Die Gartenlaube (1880)/Heft 21

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1880
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[333]

No. 21.   1880.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Alle Rechte vorbehalten.
Frühlingsboten.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


„Das war zu erwarten, sagte Oswald, als die Thür sich geschlossen hatte. „Weshalb hast Du Deine Vermuthung nicht verschwiegen?“

„Konnte ich denn wissen, daß sie so ungnädig aufgenommen werden würde? Das scheint ja eine förmliche Feindschaft mit diesem Rüstow zu sein. Aber das thut nichts, deshalb gehe ich doch nach Brunneck.“

Oswald ließ plötzlich die Papiere sinken, mit deren Durchblättern er beschäftigt war.

„Du willst doch nicht etwa dem Oberamtsrath einen Besuch machen?“

„Gewiß will ich das! Glaubst Du, ich werde diese reizende Bekanntschaft aufgeben, weil unsere beiderseitigen Advocaten einen Proceß führen, der mir im Grunde höchst gleichgültig ist? Im Gegentheil, ich werde die Gelegenheit benutzen, um mich meiner schönen Gegnerin als Feind und Widersacher vorzustellen. In den nächsten Tagen reite ich hinüber.“

„Der Oberamtsrath wird Dich zur Thür hinauswerfen,“ bemerkte Oswald trocken. „Er ist in der ganzen Gegend bekannt wegen seiner unendlichen Grobheit.“

„Dann bin ich um so höflicher! Dem Vater einer solchen Tochter nehme ich überhaupt gar nichts übel, und schließlich wird auch dieser Bär irgend eine menschliche Seite haben. Sieh doch nicht so finster aus, Oswald! Bist Du etwa eifersüchtig? Dann steht es Dir ja frei, mit mir hinüberzureiten und selbst Dein Glück zu probiren.“

„Verschone mich doch mit solchen Possen!“ sagte Oswald kurz, indem er sich erhob und an das Fenster trat. Es lag in der Bewegung und in dem Tone etwas wie mühsam verhaltene Gereiztheit.

„Meinetwegen! Aber noch Eines!“ Das Gesicht des jungen Grafen wurde plötzlich ernst, während er einen bedenklichen Blick nach der Thür des Nebenzimmers warf. „Halte vorläufig noch zurück mit Deinen Zukunftsplänen! Der Boden ist jetzt nicht günstig dafür. Ich wollte vorbeugen und Dir die unvermeidliche Erklärung erleichtern, es zog aber ein solcher Sturm heran, daß ich es vorzog, meine Mitwissenschaft zu verschweigen.“

„Wozu das? Die Sache muß doch nächstens zwischen mir und der Tante zur Sprache kommen. Ich sehe also nicht ein, wozu ein Aufschub nützen soll.“

„Nun, acht Tage lang wirst Du doch wenigstens noch schweigen können?“ rief Edmund ärgerlich. „Ich habe jetzt ganz andere Dinge im Kopfe und gar keine Lust, wieder fortwährend als Friedensengel zwischen Dir und meiner Mutter zu stehen.“

„Habe ich Dich schon darum ersucht?“ fragte Oswald so herb und abweisend, daß der Graf auffuhr.

„Oswald, das geht zu weit. Ich bin es freilich gewohnt, von Dir stets in dieser Weise zurückgewiesen zu werden, aber ich begreife wirklich nicht, warum ich von Dir allein ertrage, was ich keinem Anderen verzeihen würde.“

„Weil Du in mir den Unterdrückten, den Abhängigen siehst, und Dich zur Großmuth verpflichtet fühlst gegen den – armen Verwandten.“

Es sprach eine so grenzenlose Bitterkeit aus diesen Worten, daß Edmund's Heftigkeit sofort verschwand.

„Du bist gereizt,“ sagte er begütigend, „und mit Recht. Aber weshalb läßt Du mich den gestrigen Vorfall entgelten? Ich trage doch keine Schuld daran. Du weißt, ich kann der Mama nun einmal nicht ernstlich entgegentreten, auch wenn ich entschieden anderer Meinung bin. In diesem Falle aber wird sie nachgeben; denn entweder werden Deine Zimmer morgen wieder neben den meinigen eingerichtet oder – ich ziehe selbst in den Seitenflügel und quartiere mich bei Dir ein, trotz Staub und Fledermäusen.“

Der bittere Ausdruck in Oswald's Zügen verschwand, und seine Stimme klang milder, als er entgegnete:

„Du wärst im Stande dazu. Aber laß das, Edmund! Es kommt wirklich nicht darauf an, wo ich die wenigen Monate meines Hierseins zubringe. Die Erkerwohnung ist sehr ruhig, ganz zum Studium geeignet. Ich bin weit lieber dort, als hier in Eurem Schlosse.“

„In Eurem Schlosse!“ wiederholte Edmund empfindlich. „Als ob es nicht von jeher auch Deine Heimath gewesen wäre! Aber Du suchst förmlich etwas darin, Dich fremd zu uns zu stellen. Oswald, Du trägst auch einen großen Theil der Schuld an dem peinlichen Verhältniß, das zwischen Dir und meiner Mutter besteht. Du hast ihr nie Zuneigung, nie auch nur Fügsamkeit entgegengebracht. Kannst Du Dich denn nicht überwinden?“

„Wo eine blinde Unterwerfung gefordert wird, wenn es sich um meine ganze Zukunft handelt – nein!“

„Nun, dann haben wir nächstens wieder eine Familienscene zu erwarten!“ sagte Edmund mit sichtlicher Verstimmung. „Du willst also durchaus keine Aenderung der Zimmer?“

[334] „Nein.“

„Wie es Dir beliebt! Adieu!“

Er ging nach der Thür, hatte sie aber noch nicht erreicht, als Oswald rasch aus der Fensternische hervortrat und ihm folgte.

„Edmund!“

„Nun?“ fragte dieser, indem er stehen blieb.

„Ich bleibe auf jeden Fall im Seitenflügel, aber – ich danke Dir.“

Der junge Graf lächelte.

„Wirklich? Das klingt ja fast wie Abbitte. Ich glaubte gar nicht, daß Du so warm denken könntest. Oswald –“ er legte plötzlich mit vollster Herzlichkeit den Arm um die Schulter seines Vetters – „ist es wahr, daß Du mich hassest, weil das Schicksal mich zum Majoratserben gemacht hat, weil ich zwischen Dir und der Herrschaft in Ettersberg stehe?“

Oswald sah ihn an. Es war wieder jener seltsame durchdringende Blick, der in den Zügen des jungen Erben irgend etwas zu suchen schien, diesmal aber ging das Forschen unter in einem Strahl warmer, voller Empfindung, die sich durch alles Andere hindurch Bahn brach.

„Nein, Edmund!“ war die feste, ernste Antwort.

„Ich wußte es ja,“ rief Edmund. „Und nun wollen wir die Mißverständnisse ruhen lassen! Was aber unsere Reisebekanntschaft betrifft, so sage ich es Dir voraus, ich werde meine ganze, so oft gerühmte Liebenswürdigkeit zusammennehmen, um in Brunneck Effect zu machen, trotz Deines finsteren Gesichtes und trotz der Ungnade meiner Mutter. Und ich werde Effect machen – verlaß Dich darauf!“

Damit ergriff er den Vetter beim Arm und zog ihn lachend mit sich fort.




Brunneck, das Eigenthum des Oberamtsrath Rüstow, lag nur zwei Stunden von Ettersberg entfernt und war schon seit einer Reihe von Jahren in den Händen seines jetzigen Besitzers. Es war ein bedeutendes, umfangreiches Gut, mit mehreren Vorwerken und ausgedehnten Betriebsanlagen. Der Oberamtsrath galt als Landwirth für eine Autorität ersten Ranges, und da er überdies Besitzer eines der schönsten Rittergüter der Provinz war, so war seine Stellung in der Umgegend eine sehr einflußreiche. Mit der großen Ettersberg’schen Herrschaft konnte sich Brunneck freilich nicht messen, dennoch wurde allgemein behauptet, daß der Reichthum Rüstow’s dem seiner gräflichen Nachbarn nichts nachgebe. Die wirthschaftlichen Anlagen, die er auf seinem Gute geschaffen und mit rastloser Thätigkeit noch immer vermehrte, hatten sich im Laufe der Zeit vorzüglich bewährt und ließen sein Vermögen immer bedeutender anwachsen, während in Ettersberg die Bewirthschaftung fast gänzlich in den Händen der Beamten lag und überhaupt in einer so vornehm sorglosen Weise geführt wurde, daß von einer wirklich nutzbringenden Verwerthung der Güter kaum die Rede sein konnte.

Wie schon erwähnt, waren die beiden Familien mit einander verschwägert, aber diese Beziehung wurde von beiden Seiten mit der gleichen Hartnäckigkeit und Erbitterung ignorirt. In seiner jetzigen Stellung hätte der Oberamtsrath es wohl eher wagen dürfen, um die Hand eines Fräulein von Ettersberg zu werben. Damals freilich, vor mehr als zwanzig Jahren, war der junge Landwirth, der sich in Dornau mit seinem Berufe vertraut machen sollte und dem für die eigene Zukunft nur ein sehr bescheidenes Vermögen zur Seite stand, keine passende Partie für die Tochter des Hauses gewesen, aber die Liebe der jungen Leute fragte nicht nach Vorurtheilen und Hindernissen.

Als man sie mit voller Härte trennte, als alle Bitten, alle Kämpfe sich als nutzlos erwiesen, wußte Rüstow seine Braut, die inzwischen mündig geworden war, zu einem entscheidenden Schritte zu bestimmen. Sie verließ das elterliche Haus und die Trauung fand, zwar wider den Willen des Vaters, aber in aller Form statt. Das junge Paar hoffte wohl, daß, wenn der Schritt einmal unwiderruflich gethan sei, die Verzeihung folgen werde, aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Weder die wiederholten Annäherungs- und Versöhnungsversuche der jungen Frau, noch die Geburt einer Enkelin, noch selbst die Veränderung in den Verhältnissen Rüstow’s, der sich ungemein rasch zu Stellung und Reichthum emporarbeitete, vermochten es, den Zorn des Vaters zu besänftigen. Er stand allzu sehr unter dem Einfluß seiner Verwandten, und diese verabscheuten nun einmal die bürgerliche Heirath und bestärkten ihn immer wieder in seiner Härte.

Frau Rüstow starb, ohne daß eine Versöhnung erfolgt war, und mit ihrem Tode hörte überhaupt jede Möglichkeit dazu auf. Ihr Gatte hatte von jeher die vollste Abneigung gegen eine Familie bekundet, die seinen Stolz und sein Selbstgefühl so tief verletzte. Nur aus Liebe zu seiner Frau hatte er die Versöhnungsversuche überhaupt geduldet und jetzt, wo diese Rücksicht fortfiel, stellte er sich seinem Schwiegervater und dessen ganzer Verwandtschaft mit einer Schroffheit und Feindseligkeit gegenüber, die jede Beziehung ausschloß. Die Folge davon war jenes Testament, das mit vollständiger Uebergehung der Enkelin und ohne ihrer und ihrer Mutter auch nur zu erwähnen, Dornau dem Majoratsbesitze der Familie zusprach. Dieses Testament nun wurde von Rüstow angefochten, der gegen das völlige Ignoriren seiner Ehe protestirte und seine Tochter als rechtmäßige Erbin ihres Großvaters anerkannt wissen wollte. Ganz aussichtslos war dieser Proceß nicht; denn der Verstorbene hatte es unterlassen, die Enterbung ausdrücklich auszusprechen. Er hatte sich damit begnügt, die Enkelin einfach als nicht existirend anzusehen, und demgemäß über sein Vermögen verfügt. Dies und einige Formfehler, die sich noch nachträglich herausstellten, machten das Testament in der That anfechtbar. Jedenfalls war der Ausgang der Sache sehr ungewiß, und die Advocaten der beiden Parteien hatten volle Gelegenheit, ihren Scharfsinn daran zu üben.

Das Herrenhaus von Brunneck war weder so weitläufig noch so imposant, wie das gräfliche Schloß zu Ettersberg, aber das geräumige und alterthümliche Gebäude machte dennoch einen höchst stattlichen Eindruck. In der inneren Einrichtung war zwar jeder Luxus vermieden, aber sie entsprach doch vollständig der Stellung und dem Vermögen des Besitzers.

In dem großen Balkonzimmer, wo sich die Familie gewöhnlich zusammenfand, saß heute eine Dame, mit der Durchsicht einiger Haus- und Wirthschaftsrechnungen beschäftigt. Es war eine ältere Verwandte des Gutsherrn, welche seit dem vor acht Jahren erfolgten Tode seiner Frau dem Haushalte vorstand und bei seiner Tochter Mutterstelle vertrat. Sie beugte sich über die Rechnungen und machte einige Notizen, als die Thür hastig geöffnet wurde und der Oberamtsrath selbst eintrat.

„Ich wollte, der Kukuk holte sämmtliche Processe, Acten und Gerichte, inclusive der Herren Advocaten!“ rief er und ließ die Thür so rücksichtslos hinter sich in’s Schloß fallen, daß seine Cousine zusammenfuhr.

„Aber Erich, wie können Sie mich wieder so erschrecken! Seit dieser unglückselige Proceß begonnen hat, ist gar nicht mehr mit Ihnen auszukommen. Sie haben nichts Anderes mehr im Kopfe. Können Sie den Ausgang denn nicht geduldig abwarten?“

„Geduldig?“ wiederholte Rüstow mit einem bitteren Auflachen. „Ich möchte den sehen, der da nicht die Geduld verliert! Das ist ein ewiges Hin- und Herziehen, ein ewiges Protestiren und Appelliren. Ueber jeden Buchstaben des Testamentes giebt es Erörterungen, Eingaben, Beweisführung, und dabei ist die Geschichte noch genau auf demselben Fleck, wie vor sechs Monaten.“

Damit warf er sich in einen Sessel. Erich Rüstow war ein Mann in den besten Jahren, dem man es ansah, daß er in seiner Jugend schön gewesen sein mußte. Jetzt freilich waren Stirn und Antlitz tief durchfurcht und trugen deutlich die Spuren all der Sorgen und Erfahrungen eines rastlos thätigen Lebens. Aber die Erscheinung war noch immer eine stattliche und wäre auch anziehend gewesen, wenn nicht ein Zug von Ungestüm, der bei jeder Gelegenheit hervorbrach, jenen Eindruck beeinträchtigt hätte.

„Wo ist Hedwig?“ fragte Erich nach einer kurzen Pause.

„Sie ist vor einer Stunde ausgeritten,“ antwortete die Cousine, die ihre Notizen wieder aufgenommen hatte.

„Ausgeritten? Das hatte ich ihr ja für heute verboten. Bei dem plötzlich eingetretenen Thauwetter sind die Wege grundlos, und oben in den Bergen liegt noch tiefer Schnee.“

„Allerdings, aber Sie wissen ja, daß Hedwig gewöhnlich das Gegentheil von dem thut, was sie soll.“

„Ja, das ist merkwürdig; das thut sie,“ sagte der Gutsherr, der das in der That nur merkwürdig zu finden schien, ohne weiter darüber in Zorn zu gerathen.

