Die Gartenlaube (1867)/Heft 3

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[33] No. 3.
1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.
Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen.     Vierteljährlich 15 Ngr.     Monatshefte à 5 Ngr.




Die Brautschau.
Ein Bild aus den oberbairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


„Der Tag fangt sich schon gut an, das muß ich sagen!“ rief Sylvester unwillig und stieg in der Erregung schneller bergan. Ein munteres Bergbächlein kam in schmaler grüner Rasenrinne ihm plaudernd entgegen; auf einer flachern Stelle bildete es eine kleine Wasseransammlung, in welcher gelbe Schmalzblumen ihre vollen goldenen Köpfe schaukelten und die Wasserlinse ihre grünen fetten Blattscheiben auseinander breitete. Dazwischen spazierte und hüpfte ein Paar langgeschweifter, schwarz- und weißgefleckter Vögel zierlich hin und wieder.

Es war ein Bachstelzen-Paar und der Volksglaube will, wer ein solches Paar spielend beisammen erblicke, dem sei es ein fröhlich vorbedeutend Zeichen, daß er binnen Jahr und Tag Hochzeit gemacht haben werde.

„Scht … scht …“ rief der Bursche und scheuchte die Vögel auf, „wollt ihr mir wohl aus dem Wege gehen, ihr Schelmen! Was versteht ihr davon, ob ich noch länger ein freies, lediges Leben führen darf oder mich einbandeln und einhäuseln lassen muß! Ist denn der ganze Wald, und was drinn’ ist, heut verkehrt, weil mich Alles an mein unglückseliges Schicksal mahnen muß, oder bin ich’s, daß mir die Gedanken keine Ruh’ lassen … ich will hinaufgeh’n auf mein’ Vogelheerd und nachschau’n, was sich g’fangen hat, das bringt mich auf andere Gedanken, und das hab ich ja nit verred’t, das heißt ja nit auf die Jagd gehen …“

Er wich vom ausgetretenen Waldpfad und schlug sich in’s Dickicht zur Seite. Freistehend, wie eine vorgeschobene Warte, hob sich unmittelbar an dem Gewänd, in welchem der eigentliche Berg anzusteigen begann, ein runder stattlicher Hügel empor; reich bebuscht und mit mächtigen Buchen und Eichen besetzt, deren Kronen einander nicht irrten, so daß es gar ein anmuthig liebes Plätzchen für das Gevögel des Waldes bildete, zum Nisten in den grünen Niederungen und zu fröhlichem Spiel und Aufenthalt in den dichten und doch so luftigen Wipfeln. Hinter dem Hügel wand sich eine enge, feuchte Schlucht herum, ein Zeichen, daß er nur ein mächtig Bergstück war, welches einmal von der Felswand herabgestürzt und nun von ein paar Jahrhundert überras’t, überbuscht und überwaldet war.

Als Sylvester den Bühel hinanstieg, war ihm die Stille verwunderlich, die ihn empfing; es war doch schon um die Zeit, wo die wenigen Herbstsänger des Waldes ihr Morgenliedchen hören lassen, auch hatten die Züge der verschiedenen Wandervögel schon begonnen und belebten sonst den Hügel – es mußte etwas Ungewöhnliches vorgegangen sein, das Gast und Hausherrn verscheucht hatte.

Ueber die entvölkerten Baumkronen hinaus wölkte sich, wie ein willkommenes Brandopfer, eine kerzengerade Rauchsäule empor, sie kam aus der Schlucht am Felsgewänd.

Das Befremden des Burschen erklärte sich aber bald und ging rasch in immer stärkeren Unwillen über; er suchte die Schlingen auf, die er für die streichenden Krammetsvögel geknüpft und an die er rothe Beeren als Lockspeise gehängt hatte; die Schnüre und Drähte waren wohl vorhanden, aber eine fremde Hand hatte sie alle aufgezogen und losgeknüpft, der Fang war vereitelt. Das Blut stieg dem Suchenden zu Kopf; er rannte vorwärts, der kleinen, von Gesträuch dicht umrahmten Blöße zu, wo unter einem Büschel kräftiger Tannen der eigentliche Vogelheerd mit der wohlversteckten Streu- und Blätterhütte und das Gestell angebracht war, auf welches der Auf (Eule) gesetzt wurde, um seine gefiederten Feinde heranzulocken und dafür, daß sie ihrem Hasse Luft zu machen suchten, in’s eigene Verderben, in’s Netz des Vogelstellers, zu bringen. Auch das Netz war zugeklappt, aber leer, nur in der allerverschlungensten Maschenecke flatterte und piepte etwas Lebendiges.

Sylvester sprang zornig hinzu, einen derben Fluch zwischen den verbissenen Zähnen. „Wer hat mir das angethan?“ rief er, „wenn ich den kennte, dem wollt’ ich einen Denkzettel geben, daß er ihn eine gute Weil’ mit herumtragen sollt’! Der beste Fang ist verdorben, jetzt ist Alles verscheucht und kommt so bald nit wieder! Nach dem Gefieder, das herumliegt, muß hübsch viel eingegangen sein und nichts ist mehr da, als da im Eck’ hinten ein elendiges Zaunschlupferl oder was es ist …“

Er entwirrte das Netz; ein Gimpel saß darin, so verschüchtert und verzweifelt ergeben, daß er sich gar nicht mehr regte und der dicke auf die rothe Brust herabgesenkte Schnabel aussah, wie eine mächtige Nase in einem runden, zinnoberfarbigen Angesicht. Beim Anblick des Gefangenen, der sich ruhig ergreifen ließ, milderte sich Sylvester’s Unmuth sehr. Andere Gedanken fuhren ihm wieder durch den Sinn, die glücklichen entkommenen Vögel in ihrer Freiheit waren ein Bild seines bisherigen ungebundenen, fröhlichen Lebens, in dem Gimpel sah er sich selbst, mürrisch, verstimmt, in ein unentrinnbares Netz verwickelt. „Flieg’,“ sagte er und gab den Vogel frei, „sollst es auch nit schlechter haben, als die Andern, es ist ja nit deine Schuld, daß du ein Gimpel bist!“

Mit einem jubelnden Triller, der sonst in seiner Kehle nicht heimisch ist, begrüßte der Entfliehende die Freiheit; laut schmetternd setzte er sich gerade über Sylvester auf einen Zweig und [34] prüfte die Flügel, ob sie nicht gelitten in der Haft und noch im Stande waren, ihn den Genossen nachzutragen.

„Wie er singt!“ sagte Sylvester und blickte zu ihm empor. „Es ist, als wenn er sich ordentlich bedanken wollt’ …“

Beim Aufblicken gewahrte er die Rauchsäule über den Wipfeln.

„Aber was ist denn das?“ fragte er sich staunend. „Da raucht’s ja! Das kommt aus dem Gewänd’ da hinten heraus … ist der Kohlenbrenner wieder da? Das hab’ ich ja gar nit gewußt … O, da brauch’ ich nimmer lang’ zu fragen, wer meine Schlingen aufgemacht und meine Sprenkel ausgenommen hat! Gewiß hat er wieder einen Buben bei sich, so einen Schlingel, dem nichts lieber ist, als den ganzen Tag im Wald herumrennen …“

So schön er im Zuge war, er verstummte doch mit einem Male; er hatte heute einen eigenen Unstern mit Allem, was ihm begegnete und was er dachte. Konnte er den Köhlerbuben schelten, er, dem selber nichts lieber war, als im Walde herumzurennen den lieben langen Tag?

„Sehen muß ich doch, ob ich mich irr’,“ begann er wieder und schritt den Waldpfad nach der Schlucht hinab. „Dahinter kommen muß ich, wer mir meine Vögel ausgelassen hat, und muß ein deutsches Wörtel reden mit ihm! Am Boden sieht man nichts, der Moosgrund ist zu lind, man kann nit erkennen, was es für ein Fuß gewesen ist, der ihn nieder’treten hat …“

Während er sich nach einer Spur bückte, kam er einer Weißdornstaude zu nah und ein weitvorragender schlanker Zweig faßte mit einer seiner Stacheln nach seinem Aermel; er machte sich los und griff doch augenblicklich wieder nach dem Zweig, der Busch mochte sich als eine Art Wächter des engen Waldpfades betrachten, er schien jeden Vorübergehenden anzuhalten und ein Pfand von ihm zu nehmen … an einem andern Stachel hing eine rothe Wollenflocke, irgend einem Wanderer entrissen.

Sylvester nahm die rothe Flocke und war mit wenig Sätzen in der Niederung; jetzt durfte er von der Ecke aus nur noch ein paar Schritte machen, dann konnte er den ganzen schmalen Grund übersehen, aber er schritt nicht vorwärts; an der Felsecke war der Weg zur Abwehr des Weidviehs mit einem Zaun aus übereinander gelegten Stangen vermacht; auf diesen lehnte er sich mit beiden aufgestützten Armen und betrachtete verwundert das anmuthige Bild, das sich unerwartet in der Schlucht vor ihm aufgethan.

So eng der Raum war zwischen den Gebüschen des Hügels und den grauen, verwitterten Flächen der Felswand, hatte doch ein genügsamer Streifen saftgrünen Bodens sich dazwischen zu drängen gewußt; am Ende desselben, unter einem Paar gewaltiger Ahornbäume, stand etwas, was einer Hütte gleich, wie das einfachste, erste Bedürfniß sie erfindet und schafft. Vor derselben wanderten pickend einige Hühner umher; vom Giebel sahen, zum Fluge bereit, neugierige Tauben herab, und seitwärts auf schwarzem, ebenem Grunde lag ein mächtiger Kohlenmeiler, oben und nach allen Seiten mit gebräunten Rasenschichten bedeckt, aus den Ritzen stieg dichter Qualm, um sich darüber in reiner Luft zur Säule zu vereinigen. Auf dem Bänkchen an der Thür, hinter den stolzirenden Hühnern und flatternden Tauben, saß ein Mädchen, die Cither vor sich auf dem Schooße; eben war sie herausgetreten und hatte den geflügelten Hausgenossen Futter gestreut; jetzt schickte sie sich an, ihnen Musik zu machen zum Frühimbiß. Die Drahtsaiten klimperten hell wie Vogelgezwitscher, und hell wie Gesang eines andern Vogels tönte die Stimme des Mädchens darein. Die Spielende war im einfachsten Morgengewand, das keinen Beschauer erwartet; Busentuch, Hemdärmel und Schürze waren blendend weiß, nur der dunkle Rock war rothgesäumt und hob dadurch noch mehr die lichte Helle der Strümpfe mit buntem Zwickeleinsatz.

Sie sang:

„Die Kohl’n san verdeckt und
Pfeilg’rad steigt der Rauch,
Was ein richtiger Rauch ist,
Ja, der hat halt sein’ Brauch!“

Sie begann einen angenehmen Jodler als Nachgesang, dann wiederholte sie das kleine Vorspiel und wollte eben ein zweites „Gesätzel“ anfangen, als sie innehaltend verwundert aufblickte, denn vom Zaunstiege her begann eine andere, eine männlichen Stimme in gleicher Weise einfallend zu singen:

„Die Kohl’n san verdeckt und
I hab’s glei’ derkennt,
Wo der Rauch davo’ geht,
Das is eppes (etwas) das brenn!“

Das Mädchen hatte mit lachendem Wohlgefallen zugehört; jetzt nickte sie lächelnd und sang zur Erwiderung:

„Und wenn eppes brennt, so
Geh wegga (weg) fein glei’ (gleich)
Du machst Dich leicht schwarz und
Verbrennst Di dabei!“

Der Bursche zögerte nicht mit der Erwiderung, aber nicht mehr vom Zaune aus, mit einem kecken Satz hatte er sich hinübergeschwungen und eilte über den Rasen, dem Hause zu. Er sang:

„Und wenn eppes brennt, da
Lauf’ ich fredig (freudig, mit Absicht) erst zue,
Wer das Rußigwerd’n fürcht’, ist
Ka richtiger Bue!“

„Das lass’ ich mir einmal gefallen,“ fuhr er redend fort und trat vor die Citherspielerin, „wenn man so ang’sungen wird in aller Früh! Wie kommst denn um die Zeit schon in Wald?“

„Um das muß ich Dich fragen,“ erwiderte lachend das Mädchen, „ich bin da daheim. Du bist es, der zugereis’t kommt!“

„Daheim? Na, ich geh’ doch den Weg zur rechten Zeit und hab’ Dich niemals nit g’seh’n und die Hütten ist ja versperrt gewesen, schier so’lang ich’s weiß … Es sind nit viel mehr als acht Tag’, daß ich erst vorbei ’kommen bin!“

„Justament, so lang’ wird’s sein, daß der Vater wieder da her’zogen ist, er hat eine große Lieferung übernommen, von Kohlen, für den Eisenhammer draußen in der Ebnet … ich weiß nit, wie er heißt; da ist er da her’zogen und hat sich die verlassene Hütten wieder eingericht’t und seinen Kohlhaufen angezünd’t …“

„Also wär’ der Kohlenbrenner, der Veit, Dein Vater?“

„Wenn’st nichts dawider hast, ja, und Du bist wohl aufgestellt und mußt die Gegend durchstreifen und die Leut’ ausfratscheln?“

„Nein, Dirndel, aber mich verwundert’s, daß ich Dich niemals geseh’n hab’, wenn’s so wär’, müßt’ ich Dich auch kennen, so gut wie Dein’ Vater mit seiner Kohlen-Kürben …“

Das Mädchen sah ihn mit einem raschen, eigenthümlich forschenden Blick an. „Ja,“ sagte sie lachend, „einbilden darf ich mir justament nichts, daß mich Alt und Jung so vergessen hat, aber ich bin ein paar Jahrl’n fortgewesen und war dazumal noch ein ganz kleines Ding … Die Mutter ist so letz (krank) worden in die letzten Wochen her; d’rum hat’s nach mir g’schickt, aber wie ich gestern ’kommen bin, hat sich’s schon wieder ’bessert g’habt; sie ist wieder ganz krappig (rührig) und ist heut’ in aller Früh’ mit’m Vater nach Miesbach hinein marschirt … Weißt jetzt genug? Oder hast noch mehr auszukundschaften?“

„Ja,“ sagte er zögernd, „es geht jetzt in Einer Arbeit hin; ich kenn’ doch den Gesang und Schlag schier von einem jeden Vogel im Wald, aber so hat mir noch keiner gefallen, wie der Deinige! Da möcht’ ich doch gern’ wissen, wie der Vogel heißt und ob …“

Er stockte und was er sprach, enthielt keine Unwahrheit: es war ihm zu Muthe wie noch niemals im Leben; seit er vollends vor ihr stand, kam es ihm vor, als sei er bis dahin blind gewesen und habe nun zum ersten Male in ein lachendes Mädchenauge geblickt, als wäre das Herz in seiner Brust bis dahin eingezwängt gewesen, unfähig sich zu regen, und habe nun erst den freien warmen natürlichen Schlag gefunden. Auch das Mädchen war nicht ohne Befangenheit; die Lustigkeit des ersten Begegnens war etwas verflogen und als sie die frischen feurigen Augen des hübschen Burschen so unmittelbar auf sich gerichtet fühlte, war es, als ob ihr etwas in die Kehle gekommen und ihr die Stimme zusammenpresse.

„Ich mein’, es wird Zeit sein, daß ich geh’ …“ sagte sie, indem sie die Cither bei Seite legte und sich erhob, „ich hab’ noch zu thun im Haus …“ Trotz der eigenen Beklommenheit entging ihr aber die des Besuchers nicht und mit einem gutmüthigen Spottlächeln fand sie den Ton der frühern Heiterkeit nahezu wieder. Sylvester hielt den Hut in der einen Hand, in der andern drehte er die rothe Wollflocke zum Klümpchen zusammen.

„Meinen Namen willst wissen?“ fragte sie. „Na, wenn’s Dich glücklich macht, kann ich Dir’s ja wohl eingesteh’n, daß ich [35] auf Clar’l getauft bin, und was ist das Andre, was Du noch wissen willst, Du neugieriger Mensch?“

„ … Ich?“

„Du! Hast nit gesagt: ‚und ob?‘ – und drüber bist stecken ’blieben.“

„Ja so, weiß schon,“ sagte er stockend, denn eine Reihe bunter Gedanken zuckte ihm blitzschnell durch die Seele. War er denn nicht ausgegangen zur Brautschau? Und war ihm hier nicht ein Mädchen begegnet, das Alles an sich trug, was Aug’ und Gemüth zu fesseln vermochte, und fühlte er sich nicht zu ihr hingezogen, wie noch nie? Was hinderte ihn, der erwarteten Frage einen gewichtigen entscheidenden Inhalt zu geben? Aber, so sehr das Herz ihn drängte, das Wort wollte nicht von der Zunge; er hatte es ja gelobt, hatte sich selbst und seinem Cameraden das Wort gegeben, die Wahl dem Zufall, dem Orakel zu überlassen, das sich offenbaren sollte am Altare des Höchsten; er mußte sich selber treu bleiben, durfte eine feierliche Zusage nicht brechen, da er bisher es so gehalten, daß eine Rede von ihm so sicher gewesen, wie die vollendete That.

Noch zögerte er, da machte eine überraschende Wahrnehmung seinem Schwanken ein rasches unerwartetes Ende. Sein bald schüchtern sich hebender, bald wieder zu Boden gesenkter Blick traf auf den Rocksaum des Mädchens, es war keine Täuschung! Dort, an der einen Seite war der rothe Wollbesatz schadhaft und zerfranzt: ein Stückchen schien losgerissen und, kein Zweifel, er hielt das Fehlende in der Hand.

„Hast Dich bald lang genug besonnen?“ fragte sie lachend, während aus seinem Antlitz die sonnige Freundlichkeit hinter finstern Wolken und Schatten des Unmuths verschwand.

