog“ feiern, mit der gleichen Begeisterung einzustimmen. Der entschlafene Dichter Schlotterbeck, selbst Lehrer an der hohen Karlsschule, hat eine Flasche damals jungen 34er Weines gestiftet, damit sie der Letzte von ihnen leeren, und dabei aller vor ihm Heimgegangenen gedenken solle; die Flasche, wohl verzinnt, ist getreulich aufbewahrt worden. Da beschlossen bei der letzten Feier die drei alten Herren, das nächste Mal „die Flasche gemeinsam zu leeren, weil es doch für den letzten schmerzlich sein müsse, dies allein zu thun. Einer dieser Drei ist auch in den letzten Wochen geschieden; die beiden anderen aber hatten auch dies Jahr wieder alle noch lebenden Karlsschüler und ihre Söhne zur Feier des 129. Geburtsfestes des verewigten Herzogs Karl auf den 11. d. nach Stuttgart eingeladen.

Die diesjährige Feier war vor vielen andern eine ausgezeichnete. Das schöne Frühlingswetter, dessen wir uns schon seit mehreren Tagen erfreuen, begünstigte die Theilnahme, so daß gegen Erwarten das diesjährige Fest zahlreicher, als das letztiährige besucht war. Es waren fünf Karlszöglinge und dreizehn Söhne von solchen anwesend; das letzte Jahr, wie gesagt, nur drei Zöglinge und eilf Söhne von Zöglingen. Ein kordiales Mahl auf dem obern Museum bildete den Mittelpunkt des Festes, wobei manches Hoch und manches Gedicht auf den Stifter der hohen Karlsschule und deren Angehörige die ernste und heitere Stimmung erhöhte.

Bei dieser Gelegenheit stellte der bekannte Karl Heideloff, Sohn des Karlsschülers, ein kleines, aber ergreifende Wirkung ausübendes Aquarellbild, den berühmtesten Karlsschüler, Friedrich Schiller, darstellend, welcher seinen Kameraden sein dramatisches Erstlingswerk, die Räuber, vorträgt, aus. Da dieses Bild nach einer flüchtigen Skizze ausgeführt ist, welche der Vater Karl Heideloff’s, Augenzeuge einer Vorlesung, entworfen hat, so glauben wir einem größern Leserkreise einen willkommenen Dienst zu erweisen, wenn wir aus der schriftlichen Erklärung, welche Heideloff seinem Gemälde beigefügt hat, einen Auszug mittheilen. Derselbe ist kein unwesentlicher Beitrag zu Schiller’s Lebensgeschichte.

Es hatte in der Anstalt im Jahre 1778 eine epidemische Krankheit sich ausgebreitet, von welcher auch Schiller und seine Freunde und damaligen Studiengenossen Dannecker, Viktor Heideloff, von Hofen, Kapf und Schlotterbeck ergriffen wurden. Sie befanden sich zusammen in einem Krankenzimmer und waren, ungeachtet sie als Patienten und Reconvalescenten behandelt wurden, dennoch oder vielleicht gerade deshalb unter der strengsten disciplinären Aufsicht. Es war ihnen jede Anstrengung untersagt, so daß Schiller, der damals sich mit den „Räubern“ trug, öfters seine Gedanken unter der Bettdecke verstohlen mit Bleistist niederschreiben mußte. Ein Krankenwärter übte jedoch Nachsicht mit den jungen Leuten, so daß [112] es Schillern durch von Hofen’s Mitwirkung manchmal gelang, seine literarischen Erzeugnisse als medicinische Arbeiten aus dem Saale zu schmuggeln, welche Gelegenheit von Schiller fleißig benutzt wurde, um an dem Drama zu arbeiten, das alle seine Gedanken in Anspruch nahm. Er theilte hierbei seine Entwürfe den Zimmergenossen, namentlich Heideloff, an den er sich enger angeschlossen hatte, mit und holte deren Ansichten und Rathschläge ein. Allein solche ästhetische Konferenzen hatten bei der strengen Ueberwachtung immer etwas Dürftiges und Gefährliches, weshalb die Freunde beschlossen, die Gelegenheit des nächsten Spazierganges zu benutzen, um sich in freier Natur an ruhigem Orte das neue Trauerspiel zum Genuß und zur Kritik vordeklamiren zu lassen, wie Schiller gern zu thun pflegte. Der erste Spaziergang der Reconvalescenten ging in Begleitung des Hauptmanns und der andern Zöglinge am frühen Morgen eines schönen Sonntags des Mai 1778 über die Weinsteige in das Bopserwäldchen (bei Stuttgart). Hier sonderten sich die Freunde der getroffenen Verabredung gemäß und mit Konnivenz des Hauptmanns, von den Uebrigen ab und gingen tiefer in den Wald hinein. Dort lagerten sie sich, ihren Schiller umkreisend, der seine Stellung an einem der stärksten Fichtenstämme auf dessen emporragenden Wurzeln genommen hatte; neben ihn, an demselben Baume postirte sich Schlotterbeck als nächster Zuhörer; auf dem Stamm eines gefällten Baumes daneben saß von Hofen, rechts auf dem Rasen Kapf, etwas zurück stand Heideloff und entfernter neben letzterem Dannecker. Nach Heidloff’s, von Hofen’s und Schlotterbeck’s Erzählung war Schiller’s Stimmung während des Vortrags eine sehr heitere; die auf einen Augenblick errungene Freiheit in der Einsamkeit des malerisch gelegenen Waldes, der einen Durchblick auf die Stiftskirche von Stuttgart gewährte, übte, nebst dem ungestörten Zusammensein mit seinen Freunden, einen sichtbar behaglichen Eindruck auf Schiller aus. Seine Deklamation war anfänglich eine ruhige. Als der aber zur Stelle der fünften Scene im vierten Akte gelangte, wo Karl Moor seinen todtgeglaubten Vater, der aus dem Thurme steigt, erkennt, und mit Entsetzen anredet, steigerte sich Schiller in dem Grade, daß seine Freunde, die bisher in gespannter Aufmerksamkeit ihm Auge und Ohr zugewendet hatten, duch den Ausbruch seines Affektes in Bestürzung geriethen, aber bald von dem überwältigenden Eindruck jener Scene hingerissen, in fast endlosen Beifallssturm übergingen. Diesen Moment der Begeisterung und Ekstase Schiller’s skizzirte Viktor Heideloff nach der Natur in sein Skizzenbuch, und der Sohn Heideloff’s hat diese Skizze nach 78 Jahren als ein Denkmal Schiller’s und des eigenen Vaters in dem bei dem 129sten Geburtsfeste des Herzogs Karl vorgestellten, der letzten Vollendung noch harrenden Gemälde ausgeführt.




