Die Gartenlaube (1877)/Heft 16

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[257]

No. 16.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Aus gährender Zeit.
Erzählung von Victor Blüthgen.
(Fortsetzung.)


„Mensch,“ sagte Harro mit zornigem Gesicht zu dem Fabrikleiter, „Sie haben ein krankes, kraftloses Weib gemordet. Das vergebe Ihnen der Himmel, zu dem dieses Blut schreit!“

Bandmüller zuckte die Achseln. „Wozu sich echauffiren?“ meinte er gleichmütig. „Sie sehen, daß dieses Geschöpf ohnehin dem Tode verfallen war. Ich verstehe nicht, weshalb ich mich von dem wahnsinnigen Weibe wie ein Osterlamm abstechen lassen sollte; habe ich etwa nicht Grund gehabt, Nothwehr zu üben?“

„Weshalb haben Sie sich nicht damit begnügt, ihr den Dolch zu entreißen?“ fiel der Friese entrüstet ein.

Urban hatte den Kopf ein wenig erhoben und zu der am Boden Liegenden hinüber geblickt; jetzt sah er finster auf und sprach mit Anstrengung: „Vielleicht war dieses Weib doch nicht wahnsinnig. Sagten Sie nicht gestern erst, daß Sie einmal ein Abenteuer mit einer Zigeunerin gehabt hätten? Uebrigens liege ich hier als Gast und Pflegling derselben Familie, zu welcher auch jene Frau gehörte. Mir hat die Familie das Leben gerettet, und der Mann, welcher mich hier aufsucht, ermordet eines ihrer Glieder. Eine solche Erfahrung ist ohne Zweifel sehr geeignet, diese Leute zu weiteren Thaten der Menschenliebe anzufeuern. Ist dies dieselbe Zigeunerin, zu der Sie einst Beziehungen hatten?“

„Ich habe nichts von einer Aehnlichkeit bemerkt,“ erwiderte Bandmüller. „Was geht mich die alte Geschichte an? Ich bleibe dabei, daß ich mich im Stande der Nothwehr befunden, und muß es für verzeihlich halten, wenn ich derber zugefaßt habe, als vielleicht nötig war.“ Er sprach das so keck, aber in seinen Blicken blinzelte doch ein wenig Unsicherheit. „Wollen Sie mich begleiten, Herr Harro? Wir haben keinen Augenblick zu verlieren, wenn wir zu rechter Zeit in der Stadt sein wollen.“

Der Friese sah mit gerunzelten Brauen vor sich hin. „Gut, sagte er endlich. „Aber seien Sie überzeugt, daß ich Sie als einen Schandfleck für unsere Sache betrachte und daß ich Sie nur neben mir dulde, weil man die Hunde zur Jagd nicht entbehren kann. Sind Sie hiernach noch Willens, mir als Adjutant zu dienen?“

„Warum nicht?“ lachte Bandmüller gezwungen auf und sah mit tückischen Augen zur Seite. „Ein guter Jagdhund läßt sich prügeln ohne zu beißen und begnügt sich mit dem Trost, daß von der Jagdbeute einige Stückchen für ihn abzufallen pflegen.“

„Sie scheinen nicht an einem Uebermaß von Ehrgefühl zu leiden,“ sprach der Hüne und sah von oben herab halb verächtlich, halb verwundert auf den Fabrikleiter. „So kommen Sie! Auf Wiedersehen, Herr Doctor!“

„Einen Augenblick noch!“ rief dieser dem Abgehenden nach.

Der Friese kehrte um und trat an sein Lager.

„Ich kann hier nicht bleiben,“ sagte Urban. „Haben Sie die Güte, den Wirth in der Erlenfuhrt zu veranlassen, daß er mich in sein Haus schaffen läßt. Da die Chaussee, wie ich hoffe, noch heute unpassirbar wird, so muß ich wohl oder übel in dessen Hause liegen, bis mich meine Füße wieder tragen werden. Vielleicht habe ich morgen schon die Kraft hinüberzukommen. – Was den Aufstandsversuch betrifft, an dessen Spitze Sie treten werden, so – nun, so ist er mein Werk allein, gegen das Wissen Hornemann's und der übrigen Häupter unserer Partei vorbereitet, um diese zaghaften Seelen durch die vollendete Thatsache zu überraschen und in die Action zu reißen. Sie erinnern sich jener Nacht, in welcher Sie der Einzige waren, der mit mir die Idee verfocht, daß es an der Zeit sei, über den Rubikon zu gehen. Wohlan, der Aufstand ist in diesem Augenblick unvermeidlich, und da Jemand ihn leiten muß, wenn er zu dauernder Frucht führen soll, so werden Sie, wenn ich Sie recht kenne, sich nicht weigern, an meiner Stelle der Cäsar dieser Leute zu werden.“

„Bei allen Sünden der Tyrannei, Sie sollen sich in mir nicht getäuscht haben!“ rief der Friese.

„Noch Eins,“ fuhr Urban matt fort, „behalten Sie diesen Bandmüller scharf im Auge! Er ist ein Schuft, das ist mir vollkommen klar, und nicht erst seit heute.“

„Warum haben Sie sich mit ihm eingelassen?“

Eine leichte Röthe färbte das blasse Gesicht des Doctors. „Er ist brauchbar, und jeder General hat seine Spione.“

Harro nickte ihm zu, warf noch einen Blick voll tiefen Mitleids auf die todte Zigeunerin und verließ das Zelt.

Er ging schweigend und in Gedanken versunken neben Bandmüller her durch den feuchten, tropfenden Wald. Am Saume desselben schüttelte ein häßlicher, kalter Wind die Wipfel und schleuderte die Nässe von den Blättern über die Beiden; am Himmel jagten schwere, tiefgehende, zerfetzte Regenwolken unter einer einförmigen, nebelgrauen Decke. In der Nähe der Brücke begegneten die Beiden den zurückkehrenden Zigeunern, und zu Hause angelangt, ertheilte Harro dem erstaunten Wirth in geflügelten Worten die nöthigen Weisungen wegen der Ueberführung Urban’s, gab ihm seine Habseligkeiten in Verwahrung und händigte ihm ein in der Eile geschriebenes Billet an Milli ein.

Der Wagen fuhr vor; die Beiden stiegen ein, und fort ging es, der Stätte der Aufregung und Verwirrung entgegen. Bandmüller [258] fing aus freien Stücken an, ein Bild der Lage in der Stadt zu entwerfen, bis der Regen plötzlich mit solcher Gewalt auf das Verdeck und an die Fenster des geschlossenen Fuhrwerks zu prasseln begann, daß sich jener zum Schweigen verurtheilt sah.

Zehn Minuten später standen die beiden Mädchen vor dem Billet des blonden Friesen und studirten die großen, krausen Schriftzüge mit fliegendem Athem und heißen Wangen. Toni’s Augen zeigten die Spuren der durchwachten Nacht mit ihren furchtbaren Erschütterungen; sie waren dunkel umflort. Und doch glänzten die schwarzen Sterne in unaussprechlicher Seligkeit, als die Freundin das Papier auf die Erde fallen ließ und, ohne ein Wort zu sagen, die Hände faltete und den Blick durch das Fenster hinaus schweifen ließ, ziellos und verloren.

„Milli, liebe Milli, Gott ist barmherzig gewesen,“ sagte sie; ihre Stimme zitterte vor Glück, und sie fing leise zu schluchzen an, als sie ihr Haupt am Busen der Freundin barg und diese umfaßte. So standen sie ein Weilchen, bis Toni sich aufrichtete und mit dem Tuch über die Augen fuhr.

„Ich will Johannes schicken, daß er ihn zum Wirthe schaffen hilft. Er muß anspannen und bis an die Brücke fahren. Ich bin gleich wieder bei Dir.“

Als sie das Zimmer verlassen hatte, glitt Emilie Hornemann auf den Boden nieder und barg ihr Gesicht in den Armen, welche sie auf einem Stuhle kreuzte. „Herr des Himmels, schütze mich vor den Stunden der Versuchung!“ flüsterte sie vor sich hin; „schütze mich vor meinem eigenen Herzen! Ich will thun, was eines Menschen Kraft vermag – das gelobe ich.“

Sie erhob sich endlich, denn sie hörte den leichten Schritt Toni’s vor der Thür.

„Ich habe ihm den Wagen zur Verfügung stellen lassen für den Fall, daß er nach der Stadt fahren möchte,“ sprach diese im Hereintreten. Ihre Stimme hatte etwas Gedämpftes, und ihr Wesen athmete eine stille Verschämtheit. Sie blieb eine Weile mit niedergeschlagenen Augen vor Emilie stehen, welche ihr, wie mechanisch, kosend die Wangen streichelte, bis sie die Veränderung an der Freundin bemerkte und innehielt.

„Was ist Dir, Toni?“

Diese erröthete bis an die Schläfe hinauf und in ihren Blicken, die sie auf die Fragerin richtete, verschmolz die kindlich hülflose Verlegenheit mit rührendem Bitten.

„Ich habe es doch nun Jemandem gesagt, was Niemand erfahren sollte, nämlich daß ich ihn lieb habe. Was wirst Du nun von nur denken, Milli? Eigentlich ist es ja doch schrecklich, einen Mann zu lieben, mit dem eine Andere verlobt ist.“

„Ich bin aber nicht mehr mit ihm verlobt –“

„Nein, entschuldige mich nicht aus lauter Gutmüthigkeit! Ich hatte ihn damals ebenso lieb, wie Ihr es noch waret. Ich habe es freilich vor aller Welt versteckt und vor ihm am allermeisten; ich hätte mich todt geschämt, wenn Jemand etwas davon gemerkt hätte. Verzeihe mir, liebe Milli! Ich kann ja nichts dafür, daß mein Herz so dumm war und immer hoch aufschlug, wenn ich ihn gesehen habe. Und nun bitte ich Dich um Eins: verrathe keiner Seele eine Silbe! Lieber will ich sterben, als daß er glauben könnte, ich wollte mich ihm aufdrängen, während er gar nichts von mir wissen will. Denn ich sehe nun deutlich, daß er Dich über alle Maßen liebt, weil er um Deinetwillen selbst den Tod gesucht hat. Nicht wahr, Du gelobst mir ewiges Stillschweigen?“

„Sei ruhig!“ erwiderte Milli, indem ein flüchtiges Lächeln auf einen Augenblick ihr schönes, schwermüthig-ernstes Gesicht verklärte. „Was wir in dieser Nacht mit einander durchlebt haben, ruht in meiner Brust wie zehn Fuß tief unter der Erde in einem Sarge.“ – –

In dem Zigeunerzelte war Urban inzwischen, sobald Harro ihn verlassen hatte, mit geschlossenen Augen wie todt zurückgesunken. Die gewaltsam aufgerüttelten Nerven versagten plötzlich den Dienst; das klare Bewußtsein machte einem Zustande Platz, in welchem die Geräusche der nächsten Umgebung wie aus weiter Ferne an sein Ohr schlugen. Er dachte nichts, und er wollte nichts. Er vernahm abgerissene Klagelaute, als ob sie der Wind zu ihm herüber trüge, und doch erschollen sie in seiner unmittelbaren Nähe, wo das braune Zigeunerkind sich schluchzend und jammernd über die Leiche der Mutter geworfen hatte und deutsche Brocken – es waren klagende Worte – mit den seltsamen Lauten der Sprache ihres Volkes mischte.

So lag er minutenlang, bis es allmählich in seinen Sinnen wieder heller ward. Er hörte deutlich die Stimmen der beiden Zigeuner, und ein leiser Schauer durchrieselte ihn, als der jüngere in ein unarticulirtes Geheul ausbrach, welches er stoßweise von sich gab. Dazwischen erzählte die schreiende Stimme des Mädchens und klang grollend die dumpfe Sprache des Alten.

Plötzlich wachte er von der Berührung seiner Hand auf, welche Jemand gewaltsam in die Höhe riß. Er sah mit müden Augen, daß es der junge Bursche war, der den Dolch in der Hand hielt und damit auf die andere Seite des Zeltraumes hinüber deutete. Aber er empfand keine Regung von Furcht oder Schrecken, sondern die vollkommenste Gleichgültigkeit. Seine Augen erfaßten nur noch, wie die braune Juschka auf einmal hinter dem Burschen stand und demselben den Dolch aus der Hand riß, und wie halbnackte Kinder neben dem Zeltvorhange herein schlichen – dann schlossen sie sich wieder. Zugleich ließ der Zigeuner seinen Arm fahren, daß derselbe schlaff hernieder glitt, und trat scheltend von ihm weg.

Auf’s Neue kam Dämmerung über ihn, und wieder ermunterte er sich nach einiger Zeit. Ein summender Ton war es, der ihn auf eine Minute seiner Lethargie entriß, und als er in der Richtung hinsah, aus der dieser Ton kam, erblickte er das Zigeunermädchen neben der wieder auf ihr Lager gebetteten Todten auf der Erde kauernd; um sie herum saßen die Kinder, denen sie in ihrer eigenthümlichen Manier eine Art Todtenklage vorzurecitiren schien. Die Männer waren aus dem Zelte verschwunden.

„Daß die Sonne sich verfinst’re nicht,
Schwarze Erde deckt auf ihr Gesicht!
Böse Krankheit schickt der blut’ge Mond,
Wenn er sie beschaut mit seinem Licht.
Eine Pappel mit den Wurzeln nehmt –“

Weiter hörte er nichts deutlich.

Später fühlte er etwas warm auf sein Antlitz tropfen und sah die weinenden Augen der Zigeunerin dicht über sich.

„Wacht auf, Herr! Sie kommen, Euch zu holen. Die arme Juschka muß Euch Lebewohl sagen.“

Er ließ es geschehen, daß ihm das Mädchen die Hand mit Küssen bedeckte, bis sie endlich aufsprang und auf die andere Seite des Zeltes flüchtete.

Drei Männer traten ein, der Wirth und sein Knecht, außerdem ein fremder Knecht. Der Wirth begrüßte den Doctor und breitete ein Plantuch auf den Boden.

„Bis über die Brücke müssen wir Sie tragen; dort hält das Fuhrwerk.“

Sie hoben den schweren Mann auf und legten ihn auf das Tuch; dann trugen sie ihn, zu Dreien wechselnd, den Waldweg hin und erreichten den Wagen, noch ehe der Regen losbrach.

„Ah!“ sagte Urban, als er plötzlich Johannes und das Gefährt des Commerzienrathes neben sich sah, „wer hat Sie mir zur Hülfe geschickt? Ihr Fräulein?“

„Ja wohl, Herr Doctor. Sie läßt fragen, ob Sie vielleicht gleich in die Stadt fahren wollten.“

Urban gab keine Antwort. Er saß schlaff und schwerfällig, das Leintuch um sich gewickelt, neben dem Wirth; der Wagen wiegte ihn sanft in den schwanken Federn bis an das Wirthshaus. Hier sprang Johannes vom Bocke, drängte die Männer zurück, die schon in den Regen hinausgestiegen und im Begriffe waren, den Doctor hinauszuheben, und wiederholte seine Frage, ob er gleich zur Stadt fahren sollte.

„Sagen Sie Ihrem Fräulein,“ meinte Urban, „wenn sie sich entschließen könnte, mich als barmherzige Schwester zu begleiten; nur dann würde ich den Wagen benutzen.“

Johannes sah ihn verwundert an, übergab die Zügel dem einen Knecht und ging zwischen die Gärten. Endlich kam er wieder und steckte sein vom Regen triefendes Gesicht zum Wagenschlag hinein.

„Das gnädige Fräulein meinte, es thäte ihr sehr leid, aber es ginge nicht, wegen des Geredes der Leute. Sie möchten ihr das nicht übel nehmen und ohne sie fahren.“

Um den Mund des Doctors zuckte ein bitteres Lächeln. „Es scheint mit der Größe ihres Erbarmens nicht viel auf sich gehabt zu haben. Und nun bringen Sie mich in eines Ihrer Betten, Herr Eckermann! Ich werde Ihnen oben sagen, was mir noth thut; ich muß eine Kopfwunde haben. Ich lasse Ihrem Fräulein danken, Johannes.“



[259]

15.

Als der Wagen, in welchem Harro und Bandmüller saßen, zwischen den ersten Häusern der Stadt hinrollte, lüftete der Letztere ein wenig das Wagenfenster auf seiner Seite, denn es war nicht möglich, durch die regengepeitschten Scheiben etwas zu sehen. Ein paar Fahnen, deren Anblick die Beiden im Vorüberfliegen erhaschten, gewährten einen kläglichen Anblick; der Wind hatte sie wie Stricke zusammengedreht und theilweise über den Stock geschlagen. Die wenigen Menschen, welche sich auf der Straße befanden, verbargen sich unter Regenschirmen und zeigten in ihrer Haltung eher das Bestreben, unter Dach und Fach zu kommen, als den herausfordernden Muth eines Soldaten der Freiheit, welcher den Kampf erwartet.

„Nichtswürdiger Regen!“ brummte der Fabrikleiter verdrießlich und schloß das Fenster wieder. „Wenn das so weiter gießt, stehe ich für nichts.“

„Eine Revolution mit Regenschirmen – das wäre allerdings etwas Neues,“ fügte Harro hinzu und verlor einen Augenblick den strengen Ernst aus dem Gesicht.

