Die Gartenlaube (1872)/Heft 42

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[685]

No. 42.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Was die Schwalbe sang.


Von Friedrich Spielhagen.


(Fortsetzung.)


Eine wunderliche Empfindung bemächtigte sich des Halbberauschten. Die Befreiung von der Angst der Erwartung, die Gewißheit der entschiedenen Rettung aus seiner verzweifelten Lage, die Aussicht dazu, jetzt mit Hülfe seines wiedergewonnenen Brownlock in Kurzem als Sieger aus dem Sundiner Rennen und Gewinner einer unberechenbar großen Summe hervorzugehen – das Alles kam über ihn wie ein Freudenrausch und eine Art von Nöthigung, den Mann, der ihm dazu verholfen, als seinen Retter und einzigen wahrhaften Freund in die Arme zu schließen; und in demselben Momente sagte er sich, daß der Mann, Träumer und Phantast, wie er war, unmöglich ihm eine Summe, die ein kleines Vermögen repräsentirte, anvertrauen würde, wenn nicht alles Schlimmste, was seine unkeusche eifersüchtige Phantasie sich ausgemalt, bereits geschehen – und der Blick seiner stieren Augen, mit denen er jetzt Gotthold ansah, sagte: könnte ich dich zertreten, wie eine Schlange, die mir über den Weg kriecht!

„Ich glaube nicht, daß Du jemals in die Lage kommen wirst, mir dies Geld zurückzustellen,“ sagte Gotthold; „vielleicht ist es Dir nicht unangenehm zu hören, daß ich von vornherein auf Wiederbezahlung und deshalb auf einen Schuldschein, der ja doch nur ein Stück Papier bleiben würde, verzichte.“

Er hatte das Zimmer verlassen; Brandow brach in ein heiseres Gelächter aus.

„Auch das!“ murmelte er; „als ob es noch eines Beweises bedürfte! Aber Ihr sollt es mir bezahlen, alle Beide, so theuer, daß dies hier im Vergleich dazu ein Tropfen auf einen heißen Stein ist.“

„Durch die Thür, welche Gotthold halb offen gelassen, schaute der Assessor herein. Er habe von Gotthold gehört, daß Brandow hier sei, und er beeile sich, die günstige Gelegenheit zu benutzen, um den Freund unter vier Augen zu begrüßen und ihm sein Bedauern darüber auszusprechen, daß Gotthold’s Geschäfte sie so lange in Prora festgehalten, sodann, daß er seine Frau, die an einer schrecklichen Migräne leide, nicht habe mitbringen können. Brandow erklärte es als einen Beweis der Sympathie schöner Seelen, daß seine Frau heute an demselben Uebel darniederliege; und der sarkastische, ja höhnische Ton, in welchem er es sagte, veranlaßte den Assessor, sich im Stillen wegen seiner Vorsicht ein schmeichelhaftes Compliment zu machen, daß er dies zerrüttete Haus allein betreten habe. Um so größer aber war nun sein Erstaunen, als Brandow mit scheinbar vollkommener Gelassenheit fortfuhr:

„Und da wir doch nun einmal unter vier Augen sind, lieber Sellien, wollen wir die Zeit benutzen, unser kleines Geschäft in Ordnung zu bringen. Hier sind die bewußten Zehntausend. Ich habe sie von Wollnow – nebenbei für meinen vorjährigen Raps und einige kleinere Getreidelieferungen. Das Paket liegt noch, wie ich’s bekommen, mit Wollnow’s Siegel verschlossen. Wollen Sie sich die, wie ich glaube, überflüssige, aber doch wohl nothwendige Mühe nehmen, nachzuzählen, so geniren Sie sich nicht. Wenn Sie fertig sind, kommen Sie mir wohl nach. Ich mache Ihnen nur noch eine Quittung zurecht, die Sie gütigst unterschreiben und in dies Schubfach legen wollen.“

Der Assessor war so erstaunt, daß er wirklich kaum wußte, was er erwidern solle; auf jeden Fall war er entschlossen, den Inhalt des Pakets trotz des Wollnow’schen Siegels einer genauen Prüfung zu unterziehen. Brandow schrieb mit fliegender Feder die Quittung und verließ dann mit einem ironischen „Verzählen Sie sich nicht, lieber Assessor!“ das Zimmer.

Er hatte es so eilig gehabt, um endlich mit seinem Vertrauten sprechen zu können. Hinrich Scheel hielt noch mit dem Wagen vor der Thür; aber er wußte wenig zu erzählen und konnte nicht sagen, weshalb sich die Abfahrt von Prora so lange hingezögert. Er glaube, daß es mit dem Gelde gehapert, und daß man auf die Rückkehr des Loitz, der ausgefahren gewesen sei, habe warten müssen. Die Frau Assessor sei nicht krank gewesen, habe im Gegentheil, als sie abgefahren, neben der Frau Wollnow auf dem Balcon gestanden und den Herren im Wagen Küsse zugeworfen. Was die Herren unterwegs gesprochen, wisse er ebenfalls nicht; sie hätten die meiste Zeit in einer fremden Sprache gekauderwälscht. Er habe dafür jedes Loch auf dem Wege mitgenommen, es seien heute nach dem Regen viel Löcher im Wege gewesen – dem Herrn Assessor habe die Fahrt so wenig behagt, daß er zuletzt auf gut deutsch laut geflucht und geschworen habe, heute den Weg nicht noch einmal zu machen, und wenn man ihm eine Tonne Gold dafür gebe. Und darauf habe der Andere gesagt: dann werde er allein zurückkehren müssen, denn er bliebe auf keinen Fall die Nacht in Dollan.

„Es ist ein böser Weg in der Nacht,“ sagte Brandow.

„Besonders wenn es so dunkel ist, wie heute,“ erwiderte Hinrich Scheel.

[686] Die Blicke des Herrn und des Dieners begegneten sich und wandten sich in demselben Moment wieder zur Seite.

„Es ist schon Manchem, der durchaus in der Nacht fahren wollte, ein Unglück auf dem Wege passirt,“ sagte Brandow langsam.

„Wenn der Kutscher nicht sehr aufpaßte,“ fügte Hinrich Scheel hinzu.

Und wieder trafen sich die Blicke. Ohne Zweifel hatte ihn der Hinrich verstanden – diesmal, wie immer; ohne Zweifel wußte der Hinrich diesmal, wie immer, was er wollte. Brandow athmete tief auf. Er hätte gern gesehen, wenn Hinrich noch ein Wort gesagt hätte, ein letztes Wort; aber Hinrich hatte sich zu den Pferden gewandt. Aus dem Speisesaale ertönte wüster Lärm von Stimmen, die in den höchsten Tönen des Zorns durcheinanderschrieen, und in demselben Moment kam auch Rieke herbeigelaufen. Die runden Wangen der hübschen Dirne waren hochgeröthet, ihre grauen Augen blitzten, ihr reiches blondes Haar war nicht mehr so glatt, als es zu Anfang des Diners gewesen.

„Was giebt’s?“ fragte Brandow.

„Sie zanken sich schon seit einer Viertelstunde; ich glaube, sie kriegen sich noch bei den Köpfen,“ sagte Rieke, und zeigte lachend ihre weißen Zähne.

„Wir sprechen uns noch!“ rief Brandow dem Hinrich nach, der eben mit dem Wagen davonfuhr; dann zog er Rieke in den dunklen Flur.

„Er ist wieder mitgekommen,“ sagte er; „sieh zu, wo er geblieben ist! sobald Du etwas merkst, sagst Du Bescheid.“

„Ich habe keine Lust, immer hinter den Beiden herzulaufen,“ sagte Rieke trotzig.

„Dir von den Herren drinnen in die Wangen kneifen und Dich umfassen zu lassen, gefällt Dir natürlich besser.“

„Warum nicht?“ sagte die Dirne.

„Du weißt, was ich Dir heut Nacht versprochen habe,“ flüsterte Brandow, nun selbst seinen Arm um den schlanken Leib der Dirne legend und seinen Mund zu ihrem Ohr beugend.

„Versprechen und halten ist zweierlei,“ sagte Rieke, sich nicht eben sehr eifrig losmachend.

Der Lärm im Speisesaale wurde immer größer.

„So, Du bist ein gutes Kind,“ sagte Brandow, und nun mach’, daß Du fortkommst; ich muß sehen, was die Kerle haben.“

Hans Redebas hatte die momentane Abwesenheit des Wirthes benutzen zu müssen geglaubt und den beiden Brüdern noch einmal seinen Vorschlag an’s Herz gelegt, ihm für seinen Theil Brandow’s Weizen zuzuschreiben und dafür den Brownlock in ausschließlichen Besitz zu nehmen; und hatte als Zeugen der Loyalität seiner Absichten den Pastor citirt, mit welchem er bereits auf dem Herwege die Sache wiederholt durchgesprochen. Der Pastor, der seinem Patron in jeder Weise gefällig zu sein wünschte, hatte sich bemüht, die Vorzüge zu schildern, welche das Arrangement für alle Betheiligten habe, dabei aber in seiner Trunkenheit die Farben so stark aufgetragen, daß die beiden Brüder stutzig wurden und ein halbes Zugeständniß, welches sie bereits gemacht hatten, wieder zurückzogen. Herr Redebas hatte deshalb den Pastor als einen dummen Menschen bezeichnet, der sich in Alles mische, trotzdem er von nichts etwas verstehe, höchstens ein wenig von seinem theologischen Kram, und der deshalb, außer auf seiner Kanzel, überall sonst den Mund zu halten habe. Nun war der geistliche Herr aufgesprungen und hatte geschrieen, daß „dumm“ ein Tusch sei, den sich ein alter Hallenser Corpsbursch von Niemand, auch nicht von seinem Patron gefallen lasse, worauf Herr Redebas in ein schallendes Gelächter ausgebrochen war, das den Trunkenen vollends in Wuth versetzte.

Unterdessen waren auch die Plüggen in heftige Uneinigkeit gerathen. Gustav hatte seinem Bruder zugeraunt, er habe Lust, das Anerbieten zu acceptiren, wenn Redebas noch zweitausend Thaler darauf legen wolle; Otto, als der Senior, hatte den Jüngeren gewarnt, sich auf einen Handel mit Redebas einzulassen, der mehr Verstand in seinem kleinen Finger habe als er in seinem Kopfe. Gustav hatte sich durch diesen Zweifel an seiner Klugheit beleidigt gefühlt und etwas von „Stroh“ gemurmelt, das ja bekanntlich in dem Kopfe des Andern gelegentlich gefunden werde, – eine Anspielung auf den bekannten Spitznamen des ältern Bruders, die selbstverständlich von Seiten desselben eine Erwiderung hervorrief, in welcher dem „Heu“ eine hervorragende Bedeutung eingeräumt wurde. Und so schrieen denn alle Vier aufeinander ein – zur größten Verwunderung des Groom Fritz, der mit offenem Munde zuhörte, bis er sich plötzlich an der Schulter berührt fühlte und aufschauend seines Herrn Gesicht über sich erblickte.

„Scher’ Dich hinaus und komme nicht wieder herein, bis ich Dich rufe!“

Der Bursche ging; Brandow musterte noch einmal die Streitenden am Tische mit schnellen Blicken. „Das ist just der rechte Augenblick,“ sprach er durch die Zähne.

Er trat an den Tisch, setzte sich aber nicht, sondern blieb, die Arme auf die Lehne seines Stuhls stützend, stehen und sagte, sich an den verlegenen Gesichtern der plötzlich still gewordenen Vier weidend: „Verzeiht, Ihr Herren, daß ich Eure interessante Unterhaltung störe, noch dazu mit einer rein geschäftlichen Angelegenheit, die aber doch auch erledigt sein will. Mein Hinrich Scheel ist eben von Prora zurück – mit dem Assessor und mit einem andern Herrn, dessen Name vorläufig ein Geheimniß sein soll. Ich hatte Wollnow ersucht, mir von meinem Guthaben fünfzehntausend Thaler baar zu schicken. Er hat mich bitten lassen, ihn zu entschuldigen, wenn er statt dessen Wechsel in dem genannten Betrage sendet, Wechsel, meine Herren, von Louis Loitz und Compagnie in Prora an meine Ordre ausgestellt, von Wollnow selbst acceptirt und in Sundin bei Philipp Nathanson domicilirt. Vielleicht haben die Herren die Güte, mir gegen diese Wechsel – jeder im Betrage von fünftausend Thalern – die drei Ehrenscheine auszuhändigen, welche Sie sich neulich von mir geben ließen, falls Sie dieselben zufällig bei sich haben sollten.“

Brandow bot mit einer ironischen Verbeugung die drei Wechsel dar, welche er fächerartig aus der erhobenen Hand herabhängen ließ.

Die Genossen blickten einander mißtrauisch an. Die Sache war nicht in der Ordnung; die Scheine lauteten auf baar; sie waren nicht verpflichtet, die Wechsel zu nehmen; aber sie hatten sich eben noch untereinander zu sehr gezankt, um sofort zu einem einheitlichen Entschluß fähig zu sein; und im Grunde gönnte Jeder dem Andern, daß er um die sichere Beute betrogen werde.

„Nun, Ihr Herren,“ rief Brandow, „ich hoffe nicht, daß Einer von Euch an der Form meiner Zahlung Anstoß nimmt. Es würde das eine Beleidigung gegen den wackern Wollnow sein, auf dessen Gefälligkeit wir ja Alle von Zeit zu Zeit angewiesen sind. Oder solltet Ihr durchaus wünschen, daß der Assessor, der jeden Augenblick kommen kann, Zeuge der Art und Weise wird, in welcher die Herren von Plüggen und Herr Hans Redebas einem alten Freunde, der in Verlegenheit gerathen ist, zu helfen pflegen?“

In der That vernahm man jetzt des Assessors Stimme auf dem Flur.

„Gieb her!“ sagte Hans Rebebas.

„Meinetwegen,“ sagte Otto von Plüggen.

„Ich bin kein Spielverderber,“ sagte Gustav.

Die Wechsel wanderten in die Brieftaschen der drei Herren gegen die Ehrenscheine, welche Brandow mit einem ironischen Lachen wie werthloses Papier zusammendrückte und zu sich steckte, in dem Moment, wo der Assessor hereinkam.

Sein Erscheinen wurde Brandow ein willkommener Vorwand, die Tafel, welche ihm nur schon allzu lange gedauert hatte, aufzuheben. Es habe nachgelassen zu regnen; ob man den Kaffee nicht lieber in dem kühlen Garten als in dem schwülen Zimmer nehmen wolle? Er vermuthete Gotthold im Garten und hatte sich auch nicht getäuscht. Man traf ihn in einem der entlegenen Gänge auf- und abwandelnd. Er schwieg dazu, als Brandow sein Wiederkommen als eine Ueberraschung ausgab, die er seinen Gästen habe bereiten wollen, und entschuldigte sich mit einem heftigen Kopfschmerz, der ihn manchmal plötzlich überfalle und den er erst habe vorübergehen lassen wollen, bevor er sich der Gesellschaft vorstellte. Die beiden Plüggen waren entzückt, ihren alten Schulcameraden, den sie immer gründlich gehaßt hatten, wiederzusehen, und Herr Redebas rechnete es sich zur Ehre, die Bekanntschaft eines so berühmten Mannes zu machen, obgleich aus seinen Reden deutlich hervorging, daß ihm vollkommen unbekannt war, in welchem Zweige menschlicher Thätigkeit Gotthold sich seinen Ruhm erworben haben möchte. Der Pastor, auf den er sich in solchen Augenblicken zu verlassen pflegte, konnte ihm [687] leider keine Auskunft geben, weil er eben den Assessor, den er heute zum ersten Male sah, in seine Arme schloß und denselben seiner ewigen Freundschaft versicherte. Der Assessor lachte und hatte auch Humor genug, weiter zu lachen, als jetzt Hans Redebas, seine vielbewunderte Stärke zu zeigen, die sich Umarmenden umfaßte, in die Höhe hob und auf dem Platze umhertrug, Otto Plüggen dadurch veranlassend, sein seidenes Taschentuch hervorzuziehen und über dasselbe, indem er es an zwei Zipfeln erfaßte, vorwärts und rückwärts zu springen, während Gustav in rühmlicher Nacheiferung des sinnreichen Bruders einen Gartenstuhl auf den unteren Schneidezähnen balancirte.

„Ich möchte Euch nun auch meine Kunststücke vormachen,“ rief jetzt Brandow, „und Euch zu dem Zwecke bitten, mir ein paar Schritte zu folgen.“

Er ging voran und öffnete, an dem Gartenzaune angelangt, eine kleine Thür, die unmittelbar auf die Bahn führte, in welcher er seine Rennpferde zu trainiren pflegte. Es war ein ziemlich bedeutendes Terrain, das mit großem Verständniß ausgewählt und mit vorzüglichem Geschicke zu seinem Zwecke vollends künstlich hergerichtet war. Da gab es schmälere und breitere Gräben, niedrige und höhere Hecken; da gab es weite Strecken vollkommen glatten, kurzgehaltenen Rasens, um auslaufen lassen zu können; da gab es tiefgeackerte Brache für einen Jagdgalopp. Brandow hatte diesen Platz, der mit der einen Seite an die Pferdeställe stieß, auf den andern drei Seiten mit einem manneshohen Bretterverschlage einfriedigen lassen und hielt ihn eifersüchtig vor Jedermann verschlossen. Jetzt weidete er sich an den Blicken neidischer Verwunderung, welche die drei Gutsbesitzer umherschweifen ließen. Aber er hatte ihnen eine noch empfindlichere Kränkung zugedacht. Als die Gesellschaft sich nach den Ställen zu in Bewegung setzte, kam ihr Hinrich Scheel entgegen, den Brownlock am Zügel führend. Das herrliche Thier knirschte vor Ungeduld in das Gebiß, rieb den feinen Kopf an des Bereiters Schulter und blickte dann wieder aus den großen schwarzen Augen die vor ihm Stehenden an, als fordere es Jeden heraus, der Muth habe, es mit ihm aufzunehmen.

