Drei Tage aus dem patriarchalischen Staat

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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Drei Tage aus dem patriarchalischen Staat
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 41–44
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Drei Tage aus dem patriarchalischen Staat.
Von Fr. Hofmann.

Im Jahre 1821 ist in Coburg ein Almanach erschienen, auf dessen Titelbilde man neben der Statue des Herzogs Johann Casimir, wie sie am Gymnasium daselbst zu sehen ist, die ritterliche Gestalt des damaligen Herzogs Ernst, Vater des jetzigen vielbesprochenen, ebenfalls als Statue dargestellt hatte. Diese Zusammenstellung sollte zu jener Zeit eine Schmeichelei sein; Johann Casimir ist in der Reihe der Coburger Fürsten der im Andenken des Volkes gefeierteste, und als seinen Ebenbürtigen feierte man den Lebenden. Niemand konnte damals ahnen, daß das Schicksal diese Schmeichelei in Wahrheit verwandeln würde, und nicht bloß in glänzende, sondern auch in bittere.

Der Herzog von Sachsen-Coburg-Saalfeld gehörte zu den ersten deutschen Fürsten, welche ihrem Lande die von der Bundesacte verheißene Verfassung wirklich gaben; aber trotzdem blieb das Verhältniß zwischen Fürst und Volk das gewohnte patriarchalische, wenigstens war in der Zeit, von der hier erzählt werden soll, die Verfassung noch nicht das Blatt Papier geworden, das sich zwischen beide hätte drängen können.

Es wird schwer werden, späteren Generationen die volle Anschaulichkeit vom eigentlichen Wesen jenes patriarchalischen Kleinstaats zu bieten, wie er in Deutschland seit der Reformation und durch dieselbe sich ausgebildet hatte. Man wird, wie man bereits begonnen, bei der Darstellung desselben nur zu oft die Caricatur vorherrschen lassen und die gesunde Natur übersehen, die in gewissen Kreisen und Beziehungen in ihm waltete. Es ist daher nothwendig, besonders hervortretende Züge aus den letzten Tagen des patriarchalischen Staats, welche zu einer wahrhaften Charakteristik desselben beitragen, schon jetzt zu sammeln, wo noch Männer leben, die bei der Schilderung jener Zustände mit der Pietät verfahren, mit der wir so gern auf Selbstmiterlebtes zurückblicken.

In dem Folgenden erwarte man also nichts weniger, als eine pikante Enthüllung von Hofgeheimnissen; dazu giebt die Gartenlaube ihren Raum nicht her; ich habe nur zu erzählen, wie bei einem trüben Schicksal im Fürstenhause das Volk sich benahm. Ich werde den Hof und noch Lebende berühren müssen, es wird dies jedoch mit der Achtung oder mit der Schonung geschehen, die sie verdienen.

Als am Abend des 7. August 1817 eine gewaltige Bewegung die Bevölkerung der Stadt Coburg ergriffen hatte, die selbst auf das Land hinauswirkte, so daß die Bauern vom Itzgrund herauf, wie von den „langen Bergen“ herunter und aus dem Neustädter Amt herbei kamen, vor den drei Ehrenpforten der Stadt, am Markte, am Spittelthor und am Heiligkreuzthore, beredte Gruppen bildeten und auf dem langen Wege dazwischen auf und abwogten, hatten Alle einen gerechten Grund dazu. Selbst ein Uneingeweihter mußte den Gegenstand der harrenden Theilnahme errathen, wenn er die Bemerkungen verstand, die am häufigsten in der Menge der Land- und Bürgersleute wechselten. „Es soll haltig gar a ewig Hüsche sei!“[1] versicherten die Weiber, und „Ar is ah der Mah dernoch!“[2] blieb die stolze Entgegnung aller Mannsbilder. Endlich donnerten die Kanonen von der Veste, ein Läuten aller Glocken begann, vom Hauptthurme der Stadt erschallten Trompeten und Pauken, und aus der Ferne schmetterten die Hörnchen der Postillone in die plötzlich feierlich gewordene Stille, über welche jedoch, je näher der lange glänzende Zug kam, desto lauter und mächtiger das „Vivathoch!“ der mit ihm vorwärtsdrängenden Menge Herr ward. Alle Häuser bis zum Dach mit grünen Kränzen und bunten Tüchern, alle Fenster mit freudestrahlenden Gesichtern geschmückt, überall Tücherwehen und Hochruf, – und da, endlich, nach den vielen Reitern und der langen Schaar prächtiger Jungfrauen in weißen Kleidern und mit Blumen und Kränzen im Haar und in den Händen, da kam endlich der Wagen hinter den sechs Rossen, und darin saßen sie und nickten und winkten nach allen Seiten mit der vornehmen Freude in dem einen, mit der herzlichen Heiterkeit in dem andern Antlitz, der Herzog Ernst und seine junge Gemahlin, die Herzogin Louise, Tochter des Herzogs August von Gotha.