Die Fahrt durch die Stadt wollte kein Ende nehmen. Bandmüller rutschte ungeduldig von einem Fenster zum andern, aber nur die vermehrte Helligkeit des einfallenden Lichtes verriet zuletzt, daß sie in’s Freie gelangten. Noch einmal öffnete jener; sie fuhren auf der Chaussee, und vor ihnen lag ein Wiesenstreif, der sich bis zum Flusse erstreckte; dort ragte der Triumphbogen vor der mit Grün bedeckten Brücke empor; unter ihm standen, Kopf an Kopf gedrängt, so viel Menschen, wie zwischen den grünen Pfeilern Platz fanden. Etwa dreißig Personen bewegten sich, zum Theil mit Schirmen über sich, auf der Wiese, viele davon sichtlich im Begriffe, zur Stadt zurückzukehren. Ein paar Männer, an denen der Wagen vorbeifuhr, neigten sich spähend zu demselben herüber, und Bandmüller ließ hastig das Fenster vollends hernieder und steckte den Kopf in den Regen hinaus.

„Hier bleiben!“ rief er. „Wir kommen.“

„Es wird nichts, Herr Bandmüller!“ tönte es zurück. „Das kann kein Mensch aushalten.“

„Es muß etwas werden!“ brüllte Bandmüller wieder. „Kutscher, halt, halt!“

Der Wagen hielt, und der Fabrikleiter sprang hinaus und rannte auf die wartenden Männer zu.

„Seid Ihr des Teufels? Wollt Ihr die Schande auf Euch nehmen, daß man am ganzen Rhein hinunter und vielleicht in der ganzen Welt sagt, Ihr hättet keine Revolution zu Stande gebracht, weil Ihr Euch vor dem Regen gefürchtet hättet, als ob Ihr von Zucker wäret? Lauft in die Stadt, trommelt zusammen, so viel Ihr könnt! Und wenn es Euch die Kleider in Stücke regnet! Es giebt neue in der Stadt, die besser sind.“

„Ist der Herr Doctor mitgekommen?“

„Der ist krank, aber er schickt Euch Jemanden, der ebenso gut ist wie er. Wollt Ihr, oder wollt Ihr nicht?“

„Ja ja – probiren wollen wir es schon.“

„Aber nur schnell, darauf kommt Alles an!“

Bandmüller kehrte in eiligen Sätzen zum Wagen zurück. „Vorwärts zur Brücke!“ rief er im Einsteigen. Die Pferde lenkten auf einen Fahrweg ein, der quer über die Wiese führte, und bald nachher hielten sie, umdrängt von Menschen, vor den grünen Säulen des Bogens.

„Ein Hurrah für Herrn Bandmüller!“ riefen einige Stimmen. „Wen haben Sie denn da mitgebracht? … Ist der Doctor drin?“

„Hier ist Herr Harro, ein berühmter Mann, den uns der Doctor als Anführer mitschickt, weil er in der Erlenfuhrt krank liegt; er ist die Nacht mit einem Kahne in den Fall gerathen und halb todt davon gekommen. Wo sind die Anderen? Warum habt Ihr sie nicht gehalten? Wo sind Eure Sachen geblieben?“

„Das Zeug liegt dort auf einem Haufen,“ antwortete ein Mann über die Seite deutend, und als Bandmüller ihn ansah, erkannte er Sebulon Trimpop, dessen Gesicht halb in einer dicken Winterkappe mit Ohrlappen stak.

„Platz für Herrn Harro, Platz für den General!“ ertönte es, als die imposante Gestalt des Friesen aus dem Wagen stieg, und eine Gasse öffnete sich in die Halle des Bogens. „Das ist der Richtige! Ein Hoch für unsern General!“

Dreimal scholl das Hoch, aber es hallte nicht weit in die dicke Regenluft hinaus. Harro nahm seinen Hut vom Kopfe und seine blauen Augen musterten die Schaar.

„Leute,“ sagte er mit tönender Stimme, „hundert Menschen bringen hier keine Revolution zu Stande; wir haben wenigstens die zehnfache Zahl nöthig, um die einfachsten Anstalten zu treffen. Die Hälfte von Euch muß zur Stadt, um Zuzug zu schaffen, wenn solcher zu haben ist. Freiwillige vor!“

Ein Drittel der Anwesenden stürzte in den Regen hinaus; eine weitere Anzahl schloß sich auf die Mahnung Bandmüller's denselben an; dieser blickte auf die Uhr und rief ihnen nach: „Ich gebe Euch kaum eine halbe Stunde Zeit. Es wird gleich das erste Mal läuten.“

Und plötzlich klang auch das erste Anschlagen von Glocken; andre fielen ein; es summte und brummte und dröhnte, aber gehemmt und stumpf und als hingen die ehernen Mäuler eine Stunde entfernt. Das Prasseln des Regens blieb so vernehmlich wie zuvor.

Die Zeit verging; Harro sprach mit Bandmüller und gab einige Anordnungen, aber das zusammengeschmolzene Häuflein, welches sich um keine Seele vermehrte, gerieth allmählich in eine immer gedrücktere Stimmung. Die himmlischen Wasser machten allmählich einen wolkenbruchartigen Eindruck, und der Wind wehte stärker.

Ein kurzer Krach – und ein schwerer Gegenstand sauste dicht vor den zurückdrängenden Männern auf die Wiese: es war die große schwarz-roth-goldene Fahne. Die Stange mochte nicht völlig tactfest gewesen und das durchnäßte Tuch schwer genug geworden sein, um einem Windstoße bequemes Spielzeug zu gewähren. Die Leute murmelten unter einander; der Aberglaube zog seine Schlüsse.

„Geben wir's auf! sagte Harro finster.

Bandmüller stieß einen schweren Fluch aus. „Die Bauern sind ohnehin heute Morgen nicht gekommen. Aber ich habe in der vergangenen Nacht Leute in die Provinz hinaus geschickt; sie werden überall ausposaunen, daß heute hier Alles in hellen Flammen stünde.

„Sie werden so vernünftig sein, in irgend einem Wirthshause zu sitzen und den Mund zu halten,“ erwiderte Harro. „Verschieben wir die Sache! In solchem Gusse brennt kein Feuer.“

„Wir haben lange genug auf eine Gelegenheit warten müssen; sie kommt gerade so oft wie eine Sonnenfinsterniß.“

Die Glocken fingen wieder zu läuten an, und gleichzeitig schien es, als wollte der Regen etwas nachlassen.

„Da haben wir’s,“ knurrte Bandmüller giftig; „es ist neun Uhr.“ Er trat einen Schritt hinaus und ballte beide Fäuste in den Himmel hinein.

Harro betrachtete ihn kopfschüttelnd und wandte sich dann um. „Ich will verdammt sein, wenn mir je so etwas von einer Aehnlichkeit vorgekommen ist. Ich muß mich doch einmal näher nach der Vergangenheit des Burschen erkundigen,“ sprach er zwischen den Lippen.

Auf dem Wege jenseits der Brücke wurde ein Wagen sichtbar, dem sich die allgemeine Aufmerksamkeit zuwandte.

„Das ist einer von unsern Wagen,“ rief eine Stimme, „das sind sie.“

„Sie sind ja in zwei Wagen hinausgefahren,“ lautete eine Entgegnung.

Das Fuhrwerk schlich langsam über die Brücke, und Alles stürzte hinaus, die Ankunft erwartend.

Pferde und Kutscher trieften. Der Wagen war leer.

„Wer ist hier der Oberste?“ fragte der Kutscher und zog einen Brief aus der Tasche.

Ein Dutzend Hände streckten sich nach dem Papier, und man brachte es zu Harro. Während dieser das Siegel erbrach, wandte der Rosselenker um und fuhr wieder davon.

Die Neugier war auf's Höchste gereizt.

„Leute,“ sprach der Friese verdrießlich und ließ das Papier sinken, „der Abgeordnete ist bis jetzt noch nicht angelangt; warum, das weiß man nicht zu sagen. Ihr sollt nach Hause gehen; ein Bote wird die Nachricht herbringen, sobald der Herr in Bramkerken eintrifft. Nun – vielleicht ist doch ein Glück dabei,“ [260] fügte er, sich an Bandmüller wendend, hinzu. „Es wäre ja möglich, daß inzwischen dieser elende Regen aufhörte und das Volk in der nöthigen Zahl sich einfände. Uebrigens wundert mich doch, daß keine Polizei hier umher spionirt.“

„Der sind hier so ziemlich die Hände gebunden,“ lachte der Fabrikleiter.

Sie gingen schnellen Schrittes über die Wiese; um sie herum rannte und stolperte es, und der Triumphbogen war im Nu völlig verlassen. Die Glocken läuteten noch, als sie schon zwischen den Häusern hingingen.

Plötzlich hörten sie eilige Schritte hinter sich, und der Friese fühlte sich am Rockschoße erfaßt. Als er sich umwandte, erblickte er einen jungen Burschen, der sich ganz außer Athem gelaufen hatte.

„Nun?“ fragte Harro erstaunt.

„Sie möchten einmal mitkommen, Herr. Dort unten in einem Hause ist Jemand, der auf Sie wartet.“

„Auf mich? – Gehaben Sie sich einstweilen wohl, Herr Bandmüller. Ich werde von hier aus in den Wiedenhof gehen, sobald ich mit dem Unbekannten gesprochen.“

Er winkte dem Fabrikleiter nachlässig mit der Hand, der ihm einen Blick voll tödtlichen Hasses nachsandte, danach aber begann diesen die Neugier zu stacheln. Er kehrte gleichfalls um und sah den Friesen mit dem Burschen zuletzt in ein gewöhnliches Wirthshaus treten. Als er wie zufällig sich der Thür dieses Hauses näherte, fuhr er wie von einer Natter erschreckt zurück.

Im Hausflure standen zwei Polizeibeamte mit blanker Waffe.

Er eilte mit großen Schritten ein Stück die Straße hinauf, in deren Pfützen und Gossen der Regen Blasen trieb.

„Himmel und Hölle,“ fluchte er, „das ist sicher ein Stückchen von Donner. Und dabei kann ich ohne diesen Goliath nichts anfangen. Jetzt ist Alles aus, rein aus. – Ich kümmere mich um nichts mehr. Halt! Vielleicht – ich könnte die Leute das Fuchseisen aufbrechen lassen. Versteht sich; an den Anfang gehört ohnehin ein Bastillesturm. Alter Freund von Chicago, verschwinden sollst Du, denn es wäre doch möglich, daß ein gewisser armer Teufel in Deinem Gedächtnisse auftauchte, der mir ähnlich sieht. Aber vorläufig bist Du noch nicht zu entbehren. Ein schöner Tag, der mir die verrückte Zigeunerin und den Mann da auf einmal in den Weg führt! Dem Zufall ist wahrhaftig nicht zu trauen“ –

Der Friese war von dem Burschen, der ihn geführt, in der leeren Gaststube allein gelassen worden; sie lag auf der Hofseite. Als sich längere Zeit Niemand hatte blicken lassen, öffnete er die Thür zu einem Nebenzimmer, in dem er ein Geräusch vernahm.

Vor ihm standen zwei Männer in Polizeiumform, und zwei Klingen blitzten ihm auf einmal entgegen.

„Zurück!“

Der Hüne maß die beiden Wachtmeister mit verächtlichem Blicke.

„Elende Schergen, glaubt Ihr, daß ich mich vor diesen Federmessern – –“

Eine Hand legte sich hinten auf seine Schulter. „Im Namen des Gesetzes – Sie sind mein Gefangener, Herr Harro – ich weiß, daß Sie so heißen. Versuchen Sie keinen gewaltsamen Widerstand! Ich habe Leute genug, um ihn zu brechen.“

Es war Donner, der den Friesen triumphirend fixirte.

Im Nu hatte dieser den Commissar ergriffen und schüttelte ihn mit Riesenkraft in der Luft. „Kommt her, Gesindel! Mit dieser Keule hier schlage ich Euch die Bratspieße aus den Händen,“ wandte er sich an die Wachtmeister, die entsetzt zurücktraten.

Ein Pfiff, und ein halb Dutzend Beamte standen hinter dem gereizten Löwen. Als er sich umsah, gewahrte er mehrere Pistolen im Anschlag.

„Viel Hunde sind des Hasen Tod,“ sagte er bitter lachend, indem er den Commissar auf die Füße stellte.

„Ich lasse Sie krumm schließen,“ rief dieser.

„Unterlassen Sie das lieber, wenn Sie unangenehmen Weitläufigkeiten vorbeugen wollen!“

„Ihr wartet und haftet mir für den Gefangenen. Ich werde Verstärkungen schicken; der Mann bleibt bis zur Dunkelheit vorläufig hier. Wer wagt es, zu lachen?“

Die Gesichter der Leute wurden plötzlich ernst, bis der Abgehende die Thür in’s Schloß geschmettert hatte; dann fielen ein paar sehr wenig ehrerbietige Bemerkungen. Der Friese nahm fortan von seinen Wächtern nicht die mindeste Notiz. Er zog einen der rohen braungestrichenen Wirthstische an das Fenster, nahm auf demselben Platz und blickte, den Kopf voll unruhig schweifender Gedanken, auf den trüben, schmutzigen Hof hinaus, in dem die Regenstrahlen sich kreuzten.

Woher dieser unerwartete Anschlag auf ihn allein? Was mochte nun den Tag über sich abspielen, während er hier saß, ein Gefangener?

Er beobachtete den Himmel, sehnsüchtig nach den lichteren Stellen zwischen den Wolken spähend, um an einem Stückchen Himmelsblau die Hoffnung auf besseres Wetter zu entzünden. Aber die Wolken kamen in ununterbrochener Folge wüst und schwer; sie kamen aus der Richtung der Erlenfuhrt. Und seine Gedanken sprangen wie Blitze von Wolke zu Wolke, weiter und weiter, bis sie plötzlich niedersanken zu der schönen, ernsten Schwester Karl Hornemann’s – zu ihren Füßen. – –

Der Abend kam, und das Wetter war fast unverändert das nämliche geblieben. Von Bramkerken war kein Bote gekommen; die Physiognomie der Stadt war von derjenigen, welche sie unter den nämlichen Witterungsverhältnissen zu anderer Zeit trug, kaum verschieden. Selbst die Wirthshäuser waren nicht auffallend gefüllt; es war in der That, als ob der Regen das Feuer gedämpft, als ob der Rausch unter Einwirkung der kalten Güsse einer völligen Ernüchterung Platz gemacht hätte. Von dem Feste der Union war selbstverständlich keine Rede; was aus den Vorbereitungen geworden, konnte man von der Stadt aus nicht sehen, denn die Berglehne war den ganzen Tag in Nebel gehüllt. Mit Einbruch der Dunkelheit gewann es den Anschein, als wollte der Himmel sich klären. Das Gewölk wurde lichter und ließ den Mond oder ein paar Sterne hindurchblicken.

Es war einige Stunden nach Mitternacht. Der Friese lag auf seiner Matratze in der Zelle des Fuchseisens, in welche man ihn während der Dunkelheit übergeführt hatte – der nämlichen, welche einst Franz Zehren bewohnt hatte – in festem, gesundem Schlafe. Er hörte nicht, wie das Thürschloß leise klirrte, und sah nicht, wie sich eine Männergestalt, mit einer Blendlaterne in der Hand, leise auf ihn zu bewegte. Erst als der Schein des Lichtes ihm ein paar Secunden lang voll auf die geschlossenen Lider gefallen war, begann er zu blinzeln und schlug endlich die Augen auf.

„Halloh, was ist das?“ sagte er und sprang, eine übergelegte Decke von sich streifend, rasch auf die Füße.

„Schweig’!“ flüsterte es dringend. Harro erkannte mit äußerstem Erstaunen Karl Hornemann.

(Fortsetzung folgt.)




Album der Poesien.
Trauer.


Blumen, Vögel, duftend, singend,
Seid doch nicht so ausgelassen,
Ungestüm an’s Herz mir dringend;
Laßt allein mich zieh’n die Straßen!

Vieles ist vorübergangen,
Seit wir uns zuletzt begegnet,
Und es hat von meinen Wangen
Meines Glückes Herbst geregnet.

Winter kam hereingeschlichen
In mein Herz; die Thränen starben,
Und schneeweiß sind mir verblichen
Alle grünen Hoffnungsfarben.

Blumen, Vögel, rings im Haine,
All ihr frohen Bundsgenossen,
Mahnt mich nicht, daß ich alleine
Bin vom Frühling ausgeschlossen!

Nicolaus Lenau.
[261]
Die Gartenlaube (1877) b 261.jpg

„Mahnt mich nicht, daß ich alleine
Bin vom Frühling ausgeschlossen.“

Nach seinem Oelgemälde auf Holz übertragen von Toby E. Rosenthal.

[262]
Die Sprache der Insecten.
Bewußtsein im Thier. – Gerechtfertigte Fabeldichter. – Die Sprache der Ameisen. – Unterhaltungen und Berathungen der Bienen. – Käfergespräche.

