Die Gartenlaube (1876)/Heft 32

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1876) 529.jpg
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[529]

No. 32.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Vineta.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


Der arme Doctor! Er dachte nicht daran, sich zu freuen. Mit ihm ging Alles im Kreise herum. So wenig Erfahrung er auch in Liebesangelegenheiten hatte, hier dämmerte die Wahrheit ihm doch allmählich auf; er fing jetzt an zu merken, was hier eigentlich „passirte“. Also darum hatte Waldemar so schnell in die Aussöhnung gewilligt; darum ritt er unverdrossen in Sturm und Sonnenschein nach C.; daher stammte die Veränderung in seinem ganzen Wesen. Herrn Witold traf sicherlich der Schlag, wenn er die Geschichte erfuhr, er, der einen so tief eingewurzelten Haß gegen die ganze „Polengesellschaft“ hegte. Die diplomatische Mission war nun freilich gleich in der ersten halben Stunde geglückt, aber ihr Resultat jagte dem Abgesandten ein solches Entsetzen ein, daß er die ihm anbefohlene Diplomatie vollständig vergaß und wahrscheinlich seinen Schrecken verrathen hätte, wenn nicht soeben die Fürstin Baratowska eingetreten wäre.

Die Dame hatte mehr als einen Grund zu dem Wunsche, den Erzieher ihres Sohnes, der diesen auch auf die Universität begleiten sollte, persönlich kennen zu lernen. Jetzt, wo die Aussöhnung erfolgt und eine dauernde Verbindung angeknüpft war, konnte ihr die nächste Umgebung Waldemar’s nicht gleichgültig sein. Sie überzeugte sich nun freilich schon in den ersten zehn Minuten, daß von dem harmlosen Fabian nichts Feindseliges zu besorgen sei, daß er sich im Gegentheile gebrauchen lassen werde, wenn auch ohne sein Wissen. Von dem steten Begleiter konnte man in Zukunft Manches erfahren, was von dem unzugänglichen Waldemar selbst nicht zu erfahren war, und das blieb unter allen Umständen von Wichtigkeit. Die Fürstin erwies dem Doctor die Ehre, ihn für ein geeignetes Werkzeug anzusehen; sie war in Folge dessen von herablassender Freundlichkeit gegen ihn, und die Demuth, mit der er diese Herablassung aufnahm, gewann ihm ihre volle Zufriedenheit. Sie verzieh seine Schüchternheit und Unbeholfenheit, oder vielmehr, sie fand beides in ihrer Gegenwart sehr natürlich und geruhte, ihn in ein längeres Gespräch zu verflechten.

Waldemar schien mit dem Eintritte der Mutter seine ganze sonstige Einsilbigkeit wieder aufgenommen zu haben. Er betheiligte sich wenig an der Unterhaltung und sagte der Fürstin endlich einige leise Worte. Sie erhob sich sofort und trat mit ihm auf den Balcon hinaus.

„Du wünschest mich allein zu sprechen?“ fragte sie.

„Nur auf eine Minute,“ entgegnete Waldemar. „Ich wollte Dir nur sagen, daß es mir unmöglich ist, Dich und Leo nach Wilicza zu begleiten, wie wir verabredet hatten.“

Ein leichtes Erschrecken zeigte sich in den Zügen der Mutter. „Weshalb? Legt man Deiner Abreise vielleicht Schwierigkeiten in den Weg?“

„Ja wohl,“ sagte der junge Mann unmuthig. „Es sind, wie sich jetzt herausstellt, nach meiner Mündigkeitserklärung einige Förmlichkeiten zu erfüllen, bei denen ich durchaus persönlich zugegen sein muß. Das Testament des Vaters weist in dieser Hinsicht verschiedene Bestimmungen auf; weder Onkel Witold noch ich haben daran gedacht, und gerade jetzt, wo ich fort will, kommt die Aufforderung. Ich werde für’s Erste noch hier bleiben müssen.“

„Nun, dann werden wir unsere Abreise gleichfalls verschieben,“ meinte die Fürstin, „und ich muß Wanda allein nach Rakowicz senden.“

„Auf keinen Fall!“ fiel Waldemar mit der größten Bestimmtheit ein. „Ich habe bereits nach Wilicza geschrieben, daß Du in den nächsten Tagen dort eintreffen wirst und daß man die nöthigen Vorbereitungen im Schlosse treffen soll.“

„Und Du?“

„Ich komme nach, sobald ich hier frei bin. Jedenfalls bringe ich einige Wochen bei Euch zu, ehe ich zur Universität gehe.“

„Noch eine Frage, Waldemar,“ sagte die Fürstin ernst. „Weiß Dein ehemaliger Vormund bereits von dieser Bestimmung?“

„Nein. Ich habe bisher nur von meinem Besuche in Wilicza gesprochen.“

„Dann wirst Du unseren Aufenthalt dort also vor ihm vertreten müssen.“

„Ich werde,“ entgegnete Waldemar kurz. „Im Uebrigen habe ich den Administrator angewiesen, sich zu Deiner Verfügung zu stellen, bis ich selbst eintreffe. Du hast nur Deine Befehle zu geben; es ist dafür gesorgt, daß sie respectirt werden.“

Die Fürstin wollte ihren Dank aussprechen, aber er kam nicht über ihre Lippen; sie wußte ja, daß diese Großmuth nicht ihr galt, und die eigenthümlich kalte Art, in der sie ihr geboten wurde, ließ ihr nur die Möglichkeit, sie ebenso kalt hinzunehmen, wollte sie sich nicht demüthigen.

„Wir dürfen Dich also bestimmt erwarten?“ fragte sie. „Was Leo betrifft –“

[530] „Leo schmollt noch mit mir wegen unseres vorgestrigen Streites,“ unterbrach sie Waldemar. „Er ging bei meiner Ankunft sehr demonstrativ nach dem Strande hinunter, ohne mich sehen zu wollen.“

Die Fürstin runzelte die Stirn. Leo hatte gemessenen Befehl erhalten, dem Bruder freundlich zu begegnen, und dennoch zeigte er diesen Trotz, welcher der Mutter gerade jetzt äußerst ungelegen kam.

„Leo ist oft heftig und unbedacht,“ entgegnete sie. „Ich werde dafür sorgen, daß er Dir zuerst die Hand zur Versöhnung bietet.“

„Nicht doch,“ lehnte Waldemar kühl ab. „Wir machen das besser unter uns allein aus. Sei unbesorgt!“

Sie traten wieder in den Salon, wo Wanda sich inzwischen damit unterhalten hatte, den Doctor Fabian von einer Verlegenheit in die andere zu treiben. Die Fürstin erlöste ihn jetzt davon; sie wünschte den Studienplan ihres Sohnes eingehend mit ihm zu besprechen, und er mußte sie auf ihre Aufforderung in ihr eigenes Zimmer begleiten.

„Der arme Doctor!“ sagte Wanda, ihm nachblickend. „Mir scheint, Waldemar, Sie haben das Verhältniß geradezu umgekehrt. Sie hegen nicht den mindesten Respect vor Ihrem Lehrer, aber er hat eine grenzenlose Furcht vor Ihnen.“

Waldemar widersprach nicht dieser nur allzu richtigen Bemerkung; er erwiderte nur: „Finden Sie, daß Doctor Fabian eine Persönlichkeit ist, die Respect einflößt?“

„Das nicht, aber er scheint sehr gutmüthig und geduldig zu sein.“

Der junge Mann nahm eine verächtliche Miene an. „Mag sein! Aber das sind Eigenschaften, die gerade ich am wenigsten zu schätzen verstehe.“

„Man muß Sie wohl tyrannisiren, wenn man Ihnen Respect einflößen will?“ fragte Wanda mit einem schelmischen Aufblicke.

Waldemar zog einen Sessel heran und nahm an ihrer Seite Platz. „Es kommt darauf an, von wem die Tyrannei ausgeht. In Altenhof möchte ich sie Keinem rathen, auch meinem Onkel Witold nicht, und hier dulde ich sie auch nur von einer Seite.“

„Wer weiß!“ warf Wanda leicht hin. „Ich möchte es nicht versuchen, Sie ernstlich zu reizen.“

Er gab keine Antwort; er war augenscheinlich nur halb bei dem Gespräche und schien einen ganz anderen Gedankengang zu verfolgen.

„Fanden Sie es vorgestern nicht wunderschön auf dem Buchenholm?“ fragte er plötzlich, ohne jeden Uebergang.

Eine leichte Röthe stieg in dem Antlitze der jungen Gräfin auf, aber sie erwiderte in dem vorigen übermüthigen Tone: „Ich finde, daß der Ort etwas Unheimliches hat, trotz all seiner Schönheit, und was nun vollends Ihre Meeressagen betrifft – ich lasse sie mir sicherlich nicht zum zweiten Male bei Sonnenuntergang erzählen. Man kommt schließlich dahin, an die alten Märchen zu glauben.“

„Jawohl, man kommt dahin,“ sagte Waldemar leise. „Sie warfen es mir ja vor, daß ich die Poesie in der Sage nicht begreifen konnte – jetzt habe ich sie auch verstehen gelernt.“

Wanda schwieg. Sie kämpfte wieder mit jener Befangenheit, die sie erst seit vorgestern kannte. Schon vorhin, beim Eintritte des jungen Nordeck hatte sich dieses Gefühl ihrer bemächtigt; sie hatte versucht, es wegzulachen und wegzuspotten, und das war auch gelungen in Gegenwart der Anderen, aber sobald sie sich Beide allein befanden, kam es mit neuer Macht zurück; sie konnte den unbefangenen Ton von früher nicht wiederfinden. Dieser seltsame Abend auf dem Buchenholm! Er hatte einen eigenthümlichen Ernst in die Sache gebracht, die ja doch nur ein Scherz sein und bleiben sollte und nichts weiter.

Waldemar harrte vergebens auf eine Antwort; es schien ihn fast zu kränken, daß sie ausblieb. „Ich habe vorhin der Mutter mitgetheilt, daß ich nicht sogleich mit nach Wilicza kann,“ nahm er von Neuem das Wort. „Ich werde erst in drei oder vier Wochen nachkommen.“

„Nun, das ist ja nur eine kurze Zeit,“ meinte Wanda.

„Nur eine kurze Zeit?“ rief der junge Mann heftig. „Eine Ewigkeit ist es. Sie haben wohl gar keine Ahnung davon, was es mich kostet, hier zurückzubleiben und Sie allein reisen zu lassen?“

„Waldemar, ich bitte Sie,“ fiel Wanda mit sichtbarer Beklommenheit ein, aber er hörte nicht darauf; er fuhr mit der gleichen Heftigkeit fort:

„Ich habe Ihnen versprochen, zu warten, bis wir in Wilicza sind, aber damals hoffte ich noch, Sie zu begleiten. Jetzt liegt vielleicht ein Monat zwischen unserem Wiedersehen und so lange kann ich nicht schweigen, so lange kann ich Sie nicht fortwährend in Leo’s Nähe wissen, ohne die Ueberzeugung, daß Sie mir gehören, mir allein.“

Das Geständniß kam so plötzlich, so stürmisch, daß die junge Gräfin gar keine Zeit hatte, es abzuwehren, und es wäre dieser ausbrechenden Leidenschaft gegenüber auch umsonst gewesen. Er hatte wieder ihre Hand ergriffen und hielt sie so fest wie damals auf dem Buchenholm.

„Weichen Sie nicht so vor mir zurück, Wanda! Sie müssen es ja längst wissen, was mich allein hier festhielt; ich konnte es ja nie verbergen, und Sie haben es geduldet, haben mich nicht zurückgewiesen, da darf ich endlich doch einmal das Schweigen brechen. Ich weiß, daß ich nicht bin wie die Anderen, daß mir viel, vielleicht Alles fehlt, um Ihnen zu gefallen, aber ich kann und will es lernen. Es ist ja einzig und allein um Ihretwillen, daß ich mir diese Universitätsjahre auferlege. Was frage ich nach dem Studium, was nach dem Leben da draußen? Mich kümmert das Alles nichts, aber ich habe es gesehen, daß Sie oft vor mir zurückschrecken, daß Sie bisweilen über mich spotten, und – das sollen Sie nicht mehr. Nur die Gewißheit, daß Sie mein sind, daß ich Sie wiederfinde! Wanda, ich bin allein gewesen seit meiner Kindheit, oft recht allein. Wenn ich Ihnen roh und wild erschienen bin – Sie wissen es ja, mir hat die Mutter, mir hat die Liebe gefehlt. Ich konnte nicht so werden wie Leo, dem das Alles zu Theil ward, aber lieben kann ich, vielleicht heißer und besser als er; Sie sind das einzige Wesen, das ich je geliebt habe, und ein einziges Wort von Ihnen wiegt die ganze Vergangenheit auf. – Sage mir dieses Wort, Wanda, gieb mir wenigstens die Hoffnung, daß ich es einst von Dir hören werde, aber sage nur nicht Nein, denn das ertrage ich nicht!“

Er lag wirklich auf den Knieen vor ihr, aber die junge Gräfin dachte jetzt nicht mehr daran, sich des Triumphes zu freuen, den sie einst im kindischen Uebermuthe herbeigewünscht. Es war ihr wohl hin und wieder eine dunkle Ahnung gekommen, daß das Spiel ernsthafter werden könne, als sie gedacht, daß es sich nicht mit einem bloßen Scherze werde beendigen lassen, aber mit dem ganzen Leichtsinne ihrer sechszehn Jahre hatte sie den Gedanken von sich gewiesen. Jetzt war die Entscheidung da; sie mußte ihr Stand halten, mußte einer offenen leidenschaftlichen Werbung Stand halten, die unerbittlich ein Ja oder Nein verlangte. Freilich, bestrickend war diese Werbung nicht; sie hatte nichts Zärtliches, Schwärmerisches, wie es die Empfindungsweise eines jungen Mädchens verlangte, selbst durch das Geständniß seiner Liebe wehte etwas von jenem herben Zuge, der von dem Wesen Waldemar’s nun einmal nicht zu trennen war, aber aus jedem Worte sprach ein stürmisches, lang zurückgehaltenes Gefühl, sprach die volle Gluth der Leidenschaft; zum ersten Male sah Wanda klar, wie ernst er es mit seiner Liebe meinte, und wie mit brennendem Vorwurfe überkam sie der Gedanke: Was hast du gethan!

„Stehen Sie auf, Waldemar!“ – in ihrer Stimme bebte die verhaltene Angst. „Ich bitte Sie darum.“

„Wenn ich ein Ja von Deinen Lippen höre – sonst nicht!“

„Ich kann nicht – jetzt nicht – stehen Sie doch auf!“

Er gehorchte nicht; er lag noch auf den Knieen, als die Thür, welche in das Vorzimmer führte, unvermuthet geöffnet wurde und Leo eintrat. Einen Moment lang stand er wie angewurzelt, dann aber entfuhr ein Ausruf der Entrüstung seinen Lippen. „Also doch!“

Waldemar war aufgesprungen; seine Augen sprühten im wildesten Zorne. „Was willst Du hier?“ herrschte er den Bruder an.

Leo war blaß vor innerer Aufregung, aber der Ton der Frage jagte ihm das Blut in’s Gesicht. Mit einigen raschen Schritten stand er vor Waldemar.

[531] „Du scheinst meine Gegenwart hier überflüssig zu finden,“ sagte er mit blitzenden Augen. „Und doch könnte gerade ich Dir die beste Erklärung zu der eben stattgefundenen Scene geben.“

„Leo, Du schweigst!“ rief Wanda halb bittend, halb befehlend, aber die Eifersucht ließ den jungen Fürsten jede Rücksicht und jede Schonung vergessen.