„Nun, Ihr Herren,“ rief Brandow, „Ihr hattet ja so große Lust, den Brownlock zu reiten; da ist er. Ich wette zehn Louisd’or gegen einen, daß Keiner von Euch auch nur in den Sattel kommt.“

„Ich möchte dem Thiere nicht gern das Rückgrat entzweibrechen,“ murmelte Hans Redebas.

Otto Plüggen hatte sich beim Springen den Fuß vertreten; aber Gustav meinte, daß er sich die zehn Louisd’or wohl verdienen möchte.

Gustav von Plüggen war ein anerkannt guter Reiter, der in den Sundiner Rennen mehr als einmal den Preis davongetragen. Er zweifelte nicht einen Augenblick, daß er die Wette gewinnen werde, hielt es aber doch für zweckmäßig, mit aller möglichen Vorsicht zu Werke zu gehen. So umschritt er denn den Renner, ihn an seinen Anblick zu gewöhnen, klopfte ihm auf den schlanken Hals, kraute ihm in dem glatten Stirnhaar, ordnete dann, fortwährend mit dem Thiere sprechend, ganz leise die Zügel und hieß Hinrich Scheel loszulassen und wegzutreten. Aber in dem Moment, wo er mit dem Fuße den Bügel berührte, prallte der Brownlock so stark auf die Seite, daß Gustav froh sein konnte, nur die Zügel in der Hand behalten zu haben. Wieder und wieder machte er den Versuch und stets mit demselben unglücklichen Erfolg.

„Ich hätte Dir es vorhersagen können,“ schrie Herr Redebas.

„Du blamirst Dich wieder einmal unnöthigerweise,“ schnarrte sein Bruder.

Gotthold hatte bemerkt, daß Hinrich Scheel immer vor dem Pferde stehen geblieben war, es scharf aus den Schielaugen fixirend und jedesmal, so oft Gustav Plüggen es besteigen wollte, eine kaum sichtbare Wendung mit dem Kopfe machend, worauf das Thier, das seinerseits eines seiner schwarzen Augen gespannt auf den Bereiter gerichtet hatte, zur Seite prallte oder stieg.

„Ich glaube, Sie würden gut thun, Herr von Plüggen, wenn Sie den Hinrich Scheel von dem Pferde wegtreten ließen,“ sagte er.

„Ich denke, Gustav giebt es auf,“ rief Brandow hastig; „die Wette war so wie so von mir nur scherzhaft gemeint; die Sache ist, daß Hinrich Scheel den Brownlock darauf dressirt hat, sich von Niemand besteigen zu lassen, außer von ihm und von mir; und ich selbst könnte nicht in den Sattel kommen, wenn Hinrich nicht will. Das war ja eben das Kunststück, das ich Euch zeigen wollte.“

Mit Ausnahme Gotthold’s hielt man das Ganze für einen Scherz, bis Brandow ihnen durch den Augenschein das Gegentheil bewies. Der Brownlock ließ sich erst von ihm besteigen, als Hinrich dem Thiere das betreffende Zeichen gegeben. Nun kam der zweite Theil der Vorstellung, die Brandow seinen Gästen zugedacht hatte. Er ritt den Brownlock über die ganze Bahn, die schwierigsten Hindernisse mit einer Leichtigkeit nehmend, welche seine vollendete Reitkunst ebenso, wie die fast wunderbare Kraft und Ausdauer des herrlichen Thieres in das hellste Licht setzte und die Herzen seiner drei Rivalen mit bitterstem Neid erfüllte.

„Es ist eine Schande, daß so ein Kerl ein solches Pferd haben soll,“ sagte Gustav Plüggen, der sich an Gotthold angeschlossen hatte, während die Gesellschaft die Füllenkoppel und hernach die Ställe zu besichtigen ging; „eine wahre Schande. Das heißt: er reitet ja famos – für einen Bürgerlichen, meine ich; aber ein Bürgerlicher sollte überhaupt keine Rennpferde halten dürfen. Ich habe genug im Comité darüber gesprochen, als wir vor acht Jahren die Sundiner Rennen einrichteten; aber ich konnte ja nicht damit durchdringen. Nun haben wir’s. Seit vier Jahren schnappt uns Brandow alle besten Preise weg; es ist, um toll zu werden. Der Kerl wäre ja längst ruinirt, wenn ihn die Rennen nicht hielten, die Rennen und – seine Frau.“

„Seine Frau?“ fragte Gotthold.

„Nun, natürlich. Ihm liehen wir schon längst keinen Pfennig mehr, aber um der Frau willen, die wirklich famos ist, kann man ihn doch nicht ganz fallen lassen. Er weiß das natürlich besser als irgend Einer, und sie muß jedesmal von der Partie sein, so oft es einen neuen Pump zu riskiren giebt – so heute vor acht Tagen, als wir in Plüggenhof waren und Otto ihr in Gegenwart seiner Frau – einer geborenen Freiin von Grieben-Keffen – bei Tisch in der tollsten Weise die Cour gemacht hatte, und eine halbe Stunde nach Tisch hatte Brandow seine fünftausend Thaler in der Tasche. Es war ein Unsinn von Otto; wir hatten ausgemacht, daß wir zusammen nicht über Fünftausend gehen wollten. Es wäre ein famoses Geschäft geworden, das uns der verfluchte Jude nun wieder verdorben hat. Weiß der Teufel, weshalb er ihm geholfen. Und der Assessor sagte mir, daß er auch bezahlt ist. Fünfundzwanzigtausend auf ein Brett! Mir steht der Verstand still – und das will etwas sagen; ich kenne sonst alle seine Pfiffe und Kniffe. Der Pastor meint, Du und kein Anderer habest ihm das Geld gegeben; und dafür habe Brandow durch die Finger gesehen, wenn Du seiner Frau – na, Du brauchst deshalb nicht aufzufahren. Pfaffengeschwätz, ich sage es ja. Du würdest Dich hüten, Fünfundzwanzigtausend – lächerlich! aber er hat sie – das ist ein Fact, wie sie in England sagen – mal in England gewesen? war da – vor acht Jahren, als wir die Sundiner Rennen einrichteten – famoses Land: Pferde, Weiber, Schafe – famos! – was ich sagen wollte: er hat die Fünfundzwanzigtausend und Dollan auf neue fünf Jahre, meint der Assessor; und nun gar den Brownlock! damn! ist das ein Pferd! auf meine Ehre! ich habe selbst in England so etwas nicht gesehen! wie das aufgesetzt ist! und diese Sprunggelenke! und wie das durchgeritten ist! göttlich! aber zu schwer, auf Ehre zu schwer – er kommt nicht über das Moor, das wir jetzt in das Rennen gezogen haben. Fürst Prora soll gesagt haben, das wäre kein ehrliches Spiel! er hat gut reden; er läßt nicht laufen! Kommst Du nicht mit herein? ich höre, es soll noch ein kleiner Tempel oder so was gemacht werden.“

„Ich habe nie gespielt und – meine Kopfschmerzen melden sich wieder.“

„Sonderbar, weiß gar nicht, was Kopfschmerzen sind, als ob ich keinen Kopf hätte. Ihr Maler kriegt das wohl von den Oelfarben; abominabler Geruch!“




19.


Der junge Edelmann folgte den Andern, die bereits in das Haus und in Brandow’s Zimmer rechter Hand vom Flur getreten waren, wo der Spieltisch, wie Gotthold durch das Fenster bemerkt hatte, bereits arrangirt war.

[688] „Nun, Herr Weber, wollen Sie hier draußen bleiben?“ fragte Rieke, die auf dem Flur gestanden hatte und jetzt an ihn herantrat.

Sie sah ihn freundlich genug aus ihren grauen Augen an; es schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß es wohl nur an ihm gelegen, wenn er sich das begehrliche Geschöpf nicht geneigt gemacht, und daß er noch jetzt das Versäumte nachholen könne, ja nachholen müsse, wollte er anders den Zweck erreichen, um dessen willen er nach Dollan zurückgekommen war. Er hatte sie heute Morgen bei der Abreise überreichlich beschenkt; vielleicht brauchte er nur das Angefangene fortzusetzen.

„Wir dachten nicht, Sie so bald wiederzusehen,“ fuhr das Mädchen fort; „und die Abreise kam so schnell; es ist auch Manches liegen geblieben; ein wunderschönes rothseidenes Tuch – soll ich es holen?“

Sie hatte sich jetzt ganz nahe zu ihm gestellt und dabei, wie zufällig, seinen Arm berührt.

„Ich glaube, es wird Ihnen recht gut stehen,“ sagte Gotthold.

„Glauben Sie? ich dachte, Sie wüßten viel, was mir stünde oder nicht. Sie hatten ja nur Augen für – wen anders.“

„Wo ist die Frau heute? weshalb läßt sie sich gar nicht sehen?“ fragte Gotthold, und setzte dann hinzu, da er zu sehen meinte, daß ein Schatten über das Gesicht des Mädchens flog: „ich gäbe viel darum, wenn ich es wüßte.“

„Wieviel denn wohl?“ sagte das Mädchen mit schelmischem Lachen.

„Rieke! wo steckst Du denn?“ ertönte Brandow’s Stimme aus dem Spielzimmer. „Es fehlen noch ein paar Gläser, wo steckt denn die Dirne?“ und er warf die Thür wieder ärgerlich hinter sich zu.

„Er hat uns nicht gesehen,“ flüsterte Rieke, „ich muß jetzt hinein, komme aber gleich wieder.“

Sie schlüpfte fort; Gotthold blieb noch ein paar Momente stehen, unschlüssig, ob er auf eigene Hand den Versuch, Cäcilien zu sehen, machen solle. Ohne Frage konnte ihm das Mädchen behilflich sein, wenn sie wollte; aber würde sie wollen? Sie schien ernstlich erschrocken, als Brandow rief; aber an der leichten Gunst der Leichtfertigen war ihm wahrlich nicht gelegen, und vielleicht war das Ganze nur ein abgekartetes Spiel zwischen Brandow und dem Mädchen, um ihn sicher zu machen, um ihn desto sicherer in’s Garn zu locken. Besser, vertrauend auf die eigene Gewandtheit, die Gelegenheit benutzen.

Und die Gelegenheit war günstig, wie sie es mehr wohl nicht sein konnte. Ein zweiter verstohlener Blick durch das Fenster in das bereits erleuchtete Zimmer zeigte ihm die Gesellschaft eifrig beim Spiel – Pharao, wie es schien – und Brandow hielt Bank – so konnte er jetzt nicht abkommen. Rieke stand im Hintergrunde des ziemlich großen Gemaches mit einem Präsentirbrett voll Gläser, welche der Pastor aus einer großen Bowle füllte – so war auch sie für die nächste Zeit beschäftigt. Auf dem Hausflur regte sich nichts; in dem Speisesaale stand noch der Tisch, wie ihn die Gäste verlassen – das einzelne Licht, an welchem sie ihre Cigarren angezündet, flackerte in dem lebhaften Luftzuge, dem Erlöschen nahe. Auch hier war Niemand; so gelangte er ungesehen in den abendlichen Garten.

Es war, obgleich die Sonne eben erst untergegangen sein konnte, beinahe dunkel. Die Wolken, die sich am Nachmittage etwas gelichtet, hatten sich wieder zu großen dunklen Massen zusammengezogen, die ein heftiger, in unregelmäßigen Stößen daherfahrender Wind in wildem Spiel durcheinander- und übereinanderschob. Die Wipfel der alten Bäume schüttelten sich; in den hohen Hecken raschelte und zischelte es wie von tausend spitzen Zungen.

So schien es Gotthold. Ein paar Mal blieb er tiefaufathmend stehen; er war es so gar nicht gewohnt, sich auf seinen Wegen zu verstecken. Und doch mußte es sein; er konnte so nicht von ihr auf immer sich trennen.

Den Giebel des Hauses, in welchem unten ihre Zimmer lagen und oben die Stube, die er bewohnt, begrenzte ein kleinerer Garten, der nach dem Hofe zu von einer Mauer, gegenüber von der Wand einer Scheune und nach dem größeren an der Hinterseite des Hauses gelegenen Garten von einer sehr hohen und dichten Hecke eingeschlossen wurde. Es war ursprünglich ein Obst- und Gemüsegarten gewesen, und es standen noch ein paar sehr alte mächtige Aepfel- und Birnbäume darin; später hatte man ihn als Tummelplatz für die Kinder des Hauses benutzt, denen zu Liebe man die Spargel- und Gurkenbeete in einen Grasplatz verwandelt und auch eine schmale Thür aus der Kinderstube durch die dicke Mauer gebrochen hatte.

Gotthold hatte Cäcilien, die sich des Abends immer früh zurückzog, wiederholt in diesem Garten gesehen, mit dem Kinde oder – in den späteren Stunden – allein. Seine Hoffnung war, sie hier zu finden, andernfalls ihr seine Gegenwart, von der man sie schwerlich unterrichtet hatte, kund zu thun, und – er wußte selbst nicht, was dann geschehen würde, geschehen müsse; er sagte sich nur, daß es so, wie es war, nicht bleiben dürfe, nicht bleiben könne.

Der Platz, soweit sich derselbe von der Pforte aus übersehen ließ, war leer, aber an den Fenstern bewegte sich ein Licht hin und her. So vorsichtig er die Pforte aufdrückte, konnte er doch nicht verhindern, daß die selten benutzte laut in den verrosteten Angeln kreischte; in demselben Augenblick sprang auch ein Wachtelhündchen, mit dem Gretchen zu spielen pflegte, dem Eindringling mit heftigem Gebell entgegen, beruhigte sich aber, sobald es Gotthold erkannt hatte. Er nahm die Liebkosungen des Thierchens für ein gutes Zeichen und schritt vorsichtig weiter, dem Lichte zu, das jetzt stetig aus dem einen Fenster schien. Es war das Fenster der neben Cäciliens Schlafzimmer gelegenen Kinderstube. Gotthold trat mit klopfendem Herzen heran und sah sie.

Sie hatte eben, wie es schien, die Spielsachen des Kindes zusammengesucht und sich dann neben dem Tische in einen Stuhl sinken lassen, die Stirn in die linke Hand gestützt, das Bild in sich versunkenen Leides. Der Schein des hinter ihr stehenden Lichtes ließ die wunderschöne Form ihres Kopfes, die zarten Linien des schlanken Halses, des sanft gewölbten Nackens und lieblichen Busens klar und rein hervortreten, während der tiefe Schatten den Ausdruck der Trauer auf ihrem holden Gesichte noch zu vermehren schien. Gotthold’s Herz floß über von Liebe und Mitleid. „Cäcilie, liebe Geliebte!“ murmelte er.

Sie konnte es nicht vernommen haben; aber sie hatte in diesem Moment den Kopf emporgerichtet und, den Blick nach dem Fenster wendend, die dunkle Gestalt vor demselben bemerkt. Sie stieß, sich vom Stuhle hebend, einen leisen Freudenschrei aus, öffnete ihre Arme und wehrte dann mit beiden Händen ab, in angstvollen Tönen rufend: „Nein, nein, um Gotteswillen nicht!“


(Fortsetzung folgt.)




Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Nr. 36. An den Wassern der Haide.
Von Guido Hammer.


Tiefe Finsterniß deckte bereits die weite Natur, als ich eines rauhen Herbstabends an einem dürftigen Haltepunkte der oberschlesischen Eisenbahn, nahe der polnischen Grenze, ausstieg, um hier ein für mich bereitgehaltenes Geschirr zu besteigen. Ich wollte mit diesem noch über eine Meile Weges hinein in das mir noch gänzlich unbekannte Land fahren, wo ich auf Anordnung des betreffenden Domänenbesitzers in einer Försterei Unterkommen zu nehmen hatte, um von hier aus eine in der Nähe liegende, mir besonders bezeichnete Waldpartie behufs eines Jagdbildes aufzunehmen. Freundlich wurde ich von dem mich schon erwartenden Waidmann willkommen geheißen und echt gastlich aufgenommen, als ich mit den dampfenden Pferden – sie waren gelaufen, als gälte es einer Hatze – vor dem einsamen, inmitten alter Föhren und Erlen gelegenen Forsthause ankam. Nach einem für mich bereitgehaltenen schmackhaften Nachtimbiß, wobei ich in kürzester Frist und angenehmster Weise die ganze Liebenswürdigkeit meines [689] im kräftigsten Mannesalter stehenden Wirthes kennen lernte, suchte ich, denn es war schon spät geworden, mein Lager im oberen Giebelstübchen auf, um des anderen Morgens recht früh schon auf den Beinen sein und dann sofort meine Studie in Angriff nehmen zu können.