Instinct oder Verstand und bewußter Wille? So lange es ein menschliches Denken giebt, ist diese Frage in Bezug auf das Sein und Bewegen, die Fähigkeiten und Lebensäußerungen der Thiere ein Gegenstand eingehender Erörterungen gewesen. Aber erst von der modernen Naturwissenschaft sind diese Untersuchungen durch scharf geführte Beweise, durch umfassende Beobachtungen und Forschungen zu Gunsten des Verstandes gegen die hergebrachte Annahme eines Instincts entschieden worden, so weit man unter Instinct die zweckmäßig, aber ohne Bewußtsein und Ueberlegung wirkende Verrichtung einer Maschine versteht. Es kann nichts Fesselnderes geben, als den Gründen nachzugehen, welche zu dieser in geistiger und sittlicher Hinsicht überaus wichtigen Entscheidung geführt haben. Auf den ersten Blick freilich werden dem Neuling die dabei ihm offenbarten Thatsachen aus dem seelischen Leben der Thiere so fabelhaft und unglaublich erscheinen, daß er Erzeugnisse dichterischer Phantasie vor sich zu haben glaubt. Fehlt es ihm aber nicht an einiger Ausdauer und Empfänglichkeit, so muß er unter Anderm allmählich gewahr werden, wie die betreffenden Enthüllungen nicht dem Gehirne eines Einzelnen entsprungen, sondern in meistens – so weit es die Hauptpunkte betrifft – übereinstimmender Weise von den verschiedensten, zum Theil geistig hervorragendsten Menschen, an den verschiedensten Orten und zu den verschiedensten Zeiten auf dem Wege angestrengtesten Studiums gemacht worden sind. Schon dieser Umstand muß in Bezug auf das Wesentliche alle aufsteigenden Zweifel beseitigen oder doch bedeutend einschränken und uns überzeugen, daß wir es in jenen Mittheilungen und den daraus gezogenen Schlüssen durchaus nur mit Wirklichkeiten zu thun haben.

Zu einem nach allgemein anerkannten Grundsätzen geordneten System der Thierseelenkunde hat es freilich die Wissenschaft noch nicht gebracht. Aber man kann wohl sagen, es ist durch eine kaum übersehbare Menge tiefgreifender Einzelforschungen der Schlüssel gefunden zu den Räthseln der Thierwelt. Nicht allein in Bezug auf die großen und höher organisirten Thiere hat unermüdeter Scharfblick die Verwandtschaft mit dem Denken und Wollen des menschlichen Wesens bis zur Unleugbarkeit nachgewiesen, sondern immer tiefer ist er selbst in die geheimnißvolle Wunderwelt jener kleinen und vielfach so mißachteten Geschöpfe eingedrungen, die schwirrend und summend die Luft um uns her erfüllen, die mit ihrem kribbelnden Leben den Erdboden übersäen und die wir auf jedem Spaziergange achtlos unter unsere Füße treten. Schon von altersher ist freilich das Leben der Insecten einer der anziehendsten Gegenstände sinniger Naturbetrachtung gewesen, und zu allen Zeiten war es eine mit Leidenschaft betriebene Liebhaberei Einzelner, sich in diese Welt kleinsten Seins zu versenken. Um aber sichere Schlüsse aus diesen Beobachtungen herzuleiten, dazu fehlte jene Methode kritischer Sichtung und vergleichender Prüfung des hier und dort gesammelten Materials, welche jetzt in der Wissenschaft zur Regel geworden und neuerdings z. B. von Dr. Ludwig Büchner in einer hochinteressanten Darlegung angewendet wurde, die vor Kurzem unter dem Titel „Aus dem Geistesleben der Thiere, oder Staaten und Thaten im Kleinen“ in Berlin (bei A. Hofmann) erschienen ist. Unter Bezugnahme auf die große Frage des Instincts und zu besserer Entscheidung derselben schildert uns Büchner hier nicht etwa das ganze ungeheuere Reich der Insectenwelt, sondern nur eine beträchtliche Reihe bestimmter Züge aus dem Leben der Ameisen und Bienen, der Wespen, Spinnen und Käfer verschiedener Art. Fast jeder einzelne dieser Einblicke fesselt und spannt unsere Aufmerksamkeit in ungewöhnlichem Grade, aber insgesammt und in ihrer übersichtlichen Nebeneinanderstellung machen sie einen viel mächtigeren Eindruck, der weit über das Interesse einer bloßen Unterhaltung hinausgeht. Wer das gelesen hat, der zweifelt sicher nicht mehr, daß ein heller und warmer Strahl des die Welt erfüllenden Vernunftlichtes auch in jene winzigen Geschöpfchen gefallen und in ihnen zu einer hohen Stufe bewußten Lebens gekommen ist. Sehen wir unter der Masse der geführten Beweise zunächst nur einen der einfacheren ein.

An der poetischen Thierfabel als Unterrichtsmittel haben früher manche nüchterne und verstandesmäßige Pädagogen Anstoß genommen, weil diese Dichtung die Thiere menschlich sprechen und handeln lasse und damit dem Kinde etwas Unwahres lehre. Es scheint aber, als ob jetzt Aesop, Lafontaine und Gellert auch nach dieser Seite hin als gute Realisten zu Ehren kommen sollten. Denn für die ernste Forschung moderner Naturwissenschaft besteht gar kein Zweifel mehr, daß die Thiere in den Schranken ihres Gesichts- und Lebenskreises ein dem menschlichen sehr ähnliches Denken und Handeln entwickeln und in der That auch durch eine besondere Sprache sich gegenseitig verständigen und unterhalten. Wenn dies in Bezug auf die Säugethiere und Vögel bei allen Kennern bereits als eine ausgemachte Sache gilt, so sind doch in dieser Hinsicht noch viel wunderbarere Entdeckungen an den kleinen zu Gesellschaften sich organisirenden Insecten gemacht worden. Gewiß, es ist vollständig erwiesen, daß diese Thierchen durch gewisse Töne, daß aber viele derselben namentlich durch die an ihren Köpfen befindlichen, auch noch anderen Zwecken dienenden Fühler mit einander sprechen können und sprechen. „Zwei Ameisen,“ sagt Büchner, „die mit einander reden und sich unterhalten, sieht man mit den Köpfen einander gegenüberstehen und sich mit ihren überaus empfindlichen und beweglichen Fühlern auf das Lebhafteste gegenseitig bearbeiten, an die Köpfe schlagen etc. Daß sie sich auf diese Weise gegenseitig sehr detaillirte Mittheilungen und zwar über ganz bestimmte Dinge zu machen im Stande sind, wird durch zahllose Beispiele erwiesen.“ „Ich habe öfter,“ so erzählt der Engländer Jesse, „eine kleine grüne Raupe in die Nähe eines Ameisenhaufens gebracht. Sie wird sofort von einer Ameise ergriffen, welche sich zu einer andern Ameise begiebt, nachdem sie vergebliche Anstrengungen gemacht, die Raupe in das Nest hinabzuziehen. Man sieht nun, wie beide Thierchen mit Hülfe ihrer Fühler eine Unterhaltung zusammen pflegen, nach deren Beendigung sie sich gemeinsam zu der Raupe begeben, um dieselbe mit vereinten Kräften in das Nest hinabzuziehen. Oefter auch habe ich beobachtet, wie sich zwei Ameisen auf dem Wege von und zu ihrem Neste einander begegneten. Sie bleiben stehen, berühren sich gegenseitig mit ihren Fühlern und scheinen eine Unterhaltung zu führen, welche sich, wie ich aus guten Gründen vermuthe, auf den besten Platz zum Fouragiren bezieht.“ So erzählt auch Hague in einem Briefe an Darwin, daß er durch einen Fingerdruck eines Tages eine Anzahl von Ameisen getödtet habe, welche aus einem Loche in der Wand täglich zu seinen auf dem Kaminsimse stehenden Blumen kamen und sich durch Wegbürsten nicht stören ließen. Die Tödtung hatte zur Folge, daß Neuherbeikommende sofort wieder umkehrten und ihre von der Gefahr noch nicht unterrichteten Cameraden ebenfalls zur Umkehr zu veranlassen suchten. Die sich einander Begegnenden hatten eine kurze Conversation, der übrigens nicht ein sofortiges Umkehren folgte, indem die begegnende Ameise sich zuerst eigene Ueberzeugung zu verschaffen suchte.

Ganz in derselben Weise halten auch die kriegführenden Ameisen Berathung, bevor sie ihre interessanten Feldzüge beginnen, und theilen auch, wie das vielmals beobachtet wurde, den gefaßten Beschluß einander mit. Ist eine Ameise hungrig, so theilt sie auch ihr Nahrungsbedürfniß durch Fühlerberührungen ihren Cameraden mit. Auch die hülflosen Larven werden so gemahnt, das Maul zum Empfange der Nahrung aufzuthun, und auch die gegenseitige Neigung oder Abneigung giebt sich durch eine solche Geberdensprache kund. Im Uebrigen ist der Beobachter Landois (Verfasser eines 1874 erschienenen Werkes über die Thierstimmen) durch seine Untersuchungen zu der Meinung gekommen, daß die Ameisen neben ihrer Geberdensprache auch eine Laut- und Tonsprache besitzen müßten, wenn dieselbe auch für das menschliche Ohr nicht hörbar ist. Er warf zum Beispiel eine große lebende Kreuzspinne mitten auf einen sehr belebten Ameisenhaufen. In einem Nu war der ganze Schwarm alarmirt und zwar mit einer Schnelligkeit, die Landois nur als eine Folge hörbarer Mittheilung erklären kann. Eine große Anzahl Ameisen stürzte sich auf die Spinne und es entspann sich ein äußerst heftiger Kampf, der mit der Ueberwältigung derselben endigte. Auch gelang es diesem Forscher, an dem Hintertheile der Ameisen, namentlich einer bestimmten Art, einen Ton-Apparat oder ein sogenanntes [263] Raspel-Organ nachzuweisen. Bei jener Art (Ponera) kann der raspelnde Laut von dem menschlichen Ohre gehört werden, bei den eigentlichen Ameisen nicht.

Es ist also nicht blos Mittheilungsbedürfniß bei diesen Thierchen vorhanden – was an sich schon Zeichen eines geistigen Lebens wäre – sondern auch Mittheilungsvermögen, obgleich dasselbe bei den verschiedenen Gattungen der Ameisen mehr oder weniger reich entwickelt ist. Wenn ein Wohnungswechsel unternommen werden soll, faßt bei manchen Arten eine Ameise die andre zwischen ihren Kiefern und trägt sie an den für die neue Wohnung ausersehenen Platz. Andre Arten wiederum bedürfen einer so drastischen Mittheilung nicht; sie verständigen sich über den Punkt durch Zeichen oder Gesten. Als viel bedeutender jedoch und wunderbarer erweisen sich die Leistungen, deren die Mittheilungsorgane der Bienen fähig sind. Wenn wir ihre Sprache auch nicht verstehen, so ist doch durch die eingehendsten und umfassendsten Untersuchungen festgestellt worden, daß sie in reichstem Maße vorhanden ist. So haben zweifellos die Wachen, welche die Bienen während der Sommerszeit Tag und Nacht an den Pforten ihrer Wohnungen unterhalten, unter ihren verschiedenen Functionen auch die Aufgabe, alle von außen kommenden Nachrichten in das Innere des Stockes zu befördern. Nach dem Beobachter de Fravière besitzen sie dafür eine Anzahl verschiedener Tonbiegungen in ihrer durch die Luftlöcher der Brust und des Hinterleibes erzeugten Stimme. Jede Tonbiegung hat eine besondere Bedeutung. Sobald eine Biene mit einer wichtigen Neuigkeit ankommt, wird sie sofort umringt, stößt zwei oder drei schrille Töne aus und berührt eine Genossin mit den langen, biegsamen und sehr empfindlichen Tastern oder Fühlern, welche nicht weniger als zwölf oder dreizehn Gelenke besitzen. Die Genossin giebt die Nachricht sofort auf dieselbe Art weiter, und alsbald ist die Neuigkeit durch den ganzen Stock verbreitet. Ist dieselbe angenehmer Art, betrifft sie z. B. die Entdeckung eines Zucker- oder Honigvorraths, oder eines blühenden Feldes u. dergl., so bleibt Alles in Ordnung. Dagegen entsteht große Aufregung, wenn die Nachricht einer drohenden Gefahr einläuft, oder wenn fremde Thiere in den Stock einzudringen drohen etc. Es scheint, daß solche Nachrichten vor allen andern der Königin mitgetheilt werden, als der wichtigsten Person im Staate.

Die Sprache der Bienen ist ganz sicher ebenfalls eine Ton- wie eine Geberdensprache, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß sich die Bienen mit Hülfe derselben nicht blos im Allgemeinen, sondern über sehr bestimmte und sehr verschiedene Dinge verständigen. Die Entdeckung irgend eines Zucker- oder sonstigen Nahrungsschatzes an beliebigem Platze durch eine einzelne Biene hat sofort zur Folge, daß binnen kurzer Zeit eine ganze Schaar hungriger Bienen daselbst ankommt – was selbstverständlich nur Folge einer bestimmten, durch die erste Biene an die Cameraden gemachten Mittheilung sein kann. Stellt man, wie der oben erwähnte Landois sagt, ein Schälchen mit Honig vor einen Bienenstock, so kommen alsbald wenige Bienen hervor, von denen einige ihre Stimme (tüt, tüt, tüt) erheben. Diese Stimme ist ziemlich hoch und von derselben Art, wie wenn eine ergriffene Biene ihre Stimme hören läßt. Auf diesen Ruf kommt sogleich eine große Schaar Bienen aus dem Stocke, um den gebotenen Honig einzusammeln. Wenn im Frühjahre der Bienenzüchter auf das in die Nähe der Stöcke von ihm gestellte Wasser aufmerksam machen will – sie bedürfen desselben zur Bereitung des Futterbreies, wenn der Brutansatz beginnt, und es ist mißlich, wenn sie es vielleicht aus weiter Ferne herbeiholen müssen – so braucht er nur ein mit Honig bestrichenes Stäbchen vor das Flugloch zu halten und die wenigen Bienen, welche sich zuerst darauf niederlassen, nach der Wasserstelle hinzutragen. Diese Wenigen genügen, um bei ihrer Rückkehr in den Stock das Vorhandensein des Wassers, sowie auch die Stelle selbst, zur Kenntniß der ganzen Colonie zu bringen.

Das beste Mittel zu gegenseitiger Verständigung besitzen aber die Bienen gleichfalls in ihren Tastern oder Fühlern, mit denen sie sich einander berühren, und zwar jedenfalls in vielfach verschiedener Weise. Am besten kann man diese Mittheilung durch Fühlerberührung beobachten, wenn man einem Stocke seine Königin nimmt. Erst einige Zeit, ungefähr eine Stunde nach diesem traurigen Ereignisse wird dasselbe einem kleinen Theile des Volkes bemerkbar, welcher Theil sodann aufhört zu arbeiten und nun hastig auf der Wabe hin- und herläuft. Doch gilt dies nur für einen Theil des Stockes und eine einzelne Wabenseite. Bald aber treten die aufgeregten Bienen aus dem kleinen Kreise heraus, in welchem sie sich anfangs umhertrieben, und wenn ihnen Gefährtinnen begegnen, so kreuzen sie gegenseitig ihre Fühler und berühren sich leicht. Die Bienen, welche den Eindruck dieser Fühlerberührung erhalten haben, werden nun ihrerseits auch unruhig und bringen ihre Unruhe und Verwirrung durch dieselbe Weise der Mittheilung auch in andre Theile der Wohnung. Die Unordnung nimmt rasend zu, verbreitet sich auch auf der andern Seite der Wabe, und zuletzt unter dem ganzen Volke, bis ein allgemeiner Wirrwarr erfolgt.

Ganz ähnliche Beobachtungen, wie an diesen als hochintelligent bekannten Insecten sind aber auch in der Käferwelt gemacht. So besitzen die sogenannten „Todtengräber“, gleich der großen Mehrzahl ihrer Käfer-Collegen, einen sehr ausgebildeten Raspel-Apparat, mit dessen Hülfe sie einen abgesetzten, schnarrenden Ton hervorbringen, der ihnen unter Anderem vielleicht dazu dient, sich gegenseitig zur Verrichtung ihres gemeinschaftlichen Geschäftes herbeizurufen. Jedenfalls können sie sich aber auch vermittelst ihrer Fühler gegenseitig verständigen oder einander Mittheilung machen. Dasselbe gilt indeß für alle Käfer ohne Ausnahme, und es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß dieselben ihre oft sehr mannigfaltig und selbst sonderbar gestalteten Fühler, ganz in derselben Art wie Bienen und Ameisen, zu gegenseitiger Verständigung benutzen, wenn auch die Mittheilungen, die sie einander zu machen haben, jedenfalls weit einfacherer Natur sind, als bei den genannten Thieren. An Dr. Büchner schrieb ein Herr Goelitz aus Marysville in Nordamerika darüber Folgendes: „Im Juli des vorigen Sommers fand ich eines Tages auf meinem Felde einen Haufen frischer Erde gleich einem Maulwurfshügel, auf welchem sich ein schwarz- und rothgestreifter Käfer mit langen Beinen und von der ungefähren Größe einer Hornisse abmühte, die Erde vor einem Loche, das gleich einem Stollen in die Anhöhe führte, fortzuschaffen und den Platz zu ebnen. Nachdem ich diesem Treiben eine Weile zugesehen hatte, bemerkte ich einen zweiten Käfer gleicher Art, welcher aus dem Innern des Loches ein Häufchen Erde bis an die Oeffnung schaffte und dann wieder im Berge verschwand. Alle vier bis fünf Minuten kam ein Haufen aus dem Loche, welchen der erstgenannte Käfer fortschaffte. Beinahe eine halbe Stunde war ich Zeuge dieser Experimente. Dann kam[1] der Käfer, welcher inwendig gearbeitet hatte, an das Tageslicht und lief zu seinem Cameraden hin. Beide steckten nun die Köpfe zusammen und trafen offenbar eine Verabredung, denn gleich darauf wechselten sie die Arbeit. Derjenige, welcher draußen gearbeitet, ging in den Berg, und der andere übernahm die Arbeit außerhalb. Noch eine Weile sah ich zu und entfernte mich dann mit dem Gedanken, daß diese Thierchen sich verständigen können wie die Menschen.“

Perty erzählt: „Zu einem im Garten auf dem Rücken liegenden Maikäfer kam ein Goldlaufkäfer, um ihn aufzufressen, konnte ihn aber nicht zwingen, lief in das nächste Bosqnet und kam mit einem Cameraden zurück, wo dann Beide den Maikäfer überwältigten und nach ihrem Schlupfwinkel schleppten.“ Auch von vielen anderen Käfern hat man beobachtet, daß sie sich zu gegenseitiger Hülfeleistung herbeirufen; in auffallender Weise ist dies bei dem sogenannten Pillen-Käfer (Atteuchus oder Scarabaeus sacer) der Fall, dessen merkwürdiges Gebahren den Alten so hohen Respect, einflößte, daß ihm die Aegypter göttliche Verehrung erwiesen. Dieser Atteuchus hat nämlich die merkwürdige Gewohnheit, ein bis zwei Zoll große Kugeln aus Mist anzufertigen, in denen er seine künftige Brut unterbringt, und welche er so lange vor sich herrollt, bis sie rund und fest geworden und an den Ort gekommen sind, wo er sie einzuscharren gedenkt. Um diesen Platz zu finden, hat der Käfer oft einen langen Weg zurückzulegen und überwindet dabei intelligent die Terrainschwierigkeiten. Bisweilen jedoch kommt es vor, daß die Kugel in ein Loch oder in eine Unebenheit hinabfällt, wo sie der Käfer nicht haben will und aus der er allein oder mit Hülfe des Gatten sie nicht befreien kann. Hier sieht man plötzlich den Käfer seine Kugel verlassen, seine Flügel ausspannen und sich in die Lüfte erheben. Hat man sodann Geduld genug, die Sache ein wenig abzuwarten, so sieht man den Flüchtling nach einiger Zeit wieder zurückkehren, und zwar in Begleitung von zwei, drei, [264] vier oder fünf Cameraden, die nun gemeinschaftlich die Kugel wieder in’s Rollen bringen. Am richtigen Platze angekommen, wird sodann mit den starken gezähnten Vorderfüßen, die wie ein Grabscheit wirken, ein Loch in die Erde gegraben, die Kugel hineingesenkt und die Erde wieder darüber hingescharrt.

