Die deutschen Vermißten und die „Gartenlaube“ (Die Gartenlaube 1886/13)

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Textdaten
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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Die deutschen Vermißten und die „Gartenlaube“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 235
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[235] Die deutschen Vermißten und die „Gartenlaube“. Jede Zeitschrift, welche gewissenhaft dem Volke dient, erweitert auf dem Wege der Erfahrung den Kreis ihrer Pflichten und erhöht dadurch ihren Beruf. Auf diesem Wege ist die „Gartenlaube“ zu der ihr eigenthümlichen Redaktions-Abtheilung der „Wohlthätigkeit“ und insbesondere zu ihrer Sorge für die „deutschen Vermißten“ gekommen. Bekanntlich überließ man die Nachforschung nach Verschollenen der Obrigkeit, und nur Wohlhabende vermochten die kostspieligen Anzeige-Spalten großer Zeitungen für ihre Nachforschungen zu benutzen.

Da war denn in der That einem „dringenden Bedürfnisse abgeholfen“, als die „Gartenlaube“ sich zunächst armer hochbetagter Eltern annahm, welche auf Nachricht von den einzigen Stützen ihres Alters, ihren jahrelang vergeblich „aus der Fremde“ zurückerwarteten Söhnen harrten. In welchen trostlosen Jammer eröffneten die Bittbriefe dieser Unglücklichen einen Einblick! Es war kein Wunder, daß einige glückliche Erfolge solcher Nachforschungen die Zahl der Bitten weit über den Kreis der Armen hinaus vermehrten. Wuchs doch auch die Menge der Verschollenen durch die steigende Auswanderung namentlich nach Amerika und Australien zusehends. Da nun aber gerade durch die Auswanderung auch die „Gartenlaube“ immer weitere Verbreitung fand, indem viele Auswanderer, sobald sie festen Boden zu dauernder Niederlassung gefunden, die Verkehsverbindung zum Bezug derselben benutzten, so wurde dadurch das Wirkungsgebiet des Blattes zur Aufspürung deutscher Vermißter in gleichem Maße erweitert. Die „Gartenlaube“ drang in allen Erdtheilen so weit vor, wie die deutsche Kultur durch ihre kühnsten Vertreter. Dieser treuen Anhänglichkeit gegenüber hatte das Blatt „Treue gegen Treue“ zu wahren und fortan erst recht die große Wirkungsfähigkeit, welche die wachsende Verbreitung ihr bot, dankbar in den Dienst des deutschen Volles daheim und in der Fremde zu stellen.

Namentlich waren es die „Vermißtenlisten“, welche nun auch Bemittelten und Behörden sich erschlossen, wenn deren Nachforschungen sich als unzureichend erwiesen hatten. Wie oft wurde da ein Familientrübsal aufgedeckt, an dem die Oeffentlichkeit kalt vorübergeht! Wenn die verzehrende Sehnsucht der Verlassenen nach den Verschollenen durch keinen Trost gemildert wird, da bieten Eltern und Geschwister auch in Prunk-Palästen ein ergreifendes Bild. Aber hier wie in den Hütten der Armuth fühlt man den Balsam der Hoffnung, sobald der Name des Vermißten in den Spalten der „Gartenlaube“ steht: das ist die dankbare Versicherung in Hunderten von Briefen der Beteiligten. Und wo hat die „Gartenlaube“ ihre Vermißten zu suchen?

Mehr als ein Brief lautet: „Mein Sohn ist als Handwerksbursch in die Welt gegangen. Er ging in die Fremde“ – wohin? Keine Ahnung! Er wanderte nach Amerika aus – ob Nord oder Süd, bleibt unbekannt. Daß trotz so unbestimmter Angaben dennoch schon so viele Vermißte gefunden worden sind, grenzt oft an das Wunderbare. In Weltwinkeln, die man vergeblich auf den Landkarten sucht, in China und Ostindien, auf Inseln des Stillen Oceans, bei den Hinterwäldlern Nordamerikas, in den Kolonien Brasiliens, in den Niederlassungen Australiens wurden sie entdeckt, oft nach mehreren Jahren mit Hilfe alter in den Restaurationen liegender Jahrgänge der „Gartenlaube’. Mehr als einmal wurden Eltern, welche den Sohn seit 10 bis 15 Jahren für todt beweint, auf Betreiben der „Gartenlaube“ mit den Photographien der Schwiegertochter und der Enkel vom so lange pflichtvergessenen Sohn überrascht! Die Variationen der Freuden des Wiederfindens sind entzückend reichhaltig. Daher werden auch als werthvoller Korrespondenzschatz der Redaktion die Dankbriefe für glücklich Gefundene aufbewahren. Daß die Mehrzahl dieser Beglückten „die Worte nicht finden kann“ zum Ausdruck ihrer Gefühle, ist das beste Zeichen ihrer Glückseligkeit, die dann um so deutlicher zwischen den Zeilen zu lesen ist.

Der Zudrang zu den Vermißtenlisten ist jedoch ein so steigender, daß an eine Verminderung desselben ernstlich gedacht werden muß. Wünschen müssen wir aber, daß damit zugleich eine Verminderung der Trübsal der daheim in Sehnsucht nach den Verschollenen Trauernden verbunden sei. Und das ist möglich, wenn endlich eine der Hauptursachen des Vermißtwerdens beseitigt wird: das sind die falschen oder ungenügenden Brief-Adressen. Die Mehrzahl der Auswanderer gehört dem Bauern- oder Handwerkerstande an, die zum großen Theil ihre Schulbildung zu einer Zeit erhalten haben, wo noch der Unterricht in der Volksschule arg daniederlag. Man muß Briefe von solcher Hand gesehen haben, um zu erschrecken über den Mangel an praktischen Kenntnissen und Fertigkeiten in diesen Volkskreisen.

Hat ein solcher Ausgewanderter endlich festen Boden gefunden, so schreibt er wohl heim, aber den Namen seines Wohnortes meistens so, wie er ihn aussprechen hört, vergißt auch ebenso oft die Lage (z. B. in Nordamerika außer dem Staat auch County und Township) anzugeben. Der Verwandte in Deutschland malt dann diese Adresse genau nach und unterzeichnet sich gewöhnlich nur mit seinem Taufnamen. Findet nun der Brief nicht zufällig seinen Mann, so kann er häufig nicht an den Absender zurückbefördert werden, die Korrespondenz hat ein Ende, und ein Vermißter ist fertig. Und dies ist in Hunderten von Fällen dagewesen. Richtige, genaue Adressen und stets ganze Namensunterschriften und viel Jammer und Klage über Verschollene wird es weniger geben. Dies kann nicht oft genug gesagt und sollte jedem Auswanderer auf die Seele gebunden werden. Wir bitten dringend, diese Bemerkung zu beachten und möglichst zu verbreiten.
Fr. Hfm.