Die Gartenlaube (1867)/Heft 2

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[17] No. 2.
1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen.     Vierteljährlich 15 Ngr.     Monatshefte à 5 Ngr.


Die Brautschau.
Ein Bild aus den oberbairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Der alte Brunnhofer war so erregt, daß er auch allein zu schelten fortfuhr und mit lauter Stimme vor sich hin schrie. „Anders muß es werden!“ rief er. „Und ich hab’ schon meinen Gedanken, wie ich ihn zwing’, den keinnützen Buben! Wenn ich mir denk’, wie es sein könnt’ und wie es ist, krieg’ ich meinen Zorn, daß ich nicht weiß, wo aus und wo an! Wenn ich nur gleich was hätt’, woran ich ihn auslassen könnt’ … ich bin so giftig, daß ich gleich Eins nehmen könnt’ und könnt’ es in der Mitt’ abbrechen …“

„Oho …“ rief eine weiche wohlklingende Stimme, als er im blinden Eifer gegen die Hausecke rannte, „wirst doch mich nicht abbrechen wollen? Ich hab’ keine Zeit zu verlieren, bis Du mich etwa wieder zusammensetzen thätst!“

„Was giebt’s? Wer ist da?“ rief der Alte unwillig und hob die Laterne in die Höhe, daß ihr volles Licht auf Gestalt und Angesicht der Sprechenden fiel. Es war ein Mädchen in der gefälligen Bauerntracht der Gegend, schlank und geschmeidig wie eine junge Tanne, und wie der grüne Wipfel saß das damals noch allgemein getragene Miesbacher Hütchen keck und leicht auf dem nußbraunen, in reiche breite Zöpfe geschlungenen Haar. Unter der Krempe sah ein angenehmes wohlgeformtes Antlitz hervor, bräunlich von Farbe und doch von dem kräftigen Rosenanfluge jugendlicher Frische lieblich überhaucht. Um die feinen halb geöffneten Lippen, zwischen denen klare Zähne hervorblickten wie blankes Elfenbein, spielte anmuthige Schalkheit, aus den tiefblauen Augen drang ein heller Strahl gemüthvoller Güte und unbefleckter Reinheit.

„Stern-Sacra!“ sagte der Brunnhofer, betroffen von der Schönheit der unerwarteten Begegnung; dabei blieb er ein paar Secunden lang unbeweglich stehen, die Laterne hoch in der Hand, die Augen unverwandt auf das Mädchen gerichtet.

„Na, wie ist’s?“ rief sie lachend, und das Lachen machte das liebliche Gesicht nur noch gewinnender. „Will’st so steh’n bleiben bis morgen früh? Ich muß auf den Gangsteig hinaus, der um den Hof herum geht … Aus der Bahn, Brunnhofer, oder nieder’than!“

„Du kennst mich, Madel?“ fragte er, noch immer überrascht entgegen. „Wie denn das? Ich mein’, ich seh’ Dich zum ersten Mal!“

„O nein! Was wirst Du wissen!“ lachte sie. „Ich bin lang fort gewesen, bei einer meinigen Basen in Tirol, aber jetzt muß ich heim – die Mutter kann nimmer recht fort! Hast mich wohl oft g’seh’n in früheren Jahren, aber hast halt über mich ’nüber g’schaut!“

„Dasselb’ glaub’ ich kaum: ich hab’ sonst gar ein gutes Gemerk … Aber wo bist denn daheim?“

„Laß mich aus!“ rief das Mädchen und suchte neben dem Fragenden vorbei zu kommen. „Es wird schon völlig finster und ich hab’ noch einen weiten Weg über’n Waxenstein in den Gindler-Schlag …“

„Was? Du willst heut’ noch durch den Wald?“

„Durch den Wald oder in den Wald – was fragst?“

„Weil ich mein’ es ist schon spat – wie leicht könnt’ Dir was gescheh’n unterwegs, es giebt allerhand gar nichtsnutzige Leut’! Könntest ja auf dem Brunnhof übernachten! Oder wart’ wenigstens, ich geb’ Dir den Schafbuben mit … kehr’ ein bissel ein derweil! Rast’ Dich aus – Küchel giebt’s, frisch aus der Pfann’, für morgen, für die Sichelhenk’!“

„Na na,“ rief sie lachend, „mir geschieht nix – ich hab’ ein gutes Gewissen und verlass’ mich auf unsern Herrgott und auf ein paar Arm’, die niemals nit g’faulenzt haben … Und einkehren? Es ist wahr, wenn man so hinein schaut in’s Fletz, schaut’s recht heimlich aus … aber Du bist mir zu grantig, ich fürcht’ mich vor dem Abbrechen!“

„Narrische Dingin!“ sagte der Bauer. „Das war ja so bös nit gemeint! Aber wenn Du durchaus fort willst, so nimm ein paar Küchel mit – und ich will Dir leuchten, daß Du den Gangsteig nit verfehlst, wo’s neben dem Zaun hinuntergeht. Derweil’ kannst mir auch erzählen, wo Du daheim bist!“

„Ich dank’ schön für Alles,“ lachte sie und schritt voran, „ich muß fort – und das Andre, das erzähl’ ich Dir, wenn ich wieder vorbeikomme …“

„Also willst wieder kommen? Und willst dann einkehren und nit vorbeigeh’n?“

„Wohl – aber dann muß der Bauer unter der Thür steh’n und muß mich anlachen mit’m ganzen Gesicht und muß mich freundlich einkehren heißen!“

„Da soll’s nit fehlen!“ rief hastig der Alte, indem er, neben dem Mädchen fortschreitend, die Laterne wieder hoch hielt, als gelte es, den Weg zu beleuchten – im Grunde that er es nur, um ihr noch einmal in’s Gesicht zu sehen.

„So – da ist der Zaun und der Weg“ – sagte sie und blieb einen Augenblick an der Hecke steh’n. „Jetzt find’ ich schon weiter. Gute Nacht, Brunnhofer – lösch’ doch Deine Latern’ aus, Du verdirbst Dir ja die Augen …“

[18] Damit blies sie rasch nach der Laterne, daß sie erlosch, und war im Dunkel verschwunden, aus dem ihr munteres Lachen noch zurück klang. Der Brunnhofer stand einen Augenblick wie versteinert und sah ihr in die Finsterniß nach. „Stern-Sacra!“ brummte er, „das ist einmal ein gewitztes Leut – und ein sauberes dazu!“

Bedächtig tappte er dem Hause zu, aber bald beschleunigten sich seine Schritte, denn auf der dunklen Straße kam es jetzt rasch und laut heran; das polternde Gerassel eines schnell fahrenden Wagens, der laute Hufschlag galoppirender Pferde ward hörbar, dazwischen lautes Jauchzen und mitunter sonderbar quiekende oder gellende Töne, als würde irgendwo in der Entfernung zum Tanze gespielt und der Wind trüge manchmal einen der grellsten Pfiffe unverweht herüber. „Hoho,“ murmelte der Alte, indem er hastig dem Hofe zueilte, „da ist er endlich einmal, der Loder, der nichtsnutzige! Was für ein Spectakel! Man meint hell-licht, die Höllfahrt ist los oder das wilde Gejaid kommt daher! Na wart, Bübel, Du kommst mir justament recht!“ Und als hätte er nicht sein vollen Sechszig auf dem Rücken, war er mit ein paar großen rüstigen Schritten am Thor und kam eben recht, denn der Wagen sauste schon die Anhöhe heran.

Die Schwägerin hatte im Hause das Getöse auch vernommen; sie war herbeigeeilt und stand schon unter der Thür, einen Bündel lodernder Kienspähne in der hocherhobenen Hand – es war ein ungemein lebendiges heiteres Nachtbild, das der wankende mit dunklen Rauchschatten wechselnde Flammenschein mit rothem Lichte übergoß. Ein stattliches Paar Fuchspferde mit weißen flatternden Mähnen sprengte so leicht und lustig heran, als wäre der nachpolternde, aus schweren Stangen und Leitern gefügte Getreidewagen nur ein Spielzeug für sie und nicht eine Last. Zuvorderst auf dem Wagen, hochaufgerichtet wie ein griechischer Wagenlenker, stand ein Bauernbursche, voll Kraft, Behendigkeit und Ebenmaß in der ganzen stattlichen Gestalt, Frohsinn, sprudelnde, überquellende Lust in dem leicht gerötheten Angesicht. Das Hütchen mit Hahnenfeder und Gemsbart war flott auf’s rechte Ohr gerückt; in der einen Hand hielt er die Zügel, in der andern die hochgeschwungene Peitsche, mit ihrem Knallen und immer erneutem Zuruf das muthige Gespann zu immer stärkerem Laufe antreibend. Hinter ihm, auf dem schmalen Bretersitze, von dem stoßenden Wagen arg gerüttelt und hin und her geworfen, aber in nicht minder fröhlicher Laune als der Fuhrmann, saß als Passagier ein kleiner dicker Mensch mit dünnem, stark gelichtetem Scheitelhaar und einem fetten Gesicht, aus welchem ein paar lustige Augen zwinkerten. Der Hut war ihm in der Hitze des Fahrens vom Kopf geflogen und kugelte an den Wagenstangen herum; der Dicke kam nicht dazu, ihn aufzuheben, mit beiden Händen hielt er eine Clarinette am Munde und blies mit vollen Pausbacken daraus los. Alles Rütteln, Stoßen und Werfen irrte ihn nicht: je mehr der Fuhrmann jauchzte und knallte, je toller pfiff er darauf los, mochten auch die Töne, die er hervorbrachte, Allem eher gleichen, als dem, was sie sein sollten – ein lustiger ländlerischer Tanz.

Jetzt kam der Wagen an den Eingang; es galt eine scharfe Ecke zu umfahren und die Wartenden sahen schon, theils mit Aerger, theils mit Sorge, wie der Wagen bei der gefährlichen Wendung an den Thorpfosten anfahren, umstürzen und Alles in Trümmer gehen werde – aber der kundige Fuhrmann lenkte so gewandt, daß die Räder auf dem Umkreis eines Tellers sich wandten, im nämlichen Augenblicke standen die Füchse wie festgemauert und im nächsten war der Lenker jauchzend mit Einem Satze vom Wagen gesprungen, hatte dem herbeigeeilten Schafbuben Zügel und Peitsche zugeworfen und stand mit lachenden Augen, mit offenem, von übermüthiger Jugendlust leuchtendem Angesicht vor dem Vetter, beide Hände zu Gruß und Einschlag ihm entgegen streckend.

„Grüß’ Gott, Vettermann,“ rief er lustig, „da bin ich wieder! Und gut is’ gangen! Ich hab’ das ’Treid Alles verkauft – und bring’ eine ganze Heu-Kürben mit, voll Kronenthaler!“

Der alte Brunnhofer hatte mehrmals angesetzt, seine Strafpredigt zu beginnen, hatte aber über dem Lärmen und Spectakel der Ankunft nicht dazu kommen können; wider Willen und so sehr er sich dagegen sträubte, war auch sein Zorn milder geworden, denn in das Aufwallen desselben mischte sich wie stillende Oeltropfen in unruhige Fluth die Regung eines geheimen Wohlgefallens; er konnte sich nicht erwehren, die gewinnende Erscheinung des Burschen, sein entschlossenes, kraftgeübtes Auftreten, seine Gewandtheit und Sicherheit mit einer Art widerstrebender, Befriedigung zu gewahren.

Jetzt verflog dieses Gefühl und der Unmuth kam wieder.

Mit finstrer Miene trat er ein paar Schritte zurück, um dem angebotenen Handschlag auszuweichen, und sagte mit aufquellender Bitterkeit: „So – hast doch einmal den Weg heimg’funden? Sind die Fuchsen nit steif worden und kreuzlahm? Hast nit die Kronenthaler auch verjubelt im Staudenhäusl?“

Der Bursche hatte solchen Empfang nicht erwartet, er stand betroffen und begann den Hutrand zwischen den Fingern zu drehen. „Weißt es schon, Vetter?“ sagte er lachend, aber das Lachen klang nicht mehr aus so freier Brust, wie noch kurz zuvor das Rufen und Jauchzen. „Bist harb deswegen? Die Fuchsen sind ja nit warm g’wesen, es ist ihnen nichts gescheh’n, weißt ja selber, wie gern ich die Ross’ hab’ – bin ja nur ein Stundl im Staudenhäusl g’wesen – der Klankenetten-Muckl ist drin g’wesen – der hat einen neuen Ländlerischen ausstudirt, der ist gar zu schön und der ist mir in die Füß’ kommen und da hab’ ich …“

„Ja, ja, das ist das Wahre!“ unterbrach ihn der Bauer, weniger zornig, als im Tone ernsten wohlbegründeten Vorwurfs und mit dem Ausdrucke ruhig bewußter Entschlossenheit. „Um einen neuen Ländlerischen vergiß’st Du auf Haus und Hof, und wenn Du nur Deinen Cameraden, den saubern Musikanten, bei Dir hast, kann Dir die ganze Welt g’stohlen werden und Dein Vetter und die ganze Freundschaft dazu!“

„Aber, Vetter …“

„Still sei! Das muß anders werden, die Wirthschaft und das nichtsnutzige Leben leid’ ich nit mehr und jetzt sag’ ich Dir mein letztes Wort … Bis Weihnachten bleibst Du mir zu Haus, wie sich’s für ein’ ordentlichen Burschen g’hört, Du hängst den Corporal an den Nagel und den Jäger dazu und nimmst den Bauern herunter und gehst mir zu keinem Schießen mehr und zu keiner Jagd und bleibst vom Tanzboden weg und wenn s’ alle Ländler aufspielen von der ganzen Welt! Während der Zeit besinnst Dich und schaust Dich um eine Frau um, um einen richtigen Heirathsgegenstand …“

Trotz seiner Verstimmung vermochte Sylvester ein halblautes, unfreiwilliges Lachen nicht zu unterdrücken. „Ich und eine Frau?“ rief er. „Wo soll ich die hernehmen?“

„Woher?“ sagte spöttisch der Alte. „Geh halt hinein zum Hölzelkramer nach Miesbach und schau, ob er kein’ g’schnitzte Docken für Dich hat! Woher er eine Frau nehmen soll! Hat man seiner Lebtag eine solche Red’ gehört! Willst überall vorn d’ran und der Erste sein am Kegelstand und bei der Scheiben und traust Dir nit, ein richtiges Weiberleut zu kriegen? Hast es ja leicht! Brauchst ja nit auf’s Geld zu achten, wann’s eine richtige Person ist, eine brave und nit so schiech, daß man sie auf’n Rübenacker stellen könnt’ zum Hasenschrecken, darfst nur zugreifen! Stern-Sacra, wer den Brunnhof mitbringt in der Taschen, den wird Keine so leicht abfahren lassen, mein’ ich! … Es ist eine beschlossene Sach’ und es bleibt dabei! Auf Heilig Drei König’ muß die Hochzeit sein und wenn’s nit ist, verkauf’ ich den Hof und zieh’ in die Stadt oder ich stoß’ Dein’ Faß den Boden aus und geh’ selber noch einmal auf die Freit’ … Du aber kannst in die weite Welt geh’n und als Bauernknecht herum fahren oder den Schießprügel auf die Achsel nehmen …“

Der Gescholtene stand völlig verblüfft, die Hauserin mit dem sprühenden Spahnbüschel nicht minder; der Clarinetten-Muckl hatte sich still seitwärts geschlichen und saß auf der Gräd neben dem Stein-Ambos, mit verschmitztem Lächeln und immer sein Instrument in den Händen, als wollte er es ansetzen, wieder einen Tanz aufzuspielen oder das Gespräch durch einen Tusch zu unterbrechen.

„Aber, Vetter,“ sagte Sylvester endlich, „so hab’ ich Dich ja noch nie gesehen …“

„Dann siehst’ mich halt zum ersten Mal,“ war die strenge Erwiderung, „und kannst Dir’s merken, denn wenn’s schon eher hätt’ geschehen sollen, so hebt’s (hält es) dafür desto fester und kommt nit zum zweiten Mal! Auf Heiligen-Dreikönig ist Hochzeit oder Du schnürst Dein Bündel auf Lichtmeß …“

„Aber, Schwager …“ wollte die Hauserin begütigend beginnen, doch er ließ sie nicht zu Worte kommen.

„Still seid’s, Alle miteinander,“ rief er noch lauter, „ich [19] hab’s gesagt und es bleibt dabei, so gewiß als der Jägerkamp da drüben auf seinem Fleck stehen bleibt! Das ist das letzte Mittel – ein richtiges Weib muß Dich ziehen und ein’ richtigen Mann aus Dir machen … Brauchst nit viel zu reden,“ fuhr er, sich abwendend fort, als Sylvester etwas zu erwidern versuchte, „ich geb’ nichts auf’s Reden und werd’ ja seh’n, was Du thust! Darnach richt’ ich mich; folgst Du meinem Willen, so ist’s gut und recht … folgst Du nit, so kannst Du Deinen guten Freund mit seiner Glatzen und seinem Schmeerbauch bitten, daß er Dir einen neuen Landler aufspielt, wenn Du zum Brunnhof hinausmarschirst …“

Er ging eilig und verschwand im Hause.