Wir haben, wie gesagt, aus der Fülle der dargelegten Ermittelungen für heute nur den einen Punkt hervorgehoben und glauben, es wird Vielen neu sein, wenn sie hören, daß es sich nicht mehr um Vermuthungen oder Phantasien, sondern um wissenschaftlich beglaubigte Feststellungen handelt, wenn in gewissem Sinne von einem Sprechen der Thiere mit einander die Rede ist. Im Uebrigen aber bietet Büchner in seinen Schilderungen aus dem Geistesleben der Insecten noch eine so erhebliche Zahl anderweitiger Beobachtungen und Aufschlüsse merkwürdigster Art, daß wir uns im Weiteren noch einmal auf das Feld dieser vielfach so offen sich bietenden und doch noch den Meisten dunkel gebliebenen Lebenssphäre begeben werden. Nur eine bessere Aufklärung über das Seelen- und Empfindungsleben unserer thierischen Mitgeschöpfe, an sich schon ein unerschöpflicher Quell reichster Belehrung und Erhebung, wird allmählich zu einer von Sentimentalität freien, aber achtungs- und rücksichtsvolleren Behandlung der Thiere führen und damit unendlich veredelnd auf die Gesittung und Humanisirung der zukünftigen Geschlechter zurückwirken. Das wissenschaftliche Material zu einer solchen Erweiterung unseres Gesichtskreises ist in sehr ausgedehntem Maße geliefert. Machen denkende Menschen sich dasselbe nur theilweise zu eigen, so werden sie es gewiß nicht mehr als eine Uebertreibung belächeln können, wenn ein bewährter Kenner dieses Naturbereiches sagt: „Bei jedem Schritte auf dem ungeheuren Gebiete des Thierstudiums kommt man von Ueberraschung zu Ueberraschung, da man bei den Thieren Alles das wiederfindet, was man soeben erst in den geheimsten Falten des menschlichen Geistes und Herzens entdeckt hat. Die Temperamente und Leidenschaften, alle guten und schlechten Eigenschaften des Menschen steigen nacheinander vor uns aus dem weiten Meere des thierischen Lebens empor, und überall zeigt sich dem erstaunten Beobachter das treue Abbild unseres ganzen gesellschaftlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen und politischen Lebens.“




Wilhelm von Humboldt’s „Freundin“.
Authentische Mitteilungen von ihrem Neffen.


Ueber die persönlichen Verhältnisse, in welchen die durch Wilhelm von Humboldt’s „Briefe an eine Freundin“ berühmt gewordene Frau Doctorin Charlotte Diede gelebt, sind vielfache Irrthümer verbreitet. Das Publicum befindet sich trotz des regen Interesses, welches die Briefe seit ihrer Veröffentlichung fortwährend gefunden haben, noch immer in einem gewissen Dunkel über die Person der „Freundin“. Zum Theil gilt dies auch von einem Aufsatze, den die „Gartenlaube“ in ihrer Nr. 45, S. 716 bis 718 vom Jahre 1869 veröffentlicht hat.

Ich theile über die Beziehungen Wilhelm von Humboldt’s zu seiner Freundin mit, was ich darüber als Verwandter der Letzteren weiß, und sehe es als einen Act, ja als eine Pflicht der Pietät gegen die Doctorin Diede an, so manchen Unrichtigkeiten und wohl gar Verdächtigungen, welche in Anschauung ihrer und zugleich anderer dabei Betheiligter vorgekommen und von Vielen geglaubt worden sind, entgegen zu treten, wenn nicht schon an und für sich das Leben einer Frau, welche ein Wilhelm von Humboldt eines solchen Reichthums von Briefen werth hielt, interessant genug wäre, um den Lesern und Leserinnen derselben einige nähere Nachrichten darüber wünschenswerth erscheinen zu lassen.

Die Doctorin Charlotte Diede, geb. Hildebrand war – dies bemerke ich zur Legitimation meiner Mittheilungen über sie – die leibliche Schwester meiner Mutter, zugleich Cousine meines Schwiegervaters und dessen vertraute Freundin von Jugend auf. Ich bin unter ihren nahen Verwandten der einzige noch Lebende und habe sie in Kassel seit dem Jahre 1824 bis zu ihrem Ableben oft genug besucht, mit ihr persönlich von Angesicht zu Angesicht häufig verkehrt, vielfache Unterredungen mit ihr gehabt und bei ihr manche von W. von Humboldt an sie eigenhändig geschriebene Briefe gelesen. Sie war unter den sieben Kindern des Pastors und Superintendenten Friedrich Ernst Hildebrand zu Lüdenhausen im Fürstenthum Lippe-Detmold und seiner Ehefrau Dorothee Sophie Falkmann (einer Tochter des Oberförsters Falkmann zu Blomberg, später zu Siekholz bei Blomberg) das dritte Kind, laut des Kirchenbuchs zu Lüdenhausen im Jahre 1769 geboren und daselbst am 22. Mai desselben Jahres getauft. Ihre vollständigen Taufnamen waren Ernestine Charlotte Marie und ihre Gevatterinnen Charlotte Luise Falkmann zu Blomberg und die Regierungsräthin Valentini zu Detmold.

Charlottens Vater, mein Großvater, war ein viel gelehrter, tief denkender, in der Ideenwelt lebender, sogar in Traumvisionen zuweilen bis zum magnetischen Hellsehen sich vertiefender Mann. Mit Glücksgütern gesegnet, machte er in eigener Equipage Badereisen. Bekanntlich war es 1788 zu Pyrmont, wo damals Charlotte Hildebrand und Wilhelm von Humboldt sich zum ersten Male sahen und kennen lernten. Später sah sie ihn nur noch einmal, da er auf einer Reise von Berlin nach Paris sie auf einen Tag in Kassel besuchte. Für solche Leser der Briefe, welche Pyrmont kennen und besuchen, mag vielleicht, die Notiz einiges Interesse haben, daß die erste Begegnung Beider in der Hauptallee stattfand und zwar an der Bank unter der größten, heute noch dort befindlichen Linde, nahe der Eingangsthür zu dem kleinen Concertsaale (späterhin Spielsaale, jetzigem Lesezimmer). Hier war Nachmittags zur Zeit des Kaffeetrinkens Charlottens Lieblingssitz. Der Baum wird unter Bekannten mitunter auch heute noch die „Humboldt-Linde“ genannt. Außerdem hatten sie noch besonders bevorzugte Plätze, wo sie gern zu verweilen pflegten, z. B. die Bank unter der Linde am Südende der Hauptallee, östlich von dem Fontaine-Bassin, von der man die Aussicht auf das fürstliche Schloß hat, sodann auch eine Bank neben dem jetzt durch zahlreiche Goldfische und zur Curzeit durch blühende Nymphäen sich auszeichnenden Fischweiher an dem Westende der Cursaal-Allee mit der Aussicht nach dem Dorfe Holzhausen etc., vornehmlich aber weilten sie gern auf dem Königsberg, da, wo das Denkmal zur Erinnerung an den dortigen Aufenthalt des Königs Friedrich’s des Zweiten errichtet worden.

Charlottens Mutter war eine ausgezeichnete Hausfrau und vielbegabte Erzieherin ihrer Kinder, besonders der Töchter. Der Bruder der Mutter, Charlottens Onkel – er stand im Dienste des genialen Grafen Wilhelm von Schaumburg-Lippe – war der Oberförster Falkmann zu Baum bei Bückeburg. Dessen Vater, Charlottens Großvater, war in dem bückeburgischen Domanialforste Blomberg-Siekholz beamtet gewesen. Dieses Verhältniß führte die Hildebrand’schen Kinder von Lüdenhausen mitunter nach Baum, wo sie in Waldesluft gern verweilten.

Zu Hause wurden sie mit einem für Landpredigerfamilien nicht gewöhnlichen Aufwande erzogen. Während der Vater den Söhnen und Töchtern streng wissenschaftlichen und selbst gelehrten Unterricht in umfassender Weise ertheilte, wurde für die Töchter eine Gouvernante aus der sogenannten französischen Schweiz gehalten, um dieselbe fremde lebende Sprachen, vornehmlich die französische, auch praktisch erlernen zu lassen: zur Zeit, da Charlotte und ihre drei Jahre jüngere Schwester (meine Mutter) heranwuchsen, ein Fräulein Hofmaier, welche später, in gleicher Eigenschaft, aus dem ländlichen Predigerhause von Lüdenhausen nach Kassel kam, um dort bei der Erziehung der Kinder des Landgrafen von Hessen in gleicher Eigenschaft zu dienen.

Als Charlotte zu jungfräulicher Blüthe herangewachsen war, kam mein Großvater in den traurigen Fall, sich einer lebensgefährlichen Bauchoperation unterziehen zu müssen. Unter nahen Verwandten im Lippe’schen waren einige Aerzte besten Rufes und Ansehens. Diese riethen aber, und er selbst entschloß sich, die Operation durch den als besonders geschickten Operateur damals berühmten Regimentsarzt Meyer in Rinteln (eine Meile entfernt von dem Dorfe Lüdenhausen) ausführen zu lassen, was mit glücklichstem Erfolge geschah.

Unmittelbar hieran schloß sich ein Verhältniß, welches für Charlottens fernern Lebensweg durchaus entscheidend wurde. Der [265] Regimentsarzt Meyer, ein ebenso angesehener Arzt wie reicher Mann, hatte eine Tochter von gleichem Alter der ersteren, die, wenn auch nicht geistig gleich hochbegabt und wissenschaftlich gebildet, doch nicht weniger schön und liebenswürdig war, als Charlotte. Ihr Name war Luise. Mit dieser trat Charlotte, da nach der Wiederherstellung ihres Vaters beide Familien in nahen freundlichen Umgang miteinander kamen, in das Verhältniß innigsten Vertrauens und lebenslänglicher Freundschaft.

Als die Töchter nach der Genesung des Vaters bei Meyer's in Rinteln zu Besuch waren, stand dort ein hübscher junger Lieutenant, Namens Wiederholt, in Garnison. Er gewann die Luise Meyer lieb und wurde von ihr wieder geliebt. Beide verlobten sich mit einander, da noch Niemand außer Charlotte darum wußte. Das Verhältniß konnte aber doch nicht lange verborgen bleiben. Der Lieutenant Wiederholt, in dem Bewußtsein seines redlichen Sinnes und tüchtigen Strebens, warb bei ihrem Vater um die Hand Luisens. Dieser, voll Liebe für seine Tochter, aber zugleich, und zwar eben deshalb, bei seinem Reichthume und Ruhm als Arzt, ein mit ihr hoch hinaus wollender Mann, erklärt: seine Luise gebe er keinem Lieutenant zur Frau; die wäre eines Generals werth. Der kühne junge Bewerber, nicht verzagt über einen solchen Bescheid, nimmt seinen Abschied aus hessischen Diensten und tritt als Officier mit und unter dem als General berühmten Grafen Wilhelm von Bückeburg in königlich portugiesischen Militärdienst. Er avancirt unter der siegreichen Führung des genannten Feldherrn rasch zum Generalmajor. Als solcher kehrt er zurück in seine hessische Heimath und wird auch zu Kassel mit dem durch seine Tüchtigkeit in Portugal errungenen Range eines Generals wieder in hessischen Militärdienst aufgenommen.

Inzwischen hatten die beiden Liebenden ihre Verbindung, trotz der weiten Entfernung von einander, niemals aufgegeben oder abgebrochen, vielmehr durch regelmäßige Correspondenz beständig treu fortgesetzt und unterhalten. Der Briefwechsel durfte aber, damit der alte Meyer nicht dazwischen träte und ihm ein Ende machte, nicht direct von Person zu Person, nicht unmittelbar von Portugal nach Rinteln, von Rinteln nach Portugal geschehen; er mußte über Lüdenhausen gehen. Charlotte Hildebrand war die Vermittlerin desselben zwischen beiden Liebenden. Die Briefe von beiden Seiten gingen zunächst an sie, und Charlotte besorgte ihre Weiterbeförderung von dem einsamen Dorfe aus. Für solchen heimlichen, und bei der Lage der Sache allerdings nicht tadelfreien, aber andererseits doch auch zu entschuldigenden und naheliegenden Liebesdienst, hat sie im Laufe späterer Erlebnisse schwer büßen müssen; nicht etwa durch ihre Freunde, den General Wiederholt und Luise Meyer, nein, diese haben ihr für ihre Liebe und Freundschaft nur Liebe und Freundschaft wieder erwiesen.

Sobald Ersterer als General in das hessische Militärcorps wieder einrangirt und in Kassel stationirt war, eilte er nach Rinteln, zeigte dem alten Regimentsarzte Meyer sein Diplom als General, erinnerte ihn an seinen frühern Bescheid, warb in alter ungeschwächter Liebe von Neuem bei dem zwar freudig überraschten, aber doch auch in etwas beschämten Vater um seine Tochter Luise und erhielt das Jawort. Das Paar nahm seinen Wohnsitz in Kassel und lebte dort in den glänzendsten Kreisen und Verhältnissen.

Charlotte Hildebrand war und blieb die vertrauteste Freundin der Beiden und nahm, oft und auf längere Zeit in Kassel bei Wiederholt's zum Besuche anwesend, an ihrem häuslichen und Familienglücke lebhaften Antheil. Ihre körperliche Schönheit, ihre hohe Geistesbildung und Begabung erregten bald Aufmerksamkeit in den reichsten und vornehmsten Gesellschaftscirkeln der hessischen Residenzstadt, in welche sie durch ihre hochgestellten Freunde eingeführt wurde. In solchen Kreisen fand auch ein allgemein als sehr reich bekannter junger Mann Zutritt, der cavaliermäßig in Kassel lebte und großen Aufwand machte. Er hatte mit Charlottens ältestem Bruder, Ferdinand Hildebrand, zu Göttingen und mit ihrem Vetter und Jugendfreunde H. Schönfeld, meinem vorhin schon erwähnten nachmaligen Schwiegervater, in Marburg gleichzeitig studirt und war Beiden, sowohl wegen des ungewöhnlichen Luxus, den er schon auf Universitäten trieb, wie durch sein ausschweifendes liederliches Leben und demoralisirtes Wesen bekannt. Ich erzähle über ihn nur, was ich von meinem Oheim und meinem Schwiegervater sowie auch von meiner seligen Mutter zum Oeftern gehört habe. Jener reiche vornehme junge Mann war der Dr. jur. Diede. – Charlotte Hildebrand, den Glanz liebend, in ihrer Jugendfrische davon verblendet, ließ sich in ihrer ländlichen Arglosigkeit von dem bei jeder Gelegenheit ihr eifrig den Hof machenden Dr. Diede so weit bethören, daß sie sich mit ihm verlobte.

