Ein Amnestirter

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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
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Titel: Ein Amnestirter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 209-212
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Erzählung in 5 Teilen // Heft 14–18
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[209]

Ein Amnestirter.

Erzählung von J. D. H. Temme.

Amnestie!

Das Wort war lange ein Zauberwort für uns. Das Leben des Flüchtlings ist ein schweres, bitteres, trauriges. Das Vaterland ist ihm verschlossen, die Heimath bleibt ihm immer und immer fern. Er kann nicht an sie denken, ohne daß zugleich Zuchthaus und Todesurtheil vor ihm stehen.

Es ist so schön in der Schweiz, so wunderschön in Zürich. Wir lebten so frei hier, so sicher vor den Zuchthäusern und Todesurtheilen der Heimath, ein Kreis braver, trauter und treuer Freunde. Aber wenn wir auf hohem Berge standen, vor uns und neben uns und rund um uns her, wohin und so weit das Auge reichte, die erhabensten, die wundervollsten Schönheiten der Natur: das Auge flog über sie alle hinweg, es suchte nur eine Richtung, es suchte den Norden; nach Norden schweifte es in die weiteste, in die dunkelste Ferne; dort suchte es das Vaterland, die Heimath, Deutschland, und es konnte sich nicht abwenden, bis dort über die Mitternacht sich die Mitternacht legte und Alles in ihr tiefes, undurchdringliches Dunkel einhüllte. Das Vaterland hatte sich uns verschlossen, die Heimath hatte uns ausgestoßen, Deutschland sollte für uns nicht mehr da sein. Wir halten nur einen Gedanken, nur eine Sehnsucht: Vaterland, Heimath, Deutschland.

Manchen brachte die Sehnsucht in das frühe Grab, und wenn wir Anderen an dem Grabe weinten – die Sehnsucht wurde in uns nur um so mächtiger, schmerzlicher, glühender. Manchem, dem das Herz nicht brechen konnte, wurde es zu schwer. Die Sehnsucht trieb ihn zurück in die Heimath. Lieber das Zuchthaus, lieber den Tod! Aber hier in der Fremde kann und kann ich es nicht mehr aushalten! Sie kehrten zurück, sie fanden den Kerker! Die Armen! Die Geduld hatte sie verlassen. Sie hätten die Enttäuschung wohlfeiler haben können.

Die Amnestie kam. Nur noch nicht nach Sachsen. Aber von Sachsen erzähle ich hier nicht. Von Sachsen habe ich anderswo eine Geschichte erzählt, auch von einem armen Flüchtlinge, der das schöne Zürich verließ, um nur auf eine einzige Stunde die Heimath seiner Kinder wieder zu sehen, von denen er seit so vielen Jahren nichts gehört hatte. Das Wiedersehen hatte ihm nicht nur das Herz gebrochen, es hatte ihm auch den Geist zerrüttet.

Die Amnestie kam. Das Vaterland stand uns wieder offen. Wir durften in die Heimath zurückkehren. Wir waren wieder Deutsche. Nahm uns das Vaterland wieder auf? Das war die Frage, oder vielmehr es war nicht einmal die Frage.

Wir blieben in der freien Schweiz und sind noch da. Und wenn wir auf den hohen Bergen stehen und der Blick nach allen Seiten in die unbegrenzte Ferne schweifen kann – ja, unsere Augen und unsere Herzen suchen auch jetzt noch das theure deutsche Vaterland auf, aber nicht mit Sehnsucht, sondern voll von Schmerz, daß wir uns nicht nach ihm sehnen können, und daß es noch so lange dauern wird, daß wir es nicht mehr erleben werden, bis ein freies deutsches Herz sich wieder nach Deutschland hin sehnen kann.

Einzelne waren gegangen, nur Wenige. Sie kehrten nach wenigen Tagen, nach wenigen Wochen zurück. Das Vaterland hatte sie nicht wieder annehmen, die Freunde hatten sie nicht mehr kennen wollen, das Volk – ach, das Volk, das deutsche Volk ist immer brav und edel, aber wenn denen, die seine Führer sein wollen, der Muth oder gar noch mehr abhanden gekommen ist, dann werfe man keinen Stein auf das Volk. Seine bessere Zeit wird schon kommen.

Mit den Wenigen war Einer gegangen, den meine allerherzlichsten Glückwünsche begleitet hatten. Er war von Allen, die zurückkamen, der Unglücklichste. Von ihm will ich hier erzählen.

Es war ein stiller, milder, blasser junger Mann. Er konnte im Anfange der dreißiger Jahre stehen und war einige Monate nach der badischen Revolution nach Zürich gekommen, nachdem schon längst die Trümmer des badischen Revolutionsheeres die schweizerische Grenze überschritten und in der Schweiz eine Zufluchtsstätte gefunden hatten.

Seine Cameraden hatten ihn für todt gehalten. In einem der letzten Gefechte hatten sie ihn fallen sehen. Er hatte an der Spitze seiner Compagnie gekämpft, wie jung er auch damals noch war; er hatte damals kaum zwanzig Jahre zählen können. Er und seine Leute waren immer und überall die Ersten gewesen, wo die Gefahr am größten war. Eine Gewehrkugel hatte ihm in dem Gefechte das Bein zerschmettert. Er war niedergesunken und hatte sich nicht aufrichten können; einige von seinen Leuten hatten ihn aufgehoben und aus dem Gefechte getragen, hinter eine Hecke. Sie hatten auf seinen Befehl in den Kampf zurückkehren, ihn verlassen müssen. Seitdem hatte man nichts mehr von ihm gesehen, nichts mehr von ihm gehört.

Seine Cameraden hatten ihn alle als todt betrauert. Sie hatten ihn nur kurze Zeit gekannt, aber in der kurzen Zeit als den muthigsten und tapfersten Soldaten achten, als den bravsten und treuesten Cameraden lieben gelernt. Er war mitten in den Revolutionskrieg hineingekommen, aus einem anderen deutschen Lande, das seine Heimath war, und in dieser Heimath aus dem Gefängnisse, in das man den Jüngling eingesperrt hatte, weil die Gerichte seiner Heimath ihn als Hochverräther verurtheilt hatten. Er hatte sich aus dem Kerker befreit; wie, das wußte man nicht. Man wollte nur im Allgemeinen von einer fast wunderbaren Errettung, von großen [210] Gefahren und noch größerem Muthe gehört haben. Er selbst hatte nie darüber gesprochen. Er war überhaupt schweigsam, verschlossen. Ein Schmerz, ein Gram schien ihm das Herz zu erfüllen, die Lippen zu verschließen. So wußte man auch sonst nichts aus seinem früheren Leben.

Er kam in Zürich an. Wie er befreit und gerettet wurde, das wußte man auch jetzt nicht. Arme Leute hätten ihn gepflegt und verborgen gehalten, bis er wieder habe gehen können; das Glück habe ihn über die Grenze und in Sicherheit gebracht. Das war Alles, was er mittheilte, und auch nur, wenn er gefragt wurde. Weiter dann mit Fragen in ihn zu dringen, dazu hatte Keiner das Herz. Er kam elend, krank zurück und mußte sich beim Gehen auf eine Krücke stützen. Konnte er auch später die Krücke fortlegen, krank und schwach blieb er lange, und bleich war er immer, und ein tiefer Schmerz konnte nicht aus seiner Brust weichen und ein schwerer Gram nicht von seinem ganzen Wesen. So war er still, für sich allein, die Menschen meidend, auch seine früheren Cameraden.