Der Tag dieses Einzugs, auf dessen Rosen schon nach sieben Jahren ein so schwarzer Schleier sinken sollte, machte auf das gestimmte Volk nicht den Eindruck eines gewöhnlichen Schaufestes, sondern einen tiefern. Man sah es der aufrichtigen Freude desselben an, daß ihm eine Last vom Herzen genommen war. Man hat ehedem etwas auf zeitige Ehen der regierenden Herren gehalten, und zwar sowohl auf Seiten der fürstlichen Häuser, wie auf Seiten der betreffenden „Unterthanen“; die Erfahrung hatte besonders letztere belehrt, daß aus den vielen fürstlichen Erbtheilungen von Land und Leuten den geerbten Völkern selten Heil erwachsen war. Wie beschränkt auch der öffentliche Blick der Masse in der kleinstaatlichen Schrankenherrlichkeit geworden, wie wenig Pflege einem politischen Ehrgefühl im Volke zugewandt war, so sträubte sich doch sein Herz gegen das Geerbtwerden.

Den Herzog von Coburg hatte bis 1815 der Krieg in Anspruch genommen; er stand jetzt im dreiunddreißigsten Jahre. Bedenkt man nun, daß es für die Stadt und das Land Coburg keine drückendere Sorge gab, als die „die Residenz zu verlieren“ und „zu verwaisen“, so wird man den einen Grund zur großen Freude über diese Vermählung gefunden haben. Nichts kennzeichnet den patriarchalischen Staat besser, als der Begriff: „ein verwaistes Land“. Ist durch denselben nicht mit der Todtenklage zugleich die Befürchtung ausgedrückt, daß auf den dahin geschiedenen „Landesvater“ nun nichts Anderes als ein „Landesstiefvater“ folgen könne? Arme „Landeskinder“! – Es wird hoffentlich eine Zeit kommen, [42] wo der Mann des Volkes nach der Bedeutung solcher Ausdrücke im Wörterbuche suchen muß. Ein Staatsbürger darf kein Kind sein, und eine „verwaiste Nation“ ist ein Unding. –

Neben jenen selbstsüchtigen Motiven wandte aber ein wirklicher Herzenszug das Volk dem Fürstenhause zu: es war stolz auf dasselbe. Wie es dem Einzelnen nicht gleichgültig ist, ob der, von dem er in seinem Lebensberufe abhängt, als eine ansprechende und ehrenwerthe Persönlichkeit dasteht, oder ein mißrathenes Wesen ist, so geht es den Völkern mit ihren Herrschergeschlechtern. „Des Volkes Freude ist – ein Mann.“ Die Prinzen des Hauses Coburg. hatten sich in den Kämpfen gegen Frankreich als Männer bewährt, alle hatten persönliche Tapferkeit bewiesen, dazu zeigten sie sich dem Volke mit aufrichtiger Leutseligkeit, von gutem Gemüthe und waren leiblich gelungene prächtige Menschenbilder, deren Anblick dem Auge wohl that. – Je weniger Großartiges, durch geschichtliches Ansehen Erhebendes einem Völkchen sein Staatswesen bietet, um so mehr schrumpft der Ehrgeiz, der eine Nation für die Sache des Vaterlandes erfüllt, bei ihm zur Eitelkeit auf die Person des Fürsten zusammen. Das gehört auch zum patriarchalischen Staat des kleinen Formates.