„Hoho, alter Brummbär,“ rief der Musikant ihm nach, „das braucht’s nit, er hat schon an dem Tanz genug, den Du ihm aufgeigst! Das ist eine schöne Gaudi,“ fuhr er fort, als Sylvester noch immer schweigend und wie angewurzelt stand. „Und was er für ein Mundwerk hat, der Alte, ein Mühlgang ist ein Spaß dagegen! Was meinst’, Vestl, willst zum Kreuz und in’s Bett kriechen, wie er’s verlangt, oder geh’n wir noch hinüber in’s Dorf zum Wirth, da wird die Sichelhenk angetrunken, da könnten wir eins singen und aufspielen …“

„Ich hätt’ gute Lust dazu,“ sagte der Bursche unwillig, „was hab’ ich denn so Unrechtes gethan, daß er mir mit dem Fortjagen droht, wie einem Ehhalten, und mich ’runterputzt wie einen Schulbuben?“

Die Hauserin war dem Alten gefolgt; jetzt kam sie wieder, um zum Frieden zu reden und eine rasche That zu verhindern. „Nein, Vestl,“ sagte sie und suchte ihn an der Hand zum Hause zu ziehen, „das thust Du nit, wenn ich Dir gut zum Rath bin! Du mußt den Schwager nit völlig aus der Verfassung bringen … er ist so wild diesmal, wie ich ihn noch nie gesehen hab’, und es ist ihm völliger Ernst! … Schau,“ fuhr sie schmeichelnd fort, „Du weißt, daß ich’s immer gut g’meint hab’ mit Dir, ich rath’ Dir nichts Unrecht’s! Hast ja doch schon bald Deine Fünfundzwanzig auf dem Buckel, es wär’ ja doch nimmer zu früh, wenn Du einmal schön stät anfangen thätst, gescheidt zu werden! Und der Brunnhof, mein’ ich, wär’ doch auch kein Pfifferling, wegen dem könnt’ man schon ein Uebriges thun! Und dann erst die Hauptsach’! Du hätt’st wohl Ursach’, daß Du dem Vetter was zu Lieb’ thät’st … er hat Dir nur Lieb’s und Gut’s gethan und ist Dir Deiner Lebtag ein richtiger, rechtschaffener Vater gewesen …“

„Ich weiß’ ja, Bas,“ rief Sylvester, „und ich erkenn’s ja auch! Aber wenn ich ihm auch den Willen thun möcht’, es ist ja keine Möglichkeit! Wie soll ich zu Dreikönig Hochzeit machen … ich kenn’ ja kein einzig’s Madel! Ich hab’ mich um die Weiberleut’ niemals nit ’kümmert, als höchstens zum Tanz – mein Stutzen ist mein Auf und Nieder gewesen und mein einziger Schatz!“

„Das ist mein geringster Kummer!“ sagte die Frau eifrig. „Dafür laß nur mich sorgen! Ich will mich statt Deiner umschauen und Dir eine Bäurin aussuchen …“

„Halt!“ rief der Musikant dazwischen und blies auf seiner Clarinette einen Lauf herunter von der untersten Tiefe bis zum höchsten Pfiff. „Mir ist was eing’fallen! Mit dem Brunnhofer hab’ ich’s auszumachen, was geht ihn mein Schmeerbauch und meine Glatzen an? Und ich bin’s gewesen – ich hab’ Dich verführt in das Staudenhäusl hinein, ich bin eigentlich schuld an dem ganzen Malheur – also gehört’s mir zu, daß ich Dir wieder heraus helf’! Ich seh’s doch schon, daß Du an’s Nachgeben denkst – also mein Wort d’rauf, ich verschaff’ Dir eine Hochzeiterin!“

„Du?“ sagte die Hauserin achselzuckend. „Das wird die Rechte sein!“

„Und was für eine ist denn die Rechte?“ rief Muckl lachend. „Das weiß man doch niemals vorher, das kommt immer erst auf so ein halb’s Jahr nach der Hochzeit! Das ist accurat, wie ich’s einmal in dem Glückshafen geseh’n habe, auf der Dult drin’ in der Münchnerstadt! Da heißt’s voraus blechen, dann greift man blindlings in ein Sackel und zieht ein zusammengewickeltes Papierl heraus und wenn man’s aufmacht, dann sieht man erst, ob man seinen Treffer erwischt hat oder einen Hanswurstel! Dem Sylvester ist eine Jede gleich – aber das Umschau’n, das Aussuchen, das Fragen, das Gered’ und das Geplausch ist ihm zuwider – und dafür kann ich ihm helfen!“

„Aber wie denn? So red’!“ sagte Sylvester.

„Du weißt,“ fuhr Muckl mit wichtiger Miene fort, „morgen ist die Sichelhenk – da wird auch drüben in der Kirch’ das Erntefest gefeiert, da werden alle Früchten, die gewachsen sind, beim Hochamt geopfert und auf dem Altar aufgestellt – die zwölf schönsten und bravsten Dirndeln aus der Pfarr’, die kommen da als Prangerinnen und tragen die Garben und die Früchten … da gehst morgen hin und suchst Dir Eine davon aus!“

„Ah, das ist pfiffig!“ sagte die Hauserin spöttisch. „Da springt die Katz’ auf die alten Füß’ … da muß er sich ja doch Eine aussuchen!“

„O Sie Siebengescheidte!“ entgegnete Muckl. „Hätt’ Sie mich nur erst ausreden lassen! Freilich muß er sich Eine aussuchen, aber heut’ noch, jetzt gleich! Die Prangerinnen stellen sich links und rechts am Altare auf, die Ehrenführerin mit der Sichel und dem Aehrenbüschel in der Mitt’ – und der Vestl soll sagen: diejenige, die morgen auf dem und dem Platz steh’n wird, die wird Brunnhoferin!“

„Wär’ nit übel!“ eiferte die Frau, „das wär’ ja ein helllichter Frevel! Nein, Vestl, laß Dich auf so was nit ein!“

„Warum, Bas?“ fragte dieser rasch hinwider. „Der Vorschlag g’fallt mir gar nit schlecht! Wenn ich mich doch einmal zwingen lassen muß – wenn ich mein lustig’s ledig’s Leben aufgeben muß – warum soll ich’s nit auf eine Weis’ thun, die mir g’fällt?“

„Recht hast!“ rief der Musikant. „Und daß Du siehst, wie aufrichtig ich’s mit Dir mein’ – ich thu’ auch mit! Mein Häusel und mein Gütel ist zwar nur klein, aber es schreit schon lang’ nach ein Weib, wenn’s nit hinunter schwimmen soll … Es gilt, Vestl, wenn Du heirathest, thu’ ich’s auch; wenn Du Dir eine Prangerin nimmst, such ich mir auch Eine aus!“

„Es gilt!“ rief Vestl, die dargebotene Hand ergreifend. „Ich mach’s, wie Du sagst!“

„Also – wir versprechen einander, … die ein Jeder sich aussucht von den Prangerinnen, die wird geheirath’t …“

„Vom Fleck weg – und wir halten Wort! Ich nehm’ mir die Prangerin, die morgen in der Kirch’ die fünfte ist auf der Evangeli-Seiten …“

„Also die Zweite vom Altar weg?“

„Richtig – die wird Brunnhoferin!“

„Und ich …“ rief Muckel und schüttelte sich vor Lachen – „ich nehm’ mir die Ehrenführerin mit dem Aehrenbüschel und mit der Sichel … Juche! Das giebt eine Gaudi, wie noch keine dagewesen ist!“

Die Hauserin hatte verdutzt zugehört; sie begriff nicht, ob das Ernst sein sollte oder nur ein zu weit getriebener Scherz.

„Aber, Vestl … Bue …“ rief sie jetzt ängstlich, „ich bitt’ Dich um Gotteswillen – laß Dir doch so ’was nit einfallen! Das wär’ ja eine Sünd’! Das hieß ja, Spott treiben mit einer heiligen Sach’! Das könnt’ Dir kein’ Segen bringen und müßt’ Dich unglücklich machen für Deine ganze Lebszeit!“

„Der Vetter will’s ja so haben!“ entgegnete der Bursche trotzig. „Ich treib’ kein’ Spott mit einer heiligen Sach’ – der Vetter ist es, der mich zwingen will – über Hals und Kopf! heißt ja: die Heirathen werden im Himmel geschlossen – ich will einmal probiren, ob’s wahr ist! Gute Nacht, Muckel – studir’ einen neuen Landlerischen aus für die Hochzeit – morgen früh geht’s zu der Sichelhenk auf die Brautschau!“




2. Glimmende Kohlen.

Die lange Herbstnacht wollte noch nicht weichen, als es auf dem Brunnhofe schon wieder sich zu regen begann.

Die erbleichende Mondsichel hing noch wie ein weißes verflatterndes Wölkchen über den Bergen, die mit tiefem Veilchenblau übergossen sich klar und scharf von dem anglühenden goldrothen Himmelsgrunde abhoben. Im Thalgrunde, am See dahin und die Hänge hinan war es noch fast vollständig dunkel, der See selbst zwar unsichtbar, eine graue Nebelschicht lagerte über ihm, als hätten die Wasserweiblein in der Fluth und die Wichteln am Land zusammengeholfen, ihr Kleinod zu wahren und die Nacht über mit schützender Decke zu verhüllen. Auf den geschornen Grashängen schimmerte es leicht, denn es war starker Reif gefallen, und wer Tags zuvor die Kirschbäume an den Feldrainen genau betrachtet hatte, dem konnte es nicht entgehen, daß die Blätterkronen [20] um manch’ ein Blatt durchsichtiger geworden; daß das noch vorhandene Grün sich um vieles dunkler geröthet hatte.

Der Morgen vor dem Erwachen war so still, wie der Abend vor dem Einschlafen gewesen; drum ward auch das leise Knarren wohl hörbar, mit welchem die Hausthür langsam und vorsichtig in den Angeln gedreht wurde. Beinahe gleichzeitig war im obern Stockwerk an einem Fenster eine Hand zu sehen, welche geräuschlos den daran befindlichen Schieber in die Höhe drückte.

Auf der Schwelle stand Sylvester, schon im vollen Sonntagsstaat, und blickte wie unschlüssig in den kalten grauenden Morgen hinaus; hinter dem Fenster lauerte wie ein Füchslein aus dem Bau der alte Brunnhofer.

Die Blicke des Burschen kehrten immer wieder auf die Wand neben dem Thürgerüste zurück, denn dort prangte zierlich aufgehangen ein stattlicher Doppelstutzen, schön geschäftet und blank gehalten, daneben Waidtasche, Pulverhorn und Kugelbeutel, wie es sich für einen richtigen Jagdschützen schickt. Der Förster, der in dem Burschen einen waidgerechten Genossen sah, hatte nichts dagegen, daß im Bauernhause die Abzeichen der Jägerei prunkten, und ließ ihn gewähren, wenn er auf Bürsch oder Anstand gehen wollte, ganz nach eigenem Belieben. Schon hob er den Arm nach der lockenden Waffe. „Warum sollt’ ich nit?“ murrte er halblaut. „Es ist ja nichts Unrechtes … und heut’, bei dem prächtigen Reif, da muß die Fährt’ zu sehen sein, daß einem das Herz im Leib’ lacht! Weil’s der Vetter verboten hat? … Das ist seine Schuld, nit die meine: warum verbiet’t er was, das er nit verbieten soll? Ich bin ja kein Kind mehr …“ Dabei hatte er mit rascher Bewegung das Gewehr von der Wand gerissen, hielt es schußgerecht an die Hüfte und ließ mit sichtlichem Behagen den Hahn auf und nieder klappen … „Wahr ist es, ein Kind bin ich nimmer,“ fuhr er in seinem innern Selbstgespräch fort, „aber er ist d’rum doch der Vetter und wenn er’s halt justament haben will, könnt’ ich ihm ja einmal den Gefallen thun … Ja, wenn er’s nur nit so positiv verlangen thät … wenn er mir’s unter vier Augen g’sagt hätt’, in der Still’, nit vor der Bas’ und vor dem Muckl, der’s gewiß noch gestern im Wirthshaus drüben erzählt hat … Ich wollt’ ihm ja gern zeigen, daß ich ’was auf sein Reden geb’, aber er sollt’ nur nit gerade das verlangen, was mir das Allerliebste ist und von was ich einmal nit lassen kann. … Aber wie?“ sagte er plötzlich ernst und ließ die Büchse sinken. „Hat er mich nit ein’ Loder geheißen, der erst ein richtiger Mensch werden müßt’? Er soll nit Recht behalten, ein richtiger Mensch kann Alles, was er will … und jetzt will ich ihm einmal zeigen, daß ich ein richtiger Bursch bin und nit erst zu werden brauch’! Da häng’, mein’ liebe Kugelbüchs, hast Feierabend auf eine Weil’! Jetzt wird nimmer auf d’ Jagd ’gangen, sechs Wochen lang, aber nit weil’s der Vetter befohlen hat, sondern weil ich selber nit will, weil mich das Jagdgehn nimmer g’freut und das Schießen; damit muß er wohl zufrieden sein, so geh’s wenigstens in dem Einen Stuck nach sein’ Kopf, denn das andere … das mit dem Heirathen, das ist doch nur Narrethei!“

Während dieser Worte war der Stutzen wieder an seinen Platz zurückgekehrt; Sylvester machte, als wolle er verhüten, daß der Entschluß ihn nicht wieder gereue, einen raschen Schritt über die Schwelle und die Thür flog hinter ihm in’s Schloß.

Der Alte oben am Guckloch duckte sich und lachte zufrieden in sich hinein, während er noch einmal sein Bett aufsuchte. „Er geht ohne Gewehr,“ brummte er, „na, so ist Hopfen und Malz doch noch nicht ganz verloren an ihm!“

Der Bursche schritt indessen rüstig die Berghalde hinan, quer durch das bereifte Gras; das war nicht der Weg, der zum Dorfe und zur Kirche führte, wo heute das Erntefest stattfinden sollte und die verhängnißvolle Wahl, aber dazu war es auch noch viel zu früh und wenn er auch entschlossen war, nicht zu jagen, unwillkürlich und fast unbewußt zog ihn doch die alte Lust, die liebe Gewohnheit in’s Freie, dem Walde zu, von dem ein leichtes Morgenlüftchen den Harzduft herübertrug wie Lockung und Gruß. Die Nacht war ihm unruhig und fast schlafslos vergangen: die Ereignisse des Abends erfüllten sein Gemüth und noch mehr das, was kommen, die Frucht, die aufkeimen sollte aus der rasch in den Augenblick geworfenen Saat. Und wenn er die wachenden Gedanken und Bilder von sich gescheucht, dann kam es in Träumen mit gesteigerter Unruhe mit allerlei beängstigenden Gestalten über ihn: bald kamen die Hasen und Füchse an sein Bett, machten Männchen und Kreuzsprünge und neckten ihn, daß sie nun Ruhe haben sollten vor ihm; bei näherem Herankommen aber hatten die Thiere Menschengesichter und verwandelten sich in die Köpfe der Jäger und der Bauernburschen, die lachend und höhnisch vor ihm einen lustigen Tanz aufführten. Dann schien es ihm wieder, als sei er mitten unter den Tanzenden und höre die Clarinette seines Cameraden, der einen Ländler blies, wie man noch keinen gehört hatte in den Bergen, er flog, sprang und drehte sich und hatte eine Tänzerin in den Armen, die sich schwang wie eine leichte Feder, aber das Gesicht konnte er nicht sehen; das war abgewandt und wie er sich auch mühte, es war und blieb undeutlich … allmählich aber ward die Gestalt immer körperhafter und hing sich immer schwerer an ihn wie eine bleierne Last … und jetzt – jetzt konnte er auf einmal auch das Gesicht sehen … große eulenhafte Augen guckten auf ihn herab, eine spitze Nase, die einem Schnabel glich, senkte sich immer tiefer, und wie der Spuk näher und näher kam, da schleuderte ihn das Entsetzen aus den Armen des Schlafes auf, mit Einem Satze war er aus dem Bette und hastete sich, aus Stube und Haus und mit beiden aus dem Wirrsal unfreundlicher Gedanken zu entkommen.

Aber wie er auch eilte, die Gedanken gingen mit ihm, die Bilder gaukelten nebenher in den Büschen und Zweigen, waren sie auch mit dem Tage und der Helle des Tages andere geworden. Kaum hatte er den Wald selber betreten, als es in den Gesträuchen zu rauschen und zu knicken begann: er erkannte den Ton, ein Reh mußte in voller Flucht herankommen und quer über die Blöße setzen. Lautlos stand er und regungslos – da brach das schöne geschmeidige Thier aus dem krachenden Geäst und machte noch ein paar Sprünge, dann hielt es an, wandte den schlanken Hals gegen den Lauschenden hin, den es mit klugen Augen wie prüfend betrachtete, und trippelte dann ruhig weiter. „Hätt’ ich meinen Stutzen bei mir,“ grollte Sylvester, „Du solltest es wohl eiliger haben und bald ruhig liegen! Ist es nicht gerade, als ob’ das Gethier Menschenverstand hätte und hätte gewußt, daß ich kein Gewehr habe und ihm nichts thun kann? Ich mein’, es hat mich ordentlich spöttisch angeschaut!“

Als wär’ es eine Zustimmung, ertönte helles Gelächter in das Selbstgespräch des Burschen: es kam aus der Luft, eine Moosgeis, auch Moosgrille geheißen, strich in der Höhe vorüber und ließ ihr meckerndes Geschrei ertönen, das sich deutlich anhört, wie stoßweises spöttisches Lachen.