Aber wo man ihn traf, war er stets milde, freundlich, theilnehmend, selbst manchmal mittheilsam. Nur über sich, über sein Leben, über seine Schicksale sprach er nie ein Wort. Nicht einmal seiner Heimath erwähnte er. Eins erfuhren wir von ihm, daß er zu leben hatte, daß er keiner fremden Unterstützung bedurfte. Er war immer gern und zuerst dabei, wenn irgend ein armer Flüchtling gegen die Noth und die Sorge des Lebens unterstützt werden mußte. Und wie oft mußte das geschehen! Wie und woher er seine Gelder erhielt, auch davon wurde nichts bekannt.

Seine Cameraden aus dem badischen Feldzuge hatten sämmtlich im Laufe der ersten paar Jahre Zürich verlassen. Man sah ihn seitdem nur noch seltener. Ich begegnete ihm nur auf einsamen Spaziergängen. Sein zerschossener Fuß war geheilt; er war nur lahm geblieben. Er war immer, blos still grüßend, an mir vorübergegangen; um so mehr war ich verwundert, als er nach längerer Zeit eines Tages mich besuchte. Indeß nur eine Geschäftssache hatte ihn zu mir geführt.

Er hatte in der Heimath einen alten Oheim, der, selbst kinderlos, den größeren Theil seines nicht unbedeutenden Vermögens ihm zuwenden wollte, jedoch in Verlegenheit war, wie dies einzurichten sei, damit die heimathliche Regierung das Geld nicht in Beschlag nehme. Er bat mich um meinen juristischen Rath. In der Heimath wagte man nicht, sich einem Gerichte oder Advocaten anzuvertrauen. Die Justiz war damals in vielen deutschen Ländern allerdings danach. Ich gab ihm meinen Rath. Die Sache war danach eingeleitet und mit Erfolg. Er theilte mir die Nachricht mit und hatte in der Sache mehrmals mit mir conferiren müssen. Ich hatte dabei mehr und mehr sein wahrhaft klares, edles Herz kennen gelernt; aber über sein früheres Leben, über seine Schicksale erfuhr ich dennoch nichts mehr, als was wir Alle schon wußten. Nicht einmal den Namen seiner Heimath sprach er, auch jetzt nicht, aus, nicht den Namen seines Onkels oder anderer Verwandten.

Er selbst nannte sich Alexander Roth, so hatte er sich auch in der badischen Armee genannt. Ob es sein rechter Name war, wußte Niemand. Einer seiner früheren Cameraden hatte daran zweifeln wollen. Ein Soldat in der Compagnie hatte behauptet, den Hauptmann Roth vor einem Jahre in einer großen deutschen Residenz unter sehr vornehmen jungen Herren gesehen, nachher aber Allerlei von einer sonderbaren, geheimnißvollen Vergiftungsgeschichte gehört zu haben. Der Mensch war aber als ein Abenteurer und Aufschneider bekannt gewesen, und er konnte sich auch geirrt haben.

Ein Zufall sollte mich später – es war im Sommer 1856 – auf eine Spur – nur auf eine Spur und auch nur auf die einer einzigen Begebenheit, eines einzelnen Abenteuers aus seinem früheren Leben führen. Freilich, auf wie viel Anderes war daraus zu schließen!

Ich hatte – ganz allein – eine kleine Reise zum Rheinfall bei Schaffhausen gemacht. Ich machte die Rückreise nach Zürich zu Fuße bis Constanz am, oder wie das alte Volkslied sagt, „im“ Bodensee, an beiden Ufern des Rheins entlang. Durch reizende Thäler, über anmuthige, mit Wald bedeckte Anhöhen war ich von Schaffhausen nach dem Städtchen Diessenhofen gekommen. Das einfache Städtchen interessirte mich nicht, aber das Nonnenkloster Diessenhofen zu Ende des Orts. Es ist auch einfach. Aber es liegt so lang und grau und still an dem klaren, hellen, munteren Rhein, und es war ein stiller Sommerabend, da ich ankam, und als die letzten Wolken der Abendröthe verschwunden waren, ging der Mond am Himmel auf, und in seinem blassen Scheine mußte das Kloster noch trauriger daliegen mit seinen langen, grauen, stillen Mauern und allen den armen, trauernden, weinenden, brechenden – oder schon gebrochenen Frauenherzen darin.

Ich hatte mir Kloster, Klosterhof und Klosterkirche angesehen. Aber nicht Alles von allen Seiten. Das Kloster Diessenhofen liegt mit der ganzen Länge seiner Rückseite unmittelbar am Rhein. Die Mauern stehen in dem Wasser. Ich mußte auch diese Seite sehen. Ich ging zu der Schifflände des Orts und ließ mich in einem Nachen auf den Rhein hinausfahren; nach dem Kloster hin, sagte ich zu dem Schiffer, der mich fuhr, an dem ganzen Gebäude entlang; zuerst auf der Mitte des Stroms, dann näher zu den Mauern hin, unmittelbar an sie heran. Er fuhr mich so. Das Licht des Vollmonds fiel gerade von dieser Seite, vom Wasser her auf die Mauern. Sie lagen so regelmäßig lang da, nicht grau in dem weißen Mondlichte, aber weiß, so gespenstisch weiß; die Fenster – sie waren nicht schmal und niedrig, sondern hoch und breit, und schwere eiserne Gitterstangen zogen sich vor ihnen kreuz und quer; so lagen sie in langen, langen Reihen da, neben einander und über einander, alle dunkel und schwarz und melancholisch und schaurig.

„Sind die Zellen der Nonnen auf dieser Seite?“ fragte ich den Schiffer.

„Ja, Herr. Und die Nonnen können hier alle Tage die Dampfschiffe sehen, die vorüber fahren, hin und her.“

Hinter den schweren, festen, eisernen Gittern konnten sie die Dampfschiffe sehen, mit den lustigen Wimpeln, den fröhlichen Menschen, dem lustigen Leben, frisch, frei daher ziehend, auf dem frischen freien Strom, aufwärts, abwärts, sie selbst einsam, von der Welt abgeschnitten, von dem Leben ausgestoßen, eingeschlossen wie im Grabe, bleich und traurig, verwelkend, verwelkt, nach dem Leben, nach der Freiheit, nach Menschen und nach Liebe sich sehnend, vergebens sich sehnend, bis das Grab in der Erde die armen, müden Herzen noch enger und für immer einschließt.