Barnum’s Meisterstück. Barnum hat schon viele Wunder verrichtet, aber das größte von allen ist noch in Aussicht. Es besteht in nichts Geringerem, als in einer Fahrt der Niagarafall hinunter in einem eigens dazu vorgerichteten Fahrzeug. Dies Fahrzeug ist eine dreißig Fuß im Durchschnitt messende Kugel von Gutta Percha, welche innerlich durch starke Ringe von Stahl und Holz gestützt ist. Von vier Punkten dieser Ringe laufen massive Stränge von Gutta Percha aus, welche im Mittelpunkt an einen Panzer aus demselben Stoff befestigt sind. Dieser Panzer ist so beschaffen, daß sich ein Mensch in denselben festschnallen kann, so daß er, von den vier Strängen gehalten, gesichert in der Mitte der Kugel schwebt. An einer Seite, wohin das Fußende des Panzers sich richtet, ist die Kugel mit Blei beschwert, so daß sie, auf dem Wasser schwimmend, die Kopfseite nach oben kehrt. An dieser oberen Seite ist eine Oeffnung, welche die in der Kugel befindliche Person beliebig schließen und öffnen kann.

Die Kugel ist so stark, daß sie den Sturz der Fälle ohne Gefahr aushalten kann. Auch ist sie durch ihr Volumen ebenso vor dem Untersinken gesichert, wie die in den Panzer eingeschnallte Person vor der Erschütterung beim Falle. Sobald nach dem Fall die Kugel ihren Schwerpunkt gefunden, schnallt sich ihr Bewohner los, öffnet die Klappe und steigt mit der amerikanischen Fahne aus der Oeffnung heraus unter dem donnernden Applaus der 50–100,000 Zuschauer, die Barnum bei der ersten Produktion gegen einen Dollar Entree auf der nahe gelegenen Insel und dem kanadischen Ufer zu versammeln gedenkt.

Bei jeder Fahrt ist auf eine Netto-Einnahme von 20–30,000 Doll. zu rechnen, da aus allen Theilen der Union die Zuschauer nach den Niagarafällen strömen werden.

Barnum gedenkt, den ersten Versuch nächstens mit einem Hunde zu machen, der in den Panzer geschnallt wird. Kommt er unbeschädigt unten an, so wird für den nächsten Versuch ein Neger oder Irländer engagirt. Befindet auch dieser sich wohl, so übernimmt ein Yankee die erste, feierliche Fahrt.