„Ich schweige nicht,“ entgegnete er in vollster Erbitterung. „Mein Wort galt nur bis zur Entscheidung der Wette, und ich habe es ja jetzt mit eigenen Augen gesehen, wie sie entschieden ist. Wie oft habe ich Dich gebeten, das Spiel zu endigen! Du wußtest, daß es mich kränkte, daß es mich zur Verzweiflung brachte. Du triebst es dennoch bis zum Aeußersten. Soll ich jetzt vielleicht dulden, daß Waldemar im Gefühle seines vermeintlichen Triumphes mir als einem Ueberlästigen die Thür weist, mir, der Zeuge davon gewesen ist, wie Du Dich vermaßest, ihn unter allen Umständen bis zum Kniefall zu bringen? Freilich, Du hast es ja erreicht, aber er soll wenigstens die Wahrheit erfahren.“

Waldemar war schon bei dem Worte „Wette“ zusammengezuckt; jetzt stand er regungslos da. Seine Rechte faßte krampfhaft die Lehne des Sessels, während die Augen sich mit einem seltsamen Ausdrucke auf die junge Gräfin richteten.

„Was – was soll das heißen?“ fragte er mit völlig erloschener Stimme.

Wanda senkte schuldbewußt das Haupt. In ihrem Inneren kämpfte der Zorn gegen Leo mit der eigenen Beschämung, und über das Alles hinweg fluthete eine heiße Angst; sie wußte ja jetzt, daß der Schlag tödtlich traf. Auch Leo antwortete nicht; die plötzliche Veränderung in den Zügen des Bruders ließ ihn inne halten. Er begann überdies jetzt zu fühlen, in welcher unverantwortlichen Weise er Wanda preisgab und daß er keinen Schritt weiter gehen durfte.

„Was soll das heißen?“ wiederholte Waldemar, aus seiner Erstarrung auffahrend, indem er dicht vor das junge Mädchen hintrat. „Leo spricht von einer Wette, von einem Spiel, dessen Gegenstand ich gewesen bin. Antworten Sie mir, Wanda! Ich glaube Ihnen, nur Ihnen allein – sagen Sie mir, daß es eine Lüge ist –“

„Also bin ich ein Lügner in Deinen Augen,“ brauste Leo auf, aber der Bruder hörte nicht auf ihn; das Verstummen der jungen Gräfin sagte ihm genug – er bedurfte keiner Bestätigung mehr. Doch mit der Entdeckung der Wahrheit flammte auch die ganze Wildheit seiner Natur wieder auf und riß ihn jetzt, wo der Zauber gebrochen war, dem er sich so lange gebeugt, hinweg über alle Schranken.

„Ich will Antwort haben,“ brach er in gereizter Wuth aus. „Bin ich Euch wirklich nur ein Spielball gewesen, ein Zeitvertreib für Eure Launen? Habt Ihr über mich gelacht und gespottet, während ich – Sie werden mir antworten, Wanda, auf der Stelle antworten, oder –“

Er vollendete nicht, aber Blick und Ton waren so furchtbar drohend, daß Leo schützend vor Wanda trat, doch sie richtete sich jetzt auch empor. Dieser maßlose Jähzorn gab ihr die Haltung zurück.

„Ich lasse mich nicht so zur Rede stellen,“ erklärte sie und war im Begriff, sich mit ihrem ganzen Trotze zu erheben – da begegnete ihr Auge dem Waldemar’s, und sie hielt inne. Wenn in seinem Antlitz auch nur Zorn und Wuth stritten, der Blick verrieth doch die grenzenlose innere Qual des Mannes, der seine Liebe verhöhnt und verrathen sah, dem in diesem Augenblick das angebetete Ideal rettungslos vernichtet wurde. Aber die Stimme schien ihn doch zur Besinnung gebracht zu haben. Seine geballten Hände lösten sich, während die Lippen sich so fest aufeinander preßten, als müßten sie jedes Wort verschließen. Die Brust hob und senkte sich gewaltsam unter der furchtbaren Anstrengung, mit der er den Jähzorn niederzwang; er schwankte und stützte sich auf den Sessel.

„Was hast Du, Waldemar?“ fragte Leo betroffen und mit aufquellender Reue, indem er versuchte, ihm näher zu treten. „Hätte ich gewußt, daß Du die Sache so ernst nimmst, ich hätte geschwiegen.“

Waldemar richtete sich empor. Er machte nur eine stumme abwehrende Bewegung gegen den Bruder hin, dann wandte er sich ohne einen Laut weiter zum Gehen, aber jeder Blutstropfen war aus seinem Antlitz gewichen.

Doch jetzt erschien die Fürstin, von Doctor Fabian begleitet. Die immer lauter werdenden Stimmen, die bis in ihr Zimmer drangen, hatten ihr verrathen, daß etwas Ungewöhnliches im Salon vorgehe. Sie trat rasch ein, ohne im Augenblick bemerkt zu werden. Wanda stand noch da, zwischen Trotz und Angst schwankend, aber jetzt gewann letztere die Oberhand, und im Tone eines Abbitte thuenden Kindes, das ein begangenes Unrecht einsieht, rief sie den sich Entfernenden zurück:

„Waldemar!“

Er hemmte seine Schritte. „Haben Sie mir noch etwas zu sagen, Gräfin Morynska?“

Die junge Gräfin zuckte zusammen; es war das erste Mal, daß dieser Ton eiskalter, schneidender Verachtung ihr Ohr berührte, und die brennende Röthe, welche urplötzlich ihr Antlitz übergoß, zeigte, wie tief sie ihn empfand. Jetzt aber vertrat die Fürstin ihrem Sohne den Weg.

„Was ist geschehen? Wohin willst Du, Waldemar?“

„Fort!“ entgegnete er dumpf, ohne aufzublicken.

„Aber so erkläre mir doch –“

„Ich kann nicht. Laß’ mich – ich kann nicht bleiben,“ und die Mutter zurückdrängend stürmte er hinaus.

„Nun, so werde ich Euch wohl um die Erklärung dieses seltsamen Auftrittes bitten müssen,“ wandte sich die Fürstin jetzt zu den beiden Anderen. „Bleiben Sie, Herr Doctor!“ fuhr sie fort, als Doctor Fabian, der bisher ängstlich an der Thür gestanden hatte, Miene machte, seinem Zöglinge zu folgen. „Jedenfalls waltet hier ein Mißverständniß, und ich werde Sie wohl ersuchen müssen, die Aufklärung bei meinem Sohne zu übernehmen. Er macht es mir durch sein Fortstürmen ja unmöglich, dies selbst zu thun. – Was ist vorgegangen? Ich will es wissen.“

Wanda kam der Aufforderung nicht nach; sie warf sich statt dessen in das Sopha und brach in ein leidenschaftliches Weinen aus, Leo aber trat auf den Wink der Mutter mit ihr an das Fenster und theilte ihr dort leise das Vorgefallene mit. Die Miene der Fürstin ward finsterer bei jedem seiner Worte, und es kostete ihr offenbar Mühe, die ruhige Haltung zu behaupten, als sie sich endlich zu dem Doctor wandte und scheinbar gelassen sagte:

„Wie ich voraussetzte, ein Mißverständniß, nichts weiter! Eine Neckerei zwischen meiner Nichte und meinem jüngsten Sohne hat Waldemar Anlaß gegeben, sich beleidigt zu fühlen. Ich bitte Sie, ihm zu sagen, daß ich das aufrichtig bedauere, aber auch von ihm erwarte, er werde der Thorheit der beiden übermüthigen Kinder,“ sie betonte die Worte scharf, „nicht mehr Wichtigkeit beilegen, als sie verdient.“

„Es wäre wohl das Beste, wenn ich jetzt meinen Zögling aufsuchte,“ wagte Fabian zu bemerken.

„Gewiß – thun Sie das!“ stimmte die Dame bei, der sehr daran lag, den ebenso unschuldigen wie unwillkommenen Zeugen der Familienscene zu entfernen. „Auf Wiedersehen, Herr Doctor! Ich rechne bestimmt auf Ihre baldige Rückkehr in Begleitung Waldemar’s.“

Sie sprach die letzten Worte sehr gnädig und nahm die Abschiedsverbeugung des Erziehers mit einem Lächeln entgegen, als sich aber die Thür hinter ihm geschlossen hatte, trat die Fürstin mit einer heftigen Bewegung zwischen Wanda und Leo, und ihr Antlitz verkündete einen Sturm, wie er nur selten bei der gestrengen Mutter und Tante heraufzog. –

Doctor Fabian hatte inzwischen von Pawlick erfahren, daß der junge Herr Nordeck sich auf sein Pferd geworfen habe und fortgeritten sei. Es blieb dem Doctor nichts übrig, als gleichfalls nach Altenhof zu fahren, was er auch schleunigst that, aber bei seiner Ankunft dort erfuhr er, daß Waldemar noch nicht eingetroffen sei. Der Erzieher konnte nicht umhin, sich über dieses Ausbleiben zu beunruhigen, das ihm unter anderen Umständen gar nicht aufgefallen wäre. Der Schluß der erregten Scene, die er mit angesehen, ließ ihn in seinen Vermuthungen der Wahrheit einigermaßen nahe kommen. Die Fürstin hatte freilich nur von einem Mißverständnisse gesprochen, von einer Neckerei, die ihr Sohn übel genommen habe, aber das wilde Fortstürmen desselben, seine schneidende Antwort auf den bittenden Ruf der jungen Gräfin – und vor Allem der Ausdruck seines Gesichtes zeigte, daß es sich hier um ganz Anderes handelte. Es mußte etwas Ernstes vorgefallen sein, daß Waldemar, der [532] eben noch geduldig, mit Verleugnung seines ganzen Charakters, sich jeder Laune Wanda’s beugte, ihr und den Ihrigen in so furchtbarer Erregung den Rücken kehrte, daß er das Haus der Mutter in einer Weise verließ, die auf Nimmerwiederkehr deutete. Aber auch hier in Altenhof verfloß der ganze Nachmittag, ohne daß Waldemar sich zeigte. Doctor Fabian harrte vergebens; er war froh, daß Herr Witold die Abwesenheit seiner beiden Hausgenossen benutzt hatte, um nach der nahegelegenen Stadt zu fahren, von wo er erst gegen Abend zurückerwartet wurde – so entging man wenigstens für’s Erste seinen unvermeidlichen Fragen.

Stunde um Stunde verging; der Abend brach herein, aber weder der Inspector, der in der Försterei gewesen war, noch die Leute, die vom Felde heimkamen, hatten den jungen Herrn gesehen. Jetzt trieb die Angst den Doctor zum Hause hinaus; er ging eine Strecke den Fahrweg hinauf, der nach dem Gute führte und den jeder Ankommende passiren mußte. In einiger Entfernung zog sich ein sehr breiter und tiefer Graben hin, der meistens voll Wasser stand, aber die Hitze dieses Sommers hatte ihn völlig ausgetrocknet, und die mächtigen Feldsteine, mit denen der Grund förmlich gepflastert war, lagen offen da. Von der Brücke, die hinüber führte, hatte man einen weiten Umblick auf die Felder ringsum. Noch war es völlig hell im Freien, nur der Wald fing schon an, sich in Dämmerung zu hüllen. Rathlos stand Doctor Fabian auf der Brücke und überlegte eben, ob er weitergehen oder umkehren solle – da endlich erschien in der Ferne die Gestalt eines Reiters, der im Galopp näher kam. Der Doctor athmete auf; er wußte selbst nicht recht, was er eigentlich gefürchtet hatte, aber die Befürchtung war ja grundlos gewesen, und voll Freude darüber eilte er am Graben entlang dem Ankommenden entgegen.

„Gott sei Dank, daß Sie da sind, Waldemar!“ rief er. „Ich habe mich so sehr Ihretwegen geängstigt.“

Waldemar parirte sein Pferd beim Anblick seines Lehrers. „Weshalb?“ fragte er kalt. „Bin ich ein Kind, das man nicht aus den Augen lassen darf?“

Es war trotz der erzwungenen Ruhe ein fremder Klang in seiner Stimme, der die kaum beschwichtigten Besorgnisse des Doctors wieder aufwachen ließ. Er sah erst jetzt, daß das Roß bis zum Tode erschöpft schien; es war über und über mit Schweiß bedeckt; aus seinen Nüstern floß der Schaum nieder, und die Brust hob sich keuchend. Das Thier war augenscheinlich ruhelos umhergejagt worden, nur der Reiter zeigte keine Spur von Ermüdung; er saß fest im Sattel, hatte mit eisernem Griff die Zügel gefaßt und machte jetzt, statt seitwärts nach der Brücke zu lenken, Miene, über den Graben zu setzen.

„Um Gotteswillen!“ wehrte Fabian ab. „Sie werden doch nicht eine solche Tollkühnheit begehen – Sie wissen ja, Normann nimmt den Graben nie.“

„So nimmt er ihn heute,“ erklärte Waldemar, seinem Roß die Sporen in die Seite setzend; es stieg hoch empor, aber es scheute zurück vor dem Hinderniß und mochte auch wohl fühlen, daß die erschöpften Kräfte ihm den Dienst versagen würden.

„Aber so hören Sie doch!“ flehte der Doctor, indem er trotz seiner Furcht vor dem bäumenden, schlagenden Thiere nahe herantrat. „Sie verlangen Unmögliches; der Sprung mißlingt, und Sie zerschmettern sich im Sturze den Kopf an den Steinen da unten.“

Statt aller Antwort trieb Waldemar seinen Normann von Neuem an. „Gehen Sie mir aus dem Wege!“ stieß er hervor. „Ich will nun einmal hinüber – aus dem Wege, sage ich.“

Der wilde, qualvoll gepreßte Ton zeigte dem Doctor, wie es in diesem Augenblick um seinen Zögling stand und daß er nicht viel darnach fragte, ob er sich wirklich da unten auf den Steinen zerschmetterte. In seiner Todesangst vor dem Unglück, das er unvermeidlich herankommen sah, wagte es der sonst so furchtsame Mann, in die Zügel zu greifen, und wollte seine Vorstellungen fortsetzen. In demselben Moment aber sauste ein furchtbarer Hieb der Reitpeitsche auf das widerspänstige Roß nieder; es bäumte sich in die Höhe und schlug wild mit den Vorderfüßen in die Luft, aber es versagte den Sprung. Zugleich schlug ein schwacher Schrei an das Ohr des Reiters; er stutzte, hielt inne und riß dann blitzschnell das Thier zurück – es war zu spät. Doctor Fabian lag bereits am Boden, und als Waldemar in der nächsten Secunde vom Pferde sprang, sah er seinen Lehrer blutend, ohne Lebenszeichen vor sich liegen.

(Fortsetzung folgt.)




Ein Classiker der Gegenwart.


Auf den deutschen Bühnen haben sich seit dreißig Jahren wenige Dramen so eingebürgert wie „Zopf und Schwert“, „Das Urbild des Tartüffe“, „Uriel Acosta“ und „Der Königslieutenant“; auch „Werner oder Herz und Welt“ und „Ein weißes Blatt“ üben fort und fort eine seltene Anziehungskraft. Der Dichter, der es so meisterhaft verstanden, die Sympathie unseres Volkes dauernd zu gewinnen, ist zwar den Lesern der „Gartenlaube“ im Jahre 1854 schon einmal vorgeführt worden. Indeß hat sich seitdem der Kreis der Leser dieses Blattes so sehr erweitert, daß eine abermalige Vorstellung dieses Helden der alten Garde, dieses „Ritters vom Geiste“, der vom Zahn der Zeit zwar berührt, aber in seinem Wesen nicht verändert worden ist, berechtigt und willkommen erscheinen muß.