(Fortsetzung folgt.)




Neue Charakterbilder aus der Thierwelt.
Von Brehm.
1. Gemalte Hunde.


Man sagt, daß es in jeder Familie wenigstens ein durch seine Begabung ausgezeichnetes Mitglied giebt. Auf menschliche Familien bezogen, mag dieser Satz bestritten werden können; für die Thierfamilien hat er Gültigkeit.

Jedermann kennt eine Hyäne, meint sie zum Mindesten zu kennen; Jedermann weiß, daß sie nicht gerade zu den anmuthigen Geschöpfen gehört. Ich schweige von den abscheulichen Verleumdungen, welche die Herren Thierschaubudenbesitzer zu Nutz und Frommen glaubensstarker Zuschauer ihnen noch immer anthun, ebenso auch von dem schlechten Rufe, in welchem sie bei den Arabern stehen; denn ich gedenke eben daran, wie gemüthlich die beiden Hyänen waren, welche ich während meines Aufenthaltes in Afrika besaß und so weit gezähmt hatte, daß sie mit mir Thee tranken, mindestens neben dem Theetische saßen und auf Zucker warteten; – aber auch ich muß zugestehen, daß es sehr viele Raubthiere giebt, welche schöner, anmuthiger und liebenswürdiger sind als die Hyänen.

[21] Und doch besitzt auch diese Familie ein Mitglied, welches durchaus geeignet ist, unsere Zuneigung, mindestens unsere vollste Theilnahme zu erwerben. Allerdings wird die Familienangehörigkeit dieses Mitgliedes von einem und dem anderen Naturforscher noch angefochten, da das unglückliche Thier alle äußerlichen Merkmale der Hyänen, aber ein Gebiß besitzt, welches mit dem der

Die Gartenlaube (1867) b 021.jpg

Gemalte Hunde auf der Antilopenjagd.
Originalzeichnung von H. Leutemann.

Hunde größere Aehnlichkeit hat als mit dem ihrer nächtigen Verwandten; wer jedoch unseren „Steppen-, gemalten oder Hyänenhund“ lebend gesehen hat, dem braucht dieser seine Zähne gar nicht zu zeigen; ein solcher Forscher giebt dem Engländer Burchell, welcher den Steppenhund „Jagdhyäne“ nennt, gewiß Recht. Eine Hyäne ist dieser in seinem Wesen und Gebahren, aber freilich die edelste von allen und als solche gewissermaßen ein Verbindungsglied zwischen der Hunde- und Hyänenfamilie. Ich selbst habe mich früher von dem Adel dieses Thieres bestechen lassen und es den Hunden beigezählt, mich jedoch, nachdem ich alle übrigen Hyänen, mit Ausnahme des sogenannten Erdwolfs, lebend beobachtet, zu der hier ausgesprochenen Ansicht bekehrt.

Während meines Aufenthaltes in Afrika habe ich es mir Zeit, Geld und Beschwerde genug kosten lassen, um mit diesem vortrefflichen Thiere Bekanntschaft zu machen; es ist Alles vergeblich gewesen. Rüppell hat es in der Bahinoa und in den Steppen Kordofans, wie er sagt, als häufigen Bewohner kennen gelernt; ich mußte das Gegentheil erfahren. Erst Casanova vermittelte die gewünschte Bekanntschaft; er war es, welcher die erste lebendige Jagdhyäne nach Deutschland brachte und ausstellte. Später konnte ich noch zwei andere, junge, beobachten; mehr sah ich nicht.

[22] Oken, Rüppell und die Araber hatten mich neugierig gemacht auf dieses Raubthier. Ersterer stellt die älteren Angaben zusammen, Rüppell giebt die Berichte der Araber wieder, die Araber selbst wissen noch mehr zu erzählen. Alle Berichte, auch die neusten, stimmen überein. Sie geben Geschichten zu hören, welche man nicht glauben will, erzählen von Thaten, die man der Jagdhyäne nicht zutrauen mag, und – treten der Wahrheit doch nicht zu nah. Um dies behaupten zu können, muß man den Helden aller Geschichten freilich kennen gelernt und eine gewisse Zeit mit ihm verkehrt, muß man die sonderbare Mischung von harmloser Gutmüthigkeit und listiger Verstocktheit, von ungestümer Raubsucht und berechnender Selbstbeherrschung, von feurigem Muthe und vorsichtiger Zurückhaltung, von Hunde- und Hyäneneigenschaften etc. selbst beobachtet haben.

Die Jagdhyäne (Lycaon pictus), deren Bildniß Leutemann uns mit gewohnter Meisterschaft vor das Auge führt, ist eine sehr wohlgestaltete und wirklich eine „gemalte“ Hyäne. Ihr Gebiß zeigt, wie gesagt, alle Merkmale des Hundegebisses, der Kopf aber ist äußerlich dem einer Hyäne durchaus ähnlich, der ganze Eindruck annähernd derselbe, nur daß sich der Adel des Thieres in unverkennbarer Weise ausspricht. Alle Füße tragen vier Zehen; der Daumen der vorderen ist nur im Geripp angedeutet. Die Behaarung liegt glatt an. Ueber die Färbung läßt sich nichts Bestimmtes sagen. Schnauze und Gesicht sind schwarz, Stirn, Scheitel, Nacken und Oberhals ockerbraun; auf dem übrigen Fell kommen drei Farben, Grauweiß, Schwarz und Braungelb, zur Geltung, und zwar in Gestalt großer Flecken, aber in so verschiedener Weise, daß man bis jetzt noch nicht zwei gleichgefärbte und übereinstimmend gezeichnete Jagdhyänen gefunden hat.

Ein echtes Kind der Steppe ist diese Hyäne, bunt, lebendig, wechselreich wie jene. So weit sich die Steppe dehnt, so weit reicht ihre Heimath; im Gebirge scheint sie ebenso wenig vorzukommen wie in der Wüste. Die Steppe breitet sich, wie bekannt über das ganze Innere Afrikas aus; dem entsprechend hat man unsere Jagdhyäne vom 17. Grade nördlicher Breite an bis zum Vorgebirge der guten Hoffnung gefunden oder doch in allen Steppenländern von ihr reden hören.

Ihr Leumund ist nicht überall derselbe, obschon sie sich gewißlich gleich bleibt im Süden wie im Norden, im Osten wie im Westen. Ein Capuziner, welcher vor mehr als hundert Jahren am Kongo predigte und taufte, thut ihrer zuerst Erwähnung und ist ihres Lobes voll. Er nennt sie Mebbie, unzweifelhaft ein Klangbild ihres Geschreies, Gekläffes und Gewinsels – denn die Stimmlaute der Jagdhyäne sind das eine wie das andere – als Namen anwendend. Der Biedermann sagt, daß diese nützlichen Thiere dem Menschen überaus zugethan seien, ihm nicht den geringsten Schaden zufügen, deshalb auch in allen Dörfern und Höfen geduldet werden, aber alle wilden Thiere angreifen und vertreiben sollen. „Ihr Widerwille gegen letztere ist so groß, daß sie selbst die grausamsten Löwen und Panther z. B. anfallen und trotz deren Stärke durch ihre Menge überwältigen und niederreißen.“ Ihre Menschenfreundlichkeit geht nach Versicherung unseres Seelenjägers so weit, daß sie eine Gegend erst dann verlassen, wenn sie dieselbe von wilden Thieren gesäubert haben, so wie sie ferner so liebenswürdig sind, die Ueberreste ihrer Beute den Leuten in die Dörfer zu schleppen, damit diese doch auch etwas haben.

Im Verlaufe der Zeit scheinen die Mebbien Vieles von ihrer ursprünglichen Reinheit verloren zu haben; sie treten mindestens fortan in alten Berichten nur noch als entschiedene Räuber auf, welche blos für sich, nicht aber auch für die Menschen arbeiten. Schon der Reisende Kolbe weiß von ihren Unthaten zu erzählen; die späteren Forscher, welche das Thier in Afrika beobachteten, stimmen ihm sämmtlich mehr oder weniger bei, und die Beobachtung gefangener Jagdhyänen bestätigt lediglich deren Angaben.

In Meuten von zehn bis sechszig Stück durchjagen diese scharfsinnigen, lebendigen und muthigen Thiere die Steppe. Wenn sich der Abend herabsenkt auf ihr weites Gebiet, bricht ihre Zeit an. Aber sie sind keineswegs eigentliche Nachtthiere, wie ihre Verwandten, die feigen Hyänen, vielmehr sehr oft auch bei Tage thätig. Es ist wahrscheinlich, daß sie sich über Tags in Höhlen bergen; wenigstens weiß man, daß hier ihre Jungen geboren und groß gezogen werden. Vor dem Menschen fürchten sie sich weniger als der Löwe oder Pardel, weniger als irgend ein anderes Thier; greifen ihn jedoch schwerlich an, obgleich dies die Araber Nordafrikas behaupten. Ihre Nase steht der unserer besten Spürhunde gleich; ihr Eifer, ihre Ausdauer sind bewunderungswürdig. Jedes Mittel gilt. Sie lauern an den Steppenbrunnen und Wasserlachen auf das durstige Wild, welches sich naht, folgen spürend dessen Fährte, treiben es auf und jagen nunmehr hinter ihm drein, bis sie es erreichen. Ihnen erliegt die schnellste, die stärkste Antilope; das Rind, welches sie nicht bewältigen können, verstümmeln sie wenigstens. „Am Morgen,“ so erzählt der verläßliche Burchell, „kam Philipp mit den Ochsen zurück; weil diese aber nicht, wie üblich, eingehürdet worden waren, hatten Jagdhyänen drei von ihnen die Schwänze abgefressen, einem nur die Quaste, den beiden anderen den ganzen Schwanz.… Schafe und Rinder sind den Angriffen dieser Thiere besonders ausgesetzt: die ersteren greifen sie offen an, die letzteren durch listiges Beschleichen.… Wie schwer der Verlust des Schwanzes für die Ochsen ist, begreift man erst, wenn man bedenkt, daß sie die Fliegen ohne Hülfe des Wedels gar nicht mehr abwehren können.“ Wenn die Jagdhyänen eine Schafherde überfallen, begnügen sie sich übrigens nicht mit den acht oder bis zwölf Pfund schweren Fettschwänzen, sondern reißen so viele Stücken nieder, als sie eben können, fressen die Eingeweide der erwürgten und lassen das Uebrige liegen.

Es muß ein prachtvolles und großartiges Schauspiel sein, diese bunten, schönen, behenden und lauten Thiere jagen zu sehen. Eine der großen, wehrhaften Säbelantilopen ist von ihnen aufgestört worden. Sie kennt ihre Verfolger und eilt mit Aufbietung aller Kräfte der federnden Läufe durch den Graswald der Steppe dahin. Ihr nach stürmt die Meute, kläffend, heulend, winselnd und in unbeschreiblicher Weise lautgebend, ich möchte sagen, aufjauchzend; denn die Laute klingen wie helle Glockenschläge. Weiter geht die Jagd; die Antilope vergißt über der größten Gefahr jede andere. Unbekümmert um den Menschen, welchen sie sonst ängstlich meidet, stürmt sie dahin; dicht hinter ihr, in geschlossenem Trupp folgen die Jagdhyänen, welche den Erzfeind aller Thiere noch viel weniger beachten als ihr geängstigtes Wild. Ihr Lauf ist ein niemals ermüdender, langgestreckter Galopp, ihre Ordnung eine wohlberechnete. Sind die vordersten ermattet, so nehmen die hinteren, welche durch Abschneiden der Bogen ihre Kräfte mehr geschont haben, die Spitze, und so lösen sie sich ab, so lange die Jagd währt. Endlich ermattet das Wild; die Jagd kommt zum Stehen. Ihrer Stärke sich bewußt, bietet die Antilope den mordgierigen Feinden die Stirn. In weiten Bogen fegen die schlanken, spitzigen Hörner über den Boden. Ein und der andere Verfolger wird vielleicht tödtlich getroffen; dieser und jener empfängt einen Schlag mit den scharfen Schalen, welcher ihn taumelnd dahinsinken läßt; aber nach wenigen Secunden bereits hat eines der älteren erfahreneren Raubthiere das Wild an der Kehle gepackt und im nächsten Augenblick hängen ihm so viele am Nacken, als Platz finden können. Alle heulen laut auf vor Jagdlust und Blutgier; eines sucht das andere zu vertreiben; man vernimmt die verschiedenartigsten Laute durch einander. In der Regel liegt das Wild schon nach Verlauf einer Minute röchelnd, verendend am Boden; zuweilen aber gelingt es ihm doch, sich noch einmal zu befreien. Dann beginnt eine neue Hatze und die Jagdhyänen stürmen mit bluttriefenden Schnauzen hinter dem blutenden Wilde drein. Cumming sah vier von ihnen in diesem Zustande ein bereits von Bissen zerfetztes Gnu verfolgen, erreichen und niederreißen; sah sie ein anderes Mal eine Heerde Pallahantilopen jagen und in wenig Secunden zwei von ihnen zerreißen. Ihre Mordgier scheint durch den Tod jedes neuen Opfers gesteigert zu werden; denn so lange sie lebende Thiere um sich sehen, lassen sie sich gar nicht Zeit zum Fressen, sondern würgen nur, verstümmeln mindestens.

Endlich sind sie des Mordens satt, stürzen sich über die gefällten Opfer her, reißen ihnen den Leib auf und wühlen fressend, heulend, kläffend in den Eingeweiden umher. Jetzt sind sie gänzlich Hyänen, freßwüthig, gierig, unreinlich, blutdürstig im eigentlichen Sinne des Wortes. Von dem Muskelfleische fressen sie wenig: Burchell fand eine frisch getödtete Elenantilope, welcher sie nur die Höhlen ausgefressen hatten, und nahm den Rest des Wildes für seine eigene Küche in Anspruch.

Wird eine Meute von Jagdhyänen gestört, so traben sie gemächlich davon, immer einen gewissen Abstand einhaltend, machen wiederholt Halt und sehen sich dabei scheinbar ohne alle Besorgniß um, gleichsam als ob sie den Menschen herausfordern wollten, [23] seine Bewegungsfertigkeit mit ihrer unermüdlichen Eilfertigkeit zu messen. Gegen Haushunde bekunden sie eine wirkliche Verachtung, wie groß und stark diese auch sein mögen. Sie erwarten ruhig deren Angriff, stürzen sich vereinigt auf den ersten, welcher sich ihnen zu nahen wagt, kämpfen wüthend und bleiben gewöhnlich Sieger. Die Haushunde verabscheuen sie und bellen wüthend, wenn sie nur ihre Stimme hören.

So lauten die Berichte der Reisenden; die geistvolle Auffassung des Thieres, welche unser Holzschnitt giebt, ist also gewiß berechtigt.

Die Jagdhyäne erscheint als ein für die Zähmung vielversprechendes Raubthier. Sie würde einen Spürhund abgeben, wie kein englischer Lord solchen besitzt. Aber freilich, so ohne Weiteres läßt sich ein derartiger Charakter dem Willen des Menschen nicht unterthan machen. Burchell zeichnet das Wesen des Thieres sehr richtig. Eine gefangene Jagdhyäne, welche er dreizehn Monate lang in seinem Hofe hatte, schreckte Jedermann ab, Zähmungsversuche mit ihr anzustellen, zeigte sich im Verlaufe der Zeit aber doch nicht gänzlich unzugänglich und spielte zuletzt oft mit einem gleich ihr angeketteten Hunde, ohne diesen jemals zu verletzen. Ihr Wärter durfte sich jedoch niemals Vertraulichkeiten gegen sie herausnehmen. Die erwähnte Jagdhyäne, welche Leutemann und ich in Casanova’s Thierschaubude beobachteten, benahm sich schon weit gesitteter. Die Lust, mit größeren Thieren anzubinden, war bei ihr allerdings auch noch sehr ausgeprägt, und sie erprobte ihre Zähne, so oft sie konnte, an dem dicken Felle ihrer Gefährten, der früher von mir geschilderten beiden Nilpferde; sie zeigte jedoch eine warme Zuneigung ihrem Pfleger gegenüber, obgleich dessen Hände bekundeten, daß sie auch ihn gelegentlich ihren Uebermuth fühlen ließ. Ein ungestümer Muthwille, ein, wie es scheinen will, unbezähmbarer Drang zu beißen, vielleicht ohne Absicht dadurch weh zu thun, sondern eher das Bestreben, die quecksilberne Lebendigkeit des regen Geistes zu bethätigen: das scheint mir das Wesen dieses Thieres zu sein, zumal jetzt, nachdem ich es wiederholt beobachten konnte. Jede Fiber zuckt und bewegt sich an der Jagdhyäne, sobald sie irgendwie in Aufregung geräth. Ihre unglaubliche Regsamkeit nimmt das Gepräge der übertriebensten Lustigkeit an und erscheint einen Augenblick später als Wildheit, Bissigkeit, Raublust. „Bellen hilft hier nichts,“ läßt Grandville seinen Wolf sagen, „es muß gebissen werden“ – hätte er die Jagdhyäne gekannt, er würde ihr diese Worte in den Mund gelegt haben. Sie beißt wirklich ohne alle Ursache, zum Vergnügen, zu ihrer Belustigung, auch ohne jegliche Bosheit; sie beißt den, welchen sie lieb hat, nachdem sie ihm einen Augenblick früher Atzung aus der Hand nahm. Ihre Liebkosungen sind ebenso stürmisch, wie ihre Angriffe auf Beute.