Es ist aber völlig irrig, was der Berichterstatter der „Gartenlaube“ in der vorhin bezeichneten Nummer Seite 717 darüber verbreitet hat: daß nämlich Charlotte durch ihre Eltern gedrängt worden sei und diese von ihr „streng verlangten, ihr Jawort zu geben“ zu ihrer Verheirathung mit dem Dr. Diede, der sich inzwischen in Begleitung seines Reitknechts auch in Lüdenhausen persönlich präsentirt hatte. Statt Charlotte zu der Verbindung zu rathen, hatte vielmehr ihr Vater sie gewarnt; er hatte, aufgefordert von seinem ältesten Sohne, auf die allerentschiedenste Weise seiner Tochter von einer Vermählung mit dem Dr. Diede abgerathen und von ihr streng verlangt, ihr Jawort ihm nicht zu geben, er selbst aber als Vater das seinige ebenso streng verweigert, ja sogar, als dies nichts gefruchtet, zugleich mit seinem genannten Sohne, ihr angekündigt, daß Beide, Vater und Bruder, wenn sie den Dr. Diede dennoch zum Manne nehmen würde, fortan alle Gemeinschaft mit ihr abbrechen und aufgeben würden. Und dies ist, als Charlotte das Weib Diede’s geworden, auch wirklich geschehen. Beide haben seitdem niemals Charlotte wiedergesehen und wiedersehen wollen. Der Vater starb schon im Jahre 1800, der Bruder aber erst 1834 als Pastor zu Berlinghausen.

Unter allen ihren Geschwistern ist die Doctorin Diede nachher nur mit meiner Mutter in näherer persönlicher Verbindung und bis kurz vor ihrem Ableben auch in brieflicher Correspondenz geblieben. Meine Mutter war, solange sie unverheirathet, bis 1798, oft auf Wochen und Monate bei der Doctorin Diede in Kassel zum Besuche. Aber der Glanz und das Glück der Letzteren war von kurzer Dauer. Der Mann war durch sein früheres ausschweifendes Leben dermaßen körperlich und geistig herunter gekommen und entnervt, daß er unmöglich eine Frau von so eminenten körperlichen und geistigen Eigenschaften, wie Charlotte, beglücken konnte. Dabei beherrschte ihn tief eingefleischte Eifersucht und Argwohn schlimmster Art gegen seine Frau, und es fehlte in den Kreisen seiner Gesellschaftsgenossen nicht an Solchen, durch welche ohne Arg oder aus Muthwillen jene üblen Eigenschaften in Dr. Diede nur immer mehr Nahrung erhielten. Ich mag nicht sagen, aber mein Schwiegervater und meine Mutter haben mir oft davon erzählt, bis zu was für Rohheiten und Auftritten schmutzigster Art im Aufflammen seiner Leidenschaft der Dr. Diede sich gegen seine Frau vielfach hat hinreißen lassen, sogar bis zu öffentlichen Scandalscenen zur äußersten Kränkung seiner Frau; so berauschte er sich – um Eines doch zu erwähnen – wenn Charlotte auf einem Balle mit einem Herrn tanzte, woran er in seinem eifersüchtigen Argwohne Anstoß nahm, in Spirituosen, taumelte dann in den Tanzsaal hinein und warf sich plötzlich nahe vor seiner dahertanzenden Frau hin, so daß diese über ihn zu Boden stürzen mußte etc.

Unter solchen Umständen ist es wohl zu verstehen, wie sich das Herz der Frau von dem Manne zurückgestoßen fühlen, ja allmählich von ihm abwenden mußte, und es erscheint, wenn auch an und für sich tadelnswerth und nach den Gesetzen der Moral nicht zu rechtfertigen, nur gar zu natürlich und erklärlich, daß die durch ihren Mann so beleidigte und fortwährend gequälte Frau gegen Aufmerksamkeiten, die ihr von andern Herren in befreundeten Kreisen erwiesen wurden, auf die Dauer nicht ganz unempfindlich blieb und sie nicht immer gleichgültig und kalt zurückwies. Auf ein verwundetes Herz wirkt es wie ein wohlthuender heilender Balsam, wenn es Zeichen theilnehmenden Mitgefühls bei Andern findet. Welch eine Aufgabe für ein tief verletztes und gereiztes Gemüth, in solchen Verhältnissen und Beziehungen stets das Richtige zu treffen!

Meine Mutter sprach ihre Schwester, für welche sie sonst stets nur herzliche Schwesterliebe und Theilnahme hatte, in dieser Hinsicht nicht unbedingt frei von tadelnswerther Verirrung, namentlich nicht in ihrem Verhalten zu einem jungen lebensmuthigen Lieutenant von H., welcher der Doctorin Diede den Hof gemacht unter dem Scheine, daß dies nicht ihr, der Frau Diede, sondern der bei derselben zum Besuche anwesenden Schwester gelten sollte. Das wäre aber das Aeußerste gewesen, was jemals der [266] Frau hätte nachgesagt werden können. Zu unsittlichen Schritten sei es dabei sicher nicht gekommen. Ueberhaupt hätten darüber höchstens nur allerlei leichtfertige Mißverständnisse und grundlose Vermuthungen stattfinden können.

Ich würde gänzlich vermieden haben, hiervon nur das Geringste zu erwähnen, wenn ich nicht mehrfach erfahren hätte, daß gerade hierüber die schwersten und grundlosesten Verdächtigungen gegen meine Tante weit und breit Eingang gefunden haben.

Das tiefe eheliche Zerwürfniß zwischen dem Dr. Diede und seiner Frau nahm seinen Fortgang bis zum Ehescheidungsprocesse. Diesen hat, soweit ich habe erfahren können, nicht der Mann, sondern die Frau eingeleitet, ohne zu ahnen, was für unsägliche Widerwärtigkeiten, Aergernisse und Verbitterungen bei solchem Schritte vorzukommen pflegen, und wie selbst der gewinnende Theil noch Verlust dabei erleidet. Die Acten dieses Processes, der in Kassel geführt wurde, zu Gesicht zu bekommen, habe ich mich vergeblich bemüht. Die Doctorin Diede selbst aber hat gelegentlich, wie ich selbst aus ihrem Munde gehört, im spätern Leben mit tiefer Gemüthsbewegung und großem schmerzlichem Ernste sich dahin ausgesprochen: daß eine Frau lieber Alles in der Ehe ertragen, als zu einem Ehescheidungsprocesse gegen ihren Mann schreiten sollte. Das Ende war, daß sie Titel und Namen ihres Mannes beibehalten durfte, übrigens beide Theile voneinander geschieden leben und Jeder sein vor der Verheirathung gehabtes, in die Ehe mitgebrachtes Vermögen und Gut für sich als Eigenthum haben und behalten sollte.

Es kam für Charlotte eine schwere Zeit tiefer Noth und Dürftigkeit. Der General Wiederholt lebte nicht lange mehr. Seine Wittwe, ihre Freundin Luise, stand ihr noch zur Seite, verheirathete sich dann aber wieder an einen Mann Namens Lotheisen, der einen hohen Posten in dem Ministerium zu Kassel, wenn ich nicht irre im Finanzministerium, bekleidete; sie selbst starb auch frühzeitig. Als geschiedene Frau des Dr. Diede mochte Charlotte, so lange dieser dort lebte, nicht in Kassel bleiben. Sie hatte ihr ererbtes Vermögen an den braunschweigischen Staat verliehen. Dieser aber wurde von dem Königreiche Westphalen unter Jerôme verschlungen und mit ihm Charlottens ganzes Einkommen für ihren Lebensunterhalt. Sie hat davon nichts gerettet.

In ihrer Armuth zog sie zunächst zu einer damals noch lebenden Schwester ihrer verstorbenen Mutter, geb. Falkmann, oder vielmehr zu ihrem Stiefsohne, ihrem alten Freunde, meinem spätern Schwiegervater, dem Pastor Schönfeld nach Veelkirchen im Lippischen, bei dem jene auf der Pfarre wohnte. Dort konnte ihres Bleibens jedoch auf die Dauer nicht sein. Ihre Tante lebte nicht lange mehr. Meine Eltern in Lage waren auch nicht im Stande, besonders wegen der damaligen Unwohnlichkeit des Pfarrhauses und bei einer wachsenden Kinderschaar, ihr aus eigenen Mitteln das zum Leben Nothwendige zu geben. Um wo möglich und leichter, wie sie meinte, im Braunschweiger Lande selbst für die Wiedererlangung ihres Darlehns bei dortigen Staats- oder Landschafts-Cassen Schritte thun zu können, zog Charlotte nach Holzminden und wohnte eine Zeitlang daselbst. Das half ihr aber nichts. Später zog sie nach Göttingen, wo sie in dem Erdgeschoß eines Gartenhauses vor dem Woender Thore Wohnung fand, dessen oberes Stockwerk Studenten englischer Nationalität inne hatten, wie sie mir, da ich sie während der Jahre von 1824 bis 1827 von Göttingen aus als Student in Kassel zuweilen besuchte, mehrmals erzählt hat; sie zeigten sich anfänglich als rohe, ungezogene und wilde Burschen, wenigstens ihr gegenüber, bis endlich Einer derselben, Namens Stappelton, aus vornehmer Familie und selbst unter Curatel der berühmten englischen Minister Castlereagh und Canning, das Unglück hatte, in einer Schlägerei mit Handwerksburschen fast tödtlich verwundet zu werden. Da leistete die arme Charlotte, die für sich selbst hülflose Frau, dem reichen hülfsbedürftigen englischen Lordssohne, als ihrem Hausgenossen, Dienste einer wahren barmherzigen Schwester. Sie kam dadurch in unmittelbare Correspondenz mit den beiden genannten Curatoren ihres englischen Pfleglings. Ich habe später die betreffenden Briefe bei ihr in Kassel gesehen und gelesen. Aus diesen machte sie sich aber wenig im Vergleich mit ihrem größten Schatze, von dem sie, wie sie sagte, alle Tage lebe und zehre und der, neben der Bibel, ihren ganzen Reichthum und Trost ausmache: nämlich die Briefe von Wilhelm von Humboldt. Sie sprach mit einer kindlichen Freude davon, daß und wie der von ihr zu Göttingen in seiner Todesgefahr bis zur völligen Wiedergenesung gepflegte, früher so wilde und gegen sie rücksichtslose englische Studiosus Stappelton hinterher, so lange er und sie dort gewohnt hätten, gegen sie stets so zahm und sanft wie ein Lamm gewesen und nicht müde geworden sei, sich ihr dankbar, wie ein Kind, zu erweisen. Sie erinnerte dabei an das, was im Alterthum von Androclus in der Höhle des Löwen erzählt wird.

Schon in Göttingen hatte die Doctorin Diede ihren Lebensunterhalt durch Verfertigung künstlicher Blumen zu erwerben gesucht. Dies setzte sie mit noch größerem Fleiße fort, als sie schließlich wieder nach Kassel sich zurückbegeben hatte und dort die ersten Jahre nach ihrer Rückkehr in einem Gartenhause vor dem holländischen Thore, die letzten Jahre ihres höhern Alters aber in stiller Zurückgezogenheit von Leben und Welt vor dem Wilhelmshöher Thore wohnte. Anfänglich waren ihr noch alte dort lebende Freunde oder Freundinnen, z. B. die erst in hohem Alter verstorbene Frau Hofmaier, behülflich in der Verwerthung der von ihr fabricirten Blumen, welche nicht allein von den Damen am kurfürstlichen Hofe zu Kassel, sondern sogar am Hofe der Bourbonen gesucht und gern gekauft wurden, weil sie die gleichartigen Pariser Fabrikate an naturmäßiger Schönheit übertrafen. Dies kam daher, weil Charlotte ihre Blumen mit dem ihr eigenen wahren Kunst- und Schönheitssinne herstellte, für jede einzelne Blume, Knospe oder Blüthe, jedes einzige Blättchen, Gräschen und Federchen, oder was es sein mochte, in ihrem Garten umher natürliche Exemplare als Modelle suchte und gebrauchte und darnach das jedesmal originelle Kunstwerk mit echt genialem Künstlergeschmacke und geschickter Hand ausführte. Es war ein glücklicher Gedanke, daß Wilhelm von Humboldt ihr rieth, zur Abwechselung und Erholung von ihrer Arbeit einmal Karl Ritter's Erd- und Völkerkunde zur Hand zu nehmen und zu lesen; sie erfuhr dadurch, daß in ähnlicher Weise, wie sie selbst bei Verfertigung ihrer Blumen, auch die Verfertiger der echten kunstvollen Shawltücher in Kaschmir verfahren, indem sie für jedes einzelne Muster oder Gemälde in einem solchen Tuche ihre Modelle in der Natur selbst suchen und wählen aus den Spiegelbildern, welche in den krystallklaren Gewässern Kaschmiriens von den sie umgebenden reichen und reizenden Blumen- und Laubgewinden sich darstellen und, obwohl auf fließendem Grunde, für ein kunstsinniges Auge sich schauen und fassen lassen: ein freies künstlerisches Schaffen, welches ohne Zweifel sogar noch die mit Recht berühmten kunstvollen Stickereien der ehemaligen Gobelins zu Paris, die in dem Commune-Aufstande 1871 zerstört wurden, übertrifft.

Dadurch allein schon, daß sie jene Beschreibung der Entstehung und Herstellung echter Kaschmirischer Shawltücher in Karl Ritter's großem Werke gefunden und gelesen, fühlte sich die kunstsinnige Frau, wie sie mir einmal sagte, für alle Mühe, die ihr das Studium der Erdkunde von Karl Ritter verursacht habe, für ihre Person reich belohnt und ihrem verehrten verewigten Freunde, der ihr dazu geraten habe, zu beständigem Danke verpflichtet. Aber gerade ihre Genialität gereichte der Künstlerin, was auch sonst wohl schon oft bei wahren Künstlern der Fall gewesen ist, im Kampfe mit der Welt gewiß nicht wenig zu desto tiefer gefühltem Schmerz und Leid.

Wie ihr aus tiefster Noth durch W. von Humboldt’s Edelmuth Großmuth geholfen und sie von demselben bis an sein Lebensende unterstützt wurde, das ergeben dessen herrliche Briefe an sie nur zum Theil. So lange er lebte, hatte sie nicht von der drückenden Noth der Armuth zu leiden. Aber durch seinen am 8. April 1835 zu Tegel erfolgten Tod wurde sie von Neuem in tiefe Noth und in den für ihre hohen Lebensjahre doppelt schweren Kampf um’s Dasein gestürzt, zumal bei dem Umschwunge des Zeit- und Modegeschmacks ihr künstlerisches Schaffen nicht mehr so einträglich blieb wie früher. Davon zeugten seitdem in verstärktem Grade ihre Briefe an meine Eltern oder gelegentlich ihre persönlichen Aeußerungen gegen meinen Vater, meinen Schwiegervater und auch gegen mich selbst, wenn Einer von uns, was von Zeit zu Zeit geschah, sie in Kassel besuchte.

In ihrer tiefen Sorge kommt ihr der Lichtgedanke, die Briefe von W. von Humboldt durch den Druck zu veröffentlichen, aber zuvor faßt sie den Entschluß, dieselben im Original dem Könige [267] Friedrich Wilhelm dem Vierten von Preußen vorzulegen. Sie zögert nicht, diesen in ihrer Seele plötzlich aufgekommenen glücklichen Gedanken mit einer ehrfurchtsvollen Immediatvorstellung von ihrer Hand an den König auszuführen, zugleich um Rücksendung der Vorlagen nach allerhöchster Notiznahme bittend. Aber nun wartet und wartet sie auf die Rücksendung dieser Briefe nach ihrer Meinung eine lange Zeit, doch die Rücksendung erfolgt nicht, ebenso wenig eine Antwort. Sie fürchtet und glaubt, daß nun auch dieser ihr einziger Reichthum ihr verloren gehen könne. Wer so oft und viel, wie sie, des Theuersten verloren hat, ist leicht geneigt zu fürchten, noch immer mehr von Neuem zu verlieren. In ihrer schweren Sorge darum schrieb sie an meinen Vater und fragte, was sie, ohne irgend einen Bekannten oder Freund in Berlin zu haben, den sie um Rath und Hülfe bitten möchte, nun thun könne und solle, um wieder in den Besitz der Briefe zu kommen. Mein Vater rieth ihr, sie möchte einfach noch einmal an den König schreiben und um Rücksendung der Briefe bitten. Dies thut sie in geziemender Form. Und siehe! darauf erhält sie mit umgehender Post ein Handschreiben von der Königin Elisabeth. In dem Schreiben erklärt die Königin im Auftrage ihres königlichen Gemahls, daß dieser für die Mittheilung der handschriftlichen Briefe von W. von Humboldt lebhaft danke, daß der König dieselben der Reihe nach zu lesen angefangen habe und mit großem Interesse zu lesen fortfahre, daß es ihm bisher wegen Mangel an Zeit und Muße nur nicht möglich gewesen sei, mit der Lectüre zu Ende zu kommen, daß er aber gern alle die Briefe vollständig gelesen haben möchte, ehe er sie zurückgäbe, und deshalb die Absenderin ersuche, dieselben noch einige Zeit in seiner Hand zu belassen, da sie dann bald und vollständig in der vorgelegten Ordnung zurückerfolgen sollten. Vorläufig übernehme die Königin gern, in Verbindung mit ihrem Gemahl, als ein Zeichen des Dankes für die Mittheilung der Briefe, der Freundin W. von Humboldt’s, den der König fortwährend hochehre, eine Anweisung auf sechszig Karolins zu übersenden mit der königlichen Zusicherung, daß die Empfängerin auf Lebenszeit eine gleiche Pension alljährlich aus dem Fonds des Schwanenordens erhalten solle.