„Brauch’ mich nit lang zu besinnen!“ rief er in so verändertem barschem Ton, daß sie verwundert aufblickte und einen Schritt zurück trat. „Ich hab’ Dich nur fragen wollen, ob das rothe Fleckel da Dir g’hört?“

„Kann wohl sein …“ kicherte sie noch verwunderter, „ich bin an ein’ Dorngesträuch hängen ’blieben! Du willst wohl Nest’l bau’n, weil Du Flocken eintragst?“

„Na, aber fragen will ich Dich, ob Du’s gewesen bist, der droben auf dem Bühel die Schlingen und Sprenkel aufgezogen und das Netz aufgemacht hat? Und wer Dir etwann das erlaubt hat?“

„Erlaubt?“ fragte sie und maß den Redenden mit einem Blicke, der dem entschlossenen Ernste des seinigen nichts nachgab. „Braucht’s da eine Erlaubniß dazu? Bist es etwa Du, der das Netz und die Schlingen aufg’richt’ hat für die armen Vögel?“

„Ist das etwann was Unrechts?“

„Das fragst? Du thust mir leid, wann Du das nit in Dir selber g’spürst … Im Tirol drinn’, wo ich jetzt her komm’, da haben s’ den leidigen Brauch, daß s’ im Herbst Alles zusammenfangen, was Federn und Flügel hat … ich hab’ mich g’nug gekränkt drüber und Du wolltest das auch bei uns aufbringen, in unsern lustigen Bergen, in dem frischen grünen Wald, den unser Herrgott extra dazu gemacht hat, daß die lieben G’schöpferln drinn singen und fludern (flattern) und ihre Freud’ haben … Scham’ Dich, Bue! Siehst wie ein richtiger Bursch aus und tragst ein richtig’s Bauerng’wand und willst ’n Jager in’s Handwerk pfuschen? …“

„Das wird Dich nit viel angeh’n,“ sagte Sylvester in um so unwilligerem Tone, als er sich von der unerwarteten Erwiderung getroffen fühlte, auch ohne es sich zu gestehen, „die Netz’ und die Sprenkel gehören mein; was sich drinn’ gefangen hat, auch – auf das hat Niemand ein Recht!“

„Kann schon sein …“ sagte das Mädchen, indem es die Arme über der Brust zusammenlegte und dem Burschen ruhig in die glimmenden Augen sah. „Ich bin zu Morgens hinaus, in aller Fruh, eh’ noch die Sonn’ heraus gewesen ist, da bin ich hinauf auf den Bühel … es ist mein Brauch so gewesen vor Jahren, wie ich noch daheim gewesen bin … da ist es so still gewesen, so halb licht und so feierlich, wie in einer Kirch’, eh’ die Lichter an’zündt werden zum Hochamt und eh’ die Orgel anfangt zu geh’n … mir ist um’s Herz gewesen, wie Einem ist, wenn man gewiß nichts Unrechtes thun will und es gut im Sinn hat, da bin ich vor das Netz hin ’kommen und hab’ die lieben Vogeln g’sehn, die Zeiseln und die Amseln und die Rothkröpfeln, wie sie sich abgematt’ haben und abgeängstigt in der Gefangenschaft. Da haben s’ mir leid ’than, die schön’ Thierl’n, sie sind so vergnügt in ihrer Freiheit und singen so schön, und da hab’ ich mir denkt, daß sie jetzt vielleicht verkauft und in kleine Häuseln eing’sperrt und gemartert werden sollen und geplagt … und wie unser Herrgott wieder so viel Reichthum hat wachsen lassen und so viel Segen und wie’s in all’ dem Ueberfluß nit zusammen geh’n kann auf die Hand voll Körneln, die das kleine Vogelvolk braucht … da hab’ ich nit gefragt, wer die Netz aufgestellt hat und die Schlingen, ich hab s’ aufgemacht und hab’ die Gefangenen los ’lassen … und hab’ ihnen zug’schaut, wie’s in die Höh’ gestiegen sind und haben sich gefreut und geflattert und gesungen, ein Jedes nach seiner Weis’, und da hab’ ich gewußt, daß ich nichts Unrechts gethan hab’, und wenn ich auch zehnmal kein Recht gehabt hab’ dazu, und wenn Du’s nit glaubst, Du bäurischer Staudenjäger, und wenn Du das Herz hast, so geh’ hinein nach Miesbach auf’s Landgericht und verklag’ mich, die Kohlenbrenner-Clarl laßt sich finden …“

Sie hatte mit erhöhtem Tone gesprochen, das Auge glänzte und über die Wange goß sich stärkere Röthe; als sie geendet, wandte sie sich rasch, im nächsten Augenblick war sie in der Thür verschwunden und Sylvester hörte den Riegel vorklappen. Einen Moment stand er noch unschlüssig, die Standrede, die ihm gehalten worden, hatte ihn verblüfft; er hatte mehrmal angesetzt, sie zu unterbrechen, aber es war ihm nichts Kluges eingefallen; er mußte sich ja selbst gestehen, daß er etwas Aehnliches empfunden, als er dem letzten Gefangenen die Freiheit gegeben hatte. Langsam drückte er das Hütel auf den Krauskopf und rief mit etwas gezwungenem Lachen, indem er sich ebenfalls rasch und wie gänzlich gleichgültig abdrehte: „Dank’ schön, Madel – versponnen bist nit – der Dich einmal heirath’, darf für’s Hauskreuz nit sorgen …“ Trotz dieser Worte aber blieb der Gedanke, daß die schöne Zänkerin heirathen, daß sie schon längst einem Burschen versprochen sein könne, wie der zurückgebliebene Stachel eines Wespenstiches in seinem Gemüthe haften, und während er dem Zaunstiege zuschritt, kam es ihm vor, als müßte es ganz anmuthig sein, einen so lieben Mund durch einen Kuß zu unterbrechen – noch nie in seinem Leben war ihm eingefallen, sich als Mann und Eheherr irgend einem Mädchen an die Seite zu denken; bei dieser, die ihn scheltend fortwies, ertappte er sich selbst über diesem Gedanken. Derselbe aber war ebenso schnell wie erstanden, auch wieder entschwunden; dafür kam es ihm vor, als hätten sich die Faden und Maschen eines unsichtbaren Netzes um ihn gelagert, und er sah sich selbst wieder als das Seitenstück des gefangenen Gimpels trübselig und desperat in der hintersten Ecke sitzen.

Unwillkürlich beschleunigte er seine Schritte; schon hatte er den Stieg hinter sich, beim nächsten Schritt war er im Walde – aber während desselben hielt er dennoch inne und sah nach der Kohlenhütte zurück … Er wandte sich zwar ebenso schnell wieder ab, aber der Blick hatte doch genügt, ihm zu zeigen, daß auch das Mädchen von innen hinter den Scheiben stand und ihm nachlugte …

Sylvester wußte kaum, wie er die nun von vollem Morgenscheine übergossene Berghalde erreichte; unter ihm sah er Giebel und Dach des heimathlichen Hauses aus den Obstbaumwipfeln hervor blicken und an den Befehl erinnern, der über sein ganzes Leben entschied – von drüben her, über den See klang Glockengeläute, das erste Zeichen zum Gottesdienst in der Pfarrkirche, eine mächtige, fast vorwurfsvolle Mahnung an das muthwillige Gelübde; ein Band, das ihn trotz seiner Schwäche doch unauflöslich festhielt und das schon gerächt war, als er sich anschickte, es zu erfüllen … Gestern, als er in Erregung und Unmuth sein Wort gegeben, war er noch ein Anderer gewesen; heute hatte er ein neues Herz in sich entdeckt und war entschlossen, seine Regung im Aufkeimen zu ersticken. Je näher er dem Dorfe kam, desto langsamer ward sein Schritt, desto schwerer die Last auf seinem Herzen … er wußte kaum selbst, wie er dahin gekommen, als er an dem Fallgitter des Kirchhofs stand, wo die jungen Burschen der Gemeinde vor dem Hochamt sich zusammenfanden. –

Auch der lustige Muckel hatte sich schon mit Tagesgrauen auf die Wanderung gemacht, die unzertrennliche Clarinette unterm Arm – mußte sie doch, wie ihr Träger, die Sünden und Vergehungen der Werktagswoche dadurch wieder gut machen, daß sie am Sonntage auf dem Kirchenchor mitblies zur größeren Verherrlichung des Festes und des Feiertages. Ihn hatte der Entschluß [36] des vorigen Abends nicht um ein Viertelstündchen seiner gewohnten festen Nachtruhe gebracht; erst der Tag erinnerte ihn an das, was geschehen sollte, und ließ ihm das Ganze gleich wieder von der gewohnten spaßhaften Seite erscheinen. In Gedanken zogen alle Mädchen der Pfarre und Gemeinde an ihm vorüber, welche bestimmt sein konnten, das Ehrenamt als Prangerinnen auszuüben: er kannte sie alle; bei seinem herumziehenden Gewerbe kam er in alle Häuser und kannte die schwache Seite eines Jeden, wie allen Dorfklatsch, der dazwischen hin und wieder getragen wurde. Wenn ihm dann die Eine oder die Andere einfiel, die mit unter den Wahljungfrauen sein konnte, und wenn er dann dachte, daß der Zufall sie an den entscheidenden Ort stellen werde, so begann er wie ein Unsinniger mit sich selber zu reden und laut aufzulachen – es kümmerte ihn nicht, daß es dabei auf schlimme Verwicklung, auf heillose Verwirrung hinauslaufen konnte: der Spaß war sein Lebenselement und wo es den gab, da war er zufrieden und guter Dinge und fragte nicht, was der Spaß einen Andern kostete und wer die Kosten zu tragen hatte.

In dieser fröhlichen Gemüthsverfassung wanderte er eiligen Fußes das Sträßchen zum Pfarrdorfe dahin, das meist zwischen dichtem grünem Gebüsch und mancher mächtigen Esche oder Ulme hinzieht, die am Raine stehen bleiben als ein durch Jahrhunderte von Allen geschonter Schutz und Schmuck. Manchmal blieb er stehen, drehte sich mit geschwungenem Hute juchzend auf dem Absatz herum und focht mit Hand und Clarinette in der Luft, daß es den von fern heran Kommenden wohl befremdlich erscheinen mochte.

Die Nächste unter diesen – es waren allerlei Kirchgänger, die von den zerstreuten Einzelhöfen herniedereilten – war ein Mädchen, das, schon ein wenig der ersten jugendlichen Blüthezeit entwachsen, durch die Pracht und Kostbarkeit des Anzugs es verdecken zu wollen schien, daß diese Blüthe überhaupt eine nicht sehr reiche gewesen war. Die ganze Gestalt mochte der bildenden Natur etwas zu hager und dürftig gerathen sein, denn die von dem kurzen weißen Hemdärmel unverdeckten Arme waren ohne Rundung und im Gesicht streckte sich eine beträchtliche Nase, deren Schärfe nur von dem spitzen Kinn übertroffen wurde. Dafür trug sie um den Hals eine zwanzigfache Goldkette mit Gestein und Perlen besetzt, Fürtuch und Aermel waren mit kostbaren Spitzen eingefaßt und das überreiche Silbergeschnür mit all’ den daran baumelnden Schaustücken, Schnürstiften und Schatzthalern war sicher, nicht so leicht durch ein anderes verdunkelt zu werden. Beim ersten Anblick machte die Waben (Barbara), des reichen Landkrämers einzige Tochter und Erbin, einen fast sonderbaren und keinenfalls einen gewinnenden Eindruck; man mußte erst länger mit ihr gesprochen haben, um gewahr zu werden, daß aus dem auch von Sommersprossen nicht verschont gebliebenen schneidigen Angesicht ein paar gutherzige und doch etwas listige Augen blickten, deren Wasserblau sogar recht anmuthig zu erglänzen vermochte.

Die Kramer-Waben war von der gewöhnlichen Schwäche alternder Mädchen nicht frei geblieben, welche aus Besorgniß, nicht unter die Haube zu kommen, anstatt sich finden zu lassen, anfangen, selbst auf das Suchen auszugehen. Sie fehlte bei keinem Feste und war überall eine der Aufgewecktesten und wenn sie auch nichts that, was geradezu Tadel verdiente, so verschmähte sie doch nicht, die Angel auszuwerfen und mit allerlei reizendem Köder zu versehen. Da war es denn gekommen, daß Mancher sich von der blanken Lockspeise des Reichthums verführen ließ, aber, eh’ er noch vollständig angebissen, darin das verborgene Häkchen erspürte und hurtig sich wieder los zu machen trachtete. Auch der Musikant war einmal solch’ ein dickes Fischlein gewesen; die Fischerin hatte sogar besonderes Wohlgefallen an ihm gefunden wegen seiner Lustigkeit, die ihn überall zum gern gesehenen Gesellschafter machte. Auch er hatte eine Anwandlung gehabt, in welcher es ihm bequemer erschien und einträglicher, den Bauern, statt ihnen bei Hochzeit und Kirchweihe für einige Gulden zum Tanze aufzuspielen, ihre schweren Kronthaler abzunehmen für leichtes Tuch und noch leichteren Seidenkram; als er sich aber diese Lebensweise näher besah, war ihm die Lust vergangen, er zappelte und riß so lange, bis er frei war, und hatte die Rückkehr in das freie Element, in dem er nun erst doppelt wohlig hin und wider schoß, statt mit einem wunden Kiefer mit einem schmerzlichen Rückzuge erkauft, denn der alte Krämer verstand keinen Spaß und hatte, als er wußte, woran er mit ihm war, dem unverlässigen Freier in fühlbarer Weise gezeigt, wo der Zimmermann eine Oeffnung gelassen hatte. Es war ihm zwar manchmal seither schlimm ergangen und kümmerlich, und manchmal fiel ihm ein, wie er es nun gut haben und in aller Ruhe und Behäbigkeit in dem Krämerhause sitzen könnte, anstatt mit der Clarinette durch das Unwetter und Gestöber eines stürmischen Wintertags zu wandern; wenn er sich aber die „schneidige Kramer-Waben“ neben sich dachte, mit dem hagern Gesicht und dem Auswuchs an der einen Schulter, die durch alles Ausstopfen nicht dazu zu bringen war, der gegenüberliegenden gleich zu werden, dann wies er die Lockung von sich und war mit seinem Schicksal mehr als zufrieden.

Nach all’ dem war es begreiflich, daß, als sie in dem lustigen Morgenwanderer den frühern Bewerbers erkannte, das Verlangen in ihr erwachte, den Grund dieser besondern Fröhlichkeit zu erfahren. Sie verdoppelte ihre Schritte und kam, als es eben um eine Ecke ging, aus den Büschen hervor, unbefangen und wie unerwartet, ihm in den Weg.

„Guten Morgen, Muckl,“ sagte sie mit ihrem freundlichsten Gesicht, „was für ein Glück ist denn Dir in die Haut geschossen, daß Du heute schon so gar alert bist?“

„Guten Morgen auch,“ erwiderte der Musikant etwas überrascht und mit einem kurzen Seitenblick auf die Grüßende. „Weißt ja, was ich für ein narreter Ding bin! Ich kann lachen über ein’ Vogel auf der Stauden und nachher,“ setzte er kichernd hinzu, „nachher gieb’ts oft allerhand, was man nit sagen kann …“

„O, ich verlang’s nit zu wissen!“ rief sie schnell verletzt. „Kannst Deine Geheimniss’ schon für Dich behalten! Die Mutter laßt Dich fragen, warum Du denn gar nimmer einkehrst bei uns?“

„Ist’s wahr?“ entgegnete er, „laßt sie mich fragen? Dann soll sie sich nur vom Kramer, von ihrem Mann, die Antwort sagen lassen …“

„Ach nein,“ entgegnete das Mädchen unbefangen, „Du mußt dem Vater nichts nachtragen, Du kennst ihn ja und weißt, daß er ein rescher (rascher) Mann ist …“

{{center|(Fortsetzung folgt.)}




Auch aus der „guten alten Zeit“.


In jener vielgerühmten „guten alten Zeit“, auf die noch Manche wie auf ein verlorenes Paradies zurückblicken, konnte man in mehr als einer Stadt wohl dem Ausspruch begegnen: „Unser Pranger ist unser Stolz!“ – Fragt man, wie ein solcher Ausspruch irgend einmal möglich geworden sei, so muß man leider antworten: nur dadurch, daß der einst bessere Sinn des Volks so weit heruntergebracht worden war, daß er in Schandbühnen und Hochgerichten auszeichnende Ortsvorrechte zu erkennen vermochte.

In der Heimath des sogenannten Schwabenspiegels kamen mit dem Eindringen des römischen Rechts in Deutschland die allgemeinen deutschen und Kaiserrechte, nach welchen bis dahin öffentlich des Rechts gepflegt worden war, ebenso in Verfall, wie im übrigen „Reiche“. Die ganze richterliche Gewalt, welche das Volk als ein Kleinod so lange als möglich fest gehalten hatte, wurde ihm durch die gelehrten Juristen entwunden und in die Hände der Fürsten gelegt. Von dem alten Volksgericht, für welches jede Gemeinde die Richter selbst wählte, blieb nichts übrig, als – die Heimlichkeit der Vehme. Die freien Gerichtsstätten unter den Eichen Westphalens und Niedersachsens, wie unter den Linden Frankens und Schwabens verödeten, und um so dichter füllten sich die der Oeffentlichkeit verschlossenen Amtsstuben mit kostspieligen Actenstößen. Denn das Volk, das einst sein gutes Recht umsonst hatte, mußte nun das schlechte bezahlen. Fürstliche Richter wurden die gestrengen Herren und Advocaten die Alleinpächter des Rechts; in Beider Hand war es gelegt, nach Gutdünken die Processe auszuspinnen und das Volk auszubeuten. Die traurigste Folge dieser undeutschen Wandelung war aber die, daß der alte Rechtsstolz, das Rechtsgefühl im Volke erlosch und einestheils einer entwürdigenden Furcht vor den allmögenden Gerichtsherren, anderntheils einem Haß gegen die Advocaten Platz machte, der in ohnmächtigen Ausbrüchen des Volkswitzes seine einzige Genugthuung

[37]
Die Gartenlaube (1867) b 037.jpg

Die Schandbühne in Schwäbisch-Hall.
Originalzeichnung von Friedrich Ortlieb.

[38] fand. Nie hat das deutsche Volk sich mit diesem fremden, gelehrten Rechte versöhnt, und die Bestrebungen in vielen deutschen Ländern, durch die Errichtung von Friedens- und Schwurgerichten zu den besten der alten deutschen Rechtsformen zurückzukehren, sprechen es deutlich aus, daß man auch auf dem Rechtsgebiete sich in Deutschland nach Erlösung von Rom sehnt.