Die Bedeutung Gutzkow’s in der deutschen Literatur und für das deutsche Volk ist durch den politischen Aufschwung unserer Nation nur gestiegen. In seinen zahlreichen Schriften hat er eine Vielseitigkeit des Wissens in der schönsten und anregendsten Form niedergelegt, wie kaum ein anderer unserer neueren Schriftsteller. Ueber Natur und Geschichte, Wissenschaft und Kunst, Volksleben und Politik, Philosophie und Religion, die kirchlichen und politischen Parteifragen, die Entwickelung der einheimischen und ausländischen Literatur, die hervorragenden Persönlichkeiten und die maßgebenden Einflüsse, kurz, über Alles, was unser höheres Leben in der Gegenwart bedingt und hebt, findet sich bei Gutzkow die reichste Fülle von Aufschlüssen. Er ist einer der vorzüglichsten Rathgeber für Alle, die den Pulsschlag unserer Zeit zu vernehmen wünschen und für einen gesunden Blutumlauf im Organismus unseres Volkes zu sorgen bemüht sind.[1]

Gutzkow hat sich vorzüglich an den Altmeister Goethe angeschlossen. Er suchte für unsere Zeit das zu werden, was

[533]
Die Gartenlaube (1876) b 533.jpg

Karl Gutzkow.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Goethe für die seinige war. Wie dieser hat er es verschmäht, Modethorheiten und Manierirtheiten zu huldigen, um desto klarer in dem Gange der Zeitereignisse die Offenbarung eines höheren Gesetzes nachzuweisen. Die Wirklichkeit der Dinge und des Lebens hat er stets mit scharf prüfendem Blicke erforscht, aber darin Ideen aufzudecken gewußt, die dem Denkenden eine Welt voll geistiger Genüsse aufschließen. Der Materie gesteht er ihre volle Berechtigung zu, nur nicht die Herrschaft über den Geist. Den Kampf der Gegensätze, welcher unser wissenschaftliches, religiöses und politisches Leben durchzieht, in einer aufrichtigen Verständigung zu lösen und die sittliche Thatkraft durch Klärung des Bewußtseins zu heben, ist eine Haupttendenz, die ihn zu einem würdigen Nachfolger Goethe’s erhebt. Er suchte Lebensadern, Culturzwecke. [534] Gutzkow ist ein Meister des Stiles. Leichtigkeit, Verständlichkeit und edle Gewandung weiß er mit einem Gedankenreichthume zu verbinden, der die Lectüre seiner Schriften ebenso anziehend wie bildend macht. Vorzüglich zeichnen sich seine Dramen durch classische Form der Darstellung aus. Da, wo es ihm galt, nicht blos für ein lesendes, sondern auch für ein hörendes Publicum zu schreiben, hat er einen Rhythmus, einen Wohlklang, eine Geschmeidigkeit in der Sprache entwickelt, daß das Ohr nicht geringeren Genuß davon hat, als der Geist und das Gemüth. Daher eignen sich Gutzkow’s Dramen ganz vorzüglich zum Vorlesen im Kreise der Familie.

Was aber Gutzkow noch mehr als seine Vielseitigkeit, seine Geistesrichtung und sein Stil zu einem deutschen Classiker der Gegenwart erhebt, ist sein sittlicher Charakter; denn erst durch diesen erhalten jene Vorzüge ihren vollen Werth.

Gutzkow hat ein an bitteren Erfahrungen sehr reiches Leben hinter sich. Er gehört zu den geprüftesten, aber auch bewährtesten Schriftstellern unserer Zeit. Wer es nicht glaubt, daß auch unsere Civilisation ihre besten Kinder kreuzige, der vergegenwärtige sich Gutzkow’s Lebensgang! Er selbst hat uns die anziehendsten und lehrreichsten Mittheilungen gemacht, sowohl über die Bildung seines Talents, die ihm im elterlichen Hause und den Schulen Berlins zu Theil wurde, wie über die ununterbrochene Reihe von Kämpfen, Fatalitäten und Sorgen welche ihm seine schriftstellerische Laufbahn bereitete. Der Theil des Weltstromes, der ihn auf seinem Rücken getragen, war voller Felsblöcke und Katarakten, sodaß er bald unsanft niedergeworfen, bald bis zum Ertrinken untergetaucht wurde.

Unter seinem Zeitgenossen hat ihm geistig keiner näher gestanden als Ludwig Börne. Persönlich hat er ihn nicht gekannt, aber seine Sympathie für ihn war so innig, daß er, als Heine sich erlaubt hatte, diesen edlen Charakter, den er gar nicht zu würdigen verstand, in den Staub zu treten, zu seiner Rettung mit einer Biographie auf den Kampfplatz trat, in welcher er zugleich den Unmuth seines eigenen Herzens über die Mißgunst, mit der jeder selbstständige Charakter zu kämpfen habe, ausschüttete.

Unsere Civilisation hat die menschlichen Verhältnisse so nivellirt, daß es für die Meisten weder besonderer Begabung noch größerer Kraftanstrengung bedarf, um zu Würden und Ehren zu gelangen und, wie man sagt, sein Glück zu machen. Gutzkow und Börne haben die Behaglichkeit, mit der die meisten Glückskinder auf ihren Lebenslauf zurückblicken, öfters in das grelle Licht ihrer geistvollen Ironie gestellt. „Nichts leichter,“ sagt der Erstere, „als von achtbaren Eltern geboren werden, einen guten Schulunterricht genießen, mit guten Zeugnissen die Hochschule beziehen, mit Anmaßung sie verlassen, im schwarzen Frack die Runde bei den Staatsmännern machen, die ein Amt zu vergeben haben, es glücklich erhalten, den Eid der Treue schwören, wirklich treu sein, treu dem Fürsten, treu den Grundsätzen unserer Vorgesetzten, treu dem Geiste, in welchem der Gehalt vierteljährlich aus der Staatscasse ausgezahlt wird, fünfzig Jahre in diesem Geiste verharren, steigen bis zum wirklichen Geheimen Rath und mit Orden bedeckt, von Kindern und Enkeln umringt, ein ehrlich erworbenes kleines Vermögen hinterlassend, endlich das Zeitliche segnen. Daß unsere Civilisation die große Masse unserer Zeitgenossen dahin gebracht hat, einen solchen Lebenslauf für den weisesten und glücklichsten zu halten, sollte doch die Denkenden zu der Einsicht bringen, daß in ihr nicht alles Bildung ist, was sich so nennt.

Wenn kein Genius unter uns mehr aufkommen könnte, der, auf den behaglichen Genuß der conventionellen Würden und Ehren verzichtend, seinen eigenen Weg geht, der es wagt, die Kehrseite dieser Zustände aufzudecken und die Geister zur Selbstbesinnung aufzurütteln, was könnte dann anders eintreten, als eine Stagnation, die die Lebenswurzeln in Fäulniß versetzt! Wahrhaftig menschlich leben heißt noch mehr als guter Vater, glücklicher Gatte, treuer Staatsdiener sein. Menschlich leben heißt ein Engel sein, der vom Himmel kommt, sich in die Welt verfliegt, irrend, nicht wissend, wo er ein Thor findet, um in seine Heimath zurückzukehren. Es heißt vor Allem unglücklich sein, verkannt werden, in seinem heiligsten Glauben mißverstanden, in seinen Hoffnungen von einer schadenfrohen Wirklichkeit verspottet werden, geäfft vom Echo unserer Ohnmacht, wenn wir stolze und erhabene Wünsche mit donnernder Stimme in die Welt hinausgerufen haben, betrogen vom Nächsten und Entferntesten, verfolgt vom Feinde, und noch mehr, sogar belächelt und bemitleidet vom Freunde, der uns nicht versteht.“

Das ist der Charakter von Gutzkow’s Lebenslauf. Er hat sich nicht mit zusammengedrückten Schultern, gebogenem Rücken, gesenktem Kopfe durch alles hindurch gezwängt, was das Leben an guter Ordnung, friedlicher Sicherheit und Netto-Ertrag darbietet, sondern er hat gerade die Widersprüche unseres Daseins aufgesucht, um sie zu versöhnen, und ist dadurch oft zwischen die Räder einer Bewegung gekommen, die er zum Wohle des Ganzen hemmen wollte.

Die große, edle, preiswürdige Aufgabe, welche sich Gutzkow gestellt und mit charaktervollster Ausdauer durch seine Dichtungen, Kritiken, historischen Schriften und seine gesammte Wirksamkeit zu verwirklichen gestrebt hat, ist die Verbreitung wahrer Bildung, wahrer Humanität. Seinen Beruf zur Lösung dieser ebenso schwierigen wie großen Aufgabe erkennen wir aus dem Begriffe, mit dem er das Wesen der Bildung beschreibt. Sie ist ihm weder ein Wissen noch ein Können, sondern der Glanz einer höheren Weihe, die den ganzen Menschen umgiebt. „Bildung heißt, sich zu jedem Menschen so stellen, daß das Aneinanderklingen seines und unseres Wesens Wohllaut giebt.“ Bildung ist nicht möglich ohne Sinn für Poesie. Ein Volk, das seine Dichter nicht mehr achtet, weil es sie und das Wesen der Dichtkunst nicht mehr versteht, hört nothwendig auf, ein gebildetes zu sein. Seine Civilisation ist ein eitler Schein. Denn die Poesie ist es, welche die Harmonie in’s Leben bringt, welche die Gegensätze versöhnt und die Materie den Wirkungen des Geistes zugänglich macht.

Es geschieht daher weniger um Gutzkow’s, als um unsertwillen, wenn wir den Werth dieses Mannes schildern.

„Es soll der Dichter mit dem Könige gehen, denn Beide wohnen auf der Menschheit Höhen.“ An Gutzkow wird sich der erste Theil dieses Spruches nicht wie an Schiller und Goethe erfüllen, denn er hat nie die Gunst der Mächtigen gesucht und hat zu einem Hofmanne keine Anlage. Aber ein treuer Freund seines Vaterlandes, ein weiser Berather seines Volkes, ein tiefer Kenner der deutschen Geschichte, ein geniales Werkzeug des deutschen Geistes, ein ausgezeichneter Bildner deutscher Gesinnung ist er von Anfang an gewesen und wird es bis an sein Ende bleiben. Die landläufige Phrase, daß die Geistlichkeit die sicherste Stütze der Throne sei, hat sich gerade in den letzten Jahren wieder so sehr in ihrer Hohlheit gezeigt, daß der abermals bemerklich werdende Zug dieser schwarzen Vögel nach weltlicher Macht und staatlichem Einfluß die Staatslenker zur größten Wachsamkeit ermahnt. Fest stehen die Throne nur, wenn das Vertrauen und die Liebe der Völker sie trägt. Vertrauen und Liebe lassen sich aber nicht erzwingen durch kirchliche Disciplin, sondern nur erwecken durch den Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit, der Fürsten und Völker durchdringt. Wer aber bringt diese in die Staaten? Es sind die Dichter, die, im Volke stehend, des Volkes heiligste Sehnsucht zu deuten und dem Volke ein lebendiges Bewußtsein von sich selbst zu geben wissen. Je größer der Einfluß der nationalen Dichtkunst auf des Volkes Bildung und geistiges Leben ist, desto fester stehen auch seine gesetzlichen Ordnungen; je unabhängiger von den wechselnden Strömungen der Dienst der Musen geübt wird, desto sicherer bewahrt der gemeinsame Lebensstrom sein ihm angewiesenes Bett. Nichts schützt den Geist des Volkes mehr vor den Ausschreitungen der Parteileidenschaft, als die Liebe zur Poesie, und lieben läßt sich nur die Poesie, die aus der Freiheit geboren ist und weder um die Gunst der Fürsten noch der Massen buhlt. Eine solche ist zugleich in ihrem innersten Wesen immer religiös, selbst wenn sie von kirchlichen Formen noch so wenig an sich trägt, und darum der Friedensengel, der Staat, Kirche und Gesellschaft in lebensfroher Harmonie erhält.

In seinen Dramen und Romanen hat uns Gutzkow solche Poesie in reicher, schöner Fülle gegeben.

Der edelste Patriotismus redet in Gutzkow’s Werken, ein Patriotismus, der nur das Gesammtwohl des Vaterlandes im Auge hat und keinerlei Partei-Egoismus huldigt. Auch seine prosaischen Schriften wirken in diesem Geiste, vor Allem sein großer classischer Roman „Die Ritter vom Geiste“. Patriotischer [535] kann diese so beliebte Dichtungsform nicht verwendet werden, als es hier geschehen, um dem durch die Mißerfolge von 1848 und 1849 so tief gesunkenen Selbstvertrauen des deutschen Volkes neuen Aufschwung zu geben. Gutzkow rollt in dem „Nebeneinander“ dieses Romans ein Bild vor dem deutschen Volke auf, welches, wo es mit Ernst betrachtet wird, in dem stillen Kreise der Familien die Hoffnung auf endliches Gelingen der nationalen Wünsche und Bestrebungen nicht untergehen lassen kann.

Daß zur dauernden Herstellung der Freiheit, wie sie unser deutsches Volk zur Erfüllung seiner politischen und culturgeschichtlichen Mission bedarf, auch die Befreiung seines religiösen Denkens und Lebens von aller Menschenknechtschaft, einheimischer wie ausländischer, unentbehrlich ist, ist eine Grundüberzeugung, die seit Lessing kein deutscher Dichter gewaltiger und eindringlicher verkündigt hat als Gutzkow. Obschon er dem amtlichen Kirchendienste entsagen mußte, weil es ihm unmöglich war, das Licht seines Genius unter den Scheffel kirchlicher Satzungen zu stellen, ist ihm doch die religiöse Bildung des deutschen Volkes nie gleichgültig gewesen. Er hat unablässig mit gekämpft, aber auch mit geduldet, um den deutschen Geist von einer Bevormundung zu befreien, die ihm schon so viel Verderben gebracht hat. Die Vielseitigkeit seiner Bildung, die reiche Lebenserfahrung, die tiefe Menschenkenntniß und die mannigfachen Drangsalirungen, mit welchen ihn die orthodox-pietistische Reactionspartei bedacht hat, haben dichterische Schöpfungen in ihm zur Reife gebracht, welche in unserer Literatur einzig dastehen.

In den „Denksprüchen vom Baum der Erkenntniß“ hat Gutzkow seinen religiösen Standpunkt klargelegt. Es ist in Betreff des Streites zwischen Wissenschaft und Glauben der Standpunkt aufrichtigster Versöhnung. Zwischen wahrem Glauben und wahrer Wissenschaft kennt Gutzkow keinen principiellen Widerspruch. Die Naturwissenschaft kann die Religion nicht zerstören, da die Natur selbst göttlich ist. Es bedarf nur des Eindringens in ihr Heiligthum. Die Ursache des Kampfes zwischen Wissenschaft und Glauben liegt vorzüglich in dem Hochmuth der „Gläubigen“. Deshalb giebt Gutzkow die goldene Regel: „Suche dich auszuzeichnen und hervorzutreten mit allen Regungen und Schwingungen deiner Seele, nicht nur mit denen, die dich gen Himmel tragen sollen!“

Es giebt in der gesammten Literatur kein Drama, welches so geistvoll, so erheiternd und zugleich mit solcher durchschlagenden Schärfe dem Publicum die sittliche Verwerflichkeit und politische Gefährlichkeit des politisirenden Pietismus vor die Augen stellte, wie das im Sommer 1844 geschriebene Lustspiel: „Das Urbild des Tartüffe“. Die Zustände, welche damals in Deutschland und Oesterreich sich unter dem Einfluß des Pietismus und Jesuitismus zur Reife entwickelten, der Druck, den sie auf Wissenschaft, Kunst und das gesammte Volksleben übten, riefen den Dichter auf den Kampfplatz, und obschon mannigfach chicanirt, hat er doch gewaltige Triumphe damit errungen. Wem sollten auch nicht die Augen aufgehen über den unsittlichen Charakter einer auf Schleichwegen die Herrschaft in Staat und Kirche suchenden Frömmigkeit, wenn er den Präsidenten La Roquette, die so meisterhaft durchgeführte Titelrolle, seinen solchen Einflüssen so leicht zugänglichen König Ludwig den Vierzehnten von allen Seiten bearbeiten sieht, bis er hoffen kann, die Freiheit der Dichtkunst vernichten zu dürfen? Am Schluß des Stückes sagt König Ludwig der Vierzehnte: „La Roquette, das also sind die Frommen, die Frankreich und mich beherrschen wollten? Sie, das Urbild des Tartüffe, suchen Sie nie wieder die Nähe eines Fürsten auf, der für immer vom Ruder des Staates den Heuchler verbannt“, und wenn der Vorhang fällt, ruft der entlarvte, gestürzte, aber nicht gebesserte Heuchler aus: „Verjagen kann man uns wie die Wölfe, aber wie die Füchse kommen wir wieder. … Ich trete in den Orden der Jesuiten.“ Welcher Deutsche sollte sich angesichts solchen Intriguenspiels des Pietismus nicht zu dem Entschlusse erheben, demselben mit allen gesetzlichen und moralischen Mitteln entgegenzuwirken?