Kurze Zeit hernach erfolgten mit einem wiederholten königlichen Dankschreiben für die Mittheilung und den hohen Genuß, welcher dadurch dem Könige bereitet sei, die sämmtlichen Briefe wohlgeordnet in der Urschrift an die Doctorin Diede zurück. Diese theilte den Brief der Königin ohne Verzug meinen Eltern mit. Ich selbst habe ihn seiner Zeit gelesen. Voll Dank und Jubel schrieb die Empfängerin dabei an meinen Vater, in ihrem Herzen von dem nun der schwere Sorgenstein wegen des täglich Nöthigen in dieser Welt abgehoben sei, habe sie einen Altar erbaut, auf dem sie jeden Tag, jeden Morgen die Opfer ihres Dankes darbringe, nächst Gott, dem Könige Friedrich Wilhelm dem Vierten und der Königin Elisabeth von Preußen für die durch diese ihr zu Theil gewordene Gnade, welche ihr ein sorgenfreies Alter sichere bis an ihr Lebensende. – Das letztere erfolgte in der Nacht vom 15. zum 16. Juli 1846, nachdem sie einige Zeit vorher beim Hervorholen eines Kleides aus einem Schranke, durch ein Fehltreten auf den Saum des Kleides in ihrer Wohnstube einen unglücklichen Fall auf ebenem Fußboden und dabei einen Bruch des Schlüsselbeines an der Schulter erlitten hatte.

Es ist eine Pflicht der Pietät, daß ich hier auch dankbar der Beweise von theilnehmender Liebe und Freundschaft gedenke, welche der Verstorbenen von der Frau Oberstin Greven zu Kassel, später zu Frankfurt, und von der Frau Majorin Dotmar zu Kassel in früheren Jahren ihres leidenvollen Lebens zu Theil geworden sind. In späteren Jahren bis zu ihrem Ableben erhielt sie gleiche Beweise von der Frau Oberappellationsgerichtsräthin Duysing und ihren Töchtern zu Kassel.

Dies sind wahrhaftige geschichtliche Thatsachen. Wahrhaft indignirend ist dagegen, was in Beziehung auf die Doctorin Diede und ihre Briefe von W. von Humboldt schon bald nach deren erster Veröffentlichung und auch noch späterhin in öffentlichen Blättern verbreitet worden ist, theils zur Verdächtigung und Verunglimpfung des großmüthigen Königs Friedrich Wilhelm des Vierten von Preußen, theils zur Verherrlichung Alexander von Humboldt’s, als ob nämlich nicht der König, sondern Dieser die bezügliche Pension der Doctorin Diede bis an ihr Lebensende gewährt hätte. Dies ist völlig falsch. Ist es doch bekannt genug durch Varnhagen’s Briefwechsel mit Alexander von Humboldt, daß dieser, so groß und berühmt als Naturforscher und Schriftsteller, in Beziehung auf die Freundin seines verstorbenen Bruders seinen Spott trieb, als über „des Pfarrers Tochter von Taubenheim“. Auch ist nicht unbekannt, daß Alexander von Humboldt ihre Briefe an seinen Bruder durch Verbrennen vernichtet und durch diese That gewiß einen wahren Schatz von reichen Zeugnissen eines ungewöhnlich begabten Geistes und Gemüthes, sowie eines in Freud' und Leid viel geprüften weiblichen Herzens und Lebens zerstört hat. Denn wenn Wilhelm von Humboldt nicht wirklich in den zahlreichen Briefen Charlottens einen solchen Schatz gefunden, so hätte er den Briefwechsel schwerlich bis an sein Lebensende fortgesetzt. Die Humboldt’schen Briefe an Charlotte sind bekanntlich nach dem Tode der Letzteren, durch eine Freundin derselben, die bekannte Schriftstellerin Therese, geborene Struve, herausgegeben worden.

Chr. Fr. Melm.




Karlsbad als vorbeugendes Heilmittel.
Von Dr. med. Eduard Hlawacek.


Anknüpfend an den in Nr. 48 der „Gartenlaube“, Jahrgang 1876, mitgetheilten Artikel über Karlsbad, worin hauptsächlich das Vorurtheil über die vermeintliche „Gefährlichkeit“ seiner Heilquellen widerlegt wird, und weil eben dieser Gefährlichkeit wegen auch recht Viele noch glauben, daß man zu Karlsbad erst dann seine Zuflucht nehmen könne, wenn andre Mittel fehlschlagen, wird in Folgendem gerade das Gegentheil behauptet, daß man nämlich Karlsbad so frühe wie möglich in Gebrauch ziehen sollte, als ein in Wahrheit sicher, schnell und angenehm (tuto, cito et jucunde) wirkendes vorbeugendes Heilmittel.

Es wird nun gefragt werden: wann aber soll Karlsbad als vorbeugendes Mittel angewendet werden? Hierauf antworten wir: Ueberall, wo man der erblichen Anlage wegen, oder wegen vorangegangener luxuriöser, sitzender, mit viel geistiger Anstrengung und zu reichlicher Kost verbundener Lebensweise, durch vorangegangenen Aufenthalt in tropischen Ländern etc. einen jener zahlreichen Krankheitszustände befürchtet, gegen welche am häufigsten in Karlsbad Hülfe gesucht wird, als da sind: Gicht in all ihren proteusartigen Formen, Harnsteinbeschwerden, Gallensteine, übermäßige Fettbildung, Leberanschwellung, Hämorrhoidalzustände, der durch mannigfaltige primäre und secundäre Krankheitserscheinungen sich kundgebende Magenkatarrh etc.

Man sagt nun vielleicht hierauf: Aber wozu der Gebrauch von Karlsbad, wenn von all den genannten Uebeln sich keines noch in ausgesprochener Weise zeigt? Das hieße ja gegen einen eingebildeten Feind oder gegen Windmühlen ankämpfen. Und wenn auch Karlsbad in der That kein so gefährliches Heilmittel ist, wie viele noch glauben, so ist es ja widersinnig, ohne ein wirklich vorhandenes Leiden sich vier Wochen lang mit Trinken und Baden zu plagen, sich zu langweilen und obendrein nicht unbedeutende Geldausgaben zu machen. Hierauf nun erwidern wir Folgendes: Es giebt recht viele Menschen beiderlei Geschlechts, welche sich im Ganzen einer zwar leidlichen Gesundheit erfreuen, aber dennoch zu verschiedenen Zeiten mehr oder weniger in mannigfaltiger Weise sich recht unbehaglich fühlen, ohne ein bestimmtes ausgesprochenes Leiden. Es sind dies meistens Menschen aus den wohlhabenderen Ständen, wo in Betreff der Nahrung, ohne Rücksichtnahme auf ein etwaiges Vorwiegen der stickstoffreichen oder stickstoffarmen oder stickstofffreien Nahrungsmittel, überhaupt nur ein Mißverhältniß zwischen der Einnahme und Ausgabe stattfindet, das ist, wo bei sitzender Lebensweise zu reichliche, nahrhafte Speisen und Getränke, namentlich schwere Bierarten, genossen werden. Eine solche Lebensweise aber findet statt fast ohne Ausnahme theils ungezwungen, theils gezwungen [268] durch die Lebensverhältnisse, gewöhnlich im Mannesalter bei Gelehrten, Professoren, Beamten, Geistlichen, Kaufleuten und bei sehr vielen Frauen, welche nur zu häufig einen großen Theil ihrer Tageszeit am Nähtische oder hinter dem Stickrahmen oder beim Rabusespielen und Patiencelegen zubringen.

Wir genießen da fast Alle zu viel, wenn auch nur relativ, da wir das, was wir genießen, nicht gehörig verarbeiten. Wir essen nicht blos, um das zu ersetzen, was den Tag über im organischen Haushalte verbraucht wird, sondern wir essen sehr häufig blos aus dem Grunde zu viel, weil es uns gut schmeckt. Würden wir dabei eine Lebensweise führen, wie zum Beispiel die Drescher oder Holzhacker und dergl., so wäre unsere reichliche Kost nicht vom Uebel, wir würden sie eben wieder durch Muskelanstrengung verarbeiten. Wir machen uns aber gewöhnlich nicht hinreichend Bewegung in freier, sauerstoffreicher Luft und halten uns besonders im Winter zu viel in warmen, nicht gehörig gelüfteten Wohnungen auf. Diese Lebensweise aber bedingt einen zwischen Gesundheit und Krankheit schwebenden Zustand, welcher besonders bei ererbter Anlage manchen der obenerwähnten Krankheitszustände schon im Keime enthält, aus welchem sich diese unfehlbar entwickeln, wenn durch eine veränderte Lebensweise[2] und ein geeignetes Heilverfahren ihrer Entwickelung nicht bei Zeiten vorgebeugt wird.

Man hat diesen noch durch keine hervorstechenden Krankheitserscheinungen sich charakterisirenden Zustand früher häufig als Anschoppung, Unterleibsvollblütigkeit, oder als venöse Blutmischung und krankhaft erhöhte Venosität bezeichnet, Bezeichnungen, welche vor der neuern exacten Wissenschaft wenig Gnade mehr finden. Doch dem sei wie ihm wolle, der Name thut nichts zur Sache, gleichwohl aber existirt dieser Zustand nur zu häufig und ist wohl hauptsächlich auf einen theilweise oder allgemein mangelhaften Stoffwechsel zurück zu führen. Es häuft sich nämlich einerseits ein über das Bedürfnis reichliches Nahrungsmaterial an, so zum Beispiel in den Muskeln als sogenannte ermüdende Stoffe, als Fettablagerungen etc., und andererseits wird die Aussonderung verbrauchter Stoffe, namentlich des Kohlenstoffes als Kohlensäure durch die Lungen, des Stickstoffes als Harnstoff, Harnsäure etc. durch die Nieren, der Kohlenwasserstoffverbindungen (Fett etc.) mittelst der Galle durch den Darmcanal vermindert.

Dieser Zustand nun charakterisirt sich etwa in folgender Weise: Man ist zwar nicht eigentlich krank, fühlt sich aber doch recht oft unbehaglich ohne besonderen Grund. Der Unterleib nimmt mehr, als es uns lieb ist, an Umfange zu, man ist daher genöthigt, fast nach jeder Mahlzeit sich die Kleider aufzuknöpfen, um die lästige Spannung zu mildern, doch nicht blos am Unterleibe, auch an dem Brustkorbe setzt sich mehr als nöthig Fett an, und man geräth daher bei rascherem Gehen oder Treppensteigen leicht außer Athem; öfters stellt sich, namentlich des Morgens nach dem Erwachen, eine reichliche Schleimabsonderung ein, welche zu häufigem Räuspern und Husten veranlaßt. Man wird besonders nach Tische leicht heiß im Gesicht und geräth sehr leicht in Transpiration; man hat öfters saures Aufstoßen, sogenanntes Sodbrennen. Heißhunger wechselt mit Appetitlosigkeit ab; man fühlt den Unterleib öfter nicht blos nach der Mahlzeit aufgetrieben, wie eine Trommel gespannt, mit einem Gefühl, als ob man eine Weltkugel im Leibe hätte. Man leidet häufig an Blähungen und ist sehr erfreut, wenn man sich durch Aufstoßen oder auf die entgegengesetzte Weise Luft machen kann. Das Aufstoßen ist entweder ein leeres oder saures und ranziges; als Reflex dieser krankhaften Luftentwicklung im Magen und Darmcanal fühlt man den Kopf oft eingenommen, wüste, schwer. Der Bauer sagt: „mir sitzen die Winde im Kopfe“ und er hat insofern ganz Recht. Ein andres, sehr häufig auftretendes Symptom dieser Gasentwicklung ist ein mit Beängstigung verbundenes, paroxysmenweise auftretendes Herzpochen, häufiges Intermittiren des Pulses, überhaupt sehr unregelmäßiger Herzschlag; man hat aus demselben Grunde auch häufig schwere, höchst beängstigende Träume, unruhigen Schlaf und muß oft stundenlang wach im Bette liegen, bevor man wieder einschläft. Bisweilen erwacht man aus einem überaus qualvollen, dem sogenannten Alpdrücken ähnlichen Traum, gewöhnlich unter heftigem Herzklopfen.

Man hat bisweilen Schwindelanfälle, besonders beim Umdrehen im Bette, bei schnellem Aufblicken. Es flimmert vor den Augen; nicht selten Ohrenklingen, besonders häufig Zischeln, auch mehr oder minder starkes Sausen in den Ohren. Der Stuhlgang ist recht häufig träge, wie ungenügend, sehr übelriechend; es ist nicht selten mehrtägige Stuhlverstopfung vorhanden, damit aber kann auch Diarrhöe abwechseln, wonach man nicht selten das Gefühl von Brennen im After hat; man hat sehr häufig ein überaus lästiges Jucken am After, und es drängen sich die sogenannten Knoten hervor; bisweilen ist auch der Stuhlgang blutig; der Urin ist häufig stark sauer, brennt beim Durchgange durch die Harnröhre, färbt das Nachtgeschirr, so hoch der Urin darin steht, mehr oder weniger roth und setzt wohl auch sogenanntes Ziegelmehl und feinen röthlichen Sand ab; man fühlt sich oft ohne allen Grund recht müde. Die Füße sind wie bleiern, sodaß man deswegen nicht gern spazieren geht, wenn man es aber consequent doch thut, so nimmt die Müdigkeit durchaus nicht zu, im Gegentheil, man geht dann mit großer Leichtigkeit und sogar oft mit Behagen stundenlang. Es stellen sich von Zeit zu Zeit Schmerzen an den Füßen oder Händen oder sonst wo ein (Gichtanmahnungen). Ganz besonders aber – und das ist nicht selten das hervorstechendste Symptom – wird man oft ohne allen Grund verdrießlich, melancholisch, leicht zum Zorne gereizt, launenhaft, unliebenswürdig; man ängstigt sich über jede Kleinigkeit, sieht Alles schwarz etc., kurz, es bildet sich ein Zustand, den man Hypochondrie nennt.

So gestaltet, kann dieser Zustand eine geraume Zeit bestehen, und diese Menschen können sich dabei, wie gesagt, einer im Ganzen leidlichen Gesundheit und sogar eines blühender Aussehens erfreuen. Wird aber dieser Zustand unbeachtet gelassen und setzt man die früher erwähnte Lebensweise fort, so entwickelt sich früher oder später unfehlbar einer der oben genannten Krankheitszustände.

Der hier geschilderte Körperzustand (denn ein wirklicher Krankheitszustand ist es noch nicht) ist es nun ganz vorzugsweise, welcher durch eine regelrechte, vollständige Cur in Karlsbad mit überraschend günstigem Erfolge in kurzer Zeit gehoben werden kann. Es ist dies eine Thatsache, auf welche wir die geneigten Leser mit allem Nachdrucke aufmerksam machen. Es muß zudem auch gesagt werden, daß, wenn einmal dieser Zustand in eines oder das andre jener Leiden ganz entschieden ausgeartet, die Heilung dann oft eine sehr schwierige und nicht selter eine nur palliative oder zeitweilige ist.

Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß nicht sämmtliche oben aufgezählte Krankheitserscheinungen bei jedem Individuum auftreten, sondern blos eine kleinere oder größere Reihe derselben.

Nun soll noch auseinandergesetzt werden, auf welche Weise Karlsbad bei dem in Rede stehenden mitunter höchst unbehaglichen Körperzustande Hülfe schafft.

Bei einer solchen Cur wird für's Erste durch die höchst glückliche Mischung (durch das Ensemble) der mineralischen Bestandtheile unserer ebenso kräftigen wie milden und völlig unschuldigen, aber auch dem Geschmacke nach nicht im geringsten unangenehmen Heilquellen der gesammte Ausscheidungsproceß, der Stoffwechsel, die Mauserung (wie man recht bezeichnend auch sagen kann) bethätigt, und es werden mithin die im Ueberfluß in den verschiedenen organischen Speichern abgelagerten Nahrungsstoffe,

[269]
Die Gartenlaube (1877) b 269.jpg

Das Innere eines alten thüringer Eisenhammers.
Nach der Natur aufgenommen von Professor Thon in Weimar.

[270] als da sind: die zu reichlichen Fettablagerungen, die verschiedensten Kohlenstoff- und Stickstoffverbindungen, theils durch den Darmcanal, theils durch die Harnwege, die Hautausdünstung und den Respirationsproceß direct zur Ausscheidung gebracht.

Sodann wird aber dem Uebel auch dadurch gesteuert, daß ihm wenigstens für eine Zeit lang die Quellen abgeschnitten werden. Es tritt nämlich während der Cur in Karlsbad an die Stelle der zu reichlichen, sowohl stickstoffreichen als stickstofffreien Nahrungsmittel, eine etwas schmale und magere Kost, ohne daß es gerade nöthig wäre, daß sich der Curgast einer strengen Kasteiung unterziehe; ferner wird die vorangegangene sitzende Lebensweise mit einer den Kräften angemessenen Körperbewegung, jedoch ohne Uebermüdung; der Aufenthalt in der zu warmen, sauerstoffarmen, häufig mit Kohlensäure imprägnirten Zimmerluft mit dem Aufenthalt in reiner, pflanzenreicher Gebirgsgegend, daher auch relativ sauerstoffreichen Lust vertauscht, wo dann durch reichlichere Aufnahme von Sauerstoff die Entkohlung des zu venösen Blutes begünstigt wird. Endlich tritt an die Stelle einer zu angestrengten geistigen Beschäftigung, oder eines überbürdeten Bureau- oder Actenlebens ein geschäftiges Nichtsthun, und an Stelle des nur zu häufig mit Aerger und Verdruß verbundenen Verkehrs im Geschäftsleben der Verkehr mit anderen mehr oder minder interessanten Menschen aus allen fünf Welttheilen im strengsten Sinne des Wortes, und schließlich der Verkehr mit einer prachtvollen Natur. Ich weiß nicht, wer es gesagt hat, aber es bleibt ein schöner und wahrer Ausspruch: „Die allmächtige Mutter Natur heilt Alles“. Karlsbad wurde bekanntlich von Humboldt in pittoresker Beziehung an die fünfte Stelle gesetzt.