Ich war näher an die Mauern herangekommen. Der Nachen war keine sechs Schritt von ihnen entfernt. Ich hörte, wie die leichten Wellen des ruhigen Wassers an den Steinen plätschernd vorüber eilten. Ich sah an den Fenstern, unter denen wir vorüber fuhren, hinauf. In einem der dunklen, schwarzen Fenster zeigte sich eine weiße Gestalt. Es war schon spät, nahe an Mitternacht. Die Gestalt stand mitten in dem Fenster, hinter den dichten Gittern; hoch, fast in ganzer Figur, ganz weiß, Kleidung, Kopfbedeckung, Gesicht; auch das Gesicht, es war weißer als das weiße Nonnenkleid, als das schneeweiße Kopftuch.

„Eine Nonne!“ flüsterte der Schiffer mir zu.

Wohin mochte sie vorher geblickt, wonach mochte sie bis in die Mitternacht hinein ausgeschaut haben? Nach den freien Wellen zu ihren Füßen, nach dem grünen, waldigen Ufer drüben? Nach Liebe, nach Leben? Wir waren vorüber gefahren.

„Das dürfte die Frau Priorin auch nicht wissen,“ sagte der Schiffer.

„Was nicht?“ fragte ich ihn.

„Daß die Schwester in so später Nacht an dem offenen Fenster steht.“

„Und warum nicht?“

„Hm, Herr, sie ist noch jung, die Schwester Walpurgis, und da kann allerlei passiren, was nicht in Ordnung ist, und die Frau Priorin, die jetzt da ist, versteht keinen Spaß. Und doch mußte sie vor einigen Jahren den großen Verdruß erleben.“

„Was für ein Verdruß war es?“ fragte ich.

„Hm, eine Nonne ging ihr durch, eigentlich erst eine Novize. Aber es war doch schlimm genug, und eine curiose Geschichte war es gewiß.“

„Erzählt sie.“ Ich war anfangs nur neugierig gewesen, wie man eben auf Geschichten von entführten oder sonst entflohenen Nonnen neugierig ist. Bald sollte jedes seiner Worte meine Aufmerksamkeit spannen und fesseln.

„Es war vor sechs oder sieben Jahren,“ begann er. „Die Revolution war damals drüben in Deutschland. Der Krieg hatte schon aufgehört. Es war freilich ein sonderbarer Krieg. Nur der eine Theil wollte sich als ehrliche Soldaten gelten lassen, und wenn sie auch vor den Anderen recht ordentlich gelaufen waren, nachher aber wieder Sieger wurden, so ließen sie die Besiegten, die sie eingefangen hatten, als Rebellen vor den Kopf schießen. Wir [211] Schweizer hatten das in unserem Sonderbundskriege nicht gethan. So war denn auch, nachdem der Krieg schon zu Ende war, noch wochenlang eine förmliche Jagd auf die armen Menschen, die, verwundet oder sonst krank, nur den Anderen nicht auf Schweizer Gebiet hatten übertreten können, und alle Tage hörten wir hier von drüben die Musketenschüsse, die hinter einem Felsen oder hinter einer Hecke auf Commando fielen. Es waren so schöne Sommertage, und die Sonne schien den Unglücklichen so hell und so warm zu ihrem letzten schweren Gange.

An einem Abend – es war schon ein paar Tage still gewesen, und wir hatten hier gemeint, sie hätten dort endlich aufgeräumt – war ich, schon spät, wach geworden. Mein kleines Haus liegt dicht am Ufer des Rheins, nicht weit von der Schifflände. Ein ungewöhnliches Geräusch auf dem Wasser hatte mich geweckt. Ich horchte im Bett und meinte, fremde Stimmen ganz nahe unter meinem Fenster zu hören. Ich stand auf, um aus dem Fenster nachzusehen, was es sei. Es war Alles wieder still, und ich konnte draußen nichts sehen. Aber gerade unter meinem Fenster stehen dichte, niedrige Weiden, die weit in das Wasser hineinreichen, und in den Weiden mußte das sein, was ich gehört hatte. Ich mußte wissen, was es war. Ich verließ das Haus und ging an die Weiden; da sah ich zwei Nachen, die sich unter ihnen verborgen hielten. Sie lagen still da und waren voll fremder Soldaten, die auf etwas warteten. Wie ich sie sah, hatten sie auch mich gesehen, und ein halbes Dutzend Gewehrläufe in dem nächsten Schiffe waren auf mich gerichtet. Einer von den Soldaten aber rief mir mit leiser Stimme zu: wenn ich die Zunge oder ein anderes Glied rühre, so sei ich des Todes.

Da wußte ich auch, was sie vorhatten. Es galt wieder einem armen Rebellen, der ihnen entkommen, der in der Nacht heimlich nach der Schweiz herüber gebracht werden sollte, den sie auf dem Wasser abfangen wollten. Sie waren auf Schweizer Gebiet und hatten da nichts zu thun. Es war ein Verrath, daß sie da waren, und der Verrath sollte einem Unglücklichen das Leben kosten. Aber was wollte ich machen? Man hat zuerst das eigene Leben lieb. Ich durfte mich nicht rühren, nicht rufen. Was ich mir gedacht hatte, sollte bald eintreffen.

Von der anderen, von der badischen Seite her kam plötzlich ein kleiner, schmaler Nachen heran. Zwei Menschen ruderten ihn. Sonst sah man Niemanden darin. Aber in der Mitte glaubte man etwas am Boden liegen zu sehen. Die beiden Männer ruderten mit aller Anstrengung ihrer Kräfte. Das kleine, spitze Fahrzeug glitt schnell über das Wasser weg, und eben so still. Man hörte durch die Nacht kaum die Ruder. Die Soldaten in den beiden Nachen waren lebendiger geworden. Aber sie flüsterten nur unter einander. Der Nachen mit den zwei Männern hatte die Mitte des Stromes erreicht. Er war gerades Weges auf die Weiden zugefahren. Er bog nach links, stromaufwärts.

„Jetzt?“ fragte einer von den Soldaten.

„Nein!“ sagte kurz ein Anderer, der der Anführer sein mußte.

Er konnte seiner Sache sicher sein. Die Flüchtlinge in dem kleinen Nachen konnten ihm nicht mehr entgehen. Aber es war nur ein Flüchtling, wie wir nachher erfuhren, ein Officier von den Rebellen, der hatte zurückbleiben müssen. Er war schwer verwundet; das Bein war ihm zerschossen. So hatten ihn Bauern aus der Nachbarschaft gefunden; er war beinahe am Sterben gewesen. Sie hatten ihn mitgenommen, gepflegt, verborgen, und vierzehn Tage lang war ihnen das geglückt. Da war er den Soldaten verrathen. Wenn er gefunden wurde, so wurde er erschossen. Der arme Mensch – er war noch ein ganz junges Blut - war noch krank, elend; er konnte nicht allein stehen, viel weniger gehen. Die Bauern flüchteten mit ihm. Sie mußten ihn tragen. Sicher war er nur in der Schweiz. Aber wie ihn über den Strom, der immer bewacht war, dahin schaffen? Sie hatten doch Schlupfwinkel in den Felsen am Wasser, die nur sie kannten. Sie hatten unbemerkt den kleinen Nachen dahin zu schaffen gewußt. Sie hatten den Verwundeten hineinbringen, in dem Dunkel der Nacht unbemerkt vom Lande abstoßen, die Mitte des Stroms gewinnen können.

