Die Sage/Die Pflanzen in der Sage

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Die mythischen Wesen der Sage Die Sage (1908) von Karl Wehrhan
Die Pflanzen in der Volkssage
Die Tiere in der Sage


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X. Die Pflanzen in der Volkssage.

Die Pflanzenwelt spielt in der Sage eine meist liebreiche und sinnreiche Rolle. Viele Pflanzen haben eine symbolische Bedeutung, manche sind allerdings auch nach Auffassung der Volkssage verwandelte Hüllen von Geistern, d. h. also Pflanzendämonen.

Die Sage gaukelt uns liebreiche Bilder von herrlichen Rosengärten vor mit silberhellen Weihern, sprudelnden Brunnen und heimischen Wandelgängen; eine österreichische Sage erzählt [89] uns wie ein Märchen aus Tausend und eine Nacht von einer um Mitternacht singenden Blume. Schon die klassische Sage kennt die goldenen Äpfel der Hesperiden, und unseren Vorfahren galten die uralten Bäume der heiligen Haine für besonders ehrwürdig; hier dachten sie ihre Götter wohnend, oder hier glaubten sie ihnen besonders nahe zu sein. In vielen Sagen gibt es noch heute die Wunderblume. Auch die zauberkräftige Springwurzel gehört dem Pflanzenreich an, nicht minder der unter besonderen Umständen und Förmlichkeiten hergestellte schwarze Zauberstab der Zauber- und Hexenmeister. Die meisten Pflanzen, die in der Volksmedizin eine Rolle spielen, sind auch für die Sagenwelt wichtig.

Die Rose ist seit jeher eine Lieblingsblume der Deutschen gewesen. Sie ist Sinnbild des Lebens und in den Sagen eine liebe Bekannte. Es sei nur an die Sagen vom 1000jährigen Rosenstock in Hildesheim erinnert, wo die Rosen aus einem Dornstrauch hervorgesproßt sein sollen, an den ein auf der Jagd verirrter Kaiser sein goldenes Kreuz hing; das Brot der heiligen Elisabeth verwandelte sich in der Stunde der Not in ihrer Schürze zu Rosen; jeder kennt auch das liebliche Märchen vom Dornröschen, auf das hier ja auch wohl kurz hingewiesen werden darf.

Die Lilie ist ein Bild des Todes, in ihrer reinen Weiße an die hellglänzenden Engel erinnernd. Bekannt ist die Sage von der Lilie von Korvey, die ganz ähnlich von den Klöstern in Heisterbach, Hildesheim und Breslau erzählt wird. Jeder Mönch fand als Todesboten drei Tage vor seinem Hinscheiden auf seinem Chorstuhle eine Lilie. Ein jugendfrischer Mönch legte sie einst ungesehen von seinem Platze auf den eines betagten Greises, der vor Schreck krank wurde, aber doch wieder genas, während der junge Mönch am dritten Tage plötzlich starb.

Noch von vielen andern Blumen erzählt die Sage. Der Wegwart soll eine Frau oder eine Jungfrau sein, die am Wege auf den Gemahl bzw. Geliebten wartet und vor Gram in eine Blume verwandelt wurde. Die Schlüsselblume wird uns in manchen Märchen als die Wunderblume hingestellt, die den Eingang zu großen unterirdischen Schätzen öffnet. Das vierblättrige Kleeblatt gilt noch heute als glückbringend und das nicht nur im sogenannten Volke; es soll auch Zauber erkennen helfen. Der Farnsamen [90] der Johannisnacht macht nicht nur unsichtbar, wenn man ihn an sich trägt, er macht auch stich- und hiebfest, hilft dem Jäger zu sicherem Schuß, sichert die Hilfe des Teufels. Aus Nesseln wird das zauberhafte Nesselhemd gefertigt.

Andere Sagen gibt es noch von dem Veilchen, den Disteln, der Alpenrose, der Johannisblume (Chrysanthemum leucanthemum) usw.

Bäume haben seit jeher in der Volkssage eine wichtige Stellung. Schon die älteste Sage unseres Volkes erzählt von der Weltesche Yggdrasil. Die Sagen mancher Völker berichten von der Schöpfung der ersten Menschen aus Bäumen (Hochland von Iran; Phrygier). Der Glaube an Baum- und Waldgeister ist wohl überall zu finden[1]. Noch heute sagt man von verletzten Bäumen, daß sie „bluten“. Märchen und Sagen erzählen von der Unverletzlichkeit einzelner Bäume: Als ein Mann einen Nußzweig abbrach, stand ein Ungeheuer vor ihm, dem er das Beste geben mußte, was er zu Hause hatte, seine geliebte Tochter. Die heiligen Haine unserer Vorfahren galten als ebenso unverletzlich. Der Wald selbst gilt als lebendes Wesen, daher die weitverbreitete, durch Shakespeares Macbeth bekannt gewordene Sage vom wandelnden Walde. Noch im 18. Jahrhundert entstand die Sage, der als Hexenmeister angesehene Zieten habe aus List, um den Feind zu täuschen, sein Heer in einen Wald verwandelt. Die Sage von der Eichelsaat ist weitverbreitet; sie hat Ähnlichkeit mit der Sage von der Weibertreue, denn sie schildert uns auch, wie ein siegreicher Eroberer hintergangen wird: Bei der Übergabe wird der Sieger gebeten, doch großmütig noch eine einzige Saat zu gestatten, nach deren Abernten alles ihm gehören solle. Man säet Eicheln, und bis diese geerntet werden können, sind mehrere Geschlechter dahingegangen. Ebenso wird in der Volkssage z. B. die Entstehung des Rintelnschen Hagens an der lippischen Grenze, die eines Eichwaldes bei Geseke u. a. an vielen anderen Orten erklärt. Andere Sagen erzählen von einem noch jungen Baume, aus dessen Holz einstens eine Wiege gezimmert wird, in welcher derjenige ruht, der irgend eine [91] verzauberte Jungfrau oder eine Schatzhüterin erlösen soll. Einmal tat der Teufel an den Herrn selbst eine Bitte, und diese wurde ihm zugesagt, sobald an den Eichen alle Blätter abgefallen sein würden. Da diese im Herbst zwar welkten, aber sitzen blieben, und im Frühjahre neue sproßten, bevor die alten abgefallen waren, fuhr der Böse rasend über sie her und zerfetzte sie aus Zorn mit seinen Klauen; daher hat das Eichenlaub seine krallenförmige Gestalt[2]. Auch von der Buche gibt es ähnliche Sagen. Von fast jedem Baume überhaupt ließe sich hier berichten. Nur auf den großen Birnbaum der Sage wollen wir verweisen, der am Kyffhäuser oder auch am Untersberg in Salzburg steht und dessen Grünen das Hervorkommen des schlafenden Helden andeutet. Endlich nennen wir noch die Völkerschlacht am „Birkenbaum“.