Jungaufgezogene Jagdhyänen gewöhnen sich sehr bald an eine bestimmte Persönlichkeit, an ihren Wärter, einen regelmäßigen Besucher ihres Aufenthaltsortes und legen bei dem Erscheinen ihres Freundes ihre Freude in einer Weise an den Tag, wie kein anderes mir bekanntes Raubthier. Angerufen erheben sie sich von ihrem Lager, springen wie unsinnig im Käfige und an den Wänden desselben umher, fangen unter sich aus Vergnügen Streit oder auch ein Kampfspiel an, verbeißen sich in einander, rollen sich auf dem Boden hin und her, lassen plötzlich von einander ab, durchmessen laufend, hüpfend, springend den Käfig von Neuem und stoßen dabei ununterbrochen Laute aus, für welche man keine Bezeichnung findet, da man sie ja doch nicht, wie man gern thun möchte, ein Gezwitscher nennen darf. Tritt der Mensch, welcher die ganze unsägliche Lustigkeit hervorgerufen, in den Käfig, so wird er augenblicklich umlagert, umsprungen, durch die wundersamsten Laute begrüßt und vor lauter Zärtlichkeit – gebissen, mindestens gezwickt. Unbeschreibliche, endlose Lebhaftigkeit ist diesen Thieren eigen von Jugend auf. Es wird nicht unmöglich, gewiß aber sehr schwer sein, sie zu zähmen; – gelänge es, so würde man an ihnen höchst nutzbare Jagdgehülfen gewinnen. Zu Haus- und Stubenthieren eignen sie sich jedoch nicht; denn außer ihrer Bissigkeit haben sie noch einen Fehler: sie verbreiten einen unerträglichen Geruch, einen noch schlimmeren fast als andere Hyänen.




Rom am Rhein.[1]
I.
Zwei Erzbischöfe von Köln. – Die gemischten Ehen. – Die katholischen Festtage. – Wallfahrtsunfug. – Reliquienbestreichung. – Die geweihten Hubertusbrödchen. – Der Confessionsstreit unter der Erde.


Es ist eine betrübende Erscheinung, daß in unserer Zeit, wo so viele Kräfte sich regen, Licht und Aufklärung zu verbreiten, Vaterlandsliebe zu nähren und vaterländische Institutionen zu gründen, – eine Strömung zur Verdumpfung und zur Geistesknechtschaft zu drängen und Saat und Vaterland unter eine andere Macht zu knechten sucht. Wir meinen die ultramontane. Fern sei es von uns polemisch gegen die katholische Kirche aufzutreten, insofern sie Gott giebt, was Gottes; und dem Kaiser, was des Kaisers ist. Aber man kann ein redlicher Katholik sein, ohne ultramontan zu sein. Ultramontan ist in unserem Sinne der, welcher sein Vaterland in Rom hat, welcher alle vaterländischen und staatlichen Interessen unter den Einfluß und die Herrschaft der durch den Papst repräsentirten römischen Kirche und ihrer Interessen stellen will. – Gewiß sind nicht Alle, die sich von jener Strömung fortreißen lassen, sich dieser Tendenz bewußt, aber die Leiter erkennen sie und haben sie als ihren consequent zu verfolgenden Grundsatz aufgestellt. Es ist die mittelalterliche Lehre, daß alle Fürsten ihre Throne nur von dem Statthalter Christi auf Erden zu Lehn tragen, welche nach den sanfteren Jahrhunderten, die jene finsteren Zeiten verdrängten, wiederum zur Geltung gebracht werden soll. Daß aber ein solches Princip mit jeder nationalen Gesinnung und Staatsform, zumal einer solchen mit protestantischer Spitze, durchaus unverträglich ist, liegt offen zu Tage. Preußen, das der Erfüllung seiner Mission, Deutschland zur Einheit und zur freiheitlichen Entwickelung zu führen, jetzt so nahe gerückt ist, hat auch den Uebergriffen Roms gegenüber das entscheidende Wort zu sprechen.

Der Wiederhersteller der katholischen Kirche in Frankreich, der erste Napoleon, hatte weise vorgesehen, daß eine gänzliche Trennung der Kirche vom Staate die nothwendigen Bedingungen des letzteren gefährden könne. In seiner mit dem Papste im Jahre 1802 geschlossenen Convention und in den dieselbe begleitenden organischen Artikeln hatte er deshalb dem Staate einen wesentlichen Einfluß zur Verhütung eines mißbräuchlichen Umsichgreifens der Kirche gesichert. Diese Convention galt auch in der von Frankreich eroberten Rheinprovinz, nach deren Abtretung an Preußen aber trat dem römischen Stuhle gegenüber eine mildere, nachgiebigere Praxis ein.

Bis in das zweite Jahrzehnt nach der Besitznahme der wiedereroberten Provinzen wurde der Friede zwischen Staat und Kirche nicht wesentlich gestört. Auf dem erzbischöflichen Stuhle zu Köln saß ein Mann von milder Gesinnung und staatsmännischer Bildung, der Graf Spiegel zum Desenberg. Dieser trug wesentlich zur Erhaltung des Friedens bei, und insbesondere gelang es durch seine Beihülfe eine Divergenz zu beseitigen, welche in Betreff der gemischten Ehen entstanden war. In den alten Provinzen bestanden gesetzliche Vorschriften über die confessionelle Erziehung der Kinder aus solchen Ehen, welche auch auf die neuen Provinzen gesetzlich ausgedehnt wurden. Nach und nach fing die katholische Geistlichkeit an, strengere Saiten aufzuziehen und namentlich von den Brautleuten als Bedingung der Eheschließung das Versprechen der katholischen Confession der in der Ehe zu erzielenden Kinder zu fordern. Dieser Conflict führte zu Verhandlungen mit dem Papste und in deren Folge zum Erlasse eines päpstlichen Breve, worin zwar von einer ernstlichen Abmahnung und Belehrung des katholischen Theiles über ein solches „Verbrechen“ gegen die Kirche, wenn Katholiken, wie es in der beigefügten Instruction des Cardinals Albani heißt, „schändlich von unsinniger Liebe wahnsinnig [24] gemacht“ (turpiter insano amore dementati) Ehen mit Nichtkatholiken einzugehen wünschen, nicht aber von der Forderung des erwähnten Versprechens die Rede war. In weiterer Ausführung dieser Principien wurde nun mit dem Metropolitan, Grafen Spiegel, eine Einigung geschlossen, wodurch eine milde Praxis eingeführt und von dem beregten Versprechen ganz Abstand genommen wurde, wogegen der Staat mit zu großem Eifer seine Bereitwilligkeit erklärte, diesem immerhin zweifelhaften und durch Bedrängung der Gewissen innerhalb und außerhalb der Beichtstühle leicht zu umgehenden Compromisse das einzige gesetzliche Mittel gegen jede anmaßliche Prätension der Kirche in Beziehung auf die Schließung der Ehe und die Gründung der Familie als der wesentlichsten Grundlage des Staates, die Civil-Ehe, zu opfern.

Zu dieser Convention erklärten denn auch die dem Erzbischofe von Köln untergeordneten Bischöfe von Paderborn, Münster und Trier unumwunden ihren Beitritt, und hiernach wurde denn in allen Diöcesen bis zu dem im Juli 1835 erfolgten Tode des Grafen Spiegel und noch ein Jahr weiter verfahren.

Auf dem erzbischöflichen Stuhle zu Köln folgte diesem der bisherige Weihbischof zu Münster, der Freiherr Clemens August Droste zu Vischering. Auf ihn hatte besonders der in sich verzweigte katholische rheinisch-westphälische Adel die Aufmerksamkeit gelenkt, welcher, so wie früher die Domcapitel mit seinen jüngeren Söhnen besetzt wurden, nun auch die bischöflichen Pfründen für sich in Anspruch zu nehmen wünschte. Umsonst erhoben sich von mehreren Seiten, namentlich von der des trefflichen Oberpräsidenten von Westphalen, Freiherrn Vincke, Stimmen der Warnung gegen diesen Mann, welcher während seiner früheren Verwaltung als Capitular-Verweser zu Münster mit den Staatsbehörden vielfach in Conflict gerathen und dessen Starrsinn in Münster notorisch war.

Der damalige Kronprinz, später als Friedrich Wilhelm der Vierte König, der Aristokratie gewogen und von dem Satze ausgehend, daß die Gottesfurcht zu allen Dingen nütze sei, übernahm die Verantwortung, und man suchte nur noch von dem Candidaten selbst eine Erklärung zu erhalten: ob er im Geiste des Friedens wirken und insbesondre die in Folge des päpstlichen Breve am 19. Juni 1834 geschlossene Uebereinkunft mit den vier Bischöfen aufrecht erhalten werde. Er erwiderte darauf unter Betheuerungen seiner Friedensliebe, „daß er sich wohl hüten werde, jene gemäß dem Breve vom Papste Pius dem Achten über die gemischten Ehen getroffene und in den vier Sprengeln zur Vollziehung gekommene Vereinbarung nicht aufrecht zu halten, oder gar, wenn solches thunlich wäre, anzugreifen und umzustoßen, und daß er dieselbe nach dem Geiste der Liebe, der Friedfertigkeit anwenden werde“. – So wurde er denn dem Domcapitel vorgeschlagen und gewählt.

Allein schon nach Jahresfrist zeigten sich die übeln Folgen dieser Wahl. Der Ernannte gerieth in mannigfache Conflicte mit der Staatsregierung, schrieb in Widerspruch mit vorerwähnter Erklärung und unter der Angabe, die Convention nicht gekannt zu haben, den Pfarrern vor, die kirchliche Trauung nur dann zu gewähren, wenn sich das Brautpaar zur Erziehung sämmtlicher Kinder im katholischen Glauben durch ein ausdrückliches Versprechen zuvor verpflichtet haben würde.

Allen desfälligen Vorstellungen war er unzugänglich und die Aufforderung, sein Amt niederzulegen, wenn er die Bedingung, unter der es ihm übertragen worden, nicht erfüllen könne, weil er deren Umfang nicht gekannt habe, lehnte er ab. So wurde ihm von Staatswegen die Ausübung seines Amtes untersagt, und er, um ihm dieselbe unmöglich zu machen, am 20. November 1837 auf die Festung Minden abgeführt. Hätte man ihn noch einige Zeit gewähren lassen, so würde er sich durch sein tactloses Benehmen, seine oft bis an das Lächerliche streifenden Lebensgewohnheiten, die Schroffheit, womit er gegen die Regierung und seine eigenen Standesgenossen, insbesondere gegen sein eignes Domcapitel auftrat, mit welchem er sich gänzlich überworfen hatte, – bald selbst den Katholiken gegenüber unmöglich gemacht haben. Die ihm angethane Gewalt aber setzte ihm die Märtyrerkrone auf. Gegen diese Gewalt erhob sich von allen Seiten Opposition. Man erblickte darin eine Verletzung der Gesetze über persönliche Freiheit, die von katholischer Seite um so erheblicher erachtet wurde, als sie einen der ersten Würdenträger der Kirche betraf, und doppelt fühlte sich der katholische rheinisch-westphälische Adel gekränkt, weil der Erzbischof sein Standesgenosse war. Von diesem Ereignisse aus trat ein Wendepunkt ein, mit welchem sich die ultramontane Strömung stärker ergoß.

Erst nach langen Verhandlungen wurde der Streit unter Friedrich Wilhelm dem Vierten vermittelt, indem die Verwaltung der Erzdiöcese dem von dem Könige von Baiern empfohlenen Bischöfe von Speier Johannes v. Geissel mit der Aussicht auf die definitive Nachfolge anvertraut wurde.

Aber zu einem völligen Frieden zwischen Staat und Kirche kam es auch unter diesem nicht, vielmehr brachten vielfache Reibungen ein peinliches Verhältniß hervor, und die Staatsregierung fand um so mehr Widerstand, als sie diejenigen, welche sich auf ihre Seite gestellt hatten, insbesondere das kölnische Domcapitel, der römischen Curie gegenüber schutzlos gelassen hatte und meist durch fortgesetzte Nachgiebigkeit zu fortgesetztem Widerstande reizte.

Namentlich ist seitdem die Forderung des Versprechens bei gemischten Ehen, welche den Hauptgegenstand des Streites bildete, viel schroffer geworden und wird fast überall als Bedingung der Trauung von katholischer Seite gestellt, und da die evangelische Kirche ihrerseits zur Abwehr für die Trauung die Nichtleistung jenes Versprechens als Bedingung stellt, so trennt eine eherne confessionelle Mauer die, welche die Liebe vereint und welche Vaterland, Bildung, Sitte und alle übrigen Beziehungen des Lebens gemeinsam haben. Einer oder der andere Theil muß nachgeben und auf die Weihe seiner Kirche verzichten, und der katholische Theil ist dann der Ausschließung, der Verweigerung der Absolution gewiß. So wurde einem seit mehreren Jahren in kinderloser und wenig Aussicht zu Kindern bietender gemischter Ehe lebenden Katholiken die Absolution von seinem Pfarrer verweigert, weil dieser nachträglich erfahren hatte, daß jener bei Eingehung der Ehe in die evangelische Erziehung der zu erzeugenden Kinder gewilligt habe.

Ja, wenn auch das Versprechen förmlichst gegeben wird, beschränkt sich in der Regel die Thätigkeit des Geistlichen auf die sogenannte passive Assistenz, d. h. er nimmt ohne Einsegnung die Erklärung der Brautleute vor Zeugen in der Sacristei entgegen, daß sie sich zu Eheleuten nehmen. –

In anderen Punkten wurde von der katholischen Kirche ein Maß äußerer Berechtigung in Anspruch genommen und zugegeben, welches über die Grenzen der Gleichberechtigung anderer Confessionen hinausgeht.