Das an sich der Fröhlichkeit wohlgeneigte Coburger Völkchen war schon durch des Herzogs Vermählung selbst in eine Festtagstimmung versetzt, aber erst der Anblick der Jugend und Schönheit der Herzogin vollendete die allgemeine Glückseligkeit des Tags. Sie war mit ihrem ersten Gruß ein Liebling des Volks geworden.

Es ist bei dem engen Zusammenleben von Fürst und Volk im Kleinstaate eine fernere patriarchalische Eigenthümlichkeit, daß die fürstliche Familie gleichsam zu jeder einzelnen im ganzen Lande gehört, so genau kennt man sie, so viel und angelegentlich beschäftigt sich die öffentliche und häusliche Unterhaltung mit ihr. Je kleiner der Ort, desto mehr nennt man sich nur beim Vornamen. Beide Erscheinungen sind verwandt. Ebenso steht aber auch mit dieser Theilnahme des Volkes für den Hof der Einfluß des Hofes auf das Volk in Wechselwirkung. Ein edles Beispiel im Fürstenschlosse wirkt veredelnd auf das ganze Land, aber um so verderblicher kann sein Gegentheil wirken. Ist nun die Freude des Volkes am guten Beispiele gerechtfertigt, wer will ihm seinen Zorn über ein schlimmes als Schuld anrechnen?

Ein schöneres Bild von Familienglück, als von jenem 7. August an auf dem bekannten Lustschlosse Rosenau erblühte, ist kaum zu ersinnen. Da jagte eine Freude, eine Herrlichkeit die andere, nie und nirgends zeigte sich ein höfisches Absperren vom Volke. Wer’s kann, denkt heute noch gern zurück an den Landesjubel bei der Geburt des Erbprinzen Ernst und des Prinzen Albert; da brauchte nicht erst amtlich eine freiwillige Festbegehung angeordnet zu werden. Die harmlose Fröhlichkeit des Hofes theilte sich dem ganzen Lande mit. Wo etwas „los“ war, dahin kam man vom ganzen Lande, und man hatte nirgends sehr weit zu laufen, um hübsch beisammen zu sein. Wer denkt nicht noch an das glänzende Turnier auf dem grünen Plane vor der Rosenau, an die großen Jagden, maskirten Schlittenfahrten und gar die Rosenauer Kirmsen zur Heuernte, zu welchen aus allen Dörfern des Landes die schmucksten Paare von Burschen und Mädeln geladen waren? Da eröffnete den Tanz auf der Wiese die Herzogin mit einem Dorfburschen und der Herzog mit einem Bauermädel, und wer verargt’s den Alten, wenn sie seelenvergnügt zusahen, wie das junge Volk des Hofes und des Landes in herzhafter Lust durcheinander schwärmte? Es war, als hätten die jahrelangen Rosenauer Flitterwochen sich über das ganze Ländchen hingezogen.

Da kam der Frost in die Rosenblüthe. Zwischen die bis jetzt so einigen Herzen des jungen glücklichen Paares war ein Schatten gefallen, unter dem das schöne Bild des Rosenauer Glücks verkümmerte und endlich versank.