[335] „Sie haben das Mädchen in einer zu schrankenlosen Freiheit aufwachsen lassen. Wie oft habe ich Sie gebeten, Hedwig nur für einige Jahre einem Institut anzuvertrauen, aber Sie waren ja nie zu bewegen, sich von ihr zu trennen.“

„Weil ich nicht wollte, daß sie mir und ihrer Heimath entfremdet werden sollte. Ich habe ihr hier in Brunneck Lehrer und Gouvernanten genug gehalten, und sie hat ja auch alles Mögliche gelernt.“

„Gewiß, wenigstens versteht sie es ausgezeichnet, Sie und ganz Brunneck zu tyrannisiren.“

„Predigen Sie nicht fortwährend, Lina!“ sagte Rüstow ärgerlich. „Immer finden Sie an Hedwig etwas zu tadeln. Bald ist sie Ihnen zu oberflächlich, bald nicht tief, nicht gefühlvoll genug. Mir ist sie recht so! Ich will ein frisches, lebensfrohes und lebenslustiges Kind haben, keine empfindsame Dame mit 'Gefühlen' und 'Nerven'.“

Bei den letzten Worten fiel ein etwas anzüglicher Blick auf Fräulein Lina, die ebenso anzüglich erwiderte:

„Ich dächte, dergleichen müßte man sich hier in Brunneck abgewöhnen – dafür sorgen Sie schon hinreichend.“

„Ja, Ihre Nerven sind Ihnen in den acht Jahren glücklich abhanden gekommen,“ versetzte Rüstow mit unverkennbarer Genugthuung. „Aber Gefühle haben Sie noch immer. Wie gefühlvoll waren Sie nicht vorgestern, als Hedwig Ihrem Schützlinge, dem Baron Senden, in aller Form einen Korb gab!“

In dem Gesichte des Fräuleins stieg ein leises Roth des Aergers auf, als sie antwortete:

„Nun, dafür war Hedwig um so gefühlloser. Sie lachte über die Werbung, die jedes andere junge Mädchen doch wenigstens ernst gestimmt haben würde. Der arme Senden! Er war in voller Verzweiflung.“

„Er wird sich trösten,“ meinte Rüstow; „denn erstens glaube ich, daß seine Leidenschaft wie seine Verzweiflung mehr meinem Brunneck als meiner Tochter gilt. Ihre Mitgift käme ihm gerade recht, sein tief verschuldetes Gut zu retten. Zweitens war es seine eigene Schuld, daß er sich einen Korb holte; ein Mann muß wissen, woran er ist, ehe er zu einer bestimmter Erklärung schreitet; und drittens hätte ich die Partie überhaupt nicht zugegeben, denn ich will nicht, daß Hedwig in die Aristokratie heirathet. Ich habe Erfahrungen genug gemacht in meiner eigenen Ehe. Von der ganzen vornehmen Gesellschaft, die uns hier in Brunneck mit ihren Besuchen plagt, bekommt Keiner das Mädchen, kein Einziger, sage ich Ihnen. Ich werde ihr schon selbst einen Mann aussuchen, wenn es Zeit ist.“

„Und Sie glauben wirklich, daß Hedwig darauf warten wird?“ fragte das Fräulein mit leisem Spotte. „Bisher ist ihr noch jeder Freier gleichgültig gewesen, wenn sie aber erst eine Neigung hat, so wird sie gar nicht darnach fragen, ob der Bräutigam der Aristokratie angehört oder nicht, ob sie dabei auch mit etwaigen Principien ihres Vaters in Widerspruch geräth – und Sie, Erich, werden sich dem Willen Ihres Lieblings fügen, wie gewöhnlich.“

„Lina, reizen Sie mich nicht!“ fuhr Rüstow auf. „Sie scheinen zu glauben, daß ich meiner Tochter gegenüber überhaupt gar keinen Willen habe.“

Er war aufgesprungen und sah drohend auf seine Cousine herab, aber diese blickte sehr furchtlos zu ihm auf.

„Nein, gar keinen!“ versetzte sie mit der größten Bestimmtheit, nahm ihre Rechnung zusammen und verließ das Zimmer.

Der Gutsherr war außer sich, vielleicht weil er die Wahrheit der Behauptung nicht ganz in Abrede stellen konnte. Er ging heftig im Zimmer auf und nieder und fuhr den Diener an, der mit einer Karte in der Hand eintrat.

„Was giebt es denn? Schon wieder ein Besuch?“ damit nahm er die Karte, hätte sie aber beinahe vor Ueberraschung wieder fallen lassen.

„Edmund Graf von Ettersberg! Was soll das heißen?“

„Der Herr Graf wünscht den Herrn Oberamtsrath persönlich zu sprechen,“ berichtete der Diener.

Rüstow sah wieder auf die Karte; da stand klar und deutlich der Name Ettersberg, und so unerklärlich die Sache auch sein mochte, es blieb doch nichts übrig, als den seltsamen Besuch eintreten zu lassen. Der Diener erhielt die Weisung dazu und gleich darauf erschien der junge Graf und begrüßte den ihm bisher gänzlich fremden Gutsherrn mit einer Unbefangenheit und Sicherheit, als sei dieser Besuch etwas ganz Selbstverständliches.

„Herr Oberamtsrath, Sie gestatten wohl, daß ich persönlich die Bekanntschaft meines Gutsnachbars mache? Ich hätte das längst gethan, aber meine Reisen und Studien haben mich meist von Ettersberg entfernt gehalten. Ich war immer nur auf kurze Zeit dort und bin jetzt erst im Stande, das Versäumte nachzuholen.“

Rüstow war im ersten Augenblick noch so verblüfft über diese Art, die bestehenden Verhältnisse zu ignoriren, daß er vorläufig noch gar nicht zum Aerger kam. Er brummte etwas, was wie eine Aufforderung klang, Platz zu nehmen. Edmund that das ganz zwanglos, und da sein Gegenüber keine Neigung zeigte, die Unterhaltung zu beginnen, so übernahm er selbst diese Mühe und begann von den vorzüglichen wirthschaftlichen Anlagen in Brunneck zu sprechen, die kennen zu lernen längst sein Wunsch gewesen sei.

Rüstow hatte inzwischen seinen Gast vom Kopf bis zu den Füßen gemustert und mußte wohl zu der Ueberzeugung gekommen sein, daß dessen ganze Persönlichkeit mit den vorgeblichen landwirthschaftlichen Interessen sehr wenig übereinstimmte. Er unterbrach daher die Begeisterung Edmund's dafür mit der sehr rücksichtslosen Frage:

„Darf ich fragen, Herr Graf, was mir denn eigentlich die Ehre Ihres Besuches verschafft?“

Edmund sah, daß er seine Taktik ändern mußte. Mit bloßen Höflichkeitsphrasen war hier nicht durchzukommen, die vielgerühmte Grobheit des Oberamtsrathes grollte bereits in der Ferne, aber der junge Graf war vollständig darauf vorbereitet und entschlossen, das Feld zu behaupten.

„Sie scheinen mich in meiner Eigenschaft als Gutsnachbar nicht gelten lassen zu wollen,“ sagte er mit dem liebenswürdigsten Lächeln.

„Sie scheinen ganz zu vergessen, daß wir noch etwas Anderes sind als Nachbarn, nämlich Gegner vor Gericht,“ erwiderte Rüstow, der jetzt anfing, gereizt zu werden.

Edmund betrachtete angelegentlich die Reitpeitsche, die er in der Hand hielt.

„Ah, so! Sie meinen den langweiligen Proceß um Dornau?“

„Langweilig? Langwierig wollen Sie wohl sagen. Das scheint er allerdings zu werden. Sie kennen ja doch die Proceßacten so gut wie ich.“

„Nein, die kenne ich nicht,“ gestand Edmund mit der größten Unbefangenheit. „Ich weiß nur, daß es sich um das Testament meines Onkels handelt, das mir Dornau zuspricht und das von Ihnen angefochten wird. Proceßacten? Ja wohl, ich habe auch die Abschriften erhalten, ganze Bände voll, aber angesehen habe ich sie noch nicht.“

„Aber, Herr Graf, Sie führen ja doch den Proceß,“ rief Rüstow, dem diese sorglose Gleichgültigkeit unbegreiflich war.

„Bitte, mein Rechtsanwalt führt ihn,“ protestirte Edmund, „und er meint, ich sei verpflichtet, die Verfügung meines Onkels unter allen Umständen aufrecht zu erhalten. Ich selbst lege gar keinen so großen Werth auf den Besitz von Dornau.“

„Glauben Sie vielleicht, daß ich es thue?“ fragte Rüstow scharf. „Mein Brunneck wiegt sechs solcher Güter auf, und meine Tochter braucht wahrhaftig nach der Erbschaft ihres Großvaters nicht zu fragen.“

„Ja, weshalb streiten wir dann aber eigentlich? Wenn die Sache so steht, dann ließe sich ja wohl ein Vergleich schließen, der beide Theile –“

„Ich will keinen Vergleich,“ fuhr der Oberamtsrath ungestüm auf. „Für mich handelt es sich hier nicht um eine Erbschaft, sondern um ein Princip, und das werde ich durchfechten bis auf's Aeußerste. Wenn mein Schwiegervater die Enterbung ausgesprochen hätte – gut! Wir hatten ihm getrotzt – er hatte das Recht dazu. Ich bestreite es ihm nicht, aber daß er meine Ehe in einer so beleidigenden Weise ignorirte, als ob sie gar nicht rechtmäßig geschlossen wäre, daß er das Kind dieser Ehe nicht als seine Enkelin anerkennen wollte, das ist's, was ich ihm noch im Grabe nicht verzeihe und wogegen ich mein Recht geltend mache. Die Ehe soll existiren, gerade denen gegenüber, die sie ableugnen möchten; meine Tochter soll als legitime und alleinige Erbin ihres Großvaters anerkannt werden, und dann, [336] wenn der Spruch der Gerichte das unumstößlich festgestellt hat, dann mag Dornau meinetwegen zum Teufel oder zum Majoratsbesitz Ihrer Familie gehen!“

„Da bricht die Grobheit durch!“ dachte Graf Edmund, der längst darauf gewartet hatte und den die ganze Sache höchlich amüsirte. Er war mit dem festen Vorsatze gekommen, dem als eine Art von Original bekannten Herrn von Brunneck überhaupt nichts übel zu nehmen. So nahm er denn auch diesen Ausfall von der humoristischen Seite und erwiderte mit der größten Artigkeit:

„Es ist eine sehr schmeichelhafte Zusammenstellung, die Sie da auszusprechen belieben, Herr Oberamtsrath. Daß Dornau zum Teufel geht, dürfte wenig wahrscheinlich sein; ob es an Ettersberg oder an Brunneck fällt, müssen wir abwarten – doch das ist ja Sache der Gerichte. Ich gestehe Ihnen offen, ich bin sehr neugierig, was die Weisheit der Herren Rechtsgelehrten da eigentlich zu Tage fördern wird.“

„Nun, das muß ich sagen, eine solche Auffassung der Sache ist mir noch nicht vorgekommen,“ erklärte Rüstow, ganz starr vor Erstaunen.

„Aber, weshalb denn nicht? Sie verfechten, wie Sie selbst sagen, nur ein Princip; ich vertrete gleichfalls nur die Pietät für den Willen meines Verwandten. Wir sind ganz beneidenswerth objectiv in der Angelegenheit. Also lassen wir in Gottes Namen die Herren Advocaten den Proceß weiter führen! Uns hindert das ja durchaus nicht, freundnachbarlich mit einander zu verkehren.“

Rüstow war eben im Begriff, energisch gegen diesen freundnachbarlichen Verkehr zu protestiren, als die Thür geöffnet wurde und seine Tochter auf der Schwelle erschien. Die junge Dame sah heute in dem dunkeln, enganliegenden Reitkleide mit dem von dem schnellen Ritt leicht gerötheten Antlitz noch viel reizender aus, als neulich in der winterlichen Umhüllung. Das fand auch Graf Edmund, der eiligst aufgesprungen war, viel eiliger, als die bloße Höflichkeit erforderte. Hedwig mochte wohl schon von dem Diener erfahren haben, wer sich bei ihrem Vater befand; denn sie verrieth keine Ueberraschung, als sie die Verneigung des Grafen mit einem halb fremden Gruße erwiderte, aber das muthwillige Aufblitzen ihrer Augen zeigte ihm, daß sie die Begegnung so wenig vergessen hatte, wie er selber. Der Oberamtsrath mußte sich wohl oder übel zu einer Vorstellung herablassen, und die Art, wie er den in seinem Hause so verpönten Namen Ettersberg nannte, verrieth, daß der Träger desselben trotz alledem schon einiges Terrain gewonnen hatte.

„Mein Fräulein,“ wandte sich Edmund zu dem jungen Mädchen, „ich habe erst kürzlich erfahren, wen mir das Schicksal in dem Proceß um Dornau zur Gegnerin gegeben hat. Sie werden daher begreifen, daß ich mich nun beeile, mich Ihnen in aller Form als Feind und Widersacher vorzustellen.“

„Sie kommen also nach Brunneck, um das feindliche Terrain zu recognosciren?“ fragte Hedwig, sofort auf den übermüthigen Ton eingehend.

„Allerdings! Das ist meine Pflicht unter den obwaltenden Umständen. Ihr Herr Vater hat mir bereits diesen Einbruch in das feindliche Lager verziehen. Vielleicht dürfte ich das auch von Ihnen hoffen, obgleich Sie mir neulich so bestimmt Ihren Namen verweigerten.“

„Was ist das?“ fuhr Rüstow dazwischen. „Du kennst den Grafen?“

„Jawohl, Papa,“ sagte Hedwig unbefangen. „Du weißt es ja, daß ich bei der Rückkehr aus der Stadt beinahe mit dem Wagen und dem Anton im Schnee stecken geblieben wäre, und ich habe Dir ja auch von den beiden Herren erzählt, mit deren Hülfe wir endlich hindurch kamen.“

Dem Oberamtsrath schien jetzt ein Licht aufzugehen über die Quelle, aus der die freundnachbarliche Zuneigung seines jungen Gastes stammte. Bisher hatte er sich vergebens den Kopf darüber zerbrochen, aber sehr erfreulich mußte ihm die Entdeckung wohl nicht sein, denn seine Stimme klang ziemlich scharf, als er erwiderte:

„Das war also Graf Ettersberg! Warum hast Du mir denn den Namen verschwiegen?“

Hedwig lachte. „Weil ich Dein Vorurtheil gegen denselben kannte, Papa. Ich glaube, wenn irgend eine Lawine uns getroffen hätte, Du hättest mir nicht einmal verziehen, mit einem 'Ettersberg' zusammen verschüttet zu sein.“

„Lawinen giebt es nicht auf unserer Landstraße,“ grollte Rüstow, dem diese Heiterkeit durchaus nicht gefiel.

„Doch, Herr Oberamtsrath, es war etwas dergleichen in der Thalsenkung niedergegangen,“ mischte sich Edmund ein. „Ich versichere Ihnen, die Sache war äußerst schwierig und gefährlich. Ich schätzte mich glücklich, dem Fräulein meinen Beistand anbieten zu können.“

„Nun, Herr Graf, Sie standen ja größtenteils auf dem Wagentritt,“ spottete Hedwig. „Ihr schweigsamer Begleitet war es, der uns aus der Noth half. Er“ – die Frage kam etwas zögernd heraus – „er ist natürlich nicht mit Ihnen gekommen?“

„Oswald weiß es nicht, daß ich gerade heute nach Brunneck geritten bin,“ gestand Edmund. „Er wird mir jedenfalls Vorwürfe machen, daß ich ihn des Glückes beraubt habe –“

„O, ich bitte, geben Sie sich doch keine Mühe, mir das einzureden!“ unterbrach ihn die junge Dame, indem sie, genau so wie damals am Wagen, das Köpfchen zurückwarf und eine höchst ungnädige Miene annahm. „Ich habe die Artigkeit Ihres Herrn Vetters hinreichend kennen gelernt und trage meinerseits gar kein Verlangen nach einer Erneuerung unserer Bekanntschaft.“

Edmund beachtete nicht die Gereiztheit dieser Worte. Er fand es sehr natürlich, daß man den finstern, ungeselligen Oswald nicht vermißte, wo er, Graf Ettersberg, seine ganze Liebenswürdigkeit entfaltete, und er that dies jetzt in so ausgedehnter Weise, daß sogar Rüstow diesem Zauber unterlag. Zwar sträubte er sich mit allen Kräften dagegen, er strebte, seinen Aerger festzuhalten und durch verschiedene grimmige Bemerkungen das Gespräch wieder in's Feindselige hinüberzuspielen, aber eins gelang ihm so wenig wie das andere; das Wesen und die Persönlichkeit des jungen Grafen nahmen ihn mit jeder Minute mehr gefangen. Dieser setzte augenscheinlich Alles daran, das gegen ihn bestehende Vorurtheil zu brechen. Er war sprühend, hinreißend in der Unterhaltung und unendlich liebenswürdig selbst in seinem Muthwillen. Der feindliche Gutsherr wurde überstürzt, gebändigt, noch ehe er es selbst recht wußte; er vergaß zuletzt vollständig, mit wem er es eigentlich zu thun hatte, und als Edmund endlich aufstand, um zu gehen, da geschah das Unerhörte, daß Rüstow ihn hinausbegleitete und ihm sogar zum Abschied die Hand schüttelte.

Erst als er wieder in das Zimmer trat, kam ihm die Besinnung und damit auch der Aerger zurück, und als er vollends sah, daß Hedwig am Balcon stand und dort den Abschiedsgruß des davonsprengenden jungen Grafen empfing, da brach das Ungewitter los.

