Die Gartenlaube (1880)/Heft 2

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1880
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1880) 021.jpg
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

Inhaltsverzeichnis

[21]

No. 2.   1880.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.


Nachdruck verboten.  
Uebersetzung vorbehalten.
Ledige Kinder
Erzählung aus dem oberbaierischen Gebirg.
Von Herman v. Schmid.

(Fortsetzung.)

Der Alte wollte sich ausschütten vor Lachen über die vermeintliche Verlegenheit des Paares; es fiel ihm nicht ein, daß das Benehmen des Burschen auch einen andern Grund haben könne.

„Sie geniren sich wirklich alle Zwei!“ rief er mehrmals hinter einander. „Ja, kennst' mich denn nicht, Lenz?“

„Ich mein' schon, so halb und halb. Seid Ihr nicht der Vetter, der Kramer von Tölz?“

„Kramer? Was, Kramer?“ entgegnete der Andere. „Ich bin Handelsmann, Firma: Rab und Geier, und kein Kramer! Freilich bin ich Dein Vetter! Meine Mutter und Dein Vater sind ja leibliche Geschwistertkindskinder gewesen.“

„So, so,“ sagte Lenz, dem die Verwandtschaft eben nicht besonders zu gefallen schien. „Wird nachher schon so sein, wie der Herr Vetter sagt. Müßt's nicht übel aufnehmen, daß ich Euch nimmer gekennt hab'; es ist schon ein biss'l lang her –“

„Freilich, freilich!“ lachte der Krämer. „Wir sind ein wenig über's Kreuz gewesen, ich und Dein Vater, aber das ist ja schon über zehn Jahre her; seitdem sind wir nicht mehr zusammen 'kommen. Das waren ja nur Kindereien, die man vergessen muß. Deinem Vater ist es gewiß auch recht. ... Was macht er denn, der alte Schwed'? Ist er alleweil wohlauf? Mir ist, als hätt' ich davon läuten gehört, es hätt' ihn ein Schlag'l getroffen.“

„Meinen Vater?“ sagte Lenz, indem er ihn bedeutsam ansah. „Warum nit gar! Der Vater ist hechtengesund; er hat sich selbiges Mal nur ein bischen überarbeitet gehabt.“

„Das ist recht; das freut mich!“ rief der Andere wieder. „Er wird auch eine Freud' haben, wenn er mich wieder sieht. ... Aber jetzt führ' uns in's Haus hinein, Lenzl, und zeig' uns unser Zimmer! Weil wir doch einmal da sind, bringt Ihr uns unter acht Tagen nicht an. Es ist gar zu schön auf dem Kogelhofe, eine so gesunde und gute Luft, und meine Philomena ist immer gern dagewesen. Nicht wahr, Philomena,“ fuhr er fort, „Dir gefällt's ganz gut? Möchtest nicht alleweil dableiben? – Na, was nicht ist, kann immer noch werden. Aus Kindern werden Leute, und unverhofft kommt oft. Noch hat der Letzte nicht geschoben.“

Er brach wieder in Lachen und Prusten aus und verschwand hinter Lenz, der die Gäste in's Haus führte und ihnen mit der Hand winkte, die Treppe in's obere Stockwerk hinanzusteigen.

Die übrigen Anwesenden hatten sich inzwischen fast vollzählig auf der Tenne versammelt, unter verschiedenen Gesprächen über die Ankunft des Königs und dessen zu erwartende Einkehr. Auch der hagere Baron hatte sich dort eingefunden; er hatte jetzt seinen Ueberzieher über den Arm gehängt und erschien in vollständig schwarzem Anzug, wie es zu einer Audienz schicklich ist. Die neue, blendend weiße Binde und ebensolche Handschuhe stimmten aber übel zu dem Frack und den Beinkleidern, die schon verfärbt und fadenscheinig aussahen. Es war so recht das Bild dessen, was die Bauern, einander mit den Augen zuwinkend und sich mit den Ellbogen stoßend, „eine arme Hoffahrt“ nannten. Angelegentlich erkundigte er sich nach dem Zeitpunkt der Ankunft der Majestät, allein der Gemeindevorstand, an den er sich gewandt hatte, wußte keinen anderen Bescheid zu geben, als er ihn selbst von den Hausbewohnern erhalten hatte. Der König hatte von der andern Seite her den Kogel bestiegen und auf einer Sennhütte übernachtet, um am frühesten Morgen Gemsjagd abzuhalten. „Bis gegen zehn Uhr,“ sagte der Vorstand, „hat er über den Kogel herunterkommen und da frühstücken wollen, aber es geht schon stark auf Mittag, und er ist noch nicht da; es wird ihm doch nichts zugestoßen sein!“

Der einmal ausgestreute Same der Besorgniß faßte sofort Wurzel und schoß rasch in's Kraut; denn der König war allgemein beliebt, und ein ihn betreffender Unfall wäre von Jedem wie ein eigener schmerzlich empfunden worden. Die Unruhe stieg durch die allmähliche Ankunft einiger Herren und Diener, die sich im Gefolge des Königs befunden, dann aber seine Spur verloren hatten und in der Ueberzeugung, ihn dort bereits anzutreffen, nach dem Kogelhofe vorausgeeilt waren.

Man war schnell entschlossen, die Zeit nicht müßig abzuwarten und schickte sich an, nach allen Richtungen, in welchen der König kommen konnte, Leute auszuschicken; bald hatte sich eine Anzahl Hofbediensteter und anderer rüstiger Männer aufgemacht und schritt gegen den Wald hinan.

In der Tenne blieb immer noch eine ansehnliche Versammlung zurück, zu der nach einander auch der Pechler Kaspar, sowie der Sohn des Hauses mit seinen Gästen sich wieder einfanden. Abermals wurde die Ausschmückung der Tenne und der Tafel bewundert, und bald war auch der Blumenbusch der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit geworden.

„Ein schöner Busch'n! Das muß ich sagen; der Schloßgärtner könnt' ihn nicht schöner machen. Wer hat ihn gebunden?“ fragte die Frau des Gemeindevorstehers.

„Die Nannei, unsere Dirn',“ sagte Lenz kurz.

„Hab' mir's gedacht,“ fuhr die Bäuerin fort. „Sie soll [22] ein recht tüchtiges Leut geworden sein; hab's schon gehört. Aber was soll mit dem Busch'n geschehen? Ist er blos für die Tafel oder soll sonst noch was passiren damit?“

„Das versteht sich,“ entgegnete Lenz. „Das ist ja die Hauptsach'. Wenn die Tafel aus ist und der König in den Wagen steigt, wird ihm der Strauß überreicht. Den muß er als Andenken mitnehmen.“

„Das ist gescheidt; das gefällt mir,“ bemerkte der Vorstand vergnügt. „Und wer ist's nachher, der ihn dem König überreicht?“

„Nun, das versteht sich wohl von selbst,“ sagte der Pechler, der aufmerksam geworden und näher getreten war. „Wer soll ihn sonst überreichen, als wer ihn gebunden hat, die Nannei?“

Ein augenblickliches Schweigen folgte der Entscheidung des Pechler – ein doppelsinniges Schweigen, welches zum Theil die Berechtigung derselben anerkannte, zum Theil als der Vorbote kommenden Widerspruches gedeutet werden konnte. Es war die Stille vor dem Gewitter. Der Vorstand stellte das erste Donnerrollen vor.

„Die Nannei?“ sagte er. „O nein, das geht ja doch nicht an; das kann nit sein.“

„Warum?“ grollte der Pechler entgegen. „Es muß doch wer aus dem Haus' sein – und da keine Bäuerin da ist –“

„Aber eine Magd, eine ganz gemeine Dirn'!“ meinte die Vorsteherin.

„Gemein?“ rief der Pechler. „Das ist sie nicht; sie ist ein fleißiger Dienstbot – ein rechtschaffenes und braves Leut.“

„Ich nehm' ihr nichts von ihrer Bravheit,“ erwiderte die hartnäckige Bäuerin, „aber es geht halt doch nicht.“

„Warum?“ rief der Pechler wieder und lauter als zuvor und streifte die Aermel seines Kittels empor, wie er es an seinem Schweel-Ofen zu thun pflegte, wenn es ein heißes Stück Arbeit gab. „Wer dem König den[WS 1] Busch'n giebt, muß doch auch etwas Sauberes sein; sonst erschrickt der König, wenn er den Strauß in die Hand nehmen muß – und ist die Nannei nicht das schönste Dirn'l in der ganzen G'meind'?“

„Kann sein, daß sie Dir so vorkommt, Pechler Kaspar,“ sagte eine junge Bäuerin, die sich neben dem Vorstand aufgepflanzt hatte und offenbar gesonnen war, der Frau desselben beizustehen. „Du hast sie aufgezogen von Kind auf; drum bist in sie verschamerirt. Sie ist auch aus keinem besseren Tegel gedreht als die Andern.“

„Aus keinem besseren?“ rief die Frau des Vorstandes, die schon anfing, heftig zu werden. „Ich mein', sie kann sich gar nicht zu den Andern hinstellen.“

„So!“ sagte der Pechler und stand bereits unmittelbar vor ihr, sodaß der Vorstand für nöthig fand, sich für alle Fälle mit seinem Ansehen und seiner Münze dazwischen zu schieben. „Warum soll die Nannei nicht so gut sein wie die Andern? 'Raus mit der Farb'!“ fragte er kampfbereit.

„Nun, wenn ich's sagen muß, so sag' ich's halt!“ fuhr die Frau fort. „Was soll man denn sagen, wenn der König den Busch'n nimmt und sich bedankt und fragt, wer denn das Wunderkind ist und wie's heißt? Soll man sagen, daß sie keinen Vater und keine Mutter hat? Daß sie gar nicht 'reingehört in die G'meind'? Daß sie nichts ist als – ein lediges Kind?“

Diesen Vorwurf schien der Alte nicht erwartet zu haben. Er war sichtbar eingeschüchtert und mußte eines Athemzuges Dauer sich besinnen, ehe er antworten konnte.

„Ein lediges Kind –“ sagte er kleinlaut, „das ist sie wohl. Aber das ist ja nit ihre Schuld. Das ist doch keine Schand' für sie.“

Die Anwesenden geriethen in unverkennbare unwillkürliche Bewegung. Die Rede des Alten war so ganz und schnurgerade gegen die öffentliche Meinung und das allgemeine Gefühl, daß sie lebhafte Entrüstung hervorrief.

„So, das wär' etwas Neues,“ gingen die Stimmen durch einander. „Das giebt's nicht bei uns; das lassen wir nicht aufkommen in der G'meind', daß solche ledige Kinder den unseren gleich wären. Freilich kann sie nichts dafür, sondern nur ihre Mutter, aber wir können auch nichts dafür, und das soll sie halt mit ihrer Mutter abmachen, wenn sie einmal mit ihr zusamm'kommt in der Ewigkeit.“

„Still da, Alle mit einander!“ überschrie der Vorstand den Lärm. „Fahr ab, Pechler Kaspar! Die Leut' haben Recht. Wenn der Kogelbauer da wär', müßt' er entscheiden – weil er aber nicht da ist, red' ich als Vorstand statt seiner. Es geht nicht. Von einem ledigen Kind kann der König den Buschen nicht annehmen. Es wär' eine Schand' für den Kogelhof und die ganze Gemeind'. Was müßt' der König von uns denken? Der braucht's gar nicht zu erfahren, daß es solche Kinder bei uns giebt. Also muß schon wer anderer den Buschen überreichen.“

Der Krämer hatte schon einige Male den Mund geöffnet, auch seine Meinung auszusprechen, hatte aber nie vermocht, mit seiner Fettstimme die anderen rauhen Kehlen zu übertönen. Jetzt gelang es ihm, eine winzige Lücke zu erhaschen und sich vernehmlich zu machen.

„Da wär' leicht abzuhelfen,“ sagte er, „da braucht's keinen Disputat. Es ist nur ein wahres Glück, daß es mir eingefallen ist, mit meiner Philomena herzureisen. Die ist aus der nächsten Freundschaft; meine Tochter soll den Busch'n übergeben.“

Der Ausweg fand wie ein salomonisches Urtheil den allgemeinsten Beifall.

„Ja, ja, so ist's recht,“ hieß es hin und wieder. „Auf die Art giebt's keinen Streit und keinen Verdruß; die alten Bräuch' bleiben in Ehren, und wir haben nicht Noth, so neumodische Sachen aufkommen zu lassen.“

Der Pechler sah wohl, daß dieser Einmüthigkeit gegenüber mit Worten nichts auszurichten war. Auch wäre nicht mehr Zeit dazu gewesen; denn von draußen ertönte Jauchzen und Jodeln durch einander, und einzelne Schüsse verkündeten, daß der erwartete und vermißte Fürst gefunden war und wohlbehalten sich dem Hause näherte.

Alles stürmte hinaus, ihn zu sehen, zu empfangen und seiner sich zu freuen. Der Pechler mit Lenz waren die letzten, die zurückgeblieben; er trat zu dem Burschen, sah ihn mit eigenthümlichen Blicken von unten bis oben an und fragte:

„Nun, was sagst denn Du zu der Geschichte?“

Lenz gab keine Antwort und verließ achselzuckend die Tenne.

„No,“ rief ihm der Andere halblaut nach, „hätt'st auch Deinen Zorn vergessen und ein Wörtel für's Nannei reden können – aber Dir und Allen ist's auch nicht geschenkt; das ledige Kind will ich Euch in ein Wachsel drucken. Ihr glaubt wohl, die Geschicht' wär' schon aus? Nichts da – der Pechler Kasparl schiebt Euch doch noch einen Riegel vor. – Ha, ha, ha!“ rief er, indem er laut lachend sich auf die Kniee schlug, „der König würd' eine Freud' haben, wenn ihm der Buckolorum den Buschen überreichen thät'.“

Die Ankunft des Königs war Ursache, daß Niemand auf seine Rede achtete und er unbemerkt sich ebenfalls unter die rufende und den Hut schwenkende Menge mischen konnte, durch welche der König in gewohnter Leutseligkeit und mit wohlwollendem Lächeln heran kam, nach allen Seiten seinen Dank durch freundliches Kopfnicken aussprechend. Der hohe Herr hatte Mühe, durch das Gedränge zu kommen, und die Diener waren vollauf beschäftigt, ihm Bahn zu machen und die Leute durch die Erzählung zum Zurückweichen zu veranlassen, daß die Majestät durch die Jagd und ein ihr auf derselben zugestoßenes Abenteuer etwas angegriffen und ermüdet sei. Die meisten folgten dem Zureden; dafür wurde der Kogelbauer desto eifriger in die Mitte genommen und mußte erzählen, was dem Könige zugestoßen, was denn eigentlich geschehen sei.

Nur die dicke Firma Rab und Geier ließ sich ebenso wenig bescheiden, wie der Freiherr von Steinerling zu beschwichtigen war. Der Krämer ruhte nicht, bis der König seine unzähligen Bücklinge mit einem besondern Gruße erwidert, ihn nach Namen und Wohnort gefragt und sich daran erinnert hatte, bei der Durchfahrt durch den letztern das Firmenschild über der Hausthür bemerkt zu haben, was den Eigenthümer über alle Maßen glücklich machte.

Der Freiherr war damit nicht zufrieden und schickte sich auf die Frage des Fürsten an, seinen ganzen Stammbaum zu entwickeln. Er habe es für seine Unterthanenpflicht gehalten, sagte er, als adeliger Besitzer aus der Umgegend seinem allergnädigsten Landesherrn auf der Durchreise aufzuwarten, und bedaure nur, ihm nicht auch seine Gemahlin aufführen zu können, die durch ein geschwollenes Bein am Ausgehen verhindert sei. Mit vergnügtem Lächeln hörte der König den Bericht und bedauerte lebhaft, die Gemahlin nicht kennen zu lernen. Er hoffe aber, setzte er hinzu, [23] ein andermal dafür entschädigt zu werden. Wenn er wieder in die Gegend komme, werde er nicht ermangeln, auch seine Frau mitzubringen und dem Herrn Baron vorzustellen.

Der Kogelbauer erzählte indessen zum dritten oder vierten Male, wie der König ihn auf den Stand mitgenommen, von welchem aus man schnurgerade über das Gewände in das Thal und auf den Kogelhof heruntergesehen. Nach Beendigung der Jagd habe der König gefragt, ob es nicht möglich sei, statt auf dem langen Umwege an der Rückseite des Berges geradezu über die Felsen hinab zum Kogelhof zu gelangen.

„‚Ja,‘ habe ich gesagt,“ erzählte er weiter, „‚möglich ist es schon, aber der Weg ist etwas wachs, und Schwindel darf man keinen haben.‘ Darauf hat der König seinen Büchsenspanner fortgeschickt und gesagt, ich solle ihn nur hinunterführen, er habe keine Furcht und auch keinen Schwindel. Was hab' ich machen wollen? Ich bin den Weg schon öfter gegangen, und hab' gewußt, es ist justament keine Gefahr dabei. Aber wie wir ein Stück weit abgestiegen waren, sind wir an einen Platz gekommen, wo es nimmer weiter gegangen ist. Da ist von den Gießregen im Frühjahr ein Trumm Felsen abgegangen gewesen, so groß wie ein Hüthaus, und hat auch vom Steig ein gut Stück mitgenommen, daß man sich schon Gemsfüß' hätt' wünschen mögen. Der Weg ist auf eine halbe Zimmerlänge nicht viel breiter gewesen als eine gute Hand. Auf der einen Seite ist das Geschröffe in die Höhe gestiegen, auf der andern der Abgrund 'nunter gefallen, und Umkehren wär' nit viel besser gewesen, als gleich selber hinunter springen. Ich hab's dem Herrn angesehen, daß ihm die Geschichte nicht gefallt. – Da hab' ich mich kurz zusammengenommen und hab' ihm angeboten, ihn auf die Achsel zu nehmen und 'nüber zu tragen. Er hat ‚Ja‘ gesagt, und ich bin auch glücklich mit ihm hinüber gekommen. – Wie wir aber drüben waren, da ist mir erst der Datterer in die Knie gefahren, daß ich mich an den Felsen hab' anheben müssen. ... Aber jetzt laßt mich aus, Leut'!“ unterbrach er sich, indem er sich losmachte, „der König ist schon gleich in der Tenne, und im Kogelhof muß der Kogelhofer doch der Erste sein, der ihm ‚Grüß Gott‘ sagt.“

Mit wenigen Schritten hatte er den Eingang erreicht und kam gerade recht, um den königlichen Gast unter der Thür willkommen zu heißen. Als er so auf der Erhöhung vor den Blicken Aller dastand, in seiner großen schlanken, markigen Gestalt, war es wohl Jedem klar, daß er der Mann war, solch ein Wagstück, wie das erzählte, zu vollführen. Er war das echte Muster eines Gebirgsbauern, der trotz der fast kahlen Stirn wie ein Baum dastand, welcher noch viele Jahre rüstig überdauern wird, ehe die Axt ihn erreicht oder der Sturmwind ihn bricht. Einem Kundigen wäre vielleicht die etwas stark geröthete Gesichtsfarbe bedenklich erschienen, die ja häufig, und nur zu oft mit Recht, als Anzeichen eines ungesunden Herzzustandes angesehen wird, aber die Gesammterscheinung ließ die Befürchtung im Ernste nicht aufkommen. Dieselbe wäre wohl bei einem Bewohner der Stadt berechtigt gewesen, nicht aber bei einem Manne, der im täglichen Genusse der freien Bergesluft und im Verkehr mit der Natur in jedem Athemzuge neue Kraft und Gesundheit in sich sog.

Es war ein freundlicher Anblick, König und Bauer so einander gegenüber zu sehen – auch der König war eine anziehende und dennoch gebietende Erscheinung: der Waidmannsanzug, den er für seine Jagden selbst ersonnen und den er mit den ihn begleitenden Cavalieren, Gelehrten und Schriftstellern zu tragen pflegte – der grünsammetne Leibrock mit dem goldenen Gürtel, die strammanliegenden grauen Beinkleider und der dunkle breitkrämpige Hut mit dem Adlerflaum – war ganz geeignet, den volksfreundlichen König nach jenen beiden Richtungen zu zeigen.

„Nun, Grüß Gott, Herr König,“ sagte der Bauer, „Grüß Gott auf dem Kogelhofe; es freut mich recht, daß Ihr bei mir einkehrt! Ich will auch über der Hausthür ein Taferl anbringen und darauf schreiben, was dem Haus heut für eine Ehre geschehen ist. Jetzt seid halt gern da und nehmt vorlieb!“

Der König bot dem sich tief verneigenden Bauer die Hand, die dieser ehrerbietig ergriff. Zugleich legte ihm der Fürst die andere Hand auf die Schulter.