Unter der französischen Regierung war im Einverständniß mit dieser durch ein Indult des Cardinals Caprara vom 9. April 1802 die Zahl der außer den Sonntagen zu feiernden Festtage mit weiser Beschränkung auf vier festgesetzt worden. Durch Nachgiebigkeit der preußischen Regierung ist im Laufe der Zeit diese Zahl wieder auf sechszehn angewachsen, die allgemein gefeiert werden; darunter sind fünf Marientage. Es leuchtet ein, daß eine solche Vermehrung der arbeitslosen Zeit in Verbindung mit den vielen Kirchweihfesten, deren jedes mindestens zwei Wochentage nach dem Sonntage in Anspruch nimmt, sehr nachtheilig für den Gewerbfleiß sein muß, besonders wenn man hinzunimmt, daß nach einem außer dem Gottesdienste in Vergnügungen zugebrachten Tage die Arbeit am folgenden nicht sonderlich schmeckt und dem Sonn- und Feiertage oft der mißbräuchliche blaue Montag folgt. Dabei ist die Geistlichkeit so sehr auf die volle Geltung der Feiertage bedacht, daß beispielsweise in der Diöcese Köln der am 25. März anstehende Tag der Verkündigung Mariä, wenn er in die Charwoche, von Palmsonntag bis Ostersonnabend fällt, am nächsten Montage nach den Ostertagen gefeiert wird. Und da wird er dann auch mit staatlicher Zulassung von Behörden und Privaten kirchlich und bürgerlich begangen. –

Die Wallfahrten von Ort zu Ort wurden unter der französischen Regierung nicht geduldet, sondern, weil sie Müßiggang und Sittenlosigkeit beförderten, verboten und die Polizei angewiesen, von den Theilnehmern Pässe zu erfordern. Auch der Erzbischof Graf Spiegel mahnte in einem Erlasse vom 12. Mai 1826 dringend davon ab, „weil dabei nebst der Versäumniß der häuslichen Pflichten die rohesten Ausschweifungen vorfielen und dadurch die schrecklichen Folgen des verderblichsten Aergernisses entständen.“ Nach diesem Prälaten haben sie sich aber ungestört breit und sogar die Rechte des öffentlichen Gottesdienstes geltend gemacht. So wurde beispielsweise ein protestantischer Gutsbesitzer, welcher Sonntags auf freiem Felde zu [25] seiner Kirche im Schritte durch eine seinen Weg kreuzende Wallfahrt fuhr, wegen Störung des öffentlichen Gottesdienstes denuncirt. Nach altberühmten Wallfahrtsorten, z. B. nach Kevelaer, ziehen von weit entlegenen Orten Wallfahrten von tausend Personen beiderlei Geschlechts und nehmen ihr Nachtquartier in Dörfern, wo nur wenige Wirthshäuser Raum für ihre Aufnahme bieten und Scheunen und Heuspeicher dabei zu Hülfe genommen werden müssen. Zu welchem Unfug dieses Gelegenheit giebt, bedarf keiner Erörterung und schwerlich wird dagegen die geistliche Begleitung schützen können. Es ist bekannt, welchen enormen Umfang im Jahre 1844 die Wallfahrten nach dem fernen Trier zur Verehrung des sogenannten heiligen Rockes erreichten, welche Völkermassen zu den periodischen Ausstellungen der großen und kleinen Heiligthümer im Münster zu Aachen wallfahren und wie noch im Jahre 1865 Hunderttausende von allen Seiten zur Jubel-Ausstellung der Reliquien der Heiligen drei Könige nach Köln pilgerten. Bei solchen Gelegenheiten werden dann Rosenkränze, Heiligenbilder, Gypsfiguren, Druckschriften von den bei den Reliquien dienenden Priestern an diese angestrichen, damit man eine geweihte Erinnerung mit nach Hause nehme, und es wird glaubhaft erzählt, daß die fromme Einfalt öfters draußen in den Verkaufsbuden statt des Lebens der Heiligen drei Könige die daneben liegende Lebensbeschreibung eines berüchtigten Mörders kaufte und anstreichen ließ. Welcher abergläubische Unfug überhaupt mit diesen Dingen getrieben wird, ist unbegreiflich und es dürfte fabelhaft klingen, wenn es nicht wahr wäre, daß Bettelmönche gesegnetes Kraut gegen die Behexung des Viehes verabreichen und daß am St. Hubertustage geweihte Brödchen verkauft werden, welche die Kraft haben sollen, selbst schon Gebissene vor der Hundswuth zu bewahren, ja daß an dem nämlichen Tage sogar in einer Sacristei die Hunde, welche doch der Glaube nicht selig machen kann, mit dem Schlüssel des heiligen Hubertus auf die Stirn gebrannt werden, um vor Tollwuth geschützt zu sein. Und man erzählt sich im Volke die schaurige Geschichte daß ein Mann, welcher aus Versehen statt des geweihten ein ungeweihtes Brödchen aß, sofort von der Hundswuth befallen worden sei.

Freilich ist das Alles für die Kirche, wie für die Gastwirthe sehr lucrativ, denn kein Pilger verläßt den Ort seiner Wallfahrt, ohne sein Opfer, bestehe es nun aus Gold, Silber oder Kupfer, oder in riesigen Kerzen, in Armen, Beinen und anderen Gliedern von Wachs, welche dem Gliede, wofür man Heilung sucht, entsprechen, darzubringen. Wenn auch ein Einblick in die Totalität dieser Opfer nicht gestattet ist, so genügt doch ein Blick in die jedesmal aufgestellten Kasten oder Schüsseln, um sich von der Erheblichkeit ihres Inhalts zu überzeugen. Daraus dürfte es sich dann erklären lassen, wenn beispielsweise zu Kevelaer eine gewaltige Kirche gebaut wurde, über deren anderweitige Baumittel nichts bekannt ist, oder wenn das Domcapitel zu Trier nach und nach die berühmtesten Weinberge an der Saar und Mosel ankauft. –

Ein fernerer Punkt betrifft den Streit der Confessionen unter der Erde. Das französische Gesetz vom 23. Prairial des Jahres XII (12. Juni 1804) legte die Begräbnißplätze in die Hand der Civil-Gemeinde und das Nämliche geschah im Großherzogthum Berg durch das Verwaltungs-Decret vom 13. October 1807. Wenn auch in jenem Gesetze eine Scheidung der Begräbnißplätze nach den Confessionen vorgesehen war, so ist doch in jener Zeit der Duldung bei der Anlage der Kirchhöfe fast nirgends danach verfahren, so daß noch jetzt namentlich in den größeren Städten der Rheinprovinz Katholiken und Protestanten auf demselben Beerdigungsplatze friedlich neben einander beigesetzt werden. Ueberdem wurde jene Scheidung durch eine Cabinets-Ordre vom 27. August 1820 „im Geiste echt christlicher Duldung“ außer Kraft gesetzt. Ein Dogma von der geweihten Erde des ganzen Kirchhofs existirt durchaus nicht und wird noch jetzt von der Geistlichkeit, wenigstens für die eben bezeichneten größeren Städte und Bischofssitze, nicht in Anspruch genommen. Dagegen ist die durch die angeführte Cabinets-Ordre verordnete Einsegnung des ganzen Kirchhofes gestattet und eben so keinem Priester die Einweihung jedes einzelnen Grabes verwehrt.

In neuerer Zeit nun hat die katholische Geistlichkeit den Anspruch auf Trennung nach den Confessionen erhoben. Zuerst geschah dies in der Diöcese Trier, wo es dann unter dem Oberpräsidenten v. Kleist-Retzow zu einer schwachen Vereinbarung kam, wonach auf dem Lande in einer Ecke des gemeinsamen bürgerlichen Begräbnißplatzes nach Verhältniß der protestantischen Bevölkerung ein Platz für diese abgesteckt und ummauert wurde. Da das Verhältniß der in dem früheren katholischen Lande verstreut lebenden Protestanten meist nur ein sehr geringes ist, so beschränkt sich dieser abgesonderte Platz oft auf ein paar Hundert Quadratfuß, wo denn die Protestanten, wie die im Mittelalter an die Kirchhofmauer verbannten Verbrecher und Selbstmörder, ruhen dürfen. Ja der Fanatismus ist, wo diese Einrichtung noch nicht bestand, bis zu gewaltsamer Widersetzlichkeit gegen die Beerdigung eines Protestanten auf dem gemeinsamen Begräbnißplatze, und wenn die letztere unter dem Schutze der Gensdarmerie und des Militairs dennoch geschah, bis zu wiederholter nächtlicher Ausgrabung des Sarges ausgeschritten.

Auch in der Erzdiöcese Köln weigerte sich der interimistische Erzbisthums-Verweser, irgend einen neuen Begräbnißplatz weihen zu lassen, wenn er nicht ausschließlich für Katholiken bestimmt werde. An einem Orte kam es denn auch mit ihm zu einer ähnlichen Vereinbarung wie die in der Diöcese Trier erwähnte, aber die evangelische Geistlichkeit protestirte dagegen als entwürdigend. Eine Entscheidung ist deshalb noch nicht ergangen, nach den Präcedenzfällen hat indessen die evangelische Kirche wenig Schutz zu erwarten.

So wird denn auch, wie oben bei der Ehe, hier noch im Grabe eine Mauer aufgerichtet zwischen Menschen eines Vaterlandes, eines Stammes, einer im Leben verträglichen Gesittung und Gesinnung, und der ärgerliche Streit der Confessionen wird noch bis unter die Erde fortgesetzt.




Die erste und einzige Liebe Abraham Lincoln’s.
Von H. L. Bernays in Missouri.[2]


Einige Daten der hier wiedererzählten Episode aus Lincoln’s Leben sind in amerikanischen Kreisen erst durch eine Vorlesung bekannt geworden, welche Herr William H. Herndon, der frühere Associé des so tiefbetrauerten Präsidenten in dessen Advocatur, vor Kurzem in Neu-Salem in Illinois, an dem Schauplatze dieses ergreifenden kleinen Romanes, gehalten hat. Den vertrauteren Freunden unseres großen Todten war sie nicht neu. Auch ich, der ich den Präsidenten sehr wohl kannte und der ich, ohne auf Intimität auch nur im Entferntesten Anspruch zu machen, doch in manchen nicht unbedeutenden Momenten mit ihm zu conferiren die Ehre hatte, wußte um diese Geschichte. Jedoch würde mich meine Scheu, eine Jugendepoche tiefen Leidens einer so großen Persönlichkeit vor das kalte Publicum zu bringen, abgehalten haben, anders als im Vorübergehen von der romantischen Zeit Lincoln’s öffentlich zu sprechen, hätte nicht gerade sein genauester Freund den großen Märtyrer für die Grundsätze des Nordens auch als einen im tiefsten Herzen getroffenen Liebenden unserem auf alle Details aus dem Leben seiner Staatsmänner so erpichten Volke vorgeführt. –

Lincoln war kein Mann von kühnen Entschlüssen. Im Gegentheil, es bedurfte für ihn geraumer Zeit, ehe er sich eine feste Ansicht über irgend einen Zustand zu schaffen wußte; trotzdem aber hatte sein Handeln niemals den Anstrich, als sei es ihm abgedrungen worden. Denn kaum jemals hat es einen Staatsmann von ehrlicheren Ueberzeugungen gegeben, als ihn, kaum Einen, bei dem die Tiefe der Empfindungen hinter scurriler Redseligkeit leichter wäre zu erkennen gewesen. Es ist in der Union wohl bekannt, daß nicht nur einige seiner Cabinetsmitglieder, sondern auch andere Politiker nicht ohne vorübergehenden Erfolg ihn einzuschüchtern vermochten. Aber allein mit seinem tiefen Ernst [26] und seinem nicht zu beirrenden Gewissen revoltirte er jedesmal gegen die ihm abgedrungenen Zugeständnisse, und alle seine Staatsschriften beweisen es, daß er zwar stets, wie ein rechter amerikanischer Demokrat, der öffentlichen Stimme Gehör gegeben, aber doch nur so, wie er selbst sie zu vernehmen glaubte, und nicht, wie sie ihm von Zudringlichen oder Interessirten ausgelegt worden war. Aus allen seinen Proclamationen und Botschaften spricht etwas so Eigenthümliches, daß darüber kein Zweifel herrschen kann, wie an der Schwelle des Heiligthums seiner Pflichten und seines Gewissens jeder vergänglichen Beeinflussung Halt geboten worden war. Daß ein Mann von so stark gezimmertem Gewissen furchtbar leiden mußte, wenn er gerade dort, wo er sich vollkommen unerschütterlich glaubte, einen Stoß erhielt, ist sehr wohl begreiflich … aber nahezu vernichtet hat es ihn, als er einst an einer für echt gehaltenen tiefen Leidenschaft zweifeln zu müssen glaubte und als ihm gerade im Moment, da seine Zweifel gelöst waren, der unbarmherzige Tod sein kaum gewonnenes Glück wieder entriß.

Unmittelbar nach dem Tode Lincoln’s wurde in allen Zeitungen ein Gedicht verbreitet, das jetzt allgemein unter dem Namen „Unsterblichkeit“ bekannt ist und das auch häufig nach seinen ersten Verszeilen citirt wurde: „Warum doch auch ist der sterbliche Geist so stolz!“[WS 1] und man ging sogar so weit, das Gedicht, das von einem schottischen, so viel ich weiß, sonst wenig bekannten Dichter[WS 2] herrührt, dem Präsidenten selbst zuzuschreiben. Lincoln hatte es, so sagte man, fast täglich einmal gelesen, aber nichts erklärte die Vorliebe des im Uebrigen als durchaus unpoetisch bekannten Mannes für ein paar Strophen, in denen, nicht einmal auf eine besonders ergreifende Weise, der Gedanke ausgesprochen war, wie der Tod keine Größe achtet, aber auch die zartesten und unbedeutendsten Existenzen seiner Sichel nicht für unwürdig hält. Jetzt weiß man, daß es hauptsächlich die folgenden zwei Verszeilen waren, die er wohl dem Gegenstande seiner ersten unvergeßlichen Liebe für vollkommen entsprechend hielt: „Das Mädchen, deren Brauen, deren Wangen, deren Augen Freude und Schönheit strahlten, – da liegen ihre Triumphe!“[WS 3]

Und so war es. Während der Jahre 1830 bis 1837 lebte Lincoln im Hause eines Herrn Cameron in Neu-Salem, des Associé von einem gewissen Rutledge. In diesem Hause machte er die Bekanntschaft eines reizenden Mädchens. Anna Rutledge war eine Landsmännin Lincoln’s, denn gleich ihm war sie in dem stolzen Staate Kentucky geboren. Im Jahr 1830 war sie siebenzehn Jahr alt. Enkelin des patriotischen, freiheitbegeisterten James Rutledge von Kentucky und Tochter eines hochgeachteten und gebildeten Mannes gleiches Namens, hatte sie eine dem Stande ihrer Vorfahren entsprechende Erziehung genossen, und wie mir Freunde ihrer Familie versicherten, besaß das junge Mädchen in der That gerade jene Gaben des Geistes, des Körpers und der Erziehung, die ihre Anziehungskraft auf besonders von der Natur bevorzugte Männer niemals verfehlen. Lincoln war im Jahr 1834 auf’s Engste mit ihr befreundet, hatte sie aber offenbar schon einige Jahre vorher gekannt. Denn eine plötzlich mit voller Gewalt auftretende Leidenschaft lag nicht in der Gemüthsart Lincoln’s und er bedurfte offenbar einer längeren Bekanntschaft, um sich so vollkommen in das Wesen des reizenden Geschöpfes zu vertiefen, daß er sie, wie er es gethan zu haben scheint, für die ihm vom Schicksal auserlesene Ergänzung seines eigenen Selbst gehalten. Während dieses längeren Umgangs, welchen Lincoln zur vollen Aufklärung über seine eigenen Empfindungen brauchte, geschah es nun, wie dies so natürlich war, daß sich viele andere junge Männer um Miß Anna Rutledge bewarben, und namentlich waren es zwei vortreffliche Männer, welche beide später bedeutende Rollen in der Geschichte ihres Vaterlandes spielten, die direct um die Hand des jungen Mädchens anhielten.

Von diesen scheint der eine, ein wackerer, aber heftiger, rauher Charakter, der feinfühlenden Kentuckierin so antipathisch gewesen zu sein, daß sie ihm von vorn herein jede Hoffnung auf Gegenseitigkeit der Neigung abschnitt. Dagegen überwältigten sie die Bewerbungen des andern, der als ein äußerst gewandter, schöner und dabei hochgebildeter Mann geschildert wurde, dergestalt, daß sie ihm ihre Hand versprach, wenn er die ihrem Stande entsprechende Stellung errungen haben würde. Von diesem Verhältnisse scheint Lincoln, dessen Scharfblick für solche Dinge ohnehin nicht sehr groß gewesen, nicht das Geringste geahnt zu haben. Denn wenn er auch vielleicht an eine Heirath noch nicht dachte, so setzte er seine Besuche so ununterbrochen fort, als wäre er ihr so nahe wie jeder Andere, und gab sich, wie er es nicht anders konnte, so vollkommen als der rechtschaffene, liebenswürdige, aufrichtige, leutselige Mann, der er war, daß absichtslos von beiden Seiten sich eines jener tiefen Verhältnisse entspann, die außer dem Tode nichts auf Erden lösen zu können scheint. Ihr erstes Versprechen völlig vergessend und offenbar ohne Lincoln auch nur ein einziges Wort davon mitzutheilen, verlobte sie sich auch mit ihm in einer jener vielen glücklichen Stunden, die den amerikanischen Mädchen mit männlichen Altersgenossen außer dem Beisein ihrer Eltern zu verleben nach der Landessitte gestattet ist.

Wer den Charakter des Geschlechtsverkehrs in den Vereinigten Staaten kennt und wer namentlich von der zweifellosen Sittsamkeit der Geliebten Lincoln’s, wie ich es bin, überzeugt ist, der wird in diesem doppelten Versprechen weder Frivolität noch Koketterie finden. Es ist wahr, daß Aehnliches häufiger in diesem Lande als in Deutschland vorfällt, aber in hundert Fällen ist ein solches Doppelversprechen kaum ein einziges Mal dem Leichtsinn oder bloßer Veränderlichkeit zuzuschreiben. Denn da im hiesigen Menschenschlag überhaupt der Verstand das vorherrschende Element ist und Schwärmerei und Sentimentalität durchaus keine Charakterzüge der Amerikaner sind, so sehen unsere Mädchen auch ein Liebesverhältniß sogar bei der tiefsten Leidenschaftlichkeit immer noch zu gleicher Zeit als die Präliminarien eines verstandesmäßig abzuschließenden Gesellschaftsvertrages für das ganze Leben an. Ueber der Leidenschaft thront doch immer der Verstand. Weder Jüngling noch Jungfrau haben den deutschen Glauben, daß es gerade dieser oder diese und kein Anderer und keine Andere sein könnten, die sich zu einer Ehe verbinden, sondern Beide halten es bis zum letzten Augenblicke für möglich, daß immer noch ein Anderer für sie passender sein könne. Nur beherrscht auch hier in allen Geschlechtsbeziehungen das Weib so sehr den Mann, daß sich dieser durch das leiseste Versprechen schon für unwiderruflich gebunden ansieht, während das Weib das feierlichste Versprechen ungestraft, ja selbst nicht im Allergeringsten von der öffentlichen Meinung deshalb geahndet, zurücknehmen kann. Dazu kommt, daß in Deutschland die Frau stets seinen directen Antheil an dem Geschäfte ihres Mannes nimmt. Sie ist also im verheiratheten Stande die Mitbegründerin ihrer Häuslichkeit und ihres Glücks. Bei ihr fällt daher die einseitige Rücksicht auf die äußere Lage des Mannes viel weniger ins Gewicht, als bei der Amerikanerin, die sich nur ausnahmsweise um den Beruf ihres Mannes kümmert, die aber der Landessitte nach sich in einer gewissen, allen anderen Frauen ähnlichen Sphäre von Wohlleben befinden muß, um sich glücklich zu schätzen. Es ist daher ein sehr erklärliches Bedenken aller unserer Mädchen, welches jedoch wahre Liebe durchaus nicht ausschließt, daß sie durch ihre Heirath weder unter ihr bisheriges noch unter das allgemeine Niveau von Comfort und Lebensgenüssen ihrer Schwestern kommen. Bei den Männern fallen diese Bedenken weg, und darum ist auch aus diesem Grunde ihre Sinnesänderung nicht gerechtfertigt.