„Nun, das übersteigt denn doch alle Begriffe. Solch eine Ueberrumpelung ist mir noch nicht vorgekommen. Da kommt dieser Graf Ettersberg ohne Weiteres angeritten, spielt den Liebenswürdigen, behandelt die ganze Proceßangelegenheit als eine Bagatelle, spricht von Vergleichen, von freundschaftlichem Verkehr, von allem Möglichen – er behext Einen ja förmlich mit dieser Manier, sodaß man gar nicht zu Athem kommt. Aber zum zweiten Male lasse ich mir das nicht gefallen. Wenn er wirklich wieder kommt, so werde ich ihm höflichst melden lassen, daß ich nicht zu Hause bin.“

„Das thust Du nicht, Papa,“ sagte Hedwig, die jetzt neben ihm stand und schmeichelnd den Arm um seinen Hals legte. „Dazu hat er Dir selbst viel zu sehr gefallen.“

„So? Und Dir wohl auch?“ fragte der Vater mit einem sehr kritischen Blicke. „Denkst Du etwa, ich weiß es nicht, was den jungen Herrn nach Brunneck führt? Denkst Du, ich habe den Handkuß nicht gesehen, mit dem er sich von Dir verabschiedete? Aber dergleichen verbitte ich mir ein für alle Mal. Ich will nun einmal mit keinem Ettersberg zu thun haben; ich kenne die Gesellschaft hinreichend. Hochmuth, Selbstsucht, unvernünftiger Starrsinn – das sind die Kennzeichen dieses Geschlechtes; da ist Einer wie der Andere.“

„Das ist nicht wahr, Papa,“ sagte Hedwig mit Entschiedenheit. „Meine Mutter war auch eine Ettersberg, und Du bist mit ihr sehr glücklich gewesen!“

Die Bemerkung war so schlagend, daß Rüstow ganz aus der Fassung gerieth.

„Das – das war eine Ausnahme,“ versetzte er endlich.

[337]
Die Gartenlaube (1880) b 337.jpg

Ein Naturkind.
Nach dem Gemälde von H. Dahl auf Holz übertragen.

[338] „Mir scheint, Graf Edmund ist auch eine Ausnahme,“ erklärte Hedwig in zuversichtlichem Tone.

„So? Scheint Dir das? Du entwickelst ja eine gewaltige Menschenkenntniß mit Deinen achtzehn Jahren,“ rief der Oberamtsrath und begann seiner Tochter eine Rede zu halten, in der die „Principien“ eine große Rolle spielten. Fräulein Hedwig hörte zu, aber mit einer Miene, die deutlich bewies, daß ihr diese „Principien“ höchst gleichgültig seien, und wenn der Vater ihre Gedanken hätte errathen können, so würde er es wahrscheinlich wieder „merkwürdig“ gefunden haben, daß sie sich auch diesmal vornahm, genau das Gegentheil von dem zu thun, was ihr befohlen wurde.

(Fortsetzung folgt.)


Künstliche Diamanten.
Von Carus Sterne.

Wieder ist der rastlos vorwärts schreitenden Chemie die Verwirklichung eines alten Traumes geglückt: man hat den kostbarsten aller Edelsteine, den Diamanten, im chemischen Laboratorium dargestellt! Vor zwei Jahren konnten wir in einem Artikel über „Edelstein-Alchemie“ (1878, Seite 228) den Lesern der „Gartenlaube“ über ein neu entdecktes Verfahren berichten, nach welchem sich Sapphire, Rubine und Smaragde, die nächst ihm werthvollsten Steine, künstlich herstellen lassen. Das waren die Vorläufer, denen um die letzte Jahreswende Gerüchte folgten, daß nun auch dem Diamanten sein Recht geschehen sei. Aber wie es schon so oft dagewesen, diese Gerüchte, welche James Mactear in Glasgow als Denjenigen nannten, dem der große Wurf geglückt sei, erwiesen sich als trügerisch; seine angeblichen Diamanten hielten einer genauen chemischen und mineralogischen Prüfung nicht Stand. Aber die Diamantenfabrication war nun im Flusse; gleich darauf wurde Dr. Marsden in Bristol als Diamanten-Koch ausgerufen, und ehe er noch seine Künste eingestehen oder ableugnen konnte, legte Professor Stokes am Februar dieses Jahres Proben wirklicher, unbezweifelbarer Kunst-Diamanten, welche J. Ballantyne Hannay, ein junger Chemiker in Glasgow, nach einem sehr sinnreichen Verfahren dargestellt hat, der Londoner königlichen Gesellschaft der Wissenschaften vor.

Ehe wir sein Verfahren und den Weg, der ihn zur Entdeckung desselben geführt hat, genauer beschreiben, wird es zweckmäßig sein, einen Blick auf die Vorgeschichte dieser Entdeckung zu werfen. Jeder Schulknabe weiß heute, daß der unbezwingliche, Adamas, wie ihn die Alten mit Recht genannt haben, weil er alle Steine ritzt, ohne von irgend einem derselben angegriffen zu werden, für den Chemiker nichts anderes ist, als – bloße Kohle im dichtesten, krystallisirten Zustande. Und doch ist sein Werth nicht ein blos auf seiner Seltenheit beruhender, lediglich eingebildeter, denn der Diamant besitzt wirklich auch innere Eigenschaften, die ihn an die Spitze aller Edelsteine stellen. Wir hörten eben, daß er der härteste aller Steine sei, und neulich ([[Seite:Die Gartenlaube (1880) 011.jpg|Seite 11 dieses Jahrgangs]) erfuhren wir, daß er unter allen Stoffen am stärksten phosphorescirt, nämlich unter gewissen Bedingungen mit der Helligkeit einer brennenden Kerze. Ebenso lenkt er den Lichtstrahl mit einer stärkeren Kraft, als irgendein anderer Stein, von seinem Wege ab und erzeugt dadurch, indem er die Farbenantheile des weißen Lichtes sondert, das herrlichste Farbengefunkel, welches es geben kann, wenn ein geschickter Schliff dem Lichte zahlreiche Einfallsflächen neben einander verschafft hat.

Außer einigen stark mit Blei oder Thallium – einem durch die Spectralanalyse entdeckten Metalle – versetzten Glasflüssen, aus denen man falsche (Simili-) Brillanten herstellt, zeigen ein so starkes Lichtbrechungsvermögen nur noch einige sehr kohlenstoffreiche organische Substanzen, namentlich viele ätherische Oele, und aus dieser Uebereinstimmung schloß bereits Newton, daß auch der Diamant einen brennbaren Stoff enthalten müsse.

Von dieser Vermuthung ausgehend, veranlaßte der Großherzog Cosimo der Dritte von Toscana im Jahre 1694 durch Hergabe einiger Diamanten die Naturforscher seines Hofes zu Florenz, den unbezwinglichen einmal im Focus eines großen Brennspiegels der Feuerprobe auszusetzen, welche er – nicht bestand. Hier, wo allerdings auch Gold und Silber wie Wachs schmolzen und sich verflüchtigten, bekam der Stein alsbald Risse, erglühte unter Funkensprühen und verschwand. Es war ein fürstlicher Versuch, welchen Kaiser Franz der Erste 1750 in Wien wiederholen ließ. Am leichtesten geht die Verbrennung in einem Behälter mit reinem Sauerstoffgase vor sich, wobei man zugleich das Verbrennungsproduct sammeln kann, und begüterte Chemiker wiederholen dieses historische Experiment jetzt wohl alljährlich in ihren Vorträgen. Als ich vor achtzehn Jahren bei dem berühmten Mitscherlich (gestorben 1863) in Berlin Chemie hörte, ging der zum Feuertode bestimmte Diamant mit den anderen Brillanten des Professors Tags vorher unter einer Glasglocke im Hörsaal herum, und wir wurden aufgefordert, Studienfreunde anderer Disciplinen, die einen sehr seltenen und berühmten Versuch sehen wollten, in den geräumigen Hörsaal mitzubringen. Es war aber nicht viel dabei zu sehen, und die Verbrennung eines Stückchens gewöhnlicher Holzkohle, einer Uhrfeder, eines Schwefel- oder Phosphorstückes in Sauerstoff ist unendlich glanzvoller. Lavoisier, der in der französischen Revolution der Guillotine geopferte Reformator der Chemie, wies nach, daß der Diamant sich bei dieser Verbrennung in dieselbe Luftart verwandelt, die wir beständig ausathmen und welche Champagner und Selterwasser moussirend macht, in den hauptsächlichsten Bestandtheil unseres Schornsteinrauches, in – Kohlensäure. So ergab sich, daß der Diamant aus gemeinem Kohlenstoff besteht; und daß neben ihm kein weiterer wesentlicher Bestandtheil vorhanden ist, hat später der englische Chemiker Humphry Davy dargethan.

Der Kohlenstoff theilt mit manchen anderen Elementarstoffen die Eigenthümlichkeit, in verschiedenen Modificationen aufzutreten. Die ursprünglichst bekannte Form ist diejenige, in welcher er bei unvollkommener Verbrennung (Verkohlung) der organischen Körper, deren Hauptbestandtheil er bildet, zurückbleibt, weil sich nämlich die anderen Grundbestandtheile derselben leichter und schon bei niedrigerer Temperatur mit Sauerstoff und unter einander zu flüchtigen Verbindungen vereinigen, als er selbst. Auch die Torf-, Braunkohlen- und Steinkohlen-Bildung ist eine solche langsame Verbrennung, deren Product im Allgemeinen um so reicher an reinem Kohlenstoff zu sein pflegt, je älter die Fundschicht und je weiter damit die langsame Verbrennung der organischen Substanz fortgeschritten ist. Ein mehr oder weniger reiner Kohlenstoff einer zweiten Modification findet sich in Gestalt undurchsichtiger bleigrauer, metallglänzender Krystalle oder Schuppen an vielen Orten der Erde; es ist der sogenannte Graphit oder das Reißblei, aus welchem unsere Bleistifte und feuerfesten Tiegel gemacht werden und welcher außerdem in den Künsten und Gewerben vielfache Anwendungen erfährt.

Der Graphit ist von der gewöhnlicher Kohle jedoch wesentlich nicht nur durch seine krystallinische Gestalt, sondern auch in seinen chemischen Eigenschaften verschieden; er ist ein anderer Zustand derselben, wie der rothe Phosphor der schwedischen Zündhölzer ein weniger feuergefährlicher und weniger giftiger Zustand des gewöhnlichen Phosphors ist. Gleichwohl gelingt es nicht nur, gewöhnlichen weißen Phosphor in rothen, sondern auch gewöhnliche Kohle in Graphit umzuwandeln, indem man sie in geschmolzenem Gußeisen auflöst und daraus herauskrystallisiren läßt. Der Ueberschuß scheidet sich beim Erkalten aus dem Gußeisen als Graphit ab und war schon längst als sogenannter Eisenschaum oder Gahrschaum der Hochöfen bekannt. Sollte man nun, so fragten sich die Chemiker seit mehr als einem halben Jahrhundert, nicht den Diamanten ebenso wohl wie seinen rußigen Bruder, künstlich herstellen können? In der That, dieser Gedanke hat nichts Abenteuerliches. Da der Diamant, abgesehen von den zufälligen Beimengungen, die ihn öfters färben oder trüben, nichts als klare, krystallisirte Kohle ist, warum sollte man nicht jede Kohlensorte, wie die Chemiker sagen, „umkrystallisiren“ lassen können? Es handelt sich hier nicht um die Umwandlung des einen Elementes in ein anderes, wie bei der Alchemie oder Goldmacherkunst, sondern einzig darum, einen gegebenen, überall in Masse vorhandenen Stoff zur Krystallisation zu bringen.

Es giebt für dieses Ziel, wie in dem obenerwähnten Artikel [339] über Edelstein-Alchemie eingehender dargelegt wurde, hauptsächlich drei verschiedene Wege. Man versetzt ihn durch Auflösung oder Erhitzung in gelöste, flüssige oder dampfförmige Gestalt und giebt den dadurch beweglicher gemachten kleinsten Theilchen durch langsame Verdunstung des Lösungsmittels oder allmähliche Abkühlung Zeit und Gelegenheit, die diesem Stoffe eigenthümliche Krystallform anzunehmen. Allein außer dem geschmolzenen Eisen, aus welchem der Kohlenstoff als undurchsichtiger Graphit auskrystallisirt, fand man kein Lösungsmittel desselben und noch weniger gelang es, ihn für sich zu schmelzen, geschweige denn, ihn zu verflüchtigen. Eine Zeit hindurch gab man sich der Hoffnung hin, die Kohle durch die gewaltige Gluth des zwischen zwei Kohlenspitzen übergehenden galvanischen Lichtbogens zu schmelzen, und hat thatsächlich in demselben kleinere Schmelzperlen entstehen sehen, welche die Härte des Diamanten besaßen. Sie waren aber schwarz und undurchsichtig, wie die schwarzen Diamanten Brasiliens, welche so wenig selten sind und so niedrig im Preise stehen, daß man sie in der Neuzeit zum Besatze von Steinsägen benützt, mit denen man nicht nur Marmor, sondern auch Granit mit der größten Leichtigkeit schneidet.

Aus dem Verhalten eines in den Gluthbogen einer kräftigen elektrischen Batterie gebrachten Diamanten glaubt man im Gegentheil schließen zu müssen, daß der Diamant in der Natur nicht durch Schmelzung entstanden sein könne. Man sieht ihn nämlich, wenn man durch ein dunkelgefärbtes Glas auf den mit blendendem Lichte glänzenden Stein blickt, sich dabei stark aufblähen und in eine coaksähnliche Kohle verwandeln. Die heimlichen Diamanten-Fabrikanten – denn in der Stille hat so mancher Chemiker an dem Problem gearbeitet – versuchten es nun mit der langsamen Ausscheidung des Kohlenstoffs aus seinen Verbindungen, sei es durch chemische Mittel oder durch den galvanischen Strom, mit dessen Hülfe man bereits manches Element aus seinen Verbindungen zum ersten Male isolirt hatte. Im Besondern wurde eine Zeit lang eifrig mit der eine wasserhelle Flüssigkeit darstellenden Verbindung des Schwefels mit dem Kohlenstoff gearbeitet. Es erwies sich jedoch alle Liebesmühe vergebens; überall, wo man den Kohlenstoff zwang, aus einer Verbindung auszutreten, erschien er als schwarzer, rußiger Geselle, so unähnlich wie möglich dem ersehnten strahlenden Anblick der dritten Modification.

Als nun um die letzte Jahreswende James Mactear in Glasgow wirklich künstliche Diamanten erzeugt zu haben glaubte, welche aber die mannigfachen Proben, denen man sie unterwarf, nicht bestanden, ahnte man wohl nicht, daß ein Landsmann von ihm, J. B. Hannay, in derselben Stadt schon auf einem besseren Wege zur Erreichung dieses ersehnten Zieles sei. Hannay hatte sich kurz vorher in Gemeinschaft mit einem Mitarbeiter, Namens Hogarth, mit einer Untersuchungsreihe beschäftigt, welche die Zusammenpreßbarkeit der Gase betraf, über welche der geneigte Leser ebenfalls im Jahrgang 1878 der „Gartenlaube“ (Seite 80) Näheres findet. Wir wissen, durch die daselbst näher beschriebenen neuen Untersuchungen, daß sich alle Gase durch die vereinte Wirkung von starkem Druck und Kälte in Flüssigkeiten verwandeln lassen. Die Kälte gehört nothwendig mit dazu, und Dr. Andrews in Belfast hat in neuerer Zeit (1869) gezeigt, daß es für jedes Gas einen bestimmten Temperaturgrad giebt, über welchen hinaus es durch keinen Druck mehr in eine Flüssigkeit verwandelt werden kann. Man nennt diesen Grenzpunkt den kritischen Punkt des betreffenden Gases und hat bemerkt, daß alle Gase dicht jenseits desselben durch starken Druck in einen Zustand versetzt werden, der weder derjenige einer wirklichen Flüssigkeit, noch der eines richtigen Gases ist. Man hat vielmehr einen wahren Uebergangszustand zwischen beiden vor sich, aus welchem sie durch leichte Abkühlung in den flüssigen, durch geringe Druckverminderung in den wahren Gaszustand übergehen.

Es bot sich nun wie von selbst die Frage dar, wie sich in zugeschmolzenen Röhren über ihren kritischen Punkt erhitzte Flüssigkeiten verhalten möchten, die feste Körper aufgelöst enthielten. Wird der letztere ausgeschieden werden, wenn die Flüssigkeit in jenen Mittelzustand übergeht?