Schon mit Tagesgrauen war ich munter, und rasch mich ankleidend, musterte ich, soweit sich solches bereits thun ließ, die noch in magischem Dämmerschein und in tiefster Stille vor mir

Die Gartenlaube (1872) b 689.jpg

Ein nasses Grab.
Originalzeichnung von Guido Hammer.

liegende Landschaft durch das kleine Fenster, welches von außen von den goldlaubigen Zweigen eines Birnbaumes – des einzigen Obstbaumes in der ganzen Umgegend – umrahmt war. Welch ein tristes und mich doch unsäglich ansprechendes Bild bot sich meinen ersten Blicken dar! Bleicher Morgenschimmer lag über einem eintönigen, fernherdämmernden Waldsaum, von dem sich ein fahler Moorbruch bis ans Forsthaus heran ausbreitete. Halbverschilfte Wasserlachen, deren eine ein mächtig hohes schwarzes Kreuz überragte, unterbrachen hier und da die Monotonie dieses Moorbruches. Um dieselben herum fristeten einzelne Erlenbüsche, krüppelhafte Kieferstraupen und Wachholdersträucher ein trauriges Leben. Es war eine düstere, unheimliche Stimmung, welche an diesem Morgen über der wüsten Moorlandschaft lag. Nebelschwaden dampften aus den dunklen Unkenlöchern empor, ein Schwarm von Krähen aber zog trägen Fluges hoch über dem einsam in die Luft ragenden Kreuze dahin. Wie die Nebel hin und her wogten, so irrten auch meine Blicke durch die wüste Landschaft. Und immer wieder – woher dieser magische Zug? – kehrten sie zurück zu dem hohen schwarzen Kreuze und dem im Nebel darüber flatternden Krähenschwarm. Eine eigenthümlich mystische Stimmung überkam mich.

Mit dem Ankleiden fertig, verließ ich das traute Stübchen, um der Verabredung gemäß den Kaffee in der Unterstube in Gesellschaft der Försterfamilie einzunehmen. Natürlich war nach einem gegenseitig gebotenen herzlichen Morgengruß meine erste neugierige Frage nach der Bedeutung des schwarzen[WS 1] Kreuzes am [690] nahen Wasser, und nach Erwiderung des Försters: „Ja, ja, das bekundet eine traurige Geschichte,“ fuhr mein Gewährsmann auf meine Bitte, mir Näheres darüber berichten zu wollen, in seiner Weise zu erzählen fort:

„Ich war noch ein blutjunger Kerl und diente das erste Jahr als Jägerbursche beim damaligen Oberförster unseres gnädigen Herrn, als ich eines Abends Befehl erhielt, des anderen Morgens früh mit dem zunächst wohnenden Unterförster auf einen Hirsch, der am Tage vorher von unserem gnädigen Herrn Grafen angeschossen worden war, mit dem Schweißhunde nachzusuchen; unser Befehl ging dahin, wenn wir den Hirsch fänden, ihn, falls er noch lebe, todtzuschießen und sofort auf’s Schloß zu bringen. Der erwähnte Unterförster erwartete mich an der ‚Teufelseiche‘, einem mächtigen alten Baume, der heute noch im Revier steht. Pünktlich trafen wir zusammen, der Förster mit seiner gelben Schweißhündin an der Leine, und stracks ging es nun weiter nach einem uns bezeichneten weiten Gehau, auf welchem der Hirsch die Kugel bekommen haben sollte und wo wir nun zunächst den Anschuß, der natürlich durch einen ‚Bruch‘ kenntlich gemacht worden war, aufsuchten. Leider hatte es die Nacht über stark geregnet, weshalb eine Schweißspur nicht mehr zu finden war, ja außer dem stark markirten ‚Eingriff‘ nicht einmal mehr die Fährte des flüchtig fortgegangenen Hirsches unterschieden werden konnte. Die Hündin aber hatte bei solchem Wetter auch keine Suche, und so wollte es uns bei aller Mühe, die wir und die brave Waldine uns gaben, doch nicht gelingen, nur vorerst der Fährte des angeschossenen Hirsches sicher zu werden, geschweige denn ihn selber aufzufinden.

Bisher hatten wir immer und immer wieder die unverdrossene ‚Däbe‘ vom Anschuß aus auf die Fährte gesetzt und zwar an der Leine; aber die leidige Nässe, die jede Spur und Witterung verwischt hatte, ließ jeden neuen Versuch mißlingen. Nun legten wir uns auf’s Einkreisen, um vielleicht dabei auf festem Wege, über den etwa der kranke Hirsch nach der Flucht noch gezogen sein könnte, dessen Fährte aufzufinden. Wohl trafen wir auch auf mancherlei Gefährt; wer aber wollte dabei unterscheiden, ob das unseres Gesuchten darunter war? Bei solch mühevollem Umhersuchen war die Zeit bereits bedeutend vorgerückt, und da wir vor Dunkelwerden unser Ziel erreichen wollten, so blieb uns zuletzt nichts Anderes mehr übrig, als den Hund von der Leine zu lösen und auf gut Glück ihn die stärkste Fährte, die wir fanden – der angeschossene Hirsch sollte ein Capitalhirsch sein – aufnehmen und frei darauf jagen zu lassen, damit er, stieß er dabei wirklich auf den Gewünschten, ihn stellen könnte.

Nachdem sich der Unterförster auf den Wechsel angestellt hatte, ließ er die Waldine los und deckte dann den Rückwechsel selber. Es dauerte auch gar nicht lange, so ging’s käff, käff, käff, käff, – laut und klar wie eine Glocke, nur blieb leider das herrliche Waldgeläute nicht auf einer Stelle; also Waldine ‚stellte‘ nicht, jagte vielmehr flüchtig, ja sogar verteufelt flüchtig, weiter und sogar auf den Stand des Unterförsters zu. Und kaum daß ich noch so meinen Gedanken darüber nachhing, daß mein lieber Vorgesetzter nur nicht etwa einen gesunden Hirsch todtschießen möchte – da knallte es auch schon. Nun bangte mir in der That vor einem schlimmen Erfolge, denn ich kannte eben schon meinen Mann, der, bekam er nur erst einmal ‚Haare‘ vor die Büchse, dann auch den ‚Finger krumm machte‘, es mochte nun Schußbefehl dazu sein oder nicht – es wurde eben Feuer darauf gegeben. Und so fürchtete ich denn das Schlimmste!

Ich mußte den Ausgang ja bald erfahren, da wir ausgemacht hatten, daß da, wo es schösse, der Andere hinzuzueilen habe. Da nun vollends Alles todtenstill blieb, so machte ich mich schleunigst auf den Weg nach dem Stande meines Mitjagenden. Da sah ich denn schon von Weitem einen stattlichen Hirsch liegen und Waldine lautlos an ihm herumzausen, den Unterförster aber Anstalt treffen, den Erlegten aufzubrechen.

Herangekommen und vor allen Dingen nach dem Anschuß spähend, sah ich wohl die frische Kugel dicht hinter dem Blatte sitzen, die den Hirsch im Feuer getödtet hatte, suchte aber vergeblich nach der zweiten, welche das Thier Tags vorher von der Hand des Grafen erhalten haben sollte. Mein Vorgesetzter war ein Pole und weit und breit bekannt als rücksichtslosester Jäger, der, wie ein Stück Wild, so auch jeden ihm nur in Sicht kommende Wilddieb erbarmungslos niederschoß und ihn dann, seiner eigenen Aussage nach, auf die erste beste Klafter Holz warf, diese in Brand steckte und so in der prasselnden Lohe sein Opfer mit Haut und Haar verbrannte. Dieser Vorgesetzte bedeutete mir mit gellem Lachen: jetzt werde er den von mir gesuchten Anschuß gleich noch mit einer Kugel draufmalen. Und wirklich! den todten Hirsch noch waidewund schießend, schüttete der Geriebene nun auch Pulver in die absichtlich gemachte Wunde und brannte es mit der glühenden Asche seiner Pfeife an, daß das Kugelloch dadurch schwarz und vertrocknet aussah, wie ein altes.

„Na,“ sagte er dann zu mir, „nun mag der Teufel es herausschnobern, ob das ein heutiger oder gestriger Anschuß ist.“

Als ich darauf aber doch mein Bedenken in Bezug auf den Kennerblick unsers gnädigen Herrn ausdrückte und überhaupt auf das Unrecht, diesen zu betrügen, hinwies, erwiderte mir zornigen Blickes der erregte Geselle: ‚Ein Doctor wird ja wohl nicht dabei sein, der’s beweisen könnte, ob der Schuß von Jenem‘ – er meinte seinen Herrn und Gebieter – ‚oder von mir herrührt! Und betrügen? He, wer sagt, daß ich betrüge? Bekommt denn der Graf nicht einen Hirsch?‘ Diesen höhnischen Fragen, wobei er mich mit tellergroßen, zornfunkelnde Augen fixirte, fügte er noch mit Nachdruck hinzu: ‚Also reinen Mund gehalten, Bursche, sonst –‘ und hierbei nahm er das Gewehr an den Kopf, womit er mir andeuten wollte, daß, wenn ich nur ein Wort darüber verlauten ließe, mir für meine Verrath eine ‚blaue Pille‘ bevorstände. Meine Phantasie fügte aber dieser ausdrucksvollen Drohung auch noch das Bild eines lodernden Holzstoßes hinzu, und ich gelobte schüchtern unverbrüchliches Schweigen.

So mußte ich denn mit schwerem Herzen noch selbigen Abend als elender Lügner vor meinen so grundgütigen lieben Herrn hintreten, da ich den Hirsch zu überbringen und vor ihm auf die Strecke zu legen hatte. Mit wie zusammengeschnürter Kehle gab ich hierbei den mir vorgeschriebenen erlogenen Bericht ab, den mir mein Unterförster noch mit dem leidigen Troste zugefertigt: ‚Der Wald habe weder Augen noch Ohren,‘ wozu er noch hinzufügte: ‚Also dabei geblieben, wie ich’s vorgeschrieben, oder –‘

Und ich bin leider feigerweise dabeigeblieben, selbst als mir mein gnädiger Gebieter, der Herr Graf, noch ein reiches Geldgeschenk für prompte Mithülfe bei der Suche ‚Seines‘ Hirsches verabreichte.

Dies war das Ende dieser Jagd, aber nicht ‚das Ende vom Liede‘. Denn es gab doch ein Auge des Waldes, das Auge Gottes nämlich, und dieses hatte die vielfachen Vergehen des finsteren Mannes bisher zwar mit Langmuth angesehen, nun aber doch endlich von dem Ungetreuen und Hartherzigen sich abgewandt.

Mich hatte es nämlich des anderen Tages, nachdem ich die erste reuevolle Nacht meines Lebens durchwacht, schon bei frühestem Morgengrauen wieder hinausgetrieben in die stille Haide, unwillkürlich jenem Orte zu, wo der Graf seinen Hirsch angeschossen hatte. Ich suchte nun von Neuem hier nach diesem, wenn auch ohne alle Aussicht auf erwünschten Erfolg, da ich nicht einmal einen Hund bei mir führte. Dennoch kam ich heute, nur so im verloren geglaubten Weitergehen, plötzlich an die Stelle, wo der noch nicht verendete, sogar noch ziemlich rege, aber doch schwer kranke Hirsch flüchtig vor mir herausfuhr. Aber ich war so überrascht, daß ich nicht vermochte, auf das fliehende Thier zu schießen. Diesen Fall meldete ich nun sofort meinem Mitschuldigen, dem Unterförster, ihn dabei beschwörend, den angeschossenen Hirsch, der uns nun sicher sei, nochmals aufsuchen, todtschießen und einliefern zu wollen, dabei aber das begangene Unrecht offen und ehrlich dem Grafen einzugestehen und ihn reumüthig um Vergebung zu bitten, da denn der gestrenge Herr unter solchen Umständen gewiß noch Gnade vor Recht ergehen lassen und ihm und mir vergeben werde.

Aber mit einem gotteslästerlichen Fluche gebot mir der darüber wuthsprühende Polake, ja nicht wieder in dieser Weise oder überhaupt davon zu sprechen, mit dem Zusatze: er würde die Sache schon nach seiner Art erledigen. Von dieser Stund’ an sah ich ihn lebend nicht wieder, denn als ich ein paar Tage darauf von meinem Dienstherrn, dem Oberförster, abermals hinausgeschickt ward, von diesem an den Unterförster einen Befehl zu überbringen, sagte mir dessen alte Haushälterin, die, ihrem unwirschen Herrn nicht unähnlich, wie ein alter Uhu in der wüstaussehenden Wohnung des düstern Forsthäuschen hauste: [691] der Förster sei schon seit vorgestern nicht wieder nach Hause gekommen, dafür aber sein Hund, schon zweimal, doch derselbe sei darauf allemal winselnd wieder davon gelaufen, und sie wisse daher nicht, wo der Herr herumlungern müsse. Da, gerade als der mürrische ‚Auf‘ noch so mit mir sprach, kam Waldine ganz abgemagert und heulend wieder heim und, mich erkennend, sprang sie nun freudig und doch jammernd an mir heran und lief dann gleich darauf wieder zur Thür hinaus, ebenso schnell aber kehrte sie zurück, um zu sehen, ob ich ihr folge. Natürlich that ich dies, und stracks ging es nun durch die weite Haide den großen Moorbrüchen zu, denselben, die hier vor meinem Hause, das aber damals noch nicht stand, sich ausdehnen. Als ich, immer von dem Hunde geleitet, zu der vor uns liegenden öden Strecke kam, da fiel mir das sonderbare Umherschwärmen der Krähen über einem steil in die Luft ragenden zerbrochenen Steigbrette auf, welches über eine Wasserlache führte, und ich ahnte Unglück. Eiligst folgte ich daher der weit vorausgeeilten Waldine, welche nun an einem der vielen Wasserlöcher Halt machte. Ich erblickte bald beim Näherkommen einen verendeten Hirsch, der halb aus dem Sumpfe ragte; Waldine aber, das treue Thier, sah ich eine daneben aus dem schwarzen Tümpel starrende Todtenhand belecken.

Wie ward mir aber vollends, als ich noch näher herankam an die Unglücksstätte und auf einmal den ganzen Zusammenhang begriff! Denn da lag, mit dem Kopfe und halben Oberkörper noch auf der in’s Wasser versunkenen Hälfte des zerbrochenen Steiges und dessen Stützpfählen ruhend, derselbe Hirsch, den ich vor ein paar Tagen noch krank angetroffen und den ich sofort am Geweih und seiner auffällig hellen Färbung wiedererkannte. Unter des Verendeten Last aber ward der Ertrunkene unter Wasser gehalten, dessen emporstarrende fahle Hand gleichsam aus der moorigen Gruft emporwuchs, während der Hut des Verunglückten – es war der meines Unterförsters –, obenauf schwimmend, am Schilfe hin und her schwankte. Ueber dieser schauerlichen Gruppe jedoch, auf dem in die Luft hinausragenden Brette, hockten ein Paar Krähen, die bei meinem Näherkommen krächzend aufstiebten und dem kreisenden Schwarme ihrer schwarzen Genossen sich einreihten. Als ich nun versuchte, den völligen Zugang zur Trauerstätte zu gewinnen, was mir auf dem schwanken Untergrunde nur mit Hülfe herzugeholter Stangen und anderer Hölzer aus einer nahen verfallenen Torfhütte gelang, da befestigten sich – angesichts der ganzen Sachlage – meine Vermuthungen bis zur unumstößlichsten Ueberzeugung.

Jedenfalls hatte der Förster auf meine Mittheilung hin für sich allein und in seinem beabsichtigten Vortheil Nachsuche auf den Hirsch gehalten, der nun wohl vor dem Hunde auf’s Moor geflüchtet sein, hier aber, als auch dahin die Verfolgung fortgesetzt wurde, ihm sich endlich gestellt haben mochte. Hierbei hatte, wie nicht anders zu denken, der Förster endlich den Todtverwundeten niedergeschossen und war dann, wie nicht minder wahrscheinlich, beim Abnicken des noch nicht gleich Verendeten – die Waidmesserklinge steckte nämlich abgebrochen noch im Genick des Hirsches – mit der Planke, worauf er dabei gestanden haben mochte, zusammengebrochen und dadurch in die sumpfige Tiefe versunken. Er war so unglücklich unter sein Opfer gefallen, daß er, von diesem niedergehalten, den Banden des Todes nicht hatte entrinnen können; vielmehr hatte die verhängnißvolle Last seinem jämmerlichen Schicksale gleichsam das Siegel aufgedrückt!

Ja, ja, die weite stille Haide hatte diesmal allerdings ‚kein Aug’ und Ohr‘ für die Qual des Aermsten, dafür ruhte aber die Hand Gottes um so schwerer auf dem Unglücklichen – hülflos, in trostloser Oede, ward ihm ein schauerliches, nasses Grab!

Der Herr Graf, dem ich nach diesem Falle Alles haarklein beichtete, hat mir in Liebe verziehen und ließ zur Warnung, zur Sühne und als Wahrzeichen das schwarze Kreuz an der Unglücksstätte errichten, mit dem Befehle, daß es für alle Zeiten erhalten bleiben solle.“




Literaturbriefe an eine Dame.


Von Rudolf Gottschall.


XI.


Haben Sie, verehrte Frau, schon über ein Geheimniß nachgedacht, das Ihnen wie allen Vertreterinnen des schönen Geschlechts so nahe liegt, mit dem Sie in Berührung kommen, wenn Sie einen Hut aufsetzen und eine Mantille umnehmen, und das Sie gerade deshalb weder für einen Gegenstand des Nachdenkens noch für ein Geheimniß zu halten geneigt sind – ich meine, über die Mode? Was jedes Modenkupfer, jedes Ladenfenster[WS 2] aller Welt verkündet – das kann doch gerade nichts Räthselhaftes sein!