Zwei Jahre später folgte das Trauerspiel „Uriel Acosta“. Es wurde 1846 bei einem Frühlingsaufenthalte in Paris gedichtet. An einem Beispiele aus der Synagoge zeigt es den christlichen Völkern, daß nur unter dem Sonnenscheine der freien Wissenschaft und am frischen Quell persönlicher Ueberzeugung wahre Sittlichkeit und echte Menschenbildung gedeihe, während jedes hierarchische System sowohl das Glück der Einzelnen wie der Familien und Gemeinden zerstöre. Das Stück wurde schnell verbreitet und bald in die meisten Sprachen Europas übersetzt. Es erwies sich als ein Witterungsbarometer für die öffentlichen Zustände. Nahm die kirchliche Reaction zu, so mußten die Bühnen ihm verschlossen werden; trat ein Systemwechsel ein, so durfte man „Uriel Acosta“ wieder aufführen. Das österreichische Concordat hatte ihm lange das Wiener Burgtheater verschlossen, während die Theater in den Provinzen sich es nicht nehmen ließen. Es ist ein Zugstück von der ergreifendsten Wirkung. Es hat Scenen, die kein Herz ungerührt oder unerschüttert lassen. Wenn man auch dem Helden des Stückes einen andern Ausgang wünschen möchte als den durch Selbstmord, so ist doch der Eindruck, welchen diese Darstellung orthodoxer Gewissenstyrannei hinterläßt, so überwältigend, daß es wohl begreiflich ist, warum christliche Hierarchen das Stück für gefährlich erklären.

Aber Gutzkow hat es bei solchen Gemüthserschütterungen, wie sie die Bühne hervorzubringen vermag, nicht bewenden lassen, um dem Geiste der Wahrheit und der Freiheit Bahn zu brechen. Durch die detaillirten Lebensschilderungen, welche er in seinen größeren Romanen mit ebenso großer Treue wie Kunst dem deutschen Publicum zu stillerer Betrachtung vorlegte, suchte er zu einem immer ernsteren Nachdenken nicht blos über die politischen und socialen, sondern auch über die religiösen Aufgaben unseres Volkes anzuregen, und nicht blos negativ und oppositionell gegen das kirchlich-politische Reactionssystem zu wirken, sondern vielmehr zu einer positiven Erneuerung des religiösen und kirchlichen Lebens aufzurufen. Wenn auch Romane nie ausreichen werden, diese große Aufgabe zu lösen, so kann es doch keine preiswürdigere Verwendung dieser so viel nur zum werthlosesten Zeitvertreibe mißbrauchten Dichtungsform geben, als wenn solche ideale Zwecke mit ihr verbunden werden. Der Kunst wird überhaupt kein Eintrag gethan wenn sie idealen Zwecken dient; die Dichtkunst aber sinkt ohne sie zur Unnatur herab.

Schon in den „Rittern vom Geist“ hat Gutzkow auf die Nothwendigkeit der Vereinfachung und Verinnerlichung der Religion hingewiesen. Noch ausführlicher und eindringlicher hat er dieses gethan in dem „Zauberer von Rom“, der im Jahre 1858 jenem mit außerordentlichem Beifalle aufgenommenen Romane nachfolgte. Sicher würde der uns nun seit einigen Jahren in fortwährender Aufregung erhaltende sogenannte Culturkampf zum Siege der wahren Cultur ausschlagen, wenn die große Idee von einer brüderlichen Vereinigung der Protestanten und Katholiken innerhalb des deutschen Reiches in den Gemüthern Raum gewänne und wenn die christlichen Priester zu der Einsicht kämen, daß ohne innere Religiosität und aufrichtige Ueberzeugung von der christlichen Wahrheit eine segensreiche Wirksamkeit für die Kirche unmöglich ist.

Auch die andern Romane, der Erziehungsroman „Die Söhne Pestalozzi’s“ und die culturgeschichtlichen Romane „Hohenschwangau“ und „Fritz Ellrodt“ haben durch die historische Grundlage, auf der sie ruhen, einen reichen Bildungsstoff für den Geist.

Durch die „Schiller-Stiftung“, welche vorzüglich Gutzkow in’s Leben gerufen, hat er sich ein bleibendes Verdienst um alle deutschen Schriftsteller erworben, die würdig sind, in ihren alten Tagen in ein nationales Prytaneum aufgenommen zu werden. Auch Gutzkow zählt zu ihren Pensionären. Die mäßige Unterstützung, welche diese Stiftung darreicht, würde ihn jedoch den drückenden Sorgen nicht überheben, wenn nicht das literarische Eigenthumsgesetz des Reichstages und die hochherzige rückwirkende Deutung, die demselben einige Bühnenvorstände gegeben haben, mitwirkten, daß seine verdienstvollen Arbeiten ihm auch fort und fort ihre Früchte tragen.

„Dem Verdienste seine Kronen!“ Möge dieser Wunsch Schiller’s auch an dem Schöpfer der Schiller-Stiftung in vollem Maße in Erfüllung gehen!


[536]
Ein Besuch bei George Sand.
Von Gottlieb Ritter.
(Schluß.)


„Mit den dramatischen Charaden begannen wir unsere langen Winterabende zu tödten,“ fuhr George Sand in ihrer Erzählung fort. „Dann kamen die Pantomimen, die Chopin bei uns einführte. Er improvisirte am Piano, während unsere jungen Leute auf der Bühne seine Inspirationen in Mimik umsetzten und komische Ballete dazu tanzten. Jetzt agiren unsere Marionetten, die mein Sohn zeichnet, malt und spielen läßt, während ich und meine Tochter für die Costüms sorgen.“

Maurice Sand ist ein talentvoller Maler, der sich auch als Schriftsteller einen guten Namen gemacht hat. Er schrieb mehrere Romane, einige naturwissenschaftliche Werke und ein sehr dankenswerthes Buch über die Commedia dell’ arte, das er selbst reizend illustrirte. Sein Atelier befindet sich im Schlosse neben demjenigen seines Schwagers Clesinger, der ein geschätzter Bildhauer ist.

„Mein Maurice,“ sagte mir George Sand, „gleicht ganz seiner Mutter. Er hat ein heftiges und empfindliches Herz, das immer in Flammen stehen muß, wenn es nicht zu Grunde gehen soll. Er theilt auch meine Theaterliebhaberei. In Paris besaß ich noch vor Kurzem ein Absteigequartier, wo ich oft wochenlang blieb. Jeden Abend besuchten wir irgend eine Schaustellung, doch zog ich immer die naivsten Stücke, die Pantomimen, die Feerien dem gediegensten Drama vor. Nicht selten besuchte ich die Folies-Bergère.“

Ich machte ein erstauntes Gesicht bei Nennung dieser zweideutigen Singspielhalle; sie bemerkte es, aber fuhr unbekümmert fort:

„In einer Loge wohl versteckt und hinter einem Vorhange, der mich den Blicken der Zuschauer ganz entzog, unterhielt ich mich köstlich an jenen Tänzen und Spielen, wo volksthümliche Komik herrscht und Maulschellen und Fußtritte für den Knalleffect sorgen. Gott hat mir eben die Wohlthat kindlicher Freude gelassen: ich bewundere, lache, wundere mich und lebe das Leben Anderer mit, wie die Kinder es zu thun pflegen. Das Wort Langeweile existirt nicht für mich.“

Uebrigens mangelte der berühmten Frau, trotz dieser ausgesprochenen Vorliebe, jedes intensivere Talent für das Theater, obschon sie eine große Anzahl von Stücken geschrieben und mit zwei oder drei davon nachhaltige Erfolge errungen hat. Ihr Talent war für die Novelle so viel, für das Drama so wenig wie möglich geeignet. Getreu ihrem Vorbilde Rousseau, diesem Apostel des Gefühls, glänzte sie durch ihr beschreibendes Kunstvermögen, aber das Theater verlangt Handlung und Charakter und weiß mit der bloßen Inscenesetzung von Gefühlen blutwenig auszurichten. Dazu kommt noch, daß die Mehrzahl ihrer Schauspiele dramatisirte oder besser gesagt: dialogisirte Romane oder Novellen sind und ihren Ursprung nur zu sehr verrathen.

„Weil ich mein Lebtag herzlich wenig von der Dramenmache begriffen habe,“ gestand sie mir, „so verband ich mich bei der Theatralisirung meiner Schriften nicht ungern mit einem Mitarbeiter. Paul Maurice z. B. hat einige Stücke mit mir unterzeichnet. Weniger bekannt dürfte sein, daß Alexander Dumas Fils mir bei meinem erfolgreichsten Stück, dem ‚Marquis de Villemar‘, geholfen hat. Ohne seine Mitarbeiterschaft wäre mir der Wurf wohl schwerlich gelungen. Energie im Führen der Handlung und Schlagfertigkeit im Dialag, die sich in diesem Stücke finden, sind nicht meine Tugenden.“

Welche übergewaltige Anziehungskraft muß das Theater auf den modernen Schriftsteller ausüben, wenn sogar ein solches Talent, das sich über seine Grenzen keiner Täuschung hingiebt und auf anderem Gebiete die größten literarischen Erfolge der Neuzeit errungen hat, sich doch immer und immer wieder der verlockenden Bretterwelt zuwendet! George Sand machte mir das Geständniß, daß sie zur Zeit außer an angefangenen Romanen an zwei großen Dramen arbeite. Dies Alles ist unvollendet geblieben, weil ihr der Tod die Feder aus der Hand nahm.

Als wir unter solchen Gesprächen durch den Park gingen und den Küchengarten streiften, zeigte sie mir einem kleinen mit Tannen bewachsenen Hügel, deren Aeste bis über die Gartenmauer hinausreichen und ein Familiengrab beschatten. Es ist der Gemeindekirchhof, und die Eltern und zwei Enkelinnen der Dichterin ruhen dort.

„Dort drüben werde auch ich einmal schlafen,“ sagte sie mir. „Vielleicht bald; vielleicht läßt mich der Himmel noch ein wenig den Meinigen, denen ich nützlich sein kann. Auch möchte ich vorher noch so Vieles vollenden. Nicht daß ich so thöricht wäre, mich vor dem Tode zu fürchten, aber ich bin trotz meines hohen Alters frisch und rüstig genug, um noch ein Weilchen bei meiner Familie, meinen Dorfgenossen, meinen Blumen und meinen Vögeln zu bleiben.“

Arme George Sand!

Ja, die arbeitsame Frau, die erst im Tode ausruhen sollte, und doch Zeit und Stimmung fand, mit Blumen und Vögeln wie ein Kind zu spielen, schied ungern von dieser Welt, wo sie so viel Liebes zurückließ. Schon die Vögel! Durch ihre Mutter Enkelin eines Vogelhändlers, bestand ein geheimer Zauber zwischen ihr und der gefiederten Welt. Wie Goethe’s Lili oder die Heldin in ihrem „Teverino“, besaß sie die magische Kraft, die kleinen Sänger anzulocken und zu sich zu rufen; dann kamen sie von allen Seiten herbei und setzten sich vertraulich auf ihren Kopf, ihre Schultern oder ihre ausgestreckte Hand. Sie selbst hat es in der „Geschichte meines Lebens“ erzählt; man lese dort nur über Jonquille und Agathe, ihre angebeteten Hänflinge! –

Der Abend vereinigte die bleibenden und vorübergehenden Bewohner des Schlosses von Nohant, wie gewöhnlich, beim Diner. Eine Viertelstunde genügte der Poetin zur Toilette, welche einfach und dunkel, aber immer sorgfältig war. Dann begab sich die Gesellschaft in den Salon, der so echt bürgerlich aussieht. Einige Portraits großer Zeitgenossen zieren die Wände. Stühle, Tischchen und Fauleuils überall; ein Flügel und ein Pianino, worüber eine Pendüle aus der Rococo-Zeit; gegenüber das Kamin mit riesenhaftem Schirm davor und Lampen und Vasen auf dem Bord. Das sah Alles so gemüthlich, so heimlich aus. Nun gruppirte sich die Gesellschaft um den großen Tisch; George Sand und ihre Tochter und Schwiegertochter strickten, stickten und nähten, und während die Unterhaltung sich bald mit größerer, bald mit geringerer Lebhaftigkeit über alle möglichen Gegenstände verbreitete, nahmen die Damen des Hauses lebhaften Antheil an dem Salongeplauder. Sogar George Sand ergriff mehrmals das Wort, obwohl sie mehr zum Sprechen aufmunterte, als selber sprach. Ihre Einwürfe waren meist kurz, fast epigrammatisch klar und scharf und trafen immer den Kern der Sache; oft schlug sie auch eine helle Lache auf, wenn die Herren zu eifrig, zu heftig wurden. Ja, als – natürlich wegen der leidigen Politik – ihr Sohn und ein junger Pariser Journalist in Hitze geriethen und die Stimmen in aufregender Weise erhoben, da setzte sie sich unvermerkt an das Clavier und brachte mit dem kräftig angeschlagenen Tannhäuser-Marsch die streitenden Parteien zum Schweigen. O, süßer Zauber der Musik!

Wer die Stellen über die Tonkunst in der unter Chopin’s Einfluß geschriebenen „Consuelo“ kennt, weiß wohl, welch’ tiefes Verständniß George Sand in musikalischen Dingen besaß. So wenig Sympathie sie als echte Französin im ihren letzten sechs Lebensjahren für Deutschland und alles Deutsche empfand – wie sie denn auch in ihrem hyperpatriotischen Tagebuch aus der Kriegszeit von 1870/71 das Ihrige zur Verbreitung der Pendulenfabel beigetragen hat – so war sie doch immer so geschmackvoll, das neutrale Gebiet der Kunst von nationalen Voreingenommenheiten rein zu halten. Neben Chopin, mit dem sie einst innige Herzensbande verknüpft, waren es namentlich die Meister der deutschen Musik, für welche sie leidenschaftlich schwärmte. Am liebsten phantasirte sie über Mozart, Beethoven, Schumann, Mendelssohn, gönnte aber auch den Zukunftsmusikern das Wort.