Es ist nicht immer gut, sich der Oeffentlichkeit gegenüber über gewisse Dinge unwissender zu stellen, als man ist, aber eben so wenig ist es nöthig, der Oeffentlichkeit noch einmal zu sagen, was sie schon weiß. – Der Wandel der Dinge war plötzlich und durchgreifend. War bisher, so lange die Eintracht waltete, das Leben am Hofe und im Volk und das Verhältniß zwischen beiden ehrlich und offen erschienen: so begann nun, unter dem Schatten, am Hof die Intrigue und im Volk das Gemunkel; es trafen sich gegenseitig scheue Blicke. Man flüsterte sich zu, daß die Herzogin am Gram über die Untreue ihres Gemahls leide, man sah sie oft einsam und weinend. Bald wurden Namen genannt, und das Volk vertheilte seinen Haß und seine Gunst. Ein Duell zwischen einem Oberst von Szymborsky und einem Kammerherrn von Thümmel (einem Sohn des einst berühmten Dichters, an dessen Grabsäule zu Neuseß bei Coburg schon Tausende vorübergefahren sind, ohne zu wissen, wer darunter liegt), den man als einen Anhänger der Herzogin schätzte, wurde mit diesem Zwiespalt in Verbindung gebracht. Endlich verlautete, daß die Herzogin unter Aufsicht stehe, weil ihr Gemahl sie in derselben Weise beargwohne, wie einst sein Vorfahr Johann Casimir seine unglückliche Gemahlin, die Herzogin Anna, deren tragisches Schicksal wir später erzählen. Im Herzen des Volkes war die Parallele fertig, und der Vergleich zwischen den Schicksalen der beiden Fürsten vergrößerte die Befürchtungen für den Ausgang des Unheils. Ein gesundes Volk wird nie die Schuld solcher Zwietracht auf das schwache Weib werfen; desto entschiedener warf es seinen Haß auf die Umgebung des Herzogs. Wie aber ehedem die Freude des Hofs über das ganze Land gegangen war, so war jetzt auch der Druck auf den Herzen ein allgemeiner.

Da traten plötzlich, am 28. August 1824, einem Sonnabend und Wochenmarkttag, verschiedene Gerüchte lauter hervor. Das eine lautete, die Herzogin solle nach Saalfeld gebracht und ihr das dortige Schloß zum Aufenthalt angewiesen werden, das andere, sie werde nach Gotha (zu ihren Eltern) gehen, weil man von einer zeitweiligen Trennung der Ehegatten das Beste für ihre Wiederversöhnung hoffe, ein drittes erklärte das Alles für erlogen und behauptete, es seien für die Herzogin Zimmer auf der Festung (Veste Coburg) hergerichtet, auf welcher auch die unglückliche Anna den größten Theil ihres Lebens in harter Gefangenschaft vertrauert hatte.

Der Sonnabend verging gleichwohl ruhig, das Landvolk zog am Nachmittag zu allen Thoren hinaus wieder heim. Desto lebendiger wurde es nun in der Stadt. Man hatte gegen Abend wirklich die Herzogin im Reisewagen und mit Gefolge aus dem Schlosse zu Coburg nach der Rosenau fahren sehen. Von Wirthshaus zu Wirthshaus, wo am Abend nach Landessitte jeder Mann zu finden ist, ging wie ein Flugfeuer diese Nachricht, von allen Gerüchten behauptete sich nun das Saalfelder am festesten, und zugleich wurde der Ruf laut: daß die Bürger es nicht so weit kommen lassen dürften, daß es ihre Pflicht sei, die Herzogin selbst in das Residenzschloß zurück zu bringen, und daß man damit am sichersten den Frieden im Fürstenhause wieder herbeiführe. Die Aufregung war groß, die Nacht dennoch ruhig.