Und doch ist das Entstehen, Werden und Wachsen der Mode in ein Geheimniß gehüllt, und was Friedrich Halm von der Liebe singt: „Sie kommt und sie ist da;“ das gilt auch von ihr! Die Mode aber hat etwas von jenem unerklärlichen Zauber, der zum großen Theil auf dem Nachahmungstrieb beruht und dem sich Niemand so leicht entziehen kann. Es giebt nicht blos Crinolinen, es giebt auch Ideen, die Mode sind, und die Gedichte stehn hierin mit den Chignons in gleicher Linie.

Ueber die Mode in der Literatur ließe sich eine lange Abhandlung schreiben, die vielleicht von größerem Interesse wäre, als mancher sehr scharfsinnige und sehr überflüssige Aufsatz unserer Kritiker über die Bedeutung dieses oder jenes classischen Werkes. Die Classiker selbst sind im strengen Sinne des Wortes nicht „Mode“ gewesen – nur [[Goethe|’s „Werther“ war ein literarischer Modeartikel. Als der große Dichter indeß bei Göschen eine mehrbändige Ausgabe seiner Dichtungen erscheinen ließ, in welcher seine unsterblichen Werke Iphigenie, Tasso, Egmont u. a. enthalten waren, hatte diese Sammlung durchaus keinen buchhändlerischen Erfolg; sie lag wie Blei in den Buchläden, während die Werke von [[Christian August Vulpius|Vulpius, namentlich Rinaldo Rinaldini, eine Auflage nach der andern erlebten. Vulpius war eben „Mode“ – und Goethe war es nicht.

Ich will Ihnen heute von einem Schriftsteller sprechen, dem es, bei allen Verdiensten und Vorzügen, nie gelungen ist, „Mode“ zu werden. Dies ist ein Glücksfall, der oft im umgekehrten Verhältniß zum wahren Verdienst steht, und nur selten bewährt sich die Harmonie der Weltordnung darin, daß dem bedeutenden Werk auch von Hause aus ein überraschender Erfolg zutheil wird. Im letzten Monat des vorigen Jahres starb in dem thüringischen Städtchen Arnstadt, einer freundlichen Dichterstätte, wo auch Marlitt in den Träumen der Phantasie die anmuthigen Gestalten ihrer echt deutschen Aschenbrödel erblickte, einer unserer namhaftesten Romanschriftsteller, Wilibald Alexis. Seit 1852 wohnte er unter den Rosen von Arnstadt, doch es war dies keine heitere Idylle, wie sie der Patriarch von Neuseß unter den Blumen seines Gartens und in den Wäldern der Coburgischen Berge verlebte und in seinen poetischen Haus- und Jahreskalendern verzeichnete; sie war geistig ertraglos, denn dem alternden Dichter war die Gunst des freien Weltblickes und des trostbringenden dichterischen Schaffens versagt; er war jenem unheimlichen Geschick geistiger Lähmung verfallen, das in neuer Zeit über so viele bedeutende Geister einen schmerzlich empfundenen Bann verhängt – wir erinnern nur an den Philosophen Ludwig Feuerbach, der, seiner glänzenden geistigen Frische lange beraubt, nach schweren Leiden aus dem Leben geschieden ist.

Die Arbeit des Geistes, verehrte Frau, hat ihre Invaliden, wie der Krieg; erschütternd aber ist es, wenn der Geist noch frei die Schwingen regen will und dann die bleierne Last fühlt, die ihn zu Boden drückt. Als ein Segen erscheint dann die erlösende Dumpfheit, in der auch die letzte Regung des Willens und damit seine Qual erlischt! Solche Dumpfheit umhüllte die letzten Lebensjahre des Dichters; er schien zufrieden und vergnügt und lächelte sein trostloses Geschick an, wie er die Remontanten des Gartens anlächelte, wenn der Rollwagen ihn zu den farbenprächtigen Blumenköniginnen fuhr. Die Rose ist ja seit alten Zeiten ein Sinnbild der Verschwiegenheit; doch der kranke Dichter vertraute ihr kein Geheimniß an; er hatte ja, auch wenn er schwieg, nichts mehr zu verschweigen.

Wilibald Alexis (Wilhelm Häring) ist ein Schlesier; er war [692] 1797 in Breslau geboren; das bewegliche Naturell, die reiche Phantasie dieses Volksstammes[WS 3] waren ihm eigen. In Berlin besuchte er das Gymnasium, machte den Feldzug 1815 gegen Napoleon mit und studirte dann die Rechte in Breslau und Berlin. Nur kurze Zeit arbeitete er im juristischen Staatsdienst und widmete sich dann ganz der schriftstellerischen Laufbahn. Eine Zeit lang war er Mitredacteur der „Vossischen Zeitung“ in Berlin.

Wilibald Alexis war ein beweglicher, unruhiger Kopf, der nicht in der Literatur allein aufging; er war unternehmungslustig und behagte sich in allerlei praktischen Speculationen. Das Bad Häringsdorf an der Ostsee, das seinen Namen trägt, war eine Schöpfung dieses Trachtens, sich am Leben selbst zu bethätigen. Doch Dichter und Philosophen sind in der Regel keine guten Speculanten; ihre Phantasie geht mit ihnen durch! Da ist mir immer noch jener Berliner Philosoph Max Stirner in der Erinnerung, welcher den Egoismus zum Princip der Welt erhob; er gehörte jenem Kreise der Berliner Freien an, in welchem ein sehr vermessener cynischer Ton, eine Art von Wirthshausatheismus im Schwange war; seine Frau rauchte Cigarren und war emancipirt; sie war indeß dabei ganz gescheidt und gutmüthig und wenig gefährlich. Dieser Max Stirner, welcher eigentlich der weitverbreiteten Familie der „Schmidt“ angehörte und sich nur in jenes herausfordernde Pseudonym übersetzt hatte, war der Verfasser des Buches „Der Einzige und sein Eigenthum“; doch wie sehr er auch in demselben die Speculationen unserer großen Philosophen ironisch aufgelöst hatte, er selbst war der praktischen Speculation verfallen und betrieb mit Eifer eine Milchwirthschaft, eine sehr harmlose Beschäftigung für einen die Welt auf den Kopf stellenden Geist; doch hatte dies Unternehmen die unerwünschte Folge, daß er bald der „Einzige ohne Eigenthum“ wurde und seine Frau, welche ihren Geburtsnamen in den männlich stolzen Römernamen Marius Daenhardius übersetzt hatte, sich genöthigt sah, den Römerstolz aufzugeben und in England als Gouvernante sich ihr Brod zu verdienen.

Auch Wilibald Alexis ist nicht mit allen seinen Speculationen glücklich gewesen, und auch als Schriftsteller gehörte er in Bezug auf äußern Erfolg nicht zu den Glückskindern.

Phantasiereich, wie alle Romanschriftsteller aus dem Lande des Rübezahl, wie der Stadtrichter Van der Velde, der am Fuße des einsam ragenden Zobtenberges in dem kleinen gleichnamigen Städtchen von Cortez und Montezuma, von Karl dem Zwölften und Swedenborg dichtete, wie Spindler, der nie in Verlegenheit kam, wo es abenteuerliche Verwickelungen zu erfinden galt, wie Karl v. Holtei und Heinrich Laube, stand Wilibald Alexis, wie alle diese Landsleute, Holtei ausgenommen, unter dem Einflusse Walter Scott’s, ja Wilibald Alexis trat durchaus nicht mit originellen dichterischen Schöpfungen auf, sondern mit Nachdichtungen, welche bis in’s Einzelne so getreu waren, daß der Autor wagen durfte, den Namen des schottischen Romandichters an die Spitze des „Walladmor“ und des „Schloß Avalon“ zu setzen – eine der kühnsten Mystificationen, welche in der neuen Literatur vorgekommen sind. Der Poet von Abbotsford selbst soll die Treue dieser Copieen anerkannt haben. Doch dadurch, daß man Walter Scott durch das Fenster nachzeichnete, wird man kein bedeutender Schriftsteller, so groß auch das Nachahmungstalent sein mochte, das die Eigenheiten des Stils und der ganzen Darstellungsmanier so abzulauschen und wiederzugeben verstand. Wilibald Alexis schlug dann auch plötzlich einen gänzlich anderen Ton an; es war die Epoche jungdeutscher Zerrissenheit, der auch Schriftsteller wie Sternberg ihren Tribut abtrugen. Wilibald Alexis schrieb das „Haus Düsterweg“, in welchem sich alle die ungesunden Tendenzen der Zeit ablagerten, in einer düstern, unheimlichen Beleuchtung. Das Gemeinsame in diesen verschiedenartigen Richtungen war die Vorliebe des Dichters für die Nachtseiten der Seele und des Lebens, die bei seiner im Ganzen ruhigen Darstellungsweise um so auffallender hervortrat; er liebte die Anatomie jener abnormen Neigungen der Seele, aus denen das Verbrechen hervorgeht, er liebte die Beleuchtung fanatisch düsterer Epochen und Zustände. Seine juristischen Studien hatten in ihm eine starke criminalistische Ader entwickelt – so war er ganz geeignet zum Herausgeber des „Pitaval“, dieser Galerie merkwürdiger Verbrechen, welche einen so wichtige Beitrag zur Krankheitsgeschichte der Menschheit liefert. Der Verkehr mit Mördern und Giftmischerinnen war seiner Phantasie erwünscht, die sich in dem grausam Spannenden, dem grell Erschütternden behagte. Wenn es hierfür noch eines Beweises bedarf, so liefert ihn sein „Urbain Grandier“, ein Werk, in welchem die Foltern eines Criminalprocesses uns mit ihren psychologischen Daumenschrauben schonungslos zermartern. Nach dieser Seite hat Wilibald Alexis Aehnlichkeit mit Victor Hugo, dessen Werk „Les derniers jours d’un condamné“ in greller Darstellung der Seelenqual und in Erregung einer fieberisch schüttelnden Spannung wohl den Preis verdient. Sonst sind sich beide Dichter sehr unähnlich – Victor Hugo hat die Geste des Propheten, etwas Grandioses, das oft in’s Groteske übergeht; Wilibald Alexis hat einen gesunden Verstand, der seine Phantasie stets regulirt und nach der großen Thurmuhr stellt, nach welcher das Kirchspiel sich im Wachen und Schlafen achtet. Er schildert das Excentrische mit großer Ruhe, Victor Hugo mit phantastischer Erhitzung; er ist groß im Detail, in der Fülle und Genauigkeit einzelner Züge; Victor Hugo erhellt seine Gemälde blitzartig, aber er gebietet über den Blitz des Genies.

Etwas von jener Vorliebe für das Düstere und Grelle, sowie für das handfest Zugreifende der Criminalgerichte tragen auch die historische Romane an sich, denen vor allen der Schriftsteller seinen Ruf verdankt, jene brandenburgisch-preußischen Romane, in denen die Treue lebensvoller Schilderung des Natur- und Volkslebens wieder an Walter Scott erinnert. Kernhaft, gesund, oft alterthümlich angeflogen, bisweilen weitschweifig in gleichgültiger Detailschilderung, sorgfältig in der Charakteristik, welche zugleich ein anschauliches Bild des ganzen Menschen giebt, spannend mehr durch die Darstellungsweise als durch die dichterische Erfindung, haben diese Werke zugleich die Bedeutung eines großen geschichtlichen Cyklus, der uns ein Bild von dem Werden und Wachsen der preußischen Macht auf dem brandenburgischen Boden entrollt. Je glänzender sich gerade in neuerer Zeit diese Macht zur deutschen Großmacht entfaltet hat, desto interessanter ist es, ihren Anfängen, ihrer ersten schüchternen Entwickelung nachzugehen und die Wechselfälle des Schicksals zu verfolgen, das sie durch alle Niederlagen und Demüthigungen hindurch zu solcher Herrscherhöhe emporführte.

Gewiß, verehrte Freundin, werden Ihnen, wenn Sie die Romane dieses Autors lesen, die Fahrten mit der Postschnecke durch die kieferreiche Mark Brandenburg einfallen, bei welchen Sie Muße hatten, des römisch-deutschen Reichs Streusandbüchse in nächster Nähe zu betrachten und, während die Räder schläfrig durch den Sand dahinschleiften, den Flug der Krähen über die im Winde knarrenden Wipfel als die einzige Lebensregung in der todten Landschaft zu beobachten. Müssen die neun Musen nicht mit einschlafen in solcher Gegend? Und wo strömt hier der Castalische Quell, aus welchem die Dichtkunst ihre Begeisterung schöpfen könnte?

In der That steht Wilibald Alexis, was den landschaftlichen Hintergrund betrifft, sehr im Nachtheil gegen Walter Scott, welcher in die prachtvolle Naturscenerie des schottischen Hochlandes die Abenteuer und Erlebnisse seiner Helden verlegen konnte. Doch was eine des ganzen Details kundige Phantasie den Kieferwäldern und Sandsteppen, den Mooren und Haiden der Mark abgewinnen konnte, die sich hier und dort durch breite See- und Flußspiegel und duftige Fernblicke von Waldhügeln auch zu malerischer Schönheit erhebt: das war ein Pfund, mit welchem unser Autor wohl zu wuchern verstand, und – was die Hauptsache ist – diese einfache Natur paßte zu der Menschenwelt, die sich in ihr bewegte; diese ist knorrig und kernig, wild wie ihre Umgebung und führt, nicht abgezogen zu träumerischen Stimmungen durch den Reiz der Landschaft, ihre geschichtliche Sendung mit voller Thatkraft durch.

Ein großer Vorzug dieses Romancyklus ist es, daß der Dichter nirgends in die Fehler des Memoirenromans verfällt, sondern das Recht freier Erfindung einer abgeschlossenen Handlung aufrecht hält. Was er auch der Geschichte entlehnen mag, nirgends trägt er ihr die Schleppe, welche den archivarischen Staub aufwühlt; nirgends begnügt er sich damit, in ihr Gewand einige Phantasieblumen einzuwirken. Der Dichter steht in erster Linie; er gestaltet den Stoff und läßt sich nicht von ihm beherrschen.

Wenn „der falsche Waldemar“ oft in einen gespreizten alterthümlichen Chronikstil verfällt und überdies einen Stoff mit epischer Ausführlichkeit behandelt, dessen Hauptinteresse mehr [693] dramatisch-psychologischer Art ist, so hat der Roman „Der Roland von Berlin“, dessen Held der Bürgermeister Johannes Rathenow ist, dagegen einen anheimelnden Charakter, indem uns das städtische Leben in der Zeit jener inneren Parteistreitigkeiten und des Kampfes mit der kurfürstlichen Gewalt mit großer Treue und Anschaulichkeit geschildert wird, so daß wir uns ganz in demselben heimisch fühlen. Auch sind diese Kämpfe keineswegs der Gegenwart so fremd wie das Gebahren der Raub- und Stegreifritter, und der Held, der Vertreter des stolzen Bürgerthums, fesselt mit seiner starren Energie unsere Theilnahme.

Daß Wilibald Alexis nicht eigentlich für die Toilettentische geschrieben hat, beweist der Titel eines seiner Romane: „Die Hosen des Herrn von Bredow“, ein Titel, vor welchem die prüden nordamerikanischen Grazien Reißaus nehmen würden. Dieser Roman spielt im Reformationszeitalter und schildert uns die Verwandlung und die Verwirrung, welche durch jene große That des deutschen Geistes in allen ständischen Kreisen der Mark hervorgerufen wurde.

Der Hauptroman des Autors bleibt indeß: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“, ein Gemälde jener unrühmlichen Zeit, in welcher unter französischer Bedrückung der preußische Geist geknickt schien und auch die gesellschaftlichen Zustände von innerer Fäulniß zersetzt waren. Deshalb spielt auch das grell Criminalistische in den Roman mit hinein, eine Episode, welche der Autor mit besonderer Vorliebe ausgeführt hat. Ueber dem Ganzen schwebt ein bleierner Horizont; doch man sieht auch schon, von wo die erlösenden Wetter kommen werden, welche die lastende Schwüle lichten. Die Ausführung ist mit breitem Pinsel gemacht, mit dem vollen Behagen des epischen Dichters; das ganze Leben und Treiben der preußischen Hauptstadt in jener unglücklichen Epoche wird mit intimer Kenntniß dargestellt; wir belauschen alle Lebensregungen der unterdrückten Geister; aber auch alle Zeugnisse vom Verfall des öffentlichen Geistes sind gewissenhaft gesammelt. Die allzugroße Ausführlichkeit der Detailmalerei wirkt hier und dort ermüdend, ebenso die Unerschütterlichkeit der epischen Ruhe, die nirgends in leidenschaftlichere Bewegtheit übergeht, nirgends durch einen lyrischen Augenaufschlag Gemüth und Phantasie wärmer erregt.

Außer diesen bedeutendsten Romanen hat Wilibald Alexis noch viel Tüchtiges im gleichen Geist geschaffen – und nun werden Sie fragen, welche Anerkennung einem so patriotischen Schriftsteller zu Theil geworden ist, der die Entwicklungsgeschichte eines zur Herrschaft berufenen Staates in ihren großen Wendepunkten so lebensvoll dargestellt hat?