Die Hauptursache des Widerwillens der Deutschen gegen das fremde Recht lag aber in der Barbarei, welche dasselbe durch seine Strafen verübte. Gesetze, welche zum Theil in den gesunkensten Zeiten des römischen Lebens für Sclaven aufgestellt worden waren, verhängten diese deutsch-römischen Richter über freie Männer und Frauen; sogar die Folter entnahmen sie denselben und setzten damit der sogenannten „Carolina“, d. h. „Kaiser Carl’s des Fünften und des heiligen römischen Reichs peinlicher Gerichtsordnung“, die Krone „gesetzgebender Weisheit und Güte“ auf, wegen welcher ein berühmter Rechtsgelehrter sie heute noch „verehrungswürdig“ nennt.

Welche Summe von Justizmorden begann mit diesem Augenblick! Und keine Erfahrung, kein noch so offenkundiger Beweis von falschen, durch die Tortur erpreßten Geständnissen fand bei diesen gelehrten Richtern Beachtung. In Basel verließ ein böses Weib ihren Mann. Das Gerücht nannte ihn den Mörder seiner Frau und die Folter peinigte ihm das „Ja“ ab zu einer Unthat, die er nicht begangen hatte. Ein paar Tage nach der Hinrichtung desselben kehrte das Weib zurück, um sich mit ihrem Mann zu versöhnen. Der Justizmord war geschehen, aber die Tortur blieb. Um dieselbe Zeit, 1518, wurden in Stettin einhundert und achtzehn Menschen wegen Kirchendiebstahls hingerichtet, die alle auf der Folter ihre Schuld eingestanden hatten und die sämmtlich unschuldig waren, wie später vier eingefangene Diebe den Herren Richtern bewiesen. Aber die Tortur blieb. – Und welche Phantasie entfalteten die Criminalisten jener Zeit in der Erfindung steigend scheußlicher Martern und Hinrichtungsarten! Was die Despoten des Morgen- und Abendlandes und die wilden Völker jenseits der Meere Raffinirtes im Menschenhinschlachten ersonnen, ward von den deutsch-römischen Rechtstyrannen oft mit förmlichem Witz der Grausamkeit in ein System gebracht und mit kältester Ruhe decretirt und exercirt. Falschmünzer (so belehrt uns Wolfg. Menzel, Geschichte der Deutschen) wurden gesotten, weil sie selbst Kupfer in Silber gesotten hatten. Bigamie wurde in der Schweiz dadurch gestraft, daß der Schuldige mitten entzwei gehauen und jeder seiner beiden Frauen eine Hälfte überlassen wurde. Geistliche wurden in Augsburg in eiserne Käfige gesperrt und wie Singvögel an Thürme aufgehängt, wo sie verhungern mußten, weil man sie bei schweren Verbrechen nicht ungestraft lassen wollte und weltlicherseits geweihten Priestern doch nicht an den Leib konnte. Juden, die gestohlen hatten, wurden zwischen zwei Hunden an den Beinen aufgehängt. In Halle an der Saale hing 1462 ein Jude auf diese Art einen ganzen Tag lang, ohne zu sterben, und bat endlich, Christ werden zu dürfen. Die Mönche tauften ihn, wie er da hing, und suchten ihm nun das Leben zu erbitten. Der Stadtrath weigerte sich aber noch zwei Tage, während der Unglückliche immerfort hängen blieb. Erst am dritten Tage machte man ihn los und er starb erst zwanzig Tage später. Baumschändern riß man den Nabel aus, nagelte denselben an den verletzten Baum und trieb den Unglücklichen so lange um den Stamm herum, bis ihm alle Eingeweide aus dem Leibe gewunden waren. Wilddiebe wurden in Ketten auf Hirsche geschmiedet und in den Wald gejagt. Noch 1666 ließ sich zu Friedberg in der Wetterau ein Hirsch sehen, auf dem ein blutender Mann gefesselt war, der um Hülfe rief und aussagte, er komme aus Sachsen und werde schon drei Tage so umhergeschleift. Man konnte den geängstigten Hirsch nicht einfangen, fand ihn aber später bei Solms zusammengestürzt, Mann und Hirsch todt. Oft nähte man die Wilddiebe in Wildhäute und gab sie den Hunden preis. Im weißen Thurme zu Köln hing man hoch über den Verbrechern Brod auf, und sie mußten entweder darnach kletternd den Hals brechen, oder verhungern. Zu Schweidnitz in Schlesien zwang man einen alten Rathsherrn, zur Strafe den höchsten Thurm auswärts herunter zu klettern; er kam bis zu einem Absatz, wo er stehen blieb und erstarrte, bis ihn der Wind herabstürzte etc. Soweit Menzel, und damit genug der Proben, wie das römische Recht durch deutsche Hände gewüthet hat. Wie werthlos das Menschenleben dadurch geworden, wie ungeheuerlich die Zahl der Hinrichtungen war, möge die eine Notiz andeuten, daß Benedict Carpzow, der berühmteste Jurist des Schöppenstuhls zu Leipzig, von 1620 bis 1666 nicht weniger als zwanzigtausend Todesurtheile gefällt hat.

Derselbe „Witz der Grausamkeit“, wie bei den Todes-, machte sich bei den sogenannten Ehrenstrafen geltend. Nur er konnte jenes Eselslehen der Herren von Frankenstein zu Bissingen erfinden, die der Stadt Darmstadt den Esel zu liefern hatten, auf welchem böse Weiber durch die Stadt geführt wurden; ebenso jene beiden durch eine Kette verbundenen Steine in Dortmund, die von zwei Weibern, die sich gezankt hatten, umwechselnd durch die Stadt getragen werden mußten, wobei eine die andere mit einem Stachelstocke vorwärts trieb; ebenso die sogenannte Geige, ein Bret mit zwei Löchern, durch welche zwei zankende Weiber die Köpfe stecken und einander ansehen mußten; ebenso den Drillkäfig, in dem man Betrunkene und Unbändige herumdrehte, den hölzernen Esel, auf dem sitzend man Polizeistrafen erlitt, und endlich den Pranger, der den Bestraften dem Spott und Hohn der Menge öffentlich preisgab.

Wie nämlich mit der Einführung des römischen Rechts in Deutschland jedes Städtchen, das ein Gerichtssitz wurde, seine Folterkammer erhielt und sein Hochgericht aufbaute, so daß in gebirgigen Gegenden noch heute kaum eine solche Stadt zu finden ist, die nicht aus jener Zeit ihren „Galgenberg“ hätte, ebenso ward vor jedem Raths- oder Amtshause ein Prangerstein oder eine Schandbühne errichtet. Die Einrichtung derselben war sehr verschieden; man hatte stehende, aus Steinbau, aber auch transportable, als Holzgerüste, die man erst für den bestimmten Zweck aufstellte. Der Pranger in Stuttgart z. B. konnte nur mittels einer Leiter bestiegen werden, die der Delinquent selbst an Ort und Stelle tragen mußte; sobald er auf derselben seinen Standpunkt erreicht hatte, wurde sie weggenommen und ihm dadurch der beliebige Rückzug unmöglich gemacht. An der Wand oder Säule der Schandbühne war mittels einer Kette ein Halseisen befestigt, dessen Bestimmung sich selbst erklärt. Oft bot die Bühne auch Raum für mehrere Personen und Halseisen; immer aber befanden sie sich an dem besuchtesten Platz, in der Regel dem Markte der Stadt.

Unsere Illustration führt die Leser der Gartenlaube vor einen solchen Gesellschaftspranger, der aber noch in anderer Weise sich auszeichnet. Es gehört gewiß zu den liebenswürdigsten Eigenthümlichkeiten der Meister der Gothik, daß sie ihre verzierenden Formen überall anzubringen wußten, vom ehrwürdigsten Dome bis zum holzgeschnitzten Großvaterstuhl und zum eisengetriebenen Thürschloß; daß sie aber selbst den Pranger nicht ungeschmückt ließen, ist eine fast rührende Thatsache. Wie schmuck jedoch viele derselben auch gewesen sein mögen, schöner war keiner, als die gothische Schandbühne, welche in der würtembergischen Stadt Schwäbisch-Hall noch heute als ein architektonisches Zierwerk über dem Stadtbrunnen vor dem Rathhaus emporragt.

Das alte Hall in Schwaben kann selbst als ein mittelalterliches Cabinetsstück in der Sammlung deutscher Reichsstädte gelten, soweit es aus dem großen Brande von 1728 gerettet worden ist. Schon die Art des Ursprungs der Stadt läßt auf architektonische Absonderlichkeiten schließen. Bekanntlich hat die Natur dort eine ihrer besten Salzquellen erschlossen, und dieser Segen ist gar bald von den Menschen erkannt worden. Die Chronisten erzählen, daß die Grafen von Westheim und andere Edelleute, welche Herren dieser Gegend waren, seit dem neunten Jahrhundert nach und nach vierzig Schlösser und verschiedene geistliche Orden zugleich mehrere Klöster um die Soolquellen herum erbauten und daß diese vornehmen Steinpaläste den Kern gebildet, um und zwischen welche später der bürgerliche Fleiß seine Werkstätten gründete. Als freie Reichsstadt hatte Hall sogar über ein Gebiet von sechs Quadratmeilen zu verfügen. Um diese Zeit, ungefähr 1400, baute es sein Rathhaus und wohl nicht viel später die Spitzsäule seines Prangers. Den Brunnen darunter schmückt das Steinbild des Lindwurmtödters St. Georg. Der Act der dargestellten Prangerstrafe gehört dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts an, also der ersten Blüthezeit jenes Rechts, das es für uns sehr ungewiß läßt, ob der Mann am Schandpfahl schuldig oder unschuldig leidet.

Die Ausstellung am Pranger wurde zu derjenigen Classe von Ehrenstrafen gezählt, welche nur auf eine Kränkung des Ehrgefühls oder auf eine Beschämung abzielen sollten, ein Beweis, wie tief man sich das Ehr- und Rechtsgefühl im Volke [39] schon niedergedrückt dachte, als man zu einem solchen Mittel der „Beschämung“ greifen konnte. Ebenso häufig wurden aber wirkliche Verbrecher der öffentlichen Schandausstellung unterworfen, ehe man sie zur Verbüßung ihrer Freiheitsstrafen in die Zucht- oder Arbeitshäuser abführte. Der Delinquent wurde, je nach der Sitte der Zeit und der Schwere der Unthat, vom Henker oder vom Büttel (Gerichtsdiener) zur Schandstätte gebracht und ihm hier das Halseisen umgelegt. Man wählte dazu gern einen Wochenmarkttag, wo auch das Landvolk aus der Umgegend in der Stadt anwesend war. Nachdem eine Gerichtsperson dem versammelten Publicum die gefällte Strafe und ihre Ursache publicirt, hängte man dem Ausgestellten eine Tafel um den Hals, auf welcher in großen Buchstaben seine Schuld geschrieben stand. Die Gerichtspersonen zogen sich hierauf zurück und gaben dadurch dem Janhagel der Straße das Zeichen, daß nun seine Zeit gekommen sei, mit faulen Eiern, verfaultem Obst und selbst dem Koth der Straße an dem gefesselten Mann des Halseisens sein Müthchen zu kühlen, bis die hohe Obrigkeit es angezeigt fand, dem Scandal ein Ende zu machen.

Von allen fremdländischen Auswüchsen der Praxis einer hohen antinationalen Rechtsgelahrtheit hat die Prangerstrafe sich am längsten erhalten. Ich selbst entsinne mich noch eines Tages meiner Knabenzeit, wo unser Classenlehrer in der Rathsschule zu Koburg uns eine Stunde früher, als die Schulordnung bestimmte, entließ, weil ein Baumdieb mit der Schandtafel am Pranger ausgestellt werde. Der Lehrer, selbst ein eifriger Baum- und Gartenfreund, erfüllte durch eine beredte Schilderung der Häßlichkeit eines solchen Frevels, wie ein Baumdiebstahl es sei, unsere jungen Herzen mit mächtiger Erbitterung gegen den Verbrecher, und so rannten wir stürmisch dem Marktplatze zu. Ein großer Haufen Kinder anderer Classen und Schulen stand bereits um den Pranger herum; das erwachsene Geschlecht hatte sich nicht eben zahlreich eingestellt. Unter den Knaben tobte ein wahrer Wetteifer der Betheuerungen, wie man „den schlechten Kerl“ mit faulen Eiern und Koth „plätzen“ (d. i. werfen) wolle. Punkt halb zehn Uhr führte man den Gefesselten auf seinen traurigen Platz und hing ihm die Schandtafel mit der Aufschrift „Baumdieb“ um. Als der Unglückliche, ein schon ältlicher Mann, die Menge Kinder sah, fing er bitterlich zu weinen an. Damit hatte er es bei uns gewonnen; wollte auch ein Haufen wilder Vorstadtjungen mit dem „Plätzen“ beginnen, so blieb’s doch bei ein paar unschädlichen Versuchen. Die bessergearteten Knaben waren nun einmal vom Anblick der Mannesthränen ergriffen – und beschämten die „Carolina“. Nur „Baumdieb“ riefen viele Kinder, aber meist die Mädchen. Nach einer halben Stunde führte man den Verbrecher in’s Zuchthaus auf die Veste Koburg ab, wo seiner, nach der Hausregel jener Zeit, zum Willkommen fünfundzwanzig Stockprügel harrten. Das war am 4. Juni 1822.

Ja, die gute alte Zeit hat in dieser Beziehung lange genug gedauert, und leider giebt es sogar deutsche Gegenden, wo sie noch heute nicht zu Ende ist.
H. v. C.




Die Büßer und Quacksalber in Böhmen.[1]


Es ist kaum glaublich, wie rohe Unwissenheit und blödsinniger Aberglaube einerseits, rücksichtslose Curpfuscherei und Quacksalberei andererseits in gewissen Gegenden auf dem Lande sich breit machen und immer mehr überhand zu nehmen drohen. Der wissenschaftlich gebildete Arzt, der sich bestrebt nach rationellen Grundsätzen der leidenden Menschheit zu Hülfe zu kommen, muß es geduldig hinnehmen, gewissenlose Curpfuscher aller Art, als Hirten, Abdecker, Büßer, Hebammen etc. sich zur Seite stellen zu lassen, und das Publicum ist es gewöhnt, alle diese Quacksalber in eine Kategorie mit dem ärztlichen Stande zu werfen.

Die rohesten und gefährlichsten dieser Quacksalber, die nichts destoweniger den ausgebreitetsten Ruf beim Landvolke genießen, sind die sogenannten „Büßer“. Dies sind gar altkluge Gesellen und durchtriebene Erzgauner, deren Handwerk vorzüglich auf Bigotterie und rohen Aberglauben begründet ist; denn sie verstehen es, ihr betrügerisches Gebahren mit einem gewissen religiösen Schein zu umgeben, und verschmähen es nicht, ihre Zuflucht zu gewissen Stoßgebetlein und Stoßseufzern zu nehmen, was natürlich stets Eindruck bei den Gläubigen macht und viel Anklang bei dem bigotten Landvolke findet. Bekanntlich stehen diese Gauner bei diesem in einigen Gegenden in dem Rufe, gewisse Krankheiten ohne vorausgegangene Untersuchung und ohne alle Arzneimittel durch bloße Sympathie zu heilen, wobei vorzüglich verschiedene leere ceremonielle Gebräuche die Hauptrolle spielen, die um so genauer und gewissenhafter eingehalten und ausgeführt werden müssen, um das darein gehüllte Nichts desto besser zu verbergen, als: bloßes Geschreibsel von unleserlichen Schriftzügen, eine Art Hieroglyphen auf schmutzigen Zetteln, die von den auf den Leim gegangenen Gimpeln oft jahrelang bei sich herumgetragen werden in dem durch nichts zu erschütternden Wahne, dergleichen Zettel seien das sicherste und gründlichste Präservativmittel gegen alle möglichen Krankheiten.

Diese Gauner hausen gewöhnlich nur vereinzelt wie die wilden Thiere in den ödesten und unwirthlichsten Gegenden und treiben daselbst ihr Unwesen; es ist auch nicht nöthig für sie, sich in bevölkerten Gegenden niederzulassen, denn sie heilen Kranke aller Art, ohne sie zu sehen und zu untersuchen. Man muß es leider bekennen, daß diese berüchtigten Heilkünstler ihr Handwerk gar meisterhaft verstehen und mit einer besondern Schlauheit dabei zu Werke gehen. Die meisten derselben beobachten nämlich die Vorsicht, für ihre Hülfeleistung nur ein geringes Entgelt zu beanspruchen, was in Verbindung mit der wohlfeilen Cur, da der Patient keine Medicamente aus der Apotheke benöthigt, so Manchen in’s Netz lockt. Dagegen lassen sie es wohlweislich nicht außer Acht, irgend ein Kleidungsstück von dem Patienten, aber wohl gemerkt ein neues oder wo möglich nur wenig getragenes, gewöhnlich ein neues oder wenig abgenutztes Hemd, entgegen zu nehmen, was vor der großen Menge, weil es so herkömmlich und so gang und gäbe ist, gerade nicht so genau im Werthe taxirt und selbst von dem Aermsten gern geopfert wird. Der Lohn, der dem Boten für seinen oft meilenweiten Weg ausgezahlt wird, um den Büßer aufzusuchen, wird überdies gar nicht in Betracht gezogen. (Hierbei kommt nicht selten der Fall vor, daß so mancher kluge Vogel als Bote, mit den hochweisen Ansichten des abergläubischen Patienten über die Heilkunst des Büßers nicht recht einverstanden, in der nächsten besten Wirthschaft hocken bleibt und dann bei der Rückkehr selbst die bekannten Kritzler und unverständlichen Hieroglyphen in der Eile auf ein Stückchen Papier hinkleckst, und wunderlich, auch diese haben nicht selten geholfen!)

Eine fernere Vorsicht dieser Gauner ist die, daß sie sich wohl hüten, ihre Kunst bei schweren, oft tödtlich verlaufenden Krankheiten, als bei bedenklichen Gehirnleiden, bei Apoplexien (Schlaganfällen) oder anderen Desorganisationen des Gehirns, ferner bei schweren Lungenleiden, bei Lungenentzündung oder Lungensucht, oder bei schweren Leber- und Unterleibsleiden, beim Typhus, bei der Cholera, Bauchfellentzündung oder dem Kindbettfieber etc. in Anwendung zu bringen, weil bei den genannten Krankheiten der Ausgang ein unsicherer ist und somit der prophetische Geist der Büßer hier sehr leicht zu Schanden werden könnte.