Anders am Morgen des 29. August. Sicherlich trug die Macht des Sonntags auf die Gemüther dazu bei, daß der Tag so schön endete. – In aller Frühe traten in den Straßen erst einzelne, dann immer dichtere Gruppen zusammen und schlugen den Weg nach der Rosenau (eine Stunde von Coburg) ein, bis gegen Mittag der Bach zum Strome ward. Während es auch in den Hauptstraßen der Stadt unruhig auf und ab wogte, waren auf der Rosenau angesehene Bürger indeß zum Werke geschritten. Eine Deputation hatte, vom unablässigen Hochrufen der Menge vor dem Schlosse unterstützt, der Herzogin die Bitte um Rückkehr in die Stadt vorgetragen. Die tiefbewegte Fürstin konnte dem betäubenden Andrang der alten Herzlichkeit des Volks nicht widerstehen, sie ergab sich dem allgemeinen Willen, der Speisewagen fuhr vor, und begleitet vom Jubel der Bürger und der Bauern, die von den umliegenden Dörfern herbeigeeilt waren, begann die Heimkehr. Zwischen der Rosenau und Coburg liegt ein Dörfchen, Dörfles. Dort mußte die Herzogin es dulden, daß die Pferde abgespannt und große Seile an den Wagen befestigt wurden, nach welchen rasch Hunderte von Händen langten, um die Fürstin selbst in die Stadt zurückzuziehen.

Kaum war die Nachricht von diesen Vorgängen nach Coburg gelangt, so ging der Ruf: „Die Herzogin kommt!“ durch alle Straßen, und wer noch mit gesunden Beinen gezögert hatte, der eilte jetzt dem Zuge entgegen. Und nun erzähle ich aus eigener Erinnerung. Ich war damals ein elfjähriger Junge, also alt genug, um „auch dabei“ zu sein.

Ich erreichte den Zug auf der Straße beim „Neuen Bau“ (die jetzige Caserne), drängte mich durch die Menge und erhaschte das Seil; es überkam mich ein großes unbekanntes Gefühl, als ich daran fest hielt und zwischen den erwachsenen Leuten mit fort trollte. Noch mächtiger regte sich dies, als wir die Stadt erreichten und ich sah, was da in wenigen Augenblicken geschehen war. Alle Häuser der Straßen, durch die wir nun zogen, im Heiligkreuz, auf dem Steinweg, in der Spittelgasse, auf dem Markt, in der [43] Herrengasse, waren prächtig mit bunten Tüchern geschmückt, und aus allen Fenstern wollte das Winken und Nicken und Vivatrufen kein Ende nehmen. Aber es war nicht bloß Freude, was die Fürstin, wie vor sieben Jahren in denselben Straßen, willkommen hieß, sondern alle Frauen weinten dazu und manche Männer auch. Endlich gelangten wir vor das Schloß, die Herzogin stieg aus und betrat bald darauf den Altan desselben. Und wie sie von da aus die ungeheuere Menschenmenge überschaute, die den ganzen Raum vor dem Schlosse bis zu den Berggärten hinan erfüllte, schwenkte sie weinend ihr weißes Tuch zum Gruß und Dank, aus der ganzen Volksmasse aber erschallte plötzlich wie aus einem Munde das Lied: „Nun danket alle Gott!

Wie erhoben das Volk auch in diesem Augenblick war, so hatte es dennoch für seine tiefe Erregtheit die volle Beruhigung noch nicht gefunden. „Wir wollen sie Beide beisammen sehen! Laßt uns auch den Herzog herbeiholen! Sie müssen sich versöhnen! Wir wollen wieder Einigkeit und Frieden im Fürstenhause haben!“ So ging der Ruf auf allen Seiten, und man schritt. auch hier von Worten gleich zur That.