Aber die Soldaten hatten Alles berechnet. Sie hatten mit zwei Nachen heimlich das Versteck unter den Weiden aufgesucht und konnten von da aus weit nach beiden Seiten hin das Schweizer Ufer wahren. Vielleicht waren oberhalb wie unterhalb in gleicher Weise ihrer noch mehrere versteckt. Der arme, verwundete Flüchtling war ihnen sicher. Mit dem einen ihrer Kähne brauchten sie nur rechts, mit dem anderen links zu fahren, so hatten sie den kleinen Nachen in der Mitte, lange bevor er das freie Schweizerufer erreichen konnte. Sie ließen den Nachen näher kommen.

„Jetzt!“ rief der Anführer.

Sie flogen in den Strom hinein. Jetzt erst gewahrten die beiden Ruderer sie. Sie hatten mit keinem Gedanken ihrer Seele daran gedacht, daß von dem Ufer der Schweiz her ihnen ein Verfolger kommen könne. Auf einmal sahen sie zwanzig Soldaten hinter sich. Es waren ein paar tüchtige Burschen, die beiden Männer an den Rudern. Sie hatten nach der Schifflände beim Kloster zugesteuert. Dort war der bequemste Landungsplatz. Sie konnten nicht mehr hinkommen, der eine der verfolgenden Nachen hatte ihnen schon den Weg verlegt. Sie konnten aber auch nicht zurück, denn der andere Nachen war ihnen im Rücken. Sie faßten sich dennoch schnell. Sie steuerten und ruderten mit Leibeskräften auf das Kloster zu. Es war dunkler dicht unter den Mauern, die Strömung, der sie entgegenfahren mußten, war dort schwächer; mit ihrem leichten, schmalen Fahrzeuge konnten sie daher schneller vorwärts kommen, als die schweren, breiten Nachen der Verfolger. Aber das Kloster ist lang; an die Mauer des Klosters schließt sich nach oben hin eine noch längere Gartenmauer an, die auch noch im Wasser steht, und der Mensch wird vom langen und schweren Arbeiten müde, und die Kräfte lassen ihm nach.

Die Soldaten kamen den Verfolgten immer näher. Der arme, verwundete, kranke Flüchtling war verloren. Mir schnitt es in das Herz. Ich hatte laut zu Hülfe gerufen, als die Soldaten fort ruderten. Aber mein Häuschen liegt allein am Wasser. Die Häuser der Stadt stehen weiter zurück. Es war beinahe mitten in der Nacht. Der ganze Ort schlief. Kein Mensch hatte mich gehört; Niemand kam. Ich mußte zu der Stadt, zu den nächsten Häusern rennen.

„Zu Hülfe!“ rief ich. „Heraus, ihr Leute! Fremde Soldaten kommen an’s Land. Zum Kloster, zum Kloster!“

Die Leute stürzten aus den Häusern. Ich eilte mit ihnen zum Wasser zurück, nach dem Kloster zu. Wir wollten einen Angriff auf die Soldaten machen; wir waren in unserem Rechte; sie hatten auf freiem Schweizer Gebiete nichts zu schaffen. Es waren viele Menschen gekommen. Wir wollten uns vertheilen, aber als wir ankamen, sahen wir nichts mehr. An dem ganzen Kloster entlang, an der ganzen langen Mauer des Klostergartens hinauf war kein Schiff, kein Mensch mehr zu sehen. Alle drei Nachen waren fort, mit Verfolgern, mit Verfolgten. Wir sahen uns verwundert an. Wo waren sie geblieben? wo konnten sie geblieben sein? Wenn die Mauern des Klosters sich hätten aufthun, Schiffe und Menschen hätten aufnehmen und sich dann wieder hätten verschließen können, dann hatten wir ein Wunder, aber dann hätten wir auch gewußt, woran wir waren. Wir sahen und hörten nichts auf dem Wasser, keine Bewegung, keinen Laut. Ich riß den ersten, besten der Kähne los, die am Ufer lagen, und sprang hinein.

„Ich muß wissen, was das ist!“ rief ich. „Wer fährt mit mir?“

Ein halbes Dutzend Burschen sprangen mir nach. Wir ruderten in den Strom hinein, nach der anderen Seite hin. Da sahen wir bald, was uns am Ufer die Dunkelheit der Nacht verborgen hatte. Zwei Nachen ruderten vor uns her, gleichfalls nach dem jenseitigen Ufer hin. Sie hatten es schon bald erreicht. Es waren die beiden Nachen der Soldaten. Wo war der dritte? – Waren sie seiner habhaft geworden? Oder was war aus den armen Menschen sonst geworden? Wo waren sie geblieben? Wo konnten sie geblieben sein, da man nichts von ihnen sah? Wir sprachen noch darüber.

Auf einmal schlug hinter uns die Sturmglocke auf dem Klosterthurme an. Wir blickten uns um. Wir sahen nichts, kein Feuer, keine Flamme, keinen Rauch. Aber die Glocke hörte nicht auf und stürmte wilder und wilder. Was war das wieder? Wir hörten die Leute am Ufer durch einander rennen. Sie eilten zum Kloster. Wir wandten unseren Nachen und fuhren zum Ufer zurück. Die Leute raunten noch. Das Kloster lag still und dunkel da, wie ein Grab. Nur die Sturmglocke heulte noch immer durch die Nacht.

„Was ist geschehen?“ riefen wir den Leuten zu. „Was bedeutet das Läuten?“

Sie wußten es nicht. Einer kam vom Kloster zurück.

„Die Schwester Marcella ist fort!“

Wir eilten mit zum Kloster: Es war, wie der Mann gesagt [212] hatte. Eine Nonne war fort, verschwunden, die Schwester Marcella; eigentlich erst eine Novize, wie ich schon sagte. Die Sturmglocke sollte das Volk zusammenrufen, um ihr nachzusetzen, sie zurückzubringen. Man hatte sie vor einer Viertelstunde erst vermißt.

Die Schwester Marcella war die jüngste Novize im Kloster. Sie war erst seit sechs Wochen da und hatte das Läuten der Mitternachtshora zu besorgen. Die Novizen müssen sich an das Schwerste gewöhnen. Die Glöcknerin mußte sie dazu wecken und sie hinführen. Zehn Minuten vor Mitternacht war die Glöcknerin zu ihrer Zelle hinaufgegangen. Sie hatte die Thür der Zelle offen, nur angelehnt gefunden. Es fiel ihr auf. Es war verboten, und die Schwester Marcella hatte immer ihre Thür fest verschlossen gehalten. Sie ging in die Zelle; sie rief hinein, nach dem Lager hin: „Schwester Marcella, es ist Zeit!“ Sie erhielt keine Antwort. Sie trat zu dem Lager, es war leer und unberührt geblieben. Sie sah sich in der Zelle um, sie war leer, wie das Lager. Sie eilte zu der Priorin und machte dieser Anzeige. Es werden andere Nonnen geweckt; sie durchsuchen die Zelle nochmals; sie ist und bleibt leer. Sie durchsuchen die Gänge, die Treppen, die Fluren, das ganze Kloster ist auf den Beinen; Schwester Marcella bleibt verschwunden, und kein Mensch weiß von ihr, Keiner hat etwas von ihr gehört oder gesehen. Wo mag sie sein? Wie mag sie entkommen sein? Das Gitter vor dem Fenster ihrer Zelle war unversehrt. An keinem andern Gitter war nur eine Stange los. Alle Thüren, die aus dem Kloster führen konnten, waren verschlossen.