Sie richten ihr Augenmerk vielmehr nur auf leichtere Fälle, auf mehr äußerliche und gewisse zumeist chronisch verlaufende Krankheiten von minder bösartigem Charakter, als: Gicht und Rheumatismus, Rothlauf, gewisse äußere gutartige Geschwülste und Hautausschläge (Warzen, Ueberbeine), vorübergehende schmerzhafte Zustände (halbseitiger Kopfschmerz, Zahnschmerzen etc. – namentlich im „Verthun“ aller Art Schmerzen sind sie Meister) – Wechselfieber etc. Bei diesen Krankheiten ist der Ausgang in der Regel kein tödtlicher, und sie haben zugleich das Charakteristische, daß sie bei den daran Leidenden oft auf die geringste Veranlassung neuerdings auftreten. Selbst hier gebrauchen die Büßer wieder eine besondere Vorsicht, damit sie ja nicht irre gehen und es mit ihrem Rufe als bewährte Heilkünstler beim Volke nicht verderben. [40] Sie wissen nämlich aus Erfahrung, daß viele Krankheiten innerhalb acht bis neun Tagen ihrer Krisis entgegen gehen. Diesen Umstand verstehen die berühmten Heilkünstler gar schlau zu benützen und auszubeuten; sie bestellen einfach die von den Patienten abgesendeten Boten am neunten Tage wieder zu sich; ist bis dorthin die Krankheit nicht günstig nach ihrer Berechnung abgelaufen, so bestimmen sie wieder einen Zeitraum von neun Tagen, und so fort, bis die Krankheit mittlerweile durch gehörig diätes Verhalten oder durch ärztliche Hülfe sistirte. Zu erwähnen ist hierbei, daß in den meisten Fällen, besonders bei den sich in die Länge ziehenden schwierigeren Fällen, das abergläubische Publicum die Vorsicht nicht verschmäht, außer der Hülfe der Büßer die ärztliche Hülfe zu benützen. Jedenfalls hat dann nach günstig abgelaufenem Process nach der Meinung des Publicums nie der Arzt, sondern immer nur der Büßer mit seinem Hokuspokus geholfen, denn seinen Glorienschein darf der Letztere nie verlieren.

Traurig ist es erwähnen zu müssen, daß diese Betrüger und Erzgauner nicht blos zahlreiche Verehrer aus dem ungebildeten Publicum zählen, sondern daß selbst Leute aus den gebildeten Ständen, ja selbst Aerzte so hirnverbrannt sein können, ihre Zuflucht zu derartigen Heilkünstlern zu nehmen, wovon der Verfasser dieser Zeilen selbst Augenzeuge gewesen. Ich kenne einen Wundarzt, der in meiner nächsten Nähe seine Praxis ausübt, der, selber an Gicht erkrankt, nicht blos an Büßer sich wendete, sondern der es nicht unter seiner Würde hält, bei vorkommenden schwierigeren derartigen Krankheitsfällen seinen Patienten keinen besseren Rath zu ertheilen, als den, die Büßer aufzusuchen. – O heilige Wissenschaft, wozu nützest du, wenn du von deinen eigenen Jüngern so schmählich und so schnöde verlassen und verrathen wirst! Hier, glaube ich, ist es am Orte, noch von andern abergläubischen Mitteln, wie sie bei dem Publicum auf dem Lande in Anwendung kommen und selbst von sogenannten Gebildeten nicht verschmäht werden, Erwähnung zu thun, z. B. von dem Glauben an die Heilkraft noch unschuldigerer Geschöpfe, als die „Büßer“, nämlich von dem Glauben an die heilbringende Kräfte einer gewissen Gattung von Thieren, wie Turteltauben, Kreuzschnäbel, Meerschweinchen etc. Nicht selten hat man hier zu Lande Gelegenheit, in Häusern, in denen an Gicht oder Rheumatismus Leidende darniederliegen, derartige befiederte Hausärzte anzutreffen, die mit aller Aufmerksamkeit und Sorgfalt gepflegt werden. Wenn dann einmal eines dieser unschuldigen Geschöpfe zufälliger Weise mit Tod abgeht, so sagt man, es habe den gichtischen oder rheumatischen Krankheitsstoff an sich gezogen, und erklärt seinen Tod genialer Weise nicht für natürlich – das wäre zu gemein – sondern damit, daß es der Wucht des an sich gezogenen Krankheitsstoffes erlegen sei. Urplötzlich fühlt man wieder ein Reißen in allen seinen Gliedern, und man hat nun nichts Eiligeres zu thun, als um jeden Preis sich so bald wie möglich wieder einen solchen Hausarzt zur Stelle zu schaffen. Einen derartigen Hausarzt traf ich wider Erwarten unter Anderm einmal in der Wohnung eines Geistlichen. Nolens volens mußte ich dem gefiederten Unhold seinen rechtmäßigen oder nicht rechtmäßigen Platz gönnen, mußte mich in’s Unvermeidliche fügen und meinen befiederten Collegen mit im Rathe sitzen lassen.

Wenn schon die römischen Auguren aus dem Flug und der Bewegung der Vögel ihre gesammte Weisheit entlehnten, dachte ich für mich, warum sollte nicht auch ein einfacher Landarzt durch Haltung und Bewegung eines derartigen Geschöpfes eines Besseren belehrt werden? Dabei schien mich der kleine Gefiederte mit seinen klugen Augen mitleidsvoll anzublicken und mir beifällig zuzunicken. Doch glaubte ich es nicht unterlassen zu dürfen, dem Hochwürdigen zu einer so hochwichtigen Acquisition zu gratuliren und ihm zu verstehen zu geben, daß, so lange die Gesundheit des Hochwürdigen unter dem Einflusse einer solchen Naturkraft stände, dieselbe gewiß immer eine grund- und felsenfeste sein müsse; dabei erspare er das ärztliche Honorar, denn sein Hausarzt würde gewiß nie Miene machen, auch nur im Entferntesten ein solches zu beanspruchen. Auf diese etwas malitiös hingeworfenen Bemerkungen fuhr mich Seine Hochwürden ziemlich derb und bäuerlich grob an: „Ihr Mediciner seid alle Materialisten, Atheisten und Freigeister von Haus aus und glaubt nur an euere Naturkräfte und nie an die Hülfe Gottes, die doch das Wichtigste ist bei allen eueren Curen und ohne die ihr nichts seid.“ Ich entgegnete ihm, daß diese, die Naturkräfte, für jeden rationellen Arzt das oberste Gesetz und die Quelle für all’ sein Thun und Schaffen in der Praxis sein und bleiben werden und daß in dem richtigen Verständniß derselben und ihrer Wirkungen, sowie in ihrer richtigen und rechtzeitigen Anwendung die gesammte ärztliche Kunst begründet sei, daß wir uns aber nie dazu verstehen werden, an andere, als an Naturkräfte, an übernatürliche, namentlich aber nicht an sogenannte sympathetische oder an andere derlei für den Menschen unverständliche abergläubische Mittel zu glauben. Seine Hochwürden ließ sich trotz alledem durchaus nicht bewegen, den Glauben an die Heilkraft seines Günstlings in seinem Leiden aufzugeben, und behielt nach wie vor den Vogel wohlverschlossen im Käfig und wohl gepflegt in seiner unmittelbaren Nähe.

Der Aberglaube an ähnliche übernatürliche Kräfte ist im Volke in gewissen Gegenden, wo Hierarchie und Bureaukratie noch in voller Blüthe stehen, wo die Träger derselben dem Volke noch Alles in Allem sind und von diesem als die allein selig machenden Kräfte fast abgöttisch verehrt werden, von jeher tief eingewurzelt gewesen, und keine Aufklärung und keine noch so schlagende und gründliche Widerlegung ist im Stande, den Wahn auszurotten. Nur was von jeher beim Volke Sitte und Gebrauch war, was die Väter und Urväter für heilig gehalten, das ist ihm und bleibt ihm heilig, und jede Neuerung wird, auch wenn sie das Beste und Nützlichste für das allgemeine Wohl bezweckte, mit scheelen Augen angesehen und gleichsam als eine Störung in dem historischen Rechte auf seinen Besitz betrachtet. So ist es mit Allem und mit Jedem, auch auf dem Felde der ärztlichen Praxis.

Zur vollen Charakteristik der mißlichen ärztlichen Verhältnisse hier zu Lande muß nicht unerwähnt gelassen werden, daß nicht blos die Herren Apotheker selbst etwas Charlatanerie nicht verschmähen, sondern daß es auch jedem Privatmann erlaubt ist, Charlatan zu sein, nicht blos Medicamente für sich zu besitzen, sondern dieselben auch förmlich zum Verkauf für’s Publicum auszubieten. So verkauft Herr A. in dem Städtchen, in welchem ich meine Praxis auszuüben das Glück habe, Seidlitz-Pulver und Gastrophan für alle möglichen Fälle, für Magenkrankheiten und für Jung und Alt; Herr B. verkauft Augenwässer und Augsburger Pillen und giebt sie in allen möglichen Augenleiden und Unterleibsbeschwerden ohne Unterschied; Gevatterin C. verkauft einfache Krätzensalbe zu enormem Preise. Die Frau Hebamme nimmt es gar nicht genau, hat eine förmliche Apotheke von allerlei Kräutern und Theesorten, hat Abführ-, Brust-, Schweiß-, Camillenthee etc. nach Bedarf und hält allerhand Säftlein und Tränklein für die Kinder. Der Herr Apotheker X. nimmt es selbst nicht allzu genau und gewissenhaft, nimmt Kranke in ein förmliches Examen und expedirt dann auf’s Gerathewohl Medicamente aller Art ohne jede ärztliche Vorschrift und ohne Recept.

Wenn dies so fort geht, wenn Jedermann vom Lande das Recht hat, zu quacksalbern, das Publicum somit keinen Mangel an verschiedenen Heilkünstlern besitzt; wenn Jedermann das Recht hat, ungescheut und ungestraft Medicamente aller Art zu halten und zu verkaufen; wenn zwischen dem wissenschaftlich gebildeten Arzte und dem rohen Heilkünstler und Curpfuscher von Seite des Publicums kein großer Unterschied gemacht wird; wenn Kunst und Wissenschaft zu einem bloßen Gewerbe herabgewürdigt werden; wenn der Arzt nur dann und wann einmal an’s Krankenlager gerufen wird, auf dem der Kranke bereits in den letzten Zügen liegt, indem ihm der Tod schon auf der Zunge sitzt und alle menschliche Hülfe illusorisch ist; wenn der Doctor selbst in diesem Moment oft nur der sogenannten „Schande“, das heißt des Schamgefühls wegen, damit der Angehörige ja nicht wie das liebe Vieh aus der Welt scheide und damit es nicht heiße, er sei verdorben und ohne ärztliche Hülfe gestorben, an’s Krankenbett gerufen wird und allenfalls zu nichts Anderem nutz ist, als um sich hier als Zeugen beim Unterschreiben eines Testamentes verwenden zu lassen, oder dort bei der unaufschiebbaren Provision zu administriren, oder im schlimmsten Falle dem Patienten keinen anderen Dienst erweisen kann, als den, ein gutgemeintes letztes Vaterunser mit den Angehörigen für den Dahinscheidenden zu beten, um demselben, wie sich das Landvolk ausdrückt, „sein Sterbestündchen zu erleichtern“: so wird das ärztliche Personal auf dem Lande gar bald ganz und gar überflüssig, außer es müßte jetzt durch die Trichinenfurcht bei einigen Fleischern und Selchern wieder zu etwelchem Credit gelangen; denn auf dem Lande curirt Jeder nach seiner Art wie der Doctor Eisenbart.
Dr. D.
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Das Thierleben an der Eisenbahn.


Eine der interessantesten Erscheinungen der Neuzeit erkennen wir in der Art und Weise, wie die freilebenden Thiere sich dem heutigen Culturleben gegenüber verhalten. Wir sehen viele derselben den stillen grünen Wald, die friedlichen Fluren, wo früher Nahrungstrieb und ererbte Gewohnheit sie sich heimisch fühlen ließen, jetzt mit dem Aufenthalt in der Nähe der geräuschvollen modernen Schöpfungen vertauschen; hier suchen sie in ganz neuer Umgebung ihren Unterhalt und lassen sich sogar unter oft recht erschwerenden Umständen häuslich nieder. Dies Alles bietet viel Anziehendes, besonders dem Thierfreunde, welchem die Thiere alle eben nur „jüngere Brüder“ sind, mit Geist und Verstand von der Mutter Natur begabt so gut wie das sternenmessende aufrechtgehende Geschöpf, der Mensch.

Als allenthalben der Eisenbahnbau begann, sah mancher eifrige Jäger und Grundbesitzer mit verbissenem Groll auf die sein Besitzthum durchwühlenden Erdarbeiten, welche dem Dampfwagen einen Weg bereiten sollten. Blutenden Herzens schaute er den durch die Arbeiter und ihr reges Treiben verscheuchten Hühnern und Hasen nach; vor seinem Geiste stand schon das schreckliche Bild des Augenblicks, wo durch den einem Sturmwind gleichenden Bahnzug alles thierische Leben aus der Gegend hinweggefegt sein würde. Im Anfange war auch das schnaubende, dampfende Ungeheuer mit dem markerschütternden Schrei und den windschnellen Füßen eine schreckliche und beängstigende Erscheinung, welche die freien Thiere rasch in ruhigere Gefilde trieb. Aber gar bald erkannten die eingeschüchterten Thierseelen in dem schwarzen Riesenpferde mit seiner polternden Wagenreihe eine friedlich vorüberziehende Colonne, die regelmäßig kommt und geht und Niemandem Leid zufügt. So wurde dem anfangs fast gespenstischen Zuge durch die Gewohnheit nach und nach das Schreckhafte genommen. Die Locomotive versetzt heute selbst den Hasen in keine Aufregung mehr; ruhig liegt er in der nahen Ackerfurche und läßt den Zug ohne das geringste Zeichen der Angst vorübertoben, dann und wann hebt er höchstens den einen Löffel etwas empor, um sich zu vergewissern, ob der Lärm auch der wohlbekannte ist. Sehr häufig hat er sein Lager in den mit Gebüsch bewachsenen trockenen Bahngräben, wobei es sich zuweilen ereignet, daß der Locomotivführer einen Hasen, welcher sich in einem solchen Lager aufgerichtet hat und noch erregt und gestreckt dasitzt, zweifelhaft, ob er bleiben oder fliehen soll, mit den an der Seite der Maschine befindlichen Probirhähnen voll Wasser spritzt und dadurch natürlich in die eiligste Flucht treibt. Dies mögen indessen noch Junge sein oder Halberwachsene, denn die Alten wissen, wie bekannt, die Gefahren gut abzuschätzen und bleiben gewöhnlich ruhig liegen, es mag vorgehen was will, sobald es nur nicht ihrer Sicherheit zu nahe tritt. Die Dampfpfeife ist jedoch den zartbesaiteten Ohren Lampe’s stets ein unausstehlicher Klang geblieben und er ergreift fast immer sein Panier, wenn er, im Winde liegend, ihren scharfen Ton vernimmt.

Zur Zeit der Liebe, welche in allen Hasenherzen hoch empor zu flammen pflegt, besonders im Frühjahr, müssen freilich manche der Entbrannten ihr Leben auf der eisernen Schiene lassen, wenn sie in hitziger Verfolgung irgend einer Schönen nach ihrer Gewohnheit toll darauf losrennen, dann bei ihren Kreuz- und Quersprüngen auch auf die Bahn und unter die Räder eines Zuges gerathen. Oft büßen sogar zwei oder drei der edlen Krautjunker zusammen auf diese leichtsinnige Weise ihr Leben ein.

Nach dem Hasen verdient das Rebhuhn erwähnt zu werden, weil es, das Unglück des Hasen theilend, wie dieser einer eifrigen Verfolgung unterliegt und dadurch höchst scheu und furchtsam geworden ist; aber gerade das Rebhuhn benimmt sich in der Nähe der Bahnen und bei dem Nahen eines Zuges mit einer wahrhaft staunenswerthen Unbefangenheit, ja beinahe Dreistigkeit und übertrifft darin wohl alle zahmen Thiere, den Hund etwa ausgenommen. Es sieht allerliebst aus, so ein Völkchen Hühner zu beobachten, welches unmittelbar drei bis vier Schritt vor den Rädern der nahenden Maschine geschäftig über die Schienen trippelt, in den Bahngraben hinabläuft, hier ruhig stehen bleibt und seitlich gebogenen Halses die Wagen anschaut, bis der letzte vorüber ist. Oefters bemühen sie sich aber gar nicht einmal in den Bahngraben hinab, sondern rennen ungestört auf dem Nebengeleise weiter, als sei gar nichts vorgefallen. Im Winter, wenn die Fluren hoch überschneit sind und die Bahnstrecke allein, mit großer Anstrengung freilich, von den hemmenden Schneemassen freigehalten wird, sind diese Vorfälle tägliche und häufige Erscheinungen. In dieser Jahreszeit bevorzugen sie auch die stufenartigen Bahndämme und die Böschungen der Einschnitte, auf deren schiefen Flächen die schrägen, matten Wintersonnenstrahlen den Schnee zuerst wegwärmen und dadurch den hungrigen Thieren freie Stellen bieten, auf denen sie zugleich das wenige karge Futter finden. In den Einschnitten sitzen sie dann auf der vor dem Winde geschützten Seite mit aufgeblasenem Gefieder zusammengehockt, oder sie rennen auf den Terrassen hin, um Nahrung zu suchen.

Die vor Wind und Wetter schützenden Bahneinschnitte sind überhaupt der beliebte und gesuchte Aufenthalt nicht blos der Hühner, sondern auch der Hasen. In dem hohen Einschnitte zwischen Werdau und Zwickau in Sachsen in der Nähe der hölzernen Ueberbrückung hatte ein Hase im Winter sein Lager aufgeschlagen und ließ sich aus demselben selbst dann noch nicht vertreiben, als man von einem vorüberfahrenden Zuge aus mit Steinkohlen nach ihm warf.

Auch für diese Bevorzugung der Eisenbahnstrecken haben freie Thiere ihren guten Grund. Bekanntlich dürfen die Bahnpfade nur gegen besondere Erlaubniß und Erlangung einer Karte begangen werden, das Betreten und Erklettern der Böschungen und Dämme selbst aber ist so streng verboten, daß jeder Bahnwärter und Bahnbeamte überhaupt den Zuwiderhandelnden festzunehmen hat. Deshalb herrscht in unmittelbarer Nähe der Eisenbahnen eine gewisse Ruhe und Sicherheit und diese ist’s, die von den Thieren ausgenutzt wird. Eben darum befindet sich der Wurf der Hasen und das zahlreiche Gelege der Rebhühner nicht selten in dem hart an der Bahn wachsenden Gestrüpp und Gesträuch, und die beflaumten Jungen der letzteren sieht man öfters in dem Bahngraben dahinlaufen, kleinen gelben Kugeln vergleichbar.