Der Herzog verweilte während dieser Vorgänge in dem Schlößchen zu Ketschendorf (eine halbe Stunde von Coburg, nach Süden) bei seiner Mutter; dort befanden sich auch die beiden Prinzen, Ernst und Albert, damals Knaben von sechs und fünf Jahren. Auch vor ihm erschien eine Deputation, stieß aber auf mehr Widerstreben, als bei der Herzogin. Endlich gab auch er den Bitten der Bürger nach, deren gute Absicht, auch hinsichtlich der Beruhigung der Stadt, er nicht verkennen mochte. Doch gestattete er nicht, daß man ihm den Wagen ziehe, sondern fuhr selbst mit den Prinzen in das Schloß zurück. Es war zwischen sieben und acht Uhr des Abends, als endlich des Volkes Wunsch sich erfüllte und beide fürstliche Gatten auf dem Altan des Schlosses erschienen. Es wiederholten sich die Lebehochs, und mit der erhebenden Zuversicht, „daß nun gewiß Alles wieder in’s Gleiche komme und gut werde“, zerstreute sich die Volksmasse, und Nichts störte weiter die Ruhe des Schloßhofs und der Stadt.

Wie in allen anderen Vorstädten saßen und standen die Leute auch aus dem Stetzenbach noch spät in die Nacht hinein vor den Hausthüren, wie es dort in meiner Kindheit Sitte war, und die Nachbarn erzählten sich wieder einmal alle alten schönen Geschichten von der Rosenau, die sie früher so oft erzählt hatten. Wie ich nie vorher gesehen, so freudig reichten sie sich zur guten Nacht die Hände, noch ganz begeistert über den vergangenen Tag. Ich aber ging sehr stolz zu Bette, denn auch ich hatte „sie“ mit hereingefahren.

So war in Deutschland auch einmal durch das Volk „Ruhe und Ordnung“ im Fürstenhause scheinbar wieder hergestellt worden.

Leider kann diese Erzählung nicht hier enden; die aufgeregten Wogen sollten nicht so rein verlaufen, sie erforderten noch einen Tag, an welchem, nachdem man die Eintracht wieder gewonnen glaubte, gegen den angeblichen Urheber der Zwietracht der öffentliche Zorn losbrach.

Lange vor der Erfindung der Ministerverantwortlichkeit bestand schon etwas Aehnliches im patriarchalischen Staate. Das Volk wälzte alle Schuld fürstlicher Mißregierungen und Missethaten, auch wenn sie unmittelbar von Fürstenhand begangen waren, auf die Umgebung, auf die Günstlinge des Hofs, die der Fürst allerdings auch meistentheils mit den höchsten Staatsämtern zu betrauen pflegte. Auf sie warf sich der Haß des Volks; galt es aber gute Thaten der Regierung mit Liebe zu lohnen, so fiel diese ausschließlich der Person des Fürsten zu.

In Stadt und Land Coburg traf dieser Haß der Verantwortlichkeit für den gestörten Frieden im Fürstenhause den bereits genannten Oberst von Szymborsky, der zugleich Geheimrath war. Mit wie viel Recht dies geschah, ist hier nicht zu erörtern. Thatsache ist’s, daß die allgemeine Stimme jetzt seine Entfernung nicht bloß vom Hofe, sondern aus dem Lande verlangte. Diese Stimme machte sich nicht durch Zeitungen laut, derlei besaß das Ländchen nicht, sondern sie schrie durch die Straßen und drang bis zu der Wohnung des Gehaßten und bis zum Schlosse des Fürsten vor.

Die Nachricht von dem, was am Sonntag in der „Stadt“ vorgefallen war, hatte sich während der Nacht über das ganze Land bis zum letzten Dorf hinaus verbreitet. Kein Wunder, daß am Montag Morgen das Landvolk zu allen Thoren der Stadt hereinkam, um mit eigenen Augen zu sehen, was geschehen war oder noch werden sollte. Es mochte Zufall sein, daß viele der Bauern ihre Dreschflegel auf der Achsel trugen. Beruhigend war der Anblick nicht, besonders bei den Aeußerungen, welche aus einzelnen Haufen gehört wurden, daß man es „dem Stadtvolk“ schon weisen werde, wenn es dem Herzog nicht folgen wolle.