„Ich bin sehr gern bei Euch, lieber Kogelhofer,“ sagte er, „und werde mir den heutigen Tag auch roth im Kalender anzeichnen. Ihr seid ein tüchtiger Mann,“ fuhr er fort, mit etwas erhobener Stimme und gegen die unten versammelte Volksmenge gerichtet, „das ist der Mann, der heut Euern König aus einer großen Gefahr gerettet hat. Ich danke ihm vor Euch Allen; er soll sich eine Gnade dafür ausbitten.“

„Hoch! Unser König soll leben und der Kogelhofer daneben!“ schrie das aufgeregte Volk, der Kogelhofer aber schüttelte lachend den kahlen Kopf.

„Eine Gnade?“ rief er. „Ich weiß keine. Mir ist es Gnade genug, daß mein König bei mir ein'kehrt hat.“

„Es bleibt dennoch bei dem, was ich gesagt habe,“ entgegnete der König, „und wenn es jetzt nicht ist, so besinnt Euch auf eine Bitte; welche es sei: sie soll Euch gewährt werden.“

„Nun, nachher werd' ich es mir halt überlegen,“ entgegnete der Bauer, „und werd' mich besinnen, bis mir eine rechte Gnade beifällt, daß es gleich der Mühe werth ist.“

Zustimmend nickte der Fürst und erkundigte sich nach den Familienverhältnissen seines Wirthes, der mit unverkennbarer Befangenheit und nicht ohne einige Zögerung erzählte, daß er auf dem Kogelhofe mit seinem einzigen Sohne ganz allein hause, daß die Mutter desselben schon gestorben, als der Knabe noch kaum ein Jahr alt war – daß er keine Lust verspürt habe, sich wieder zu verheirathen, und mit einer Schwester, die vor einigen Jahren auch heimgegangen, so fort gehaust habe, wie es eben auf den Berghöfen im Gebirge häufig der Gebrauch sei.

Inzwischen waren die königlichen Jagdwagen auf dem Fahrwege angekommen; das Flaschenfutter war aus denselben hervorgehoben und der Wein auf der Tafel zurecht gesetzt worden, um welche die Begleiter des Fürsten sich zu sammeln begannen.

Der König ließ sich ein gefülltes Glas geben; ein zweites reichte er dem Kogelbauer und forderte ihn auf, mit ihm anzustoßen.

„Trinkt!“ sagte er. „Das ist der edelste Wein, den es giebt, der wird uns gut thun. Wir bedürfen alle Beide der Stärkung nach den Strapazen, die wir durchgemacht haben.“

„Majestät sollen leben,“ entgegnete der Bauer, leerte sein Glas, setzte es aber, wie von Schwindel ergriffen, gleich wieder auf den Tisch und wankte in den Knieen, daß er sich an der Kante festhalten mußte, während sein Gesicht von augenblicklicher Blässe überflogen und unmittelbar darauf mit noch höherer Röthe als gewöhnlich überströmt war.

„Es ist nichts,“ sagte er, sich rasch aufraffend, da der König ihn verwundert betrachtete. „Es ist schon wieder vorbei. Ich glaub', ich spüre doch den Weg, den wir gemacht haben; ich bin halt auch schon über die Dreißiger hinaus.“

„Ihr habt der Ruhe so nöthig, wie ich,“ entgegnete der König, „sorgt, daß ich mich etwas zurückziehen kann, wenn der kleine Imbiß eingenommen sein wird!“

Das war bald geschehen. Nachdem etwas kalter Wildbraten auf der Tafel servirt worden war und Lenz eine mächtige Schüssel voll Schuksen und Kücheln, schön kraus, goldbraun und mürbe gebacken, aufgepflanzt hatte, zog sich der König zur Ruhe zurück. Vielleicht hätte auch der Kogelbauer dasselbe gethan, wäre ihm nicht der Krämer mit Philomenen in den Weg getreten, der schon lange auf einen solchen freien Augenblick gepaßt hatte.

Das Gesicht des Bauers verrieth keine Spur besonderen Vergnügens über die Ankunft seines Besuches. Er lud ihn zwar ein, neben ihm an der leer gewordenen Tafel Platz zu nehmen, aber es klang nicht eben freundlich, als er fragte, wie er zu der besondern Ehre komme, den Vetter und das Basl auf dem Kogelhof zu sehen.

„Ich weiß wohl, in den älteren Jahren wird man vergeßlich,“ setzte er hinzu, „aber mir ist, als ob wir justament nicht so gut Freund mit einander wären.“

„Ach ja!“ rief der Krämer, „das ist aber schon eine ewige Zeit her; da soll man solche alte Sachen gar nimmer denken.“

„So, so?“ erwiderte der Kogelhofer. „Nachher ist der Herr Vetter doch noch vergeßlicher als ich. Ich hab' den Denkzettel, den mir der Vetter damals gegeben hat, schon noch behalten und kann seinem Gedächtniß schon nachhelfen, wenn's Noth thut. Auf den Advent werden's wohl zwölf Jahre; da hab' ich den Vetter das letzte Mal g'sehen.“

„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der Krämer, dem diese Erinnerung nicht ganz behaglich zu sein schien, „volle zwölf Jahre! Es ist merkwürdig, wie die Zeit vergeht! Es ist recht schlecht von mir, daß ich mich so lang' nicht hab' sehen lassen.“

„Dös wär' gerade nicht das Schlechteste, was es giebt,“ [24] fuhr der unerbittliche Bauer fort. „Wißt Ihr noch? Es war selbiges Mal, wie meine Schwester, weil sie kränklich geworden, in die Stadt gezogen ist, um näher beim Doctor zu sein. Und wie sie bald darauf gestorben ist und der Vetter ihr das schöne Testament eingered't hat.“

„Eingered't?“ sagte der Krämer hastig. „Wie mag der Herr Vetter nur so was sagen! Es war ihr freier Wille. Ich war zu jener Zeit noch Oberschreiber am Landgericht und hab' ihr halt geholfen beim Testamentmachen, weil sie sich dabei nicht ausgekannt hat.“

„Eine saubere Helferei, bei der ich als leiblicher Bruder leer ausgegangen bin,“ sagte der Bauer, „während der Herr Oberschreiber als weitschichtiger Vetter das ganze Vermögen eingesteckt hat. Ist denn der Herr noch beim Gericht?“

„Schon lang nimmer!“

„Aha, ist er davon geschickt worden?“

„Warum nit gar! Ich bin selber gegangen; ich hab' die Schreiberei satt gehabt und hab' mir eine Krämerei gekauft und bin jetzt Handelsmann. Ich hab' den großen Laden auf dem Hauptplatz, und die Firma 'Rab und Geier' steht mit goldenen Buchstaben über der Hausthür.“

„Freut mich, freut mich,“ höhnte der Alte, „wenn die Erbschaft so gut angeschlagen und zum Vergolden ausgereicht hat.“

Er wollte sich erheben, aber der Krämer hielt ihn fest.

„Bleibt, Vetter,“ sagte er, „und laßt mit Euch reden! Ein Jeder ist sich halt selbst der Nächste. Das müßt Ihr bedenken und endlich einmal die alte Geschichte gut sein lassen, daß Gras darüber wachsen kann. Ich will's ja auch gut machen und will's nur gerad' heraus sagen: das ist die Ursach', wegen was ich her'kommen bin.“

„So? Da bin ich wirklich neugierig,“ sagte der Kogelhofer; der Krämer aber, etwas näher rückend, fuhr fort:

„Wir sind alle zwei schon in den Jahren, wo man daran denkt, Ordnung zu machen. Ich möchte je eher je lieber meinem Buben die Handlung übergeben; dann hab' ich nur noch meine Tochter. Ihr habt auch nur den einzigen Buben: wie wär's, wenn wir ein Paarl draus machten?“

„Ein Paarl? Aus meinem Sohn und Eurer –“

Er vollendete nicht und brach in ein prustendes Gelächter aus, wobei er mit der Faust auf den Tisch schlug, daß die Gläser und Flaschen tanzten.

„Nun, was ist dabei so zu lachen?“ fuhr ärgerlich der Krämer auf. „Ich rede in vollstem Ernst und sehe nicht ein, was da zum Lachen wäre.“

Noch immer lachend fuhr der Bauer fort:

„Recht habt Ihr, Vetter. Es wär' auch eigentlich mehr zum Weinen! Damit ist es aber nix.“

„So? und warum denn?“

„Warum? – Erstens, weil keine Stadtjungfer auf meinen Bauernhof taugt, und zweitens, weil, wenn ich doch um eine Schwiegertochter umschau, ich mir jedenfalls eine aussuch', die ihre g'raden Glieder und keinen Buckel hat.“

Der Krämer war hastig empor geschnellt und bäumte sich wie eine Natter, die sich, nach dem Volksglauben, zu Sprung und Biß bereit macht; der kärgliche Athem flog und das fest auf den Bauer gerichtete Auge funkelte giftig.

„So,“ stammelte er, „ist das eine Antwort auf einen solchen Vorschlag? Recht so! Das ist so eine rechte, übermüthige Bauernantwort. Aber das Gescheidteste wird sein, ich nehm' die Antwort noch nicht an. Ich bleib' doch heut' da, und morgen, und wenn wir darüber geschlafen haben, will ich Euch noch einmal fragen. Vielleicht überlegt Ihr's Euch, denn ich sag' Euch nur Eines im Voraus, Vetter: überlegt's Euch ja gut! Es könnte Euch leicht reuen.“

Er rannte fort; von dem boshaften Blicke mehr als von der Drohung betroffen, sah ihm der Kogelhofer nach.

„Wie wär' das?“ murmelte er in sich hinein. „Der schlechte Kerl droht mir? Mit was wohl? Was giebt's, womit man dem Kogelhofer drohen kann –?“

Er sprach nicht zu Ende; plötzlich schien ein Gedanke in ihm aufzublitzen, der ihn zucken machte, als wäre er wirklich vom Blitze getroffen. Er fuhr nachsinnend mit der Hand über den Kopf und dann trat er entschlossen zur Seitenthür der Scheune, von wo sich nahende Stimmen und Tritte hören ließen.

Der König hatte seine Ruhe bereits beendet und rüstete sich zur Abfahrt.

„Habt Ihr schon ausgeruht?“ fragte der Bauer, ihm entgegentretend. „Das habt Ihr aber kurz gemacht. Aber seid nicht harb, Majestät, wenn ich Euch noch aufhalt'! Ihr habt vorhin gesagt, daß ich mir eine Gnade ausbitten dürft'. Jetzt hab' ich mich besonnen; jetzt ist mir was eingefallen, um was ich Euch bitten soll. Aber ich kann's nur Euch allein sagen und kein anderer Mensch darf zuhören.“

Der gütige König war bereit; beide traten seitwärts in den Grund der Scheune.

Ernsten Angesichts vernahm der Fürst das Gesuch des Bauers. Es mußte kein geringes Anliegen sein, denn dem Mann schien es nicht leicht zu werden, die Sache vorzubringen: er mußte mehrmals absetzen, schwer aufathmen und hatte sichtliche Mühe, sich aufrecht zu erhalten. Endlich war das Gespräch, von Allen unter Staunen beobachtet, aber von Niemand verstanden, zu Ende. Der König zog seine Brieftasche hervor, in welcher er einige Worte verzeichnete, dann reichte er dem Bittsteller, zum Zeichen der Gewährung, die Hand, die dieser, ohne sich abhalten zu lassen, dankbar an die Lippen drückte.

„Ihr müßt mir das nicht wehren!“ rief er. „Das ist noch die größte Gnad', daß ich die Hand von einem so guten König busseln kann.“

Der Wagen fuhr vor.

Auf der Tenne hatten sich noch einmal alle Angehörigen des Hauses zusammen gefunden. Neben dem Vater stand Lenz; auch der Krämer mit Philomena fehlte nicht. Mit spöttisch-lachendem Gesicht schlich der rußige Pechler herein und führte Nannei an der Hand. ... Es war der Augenblick, in welchem der Blumenstrauß überreicht werden sollte.

Philomena und ihr Vater mühten sich ab, denselben zu entdecken. Es war vergebens. Der Krug war und blieb leer. Offenbar mußte Jemand den Strauß entwendet haben.

„Aber wo ist denn der Buschen?“ flüsterte es durch einander. Auch Nannei stand betroffen. Sie hatte von dem ganzen Vorfall und dem Streite wegen des Blumenstraußes weder erfahren, noch ahnte sie etwas davon – über und über in der Küche beschäftigt, hatte sie sich nicht eher loszumachen vermocht, als bis der Pechler ihr winkte, und sie also den Augenblick für gekommen hielt, in welchem ihr als Köchin wie als Kranzbinderin die gebührende Anerkennung zu Theil werden sollte. Ehe sie ihre Verwunderung über das Fehlen des Straußes auszusprechen vermochte, fühlte sie sich von dem Alten rückwärts gefaßt und durch eine Lücke vorwärts geschoben – dabei drückte er ihr zugleich von hinten den vermißten Buschen in die Hand.

Während der Kogelbauer und der Krämer am untern Ende der Tafel mit einander stritten, war er in die Tenne geschlichen und hatte den Gegenstand des Zwistes, der am obern Ende vor dem Gedecke des Königs gestanden, verschwinden lassen.

„Geh voran, Nannei!“ flüsterte er ihr zu, „wie der König die Brucken hinunter gehn will, ist's just die rechte Zeit.“

So schlau seine Berechnung gewesen, sie war doch ohne den Wirth gemacht. Im nämlichen Augenblicke, als Nannei vortrat, langte eine fremde Hand von der Seite herüber und entriß ihr den Busch.

Es war Lenz.

„Du wirst den Buschen nit übergeben, hochgeistige G'sellin,“ rief er mit spöttischem Lachen und einem Blick, in welchem der ganze Groll über die heutige Zurückweisung loderte. „Ein lediges Kind, das nit einmal einen Vater hat, gehört nit zu so was – das wär' eine Schand' für den ganzen Kogelhof!“

Der Vorfall kam so plötzlich und ging so rasch vorüber, daß kaum die ganz zunächst Stehenden etwas davon gewahr wurden. Philomena, der Lenz den Strauß gleichzeitig in die Hand gegeben, war besonnen genug, den Augenblick zu benützen: schon im nächsten Moment stand sie mit tiefem Knixen vor dem freundlich lächelnden König, der den Busch dankend, aber ohne weitere Frage annahm und die Scheunenbrücke hinunter schritt.

Der Pechler stand unbeweglich und starrte wie blitzgetroffen vor sich hin – Nannei war, wie von einem plötzlichen Schlage seitwärts geschleudert, an die Wand getaumelt.

Sie war außer Stande, einen klaren Gedanken zu fassen.

Nicht daß ihr Lenz den Strauß entrissen, nicht daß sie

[25]
Die Gartenlaube (1880) b 025.jpg

Ein Aufschneider in Livrée.
Nach dem Gemälde von Hugo Kauffmann in München auf Holz übertragen.

[26] dadurch um die erwartete Auszeichnung gekommen, war es, was sie vernichtete: die Worte thaten es, mit denen es geschehen war.

Hatte sie denn recht gehört?

Sie, die ihr Leben lang sich keines Unrechts bewußt gewesen; sie, die mit aller Mühe, mit allem Fleiße getrachtet, als ein ehrenhaftes, wenn auch armes Mädchen dazustehen; sie, die sich geschmeichelt hatte, daß Niemand in der Gemeinde von ihr ein unrechtes Wort zu sagen, sie mit einem schiefen Blicke anzusehen wagen durfte – sie sollte eine Person sein, die sich nicht recht öffentlich zeigen konnte, oder die, wenn sie es that, dem Ort und Hause, wo es geschah, zur Schande gereichte?

„Vater!“ rief sie, sich gewaltsam aufraffend und nach Athem ringend. „Vater – was hat er gesagt? Geschimpft hat er mich – ein lediges Kind hat er mich geheißen – und Du – Du stehst daneben, Vater, und leidest das? Du hilfst mir nicht? Red’ – bist Du denn nit, für was ich Dich meiner Lebtag gehalten hab’? Bist Du denn nit mein Vater?“

Sie ergriff und schüttelte den Alten beim Arm, um ihn aus seiner anscheinenden Betäubung zu reißen und zu einem Lebenszeichen zu veranlassen. Er blieb stumm, wandte sich von ihr ab und fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Augen, um sich die Thränen abzuwischen, die als einzige, nur zu verständliche Antwort ihm über die hageren Wangen rollten.

Mit einem Aufschrei des Schreckens ließ sie ihn los und brach auf einen Sitz zusammen; wie bewußtlos starrte sie vor sich hin, erst die Hände ringend, dann im Schooße in einander faltend, indeß ihre Brust wie von Krämpfen geschüttelt flog und vergebens nach dem lösenden Labsal der Thränen rang. – So war es denn wahr! Sie war vaterlos – war eines der unglücklichen Geschöpfe, die den eigenen Angehörigen ein Vorwurf, allen Andern eine Last, ein Gegenstand der Geringschätzung heranwachsen, wie ein auf den Weg verstreutes Samenkorn, das unter dem achtlosen Fuße des Wanderers zertreten wird oder verkümmert! Die wie verbotene Auswüchse am regelmäßigen Stamme nur mit Gleichgültigkeit betrachtet oder mit Widerwillen geduldet werden. Mit einem Male war der Schleier glücklicher Täuschung, der sie bis dahin liebevoll umgeben und eingehüllt hatte, zerrissen: blendend hell, mit dem grellen Feuerschein eines Brandes, der die Hütte, die ihr so lange eine Heimath gewesen, in Schutt und Trümmer verwandelt, lag ihr ganzes bisheriges Leben vor ihr. Manches, was sie nicht begriffen und wovon sie sich verletzt gefühlt hatte, ohne recht zu wissen, warum, lag nun auf einmal in schrecklicher Deutlichkeit vor ihr – manches hingeworfene Wort, manches kleine Ereigniß aus der Zeit der Schule und selbst der Kinderspiele, das sie gutmüthig auf Rechnung ihrer Armuth geschrieben, war jetzt zu furchtbarer Deutlichkeit erklärt – alle Fäden der Zusammengehörigkeit mit Familie, Haus, Gemeinde waren wie eben so viele Lebensadern abgerissen, und wie die Vergangenheit, lag auch die oft in der Stille so schön geträumte Zukunft verwüstet – einem Bergthale gleich, dessen Wiesen, Matten und Gärten eine plötzliche Ueberschwemmung unter Geröll, Schutt und Gestein begraben hat.

Deshalb also war auch Lenz so keck gegen sie gewesen! Deshalb hatte auch er, an dessen Erscheinung und Wesen ihr Auge und Herz mit geheimem, tiefverborgenem Wohlgefallen gehangen, es gewagt, so gegen sie aufzutreten und sie wie eine ehrlose Person zu behandeln!

Dieser, der bitterste Gedanke machte die Erstarrung ihres Schmerzes brechen – ihre Thränen flossen, und die Hände vor’s Gesicht schlagend, stürzte sie laut aufschluchzend aus der Tenne in’s Haus. Draußen aber übertönte den Klagelaut das Hochrufen des Volks und das Rollen der Räder, welche den Nannei’s Blumenstrauß in der Hand haltenden König von dannen trugen.

(Fortsetzung folgt.)




Die Spielwuth in San Francisco.
Ein Beitrag zur Geschichte des modernen Actienschwindels.
Von Theodor Kirchhoff.
(Schluß.)

Die letzte Hochfluth einer wilden Speculation in Minenactien auf der Stockbörse in San Francisco begann im Juni 1878. In vier Monaten stiegen siebenundzwanzig Hauptminen am Comstock-Gang im Marktwerth von 29 auf 125 Millionen Dollars; drei Monate später waren dieselben Actien auf mehr als ein Dritttheil ihres höchsten Preises wieder herabgesunken. Schon seit geraumer Zeit hieß es, daß wohl der Boden, nämlich die Metallschätze, aus dem Comstock herausgefallen seien. Man zweifelte daran, daß in einer Tiefe von über 2000 Fuß daselbst noch reiche Erzkörper gefunden werden könnten. Allerdings bezahlten die beiden Bonanzaminen Consolidated Virginia und California jede noch immer ihren Actionären die üblichen Dividenden von 1,080,000 Dollars per Monat, aber der Marktpreis dieser Minen, deren Erschöpfung bei einem Raubbausystem, wie es am Comstock stattfand, unmöglich lange auf sich warten lassen konnte, war bereits von 700 Dollars auf 20 Dollars per Share gefallen (von denen jedoch fünf auf eine frühere Actie gingen), und von Erzfunden in anderen Minen ward nichts gehört. Der Börsenwerth sämmtlicher Comstockminen, welcher im Jahre 1874, vor der Entdeckung der beiden Riesenbonanzas, nur etwa 5 Millionen Dollars betrug und der sich zur Zeit der „großen Entdeckung“ auf 271 Millionen Dollars gehoben hatte – mehr als das gesammte Grund- und Personaleigenthum der Stadt San Francisco beträgt! – war im Mai 1877 auf 11 Millionen gesunken und stand im vergangenen Sommer, wie schon bemerkt wurde, trotz aller Manipulationen, ihn zu heben, erst wieder auf etwa 29 Millionen Dollars. Anstatt Dividenden zu erhalten, mußten die unglücklichen Aktionäre fast fortwährend mit „Assessments“ herausrücken. Wahrhaftig, es war an der Zeit, daß wieder einmal eine respectable Entdeckung am Comstock-Gang gemacht wurde, wenn den biederen Bewohnern der großen Goldstadt nicht alle Lust zum Speculiren in Stocks verleidet werden sollte.