Ein untergehendes Stück Waldpoesie.
(Mit Abbildung.)

Dreißig Jahre sind es kaum, da tönten dem Reisenden, der die grünen Thäler und die mit prächtigen, schlanken Tannen geschmückten Berge des Thüringerwaldes besuchte, wohl in jedem dieser lieblichen Gründe die wuchtigen Schläge eines oder mehrerer Eisenhämmer entgegen und gaben ihm Nachricht und Zeugenschaft von einem der ältesten und wichtigsten Industriezweige der arbeitsamen thüringer Waldbewohner. Die heute noch in großer Menge vorhandenen reichen und vorzüglichen Spath- und Brauneisensteine der Saalfelder und Schmalkalder Gegend, die auf dem ganzen Walde vorkommenden vortrefflichen Rotheisensteine, der Holzreichthum und die mit starkem Falle dem tieferen Lande zueilenden Wasser des Gebirges bildeten seit nun tausend Jahren die natürlichen Grundlagen anfänglich für wenige, später für mehrere hundert von rauchenden Eisenschmelzöfen und laut und lustig pochenden Hammerwerken. Die thüringer Eisen- und Stahlfabrikate erwarben sich schon in frühester Zeit Anerkennung und guten Ruf; bereits im 9. Jahrhunderte waren thüringer Waffenschmiede und ihre guten Schwerter bekannt und genannt; die Sage vom Ruhlaer Waffenschmiede, der seinen verirrten Landesherrn hart und fest hämmerte, datirt aus dem 12. Jahrhundert, und im 14. Jahrhundert waren die Suhler Panzerer und Plattner schon über Deutschlands Gaue und Berge hinaus durch die Vortrefflichkeit ihrer Harnische und Schwerter berühmt. Die mittel- und süddeutsche Ritterschaft klopfte sich ausschließlich mit Suhler Schwertern die fehdelustigen Köpfe blutig, und manchem trotzigen Rittersmann schnitt eine Suhler Klinge den Lebensfaden jählings ab. Nach der Erfindung des Schießpulvers blieb Suhl nicht allein im Besitze seines Rufes, sondern erhob sich sogar zur einzigen und großen Waffen- und Gewehrfabrik, zur Rüstkammer Deutschlands, wie die Zeitgenossen es nannten. Es ist in Folge dessen auch als die Mutter aller deutschen und vieler ausländischen Gewehrfabriken anzusehen, denn wie seine Gewehre im Laufe der Jahrhunderte sich massenhaft in ganz Europa und sogar auch über den Ocean verbreiteten, so zogen auch viele geschickte und kundige Gewehrarbeiter nach aller Herren Ländern, um neue Stätten ihrer Kunst und Zunft gründen zu helfen.

Aber nicht blos die männermordende Waffe erzeugte der Thüringerwald, nein, auch die Bedürfnisse des Friedens in Eisen und Stahl wurden dort in großer Auswahl und reichlichen Mengen dargestellt; viele hunderttausend Centner Eisenerze wurden in hoher Oefen Gluth geschmolzen, um für den friedlichen Bauer und Bürger Pflugschaare, Wagenreife, Hufstab- und Nageleisen, Sensen, Messer, Feilen, Aexte, Ahlen, Nägel und viele andere Eisen- und Stahlwaaren anfertigen, um mit ihnen hausirend, Märkte und Messen beziehend, umfangreichen Handel treiben zu können. Schmalkalden, Brotterode, Steinbach, Mehlis, Zella und Suhl bildeten den Hauptsitz der Fabrikation solcher Stahlwaaren. Suhl war außerdem durch seine unübertroffenen Eisenbleche, namentlich solche für Salzsiedepfannen und Schmalkalden durch seinen Edelstahl berühmt, während der östliche Theil des Thüringerwaldes mehr schwere Eisensorten und Gußwaaren fabricirte.

Der für Thüringen insbesondere unheilvolle dreißigjährige Krieg schlug dem Wohlstande seiner Bewohner und dem Bergbau und Hüttenwesen eigentlich nie vollständig geheilte Wunden. Die Horden Isolani’s und Holk’s durchstöberten große und kleine Erzgruben nach dort verborgenen Schätzen der in die Wälder geflüchteten Einwohner und zerstörten Maschinen und Baue auf und unter Gottes Erdboden. Gar manche höfliche Zeche, wie der Bergmann sagt, wurde in den langen Jahren dieses gräulichen Krieges verlassen und zerstört und blieb in dem darauf folgenden Elende vergessen und verschüttet; hatte doch Thüringen fast zwei Dritttheile seiner Bevölkerung damals verloren.

Erst Mitte des vorigen Jahrhunderts hoben sich der Bergbau und das Eisenhüttenwesen wieder; außer in der Nähe der Hauptplätze Saalfeld, Suhl, Schmalkalden, Steinach fand man auf dem ganzen Thüringerwald, von der Hörsel bei Eisenach bis zur Saale bei Lobenstein, Hunderte von Schmelz- und Hammerwerken. Ueberall pochten und lärmten die Stabeisen-, Nageleisen- oder Zainhämmer, die Blech-, Sensen-, Schaar-, Schaufel-, Rohr- und Stahlhämmer. Ueberall in den dunkeln Forsten stiegen die Rauchsäulen der Kohlenmeiler mit ihrem weithin auffallenden, eigenthümlichen Brandgeruch in die reine, klare Nachtlust empor. Ueberall stieß man auf Bergbau, Berg- und Hüttenleute und Fuhrwerke, die Erze, Holz, Holzkohlen, Eisen und Stahl transportirten; viele Ortschaften nährten sich in der Hauptsache vom Bergbau, der Eisen-, Stahl-, Stahlwaarenfabrikation und dem zu diesem Allen nothwendig gewordenen Fuhrwesen.

Dieser bis in die dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts andauernden Blüthe erwuchs aber in dem mit Steinkohlen gesegneten Westfalen ein gefährlicher Nebenbuhler. Der Kampf um’s Leben wurde mit zu ungleichen Kräften geführt; er währte kaum ein Jahrzehnt. Die neuen, billig und massenhaft erzeugenden Methoden konnten in Thüringen der fehlenden Steinkohlen wegen nicht eingeführt werden, und so kam es, daß in den vierziger und fünfziger Jahren die meisten Schmelzöfen und die alten Hammerwerke fast alle in Stillstand geriethen. Die werthvollen Wasserkräfte wurden nach und nach zu Säge-, Mahl-, Farbe-, Porcellanmassemühlen, Maschinenfabriken und anderen industriellen Zwecken benutzt.

„Das Alte stürzt – es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

Mit dem Verschwinden der alten, rußigen Eisenwerke ist leider auch ein gut Theil Poesie und thüringische Eigenthümlichkeit verloren gegangen. Aufhorchend blieb ehedem der Wanderer im dunklen Walde oder im frischgrünen, wasserreichen Thale stehen, wenn plötzlich der rhythmische Doppelschlag eines oft noch weit entfernten Hammerwerkes sein Ohr traf; je mehr er vorwärts schritt, desto lauter schallten die Hammerschläge, bis er nach einiger Zeit, um eine Thalwand biegend, das malerisch einsam gelegene, von kleinen Wohnhäusern, Holzvorräthen, Kohlenmeilern und alten hohen Bäumen umgebene, hochdachige und von Wetter und Rauch geschwärzte Gewerk vor sich liegen sah. Gar eigenthümlich war der Eindruck des Inneren eines solchen schwarzgeräucherten, grellbeleuchteten und tiefbeschatteten Hammerwerkes, wie es unsere Abbildung, der Wirklichkeit getreu, uns vor Augen führt. Die bärtigen, rußigen, nur mit einem langen Hemde, Schurzfell, Holzpantoffeln und großem Schlapphute bekleideten Hammerschmiede könnten im ersten Augenblicke wohl an die zwei Knechte erinnern, denen nach [271] Schiller der Graf von Savern seinen Todesbefehl zuherrschte, die auf unserm Bilde fühlen aber nichts weniger als Henkerslust und haben kein fühlloses Herz in ihrer Brust, wie ihre Vorfahren; sie verrichten in der von Kindheit auf erlernten Weise, zwar wortkarg, aber in größter Gemüthlichkeit, ihre schwere, heiße, manchen Schweißtropfen auspressende Arbeit. Der rechts im Vordergrund sorgt für das Erhitzen der großen Eisenstäbe; der andere links regelt mit der Schützenstange den Lauf des rastlosen Wasserrades, und der Dritte schmiedet und streckt mit starker und geübter Hand den weißwarmen Eisenstab unter dem gewaltig zuschlagenden Hammer, bei dessen Schlägen blendende Strahlen um den Ambos herumleuchten.

„Und bildsam von den mächt’gen Streichen,
Muß selbst das Eisen sich erweichen.“

Das einfache Mittagsbrod bringend, wartet das frische Weib des Einen mit dem Jüngsten im thüringer Kindermantel auf eine Pause in der Arbeit, um mit dem erst am letzten Tage der Woche heimkehrenden Manne eine kurze Zeit über die kleine Wirthschaft daheim, die Kinder oder was es sonst Neues giebt, zu reden; an ihren Knieen lehnt der Aelteste, durch Schurzfell und Hammer bereits kundgebend, daß auch er einst ein Hammerschmied werden will. Auch der große zinnerne Bierkrug fehlt nicht, denn der Hammerschmiedsdurst ist berühmt und unlöschbar. Was die alten Hammerschmiede in dieser Hinsicht leisten konnten, erzählt die Chronik von den sechs Suhler Blechschmieden, die des Sonnabends nach der Auslöhnung in ihrem fast adamitischen Arbeitscostüm, alle Wirthshäuser unterwegs revidirend, nach dem drei Meilen entfernten Arnstadt wanderten, um sich an dem dortigen berühmten Weizenbiere einmal gründlich zu laben. Diese Labung dauerte eine ganze Woche und endete erst mit dem letzten Tropfen des ganzen Gebräues, der Brauherr aber schenkte den unverwüstlichen Trinkern ob der seinem Biere angethanen Ehre die Zeche, und stolz und vergnügt kehrten die Suhler über den Rennsteig heim in ihren alten lieben Hammer.

Wie unsere Abbildung, so zeigte sich ehemals auch jedem Touristen und Curgast das Innere des durch seine überaus freundliche Lage im Thale der noch jugendlichen Ilm ausgezeichneten Grenz- oder Fridolin-Hammers; er ist in der unmittelbaren Nähe des an Naturreizen so reichen Ilmenau an dem von den Geognosten viel untersuchten hochinteressanten Ehrenberge gelegen; nach längerem Stillstande ist er seit einer Reihe von Jahren zu einem kleinen Gußstahlhüttenwerke umgewandelt worden, aus dessen Räumen der Hämmer Tactschlag wieder kräftig hervorschallt.

Seit mehreren hundert Jahren wurden hier Saalfelder und in unmittelbarer Nähe gewonnene Erze verschmolzen und Stabeisen erzeugt. Karl August, welcher einen Antheil am Besitze erwarb und sich lebhaft und eingehend für den Betrieb des Werkes interessirte, besuchte mit Goethe gar oft den Grenzhammer und schaute stundenlang der Arbeit in der alten Hammerhütte zu. Der Märchendichter Musäus genoß wiederholt seine Sommerfrische hier, und auch Schiller’s Name ist mit dem Grenzhammer verwoben; wenigstens läßt ihn der Volksmund auf dem zu jener Zeit mit dichtem Walde umgebenen Gewerke gern weilen und die schöne Legende vom frommen Knechte Fridolin dichten.

Die Eisenbahn-Aera, welche Thüringen die fehlenden Steinkohlen herbeischaffte, hat in’s Schmalkaldische und Saalfeldische neues Leben für die Eisen- und Stahlindustrie gebracht. Die Güte der Eisenerze zog Capital und Unternehmungslust herbei; selbst Großindustrielle wie Krupp und Borsig sind auf Thüringen aufmerksam geworden. Beide treiben schon mehrere Jahre in der alten Ruhl Bergbau auf vorzüglichen Rotheisenstein. Je mehr sich Zweige von den Haupteisenbahnlinien in das thüringer Gebirge hinein erstrecken, desto größeren Aufschwung werden Bergbau und Hüttenwesen und der mannigfachste Gewerbfleiß gewinnen, trotzdem werden aber für den erquickenden und stärkenden Genuß der herrlichen Gebirgsnatur stille Thäler, schattige, duftende Wälder und ozonreiche einsame Berghöhen genug noch übrig bleiben und nach wie vor dem Leidenden und dem erschöpften Großstädter Heilung und Labung spenden.

Fritz Röhr.




Blätter und Blüthen.


Die letzte Ordonnanz des Marschall „Vorwärts“. Zu Denjenigen, welche in schwerer Zeit den Ruf des Königs und den Angstschrei des unglücklichen Vaterlandes vernahmen, gehörte auch Karl Wilhelm Ferdinand Zimmermann, geboren am 14. November 1795 auf dem Rittergute Goerden bei Brandenburg; er trat am 1. December 1812 als Freiwilliger in das zweite westpreußische Dragonerregiment, hat mit ihm die Feldzüge unter Blücher mitgemacht und dann ununterbrochen als Quartier- und Wachtmeister im achten Kuirassierregiment weiter gedient, wo er den 6. Mai 1852, nach einer vierzigjährigen Dienstzeit, als Secondelieutenant, mit einer Pension von täglich zwölf Silbergroschen, seinen Abschied bekam. – Zwölf Silbergroschen! Ein rechtes Liebeszeichen – doch basta! Es ist nicht meine Absicht, über das Wesen der Gerechtigkeit hier zu reflectiren; dazu haben wir in Deutschland genügend Männer, die besser verstehen als ein unbeachtetes Menschenkind, was Deutschland der letzten Ordonnanz des alten „Vorwärts“ schuldet. Lassen Sie mich lieber in kurzen Worten Einiges aus dem Leben des alten Haudegen vorführen, wie ich es aus seinem eigenen Munde gehört habe:

„Zwei Tage vor der Schlacht von Belle Alliance,“ sagte er, „ritt Excellenz durch unser Feldlager, hielt bei mir an und fragte in abgebrochenen Worten: ‚Zimmermann, können Sie lesen und schreiben?‘ Zu damaliger Zeit waren dieser Kunst unter Hundert nur Zehn fähig. Auf mein ‚Ja‘ commandirte Excellenz mich vor; ich mußte mit ihm in’s Hauptquartier reiten und kam während des ganzen Feldzuges nicht wieder von seiner Seite. Wo es die wichtigsten Depeschen, die schärfsten Ritte galt, mußten ‚Zimmermann und sein Russe‘ d’ran. Der ‚Russe‘ war mein Gaul, der schnellste und wildeste Renner im ganzen Regiment und dabei das treueste und dankbarste Thier, welches ich heute noch nicht vergessen kann.

Es war in einer stürmischen Nacht nach einem heißen Treffen, als mir mein damaliges Roß erschossen wurde. Der ‚Russe‘ jagte mit zerrissenem Sattelzeug und fliegender Mähne ohne Reiter an uns heran; durch einige Worte polnisch, die ich ihm radebrechend zurief, brachte ich ihn zum Stehen; ich schlich mich an ihn heran, und nach kurzem Manöver gab er sich mir gefangen, und zwar zu meinem Glück; denn einen besseren Gaul konnte ich nicht finden. Den ganzen Feldzug habe ich ihn geritten, bin auf ihm in Paris eingezogen und habe mit ihm die Jubelrufe des befreiten Vaterlandes gehört. Doch größere Tage, als die von Belle-Alliance, haben wir nicht wieder zu sehen bekommen; das war ein Entscheidungskampf wie bei Leipzig. Noch höre ich, wie Excellenz riefen: ‚Kinder, wir müssen siegen oder Keiner sieht sein Vaterland wieder.‘ Noch sehe ich sein blitzendes Auge, als er mir vor der Schlacht die Depeschen an die verschiedenen Commandeure überreichte, und höre die Worte, welche er mir zurief: 'Zimmermann, nun reiten Sie mit dem Russen wie zwei Teufel, denn wichtigere Ordres haben Sie noch nicht getragen!‘

Die Schnelligkeit, mit der ich damals meine Pflicht erfüllt, ist mir heute noch ein Räthsel; in vierundzwanzig Stunden meldete ich mich zurück und erhielt sein kurzes ‚brav, brav!‘ Gleich darauf donnerten die Kanonen; unsere Trompeten schmetterten, und mit Hurrah ging es fort zur Schlacht, zur Schlacht, die ewig glänzen wird in den Blättern der Geschichte. Ich ziehe meinen Hut vor den jungen Helden von 1870 und 1871 – doch ein Belle-Alliance haben sie nicht erlebt.