„Ich liebe die unmittelbare Musik,“ sagt sie, „jene, die plötzlich wie ein uferloser Strom mit unbezwinglicher Naturgewalt aus der Seele quillt, die ganz Gefühl, Phantasie, Conception ist, die wilde Musik, wenn ich sie so nennen darf, weil sie keine Convention kennt und doch Harmonie und Wohllaut [537] ist. Während der Ausstellung von 1867 brachte ich fast alle Abende in einer kleinen Bierwirthschaft zu, wo sich eine Bande ungarischer Zigeuner producirte. Ach, der Csardas! Ja, jene Zigeuner, die wie die Vögel einer harmonischen Caprice folgen, spielten ganz nach meinem Sinn. Jene Tonfluthen, die jetzt in wildem Ungestüm aufjauchzen und dann wieder in seliger Wehmuth und Andacht hinschmelzen und hinsterben, schienen mir irdisches und himmlisches Glück und Leiden, alle Geheimnisse der zerstörenden und aufbauenden Naturgewalten zu offenbaren. Alles das und unendlich viel mehr hört man aus dieser Zigeunermusik. Ich bedaure, daß Liszt so gelehrt geworden ist.“

Sie sagte dies mit so viel innerer Erregung, daß die Schleier, welche ihre spröde Stimme gewöhnlich umhüllen, wie zerrissen schienen und die Worte voll, warm und klar hervordrangen, während ihre Hände mechanisch über die Tasten glitten und ein ungarisches Adagio von Miska Hauser vernehmen ließen. Dann erhob sie sich mit leise gerötheten Wangen und setzte sich still und fast verschämt wieder an den Tisch; nach einer Weile ergriff sie eine Cigarrette und zündete sie an.

Sie rauchte – das war das Einzige, das im Wesen der außerordentlichen Frau, die mit dem Alter ruhiger wurde, aber jung blieb bis zum letzten Augenblicke, von der Sturm- und Drangperiode übrig geblieben. Es war weniger ein Rauchen, als ein Spielen mit dem Feuer. Bald warf sie auch die erst zur Hälfte heruntergebrannte Cigarrette weg und ergriff, wieder ganz ein Weib, Stricknadel und Arbeitskörbchen; nun ergaben sich die drei Damen ihren Handarbeiten, ohne jedoch auf die Theilnahme an der lebhaften Conversation zu verzichten. Sie schneiderten Kleider und verfertigten Strümpfe und Schuhe für die bedürftigen Kranken und Champis (Findlinge) des Berry, denn alle Armen und Elenden des Departements pilgerten hülfesuchend nach dem Schlosse zu Nohant, wurden dort freundlich aufgenommen, beherbergt, gekleidet und verpflegt und mit Geld, Arbeit und Empfehlungen reichlich versehen. Sogar eine Apotheke befindet sich im Hause und der Dorfarzt mußte auf Kosten der Schloßfrau die kranken Landarmen unentgeltlich behandeln. Bei einer solchen Gastlichkeit und Freude am Wohlthun ist es nicht zu verwundern, daß die vierzigtausend Franken jährlicher Rente, die das ständige Einkommen George Sand’s bildeten, nicht ausreichen konnten und daß die greise Dichterin genöthigt war, mit der „Revue des deux Mondes“ einen Vertrag zu schließen, demzufolge sie gegen eine jährliche Rente zwei bis drei Novellen zu liefern hatte. Das kam ihr aber nicht schwer an – im Gegentheil! Die Arbeit war ihr von jeher eine Erholung gewesen, um so mehr, als sie sich bewußt war, für ihre Familie und für die Armuth zu arbeiten. Ich war Zeuge einer unendlich rührenden Scene, wo einige Dorfarme von der Poetin beschenkt wurden. Die armen Teufel hatten Thränen in den Augen und konnten vor Freude kein Wort über die Lippen bringen. Und George Sand? Ihr ging es nicht anders. Sie stand verlegen und mit nassen Augen da, denn nichts schüchterte sie mehr ein, als Danksagungen, sie, die sonst die Gewohnheit haben dürfte, solche zu empfangen. Man nannte sie nicht vergeblich zehn Meilen in der Runde: „La chère dame – die liebe Dame“.

Der echt weibliche Trieb der Wohlthätigkeit war die hervorragendste, stärkste Eigenschaft ihres Charakters; den Egoismus des Herzens, wie er sich unbewußt in der Liebe kundgiebt, kannte sie nicht. Sie war die fleischgewordene Selbstlosigkeit sogar in ihren zahlreichen Liebesverhältnissen. Diese Frau, welche die Geschichte ihres Lebens mit den Worten schließen durfte: „Ich prüfe mein Herz und finde es voll Unschuld und Barmherzigkeit, wie in den ersten Tagen meiner Kindheit,“ sie besaß nach ihrem eigenen Geständniß nicht jene verzehrende Sinnlichkeit, die man ihr so oft andichten wollte. Sie war doctrinär selbst an der Leidenschaft und stand immer über derselben, wie die Mehrzahl ihrer Romanheldinnen; wenigstens von ihrer persönlichen Seite lag all ihren Verhältnissen ein nichts weniger als selbstsüchtiger, sondern ein geradezu idealer Zweck zu Grunde. Immer war es dieser Wohlthätigkeitssinn, der sie jene Liebesbande schließen ließ, die ihr den Ruf der Immoralität, der Unbeständigkeit eintrugen. Nüchtern und kühl, nach reiflicher Ueberlegung, im Bewußtsein einer „Pflicht, die sie kalt erfüllte“, aber mit einem Herzen voll Mitleid, fast mütterlichen Gefühlen und ohne eigentliche Liebe, lebte sie in inniger Gemeinschaft mit Alfred de Musset und später mit Chopin. Sie bezeugt es selbst, und wir müssen es ihr glauben, daß sie den Ersten durch ihre Hingabe vor Selbstmord und gänzlichem Verkommen erretten wollte, und daß sie zu dem genialen Polen blos der Wunsch hintrieb, die Krankenpflegerin des unrettbar dem Tode verfallenen, weltverlassenen Schwindsüchtigen zu sein. Wenn diese platonischen Neigungen in der Folge naturgemäß ihre Unhaltbarkeit erwiesen, so ändert dies nichts an der Reinheit und Selbstlosigkeit ihrer Motive und steigert nur noch die Größe des Opfers, das man von ihrer Barmherzigkeit forderte.

Dieses Mitleid, dieses Gefühl rein menschlicher Liebe und samaritischen Wohlthuns liegt auch ihrer Parteinahme für die Emancipation des Weibes und des vierten Standes zu Grunde und findet ergiebigen Ausdruck in allen ihren Romanen, selbst in den Werken ihrer Jugend, wo die Moral oft schief und falsch, aber niemals niedrig ist. Die Sphäre von Einfachheit und Güte, worin sie lebte, war ihr Bedürfniß, und gern theite sie mit Anderen. Sie verstand es, echteste Cameradschaftlichkeit zu üben. Wie nachsichtig und aufmunternd war sie gegen Anfänger! Sie besaß weniger Feinheit des Urtheils – daher die moralischen und socialistischen Irrthümer ihres Lebens – als ein Uebermaß von Wohlwollen.

Es erschien in Frankreich nicht leicht das Werk eines Anfängers, ohne daß man sie um ihr Urtheil gebeten hätte. Ein solches Buch zeigte sie mir an jenem Abende, bevor sie sich in ihr Studirzimmer zurückzog, wo sie allnächtlich einige Stunden zu arbeiten pflegte.

„Das ist ein energisches, wahrheitsliebendes Buch. Es hat mir den Wunsch eingeflößt, besser zu werden und freigebiger gegen die Niedriggeborenen und Enterbten. Nachdem ich es gelesen, blieb ich zwei Tage ohne arbeiten zu können.“

Die edle Greisin wünschte also besser und barmherziger zu werden, noch mehr Gutes zu verrichten, als sie gethan hat. Ist das nicht rührend?

Noch sehe ich die „liebe Dame“, wie sie sich um Mitternacht von der Gesellschaft verabschiedete und, ein Lämpchen in der Hand, in’s Nebengemach ging, wo ihr unsterblicher „Marquis de Villemar“ geschaffen wurde. Ein kleines Bett aus Mahagoni mit großen Vorhängen und Medaillons, worauf die Geschichte des Telemach dargestellt ist, ein hölzernes Pult mit bequemem Lehnstuhle und an den Wänden die Portraits ihres Großvaters, des Marschalls Moritz von Sachsen, ihres Vaters, des Obersten Dupin, Adjutanten Murat’s, ihrer Mutter, ihres Sohnes und ihrer Enkelinnen – das ist ihr Studir- und Schlafzimmer.

In diesem Gemache und in jenem Lehnstuhle ist sie auch weniger als vierzehn Tage nach meinem Besuche gestorben und hat ihre Familie und Frankreich in Trauer und Bestürzung zurückgelassen. Ihr Leibarzt sagte mir, sie habe schon Monate vor ihren Tode unsäglich gelitten, ohne es ihrer Umgebung durch die leiseste Klage zu verrathen. Vielleicht verbarg das freundliche Lächeln, mit dem sie mich empfing und verabschiedete, den mit frischem Muthe bekämpften Ausdruck physischen Leidens. In ihrer achttägigen letzten Krankheit pflegte sie bei den heftigsten Qualen lautlos ihr Gesicht zu bedecken, wie die alten Römer es thaten, wenn sie ihr Ende nahe fühlten. Ohne Phrasen, wie sie gelebt, starb auch diese große Frau.




Eine Eintrittspforte zum Thüringer Walde.


Groß und in beständiger Mehrung ist die Zahl der Waller, die alljährlich nach dem Rüstgange des Winters heilsuchend für die Gebrechen des Leibes und der Seele oder auch aus frischer Wanderlust hineindringen in das lauschige Waldgeheimniß der Thüringer Berge. Vor Zeiten kamen die Thüringer Sommergäste tief aus dem Süden. Es waren seltsame, schier unheimliche Gäste, fremd im Gebahren, fremd in der Tracht. Prüfend und forschend durchzogen sie das vielfach noch unerschlossene [538] Land, stiegen in Flüsse und Weiher und wuschen den blinkenden Kiesel rein von Schlamm und Schlacke oder gruben tiefe Gänge in das krystallene Gestein. Im Herbst zogen sie reich beladen von dannen. Das Volk nannte sie Krystallgänger, Wahlen (Wälsche), Venetianer. Die modernen Thüringer Sommergäste stammen dagegen zumeist aus den Flachländern des deutschen Ostens und Nordens, und der Thüringer sieht sie weit lieber als jene, denn sie bringen ihm an gemünztem Golde wieder, was jene an ungemünztem davon getragen.

Daher liegen auch die Eingangsthore zu der Thüringer Bergfeste vornehmlich auf der Nord- und Ostseite, und eine der gesuchtesten Eingangspforten ist neben Eisenach die Stadt Arnstadt. Sage und Geschichte haben sie mit einem reichen Kranze ihrer Blüthen geschmückt; ihr äußeres Erscheinen hat sich vielfach noch seine Eigenart bewahrt. Ihre anmuthige Lage, ihre waldigfrische und doch wieder sonnig gemilderte Luft, ihre heilkräftigen Bäder laden den Fremden zur dauernden Fesselung, und neuerdings hat der Weltruf einer ihr zu eigen gehörenden gefeierten Dichterin, deren Schöpfungen mit ihrem Boden vielfach innig verwachsen sind, sie mit sonnigem Glanze bestrahlt. So erhebt sie sich aus dem Kreise des Gewöhnlichen.

In der That hat die Stadt zwei Gesichter. Mit dem einen schaut sie hinaus in die wellige Ebene, die sich von Thüringen bis zum Harze breitet, das andere aber blickt noch tief hinein in die Gründe des Thüringer Waldes, der ferne äußersten Vorposten bis zu ihren Füßen sendet. Die rasch dahinrauschende Gera ist ein echtes Kind der Berge. Ihre hellgrüne Welle bringt den Gruß von den Geländen des Schneekopfs, dessen Höhenzug den Hintergrund des Plaueschen Thales in Wechsel- und effectvoller Beleuchtung, malerisch abschließt. Dieser Plauesche Grund, wie ihn uns der Stift des Zeichners vergegenwärtigt, vereinigt in sich bereits die ganze eigenthümliche Scenerie des Thüringer Waldes. Da fehlen nicht die hohen sonndurchglitzerten Kirchenhallen des Buchenwaldes im Contraste zu den düstern Säulengängen der Fichten- und Kiefernwaldung, noch der grüne, saftige Wiesengrund, noch die lauschigen Seitenthäler, noch die Burgruine, um deren Trümmer sich der immer grünende Epheu der Sage schlingt. Das Städtchen Plaue, das ihm seinen Namen gegeben, trägt schon in dem dort vorzugsweise gepflegten Gewerbszweige, der Porcellanfabrikation, die Signatur des Thüringer Waldes. Das Thal hat früh schon seinen Sänger gefunden in dem Arzte W. Neubert, einem Sohne Arnstadts, der seine „arkadischen Hirtengefilde“ in schwellenden Alexandrinern feiert. Im Westen der Stadt, im Hintergrunde des großen Mittelbildes des unserem heutigen Artikel beigegebenen Tableaus, stehen die drei Burgwächter Thüringens, die drei Gleichen: vornan die Wachsenburg, die im modernisirten Gewande jetzt gastliche Herberge bietet, dann links die Mühlberger Gleiche, malerisch gelegen, aber am tiefsten verfallen, da aus dem Chaos der Trümmer fast nur noch der runde zinnengeschmückte Bergfried als letzter Zeuge fehdelustiger Tage hervorragt, und rechts im Hintergrund die Wandersleber Gleiche, die eigentliche Stammburg der Grafen von Gleichen, in deren Bogengängen und Verließen die blaue Blume der Romantik in reicher Fülle blüht.

Arnstadts Vergangenheit geht weit in unserer Geschichte zurück; bezeugt doch eine pergamentene Verbriefung von Walpurgis 704, daß schon zu dieser frühen Zeit der Ort existirte. In den Decembertagen des Jahres 954 wurde hier der Act der Aussöhnung zwischen dem großen Kaiser Otto dem Ersten und seinem aufständischen Sohne, sowie die Wahl des kaiserlichen Bruders Wilhelm zum Erzbischof von Mainz und zum Statthalter von Thüringen gefeiert. Arnstadt stand seitdem unter der Botmäßigkeit der dem Mainzer Bisthume zugehörigen Abtei Hersfeld, die auf der Wachsenburg eine Art Zwinguri errichtet hatte. Im Jahre 1197 geschah hier die Vorwahl Philipp’s von Schwaben zum deutschen Kaiser und nach dessen Tode die Anerkennung des seitherigen Gegenkönigs, des Welfen Otto von Braunschweig, durch die sächsisch-thüringischen Fürsten.

Seit der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts finden wir die Hoheit über Arnstadt zwiefach getheilt. Ueber die eine Hälfte gebot noch die Abtei Hersfeld, über die andere die Grafen von Kefernburg. So trug die Stadt halb ein geistliches, halb ein weltliches Gewand. Die Burg der Grafen von Kefernburg lag nur eine halbe Stunde von der Stadt. Die Kefernburger waren ein altes mächtiges und wohlbegütertes Geschlecht, das seine Ahnherren unter den Heerführern Attila’s suchte, aber schon 1388 ausstarb.

Seitdem blieb ihr altes Stammschloß verödet. Regen und Sturmwind schlossen gemeinsam den Bund zu seiner Zerstörung, und zuletzt trug die nüchterne Zeit auch noch den letzten Stein von dem freiliegenden Hügel. Noch vor dem Aussterben der Kefernburger Grafen war Arnstadt durch Kauf an die Grafen von Schwarzburg gekommen. Auch der Abt von Hersfeld gab seine Hälfte an sie dahin, und die Stadt verblieb seitdem beim Hause Schwarzburg und zwar zuletzt bei der Sondershäuser Linie. Unter diesen in Arnstadt residirenden Schwarzburger Grafen tritt uns vor Allem die leuchtende, ritterliche Gestalt Günther’s des Einundzwanzigsten entgegen, der eine kurze Zeit die Krone Deutschlands trug.

