Die rasenden Weiber

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Textdaten
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Autor: Ernst Deecke
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Titel: Die rasenden Weiber
Untertitel:
aus: Lübische Geschichten und Sagen, S. 9–10
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: Carl Boldemann
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Erscheinungsort: Lübeck
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Quelle: Google, Commons
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6. Die rasenden Weiber.

Nachdem Graf Adolf II. von Schauenburg Lübeck an der Stelle wieder auferbaut, wo es jetzt noch liegt, schloß er Frieden mit den Wenden, besonders mit Herrn Niklot von Meklenburg, dem er sich gar zum Bündniß verschwor. Nun aber rüsteten sich 1147 alle sächsischen Herren zu einem großen Kreuzzuge gegen die heidnischen Wenden, dessen sich der Graf nicht versehn. Da sich Niklot bedrängt sah, rief er die verheißene Hülfe an; aber der Graf kam nicht. Aus Rachsucht überfiel Niklot mit seinen Schaaren die aufblühende Stadt Lübeck, gerade als, vom Johannistrunk wohlbezecht, das ganze Volk im Taumel lag. Vergebens schickten die wachsamen Burgleute an den Markt und an die Trave und forderten zur Rettung auf: das Volk war nicht zu bewegen. So wurden alle Schiffe ausgeplündert und verbrannt, und an 300 Männer erschlagen; die Uebrigen, sammt Weibern und Kindern, retteten sich mit genauer Noth in die feste Burg. Diese ward von den Wenden hart berannt, auch hofften die Vertheidiger vergeblich auf Hülfe von Holstein her; aber sie schlugen, trotz aller Noth, die Stürmenden ab. Seit der Zeit begann die Verbitterung zwischen den Lübschen und Holsten.

[10] Endlich machten die Bürger einen verzweifelten Ausfall vor das Burgthor nach dem Hochgericht zu, wo sich die Feinde verschanzt. Da gab es der Todten viel auf beiden Seiten, aber die Feinde hielten hartnäckig Stand, und viele der Lübschen kamen mit blutigen Köpfen in die Burg zurück. Wie das die Weiber sahen, wurden sie toll, nahmen aus der Jakobikirche eine Fahne, bewaffneten sich mit Spießen, Beilen, Zangen und Messern und was einer jeden zur Hand kam, und stürzten in der Raserei auf die Feinde los. Diese aber meinten nicht anders, als käme ein neues Kriegsvolk aus der Stadt; es entfiel ihnen der Muth; sie ließen ihr Lager im Stich, und flohen in Hast auf die Schiffe und davon. Da machten die Lübschen große Beute, und fanden unter andern herrlichen Schätzen auch den ganz von lauterem Gold gegossenen Abgott Temiel, den die Wenden hoch verehrten. Was aus diesem theuren güldnen Götzen endlich geworden, weiß ich nicht; die Fahne, welche die Weiber geführt, stand bis 1619 bei der Kanzel zu S. Jakobi; als aber damals die Kirche mit Besemen gesäubert wurde, ist sie weggekommen, was in Wahrheit zu beklagen steht. Der Ort jedoch, wo die Weiber ihre Kriegslust kühlten, heißt noch jetzt de Neilâd (Nählade).

Bemerkungen

[387] Wird auch von Altlübeck erzählt. Neilâd – Nählade, heißt noch der Complex von Häusern und Gärten rechts von der Burgthorchaussee; dort, an der Stelle der heutigen Harmonie, lag auch vordem das Hochgericht.