Literatur: Vomen, Het Plantenrijk vornaemlik in de Symbolik, in de Legende, in de Poesie (De Dietsche Warande. N. R. I. S. 207 ff.) – A. Ritter von Perger, Deutsche Pflanzensagen. Stuttgart 1864. – Ch. Gilow, De Planten, as man to seggt un wat’s seggen [Pommern]. Anklam 1872. – Frz. von Kobell, Über Pflanzensagen und Pflanzensymbolik. Ein Vortrag. München 1875. – M. von Strantz, Die Blumen in Sage und Geschichte. Skizzen. Berlin 1875. – Th. Bodin, Die Pflanze in Sage und Aberglauben (Die Natur. 1877. Nr. 7). – A. Pölzig, Einige Pflanzen der Sage und des Aberglaubens (Ebda. 1877. Nr. 22. 28). – Fr. Warnke, Pflanzen in Sitte, Sage und Geschichte. Für Schule und Haus. Leipzig 1878. – H. Reling und J. Bohnhorst, Unsere Pflanzen nach ihren deutschen Volksnamen, ihrer Stellung in Mythologie und Volksglauben, in Sitte und Sage, in Geschichte u. Literatur. Gotha 1882. – G. Wunderlich, Biographien, Geschichten und Sagen aus dem Tier- und Pflanzenleben. Langensalza 1884. – E. Handtmann, Was auf märkischer Heide sprießt. Pflanzen-Legenden und Pflanzen-Symbolik. Berlin 1890. – W. Schwarz, Mythologisch-Volkstümliches aus Friedrichroda und Thüringen [Sage von der Zauberblume] (Verhandlungen der Berliner anthropolog. Ges. vom 15. II. 1890. S. 131–137). – H. Feilberg, Baumsagen und Baumkultur (Am Urquell. VI. 1895. S. 72). – W. von Berg, Deutsche Volkssagen in Beziehung auf Waldbäume (Wiener Abendpost. 1878. Nr. 224 f.) – Köllmann, Von Bäumen u. Baumgeistern im germanischen Volksglauben. Programm von Remscheid. 1904. – A. Friedmann, Der Baum in der alten und neuen Welt [Sagen] (Nord und Süd. 1904. Dezemberheft). –

[92] K. Rudlof, Die Linde in Geschichte [Sage] u. Dichtung (Zeitschrift der Ges. für Beförderung der Geschichts-, Altertums- und Volkskunde in Freiburg i. Br. Bd. IX. 1891). – P. Wagler, Die Eiche in alter und neuer Zeit. Eine mythologisch-kulturhistorische Studie. 1. Teil. Progr. Nr. 541 d. kgl. Gymnasiums Wurzen. 1891. 2. Teil. Berlin 1891. [=Berliner Studien f. klass. Phil. u. Archäologie. XIII, 2). – P. Graffunder, Die Rose in Sage u. Dichtung [=Sammlung gemeinverständl. Vorträge. Nr. 217]. Prag 1897. – J. Esselhorn, Die Rose, der Blumen Königin Ursprung, Sagen, Legenden. Kaiserslautern 1890. – Pauls, Sagen, Sprichwort und Dichtung [über den Wein] (Zeitschrift des Aachener Gesch.-V. VII. 1886. S. 278–280). – F. Kunze, Der Weinstock in der Sage (Rheinland in Wort und Bild. I. Köln 1901. S. 314–315). – Maria Savý-Lopez, La leggenda dell’ Edelweiß (Archivo per lo stud. d. tradiz. popul. VI. 1887. S. 275 f.) – Die Lupine in der Volkssage. (Die Natur 1880. Nr. 39).


Zukunftsschlacht am Birkenbaum. [K.] Tücking, Die B.-Schlacht (Blätter zur näheren Kunde Westfalens. IX. 1871. S. 120–128. XI. 1873. S. 129–130). – Franz Jostes, Die Schlacht am B. (Niederd. Korrespondenzblatt. XIII. 1888. S. 29–30). – F. Zurbonsen, Die Sage von der Völkerschlacht der Zukunft „am B.“ Nach ihren Grundlagen dargestellt und untersucht [=3. Vereinsgabe der Görresgesellschaft f. 1897]. Köln 1897. 2. Aufl. 1907. –


  1. Vgl. Mannhardt, Wilhelm, Wald- u. Feldkulte. 2 Bde. Berlin 1875. 1877.
  2. Zingerle, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Tirol.


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