Die Versuche von Hannay und Hogarth zeigten, daß z. B. eine weingeistige Lösung von Jodkalium, die in einer starken zugeschmolzenen Glasröhre weit über ihren kritischen Punkt erhitzt wurde, diesen salzartigen Stoff keineswegs ausschied; er blieb in dem gasförmig gewordenen Lösungsmittel aufgelöst, wie vorher in der Flüssigkeit. Erst wenn man die Spitze der Glasröhre durchbrach und damit den Druck plötzlich aufhob, schied sich das Iodkalium aus der gasförmigen Lösung aus, und zwar in Gestalt einer Schneewolke aus feinen Krystallen oder eines zarten Rauhreifes, der sich auf den inneren Wandungen der Glasröhre absetzte.

Weitere Versuche zeigten, daß solche überhitzte und zusammengepreßte Gase, ganz wie eine Flüssigkeit, auch nachträglich feste Körper mit Leichtigkeit auflösten, wie denn z. B. Kieselerde, Thonerde, Zinkoxyd und andere in kochendem Wasser schwerlösliche Stoffe von überhitztem und stark zusammengedrücktem Wasserdampf leicht aufgelöst und beim Nachlaß des Druckes zum Theil in krystallinischer Gestalt ausgeschieden wurden. Doch läßt sich mit Wassergas in diesem Zustande schlecht experimentiren, da es auch die Glaswandungen dabei auflöst.

Wahrscheinlich veranlaßten nun Mactear’s angebliche künstliche Diamanten Hannay und Hogarth erst, zu ihren einschlägigen Versuchen zurückzukehren und zu probiren, ob nicht auch Kohle auf diese Weise in Gasen aufgelöst und nachher in krystallinischer Gestalt ausgeschieden werden konnte. Allein – mochten sie nun Graphit, Holzkohle oder feinsten Lampenruß anwenden, es wollte ihnen nicht gelingen, die Kohle trotz der feinsten Zertheilung in irgend einem überhitzten Gase aufzulösen. Sie kamen deshalb darauf, Gase anzuwenden, die den Kohlenstoff in chemischer Verbindung enthalten, und seine Ausscheidung zu bewirken, während sich das Gas in jenem zusammengepreßten Zustande befand, wobei es ja möglich war, daß der Kohlenstoff, wenn auch nicht mehr chemisch gebunden, so doch aufgelöst bleiben konnte, um sich, wie die anderen festen Körper, nachher in krystallinischer Form auszuscheiden. Der Kohlenstoff bildet eine Menge flüchtiger Verbindungen mit Wasserstoff, zu denen beispielsweise unser Petroleum und Leuchtgas gehören, und man kann denselben in stark erhitzten und verschlossenen Röhren den Wasserstoff durch Metalle entziehen, die, wie Natrium und Magnesium, bei hohen Temperaturen eine starke Verwandtschaft zum Wasserstoff haben. Dieser Versuch wurde in sehr dicken flintenlaufartigen Eisenröhren mit anderthalb Zoll starken Wandungen ausgeführt, wobei man Sorge tragen mußte, daß zugleich ein feuerbeständiges Gas vorhanden war, in welchem der ausgeschiedene Kohlenstoff gelöst bleiben konnte. Die feuerbeständigen Verbindungen von Kohlenstoff und Stickstoff (Cyangas etc.) zeigten sich am besten dazu geeignet.

Der Versuch gelang nicht gleich ohne Umschweife. Von zehn Stück dieser starken Eisenröhren, die nur einen halben Zoll innerer Weite besaßen, widerstand nur eine dem starken Gasdruck während des Glühens; neun wurden aufgerissen. Aber wenn der Versuch gelang, zeigten sich in der Röhre feine glänzende Splitter von in krystallinischer Gestalt ausgeschieder Kohle, das heißt von wirklichen Diamanten.

Hannay selbst, und Professor Maskelyne, ein berühmter englischer Mineraloge, sowie andere Naturforscher haben diese Splitter allen möglichen Proben unterworfen, um sich zu vergewissern, ob es wirkliche Diamanten seien. Und sie haben alle diese Proben bestanden. Ihre Härte ist so groß, daß sie Sapphir mit Leichtigkeit ritzen, was eben nur der Diamant vermag. Sie sind, wie der echte Diamant, dreiundeinhalbmal schwerer als Wasser. In dem elektrischen Glühbogen verhalten sie sich ebenfalls ganz wie der natürliche Diamant, und vor dem Löthrohre oder in Sauerstoff verbrennen sie ohne Rückstand und geben soviel Kohlensäure, daß man den Kohlenstoffgehalt, ähnlich wie bei echten Diamanten, auf achtundneunzig Procent berechnen konnte. Die Krystallgestalt betreffend, fand man eine höchst charakteristische Eigenthümlichkeit der natürlichen Diamanten, nämlich, daß sie nicht wie fast alle anderen Krystalle gerade, sondern gewölbte Flächen zeigen, auch an den künstlichen wieder, doch ließ sich wegen der Kleinheit der Fragmente hier wenig Sicheres feststellen. Es scheint fast, als ob man es mit zersprungenen Krystallen zu thun habe; denn nur an wenigen Stücken fand man ausgebildete Flächen oder Ecken, vielleicht war der plötzliche Uebergang von starkem zu geringem Druck oder von hoher zu niedriger Temperatur daran schuld. Eins nur erscheint sicher: das lange angestrebte Problem, Diamanten zu erzeugen, dürfte hiermit gelöst sein.

Ob dieses für die Wissenschaft höchst interessante Ergebniß für das praktische Leben jemals irgend eine Bedeutung gewinnen wird, steht dahin. Vorläufig dürfen Diejenigen, welche einen [340] Theil ihres Ueberflusses in Brillanten angelegt haben, ruhig schlafen; die erwähnten kleinen Partikel werden ihre Schätze nicht entwerthen. Es ist ja nicht undenkbar, daß die Industrie sich des von den Erfindern offen dargelegten Verfahrens mit Erfolg bemächtigen und daß sie als Schmucksteine brauchbare Krystalle erzeugen mag; wahrscheinlich ist es gerade nicht. Auch würde darin kein großer Gewinn für die Gesammtheit liegen; denn mit ihrem Kaufpreise würde auch sofort ihr Ansehen sinken, weil sie dann nicht mehr als sicheres Unterscheidungsmittel der Geldaristokratie gelten könnten.

Viel wichtiger würde es sein, wenn man so große und reine Stücke herstellen könnte, daß sich daraus Gläser für Mikroskope und Fernröhre herstellen ließen, die wahrscheinlich unsere gläsernen Werkzeuge übertreffen würden, doch ist dazu noch weniger Aussicht vorhanden. Eine andere naheliegende Frage ist, ob sich die Diamanten in der Natur unter ähnlichen Verhältnissen gebildet haben möchten, wie die Hannay’schen? Die äußeren Bedingungen dazu, starke Glühprocesse unter gewaltigem Gasdruck, sind gewiß oftmals auf dem jungen Erdball vorhanden gewesen. Es ist für mich selbst überraschend und bezeichnend für die Weise, wie Prophezeiungen zu Stande kommen, daß ich vor ungefähr elf Jahren die Abscheidung des Kohlenstoffs aus seinen Verbindungen durch Metalle bei hohem Gasdruck als den muthmaßlichen Weg bezeichnete, auf dem die Natur Diamanten hervorgebracht haben könnte.

Nicht um irgend welche Prioritätsansprüche zu erheben, sondern einfach der Curiosität halber theile ich die Stelle, welche in einer Berliner Zeitschrift („Das Haus“, 1869, Nr. 25) steht, hier wörtlich mit. Es ist dort davon die Rede, daß das oben beschriebene Verhalten des Diamanten in der Hitze des galvanischen Kohlenlichtes nicht dafür spräche, daß er auf feurigem Wege entstanden sei. Nun heißt es: „Aus diesem Verhalten hatte man alsbald geschlossen, daß die Bildung der Diamanten auf kaltem und nassem Wege vor sich gegangen sein müsse, und Liebig sprach seine Meinung dahin aus, daß vielleicht eine Art Fäulniß oder Zersetzungsproceß aus einer organischen Substanz den Kohlenstoff in krystallinischer Form abgeschieden habe. Ein solcher Abscheidungsproceß hat immerhin für den Chemiker seine Fragezeichen, und man mag eher an die Abscheidung des Kohlenstoffes durch andere Substanzen, vielleicht unter erhöhtem Druck, denken. So scheidet Eisen das Kupfer aus seinen Lösungen ... Vielleicht waren es in der That Eisenverbindungen, welche den Kohlenstoff als Diamant ausschieden; denn er kommt besonders häufig in einem eisenreichen Steinschutt (Caskalho) vor.“

Im Uebrigen braucht die Diamantenbildung in der Natur nicht überall in gleicher Weise vor sich gegangen zu sein – die Natur hat viele Mittel, und es läßt sich nicht leugnen, daß viele Diamanten Eigenschaften darbieten, welche eine allmähliche Bildung auf nassem Wege bis zu einem gewissen Grade wahrscheinlich machen. Manche Stücke zeigen Vertiefungen an der Oberfläche, als ob dieselbe ursprünglich weich gewesen wäre und Eindrücke von runden Sandkörnern oder spitzen Steinen empfangen habe. Aehnliche Vermuthungen erweckt das Studium der Einschlüsse vieler Diamanten. Petzoldt wollte Ueberbleibsel organischer Zellenbildung in einzelnen Stücken gesehen haben, und auch Göppert bemerkte mikroskopische Maschenbildungen, die wenn auch nicht auf organische Zellenbildungen, doch auf ein System regelmäßiger Sprünge hindeuteten, wie sich solche in weichen, langsam eintrocknenden organischen Massen (wie Gummi und Harz) bilden. Lippert nahm vor zwölf Jahren in gewissen Diamanten traubenförmig gehäufte grüne Kügelchen wahr, die auf’s Täuschendste den Zellen gewisser niedriger Pflanzen (Algen) glichen, und manche Naturforscher waren nicht abgeneigt, darin diejenigen Organismen zu erblicken, welche vielleicht die Bildung der Diamanten bewirkt haben könnten. Obwohl diese Vermuthung noch durch die Aehnlichkeit der krummflächigen Diamanten mit gewissen in organischen Flüssigkeiten gebildeten Krystallen, den sogenannten Krystalloiden unterstützt wird, bietet sie doch bei näherer Betrachtung so viele Schwierigkeiten, daß es richtiger ist, unsere völlige Unkenntniß von der Bildung der natürlichen Diamanten einzugestehen. Um so erfreulicher ist der Triumph der Wissenschaft auf diesem Gebiete, sofern er einen neuen, vorher ungeahnten Weg zeigt und beweist – wenn man daran zweifeln könnte – daß die bekannten Naturkräfte ausreichen, um den Diamanten hervorzubringen und seine Bildung zu erklären.




Aus der zoologischen Station in Neapel.
Von Carl Vogt.

„Nun, Antonio, etwas Neues?“ fragt einen wettergebräunten älteren Fischer ein blonder Herr im Arbeitsrocke, der seine Cigarre mit weltmännischem Anstande zwischen den Fingern hält.

„Nicht viel, Doctor Eisig,“ antwortet statt des Fischers, der ein verzweifeltes Gesicht macht und nur mit den Achseln zuckt, ein junger, hochaufgeschossener Mann in hohen Stiefeln, der als Diener eine Schürze vorgebunden hat und mit Pincette und Lupe in dem großen niedrigen Holzbecken herumkramt, in das der Fischer seinen Fang ausgeschüttet hat. „Bei solcher Tramontana wie sie seit einigen Tagen herrscht, ist die Fischerei nicht ergiebig.“

„So gehen Sie einmal nach Amphioxus, Antonio!“ befiehlt Dr. Eisig, „es sind verschiedene Herren da, welche den ‚ehrwürdigen Stammvater‘ haben möchten. Geben Sie ihm sein Geld, Salvatore,“ und Du, wendet er sich zu einem kleine Jungen „rufe Herrn Schmidtlein!“

Der Ort, wo dieses Gespräch stattfindet, ist eine geräumige, durch drei gewaltige Bogenfenster erleuchtete Halle, aus welcher jetzt Fischer und Diener mit Benutzung einer seitlich hinabführenden engen Treppe verschwinden. Die Fenster entlang stehen auf einem breiten Gerüste, das in seinem Innern große, zur Aufbewahrung bestimmte Kisten enthält, die runden, kaum handhohen Becken, in welchen der Fang sortirt wird. An der Hinterwand, dem Sortirungstische gegenüber, befinden sich zwei über einander stehende Reihen von Aquarien, etwa einen Meter hoch und tief, durch welche beständig Ströme von Seewasser hindurchrieseln. Die Thüren an beiden Enden führen in das Arbeitszimmer.

Professor Dohrn, der Gründer und Leiter der Anstalt, hat mir für die kurze Zeit meines Aufenthaltes in zuvorkommendster Weise eines dieser Zimmer, das er selbst zu seinen Arbeiten benutzt, eingeräumt. Ich trete in dem Augenblicke, wo der Fischer abgeht, aus meiner Thür, um zu sehen, was man Neues gebracht haben könne.

Es krabbelt und knistert in dem Sortirbecken. Hunderte von Einsiedlerkrebsen (Pagurus) arbeiten unter einander herum, jeder seine Schneckenschale mit sich schleppend, auf welcher eine schöne, blaßviolette, mit rothen Punkten gezierte Actinie, die Adamsia, sitzt. Ich habe früher in der „Gartenlaube“ (Jahrg. 1876, Nr. 25) von Roscoff her das zarte Freundschaftsverhältniß beschrieben, welches zwischen dem Krebse und der Actinie herrscht – aber während die so gesellten Freunde in Roscoff selten sind, kann man hier täglich Hunderte und aber Hunderte von Exemplaren haben. „Vortreffliches Futter für meine Meeraale, Muränen, Ziegen- und Zahnfische,“ sagt der inzwischen herbeigekommene Herr Schmidtlein, indem er sich über die Paguren beugt. „Michele, mache Dich gleich daran, die Bursche aus den Schale herauszuholen! Sie werden Ihre Freude haben, Professor, zu sehen, wie meine Aale aus ihre Töpfen herausschlüpfen und über die Einsiedler herfallen, sobald man sie in ihr Bassin schüttet. Das knackt förmlich unter ihren Zähnen.“

Die Meeraale (Conger) und die gefleckten Muränen bergen sich in der That in dem großen Aquarium, das dem Publicum geöffnet ist, in Thonurnen und Töpfen, aus denen sie nur die Köpfe hervorstrecken, bis das Futter sie vollständig hervorlockt. Die Töpfe passen so gut zu den Thieren, daß eine das Aquarium besuchende Dame fragte, ob sie von den Fischen selbst gefertigt seien?

Unterdessen sind ein zweiter und dritter Fischer, jeder mit seinem Gehülfen eingetreten. Der Eine hat mit dem feinen Netze an der Oberfläche den pelagischen, schwimmenden Thieren nachgestellt, der Andere auf einer Untiefe (secca) mit dem Schleppnetze den Boden abgekratzt. Salvatore schließt einen Behälter [341] auf und nimmt verschiedene große und kleinere Glasgefäße heraus. „Früher ließen wir unsere Glasgefäße frei stehen,“ sagt Dr. Eisig, „sie verschwanden wie durch Zauberei trotz aller Beaufsichtigung! Intelligent, aber diebisch – ist die Signatur dieses Volkes.“

„Wollen Sie Auftrieb?“ fragt Salvatore, indem er das Wort ausspricht, als werde es mit einem aspirirten H geschrieben. „Oceania in Menge!“ Die kleinen, hutförmigen Quallen mit ihren durchsichtigen Schirmen, ihren weißen Mägen, die in der Mitte des Schirmes aufgehängt sind, und den feinen, langen, zartgefärbten Fühlfäden tummeln sich in dem Glase umher. „Wenn nicht, so erhält sie Professor Metschnikoff.“

„Ach ja,“ sagt dieser, der eben in der Thür erscheint, „ich hoffe, sie führen sich besser auf, als die letzten, welche ich bekam.“

„Wie so, College?“

„Nun ja,“ sagt Metschnikoff, „ich will ja die Entwickelung der Eier studiren, und die letzten legten auch viele – aber sie waren alle nicht befruchtet. Ich glaube, die Kälte –“

„Na ob!“ seufzt Schmidtlein. „Haben Sie gesehen, welche Verheerungen die Kälte unter meinen Ziegenfischen (Balistes capriscus) angerichtet hat? Als Sie kamen, Professor Vogt, hatte ich noch einen ganzen Schwarm, und Sie freuten sich an ihrem lebhaften Wesen. Jetzt sterben sie wie die Fliegen, und in ein paar Tagen werden wir keinen einzigen mehr haben.“

Der Leiter des Aquariums schreitet gebeugten Hauptes der Treppe zu, um sich zu seinen Pfleglingen zu begeben. Er darf sich derselben rühmen. Ich habe die meisten See-Aquarien des Binnenlandes gesehen – keines kann sich, was Reichthum der Formen, Pracht der Farben, Auswahl der Exemplare betrifft, auch nur entfernt mit demjenigen der Station in Neapel messen. Die eigenthümlichen Lebensbedingungen sind einer jeden Art so gut abgelauscht und angepaßt, daß die meisten nicht nur ausdauern, sondern sich auch fortpflanzen und vervielfältigen. Die zartesten Thiere, welche bei der geringsten Berührung leiden und niemals transportirt werden können, sieht man hier fast alltäglich – wenn sie auch nur einige Tage in dem Aquarium leben, so ersetzt der nächste Fang den Verlust. Man kann Stunden und Tage in diesen Räumen verbringen und wird stets etwas Neues sehen und beobachten können. An der Farbenpracht der Becken aber, welche die lebenden Korallen oder Röhrenwürmer beherbergen, würde selbst die Palette eines Makart scheitern.