Endlich brach im Sommer 1878 eine neue Glücks-Aera an. Man hatte in der Sierra Nevada-Mine reiches Erz gefunden – 2200 Fuß tief unter der Erde. Sierra Nevada, welches jahrelang nur „irländische Dividenden“ bezahlt hatte und zu 1¼ Dollars per Share betteln ging, machte sofort einen kühnen Sprung auf 15, dann auf 25, dann auf 30 Dollars per Share. Seine Nachbarmine Union Consolidated blieb nur eine Pferdelänge dahinter zurück. In allen Comstocks ging die Scala der Actienpreise sofort raketenartig in die Höhe, sodaß die Makler Tag und Nacht im Comptoir und auf der Börse arbeiten mußten, um den an sie gestellten Forderungen des nach Comstockactien förmlich hungrigen Publicums nur einigermaßen gerecht werden zu können.

Die Nachrichten von Erzfunden in der Sierra Nevada-Mine ließen nichts zu wünschen übrig. Man führe einen Schacht an der Seite der Bonanza hinunter, hieß es; später werde man zusehen, wie breit sie sei – und dann solle man sein blaues Wunder erleben! Sierra Nevada stieg auf 50, auf 100, auf 150 Dollars. Union Consolidated folgte auf 100 Dollars. In San Francisco war eine Aufregung, als hätte der Engel Gabriel den lieben[1] Herrgott in Person zu Besuch angemeldet. Immer höher stiegen die lustigen Zwillingsbrüder. Sierra Nevada erreichte 300, Union Consolidated 200 Dollars per Share.

Man erzählte sich, daß die Bonanzafürsten Flood und O’Brien 5000 Shares Union zu 200 Dollars per Share – eine runde Million! – für Schatzscheine der Vereinigten Staaten auf einmal ausgetauscht hätten, um jene Mine controlliren zu können. Vorläufig hatte man aber noch nicht eine Schaufel voll Erz aus der Union Consolidated hervor geholt und in der Sierra Nevada nur Anzeichen von einer Bonanza gefunden. Der Marktwerth der Sierra Nevada-Mine war mittlerweile von 200,000 Dollars auf 27 Millionen Dollars, der von der Union Consolidated Mine von 350,000 Dollars auf 19½ Millionen Dollars gestiegen, während die anderen Comstock-Minen sich alle im Preise verdoppelt bis verzehnfacht hatten. [27] In einer Tiefe von 2300 Fuß sollte endlich ein Querstollen durch Sierra Nevada geschlagen werden, um den Thatbestand einer veritablen Bonanza in dieser Mine gegen jeden Zweifel festzustellen. Es war ein Unglückstag für die vielen Hunderte von Millionär-Aspiranten in San Francisco, als dieser Querschnitt (cross cut) vom Seitenwalle des Comstock-Ganges durch die Ledge geschlagen wurde. Wie Mancher hätte wohl daran gethan, seine Actien, die ihm 5 oder auch 50 Dollars gekostet hatten, zu 250 oder 300 loszuschlagen, ehe der Telegraph die Schreckensbotschaft aus Virginia City brachte: der „cross cut“ sei auf ein Porphyrpferd gestoßen! Das Resultat dieser Nachricht war eine Panik auf der ganzen Linie der Comstocks. Es nutzte nichts, daß man sagte, das „Pferd“ sei nur ein kleiner Pony. An einem Tage purzelten die Sierra Nevada-Actien hundert Point, und Union Consolidated folgte hinterdrein. Man verlachte jetzt die Leichtgläubigen, welche Stein und Bein darauf geschworen hatten, daß Sierra Nevada um Weihnachten runde 1000 Dollars per Share werth sein werde. Niemand glaubte mehr an die schönen Historien von längst entdeckten, aber immer noch geheim gehaltenen fabelhaft reichen Erzlagern in dieser oder in jener Mine – z. B. an die „eiserne Thür“ in der Gould und Curry-Mine, welche eine dort etwa 2000 Fuß unter der Erde liegende Riesenbonanza verschließe, bis Herr Flood es für gut befinden würde, den Riegel vor Aladin’s Schätzen zum Nutzen der Menschheit zu öffnen. Man glaubte an gar nichts mehr, und Jeder suchte zu retten, was er konnte.

Seit jenen Schreckenstagen haben sich die Gemüther der leidtragenden Stock-Speculanten in San Francisco wieder etwas beruhigt, und auf's Neue wird die Möglichkeit neuer Bonanzas am Comstock stark befürwortet. Allerdings sind die Shares der Bonanzaminen auf fünf herunter gesunken, und Union Consolidated, welches im vergangenen Monate einen Sprung auf 100 machte, ist wieder auf 40 zurückgefallen (mit einem Verluste am Marktwerthe dieser Mine von 6 Millionen Dollars in einem Monat!), aber das sind nur die unvermeidlichen „Ups and Downs“, denen die Actien aller Minen gelegentlich ausgesetzt sind. Gegenwärtig (Herbst 1879) herrscht auf der Stockbörse in San Francisco eine Windstille wie vor einem Sturme, der in jedem Augenblicke losbrechen kann.

Der weltbekannte Sutro-Tunnel, das Riesenwerk unseres genialen Landsmanns Adolf Sutro, der durch denselben die unteren Theile des Comstock-Gangs entwässern will, ist nach einer unausgesetzten Arbeit von beinahe zehn Jahren endlich vollendet worden, und mit den Minengesellschaften ist nach endlosen Processen ein Vergleich zu Stande gekommen, der von beiden Parteien acceptirt wurde. Der Riesentunnel, dessen Länge über 20,000 Fuß beträgt, hat den Comstock-Gang in einer Tiefe von 1750 Fuß sozusagen angezapft, und es wurde am 1. Juli damit begonnen, die Massen heißen Wassers, welches die mächtigsten Dampfmaschinen aus mehreren Minen nicht mehr herauszupumpen vermochten, nach dem Carsonfluß zu drainiren. Möge es der beispiellosen Energie unserer Mineningenieure gelingen, trotz plutonischer Hitze und dem Hereinbrechen dampfender Wasserströme, neue riesige Bonanzas bis 4000 Fuß unter der Erde in den Tiefen des gewaltigen Comstock-Gangs zu entdecken!

Ehe wir von dem märchenhaften Glanze der Bonanzas und dem tönenden Klange gewonnener und verlorener Millionen Abschied nehmen, womit meine Feder den fernen Leser in der stilleren deutschen Heimath zu unterhalten versucht hat, wollen wir noch der weltberühmten Minenbörse (Stock Exchange) in San Francisco einen Besuch abstatten, wo die Würfel fallen, welche, trotz tausendfach zu Grabe getragener Hoffnungen, dem leichtlebigen Volke dieser schönen Stadt so unentbehrlich geworden sind, wie der lachende Sonnenschein des californischen Himmels.

Das an der Pinestraße liegende stattliche Gebäude, mit der Façade und den hohen Säulen aus Granit und der rings von einer breiten Gallerie umgebenen prächtigen inneren Rotunde, ist das Hauptquartier der Bullen (welche auf das Steigen der Stocks speculiren) und der Bären (denen das Fallen der Stocks Lebensaufgabe ist) und von Morgens bis Abends der Sammelplatz einer erregten Menge. Von hier aus senden die Drucktelegraphen – eine Erfindung des genialen Edison – ihre unsichtbaren elektro-magnetischen Sendboten aus, welche in jedem Maklerbureau, in den Hôtels, den feinen Trinksalons und an anderen vielbesuchten Plätzen der Stadt die Stockcourse auf den langen, sich selbst abrollenden Papierstreifen für die Belehrung des stets wissensdurstigen Publicums notiren.

Jeden Morgen – mit Ausnahme des Sonntags und der wenigen nationalen Feiertage – um elf Uhr beginnt die erste Hauptsitzung des „großen Board“, des Collegiums der Stockbrokers, welcher eine zwanglose Sitzung in der Hauptbörse selbst sowie andere „auf der Straße“, wie der technische Ausdruck lautet, und in den kleineren Minenbörsen vorangehen. Die breiten Asphalttrottoirs in der Pinestraße und den nahegelegenen Straßen sind bereits lange vor der Eröffnung der Hauptbörsensitzung voll von Menschen, worunter viele vom zarteren Geschlecht, denen die Aufregung in jedem Gesichtszuge zu lesen ist. Die an zahlreichen großen Schaufenstern ausgehängten Bogen, mit den letzten Stockcoursen darauf, werden stets von Jung und Alt kritisch betrachtet, welche das Steigen und Fallen der verschiedenen Minenactien auswendig lernen, um die Gelegenheit zu einer guten Speculation ja nicht zu versäumen.

Wir wollen uns das Leben und Treiben innerhalb der Mauern jenes granitnen Palastes etwas näher betrachten. Durch die Vermittelung eines uns befreundeten Maklers erhalten wir Zutritt in die große Halle, welche sonst nur für Börsenleute und Abonnenten geöffnet ist. Es ist halb elf Uhr Morgens, da wir den prächtigen Raum der großen Rotunde betreten. Die oben die Halle rings umgebende Gallerie, mit den amphitheatralisch darauf angebrachten Sitzen, ist bereits von Zuschauern beiderlei Geschlechts gedrängt besetzt, weil heute ein besonders lebhafter „Markt“ in Aussicht steht, indem das Gerücht verbreitet ist, daß der Diamantbohrer in der Ophir-Mine auf Erz gestoßen sei.

In dem offenen Binnenraum der großen Halle entwickelt sich ein Lärm, ein Schreien und Durcheinanderrennen von einer wild gesticulirenden Schaar, als ob die Insassen eines Tollhauses dort herumtobten. Es sind dies die Makler des „großen Board“, welche vor dem Beginn der regulären Sitzung ein kleines Geschäft unter sich abmachen. Von der Gallerie und den rings um die Wände laufenden Sitzen blickt das Publicum mit gespannter Aengstlichkeit in das wilde Gewühl der Stockbrokers, um die schrillen Worte der sich gegenseitig überschreienden Börsenmänner zu erhaschen.

Ein Uneingeweihter versteht absolut kein Wort in dem Schallen und Getöse, das, von den Wänden der Rotunde zurückhaltend, aus dem wilden Knäuel hervordringt, der sich dort unten hin und her wälzt. Man kommt in Versuchung, diese Börsenhelden für eine zügellose Bande von Schülern zu halten, welche sich in der Zwischenpause des Classenunterrichts im Hofe eines Gymnasiums herumbalgen. Die Brokers, jeder mit einem Notizbuch in der Hand, schreien, bellen und grunzen sich gegenseitig an, lachen, schlagen sich die Hüte vom Kopfe, stecken einander Papierschnitzel in den Rockkragen, stoßen und schieben sich hin und her, zerren sich an den Kleidern, als ob Jeder von ihnen darauf versessen sei, den Verrückten zu spielen. Mitunter schreit Einer ein halbverständliches Wort, womit er eine Anzahl von Minenactien zum Kaufen oder Verkaufen anbietet, worauf sofort der ganze Knäuel auf ihn eindringt und unter einem Bedlam-Skandal dieses oder jenes Geschäft mit ihm abschließt. Telegraphenjungen, an ihren goldberänderten Kappen und uniformirten Röcken erkennbar, stürzen hinaus und herein, Boten von den Maklerbureaux ellenbogen sich durch die lärmende Menge und bringen den Ausschreiern neue „Orders“.

Würdevoll betritt jetzt der Präsident des großen Collegiums der Stockbrokers seinen erhabenen Herrschersitz, an dem rechts und links von ihm die Secretäre Platz genommen haben, um die gekauften oder verkauften Stocks stenographisch zu notiren. Der ganze Schwarm drängt sich nahe an das Pult heran, von dessen Höhe der Präsident, sich weit vornüberlehnend, mit unverwüstlicher Ruhe in das Getümmel herniederblickt. Sein Amt ist es, die Stocks der Reihe nach zu rufen und die Angebote sozusagen zu verauctioniren, Streitigkeiten zu schlichten und die wilde Bande der Brokers im Zaum zu halten.

Die tiefe Metallstimme einer stationären Glocke bezeichnet den Beginn der Sitzung, welche allen parlamentarischen Regeln geradezu Hohn spricht, und bei welcher Ruhe und Stillsitzen namentlich verpönt zu sein scheinen. Der Präsident ruft zuerst „Ophir“ aus, den Tonangeber für die ganze Reihe der Comstocks. [28] Ophir, die älteste Mine am Comstockgang, gehört zu den sogenannten „Nordendern“, denjenigen Minen, die am nördlichen Ende desselben in Virginia City liegen. Die „Südenders“ liegen bei Gold Hill, der Schwesterstadt von Virginia City; zwischen beiden die „Wasserstocks“, das heißt diejenigen Minen, welche theilweise von Wasser erfüllt sind.

Wenn die Nordenders hoch stehen, fallen die Südenders in der Regel, und umgekehrt hat eine rege Nachfrage in Südenders meistens einen deprimirenden Einfluß auf die Nordenders, während die Wasserstocks quasi den Vermittler spielen. Die vorhin erwähnten Bodiestocks stehen mehr auf eigenen Füßen. Auf alle aber übt Ophir stets eine Art von sympathischem Einfluß aus. Ophir stand schon auf 300 und stand schon auf 8 – je nach Zeit und Umständen! – hält sich gegenwärtig aber auf der goldenen Mittelstraße, zwischen 25 und 50 Dollars per Share.

Kaum ist aus dem Munde des Präsidenten das Wort Ophir ertönt, so erhebt sich unter den ehrenwerthen Stockbrokers ein förmliches Gebrüll, ein Durcheinanderrasen, das jeder Beschreibung spottet. Die Tollheiten von vorhin, das Schreien, Grunzen, Schieben, Stoßen, Hin- und Herzerren etc. wiederholen sich in erhöhter Potenz. Einzelne Makler fahren auf einander los, als wollten sie sich zerreißen. Wenn Jemand ein Angebot macht, fallen die Andern über ihn her und zerren ihn hierhin und dorthin, schlagen ihn mit der flachen Hand vor die Brust und schreien ihm mit verzweifelter Miene wilde Worte zu, als ob es gelte, einem ewig Verdammten die arme Seele zu retten, während alle Augenblicke Dieser oder Jener mit hochgeschwungenem Notizbuch an das Pult springt und den Präsidenten anbrüllt, der, mit der Ruhe eines Bonaparte im Schlachtgetümmel, die Angebote weiter ausruft. Wie es möglich ist, daß eine Gesellschaft von sonst vernünftigen Menschen ein solches wahnwitziges Treiben jeden Tag viele Stunden lang mitmachen kann, ohne dabei wirklich verrückt zu werden, ist ein psychologisches Rätsel. Es erfordert aber auch Leute mit wahrhaft eisernen Nerven und einem intensiv schnell denkenden Verstande, um ein derartiges Amt auf die Dauer versehen zu können, ohne dabei körperlich und geistig zu Grunde zu gehen. Israeliten sind unter den Maklern stark vertreten und an ihren orientalischen Gesichtszügen leicht zu erkennen. Die Brokers der Bonanzaprinzen sind unter der wüsten Gesellschaft die Tonangeber. Der Nimbus ungezählter Millionen ist von den Herren auf die Diener übergegangen. Mit Kleinigkeiten geben sich diese nicht ab und kaufen und verkaufen stets en gros. Den Eingeweihten wird es bald klar, daß das Gerücht von einem großen Erzfunde in der Ophir-Mine diesmal aus der Luft gegriffen ist. Der Vertreter der Bonanzafirma offerirt sogar Ophir – in irgend welcher Quantität! – zu herabgesetztem Preis, was einen sehr deprimirenden Einfluß ausübt. Die anderen Brokers trauen dem Bonanzacollegen nicht und scheinen nicht recht zu wissen, ob er mit seinem Angebot den Markt hinauf- oder heruntertreiben will.

Mittlerweile fährt der Präsident fort, die Comstocks der Reihe nach mit einer fabelhaften Zungenfertigkeit zu rufen, und beim Namen jeder Mine wiederholt sich der vorhin geschilderte Bedlamlärm. Nach der Zahl der oft hereinstürzenden Maklerboten und Telegraphenjungen und dem infernalischen Lärm unter den Stockbrokers zu urtheilen, ist das Publicum außerhalb der Börse heute in bedeutender Aufregung. Dieses ist jedenfalls durch die Drucktelegraphen über den Stand der Börse besser unterrichtet, als wir, die absolut gar nicht daraus klug werden können, ob der Markt hinauf- oder heruntergeht. Doch ich will den Verlauf der „Sitzung“ nicht weiter verfolgen, die sich in ihren Grundzügen ziemlich gleich bleibt.

Die Zahl der Stockbrokers, welche in der San Francisco-Minenbörse einen Sitz haben und dadurch berechtigt sind, dort Geschäfte zu machen, ist auf Hundert beschränkt. Der Werth eines solchen Sitzes beträgt gegenwärtig 25,000 Dollars. Die großen Stockbroker-Firmen gebieten selbstverständlich über bedeutende Capitalien und verdienen bei lebhaftem Umsatz in Minenactien ein enormes Geld. Wenn eine Hochfluth im Markt ist (a booming market), so beläuft sich der Gesammtbetrag der Käufe und Verkäufe einer solchen Firma oft auf vier bis fünf Millionen Dollars in einem Monat. Außer diesem Hundert giebt es noch eine Menge von Maklern in San Francisco, welche in den kleineren Stockbörsen und „auf der Straße“ Geschäfte machen.

Für das Kaufen und Verkaufen von Stocks wird ein halb Procent vom realisirten Werthe berechnet. Viele Kunden lassen ihre Actien im Besitze der Makler, und da fast fortwährend und gleichzeitig Käufe und Verkäufe von denselben Stocks gemacht werden, so pflegen die größeren Maklerfirmen nach der Börsenzeit solche Actien diesem Kunden ab- und jenem zuzuschreiben – Jedem derselben aber die üblichen Procente zu berechnen. Nur solche Speculanten, welche für den ganzen Betrag der erworbenen Actien baar bezahlen, haben das Recht, dieselben in Besitz zu nehmen. Für Vorschuß berechnen die Brokers anderthalb Procent per Monat, und wird am Ersten jedes Monats das Conto neu vorgeschrieben und Zinseszins berechnet.

In neuerer Zeit hat sich auch in New-York eine Minenbörse etablirt und beginnen die Yankees dort bereits mit lobenswerthem Eifer in Stocks zu speculiren. Mehrere reiche und im Minenhandel wohl unterrichtete San Franciscoer sind in der menschenfreundlichen Absicht dorthin gegangen, um unsere biederen östlichen Freunde in die Geheimnisse der Stock-Manipulationen einzuweihen und ihnen mit gutem Rath an die Hand zu gehen. Wie es den Anschein hat, sind die New-Yorker recht gelehrige Schüler, obgleich ihr Institut noch in den Kinderschuhen steht. Schwerlich wird sich aber die Metropole des Ostens auf die Höhe der Situation stellen, und es hat vorläufig noch keine Noth damit, daß sie ihrem in Geldsachen unendlich nobleren jungen Rivalen am Stillen Meere den Namen des leichtsinnigsten Spielers in der Welt rauben könnte.




Aus der Schülerzeit.

Diese stammelnden Gedanken,
     Diese weichen Reimerei'n
Sind ein Widerschein von schwanken,
     Schönen Jugendträumerei'n.

Lächelnd ob des Herzens Pochen
     Und doch wieder schmerzbewegt,
Hab' das .Siegel ich gebrochen,
     Das ich einst um sie gelegt.

Ach! wohl ahnt' ich, was sie bieten –
     Ein verlor'nes Maienglück!
Längst verwehte Herzensblüthen
     Ruft mir jedes Blatt zurück.

Aber sieh'! nun aus den Zeichen,
     Den vergilbten, neigt sich mild,
Liebvertraut, mit holden, weichen
     Zügen mir ein Mädchenbild.

Und wie's einst den wilden Knaben
     Süß berauscht in Freud' und Schmerz,
Also taucht's nun auf, zu laben
     Das geprüfte Mannesherz.

Weil mich, ach! von dir vertrieben,
     Wilde Gluth und Reue traf,
Hielt ich todt dies reine Lieben,
     Doch es lag im Zauberschlaf.

Und nun schlägt es auf die Lider,
     Und sein holdverschämter Blick
Bringt mir Sehnsuchtsbangem wieder
     Jene Wunderzeit zurück . . .