Ein Andenken an jene großen Tage habe ich noch von Excellenz, wie es wohl nur Wenige besitzen.“ Dabei holte er aus einem verborgenen Schreine eine reichverzierte Meerschaumpfeife hervor. „Diese Pfeife,“ erzählte er mit fast weinerlicher Stimme, „hat mir Excellenz nach der Schlacht von Belle-Alliance selbst überreicht. Unsere Leute hatten sich, ermüdet vom Kampfe, am Wachfeuer gelagert; ich stand, auf mein Schwert gestützt, bei meinem Russen und schaute gedankenvoll in die dunkle Nacht hinaus. Plötzlich kam Excellenz an mich herangeritten, hielt sein Roß an und fragte:

‚Zimmermann, warum rauchen Sie nicht?‘

‚Excellenz,‘ erwiderte ich, ‚der Ordonnanzritt von vorgestern hat mich mein ganzes Rauchzeug gekostet.‘

‚Aber, aber,‘ war seine Entgegnung, ‚wie kann man sein Liebstes verlieren!‘ Er winkte darauf seinem Kammerdiener, der stets hinter ihm ritt, und befahl diesem, eine Pfeife mit dem nöthigen Rauchzeuge für mich zu holen, und bald darauf überreichte mir Excellenz diese Pfeife mit den unvergeßlichen Worten:

‚Zimmermann, die rauchen Sie zum Andenken an den letzten Ritt!‘

Als Excellenz im Dunkel der Nacht verschwunden war, trat ich an ein Wachfeuer, um mir meine Pfeife anzustecken; dabei bemerkte ich am Kopfe derselben ein sonderbares Gefunkel und entdeckte bei näherer Betrachtung zwölf der edelsten Steine, die wie Sterne leuchteten. Ich zog darüber den Kammerdiener in’s Vertrauen, doch dieser meinte, Excellenz habe mir das Rauchzeug geschenkt, und es wäre mein Eigenthum. Wie habe ich aber diese Pfeife bewahrt! Wie meinen Augapfel!

Als wir in Versailles lagen, fehlte es mir immer an dem Nöthigsten, und nach langem Kampfe mit meinem Gewissen wurden die Steine mein Retter; ich verkaufte das Stück für zwölf Napoleons an einen Pariser Juden; an dem hohen Preise erkannte ich erst den großen Werth der Steine, denn jedenfalls hat der Jude das Dreifache dafür bekommen. – Hier,“ sagte der alte Knasterbart, „sehen Sie noch die zwölf Vertiefungen im Kopfe, wo die Steine gesessen, die mir damals ein flottes Leben bereitet – die Pfeife aber habe ich in Ehren gehalten und hätte sie nicht hergegeben, wenn man sie mit Diamanten aufgewogen. Nur an hohen Ehrentagen rauche ich daraus; der nächste ist der Geburtstag unseres Kaisers, der ja auch mit uns dabei war, doch wohl keine Ahnung hat, daß hier im Schwarzburger Lande, im Städtchen Greußen, noch ein alter Graukopf lebt, der dem großen Feldherrn so nahe gestanden, wie wohl keiner der Lebenden: ‚die letzte Ordonnanz des Marschall Vorwärts‘.“



[272] Poetisches Berlin. Wer den Volkscharakter der jetzigen deutschen Hauptstadt nicht erst seit gestern und nicht blos aus flüchtigen Eindrücken kennt, der wird es nicht belächeln, wenn von einem romantischen Zuge des eigentlichen berlinischen Wesens gesprochen wird. In der That hat das als verstandeskalt und prosaisch verschrieene Berlin immer einen ungewöhnlich starken Hang und Drang poetischen Strebens und Regens in sich getragen. Die ungeheuren Steinmassen des endlos sich ausdehnenden Straßennetzes, sowie die Dürftigkeit der Naturumgebungen mögen wohl als Gegensatz das Bedürfniß weichen Gefühlsaufschwungs, die Sehnsucht nach lebhafter Erwärmung der Innerlichkeit in den Gemächern erzeugt oder gesteigert haben. Genug, dieser Zug ist von altersher dort auffällig in den höheren wie in den mittleren Gesellschaftsschichten, besonders in der Jugend und bei der Frauenwelt zu finden, und er hat sich namentlich in den vormärzlichen Jahren bis zu der politischen Wendung von 1840 auch in einem regsamen dichterischen Leisten ausgeprägt. Verschiedene Dichtergruppen wetteiferten damals mit einander in ebenso rüstigem wie achtungswerthem Schaffen, und unter ihnen stand auch eine neuerwachsene Schule jugendlicher Sänger, in denen unklar, aber energisch der junge Wein moderner Freiheits- und Emancipationsideen gährte, talent- und gemüthreiche, zum Theil geniale Menschen, welche in innigem Seelenbunde sich vereinigt hatten, von denen aber als Dichter nur einige, wie Gaudy, Ferrand, die beiden Marggraff, Sallet, Minding, Brunold, einen mehr oder minder hervorragenden Platz in der Geschichte unsrer neuern Lyrik behauptet haben. Die meisten Genossen dieser aufstrebenden Tafelrunde sind frühe ihren inneren Gluthen und den tragischen Zusammenstößen der Genialität mit der harten Wirklichkeit erlegen, und nur hier und da begegnen wir noch Einem von ihnen unter den Lebenden. Zu diesen gehört neben Bernstein, der bis zum heutigen Tage als wissenschaftlicher Volksschriftsteller und politischer Publicist eine gefeierte und einflußreiche Wirksamkeit entwickelt, auch der oben genannte F. Brunold, ein gemüthswarmer Liedersänger und Novellist, den wir gleichsam als den Geschichtsschreiber seines einstmaligen Jugendkreises und der Strebungen und Stimmungen desselben bezeichnen können.

Was Brunold seit einer Reihe von Jahren in anziehenden Einzelschilderungen (zum Theil in der „Gartenlaube“) von den interessanten Persönlichkeiten des frühern poetischen Berlin zu erzählen wußte, daraus hat er einen anmuthigen Cypressen- und Lorbeerkranz gewunden, welcher unter dem Titel „Literarische Erinnerungen“ schon vor längerer Zeit (bei Schauenberg-Ott, Zofingen und Leipzig) erschienen ist. Ein poesie- und stimmungsvolles Buch, über dem ein zarter Hauch ergreifender dichterischer Wehmuth liegt und das in seiner novellistischen Färbung doch einen culturgeschichtlich-biographischen Werth besitzt, da es erinnerungswerthe und doch halb oder gänzlich vergessene Gestalten uns lebendig vor die Seele zaubert und unsern Geist in den traulich-warmen Dämmerschein entschwundener Tage versetzt, aus denen noch gar Manches fesselnd zu unserm Empfinden spricht. Wir wandeln gleichsam durch einen von lichter Frühlingssonne bestrahlten, in lieblichem Blüthenflore prangenden Friedhof, auf dem uns die Leichensteine von den Schicksalen, dem einstmals so heißen Ringen, dem Leben, Schaffen und Lieben der hochbefähigten, liebenswürdigen und seltsamen Menschen berichten, die nun schon so lange da unten still in den Gräbern schlafen. Die Welt ist seitdem anders geworden. Wenn aber ihre Stürme und Kämpfe einmal siegreich sich beschwichtigt haben werden, wird sie unstreitig an viele schöne und feine Züge wieder anknüpfen, welche der Gefühlsrichtung jener Zeit noch eigen waren. Heiteres freilich ist nicht viel in den genußreichen Bildern, die uns Brunold hier gezeichnet hat, und zu den mancherlei ernsten Betrachtungen, die uns dabei bewegen, gehört auch der Gedanke an den Verfasser selbst. Er hat manche vortreffliche Erzählung geschrieben und manches wunderschöne Lied gesungen, das noch heute im Munde des Volkes lebt. Aber nach kurzer Jugendzeit, die er in inniger Gemeinschaft mit gleichstrebenden Genossen verleben durfte, hat er sein ganzes ferneres Dasein in einer der kümmerlichen Schulstellungen eines abgelegenen Oertchens vertrauern müssen. Dem treuen und anerkannt wackeren Jugendlehrer ist bisher nicht der verdiente Lohn geworden. Möge ihm wenigstens die Anerkennung nicht fehlen, welche seinem ernsten dichterischen Streben gebührt!




Ein neuer Kaspar Hauser. Vom Magistrate zu Pritzerbe bei Brandenburg geht der Redaction der „Gartenlaube“ folgende Zuschrift zur Veröffentlichung zu:

„Am 8. November wurde mir,“ so schreibt der Herr Bürgermeister Heidert, „von dem Gensd'armen Hartmann ein junger Mensch vorgeführt, der wegen Bettelns verhaftet worden war. In seiner Vernehmung gab er an, er heiße Hermann Groll, wisse nicht, wie alt er sei, noch wo er geboren; seine Eltern habe er nicht gekannt und sei, so lange er denken könne, mit einer großen Schaar Zigeuner herumgezogen. Im Frühjahre 1876 seien in der Schweiz unter den Zigeunern Streitigkeiten ausgebrochen, und einer derselben, Fasti mit Namen, habe sich mit ihm von den Andern getrennt und sei mit ihm nach Deutschland gegangen. In einem Orte hinter Berlin, den Namen vermöge er nicht genau anzugeben, habe Fasti ihm gesagt: 'Du kannst nun gehen. Du gehörst nicht zu uns. Du heißt Hermann Groll, bist, als Du klein warst, in Holstein gestohlen. Gehe nach Holstein! Du wirst dort Deine Eltern finden.'

Groll will nun weiter gegangen sein, fragend, wohin der Weg nach Holstein gehe. Am 17. April 1876 ist derselbe nach Brandenburg gekommen, hat dort bis zum 26. October 1876 bei dem Speisewirthe Fey gedient, ist dann wegen Mangels an Arbeit entlassen und nachher verhaftet und mir vorgeführt worden.

Groll bat mich dringend, ihn irgendwo unterzubringen; er wolle gern arbeiten. Ich habe ihn bei einem Schmiedemeister in die Lehre gebracht, und er hat sich bis jetzt fleißig und ordentlich geführt; ein gleiches Zeugniß hat der pp. Groll auch von seinem Brandenburger Arbeitsherrn erhalten. Dem Oberprediger unseres Ortes, welcher ihm im Winter Unterricht im Lesen ertheilte, hat Groll viel von den großen Reisen der genannten Zigeunergesellschaft erzählt und dabei eine ziemlich scharfe Beobachtungsgabe bekundet. Dabei erzählte er auch, daß noch mehrere Knaben, Deutsche, bei der Gesellschaft gewesen, die zum Pferdefüttern etc. verwendet worden seien.

Groll ist anscheinend sechszehn bis siebenzehn Jahre alt, von kräftiger Figur, hellblonden Haaren und augenscheinlich ein Norddeutscher. – Eine genaue Verhandlung ist mit ihm noch nicht möglich gewesen, da er mir gegenüber noch sehr scheu ist; auch ist vorzüglich noch aufzuklären, warum er nur Deutsch spricht, während, nach seiner Mittheilung an den Oberprediger, die Zigeuner die längste Zeit in Spanien, Frankreich, der französischen Schweiz, in Ungarn, Rußland, der Türkei, in Klein-Asien und sogar in Persien gewesen sein sollen.“

Soweit die obrigkeitliche Angabe. Eine Privatzuschrift nannte den Unbekannten nicht Groll, sondern Zorn. Offenbar spielt hier die Sinnverwandtschaft der Wörter eine Rolle und dürfte für die Aufsuchung der Angehörigen des Findlings zu beachten sein.




Eine schwimmende Schule. Ein schwimmendes Hospital haben wir in Amerika schon, das zur heißen Jahreszeit Tausende von armen Müttern und kränklichen Kindern den Casernenwohnungen entführt und ihnen frische Luft und momentane Befreiung von Sorgen gewährt. Und nun sollen wir auch – eine schwimmende Schule erhalten. Professor Theodor B. Comstock von der Cornell University, einer eigenthümlichen Anstalt, in der die Zöglinge neben dem theoretischen Unterrichte in die Praxis eingeführt werden, will einen Cursus der Naturwissenschaft auf einem Dampfer in’s Leben rufen. Er soll eine Fahrt auf den großen Seen machen und interessante Punkte besuchen, an denen man behufs biologischer Studien sammeln will. Der Dampfer soll am 5. Juli von Buffalo oder von Cleveland abgehen, seine Fahrt längs dem südlichen Ufer der Seen machen, westlich am Lake Superior herumgehen und dann seine Fahrt rückwärts am nördlichen Ufer vollenden. Der geologische Unterricht und die allgemeine Leitung wird hierbei dem genannten Gelehrten zufallen, und andere tüchtige Lehrer sollen die Expedition zum Zweck von Untersuchungen in ihren speciellen Fächern begleiten. Die Kosten werden zum Theil von den Mitgliedern der Gesellschaft getragen, von deren Unterhalt die Anstalt überhaupt abhängt, und zum Theil aus Sammlungen, die man hierbei auch mit für andere Anstalten anlegt. Die Fahrt ist auf dreißig Tage festgesetzt worden, wenn die Mitglieder dieser „fahrenden Schule“ es nicht vorziehen sollten, dieselben noch um etwas zu verlängern.
D.




Für Orden- und Titel-Narren neue Gelegenheit! Für lumpige 28,000 Mark kann man „erblicher ungarischer Edelmann“ und „erblicher römischer Graf“ werden; um dieselbe Summe ist das Ritterkreuz des italienischen Kronen-, sowie des Lazarus- und Mauritiusordens feil. Wem das zu viel Geld ist, hat für nur bis 3000 bis 5000 Mark die Auswahl von päpstlichen, spanischen, portugiesischen, russischen, brasilianischen und französischen (alten Familien-) Orden; in gleichem Preise stehen die der Sultane von Tunis und Tripolis, des Schahs von Persien, des türkischen Padischah und unterschiedlicher Republiken, wie Honduras und San Marino. Sogar emaillirte Ehrenkreuze von Rettungsvereinen verschafft man gegen Geld und gute Worte. – Wir würden dieses stille Vergnügen der Dummen mit keiner Zeile erwähnt haben, wenn nicht der betreffende dunkle Geschäftsmann in London ankündigte, daß er für Summen von 2500 bis 8000 Mark Hoflieferanten-, Commerzien-, Medicinal-, Hof- und sonstige Rathtitel auch von deutschen Staaten feilhalte. Wir haben nicht Lust, den Namen dieses Feilbieters zu verbreiten; dagegen steht derselbe Staatsanwälten, welche in der Ankündigung dieses Titelverkaufsgeschäfts ihrer Regierungen eine Ehrenkränkung derselben erkennen, jederzeit zu Gebote.




Die Direction der Hessischen Ludwigs-Eisenbahn in Mainz ersucht uns um Veröffentlichung nachfolgender Zeilen: „Im Sommer vorigen Jahres ist im hiesigen Bahnhofe durch einen diesseitigen Bediensteten ein Säckchen aufgefunden worden, in welchem sich theils in amerikanischem, theils in deutschem Reichsgolde eine Summe Geldes im Werthe von circa dreihundert Reichsmark, sowie ferner ein Ring, mit Steinen besetzt, befand. Es hat den Anschein, daß diese Gegenstände einem Auswanderer oder auch einem aus Amerika zurückgekehrten Reisenden gehört haben, und es läßt das Aeußere des Säckchens vermuthen, daß der Eigenthümer, respective die Eigenthümerin gerade nicht den wohlhabenden Classen angehörte.

Wir haben auf Grund des Paragraphen dreiunddreißig des Betriebsreglements das Fundstück einstweilen in Verwahrung genommen, und die bis jetzt diesseits eingeleiteten Recherchen und Nachfragen bei der Polizeibehörde sind von einem Erfolge nicht begleitet gewesen.

Da die „Gartenlaube“ in Folge ihrer großen Verbreitung vorzugsweise geeignet erscheint, zur Ermittelung des Eigenthümers beizutragen, so erlauben wir uns, Sie ergebenst zu ersuchen, in Ihrem geschätzten Blatte die gegenwärtige Mittheilung zu veröffentlichen.“



Kleiner Briefkasten.


G. Z. in L. Sie kommen mit ihrer Gratulation leider zu spät. Unser geschätzter Mitarbeiter J. D. H. Temme hat bereits am 5. d. M. in ungetrübter Heiterkeit und unter den rührendsten Beweisen allgemeiner Theilnahme seine goldene Hochzeit gefeiert. Wir freuen uns von Herzen der nachhaltigen Verehrung, welche der alte Freiheitskämpe und Veteran der deutschen Criminalnovelle im Bewußtsein seines Volkes genießt.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Vorlage: kaum
  2. Sehr häufig wird die Karlsbader Kost als unschmackhaft, saft- und kraftlos getadelt, diese ist aber im Ganzen viel besser als ihr Ruf. Sie braucht auch der Cur wegen, was man fast allgemein glaubt, durchaus nicht unschmackhaft zu sein, was man euphemistisch „curgemäß“ nennt. Im Gegentheil, die Speisen sollen so gut und kräftig wie möglich zubereitet sein, ohne daß deswegen die Fleischgerichte und Gemüse im Fett zu schwimmen brauchen. Da jedoch das Vorurtheil: die Kost müsse während einer Karlsbader Cur saft- und kraftlos sein, zu einem so ziemlich überwundenen Standpunkt gehört, so ist in der That die Kost hierorts gegenwärtig in den meisten Gasthäusern eine recht befriedigende. Allerdings kommt man nicht nach Karlsbad, um lucullische Gastmahle zu halten, sondern gerade deswegen, weil viele Curgäste deren zu viele gehalten haben. Die Mahlzeit soll in Karlsbad nicht aus vielen oder vielerlei Gerichten, sondern nur aus wenigen bestehen. Die wenigen aber können, wie gesagt, so gut wie möglich zubereitet sein. „Die Eigenschaft der Speisen hat wohl selten, oft aber die Menge derselben geschadet.“ Das sind die Goldworte des Dr. D. Becher, der über Alles, was den Curgebrauch von Karlsbad betrifft, die vollwichtigste Autorität ist. Jener Ausspruch ist auch zugleich der beste Fingerzeig rücksichtlich der Auswahl der Speisen.