Die Antwort auf diese Frage ist nur sehr kleinlaut; außer dem mäßigen Antheil des Lesepublicums und dem oft warmen Lob der Kritik hat der Autor keine Kränze, am wenigsten glänzende Lorbeern, davongetragen. Dem übrigen Deutschland erschienen diese märkischen Romane nur als eine Ausschmückung der Brandenburger Localchronik, als der Ausfluß einer Borussomanie, die damals in weiten Marken unseres Vaterlandes geächtet war. In Preußen selbst aber fiel ihr Loos wenig glücklicher. Die Mehrzahl der Romane erschien in vormärzlicher Zeit; die liberale Opposition, welche die Gedankenrichtung derselben beherrschte, hatte damals wenig Sinn für die ältere Geschichte des Landes, die ihr als eine Ritter- und Räubergeschichte erschien; jene Stände aber, welche solche historische Erinnerungen pflegten, merkten alsbald, daß diese Geschichtsbilder nicht den Zweck hatten, ihrer Vergangenheit zu schmeicheln, und daß der Verfasser ein sehr versteckter Liberaler war, der aus alter Zeit die rostigen Schwerter hervorgrub, um sie der Opposition in die Hand zu drücken. Und als die Reaction in voller Blüthe stand und Wilibald Alexis seinen Roman „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ erscheinen ließ, hatte er dabei nicht die geheime Absicht, den Zeitgenossen einen Spiegel vorzuhalten, der ihnen grell das eigene Bild zurückwarf?

So wollen wir wenigstens einen bescheidenen Kranz auf den Sarg eines Schriftstellers legen, dem das Leben selbst wenig Ruhm gewährte, dem der Lebensabend ein tragisches Schicksal brachte, der aber unter den tüchtig strebenden Patrioten und unter den Pflegern des deutschen geschichtlichen Romans einen unbestrittenen Ehrenplatz einnimmt.




Fürst Pückler-Muskau und sein Jugend-Portrait.[1]


München, den 6. Januar 1808.

München ist vielleicht von allen deutschen Hauptstädten diejenige, wo ich am liebsten leben möchte. Obgleich die Gesellschaft nicht zahlreich und der Luxus gering ist, so wird man doch nicht leicht in Verlegenheit kommen, seine Abende auf eine angenehme Art auszufüllen; kleine Kränzchen, die bald bei diesem, bald bei jenem ihrer Mitglieder zusammenkommen, in denen man sich in kurzer Zeit gegenseitig kennen lernt und wo ein sehr gebildeter Ton herrscht, ersetzen reichlich die mehr betäubenden als vergnügenden, mehr geräuschvollen als von Freude belebten großen Cirkel, Assembleen und Feste der größeren Residenzen.

Es wird schwer sein, einen Hof zu finden, der mit so viel wahrem Anstand und Liebenswürdigkeit weniger Etiquette verbindet. Man würde bei einem Privatmann zu sein glauben, wenn der allgemeine Respect, den der König bei aller Popularität sehr wohl einzuflößen und zu erhalten weiß, nicht den Rang des Fürsten besser anzeigte als der äußere Glanz, mit dem sich Hoheit zu umgeben pflegt. Wie philosophisch der König selbst hierüber denkt, hatte ich einmal Gelegenheit aus seinem eignen Munde zu vernehmen. Ein Fremder erlaubte sich eine sonderbare Aeußerung über einen anderen deutschen Herrscher, von dem er sagte: Er möchte gern vergessen, durch wie viel Grade er bis zum Königstitel emporgestiegen sei. „Mir geht es ebenso,“ unterbrach ihn der König, „auch ich wünschte diese Grade zu vergessen, durch die ich gestiegen bin, denn nie werde ich anders als mit Sehnsucht und Bedauern an die glückliche Zeit meines Privatlebens zurückdenken können.“ Es war wohl nicht möglich, des Fremden Tölpelei feiner zu beantworten und zugleich eine philosophische Denkungsart an den Tag zu legen, die auf dem Throne mit doppeltem Verdienste glänzt.

Der Kronprinz, der mit seinem Vater die Liebe des ganzen Landes theilt, verbindet mit den allgemein geschätzten Eigenschaften seines Charakters Gefühl und Geschmack für Kunst sowie vielseitige Bildung. Mancher junge Künstler wird theils im Vaterland, theils in Italien von ihm unterstützt und verdankt es des Prinzen Großmuth, wenn sein Genie keine Fessel mehr drückt – welchen besseren Gebrauch mag ein Fürst von seinen vielen Mitteln machen, als wenn er die Kunst, diese Tochter des Himmels, von der Schmach befreite, nach Brode gehen zu müssen!

Ich habe in der hiesigen Gesellschaft einen alten Freund und Schulcameraden von uns getroffen, der sich wie in Wien auch hier mit großem Antheil nach Dir erkundigt. Da er Dir wahrscheinlich schreibt, so erräthst Du, daß ich vom Grafen Pückler spreche, der schon seit einigen Monaten durch eine sonderbare Begebenheit, die wirklich einzig in ihrer Art ist, hier aufgehalten wird. Er ist gesonnen, diese sonderbare Geschichte durch den Druck öffentlich bekannt zu machen, und da ich glaube, daß sie der Personalität wegen Interesse für Dich haben kann, so schreibe ich das Original für Dich ab:[2]

„Da ich im Begriff bin, Deutschland zu verlassen, so sehe ich mich genöthigt, meinen Freunden und allen Denjenigen, welche die Güte haben, sich für mich zu interessiren, eine genaue Darstellung der folgenden Vorgänge zu geben, die sich auf ein Ereigniß beziehen, das vielfach besprochen worden und leicht von schlecht unterrichteten oder übelwollenden Personen entstellt werden könnte.

Es sind ungefähr neun Monate, daß ich in Wien einen Streit mit dem Fürsten von Löwenstein hatte, den wir übereinkamen dadurch auszugleichen, daß wir uns auf Pistolen schlügen; jedoch unsere beiden Secundanten, der Herr Graf Ferdinand [694] von Colloredo-Mansfeld von Seiten des Fürsten von Löwenstein, und der Graf von Saer auf der meinigen, versuchten, besonders der Erstere, die Sache auszugleichen; es gelang ihnen endlich uns zu versöhnen. Da der Fürst von Löwenstein genöthigt war, sich sogleich nach München zu begeben, so wünschte er, daß ich ihm dahin folge, um allen zweideutigen Gerüchten zum Nachtheil des Einen sowohl als des Anderen auszuweichen, welche die plötzliche Abreise von Einem allein hätte veranlassen können, und da es übrigens mein Weg war, um nach Frankreich zu gehen, so zögerte ich nicht, es ihm zu versprechen; jedoch ich wurde in Wien durch unvorhergesehene Hindernisse von einer Woche zur anderen zurückgehalten. Deshalb geschah es, daß der Graf Ferdinand von Colloredo, ohne die geringste Herausforderung von meiner Seite, als er mir an einem öffentlichen Orte allein begegnete, während er von zwei seiner Freunde begleitet war, sich erlaubte die niedrigsten und beleidigendsten Aeußerungen gegen mich zu thun. Obgleich ich eine so gemeine Sprache durchaus nicht gewohnt war, so suchte ich doch dem Herrn von Colloredo in Ausdrücken, die den seinigen ziemlich gemäß waren, zu antworten, und den anderen Morgen ließ ich ihm ankündigen, daß ich von ihm die Genugthuung verlangte, die ein Mann von Ehre in solchem Falle schuldig ist. Wie sehr aber hatte ich mich geirrt, indem ich den Grafen von Colloredo für einen solchen ansah! Er antwortete mir, daß er mir gar keine Genugthuung geben könne, bis ich meine vorhergegangene Sache mit dem Fürsten von Löwenstein erledigt habe; da er aber selbst fühlte, wie albern dieser Vorwand war, da er selbst als Secundant des Fürsten dazu beigetragen hatte, daß wir uns versöhnten, so setzte er hinzu, der Fürst von Löwenstein habe ihm mehrmals geschrieben, er habe außerordentlich bedauert, sich mit mir versöhnt zu haben, indem er meinen Bitten nachgegeben, aber daß er dennoch die Sache nicht für beendet ansehe.

Durch eine so gehässige Verleumdung außer mir gerathend, zögerte ich nicht mehr, dem Grafen von Colloredo öffentlich den für solche Gelegenheit einzig passenden Titel zu geben, und da er seine Abneigung gegen die Waffen nicht überwinden konnte, so beschloß ich andere Argumente anzuwenden. Unterdessen sagte man mir, daß er nach seinen Gütern abreise; ich folgte ihm sogleich zu Pferde, und erreichte ihn in der Vorstadt von Mariahilf; er befand sich in seinem Wagen, escortirt von zwei Freunden; ich redete ihn an, indem ich ihn fragte, ob er sich einbilde, abzureisen, ohne mein gerechtes Verlangen befriedigt zu haben, aber als ich sah, daß er auf seiner Verneinung bestand, ließ ich ihn meine Replik auf seinen Schultern fühlen. Wüthend sich so behandelt zu sehen, ließ er seinen Wagen halten, und nachdem er tausend Beleidigungen über mich ausgeschüttet, nahm er endlich den Ausweg seinen Weg fortzusetzen, indem er zugleich erklärte, daß ich ihn niemals dahin bringen würde, meine Herausforderung anzunehmen. Ich wartete noch einige Tage in Wien, um zu sehen, was sein Muth ihm vorschreiben würde, aber umsonst – ich reiste also nach Augsburg ab, in der Absicht, vom Fürsten Löwenstein mir Aufklärung zu verschaffen, der sehr erstaunt über Alles, was er vernahm, nicht verfehlte, obgleich er sehr befreundet mit Herrn von Colloredo ist, mir sogleich die folgende Erklärung zu geben, von der ich das Original besitze und von der ich die Uebersetzung gebe:

‚Auf Verlangen des Herrn Grafen Hermann von Pückler bezeuge ich durch dieses von mir eigenhändig geschriebene Blatt, daß er mich aufgesucht hat, um sich mit mir auf Pistolen zu schießen, infolge in Wien vorgefallener Gespräche, die glauben machen wollten, als wenn ich unsere alte Streitsache für mich noch nicht für ganz beendigt ansehe. Ich erkläre ihm, daß ich diesen Augenblick außer Stande bin, da ich in der Festung gefangen und mich dem Commandanten gegenüber auf mein Ehrenwort verpflichtet habe, während meiner Gefangenschaft keinen Zweikampf anzunehmen. Sobald diese Hindernisse gehoben sind, werde ich immer dem Herrn Grafen von Pückler zu Diensten stehen, wenn er darauf beharrt, aber ich erkläre nichtsdestoweniger, daß ich, was mich betrifft, jenen Streit für gänzlich beendet ansehe, da er seiner Zeit von unseren Secundanten nach allen Gesetzen der Ehre beigelegt und dies anerkannt worden, so daß es die Pflicht der Secundanten ist, jede nachtheilige Erzählung in Betreff dieser Sache zurückzuweisen.

Unterzeichnet: Constantin, Fürst von Löwenstein-Wertheim.

Augsburg, den 23. September 1807.‘

Man hätte glauben sollen, der Graf Colloredo würde, indem er ein solches Dementi von seinem Freunde erhielt und sah, daß sein Vorwand gänzlich entkräftet war, sich nun beeilen, durch ein edleres Benehmen die Schande des vorhergehenden auszulöschen – jedoch konnte ich während drei Monaten keine Antwort auf die vielen Briefe von ihm erlangen, welche ich die Delicatesse hatte, über diesen Gegenstand nach Wien zu schreiben.

Erst gestern endlich erhielt ich in München einen Brief des Herrn von Colloredo, der seines Schreibers würdig war, und dessen frecher Inhalt mich gezwungen hat, nicht mehr die geringste Schonung für einen solchen Menschen zu haben. Sein wunderliches Schreiben ist nichts als ein Gewebe von Beleidigungen und unverschämten Lügen. Unter Anderem erröthet er nicht zu behaupten, daß ich dem Grafen von Colloredo und dem Grafen von Saer[3] mein Wort gegeben hätte, Wien in vierundzwanzig Stunden zu verlassen!! Eine Behauptung, die in der That Denjenigen zu albern erscheinen muß, die mich kennen, als daß ich es nöthig finde, sie zu beantworten. Er endet damit, auf’s Neue zu erklären, daß nichts in der Welt ihn dazu bewegen könne, sich mit mir zu schlagen, daß er meine Polissonnerien, wie er komischer Weise den Peitschenhieb nennt, den er mich zwang ihm zu geben, nur verachte, und um so mehr, da er, unversehens von hinten angegriffen, die Beleidigung nur im Rücken empfangen habe. Obgleich es unmöglich ist, einen solchen Feind von einer andern Seite anzugreifen, so glaube ich doch, daß, da ich ihn erst schlug, nachdem ich seine Antwort hatte, man mir nicht vorwerfen kann, ihn unversehens oder als Verräther, wie er sich ausdrückt, angegriffen zu haben. Uebrigens ist der Graf von Colloredo, der, wie es scheint, sich vorstellt, daß ein Peitschenhieb nur von Bedeutung ist, wenn er dem Gesicht applicirt wird, das vollkommene Seitenstück des Gascogners, der, als er sich in demselben Falle befand, seinem Freunde, der ihn zur Rache aufforderte, erwiderte: ‚Mein Lieber, man sieht, daß Du den wahren Muth nicht kennst; ich habe mir das Gesetz gemacht, mich nie um etwas zu bekümmern, das hinter mir vorgeht.‘

München, den 26. December 1807.

Hermann, Graf von Pückler.“ 

Hatte ich nicht Recht zu sagen, die Begebenheit sei einzig in ihrer Art? So unangenehm sie immer für den Graf Pückler bleibt, so glaube ich doch, daß man sein Benehmen dabei diesmal billigen muß. Sonderbar ist es allerdings, daß beständig nur ihm dergleichen Dinge begegnen. Der Grund aber liegt in seinem seltsamen Charakter, der dem Menschenbeobachter, welchem kein Gegenstand, der ihn in der Kenntniß des menschlichen Herzens weiter bringen kann, zu gering scheint, manche merkwürdige Eigenheit darbietet! Ich wenigstens muß gestehen, daß die durch öftere Nachahmung verkrüppelte, durch Erziehung und Umstände irre geleitete und mit sich selbst in Widerspruch gebrachte Originalität dieses Menschen mich immer lebhaft interessirt hat. Oft konnte ich in einem Tage die Wirkungen der entgegengesetztesten Eigenschaften an ihm bemerken; bald hitzig, bald phlegmatisch, hörte ich von ihm Aeußerungen des verdorbensten Charakters, und sah Züge eines edlen Herzens, Wallungen der Weisheit und der reinsten Natürlichkeit, die den Augenblick darauf der geschmacklosesten Unnatur und den Handlungen des größten Thoren Platz machten. Wie Frau von Genlis vom Ritter Olgier sagt, fand ich ihn immer zur warmen Verehrung der Tugend gestimmt, aber das Laster gefiel und besiegte ihn, wenn es seine Verdrehung unter einer originellen geistvollen Form verbarg.

Stets muthig gegen seines Gleichen, oft tollkühn in einzelnen Wagestücken, habe ich ihn zuweilen furchtsam gegen Geringere gesehen, wo er sich kaum mit Anstand tant bien que mal aus der Affaire zog; er selbst gestand diesen Umstand, indem er hinzusetzte, „daß er nicht gewiß sei, die Kraft zu haben, einen wehrlosen Menschen mit kaltem Blute, blos weil es das Phantom der conventionellen Ehre heische, todt zu stechen, wenn er sich auch selbst entehrender Schimpfwörter gegen ihn bedienen sollte; um daher diesen äußersten Fall zu vermeiden, leide er lieber geduldig, daß ein solcher Mensch die schuldige Achtung gegen ihn etwas aus den Augen setze, und ziehe sich zurück, ehe [695] er es so weit kommen lasse, sich auf der letzten Alternative zu befinden, besonders wenn er Unrecht habe, wie denn wohl gewöhnlich der Fall sein müsse, sobald ein Geringer den Höhern zu beleidigen wagte.“ Ohngeachtet dieses scheinbaren Gefühls von Billigkeit weiß ich, daß er oft nach vollkommen entgegengesetzten Principien gehandelt hat, und in der Stimmung das Leben eines Menschen nicht sehr hoch angeschlagen haben würde, aber wie gesagt, dieser junge Mann hängt gänzlich vom Augenblick ab; das letzte Buch, das er liest, die letzte Unterredung, die letzte Begebenheit, vielleicht nur der Gewinnst oder Verlust im Spiel, macht ihn muthig oder furchtsam, hart oder mild, klug oder dumm.

Diese außerordentliche, von jedem fremden Eindruck beherrschte Weichlichkeit des Geistes und Körpers ist sein charakteristischer und sein Hauptfehler; er ist daher keiner anhaltenden Unternehmung fähig, obgleich er bald diese, bald jene mit der größten Leidenschaft ergreift, aber immer halb vollendet liegen läßt, um einer neuen Caprice nachzujagen; er wünscht beständig, sobald er aber seinen Wunsch erreicht hat, scheint ihm die Sache nicht mehr wünschenswerth.