Doch sind diese Erwägungen kaum nothwendig, um den Wechsel der Gesinnung der armen Anna zu rechtfertigen, wenn ein solcher überhaupt bestand. Alle äußeren Vortheile lagen ja so vollkommen in ihrer Treue zu ihrem ersten Verlobten, daß sie jeder Unbefangene sie von aller Berechnung wegen ihres zweiten Versprechens lossprechen muß. Denn Lincoln war damals so arm und so aussichtslos in Bezug auf irgend eine bedeutende Lebensstellung, als dies überhaupt ein Amerikaner sein kann. Dazu war er nach der Aussage seiner Altersgenossen als junger Mann noch viel häßlicher als später, wo der Ernst des Lebens und tiefes Leid ihm jenen unverkennbaren Zug des Wohlwollens aufgedrückt, der das Unschöne seiner ganzen Erscheinung augenblicklich in den Hintergrund drängte.

Im Gegentheil liegt in dem traurigen Ausgang dieser unseligen Verwirrung der Schlüssel zu so tief tragischen Motiven und eine so vollkommene Versöhnung, daß die obigen Erklärungsgründe füglich unerwähnt gelassen werden könnten, wenn sie nicht zur bessern Würdigung der amerikanischen Lebensanschauungen Seitens meiner deutschen Landsmänninnen dienen würden.

Kaum war nämlich das zweite Versprechen gegeben, als sich der armen Anna eine unaussprechliche Angst bemächtigte. Wahrhafte Hochschätzung und tiefe Erkenntniß des Wesens beider Männer hatte sie in ein Doppelverhältniß gebracht, aus dem sich [27] zu befreien ihr graute. War das Eingehen beider Verbindlichkeiten vielleicht die Folge einer plötzlichen, ekstatischen Aufregung, hatte sie wirklich beide Männer im Augenblick, da sie sich mit ihnen verlobte, von ganzer Seele zu lieben geglaubt, so trat sie jetzt in das Stadium des Vergleichens und ihr Verstand nicht weniger als ihr Herz waren auf die Folter gespannt. Die Schürzung des Knotens war so einfach gewesen, so vollkommen ihrem naiven Herzen erklärlich, eine friedliche, glückliche Lösung schien ihr eine Unmöglichkeit. Kein Mensch hat jemals erfahren, ob sie ihre Qualen einem von ihren beiden Verlobten mitgetheilt. In ihrer Herzensangst aber verzehrte sich das unglückliche Geschöpf; es befiel sie eine schwere Krankheit und unter den furchtbarsten Kämpfen gab sie am 25. August 1835 ihren Geist auf.

Sicherlich hat sie Lincoln, wenigstens unmittelbar vor ihrem Tode, mehr geliebt, als ihren andern Verlobten. Denn auf dem Todesbette ließ sie ihn allein zu sich kommen, und über eine Stunde blieben Beide zusammen. Auf dem Concordia-Kirchhof, sechs Meilen von Neu-Salem liegt sie unter einem einfachen Stein. Lincoln sagte, „daß sein trauerndes und gebrochenes Herz dort begraben liege.“ Ein anderes Mal äußerte er sich, „er könne es kaum ertragen, daß der Schnee und der Sturm auf dieses Grab hernieder schaueren.“

Seine Freunde waren tief betrübt über das Seelenleiden des vortrefflichen Mannes. Sie erschöpften sich in Mitteln, ihn zu zerstreuen. Sie brachten ihn in andere Familien, lenkten seine Aufmerksamkeit auf andere Lebenszwecke, und es bedurfte in der That der liebevollsten Mühen, den tiefgebeugten Mann aus seinem Jammer dem lebendigen Leben wieder zuzuführen.

Damals war es, als ein verständiger Freund dem jungen Lincoln jenes Gedicht vorlas, das ihn fortan durch’s Leben begleitete. Er schrieb es ab, trug es nun bei sich, konnte es einsam und unter intimen Freunden laut recitiren und zahllose Male hat er es seitdem wiederholt. Es war wunderbarer Weise der einzige heilende Balsam für sein wundes Herz.

Niemals, sagt Herndon, hat Lincoln seitdem wieder einen Brief an eine Dame mit der stehenden Formel: „your affectionate friend“ geendet. Liebe hatte er für kein Weib mehr. Auch bewies seine spätere Ehe mit Miß Mary Todd, einer hochfahrenden, ihm absolut nicht sympathischen Frau, daß er einzig und allein der Convenienz wegen, nicht aber einem Zuge seines Herzens folgend, sich mit einem Weibe verbunden habe.

Ich weiß nicht, ob das Wesen seiner Ehe allgemein in Illinois bekannt war; sicher aber ist es, daß sich Frau Lincoln niemals die Liebe der Landsleute ihres Mannes erwerben konnte. Auch in ihrer repräsentativen Stellung als Gemahlin des höchsten Beamten dieser Republik vermochte sie es nicht sich Freunde zu erwerben, und nur spärlich und gemessen wurde ihr die Sympathie des Volkes nach dem entsetzlichen Tode ihres Gatten zu Theil. Offenbar aber war der sechsundzwanzigjährige Lincoln ein anderer Mann als der Fünfziger. Sein Leben scheint durch den unglückseligen Ausgang seines Liebesromans geradezu in zwei Hälften getheilt worden zu sein. Denn alle seine Freunde sagen übereinstimmend von ihm, daß er mit all’ seiner damaligen Vorliebe für häusliche Zurückgezogenheit und bei einem ganz besonders sinnigen Wesen doch ein auffallend impulsives Temperament gehabt habe. Liebe, der Traum künftigen Glückes, der Anblick des Todes, der tiefe Kummer, vollkommene Verzweiflung, das Sichversagen von Speise und Trank brachen sein Wesen damals ganz darnieder und änderten sein Temperament vollkommen. Wäre die sanfte, liebliche Anna Rutledge sein Weib geworden, behauptet einer seiner besten Bekannten, so würde Lincoln ohne Zweifel nach und nach sich vollkommen einem zurückgezogenen häuslichen Leben hingegeben haben und für sein Volk verloren gegangen sein. Der Tod des geliebten Mädchens entfremdete ihn für immer der Häuslichkeit, und um das geträumte und verlorene Glück gänzlich vergessen zu können, stürzte er sich kopfüber in das politische Getümmel und fand darin eine Zufluchtsstätte vor der Verzweiflung. Lincoln war eine von den Naturen, die trotz mächtiger Anlagen Peitsche und Sporen bedürfen, um Thaten des Ruhms nachzujagen. – Peitsche und Sporen, die ihn getrieben, waren die Furcht vor Verzweiflung über sein zusammengebrochenes Liebesglück. Sobald er aber einmal die neue Laufbahn ergriffen hatte, jagten ihn die Ereignisse unaufhaltsam voran und brachten ihn mit Sturmesschnelle dahin, wo er unsterblichen Ruhm, zumal mit der Märtyrerkrone, finden sollte!




Erinnerungen aus dem letzten deutschen Kriege.
Nr. 6. Die letzten Tage eines Tapferen.
(Aus der Mappe eines Arztes.)


Königinhof, die deutsch-böhmische Stadt, in welcher eines jener wunderlichen Spiele, die sich bisweilen in den Entwickelungsgang der Völker mischen, die berühmte sogenannte „Königinhofer Handschrift“ auffinden ließ, die älteste czechische Gedichtsammlung, von deren Veröffentlichung man den jetzt so erbittert geführten Czechenkampf gegen das Deutschthum datiren kann, gehörte im letzten deutschen Krieg zu den Hauptlazarethplätzen. Die Stadt liegt in einem reizenden Thale, das von den südlichsten Ausläufern des Riesengebirgs gebildet und von der noch jugendlich rinnenden Elbe bewässert wird. Diese Vorzüge der Natur scheinen sich auch der Bevölkerung der Stadt (etwa fünftausend Seelen) mitgetheilt zu haben, denn sie zeichnet sich durch Fleiß, Bildung und Sauberkeit bedeutend vor ihrer czechischen Umgebung aus. Wir betraten sie in den ersten Augusttagen des vorigen Jahres. Noch wenige Wochen früher lagen hier auf dem Marktplatze viele Hundert Wimmernde, für die kein Obdach mehr zu finden war, und auf den Steinen des Pflasters hauchte mancher Verwundete seinen Geist aus. Heute war dies freilich Alles anders geworden. Die armen Opfer der böhmischen Schlachtfelder lagen nun auf reinlicher Matratze, wohl gepflegt von den milden Händen barmherziger Schwestern, und schon erschallte mitunter fröhliches Lachen aus den Stuben und Krankenzelten. – Wohl waren auch Viele heimgegangen zur ewigen Ruhe und noch immer forderte auch hier der Tod seinen Tribut. Auch unser Weg führte uns an ein Todtenbett.

Ganz in der Nähe der Stadt umgiebt ein Kranz von Linden eine Mühle, ein stattliches Gebäude, denn es bietet Raum für eine Mahlmühle und eine Spinnerei. Jetzt rauschte jedoch der Bach unbeschäftigt an den großen Rädern vorbei, ringsum herrschte die Stille, mit welcher man Sterbende umgiebt. Der im Heldenkampf zum Tode Verwundete, der hier seinen Leiden erlag, ist der Prinz Anton von Hohenzollern-Sigmaringen. Der Weg zu dem Sterbebette führte durch den Flur und die breite Treppe hinauf rechts in ein kleines Zimmer. Ein barmherziger Bruder und ein fürstlicher Lakai hielten die Wacht. Der schöne todte Jüngling lag da wie in einem langersehnten sanften Schlummer. In den gefalteten Händen hielt er einen Lorbeerkranz, das letzte Geschenk seines königlichen Ohms. Zu seinen Häupten stand ein kleines Tischchen mit Crucifix und Leuchtern, Blumen, die lichten Kinder des Sommers, schmückten die Decke. An dem halb offenen Fenster lehnte eine stolze, hohe Gestalt, die Augen durch die eine Hand beschattet. Ein blonder Bart umfloß das Antlitz. Es ist der Erbprinz Leopold, der herbeigeeilt war, um dem gesundenden Bruder vom König als Belohnung seiner Tapferkeit den Orden pour le mérite zu überbringen, und nun ankam, um noch einmal die brüderliche Hand dem Sterbenden zu drücken und dann auf ewig von ihm Abschied zu nehmen.

Der Leibarzt trat ein und meldete, daß der Sarg seiner Bestimmung harre. Stumm schüttelte der Fürst die Hand dem braven Manne, der unermüdet dem Bruder in seiner Leidenszeit beigestanden, der gearbeitet und gewacht, bis er sich endlich eingestehen mußte, daß hier auch seine Kunst ihr Endziel erreicht habe. Während man mit der Einsargung beschäftigt war, weilte der Prinz im Nebengemach bei der Mutter, die im stillen Harme für jeden Trost unzugänglich schien. Es wurde Abend; matt erleuchteten Kerzen das Todtengemach, in dessen Mitte der geöffnete Sarg stand. An seiner Seite durchlebten Mutter und Sohn, Hand in Hand nahend, im Geist die kurze Spanne Leben, die diesem Erdensohne geschenkt war.

Schon als Knabe eine frische Gestalt mit regem, lebendigem [28] Geist, für alles Edle und Hohe leicht empfänglich, wußte der Jüngling alle Hoffnungen zu erfüllen, die das Elternherz auf ihn gesetzt. Wie alle Zollern, trat er zur Militärcarriere und wußte

Die Gartenlaube (1867) b 028.jpg

Prinz Anton von Hohenzollern bei Königgrätz.
Originalzeichnung von Chr. Sell.

durch sein liebreiches Benehmen sich bald das Herz seiner Cameraden und Untergebenen zu gewinnen. Wissensdurst hatte ihn kurz vor diesem letzten Sommer zu einer Reise nach dem Westen gedrängt, von der er aber sofort zurückeilte, als sich die Wolken des politischen Horizonts finster zusammenzogen. Mit seiner Truppe, dem preußischen ersten Garde-Regiment zu Fuß, war er, trotzdem ihm andere Anerbietungen einen leichteren Dienst verschafft hätten, als einfacher Seconde-Lieutenant ohne jede andere Bequemlichkeit, wie sie ihm wohl zu Gebote gestanden, mit ausmarschirt. Ein leuchtendes Beispiel seinem untergebenen Zuge, hatte er bei Trautenau und Königinhof gekämpft. Nach kurzer Rast war das Regiment am 3. Juli Morgens wieder aus seinem Bivouac aufgebrochen, um das Wort einzulösen, das der Kronprinz seinem König und Vater gelobt, rechtzeitig in den Entscheidungskampf einzugreifen. Wie er es erfüllt trotz der scheinbaren Unmöglichkeit, wird noch die späteste Geschichte berichten. Chlum und Rosberitz, die Blutfelder, von denen jeder Zoll breit Menschenleben forderte, waren schließlich die Entscheidungspunkte geworden. Der österreichische Oberbefehlshaber hatte dorthin Alles geworfen, was er an Kerntruppen entbehren konnte. Die preußische Füsilierbrigade sollte Rosberitz nehmen. Wild wogte der Kampf, dreimal stürmten die Preußen, dreimal nahmen sie es, dreimal wurden sie wieder zurückgedrängt. Noch einmal ging es vor im wilden Grimm über das Mißlingen – und siehe, es gelang, sich wieder festzusetzen.

Von Gehöft zu Gehöft drang man weiter, Allen voran Prinz Anton mit seinem Zuge – so heftig und hartnäckig, daß sogar einige seiner Leute gefangen genommen wurden. Doch auch die Oesterreicher waren tapfer und wußten sich zu vertheidigen; ihre geübten Schützen schossen mit großer Sicherheit. Hier war es, wo auch den tapfern Fürstensohn die Kugel erreichte. Einer ersten Fleischwunde achtete er nicht, bis ein Schuß durch das Knie ihn zu Boden sinken machte. Man trug ihn zurück. Hätte er damals die Blicke gesehen, die ihm jeder der Seinigen nachsandte, dann würde er erst recht erkannt haben, wie er von den Leuten verehrt wurde. Nach dem ersten Verbande brachte ein Johanniterwagen ihn nach Königinhof in diese Mühle, die sein Todeshaus werden sollte. Allgemein waren die Aerzte darüber einig, daß vorläufig eine Operation nicht räthlich sei, da die Fleischwunde theils daran hinderlich war, theils aber auch [29] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt.


eine Heilung ohne Operation zu erwarten stand. Wirklich schienen die ersten Tage alle Hoffnungen zu erfüllen. Doch nur allzubald zeigten sich andere Symptome, die das Schlimmste befürchten ließen. Der Kräfteverlust des Kranken nahm zu und die allmählich sich loslösenden Knochensplitter fingen an die Nerven zu bedrücken. Immer heftiger wurde das Fieber und kaum konnte man noch irgend welche Hoffnung hegen. Das waren traurige Tage für die arme Mutter, die in Reichenberg weilte, um dem Vielgeliebten näher zu sein, da das Verbot der Aerzte sie von der Pflege ausschloß und ihr auch nicht den Aufenthalt in Königinhof selbst gestattete. Immer bedrohlicher wurden die Anzeichen, kein Schlummer kam dem Aermsten in die Augen; alle Schlaf- und Linderungsmittel hatten einen kaum merklichen Erfolg und wilde Nervenzuckungen bekundeten die Leiden des Fürsten. Trotz all’ dieser Qualen kam nicht ein Laut der Klage über seine Lippen.