Eine große Anzahl dieser unschädlichen kleinen Hühner finden alljährlich ihren Tod an den an der Eisenbahn hinziehenden Telegraphendrähten, und zwar besonders bei Nacht, in der Dämmerung oder bei Schneegestöber und Nebel, denn am Tage wissen sie den gefährlichen Drähten recht geschickt auszuweichen. Oft findet man die Glieder eines zahlreichen Volkes todt oder schwerverwundet am Boden liegen, die, in der Nacht von irgend einer Wahrnehmung aufgescheucht, ihr gerader schwirrender Flug an die straffen Drähte führte.

Das zutrauliche furchtlose Wesen der Hühner und der Hasen ist indeß nicht ohne Ausnahme; manche dieser Thiere gebehrden sich einem nahenden Zuge gegenüber so ängstlich und erschreckt, wie man es von ihnen kaum anders erwarten kann; diese Ausnahmen können jedoch nur von solchen Thieren herrühren, welche der Zufall das erste Mal mit der Bahn zusammenführte. So ereignet es sich wohl, daß ein Hase, der sich in dem mit saftigerem Grün bestandenen Bahngraben äßt, vor einem nahenden Zuge plötzlich schnell aufspringt und im Graben hin der brausenden Maschine zu entfliehen sucht. Natürlich wird er trotz aller seiner Anstrengungen eingeholt und springt nun, dadurch kopflos gemacht, gar über die Schienen und rennt auf der andern Seite im Graben weiter, freilich mit demselben Erfolge; endlich aber biegt er mit verzweifelten Sprüngen zur Seite aus, macht sich in langen Sätzen noch ein Stück davon, bleibt dann von Zeit zu Zeit sitzen, um zu äugen und auf den schnaubenden Verfolger zu lauschen, und drückt sich schließlich erschöpft in eine Vertiefung.

Vor Allem ist es aber ein Thier, welches sich nicht blos mit dem lärmenden Treiben auf den Eisenbahnen vollkommen ausgesöhnt, sondern auf ihnen sich wirklich eingebürgert hat, seine Wohnungen an und sogar unter dem Schienenweg anlegt, in den Bahnhöfen sein Wesen treibt und immer neue Colonien gründet. Es ist das wilde Kaninchen.

Auf mehreren Bahnhöfen Sachsens ist es recht häufig und hat hier gewöhnlich unter den aufgehäuften hölzernen Schienenunterlagen, den Schwellen, seinen Aufenthalt. Auch auf der Bahnstrecke selbst ist es zu Hause und hat sich daran und darin seine weitverzweigten Baue ausgegraben. Es bevorzugt die sandigen [42] Stellen und die Morgenseite und die Umgebung fruchtbarer Felder und Wiesen. An manchen Orten, wo diese Bedingungen zusammenkommen, wie in der Nähe von Altenburg bei dem Bahnwärterhause Nr. 33, hat es Ansiedlungen von ungewöhnlichem Umfange angelegt und wühlt hier schlimmer als der rotheste Umstürzler.

Im Gebirge sieht man es aber nicht mehr, wahrscheinlich erschwert ihm der felsige Boden, der harte Untergrund die Anlage seiner Wohnungen; vielleicht bevorzugt es auch aus Erhaltungstrieb die fruchtbare Ebene, denn in den flachen Gegenden von Leipzig bis Altenburg und bei Riesa an der Elbe bevölkert es die Bahnlinie am liebsten. Die verschiedenen Baue sind zwar nicht unmittelbar neben einander, sondern man trifft die nächsten Wohnungen erst in ziemlicher Entfernung wieder an, weil sich die Thiere bei Anlage derselben nach dem Boden und der leichteren Ernährung richten. Gleichwohl sind sie als ein fortlaufendes Ganze zu betrachten und als ein Product der Neuzeit, denn beim Baue der Eisenbahnen waren sie noch nicht da; sie haben sich indeß im Zeitraume von einigen zwanzig Jahren über meilenlange Strecken ausgebreitet und werden bei der Schwierigkeit der Jagd, der Klugheit des Thieres und bei seiner großen Fruchtbarkeit auch nicht so leicht eine Verminderung erfahren.

Da nun, wie schon gesagt, auf den von diesen Geschöpfen bewohnten Plätzen, an der Bahn selbst, eine gewisse Ruhe und Sicherheit herrscht, die längst gewohnten vorbeifahrenden Züge mit den herausschauenden Menschenaugen ihnen aber keine Unruhe verursachen, so zeigen sie sich auch hier ohne Scheu, besonders wenn sie viele Junge haben, obgleich sie bei aller Spielerei ihre Sicherheit nie aus den Augen lassen.

An schönen windstillen Sommermorgen, wenn die Strahlen der hochstehenden Sonne anfangen die Halmspitzen und Blumenkelche abzutrocknen und der frische grüne Rasen einladend jeder Creatur entgegenschwillt, sitzen sie mit steifen Ohren, hie und da von einer Schaar neugieriger Jungen umringt, vor ihren Eingangsröhren und lassen sich von der Morgensonne bescheinen, während es in den nächsten Sträuchern herumhüpft und von Kräutern und Aestchen nascht oder an ihnen herum schnüffelt. Endlich fangen sie an zu spielen und sich mit der ihnen eigenen Behendigkeit herumzujagen, während die ängstliche Frau Mama ruhig sitzen bleibt, äugt, lauscht und für die Sicherheit der munteren Schaar wacht. Plötzlich klopft sie rasch mehrere Male hintereinander mit den Hinterläufen auf den Boden und verschwindet, von einem verdächtigen Geräusch verscheucht, in der nahen kleinen Erdhöhle. Ihr folgen kopfüber die nahen Kleinsten und gleich darauf die ganze Schaar.

Aber bald schaut da und dort ein Kopf mit hellen Augen aus dem Erdboden und nicht lange darauf kommt Eins nach dem Andern zögernd hervorgekrochen, um das lustige Leben noch eine Weile fortzutreiben. Züge kommen und gehen und stören sie nicht, Rauchwolken hüllen sie ein, es beirrt sie nicht, höchstens flieht ein Junges, die Uebrigen setzen sich, wie man es an den zahmen Kaninchen häufig sieht, auf die Hinterbeine, nehmen den Kopf zwischen die Vorderpfoten und fangen an sich wieder abzuputzen und zu waschen. Dagegen werden sie vor einer menschlichen Gestalt, vor dem plötzlichen Pfiff der Locomotive und vor jedem ungewohnten Geräusch am vorbeifahrenden Zuge augenblicklich verschwinden. An manchen Orten führen die Baue unter der Bahn selbst hin; die Erschütterung, welche die kleinen Geschöpfe und ihre Wohnungen demnach auszuhalten haben, muß eine ganz gewaltige, nur mit einem Erdbeben zu vergleichen sein, hauptsächlich wenn ein langer Güterzug darüber fährt. Von diesen langsam gehenden Zügen lassen sich derartige Beobachtungen überhaupt viel häufiger und leichter machen, als von den mit weit größerer Schnelligkeit fahrenden Personenzügen. Der bedeutende Luftzug der letzteren verscheucht Alles und wirkt höchst störend. Wie gewaltig er oft ist, kann man am besten daraus sehen, daß Vögel, welche quer über den Zug hinwegfliegen wollten und in seinen Bereich kamen, auf die Wagen herabgerissen wurden; eine Bachstelze legte auf diese Weise einmal eine unfreiwillige Fahrt von zehn Minuten zurück, ehe es ihr glückte wieder davon zu fliegen. Die schwerfälligen Krähen meiden daher auch sorgfältig diesen Luftstrom; nur die fluggewandte Taube scheut ihn nicht.

Den Vögeln und den andern freilebenden Thieren geben auch die als Schneeschutz angepflanzten dichten Fichtenzäune in der rauhen Jahreszeit eine bequeme oft benutzte Herberge und sind überhaupt im Winter, namentlich im Gebirge, die bevorzugten Schlafplätze des Rothhänflings, des Birkenzeisigs (des sogenannten Tschätschers) und anderer nordischen Wintergäste, sowie die fortwährende Zufluchtsstätte des Feldsperlings, des Ammer u. a. m., im Sommer und Frühling aber die Brutplätze aller dichtes Gestrüpp liebender Vögel. Der dreiste Ammer sitzt oft unbeirrt um das Wagengerassel auf den Telegraphendrähten und läßt sich weder durch den Luftzug noch durch den Rauch im Vortrage seines einförmigen Liedchens stören.

Der klugen Saatkrähe darf hier auch nicht vergessen werden, denn sie fühlt sich zu manchen Zeiten fast unwillkürlich zur Bahn gezogen, und ihrer Neugierde ist es gelungen, den jetzigen Verkehrsanstalten einen ganz neuen Erwerbszweig abzugewinnen und eine Nahrungsquelle zu entdecken, die sogar den meisten Naturforschern noch unbekannt sein dürfte. Im Winter, wenn Schnee und Eis den sonst stets offenen Tisch der Natur selbst diesen pfiffigen Vögeln und Allesfressern unzugänglich gemacht haben und sie der Hunger in Städte und Dörfer treibt, sitzen die Saatkrähen an der Bahn auf den nächststehenden Bäumen, oder gehen mit wichtiger Miene, trotz nagendem Hungers, auf den benachbarten Feldern umher, den nahenden Zug mit größter Aufmerksamkeit betrachtend, wobei sie den Kopf in drollig neugieriger Weise zur Seite biegen und schelmische Blicke auf den kommenden werfen. Kaum ist aber der letzte Wagen an ihnen vorüber, so erhebt sich krächzend die schwarze Schaar und eilt mit hastigem Flügelschlag auf die wieder einsam gewordene Bahnfläche. Hurtig suchend hüpft sie auf den Schienen herum, oder geht, emsig spähend und mit dem Schnabel Alles ernsthaft untersuchend, an den Schienen hin und her, zuweilen einen Gegenstand aufhebend und verschlingend. Das Schütteln und Rütteln des Zuges mag hin und wieder ein Körnchen aus den Wagen fallen lassen oder durch einen kleinen Spalt gedrängt haben. Aber auch aus den Achsbüchsen wird zuweilen das darin befindliche Rüböl mit Schmutz vermischt herausgespritzt und geschleudert; die Kälte macht aus diesen Tropfen kleine zähe Kugeln, die das scharfe Auge der Krähe auf dem weißen Schnee entdeckt. Doch nur im Winter, wenn es nichts Besseres mehr giebt, verschlingt sie diese ölige Speise.

Die Schwester der Saatkrähe, die sogenannte Dohle oder Thurmkrähe, hat sich in den Viaducten und Brücken häuslich eingerichtet; die verschiedenen zur Lüftung und zum Wasserabfluß dienenden Maueröffnungen und Löcher sind ihre luftigen, schwer zugänglichen Wohnungen. So hatte sie unter Anderem in der Zschopaubrücke zwischen Waldheim und Döbeln in Sachsen und in der von den Preußen im letzten Kriege zerstörten Brücke bei Ostrau besonders zahlreiche Nester. Die Dohle umkreist jetzt nicht mehr allein die alten Kirchthürme und die zackigen Gipfel unserer ehrwürdigen Dome, auch um die schlanken Pfeilerbauten der kühngeschlagenen Eisenbahnbrücken schwingt sie sich leichten Fluges in anmuthigen Wendungen. Der Thurmfalk beginnt ebenso, in diesen von der ungeheuren darüber hinziehenden Last durchzitterten Bauten seinen Horst aufzuschlagen; die kühnen Segler der Lüfte sind herab in’s Thal gestiegen. Selbst die licht- und menschenscheue Eule hat die poesiereichen Burgreste und einsamen dunklen Schluchten verlassen, um in der vom geschäftigen Gewühl und Geräusch durchbebten und Abends hell erleuchteten Bahnhofshalle ein neues Leben zu führen.

Das gewiß auffällige Ereigniß einer solchen Eulen-Umsiedelung hat sich in Leipzig selbst zugetragen, und zwar auf dem bairischen Bahnhofe. Dort hatten sich die Sperlinge und auch die Tauben in dem Balken- und Fachwerke des Daches der großen Bahnhofshalle so zahlreich angesiedelt, daß sie den Passagieren durch ihren herabfallenden Unrath und den beständigen Lärm beschwerlich wurden und kein gegen die lustige Gesellschaft ergriffenes Mittel recht anschlagen wollte. Da erschien eines schönen Tages oder vielmehr eines Abends eine Schleiereule, siedelte sich fest an, bald war ein Paar zusammen und diese nächtlichen Häscher übten dann zusammen das Amt der heiligen Hermandad so nachdrücklich unter dem scandalsüchtigen Spatzenvolke aus, daß Ruhe und Friede wurde. Auch die Tauben, durch die gegen sie allnächtlich geführten blutigen Angriffe geängstet, zogen aus, und was von Sperlingen da blieb, retirirte in die unzugänglichsten Ritzen und Löcher. Der Horst dieser Raubvögel ist in dem südöstlichen Winkel der Halle, wo sie unter dem speciellen Schutze des thierkundigen Inspectors stehen. Dadurch ist es der Frau Eule auch möglich geworden, [43] zweimal jährlich zu brüten. Wenn sie Junge haben, kann man sich erst einen Begriff von der Thätigkeit dieser Thiere machen; fortwährend wird Beute zugetragen, was man beim Scheine der Gasflammen deutlich sehen kann; wenigstens ein halbes Schock Wirbelthiere, Mäuse, Spatzen, werden alle Abende herbeigeschleppt, und jeden Morgen liegt dann das Gewöll, d. h. die von den Raubvögeln durch den Schlund wieder herausgegebenen Feder-, Haar- und Knochenballen, in ziemlicher Menge auf dem Boden.

Wie sich die zahmen Thiere, die Hausthiere etc. in der Nähe der Eisenbahnen und der Züge oder während des Transportes benehmen, darüber läßt sich weniger sagen, weil die Bewegungen derselben meistens unfreiwillige sind und von dem Willen des Menschen abhängen, wie u. a. bei den Thiertransporten. Alle transportirten Thiere, als Rinder, Pferde, Schweine, Vögel etc. unterliegen dem ihnen fremden, aber erschlaffenden Eindrucke des Transportes regelmäßig und verbleiben meist in einer Ruhe, die aus Einschüchterung und Abspannung entspringt. Ausgenommen sind alle diejenigen, welche öfters befördert werden, so Reit- und Kutschpferde, Menageriethiere etc. Eine besondere Aufmerksamkeit verdienen die verständigen Hunde. Sie allein geben kein Befremden kund, sie begleiten ihren Herrn bis an den Bahnhof, an den Wagen und gehen dann wieder ruhig nach Hause. Mancher treue Hund will sich indessen damit nicht begnügen und glaubt, er könne wie bei einer Kutsche hinterdrein laufen, muß aber natürlich bald von diesem Vorhaben abstehen, obgleich auch Fälle vorgekommen sind, daß Hunde dem Zuge von einer Station zur anderen nachrannten und dann auf demselben Wege wieder heimkehrten.

Andere, wie die Hunde verschiedener Jäger, Jagdpächter und Fleischer, welche die Bahn oft benutzen, oder mancher Hundeliebhaber, die sich von ihrem treuen Thiere durchaus nicht trennen können und dasselbe stets auf der Reise bei sich haben, zeigen die ganze Sicherheit ihrer Herren, laufen selbst an den zu ihrem Aufenthalt bestimmten Hundekasten, warten dort, bis der Schaffner kommt und ihnen öffnet, springen hinein und fangen zu lärmen an, wenn ihnen an dem wohlbekannten Reiseziel nicht sogleich geöffnet wird.

Die Thiere, welche mit ihren Herren ihren Aufenthalt in der Nähe der Bahnen haben oder, wie Pferde und Ochsen, in ihrer Nähe arbeiten müssen, verlieren auch bald die anfängliche Scheu, so daß sie darin den wilden, freilebenden Thieren vollständig gleichen; ruhig sitzt die Katze vor dem Mäuseloche, dasselbe halb zugekniffenen Auges betrachtend, und der vorbeibrausende Zug stört ihre Aufmerksamkeit ebensowenig, wie sich die Kuh auf dem nächsten Felde nur im Geringsten im Fressen und Wiederkäuen stören läßt.

Der Fortschritt ist also auch unter den Thieren bemerkbar. Wie der Mensch gehen sie gleichgültig an den gewaltigsten Erfindungen der Neuzeit vorüber, wie der Mensch sind sie vertraut geworden mit dem schnaubenden Zeitgeist unserer Tage; es dürfte daher auch der Einfall eines Thierfreundes, wenigstens für die Hunde bei den Zügen verschiedene Classen einzuführen, damit der Neufundländer des ehrenwerthen Lords und der zarte Seidenhund der Cameliendame nicht mehr mit dem ordinären Spitz und dem rohen Zughunde zusammenfahren müssen, weil dieses denselben Mißklang gäbe, als wenn eine feine junge Dame in ein Coupé voll betrunkener, fluchender Matrosen geriethe, den ungetheilten Beifall aller Gerechten haben.




Das Haus mit den drei Leiern.
I.
Am großen Hirschgraben. – Die Wirthin zum Weidenhof. – Der Herr Rath. – Wolfgang als Tischdecker. – Satan und Adramelech. Der erschrockene Barbier. – Das Puppenspiel. – Der Königslieutenant. – Des Vaters Guckfenster. – Der Märchensessel. – „Räthin, er lebt!“ – Die verschiedenen Goetheportraits. – Der Mutter Frohnatur. – Schwester Cornelia. – Die Dichtermansarde.


Trotzdem daß man sich am 18. Juli 1866 bei Einstellung aller Eisenbahnzüge vom Süden aus nur mit einiger Gefahr und ungewöhnlichen Transportkosten nach der bis dahin „freien Reichsstadt“ Frankfurt begeben konnte, in welcher zwei Tage früher die siegreichen Preußen unter dem General von Falckenstein eingezogen

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Goethe’s Vaterhaus.

waren, standen wir doch gegen zehn Uhr Morgens auf dem großen Hirschgraben vor dem dreistöckigen mit einer Mansarde versehenen Giebelhause, dem „Hause mit den drei Leiern“, vor Goethe’s Vaterhause. Ich hatte zwei alten Freunden, Halliwell, einem der größten jetzt bekannten Shakespearekenner, und Professor Nicard aus Paris, bei ihrem Besuche, der sie zufällig bei mir in Deutschland zusammen führte, sogleich versprechen müssen, sie nach Frankfurt zu begleiten und ihnen als Führer besonders im Dichterhause zu dienen, denn für sie schwiegen selbst unter dem Waffengeräusch die Musen nicht.