Ein zweiter Fehler, oder vielmehr eine beklagenswerthe Disposition, die ihn selbst sehr unglücklich und für Andere langweilig macht, ist der unaufhörliche Widerspruch, den auf der einen Seite eine weitgetriebene Eitelkeit, und auf der andern noch weiter getriebenes Mißtrauen zu sich selbst in seinem unruhigen Gemüth erregt. Dies ist die Ursache, daß er selten etwas à propos sagt oder thut; er war zum Beispiel, da ich ihn noch genauer kannte, ebenso liederlich als schwärmerisch, aber beide Eigenschaften wurden stets verkehrt angebracht; so lange er auf der Schule und Universität war, machten ihm die Wissenschaften Langeweile, als er aber Officier wurde, fing er an zu studiren, lernte aber von seinem Fach nie mehr, als höchstens nöthig ist, um auf die Wache ziehen zu können; jetzt ist er auf Reisen gegangen und hat damit angefangen, sich anderthalb Jahre in Wien niederzulassen. Es fehlt ihm nicht an Verstand, aber er zeigt ihn gewiß nur da, wo es besser wäre, ihn zurückzuhalten, ist er aber nöthig, so verliert er ihn durch das Mißtrauen in seine eigenen Kräfte, welches der entscheidende Augenblick meistentheils in ihm zu erwecken pflegt. Er ist satirisch und greift gern an, oft nicht ohne Erfolg, erhält er aber eine treffende Antwort, so vergeht ihm gewöhnlich die Sprache und erst nach einer Viertelstunde fällt ihm ein, was er hätte erwidern sollen; er hat, um mich mit dem Abbé Voisenon auszudrücken, ein Schwert zum Angreifen, aber keinen Schild zur Vertheidigung.

Man kann sich denken, wie schmerzhaft solche Scenen für seine Eitelkeit sein müssen, die jede Rolle unnütz und nicht der Mühe werth hält, die nicht unter die ersten gehört, während sein Mißtrauen die daraus entstehende Blödigkeit und die wenige Lebhaftigkeit seines Verstandes, die seltsam mit der Leidenschaftlichkeit seines Temperaments und seines übrigen Charakters contrastirt, ihn oft unter den letzten zurückläßt. So ziehen ihn Menschen von großer Liebenswürdigkeit im Umgang durch eben jene Eigenschaften, die ihm fehlen, ebenso sehr an, als sie ihm imponiren, obgleich er ihnen vielleicht an wahrem Verstande nicht weit nachsteht; in der Unterhaltung mit ihnen scheint ihm Alles, was sie äußern, so vortrefflich, und Alles, was er selbst beitragen könnte, so unwürdig, neben dem ihrigen zu figuriren, daß er, aus Furcht etwas Unbedeutendes zu sagen, lieber gar nichts sagt, und weil er sich nicht traut, so viel auf die Anderen Achtung giebt, daß er darüber sich selbst vergißt, und am Ende keiner zusammenhängenden Gedanken mehr fähig ist. Daher kommt es, daß solche Leute ihn oft weniger vortheilhaft beurtheilen, als er verdient, denn au bout du compte mögen unsere Pedanten der Jugend noch so sehr das Schweigen anrathen, ein junger Mensch, der dasitzt, ohne den Mund aufzuthun, wird immer wenigstens für sehr untergeordnet gehalten werden; Leute, die er zu übersehen glaubt, bringen aus verschiedenen Gründen oft dieselbe Wirkung auf ihn hervor, nämlich, daß er ebenfalls schweigt, weil er mehr beim einsamen Nachdenken als im Gespräch mit ihnen zu gewinnen glaubt, welches ihm Langeweile verursacht. Er muß sehr bekannt sein, um ganz unbefangen zu sprechen, und es giebt viele Menschen, mit denen er nie aus den Grenzen des Fremdseins heraustreten kann, und denen er folglich nie in seiner wahren Natürlichkeit erscheinen wird. Alle diese Gründe vereinigen sich, ihm die Gesellschaft überhaupt größtentheils zuwider und langweilig, und die gewöhnlichen Unterredungen derselben unerträglich zu machen, weil er sich zum Reden verbunden fühlt, ohne hoffen zu können, weder selbst etwas Interessantes zu sagen, noch irgend einen Nutzen oder Vergnügen aus dem ebenso eitlen Geschwätz der Anderen zu ziehen, und überdies gewiß ist, sich nicht nur unvortheilhafter, sondern wirklich anders zu zeigen, als er ist. Alles dieses leidet jedoch oft Ausnahmen, deren Grund man in den natürlichen Gegensätzen seines Charakters suchen muß.

Ich habe ihm gerathen zu schreiben; seine Briefe fand ich in der That seiner Unterhaltung vorzuziehen, und da ihm beim Schreiben, außer daß er keinen Nebenbuhler vor sich sieht, der ihn incommodirt, die Langsamkeit seiner Ideen kein Hinderniß entgegenstellt, so kann er wenigstens die geringen Eigenschaften, die er besitzt, frei machen, und ob er gleich der Welt kein Licht aufstecken wird, doch in dem Gefallen, das er an sich selbst findet, so lange seiner Eitelkeit schmeicheln, bis etwa ein Recensent sich die Mühe nimmt, ihn aus seinem geträumten Kartenpalast herauszuziehen.

Seit einiger Zeit pikirt er sich, Philosoph zu sein, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er wirklich damit angefangen hat, sich selbst zu bessern, wiewohl, aufrichtig gesagt, bis jetzt noch mit ziemlich schwachem Erfolg. Da er indeß die Tugend als die höchste sittliche Schönheit, die man um ihrer selbst willen lieben muß, wahrhaft anerkannt zu haben scheint, und wenigstens sie zu erreichen strebt, da er zur Kunst und den Wissenschaften mehr Liebe trägt als je, so ist es wohl noch möglich, daß, wenn er auf diesem Wege bleibt, er einst, von der Welt zurückgezogen, in der Gesellschaft einiger ausgesuchten gebildeten Freunde die ruhige Zufriedenheit findet, die ihn bis jetzt so weit geflohen hat.

Doch es ist Zeit, daß wir auf unser Thema zurückkommen, den Graf Pückler, der uns lange genug ennuyirt hat, seinem Schicksale überlassen, und die Sehenswürdigkeiten der Residenzstadt München in Augenschein nehmen.




 Meinem Erich![4]

Du kamst nach schmerzensbanger Nacht,
Der Tag ob Deiner Wiege graute,
Wie hat das Vaterherz gelacht,
Als den ersehnten Sohn er schaute; –
     Und nun nach langer Todesqual,
     Nach schlummerloser Nächte Pein
     Schlief bei dem ersten Morgenstrahl
     Mein liebes Kind für immer ein.

Es war ein kurzer, schöner Tag,
An Freuden reich und süßen Sorgen,
Der wie im Frührothschimmer lag
Hell zwischen jenen beiden Morgen:
     Des Lebens Ziel erschien mir klar,
     Leicht ward und fröhlich mein Gemüth,
     Das Glück der eig’nen Kindheit war
     In meinem Kind mir neu erblüht.

Nach schweren Müh’n auf ihn ein Blick,
Und neu belebt war Muth und Hoffen,
Was mir versagte das Geschick,
Für meinen Sohn lag Alles offen;
     Und wenn mein müder Arm erschlafft,
     Im Alter mir das Haupt ergraut,
     Ich hätte seiner frischen Kraft
     Mein Werk voll Zuversicht vertraut.

Vorbei – vorbei – der Traum verging,
Er war zu schön, um lang zu währen,
Und wie ich lachend Dich empfing,
Heut’ lass’ ich Dich mit blut’gen Zähren;
     Doch Dein verklärtes Antlitz scheint
     Ein Bild der sel’gen Himmelsruh’,
     Beim Kommen hattest Du geweint,
     Im Scheiden lächelst friedlich Du!

 Albert Traeger.

[696]
Aus der Drei-Kaiser-Woche.


„Immer ’ran, meene Herrschaften – das Dreikaiserblatt – d’ruf zu sehen der österreichische und der russische Kaiser und unser Wilhelm, der is der scheenste von alle Drei. Nur eenen eenzigsten Jroschen und dafür drei Kaiser und dazu noch zu lesen Allens, wat Bismarck mit Jortschakoffen und Andrassyn jesprochen hat, Allens uff’s Jenaueste – immer ’ran, meene Herrschaften – eenen Jroschen und dafür drei Kaiser – so wat hat die Weltjeschichte noch nich erlebt!“

Mit derartigen Ausrufen wurde man in den Tagen vom fünften bis zum elften September in Berlin auf Tritt und Schritt empfangen. Dabei wurde Einem ein Blatt mit der Ueberschrift „Dreikaiserzeitung“ entgegengehalten; auf der ersten Seite konnte man in einem rohen Holzschnitte die drei Kaiser schauen, wie sie sich nach dem Vorbild der heiligen Allianz die Hände reichten, und die drei Gestalten waren von einem Lorbeerkranze eingefaßt. Auf den übrigen drei Seiten war über die Empfangsceremonien Alles zu lesen, was damals in allen Zeitungen stand. Ganz übergehen dürfen wir jedoch auch noch bei diesem späten Rückblick auf jene Tage nicht, daß bei dem Empfang in der Haltung des Volkes doch etwas lag, das sich wie ein mehr oder minder ausgedehntes Bewußtsein dessen anfühlte, was die intime Annäherung des deutschen Reiches an die österreichisch-ungarische Monarchie zu bedeuten hatte. Und wenn auch bei der Einholung Kaiser Wilhelm seinen österreichischen Gast durch die Königsgrätzer Straße führen mußte, so lenkte ja sehr bald der offene vierspännige Wagen, in welchem die beiden Kaiser saßen, in das Brandenburger Thor ein, das sich wie ein Schlußstein neugewonnener Freundschaft und künftiger Einigkeit über den beiden Kaisergestalten erhob. Es donnerte nicht, wie in früheren Zeiten beim Einzug eines so hohen Potentaten, von den Wällen grobes Geschütz, es wurden keine Glocken geläutet – aber ein harmonischer Ton, eine Witterung des Friedens ging durch die Gemüther und begleitete die beiden Kaiser auf ihrem Wege nach dem Schlosse.

Trotz der einflußreichen blinden Partei in der Wiener Hofburg, die in ihrem Preußenhaß fortwüthet, hegten Kaiser Franz Joseph und sein Minister die bessere Einsicht, daß Deutschland und Rußland die beiden Zielpunkte der österreichischen Politik sein müßten, und dies mochte der Schlußgedanke von Erwägungen sein, welche veranlaßten, daß eines schönen Tages, wenn dieser auch ein Wintertag war, Herr Andrassy in Wien unserm dortigen Botschafter Herrn von Schweinitz eine darauf bezügliche Aeußerung machte, worauf letzterer seinen Koffer packen ließ und rasch nach Berlin abreiste. Schweinitz ist hier! Was soll das? schrieben die Berliner Blätter. Er will sich verheirathen – mit der Tochter des amerikanischen Gesandten in Wien und holt sich vom Kaiser seinen Consens, antworteten officiöse Stimmen. Ach so! „Unser Fritz“ scheint doch zu dem neuesten Geschichtscapitel „der Habsburger beim Hohenzoller“ einen sehr namhaften Beitrag gegeben zu haben. Da fuhr während des Winterbesuchs der Herr von Schweinitz mit dem Kronprinzen zur Jagd. Unterwegs mußte der Kutscher absteigen und der frühere Jugendgenosse und nunmehrige militärische Begleiter des Kronprinzen die Zügel ergreifen, damit von unberufenen Ohren nichts vernommen wurde, was da zwischen dem Kronprinzen und dem Botschafter verhandelt wurde. Ob sie beide an jenem Tage auch gute Jagd gemacht haben? Jedenfalls haben sie keinen Bock geschossen.

Wenn die großen aus einer Scheibe bestehenden Fenster der ersten Etage des russischen Botschaftshôtels, die ersten, welche in Berlin existirten, von allen schützenden Läden und Marquisen befreit sind, wenn sie spiegelhell glänzen und die roth und himmelblau damastenen Gardinen sehen lassen, wenn der Balcon mit frischen Blumen garnirt ist und der stattliche Portier in seinem rothen mit Wappenborten chamarrirten Rock und seinem Stock mit dem silbernen Knopf erscheint, „dann ist beim Russen was los“, dann sammelt sich das liebe Berliner Publicum in der Lindenallee vor dem Hause des russischen Kaisers in hellen Haufen. So auch am Nachmittage des sechsten September. Jede Uniform, die ein- und auspassirte, wurde mit einem „Hurrah!“ begrüßt, denn in jeder wurde ein russischer Großfürst oder auch ein deutscher Großherzog oder Herzog vermuthet. Fast jedes Wagenrollen bedeutete eine Hofequipage. Es ging an jenem Nachmittage im Botschaftspalast immer ab und zu. Kaiser Wilhelm war mit dem Kaiser von Oesterreich bereits vorübergefahren dem Schlosse zu, an den Fenstern im Botschaftshôtel ließ sich kein Kaiser, nicht einmal ein Großfürst sehen. Nach einer halben Stunde kam aber eine vierspännige offene Equipage die Linden herab, darin saß der Kaiser von Oesterreich, aber diesmal „in russischer Couleur“. Der Empfang im Schlosse durch die Kaiserin Augusta, die umgeben vom ganzen Hofe im Hause der Hohenzollern dem Habsburger die Hälfte der Treppe entgegengekommen war, und dann die Umkleidung des Kaisers hatten kaum eine halbe Stunde gedauert „und nun ’rin mit Franz Josephen zu Alexandern“, wie ein richtiger Berliner bemerkte, nachdem der Wagen in das Botschaftshôtel eingefahren war.

Neben dem Kaiser von Oesterreich saß ein Officier in preußischer Dragoneruniform, ein angehender Sechsziger, schmächtig, von nicht sehr strammer Haltung, mit einem grau und weiß melirten, etwas struppigen Kinnbarte. Das war der General von Manteuffel, der eigens von Nancy her zum Ehrendienste bei Franz Joseph commandirt war, darum, weil er eine am Wiener Hofe sehr bekannte und beliebte Persönlichkeit ist. Wer weiß, vielleicht war es so eingerichtet worden, daß der Kaiser von Rußland vor dem Kaiser von Oesterreich kommen sollte, da nach der Regel auch der bürgerlichen Höflichkeit der Ankommende immer zuerst seinen Besuch macht. Jedenfalls hatte sich Graf Stillfried viel Kopfzerbrechen darüber gemacht, wer von den beiden Kaisern den Vorrang haben sollte; der ist die Autorität in diesen Dingen, aber die höchste wird wieder Kaiser Wilhelm mit seinem Herzen geübt haben, der dem Kaiser Alexander etwa in dem Sinne geschrieben haben mag: „Du bist mein lieber Neffe, an dem ich stets Wohlgefallen hatte; Du gehörst zum Hause, zur Familie, und Franz Joseph ist der Gast.“ Somit war diese allerdings heikle Frage erledigt, und nun führten beide Kaiser, der österreichische rechts, zusammen die deutsche Kaiserin.

Bis jetzt hatten sich die Monarchen nur immer zu Zwei gesehen, und war bis dato die Dreikaiserzusammenkunft noch keine vollendete Thatsache. Sie ward es erst am sechsten September, Abends sieben Uhr, im sogenannten Pfeilersaale des königlichen Schlosses. Während Franz Joseph den erwähnten Besuch machte, war Kaiser Wilhelm mit der Kaiserin und der ganzen königlichen Familie in den Gemächern des Kaisers von Oesterreich zurückgeblieben und erwartete hier die beiden anderen Träger kaiserlicher Kronen, die denn auch bald eintraten, und so wurde das denkwürdige Ereigniß denn gleich auf die leichteste und angenehmste Art eingeleitet und gefeiert, nämlich mit einem ausgezeichneten Diner.

Dieser Ort der ersten „Entrevue“, wie ein Hofmann für das gar zu simple deutsche Wort „Zusammenkunft“ sagen würde, ist ein prächtiger Saal in der ersten Etage des Schlosses, unmittelbar über dem Portale, vor dem die beiden ehernen Rossebändiger angebracht sind. Die Säulen, welche die reiche Stuccaturdecke tragen, sind von gelbem Marmor, die Wände mit weißem bekleidet; der Fußboden ist mit den seltensten Hölzern eingelegt, und achtet es Unsereiner schon für etwas Werthvolles, auf dem Schreibtische einen kleinen Nippesgegenstand von Malachit zu haben, so kann er hier eine viereckige Schale von diesem kostbaren Steine sehen, so groß wie das Becken eines großen Stadtbrunnens, aus dem die Dienstmädchen ihre Eimer vollschöpfen und sich dabei etwas erzählen. Aber ich komme dabei auf Wesen der untersten menschlichen Rangstufe, und ich wollte doch nur von solchen der höchsten berichten.

Die Gemächer, welche der Kaiser von Oesterreich bewohnte, sind in vielfacher Beziehung von historischer Bedeutung. Hier hatte die Königin Sophie Dorothea gewohnt, und hier war der Schauplatz, wo Friedrich Wilhelm der Erste sein geliebtes „Fiechen“ – Abkürzung von Sophie – und seine Kinder, den Kronprinzen Fritz und die Prinzessin Wilhelmine, später Markgräfin von Baireuth, als ein Hausvater behandelte, d. h. quälte; hier spielten alle die Scenen, die wir aus der bewegten Jugendgeschichte des spätern Heros Friedrich des Großen und aus den Memoiren seiner so klugen Schwester kennen. In dem zu diesen Appartements gehörigen Garde-du-Corps-Saale hatte Friedrich

[697]
Die Gartenlaube (1872) b 697.jpg

Empfang des Grafen Andrassy im blauen Damastzimmer.
Nach einer Skizze des Professor D.