Wie durch eines Gartens Wildniß
     Herrlich glänzt ein Marmorbild,
Also glänzt dein liebes Bildniß
     Durch die Reime kraus und wild.

Ei, wie lacht das rothe Mündchen!
     Ei, wie blitzt der Augen Strahl!
Sei gegrüßt, mein süßes Kindchen,
     Sei gegrüßt viel tausendmal!

Dein gedenk' ich im Gewühle
     Dieser wirren Lebenshast,
Wie der Pilger in der Schwüle
     Denkt der kühlen Morgenrast.

Karl Emil Franzos.

[29]

Von der Stätte des Elends.
Reisebriefe aus den Nothstandsbezirken in Oberschlesien.
Von Otto Kotze.
I.


„Reichthum Oben, Unten Elend“, diese Deutung der Anfangsbuchstaben der „Rechte-Oder-Ufer-Eisenbahn“, welche vor kurzem eine schlesische Zeitung brachte, kam mir unwillkürlich in den Sinn, als ich das „R. O. U. E.“ auf den Waggons des Zuges erblickte, der mich nach Oberschlesien führen sollte. Reichthum oben, unten Elend – wahrlich, für keinen Theil unseres großen Vaterlandes sind wohl diese Worte zutreffender, als für Oberschlesien, wo neben einem nicht selten in wenig ansprechender Weise sich breit machenden Luxus die stille Verzweiflung bitterster Armuth thatsächlich um das nackte Leben ringt. –

Das Gespräch im Coupé lenkte sich selbstverständlich auf den Nothstand in den Bezirken, denen uns das Dampfroß entgegenführte. Die noch vor wenigen Tagen von sehr Vielen vertheidigte Meinung, daß die Nothstandsnachrichten, wenn nicht völlig aus der Luft gegriffen, so doch wenigstens bedeutend übertrieben seien – diese Meinung war vollständig verschwunden, seitdem die Nachricht von dem Ausbruch des Hungertyphus in verschiedenen Ortschaften Oberschlesiens den traurigen Beweis für das wirkliche Vorhandensein von Hunger und Noth gebracht hatte. Alle möglichen und unmöglichen Vorschläge, in welcher Weise die Staatsregierung unverzüglich helfend eingreifen, wie sie nicht nur Geld und Lebensmittel, sondern auch Montirungsstücke aus den Militärdepots hergeben müsse, um dem Mangel an Kleidungsstücken abzuhelfen – wie eine allgemeine Nothstandssteuer für die ganze Monarchie ausgeschrieben und zur Behebung des Nothstandes in Oberschlesien verwendet – wie sofort zwangsweise ein Abzug von Menschen aus den übervölkerten Gegenden Oberschlesiens nach den minder bevölkerten des Staates angeordnet werden müsse – diese und ähnliche Vorschläge, wie sie auch in einzelnen Zeitungen erhoben werden, schwirrten in buntem Gewirre durch das Coupé und lieferten den Beweis, daß an Stelle des früheren Unglaubens ein rathloser Schrecken die Gemüther ergriffen habe. Die Sorge um das eigene Leben mochte wohl bei Manchen der Grund zu der plötzlich überströmenden Theilnahme für Oberschlesien sein, der Hungertyphus ist bekanntlich nicht leicht zu nehmen, er greift aus dem Bereiche der Hungernden, namentlich bei Eintritt wärmerer Witterung, gern auch in die Kreise der Satten hinüber. Vorläufig wehte freilich der Wind noch so eisig kalt, als ob wir in unmittelbarer Nähe des Nordpols uns befänden – 26° R. gehen auch für uns Norddeutsche etwas über die Hutschnur.

„Station Beuthen!“

Ich kletterte aus meinem Coupé und fuhr in einem Schlitten zunächst in die mir wohlbekannte Metropole des oberschlesischen Gruben- und Hüttenbezirkes hinein. Ich habe vielfach von Personen, welche Oberschlesien nicht kennen, die Ansicht äußern hören, das Land sei ganz ohne Comfort, biete nur unwegsame Straßen und niedrige Lehmhütten, in denen der Herdqualm und der Knoblauchsduft mit einander um die Herrschaft ringen und in denen ein roher Menschenschlag haust.

Dies trifft im vollen Umfange nirgend in Oberschlesien, am allerwenigsten aber im Hüttenrevier zu. Die Straßen sind hier fast durchweg gut, für gute und geräumige Arbeiterwohnungen ist neuerdings viel gethan worden, und wenn Verbrechen gegen Leben und Eigenthum hier häufiger vorkommen, als in anderen Gegenden, so wolle man in Betracht ziehen, daß in dem früheren Kreise Beuthen, der vor einigen Jahren in die vier Kreise Beuthen, Kattowitz, Tarnowitz und Zabrze getheilt wurde, auf einem Flächenraum von vierzehn Quadratmeilen eine Viertel-Million Menschen zusammengedrängt ist.

Die Stadt Beuthen – in früheren Jahren wurde sie gern „Klein-Breslau“ genannt – ist ein circa 20,000 Einwohner zählender, lebhafter und hübsch, theilweise sogar elegant gebauter Ort. Der Theil in der Nähe des Landgerichts kann sich dreist den besseren Stadtvierteln unserer Großstädte an die Seite stellen. Der Verkehr liegt jetzt freilich, wie überall, so auch in Beuthen darnieder; trotzdem ist ein eigentlicher Nothstand weder hier, noch, wie mir versichert wurde, im Hüttendistrict überhaupt vorhanden und auch, nach allen Erkundigungen, die ich eingezogen, nicht zu befürchten. Die Gruben- und Hüttenarbeiter haben hinlängliche Beschäftigung; den Landleuten bietet sich größtentheils Gelegenheit, sich während des Winters durch Anfahren der Galmei-Erde etc. nach den Hüttenwerken lohnenden Verdienst zu schaffen.

Auf den meisten Gruben- und Hüttenwerken ist neuerdings an Stelle der früheren cameradschaftlichen Löhnungen die Einzellöhnung der Arbeiter getreten, und dieselbe soll sich durchaus zum Vortheil der Arbeiter bewährt haben. Durch die Einzellöhnung erhalten die Arbeiter ihren Lohn alle vier Wochen auf einmal ausgezahlt und begeben sich hiermit zumeist direct nach ihren Wohnungen oder in das Geschäft, aus welchem sie ihre täglichen Bedürfnisse zu entnehmen pflegen. Früher dagegen, wo ein Lohnzettel mit der Gesammtlöhnung einem der Arbeiter zur weiteren Vertheilung übergeben wurde, war man gezwungen, die Theilung des Lohnes unter die Mitglieder der Knappschaft im Wirthshause vorzunehmen, wodurch selbstverständlich willkommene Gelegenheit zu cameradschaftlichen Trinkgelagen geboten und nicht selten ein großer Theil des sauer verdienten Arbeitslohnes am Löhnungstage schon verpraßt wurde. Auch wußte früher, wo es nur einen Gesammtlohnzettel gab, der einzelne Arbeiter, wenn er nach Hause kam, oft selbst nicht, was er erhalten hatte, oder wollte es aus naheliegenden Gründen der Frau daheim nicht mittheilen. Anders jetzt, wo jede Arbeiterfrau aus dem Lohnzettel des Mannes ersehen kann, was er verdient und was er etwa verjubelt hat.

Was die Arbeitslöhne der einzelnen Arbeiterclassen anlangt, so bestehen da Unterschiede, jedoch nur unwesentliche bei den einzelnen Gruben. Die Löhne betragen bei achtstündiger Arbeitszeit für Häuer etwa 1 Mark 50 Pfennig, Schlepper 1 Mark 25 Pfennig, Zieher 80 Pfennig, Klauber 50 Pfennig (!) für den Tag; die beiden zuletzt genannten Arbeiten werden, nebenbei bemerkt, zumeist von Frauen verrichtet.

Für Kranke, so weit sie Mitglieder des Knappschaftsvereins sind, sorgt der „Oberschlesische Knappschaftsverein“, welcher großartige Krankenanstalten in Königshütte, Zabrze, Myslowitz und anderen Orten unterhält, in umfassender Weise. Für andere Kranke ist das große Krankenhaus der barmherzigen Brüder in Bogutschütz neben zahlreichen Communalkrankenhäusern in verschiedenen Ortschaften bestimmt, unter denen namentlich das neue Krankenhaus in Beuthen Erwähnung verdient, das, außer sechs Badezimmern, Arztzimmer, Operationszimmer, Inspectorwohnung etc., siebzehn Belegräume mit hundertundacht Betten und ein Barackenlazareth mit vierunddreißig Betten enthält.

Der Armenpflege im Industriebezirk sind zahlreiche Vereine gewidmet, in der Stadt Beuthen allein acht, darunter sechs jüdische, obschon die Bevölkerung nur zum zehnten Theil aus Juden besteht. Diese acht Vereine wendeten im Jahre 1877 nahezu 20,000 Mark für Armenpflege auf, wovon über 15,500 Mark auf die jüdischen entfallen. Die Stadt Beuthen leistete 1877 zur Armenpflege einen Zuschuß von 15,884 Mark.

Die Verhältnisse Beuthens treffen mehr oder minder für den ganzen Hüttendistrict zu; sie mögen in einzelnen wie Pilze aus der Erde geschossenen Ortschaften, z. B. in Königshütte, Kattowitz, Zabrze etc., etwas ungünstiger liegen; ein Nothstand aber ist – ich wiederhole es – im Gruben- und Hüttenbezirke, trotz großer Armuth und kargen Verdienstes der arbeitenden Classe tatsächlich nicht vorhanden und auch nicht zu befürchten, wo neben dem Proletariat immerhin eine bedeutende Anzahl von vermögenden, zum Theil sogar reichen Personen existirt, somit die Einwohnerschaft vollständig in der Lage ist, die zu Tage tretende Noth aus eigenen Mitteln zu unterdrücken. Auch beweisen die [30] in allen nennenswerthen Ortschaften vorhandenen Suppenanstalten, Lebensmitteldepots etc., daß hier mit anerkennenswerther Umsicht rechtzeitig Vorkehrungen getroffen wurden, um einem solchen Nothstande vorzubeugen.

*
*          *

Anders freilich sieht es, wie ich mich überzeugt habe, trotz der ministeriellen Versicherung des Gegentheils – in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 9. December – wenigstens in einem Theil des Kreises Lublinitz aus. Ein mit zwei kleinen, aber außerordentlich schnellen Pferden bespannter Schlitten führte mich, nachdem ich mich zwei Tage im Hüttenrevier umgesehen, bei eisiger Kälte über Schorley und Neudeck, den Sitz des Grafen Henckel, nach Tarnowitz und von da nach kurzer Rast über Georgenberg nach Woischnik. Woischnik ist ein Städtchen, vielmehr Marktflecken im Kreise Lublinitz.

Die Anzeichen der dauernden Armuth, nicht nur eines vorübergehenden Nothstandes, mehren sich, je weiter wir uns von dem Hüttendistricte entfernen. Die am Wege stehenden Hütten sind von der erbärmlichsten Beschaffenheit; kleine niedrige Lehmbuden mit winzigen Fensteröffnungen, deren erblindete und zerbrochene Scheiben mit Papierstreifen überklebt sind, um dem gegen die Hütten peitschenden Schneesturm bei mehr als zwanzig Grad Kälte Trotz zu bieten. Ich bin in mehrere dieser Hütten eingetreten – anfangs auch in der Hoffnung, meine bei der grimmigen Kälte fast vollständig erstarrten Glieder einigermaßen wieder erwärmen zu können – später lediglich, um mich auf's Neue wieder zu überzeugen, daß das Schreckliche, was mir vor der Seele schwebte, kein Phantasiebild, daß es entsetzliche Wirklichkeit sei. Die Innenseite der Thür, die Wände des ungeheizten Zimmers starren von Eis und Schnee; in Lumpen gehüllt, vor Kälte und Hunger wimmernd, liegen in einer Ecke des unwirthlichen und unheimlichen Zimmers die Kinder auf feuchtem Waldmoos oder mit welkem, feuchtem Laub vermengter Waldstreu, und in der Mitte des Zimmers kauern mit hohlen Wangen und hohlen Augen, in der allernothdürftigsten Kleidung, die Eltern, mit vor Frost steifen Händen bemüht, irgend eine mechanische Arbeit zu verrichten, um, wenn möglich, noch eine Zeit lang das abzuwehren, was ihnen zweifellos droht, wenn nicht schleunige Hülfe naht: den Hungertod. Krankheiten und deren epidemische Verbreitung dürften hier unvermeidlich sein, wenn nicht bald von außerhalb dem Nothstande ein Damm entgegengesetzt wird. Die Leute leben wie das liebe Vieh, ja, was Nahrungsmittel anbelangt, häufig schlechter, als es dieses gewohnt ist. Der Hauptmangel aber besteht in Kleidungsstücken, namentlich beziehentlich des Schuhwerks. Hatte ich doch schon bei der vollständig abnormen Kälte in der ersten Hälfte des Monats December viele Personen, namentlich Weiber und Kinder, barfuß laufen sehen, das heißt in der That laufen, denn das Gehen müßte ihnen wohl nahezu so unmöglich gewesen sein, wie dasjenige über eine heiße Platte. Durch die geplanten Chaussee- und Eisenbahnbauten wird ja Arbeit und damit auch Brod für die arme Bevölkerung geschafft werden, aber zuerst muß für Kleidung gesorgt werden; schon jetzt könnten Viele auf den Besitzungen des Grafen Henckel in Russisch-Polen Arbeit finden, wenn nicht die Kleidung mangelte und nebenbei – das Geld zur Beschaffung eines Passes. (!) Die Kinder können die Schule nicht besuchen, denn sie haben keine Kleider; abgesehen vom Lernen, wäre ihnen wenigstens Gelegenheit geboten, täglich einige Stunden hindurch in der Schulstube die halb erstarrten Glieder erwärmen zu können.

In Woischnik und im ganzen östlichen und südlichen Theile des Kreises Lublinitz herrscht der bitterste Nothstand, zu dem sich vielfach, auch in den nicht direct davon ergriffenen Kreisen, eine gewisse Mißstimmung über die Art und Weise gesellte, wie in der genannten Gegend der thatsächlich vorhandene Nothstand bisher behandelt wurde. In erster Linie wurde eine vor Kurzem erschienene landräthliche Bekanntmachung vielfach einer herben Kritik unterzogen. Diese Bekanntmachung sprach sich mißbilligend über Zeitungsberichte aus, welche von einem „angeblichen“ Nothstande im Lublinitzer Kreise redeten, wie er nach Ansicht der Kreisbehörde nicht, wenigstens nicht in dem Maße, wie er geschildert werde, vorhanden sei. Derartige übertriebene Schilderungen seien nur geeignet, den Kreis zu discreditiren etc. Nebenher wurde über einzelne Großgrundbesitzer – nicht etwa über alle – bitter geklagt.

Was ich unterwegs in Bezug auf die Nahrung selbst gesehen, wurde mir in Woischnik vielfach bestätigt: das arme Volk nährt sich von Abfällen, die geradezu gesundheitsschädlich sein müssen. Wie es dabei mit der ärztlichen Gesundheitspflege in dieser Gegend bestellt ist, geht aus einem Urtheil des Dr. Bauer in Nr. 572 der „Schlesischen Zeitung“ hervor. Es heißt dort:

„Die Gesundheitspflege ist im Allgemeinen auf dem Lande eine erbärmliche. Ich sehe ganz davon ab, was man in dieser Beziehung für Ansprüche an Kleidung, Wohnung und Nahrung stellt, um Krankheiten zu verhüten; ich beschränke mich in meinem Urtheil nur auf die Fälle, wo Krankheiten bereits ausgebrochen sind und die Krankenpflege stattzufinden hat. Der Arzt tritt an das Bett des Kranken oft erst nach wochenlangem Krankenlager, oft, wenn es schon zu spät ist. Wir sind nicht immer im Stande, wennschon wir unsere Kunst kostenfrei zur Verfügung stellen, auch noch die Mittel für Arzenei und sonstige Bedürfnisse dem Kranken zu verschaffen, und doch wäre dies in den meisten Fällen nöthig.

Wo die Kosten nicht so bedeutend sind, wie es bei Krankenbesuchen über Land der Fall ist, springen wir wohl oft helfend der armen Bevölkerung bei, aber es sollte unter gewissen Umständen Princip bei uns sein, dies nicht zu thun – wenn es nur mit der Menschlichkeit zu vereinbaren wäre! Mir ist z. B. auf den Vorwurf, den ich vielen Dominialbesitzern gemacht habe, daß sie ihre Arbeiter ohne Arzt und Apotheke wochenlang darniederliegen lassen, die Antwort geworden: Sind wir denn verpflichtet, für unsere Arbeiter Doctor und Apotheke zu halten? – Ja, bin ich als Arzt denn verpflichtet, die Arbeiter der Besitzer kostenfrei zu behandeln, bin ich denn verpflichtet, auch noch die Arzneikosten zu bezahlen? Sind denn die Arbeiter bei einem Durchschnittslohn von fünfzig Pfennig pro Tag im Stande, die Kosten einer langwierigen Krankheit zu bestreiten? Wenn das nicht der Fall, dann hat doch wohl Derjenige die moralische Verpflichtung, zu helfen, der aus dem billigen Arbeitslohne den Vortheil zieht.

Die Gruben- und Hüttenarbeiter müssen ihren Knappschaftsarzt haben, die Arbeiter in den größeren Städten müssen sich in die Knappschaftscassen einkaufen; der Landarbeiter aber ist schlechter daran, als das Vieh. Der Kreisthierarzt macht mehr Dienstreisen in einem Jahre, als der Kreisphysicus, und mehr als ich in zehn Jahren. Kann dies besser illustrirt werden, als durch die Verfügung, die den Kreistierarzt, wenn in Rußland in der Nähe der Grenze Sterbefälle von Menschen während einer Epidemie erfolgen, anweist, sich zu instruiren, wie tief die Leichen unter der Erde bestattet und welche Desinfectionsmittel angewendet werden?

Bei Typhus und anderen Epidemien sind die Ortsbehörden verpflichtet, den Arzt herbeizurufen. Der Arzt kommt, er constatirt: 'Das ist der Typhus'; er verschreibt und ordnet an – aber wo bleibt die Ausführung? Denken Sie sich, was Gott verhüten wolle, wir würden von einer Epidemie hier überfallen! Die Menschen würden sterben wie die Fliegen im Herbstwetter. Die reisenden Bettler sind in dieser Beziehung viel besser gestellt, als die Kreis-Ansässigen. Wir haben von reisenden Handwerkern fast alle Jahre unsere Stammkunden im hiesigen Krankenhause, die oft aus sechs bis acht Wochen gute und liebevolle Pflege hier finden. Man hat so absprechend aber die Gesundheitspflege in russischen Districten geschrieben; man würde erschrecken über unsere Gesundheitspflege bei einer ausbrechenden Epidemie . . .“ So Dr. Bauer, ein angesehener Arzt dieser Gegend.

Der Nothstand im Lublinitzer Kreise ist eben ein alter; er ist ein dauernder und tritt jetzt nur etwas schärfer zu Tage, als gewöhnlich; Sache der Regierung wird es sein, diesem dauernden Nothstande durch geeignete Maßnahmen abzuhelfen. Man cultivire hier die auf einer sehr niedrigen Stufe stehende Landwirthschaft und die auf einer noch niedrigeren Stufe stehenden Menschen, in denen mit der Zeit durch geeignete Mittel der Erziehung und Einwirkung das ihnen mangelnde Selbst- und Ehrgefühl, namentlich die Willenskraft geweckt werden sollte. Es würde sie alsdann auch der Gutsherr mehr wie bisher als Menschen respectiren und behandeln müssen. Wenn für jetzt die Dinge unbeschreiblich traurig liegen, so bin ich für meinen Theil überzeugt, daß von [31] leistungsfähigen Besitzern des Elendsbezirks mannigfach nicht gethan wird, was zunächst von ihnen zu einer kräftigen Bekämpfung des haarsträubenden und himmelschreienden Jammers gethan werden müßte.[2]




Wie ich den Schimmel von Bronnzell kennen lernte.
Von Fedor von Köppen.