Doch eine wurde zuletzt unverschlossen gefunden, die, die aus dem Kloster in die Kirche führte. Schwester Marcella war fromm, sehr fromm; man hatte sie schon vorher manchmal zu ungewöhnlicher Zeit in Thränen an den Stufen des Altars liegend gefunden. War sie wieder in der Kirche? Man drang hinein. Aber sie war auch da nicht. Man läutete die Sturmglocke, um der Entflohenen nachsetzen zu lassen; denn entflohen war sie. Es wurde ihr nachgesetzt, von allem Volke, vergeblich. Man fand nicht einmal eine Spur von ihr, auch später nicht, bis auf den heutigen Tag nicht.“ –

Der alte Schiffer sprach die letzten Worte mit einem eigenthümlichen, stillen, zufriedenen, geheimnißvollen Lächeln. Ich sah es durch die Nacht. Er mochte sich unbemerkt glauben, – seine Augen flogen zugleich über das Kloster hinweg, stromaufwärts in die Berge hinein. Er wußte etwas, wahrscheinlich mehr, als die Anderen, und durfte es nicht verrathen. Aber ich mußte es wissen. Ich hatte schon so Vieles errathen; ich mußte Alles wissen. Wie konnte ich ihm sein Geheimniß entlocken? Ich dachte darüber nach. Ich durfte nicht auf einmal an ihn herantreten.

„Auch der Verfolgte ist nicht wieder zum Vorschein gekommen?“ fragte ich ihn.

„Auch er nicht.“

„Man hat auch nichts von ihm gehört?“

„Kein Wort. Hm, freilich weil die Beiden, der Verwundete und die Nonne, so zu gleicher Zeit und so geheimnißvoll verschwunden waren, so wollten die Leute Allerlei munkeln.“

Er lächelte wieder zufrieden und geheimnißvoll vor sich hin.

„Die Leute hatten aber wohl das Unrechte getroffen?“ fragte ich ihn rasch.

„Sie sprachen ja von Dingen, von denen sie nichts wußten.“

„Und was hatten sie gemunkelt?“

„Eben das, was sie nicht wußten.“

Er war gerieben, der alte Schiffer. Zu überraschen war er nicht. Aber er gehörte zu den Leuten, die gern plaudern und daher plaudern müssen und zuletzt ihre Geheimnisse nicht mehr für sich behalten können. Man muß sie nur ungeduldig zu machen wissen.

„Woher wußten Sie,“ fragte ich ihn, „daß der Verfolgte ein verwundeter Officier war?“

„Die Leute von drüben sagten es.“

„Die ihn gefahren hatten?“

„Nein, Andere – nachher.“

„Wo waren jene, die beiden Ruderer, geblieben?“

„Gott weiß es. Sie hatten sich erst nach einem Vierteljahre, als die Soldaten das Land verlassen, nach Hause zurück gewagt.“

„Mit ihrem Nachen?“

„Hm, mit dem Nachen war es erst recht eine eigene Sache gewesen. Der trieb am zweiten Morgen nachher frei und leer auf dem Wasser herum. Kein Mensch wußte, wo er hergekommen war.“

„Erzählten die beiden Ruderer nach ihrer Rückkehr nichts?“

„Gar nichts.“

„Nicht, wie der Verwundete befreit worden, wie sie selbst entkommen seien, wo sie sich die Zeit über aufgehalten hätten?“

„Von Allem nichts. Sie sagten nur, sie hätten in der Schweiz gearbeitet, bis sie hätten in ihre Heimath zurückkommen dürfen.“

„Es war also ein Geheimniß bei der Sache?“

„Es mußte wohl so sein.“

„Die Schwester oder die Novize Marcella war erst seit sechs Wochen im Kloster gewesen, sagtet Ihr?“

„Gerade seit sechs Wochen.“

„Woher war sie gekommen?“

„Das wußte man nicht.“

„Man hat auch später nichts darüber erfahren?“

„Man hat nachher gar nichts mehr von ihr gehört. Alles, was man von ihr gehört, Alles, was man von ihr wußte und auch noch nur von ihr weiß, ist Folgendes: An einem Abende im Frühsommer war noch spät eine fremde, große, schöne und junge Frauensperson an die Klosterpforte gekommen, hatte Einlaß begehrt und gebeten, noch in der Nacht die Frau Priorin sprechen zu dürfen. Die Priorin hatte sie vor sich gelassen. Die Fremde hatte um Aufnahme als Nonne, als Novize gebeten. Sie könne in der Welt nicht mehr leben. Sie könne nur noch Ruhe finden im Gebete zu Gott und im Umgange mit den frommen Schwestern. Sie hatte die Priorin weinend, knieend gebeten, sie nicht zurückzuweisen, sie nicht wieder in die Welt zu verstoßen. Sie hatte nur die eine Bedingung aufgestellt, daß man sie nie nach ihrem bisherigen Leben, nach ihren früheren Schicksalen fragen möge. Die Priorin ist eine strenge, aber wahrhaft gottesfürchtige und brave Frau. Sie nahm die Fremde auf und fragte sie nicht einmal nach ihrem Namen, nach dem Lande, aus dem sie komme. Sie mußte weit hergekommen sein; man hörte es an ihrer Sprache; sie redete das Deutsche, wie man es im Norden von Deutschland zu sprechen pflegt. Sie erhielt den Klosternamen Marcella; unter dem hat man sie nur gekannt. Sie war in den sechs Wochen, die sie da war, immer eine musterhafte Novize gewesen, fromm, wie nur eine der Nonnen, und unverdrossen in allen Diensten, die von ihr verlangt wurden. Nur über Eins hatten die übrigen Nonnen geklagt, daß sie niemals mit ihnen ein anderes Wort gesprochen habe, als was zum Dienst und zur Tageszeit gehörte. Sie war fromm und fleißig, aber auch immer eben so still gewesen. Des Nachts freilich war sie nicht immer so still,“ setzte der alte Schiffer hinzu, und er lachte dabei nicht.

„Wie so?“ fragte ich ihn.