So mußte man endlich befürchten, daß der durch die intensiven Schmerzen hervorgerufene Kraftverlust den Tod herbeiführen könnte, und man beschloß daher zuerst die Entfernung der Knochensplitter zu versuchen oder, wenn dies mißlänge, noch jetzt die Amputation zu wagen. Zum Entzücken Aller gelang die erstere Operation vollständig. Die Zuckungen, ja sogar schon die Erscheinung des Kinnbackenkrampfs, die sich zu zeigen begann, wurden milder, Schlaf senkte sich wieder in seine Augen und immer günstiger lauteten die Bulletins, die täglich der Telegraph in alle Richtungen sandte. Nach und nach nahm auch die Kraft wieder zu und bald war ein jeder der behandelnden Aerzte der Ueberzeugung, daß in kurzer Zeit alle Gefahr geschwunden sein würde. Auch der armen Mutter wurde nun gestattet, nach Königinhof überzusiedeln, wenngleich sie den Sohn noch nicht sehen durfte. Als aber endlich fast jede unmittelbare Gefahr verschwunden war, durchbrach die Mutterliebe auch diese Schranke; sie eilte nun selbst den Sohn zu pflegen. Auch der Erbprinz Leopold traf jetzt ein, um dem Bruder, der, wie sein König von ihm berichtete, so „enorm brav“ gekämpft hatte, den Orden pour le mérite zu überbringen. Das waren aber auch die letzten Sonnenblicke für die Familie, diese wenigen Tage in der ersten Woche des Augustmonats, wo sie in wechselndem Gesprächsaustausch einer fröhlichen Genesung entgegensahen. Wo aber Niemand etwas geahnt, da schlich der todbringende Feind heran. Noch heute ist die Ansicht darüber getheilt, ob die Krankheit, welcher der Prinz endlich erlag, die Diphtheritis, im Volksmund schwarze Bräune genannt, sich in Folge einer langen Eiterung entwickeln konnte, oder ob blos [30] miasmatischer oder gar anderer Einfluß sie hervorzurufen im Stande sei. Trotzdem die Eiterung eine ganz gute zu sein schien, trotzdem auch kaum ein anderer Fall dieser Krankheit sich im Städtchen gezeigt, trotzdem endlich der Patient so isolirt von jedem andern Krankheitsstoff war, so entwickelte sich die böse Krankheit bei ihm in so rascher und rapider Weise, daß bald alle Hoffnungen, die so lange genährt waren, unwiderruflich verloren gingen. Alle gemachten Anstrengungen waren erfolglos und dem Erbprinzen durfte nunmehr der Zustand des Kranken nicht mehr verheimlicht werden. Der Verwundete fühlte wohl selbst sein nahes Ende und bereitete sich mit bewundernswürdiger Standhaftigkeit darauf vor.

Er ordnete an, was Weltliches von ihm noch zu ordnen war; mit peinlichster Sorgfalt wußte er sich jedes kleinsten Liebesdienstes zu erinnern. Wer überhaupt ihn in diesen Stunden gesehen hat, mußte ihn lieben und hochachten lernen.

„Ich preise die Vorsehung,“ sprach er langsam und begeistert, „welche wiederum den Sieg mit dem Blut eines Hohenzollern besiegelt hat, und mein Geschick, dem die Ehre vergönnt ist, für die Sache des Vaterlandes zu fallen.“

Bald mehrten sich die bedrohenden Anfälle und sanft entschlief er dort an jenem Fenster, wo traulich die Linde durch die Scheiben hineinnickt – am sechsten August. Ein neuer Tag brach an, in morgendlicher Schöne Alles vergoldend. Im Beisein Aller, die ihm im Leben nahe gestanden, wurde die Leiche in einen Johanniterwagen gelegt, um nach dem Bahnhofe und von da nebst der Familie mit einem Extrazug zur Beisetzung nach Sigmaringen übergeführt zu werden. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung, gefolgt von den Leidtragenden. Am Bahnhofe, ebenfalls einer Lazarethstation, wurde der Sarg von dem in Königinhof stehenden Bataillon empfangen und durch die sinnig geschmückte Einfahrt und künstlich aus Eichengrün gebildete Ehrenpforte auf das Perron getragen, wo eine Feierlichkeit vor der Abfahrt abgehalten wurde. Der Waggon, der den Todten aufnehmen sollte, war mit Eichenlaub, innen wie außen, dicht behangen und Fahnen und Guirlanden in den Hausfarben liehen dem Ganzen einen wohlthuenden Eindruck. Eine Estrade in der Mitte des Wagen nahm den Sarg auf, während im Hintergrund ein kleiner Altar sich erhob. Der Erbprinz erschien, das Militär salutirte, dumpf rasselte die Trommel in gedämpftem Ton und der Priester hielt das Gebet, einfach und herzlich, nur dem Todten Gerechtigkeit widerfahren lassend. Allen Anwesenden traten die Thränen in die Augen, in tiefen Schmerz versunken bedeckte der Fürst seine Augen. Der Priester schloß die feierliche Handlung und der Sarg wurde seinem Platz übergeben. Stumm schüttelte der Prinz Allen, die ihm während der Leidenszeit nahe gestanden, die Hand und der Zug setzte sich in Bewegung, um den Todten zu seinen Ahnen zu führen.

In der Schloßcapelle zu Sigmaringen ruht der junge Held im ewigen Schlummer. Auch er hat das Höchste, was er besaß, für das Vaterland zum Opfer gebracht. Möge über den Gebeinen dieses zweiten Louis Ferdinand eine lichtere Zukunft erblühen zur Ehre und Festigung Deutschlands! – Sind wir recht berichtet, so ist der Düsseldorfer Künstler, welcher das beigegebene Bild gezeichnet hat, von dem Vater des gefallenen Prinzen nach Böhmen gesandt worden, um die verschiedenen Stätten aufzunehmen, wo der Tapfere mit gekämpft hat.




Zwei Leseabende in der Stadt der Intelligenz.
Literarische Erinnerung von F. Brunold.


Die Herrschaft der Gräfin Lichtenau war vorüber. König Friedrich Wilhelm der Zweite von Preußen war gestorben, und das Volkslied: „Heil Dir im Siegerkranz“, von dem Holsteiner Dr. jur. Schumacher[WS 4] gedichtet, zum ersten Mal bei der Rückkehr des Königs aus dem Feldzuge in der Champagne, während der erstmaligen Durchfahrt durch das von Langhans erbaute Brandenburger Thor gesungen, ertönte nun zu Ehren seines Nachfolgers, des Königs Friedrich Wilhelm des Dritten. Rosenkreuzer und Illuminaten suchten das Weite, denn ihre Zeit war abgelaufen. Aber der Wahlspruch der Berliner, der während der Regierung des nun verstorbenen Königs zur vollen Geltung gekommen war, daß man leben und leben lassen müsse, sollte noch für längere Zeit seine Geltung behalten.

Während indeß der Luxus und die Sucht nach Vergnügungen zu einer fabelhaften Höhe gestiegen waren und eine geschmacklose Frauenrobe, mit ihrer zehn Ellen langen, mit Perlen und Diamanten besetzten Schleppe, nicht selten einen reichen Mann zum Bettler machte, verschlossen die Gebildeten, die Besseren im Volke sich nicht dem Einfluß der Ideen, die, nach der Revolution von Frankreich herüberkommend, Erziehung, Sitte und Lebensart umzugestalten strebten. Berlin vor Allem trachtete darnach sich zur Großstadt auszubilden. Kunst und Wissenschaft, Poesie und Leben knüpften sich aneinander und suchten sich gegenseitig zu ergänzen und zu fördern. Man strebte darnach das Leben künstlerisch zu gestalten und die Phantasiebilder der Romantiker in die Wirklichkeit zu versetzen. Es war ein Haschen und Jagen nach neuen Ideen und neuen Lebenselementen. Der befruchtende Hauch neuer Ansichten und Formen, der, aus den vergossenen Blutströmen der französischen Revolution auftauchend, einer Frühlingslerche gleich, über Deutschland dahinzog, fand im intelligenten Berlin ein wohlbeackertes Feld zur Bergung des Samens. Moses Mendelssohn, Lessing, Kant hatten nicht vergebens ihre Worte erschallen lassen; Schiller’s Don Carlos war längst über die Breter gegangen, und Emilie Galotti hatte sich bereits zum Liebling des Publicums gemacht. Unter solchen Umständen konnte es nicht fehlen, daß die Langweiligkeit und Nichtigkeit des bisherigen geselligen Lebens auf das Tiefste erkannt wurde und das man sich nach einem gegenseitigen Austausch der Meinungen und Ideen sehnte. Das Wort, in edelster Bedeutung, strebte darnach an das Licht des Tages zu treten; es trachtete zur vollen Geltung zu kommen; es drängte aus dem Dunkel der Studirstuben hinaus das Leben zu verschönen und mit tieferem Gehalte zu versehen.

Ein anhaltenderes Eingehen in die vorhandenen Schätze der deutschen Literatur wurde der Grundstein zu einer Umwandlung der Zeit, ihrer Ideen – und ihres bisherigen Strebens. Und wie es in dem Leben eines jeden Menschen eine Zeit giebt, wo das Blut rascher schlägt und der brausende Schaum einer himmelanstrebenden Jugend alle Formen und Schranken zu überspringen droht, um später ruhiger und gesetzmäßiger in gebahnte Wege einzulenken: so auch mußten in der Literatur die Romantiker kommen, um mit ihren Extravaganzen den brausenden Schaum jener Lebenszeit zu repräsentiren.

Tieck’s gestiefelter Kater und Novalis’ Ofterdingen waren die Pole dieser Richtung, die im Hause der berühmten Henriette Herz gleichsam ihre Strahlen concentrirte. Hier zur Seite und zu den Füßen der schönen Frau waren die Ideen der Romantiker zum Lebenselement geworden. Was dies Haus bislang jedoch nur den Eingeweihten gewesen war, sollte nun auch einem größeren Kreise zu Theil werden. Man wollte gleichsam einen Schritt weiter in die Oeffentlichkeit hinaus thun, und Feßler, der Meister vom Stuhl der Hauptloge Royal-York zur Freundschaft in Berlin, gründete eine Lesegesellschaft, deren erste und Haupttheilnehmer die Gäste und Freunde des Hauses Herz waren. War sein früher von ihm gestifteter Verein und Bund der Energeten, der einzelnen seiner Mitglieder so überaus verderbenbringend wurde, auf Politik und Staatsreformen abgesehen, so bezweckte dieser sein Leseverein nur das, was der Name besagte: man kam zusammen, um die Meisterwerke der Literatur zu lesen und durch ein gegenseitiges Besprechen des Gelesenen ein tieferes Verständniß desselben herbeizuführen. Das Treiben im Hause der Herz wurde in harmlosere Bahnen gelenkt. Und wie einfach, ruhig waren die Zusammenkünfte dieses Vereins!

Es ist ein rauher, kalter Winterabend des Jahres 1800. Von allen Enden und Gegenden der Stadt haben die einzelnen Mitglieder sich nach der Mohrenstraße aufgemacht, trotz Sturm und Wind, Regen und Schnee die kleine Blendlaterne vor sich tragend, um derart so viel als möglich die Regenpfützen in den schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen vermeiden zu können und im sogenannten Englischen Hause daselbst in einem langen, einem Handtuch gleichenden Saal bei dem Schimmer weniger mattleuchtender [31] Talglichte, ohne Eleganz und Bequemlichkeit, einen Leseabend zu verbringen.

Emilia Galotti soll noch einmal von einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft gelesen werden. Professor Feßler, als Schriftsteller bekannt und als genialer Mensch berühmt, steht, als Gründer des Vereins und als Vorsitzender desselben, im Anfange an der Thür, gleichsam als wolle er die eintretenden Häupter seiner Lieben zählen. Bunt, wie es Zufall und Laune gegeben, haben die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft Platz genommen.

Fleck, der geniale Fleck, die Zierde der Nationalbühne, der auf den Bretern so meisterhaft spricht und dessen Leseton in der Gesellschaft doch so häufig das tiefere Gefühl vermissen läßt, liest Don Odoardo, während die Emilia von der graziösen Unzelmann gelesen wird, der übrigen Mitlesenden nicht zu gedenken. Feßler hat am obersten Ende des Tisches Platz genommen. Nicht fern von ihm, ein wenig im Halbdunkel, zurückgezogen sitzt Henriette Herz, ihre classische siegreiche Schönheit auch hier unbewußt zur Schau tragend; während Alexander Graf von Dohna-Schlobitten, der Minister, in ihrem Anschauen versunken, wie hingeworfen zu ihren Füßen, an ihrer Seite ruht; indeß Schleiermacher mit seinem markigen, ausdrucksvollen Gesicht hinter ihrem Stuhle steht, den er, seiner Kleinheit und seines gedrungenen, etwas verwachsenen Körpers wegen, kaum ein Weniges überragt. Dorothea Veit, die Freundin, sitzt am jenseitigen Ende des Saals. Sie scheint mit ihren Gedanken abwesend zu sein – sie blickt träumend, wie in sich selbst versunken, nieder. Denkt sie an Friedrich Schlegel, der abwesend ihr doch ihr ganzes Herz und Empfinden gefangen nimmt? Fischer, der gewaltige Bassist lehnt am Tisch; wo auch Hirt, der Günstling der Lichtenau, der Kunstkenner, Platz genommen, seine weißseidene, mit Gold gestickte Weste, mehr als nöthig, zur Schau tragend, während er zugleich die Beine weit vorgestreckt hält, damit jeder der Anwesenden Gelegenheit hat, die prächtigen, theuren Schnallen seiner mit rothen Absätzen versehenen Schuhe bewundern zu können; des Jabots und der Manschetten mit den feinsten Brüsseler Kanten geziert nicht zu erwähnen. Reichardt, der Capellmeister, geht in genialer Ungebundenheit und Ungeduld bald rechts und links, von einem Platze zum andern. Er hatte, wie im Leben, auch hier keine Ruhe. Joh. Fr. Bolt, der beliebte Kupferstecher, der vier Jahre später ein wohlgelungenes Portrait von Schiller zeichnete, lehnt an der Wand, die ganze Gesellschaft überschauend, als beabsichtige er alle die Charakterköpfe auf einem seiner beliebten Bilder zu verwenden. Schadow, der Schneidersohn vom Dorfe Saalow, der Bildhauer des Grabmonuments des Grafen von der Mark in der Dorotheenstädt’schen Kirche zu Berlin, der Urheber der prächtigen Statue des alten Ziethen, sitzt breitschulterig, starkknochig, so recht als ein Mann aus dem Vollen und dem Volk, mit übereinandergeschlagenen Beinen, den Blick starr auf die Leser gerichtet. Er ist ganz Ohr und zeigt ein tiefes Verständniß für das Gelesene. Später aber wird er seine Ansichten und Meinungen in einem Deutsch kundgeben, das Adelung als mustergültig nicht anerkennen wird. Schadow liebt es nun einmal, sein: „Det is jut und det is nischt“ überall, wo er es kann, anzubringen. Und wie Derflinger als Feldmarschall unter dem großen Kurfürsten seiner früher gehandhabten Schneiderrolle gern gedachte, so verleugnete auch Schadow sein Herkommen nicht und ließ nur zu oft, gleichsam damit kokettirend, den Ton des Elternhauses in seiner Rede durchblicken.

Jetzt aber, während eine Pause im Lesen eingetreten ist – öffnet sich die Thür und der Herzog von Sussex, vor einer Stunde nach Berlin gekommen, tritt ein. Er weiß die Gesellschaft heute hier versammelt und beeilt sich, wenn auch nicht an dem Lesevergnügen Theil nehmend, doch der verehrten Herz seine Aufwartung und Huldigung darzubringen. Er wußte es, daß er Allen ein gern gesehener Gast war. – –

Wie es aber heute der Fall war, an dem so eben geschilderten Leseabend der Feßler’schen Gesellschaft, wo dem Lesen noch eine sehr lebhafte Conversation folgte, so auch später, nachdem sich aus den bescheidenen Anfängen dieser Gesellschaft die später so berühmt gewordene Gesellschaft für in- und ausländische schöne Literatur herausbildete, mit allen mehr oder minder bekannten und berühmten Männern der Zeit als Mitgliedern. Die Mittwochs-Gesellschaft, wie dieser Verein gemeinhin genannt wurde und unter welchem Namen er am bekanntesten ist, obgleich er gemeinhin seine Versammlungen am Montag jeder Woche hielt, war und blieb für lange, lange Zeit – bis auch sie die Stürme der letzten vierziger Jahre hinwegfegten – der Centralpunkt des intelligenten Berlin. In ihr tagten die berühmtesten und angesehensten Männer der Zeit, und jeder Durchreisende von Bedeutung beeilte sich, als Gast in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Und wie die erste Versammlung im Englischen Hause sich zusammenfand, so haben auch alle nachfolgenden ihre Sitzungen in diesem Hause gehalten. Eine Geschichte dieses Hauses mit seinen Vereinen und Gästen, die es im Laufe der Zeit in seinen Räumen gesehen, würde zugleich eine Geschichte der Vereine und Vergnügungen, wie der Bestrebungen zur Bildung des gesammten Berlins abgeben.