Zwei und ein halbes Jahr trug ich die Epauletten, ohne den Dienst in einer Friedensgarnison aus Erfahrung zu kennen. Die meisten Regimenter, welche der Sturm des Jahres 1848 aus ihren Friedensgarnisonen aufgestört hatte, waren zu ihrem Alltagsdienstleben zurückgekehrt, wir aber standen noch auf dem Kriegsfuße in dem friedlichsten aller deutschen Länder, in Mecklenburg, wo wir gewissermaßen eine beobachtende Stellung einnahmen zu dem Kampfe, der zwischen Schleswig-Holsteinern und Dänen soeben von Neuem ausgebrochen war. Trotz unseres mobilen Zustandes hatten sich indessen auch bei uns die alten Friedensgewohnheiten wieder eingeschlichen. In unseren Cantonnementsstädten wurde exercirt, Parademarsch geübt und Instructionsstunde gehalten wie im Frieden. Der Packgaul, welcher eigentlich die Bestimmung hatte, der marschirenden Compagnie die nöthigsten Effecten – die Bücher des Feldwebels, das Handwerkszeug für die Flickarbeiter der Compagnie, einige Krankendecken für Mannschaften, die Mäntel und die Feldmenage der Officiere – auf seinem Rücken nachzutragen, hatte jetzt den edleren, wenn auch nicht ganz reglementsmäßigen Beruf erhalten, den Officieren als Reitpferd zu dienen, und da ich längere Zeit hindurch der einzige Officier der Compagnie war, so benutzte ich diese Gelegenheit zu Ausritten in die Nachbarschaft und zu Besuchen bei den gastfreien Gutsherren der Umgegend, besonders da, wo liebenswürdige Töchter die Reize des Hauses erhöhten. Es war wieder Herbst geworden; ein Heimwehzug ging durch die ganze Natur, und auch in unseren Herzen regte sich neben den kriegerischen Gelüsten das leise Sehnen nach der lieben Heimath, von der wir nun schon so lange entfernt waren.

Als ich an einem der letzten Octobertage 1850 von einem Spazierritte auf dem Packgaul in unser stilles Cantonnementsstädtchen Rehna zurückkehrte, fand ich dieses in einer ungewöhnlichen Aufregung. Die Straßen waren belebter als sonst, die Quartiere des Feldwebels und des Capitaine d'armes von Soldaten umlagert. Der Bursche kam mir im Eilschritt entgegen mit der Meldung: „Herr Lieutenant, in einer Stunde wird ausmarschirt; ich habe unsere Sachen bereits gepackt.“

Näheres war nicht zu erfahren; denn auch die Marschordre nannte nur das nächste Ziel des Marsches, nämlich die Eisenbahnstation Hagenow. Auch wurden wir darauf hingewiesen, uns mit Mundbedarf für eine längere Eisenbahnfahrt zu versehen.

Wir hatten beinahe sieben Meilen bis Hagenow zu marschiren. Der Mond ging auf, als wir abzogen, und der Tag brach an, als wir in Hagenow ankamen und die auf dem dortigen Bahnhofe bereit stehenden Wagen eines Extrazuges bestiegen. Bei dem raschen Wechsel unserer Umgebungen wußten wohl die wenigsten von unseren Mannschaften, wo sie waren, als wir in der Abendstunde auf dem Hamburger Bahnhof in Berlin einfuhren und uns beim Schein der Gaslaternen in Reih und Glied zum Einmarsch rangirten.

Unserer Compagnie ward die Ehre zu Theil, bei dem Chef unseres Regiments, dem Prinzen von Preußen, die Fahne abzubringen. Als wir vor dem Palais aufmarschirt standen, trat der Prinz heraus und ging die Front der Compagnie herunter, jeden Mann scharf musternd, als wollte er ihm ansehen, wie ihm die sieben Meilen Marsch und die Eisenbahnfahrt bekommen wären. Nachträglich erfuhren wir, daß der Prinz der „Siebenmeilen-Compagnie“ ein ansehnliches Geschenk aus seiner Schatulle gewährt hatte.

In der Frühe des andern Morgens standen wir wieder auf dem Anhalter Bahnhofe zur Weiterfahrt bereit. „Nach Thüringen“, sagte man, ginge die Fahrt, was aber der Grund zu dieser mit so auffallender Hast betriebenen Reise war, darüber zerbrachen wir uns vergeblich die Köpfe. Wir hatten zwar auch in Mecklenburg Zeitungen zu Gesicht bekommen und von der zwischen Preußen und Oesterreich herrschenden Spannung gelesen, aber wir betrachteten den Notenwechsel zwischen der preußischen und österreichischen Regierung oder vielmehr zwischen den Ministerien Brandenburg-Manteuffel und Fürst Schwarzenberg für nichts Anderes, als für einen gegenseitigen Austausch von Höflichkeiten in der damaligen Sprache der Diplomatie.

Ein ganz anderes Gewicht hatte für uns die Ansprache, welche der Prinz von Preußen auf dem Bahnhofe beim Abschied an die Officiere richtete. „Es gilt zwar einen Kampf gegen deutsche Brüder,“ sagte er unter Anderem, „aber das ist gleich, wo es die Ehre Preußens gilt.“

Also doch einen Kampf gegen deutsche Brüder! – Es war die Zeit des hessischen Verfassungsstreites, welchen der große Staatsmann unserer Zeit als einen „Sturm auf dem Glase Wasser“ bezeichnete. Der Kurfürst hatte sich und seinen Minister Hassenpflug unter den Schutz Oesterreichs und der diesem befreundeten Staaten – Baiern, Württemberg etc. – gestellt. Preußen aber, das noch immer an der Chimäre der „Union“ einer Anzahl deutscher Staaten unter seiner Führung festhielt, wollte eine Intervention Oesterreichs in Kurhessen nicht dulden und nahm die verfassungstreue Bevölkerung unter seinen Schutz. Während der Einmarsch eines österreichisch-baierischen Corps in Kurhessen von Süden her täglich erwartet wurde, zog Preußen ein Corps in den thüringischen Ländern zusammen, um jenem den Weg nach Kassel zu verlegen. So belebend nun auch die Worte des Prinzen, welche auf einen nahe bevorstehenden Krieg hindeuteten, auf uns wirkten, so schien uns doch mancher Widerspruch damit nicht gelöst. Es däuchte uns wunderbar, daß Preußen, welches die Kaiserkrone soeben verschmäht hatte, um einen Conflict mit Oesterreich und den mit ihm verbündeten deutschen Regierungen zu vermeiden, jetzt um der Union willen zum Schutze der hessischen Verfassung das Schwert ziehen sollte. Und wenn wirklich ein ernster Krieg bevorstand, warum zögerte der König, an den Heerschild zu schlagen und die gesammte preußische Armee unter die Waffen zu rufen, wie dies sonst in Preußen Brauch und Sitte war? so fragten wir. Glücklicher Weise hatten wir uns über das Warum nicht die Köpfe zu zerbrechen, sondern uns nur an die Thatsachen zu halten und auszuführen, was befohlen ward. Thatsache aber war, daß wir mittelst Extrazuges über Erfurt nach Eisenach fuhren und von dort sogleich den Fußmarsch, an der beschneiten, alten Lutherwarte vorüber, nach den thüringischen Walddörfern an der hessischen Grenze antraten. Hier sollten wir einstweilen Cantonnements beziehen und uns bereit halten, auf die Nachricht von dem erfolgten Einmarsche der Oesterreicher sofort von der andern Seite gleichfalls in Hessen einzurücken. Auf den Vorhöhen des Rhöngebirgs waren Fanale aufgepflanzt, die uns durch ihr Leuchten bei Nachtzeit oder durch ihren Qualm bei Tage sogleich in Kenntniß setzen sollten, wenn die Oesterreicher und Baiern die Grenze überschritten.

Ich hatte nur wenige Tage in dem Schulhause eines thüringischen Dorfes, das bei seiner Abgelegenheit von der großen Straße wohl weder von Geschäftsreisenden noch von Touristen jemals besucht wird, zugebracht; da sah ich eines Nachts einen hellen [32] Schein von außen her in mein Zimmer fallen. Zum Fenster hinausschauend, sah ich die sämmtlichen Fanale in den Vorhöhen des Rhöngebirgs brennen. Bald darauf hörte ich auch in den entfernteren Dörfern den Generalmarsch schlagen und blasen, der immer näher und lauter, und jetzt unmittelbar vor meinen Fenstern ertönte. Meine Toilette war schnell gemacht, und bald befand ich mich wieder mit dem Bataillon auf dem Marsche.

Das erwartete Ereigniß, der Einmarsch der Österreicher in Hessen, war erfolgt, und wir beeilten uns, soviel Terrain wie möglich zu besetzen, ehe Jene uns zuvorkamen. Am zweiten Tage erreichten wir Fulda, von wo die Österreicher nur noch wenige Stunden entfernt stehen sollten. Die vier mit Zündnadelgewehren bewaffneten Füsilierbataillone des bei Fulda jetzt versammelten preußischen Corps wurden hier zu einer Füsilierbrigade vereinigt, von welcher zwei Bataillone sogleich südlich von Fulda Vorposten gegen die Oesterreicher aussetzten, während die beiden anderen, zu denen das unserige gehörte, als Replis der Vorposten bei den Gärten der südlichen Vorstadt Bivouacs bezogen. Am folgenden Tage sollten wir die Truppen auf Vorposten ablösen und die beiden abgelösten Bataillone unsere Replis bilden; in dieser Weise sollte bis auf Weiteres im Vorpostendienste gewechselt werden, sodaß wir eine Nacht um die andere auf Vorposten kamen.


Die Gartenlaube (1880) b 032.jpg

Ein „Tischlein deck' dich!“
Originalzeichnung von H. Lüders.


Auf einer Terrainerhebung inmitten unserer Bivouacs ragte ein Klostergebäude mit hohen Mauern welches meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Vor den Mauern des Klosterhofes, nahe dem Eingange, hatten unsere Burschen einige Schütten Stroh und ein paar Holzkloben, die Lieferung für die Officiere, abgeladen. Ermüdet, wie ich war, ließ ich mich sogleich auf eine Strohschütte nieder und sank trotz meiner unbequemen Stellung, den Rücken gegen die Mauer gelehnt, die Pickelhaube auf dem Kopfe, alsbald in jenen Zustand, in welchem die Bilder der umgebenden Wirklichkeit mit denen der Gauklerin Phantasie zusammenfließen. Da weckte mich eine weiche, wohlklingende Stimme, und als ich die Augen aufschlug, sah ich in ein jugendlich blühendes Mädchenantlitz, das freilich zum Theil von einer überhängenden dunklen Haube beschattet war.

„Will der Herr vielleicht eine Stärkung nehmen?“ fragte die Nonne, denn als eine solche war sie nach den verhüllenden dunklen Gewändern zu erkennen. Dabei wies sie auf einen mit Speisen besetzten kleinen Tisch, der während meines Schlafes hier aufgebaut worden. Ich erhob mich, um einige Worte des Dankes zu stammeln, aber ich glaubte, mit einer solchen Himmelsbraut eine ganz andere Sprache reden zu sollen, als ich es mit den Kindern dieser Welt gewohnt war, und ehe ich noch den rechten Ton gefunden, war sie schon durch die Klosterthür wieder verschwunden. Ich stand noch immer sprachlos, die Augen auf die sich schließende Pforte gerichtet, als mein Capitain auf mich zuschritt und, da er den gedeckten Tisch vor mir sah, ohne Weiteres Platz an demselben nahm, worauf er, ohne einen Zweifel darein zu setzen, daß auch ihm ein cameradschaftlicher Antheil an der Mahlzeit gebühre, sein Feldbesteck herausnahm und zulangte. Ich aber begriff, daß es für mich Zeit war, das Gleiche zu thun, wollte ich nicht die herrlichen Speisen ebenso schnell wieder verschwinden sehen, wie sie unerwartet gekommen waren.

„Da ist ja auch gar Wein,“ sagte der Capitain, indem er mit Wohlgefallen den Inhalt einer Flasche betrachtete, an die er soeben unter dem Tische zufällig mit dem Fuße gestoßen hatte. Er entkorkte dieselbe und füllte unsere Feldbecher: „Es lebe unsere unbekannte Frau Wirthin!“

„Oder Jungfer Wirthin,“ verbesserte ich. „Wie sie nur heißen mag?“

In diesem Augenblicke hörte ich hinter der Klosterthür eine Stimme rufen: „Charitas, Schwester Charitas!“ wie zur Antwort auf meine obige Frage.

„Also Schwester Charitas soll leben!“ rief ich, mit meinem Capitain anstoßend.

Wein und Speisen nahmen ein schnelles Ende. Unterdessen hatten die Burschen das Nachtlager für uns an der Klostermauer eingerichtet. Ich legte mich so, daß ich die Pforte im Auge behielt, denn ich hoffte noch immer, daß Schwester Charitas zurückkehren würde, und noch im Traum war es mir, als hörte ich das Pförtchen gehen. Als ich erwachte, war das Tischlein mit Allem, was darauf stand, verschwunden.

Trotz der Eile, mit der wir hierher gerufen worden waren, schienen doch alle unsere Instructionen weniger den Kriegsfall, als die Vermeidung desselben im Auge zu haben. Es war zwar gesagt, daß wir ein Vordringen der Oesterreicher und Baiern in das von unseren Vorposten besetzte Terrain nicht zu dulden hätten, aber es war uns daneben verboten, zu feuern. Nur wenn Oesterreicher und Baiern zuerst schießen sollten, durften wir das Feuer erwidern. So standen wir denn mit dem sogenannten „Feinde“ auf einem ganz leidlichen Fuße; ja, es bildete sich sogar eine Art von gemüthlichem Verkehr unter uns, welcher durch die täglich zweimal auf der Straße von Fulda nach Hanau unsere beiderseitigen Vorpostenlinien passirende Post vermittelt ward. Einmal schickten uns die Baiern einen mächtigen Pfefferkuchenmann zu, einen Preußen mit der Pickelhaube, wofür wir uns durch Sendung eines Fäßchens Bier revanchirten. Alle Morgen aber rückten die Baiern und Oesterreicher, welche unsere Instruction, nicht zu schießen, wohl kennen mochten, unter lustiger Musik bis dicht an unsere Vorpostenlinie heran. Wenn dann bei uns Alles alarmirt war und die Gefechtstellungen eingenommen hatte, kehrten [33] sie um und marschirten unter Musik friedlich wieder zurück. Diese Spielerei wiederholte sich täglich. Nebenbei wurde aber die politische Lage immer ernster. Aus Berlin kam die Nachricht von dem Tode des Grafen Brandenburg, dem der Schmerz über das Auftreten des Kaisers von Rußland als Schiedsrichter in der schwebenden Frage schwer zu Herzen gegangen war. Bald darauf erschien die Mobilmachungsordre für die gesammte preußische Armee, Linie und Landwehr. Damit schien die Kriegsfrage für uns entschieden. Die Morgenbesuche der Baiern bei unseren Vorposten sollten nun ihr Ende erreichen. Unser Obercommandirender, der General der Cavallerie Graf von der Groeben, ließ dem baierischen Befehlshaber, Fürsten von Thurn und Taxis, eine Art von Ultimatum überreichen, in welchem er diesem ankündigte, daß er künftig das Ueberschreiten einer gewissen Schlucht, die sich vor unseren Vorposten hinzog, und der Brücke, auf welcher die Chaussee nahe dem Dorfe Bronnzell über dieselbe führte, als eine Herausforderung ansehen würde, auf die er mit Eröffnung des Feuers antworten müsse. Das war ein anderer Stil, als der bisher gewohnte. Am Abend ließen uns die Baiern mit der von Hanau kommenden Post sagen, sie würden den andern Morgen in Fulda Kaffee kochen, worauf wir mit umgehender Post antworteten, wir würden ihnen die Bohnen dazu liefern.


Die Gartenlaube (1880) b 033.jpg

Der Schimmel von Bronnzell.
Originalzeichnung von H. Lüders.


In der Nacht (vom 7. zum 8. November) bezog ich mit der Compagnie wieder einmal das bewußte Bivouac in der Nähe des Klosters, im Repli der Vorposten. Mein Capitain hatte diesmal wegen eines dienstlichen Auftrages, der ihn in Fulda zurückhielt, die Führung der Compagnie mir übergeben. Es war ein trüber Abend mit Regen und Novemberschauern. Ich ließ mir mein Lager möglichst genau an derselben Stelle einrichten, wo ich das erste Mal in der Nacht unserer Ankunft campirt hatte, und war im Begriffe, mich auf das nasse Stroh zur Ruhe zu strecken, als eine Ordonnanz mir vom Vorposten-Commandeur den Befehl brachte, im Falle es stärker regnen sollte, mit den Mannschaften im Kloster selbst Quartier zu nehmen.

Obgleich der Regen im Augenblicke unbedeutend war, hielt ich es doch für meine Pflicht, die Oberin des Klosters auf die Möglichkeit der Einquartierung vorzubereiten. Ich klingelte an der geheimnißvollen Pforte, ließ mich durch die mir öffnende Alte bei der Oberin anmelden und wurde in ein Sprechzimmer geführt, in welches die Oberin bald nach mir eintrat. Sie war durch die Mittheilung meines Auftrages keineswegs überrascht und zeigte mir die Räumlichkeiten zu unserer Unterbringung, nämlich einen bedeckten Schuppen, auf dessen Boden eine reinliche Streu mit Decken ausgebreitet werden sollte für die Mannschaften, und ein Zimmer im Hauptgebäude mit bequemem, breitem Sopha zur Lagerstätte für mich.

Da ich mich mit diesen Einrichtungen vollkommen einverstanden erklärte, forderte sie mich auf, die Räumlichkeiten sogleich zu beziehen, und da es gerade in diesem Augenblicke etwas heftiger zu regnen begann, so zögerte ich nicht, von der Einladung Gebrauch zu machen. Ich führte meine Mannschaften in den ihnen zugewiesenen Schuppen, nicht ohne ihnen vorher noch einmal die strengste Mannszucht anempfohlen zu haben, und nachdem ich mich überzeugt, daß hier Alles in guter Ordnung zuging, begab ich mich auf mein Zimmer und streckte mich mit geschlossenen Augen behaglich auf dem breiten, weichen Sopha, weniger um zu schlafen, als um zu probiren, wie sich's hier schlafen würde. Da hörte ich Geräusch, die Zimmerthür ward geöffnet, und leise Tritte näherten sich meinem Lager. Ich hütete mich wohl, die Augen zu öffnen, um nicht die lieblichen Bilder, welche die Einbildung mir vorgaukelte, durch die Eindrücke der Wirklichkeit wieder verlieren zu müssen, und ließ es mir wohl gefallen, wie der Kopf mir von weichen Armen gehoben und gestützt und ein Kissen nach dem anderen untergelegt ward, während andere Hände damit beschäftigt waren, eine Decke über mich auszubreiten. Dann glaubte ich zu hören, wie die Tritte sich allmählich wieder entfernten, wie die Thür noch einmal geöffnet ward und sich wieder schloß. Jetzt glaubte ich, die Augen öffnen zu dürfen, aber wie erstaunte ich, als ich sie aufschlug und die holde Bekannte von jenem Abend meiner Ankunft vor mir stehen sah – es war nicht Traumbild, sondern Wirklichkeit; es war Charitas mit den sanften, lieblichen Gesichtszügen, und mit derselben weichen Stimme wie damals fragte sie: „Ist dem Herrn vielleicht eine Stärkung gefällig?“

Auf dem Tische stand eine Tasse Thee, daneben lag ein aufgeschlagenes Gebetbuch. Ich schob das Brevier etwas bei Seite und rückte den Thee näher.

„Warum thun Sie das?“ fragte sie mit Bezug auf die erstere Bewegung.

„Ich bin andern Glaubens als Sie,“ antwortete ich etwas verlegen.

„Sie sind ein Irrgläubiger, ein Preuße,“ sagte sie mit einem Tone, der mehr mitleidig als vorwurfsvoll klang.

Ich leugnete nicht, konnte jedoch nicht unterlassen zu bemerken: „Ach, Irrgläubige giebt es wohl überall, wohl auch in –“

„Wohl auch in diesen Klostermauern“ wollte ich sagen, aber ich besann mich, daß dies weder zart noch tactvoll, und daß die Klosterzelle wohl überhaupt nicht die geeignete Stätte wäre, um meine Lessing'sche Weisheit anzubringen. Sie schien aber auch [34] das ungesprochene Wort verstanden zu haben, denn das sonst so liebliche Gesicht nahm plötzlich einen kalten und fremden Ausdruck an; sie wünschte mir „Gute Nacht“, ohne aufzuschauen, und verließ das Zimmer. Allein gelassen, fing ich an, mir die bittersten Vorwürfe zu machen, lehnte mich aber dabei in die weichen Kissen zurück, suchte mein Gewissen zu beschwichtigen und schlief endlich sanft ein.