„Nichts für mich?“ ruft ein magerer, schwarzhaariger Mann, der aus einer Thür neben der meinigen in die Halle tritt. „Doch! Da sind ja einige Feuerwalzen (Pyrosoma)!“

„Geduld, lieber Müller,“ sagt Eisig, „erst wollen wir sie in unsere Gläser übergießen, und dann wollen wir doch sehen, ob nicht Professor Götte von Straßburg welche braucht, um Infusorien darauf zu suchen.“

„Er wird doch nicht gleich ein ganzes Dutzend nöthig haben?“ antwortet Müller, „und die Infusorien werden ebenso gut auf den weniger schönen Exemplaren zu finden sein. Ich annectire also die schönsten Zapfen – es werden immer welche verlangt, von allen Museen; sie leuchten freilich nicht in den Gläsern wie im Meere, aber zeigen muß man sie können, wenn von Leuchtthieren die Rede ist. Da sehe ich auch Phronima.“

„Paul Meyer wollte Junge haben. Sehen wir zu, ob welche in ihrem Tönnchen sind.“

Das so benannte Krebschen könnte auch der Turnerkrebs genannt werden. „Es ist,“ sagt Schmidtlein in seinem trefflichen „Leitfaden für das Aquarium der zoologischen Station in Neapel“, „ein kleines pelagisches Krebschen von glasartiger Durchsichtigkeit, das merkwürdiger Weise in jungen Pyrosomen lebt, welche es zu einer kleinen Tonne ausfrißt und sodann als ambulante Wohnung in Besitz nimmt. Indem es sich mit den vorderen Beinpaaren in der Tonne festklammert, steckt es den Hinterleib aus derselben hervor und schwimmt durch lebhafte Ruderschläge der Schwanzanhänge munter mit seinem Fäßchen umher. Auch als Kinderstube benutzt der kleine Diogenes seine Gallerttonne, indem nicht nur die Eier an der Innenwand derselben befestigt werden, sondern auch die schon ausgeschlüpften Jungen noch geraume Zeit ihren Aufenthalt darin nehmen.“ Das turnt in der That in und mit der Tonne, wie am Reck und Barren – und die Heiterkeit des Vorganges wird noch erhöht durch die überaus seltsame Gestalt des Krebschens mit seinen riesigen Augen, dem pferdeähnlichen Kopfe, den langen Klammerarmen und dem spindeldürren Leibe.

Müller verschwindet mit seiner Beute in sein Zimmer, dessen kleinstes Plätzchen mit Gläsern und Gefäßen aller Art überfüllt ist. Er besorgt die Conservirung der Thiere, welche theils zur Bildung einer typischen Localfauna, theils zum Verkauf an Museen und öffentliche oder Privatsammlungen bestimmt sind. Man staunt über die Fortschritte, welche diese Kunst in den letzten Jahren gemacht hat, wie man allmählich gelernt hat, die glasartige Durchsichtigkeit der pelagischen schwimmenden Seethiere ebenso zu erhalten, wie ihre zarte Farbentöne und die Umrisse ihres ganzen, vom Wasser aufgeschwemmten Körpers. Die zoologische Station wollte die Ausstellung von Fischereigegenständen beschicken, welche soeben in Berlin eröffnet worden ist; ich bin überzeugt, daß neben dem Modell der ganzen Anstalt, den Geräthen und Apparaten, welche der wissenschaftlichen Fischerei dienen, die Sammlung conservirter Seethiere, welche man für die Ausstellung vorbereitete, die Aufmerksamkeit aller Kenner im höchsten Grade fesseln wird.

Die Nachricht, daß manches Brauchbare gefischt worden sei, hat sich wellenartig weiter verbreitet. Dr. Berthold, der Botaniker der Station, sucht in den Kübeln nach Algen und Tangen im Zustande der Fructification; er versichert uns, daß das Mittelmeer, und speciell der Golf von Neapel, weit reicher an interessanten Formen sei, als man nach den bisherigen Forschungen hätte glauben können, und daß namentlich die Taucherei mit dem Scaphander (einer besondern Art von Schwimmkleid) für die Botaniker von unschätzbarem Werthe sei. So viel wir wissen, arbeiten gegenwärtig drei Algologen in der Station; sie erhalten ihr Material und theilen sich brüderlich darein.

„Achtung! Die Meyerei rückt an!“

Die so angekündigte Truppe besteht aus zwei Norddeutschen, die auf dem nördlichen Flügel des Gebäudes ihre Laboratorien haben. Dr. Paul Meyer nimmt die Tönnchen mit Phronima-Eiern in Empfang, die er mit Hülfe eines sinnreichen Apparates ausbrüten will, der die Eier beständig hin- und herschleudern soll, wie dies im Leben von den Krebsmüttern geschieht; er forscht außerdem nach kleinen Ziegenkrebsen (Caprelliden), über welche er eine Monographie ausarbeitet.

Fritz Meyer geht direct auf Professor Metschnikoff los, mit einigen Präparaten bewaffnet.

„Sie erinnern sich des Haliphysema, Herr Professor?“

„Ach ja!“ antwortet Metschnikoff, „es ist ja wohl sehr schwierig.“

„Ich habe die Kieselnadeln mit Flußsäure aufgelöst und nachher den Körper mit Carmin gefärbt; es geht recht gut; wollen Sie die Präparate sehen? Die Kerne sind deutlich. Vorher möchte ich aber noch einige zusammengesetzte Seescheiden (Ascidien) nehmen, vielleicht auch ein kleines Pyrosoma.“

Wir folgen Fritz Meyer in sein Zimmer, wo einige junge Gehülfen an der Arbeit sitzen. Er zeigt uns die mikroskopischen Präparate, mit deren Herstellung er betraut ist und die bald serienweise in den Handel kommen sollen. Die Anfragen um solche Präparate, von denen viele nur am Meeresstrande gefertigt werden können, häuften sich so, daß die Station einen besondern Betriebszweig dafür einrichten mußte.

Wir kehren in die Halle zurück und finden dort unsern Freund, Professor Dohrn, der aufmerksam einen kleinen Wurm betrachtet, welchen ihm Salvatore in einem Uhrglase überreicht hat.

„Ich habe solch Thier noch niemals gesehen,“ sagt Salvatore.

„Ich auch nicht,“ sagt Dohrn. „Was meine Sie, Doctor Lang?“ indem er sich an einen jungen, stämmigen Mann wendet, dessen ganze Figur den Schweizer erkennen läßt; „gehört die Bestie in Ihr Bereich?“

„Hm!“ antwortet dieser, „das Ding scheint einen Rüssel zu haben; sollte es eine Nemertine sein?“

„Woher dann die franzenartigen Falten am Hintertheile?“

„Aber ein Wurm ist es doch.“

„Wurm sagt gar nichts. Ein Ringelwurm? Was halten Sie davon, Eisig? Dann hätten Sie ein Recht darauf.“

„Danke! Ich bearbeite die Borstenwürmer. Das Ding hat keine Borsten.“

„Aber Etwas muß es doch sein.“

[342] Es wird hin und her gerathen und discutirt; fünf Professoren, Dohrn von Neapel, Metschnikoff von Odessa, Götte von Straßburg, Duplessis von Lausanne und Vogt von Genf, lassen das Uhrglas von Hand zu Hand gehen, betrachten das Ding mit der Lupe, schütteln den Kopf; so und so viel Doctoren thun dasselbe. Jeder hat eine andere Meinung; endlich sagt Dohrn:

„Nehmen Sie den Teufelswurm, Lang, zeichnen Sie ihn genau, so lange er lebt, und dann härten und färben Sie ihn und machen Sie Schnitte! Da muß es sich ja wohl zeigen, weß Geistes Kind er ist.“

Aber es zeigte sich nicht, oder vielmehr, es kam schließlich heraus, daß wir Alle durch ein abgerissenes Stück eines Tentakels von irgend einem Wurme gefoppt worden waren, das sich in sich selbst eingestülpt hatte und nun aussah wie ein Wurm, der einen langen Rüssel einziehen und ausstrecken konnte. Die kleine Geschichte giebt uns auf's Neue den Beweis, daß all unser Wissen Stückwerk ist und daß noch für lange Zeiten Stoff genug für Untersuchungen am Meere sich findet, wenngleich einige Weisheitskrämer die Meinung geäußert hatten, die Errichtung einer Station sei schon deshalb unzweckmäßig, weil die Bucht von Neapel in wenig Jahren durch die Menge der dort sich einfindenden Naturforscher so gründlich durchstudirt sein müsse, daß gar nichts mehr für die Nachfolger übrig bleiben werde. Du lieber Himmel! Jede Forschung erzeugt neue Probleme, neue Forschung.

„Na, Petersen, was ist denn schon wieder los?“ fragt Dohrn einen jungen Mann, der eine Nebentreppe herunter eilt.

„Was los ist, Herr Dohrn?“ antwortet dieser in kurzen über einander purzelnden Sätzen; „was los ist? Mit Ihrer Erlaubniß, die Bacterien sind los; die Vibrionen kommen uns über den Hals. Alles stirbt.“

„Nanu! So arg wird es doch nicht sein?“

„Aber doch, Herr Dohrn! Das Wasser wird schon trübe im großen Arbeitssaal, und wenn wir nicht Einhalt thun, kommen die Vibrionen hinunter in das Aquarium.“

„Das wäre doch zu toll. Da müssen Sie sich mit aller Macht entgegenstemmen.“

„Wir werden Alles ausputzen und gleich den Strom absperren. Aber ich muß Hülfe haben.“

„Alle Hände auf Deck, Petersen! Schade um die schönen Colonien von Hydroïd-Polypen und die lustige Gesellschaft von kleinen Mysis-Krebschen, die sich in dem Aquarium des großen Arbeitssaales festgesetzt hatten! Aber, à propos, Petersen, können wir morgen fahren?“

„Mit dem Dampfer? Nein Herr Dohrn, ich brauche die Leute morgen noch zum Putzen und Reinigen. Wir müssen finden, wo sich die Vibrionen entwickeln.“

„Der Professor Vogt möchte gern dabei sein, wenn wir mit dem Scaphander tauchen.“

„Versteht sich! Uebermorgen wird Alles in Ordnung sein. He! Aniello! Michele! Francesco! Wir wollen nach oben gehen.“

Nach kurzer Zeit erscheint Petersen, der Obermaschinist, wieder auf der Bildfläche, freundlich lächelnd.

„Ich glaube, wir haben's. Das Zuflußrohr oben ist zu weit. Es darf keine Luft hineinkommen. Wir machen es enger.“

„Also können wir morgen fahren?“

„Nein, wir müssen morgen Kohlen im Arsenal fassen. Auch geht der Hamburger Dampfer ab –“

Vielleicht hat der Leser durch das Gesagte einen, wenn auch nur schwachen Einblick in das vielfach bewegte Leben gewonnen, das in der Dohrn'schen Station sich entfaltet, und dem trotz der scheinbaren Ungebundenheit eine festgefügte Organisation zu Grunde liegt. Jeder der immerhin zahlreiche Beamten hat sein specielles Departement, seine bestimmte Aufgabe und Verantwortlichkeit; abwechselnd von Woche zu Woche ist Reih' um einer du jour, der das Kommen und Gehen der Diener und Angestellten zu überwachen und zu controlliren hat und Morgens der Erste, Abends der Letzte auf dem Platze sein muß. Jeder hat Rechnungsbücher zu führen, Beobachtungstabellen zu bearbeiten, bestimmte wissenschaftliche Aufgaben durchzuführen, je nach specifischen Talenten und Neigungen. Es herrscht ein angenehmer Ton freier, aber gebildeter Sitte unter diesem aus allen Ländern deutscher Zunge zusammengewürfelten Generalstab der Station; ich bin während vierzehn Tagen beim einfachen Frühstück ihr Tafelgenosse gewesen und habe nur die angenehmsten Erinnerungen davon nach Hause gebracht.

Gar Mancher, der keinen Begriff von den Aufgaben hat, welche die wissenschaftliche Forschung sich heute stellen muß, mag über diesen Generalstab von acht Beamten, denen noch eine doppelt so große Anzahl von untergeordneten Bediensteten zur Seite steht, bedenklich den Kopf geschüttelt haben, und manche Forscher der alten Schule, an Geringfügigkeit der Aushülfe und Mittel gewöhnt, haben ihre Zweifel laut werden lassen. Ich muß offen gestehen, daß ich zum Theil derselben Ansicht war, bis ich mich durch längeres, eingehendes Studium der Verhältnisse vielmehr zu der Ueberzeugung bekehrte, daß das Personal der Anstalt nur mit äußerster Anspannung der Kräfte den Aufgaben genügen kann und weit eher eine Vermehrung, als eine Verminderung des Personals in Aussicht zu nehmen ist.

Es ist leicht, diese Behauptung zu begründen.

Regierungen und Institute haben über zwanzig Arbeitstische gemiethet, zu deren Benutzung sie berechtigte Forscher nach der Anstalt senden. Anfangs April arbeiteten dort, wie mir mein Assistent berichtet, welcher den Schweizer-Tisch einnimmt, 26 Personen. Diesen muß beständig das Material an Thieren und Pflanzen geliefert werden, dessen sie zu ihren Untersuchungen bedürfen. Zwei Segelboote und zwei Ruderboote sind fortwährend mit dieser wissenschaftlichen Fischerei beschäftigt – bald mit dem feinen Netze an der Oberfläche, um pelagische Thiere zu haschen, bald mit Schleppkratzen, Reusen, Netzen und Angelschnüren auf den Untiefen.

Es zeigte sich bald, daß die Kräfte, welche man auf diesen Fahrzeugen entwickeln konnte, zu der so unendlich wichtigen Tieffischerei nicht ausreichten; die Akademie der Wissenschaften in Berlin schenkte einen kleine Dampfer, zu welchem das preußische Unterrichtsministerium einen Beitrag gab – die ganze Flottille, so klein sie ist, bedarf Mannschaft, der Dampfer einen Maschinisten, Leute zur Handhabung der schwere Schleppnetze, der Luftpumpen des Tauchapparates. Außerdem haben sich die Fischer des Golfs daran gewöhnt, in die Station zu bringen, was sie auf dem Markte nicht verwerthen können, und so sind schon die seltensten und schönsten Stücke zur Beobachtung gekommen.

Wie bei der Jagd, spielt bei der Fischerei der Zufall eine bedeutende Rolle. Um ein bestimmtes Thier beschaffen zu können, muß man oft Haufen anderer Thiere in den Kauf nehmen. Ein Beispiel! Dr. Lang, der Bibliothekar der Station, bearbeitet nebenbei für die Fauna des Golfes die Plattwürmer und speciell die Gruppe der Planarien. Diese äußerst delicaten, oft mit den schönsten Farben gezierten Strudelwürmer verkriechen sich so zwischen Algen, in Löchern und Ritzen der Felsen, daß man sie kaum erblicken und auch dann meistens nicht haschen kann, ohne sie zu zerreißen. Man muß die mit hundert und aber hundert Thier- und Pflanzengebilden bewachsenen Grundproben ruhig im Wasser stehen lassen – nach einigen Stunden oder selbst erst nach Tagen kommen die blattartigen Thiere hervor, kriechen oder schwimmen umher. Man hat jetzt Planarien, aber nebenher die schönsten Grundthiere, Korallen, Seesterne, See-Igel, Moosthiere etc. eingefangen. Die letzteren passen nun zwar vielfach für das große, dem Publicum geöffnete Aquarium, das einestheils durch die Besucher eine Einnahmequelle ist, anderntheils einen unversiechbaren Reservefonds für die Forscher bildet, aber dieses Aquarium bedarf eines umsichtigen, kenntnißreichen Leiters, der seinen Pfleglingen mit liebevoller Aufmerksamkeit folgt; es bedarf weiterer Beamten an der Casse, Diener für die Besorgung.