„Wos? Dös führnahma Zeug will unnern Herzog net folg? Mr wöll’n s’na ahstreich!“[3]

„Ha, der Schimborschky soll dra schuld sei!“[4]

„So wird er ah gehiehm!“[5]

Trotz solcher gefährlichen Reden und der sonstigen Schlagfertigkeit dieses Geschlechts geschah von Seite der Bauern nichts Derartiges, sie betheiligten sich später auch nicht an den Excessen des Tages und bildeten mehr den malerischen Hintergrund der Bewegung.

Diese Bewegung ging wohl nicht von den untern Classen allein aus, nur hatten diese mehr Gelegenheit, sich hervorzuthun, als am vergangenen Tage. Als der Tumult begann, floh v. Szymborsky in das Residenzschloß, wohin sich auch die Mutter des Herzogs, eine hochgeachtete Matrone, begeben hatte. Während sich nun im Schloßhofe Bürger und Bauern in immer gedrängteren Massen versammelten, begann eine wilde Schaar die Zertrümmerung des Eigenthums des Verfolgten, schlug die Fenster seiner Wohnung ein, zerstörte ein Gartenhaus, einen Blumengarten und eine Baumanlage desselben und gesellte sich dann zu den Volkshaufen vor dem Schlosse. Hier wurde das Schreien der Menge gegen „den Szymborsky, den Landverderber“ immer heftiger.

„Naus mit dan fremma Karl! Naus muß er!“

„Vitvathoch, die Fra Herzogin soll lab! Hoch!“

„Naus mit ’n Leutsploger! Mit dan Landverdarber!“

„Vitvathoch, der Herr Herzog soll lab! hoch!“

„Schlat’n todt, dan Bauernschinder! Naus mit dan fremma Karl!“

So tobten Loyalität und Bestialität durcheinander, aber bedeutend ward stets „der Fremde“ betont, der den heimischen Frieden störe. Kein Zureden der vielen friedlicheren Bürger, kein Bitten der sonst angesehensten Beamten half, und eben wagten sogar Einige, in das Schloß einzudringen, als der Herzog auf der Treppe erschien. Wie man ihn immer, bis in sein Alter zu sehen gewöhnt war, im grünen bis oben zugeknöpften Jagdrock, mit den langen braunen Kamaschen und dem weißen Cylinderhute, trat er vor den herandrängenden Strom, ja, er brauchte sogar gegen Einige, die an ihm vorüber in das Schloß zu kommen suchten, nachdrücklich sein Hausrecht und setzte die Nahestehenden streng zur Rede. Dem Toben gegenüber verhallte jedoch auch seine Stimme, und er kehrte in das Schloß zurück. Bald darauf sah man den Major des herzoglichen Bataillons, v. Wangenheim, in die Residenz eilen; es soll einen harten Auftritt zwischen dem Herzog und ihm gegeben haben; er soll sich geweigert haben, das Militär gegen das Volk zur Herstellung der Ruhe zu verwenden. Man sah ihn später mit großen Schritten im innern Schloßhof auf und abgehen; kein Soldat zeigte sich. Dagegen erschien die bürgerliche Schützencompagnie und die städtische Spritzenmannschaft, um alle Eingänge des Schlosses zu besetzen. Hohn empfing sie, und der Tumult ward immer drohender, der Ruf nach Szymborsky immer wilder. Da traten aus dem mittleren Portale des Schlosses sämmtliche Geistliche der Stadt im Ornate hervor und zerstreuten sich vor der Fronte der Masse, um mit dem Wort Gottes zur Ruhe zu mahnen. Aber auch ihre Reden verhallten ohne Erfolg, sie mußten manchen frechen und beleidigenden Zuruf hören, und noch war das Aergste zu befürchten, als es der List eines Kammerdieners gelang, den Sturm durch die glückliche Entfernung seines Urhebers zu beschwören. Eine vierspännige geschlossene Chaise fuhr an dem dem Schauplatz des Tumultes entgegengesetzten Thore des Schlosses vor. Sogleich stürzte die wildeste Masse der Schreier dorthin. Da bedeutete sie der kluge Kammerdiener, daß hier jetzt die durchlauchtigste Frau Herzogin Mutter einsteige und daß man doch die hochgeehrte Dame nicht beunruhigen möge. Das half. Gläubig kehrte der Schwarm zurück, Szymborsky sprang in den Wagen, der nun mit rasender [44] Eile davon fuhr und so den Gegenstand der Rache der empörten Menge entzog. Das geschah gegen 4 Uhr des Nachmittags.