Zu derselben Zeit, als das Klosterglöcklein die frommen Schwestern zur Frühmesse rief, tönten von draußen Hornsignale und Trommelwirbel, ja sogar das Knattern von Gewehrfeuer. Der Posten vor dem Gewehr klingelte heftig an der Thür und eine Ordonnanz brachte mir den Befehl, die Besetzung des Klosters einigen Compagnien eines andern Regiments zu überlassen und mich selbst mit meinen Mannschaften zu den drei übrigen Compagnien des Bataillons heranzuziehen, die mit ihren Tirailleurs einen Gartenzaun unmittelbar an der Chaussee besetzt hatten. Die Compagnien, welche zu meiner Ablösung bestimmt waren, marschirten auch bereits auf den Klosterhof. Ich rief meine Mannschaft unter die Gewehre und gab die Commandos zum Abmarsch. An der Klosterpforte wandte ich noch einmal die Blicke zurück. Aus einem der unteren Fenster des Klosters fiel ein heller Schein. Ich sah die frommen Schwestern dort im Gebetsaale knieen; unter ihnen erkannte ich ganz deutlich Schwester Charitas, das sanfte, liebe Gesicht jetzt noch durch den Ausdruck der Andacht verklärt, der darüber ausgegossen lag. Ob sie vielleicht auch die Irrgläubigen in ihr Gebet mit einschloß? –

Bald gewannen andere Dinge um mich her für mich eine größere Wichtigkeit, als das Klosterleben mit seinen Bewohnerinnen. Noch dauerte das Schießen bei den Vorposten – wenn auch weniger lebhaft als bei Tagesanbruch – fort. Die Ursache desselben war leicht zu erklären. Baiern und Oesterreicher hatten ihren gewohnten Morgenbesuch wiederholt, waren aber diesmal in Folge des erwähnten Ultimatums des Generals Grafen von der Groeben beim Ueberschreiten der Brücke von Bronnzell mit Feuer empfangen worden, das sie auch ihrerseits erwiderten. Zur Zeit, als ich mit meiner Compagnie zu den drei anderen des Bataillons stieß, gingen unsere am meisten vorgeschobenen Vorpostenabtheilungen soeben durch unsere Avantgardenstellung zurück. Wir waren also jetzt die Nächsten am sogenannten „Feinde“ und erwarteten mit klopfendem Herzen den weiteren Angriff in der Voraussetzung, daß das bisher Geschehene nur die Einleitung zu einem ernsten Gefechte, vielleicht zu einer großen Schlacht gewesen sei. Um diese Zeit sah ich auch den ersten – und Gott sei Dank den einzigen – Verwundeten des Tages. Es war ein Schimmel, der mit gesenktem Haupte von einem Trompeter am Zügel auf der Chaussee zurückgeführt wurde. Die blutigen Spuren auf der Straße zeigten, daß er nicht ohne Blutvergießen das Feld geräumt hatte. Hätte ich geahnt, welche Bedeutung dieser Schimmel von Bronnzell dereinst in der Weltgeschichte gewinnen würde, ich hätte ihn mir doch noch näher angesehen; für jetzt begnügte ich mich, ihm einen fast neidischen Blick nachzuschicken. Denn soeben schienen die Dinge wieder eine ernstere Wendung zu nehmen. Die Köpfe der uns gegenüber ausgeschwärmten österreichischen Jäger tauchten hinter ihren Deckungen hervor. Eine Batterie rasselte an uns vorüber und nahm Aufstellung auf dem Hügel bei dem Klostergebäude. Im nächsten Augenblicke konnte vielleicht schon eine Granate in das Haus einschlagen, das mir über Nacht gastliches Obdach gewährt hatte, und die frommen Schwestern aus ihrer friedlichen Weltabgeschiedenheit vertreiben. Ein Courier jagte auf der Chaussee vorüber, mitten durch unsere Tirailleurlinie hindurch.

„Halt, halt!“ wurde er von verschiedenen Seiten angerufen.

„Depesche aus Berlin an Seine Excellenz den Grafen von der Groeben!“ rief er im Gefühle seiner Wichtigkeit, ohne auf den Zuruf zu achten, und hielt einen dick gesiegelten Brief in der Rechten empor.

Wer doch gewußt hätte, was in diesem Briefe stand! Wer wenigstens bei der Uebergabe zugegen gewesen wäre, um aus der Miene des Empfängers zu schließen, ob er Gutes brachte oder Unheil verkündete!

Wir Officiere durften natürlich unsere Plätze nicht verlassen, aber da stand unter uns unser Bataillonsarzt, nicht weniger wißbegierig als wir; er war nicht an den Platz gebunden und hatte überhaupt nichts zu thun. Der Doctor stieg also zu Pferde, und so wenig er sonst ein Freund scharfer Gangarten war, so zuckelte er doch in möglichst beschleunigtem Tempo hinter dem Courierpferde drein.

„Das hat nichts Gutes zu bedeuten,“ sagte er, als er nach einer halben Stunde zurückkehrte. „Der Graf hat die Depesche zuerst in die Tasche gesteckt und gar nicht gelesen. Als er sie dann hervorzog und las, machte er ein so langes Gesicht“ . . . dabei verlängerte der Doctor sein eigenes Gesicht kautschukartig, sodaß wir Umstehenden hell auflachen mußten. Hätten wir den Inhalt der Depesche gekannt, wir würden nicht gelacht, sondern ebenfalls lange Gesichter gemacht und eingesehen haben, daß dies die entsprechendste Illustrirung der Depesche wäre.

Bald darauf ritt der Obercommandirende mit dem Stabe an uns vorüber nach der Stadt zurück.

„Der General reitet nach der Stadt; dann ist die Schlacht zu Ende,“ so combinirten wir; dennoch blieben unsere Tirailleurs am Gartenzaun aufgelöst. Bürger aus Fulda kamen heraus und brachten uns die auf Veranstaltung des Obercommandos von ihren Frauen für uns gekochte Lieferung. Das gespannte Gewehr in der einen, den Kochlöffel in der anderen Hand, so gingen unsere Mannschaften zum Angriff auf die Mahlzeit, die ihrem kräftigen Appetit auch nicht lange Widerstand leistete. Ich warf einen sehnsüchtigen Blick nach dem Kloster, wo Schwester Charitas jetzt vielleicht einem Andern eine Stärkung darreichte; indessen sorgte mein Bursche, der meine Lieferung in einer Küche der Vorstadt, wie er mir sagte „unter Anleitung einer tüchtigen Köchin“, zubereitet hatte, dafür, daß auch mein Hunger gestillt ward.

Nach dem Essen ist der Mensch erfahrungsmäßig gemüthlicher und daher auch weniger blutdürstig, als vorher. Wir waren ganz zufrieden, als der Befehl kam, unsere seit der frühen Morgenstunde ausgeschwärmten Tirailleurs einzuziehen und in die Bivouacs einzurücken. Der Inhalt der oben erwähnten Depesche an den Obercommandirenden war aus dem, was nun folgte, leicht zu errathen. In der Nacht wurde der Befehl ausgegeben, daß mit Tagesanbruch die Truppen die Gewehre entladen und, ohne Spiel zu rühren, durch Fulda zurückmarschiren sollten, um zunächst die preußische Etappenstraße in Kurhessen bei Hersfeld zu besetzen. Dem ersten Schritte rückwärts folgten andere, eine anschauliche Illustrirung zu dem um diese Zeit in der preußischen Kammer gefallenen geflügelten Worte: „Der Starke weicht muthig zurück.“

Es kam eine trübe Zeit, in welcher wir lernten, daß es für den Soldaten noch eine schwerere Aufgabe giebt, als im Sturme der Schlacht das Leben in die Schanze zu schlagen oder auf leuchtenden Siegesbahnen vorwärts zu stürmen. Viel ist in dieser Zeit gefehlt und geirrt worden nach rechts und links, im Süden wie im Norden, aber wir haben aus unsern Irrthümern gelernt und unser wahres Ziel nicht aus dem Auge verloren. So bildet denn auch diese Zeit nur ein Stadium in der Entwickelungsgeschichte unseres Volkes zur nationalen Einheit. Wohl uns, daß wir jetzt – ein volles Menschenalter später – von dem erreichten Ziele leichten Herzens auf die durchmessene Bahn zurückblicken können!




König Friedrich Wilhelm der Erste und die Akademie der Wissenschaften in Berlin.
Von O. Mohnike.
(Schluß.)


Durch den Tod von Gundling's hatte die Akademie der Wissenschaften ihren Präsidenten verloren, und dem Könige lag ob, einen neuen zu ernennen. Friedrich Wilhelm aber konnte und wollte sich diese Gelegenheit nicht nehmen lassen, seine Geringschätzung für die Akademie und ihre Bestrebungen zum Ausdruck zu bringen.

Kurz vorher hatte nämlich ein Graf von Stein zu Morgenstern, der in ähnlicher Weise, wie nach ihm Swedenborg und [35] Andere, an das Bestehen von Geistern glaubte und sich selbst und Anderen einredete, daß er mit ihnen im Verkehr stände, anonym seine „Monatlichen Unterredungen von dem Reiche der Geister nach den Grundsätzen der heiligen Schrift zwischen Ambremio und Pneumatophilo“ herausgegeben.

Diesen geistergläubigen Grafen von Stein wählte der König zum Vorsitzer der Akademie der Wissenschaften, wiewohl vorläufig mit dem Titel eines Vice-Präsidenten. Seine Bestallung vom 18. Januar 1732 ist ein wahres Meisterstück von Witz und Ironie, worin sowohl der Geisterglaube des Herrn von Stein, wie auch die von dem Könige für Thorheiten gehaltenen Bestrebungen der Akademie scharf gegeißelt werden. Es folgt hier dieses merkwürdige Actenstück in wortgetreuer Wiedergabe des Abdruckes, welchen von Loen im ersten Bande seiner gesammelten kleinen Schriften (S. 209 bis 213) gegeben:

     „Wir Friedrich Wilhelm etc.
Urkunden und bekennen hiermit gegen jedermänniglich, absonderlich vor der eruditen Welt, daß Wir den Wolgebohrnen, Edlen, Weisen und Hochgelahrten, Unsern guten besondern etc. Grafen von Stein, in Ansehung desselben weit und breit erschollenen Gelahrsamkeit . . . und Meriten, auch in Antiquitäten, alten und neuen Müntzen, in Physicis und Mechanicis, Botanicis, Hydraulicis, Pneumaticis und Staticis, wie nicht weniger in der Cabbala und Erkäntnis und Prüfung der guten und bösen Geister, deren Nutzen und Gebrauch und Misbrauch, im-gleichen in der wunderbaren Lehre von den Prae-Adamitis, und deren vormaligen Wirtschafft und Haushaltung, auch sonst in Historicis und Metaphysicis, Logicis, Rhetoricis, Cataploricis, vor allen andern aber in der Algebra, Arte combinatoria und der Punctirkunst und Boutonomantia, auch in der weissen und schwarzen Kunst erlangten gründlichen und fast erstaunenswürdigen Erfahrung zum Vicepräsidenten unserer Königlichen Societät der Wissenschaften ausersehen, ernannt, angenommen und bestellet haben; thun auch dieses hiemit und in Krafft dieses also und dergestalt, daß besagter Graf von Stein in der Ordnung der zweyte Socius von ermeldter gelahrten Gesellschafft seyn und bleiben, was zu deren Nutzen, Aufnehmen und heilsamen Beförderung ihres bereits erworbenen Ruhmes gereichen und ersprießlich seyn kan, beytragen und es daran in keinem Stück ermangeln lassen soll, wie es einem fleißigen getreuen und wohlintentionirten Vicepräsidenten und Socio anstehet, eignet und gebühret, auch der gesamten löblichen Societät zuversichtliches Vertrauen desfalls zu Ihm gerichtet ist. Er soll auch dahin sehen und fest darüber halten, daß die Societät mit Edirung gelehrter Schriften sich destinguire und ein jegliches Membrum wenigstens ein Specimen Eruditionis alle Jahr durch den Druck herausgeben müsse. Der Vicepräsident Graf von Stein aber bleibet von solcher Arbeit dispensiret; obgleich sein herrliches und an Fertilität und Fruchtbarkeit dem besten Klee- und Waitzen-Acker gleichkommendes Ingenium dergleichen Productiones in der Menge hervorzubringen mehr als zu tüchtig und geschickt wäre. Auf das Calenderwesen in unserm Königreich, Provinzen und Landen muß der Vicepräsident Graf von Stein eine sorgfältige und genaue Attention haben, damit keine Unterschleiffe dabei vorgehen, keine fremde Calender eingeführet und gebrauchet, auch die Gelder, so von denen Calendern einkommen, auch zu keinem andern Ende als wozu sie destiniret, angewendet, übrigens aber die Verfertiger der Calender, dem Publico und insonderheit denen Curiosis, welche gerne zukünftige Dinge vorher wissen wollen, zur Freude und Nutzen, alle Behutsamkeit gebrauchen, damit die Prognostica von der Witterung, Gesundheit und Krankheit, Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit der Jahre, ingleichen die Krieges- und Friedensläufe accurat getroffen, bey dem Druck nicht mehr rothe Buchstaben als von nöthen, gebrauchet, der Sonnencircul nicht verkehret und viereckigt, sondern rund gemahlet, die güldne Zahl nach Möglichkeit vermehret, der guten Tage immer so viel als ihrer seyn können angesetzet, die verworffene oder böse Tage aber vermindert werden mögen. Daferne auch der Vicepräsident Graf von Stein besondere Veränderungen anmerken sollte: e. g. daß der Mars einen feindlichen Blick auf die Sonne geworffen habe, oder daß er mit dem Saturno, Venere und Mercurio im Quadrat stünde, oder auch daß der Zodiacus, wie bereits zu des Campanellae Zeiten angemerket worden, sich noch weiter aus dem Geleise geben und vorrücken oder auch, daß ein Wirbel des Himmels den andern, nach des Cartesii Principiis, abschleiffen und verschlingen solte, und daher eine unmäßige Anzahl von Cometen oder Schwanzsternen zu vermuthen wäre; so hat der Vicepräsident Graf von Stein ohne den geringsten Zeitverlust mit denen übrigen Sociis daraus zu conferiren, auch nicht allein auf die Ergründung solcher Unordnungen, sondern auch auf Mittel und Wege, wie denenselben am besten abzuhelfen, bedacht zu seyn. Und ob es zwar durch den Unglauben der Menschen dahin gediehen, daß die Kobbolde, Gespenster und Nachtgeister dergestalt aus der Mode gekommen, daß sie sich kaum mehr sehen lassen dürfen; so ist dennoch dem Vicepräsidenten Grafen von Stein aus dem Praetorio bekannt, wie es an Nachtmahren, Bergmänlein, Drachenkindern, Irrwischen, Nixen, Währwölfen, verwünschten Leuten und andern dergleichen Satansgesellschaften nicht ermangele, sondern deren Dinge eine große Anzahl in den Seen, Pfühlen, Morästen, Heiden, Graben und Höhlen, auch heiligen Bäumen verborgen liegen, welche nichts als Schaden und Unheil anrichten, und wird also Er, der Graf von Stein, nicht ermangeln, sein Aeuserstes zu thun, um dieselben, so gut er kan, auszurotten, und soll ihm ein jedes von diesen Unthieren, welches er lebendig oder todt liefern wird, mit 6 Thaler bezahlet werden.

Alldieweil auch eine beständige Tradition ist, daß allhier in der Churmark, sonderlich in der Gegend von Lennin, Wilsnack und Lebus considerable Schätze vergraben sind, zu deren Besichtigung, und um zu wissen ob sie noch vorhanden, alle 10 Jahr gewisse Ordensleute, Jesuiten und ander dergleichen Geschmeiße und Ungezieffer von Rom anhero kommen, so muß der Vicepräsident von Stein nicht allein diesem Pfaffenpack fleißig auf den Dienst passen, um sie, wo möglich, feste machen und zur gefänglichen Hafft zu bringen, sondern auch keinen Fleiß sparen, daß er mittelst der Wünschel-Ruthe, durch Seegensprechen, Allruncken, oder auf andere Art, wo solche Schätze vergraben oder verborgen, ausfindig machen möge, und sollen ihm zu solchem Ende auf sein Verlangen die Zauberbücher, so in unserm geheimen Archiv vorhanden, nebst dem Speculo Salamonis verabfolget werden; wie er denn auch von jeglichem Thresor, welchen er ausgraben wird, den vierten Theil zu genießen haben, und solches zu reicher und ansehnlicher Belohnung seiner leistenden treuen und angesehenen Dienste Ihm angedeyhen soll. Im gleichen soll er aller Privilegien, Freyheiten, Präeminentien, Recht und Gerechtigkeiten, so andern dergleichen Vicepräsidenten competiren und zustehen, sich ebenfalls zu erfreuen haben, und dabey, so es dessen bedürftig, wider allen Eintrag, Belästigung und Betrug ernst- und nachdrücklich geschützet, mainteniret und gehandhabet werden. Zur Urkund haben Wir diese Bestallung eigenhändig unterschrieben, und mit Unserm Insiegel bedrucken lassen. So geschehen Berlin den 19 Januar 1732.“ –

Kann man sich eine schärfere Ironie und eine gelungenere Persiflirung des Geister- und Dämonenglaubens des Grafen von Stein denken? Konnten die das Verständniß und Begriffsvermögen des Königs übersteigenden, daher von ihm als unnütz verachteten Arbeiten der Akademie der Wissenschaften auf dem Gebiete der transcendentalen Philosophie und Mathesis in treffenderer Weise verspottet werden? Diese Bestallungsurkunde des Grafen von Stein zum Vicepräsidenten der Akademie bleibt ein Meisterstück, das dem Witze des Verfassers alle Ehre thut. Wahrscheinlich aber war dieser Verfasser kein Geringerer, als König Friedrich Wilhelm selbst, der mit einer guten Portion gesunden, schlagenden Mutterwitzes begabt war. Obgleich diese Bestallung des Grafen von Stein von ihrem ersten Worte an bis zu ihrem letzten nichts als Ironie enthält, so haben doch verschiedene Schriftsteller auf Grund dieses Actenstückes allen Ernstes behauptet, daß der König wirklich an die Existenz von außer-, un- und übernatürlichen Wesen geglaubt habe. Friedrich Wilhelm der Erste war, trotz seiner protestantischen Orthodoxie, was Geister und Gespenster betrifft, nicht im mindesten weniger aufgeklärt und vorurtheilsfrei, als sein großer Sohn Friedrich, der überhaupt in seiner innersten geistigen Anlage viel mehr mit seinem Vater übereinstimmte, als man gewöhnlich annimmt, wie verschieden ihre Neigungen, Liebhabereien und geistigen Bedürfnisse auch sein mochten.

Graf von Stein hat übrigens die Vicepräsidentschaft der Akademie der Wissenschaften niemals weder ausgeübt noch auch [36] nur angetreten, vielmehr wurde der Consistorial- und Kirchenrath und älteste Hofprediger in Berlin, Daniel Ernst Jablonski, ein berühmter Theologe und Orientalist, der von der Universität zu Oxford zum Doctor der Theologie ernannt und längst schon Mitglied der Akademie gewesen war, zum Präsidenten derselben, und zwar gleichfalls 1733, ernannt. Nach Chr. Bartholméß in seiner „Histoire philosophique de l'académie de Prusse depuis Leibnitz jusqu'à Schelling!“ hätte sich die Geistlichkeit von Berlin in’s Mittel gelegt und sogar die ewige Seligkeit des Königs in Frage gestellt, wenn er der Akademie nicht einen anderen Präsidenten gäbe; die Folge wäre die Wahl Jablonski’s zum Präsidenten der Akademie gewesen. Obgleich Bartholméß ohne Zweifel die Farbe zu stark aufträgt, so erscheint seine Vermuthung, daß die Berliner Geistlichkeit auf die Wahl Jablonski’s einen wesentlichen Einfluß ausgeübt habe, keineswegs unwahrscheinlich.

Friedrich Wilhelm starb am 31. Mai 1740. Gerade ein Jahr später, 26. Mai 1741, folgte ihm Jablonski. Dessen Nachfolger wurde Moreau de Maupertuis, den der neue König schon sehr bald nach seiner Thronbesteigung nach Berlin berufen hatte. Unter seinem Präsidium erhielt die Akademie durch Friedrich den Zweiten, 1744, als königliche Akademie der Wissenschaften, eine neue Organisation, neues Leben und neuen Glanz, während sie unter seinem Vater eben nur vegetirt, kaum aber gewirkt hatte. Unter Friedrich erhob sie sich auf die hervorragende Stelle unter den Einrichtungen ähnlicher Art für die höhere Wissenschaft, welche sie bis auf den heutigen Tag so ruhmvoll behauptet hat.



Nachdruck verboten.
Aus Chopin’s Leben.
Mittheilungen von Bernhard Stavenow.

Am 17. October des vergangenen Jahres waren es dreißig Jahre, daß Friedrich Chopin gestorben. Er war ein Dichter, ein Träumer und Phantast der genialsten Art, und seine Schöpfungen bilden eine kleine Welt für sich. Der wundersame Reiz, welcher seiner Muse innewohnt, hat ihm allenthalben Freunde und Verehrer erweckt, der blendende Schimmer seines Colorits und die aristokratische Vornehmheit seines Ausdrucks nehmen auch den Oberflächlicheren widerstandslos gefangen.

Seine Werke aber waren verhältnißmäßig immer noch so theuer, daß nicht Jeder sich dieselben anschaffen konnte. Mit dem 17. October 1879 ist das anders geworden, da mit diesem Tage das Monopol der bisherigen Verleger aufgehört hat; billige Volksausgaben werden entstehen, welche die Anschaffung auch dem Aermeren opferlos gestatten.