Nicht Alles paßt für das Aquarium. Aber Museen, Unterrichtsanstalten und Private schreien nach wohl conservirten Seethieren, und je eifriger man sich bemüht, diesen Forderungen gerecht zu werden, desto stürmischer wird die Nachfrage. Der Export solcher conservirten Thiere verlangt eine bedeutende Correspondenz und genaue Buchführung – der Leiter dieses Geschäftszweiges, dessen stets fortschreitende Entwickelung gezeigt hat, daß er einem wesentlichen Bedürfnisse entspricht, muß zugleich ein wissenschaftlich gebildeter Mann sein – er hat mit seinen Gehülfen vollauf zu thun.

Die Herstellung mikroskopischer Präparate ist ein ganz bedeutender Industriezweig geworden. Es giebt kaum eine Secundärschule, welche nicht eine Sammlung mikroskopischer Präparate besäße; die Universitäten bedürfen derselben massenhaft. Viele dieser Präparate können nur am Meeresstrande hergestellt oder vorbereitet werden. Man verlangt sie von allen Seiten. Der [343] dafür angestellte Beamte arbeitet in angestrengtester Weise mit mehreren Gehülfen, um den ersten Anforderungen zu genügen.

Der Forscher, welcher in der Station arbeitet, soll dort Alles vorfinden, was ihm zu seiner Arbeit nöthig ist. In keinem andern Laboratorium, so weit ich sie kenne, findet sich eine Bibliothek, welche sich nur im Entferntesten mit derjenigen der Station in Neapel vergleichen ließe. Ein Bibliothekar ist nöthig, sie in Ordnung zu halten. Wenn derselbe heute noch nebenbei zeichnet und wissenschaftlich forscht, so wird dies bald, bei fortschreitender Vermehrung der Bibliothek, kaum mehr möglich sein. –

„Ist das Thier, welches ich eben untersuche, auch wirklich die Art, für die ich es halte?“ Eine oft ungemein schwer zu beantwortende Frage, die sich aber leichter lösen läßt, wenn eine typische Sammlung sämmtlicher im Golfe gefundener Arten existirt, mit welcher ich meinen Fund vergleichen kann. Aber es giebt tausend und abertausend Arten, und der Beamte, der dieselben sammeln und bestimmen soll, schwitzt manchmal Tage lang über Texten und Zeichnungen, bis er die richtige Lösung findet.

„Ich komme, um die Entwickelung des Amphioxus zu studiren,“ sagt ein in den Osterferien eintretender Forscher.

„Thut uns leid, das Thierchen laicht erst im Hochsommer – haben Sie den Katalog der Erscheinungs- und Laichzeiten nicht nachgesehen, den wir veröffentlicht haben und alljährlich vervollständigen? Wenden Sie sich an Herrn Doctor Eisig – er wird Ihnen sagen können, was jetzt vorkommt, laicht, sich fortpflanzt und entwickelt!“

„Kann ich Bonellia bekommen?“ fragt ein Anderer. „Ich möchte gern diesen merkwürdigen Wurm studiren, dessen winzige Männchen als Schmarotzer in den Organen des riesigen Weibchens leben.“

„Sie sollen welche haben bei dem nächsten Ausfluge des Dampfers nach Gaëta, wo das Thier in Menge in Löchern des Uferkalkes lebt; hier in der Nähe ist es zu selten, als daß wir eine bestimmte Zusage machen könnten.“

Es ist klar, daß die Station eine ebenso vollständige Kenntniß der Erscheinungszeiten, der Entwickelungsperioden der Thiere und Pflanzen besitzen muß, wie sie andererseits wissen muß, an welchen Orten, in welcher Tiefenzone dieses oder jenes Wesen zu haben und wie ihm am leichtesten beizukommen ist. Sie muß nach und nach den Golf und seine Bewohner, deren Wechsel und Standorte ebenso genau kennen, wie ein Forstmann sein Revier, um den wissensdurstigen Jägern ihre tägliche Beute zuführen zu können.

Als vor vierzig und mehr Jahren die Forschungen am Meeresufer allgemeiner zu werden begannen und sich von dem elementaren Sammeln und Suchen nach neuen Orten zu tieferen Studien über die Organisation und Entwickelung der Seethiere ausbildeten, da war fast Alles neu, die Mühe geringer, der Erfolg sicherer. Ein Aufenthalt von einigen Wochen während der Ferien gab Ausbeute genug – es bedurfte nur eines Bootes, eines Netzes und eines Mikroskopes, um die kurze Zeit fruchtbringend verwenden zu können. Damals schöpfte man gewissermaßen den Rahm ab. Aber jetzt sind diese von selbst sich bietenden Gegenstände nahezu erschöpft; es bedarf längerer Studien, zeitraubender Präparationen, um die verwickelten Fragen beantworten zu können, welche die Wissenschaft täglich aufwirft. Je mehr die Untersuchung sich vertieft, desto bedeutender werden die Forderungen nach den Hülfsmitteln, deren sie bedarf. Es geht hier so, wie bei allen anderen Forschungszweigen. Das Postament eines einzigen Teleskopes kostet heutzutage mehr, als zu Galilei's Zeiten sämmtliche Sternwarten der Welt in ihrer Gesammtheit, und zur Beobachtung eines so einfachen Phänomens, wie der Durchgang der Venus vor der Sonne, mußten sich alle civilisirten Nationen der Welt verbinden und förmliche Flottenexpeditionen ausrüsten.

So ist denn auch hier aus den Forderungen der Wissenschaft selbst eine großartige internationale Anstalt erwachsen, die in den wenigen Jahren ihres Bestehens ihre Nothwendigkeit schon dadurch documentirt hat, daß eine Menge kleinerer Anstalten entstanden sind, welche ähnliche Zwecke, wenn auch mit geringeren Mitteln und größerer localer Beschränkung fördern. Man kann dies nur mit Freuden begrüßen – aber wenn diese localen Anstalten nützlich und nothwendig sind, so ist damit nicht gesagt, daß die größere Centralanstalt deshalb unnöthig geworden wäre. Die großen Universitäten haben die kleinen nicht entbehrlich gemacht – im Gegentheile – das rege Leben der Glieder führt dem Mittelpunkte und dieser den kleineren Anstalten größere Kräfte zu.

Die zoologische Station in Neapel ist die Gründung eines jungen, energischen, deutschen Forschers, Dr. Anton Dohrn aus Stettin, der sich nicht gescheut hat, ein bedeutendes eigenes Capital von 100,000 Mark darauf zu verwenden, für eine weitere Summe von etwa 75,000 Mark einzustehen und mit größter Uneigennützigkeit seine ganze, wirklich staunenswerthe Thätigkeit dem Unternehmen zu widmen. Die Anstalt, welche jetzt erst seit sechs Jahren eröffnet ist, kämpft noch immer, trotz bedeutender Zuschüsse von Regierungen Instituten, Gesellschaften und Privaten, mit einem stets zunehmenden Deficit. Als Speculation von Seiten eines Privatmannes betrachtet, wäre sie ein absolut hoffnungsloses Unternehmen, das nothwendig zum Ruin führen müßte.

Gar Mancher hat schon eine unglaubliche Energie und seine ganze Existenz an Unternehmungen geknüpft, welche nicht aufrecht erhalten werden konnten. Hätte die zoologische Station in Neapel nicht ihre innere Berechtigung, wäre sie nicht eine unabweisliche Nothwendigkeit für die Wissenschaft, so könnte man den Gründer bedauern, ohne die Verpflichtung zu fühlen, seine Schöpfung über dem Wasser zu erhalten.

Glücklicher Weise ist dem nicht so. Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß die zoologische Station in Neapel gegründet werden müßte, wenn sie nicht schon existirte, und daß sie in diesem Falle immer wieder als internationales Institut in einer ähnlichen oder noch größeren Ausdehnung in's Leben gerufen werden müßte.

Die nationale Arbeit wird immer, in jeder Wissenschaft, die Grundlage und Bedingung des Fortschrittes sein, während die internationale Vereinigung die Krönung des Werkes bildet. Wir haben nicht umsonst in allen Wissenszweigen, neben den nationalen Gesellschaften, die internationalen Versammlungen und Congresse; sie sind eine wesentliche Bedingung des auf gegenseitigem Verständniß beruhenden allgemeinen Fortschrittes. Hier ist, in einer Wissenschaft, welche einerseits im höchsten Grade von der Ausbildung der technischen Methoden, andererseits von dem Kampfe der theoretischen Gesichtspunkte abhängt, eine beständige internationale Vereinigung geschaffen, in welcher keine Lehre dominirt, kein Meister Bedingungen vorschreiben kann. Das ist eine unschätzbare Wohlthat für den Arbeitenden, der durch die unmittelbare persönliche Bekanntschaft aus dem engen Kreise angelernter oder angenommener Anschauungen und Vorurtheile heraustritt.

Es wäre meines Erachtens ein großes Unglück für die Wissenschaft selbst, wenn, durch die Verhältnisse gezwungen, die Station diesen internationalen Charakter abstreifte und eine exclusiv deutsche Anstalt würde. Daß das deutsche Reich und dessen Einzelstaaten in der Anstalt eine vorwiegende Rolle spielen, ergiebt sich schon aus der Nationalität des Gründers und aus der Thatsache des überwiegenden Antheils, welchen die deutsche Wissenschaft an den Forschungen dieser Art nimmt; es ist deshalb auch vollkommen gerechtfertigt, wenn Deutschland den größten Theil der Kosten übernimmt und im Interesse seiner nationalen wissenschaftlichen Arbeit von Reichswegen die Station ebenso gut unterstützt, wie das archäologische Institut in Rom; aber es ist zu hoffen, daß diese Unterstützung, für welche der Reichstag seine Geneigtheit in Folge einer von du Bois-Reymond, Helmholtz und Virchow unterzeichneten Person ausgesprochen hat, den deutschen Forschern auch die Gelegenheit erhalte, mit den Forschern anderer Nationen auf dem neutralen Felde der Wissenschaft zusammenzutreffen.

Das jährliche Budget der Station beträgt an Ausgaben etwa 80,000 Mark, an Einnahmen 42,000 Mark. Dem Vernehmen nach hat das deutsche Reich eine Summe von 30,000 Mark auf dem jährlichen Budget bewilligt, welche das Institut wird flott erhalten können, wenn es auf dem bisherigen Stande verharrt.

Es giebt unter den heute lebenden Naturforschern wohl nur wenige, welche so viele und lange Zeit den Seestudien gewidmet haben, wie ich. Es wäre mein höchster Wunsch in jüngeren Jahren gewesen, eine zoologische Station gründen zu können, und ich habe manchen Plan für eine solche ausgearbeitet. Das thut dem Verdienste Dohrn's, der einen solchen selbstständig verwirklichte, keinen Eintrag. Aber es erlaubt mir doch wohl, als Sachverständiger zu sprechen, und da kann ich sagen, daß ich es für eine kolossale Aufgabe halte, zwanzig bis dreißig Naturforschern, die keine Anfänger, sondern selbstständige Arbeiter sind, [344] ihr tägliches wissenschaftliches Futter zu schaffen, ihnen durch Herstellung einer trefflichen Bibliothek die Möglichkeit zu gewähren, an Ort und Stelle neben der Beobachtung die literarische Arbeit durchzuführen, durch genau bestimmte Sammlungen und Präparate, sowie durch Rath und That sie vor Irrthümern zu wahren und die Materialien zu einer vollständigen Fauna und Flora eines der reichsten Golfe unserer europäischen Meere zu bearbeiten, wie dies eben jetzt in Neapel geschieht.

Unsere Werke müssen für uns zeugen! Während der kurzen Zeit ihres Bestehens von noch nicht sechs Jahren hat die zoologische Station in Neapel das Menschenmögliche geleistet, und diese Leistungen bürgen für die Zukunft. Reiner, selbstloser Drang für die Wissenschaft hat die Anstalt gegründet, und es darf daher wohl der Wunsch ausgesprochen werden, daß ihr auch fernerhin die Mittel zufließen mögen, welche ihr gestatten, zum Besten der Wissenschaft ihre Thätigkeit weiter zu führen.




Der Wiener Naschmarkt.
Eine Plauderei aus der Kaiserstadt an der Donau.
Von Alfred Friedmann.

Von der Elisabeth-Brücke in Wien bietet sich dem Auge ein freundliches Städtebild. Sie überspringt die heute in viel zu weitem Bette schmal hineilende Wien, welche gestern noch mächtig gerauscht und getobt. Acht Statuen schauen von Piedestalen und Balustraden auf dich herab, während du selbst bald auf die gerade Linie, Kärnthnerstraße geheißen, welche von dem mosaikgezierten, in der Sonne glänzenden Dach des Stephans-Thurmes verstellt wird, bald auf die Kuppeln und Siegessäulen der Karls-Kirche blickst. Die goldenen Zierrathe der letzteren leuchten im Frühlingslicht; fernhin auf der Wiedener Hauptstraße stellt sich der rothe Ziegelbau der evangelischen Schule gebietend an die Ecke; die Polytechnik streckt sich lang nach der barocken Kirche hin; dieser gegenüber steigen stolz die gelbe Seitenfaçade der Handelsakademie, das Künstlerhaus im italienischen Renaissancestyl, das farben- und statuengeschmückte Gebäude der Gesellschaft der Musikfreunde herauf. Ein Stück Ring vor der Oper ist zu sehen, und dort tummeln sich Reiter, stieben die Vollblutpferde vor den aristokratischen Karossen dahin und promenirt eine lenzbedürftige, modesüchtige Menge: die elegante Wienerin mit ihrer feinen Taille, ihren kleinen Füßen, plaudernd, lachend, klatschend, der Fürst aus langer Ahnenreihe, der gefeierte Sänger, Maler, Dichter, der mit der deutschen Orthographie in ewigem Kampfe liegende Banquier-Millionär, der Sieger aus Oesterreichs Feld- und Seeschlachten, der erstaunte Bauer vom Lande, die aufgeputzte Familie aus der Leopoldstadt und unbemerkt, unangefochten auch meine Wenigkeit. Aber das kaleidoskopische Vorüberhuschen der Toiletten, Uniformen, Wagen, Reiter mit ihrem confusen Lärm ermüdet. Vor mir geht ein zerlumptes Kinderpaar, ein achtjähriges Mädchen, das ein jüngeres Brüderchen gar liebevoll führt und bewacht, fast so liebevoll, wie es selbst von einem gewitterdrohenden Sicherheitswachmann bewacht wird. Die Kinder schlängeln sich zwischen allerlei Gefahren über die Straße hinüber nach der Elisabeth-Brücke. Das Mädchen trägt einen leeren Korb, und manchmal flüstert es dem Bruder etwas Ermuthigendes zu. Er ist sehr müde, der Kleine. Und hungrig ist er auch. – Ich folge ihnen. Zur rechten Seite am Ende der Brücke umfaßt ein großes, niedriges, altmodisches Gebäude, das gräflich Starhemberg'sche Freihaus, wie ein ungeheuerer, gekrümmter Arm einen mit Buden Holzhäuschen und einer wirr durch einander hastenden Menge bedeckten Platz. Das ist der Wiener Naschmarkt.

Die culturhistorischen Quellen fließen nicht so ergiebig über ihn, wie die unversiechbaren der Näschereien, denen er seinen Namen verdankt. Die vierundzwanzigste Lieferung von „Alt und Neu Wien“ von Moritz Bermann kann uns nur erzählen, „daß dieser Obstmarkt vom Volkswitz mit der prägnanten Bezeichnung 'Naschmarkt' belegt wurde, weil hier nicht nur Obst und alle erdenklichen Lebensmittel, sondern auch Leckereien feilgeboten wurden und es sogar nicht an mobilen Garküchen fehlt.“ Dieser Platz ist von jeher bekannt als auserkorener Sammelplatz der urwüchsigen Wiener Hökerinnen, „Fratschlerinnen“ (so genannt von Ausfragen, Auskundschaften), einer Specialität und Curiosität der Residenzstadt, „welche selbst von hohen Persönlichkeiten aus der Fremde besucht wurde, um die sprüchwörtliche Mundfertigkeit der Obst- und Gemüseverkäuferinnen zu erproben“.