Wilhelm der Zweite den ersten Gesandten der amerikanischen Freistaaten empfangen. Diese Gemächer erinnern auch an die Erniedrigung Preußens: hier hatte Napoleon der Erste nach seinem Einzuge in Berlin seine Wohnung aufgeschlagen, später sein Bruder Jerôme. Man scheint diese Erinnerungen absichtlich nicht gemieden zu haben, denn noch heute stehen die kleineren Büsten derselben auf den Tischen. Und nun ein anderes, erhebenderes Bild – Deutschland in seiner Machtglorie – die drei Kaiser an einem Tische!

Um den Hauptfiguren des diplomatischen Drama’s etwas näher zu rücken, folgen wir der guten Gelegenheit in einen großen Hofkreis. In dem runden weißen Marmorsaale des Palais unter den Linden, auf dem spiegelglatten Parquett, sind sie Alle versammelt, die drei mächtigsten Herrscher, die auf den Thronen Europas sitzen, dazu Deutschlands Fürsten und Fürstinnen, und um sie herum wie eine Wolke die Minister und Generale, die Herren und Damen der nächsten Umgebung der Fürstlichkeiten. In der Mitte des Saales steht der Kaiser von Oesterreich in eifrigem Gespräche mit dem Fürsten Bismarck. Hoch aufgerichtet, wenn immer in allerrespectvollster Haltung, steht dieser vor ihm; der Reichskanzler trägt heute nicht den berühmten weißen Waffenrock, heute ist Gala, heute hat er die große gestickte Generalsuniform angelegt, und dazu ein grün-rothes breites Band, den Cordon des höchsten Ordens, den [698] Oesterreich an Nichtkatholiken verleihen kann, des Stephansordens. Franz Joseph spricht lebhaft, eingehend; ernst sinnend hört der deutsche Reichskanzler ihm zu und auf seinen Mienen liegt es wie eine Beistimmung zu dem, was er hier aus dem Munde des Abkömmlings der einstigen römisch-deutschen Kaiser vernimmt.

Wer ist, fragen wir weiter, die hohe, wie aus Erz gegossene Gestalt in preußischer Uniform, die mehr zur Seite steht und die fast alle Anderen in diesem Kreise durch ihr körperliches Maß überragt? Ein Mann in den ersten Fünfzigern von etwas gelblichem Teint, in den Zügen liegt eine gewisse nervöse Abspannung, aber sonst erregt der edle Schnitt des Gesichtes mit dem schönen dunklen Schnurrbarte, das Beherrschende des Blickes Interesse. Es ist Kaiser Alexander von Rußland, der Neffe unseres Kaisers, und der preußische General mit der goldenen Brille, der an seiner Seite steht, und mit welchem er länger, als sonst so hohe Herren zu thun pflegen, in Unterhaltung begriffen, ist der geniale Führer der preußischen Nordarmee, der Besieger Faidherbe’s, der General von Goeben. Nun tritt eine Dame aus dem Kreise der Fürstinnen in die Mitte des Saales, voll Grazie und Würde, die Kaiserin Augusta. Sie hat in geringer Entfernung von ihr einen älteren kleinen Herrn mit etwas Embonpoint erblickt; derselbe trägt ebenfalls eine goldene Brille, wie General von Goeben, aber während dessen Auge unter derselben hell und klar hervorschaut, blitzt es aus den etwas gekniffenen Blicken des fast behäbigen und bartlosen Gesichtes des alten Herrn scharf, schlau und beobachtend, als wollte er alle Absichten der europäischen Politik durchdringen, in den Gesichtern der Umstehenden die geheimsten Gedanken lesen. Er ist auch kein Geringerer, als der Lenker der russischen auswärtigen Politik, der Reichskanzler Fürst Gortschakoff, mit welchem die deutsche Kaiserin nun eine Unterhaltung anknüpft. Wenn er freundlich blickt, soll dadurch das entgegengesetzte Gesicht seines Innern verhüllt werden; wenn er mißmuthig aussieht, deutet das darauf hin, daß er mit seinen Vorschlägen nicht durchgedrungen ist. Der Kaiserin gegenüber ist er nur Cavalier; er lächelt und verbeugt sich, er verbeugt sich und lächelt wieder. Und aus diesem Sphinxgesichte soll man etwas herauslesen!

Wir haben den Fürsten Bismarck, wir haben nun auch Gortschakoff gesehen – sein anderes Ich, der sogenannte „Macher“, der Geheime Rath v. Hamburger, eine kleine, ausgewachsene Gestalt von krankhaftem Aussehen, aber mit einem geisterleuchteten Gesichte, verhandelt weiter zurück mit einem Herrn im einfachen schwarzen Hofkleide, der aber das große Band des Rothen Adlerordens trägt, also schon eine bedeutende Persönlichkeit sein muß. Wir erkennen den Sectionschef im österreichisch-ungarischen auswärtigen Ministerium von Hofmann, der für Andrassy dasselbe ist, was Hamburger für Gortschakoff.

„Aber wo,“ höre ich meine Leser fragen, „wo ist der Graf Andrassy?“ Suchen wir ihn mit unseren Augen! Im Kreise der Fürsten und Herren ist er nicht. Vielleicht finden wir ihn bei den Damen! Beginnen wir bei den Hofdamen und zwar bei der schönsten Comtesse, dort wird er am ehesten zu finden sein – vergebens! Gehen wir in den Kreis der Prinzessinnen, der Herzoginnen und Großherzoginnen über, winden wir uns mit unseren Blicken durch alle die Atlas-, Tüll- und Spitzenroben und Schleppen – auch hier ist er nicht zu finden. Dort an jener Säule steht eine alte Dame mit schneeweißen Locken und vom Kopfe bis zum Fuße in Weiß gekleidet. Wenn auch ihr Greisenalter der ehrwürdigste Schmuck, so blitzt hier und da von Haupt und Hals und Brust doch noch ein Brillant. Das ist die einzige noch überlebende der Töchter Friedrich Wilhelm’s des Dritten und der Königin Louise, die Großherzogin-Mutter von Mecklenburg-Schwerin. Heiter und leutselig, wie immer, scheint sie sich mit einem Herrn sehr gut zu unterhalten. Die Gestalt desselben steht mit dem Kopfe eigentlich in einem Mißverhältniß, jene ist nicht groß, aber zierlich, schlank, nervig und beweglich, wozu auch vielleicht die Husarenuniform viel thut, der Kopf dagegen ist zwanzig Jahre älter als diese fast noch jugendliche Figur. Die Züge des etwas zusammengedrückten Gesichts sind tief gebräunt und die Runenzeichen eines von Schicksalen und Erfahrungen reichen Lebens sind darin verzeichnet. Der Bart um die Lippen und das Kinn scheint einst vom reinsten Schwarz gewesen zu sein, nun hat sich bereits jenes ominöse Grau darein gemischt, mit welchem leider erst die Erfolge unseres Lebens zu beginnen pflegen. Im Anfange erscheint dieses Gesicht unbedeutend, blickt man jedoch länger in diese Züge, dann drängen sich Einem tiefe geistige Lineamente auf, ein Gemisch von Melancholie und Leidenschaft, von Berechnung und von Kühnheit, von lächelnder Offenheit und lauernder Beobachtung, von leichtem nachgiebigem Wesen und dabei von trotzigem energischem Geiste. Dieser Mann ist der Graf Andrassy, der frühere Führer der ungarischen Landwehrhusaren, der Honveds, deren Uniform er noch mit einer gewissen Ostentation trägt, der begeisterte ungarische Patriot aus der Bewegung des achtundvierziger Jahres, der Geächtete, der Flüchtling – und nun ist er der erste Rathgeber desselben Kaisers, in dessen Namen er vor einigen zwanzig Jahren verfolgt wurde, und als solcher nimmt er seinen Platz inmitten des russischen und deutschen Reichskanzlers gegenüber den drei Kaisern ein, und nun steht er auch als der Lenker der Schicksale der österreichisch-ungarischen Monarchie und Vertreter der Politik derselben vor Kaiser Wilhelm.

Die Audienz, welche auf unserem Bilde dargestellt ist, hatte unmittelbar nach dem geschilderten Hofcirkel im Erdgeschosse des Palais in dem blauen Damastzimmer stattgefunden, in welches ich meine Leser schon früher einmal geführt hatte. Was in derselben zwischen dem deutschen Kaiser und dem ersten Minister des Kaisers Franz Joseph gesprochen und verhandelt wurde – wer kann es uns sagen? Vielleicht die allenthalben ausgebotene „Drei-Kaiser-Zeitung“, deren Ausrufer sie als im Besitze aller Geheimnisse hinstellen? Spaß bei Seite, nur Eine kann uns das bekannt machen – die Zukunft. Aber wünschen wollen wir gleich jetzt, daß diese Audienz, die eine ganze Stunde währte, die letzten Hindernisse und Bedenken, die einem friedlichen Einvernehmen Oesterreichs mit dem deutschen Reiche noch entgegenstehen mochten, recht gründlich hinweggeräumt haben möge.

Georg Horn.




Die musikalischen Insecten und ihre Instrumente.


Wenn wir an einem schönen warmen Sommernachmittage fern vom Gewühl der Stadt durch Felder und Wiesen streifen, so umfängt uns bald jene Feiertagsruhe, welche so wohlthätig auf den Erholung Suchenden wirkt. Aber es ist keine todte Stille, keine lautlose Ruhe; mehr und mehr, wenn wir stille stehen, oder uns im Schatten dichter Gesträuche lagern, dringt jener leise, aber vielstimmige Chor von Lauten an unser Ohr, der so gut zu dem ganzen Naturbilde paßt. Keine hellen, starken Töne, keine scharf ausgeprägten Rhythmen, keine nach menschlichen Vernunftgesetzen construirten musikalischen Kunstformen bedrängen uns; es ist keine wirkliche Musik und wirkt doch musikalisch auf unser Gemüth; es ist kein nach den strengen Regeln der Harmonie gefügtes Tongebilde und stimmt doch so harmonisch zum Ganzen, wie eben – Alles in der Natur! Das ist die „Musik der Insecten“.

Einzelnes darüber ist zwar allgemeiner bekannt, doch bleibt noch Manches übrig, was an der Hand der neueren Forschung specieller zu betrachten, interessant und für eine genauere Naturerkenntniß wichtig bleibt.

Das Nächste, was die sorgfältigere Beobachtung der concertirenden Insecten ergiebt, ist der Umstand, daß es unter ihnen sowohl „Vocalisten“ als „Instrumentalisten“ giebt, und wenn bei den Ersteren auch nicht von einer eigentlichen Vocalmusik gesprochen werden kann, so findet sich bei ihnen doch eine wirkliche „Stimme“, das heißt eine Lautäußerung, die, ganz ähnlich wie beim Menschen, durch die Respirationsorgane hervorgebracht wird, während bei den Uebrigen die Laute durch besondere äußere Apparate erzeugt werden, die oft unseren musikalischen Instrumenten ähnlich sind und im Allgemeinen in die Classe der „Reibungsinstrumente“ gehören. Man hat auch bei den Insecten, je nachdem eine bestimmte Höhe erkennbar ist oder nicht, Töne und Geräusche zu unterscheiden. Daß alle Stimmclassen vom höchsten Discant [699] bis zum sonoren Basse vertreten sind, lehrt die oberflächlichste Beobachtung, und Jedem ist es wohl schon begegnet, daß er durch die unerwartete Contraaltarie einer Hummel – ihren schmerzhaften Stich fürchtend – von seinem Ruheplatze verscheucht, oder durch das plötzlich intonirte Baßsolo einer großen Brummfliege, die sich in’s Zimmer verirrte, in der Arbeit gestört wurde.

Wichtiger ist, daß die meisten der fliegenden Insecten auch durch ihren Flügelschlag einen Ton zu erzeugen vermögen, der in der Regel von ihrem Stimmtone verschieden ist.

Wirkliche Stimmapparate sind eine gewöhnliche Erscheinung in der Ordnung der Fliegen (Zweiflügler), und zwar ist in den Luftlöchern (an denen die Luftröhren entspringen, durch welche sie athmen) ein bei den verschiedenen Familien dieser Ordnung verschieden gestaltetes Häutchen ausgespannt, welches bei lebhafter Athmung in’s Tönen geräth.

Bei den Stubenfliegen läßt die Stimme (nach Landois) die Töne h, e, b der sogenannten kleinen Octave hören, während der Flugton g ist. Bei den großen Brummfliegen bewegt sich die Stimme durch die Töne e, d, dis, cis, h und b; die Flügeltöne sind e und f. Die gemeinen Mücken geben, wenn sie an heiteren Abenden in den bekannten Schwärmen sich erlustigen, den Ton d1 oder e1, welcher zugleich als Lockton dient.

Bei sehr kleinen Fliegen und Mücken nimmt man keine Stimme wahr, obwohl man bei der Section ganz gleiche Stimmapparate vorfindet, als bei den größeren. Da unser Ohr bekanntlich nur für die Wahrnehmung einer begrenzten, wenn auch sehr umfangreichen Reihe von Tönen eingerichtet ist, so folgt hieraus, daß die Stimmtöne dieser kleinen Insecten wahrscheinlich zu hoch sind (das heißt von zu schnellen Schwingungen erzeugt werden), um unsere Hör-Nervenfasern noch zu erregen.

Die Immen (Hautflügler), zu denen die verschiedenen Bienen- und Wespenarten gehören, haben ebenfalls wirkliche Stimmorgane. Der Stimmton der Mooshummel ist h, ihr Flugton a. Die Stimme der Honigbiene hat die Töne a2, h2 und c3, während ihre Flugtöne gis2 und a2 sind. Noch höher ist die Stimme der Blüthenbiene, welche f3, als Flügelton aber nur a1 und g1 hat. Auch bei den Zirpen, welche in die Ordnung der Schnabelinsecten gehören, findet sich ein wirklicher, am Grunde des Hinterleibes angebrachter Stimmapparat, aber nur bei den Männchen. Die meisten Arten sind in Südeuropa heimisch, wo sie gewöhnlich auf Eschen leben. Die etwa einen Zoll lange Singzirpe oder Cicade war wegen ihrer weittönenden Stimme, die sie namentlich des Abends erklingen läßt, schon im Alterthume bekannt und beliebt.

Bei den Käfern nimmt man sowohl Ton und Stimme, als auch bloße Geräusche wahr. So hat z. B. der Maikäfer einen wirklichen Stimmapparat; man findet im Luftröhrenverschluß eine Zunge aufgehängt, welche beim Athmen durch die Luft in Schwingungen versetzt werden kann.

Bei den Uebrigen finden sich meist Apparate, welche, wie unsere Streichinstrumente, durch Reibung zum Tönen gebracht werden. So erzeugt z. B. der bekannte Bockkäfer (Holzbock) seinen halb zirpenden, halb schnarrenden Ton (besonders wenn er bei den langen Fühlern ergriffen wird), indem er den Kopf auf und ab bewegt und dadurch eine an der Vorderbrust befindliche scharfe Randkante an der Reibleiste des darunter liegenden Fortsatzes der Mittelbrust reibt. Bei vielen kleinen Bockkäfern gewahrt man, wenn sie ergriffen werden, ganz dieselben Bewegungen, ohne daß man einen Laut hört. Da die mikroskopische Untersuchung bei diesen denselben Tonapparat erkennen läßt, wie bei den großen, so muß auch hier geschlossen werden, daß unser Ohr die hohen Töne dieser kleinen Käfer nicht mehr aufzufassen im Stande ist.

Der bekannte schwarze, durch zwei gelbrothe Binden auf den Flügeldecken gezierte Todtengräber erzeugt einen abgesetzten schnarrenden Laut durch Reibung des fünften Hinterleibringes gegen die Hinterränder[WS 4] der beiden Flügeldecken. In ähnlicher Weise bringt der Schreiner oder Geiger (Lamia) den zirpenden Ton hervor, welchen er bei der Berührung von sich giebt, indem er den ersten Brustring am zweiten reibt.

Beim Mistkäfer trägt das Hüftbein des Hinterschenkels eine geriefelte Leiste, welche auf dem scharfen Rande des dritten Hinterleibringes gerieben wird, wodurch ein schnarrender Laut entsteht. In der Ordnung der Schmetterlinge trifft man nur wenige durch Reibung erzeugte Töne.

Unter den mit Reibungsinstrumenten versehenen Musikanten der Insectenwelt sind namentlich hervorragend die zur Ordnung der Geradflügler gehörenden Grillen (die man übrigens richtiger Gryllen schreibt) und die Heuschrecken; doch herrscht über diese im gewöhnlichen Leben so viel Unklarheit, daß wir es für angemessen halten, die hauptsächlichsten Vertreter dieser Ordnung erst in Bezug auf ihre sonstigen Kennzeichen kurz zu beschreiben.

Die Grillen haben lange, borstenförmige Fühler, dreigliedrige Füße und verlängerte hintere Springbeine. Die Feldgrille ist dunkelbraun, mit dunkelrothem Innenrande der Hinterschenkel und findet sich, sehr verbreitet, auf Feldern in Erdlöchern. Das Männchen giebt einen lauten zirpenden Ton von sich. Das Heimchen ist kleiner, einfach gelbbraun. Es ist bekannt, daß dasselbe meist in Häusern, hauptsächlich an warmen Stellen lebt und durch sein Zirpen oft sehr lästig wird; es macht sich aber durch Vertilgen der Schaben nützlich. Die Maulwurfsgrille oder der Riedwurm (auch Wiere genannt) hat keine hinteren Springfüße, aber breite, zum Graben eingerichtete Vorderfüße und lebt auf Feldern in Erdlöchern.