Gedenken wir einer Versammlung auch dieses Vereins. Es ist der erste Montag im August des Jahres 1841. Der Schriftführer der Gesellschaft, Alexander Cosmar, der bekannte Redacteur und Herausgeber des Modenspiegels, der, wie Fama wissen wollte, mehr von seiner Frau als von ihm selber geleitet wurde, wie denn auch viele seiner kleinen Theatersachen nicht von ihm, sondern ebenfalls von der Genannten herrühren sollen, deren Anfangsbuchstabe ihres Namens, Alexandrine, nur zu leicht mit dem seinigen vertauscht werden konnte, – hat den einzelnen Mitgliedern durch Circular wissen lassen, daß Tieck in den nächsten Tagen nach einer Reihe von Jahren, wo er nicht in Berlin war, seine Vaterstadt wieder besuchen werde und daß ihm zu Ehren der Verein ein Festmahl zu veranstalten gedenke. Die Vorlesung, die von einem der Mitglieder an diesem Tage gehalten wurde, ist bereits vorüber und die Gesellschaft sitzt, wie sie während des Vortrags gesessen, noch beisammen, um ihre Meinung in Bezug des zu veranstaltenden Festmahls abzugeben.

Schien es doch überhaupt, als ob mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm des Vierten eine neue Aera für Kunst und Wissenschaft, wie für die deutsche Literatur begonnen habe. Rückert, Tieck waren nach Berlin berufen worden. Die Censur war überaus milde, und das Obercensurcollegium zeigte einen Freimuth und eine Freisinnigkeit, die in Erstaunen setzten. Jetzt kam die Frage zu Tage: wird Tieck sein schönes Vorlesertalent auch hier im Verein oder in seinem Hause, wie er es in Dresden seit Jahren gethan, ausüben? Holtei hatte in dem Saale des Englischen Hauses so oft seine Vorlesungen gehalten und in denselben sein schönes und glückliches Talent entfaltet, und es konnte nicht fehlen, daß in der Brust manches der Anwesenden der Gedanke sich breit machte: wird Tieck, der Meister in der Kunst des Vorlesens, den liebenswürdigen Vagabunden Holtei in den Hintergrund drängen?

Es war ein überaus lebhafter Abend; Gedanken und Meinungen jagten sich miteinander.

Wilibald Alexis dreht verlegen seinen kleinen polizeiwidrigen schwarzen Schnurrbart, blickt schüchtern auf und scheint erst jetzt zu bemerken, daß Karl Seidel, der Verfasser des etwas trockenen und nüchternen „Kreuzes in der Mark“, ihm zur Seite sitzt. Ein Gespräch muß begonnen werden, an welchem die Nahesitzenden: Philippi, Graff und Enslin, der Buchhändler, bald Theil nehmen. Eichendorff steht ans Fenster gelehnt. Es ist, als lausche er hinaus, ob nicht ein Posthorn von fern ertöne oder die Brunnen rauschen. Er scheint es träumend vergessen zu haben, daß er als wohlbestallter Regierungsrath im nüchternen Berlin ist und daß er eigentlich gegenwärtig kein Recht hat, seiner Poesie und seinen Träumen Audienz zu geben. Zeune, der Freund der Blinden, ist mit Hitzig in eifrigem Gespräch begriffen. Chamisso’s Name wird genannt und Beide gedenken der Zeit, wo der Dichter freudetrunken das Geld einsackte, das er im Verein zum Besten seiner alten Waschfrau für seine zwei Gedichte, die er für die Genannte hatte einzeln drucken lassen, eingenommen. Der gute Chamisso war niemals glücklicher gewesen, als in jener Stunde, wo der Verkauf jener zwei Lieder eine so namhafte Summe abwarf. Gaudy hatte vollkommene Ursache und ein Recht bei dem Tode des Verfassers des Schlemihl zu rufen: „Mein Chamisso! mein Chamisso ist todt!“ Auch der burschikose offene Gaudy war hinüber; er konnte nicht mehr, wie er dies noch kurz vor seinem Tode gethan, laut und vernehmlich seine Mißbilligung über die Länge und Langweiligkeit eines eben vernommenen Vortrags kund geben. Er schlief den ewigen Schlaf auf dem Kirchhofe vor dem Halleschen Thore.

[32] Streckfuß, der Uebersetzer des Tasso und des Ariost, saß plaudernd und debattirend mit Gruppe zusammen, während August Kopisch seine Worte neckend dazwischen warf, als liebe er es auch hier seine Wichtelmännchen und seinen Hausgeist: „Hätchen!“ walten zu lassen.

Gubitz lehnt unwohl am Tisch; seine Worte, die er an Ludwig Rellstab richtet, kommen etwas gezwungen heraus. Vielleicht gedenkt er der Zeit, wo in den ersten Tagen des Vereins Fleck, sein Schwiegervater, in diesem Hause sprach und las.

Rauch sitzt zurückgelehnt im Stuhl. Er freut sich sichtbar der Ankunft Tieck’s und hofft, schöne Abende an seiner Seite und in seiner Gesellschaft zu verleben. Viele Andere, mehr oder minder Berühmte, sind noch zugegen. Auch jüngere Genossen fehlen nicht. E. Ferrand, der jugendliche Sänger der Liebe, steht bescheiden im Hintergrund. Sein Auge ruht voll Verehrung und Liebe auf dem Angesichte Eichendorff’s. An seinen Freund Hermann Kletke sich wendend, schildert er in beredten Worten, mit volltönendem Organ jenen Vorlese-Abend, den er im Hause Tieck’s zu Dresden erlebt.

Wer ahnte und glaubte, daß auch dieser Sänger bereits im nächsten Jahre in das Grab steigen würde! Die Hoffnungen, welche die Ankunft Tieck’s erweckt hatte, gingen dem größten Theile nach nicht in Erfüllung. Wohl erfreute er von Zeit zu Zeit noch einzelne seiner Freunde und Bekannten durch eine Vorlesung, aber seine Blüthezeit war dennoch vorüber und die ihm seit langer Zeit innewohnende Krankheit beugte Geist und Körper nieder.

Auch Rückert fühlte in Berlin sich niemals wohl, wie ja der bei der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm des Vierten erhoffte Frühling sich als das letzte gelb und roth gefärbte Blatt eines Herbstes kund gab. Es war das letzte Aufglimmen der Leuchte der Romantiker.

Die neue Zeit mit ihren gährenden und brausenden Ideen, Hoffnungen und Wünschen löschte auch diese Flamme aus und streute das Blatt in den Wind. Die Harmlosigkeit der Vereine war vorüber; die Sonne einer anderen Zeit begann ihre Morgenröthe leuchten zu lassen.

Ist sie eine bessere als die damalige?




Blätter und Blüthen.


Rossini zu Hause. Das Winterquartier des berühmten Musikers in Paris in der ersten Etage des Hauses, welches die Ecke zwischen der Chaussee d’Antin und dem Boulevard bildet, ist mit der elegantesten Einfachheit und dem gemüthlichsten Comfort möblirt. Der große Salon enthält zwei lebensgroße Portraits des Meisters; auf dem Tische des kleinen blauen Salons liegen die Werke, welche der Maler Gustav Doré, ein vertrauter Freund des Hauses, illustrirt hat, und im Speisesaal erblickt man verschiedene prächtige Büffets mit hohen Glasschränken aus Palissanderholz, die das reiche Silbergeschirr enthalten.

Jeden Sonnabend ist großer Empfangsabend, wo sich eine zahlreiche, gewählte Gesellschaft bei dem berühmten Manne versammelt; der Salon ist dann ausschließlich für die Damen vorbehalten, während der Speisesaal von besternten und ordengeschmückten Männern wimmelt. Mitten unter all’ diesen schwarzen Fracks und weißen Cravatten bemerkt man einen kleinen Greis in einer groben, bunten Weste, einem Paar alter Beinkleider und einem abgeschabten Ueberzieher. Sieht man sich diese eigenthümliche Gestalt jedoch näher an, so vergißt man den schäbigen Anzug über der Schönheit dieser olympischen Stirn, dem spottsüchtigen Humor, welcher aus den geistvollen Augen blickt, der Festigkeit seiner Züge und dem feinen Lächeln, das um den immer noch hübschen Mund spielt – kurz, man erkennt, daß man vor Gioachimo Rossini steht.

Obwohl der liebenswürdige alte Herr durch musikalische Beschäftigungen und gesellige Pflichten vielfach in Anspruch genommen ist, bekümmert er sich dabei doch mit großem Eifer um den Haushalt und führt selbst Buch und Rechnung über Alles, was eingenommen oder ausgegeben wird. Selbst für seinen Weinkeller hat er ein kleines Contobuch, dessen Genauigkeit jeden Kellermeister in Verzweiflung setzen würde; jede Weinflasche ist darin verzeichnet und, falls sie angerissen und wieder zurückgestellt ist, erhält sie ein kleines rothes Kreuz. Der Meister giebt splendide Diners, aber er weiß ganz auf’s Haar, wie viel Wein bei dieser Gelegenheit darauf gegangen ist. Im Monat December macht er stets seinen Jahresrechnungsabschluß, indem er schwere Seufzer über die vielen Ausgaben ausstößt und bei jeder Addition stöhnt: „Gott, wie glücklich sind doch die Armen, daß sie nicht viel Geld auszugeben brauchen!“

Ueberhaupt hat Rossini seine Lieblingsredensarten, die er sehr häufig wiederholt. Macht man ihm irgend ein Compliment über dies oder jenes seiner Werke, das uns entzückt hat, so erwidert er gewiß: „Sie sind doch sehr gütig, sich für die Sünden eines alten Mannes zu interessiren, denn ich componire nicht mehr, ich habe Alles vergessen. Ich bin jetzt nur ein großer Pianist und Diemer, Lavignac, Delahaye sind eifersüchtig auf mich, überhaupt verschwören sich sämmtliche Pianisten gegen mich, weil ich eine andere Methode befolge, aber ich werde jetzt in’s Conservatorium eintreten, und dann mögen sie sich in Acht nehmen.“ (Wörtlich.)

Spricht man mit ihm darüber, wie es ihm in Frankreich gefällt, so entgegnet er: „Frankreich ist das Land der hübschen Frauen, der kleinen Pasteten und der guten Weine, kurz ein ganz charmantes Land, dem nur die Contre-Altstimmen fehlen, um ganz vollkommen zu sein.“

Täglich componirt er kleine Phantasiestücke für das Pianoforte, denen er oft höchst bizarre Titel giebt, wie z. B. „Die vier Bettler: Feigen, Trauben, Haselnüsse und Mandeln; die vier horsd’oeuvres: Butter, Radieschen, Anchovis und Pfeffergurken; das Alpdrücken; der tiefe Schlaf; Asthmatische Etude; Romantisches Haché; Eine Liebkosung für meine Frau; Ouf; Grüne Erbsen; die französische Unschuld; Chinesischer Chaml; der Folter-Walzer; der hinkende Walzer; der Anti-Tanz-Walzer; der Boudoir-Walzer; der Schlafstuben-Walzer; der Water-Closet-Walzer mit Variationen über das Ricinus-Oel“ etc. etc.




Handeln die Thiere nur aus Instinct oder mit Ueberlegung? Auf dem Strohdache einer Scheuer in W. bei Hannover befindet sich seit langer Zeit ein Storchnest, dessen Inwohner als alte Bekannte von Niemandem im Geringsten belästigt werden und sich jedes Jahr von Neuem mit Ruhe und Behaglichkeit ihren häuslichen und elterlichen Sorgen hingeben können. Vor etwa drei Jahren indeß sollte dieser stille Hausfrieden eine unerwartete und unangenehme Störung erleiden.

Zur Zeit, als die jungen Störche schon ziemlich herangewachsen waren, unterhielten sich dieselben eines Mittags während der Abwesenheit der beiden Alten damit, erfolglos nach einzelnen umherfliegenden Bienen zu schnappen. Zufällig flog bald darauf ein Bienenschwarm aus einem nahen Bienenstande dicht über dem Neste hin und die jungen Störche, welche die Bienen wohl als passendes Dessert zu einem Frosch- oder Mäusediner ansahen, verschlangen so viele davon, als sie in der Geschwindigkeit erhaschen konnten. Der übrige Schwarm, dadurch erzürnt, suchte sich an den Räubern zu rächen, flog eine Weile dicht um dieselben herum, konnte aber doch nichts gegen sie ausrichten, während die Störche sich immer mehr von der wohlschmeckenden Atzung eroberten. Es schien deshalb natürlich, als die Bienen sich endlich salvirten und in der Richtung nach ihrem Stande zu davoneilten.

Doch die Sache kam bald anders. Es dauerte nicht lange, so kam eine stärkere Anzahl von dem Bienenschauer heran; immer neue Schwärme folgten, welche demnach sämmtlich von dem vorhergegangenen Vorfalle Kenntniß haben mußten. Das ganze Bienengewimmel warf sich mit Erbitterung auf die jungen Störche, und obwohl diese die verzweifeltsten Anstrengungen zur Gegenwehr machten, so war doch ihr dünnes, zartes Gefieder in kurzer Zeit von den kleinen geflügelten Angreifern wie übersäet.

In diesem kritischen Momente kehrten die beiden alten Störche von ihrem Ausfluge zurück. Sie mußten die Noth ihrer Lieblinge wohl schon aus der Ferne bemerkt haben, denn mit verdoppelter Schnelligkeit und lautem Angstgeschrei eilten sie herzu; sofort suchten sie durch eine mörderische Vernichtung der Bienen, durch Beißen, Schlagen und auf jede sonst nur mögliche Weise die Jungen von ihren Quälern zu befreien; aber umsonst. Obgleich nach Beendigung des Kampfes die todten Bienen haufenweise im Neste und um dasselbe her lagen, so waren die jungen Störche doch nicht mehr zu retten gewesen und mußten eines elenden Todes sterben.

Uebrigens scheint dieser einmalige Act der Rache keine fortdauernde Feindschaft herbeigeführt zu haben; man hat nie gesehen, daß Störche und Bienen sich nachher noch gegenseitig belästigt hätten, und in den folgenden Sommern genoß die Storchenfamilie wieder eines ungestörten häuslichen Glückes.




Ein Bonmot Canrobert’s. In einem Salon des kaiserlichen Schlosses zu Compiègne saß kürzlich die Kaiserin Eugenie auf einem Divan neben der Thür zu einem kleinen Salon und hörte mit immer größerem Interesse einer sehr lebhaften Unterhaltung zwischen zwei Herren im Nebenzimmer zu, die sie Wort für Wort vernehmen konnte, da die Thürvorhänge halb geöffnet waren und die Herren sehr laut sprachen. Sie blickte hinein, um zu sehen, wer die Sprecher wären, und erkannte den einen derselben als Herrn Viollet-Leduc, während ihr der Andere ganz fremd erschien. Sie winkte den in der Nähe befindlichen Marschall Canrobert herbei und sandte ihn auf Kundschaft aus, um zu erfahren, wer der zweite Herr sei, dessen kluge Sprache ihr namentlich wohlgefiel.

Bald darauf kehrte Canrobert zurück und brachte den Bescheid: „Majestät, den Namen des Herrn weiß ich im Augenblick nicht, aber er ist ein Gelehrter, einer jener Leute, die Vieles wissen, was alle Welt nicht weiß, und nichts von Dem wissen, was aller Welt bekannt ist.“




Inhalt: Die Brautschau. Ein Bild aus den oberbairischen Bergen. Von Herman Schmid. (Fortsetzung.) – Neue Charakterbilder aus der Thierwelt. Von Brehm. 1. Gemalte Hunde. Mit Illustration von H. Leutemann. – Rom am Rhein. I. – Die erste und einzige Liebe Abraham Lincoln’s. Von H. L. Bernays in Missouri. – Erinnerungen aus dem letzten deutschen Kriege. Nr. 6. Die letzten Tage eines Tapfern. (Aus der Mappe eines Arztes.) Mit Illustration von Chr. Sell. – Zwei Leseabende in der Stadt der Intelligenz. Literarische Erinnerung von F. Brunold. – Blätter und Blüthen: Rossini zu Hause. – Handeln die Thiere nur aus Instinct oder mit Ueberlegung? – Ein Bonmot Canrobert’s.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Mit diesem ersten Artikel eröffnen wir eine Reihe von Aufsätzen über das wichtige Thema, die wir der Feder eines Mannes verdanken, dessen Name weit über die Grenzen Preußens hinaus ein hochgefeierter ist.
    D. Red.
  2. Die Einzelheiten des obigen Artikels sind dem Verfasser direct von dem frühern Associé Lincoln’s mitgetheilt worden, machen also Anspruch auf vollkommene Authenticität.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Oh, why should the spirit of mortal be proud.
    siehe: Abraham Lincoln's Favorite Poem Beginn erster Vers
  2. William Knox, 1789–1825, (englisch);
    Originaltext nach: Nathaniel Kirk Richardson, „One hundred choice selections in poetry and prose“, 1866, S. 7 f. Google
  3. The maid on whose cheek, on whose brow, in whose eye,
    Shone beauty and pleasure – her triumphs are by;

    siehe: Abraham Lincoln's Favorite Poem Beginn vierter Vers
  4. vergleiche dazu Wikipedia: Heil dir im Siegerkranz