Wer je in früher Morgenstunde durch den riesigen Frucht-, Obst- und Blumengarten von „Coventgarden“ in London gewandelt ist und vor all den überseeischen Erzeugnissen und Naturherrlichkeiten gestaunt, die Körbe voll Bananen, die goldenen Ananashäupter, die Riesenerdbeeren, die Seefrüchte, todte und lebende, bewundert hat, wer eine ähnliche Wanderung durch die Pariser „Centralhallen“ am Ende der „Rue Montmartre“ vorgenommen, ja, wer auch nur die prächtigen neuen, eisernen Wiener Markthallen am Stubenthor besichtigt, dem kann der Naschmackt als Mittelpunkt eines Weltverkehrs freilich nicht mehr imponiren. Der Zug in's Große, der durch unsere Zeit geht, droht nach und nach das Individuelle, Originelle, Volksthümliche ganz auszulöschen; wie die Nationalitäten zur Nation, die vielen kleinen Reiche ein Reich, so werden die kleinen zerstreuten Stadtmärkte ein Markt.

Centralisation ist das Schlagwort des Tages, und wie die Maschine die tödtlichste Concurrenz des Handwerkers, so ist auch die Association, der Verkehr in der Hand einer Actiengesellschaft, der Untergang jener zunftmäßigen, gildenhaften, alterthümlichen und altmodischen „Fratschlerei“.

Der Naschmarkt ist ein solches Ueberbleibsel aus einer Zeit, die nun fernabdonnernd die Thore hinter sich zuwirft. Das neue Wien verschlingt das alte, wie Chronos, die Zeit, ihre Kinder.

Von dem ersten Bäuerlein, das seiner Scholle, seines Gartens Frucht zum kleinen nachbarlichen Marktflecken gebracht, bis zum Coventgarden-Market, bis zur Wiener Markthalle – welch ein riesiger Abstand! Weil wir es aber heute so „herrlich weit gebracht“ haben, sehen wir uns darum nicht doch gern einmal wieder ein Stück aus der guten alten Zeit an? Und das ist der Wiener Naschmarkt. Man muß ihn „halt“ ein wenig mit Kinderaugen betrachten.

Da sind, aufgethürmt wie Billardkugeln in ihrem Dreieck, goldrothe Orangen, und um sie her weht ein Duft wie von den Gärten ihrer Heimath, dem meerumspülten Capri, dem hochgestadigen Sorrent, den Palmenhainen der Riviera und der heißen Sandküste Algiers. Wie Perlen an einem Halsband hängen lange Kränze zuckerstaubiger Feigen von den Querstangen der Buden herab: Früchte aus Smyrna, denen kleine goldige Körner im weichen Inneren glühen. Hier diese Citronen kommen aus Rom. Zwischen dunkelgrünen Zweigen haben sie gehangen; eine dunkeläugige Trasteverinerin lehnte vielleicht mit dem Rücken an dem Stamm, die Arme verschränkt und halb ungläubig lächelnd, halb selig vertrauend zu dem kecken Beppo aufblickend, der weiter nichts zu sagen wußte, als immer und immer: „Ti voglio ben, Ti voglio ben.“

Der Cocosnuß halb offene Schalen zeigen dir ihr blendend weißes Herz. Süße „Krachmandeln“ in ihren rauhen lederartig bezogenen und runenbezeichneten Schalen lagern in geflochtenen Bastkörben. Und jene dunkeln Schoten dort – wer kennt sie nicht aus der schönen Zeit der Jugend her? In Südspanien, Südportugal, am Mittelmeere wächst ein Baum, unserm Apfelbaum nicht unähnlich; in Sicilien bildet er ganze Wälder; seine Frucht hat nach der Sage einst Johannes dem Täufer in der Wüste Nahrung geboten: jetzt stehen die Schulknaben begehrlich vor den braunen, trockenen, süßen Hülsen, die er hergesendet hat, und kaufen sich für ihre paar Naschkreuzer – das Johannisbrod. Was neben ihm goldbraun glänzt, das sind Früchte aus der großen Oase der Mozab, wo die Dattelstämme ragen, von denen der mozabitische Bauer sagt: „das Haupt im Feuer, den Fuß im Wasser – so will's die Nährpalme,“ wie C. von Vincenti so schön in seinen farbengluthigen „Wundergeschichten der Liebe“ zu erzählen weiß. Oder kommen sie aus Valencia, der spanischen Provinz, mit ihren Oasen von 80,000 Dattelstämmen?

Hier bietet ein altes Großmütterchen, den Strickstrumpf, wie fast alle Damen dieser Hallen, in den runzligen Händen,

[345]
Die Gartenlaube (1880) b 345.jpg

Slavische und magyarische Typen auf dem Wiener Naschmarkt.
Originalzeichnung von Albert Richter in Dresden.

[346] ebenso runzlige Lederäpfel, gold-rothe Reinetten und frische Maschansker (Borsdorfer), „drei um zwei Kreuzer,“ aus. Ihr Enkelchen zerschneidet mit dem unteren Ende eines Löffels einen Apfel; es sitzt mitten auf dem Verkaufstische, und ein älterer Knabe schaut seelenvergnügt zu ihm empor und verklagt ihn schelmisch bei der Großmutter: „Mutta, der Peperl ißt wieda alle Aepfel.“ Und es liegen deren Hunderte vor, neben, hinter ihm. – Kolossale weißleinene Regenschirme werden jetzt über die sonnengebräunten Gesichter aufgespannt; denn die Sonne brennt schon gar zu heiß. Die Oelfarbe der weißen Laden mit grünen Streifen beginnt zu schwitzen.

„Warum sind denn die Citronen in Seidenpapier eingewickelt?“ fragt ein naseweiser Kleiner eine Hökerin. „Damit sie sich nicht verkühlen,“ brummt diese ärgerlich. Es sind freilich mehr Megären als Aphroditen, diese Fratschlerinnen. Weiter!

Da giebt's Finken-, Lerchen-, Stieglitzfutter; Canarienvögel, und wieder leere Vogelbauer im Stile der phantastischsten Früh- und Spätrenaissance; todte und „gepflückte“, lebendige gackernde und pickende Hühner, Honig in Waben und in Glastöpfchen, triefende Speckseiten und schneeweiße Sahne, blasse oder auch goldgelbe Butter; Blumenkohl, Rothkraut und Kohlhäupter zu ansehnlichen Pyramiden aufgethürmt; dann Parmesan, Nudeln, Maccaroni, Tausende von Semmeln, Kipfeln, die sich mit dem Pariser „pain riche“ an Wohlgeschmack messen können, rundes, außen honiggelbes Schwarzbrod aus Kornneuburg, kleines Brennholz, Kartoffeln; dazwischen Nürnberger Spielzeug, die Augenweide der Kleinen, welche mit der Hausfrau einkaufen gehen dürfen, Korbwaaren, Besen und Flechtwerk, Pantoffeln aus Zeug und Stroh. Und hier hat auch die Flora ihren Stand erbaut. Hyacinthen, Levkoyen, Azaleen; allerhand Frühlingskinder mit Wurzeln und Erde zum Wiedereinsetzen, Veilchen, Primeln, Knollengewächse, ja sogar schon Rosen bietet die Lenzgöttin. Es folgen Hagebutten in Körben, dann ein Mann, der Glasscherben mit Kitt zusammenheftet und, um die Haltbarkeit seiner Arbeit darzuthun, eiserne Gewichte daran aufhängt. Weiter hinten in der Reihe das schuppige Volk der Flußbewohner, Hechte, Schaiden, Schill; die See ist durch Hummern, Turbot, kleine Garneelen mit langen Fühlhörnern und anderes vertreten. Noch weiter zurück arbeiten die Fleischhauer, zukünftige Rostbraten, „Wiener Schnitzel“ und „Lämmernes“ verkaufend; arme kleine Lämmlein weiß wie Schnee hängen in vollem Ornat, noch mit ihrem Vließe angethan, an grausamen eisernen Haken. Noch tiefer zurück geht der Fruchtvertrieb en gros vor sich. Zahllose Aepfelfässer, mit Bast und Stroh bekleidet, lehnen gegen die Bänke, auf deren Kante dralle Dirnen, unwirsche Mütter und hexenhafte Ahnen sitzen. Aus einer Bude am Freihaus tritt eine reizende Mehlverkäuferin, die Hände in weißen Handschuhen, auf den ursprünglich kohlschwarzen, nun aber à la Pompadour gepuderten Haaren ein Kopftuch wie eine spanische Mantilla, ganz mit Mehl bestäubt, auf die Schwelle; sie sieht ironisch lächelnd in mein Notizbuch und fragt mich:

„Kaufen Sie Mehl?“

Ich wage eine verschämte Antwort. Sie aber erwidert mit schelmischem Lächeln etwas, was ihre Goethe'sche Schwester poetisch so ausdrückt:

„Mit nichten!
Denn wer die schöne Müllerin küßt,
Auf der Stelle verraten ist.
Euer schönes dunkles Kleid
     Thät' mir leid
     So weiß zu färben.“

Ich schlendre weiter und summe mir belustigt eines vor:

„Wenn man sie einmal nur gesehn,
Ach! immer muß man nach ihr gehn.“

Aber da im hintersten Winkel geht's laut her. Eine junge Böhmin hat zwei Landsleute wiedergefunden und erkannt; sie hat Kohl feil, und die Dorfgespielen schleppen Glaswaaren, zerbrechlich wie Glück. Marianka hört mit sichtlichem Gleichmuthe die etwas verlegenen Erkundigungen des in der „Vorsicht“ gründlich geschulten Janko an. Vielleicht, daß die Beiden dereinst ein würdiges Paar abgeben, wenn sie mit „Geld großmächtigem“, das sie beiderseitig verdient, in das Dorf heimkehren. Eine Schaar Gänse und ein paar stolze „Pockerln“ (Truthühner) bilden die in ihrer Kritik sehr laute Zuschauerschaft bei der Scene. Seitwärts bindet schmunzelnd ein Ungar, der, bequem über die Pferde gelagert, selbstbewußt seine Pfeife schmaucht, mit einem Rastelbinder aus der Gegend von Trentschin an. Ein Fremder steht abseits und zeichnet die Gruppe. Es ist ein bekannter Maler, der die Scene verewigt. Wir begrüßen uns.

„Für die 'Gartenlaube'!“ sagt er und zeigt mir seine wohlgelungene Skizze.

„So werde ich versuchen, ihr den Text zu schreiben,“ rufe ich, schon im Fortgehen.

Da schlendern ja auch noch meine beiden armen Kinder, das achtjährige Mädchen mit dem Korbe und das müde Brüderchen, umher!

„Noch nicht müde, Ihr Kinderchen?“ frage ich.

„Ach ja!“ – und das Mädchen erzählt mir auf weitere Fragen die ewig alte traurige Geschichte. Die Eltern heiratheten arm, auf ihren täglichen Verdienst angewiesen. Der Vater wird krank; die Mutter pflegt ihn; er stirbt; sie liegt im Spital mit zwei armen Würmchen. Sie schlagen sich nothdürftig durch, aber die Mutter bleibt siech und schwach. Was wird der morgige Tag, die Zukunft bringen?

„So kommt mit, Ihr Kleinen!“

Ich führe sie nochmals an allen Buden vorbei; Orangen, Fleisch, Butter, Brod und ein paar Guldenzettel wandern in den Korb.

„Nun macht, daß Ihr schleunigst nach Hause kommt! Die Mutter wartet. Da nehmt noch die Eier dazu! Nun aber flugs!“

Das Mädchen will mir die Hand küssen. Ich treibe die Kleinen bis zur Tramway, hebe sie in den Wagen, drücke dem Conducteur das Geld in die Hand und hui – fort sind sie.

Die Verkäuferinnen haben ihre Buden geräumt und geschlossen. Der „Wiener Naschmarkt“ ist leer und ausgestorben. Ueber dem stillen Orte gehen auch goldene Sterne auf und leuchten über eines Zufriedenen Heimweg.




Martha und Maria.
Novelle von Hieronymus Lorm.
(Fortsetzung.)
4.

Peter Michailowitsch Nikitine, der Mann, den die Gräfin Tschatscherin im Briefe an ihren Neffen als einen so vortrefflichen Weltmann und Lebenskenner gerühmt hatte, gehörte einer der ältesten russischen Adelsfamilien an. Fürstliches Blut rollte in seinen Adern.

Er war in der That in dem Sinne, in welchem alte Frauen den Werth des Menschen zu schätzen pflegen, ein vortrefflicher Mann, das heißt: er war praktischen Geistes und wußte mit Geschick und Klugheit Alles zu erreichen, was ihm in seiner politischen Laufbahn oder in geselliger Beziehung wünschenswerth schien. Daß er dabei ohne gründlichen Ernst der Gesinnung, ohne Charakter war, wurde in einem Lande, wo der Firniß Alles ist, kaum bemerkt; daß er die Frauen liebte, vergötterte, jeder Schönheit huldigte und nachstrebte, ohne dabei jemals mit der Seele betheiligt zu sein, ewig auf Genuß und Vergnügen bedacht, wurde ihm von Denjenigen, die nicht selbst darunter zu leiden hatten, nicht nur verziehen, sondern sogar als genial und liebenswürdig angerechnet, ja diese Eigenschaft, statt den Frauen, die darum wußten, eine Warnung zu sein, schien seine kühnsten Unternehmungen noch zu begünstigen.

Er hatte unter den Männern keine wahren Freunde, wie Viele ihm auch schmeichelten, weil sie seinen Einfluß gebrauchen zu können hofften. Er selbst hatte kein Bedürfniß nach Freundschaft – mit einer einzigen Ausnahme. Die Gräfin Tschatscherin war seine Vertraute, und diese alte Frau, die bereits seine Großmutter hätte sein können, war das einzige weibliche Wesen, dem er Wahrheit, Offenheit, innern Respect entgegenbrachte.

Der letzte Wagen rollte aus dem Palast der Gräfin. Die Gesellschaft war nicht sehr zahlreich gewesen; sie hatte sich größtentheils [347] uneingeladen, zufällig zusammengefunden, die Nacht war darum auch noch nicht weit vorgerückt, als die Säle sich leerten.

Nur Nikitine blieb zurück. Solche Momente waren es gerade, in welchen er ihr am willkommensten erschien; denn sein Geplauder half ihr, über die Stunden der Schlaflosigkeit, wie sie das Alter heimsuchen, leichter hinwegzukommen. Sie setzte sich dann in ihrem allerliebsten kleinen Schreibzimmer vor einen Ofenschirm, dessen Oberfläche eine Mosaik von grotesken Zeichnungen, Carricaturen und Bilderrätseln war. Für den Gesellschafter der alten Frau galt es dann, die einschläfernde Wirkung, die das Anstarren und Entziffern dieser bunten Malereien hatte, zu beseitigen oder auch, wenn das nicht gelingen wollte – zu unterstützen.

Die Gräfin vernahm gern die pikante Chronik der Salons aus dem Munde ihres Freundes. Er verstand es, Geschichten zu erzählen, die Niemand gewagt hätte vor ihr Ohr zu bringen, weil nicht leicht sonst Jemand die Form gefunden hätte, in der sie dergleichen vertrug. Er aber lachte in ihrer Gesellschaft wie sonst nirgends, ohne den Zwang, den er überall beobachtete, kindisch, ausgelassen.

„Sie ermuntern mich zu stark, Nikitine,“ sagte die Gräfin, als an diesem Abend wieder einmal sein helles Gelächter scholl; „ich muß Ihre Fröhlichkeit dämpfen: auf welchem Punkt sind Sie gegenwärtig mit Léonide?“

Er wurde sogleich überaus ernsthaft und antwortete:

„Sie ist mein Tod. Ich gebe Ihnen die Versicherung, ich sterbe an ihr.“

„Ich bin nahe daran zu lachen, wie Sie,“ erwiderte die Gräfin; „denken Sie gar nicht daran, junger Mensch, daß ein Schmerz nicht wahr sein kann, der nur in dem Moment wahr ist, in welchem Sie daran erinnert werden, nachdem Sie noch einen Augenblick früher wie ein sorgloses Kind gelacht haben?“

Er schwieg eine volle Minute.

„Und weshalb war Léonide heute Abend nicht hier?“ fragte er endlich, ohne auf die Reflexion der Gräfin weiter einzugehen.