Die Grashüpfer oder Laubheuschrecken (Locustiden) haben lange borstenförmige Fühler, viergliedrige Füße und lange hintere Springbeine mit dicken Schenkeln. Der grüne Grashüpfer ist grasgrün mit gelbem Bauch. Er lebt auf Feldern, im Gesträuch und auf Bäumen und hat einen lauten Zirpton.

Die Heuschrecken (Acridien) haben kurze, cylindrische Fühler, dreigliedrige Füße und zum Springen eingerichtete längere Hinterbeine. Berüchtigt unter ihnen ist die in Vorderasien und dem ganzen nördlichen Afrika lebende Wander- oder Zugheuschrecke durch den ungeheueren Schaden, den sie bei ihren in dichten riesigen Schwärmen erfolgenden Wanderungen allen Gewächsen zufügt. Sie wird bis 2½ Zoll lang, hat kürzere Hinterfüße, dunkle, über den ganzen grünen Leib zerstreute Punkte und einen erhabenen Kamm auf der Brust. Auch nach Frankreich und Deutschland ist diese Plage zuweilen gekommen. Eine nur 1½ Zoll lange Art, schmutzig grün mit braun gefleckten Decken, findet sich auch überall in Deutschland, aber meist nur einzeln.

Bei allen diesen Insecten sind nur die Männchen musikalisch; die Weibchen sind stumm.

Was nun die Instrumente betrifft, deren sie sich zur Tonerregung bedienen, so sind dieselben gewöhnlich an den Flügeldecken und an den Hinterschenkeln zu finden. Bei den Feldgrillen, Heimchen und Maulwurfsgrillen tragen die Flügel eine mit kleinen Stegen besetzte Ader, welche wie ein Geigenbogen auf einer vorstehenden Ader des darunter liegenden Flügels gerieben wird.

Bei den Grashüpfern findet sich am Grunde des einen Flügels ein Apparat, der sich mit einem Tambourin vergleichen läßt, das mit einer geriefelten Ader des andern Flügels gegeigt wird.

Die Wanderheuschrecken haben an der Innenseite der Hinterschenkel neunzig bis hundert feine Zähne, welche sie wie einen Geigenbogen reibend über eine hervorragende Ader der Flügeldecke hin und her bewegen und dadurch einen sirrenden, aber ziemlich sonoren Ton hervorbringen. –

Dies sind die hauptsächlichsten musicirenden Insecten und ihre Instrumente, mittelst welcher sie zu ihrem Theil, wenn auch in bescheidener Weise, bei der großen Symphonie der Natur mitwirken.




Blätter und Blüthen.


Titel- und Ordenhandel. Die erträglichsten Geschäfte, seit Adam’s und Eva’s Zeiten, werden mit der Eitelkeit der Menschen gemacht, und keine Eitelkeit ist so schlimm, ja gefährlich, als die der Männer. Das weibliche Geschlecht, auf welchem der Vorwurf der Eitelkeit vorzugsweise lastet, tummelt sie auf dem Gebiet der Mode aus und schädigt damit nur den häuslichen Geldbeutel und oft noch mehr den guten Geschmack. Die weibliche Eitelkeit haftet am Aeußern, will wenigstens im Dienst der Schönheit stehen und frißt selten in die Tiefe bis zum Kern des Charakters hinein; auch hängt sie so innig mit den Blüthenjahren des Weibes zusammen, daß sie in der Regel mit diesen leise vergeht. Die männliche Eitelkeit dagegen sitzt gleich von Haus aus tiefer und wirkt um so gefährlicher, je ernster der Beruf des von ihr angegangenen [700] Menschen ist. Wir meinen damit natürlich nicht die Aeußerungen jugendlicher Putzsucht, die dem andern Geschlecht gefallen will, denn das ist eben auch nur weibliche Eitelkeit, die mit der Zeit verschwindet; wir meinen vor Allem die aus dem faulen Boden eines ungesunden Ehrgeizes herauswachsende Sucht nach Titeln und Orden. –

Wer zählt die Charaktere, welche diese ebenso häßliche als lächerliche Krankheit gerade dem deutschen Volke schon gekostet hat! Wer wägt die Summe von Manneswürde ab, die unter diesem Leiden schon zu Grunde gegangen ist! Und dagegen hilft keine Höhe der Wissenschaft und Bildung; im Gegentheil! Hier feiert das „Je gelehrter, desto verkehrter!“ seine stärksten Triumphe. Ja, nicht einmal die große nationale Erhebung der jüngsten Zeit hat dieser Seuche Einhalt gethan; – abermals im Gegentheil! Es ist eine neue staatsbürgerliche Tugend hoffähig geworden: der einst vom hochseligen deutschen Bund mit Zuchthaus bestrafte deutsche Patriotismus wird jetzt mit Titeln und Orden belohnt! Demgemäß hat sich auch, wie dem Volke gegenüber ein Reclame-Patriotismus, den fürstlichen Kreisen gegenüber ein Hof-Patriotismus ausgebildet, dessen gute Geschäfte im Staatskalender prangen und in den Knopflöchern glänzen.

Unter den Titeln macht neuerdings, neben dem stets begehrten „Hofrath“, das meiste Glück der „Doctor“. Da nun höchsteigenthümlicherweise gerade der philosophische Doctortitel so praktisch verwendbar ist, während das Studium der Philosophie für das unpraktischste der Welt gilt, so ist ein Jedem bequemer Weg zur Erlangung dieses Titels ein längst gefühltes Bedürfniß gewesen.

Diesem endlich abzuhelfen, ist ein Herr „Dr. med. Helmsen, Arzt und Docent. med.“ in Berlin, „Hegelplatz 1, I.“, öffentlich erbötig, und durch briefliche Mittheilungen derartiger Doctoranden haben wir auch das Nähere kennen gelernt. Einem derselben schreibt Herr Dr. Helmsen: – - „Sie können durch meine Vermittelung das Doctordiplom in absentia, und zwar von einer Universität ersten Ranges erwerben. Erste Bedingung: Einsendung eines kurzen Lebenslaufs (curriculum vitae) und sechs Thaler Consultationshonorar, wofür ich jedem Bewerber nähere Mittheilungen machen und die Promotion übernehmen werde.“

Aus dem Briefe an einen Anderen erfahren wir Folgendes: „Die Promotion geschieht bei der Universität Philadelphia, der berühmtesten Nordamerikas, und beträgt als Gesammthonorar hundertsechszig Thaler. Der Betrag ist pränumerando einzusenden und garantire ich, daß Sie sechs Wochen nach Empfang Ihrer Rimesse das Diplom in lateinischer Sprache von dem Decan, Secretarius und sechs Mitgliedern der Facultät unterschrieben bekommen.“

So ist denn auch für diejenigen armen Leute, welche viel Geld und wenig gelernt haben, der Weg zu dem ebenso langen als schönen Titel „Doctor der Philosophie und Magister der freien Künste“ aufgeschlossen. Ob zum Schaden der Wissenschaft? Schwerlich! Zweifeln doch sehr verdiente Gelehrte alles Ernstes daran, daß heutzutage durch die Doctorpromotionen die Wissenschaften gefördert würden.

Weit zurück an Großartigkeit und Erträglichkeit steht diese Speculation hinter dem Ordenshandelsgeschäft eines Mannes, der uns gestatten möge, daß wir. lieber gleich seine Karte hier abdrucken lassen. Sie lautet:

Director F. G. Spangenberg,
prakt. Landwirth und Chemiker; Begründer des deutschen Nationalvereins für Handel, Gewerbe und Landwirthschaft; Betriebsvorstand des Philadelphischen Unternehmens; Directorialbevollmächtigter des Pensionsvereins für Wittwen und Waisen aller Stände; Mitglied des Gewerbevereins und des allgemeinen Handels- und Creditvereins zu Dresden und Erfindungspatentinhaber in Deutschland und Oesterreich, a. D. (??)
Dresden, Antonstadt, Baumstraße Nr 16, parterre.
Sprechstunden: Vormittag 10–12, Nachmittag 4–7 Uhr.

Unser Gewährsmann, ein „großer Industrieller“, welcher sich, der Ankündigung folgend, an den Herrn Director wandte, erhielt in dieser wichtigen Sache so gründliche Auskunft, daß wir es für unsere Pflicht halten, dem bezüglichen Publicum zum Nutzen alles Wesentliche derselben hier buchstäblich mitzutheilen.

Die erste Antwort auf den Antrag ist folgende Verwahrung:

„Es ist selbstverständlich, daß betreffende Offerte, Tittel und Orden betreffend, auch Consulat, nicht für all’ und Jeden ist, sondern für eine oder einige auserlesene Persönlichkeit an einem Platz. – Muß daher anheim geben, mir zu sagen, wünschen Sie für Sich, und wie ist Stellung, Familien- und Vermögensverhältnisse etc. etc.? – – Nachschrift. Ueber meine Solidität kann hierorts unschwer Auskunft erlangt werden, unter andern bei dem Königl. Sächs. Notar und Rechtsanwalt Dr. Stein II., Seestr. 9.“

Der zweite Brief lautet wie folgt:

„Hochgeehrter Herr! Auf Ihre werthe Zuschrift erwidere ich Ihnen im Auftrage meines Geschäftsfreundes und Gönners des Herrn Grafen v. W., erbliches Mitglied des österreichischen Herrenhauses und Verwandter Sr. Majestät des Königs von Spanien, daß die betreffenden Orden und Tittel von den Staaten Spanien, Portugal, Tunis und Republik Honturas zu den unten beigesetzten Preisen für Taxen, Kosten und Honorare zu erlangen sind, und zwar:

     1) Ritterkreuz 2500 Thaler, Commandeur 5000 Thaler, Großkreuz mit dem Prädicat Excellenz 12,000 Thaler.
     2) Baron, Graf, Marquis, Grand von Spanien 7000 Thaler bis 20,000 Thaler.
     3) Consulat, wo von den genannten vier Staaten noch nicht bestehend, 5000 Thaler.

Ich bin zu Beantwortung weiterer Fragen erbötig und bemerke, daß hierorts unschwer Auskunft über mich zu erlangen ist, unter anderen auch bei dem Königl. Sächs. Notar und Rechtsanwalt Herrn Dr. Stein II., Seestr. 9, hier. Der ich die Ehre habe etc.“

Der dritte Brief verräth von selbst, daß unser Gewährsmann aus der verlockenden Liste sich den Isabellen-Orden auserkoren; er belehrt uns folgendermaßen:

„Aus Ihrer werthen Zuschrift vom 23. dieses Monats ersah ich die feste Absicht, das Commandeur-Kreuz des königlich spanischen Isabellen- oder Karl des Dritten-Ordens zu erwerben und ersuche Sie, laut Ihrem Wunsch, mir genau Ihre Vornamen Stand, Würden und Titel, welche Sie beziehentlich dort führen, mir anzugeben und mir eine kurze Angabe über Ihren Lebenslauf und Geschäfts- (auch Commun etc.) Thätigkeit zu machen. Hiernach wird das Gesuch für Sie in spanischer Sprache von uns abgefaßt und unterzeichnet und von dem Herrn Grafen an spanischer betreffender Stelle eingereicht und empfohlen. Nach zwei Monaten circa dürfte dann das Dekorations-Diplom in Ihren Händen sein.

Da Herr Graf sofort bei Einreichung des Ansuchens die Taxen etc. baar belegen resp. dafür caviren muß, so müßten Sie die Güte haben, die Gesammtkosten von fünftausend Thaler hier in Dresden bei den königlich sächsischen Herrn Notar und Rechtsanwalt Dr. Stein II., Seestraße 9, zu deponiren, mit der Bestimmung: daß diese Summe, nachdem Ihnen durch den Herrn Notar Dr. Stein II. das Diplom über die Verleihung des betreffenden königlich spanischen Commandeur-Kreuzes von dem Königlich Spanischen Hausministerium resp. Marschalls- und Ordensamte zugefertigt worden, diese Summe, (welche in Werthpappieren bestehen kann, deren Zinsen Ihnen bis zum Empfang des Diploms eigenthümlich verbleiben) uns ausgehändigt werde. –

Zu Ihrer Sicherheit steht es Ihnen auch frei, s. Z. durch einen Advokaten in Madrid bei dem Königlich Spanischen Hausministerium respective Marschalls- und Ordensamte anfragen zu lassen, unter welchem Datum Ihnen das Commandeur-Kreuz etc. von den Allerhöchsten Behörden verliehen worden sei. Nur muß, um den Herrn Grafen durch eine solche Anfrage nicht zu compromittiren, dieselbe genau in dem Sinne gehalten sein, wie ich in den blau unterstrichenen Worten angedeutet habe. – Ich sagte oben nach zwei Monaten, und habe auch die Erfahrung dafür, bemerke aber ausdrücklich, daß auch drei Monate bis zu dem Zeitpunkte verlaufen können, wo Sie die Ernennung (Diplom) in den Händen haben. – Ihren gefälligen Dispositionen entgegen sehend, etc.“

Da der Betreffende hiernach sich nicht weiter vernehmen ließ, so erhielt er folgenden gelinden Tritt:

„Ich bestätige den Inhalt meiner Zuschrift vom 29. pass. und bitte um freundliche Rückäußerung. Hochachtungsvoll und ergebenst

Director Spangenberg.“

Der weitere Verlauf des Geschäfts ist uns ebenso unbekannt als einerlei; wir hatten ja hinsichtlich dieses Geschäfts nur zu zeigen, wie es gemacht wird. Wir wünschen ihm so viel Segen, als es verdient – ja, wir stehen nicht an, ein solches Verdienst sehr hoch anzuschlagen, wenn es diesem Ordensschwindel gelänge, das „starke“ Geschlecht dieser Tage von der Ordenssucht zu curiren.


Lorenz Brentano in Chicago, unser geehrter Mitarbeiter, ist nach einer telegraphischen Depesche von Washington vom Präsidenten zum Consul der Vereinigten Staaten in Dresden ernannt. Lorenz Brentano hat während seines dreijährigen Aufenthaltes in Europa das Consulatwesen der Vereinigten Staaten zu einem seiner speciellen Studien gemacht und sich zugleich durch sachverständige und scharfsinnige Vertheidigung der Vereinigten Staaten in der Alabamafrage ein großes Verdienst erworben. Die Ernennung ist daher eine ebenso wohlverdiente als passende. Daß Lorenz Brentano vermöge seiner Befähigung und seiner Kenntnisse hoch über dem Niveau der meisten zu Consularvertretern der Vereinigten Staaten ernannten Amerikaner steht, brauchen wir dem Leser nicht erst zu sagen.


Kleiner Briefkasten.

L. in R. Ein in Montigny bei Metz wohnender Deutscher liefert von allen auf den sämmtlichen um Metz gelegenen Schlachtfeldern errichteten einzelnen und Regiments-Monumenten – auf besonderes Verlangen auch von einzelnen bestimmt bezeichneten Gräbern – getreue Zeichnungen, Aquarellen oder Photographien mit den etwa angebrachten Inschriften. Wenden Sie sich gefälligst an die deutsche Buchhandlung von Lang und Rasch in Metz.

B. Günther in Cassel. Ihre Erzählung ist zum Abdruck nicht geeignet, und wollen Sie über das noch in unseren Händen befindliche Manuscript verfügen.


Im Verlag von Ernst Keil in Leipzig ist erschienen:

Robert Prutz,
Buch der Liebe.
Eleg. gebunden mit Goldschnitt. Preis 1 Thlr. 15 Ngr.

Diese Gedichte, welche sich schon durch den Namen ihres Autors genugsam einführen, gehören zu den schönsten lyrischen Erzeugnissen der Neuzeit und gereichen der Geschenkliteratur zur besonderen Zierde.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Aus dem nächstens erscheinenden „Reisetagebuch des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau“ theilen wir hier einige Auszüge mit, welche seine Erlebnisse der Jugend schildern, wo er, noch kaum dreiundzwanzig Jahre alt, eine Reise nach der Schweiz und Italien unternahm, zu der er von seinem Vater, mit dem er damals nicht zum Besten stand, nur geringe Mittel erhielt. Es ist merkwürdig, wie sich in diesen Jünglingsbriefen schon die Eigenthümlichkeit und Originalität des später so berühmt gewordenen „Verstorbenen“ ausprägen. Interessant ist das Portrait, welches er von seinem Charakter entwirft, indem er von sich als von einem Dritten redet.
    Die Redaction.
  2. Das Original ist französisch.
  3. Weit davon entfernt, das Zeugniß des Grafen von Saer, meines Freundes und Landsmannes, zu fürchten, appellire ich im Gegentheil öffentlich an ihn, damit er bestätige, daß Alles, was ich berichte, mit der strengsten Wahrheit übereinstimmt.
  4. Den „Dichter der Gartenlaube“ hat vor Kurzem ein großes Herzeleid getroffen, indem ihm unerwartet sein einziger Sohn durch den Tod entrissen wurde. In der Nacht vor dem Begräbnisse dichtete er obiges Lied, das er ursprünglich nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt hatte.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: schwarzes
  2. Vorlage: Ladenfester
  3. Vorlage: Volsstammes
  4. Vorlage: Hinterräder