Wir traten ein. Die Hausflur ist geräumig und hell; sie bot den Kindern des „Herrn Rath“ einen geräumigen Tummelplatz mit vortrefflichen Versteckplätzchen neben und unter der Treppe, unter deren schönem Acanthus-Tragsteine der Eingang zum Keller für den gewöhnlichen Haushaltungsgebrauch angebracht ist. Wie oft stieg die Frau Rath diese dunkle Treppe hinab, um für liebe Gäste, wie die Grafen Stollberg und Merck, für Karl August und Wieland und für alle die zahlreich herbeieilenden Sturm- und Dranggenossen des berühmten Sohnes, so lange er im Vaterhause weilte, das „Tyrannenblut“ heraufzuholen. Doch dürfen wir nicht die hohle Fallthür der Schrotstiege unmittelbar beim Eintritt in die Hausthür vergessen, über die Wolfgang, wenn er Abends nach der gemeinsamen Mahlzeit mit unerlaubtem Hausschlüssel sich hinausstahl und dann spät in der Nacht oder selbst gegen Morgen von seinen allzufrühe genossenen Schwärmereien heimkehrte, sich leise zur Treppe hinschleichen mußte, welche bis hinauf zu seinem Zimmer im Dachstocke führte.

An alle Oertlichkeiten dieses Hauses knüpfen sich bestimmte Vorgänge aus des Dichters Leben an; ist er doch selbst in „Dichtung und Wahrheit“ der beste Führer. „Die gute Großmutter“ väterlicher Seits, die frühere Wirthin zum Weidenhof, Cornelia, geborne Walter, kaufte nach dem Tode ihres zweiten Ehemannes Friedrich Georg Goethe aus Artern in der güldenen Aue, da ihr das Getriebe der Gastwirthschaft zu lästig geworden und sie nun ein ruhiges Hauswesen suchte, für sechstausend Gulden im November 1753 dem Schöff von Fleckenhamerischen Erben das Haus auf dem großen Hirschgraben ab, in dessen Keller auch die Weinvorräthe nach dem Verkauf des Weidenhofes zur Begründung des neuen Hausstandes gebracht wurden. Sie war es, die ihrem ältesten Enkel, dem sie später „gleichsam als eines Geistes, als einer schönen, hageren, immer weiß und reinlich gekleideten Frau, sanft, freundlich, wohlwollend im Gedächtniß geblieben“, zu Weihnachten 1753 „die Krone ihrer Wohlthaten“ und als „letztes Vermächtniß“ jenes Puppenspiel bescheert und vorgezeigt hatte, welchem das deutsche Volk des Dichters Vorliebe für die Bühne verdankt. Eine zweite Aufführung der Geschichte von Goliath und David erlebte sie freilich nicht, denn schon am 28. Mai 1754 starb sie über fünfundachtzig Jahre alt, und nun traf der Herr Rath Dr. Johann Caspar Goethe Vorbereitungen zum Umbaue des Hauses, namentlich des nach der Nordseite zu gelegenen Nebenhäuschens, das wirklich ganz abgerissen wurde. Bis zum Winter des nächsten Jahres war der Umbau vollendet. Er bewahrte, wie eingreifend die Veränderung auch war, Goethe’s Geburtshaus alle [44] früheren Theile und Einzelheiten, nur das in „Wahrheit und Dichtung“ so viel erwähnte Geräms, durch das man unmittelbar mit der Straße und der freien Luft in Verbindung kam, verschwand. Das erste und zweite Stockwerk erhielten anstatt der früheren fünf jedes sieben Fenster, während der Grundstock, mit der Thür genau in der Mitte, jeder Seits nur drei Fenster hatte. Vom Dache erhebt sich ein bedeutendes Zwerghaus, dessen Giebel noch zwei Stockwerke zeigt; im unteren die berühmte Dichter-Mansarde mit drei Fenstern.

Das große Zimmer im Erdgeschoß neben der Hausthür links, mit drei Fenstern gegen die Straße, war das „gewöhnliche Speisezimmer“. Hier deckte Wolfgang als Knabe, der Hausfrau und Magd zur Hand gehend, gelegentlich selber den Tisch; hier naschten die leichtfertigen Kinder die Süßigkeiten, mit welchen der französische Königslieutenant Graf Thorane sie zur Feier des

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Goethe’s Vater.

Siegs der Franzosen am Abende des Tags der Schlacht bei Bergen (13. Ostermonat 1759) für ihre Handküsse und Freudenbezeigungen belohnte. Hier ereignete sich der ergötzliche Vorfall, daß der arme Chirurgus, der am Samstag Abend im Winter den Vater bei Licht rasirte, über das „wilde, verzweifelnde Gespräch zwischen Satan und Adramelech“ – welches die für Klopstock’s „Messias“ begeisterten Geschwister, Wolfgang in der Rolle des Satan und Cornelia in der des Adramelech, erst heimlich vortrugen, dann aber laut „mit fürchterlicher Stimme“ die Worte: „O wie bin ich zermalmt!“ herausdonnerten – so erschrak, daß er dem Vater das Seifenbecken in die Brust goß.

In dem Erdgeschosse war auch die neue Küche mit der Speisekammer und dem Vorzimmerchen an der Stelle der ehemaligen geräumigen Wohnstube der guten Großmutter. Den Schlüssel zu der ihm noch geheimnißvollen Speisekammer fand an einem Sonntag Morgen Wolfgang stecken, öffnete das ihm bis dahin verschlossene Heiligthum, entdeckte in der Nähe so vieler lang gewünschter Glückseligkeit, gedörrter Aepfel und Zwetschen, das dort aufbewahrt gewesene Puppenspiel der guten Großmutter und rettete die geschriebene Komödie von David und Goliath hinauf auf seine Dachkammer. Bald erschlossen sich dem Knaben bei der Mutter Entdeckung die Geheimnisse des Puppenspiels, die er von nun an mit Altersgenossen selbst zu üben suchte, bald auch von Erwachsenen ausüben sah.

Die drei vorderen Zimmer des ersten Stockes, zu denen man auf einer breiten prächtigen Treppe gelangt, waren die „schönen Zimmer“, die der Herr Rath als Prachtzimmer seines wohlbestellten Hauses nach und nach einrichtete. Das mittlere mit vier Fenstern war das Gemach, welches sich im Schneemonate 1759 der Königslieutenant Graf Thorane als „Staats- und Empfangszimmer“ herstellte. Auf dem zu dem Zimmer führenden Vorplatze ereignete sich auch der Zusammenstoß des Herrn Rath mit dem Grafen Thorane, welcher für das ganze Haus so leicht hätte verhängnißvoll werden können. Der für die deutsche Sache begeisterte Herr Rath war am Abende des Tags der Schlacht bei Bergen durch den Anblick der „verwundeten und gefangenen Landsleute“ ganz aus der „gewöhnlichen Fassung“ gekommen und mußte, indem er vom zweiten Stock in das Erdgeschoß zum Essen herabstieg, unmittelbar an des Grafen Zimmer vorbei. Der Vorsaal stand so voller Leute, daß der Graf, um Mehreres auf einmal abzuthun, sich entschloß herauszutreten, und dies geschah leider in dem Augenblicke, als der Vater herabkam. Der Graf ging ihm heiter entgegen, begrüßte ihn und sagte:

„Ihr werdet uns und Euch Glück wünschen, daß diese gefährliche Sache so glücklich abgelaufen ist.“

„Keineswegs,“ versetzte der Vater mit Ingrimm, „ich wollte,

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Die Frau Rath.

sie hätten Euch zum Teufel gejagt, und wenn ich hätte mitfahren sollen!“

Der Graf hielt einen Augenblick inne, dann aber fuhr er mit Wuth auf. „Dieses sollt Ihr büßen!“ rief er. „Ihr sollt nicht umsonst der gerechten Sache und mir eine solche Beleidigung zugefügt haben!“

Wie das von dem in Wuth gerathenen Königslieutenant drohende Gewitter durch des Hausfreundes Rath Schneider kluge Vermittelung glücklich abgeleitet wurde, hat uns Goethe gleichfalls in Wahrheit und Dichtung ausführlich erzählt.

Von dem obern Vorplatz, von dem Goethe sagt, daß er recht gut hätte ein Zimmer sein können, wo auch „die Kinder stets die gute Jahreszeit zubrachten“, konnte man die Aussicht über die Gärten bequem genießen. Dieser zweite Stock war vom Hausherrn und der Hausfrau bewohnt. Der Erstere hatte in dem nördlichsten der drei nach vorn gerichteten Zimmer seine Arbeits- und Studirstube eingerichtet und das „Guckfenster“ in der Brandmauer anbringen lassen, welches den heranwachsenden Wolfgang mehr als einmal veranlaßte, Morgens bei der Heimkehr von nächtlichen Schwärmereien einen Umweg zu nehmen, um, gegen die Blicke des wachsamen, strengen Vaters aus den oberen Zimmern durch die Ueberhänge des Hauses geschützt, von der Südseite her die Hausthür zu erreichen. In diesem Zimmer, wo auch die väterliche Büchersammlung, in Franz- und Halbfranzbänden, in Ordnung aufgestellt war, erhielt Wolfgang des Vaters Unterricht und mußte unter seinen Augen arbeiten. Das schöne dreifenstrige Mittelzimmer, zum Empfange bestimmt, war das „Gemäldezimmer“ genannt und der Kunst geweiht. Da hingen an den Wänden in schwarzen, mit goldenen Stäbchen verzierten Rahmen die Oelbilder der Frankfurter Maler, ländliche Gemälde von Hirth, Feuersbrünste in Rembrandt’s Manier von Trautmann, Rheingegenden von Schütz, Blumen- und Fruchtstücke, wie Stillleben [45] in niederländischer Weise von Junker und später die schönen Bilder von Seekatz aus Darmstadt. Das südliche zweifenstrige Zimmer vornheraus war die Stube der Frau Rath, in welcher der „grüne Sessel“ stand, auf dem die Mutter Abends, wenn sie erzählte, zu sitzen pflegte und der darum der „Märchensessel“ genannt wurde. Es war die gediegene, wohlhäbige Einrichtung eines hochgebildeten und angesehenen Bürgers, „eine schöne anmuthige Wohnung, in welcher werthvolle Kunstgegenstände mit Geschmack die Zimmer verzierten“. Das hintere Zimmer, welches an die Stube der Frau Rath sich anschließt, mit zwei Fenstern in den Hof, war das Schlafzimmer der Eltern, derselbe Raum, in welchem Wolfgang zuerst das Licht der Welt erblickte.

Hier gebar am 28. August 1749 genau um die Mittagsstunde die kaum achtzehnjährige Katharina Elisabetha, des kaiserlichen Raths und Stadtschultheißen Johann Wolfgang Textor

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Bettina Brentano, „das Kind“.

blühende Tochter, welche mit ihrem Sohne nach ihren eigenen Worten „nicht so weit auseinander war“, ihrem Gatten, der von Kaiser Karl dem Siebenten zum wirklichen Rath ernannt worden, das erste Kind, den Sohn Johann Wolfgang, der in einer „übergroßen von Nußbaum mit Elfenbein und Ebenholz eingelegten Wiege“ geschaukelt wurde, die man noch lange nachher in einem Dachkämmerchen aufbewahrte. Ihm folgten noch fünf andere Geschwister, zwei Knaben und drei Mädchen, von denen nur die älteste, seine geliebte Schwester Cornelia (geboren am 7. Decbr. 1750) am Leben blieb, die anderen aber alle in frühester Kindheit starben. Das Wochenbett der Frau Rath, in welchem sie den zur Welt brachte, als dessen Mutter sie fort und fort genannt werden wird, hatte blaugewürfelte Vorhänge. Drei Tage bedachte sich der Erwartete, bevor er an das Licht der Welt kam, und machte der Mutter schwere Stunden. Aus Zorn, daß ihn die Noth aus dem eingeborenen Wohnorte trieb, und durch die Mißhandlung der Hebamme kam er ganz schwarz und ohne Lebenszeichen auf die Welt. Sie legten ihn in einen sogenannten Fleischarden und bäheten ihm die Herzgrube mit Wein, ganz an seinem Leben verzweifelnd. Die Großmutter aber stand hinter dem Bette und als er zuerst die Augen aufschlug, rief sie hervor: „Räthin, er lebt!“ So erzählte die glückliche Mutter in ihrem fünfundsiebenzigsten Jahre „dem Kinde“ Bettina, und fügte hinzu:. „Da erwachte mein mütterliches Herz und lebte seitdem in fortwährender Begeisterung bis zu dieser Stunde.“

„Wie verschieden sind doch die Portraits, die man von Goethe besitzt!“ sagte mein englischer Freund. „Welche Wandlungen des Antlitzes bei allem Grundtypus in diesen Bildnissen! Bald sind sie idealisirt; unter diesen die Büste, welche Trippel 1786 in Rom modellirte und die uns ein wahres antik-ideales Apolloantlitz vorführt. Wie treten uns dagegen die beiden im höchsten Lebensalter gemalten Portraits von Stieler in München und von Jagemann in Weimar (letzteres im achtzigsten Lebensjahre) in ihrer einfachen Natürlichkeit menschlich entgegen! Welches halten Sie für das ähnlichste Jugendportrait Goethe’s?“

„Das Originalgemälde, welches Georg Melchior Kraus, Director des freien Zeicheninstitutes in Weimar, mit dem Goethe seit seinem Aufenthalt in Ems in freundlicher Berührung stand, in treuer, natürlicher Auffassung ein Jahr nach seinem Eintritt in Weimar dort in des Dichters siebenundzwanzigsten Lebensjahre malte, wofür auch die beiden Umstände sprechen, daß sich das Originalgemälde bei dem Tode der Frau Rath Goethe 1808 in deren Nachlaß vorfand und Nicolai danach einen Stich von Chodowiecki schon in der ‚Allgemeinen deutschen Bibliothek‘ im ersten Stück des neunzehnten Bandes 1776 mittheilte. Ich ziehe dieses eben wegen seiner realistischen Wahrheit dem bekannten,

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Goethe’s Schwester.

eleganter aufgefaßten Oelgemälde von May vor, welches den Dichter im neunundzwanzigsten Lebensjahre vorstellt. Auffallend im hohen Grade ist die Aehnlichkeit der Großmutter Goethe’s mütterlicher Seits, der Frau Anna Margaretha Textor, gebornen Lindheimer, mit ihrem Enkel in seinem hohen Alter, wenn man ihr Bild mit denen Goethe’s von Jagemann und Stieler vergleicht.“

Die Züge des ernsten, rechtskundigen Vaters, der schon am 27. Mai 1782 starb, von dem der Dichter selbst sagt: „Vom Vater hab’ ich die Statur, des Lebens ernstes Führen,“ machen sich in den Gesichtsformen Goethe’s entschieden geltend. Lavater bezeichnete des Vaters Bild in seinen physiognomischen Fragmenten sehr richtig mit den Worten: „Hierzu ein sinnlich ähnliches Bild des vortrefflich geschickreichen, Alles wohlordnenden, bedächtlich und klug anstellenden, aber auf keinen Funken dichterischen Genies Anspruch machenden Vaters des großen Mannes.“ Er hatte seinem Sohne eine feste Grundlage des Wissens und scharfer, positiver Forschung durch seine Erziehung gegeben. Das dichterische Genie und den unverwüstlichen Frohsinn hatte Goethe von der nur achtzehn Jahre älteren Mutter ererbt, was auch der Dichter in jenen bekannten beiden Verszeilen so realistisch bestimmt ausspricht. Ich habe „vom Mütterchen die Frohnatur, und Lust zu fabuliren.“ Die unvergängliche Heiterkeit und Frische prägt sich auch so entschieden in dem Antlitz der Mutter aus, deren Oelbild die Schwiegertochter, Frau Ottilie von Goethe, einer Frankfurter Freundin der Frau Rath später verehrte. Auf dieser breiten Stirn, welche die etwas kokette Haube umschließt, thront ewiger Sonnenschein. Ihr Gesichtsausdruck war der des Dichters; jedes Wort, das ihr aus dem Munde ging oder das sie der Schrift anvertraute, dringt so ursprünglich, frisch und ergötzlich aus ihrem reichen lieben Gemüthe hervor.

Wie spricht sie über sich selbst von der Leber weg, diese herrliche [46] Frau, die sich mit ihrem lieben Wolfgang immer so gut vertrug! „Von Person,“ so charakterisirt sie sich in einem Briefe selbst, „bin ich ziemlich groß und ziemlich corpulent, habe braune Augen und Haare und getraute mir die Mutter von Prinz Hamlet nicht übel vorzustellen. Viele Personen, wozu auch die Fürstin von Dessau gehört, behaupten, es wäre gar nicht zu verkennen, daß Goethe mein Sohn wäre. Ich kann das nun eben nicht finden, doch muß etwas daran sein, weil es schon so oft ist behauptet worden. Ordnung und Ruhe sind Hauptzüge meines Charakters; daher thue ich Alles gleich frisch von der Hand weg, das Unangenehmste immer zuerst und verschlucke den Teufel (nach dem weisen Rath des Gevatters Wieland), ohne ihn erst lange zu begucken; liegt dann Alles wieder in den alten Falten, ist alles Unebene wieder gleich, dann biete ich dem Trotz, der mich in gutem Humor übertreffen wollte.“ Wie sie mit der Welt umgeht und mit ihr auf’s Beste auskommt, das sagt sie in einem anderen Briefe, der auch wieder so geschrieben ist, wie sie gesprochen haben würde, frisch von der Zunge weg. „Ich habe die Gnade von Gott, daß noch keine Menschenseele mißvergnügt von mir weggegangen, weß Standes, Alters und Geschlechts sie auch gewesen ist. Ich habe die Menschen sehr lieb und das fühlt Alt und Jung, gehe ohne Prätensionen durch die Welt und dies behagt allen Erdensöhnen und Töchtern, bemoralisire Niemand, suche immer die gute Seite auszuspähen, überlasse die schlimme dem, der die Menschen schuf und der es am besten versteht, die Ecken abzuschleifen, und bei dieser Methode befinde ich mich wohl, glücklich und vergnügt.“

Können wir nicht mit dem Dichter sagen: das war eine Frau, die es verstand, „resolut zu leben“, und „Meine Mutter stets heiter und froh, Andern das Gleiche gönnend“?