Mit der Entfernung des Obersten von Szymborsky endete diese Bewegung in der Stadt und im Lande Coburg. Es wäre kaum nöthig gewesen, die üblichen Maßregeln für unruhige Zeiten noch nachträglich anzuwenden, die Landleute verliefen sich gegen Abend nach allen Richtungen, und die Stadt bot schon am nächsten Tage keinen andern Anblick, als den gewöhnlichen ihres bürgerlichen Verkehrs. Die Ruhe ward auch nicht gestört, als einige Tage später, am 2. September, die Herzogin Louise die Stadt und das Land wirklich und für immer verließ. Und es ist wiederum ein echt patriarchalisches Zeichen des damaligen coburgischen Staatslebens, daß über diese drei Tage, deren Denkwürdigkeit für das Land insbesondere wie für das deutsche Kleinstaatsleben im Allgemeinen Niemand anzweifeln kann, keine Zeile Gedrucktes zu finden ist; keine der Chroniken berührt diese Begebenheit mit einem Worte. Nur in einer derselben stehen die zwei unschuldigen Zeilen: „Den 2. September ging Frau Herzogin Louise nach St. Wendel im Fürstenthume Lichtenberg ab,“ deren Bedeutung der auswärtige und in wenigen Jahren selbst der inländische Leser jener Chronik erst durch diese Mittheilung verstehen wird.

Die Herzogin Louise nahm ihren Wohnsitz in St. Wendel, dem Hauptorte des damals zu Coburg-Saalfeld gehörigen Fürstenthums Lichtenberg. Im Jahr 1826 erfolgte die Scheidung der fürstlichen Ehegatten. Die Herzogin vermählte sich hierauf mit einem Grafen Pölzig und starb auf einer Reise zu Paris am 30. August 1831. Der Herr von Szymborsky starb in dem Dörfchen Eckersdorf bei Baireuth, Moritz von Thümmel im Irrenhause zu Gotha. Das im Leben getrennte fürstliche Ehepaar ruht nun in der gemeinsamen Gruft, deren goldenes Kreuz in den Itzgrund leuchtet, und selbst von dem Knabenpaar, dem der bittere Harm jener Tage unvertilgbar in das Kindesherz fallen mußte, ist Prinz Albert bereits heimgegangen. So lebt als einzige öffentliche Person jener Begebenheit nur noch Herzog Ernst II. von Coburg, der deutsche Fürst, welcher Mann genug ist, um nicht dadurch verletzt zu sein, daß das patriarchalische Schweigen über diesen Theil der Vergangenheit seines Hauses hiermit gebrochen ist.

Inwiefern aber die Zusammenstellung des Herzogs Ernst I. mit dem Herzog Johann Casimir aus einer Schmeichelei zur glänzenden und zur bittern Wahrheit geworden, das soll ein zweiter Artikel darthun.



  1. Es soll halt gar eine ewig Hübsche (=eine sehr schöne Frau) sein.
  2. Er ist auch der Mann darnach.
  3. „Was? Das vernehme Zeug will unserem Herzog nicht folgen? Wir wollen es ihnen anstreichen.“
  4. „Ja, der Szymborsky soll daran schuld sein.“
  5. „So wird er auch gehauen!“