„Hm, Herr, sie mußte wohl eine recht unglückliche Person sein. Ich habe es oft gesehen und gehört. Schon gleich wenige Tage nachher, da sie gekommen war. Es war eine dunkle Gewitternacht, ich hatte mich beim Fischen verspätet und fuhr allein in meinem Nachen nach Hause zurück. Als ich am Kloster ankam, hielt ich mich dicht an den Mauern; der Wind konnte mich da nicht fassen.“

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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
Titel: Ein Amnestirter
aus: Die Gartenlaube 1862, Heft 15, S. 225-228
Teil 2

[225] „Plötzlich höre ich,“ fuhr der alte Schiffer in seiner Erzählung fort, „über mir ein leises Weinen und Wehklagen. Sehen konnte ich nichts, die Nacht war rabenschwarz. Das leise Weinen schnitt mir um so schärfer in das Herz hinein, zumal wenn die Stimme unter dem Weinen und unter dem Schluchzen rief: „O Du gerechter, Du ewiger Gott, willst und kannst Du mich denn nicht erlösen? Wie lange, wie lange soll ich es noch mit mir herum tragen? O, sey mir gnädig, sei mir barmherzig! Gieb mir den Frieden, gieb mir die ewige Ruhe!“ – Ja, Herr, so jammerte und klagte sie, und es lief mir eiskalt über den ganzen Körper. Da, da war es, beinahe in der Mitte des Klosters, nicht weit von der Zelle der blassen Schwester Walpurgis, die Sie vorhin gesehen haben. Da stand und weinte und wehklagte die arme Schwester Marcella, und – auf einmal war aus den Gewitterwolken ein Blitz gekommen, der machte die Gegend hell, die Mauer und das Fenster, und da sah ich sie in dem Fenster stehen, die Hände gerungen, die Augen gen Himmel gerichtet, von dem Gesichte die Thränen herunterlaufend, und das Gesicht noch blässer, als das der Schwester Walpurgis, die doch wahrhaftig wie eine Leiche aussieht. Aber schön war sie, Herr, groß und schön, in allem ihrem Jammer und Elend. – Der Blitz hatte auch mich beschienen; sie hatte mich gesehen. Sie war in ihrer Zelle verschwunden. Ich hörte auch nichts mehr und fuhr nach Hause. Ich sagte keinem Menschen etwas, man hätte sie sonst in die Zelle einer älteren Nonne gethan, und sie hätte nicht mehr weinen und nicht mehr Gott ihre Noth klagen können, und das war doch Alles, was sie vom Leben hatte. Aber manche Nacht zog es mich wieder unter ihr Fenster, und wenn ich hinkam, hörte ich wieder ihr leises Weinen und Wehklagen, und ich mußte mit dem armen Geschöpfe zu Gott beten, daß er sie erlösen möge.“

Der alte Mann war weich geworden, es standen ihm Thränen in den Augen. „Ob es geschehen ist? Ob sie erlöst sein mag?“ sagte er dann. Und dann hatte mehr die Weichheit, als die Ungeduld ihm das Herz geöffnet.

„Herr,“ sagte er, „wenn Sie mich nicht verrathen wollen, und Sie werden es nicht, um der armen Schwester Marcella willen nicht – und so ein fremder Herr kommt ja überall in der Welt herum, und da könnten Sie auch von ihr etwas hören, und ich erführe es vielleicht wieder – ich sagte Ihnen vorhin, daß man von der Schwester Marcella gar keine Spur mehr gefunden habe. Sie können doch noch etwas von ihr erfahren, aber Sie dürfen es keinem Menschen verrathen; die Priorin ist streng, und die braven Leute könnten noch jetzt, nach sieben Jahren, Ungemach haben. Wenn es morgen früh hell ist, dann werden Sie da oben auf dem Berge, oberhalb des Klosters, zwischen drei großen Platanen, ein kleines, einsames Haus sehen; dahin gehen Sie, dort werden Sie eine alte Frau in dem Hause finden, welche allein da mit ihrem alten, preßhaften Manne wohnt; Frau Marthe nennen Sie sie, und bringen Sie ihr einen Gruß von mir, dem alten Siedler aus Diessenhofen, und fragen Sie sie nach der Schwester Marcella und dem verwundeten Flüchtling, und sie wird Ihnen dann Mancherlei zu erzählen wissen. Aber verrathen Sie nichts, Herr; und nun, Herr, es ist längst Mitternacht vorbei, und Sie werden sich nach Ruhe sehnen. Soll ich Sie nach Hause fahren?“

„Fahrt mich nach Hause.“

Er ruderte zum Ufer, und ich ging in meinen Gasthof. Ich mochte mich wohl nach Ruhe sehnen, aber finden konnte ich sie nicht. Die unglückliche, schöne, junge, fremde Schwester Marcella stand vor mir, und mit ihr der unglückliche, junge, verwundete und verfolgte Rebellenofficier, und wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: wer konnte es nach allen über ihn laufenden Erzählungen anders sein als – Alexander Roth? Ich mußte Gewißheit haben.

Ich verließ früh am andern Morgen Diessenhofen und ging oberhalb des Klosters den Berg hinauf. Ich sah schon von weitem da oben zwischen drei Platanen ein kleines, unscheinbares, hölzernes Haus und lenkte meine Schritte dahin. Der Berg war mit dichter Waldung bedeckt, und immer durch sie hin führte der Weg nach oben, bis zu dem kleinen Hause. Das Haus lag still, versteckt da, mitten in dem Walde; die drei Platanen ragten hoch darüber hinweg; ein kleines Gärtchen umgab es. Ich traf die alte Frau, die es bewohnte, sie war noch rüstig, sie pflegte ihren Mann, der krank im Bette lag.

„Ich komme von dem alten Siedler unten aus der Stadt. Er läßt Sie grüßen.“

Sie sah mich mißtrauisch an.

„Er läßt Ihnen sagen, Frau Marthe, Sie könnten mir Alles erzählen.“

„Was sollte ich Ihnen erzählen?“

„Von dem verwundeten badischen Officier –“

„Ich kenne keinen badischen Officier.“

„Und von der Schwester Marcella.“

„Der alte Siedler ist ein Schwätzer, der nicht weiß, was er sagt.“

„Ich komme auch von dem Officier selbst, dem Herrn Roth.“

[226] Es war den Worten nach wahr, dem Sinne nach unwahr. Aber es brachte mich schnell zu meinem Ziele, wie ich der eben so einfachen, wie zähen Frau gegenüber erwartet hatte.

„Was macht der arme Herr?“ fragte sie rasch und neugierig, und vielleicht nur zum dritten Theile überrascht.

„Er hat zu leben –“

„Ja, ja.“

„Aber er ist still und traurig, wie immer.“

„Ja, ja,“ sagte sie noch einmal.

„So war er auch von Ihnen fortgegangen?“ fragte ich sie.

„Denn er war ja wohl hier bei Ihnen?“

„Er war hier bei mir. Und so ging er von hier fort. Ich mußte weinen, als wenn er mein eigener Sohn gewesen wäre.“

Sie war nur noch ganz Mitleid. Der alte Siedler war kein Schwätzer mehr. Sie erzählte mir Alles, was sie wußte, und doch für mich so wenig. Durch die Sturmglocke des Klosters war sie in jener Nacht vor sieben Jahren geweckt worden. Fast in derselben Minute hatte sie leise Stimmen und Schritte draußen an ihrem Fenster gehört. Wer konnte um Mitternacht, während es gerade unten stürmte, da oben mitten im Walde, an dem kleinen, einsamen Hause etwas zu suchen haben? Sie war aufgestanden und öffnete ein Fenster. Es war eine helle Sommernacht. Vor dem Fenster stand eine Nonne, in ihrer vollen grauen und weißen Klosterkleidung. Die alte Marthe wußte, warum auf dem Kloster die Sturmglocke läutete.