Im Jahre 1560 hielt Günther der Streitbare mit Katharina von Nassau, einer Schwester Wilhelm’s von Oranien, in dem von ihm erbauten Schlosse zu Arnstadt ein hochzeitliches Beilager ab, das die immensen Ziffern des dabei Genossenen zu einem chronikalischen Curiosum gemacht haben. Noch ruht der Segen vieler städtischen Stiftungen auf dem Andenken des fürstlichen Ehepaares.

Mit dem Aussterben eigener Fürsten kam auch das Arnstädter Schloß, das schon unter den Kefernburgern als Schloß Neideck bestand, in Verfall und wurde allmählich zu jener malerischen Ruine, die unser heutiges Bild zeigt. Nur der seltsam geformte hohe Thurm mit seinem Freigeländer blieb noch unversehrt. Der Schloßgarten war sonst ein „Klein-Trianon“. Namentlich fehlten darin nicht die wälschen Wasserkünste mit ihren neckischen Ueberraschungen. Da gab es Grotten, welche den ahnungslos Eintretenden mit einem Bade überschütteten, einladende Rasenbänke, die den sorglos Niedersitzenden unversehens unter Wasser setzten. Eine Stelle im Parke hieß das Maienfest. Dort pflanzte nach einem alten Brauche jeder fürstliche Thronerbe im achten Jahre eine Linde. (Siehe das erste Capitel der Marlitt’schen Erzählung. „Die zweite Frau“.) Das Alles haben nur die alten prachtvollen Linden überdauert.

In gleicher Verödung, aber nicht den Schlaf des Todes, sondern nur den Erstarrungsschlaf Dornröschens schlafend, harrend und gewärtig seiner Wiedererlösung, liegt auch das edelste Kleinod der Stadt, das stolze Denkmal mittelalterlicher Bauherrlichkeit, die Liebfrauenkirche, nicht hoch und dominirend, wie die meisten Heiligthümer der Hierarchen-Herrschaft, sondern tief versteckt in einer Senkung des Terrains, da „wo die letzten Gäßchen steil den Berg hinan klettern“. Die Liebfrauenkirche wurde zum befruchtenden Keime für die schlummernde Gestaltungskraft einer Marlitt, zur scenischen Basis ihrer reizenden zuerst veröffentlichten Erzählung „Die zwölf Apostel“.

Der zierliche Dom hat verschiedene bauliche Metamorphosen durchlebt, die ihn zum würdigen Gegenstande einer Baukunststudie machen. Anfangs wohl nur eine schlichte Capelle im prunklosen Stile der ersten christlichen Kirchen, wie das ein paar Fenster im Mittelschiffe zu bezeugen scheinen, gegründet, wie es heißt, zu Ehren der Bischofswahl Wilhelm’s von Mainz, erweiterte sie sich später zur romanischen Basilika, die noch jetzt die Grundform bildet, bis eine noch spätere Zeit einen Hauptchor im rein gothischen Spitzbogenstile hinzufügte und auch sonst noch die Gothik ihre Zierrathen von halb neckischer, halb geheimnißvoller Symbolik überall anbrachte, wie überhaupt an Fenster und Portal sich Rund- und Spitzbogen vielfach den Rang streitig machen. Von den zierlichen Thürmen ist gleichfalls der westliche älter als der östliche. Der letztere ist eine wahrhafte in Stein ausgeführte Filigranarbeit. Die Sage, welche in der mannigfachsten Gestalt das alte Bauwerk durchschwirrt, sich an Knauf und Simse hängt und im Dämmerlichte der Seitencapellen kauert, nennt den zierlichem der beiden Thürme das Werk eines Gesellen, den der über den künstlerischen Obsieg seines Gehülfen erzürnte und beschämte Meister, der Erbauer des weniger zart ausgeführten andern Thurmes, mit hinterlistiger Rede hinauf auf den Thurm gelockt und beim Hinausblicke aus dem Fenster in die Tiefe gestürzt haben soll. Sein Hündlein, treuer als der treulose Meister, ist dem Stürzenden nachgesprungen. Das Wahrzeichen dieser sündigen Blutthat hat der arge Meister dann hoch am Thurmfenster selbst im Steine versinnlicht. [539] Die Sage erzählt uns auch, daß die Kirche das Werk einer frommen gräflichen Frau gewesen sei. Zaghaft habe sie gefürchtet, daß ihr Reichthum nicht langen werde den Bau zu vollenden, aber mit dem letzten Heller sei auch der letzte Stein darein gefügt gewesen. Sie läßt noch jetzt „in der Nacht, da der Heiland geboren ward“, die erloschenen Kerzen am Hochaltare und die ewige Lampe im Seitenschiffe sich wieder entzünden, die verschwundene Orgel von Neuem erklingen, die Nonnen in langem Zuge durch den verödeten Gang vom Kloster herüber auf die Empore schreiten, die zinnernen Särge sich öffnen und die darin schlummernden Leiber der alten Grafen von Schwarzburg, der Herren von Witzleben und Anderer aus den dunkeln unterirdischen Grabgewölben heraufsteigen und eine geisterhafte Menge sich versammeln, der mitternächtigen Mette zu lauschen, bis die erste Morgenstunde den frommen Spuk wieder in die Gräber bannt. Sie erzählt auch von jenen zwölf silbernen Aposteln, die einst den Hauptaltar schmückten und die eine angstvolle Priesterhand in Kriegsnöthen an eine Stelle vergrub, die noch immer ihres glücklichen Entdeckers harrt. Zwar soll der sandsteinerne Katzenkopf im südlichen Seitenschiffe nach der Stelle blicken, wo sie verborgen liegen, aber Katzenaugen sind falsch und trügerisch. Dann soll es wieder ein Stein mit einem Maltheserkreuz sein, darunter sie liegen, aber noch hat ihn Keiner gefunden.

Eine noch spätere Zeit hat auf das Mitteldach der Kirche einen plumpen vierschrötigen Thurm mit mächtiger Helmhaube gesetzt, um die Glocken hinein zu hängen, welche die zierlichen Vorderthürme durch ihre Schwere gefährdeten. Da sitzt er nun auf dem Dachsimse groß und patzig wie eine dralle Viehmagd zwei schlanken und zierlichen Damen des Salons gegenüber. Noch gar manches Kleinod birgt das Innere der Kirche. So vor Allem einen köstlichen Altarschrein, der in seinen äußern Decken Scenen aus der Passionsgeschichte wiedergiebt, drinnen aber in reicher Vergoldung ein Schnitzwerk, die Krönung der Himmelskönigin darstellend, mit entsprechenden der biblischen und Heiligengeschichte entnommenen Bildern enthalt. In dem nördlichen Seitenchore begegnen wir einem mächtigen steinernen Sarkophage, der obenauf die Figuren eines Grafen, „Günther und seiner Frauen Elisabeth“ trägt. Zu den Füßen der Frau liegt ein Hund, das Sinnbild der Treue, zu denen des Mannes ein Löwe, das Sinnbild des Muthes, unten am Sockel aber steht als Sargwächter die thüringische Sagenfigur des treuen Eckardt. In der Sacristei stoßen wir auf ein buntes Durcheinander dahin geretteter Kirchenstücke; wir finden dort Gefäße, Schreine, Reliquienkästen, Klingelbeutel, Christuskreuze, theilweis mit Vorrichtungen zu künstlicher Blutung versehen, allerhand geschnitzte und gemalte Figuren, Heilige, Apostel, Grafen von Schwarzburg, Gustav Adolf, Doctor Luther, Alles im friedlichen Beisammensein.

Die sich gegenüber stehenden Giebel der beiden charakteristischen Häuser, welche die südöstliche Ecke des Marktplatzes bilden, haben unsern Künstler zur Zeichnung des hübschen Seitenbildes veranlaßt. Die Häuser haben aber auch ihre innere Bedeutung. Die beiden ersten Fenster des über einer Säulengalerie hervorspringenden Hauses – die Galerie zieht sich an der ganzen Breitseite des Marktes hin und dient namentlich an regnerischen Markttagen zur Verkaufshalle – erhellen das Zimmer, in welchem E. Marlitt das Licht der Welt erblickte. In diesem säulengetragenen Hause verlebte sie eine fröhliche, heitere Jugend, denn sie hatte nichts von dem träumerischen, kopfhängerischen Wesen, wie es ihr wohl die Legende andichtet, welche ungestillte Neugier bereits phantastisch um ihr Leben gewoben hat. Ein lustiges, neckisches unbefangenes Kind, hat sie aus dem herben Ernste eines wechselvollen Lebens von dieser Eigenart ihres Wesens Vieles noch hinübergerettet in ein, späteres Alter, und die sonnige Heiterkeit senkt auch noch ihre frischen Lichter in die Einsamkeit, zu welcher körperliche Leiden und eine gewisse keusche Scheu vor öffentlicher Schaustellung sie verurtheilen. In dem andern Eckhause mit seinen weit hervorspringenden Ecken, den erzenen Drachenköpfen hoch oben an dem langaufstrebenden Dache, die das Regenwasser hinunter auf die Pflastersteine speien, erkennt der Leser des „Geheimnisses der alten Mamsell“ bald die Staffage des Hellwig’schen Hauses. Es war eine Reminiscenz aus der fröhlichen Jugendzeit, welche sich in der Dichterin wieder belebte, als sie den Schauplatz ihres Romans an diese Stätte verlegte. Sie hat dieses Haus, das Gasthaus „Zum Schwarzburger Hofe“, zu einer Merkwürdigkeit umgeschaffen, welche kein Fremder mehr ungesehen läßt. Dieser ganze obere Stadttheil mit seiner Barfüßerkirche – in welcher die bigotte Frau Hellwig ihre Andachten verrichtete – und dem ganzen Complexe alter Kloster- und Stiftsgebäude ist in seiner Verkehrsstille ein wahrer Heimgarten der Poesie. Da ist weiter hinauf auch das „alte häßliche Stadtthor mit dem noch, häßlicheren Thurme“ – auch das Häßliche hat ja seine Aesthetik–, der, wie es in jenem Romane heißt, „auf seinem Rücken dräuet“, da „schlingen sich, wenn man durch die grünschimmernde Wölbung tritt, prächtige wohlgepflegte Lindenalleen in wunderlichem Contraste um alte geschwärzte Stadtmauern, wie ein frischer Myrthenkranz um einen ergrauten Scheitel“.

Bei dem Austritte aus dieser Lindenallee begrüßt uns das neue freundliche Heim der Dichterin, ihre in Bild und Wort schon oft geschilderte Villa. Auf freier Höhe, die im Hintergrunde noch hoch emporsteigt bis zur „Alten Burg“, liegt die Stadt gerade in ihrem am schönsten entwickelten Theile. Mit eigenthümlichem Zauber wirkt das Bild, wenn der Abend hereinbricht, die Contouren der Häuser sich im Dunkel verwischen und nur die Gasflammen als Hunderte von schwimmenden Lichtpunkten aus der dunkeln Fluth hervortauchen. Beim Ausblicke vom Balcon aber schweift das Auge hinüber nach dem Krater der Kefernburg, nach Oberndorf mit seiner uralten freiragenden Kirche und nach dem grünenden Haine dahinter.

Ganz im Gegensatze dazu liegt das einstige Heim eines andern Dichters tief drunten in der Niederung des Thales. Wilibald Alexis, der glückliche Nachahmer Walter Scott’s, baute sich sein Abbotsford, in dem er seinen von qualvollen Leiden getrübten Lebensabend verbrachte, dicht an die lauschigen Ufer der Gera unter die Schatten hochragender Kastanienbäume. Droben im Walde in noch tieferer Stille trägt ein einsames Plätzchen den Namen Alexis-Ruhe. Der Dichter aber hat schon längst das stillste und engste aller Häuser bezogen draußen an der Mauer des Friedhofs; die treue Pflegerin seiner Leiden, zuletzt selbst einem hülflosen Siechthume verfallen, ist ihm vor Kurzem dahin gefolgt und ruht unter einem Kreuze an seiner Seite.

Nur zwei Schritte weiter befindet sich ein anderes Grab mit einem liegenden Kreuze, neben welchem noch ein Platz frei gelassen ist, wo die eine treue Tochter neben dem Heimgegangenen heiß verehrten Vater einst ruhen will. Sie weiß, daß sie zum Theile diesem Vater als Erbtheil das eigene hohe künstlerische Empfinden verdankt und daß es nur das stillbescheidene Wesen des Verstorbenen gewesen ist, das ihm eine Anerkennung seines durch verschiedene nachgelassene malerische Kunstwerke zweifellos verbrieften Talents für eine größere Oeffentlichkeit versagt hat. Das liegende Kreuz trägt den Namen „Ernst John“.

Nur kurz wollen wir noch berühren, daß auch der Dichter Novalis, der Hauptvertreter der romantischen Schule, in Arnstadt einige Zeit sich aufhielt, um sich zum praktischen Juristen auszubilden, und daß dieser Aufenthalt für ihn dadurch zur hohen Bedeutung wurde, daß er unter den Damen des Hofstaates der verwittweten Gräfin Auguste Dorothea, welche aus den Trümmern der Kefernburg sich ein Lustschloß, die Augustenburg, gebaut hatte, in welcher es ebenso fromm wie lustig herging, seine erste Liebe nur fand, um sie bald wieder dem Tode abzutreten. Dieser Verlust drückte auf Novalis’ Stirn für immer die Weihe dichterischer Verklärung, grub in seine Seele den tiefen Sehnsuchtsdrang nach dem Jenseits, der durch seine Schriften geht und dem er selbst in früher Jugend erlag.

Wohl könnten wir noch manches Andere von unserer Stadt erzählen, von merkwürdigen Ereignissen und noch bemerkenswerthen Stätten, so von jenen seltsamen Bildnereien, welche die Fronten vieler Häuser zieren, von dem großen kinderfreundlichen Christoph bis zum schuppigen Karpfen, könnten erzählen von dem Wohlstande, dem Fleiße, dem biedern und stark ausgeprägten Familiensinne der Einwohner, aber die Raumbeschränkung, welche sich für jeden solchen Artikel, wie der unsere, vorschreibt, gebietet uns, Maß zu halten.

Nur auf die Bedeutung Arnstadts als Bad und Sommerfrische wollen wir noch hindeuten. Wir möchten auch hier der Dichterin des „Geheimnisses der alten Mamsell“ das Wort lassen. „Innerhalb der letztverflossenen Jahre,“ heißt es dort einmal, „hatte ein Ingenieur seine Wünschelruthe ziemlich nahe dem Weichbilde der Stadt spielen lassen. Der moderne

[540]
Die Gartenlaube (1876) b 540.jpg

Arnstadt und seine Umgebung. Nach der Natur aufgenommen von H. Heubner.

[541] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [542] Mosisstab hatte dem Boden einen bittern Quell entlockt, der an der Luft, wenn auch nicht zu Gold und Silber, so doch zu sehr schätzenswerthen Salzkrystallen erhärtete. Das war ein Fingerzeig für die Bewohner. Sie etablirten ein Soolbad, das im Vereine mit dem ausgezeichneten Renommée der Thüringer Luft sehr bald Hülfesuchende aus aller Herren Ländern heranzog.“ In der That ist die sonst so stille Physiognomie des Orts im Sommer eine sehr belebte. Badegäste, Sommerfrischler und Touristen ziehen ein und aus. Gar Manche von ihnen hat Arnstadt so sehr gefesselt, daß sie nicht wieder davon kamen und hier seßhaft wurden. Moderne Villen in den wunderlichsten Stilformen wachsen in stetig sich mehrender Anzahl und ziehen sich schon weit hinein in den Plaueschen Grund.