Von dem äußeren Lebensgange des Meisters ist leider nur verhältnißmäßig karge Kunde zu uns gekommen, und was über ihn bis jetzt geschrieben wurde, war ohne Ausnahme, besonders aber in den Angaben über die letzten zwölf Jahre seines Lebens, voller Irrthümer. Diese nun zum ersten Male zu berichtigen, und ein möglichst getreues Bild des Gefeierten während des letzten Decenniums seines Daseins in kurzen Zügen zu geben, sei die Aufgabe der folgenden kleinen Skizze.

*
*          *

Friedrich Chopin war seit seiner Kindheit von zarter Natur und feinem Körperbau, dazu durch das viele Clavierspielen von sehr reizbarem Nervensystem. Kein Wunder, daß das unruhige Pariser Leben mit seinen zahllosen Vergnügungen und späten Abendgesellschaften, in welches er seit dem Jahre 1832 hineingerathen war, höchst nachtheilig und aufreibend auf die Constitution des Gefeierten wirkte, sodaß im Herbst 1837 bedenkliche Anfälle von Brustkrankheit sich bei ihm einstellten.

Anfangs hoffte man, der nächste Sommer mit seinen linden Lüften würde den Patienten wieder herstellen; allein dem war nicht so. Seine Kräfte erschöpften sich von Tag zu Tag mehr; schließlich wurden die Freunde und Aerzte ernstlich besorgt und riethen ihm, einige Zeit nach dem südlichen Frankreich zu gehen.

Aber Chopin vermochte sich nicht zu der Reise zu entschließen. Er befand sich, wie öfter in seinem Leben, in großer Geldverlegenheit und war doch zu stolz, Jemand dies merken zu lassen, obgleich er von Seiten seiner zahlreichen Freunde und Gönner sofort und mit größter Bereitwilligkeit Geld bekommen haben würde. Ferner konnte er es nicht über sich gewinnen, auf unbestimmte Zeit so weit von seinen Freunden, seinem Piano und von George Sand, der Geliebten seiner Seele, zu scheiden. Lieber wollte er den Winter, wie gewöhnlich, zu Paris verbringen trotz der Unzuträglichkeit für seinen Zustand.

Da faßte George Sand – wie es heißt, aus Rücksicht für ihren Sohn Maurice – den Entschluß, nach der Insel Mallorca zu gehen und redete Chopin zu, an dieser Reise Theil zu nehmen. Dieser Bitte vermochte Chopin nicht zu widerstehen, zumal auch inzwischen seine Börse sich durch den Verkauf seiner Präludien wieder gefüllt hatte: er hatte dieselben im August 1838 für zweitausend Franken an Camillo Pleyel verkauft. Und so fuhr er denn mit der geliebten Frau sammt ihren beiden Kindern Maurice und Solange im October 1838 von Paris ab, obgleich seinen Freunden diese Reise durchaus nicht gerathen schien.

Während der Seefahrt befand sich Chopin ziemlich wohl; allein gleich nach der Landung auf Mallorca erkrankte er gefährlich und wurde täglich schmaler und bleicher, sodaß er bald einem bloßen Gerippe glich und die Aerzte ihn vollständig aufgaben. Er war auf Alles gefaßt, um so mehr, als der Winter in jenem Jahre sich gerade entsetzlich hartnäckig zeigte, das Haus, oder besser gesagt, die Hütte, in welcher sie wohnten, an allen Ecken baufällig und von Mobilien entblößt war, und der Arzt, den er zu Rathe gezogen, sein Leiden gänzlich verkannte und Mittel anwendete, welche wider die Natur seiner Krankheit liefen.

George Sand berichtet uns in ihren Memoiren („Histoire de ma vie“, Paris 1855) ausführlich über diese Reise. Nur einen Irrthum begeht sie, der von den Chopin-Biographen in ihren Büchern und Aufsätzen bis jetzt stets nachgeschrieben wurde. Sie sagt nämlich, Chopin habe während jener Zeit in der Karthause auf Mallorca auch seine „Präludien“ geschrieben. Wohl konnte er ihr dieselben dort öfter vorgespielt haben; allein componirt hatte er jene Meisterwerke der duftigsten Poesie, jene seltsamen Träume und Bilder der Nacht, die aus Feenzauber und Mondesglanz, aus Herzeleid und Herzensfreud’ harmonisch gewoben scheinen, schon vor seiner Abreise von Paris, wie mir sein Lieblingsschüler und intimster Freund, Adolph Gutmann, der das Manuscript für den Druck copirt hat, wiederholt versicherte.

Während der Dauer der Krankheit wich George Sand keinen Augenblick von der Seite des Freundes. Sie war es auch, welche zuerst instinctiv fühlte, daß die von dem Arzt wöchentlich mehrmals vorgenommene Blutentziehung dem geliebten Kranken den sichern Tod bringen müsse; sie umgab ihn mit der zartesten Fürsorge und kannte weder Müdigkeit noch Abspannung, bis endlich das Leiden wich und die düstere Laune, welche Chopin’s Geist gefesselt hielt, sich allmählich zerstreute, einer lichtvolleren, glücklicheren Stimmung Raum gewährend.

Seit jener Zeit war George Sand für Chopin die machtvolle Zauberin, die sein Leben dem Tode abgerungen und seine Leiden in ein nie gekanntes Glück verwandelt hatte. Und als sie im März 1839 Mallorca wieder verließ, zog er mit ihr zusammen auf ihren idyllischen Landsitz nach Nohant und verlebte hier einen schönen Sommer, in welchem er sich glücklich und verhältnißmäßig wohl fühlte.

Im Herbst 1839 zog George Sand mit Chopin, der nun, wenn auch nicht vollkommen hergestellt, so doch sehr gekräftigt war, nach Paris. Beide waren während des Sommers unzertrennlich geworden. Und wenn auch kein Spruch des Gerichts oder der Kirche ihren Bund gesegnet hatte, so trösteten sich Beide doch mit der Ueberzeugung, daß die gegenseitige Treue das Bündniß zwischen ihnen heilige.

Am Square d’Orléans mietheten sie eine gemeinschaftliche hübsche Wohnung. Anfangs hatte Chopin außerdem noch pro forma in einer benachbarten Straße ein besonderes möblirtes Zimmer gemiethet, welches officiell als seine Wohnung galt und wo er die Besuche von entfernter stehenden Personen täglich [37] zu einer bestimmten Stunde empfing. Jedoch schon nach vier Wochen ward ihm das lästig. Er gab das Zimmer auf und empfing Jedermann in der gemeinschaftlichen Wohnung bei George Sand, ertheilte auch in dem Salon derselben seine Stunden.

In dieser Wohnung hielt sich George Sand während der ersten Monate keine eigene Küche, sondern aß mit Chopin und ihren Kindern bei einer gemeinschaftlichen Freundin, Namens Marliani, einer Dame aus der besten Gesellschaft von Paris, die zufällig in dem Hause wohnte, welches hinten mit dem der George Sand zusammenstieß.


Die Gartenlaube (1880) b 037.jpg

Friedrich Chopin.
Nach Winterhalter's Zeichnung auf Holz übertragen.


Ein kleiner Gang durch die Gärten vereinigte beide Wohnungen, und so konnte Chopin sich mit seiner Freundin und deren Kindern stets ungesehen und ungenirt dorthin begeben. Allein schon im October, als das Wetter schlechter wurde, ward das doch unbequem, und George Sand schaffte sich wieder eine eigene Menage an, zumal sie und Chopin auch nicht umhin konnten, wie Jedermann, der zur Gesellschaft gehörte, im Winter hin und wieder Soiréen zu geben.

Auf einer Soirée, welche Herr Leo – derselbe, dem Chopin die Polonaise Opus 53 gewidmet hat – Anfang November gab, lernte Chopin seinen deutschen Collegen, den Componisten und Claviervirtuosen Moscheles kennen, von dem er schon so viel gehört hatte, den er aber bis dahin noch nicht persönlich kannte, und kurze Zeit nach diesem Zusammentreffen wurden Beide vom König Louis Philipp, am 29. November, nach St. Cloud zu einem Hofconcert eingeladen. Chopin spielte vor der königlichen Familie zuerst ein Notturno, nachher einige Etüden, und wurde wie ein Liebling bewundert und gehätschelt. Hierauf trug Moscheles einige Salonstücke vor, und zuletzt mit Chopin zusammen seine vierhändige Sonate.

Gutmann war zugegen, wie dieselbe am Morgen vorher probirt wurde, und erinnert sich noch heute deutlich des Staunens des Componisten darüber, wie Chopin das Legato in dem Adagio spielte. Das war ganz neu für ihn; so hatte er dasselbe nie gehört.

Am 1. December – zwei Tage nach dem Concerte – erhielt Chopin vom Hofe eine silberne, innen vergoldete Tasse; nicht ein Servis von Sèvres, wie in den bisherigen Biographieen überall fälschlich angegeben ist. Die Tasse war ohne Futteral, und Chopin ließ sich auf eigene Kosten ein solches anfertigen mit der Inschrift: „Donné par le roi Louis Philippe.“ – Moscheles bekam ein Necessaire.

Später spielte Chopin nochmals am Hofe, wofür man ihm einfach 200 Franken sandte. Der Meister ärgerte sich darüber [38] so sehr, daß er in seinem ersten Zorne mit moquanter Stimme zu Gutmann sagte. „Das reicht für meinen Schneider.“

Im Februar 1840 nahmen die Leiden Chopin's wieder zu. Es stellte sich andauernde Schlaflosigkeit ein, und die Symptome der Lungenaffection zeigten sich deutlich. Man konnte sich über den Ernst seines Zustandes nicht mehr täuschen. Und wenn er nun auch allsommerlich mit der George Sand zusammen nach Nohant ging und dort in reiner, milder Luft immer einige Linderung fand, zumal er daselbst frei und ganz nach seinem Gefallen leben konnte, so verschlimmerte der Pariser Winter mit seinen rauhen Winden doch stets wieder das Leiden, und mit jedem Jahre machte die Krankheit größere Fortschritte. Der Husten wurde hartnäckiger, und manchen Tag war der Kranke so matt und litt derartig an Luftmangel, daß derselbe, wenn er seine Freunde besuchen wollte, sich an beiden Armen die Treppen hinauf nach deren Wohnungen führen lassen mußte. Die Verschlimmerung seiner physischen Leiden führte endlich auch öftere Trübungen seines Geistes herbei.

Die Compositionen dieser Epoche von 1840 bis Ende 1846 bestehen in den Werken, welche die Zahlen 53 bis 65 tragen. Es sind durchweg schöne Musikstücke. Allein die Schwermuth und eigenartige Gefühlsaufregung, die besonders aus den letzten herausströmt, sowie der Mangel an jener wohlthuenden Klarheit, durch welche sich sonst seine musikalischen Poesien auszeichneten, sprechen laut von dem beklagenswerthen Zustand des kranken Tondichters.

Im Frühjahr 1847 ging George Sand, wie gewöhnlich, von Paris nach Nohant auf ihren Sommersitz. Diesmal konnte Chopin ihr nicht folgen, denn George Sand wollte daselbst ihre Tochter Solange verheirathen, und zu der Hochzeit war die Gegenwart des Barons Dudevant, des geschiedenen Gemahls der berühmten Schriftstellerin, in Nohant nothwendig.

Chopin mußte also in Paris bleiben, und hier verschlimmerte sich nun sein Zustand plötzlich so gewaltig, daß man längere Zeit ernstlich fürchtete, er würde sein Krankenbett bald mit dem Sarge vertauschen. Doch Adolf Gutmann, der aus seinem Lieblingsschüler sein Lieblingsfreund geworden, und mit dem er während der ganzen Jahre fast tagtäglich zusammen war, pflegte ihn mit der größten und aufopferndsten Sorgfalt, welche der Kranke mit rührender Dankbarkeit vergalt. „Ist Gutmann auch nicht müde? Wird es ihn nicht zu sehr anstrengen, daß er noch weiter bei mir wache? Ach, ich möchte ihn nicht so plagen, und doch möchte ich keinen Andern so viel um mich haben, wie ihn“ – in ähnlichen Aeußerungen bewegte sich fast ausschließlich die Rede des zur Schweigsamkeit verurtheilten Kranken. Und Dank dieser unermüdlichen Pflege des treuen Freundes, sowie den Bemühungen des Arztes Dr. Molin gelang es, Chopin endlich zu Anfang des Mai so ziemlich wieder herzustellen.

Gutmann hatte schon lange den Wunsch, ein Bild Chopin's zu besitzen, und der ihm befreundete berühmte Maler Franz Winterhalter wollte das Portrait fertigen, allein Chopin hatte einen instinctiven Widerwillen gegen das Portraitirt-Werden, und so war bisher noch immer nichts aus der Verwirklichung von Gutmann's Wunsch geworden. Jetzt endlich sollte derselbe in Erfüllung gehen. Als nämlich Chopin während der Besserung eines Nachts mit Gutmann traulich plauderte und ihm seine Erkenntlichkeit für die aufopfernde Pflege dankend aussprach, benutzte Gutmann die Gelegenheit, von Chopin das Versprechen zu erhalten, daß er zu einem Portrait sitzen wolle.

Schon am 2. Mai kam Winterhalter zu Chopin und zeichnete das einzige jetzt existirende, direct nach der Natur gefertigte Portrait des lebenden Chopin, welches neben dessen Unterschrift das Datum vom 2. Mai 1847 trägt und noch heute, ebenso wie das einzige nach der Natur gezeichnete Bild des todten Chopin, unter anderen Chopin-Reliquien in Gutmann's Besitz ist. Es ist in einem wohlgelungenen Holzschnitt diesem Artikel beigegeben. Das zweite, direct nach der Natur von Ary Scheffer gemalte, zuletzt in Besitz von Chopin's Schwester, der Frau Isabella Barcinska, befindlich gewesene Portrait des lebenden Chopin ward im September 1863 zu Krakau bei Anlaß der politischen Unruhen vernichtet.

George Sand dankte Gutmann für seine aufopfernde Pflege Chopin's während der eben geschilderten Leidenszeit in einem Briefe aus Nohant vom 12. Mai, welchen ich vor einigen Monaten in meinem Chopin-Artikel in Paul Lindau's „Gegenwart“ (Nr. 28 vom 12. Juli 1879) der Oeffentlichkeit übergab und aus dem klar hervorgeht, daß der vollständige Bruch George Sand's mit Chopin nicht im Anfang des Jahres 1847 vor der Abreise der berühmten Schriftstellerin nach Nohant erfolgt ist, wie bisher überall unrichtig angegeben. Der Bruch zwischen Beiden erfolgte vielmehr weit später, wie ich unten mit Anführung der speciellen Vorgänge erzählen werde.

Im Winter 1847 bis 1848 war Chopin's Gesundheitszustand ein sehr schwankender, aber er konnte doch wenigstens wieder, wenn auch mit Unterbrechungen, gehen und arbeiten.

Am 16. Februar 1848 gab er im Pleyel'schen Saale ein Concert, das erste öffentliche seit dem Februar 1842.

Ein gewählteres Publicum, als er an diesem Tage hatte, konnte sich der Maëstro nicht wünschen. Der Saal war überfüllt, obgleich die Billets zwanzig Franken kosteten, und Beweise der höchsten Verehrung und Bewunderung seiner Genialität wurden ihm zu Theil. George Sand war auch zugegen. Sie saß mit ihrem Sohne Maurice und mit Liszt in einer Fensternische. Chopin fühlte sich selbst tief ergriffen von seinem Concert. Dieser Triumph, der letzte, den er in Paris erlebte, war Balsam auf die Wunde, die ihm das Schicksal an seiner Gesundheit geschlagen. –

Durch die fürchterlichen physischen Leiden geschwächt, war der kranke Chopin im letzten Winter von Tag zu Tag launischer und unverträglicher geworden. Die Freunde, welche George Sand's Haus besuchten, wurden dem Kranken unbequem, und er zeigte sich ihnen so unliebenswürdig wie möglich, was der berühmten Schriftstellerin selbstverständlich nicht gerade angenehm war. Dazu kamen ferner Reibungen zwischen dem Maëstro und der Familie Dudevant aus Anlaß der Verheirathung Solange's, welche nicht in Chopin's Sinne gelegen und sich hernach auch als eine unglückliche herausstellte. Dann war der Sohn, der inzwischen zum Manne herangewachsen, nicht immer mit den Ansichten Chopin's, der noch weiter seinen Vormund, wie früher, spielen wollte, einverstanden. Es fielen pikirte, scharfe Bemerkungen auf beiden Seiten, wobei George Sand auf der einen Seite als Mutter, auf der anderen als Geliebte sich in die peinlichste Lage versetzt sah.

Nachdem sie auf die verschiedenste Art vergeblich versucht hatte, Ruhe und Frieden in ihrem Hause zwischen Chopin und ihren Kindern, ihrem Schwiegersohn sowie den sie besuchenden Freunden wieder herzustellen, wurde sie dieser fortwährend sich wiederholenden häuslichen Gespanntheiten überdrüssig, und eine leicht erklärliche Unzufriedenheit mit dem Urheber derselben stellte sich nach und nach bei ihr ein, zumal derselbe ihr auch schließlich persönlich mit seiner steten Verstimmtheit und seiner der ununterbrochensten Aufwartung bedürfenden Krankheit eine Last wurde. Die Pflege, welche sie früher gern versah, war ihr jetzt nach alle dem eine Arbeit geworden.

Da brach am 24. Februar 1848 die bekannte Revolution aus, welche ganz Paris in Unruhe und Aufruhr versetzte und Viele zur Flucht veranlaßte. Auch George Sand floh mit ihrer Familie aus dem aufständischen Paris nach ihrem stillen Landsitz, ließ aber Chopin in der alarmirten Hauptstadt zurück, da er zur Zeit gerade – in Folge der Anstrengungen bei seinem obenbeschriebenen Pleyel-Concerte – von großen Leiden geplagt, im Bette lag und nicht mitgenommen werden konnte.

Sie war sichtlich froh, auf diese Weise, scheinbar durch die Umstände gezwungen, von ihm loszukommen; denn sie wußte selber recht gut, daß er zu stolz war, um aus freien Stücken, wenn es ihm wieder besser ginge, nachzureisen oder ihr zuerst zu schreiben, ehe sie ihm ihre glückliche Ankunft in Nohant angezeigt und ihn zum Nachfolgen aufgefordert hatte.

George Sand behauptet zwar, sie hätte gleich nach ihrem Eintreffen auf dem Landsitz einen solchen Brief geschrieben. Allein Gutmann zweifelt sehr daran, zumal sie einen anderen gemeinschaftlichen Freund, der in der letzten Zeit zu Paris schon stark ihr Haus frequentirte, mit auf ihr Gut genommen; wenigstens steht das Factum fest, daß der Brief nicht in die Hände des Kranken gelangte. Und so war – da nun von keiner Seite sich Jemand rührte – die Trennung da und der Bruch fertig.

Gutmann glaubt übrigens nicht, daß bei Chopin die Flamme der Liebe für George Sand noch damals groß gewesen. Er meint, das Verhältniß zu der gefeierten Schriftstellerin sei dem Maëstro vielmehr nach und nach blos zur Gewohnheit geworden, wie auch deutlich aus einem Billet hervorgeht, welches Chopin [39] an Gutmann richtete und in welchem die Aeußerung sich findet: „Ich würde gern die Augen zugedrückt haben all dem gegenüber, was ich um mich sehe“ – wie schon gesagt, hatte George Sand bereits ihre Liebe einem Andern zugewandt – „wenn man mir nur erlaubt hätte, mit ihnen zu leben!“

Im April, als es wieder mit seiner Gesundheit etwas leidlich ging, reiste Chopin, dem Paris durch diesen Bruch und durch die politischen Unruhen verleidet war, nach England, wohin ihn viele wohlwollende und liebenswürdige Personen jenseits des Canals auf das Herzlichste eingeladen.

Hier hatten schon lange Chopin's Compositionen die verdiente Popularität erlangt. Es ist daher ganz natürlich, daß der Meister überall, wo er sich zeigte, mit großer Achtung und jener herzlichen Sympathie empfangen wurde, die der schönste Lohn des Dichters und Künstlers ist und die nicht wenig dazu beitrug, ihn sein Leid eine kurze Zeit lang vergessen zu machen. Nachdem er bei der Herzogin von Sutherland der Königin Victoria vorgestellt worden war und bei Hofe gespielt hatte, erhielt er Tag für Tag Einladungen in die ersten Häuser Englands, und überall wurde er mit Ehrenbezeugungen und als erklärter Liebling empfangen.