„Um Gotteswillen, was wollen Sie hier? Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ rief sie der Nonne zu.

„Frau,“ sagte die Nonne, „bei mir ist ein Sterbender; nehmen Sie den auf, um Gottes Barmherzigkeit willen!“

Die alte Marthe war eine brave Frau. Sie war schon von dem Fenster fort; sie sprach drei Worte mit ihrem Manne, der auch damals krank war, machte die Hausthür auf und trat aus dem Hause.

Auf dem Moose, an einer der Platanen neben dem Hause, lag ein kranker Mensch. Die Nonne hatte sich über ihn gebeugt und stützte ihm das Haupt, das weiß war, wie das weiße Kopftuch der Nonne. Die Augen des Kranken waren geschlossen.

„Wasser!“ bat die Nonne. „Schnell, er stirbt sonst.“

Die Frau holte Wasser. Sie besprengten und wuschen den Kranken damit; er erwachte aus seiner tiefen Ohnmacht; aber nur auf einen Augenblick. Er sah die beiden Frauen an, die alte Marthe verwundert, dann die Nonne, als wenn er sie, wie die Alte sagte, vor Dankbarkeit verzehren wollte. Es hatte doch noch etwas Anderes, so ganz Besonderes in dem Blicke gelegen, meinte sie; aber es war ihr erst später aufgefallen, nachdem sie auch Anderes gehört und gesehen hatte. Dann aber waren dem Kranken die Augen wieder zugefallen, und er war in dem Arme der Nonne eingeschlafen.

Die Nonne hatte unterdeß der Alten erzählt. „Der arme Mensch,“ hatte sie gesagt, „kann nicht weiter. Sie werden ihn nicht verstoßen. So müssen Sie von ihm wissen, wer er ist und wie es mit ihm ist. Er hat mit drüben in der Revolution gekämpft; der Fuß wurde ihm zerschossen, und er mußte zurückbleiben und sich verbergen. Die Soldaten machten Jagd auf ihn, wie auf ein wildes Thier. Den braven Bauern, die ihn verbargen, war es endlich heute gelungen, ihn aus dem Lande zu schaffen. Aber ihr Unternehmen mußte verrathen sein. Auf dem Rheine, als sie schon nahe an dem Schweizer Ufer waren, wurden sie von Soldaten zu Schiffe verfolgt. Wie durch ein Wunder entkamen sie. Ich war dazu gekommen und konnte ihn nicht verlassen. Die Leute, die ihn gebracht hatten, mußten weiter; auch er, der Verwundete, durfte nicht dableiben. So habe ich ihn hergebracht. Die Wunde an seinem Fuße war ihm unterwegs wieder aufgegangen. Unter unsäglichen Schmerzen, unter unsäglichen Mühen ist er bis hier oben gekommen. Sie verstoßen ihn nicht, gute Frau?“

„Nein, nein,“ sagte die Alte.

„Und auch mich nicht? Ich kann nicht in das Kloster zurück. Ich kann nicht.“

„Auch Sie sollen hier bleiben. Sicher sind Sie hier oben. Es sucht Sie kein Mensch bei uns.“

Der Verwundete und die Nonne wurden in das kleine Haus geschafft. Dem Verwundeten wurde ein Lager bereitet. Die Nonne wurde sein Arzt und seine Pflegerin. Sie war ihm noch mehr, und das war sie ihm nicht erst jetzt geworden, meinte die alte Frau. Sie hatten sich schon früher gekannt; es mußte schon vor längerer Zeit gewesen sein. Sie blieben Beide, manche Wochen lang, bis der Verwundete so weit genesen war, daß er keiner fremden Hülfe weiter bedurfte. Zu dem einsamen, versteckten, kleinen Hause kam Niemand. Der verschwundenen und verfolgten Schwester Marcella war dort nicht einmal nachgefragt worden.

Die Wiedergenesung des Kranken hatte bald begonnen; unter der Pflege, die er hatte, mußte es so sein. Er hätte in der Welt keine liebevollere, treuere, sorgsamere Pflegerin finden können, als die Nonne ihm war. Sie wich bei Tage nicht von ihm, sie schlief des Nachts an der Erde zu den Füßen seines Lagers. Sie hatte ärztliche Kenntnisse und Geschicklichkeit; sie besorgte den Verband seiner Wunde, sie wußte ihm aus den Kräutern des Waldes wohlthuenden und stärkenden Trank zu bereiten. Sie hatte der alten Marthe Manches erzählt, Manches aber auch nicht, und die gutmüthige Alte hatte ihr Schweigen und ihr Geheimniß geehrt. Sie hatte auch erzählt, wie der Verwundete gerettet war. Sie selbst war seine Retterin gewesen.

Sie war nicht glücklich da unten im Kloster gewesen; sie hatte dort nicht den Frieden und die Ruhe gefunden, die sie zu finden gehofft hatte und deren ihr Herz doch so sehr bedürfen mochte. Bei Tage hatte sie den Nonnen nicht zeigen dürfen, wie unglücklich sie war; aber wenn sie des Nachts allein in ihrer Zelle war, dann konnte, dann mußte sie sich ausweinen. Der Schlaf kam nicht zu ihr; sie mußte von ihrem Lager aufstehen und dem dunklen Nachthimmel, dem Wasser, das unter ihrem Fenster vorüber rauschte, den Felsen, die vom andern Ufer her zu ihr herübersahen, ihr Leid, ihr Weh klagen.

So hatte sie auch in jener Nacht gestanden, da der Verwundete in dem kleinen Nachen von dem jenseitigen Ufer hergekommen war. Auf einmal hatte sie gesehen, wie der Nachen verfolgt wurde. Die beiden Ruderer hatten mit übermenschlichen Kräften gearbeitet, um den Verfolgern zu entkommen. Sie waren dicht an das Kloster heran, dann stromaufwärts gefahren. Da war ihr ein Gedanke der Rettung für die armen Leute gekommen, die sich selbst wohl schon für verloren hielten. Sie mußte wagen, viel, Alles, und sie that es. Sie verließ ihre Zelle und eilte zu dem Gange, der im Innern des Klosters zu der Kirche führte. Die Thür zu dem Chor der Nonnen war nur von innen verriegelt. Sie öffnete sie und kam auf das Chor. Eine verborgene Treppe führte von da hinunter zu einer Seitencapelle der Kirche. Die Capelle stieß an den Garten des Klosters. Ein Fenster der Capelle führte etwa fünf Fuß hoch in den Garten. Sie kletterte zu dem Fenster hinauf, öffnete es und sprang in den Garten. In dem Garten war ein Teich, hinten an der Mauer, durch ein Pförtchen in derselben in unmittelbarer Verbindung mit dem Rhein, der an der andern Seite der Mauer floß. Am Ufer des Teiches lag eine kleine Gondel; sie sprang hinein, löste dieselbe ab, ruderte zu dem Pförtchen, das gleichfalls nur von innen verriegelt war, und riß es auf.