Die alte Thüringer Art will sich zwar noch nicht recht zu dem neuen Elemente finden, aber dem nivellirenden Drange der Zeit wird sie doch noch gehorchen müssen.
Fr. Helbig.




Weltausstellungsskizzen.
Von R. Elcho.
3. Die Maschinenhalle.


Wer am 16. Juni eine der Hauptstraßen der Stadt passiren wollte, hatte Mühe an den Telegraphen-Bureaux vorüber zu kommen; dieselben waren nämlich von einer drängenden Menschenmasse umstanden, welche mit emporgereckten Hälsen die ausgegebenen Bulletins über das Ballotement der republikanischen Convention zu Cincinnati las. Wer wird nominirt werden? fragte man sich allerorts, Blaine, Morton oder Hayes? Die Unruhe steigerte sich von Stunde zu Stunde, bis man die unerwartete Neuigkeit las: Hayes ist ernannt. Wer ist Hayes? fragte einer den andern und die lakonische Antwort lautete: Der Gouverneur von Ohio. Wenige nur wußten es, daß dieser Gouverneur im letzten Bürgerkriege sich mit großer Bravour, namentlich bei Winchester, geschlagen und den Rang eines Generalmajors erworben hatte.

Der Bewohner einer Republik nimmt an den öffentlichen Angelegenheiten stets mehr Antheil, als der eines monarchischen Staatswesens, denn hier herrschen nur die Gesetze, welche durch das Votum aller Bürger zu Stande kommen, und der Mann, welcher in ein Amt eingeführt wird, ist nur der Bevollmächtigte seiner Wähler. So ist es leicht begreiflich, daß die Zeit bis zur Präsidentenwahl für die Bürger dieses Landes eine Aufregung über die andere bringt. Als ich daher an der Independence-Halle vorüber ging und eine dichte Menschenmenge um jenes erhabene Marmordenkmal Washington’s versammelt sah, welches die Schulkinder Philadelphias dem Vater der Republik setzen ließen, mußte Jedermann glauben, es sei wieder eine politische Nachricht eingetroffen. Jene Voraussetzung war falsch. Die Neugierigen umdrängten eine neue Glocke von stattlicher Form und Größe. Ein ungenannter Bürger Philadelphias hatte diese Glocke seiner Vaterstadt zum Geschenke gemacht, damit dieselbe am 4. Juli an Stelle der zersprungenen Unabhängigkeitsglocke das Hundertjahresfest der Republik einläute.

Die alte zersprungene Unabhängigkeitsglocke ist eine der ehrwürdigsten Reliquien der Nordamerikanischen Republik; sie wurde im Jahre 1752 auf Bestellung der Provinzialversammlung von Pennsylvanien in England gegossen und erhielt auf Anordnung dieser Versammlung die nachstehende prophetische Inschrift: „Verkünde Freiheit durch alle Lande und allen Denen, die darinnen wohnen!“

Diesem Befehle kam die Glocke gewissenhaft nach, denn als am 4. Juli 1776 vom Congreß in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung angenommen war, wurde sofort die im Thurme der Halle befindliche Freiheitsverkündigerin geläutet, und Jedermann erfuhr durch ihre eherne Zunge, daß die Stunde der Unabhängigkeit und Freiheit geschlagen. Als diese alte Glocke einen gewaltigen Riß erhielt, gönnte man ihr später einen Ehrenplatz unter den Reliquien aus der Zeit der Freiheitskriege. Ihre Nachfolgerin im Thurme der Independence-Halle trägt auch die Umschrift: „Verkünde Freiheit durch alle Lande …“

Von den Thürmen der Maschinenhalle tönt allabendlich das „Heimath, süße Heimath“ über den Fairmount-Park hin. Ein amerikanischer Glockengießer hat nämlich da droben ein Glockenspiel aufgehängt, das mehrere volksthümliche Melodien zu spielen vermag. So silberhell und weich die Töne immer klingen, so hören wir doch auf den ersten Blick, daß der ferne Orient uns auch in der Glockengießerei noch immer überlegen ist. Wollen unsere Glockengießer bei dem Guß mehrerer Glocken hellere oder dunklere Klangfarben hervorbringen, so müssen sie den Glocken verschiedene Größen geben. Anders der Japaner! Dieses Volk besitzt im Tempelhain zu Niko ein Glockenspiel, dessen Glocken alle von gleicher Form und Größe, dagegen von verschiedener Tonstimmung sind.

Die Maschinenhalle der Centennial-Ausstellung ist nicht nur räumlich die großartigste, welche je eine Weltausstellung aufgewiesen hat, sondern auch dem Inhalte nach. In diesen Räumen beobachtet der Besucher eine überraschende Erscheinung. Es ist bekannt, daß bei allen früheren Weltausstellungen das Hauptinteresse der Besucher sich der bildenden Kunst und dem Kunstgewerbe zuwandte. Das Schöne eroberte sich den Beifall der Menge und überließ dem Nützlichen die Anerkennung der Sachverständigen. Hier in Amerika finde ich zum ersten Male die Räume der Maschinenhalle überfüllt, und zwar besteht die größere Hälfte der schaulustigen Menge aus Frauen.

Worin haben wir den Grund für diese gesteigerte Interessenahme des Publicums für das Maschinenwesen zu suchen? Nun, eine Maschine, und wenn sich ihre eisernen Arme auch noch so gewaltig emporrecken, ist in den Augen des Laien ein häßliches Ding und eine vollkommene Sphinx, sobald sie nicht ihren Zweck erfüllt und arbeitet. Haucht der Mensch aber durch die Kraft des Dampfes diesem räthselhaften Geschöpf Odem und Leben ein, so nimmt seine Geschäftigkeit unwillkürlich unser Interesse gefangen; bringt es aber gar noch Leistungen hervor, welche so sehr überraschen, daß wir ein wahres Taschenspielerkunststück vor uns zu haben vermeinen, so regt sich in uns die Bewunderung und wir empfinden die herzlichste Freude an der Macht menschlicher Erfindungsgabe, durch welche das ganze Menschengeschlecht von so manchen drückenden Arbeiten entlastet wird. Gerade auf dem Felde der modernen Industrie leisten die Amerikaner Staunenswerthes, und sie können von Glück sagen, daß die Ausstellungs-Commission es verstanden hat, die Halle so einzurichten, daß sich auch der Laie über die Tragweite der modernen Industrie zu unterrichten vermochte. Die Halle macht den Eindruck einer Riesenwerkstätte; wohin wir blicken, sprudelndes Leben, eine Fülle der Bewegung. Alles hastet und stöhnt in fieberhafter Bewegung.

Und doch fällt unser Blick beim Eintritt durch das Hauptportal auf eine majestätische Erscheinung, welche von hohem Sockel herab mit herrischer Miene Ruhe zu gebieten scheint. Der Beschauer hat die berühmte Krupp’sche Kanone vor sich, den Glanzpunkt der deutschen Abtheilung. Es hat keine geringe Mühe gekostet, das braune Ungethüm über die weite See zu schaffen, denn beim Ein- und Ausladen mußten ganz besondere Krahnen oder andere Aufzugapparate geschafft werden, denen man die schweren Stücke, ohne ein Zusammenbrechen befürchten zu müssen, anvertrauen konnte. Das Gewicht des Rohres beträgt nämlich 58,580 Kilo, das von Lafette und Wagen zusammen noch mehr. Bei diesem Geschütz ist es hauptsächlich die Länge des Rohres, welche Bewunderung verdient, denn die Bohrung oder Seele desselben hat nur einen Durchmesser von 35½ Centimeter. Das Geschoß wiegt 540 Kilo. Das Geschütz sollte eine bedeutende Tragweite entwickeln, und die Absicht ist erreicht worden, denn bei einer Entfernung von zwei englischen Meilen schlägt das Geschoß eine Panzerplatte von vierundzwanzig Zoll Dicke durch, und in einer Entfernung von zwei deutschen Meilen hat das geschleuderte Geschoß noch die Kraft eine sechszöllige Panzerplatte zu durchbohren.

Krupp hat ferner einige kleine Berggeschütze, selbstverständlich auch Hinterlader, ausgestellt, wie sie in einfacherer Construction Garibaldi beim Feldzug in Sicilien anwandte. Drei Pferde [543] machen uns die Art des Transportes klar. Das Rohr des Geschützes wird auf den Packsattel des ersten Pferdes geladen, die Lafette auf den des zweiten, die Räder und Munitionskasten auf den des dritten. In der russischen Abtheilung hat Krupp einen Rivalen, allein die hellen Bronzegeschütze der russischen Fabrik halten mit den Gußstahlkanonen aus Essen in Bezug auf Güte des Materials und exacte Arbeit kaum einen Vergleich aus. Die russischen Berggeschütze bedürfen zu ihrem Transport vier Pferde. Das Krupp’sche Etablissement hat außer seinen weltberühmten Geschützen auch Dinge von friedlicherem Ansehen ausgestellt, wie reiche Erzstufen, gewaltige Gußstahlachsen, Walzmaschinen und Kuppelstangen.

Neben Krupp trat die Collectivausstellung des Siegerlandes besonders hervor, das aus seinem manganreichen Spiegeleisen einen schillernden Obelisken gebaut hatte. Dieses Erz wird von der ganzen Welt begehrt, um den Bessemerstahl daraus zu fabriciren. Unter den im Betrieb beachtlichen Maschinen der deutschen Abtheilung erregten die Deutzer Gasmotoren, welche bei einer Leistung von drei Pferdekräften die Dampfmaschinen an Billigkeit übertreffen, und die Berliner Maschinen zur Cement- und Ziegelfabrikation von Schlickeisen besondere Aufmerksamkeit.

Ehe wir in der Betrachtung einzelner Gruppen fortfahren, wollen wir erst erörtern, was den vielen Hunderten von Maschinen, welche zu beiden Seiten der Promenaden eine so große Geschäftigkeit entwickeln, Leben und Bewegung verleiht. Es ist das die Corliß’sche Doppelmaschine im Mittelpunkt der Halle, welche, einer Kraftentwickelung von vierzehnhundert Pferdekräften fähig, Triebwellen in Bewegung setzt von einer englischen Meile Länge. Nicht weniger als zwanzig Kessel speisen diese Riesenmaschine und führen außerdem jedem Aussteller so viel Dampf zu, wie dieser zu seinen Experimenten bedarf. Die Kosten des Dampfverbrauchs trägt die Ausstellungs-Commission. Die Kessel der Maschine sind unsichtbar, und diese ruht scheinbar auf einer erhöhten braunen Kreisfläche, wie auf einem Tische. Das Schwungrad hat einunddreißig Fuß Durchmesser und ein Gewicht von fünfundfünfzig Tonnen. Dieses colossale Rad läuft in einer braunen Holzumkleidung, und zwar so leicht, daß man kaum eine zitternde Bewegung verspürt. Die Maschinenfabrik von Corliß in Providence (Rhode Island) wurde schon auf der Wiener Weltausstellung für ihre Leistungen durch eine Medaille ausgezeichnet; die Centennial-Ausstellung begründet für immer ihren Weltruf. Neben jenem riesigen Dampfmotor, der an Schönheit der Construction seines Gleichen sucht, hat Corliß nämlich eine andere Maschine aufgestellt, welche eines der schwierigsten Probleme der Gegenwart löst; es ist das eine Maschine zum Ausschneiden von Zahnrädern mit kegelförmigem Radkranz. Lange Zeit hatte man in der Technik trotz ausgeschriebener Preise die Lösung dieser Aufgabe vergeblich gesucht; vor einem Jahre trat Corliß mit seiner Erfindung hervor, und heute sehen wir die neue Maschine in Betrieb, welche, von einem einzigen Arbeiter beaufsichtigt, die Zahnconstruction vollkommen correct ausarbeitet.

Welch ein großartiger Umschwung der Industrie im Laufe des letzten Jahrhunderts! In früheren Zeiten experimentirte man so zu sagen in’s Blaue hinein. Heute ergeben sich auf dem Felde der Industrie die Aufgaben von selber; sie wachsen aus dem Bedürfniß heraus, und der Industrielle sagt zu dem erfinderischen Kopf: ich brauche eine Maschine, die das oder jenes leistet – mach’ dich an die Arbeit!

So bedurften die Besitzer amerikanischer Kohlengruben, die stets wegen Arbeitskräften in Verlegenheit sind, einer Kohlenschneidemaschine, und heute sehen wir schon eine solche, die durch comprimirte Luft bewegt wird, im Betriebe. Das Ding bohrt sich wie ein breites Messer in die Kohlenschicht ein und schneidet Flötze von beliebiger Länge und Breite heraus. Nur ein Aber scheint mir dabei zu sein – die Maschine wird sich nur bei breitgelagerten Kohlenflötzen anwenden lassen, wie sie sich beispielsweise im Saarbecken finden, denn sie darf nicht auf hartes Gestein treffen. Dafür sind die vielen Bohrer da, welche den härtesten Fels knirschend bearbeiten. Von der Dampfkraft bewegt, schneiden Diamantbohrer in den Granit ein.

Da, wo die Corliß’sche Riesenmaschine sich aus der freien Rotunde erhebt, ist ein Annex an die Halle gebaut, welcher vorzugsweise die Bestimmung hat, hydraulische Maschinen aufzunehmen. Hydraulische Maschinen können bekanntlich ohne Wasser nicht gut in Bewegung gesetzt werden – es geht gegen ihre heiligsten Principien. Um ihnen daher die zu ihrer Bewegung unerläßlichen Quantitäten Wasser zuzuführen, hat man einen Teich in ihrer Mitte angelegt, welcher hundertsechszig Fuß lang, sechszig Fuß breit und zehn Fuß tief ist. Die ansehnliche Wasserfläche ist mit einem Geländer und einer Promenade umgeben, die in heißen Tagen sehr gern besucht wird. In das Bassin ergießt sich nämlich ein Wasserfall von vierzig Fuß Breite und fünfunddreißig Fuß Höhe. Die niederströmenden Wasser fallen in so großen Massen in das Bassin, daß hier die Wellen aufschäumen und die ganze Fläche in Bewegung geräth. Dabei fliegen die von den Dampfspritzen geschleuderten Wasserstrahlen hoch durch die Luft und senken sich dann wie wehende Silberschleier auf das Bassin nieder. Mit dem Rauschen der in den Teich stürzenden Wassermassen harmonirt vortrefflich das Brausen der mächtigen Gebläse, welche theils zum Hochofenbetrieb, theils zur Ventilation von Kohlenschachten dienen. Die Luft wird mit solcher Gewalt aus diesen Maschinen herausgetrieben, daß man das Brausen eines wirklichen Sturmes zu hören vermeint.

Am Ende der Gruppe hydraulischer Maschinen sind jene Elevatoren aufgestellt, welche sich auch jetzt bei uns in Deutschland Eingang verschafft haben. Bei der Schwere, die diese Aufzüge hatten, konnte man bisher befürchten, daß dieselben einmal durch das Reißen eines Seiles oder irgend eine Unvorsichtigkeit plötzlich niederstürzen könnten. Man hat nun vier über’s Kreuz laufende Klammern erfunden, welche sich sofort an die den Kasten umgebenden vier Balken anhängen, sobald der Aufzug nach unten sinkt. Der Fall wird somit durch die eigene Schwere des Aufzuges verhindert, denn diese drückt die Klammern an die Balken fest.