„Ich habe die Fürstin gebeten,“ entgegnete sie, „aber nicht nur, daß sie nicht kommen wollte, sie hat mir auch die Meinen entführt, meinen Neffen und meine Nichten.“

„Ich habe nicht gewußt, Gräfin, daß Sie Nichten besitzen. Wer sind Ihre Nichten? Hat Sergey Iwanowitsch Schwestern?“

„Sie machen sich den Scherz, Nikitine, dies immer wieder zu sagen und zu fragen. Das ist für die Situation wohl ausgedacht; denn es langweilt mich; ich fange an, die Augen zu schließen.“

„Man ermuntert Sie immer wieder, Gräfin, wenn man von Sergey Iwanowitsch spricht. Welche ist Ihre Nichte? Hat er noch immer nicht gewählt?“

„Es ist schwer,“ erwiderte sie, „die reizenden Geschöpfe sind aus dem Grunde Schwestern, um die Wahl zur Qual zu machen.“

„Ich, für meine Person, ich hätte bald entschieden,“ sagte er mit großem Ernste.

„Wahrscheinlich für Beide,“ lachte sie, „es waltet aber in der That ein merkwürdiger Unterschied zwischen den Mädchen. Die Jüngere, Milinka, mein besonderer Liebling, ist voll Gedanken, Schwärmerei, Poesie; sie faßt das Leben ideal auf. Es giebt kein Unglück, keinen Schmerz, woraus sie nicht eine höhere Betrachtung zöge. Darum haßt sie auch die frivole Welt und sehnt sich nach der Einsamkeit ihres väterlichen Hauses.“

„Ein angenehmes Haus,“ scherzte Nikitine, „wo man kein Mäusegift braucht; die armen Thiere sind entflohen, weil sie niemals etwas in Küche und Keller gefunden haben.“

„Es ist nicht mehr so arg; mein Neffe hat ein wenig Ordnung geschafft. Das hat mir der lustige Vater der Mädchen, Towaroff, bevor er auf das Gut zurückkehrte, selbst voll Enthusiasmus erzählt.“

„Und die Aeltere, Gräfin?“

„Matrjona ist froh, in der Welt zu sein; ich glaube, man wird sie nur schwer zurückbringen. Das wäre nichts für Sergey, der ähnlich wie Milinka denkt. Matrjona ist harmlos, heiter und hat einen praktischen Geist. Ich glaube, sie würde sehr gut für Sie passen, mein Lieber. Dabei hat sie die unvergleichliche Gabe, wenn man Aerger und Verdruß hat, praktisch, wie sie ist, die Sachen so geschickt zu wenden, daß sie ganz leidlich werden.“

„Gleichviel! Ueber Aerger und Verdruß hilft der eigene Leichtsinn am besten hinweg. Ich habe mit Ihnen, Gräfin, denselben Liebling: Milinka. Schade nur, daß sie für Weltabgeschiedenheit schwärmt, aber – wer weiß?“

Die Gräfin lachte.

„Und Léonide? Das Bild auf dem Schirm hier zeigt einen Schmetterling mit einem einzigen Flügel; den andern hat er sich verbrannt.“

„Warum rühren Sie immer an die brennende Wunde?“ fragte der junge Mann; „Sie sind grausam, Frau von Tschatscherin. Léonide spielt mit mir; sie hat mich für eine Zeit verbannt; ich darf sie nicht sprechen, auch wenn ich ihr zufällig begegne, bis sie mir ein Zeichen giebt. Haben Sie kein Gefühl für solches Elend?“

Die Gräfin schloß die Augen, statt zu antworten.

„Der Vorhang fällt,“ rief er gleich wieder lachend, „das Stück ist aus. Schlafen Sie wohl!“

Die Gräfin war noch lange nicht schlafbedürftig. Sie hatte den Freund sich entfernen lassen, weil sie ihn bei der Heimkehr der Mädchen von der Fürstin Léonide Romalow nicht mehr anwesend wissen wollte. Jetzt lauschte sie geduldig, ob nicht der Wagen mit den Heimkehrenden in den Thorweg des Palastes rolle.

Die Fürstin Léonide Romalow war eine Französin und noch nicht zwanzig Jahre alt. Schön und voll Sanftmuth, wenn auch nicht gerade lebhaften Geistes, hätte sie ein besseres Loos verdient, als, kaum aus dem Kloster gekommen, in welchem sie erzogen worden war, halb aus Unschuld, halb gezwungen, einen Mann zu heirathen, den sie früher nur zweimal gesehen hatte, und der, wie man es hätte nennen können, heimlich blödsinnig war.

Er handhabte die gebräuchlichen Umgangsformen wie ein Automat und sprach die nöthigen „liebenswürdigen“ Floskeln, die man auch einem Papagei hätte beibringen können, zur rechten Zeit. Uebrigens war er schweigsam und in sich gekehrt, weil total gedankenlos, was ihm einen Anstrich von Trauer oder Blasirtheit verlieh. Dies genügte, um ihn bei seinem regelrechten Benehmen und seiner vornehmen Erscheinung für einen vollendeten Gentleman und selbst für einen interessanten Mann zu halten.

Erst wenn dieses äußere Wesen zufällig durchschaut werde konnte, entdeckte man, daß Fürst Romalow ein Cretin war. In seinem Vaterlande, unter seinen Standesgenossen, war dies ziemlich allgemein bekannt. Darum schickte ihn seine Familie, damit er doch irgend einen Zweck auf Erden erfülle, nach Frankreich, um ihm dort eine Frau zu verschaffen. Man gab ihm einen klugen Begleiter, einen welterfahrenen Hausbeamten auf die Reise mit, und bestochen von dem ungeheueren Reichthum des Fürsten und seine wahre geistige Beschaffenheit nicht ahnend, verstand sich eine hochadelige, durch Revolutionen und Krieg verarmte Familie dazu, ihre schöne Tochter mit ihm zu verbinden.

Léonide, so unerfahren sie war, begann schon bei der Trauung auf seinen Zustand zu schließen. Im Augenblicke, als der Priester vor dem Altar ihr Jawort verlangte, flüsterte ihr der Bräutigam „Nein!“ in's Ohr, aus keinem anderen Grunde, als weil er selbst eben „Ja!“ gesagt hatte und eine Abwechselung habe wollte.

Schon der Umstand, daß in solchem Augenblicke der Braut in's Ohr gesprochen wurde, machte ungeheueres Aufsehen in der Kirche, und der Priester, um es rasch zu beenden, nahm das Stammeln der tödtlich erschreckte Léonide für das verlangte Wort, schon weil er ohnehin nicht vermuthen konnte, daß sie etwas Anderes hätte sagen wollen.

Noch bevor das Paar im Petersburg angelangt war, hatte Léonide vollständige Gewißheit, von welcher Art der Mann war, den man ihr gegeben. Am meisten jedoch erschreckten sie Momente, in denen er ein wenig zu denken, sein Innenleben zu erwachen schien. Die Selbstbesinnung gab sich als Sucht zu tyrannisiren, als kleinliche Bosheit kund.

Vergebens suchte Léonide Anlehnung, Schutz, Vertheidigung bei den Verwandten des Fürsten. Man verübelte ihr jede Klage; der Geisteszustand ihres Mannes sollte sozusagen todtgeschwiegen werden. Verlassen und vereinsamt, entwarf sie in schlaflosen Nächte Pläne, zu entfliehen. Sie hatte in den französischen Colonien Amerikas einen kinderlosen alten Oheim, der sie sehr liebte, sie mit offenen Armen empfangen, ihr ein sicheres, gegen alle Welt vertheidigtes Asyl geboten hätte. Immer deutlicher arbeitete ihre Phantasie an der Ausführung dieses Gedankens.

[348] Da geschah es, daß der hochgestellte und liebenswürdige Cavalier Peter Michailowitsch Nikitine ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Sein Wesen und seine Bildung waren die treuesten Reminiscenzen an ihr Vaterland, die sie bisher in der Fremde gefunden hatte, und erweckten schon dadurch in ihr mächtige Sympathien. Er zeigte sich bald von Leidenschaft für sie ergriffen und säumte nicht lange, sie davon in allen Formen der Aufmerksamkeit und Beredsamkeit zu überzeugen.

Léonide gestand sich, daß sie Nikitine liebe. Was man überall von seinen Beziehungen zu Frauen erzählte, war wohl geeignet, sie einzuschüchtern, und hielt das Bekenntniß ihrer Gefühle ihm gegenüber zurück. Welche Frau aber, die geliebt wird, schmeichelt sich nicht, besonders wenn sie selbst liebt, daß es ihr gelungen sei, ein flatterndes Herz in sicherer Alleinherrschaft endlich festzuhalten?

Dennoch überkamen sie immer wieder Zweifel und Bedenken, wenn sie ihm ein Zeichen der Übereinstimmung mit seinen Empfindungen geben sollte. Bei dem Ernst und der Frömmigkeit ihres Gemüthes fühlte sie, daß sie damit ein Schicksal für ihr ganzes Leben herausfordern würde. Von einer blos frivolen und leichtsinnigen Auffassung solcher Verhältnisse hatte sie keine Ahnung und würde den Gedanken daran mit Abscheu zurückgestoßen haben. Sie war von schlichter, einfacher Denkungsweise und wußte sich unerfahren: sie suchte einen Rath.

Vermählte Frauen sind unerbittlich grausam gegen eine Frau, die nicht in guter Ehe lebt. Immer muß der Gattin die Schuld zufallen. Die Frauen scheinen sich in solchem Falle durch harte Verdammungsurtheile zu entschädigen und zu belohnen für die Entbehrungen, Kämpfe und Entsagungen, denen sie selbst im Leben unterworfen waren. Unter den Frauen der großen Gesellschaft fand Léonide keine, von der sie nicht hätte voraussetzen müssen, daß sie ein Bekenntniß des Unglücks in der Ehe oder gar der Neigung für einen fremden Mann mit unbarmherzigem Spotte aufgenommen hätte.

Die Gräfin Varinka Tschatscherin wäre vielleicht die Einzige gewesen, von der ein weiser Zuspruch erwartet werden konnte. Allein sie war zu offen mit Nikitine befreundet, um ein unparteiisches Urtheil über ihn fällen zu können; außerdem war sie zu alt, um den Ernst und die weithin zielende Gewalt eines Liebessturmes, wie er sich in der Seele der jungen Frau erhoben hatte, ganz zu begreifen.

Als aber nun mit einem Male die Töchter Towaroff’s zu Hausgenossinnen der Gräfin wurden, ging in Léonide die Zuversicht auf, an diesen Mädchen, wie jung sie auch waren, einen Anhaltspunkt zu finden. Sie selbst war ja noch ganz mädchenhaft. Die holde Unverdorbenheit dieser dem Weltleben bisher entfremdet gebliebenen Kinderherzen, der Reiz, den die Verschiedenheiten ihres Charakters wie ihres Äeußern bei gleicher Noblesse der Gesinnung boten, bewirkten, daß Léonide instinctiv Liebe und Zutrauen empfand. Keineswegs war sie sofort entschlossen, ihre verhängnißvolle Situation vor das Forum dieser unschuldigen Herzen zu bringen; allein mit Matrjona und Milinka hatte sie zugleich den Neffen der Gräfin, Sergey, kennen gelernt, und obgleich er Ohr und Auge nur für die Töchter seines Freundes zu haben schien, so leuchtete von seiner Stirn und sprach aus seinen Worten Einsicht und Lebenskenntniß.

So entschied sich Léonide allmählich für den Gedanken, diese drei ihr so schnell werth gewordenen Menschen in das Geheimniß ihrer Lage zu ziehen. Freilich wäre allein Sergey competent gewesen, zu hören und zu urtheilen, allein sie brachte es nicht über sich, in einem tête-à-tête mit einem ihr eigentlich fremden Manne so ernste und zarte Geständnisse über die Lippen zu bringen.

Sie lud einige gleichgültige Personen zum Thee ein und bat insgeheim Sergey und die Mädchen, die sie hinzugezogen hatte, die Anwesenheit der Andern zu überdauern. Als sie mit den Freunden allein geblieben war, erzählte sie ihnen ihren bisherigen Lebensgang. In dem Bericht zu dem Zeitpunkt gekommen, da sie Nikitine kennen gelernt, stockte sie, erröthete, aber ihre Miene drückte mehr noch die bitterste Verzweiflung, als mädchenhafte Scheu aus. Matrjona und Milinka nahmen sie in ihre Mitte und umschlangen sie; Léonide, sich besinnend, wie ernst der Augenblick und daß er nicht einem unnützen Gespräche diente, bekannte endlich mit stolzer Freiheit, daß sie einem Manne eine größere gesellige Annäherung gestattet habe, als Herkommen und Sitte dies unter gewöhnlichen Verhältnissen erlauben, daß aber die ihrigen ungewöhnlicher Art seien, sie deshalb seine Leidenschaft angehört, die eigene jedoch, so heiß sie sei, ihm noch verschwiegen habe. Sie nannte nicht seinen Namen; sie hütete sich, ein Merkmal von ihm anzugeben, aber sie verschwieg nichts, was von der Gluth seiner und ihrer Liebe überzeugen konnte. Jetzt wollte sie von den Freunden Hülfe, eine Lehre für ihr Handeln, eine Richtschnur für die Zukunft.

„Hätte ich ihm die Erklärung schon gegeben,“ sagte sie, „die er so heiß wünscht, die jetzt zum ersten Male von meinen Lippen kam, die Erklärung, daß ich ihn liebe, so bliebe nichts mehr zu rathen und zu sagen. Blindlings würde ich den Bestimmungen des Geliebten gehorchen. Der Ausspruch 'ich liebe Dich' wäre mein letztes, mein ganzes Schicksal. Darum zerreißt sich mein Herz wie an einem Marterpfahl an dem Zweifel, ob ich das Wort sprechen kann und darf; darum verlange ich eine Entscheidung von den einzigen Menschen hier, die mir gut sind, denen ich mich anvertraue.“

Betroffen schwiegen die drei Zuhörer.

„Meine Zweifel,“ fuhr Léonide fort, „entspringen nicht aus einem Gedanken an meine Pflicht als vermähltes Weib. Ich habe eine solche Pflicht nicht übernommen. Man brachte mich vor einen Civilbeamten, der eine Formalität vornahm, die ich nicht verstand und die mich nicht band. Das Jawort am Altare hätte mich für ewig gebunden, und unter allen Qualen, bis in den bittersten Tod wäre ich ihm treu geblieben – aber ich habe es nicht gesprochen. Die Menschen haben es zu hören geglaubt; Gott hat es nicht gehört. Meine Zweifel entspringen aus der Angst, ein Verhängniß heraufzubeschwören, ohne die Kraft der Liebe, die mich darüber hinwegtrüge, im Geliebten wieder zu finden, vor Allem aber entspringen sie aus der Furcht, ein Unrecht zu begehen, das mir der Himmel niemals vergeben würde.“

(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.


Und doch steht sie da!
(Zur Illustration S. 337.)

„Ei, gar so geschäftig?
Wohin so geschwind?
Wie theilest Du kräftig,
Bergmädel, den Wind!

O halte, ich bitte,
Ein wenig nur still
Die eiligen Schritte –
Du weißt, was ich will:

Wie schön, wenn Du Wilde,
So wie Du da gehst,
Im fertigen Bilde
Leibhaftig da stehst!

Du mußt mir wohl taugen
Mit aller Gewalt:
Ich fang’ mit den Augen
Die ganze Gestalt.“

O kommt solchen Mannen,
Ihr Mädels nicht nah’!
Wie lief sie von dannen –
Und doch steht sie da!

Fr. Hfm.




Berichtigung. Unter den beiden Ansichten des neuen Anhalter Bahnhofes in Berlin (in unserer Nr. 18) ist als Name des Zeichners nicht: Neubauer, sondern: Fritz Neubronner er zu lesen.




Kleiner Briefkasten.

Norwegen. Allerdings hat E. Marlitt, wie bereits früher mitgetheilt, einen neuen Roman für die „Gartenlaube“ unter der Feder. Ueber den Termin des Erscheinens desselben läßt sich noch nichts Bestimmtes sagen. – Von der erst vor einigen Wochen im Verlage unseres Blattes erschienenen Buchausgabe von „ Im Schillingshofe“ (Preis 9 Mark) ist übrigens die erste Auflage bereits vergriffen und die zweite soeben im Druck fertig geworden.

Paul Withow in Rußland. Sie dürften Ihren Zweck durch eine Annonce in dem „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“ am besten erreichen.

Frl. M. R. in Neurode. Der Name der Verfasserin ist Redactionsgeheimniß.



Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.