Nun tritt uns die vierte Insasse in Goethe’s Vaterhaus entgegen, die einzige geliebte Schwester Cornelia, mit der er Leiden und Freuden im Hause bis zu deren Verheirathung mit dem Jugendfreunde Johann Georg Schlosser am 1. November 1773 theilte, die aber schon leider am 8. Juni 1777 zu Emmendingen in Baden frühe starb. Sie war es, die ihm für sein Puppenspiel eine Garderobe verfertigte, die Puppen aus- und ankleidete, der er seine kleinen Herzensangelegenheiten, wie auch sie ihm, seine Liebes- und andere Händel mittheilte, die ihn mit der Mutter tröstete, als er von dem Vater über „Gretchens Geschichte“ Stubenarrest erhielt, die ihm entschieden rieth, die Verlobung mit Lilli aufzulösen, die ihn zwang, seine Schöpferkraft auf Götz von Berlichingen zu beschränken und in vier Wochen das Erstlingswerk zu vollenden. Mit Einem Worte, die Vertraute seines Herzens und Geistes, die er selbst am rührendsten in seiner „Wahrheit und Dichtung“ verherrlicht hat. Aber außer dem literarischen Portrait besitzen wir von dem dankbaren Bruder auch eine Bleistiftzeichnung (aus dem Nachlaß von Friederike Oeser in Leipzig), welche er auf den breiten Rand eines Correcturbogens des Götz im Jahre 1773, also kurz vor der Verheirathung seiner Schwester, hingeworfen hatte. Die Aehnlichkeit der beiden Geschwister war so groß, daß man sie in früheren Jahren für Zwillinge hielt; allein die stark ausgesprochenen Formen gaben später dem Gesichte der Schwester etwas Schroffes und Herbes, wie auch dem Ausdruck des Gesichts Freiheit und Sicherheit fehlte. Dazu kam noch jener unvortheilhafte Kopfputz, welcher dem Bruder mit Recht so sehr mißfiel.

„Sie war,“ so beschreibt er seine Schwester, „groß, wohl und zart gebaut und hatte etwas natürlich Würdiges im Betragen, das in eine angenehme Weichheit verschmolz. Die Züge ihres Gesichts, weder bedeutend noch schön, sprachen von einem Wesen, das weder mit sich einig war, noch werden konnte. Ihre Augen waren nicht die schönsten, die ich jemals sah, aber die tiefsten, hinter denen man am meisten erwartete und, wenn sie irgend eine Neigung, eine Liebe ausdrückten, einen Glanz hatten ohne Gleichen; und doch war dieser Ausdruck eigentlich nicht zärtlich, wie der, der aus dem Herzen kommt und zugleich etwas Sehnsüchtiges und Verlangendes mit sich führt; dieser Ausdruck kam aus der Seele, er war voll und reich, er schien nur geben zu wollen nicht des Empfangens zu bedürfen. Was ihr Gesicht aber ganz eigentlich entstellte, sodaß sie manchmal wirklich häßlich aussehen konnte, war die Mode jener Zeit, welche nicht allein die Stirn entblößte, sondern auch Alles that, um sie scheinbar oder wirklich, zufällig oder vorsätzlich zu vergrößern. Da sie nun die weiblichste, rein gewölbteste Stirn hatte und dabei ein paar starke schwarze Augenbrauen und vorliegende Augen, so entstand aus diesen Verhältnissen ein Contrast, der einen jeden Fremden für den ersten Augenblick wo nicht abstieß, doch wenigstens nicht anzog. Sie empfand es früh, und dies Gefühl ward immer peinlicher, je mehr sie in die Jahre trat, wo beide Geschlechter eine unschuldige Freude empfinden, sich wechselseitig angenehm zu werden.“ Dafür schloß sie sich aber desto inniger als Seelenvertraute an ihren Bruder an. „Ihre Neigung,“ fährt Goethe fort, „wendete sich desto kräftiger zu mir. Der Fall war eigen genug. So wie Vertraute, denen man ein Liebesgeständniß offenbart, durch aufrichtige Theilnahme wirklich Mitliebende werden, ja zu Rivalen heranwachsen und die Neigung zuletzt wohl auf sich selbst hinziehen, so war es mit uns Geschwistern, denn indem mein Verhältniß zu Gretchen zerriß, tröstete mich meine Schwester um desto ernstlicher, als sie heimlich die Zufriedenheit empfand, eine Nebenbuhlerin losgeworden zu sein, und so mußte auch ich mit einer stillen Halbschadenfreude empfinden, wenn sie mir Gerechtigkeit widerfahren ließ, daß ich der Einzige sei, der sie wahrhaft liebe, sie kenne und sie verehre.“

Wir hatten uns jedoch schon zu lange in diesen Räumen verweilt; ich trieb daher die Freunde an, die breite Treppe, die von da an nicht mit Eisengitter, sondern mit einem hölzernen Geländer von geringelten und bauchig gedrehten Säulen versehen ist, zum dritten Stocke, dem ersten Dachstock oder, wie ihn Goethe nach damaliger Redeweise nannte, „Mansard“, hinaufzusteigen, wo sich das echte Heiligthum, das Giebelzimmer Wolfgang’s, befindet. –

Nicht die Dachstube im Hinterflügel ist das weltberühmte Gemach, wo der Dichter seine Jugendträume träumte, seine ersten Kunstversuche übte, als Jüngling den Götz und Werther, wie andere seiner Sturm- und Drangdichtungen gedichtet und den Besuch der geistigen Mithelden seiner Zeit empfangen hat. Bettina, die sich als Kind und bei Lebzeiten der Frau Rath nie um Goethe’s Vaterhaus bekümmert, hat um so mehr zu diesem Irrthum beigetragen, als sie gerade dieses Dachstübchen im Hinterflügel, mit seiner nüchternen Aussicht auf die Krönung der Brandmauer des südlichen Nachbarhauses mit seinem Schornstein und einem durch dieses Bild berühmt gewordenen „Gückelhahn“, der jetzt auf einer gegenüberstehenden Garküche sich herumdreht, als Vorblatt zu ihrem erdichteten „Briefwechsel Goethes mit einem Kinde“ in die Welt gesandt hat. Das echte Heiligthum ist vielmehr das Giebelzimmer im Dachstocke nach der Straße zu, welchem die drei Fenster als dem geräumigsten angehören und das noch je ein Nebenzimmer hat, welche mit demselben durch Thüren verbunden sind. In diesem großen Giebelzimmer, das gegen die Morgensonne liegt, reifte der Knabe zum Jüngling und der Jüngling zum Mann heran. Es war dem Knaben alsbald nach dem Umbaue eingeräumt worden, und so beschaffen, daß der bereits weltberühmte Sohn eines hoch angesehenen Hauses nicht allein als ausübender Sachwalter in demselben hausen, sondern auch die Besuche der gefeiertsten Männer auf demselben empfangen konnte. In seiner Knabenzeit war es in höchster Einfachheit eingerichtet, wurde aber später gewiß schöner ausgeschmückt.




Blätter und Blüthen.


Die kleine Schwäbin. In einer entlegenen Winkelgasse der großherzoglichen Hauptstadt Carlsruhe stand im Jahre 1811 ein Häuschen; das an Armuth, Alter und Gebrechlichkeit sich vor allen andern der ganzen Nachbarschaft auszeichnete. Schon ein halbes Jahrhundert peitschte der Sturm den Regen durch das zertrümmerte Doch, indeß die morsche graue Mauer, auf Balken gestützt, sich immer tiefer und tiefer zur Erde senkte, dem greisen Bettler gleich, der sich auf Krücken bis zum Rande seines Grabes schleppen muß. Und wie die Schlangen Zeit und Zerstörung die kalten Steine des Hauses benagten, so nagten die Nattern Elend und Noth an den warmen Herzen seiner Bewohner.

In dem einzigen bewohnbaren Zimmer des alten baufälligen Hauses saß eine arme kranke Mutter im Kreise ihrer weinenden Kinder. Der Tod hatte ihnen den Gatten und Vater, den Ernährer geraubt und das letzte Stückchen Brod, das er verdiente, hatte die Wittwe mit der zärtlichsten Mutterliebe nach und nach unter die armen Waisen vertheilt. Heute, das heißt an dem Tage, von welchem wir sprechen, hob die alte Frau das thränenfeuchte Auge zum Himmel empor und seufzte leise: „Herr, erbarme dich unser!“ denn außer Gott, der die Raben füttert, hatte sie keinen Freund mehr auf der großen weiten Erde. „Erbarme dich unser, barmherziger Vater im Himmel, und sende uns den Schutzgeist aller Wittwen und Waisen!“ [47] Da öffnete sich plötzlich die Thür und lustig und lebendig sprang ein kleiner blondgelockter Engel in die Hütte.

„Grüß’ Gott, Mütterle! Grüß’ Gott, Kinderle!“ schwäbelte der kleine blonde Liebesgott.

„Willkommen, willkommen, Malchen!“ jauchzte die arme verlassene Familie, und der kleine liebe Gast hauchte aus seinem Rosenmündchen wieder die Farbe des Frohsinns und der Hoffnung auf die blassen Wangen der Unglücklichen. Nach der ersten kindlichen und herzlichen Begrüßung drehte das muntere Malchen ein wenig das Köpfchen, und das kluge Auge erkannte gar bald den mageren Schmalhans, der hier Küchenmeister war. Aber sie that nicht dergleichen, sie scherzte und lachte und verleugnete aus Zartgefühl ihre Theilnahme an dem Elend, das hier seine Geißel schwang. „Apropos, Mütterle,“ sagte endlich die kleine pfiffige Schwäbin, indem sie der Wittwe eine Börse in die Hand drückte, „Väterle hat mi herg’schickt, daß ich’s letzte Monatsgeld zahlen soll, das er Herrn Selbach schuldi bliebe ischt.“

„Das ist ein Irrthum, Malchen,“ antwortete Mutter Selbach, „Herr Morstädt hat meinem seligen Gatten jede Sing- und Musikstunde täglich honorirt, und es wäre unredlich, wenn –“

Aber Malchen stampfte zornig mit den kleinen Füßen, spielte so natürlich die Gekränkte und log so meisterhaft, daß die Matrone die sechs blanken Thaler nicht mehr zurückzuweisen wagte, sie als unverhofftes und willkommenes Erbe ansah und gerührt den Schutzgeist küßte, den ihr Gott gesendet. Das kleine Lügenmaul sprang lachend zur Thür hinaus und stolperte blindlings über die Schwelle – und einem bildhübschen jungen Herrn in die Arme.

„Ei, ei,“ rief dieser lachend, „welch’ einen niedlichen Vogel ich da gefangen habe!“

Es war der reichbegabte, jugendliche Schauspieler Neumann, der einige Jahre später wirklich diesen niedlichen Vogel fing.

„Was hat Sie denn so heiter gestimmt, liebes Malchen?“

„Ach, ‘s ischt nit immer schön Wetter, wenn d’ Sunn scheint. Ich lach’, aber das Weine steht mir näher, als das Lache, lieber Herr Neumann. In welcher Noth, in welchem Elend hat mein guter Selbach seine arme Familie zurück’lasse!“

„Selbach? Der wackere Tonkünstler Selbach, der Herrn Morstädt’s hübsches Töchterlein zu einer so wunderbaren Nachtigall gebildet?“

„Ach, spaße Se nit und denke Se e bisle nach, wie der armen Wittwe z’ helfe wär’,“ sagte bittend Amalie. „Baue Se sich eine Stufe in’s Himmelreich, lieber Herr Neumann.“

„Was können wir thun, mein Kind? Vielleicht in einem Benefiz für die Armen –“

„Ja, ja, in einer Benefici!“ rief freudig in die Hände klatschend das niedliche Kind. „Aber warum in einer Benefici für die Armen? Warum spielt Ihr nicht lieber für einen Armen, als für Viele? Dem einen Armen könnt Ihr helfe und vielleicht das Lebensglück seiner ganzen Familie gründe, aber viele Arme haben nix als höchstens ein paar Gerstenkörnle mehr in der Supp’ von solcher Benefici.“

„Denn mehr als ein paar Gerstenkörnle bleiben gar oft im Kessel der Administration,“ ergänzte lachend der Schauspieler. „Nun, ich will Ihr barmherziger Bruder sein, meine kleine, schöne, barmherzige Schwester, denn wir müssen uns Beide miteinander die Stufe in das Himmelreich erbauen.“

„Miteinander?“ fragte Malchen mit großen Augen.

„Ja, Arm in Arm mit Dir, so fordr’ ich mein Jahrhundert in die Schranken! Eilen Sie nach Hause, mein Kind! Ich folge Ihnen auf der Stelle als Ambassadeur Apollo’s, um für seinen Tempel eine wunderniedliche Novize zu werben und mir den Kuß der Musen zu verdienen als süßen Dank.“

„Auch e Kuß von mir, wenn das schöne Werk gelingt!“ rief die kleine Nachtigall, indem sie dem Vogelsänger entflatterte und nach ein paar Minuten lustig in ihren Käfig sprang.

Und das schöne Werk gelang vollkommen! Herr und Madame Morstädt erlaubten ihrem zehnjährigen Töchterchen Amalie, zum Besten einer armen Wittwe im großherzoglichen Theater den „Oberon“ zu spielen in der Oper gleichen Namens von Kranitzky. Eine zum Herzen sprechende Stimme, ein wunderbares Darstellungstalent und eine Gestalt wie „Gebild aus Himmelshöh’n“ vereinten sich, dem holden Elfenkönig eine glorreiche Regierung zu sichern. So führten die Genien Kunst, Liebe und Barmherzigkeit Amalie Neumann-Heitzinger und drückten ihr schon als Kind die Blumenkrone auf das blonde Lockenköpfchen.

Der reizenden Jungfrau, dem blühenden Weibe spendeten sie den duftenden Rosenteppich auf der dornenvollen Bahn des Lebens, und wer jetzt, nach einem halben Jahrhundert, die noch immer heitere und liebenswürdige Künstlerin mit alter schwäbischer Herzlichkeit das Gute und das Schöne befördern sieht, muß mit ihrem großen Landsmann singen:

„Ehret die Frauen, sie flechten und weben
Himmlische Rosen in’s irdische Leben.“




Schriftstellerischer Schwindel. Freifrau von N., in einer süddeutschen Stadt wohnhaft, erhielt im vorigen Herbst franco ein Paket mit einem Brief folgenden originellen Inhalts:

„Gnädigste Frau! Das rege Interesse, welches Ihr seliger Herr Gemahl stets für die Geschichte und die Machtentwickelung unseres deutschen Vaterlandes hegte, hatte schon seit Jahren in mir den Wunsch erweckt, demselben ein von mir herausgegebenes vaterländisches Geschichtswerk widmen zu dürfen. Die Herausgabe des beifolgenden Werkes hat sich leider um einige Jahre verzögert und Ihr hochgeehrter Herr Gemahl ist nach Gottes unerforschlichem Rathschluß inzwischen nach einem wirkungsreichen Leben in die Ewigkeit abgerufen worden. Ist es mir somit auch nicht mehr vergönnt, ihm selbst meine Schrift überreichen zu können, so will ich doch, gnädigste Frau, dieselbe Ihrer gütigen Durchsicht unterbreiten und bitte ich Ew. Hochwohlgeboren, dieselbe als ein Zeichen meiner aufrichtigen Verehrung für Sie gütigst von mir anzunehmen.

Die Grafen und Freiherren von N. widmeten sich in den letzten Jahrhunderten mit besonderer Vorliebe dem Kriegsdienst, in welchem sie mehrmals die höchsten Chargen bekleideten und manche von ihnen auf den berühmtesten Schlachtfeldern Europa’s geblieben sind. Obwohl Ihr hochgeehrter Herr Gemahl nicht dem Militärstande angehörte, hat er doch stets ein reges Interesse für die Kriegsgeschichte unseres Vaterlandes, insbesondere derjenigen Zeit gehegt, welche mein Buch behandelt. Es hatte dies wohl mit darin seinen Grund, weil sich der Großvater Ihres Herrn Gemahls in jener Zeit nicht unwesentliche Verdienste um unser Vaterland erworben hatte. Ich habe nicht verfehlt, dies in meiner Schrift anerkennend zu erwähnen, und darf ich wohl hoffen, daß mein Buch auch für Sie, gnädigste Frau, nicht ohne jegliches Interesse sein wird. In dieser Voraussetzung habe ich mir erlaubt, mein Buch Ihrem Herrn Sohne G ..… zuzueignen, der, obgleich erst im sechszehnten Lebensjahre stehend, dennoch ein lebendiges Verständniß für die Geschichte jener ewig denkwürdigen Zeit von 1805 bis 1816 besitzt. Zwar werden Ew. Hochwohlgeboren schon ein Werk über die Geschichte jener Zeit besitzen, wohl aber noch keines, in welchem Ihrer hochgeehrten Familie und deren Verdienste anerkennend Erwähnung geschieht. Es sollte mich daher freuen, wenn Sie meine Schrift Ihrer eingehenden Prüfung unterziehen würden.

Obgleich die großen Ereignisse der gegenwärtigen Tage unser Interesse fast ausschließlich in Anspruch nehmen, so ist doch gerade die Geschichte von 1805 bis 1816 für unsere jetzige Zeit so bedeutungsvoll, da nur aus der Vergangenheit die Gegenwart verstanden und aus diesem Verständniß die feste Grundlage für den Bau deutscher Macht und Größe gewonnen werden kann.

Gern hätte ich Ihnen, gnädigste Frau, die beifolgenden beiden Exemplare unentgeltlich überschickt; da jedoch die Herstellungskosten des Werkes so bedeutend waren, werden es Ew. Hochwohlgeboren gütigst verzeihen, wenn ich den Betrag des Buches – à einen Thaler – der Kürze wegen durch Postvorschuß erhebe, falls Sie es nicht vorziehen, mir selbigen einzusenden.