Fast nach demselben Princip wurde eine Maschine zum Einspannen großer Holzstücke, wie Thüren, Fenster und Bohlen construirt. Man legt den Gegenstand, der gehobelt oder ausgeschnitten werden soll, auf einen Rahmen drückt mit dem Fuße auf einen Hebel, und vier Eisenklammern umspannen gleichzeitig die Ecken des Holzes und halten sie fest. Derselbe Fabrikant, welcher diesen Rahmen erfunden hat, läßt auch eine Maschine arbeiten, welche mit der Kreissäge viereckige Löcher in der Weise in’s Holz schneidet, daß vier Sägen an den vier Seiten zu gleicher Zeit arbeiten. Dieselbe Maschine schneidet und stampft auch schwalbenschwanzförmige Einlässe aus.

Die Vervollkommnung derartiger Arbeitsmaschinen wird darum in Amerika rascher herausgefordert als bei uns, weil hier eine Massenfabrikation von Thüren und Fenstern stattfindet. In den Vereinigten Staaten denkt man in allen Dingen mehr an die Gegenwart als an die Zukunft; so baut man sich vorerst ein Haus, das billig ist, wobei man den Hintergedanken hat: Zu einem dauerhaften Gebäude wirst du es später auch noch bringen. Der Baulustige wendet sich nun betreffs seines Unternehmens nicht, wie das bei uns geschieht, an den Architekten, sondern an den Zimmermann, und dieser baut das Häuschen im Handumdrehen. Die Thüren und Fenster findet man bei einem Fabrikanten vorräthig, welcher sie nach Angabe der Größenverhältnisse, mit beliebiger Farbe bestrichen, einsendet.

Auch die Anfertigung von Kleidungsstücken geschieht hier selten auf besondere Bestellung. Hat man einen Anzug nöthig, so findet man in den großen Kleidermagazinen so ziemlich alles, was man wünschen mag. Es sind daher auch hier wieder die großen Fabriken, welche den Bedarf der Großstädter in Massenlieferungen decken. Selbstverständlich fordert eine Massenproduction die Anwendung vollkommener Arbeitsmaschinen, und man war auf die Erfindung einer Maschine zum Zuschneiden und Falten des Tuches bedacht. Diese Aufgabe hat ein Deutscher, Namens Albin Warth, den die Stürme des Jahres 1848 zwangen, das Brod der Verbannung zu essen, in überraschend vollkommener Weise gelöst. Er wendet nicht die Kreisscheibe zum Schneiden an, welche nur geradlinige Schnitte auszurichten vermag, sondern faßt die Tuche von oben und unten, legt sie wie mit einem Pfluge auseinander, sodaß nichts daran beschädigt werden kann, und schneidet jeden beliebigen Winkel mit seiner Maschine aus. Damit aber auch beim Zuschneiden der Strich des Tuches an die rechte Seite komme, hebt die Maschine die Tuchlagen um und legt sie, wie es sich gehört, aufeinander. Die Zuschneidemaschine Warth’s ist in den Militärschneiderwerkstätten

[544] der Unionsregierung sowie in mehr als hundert Privatwerkstätten eingeführt.

Derselbe erfindungsreiche Kopf hat eine Maschine zum Drechseln der Stahlfederhalter patentiren lassen, die sich in der ganzen Union und in vielen Staaten Europas Eingang verschafft hat; er fertigte ferner für die Faber’schen Bleistiftfabriken ein Maschinchen zum Spitzen und Abschneiden der Bleiftifte an. Albin Warth, dessen Maschinen zum Theil auf verschiedenen Ausstellungen prämiirt wurden, hat in Washington nicht weniger als siebenzig Erfindungen patentiren lassen, ein Erfolg, der selbst dem erfindungsreichsten Yankee imponiren muß.

Eine der bedeutendsten Gruppen bilden in der Maschinenhalle die Näh- und Stickmaschinen, obgleich die berühmte New-Yorker Firma Singer gar nicht hier ausstellte, sondern für ihre Producte einen eigenen Pavillon baute. Die Gruppe bietet ein äußerst anziehendes Bild, denn fast jeder Fabrikant war bestrebt, seiner Ausstellung einen möglichst eleganten Rahmen zu verleihen. Man glaubt da eher in eine Reihe glänzend ausgestatteter Salons als in eine Abtheilung der Maschinenhalle zu treten. Der Raum ist mit kostbaren Teppichen belegt; weiche Fauteuils laden zum Sitzen ein. Unter Glas und Rahmen sehen wir allerliebste Puppengesichter, welche die mit den Maschinen angefertigten Prachtstoffe zur Schau tragen. Während die Nähmaschinen surren, singt ein Kanarienvogel im goldenen Bauer sein Lied, und plötzlich hören wir sogar die rauschenden Accorde einer Beethoven’schen Sonate zu uns herübertönen. Die Firma Steinway in New-York hat nämlich einer Ausstellung ihrer Clavier-Rahmen und Clavier-Theile einen ihrer prächtigen Flügel beigesellt, auf welchem jeden Mittag concertirt wird.

Man hat in dieser Gruppe Gelegenheit, mehrere Nähmaschinen zu sehen, welche durch elektrische Batterien getrieben werden, und damit wäre scheinbar ein wichtiges Problem gelöst, denn bekanntlich untergraben durch das Treten der Maschine hunderte von Frauen ihre Gesundheit. Leider ist mit der elektrischen Batterie als Motor nichts gewonnen, denn der Verbrauch an Zink und Schwefelsäure für die Batterie kommt dem Werthe nach gerade dem Lohne der Arbeiterin gleich.

Eine der sinnreichsten Erfindungen der Neuzeit ist die Strickmaschine, welche Strümpfe in wenigen Minuten fix und fertig strickt, sodaß der Nadel nichts zu thun übrig bleibt, als mit netto sechs Stichen vorn die Spitze an der großen Zehe einzunähen. Welch ein Jubel wird da unter den kleinen Schulmädchen ausbrechen, wenn sie erfahren, daß ihnen als künftigen Müttern und Hausfrauen die Last des Strumpfstrickens erspart bleibt! Aber da ist immer noch das Stopfen der zerrissenen Strümpfe übrig, und wie lästig ist gerade diese Arbeit! Auch dafür ist bereits Abhülfe geschafft. Für zehn Thaler erwirbt jede Hausfrau sich jetzt eine Stopfmaschine, welche an „Fixigkeit“ die Hand um das Zehnfache übertrifft. Diesen Maschinen reiht sich auch eine Novität an, welche dem Manne seine Hosenträger, der Frau ihre Strumpfbänder liefert.

Von dieser Gruppe weiterschreitend, begegnen wir einer ganzen Reihe von Automatenmaschinen, deren Leistungen in Wahrheit überraschend sind. Da steht beispielsweise ein Maschinchen, dem von Zeit zu Zeit ein Kind eine Schippe voll Stecknadeln in den Schlund wirft, und das fleißige Maschinchen verschlingt diese Masse Stecknadeln, ordnet sie und steckt sie mit wunderbarer Genauigkeit auf eine Rolle Papier auf und giebt diese besteckten Papierstreifen, zu einem Knäuel aufgerollt, wieder von sich. Weiterhin ist eine Maschine da, welche Papierkragen ausschneidet, faltet und mit Knopflöchern versieht. Eine der schönsten Automatenmaschinen ist aber die, welche Broschüren faltet, sie mit einem Umschlage versieht und vollkommen gut gebunden zu einem Paquet von fünfundzwanzig Stück ordnet. Dieser Maschine führt ein Mädchen den Druckbogen, ein anderes den Umschlag zu, und so rasch die Beiden das Papier nur immer auflegen können, ist die gebundene und aufgeschnittene Broschüre fertig.

Beinahe wären wir an den Spulmaschinen vorübergegangen, und da stehen doch jene Maschinen zum Aufwickeln des Nähgarns, welche mit solch fabelhafter Geschwindigkeit die Spule rollen lassen, daß die meilenlangen Fäden sich so rasch aufrollen, wie nur die Arbeiterin zwei Fäden anlegen und abschneiden kann. Die Rotation der Spule ist eine so ungeheure, daß für unser Auge dieselbe vollkommen still zu stehen scheint. Und weiterhin reiht sich Maschinenwebstuhl an Maschinenwebstuhl, und wir sehen, wie aus dem Gewirre verschlungener Fäden ein Seidenband und der prächtigste Brocatstoff hervorgeht. Die Walthamfabrik für Taschenuhren zeigt uns, wie die Uhrtheile von der Maschine angefertigt und von der Menschenhand zusammengesetzt werden, Tapetenfabriken, wie sie ihre Papiere bedrucken, Ziegelfabriken, wie sie die Erde zerstampfen, mischen und zu Steinen auspressen, Glasfabriken, wie sie ihre Gläser anfertigen, und so geht es fort durch alle erdenklichen Fabrikationszweige.

Und nicht wenige Fabrikationszweige giebt es in Amerika, die wir Deutsche nur dem Namen nach kennen. So betreibt der Amerikaner die Eisindustrie in großartigem Maßstabe. Dutzende von Eisbereitungsmaschinen geben uns dafür Zeugniß, und weiterhin hat die Knickerbocker’sche Eiscompagnie eine Reihe von Eispflügen und Eisschlitten ausgestellt, um im Winter das Eis von den gewaltigen Strömen und Seen des Nordens mit Leichtigkeit ablösen zu können. Solch ein Eispflug hat zwölf hintereinander stehende sehr schmale Pflugscharen, greift tief ein und wird von einem Pferde gezogen. Die Knickerbocker’sche Eiscompagnie hat auch verticale Eisbohrer im Betriebe, welche kreisförmige Blöcke ausbohren, und eine Flotille von Eisschiffen, um die kühle Waare nach den Südstaaten zu verschiffen.

Damit der Leser diese Eisschiffe, welche nur Transportschiffe sind, nicht mit einem wirklichen Eisschiffe verwechsele, das vom Wind getrieben pfeilschnell auf der Eisdecke zugefrorener Gewässer dahinfliegt, will ich erwähnen, daß sich unter den schlankgebauten Ruderbooten und Seglern auch eine Eis-Yacht befindet, welche der Hudson-Eissegler-Club ausgestellt hat. Das Fahrzeug ist nach Art einer Schaluppe gebaut, soweit das Takelwerk in Betracht kommt, statt des Schiffsrumpfes aber hat es zwei Schlittenläufe, die weit von einander abstehen. Den Cours regulirt ein Eisruder, das sich nach Art eines scharfen Schlittschuhs in das Eis eingräbt. Ist die Eisfläche glatt und der Wind legt sich scharf in die Segel, so kann die geflügelte Eis-Yacht die englische Meile in einer Minute zurücklegen, eine Leistung, welche der unserer besten Courierzüge gleichkommt.

Eine sehr schätzenswerthe Erfindung ist jetzt seit zwei Tagen ausgestellt; es ist das ein Selbstkoppler. Ein halbrundes Oehr dringt beim Zusammenfahren der Wagen in eine Oeffnung, deren Mittelpunkt zwei aufeinanderstehende Zapfen bilden. Das Oehr stößt den untern Zapfen, der dem obern nur als Stütze diente, weg und der obere muß nun unfehlbar in das Oehr fallen und so die bewegliche Koppelung herstellen. Die Pennsylvania-Eisenbahn hat diesen Selbstkoppler bereits eingeführt, und wenn recht viele Bahngesellschaften dem guten Beispiele folgen, so wird mancher arme Eisenbahnbeamte vor dem Zerquetschtwerden behütet bleiben.

Vor der Maschinenhalle breitet sich ein blumenumkränzter See aus, und darüber hin tönt ein Schall, der die Luft zerreißt. Es ist ein helltönendes Nebelhorn, das die Leistungen der auf der Weltausstellung in Wien gehörten Nebelsignale tief in Schatten stellt. Der Erfinder des neuen Nebelhorns hat nämlich die vibrirende Zunge, welche der Dampf bewegte, leider aber auch bei zu starker Pression an die Seite legte, verworfen und eine rotirende Scheibe dafür eingeführt, welche den Dampf zerreißt. Der Ton des neuen Nebelhorns ist viel schriller und weittragender, und ein Witzbold meinte: „Diese Nebelsirene singt mit vierzigtausend Kuhkräften.“

Alles in Allem genommen, gewährt die Maschinenhalle ein interessantes Bild unserer modernen Industrie, und wir lernen erkennen, in welch hohem Maße Wissen und Erfindungsgabe die Menschenhand von den beschwerlichsten Arbeiten zu entlasten und gleichwohl die Productionsfähigkeit zu steigern vermögen. In dieser geistigen Strömung hat die Union allen anderen Culturvölkern einen Vorsprung abgewonnen.

Am 16. Juni hielt Professor Reuleaux, der General-Commissär der deutschen Ausstellung, im deutschen Regierungsgebäude eine kurze Ansprache an die Mitglieder aller Commissionen und erklärte, daß ihm der Kronprinz des deutschen Reiches aufgetragen habe, dem amerikanischen Volke seine Grüße zu überbringen und demselben zu sagen, daß er eine hohe Achtung habe vor der Industrie der Vereinigten Staaten und daß er hoffe und glaube, es würden fortan die Schlachten der Völker nur auf dem industriellen Gebiete geschlagen.

Laßt uns dazu von ganzem Herzen Amen sagen!



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Ihrem Inhalte nach lassen sich Gutzkow’s Schriften in folgende Etappen eintheilen:
    1) Autobiographisches: „Aus der Knabenzeit“, „Die schöneren Stunden“, „Lebensbilder“, „Rückblicke auf mein Leben“.
    2) Zeitgeschichtliches: „Öffentliche Charaktere“, „Säcularbilder“, „Zur Geschichte unserer Zeit“ etc.
    3) Literaturgeschichtliches: „Goethe im Wendepunkte zweier Jahrhunderte“, „Börne’s Leben“, eine große Anzahl maßgebender Kritiken, „Vermischte Schriften“, „Die kleine Narrenwelt“.
    4) Satirisches zur Geißelung geistiger Verirrungen und pathologischer Zustände unserer Zeit: „Maha Guru“, „Blasedow und seine Söhne“, „Die literarischen Elfen“ etc.
    5) Novellistisches: „Das Johannisfeuer“, „Der Wärwolf“, „Eine Phantasieliebe“, „Seraphine“, „Die Wellenbraut“, „Die Selbsttaufe“ und Alles, was im zweiten, dritten und vierten Bande der neuen Ausgabe der „Gesammelten Schriften“ steht.
    6) Reiseeindrücke: „Paris und Frankreich in den Jahren 1834 bis 1874“, „Aus Deutschland, der Schweiz, Holland und Italien 1832 bis 1873“.
    7) Größere Romane: „Die Ritter vom Geiste“, „Der Zauberer von Rom“, „Die Söhne Pestalozzi’s“, „Hohenschwangau“, „Fritz Ellrodt“.
    8) Zwanzig Dramen, darunter sieben Tragödien: „Uriel Acosta“, „Patkul“, „Philipp und Perez“, „.Pugatschew“, „Richard Savage“, „Wullenweber“, „Lisli“; sieben Lustspiele: „Das Urbild des Tartüffe“, „Zopf und Schwert“, „Der Königslieutenant“, „Fremdes Glück“, „Lenz und Söhne“, „Die Schule der Reichen“, „Lorbeer und Myrthe“; fünf Schauspiele: „Ella Rose“, „Ein weißes Blatt“, „Werner oder Herz und Welt“, „Ottfried“, „Der dreizehnte November“; ein tragikomisches Schauspiel: „Nero“.
    9) Dramaturgisches: „Ueber Theaterschulen“, und eine reiche Anzahl gelegentlicher Erörterungen über die Bühne.
    10) Philosophisches: „Philosophie der That und des Ereignisses“, „Denksprüche vom Baume der Erkenntniß“.
    11) Lyrisches, meist Ergüsse augenblicklicher Stimmungen.
    12) Epigrammatisches, noch bis in die neueste Zeit fortgehend in der „Deutschen Dichterhalle“.