Jedoch dieser Trubel, die späten Abendgesellschaften und die Unbequemlichkeiten des Salonlebens waren natürlich dem angegriffenen Zustande des Gefeierten nicht zuträglich, weshalb dieser einer Einladung nach Schottland Gehör gab. Aber da kam er von der Skylla in die Charybdis; denn, wie vorauszusehen, wirkte der Aufenthalt in dem dortigen rauhen Klima erst recht nachtheilig auf seine Gesundheit. Die in Schottland herrschenden Nebel, nervösen Menschen besonders schädlich, beeinflußten seine Gemüthsstimmung und erzeugten von Neuem jene wilden Phantasien und Gedanken, die ihn schon früher während seiner Krankheiten gequält hatten.

Anfangs des Jahres 1849 kehrte Chopin nach Paris zurück, wo er bald nach seiner Ankunft einen schweren Verlust erlitt: Dr. Molin, der Arzt, dessen Sorgfalt der leidende Künstler die Verlängerung seines Lebens bei seinen früheren Krankheiten zu verdanken hatte, starb plötzlich.

Von dieser Zeit an ergriff den tiefbetrübten Patienten vollständige Verzweiflung, und seine Krankheit machte rapide Fortschritte. Die Aerzte wünschten, daß er seine ungünstige Wohnung mit einer luftigeren, sonnigeren vertauschen möge. Eine solche fand sich auch; allein leider war dieselbe für die Verhältnisse Chopin's zu theuer, und schon glaubte man, auf ein Miethen derselben verzichten zu müssen, als die Frau des Generals Obreskoff, eine Russin, die in Paris wohnte und eine große Verehrerin des Meisters war, davon erfuhr. Schnell eilte dieselbe zu dem Hauseigenthümer und sagte zu ihm:

„Ihre Wohnung kostet – wie ich gehört habe – vierhundert Franken pro Monat; – bitte, fordern Sie von Chopin nur die Hälfte. Den Rest werde ich Ihnen im Geheimen zahlen, ohne daß natürlich der Componist Etwas davon erfahren darf.“

Und so geschah es auch.

Eine andere Schülerin, die Gräfin Adele von Fürstenstein, welche von der drückenden Lage des Meisters ebenfalls hörte, besuchte den Kranken und legte beim Weggehen eine Rolle Gold auf den Kamin mit dem zarten Bemerken:

„Das ist die Vorausbezahlung für die Stunden, die ich nächsten Winter zu nehmen gedenke.“

Eine dritte Dame, Miß Stirling, wollte auch Etwas für ihn thun, als sie die pecuniäre Verlegenheit ihres Lehrers erfuhr. Allein da sie die delicate Natur Chopin's kannte, war sie um die Art der Ausführung sehr verlegen. Endlich schloß sie, da ihr im Augenblick kein anderes Mittel einfallen wollte, fünfzehn Stück Banknoten zu tausend Franken in ein Couvert und ließ dieses Päckchen anonym durch eine vertraute Hand seiner Pförtnerin überreichen, damit diese es Chopin gebe.

Es verflossen nun einige Tage, aber es trat keine sichtbare Aenderung in den Verhältnissen des Meisters ein, und Miß Stirling war deshalb über das Schicksal ihrer Sendung sehr beunruhigt.

Was war da zu thun?

Zuerst stellte sie die Pförtnerin, welche eine raffinirt dreinschauende Alte war, zur Rede; allein dieselbe wollte alle Briefe, die für Chopin angekommen waren, diesem stets sogleich überliefert haben. Darauf erfand Miß Stirling ein Märchen und erzählte dem kranken Meister, sie habe während seiner englischen Reise für ihn in die Lotterie gesetzt, und auf seine Nummer sei neulich ein Gewinn von fünfzehntausend Franken gefallen, die sie ihm in einem Couvert verschlossen durch seine Pförtnerin gesandt habe. Doch Chopin wußte von nichts. Er hatte ein Couvert mit fünfzehntausend Franken nicht erhalten, und so schien diese Summe für immer verloren.

Ein Proceß gegen die Pförtnerin, der das Geld übergeben war, konnte nicht gut angestrengt werden, da man derselben nicht das Gegentheil ihrer Aussage, sie habe alle angekommenen Briefe stets gleich dem Kranken überbracht, zu beweisen vermochte, zumal recht wohl einer der vielen Fremden, welche täglich bei Chopin vorsprachen, den Brief genommen haben konnte. Im Gegentheil, hätte man die Pförtnerin bei Gericht verdächtigt oder angeklagt, so würde dieselbe ihren Anklägern wahrscheinlich mit einem Verleumdungsproceß geantwortet haben.

Die Miß Stirling hatte nunmehr schon alle Hoffnung auf Wiedererlangung des Geldes aufgegeben; da kam dem kranken Maëstro, der seinen Verdacht gegen die Pförtnerin nicht los werden konnte, ein Gedanke, den er auch sofort ausführte, da er ihm, falls er nicht den gehofften Erfolg hatte, doch nicht weiter nachtheilige Folgen bereiten konnte.

Er sagte nämlich zu der Pförtnerin, als sie ihm eine neue Arznei heraufbrachte:

„Liebe Frau, die Aerzte sind alle zusammen Esel; sie wissen nicht, was mir fehlt. Darum rathen meine Freunde mir, ich solle den Alexis consultiren. Aber Alexis sagt, er könne nichts machen, bevor er nicht Haare von der betreffenden Person habe, über die man seinen Rath wünsche. Bitte, geben Sie mir doch von Ihren Haaren, damit ich Alexis damit anführen kann.“

Dieser Alexis war ein damals beim Volk in hohem Ansehen stehender Wahrsager.

Die Frau lachte verschmitzt über den Einfall Chopin's, entfaltete ihr Haar und schnitt ein Stück davon ab. Kaum aber war der Maëstro im Besitze desselben, da sagte er, Jene scharf fixirend:

„Ah, nun wird man Alles wissen, was Sie thun.“

In demselben Augenblicke bemerkte er einen Schauer von Schrecken bei der Pförtnerin, die nun in ihrer Angst gestand, daß sie das Geld in dem Couvert bemerkt und behalten habe.

Diese Geschichte klingt etwas unglaublich, ist aber dennoch streng wahr, und der Herausgabe jener Summe ist es zuzuschreiben, daß Chopin, bereits todtkrank, sich neu einrichten konnte. Es wurden noch Möbel gebracht, als er schon als Leiche auf der Bahre lag, was für die anwesenden Freunde ein schmerzlicher Anblick war.

Doch greifen wir nicht vor!

Zu Anfang des Octobers wurden Chopin's Verwandte von dem Zustande des Kranken benachrichtigt, und sofort eilte seine älteste Schwester Louise von Warschau nach Paris zu dem geliebten Bruder, begleitet von ihrem Gatten und ihrer Tochter.

Die Stunde der Auflösung ließ nicht lange auf sich warten. Chopin's Schwester Louise und sein treuer Gutmann verließen ihn keine Minute. Die Hand des Letzteren hielt er fast beständig in der seinigen.

Am 15. October – einem Montage – schien sein Zustand bedenklicher als je. Die Sprache hatte schon ihren Klang verloren, aber dennoch versuchte er Denen, die sein Lager umstanden, zuzulächeln, namentlich der Gräfin Delphine Potocka, welche tief ergriffen und unter strömenden Thränen am Fuße seines Bettes stand. Groß, schlank, weißgekleidet, schien sie ihm in ihrer hehren Schönheit eine himmlische Erscheinung zu sein, und als die Schmerzen ihm einen Moment der Ruhe gönnten, bat er sie leise, ihm etwas vorzusingen. Anfangs glaubte man, er phantasire. Allein er wiederholte seine Bitte noch einmal mit ernstem Nachdruck, und so bezwang die Gräfin Potocka ihre Thränen und sang mit glockenreiner, durch das Schluchzen leise vibrirender Stimme die berühmte Hymne an die Jungfrau, welche Stradella das Leben gerettet haben soll. Chopin schien weniger zu leiden, während er ihr zuhörte.

„O, wie schön ist das! Mein Gott, wie schön!“ sagte er leise. „Noch einmal – bitte, noch einmal!“

Die Gräfin, obwohl überwältigt von der schmerzlichsten Aufregung, setzte sich wieder an den Flügel und begann, wie von oben gestärkt, einen Psalm von Marcello. [40] Chopin ward indessen von Secunde zu Secunde schwächer, und alle an seinem Lager Stehenden sanken, von Schreck ergriffen und von einer unwillkürlichen Regung hingerissen, geräuschlos auf die Kniee. In dem Gemache herrschte eine feierliche Stille. Niemand wagte zu sprechen. Nur die wundervolle Stimme von Delphine Potocka tönte wie der Gesang eines Engels, der gekommen schien, um die Seele des edlen Meisters zu den Gefilden des ewigen Lichtes zu tragen.

Am nächsten Morgen verlangte der Scheidende die letzte Oelung, die ihm ein polnischer Priester in Anwesenheit der Prinzessin Adam Czartoriska, der Gräfin Potocka, Miß Stirling etc. gab. Während der Priester das Gebet der Sterbenden las, ruhte Chopin auf Gutmann’s Schulter mit geschlossenen Augen. Als aber das Gebet zu Ende war, öffnete der Sterbende plötzlich seine Lider und sprach mit klarem Blick und lauter deutlicher Stimme das „Amen“.

Dann fiel er wieder in seine Starrheit zurück, bis er Nachts um einen Trunk Wasser bat, den ihm Gutmann reichte. Nachdem der Scheidende seine Lippen damit genetzt hatte, hob er Gutmann’s Hand gegen seinen Mund, küßte dieselbe und hauchte mit den Worten: „Cher ami!“ seine Seele in Gutmann’s Armen aus, als eben die Uhr die dritte Morgenstunde des 17. Oktobers verkündete. Der Schmerz des Freundes war so unbeschreiblich, daß Graf Grzymala genöthigt war, denselben aus dem Zimmer zu bringen.

Das Glas, aus welchem Friedrich Chopin den letzten Trunk genossen, hat Gutmann sorglich aufbewahrt.

Als Chopin auf der Bahre lag, wartete der treue Freund bis zum letzten Augenblicke, um auch die todten Züge des berühmten Meisters von Winterhalter zeichnen zu lassen. Winterhalter befand sich seit Anfang September bei der Königin in Windsor zu Besuch, wurde aber mit jedem Zuge zurückerwartet, da Gutmann ihn gleich nach dem Ableben des gemeinschaftlichen Freundes per Depesche zurückgerufen. Er kam jedoch erst am Begräbnißtage an, nachdem der Sarg bereits geschlossen war, und inzwischen hatte Gräfle, der bekannte Mitarbeiter Winterhalter’s, die Gefälligkeit gehabt, für Gutmann die schöne Zeichnung aufzunehmen, welche, wie oben bemerkt, sich neben dem Winterhalter’schen Portrait des lebenden Chopin im Besitze Gutmann’s befindet.


Blätter und Blüthen.

Ein Bild von Hugo Kauffmann (Seite 25: „Ein Aufschneider in Livrée“). Ein Künstler, welcher, in der Vollkraft des Sechsunddreißigers stehend, in der Reihe unserer Genremaler schon einen der ersten Plätze einnimmt, muß unsere besondere Beachtung für sich in Anspruch nehmen. Ein solcher ist Kauffmann, ein geborener Hamburger, der vor neun Jahren sich in München häuslich niedergelassen hat. Erst Schüler seines Vaters, des namentlich in seinen Winterlandschaften ausgezeichneten Hamburger Malers Hermann Kauffmann, ging er 1861 nach Frankfurt am Main, wo Jak. Becker, Steinle und Zwerger drei Jahre lang seine Lehrer und Muster warm. Dann schlug er zu Kronberg im Taunus sein Standquartier auf und machte von da längere Ausflüge nach Hamburg, Düsseldorf und zuletzt nach Paris, aus dem er 1870 mit allen übrigen Deutschen verjagt wurde.

Mit dem frischen Blick des Humoristen sucht er seine Vorwürfe am liebsten in den unteren Volkskreisen, die der Necklust seines Pinsels den reichsten Stoff darbieten, und da er zugleich Meister in der Zeichnung wie im Colorit ist, so erwerben seine Bilder sich auch immer zahlreiche Freunde. Am bekanntesten sind aus seiner Münchener Zeit (von 1871): „Aufbruch zum Treibjagen“ und „Rückkehr von der Jagd“, „Erzählungen aus dem Kriege“, „Auf der Kegelbahn“, „Bauern beim Kartenspiel“, „Violinspieler in der Theaterschenke“, „Kinder am Bache“ etc.; als sein Hauptbild gilt die 1874 vollendete „Versteigerung“.

Unsere Abbildung giebt eines der jüngsten Kauffmann’schen Gemälde wieder, dessen feine Charakteristik über den Gegenstand nicht in Zweifel läßt. Ein herrschaftlicher Kutscher benutzt die Zeit, während seine Pferde gefüttert werden, um den ländlichen Insassen einer Kneipe die Wichtigkeit seines Berufs und seine Ansichten über den Weltlauf klar zu machen. Die Komik des Bildes liegt darin, daß der Großsprecher nur in den beiden Kindern ein paar gläubige Zuhörer hat; in sämmtlichen, äußerst charakteristischen Gesichtern der übrigen Gesellschaft ist es deutlich ausgedrückt, daß sie ihm auch nicht ein Wort glauben. Die in sich hineinlächelnde Pfiffigkeit ist bei Allen so sicher ausgeprägt, daß es schwer ist, denjenigen zu bestimmen, welcher, wenn das bekannte große Messer von der Decke herabhinge, zuerst an der Schnur ziehen würde.



Noch einmal die Kochapparate. Der im Anschluß an meine Besprechung verbesserter Kochapparate (Nr. 23 der „Gartenlaube“ von 1879) lebhaft empfohlene Wasserkochtopf von Becker in Unna (vergl.Nr. 26) verdiente vollständig das dort ausgesprochene Lob, wie mich die fortgesetzte Prüfung eines solchen, aus der Eisenhütte „Westphalia“ bei Lünne an der Lippe bezogenen Apparates immer mehr überzeugte. Durch das Kochen in einem Doppelgefäße, dessen Inneres durch Wasser von dem Aeußeren getrennt ist, werden die allermeisten Speisen nicht nur wohlschmeckender, sondern sie gewinnen auch an Verdaulichkeit und Nahrhaftigkeit, ganz abgesehen davon, daß allerlei untergeordnete Uebelstände bei Anwendung eines solchen Doppelgefäßes vermieden werden. Leichter verdaulich und daher nahrhafter werden durch solche Zubereitung besonders Milch und Milchspeisen, wo die hautartige Gerinnung des in der Milch enthaltenen Eiweißes und das so schwer vermeidliche Anbrennen mehliger Zusätze wegfällt, sodaß z. B. für die Bereitung von Kindermilch und anderer Kinder- und Krankennahrung der Becker’sche Patenttopf einen großen Vorzug vor gewöhnlichen Kochtöpfen voraus hat.

Nicht geringeres Lob verdient in Betreff der Verdaulichkeit und Nahrhaftigkeit der in demselben bereiteten Speisen Kuntze’s Schnellbrater (zu beziehen durch Weibezahl und Schneider in Dresden). Derselbe besteht aus einem Gefäß mit Doppelboden, dessen Zwischenraum mit dem sehr schlecht wärmeleitenden Asbest gefüllt ist, wodurch, ähnlich wie im Sandbade, das Anbrennen von unten verhindert und die Wärme sehr gleichmäßig im Innern des Gefäßes vertheilt wird. Ein gut schließender Deckel hält die aus den Speisen sich entwickelnden Dämpfe viel kräftiger zurück, als die gewöhnlichen Deckel der Kochgefäße, indem er den mit dem Entweichen der Wasserdämpfe verbundenen großen Wärmeverlust wesentlich vermindert, während durch Zurückhaltung der Riechstoffe die Speisen sehr an Wohlgeschmack gewinnen.

In diesem Gefäße ist sowohl auf dem Herdfeuer, wie auf Petroleum jedes Fleisch ohne Zusatz von Wasser oder Fett in kurzer Zeit saftiger und schmackhafter herzustellen, als im Bratofen oder in offenen Töpfen, und die „Sociale Correspondenz“ nennt Kuntze’s Schnellbrater mit Recht eine Wohlthat für die Arbeiterküche, weil auch ein nicht geübter Koch mit Hülfe dieses Gefäßes kleinere Fleischstücke und geringere Fleischsorten mit sehr wenig Mühe rasch und leicht in ihrem eigenen Saft und Dampf schmoren und braten kann.

Die hierdurch mögliche bessere Ausnutzung und leichtere Herstellung gebratenen Fleisches schätzen wir als Hauptvorzug, aber auch Kartoffeln werden ohne Wasserzusatz, also ohne die Mühe des Abgießens und die Gefahr des Verwässerns, bei dieser Art der Zubereitung rascher gar, mehliger und wohlschmeckender, als beim gewöhnlichen Kochen. Endlich können auch mit dem Fleische zugleich Kartoffeln, Reis, Graupen, Erbsen etc. in denselben Topf gefüllt und mit großer Ersparniß an Zeit, Arbeit, Feuerung in vortreffliche Speisen verwandelt werden. Die Billigkeit dieser Apparate und ihre bequeme Anwendung, die mit Hülfe der mitgegebenen Gebrauchsanweisung ohne alle Schwierigkeit zu erlernen ist, machen ein rascheres Eindringen der Schnellbrater in unsere sonst so conservativen und schwerfälligen Küchen möglich, was wir im Interesse der Volksernährung mit unseren besten Wünschen begleiten.

Dr. Fr. Dornblüth.


Bitte für die Nothleidenden in Oberschlesien.

Wenn unser Hülferuf für die Nothleidenden in Oberschlesien erst heute kommt, so liegt die Ursache für diese Verzögerung theils in der Unsicherheit der vielfach widerspruchsvollen Nachrichten vom Schauplatze des Nothstandes, welche uns ein sicheres Bild von der Lage längere Zeit nicht gewinnen ließen, theils aber auch in der schonenden Rücksicht auf unsere Leser, deren Mildthätigkeit wir erst eben für die Beschädigten von Zwickau in Anspruch genommen hatten und an die wir erst dann auf’s Neue appelliren zu sollen glaubten, wenn die Mittheilungen über die Oberschlesische Calamität festere Umrisse annähmen und in ihren Einzelheiten größere Glaubwürdigkeit gewännen.

Heute stehen wir leider vor der sicher verbürgten Wahrheit, daß die Noth in Oberschlesien eine große und weitgreifende ist.

Wenn demnach auch spät, so kommt doch unsere Bitte nicht zu spät. Eine Noth, welche bei ihrem Beginne schon die arme Bevölkerung mehrerer Kreise, also Tausende von Menschen umfaßte, wird nicht so rasch vollständig gestillt, daß Gaben der Liebe bereits unnöthig geworden sein sollten. Es war beim ersten Auftreten der Kälte, als der Nothstand hier und da schon zu Hülferufen zwang, welche sich heute als durchaus berechtigt erweisen; der furchtbarste Feind der Armuth, der Winter, hat seitdem durch zwei Monate an Strenge und Härte derartig zugenommen, daß selbst die Summen, welche für öffentliche Arbeiten bestimmt wurden, von der darbenden Bevölkerung nicht verdient werden konnten. Wo aber Tausende unserer Mitmenschen, die sogar in den für sie günstigen Zeiten von allen höheren und edleren Genüssen des Menschenlebens ausgeschlossen sind, zu allen gewohnten Entbehrungen auch noch dem Hunger und dem Frost preisgegeben sind, da ist es für Jeden, den das Schicksal weicher gebettet hat, doppelt Pflicht, zu helfen.

Unsere Leser haben noch nie gefehlt, wo werkthätige Liebe eine patriotische Pflicht war; sie werden auch diesmal unsern Opferstock nicht leer stehen lassen. Die Quittirung der Gaben wird stets gewissenhaft erfolgen.
Die Redaction der „Gartenlaube“.



Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Vorlage: „lieber“
  2. Wir geben diese Beobachtungen und Bemerkungen eines schlesischen Augenzeugen, ohne damit die Erörterung der furchtbaren Calamität irgend für erschöpft und das Urtheil darüber für abgeschlossen zu halten. Die bis jetzt veröffentlichten Berichte widersprechen noch mannigfach einander in Betreff der thatsächlichen Angaben. Der preußische Finanzminister hat in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 19. December vier Kreise: Ratibor, Kosel, Rybnik und Pleß als die einzigen bezeichnet, in denen ein wirklich allgemeiner Nothstand herrsche, wogegen er in den Kreisen Lublinitz und Gleiwitz nur ein vereinzelter sei. Die obigen Mittheilungen unseres Berichterstatters schildern aber gerade das Elend des Lublinitzer Bezirks als ein großes und bedrohliches und auch anderweitige Privatberichte neuesten Datums bestätigen dies, indem sie zugleich auf die „Schönfärberei“ der officiösen Blätter hinweisen, namentlich den Gesundheitszustand der Bevölkerung für besser auszugeben, als er sei. Andererseits lauten wieder in Betreff der Hüttendistricte manche Nachrichten weit weniger beruhigend und hoffnungsvoll, als die vorstehenden Angaben.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: dem