Ein Schlangenbeschwörer. E. Linck erzählt in seinem kürzlich erschienenen Buche: „Die Schlangen Deutschlands“ folgenden Fall. Der rühmlich bekannte Naturforscher Lenz in Schnepfenthal machte sich an einem Sommertage des Jahres 1830 mit einigen jungen Freunden auf, um Schlangen zu suchen. Auf der Schwelle seines Hauses trat ein etwa vierzigjähriger Mann zu ihm, der sich ihm als Begleiter anbot: er sei der Schlangenbeschwörer Hörselmann. Der Name war dem Naturforscher bekannt, er hatte schon die mannigfachsten Dinge von ihm gehört. Hörselmann war wegen Betrugs und Meineids im Zuchthause gesessen und ernährte sich nun damit, daß er auf Jahrmärkten in den Wirthshäusern herumzog, die Taschen voll Ringelnattern und Blindschleichen, die er für giftige ausländische Schlangen ausgab, die zu zähmen seiner Kunst gelungen sei. Lenz ließ sich die Begleitung des Abenteurers auf der beabsichtigten Schlangenjagd gefallen. Dieser erzählte, er verdanke seine Kunst der Schlangenzähmung theils eigener Forschung, theils der Unterweisung eines italienischen Arztes, theils einem kostbaren, überaus seltenen Buche, in dessen Besitz er sei. Die Schlangenjagd blieb ohne Erfolg. Lenz kehrte nach Hause zurück. Hörselmann begleitete ihn dahin und wünschte die Schlangen zu sehen, die der Naturforscher in wohlverschlossenen Kisten aufbewahrte. Beim Anblick der Gefangenen ging dem Beschwörer Herz und Mund erst recht auf. Er that als habe er alte Bekannte vor sich, sprach auf das vertraulichste mit ihnen und rühmte sich seiner Macht mit ihnen. Endlich ließ er sich eine der Kisten öffnen. In dieser lagerten fünf Schlangen. Er faßte eine derselben, eine Kreuzotter, um die Mitte des Leibes und hob sie aus der Kiste. Die Schlange blieb theilnamlos und begnügte sich, das Schwanzende um den Arm des Verwegenen zu legen. Als er aber fortfuhr, mit ihr zu sprechen und traulich mit ihr zu thun, da begannen ihre Augen zu glühen und ihre Zunge zeigte sich in heftiger Bewegung. Erschrocken rief Lenz dem Beschwörer zu, das gefährliche Thier von sich zu werfen, aber dieser hatte in seiner Selbsttäuschung, in seinem Fanatismus den höchsten Gipfel erreicht, murmelte eine unsinnige Zauberformel und steckte plötzlich Kopf und Hals der Schlange in seinen Mund. Das entsetzliche Schauspiel dauerte nur einen Augenblick. Der Gaukler riß plötzlich die Schlange wieder heraus, sein Gesicht röthete sich, seine Augen glichen denen eines Rasenden, er spie wiederholt Blut aus und brach endlich, von Todesschauern erfaßt, in das Bekenntniß aus, daß seine Wissenschaft ihn betrogen habe. Die Schlange hatte den Unglücklichen weit hinten in die Zunge gebissen. Alle Hülfe war vergebens, nach einer Stunde war er eine Leiche. Von dem angeblichen Buche wurde in Hörselmann’s Nachlaß keine Spur vorgefunden.


Allgemeiner Briefkasten.
Eingesandte Gedichte.

L. P. in W. Wenn es nicht zugleich andere Bestimmung hätte! – Joh. F. in R. Trotz einzelner großen Schönheiten geht der Romanze die Verständlichkeit des Zusammenhanges ab, wie sie ein größeres Publikum verlangt. Weitere Produkte Ihrer sangvollen Muse, wenn sie jenem Mangel ausweichen, wären willkommen. – W. H. in B. Die guterfundene Aufschrift läßt viel erwarten. Leider daß das Sujet ein wenig trivial, der Held ein Narr und die Heldin gar zu bös ist. – Dr. W. in Mor. Respekt! Vielleicht bringen wir später eins der erzählenden unter den Gedichten. – Ad. Mlhn. in L. Wäre auch Ihr Name genannter: Ihre Gedichte blieben darum – von gleichem Werth. „Mehr Inhalt, weniger Form!“ Talent zu letzterer ist unverkennbar. – Fritz K. in G. Ihre Versuche sind ansprechend, doch nicht für größere Oeffentlichkeit. Ihre Muse zeigt sich empfindsam, aber etwas spießbürgerlich, bei allem Gemüth, aller reellen Gesinnung. – E. R. in B. Auch Sie zeigen in Ihren Versen mehr Charakter als Phantasie; man dichtet aber vielmehr mit dieser als mit jenem. – J. E. in H. Lyrik ohne Laune mundet heut wenig mehr; darum entsprächen Ihre Sänge auch unserm „Geschmack“, genügten sie doch nicht den Anforderungen unsers Publikums. – F. in Schl. „Luther in Worms“ hat keinen recht wirkungsvollen Ausgang, sonst könnte es schon zusagen; das Andere ist nicht neu in der Idee. – „Berichte über amerikanische Verhältnisse“, wenn Sie der Sache irgend neue Seiten abgewinnen, dürften erwünscht sein. – Al. M. in M. I. u. II. haben dürftigen Sinn und mangelhafte Diction. In der breit großen „Ballade“ steckt offenbar nichts als der verballhornte Tannhäuser" – F. B. poste rest. Wiesb. Stumpfer Weltschmerz, mattbeschwingte Andacht. – Chiffre B. L. Poststempel Carlsruhe. „Man bitte um einige Worte Kritik“ –  ? Die bei der Prüfung an den Rand gesetzten Ausrufzeichen erdrücken Ihr Manuscript. „Arm - Marie“ ist ein trauriger Abklatsch von Bürger’s hochtragischer Lenore. Hören Sie sich selber:

An den vollen schönen Busen
Drücket Wilhelm seine Stirn’,
Dabei mit dem kleinen Fingern
Kitzelt ihn die lose Dirn’! (Oho!)

Oder:

Guter Gott, ich bete selten (sic!
Drum erhöre mein Gebet (darum!)
Träufle Segen auf das Fleckchen (sehr gut!)
Wo das Alpenröschen steht. –

Auguste P. in H.. Wie alt sind Sie, m. Fr., wenn es nicht unbescheiden ist, zu fragen. Gewiß noch recht jung?Liv. F. hier. Brav! Fahren Sie fort so! Wir gedenken Ihre „Wahlstatt“ zu benutzen. – K. Ch. in S. Ihre kecke Mahnung hat uns nicht mißfallen, ertheilen Ihnen nur auf’s Neue die Antwort aus Nr. 15 v. Jahrg. Diesmal dürfte sie sich – respective – bewahrheiten. – Ferd. B. in Fr. Vielen könnte geholfen werden, wär’ es Einem möglich, Allen zu dienen. Ihre satyrischen Sächelchen sind zu weiterer Prüfung zurückgelegt, vielleicht daß eins davon zu gebrauchen ist. – E. W. M. in O. bei S. Sie werden direkte Antwort empfangen haben?


Aus der Fremde“ Nr. 8 enthält:

Ein toller Wolf. – Frau Ida Pfeifer auf der Insel Celebes. – Südamerikanische Reisebilder. (Zweiter Artikel). – Aus allen Reichen: Krieg zwischen England und den Vereinigten Staaten. – Weiteres über die Osseten, die Deutschen im Kaukasus. – Ein Quäker unter den Indianern.


  1. Das schöne Gedicht: An meine Mutter in Nr. 5 unseres Blattes hat viele Mutterherzen so mächtig angeregt und gerührt, daß uns von allen Seiten theils Worte des Dankes, theils Nachahmungen des Gedichts zugingen, die sämmtlich in schönen und minder guten Versen die überschwellenden Gefühle des Mutterherzens schildern. Von den vielen eingelaufenen Gaben lassen wir hier nur eine folgen, der man Wärme und Wahrheit des Gefühls nicht absprechen wird.
    D. Redakt.
  2. Ich habe es mehrmals brennen, mehrmals sonnengleich weiß leuchten sehen, selbst das pure Wasser auf die Lampe geschüttet und es in derselben Minute als Sonnenlicht sicher, beständig und ruhig – 11/2 Pfennig die Stunde – leuchten sehen, so daß ich zwanzig Schritt von einer silbergroschengroßen Flamme noch deutlich kleine Schrift lesen konnte; ich habe alle Aufregungen, die mit der Lösung dieses unberechenbar großen Problems sich verbanden, mit durchlebt und werde, sobald es die Verhältnisse des Erfinders gestatten, darüber genau berichten. Jetzt muß ich die Freude und Begeisterung darüber gewaltsam unterdrücken.
  3. In grammatischer Beziehung und für den praktischem prosaischen Gebrauch im Handel und Wandel mag das Englische die Vorzüge haben, die Grimm so emphatisch hervorhebt, aber als Organ der Bildung, des dichterischen, herzlichen, gemüthlichen Ausdrucks, der schönsten Schätze des menschlichen Herzens und Geistes, ist es eine klanglose Schelle, und für diese innersten und wesentlichsten Kulturelemente giebt es keine so reiche, tief treffende und malerisch ausdrucksvolle Sprache, als die deutsche.