Mit dem Wunsch und der Bitte, daß mir Ew. Hochwohlgeboren dies nicht als eine Unbescheidenheit auslegen mögen, bin ich in steter Verehrung und Hochachtung

Ew. Hochwohlgeboren               
ganz ergebener          
F. R. Paulig, Literat.“

Datirt ist der Brief von Frankfurt a. O. vom 20. September 1866. Keine Nachnahme, keine Werthbezeichnung auf dem Paket stört die erwartungsvolle Neugierde, wer wohl der unbekannte Freund an der Oder und was der Inhalt der Sendung sein möge. Läßt nun auch der Inhalt des Schreibens keinen Zweifel mehr über die wahre Absicht des neuen Historiographen der Grafen und Freiherrn von N., so ist doch diese Paarung von Ironie und Unverschämtheit zu komisch, um nicht auch noch auf das Product des stillen Verehrers der Familie N. gespannt zu machen. Aus der Umhüllung kamen zwei Exemplare einer „Geschichte der Befreiungskriege. Ein Beitrag preußischer Geschichte der Jahre 1805 bis 1816 von F. R. Paulig. Dritte Auflage. Frankfurt a. O. 1866“ zum Vorschein. Und wirklich, ein säuberlich gedrucktes Widmungsblatt war hinter dem Titel eingeklebt: „Herrn G. Freiherrn von N., Majoratsherrn auf N., als ein Zeichen seiner Verehrung und Hochachtung gewidmet vom Verfasser.“ Eine solche Huldigung hatte sich der fünfzehnjährige Oberquartaner nicht träumen lassen! Leider war ein Theil der Illusion von vornherein schon zerstört. Der junge Majoratsherr war acht Tage zuvor bei seinem Oheim auf Besuch, als auch dieser von demselben Verehrer mit demselben Zeichen seiner aufrichtigen Hochachtung beglückt wurde. Ich brauche wohl nicht erst hinzuzufügen, daß die „Kriegsdienste, die höchsten Chargen der Grafen und Freiherren von N., ihr Tod auf den berühmtesten Schlachtfeldern von Europa“ etc. in’s Feld der Erfindung gehören; daß selbst Herrn Paulig’s Werk nicht unter diejenigen zählt, in welchen der hochgeehrten Familie und deren Verdienste anerkennend Erwähnung geschieht, sintemal auch nicht einmal der Name darin genannt wird, und daß in dem ganzen langen Schreibebrief des Herrn Literaten gerade so viel Wahres über die Familie steht, wie in dem Gothaischen Hofkalender zu finden ist. Dort kann ja Herr Paulig mit Leichtigkeit Namen genug für Tausende von Exemplaren seiner „Befreiungskriege“ finden, und in wenigen Tagen wird der Drucker die Widmungsblätter gedruckt haben, damit Herr Paulig in Stand gesetzt ist, dem gesammten Adel in seinen einzelnen Gliedern das Zeichen seiner Verehrung und Hochachtung darzubringen, was er so gern unentgeltlich thun würde, wenn nur die Herstellungskosten nicht so bedeutend wären. –

Kurz darauf kam dann folgender Brief nach: „Indem ich mich auf mein ergebenes letztes Schreiben beziehe, erlaube ich mir den kleinen Betrag für das Ew. Hochwohlgeboren übersandte Werk hiermit der Kürze wegen durch Postvorschuß zu erheben.

Mit dem Wunsche, daß mir Ew. Hochwohlgeboren dies nicht als eine Unbescheidenheit auslegen mögen, bin ich in steter Verehrung und Hochachtung

Frankfurt a. O., 12. Juli 1866.

Ew. Hochwohlgeboren               
ganz ergebener          
F. R. Paulig, Literat.“

Also schon damals war der Schwindel fabrikmäßig vorbereitet!

Was es übrigens mit den drei Auflagen des Buches für eine Bewandniß hat, braucht dem Leser wohl nicht auseinandergesetzt zu werden; es sind nichts als sogenannte Titelauflagen, d. h. nichts ist von der zweiten und dritten Auflage neu, als das Titelblatt. In der Vorrede zu der so erlangten dritten Auflage bemerkt er, es seien „in kurzer Zeit abermals fünftausend Exemplare abgesetzt worden, es sei daher nicht rathsam, beim neuen Abdruck irgend welche Veränderungen vorzunehmen. Nur den bisher gebrauchten Titel „Freiheitskriege“ habe man in „Befreiungskriege“ geändert, weil dem Verfasser von hochstehenden Militärs, welche an diesem Kampfe Theil genommen, mitgetheilt wurde, daß man die denkwürdigen Kriege der Jahre 1812 bis 1815 in jener Zeit allgemein als „Befreiungskriege“ bezeichnete.

[48] Und damit auch diese dritte Auflage ihre verdiente Verbreitung wenigstens in den hohen und höchsten Kreisen finde, so wurde an Diejenigen, die das Glück haben, im Gothaischen Hofkalender verewigt zu sein, je ein oder zwei Exemplare mit Extrawidmung abgesandt. Wenige können doch unnobel genug sein, diese Verherrlichung ihres Namens zurückzuweisen, die Meisten werden über diesen modernsten Schwindel lachen. Wir aber thun das Unsrige, um diese gemeine Herabwürdigung des „Literatenthums“ zur gewerbsmäßigen Bettelei zu brandmarken.




Der Eishandel. Seit den letzten zwanzig Jahren ist das Eis zu einem wichtigen Stapelartikel im Welthandel geworden, wenn auch die Summen, welche er repräsentirt, nicht genau angegeben werden können, weil eine Eissteuer bisher unsern erfinderischen Finanzleuten noch entging und Aus- und Einfuhrlisten über das Eis schweigen.

Nur ganz festes, klares und reines Eis erhält sich den ganzen Sommer über gut in den Eiskellern, die man jetzt vielfach überirdisch nach neuen Methoden baut. Italien wird meist vom Aetna aus mit Eis versehen und im Winter nehmen kleine Flotten mit dem kostbaren Materiale ihren Weg nach Neapel, Rom, Genua und andern Hafenplätzen. Da unsere Teiche und Flüsse oft nicht in gehöriger Dicke zufrieren, oder ein mürbes, schlechtes Eis liefern, so versehen uns die Gletscher der Schweizer Alpen damit, von wo aus ganze Eisenbahnzüge nach Süddeutschland gehen und Hunderte fleißiger Hände in der beschäftigungslosen Winterzeit Arbeit finden. Der Eishandel in Europa aber, so große Verhältnisse er auch schon angenommen hat, ist nur ein Kind im Vergleich zu jenem Nordamerikas. Wie dort Charleston und New-Orleans die Centralpunkte für den Baumwollenhandel sind, so Boston für den Eishandel. Der Begründer dieses Erwerbzweiges war ein Bostoner Kaufmann, James Tulor, der bereits im Jahre 1810 eine große Schiffsladung Eis nach der westindischen Insel Martinique führte und ein so gewinnbringendes Geschäft mit dieser einen Ladung – man sprach von viertausend Dollars – machte, daß sich bald eine Reihe von „Eiscompagnien“ bildete, und es deren im Jahre 1844 schon sechszehn gab. In wie großartiger Weise dieselben den Handel betrieben, ersieht man daraus, daß eine derselben allein siebentausend Dollars nur für Heu und Stroh zum Verpacken ihrer kalten Waare ausgab.

Die Hauptquelle des Bostoner Eises ist der durch ein krystallklares süßes Wasser ausgezeichnete „Fresh Pond“ bei Cambridge in der Nähe Bostons. Geräth die Eisschicht gut, d. h. wird sie fest und dick, so liefert ein Acker Eis gegen eintausend Tonnen zu zwanzig Centner. Die Gewinnung wird ganz systematisch betrieben. Die „Eisleute“ schneiden, nachdem der Schnee sorgfältig entfernt wurde, mit einem scharfen Pfluge Linien in die Eisdecke, die dann ausgesägt werden. Das so in regelrechte Streifen und Würfel zerfallende Eis wird mit besonderen Werkzeugen und Winden herausgehoben und in hölzerne Schuppen gebracht. Früher wendete man nur Pferde- und Menschenkraft an, jetzt stellt man kleine Dampfmaschinen auf, die das Geschäft ungleich schneller besorgen.

Auch im Staate New-York blüht die Eisproduction, namentlich am Rockland-See am Hudson, der gegen hunderttausend Tonnen liefert. New-York allein exportirt jetzt jährlich zweihundertfünfzig- bis dreihunderttausend Tonnen Eis nach dem Süden in sechshundert bis siebenhundert Schiffen. – Giebt dies schon eine Vorstellung von der Bedeutung des Eishandels, so werden wir über den erzielten Gewinn noch mehr aufgeklärt, wenn wir wissen, daß ein Acker gefrorener Seeoberfläche einen weit höheren Ertrag liefert, als ein Acker des fruchtbarsten Bodens. Zwar schwankt das Einkommen gerade so wie bei unsern Feldfrüchten und ein Jahr ohne Frost ist ein Mißjahr; durchschnittlich trägt indeß der Acker Eis fünfhundert Dollars ein. Die Zahl der mit dem Eishandel in Nordamerika beschäftigten Personen wurde 1864 aus siebenzehntausend, das angelegte Capital auf mehr als sieben Millionen Dollars angegeben.




Der letzte Krieg in Böhmen, aufgeführt in einem amerikanischen Hühnerhofe. Mein Freund Huber hat sicher den schönsten Hühnerhof unserer Stadt, und die Krone desselben ist ein starker weißer Hahn, der mit stolzer Würde, männlichem Ernste und liebevoller Sorgfalt seit Jahren das Regiment über sein Hühnervolk führt. Aber so liebreich er auch gegen seine ihm stets schmeichelnden Hühner ist, um so strenger ist er gegen die heranwachsenden Hähne, und der älteste derselben hatte seit einem Jahre unter dieser Tyrannei zu leiden. Selbst bei der Fütterung durfte sich der junge schwarze Hahn mit dem weißen Halskragen nicht zu nahe wagen, sonst wurde er mit Schimpf und Schande davongejagt. Aber wenn er gar einen Liebesblick mit einer jugendlich frischen schlanken Henne tauschte – die älteren und gesetzteren Hennen gaben sich mit dem jungen Fant gar nicht ab – dann wehe dem Unglücklichen! er wurde verfolgt und mußte den scharfen Sporn seines weißen Tyrannen nur zu schmerzlich fühlen. Oefters schon ermannte sich der junge Schwarz-Weiße, doch seine Kraftäußerung war vergeblich und brachte ihm nur Schmerz und Leidwesen. Gestern Morgen nun kam ich in den Hühnerhof – welche Veränderung! Der stolze weiße Hahn stand gesenkten Hauptes da, mit zerrissenem Kamme, herabhängendem Schwanze und mit blutigen Beinen, dessen eines den scharfen Sporn verloren hatte, ein Bild des Jammers und des Elends; die Außenwelt, das Interesse für seine Hühner, Alles, was ihn früher mit Stolz und Freude erfüllte, war für ihn abgestorben. Der „Gockel“ war physisch und moralisch ein gebrochener Mann!

Auf meine Anfrage erfuhr ich, daß der Schwarz-Weiße in den letzten Tagen wiederholt eine erniedrigende Behandlung von dem Weißen erfahren, heute Morgen daher einen entschiedenen Angriff auf seinen Tyrannen machte und nach halbstündigem, furchtbarem Kampfe als Sieger aus demselben hervorging. In jäher Flucht entstürzte der Weiße, verfolgt von seinem Rache schnaubenden, grimmen Sieger, bis endlich die sorgsame Hand der Hühnermutter Lucy den schwarzen Hahne ergriff, ihn in den Stall sperrte und dadurch die einheitliche Entwickelung der Verhältnisse auf dem Hühnerhof hemmte. Das Leben des Weißen war zwar gerettet – aber die Ehre verloren!

Wir beschlossen, den Schwarzweißen herauszulassen, um den Effect zu beobachten. Kaum war die Stallthür geöffnet, als der junge Held des Tages mit wenn auch blutigem, doch stolz erhobenem Haupte in triumphirendster Haltung hervortrat, einige rasche Schritte bis zur Mitte des Hofes machte und dann in kraftvollster Stimme sein Commandowort: „Kikeriki!“ ertönen ließ. Kaum war der erste Ton verklungen, als voll Entsetzen der Weiße zusammenschauderte und mit gebeugtem Körper davon stürzte. Der Schwarz-Weiße machte ihm einige Sätze nach, doch als er die verzweiflungsvolle Hast der Flucht sah, warf er ihm einen stolzen, verächtlichen Blick zu und ließ abermals sein Victoria ertönen.

Was war unter derlei Verhältnissen zu thun? An ein Beisammenbleiben solcher socialen Bestandtheile war nicht zu denken. Nach gemeinsamer Berathung mit meinem Freunde wurde Folgendes beschlossen: Der Hühnerstall muß getheilt werden. Die eine kleine Hälfte erhält eine Oeffnung nach dem benachbarten freien Platze. Der größere Theil der Heimath hat seinen Ausgang wie früher in den Hof. Es können die Weißkutten nicht mehr in dem Staatsverbande mit den Schwarz-Weißen leben; letztere werden das Vaterland allein für sich behalten, und die Weißkutten müssen aus aus dem alten „Bunde“ scheiden.

Seitdem erlebt der weiße Hahn anscheinend wieder glückliche Tage. Stolz wie früher geht er unter seinen Völkern einher, aber in der Nacht, wo er zwischen den Latten durch seinen schwarz-weißen Gegner sieht, ist sein Schlaf unruhig, es drücken ihn die Sünden, die den Kampf veranlaßt; er wird stets an seine furchtbaren Niederlagen und an seinen schmachvollen Sturz erinnert und ahnt, daß die Dauer der gegenwärtigen Situation gar wenig gesichert ist.




Das Fleisch kranker und gesunder Thiere. So wichtig es ist, beim Einkauf das Fleisch eines erkrankten Thieres von dem des gesunden unterscheiden zu können, so zahlreiche Aufstellungen, Behauptungen und Kennzeichen bis jetzt darüber veröffentlicht wurden, ganz sichere Anhaltspunkte hat bis jetzt noch Niemand geboten. Daher sei es uns vergönnt, eine Reihe von Unterscheidungskennzeichen hier mitzutheilen, welche ein Engländer, Dr. Letheby, in einem chemischen Journal darüber veröffentlicht hat.

Gesundes Fleisch, sagt er, gleichviel welches Thieres, darf niemals rosafarben, noch bleicher und ebenso nicht dunkelpurpurfarben sein; es muß auf der Schnittfläche wie marmorirt aussehen, durch die Verästelung der kleinen, zwischen dem Gewebe hinlaufenden Fettgewebeadern. Niemals darf das Fettgewebe feucht, wässerig, gallertartig oder wie gekochtes Pergament erscheinen, sondern hart und fest sein. Ungesundes Fleisch zeigt sich bei Berührung und Druck mit dem Finger oft wässerig, feucht, mit viel ausfließendem Fleischsaft (Serum), während das gesunde sich fest und elastisch anfühlt und den Finger mit rothem Safte färbt. Das Fleisch eines kranken Thieres theilt dem durchschneidenden Messer einen weichlichen, faden oder gar thierisch-üblen Geruch mit, welcher namentlich stark und erkennbar sich zeigt, wenn man das Messer vorher in heißes Wasser taucht; das gesunde Fleisch hat einen keineswegs unangenehmen, indeß nur schwachen Geruch. Gutes Fleisch – jedoch nur von nicht zu alten Thieren – wird durch Kochen nicht hart und verliert nicht viel von seinem Gewicht, während das schlechte Fleisch, wegen des großen Gehalts an Flüssigkeit und Schleim in den Geweben, oft in ganz überraschender Weise an Substanz und Gewicht verliert. Trocknet man dies letztere bei 184° C., so büßt es wohl an 75 bis 80 Proc. ein, während das gesunde nur 69 bis 70 Proc. abgiebt. Als Hauptkennzeichen sind die Proben mit Lakmuspapier und mit dem Mikroskope zu erachten. Ungesundes Fleisch reagirt oft alkalisch, gesundes ist stets schwach säuerlich; es enthält einen Ueberschuß an Phosphorsalzen. Unter dem Mikroskop zeigt sich die Muskelfaser des gesunden Fleisches von Querstreifen begrenzt, welche an der Muskelfaser des ungesunden wenig oder gar nicht hervortreten, während sich hier winzige Körperchen finden, über die man nicht recht einig ist.

Wenn es nun im Ganzen auch viel auf die Berücksichtigung der Schlacht- oder Erlegungsmethode der Thiere, des Alters derselben wie des Fleisches an sich ankommt, um möglichst sichere und befriedigende Ergebnisse zu erlangen, so liegen doch in den Beobachtungen des englischen Gelehrten sowohl für die denkende und gebildete Hausfrau, als für die sanitätlichen Untersucher der beachtenswerthen Anhaltspunkte genug.




An unsere Leser.


Da die Gartenlaube bei ihrer sehr zeitraubenden Herstellung von vornherein auf eigentliche Neuigkeiten aus dem Gebiete von Leben und Wissen verzichteten muß, mithin eine regelmäßige und frische Uebersicht der literarischen, künstlerischen und socialen Erscheinungen zu geben verhindert ist, so machen wir die geehrten Leser auf unsere wöchentliche literarisch-politische Feuilletonbeilage unter dem Titel „Deutsche Blätter“ (pro Quartal 6 Ngr.) aufmerksam, die in der erwähnten Beziehung eine Ergänzung der Gartenlaube bilden werden, und legen heute eine Probenummer davon bei.
Die Redaction.

Inhalt: Die Brautschau. Ein Bild aus den oberbairischen Bergen. Von Herman Schmid. (Fortsetzung.) – Auch aus der „guten alten Zeit“. Mit Illustration von Friedrich Ortlieb. – Die Büßer und Quacksalber in Böhmen. Von Dr. D. – Das Thierleben an der Eisenbahn. – Das Haus mit den drei Leiern. Mit Abbildungen. – Blätter und Blüthen: Die kleine Schwäbin. – Schriftstellerischer Schwindel. – Der Eishandel. – Der letzte Krieg in Böhmen, aufgeführt in einem amerikanischen Hühnerhofe. – Das Fleisch kranker und gesunder Thiere.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Viele der in dem obenstehenden Artikel gerügten Mißstände sind nicht blos in Böhmen heimisch, auch in anderen, namentlich in Gebirgsgegenden Deutschlands findet sich des ähnlichen Aberglaubens noch mehr als genug.
    D. Red.