Sie war gerade zur rechten Zeit gekommen. Eine halbe Minute später langten die Verfolgten an. Die Verfolger waren ihnen auf den Fersen.

„Hierher!“ rief sie.

Die gewandten Ruderer warfen den Nachen herum; das schmale Fahrzeug flog durch das Pförtchen. Die Nonne drückte die Thür hinter ihm zu. Die Verfolger draußen mußten wie vor einem plötzlichen Zauber stehen. Die Verfolgten waren gerettet.

Auch weiter. Die beiden Ruderer mußten ihr helfen, den Verwundeten zu führen; sie kehrte mit ihnen zu der Capelle zurück. Der Verwundete wurde durch das Fenster hineingeschoben. Man kam in die Kirche. Die Nonne, die Novize, die Gehülfin der Glöcknerin, wußte, wo die Schlüssel zu den Kirchthüren waren. Sie schloß eine auf. Durch Dunkel und Stille der Nacht kamen sie in’s Freie, in den Wald, zu dem kleinen, verborgenen Hause. Die beiden Ruderer hatte sie am Saume des Waldes fortgeschickt, um nicht verrathen zu werden, wohin sie ging. Das kleine Haus hatte sie vom Kloster aus oft genug gesehen.

Den fremden Kahn mußten die Nonnen in der folgenden Nacht still und heimlich in den Rhein zurückgebracht haben. Nirgends ist man verschwiegener und muß man oft verschwiegener sein, als in den Klöstern.

Die Schwester Marcella war freilich auch außerhalb des Klosters verschwiegen gewesen, und sie mochte auch wohl ihre Gründe [227] dazu gehabt haben. War doch aber auch der Verwundete verschwiegen und verschlossen gewesen. Die Beiden mußten sich schon früher gekannt haben. Sie hatten es sorgfältig zu verbergen gesucht und gewußt, wenn die alte Frau bei ihnen war. Wenn sie sich aber allein glaubten, hatten sie es desto mehr verrathen. Die alte Frau hatte ihnen nie gezeigt, daß sie etwas gehört habe, aus Gutmüthigkeit nicht, aber auch nicht aus Neugierde. Schon in den ersten Nächten hatten sie leise mit einander geflüstert. Der Kranke hatte wie bittend zu seiner schönen, jungen Pflegerin gesprochen. Die Nonne hatte ihn nur zum Schweigen ermahnt, da das Sprechen ihn angreife, ihm schade. In den Nächten darauf hatte sie seinen Bitten diese Ermahnung allein nicht mehr entgegensetzen können. Sie hatte ihn dann durch andere Vorstellungen zu beruhigen gesucht. Durch welche, das hatte die Frau nicht einmal errathen können, wie auch der Gegenstand seiner Bitten ihr immer fremd geblieben war. Sie hatten Beide zu leise mit einander gesprochen. Nur das hatte sie mehrere Male gehört, daß er sie Ida genannt hatte, und daß sie, wenn er gar nicht nachgegeben, zuletzt in fast lautes Weinen ausgebrochen war. Wenn er dann ruhig geworden und eingeschlafen war, so war sie noch lange in dem Kämmerchen umhergegangen, und die alte Frau hatte hören können, wie sie geseufzt und geweint hatte.

Später, als er auf dem entschiedenen Wege der Genesung war, hatte die Frau dann auch Mancherlei gesehen. Er hatte sich so viel als möglich im Freien aufhalten müssen; die frische Luft des Waldes, die Sonnenwärme thaten ihm wohl, stärkten ihn. Er mußte nach und nach anfangen, den verwundeten Fuß wieder zu gebrauchen. Die Nonne hatte ihn in das Gärtchen neben dem Hanse geführt; auf ihren Arm gestützt, war er unter den Bäumen umhergegangen. An ihrer Seite hatte er auf einer Bank vor dem Hause, auf einem Baumstumpf unter den Bäumen ausgeruht. Dann hatten sie auch oft geglaubt, daß sie allein seien, daß keines Menschen Auge sie sehen, kein Ohr ihre Worte vernehmen könne. Sie hatten auch wohl gar nicht daran gedacht, sie hatten sich vergessen. Denn wie ein Paar, das zusammengehörte, das schon lange zusammengehört hatte, waren sie der alten Frau vorgekommen, der schöne, junge und tapfere verwundete Officier, und die schöne, junge Nonne, die nicht mehr die Nonnenkleidung trug, der die alte Frau drüben überm Rhein, damit es diesseits nicht herauskomme, weltliche Kleidung hatte kaufen müssen, und deren wunderbare Schönheit nun erst recht hervorgetreten war. Aber auch daß sie nicht zusammengehören sollten, nicht zusammengehören durften, hatte sie leicht wahrnehmen können. Wenn sie sich vergaßen – und sie vergaßen sich so oft, wie sie allein beisammen waren – dann hatten sich auch schon ihre Blicke gefunden und sie konnten lange sich nicht wieder trennen; die Augen des jungen Mannes hatten zuerst die Augen des jungen Mädchens aufgesucht; sie hatte sie noch niedergeschlagen gehalten, traurig, schmerzlich; er hatte ihr heimliche Worte zugeflüstert; ihre blassen Wangen waren von einer feinen Röthe belebt worden; sie hatte mit sich gekämpft; dann hatte sie nicht mehr widerstehen können; ihre Augen hatten auch die seinigen gefunden; sie hatten sich in einander versenkt. Wie die Augen, hatten sich die Hände gefunden. Sie hatten beisammen gesessen, wie – „wie ein Paar Brautleute,“ sagte die alte Frau, „die sich über Alles in der Welt lieb haben.“

Aber plötzlich hatten sie sich von einander losgerissen, und da war sie, das junge Mädchen, die Nonne, die Erste gewesen. Erschrocken, heftig hatte sie ihre Hände aus den seinigen gerissen, ihre Wangen waren wieder tief blaß geworden, mit ihren Augen hatte sie vor sich hingestarrt, als wenn sie das Unglück vor sich sehe und den Blick nicht davon abwenden könne. Dann hatte er sie gebeten, gefleht. „Ida!“ hatte er gerufen, daß es der horchenden alten Frau in das Herz geschnitten hatte. Aber sie hatte sich von ihm abgewendet und das Gesicht mit ihren Händen bedeckt, und zwischen den Fingern hatte man ihre Thränen herunter fließen sehen, und wenn er dann immer weiter und weiter bittend und flehend zu ihr gesprochen, dann hatte sie zuletzt laut weinend ausrufen müssen: „Alexander, Alexander!“

Sie hatte ihn dann in das Haus zurückgeführt, in sein Kämmerchen, auf sein Lager, und sie selbst war in’s Freie zurückgekehrt und in den Wald gegangen, tief hinein, wohl um sich da, fern von aller Welt, so recht ausweinen zu können. Da war sie bis zum Abend geblieben, wenn der Kranke sich schon zur Nachtruhe begeben hatte. Schon nach den ersten Tagen, da der Verwundete nicht mehr ihrer unausgesetzten Pflege und Sorge bedurfte, hatte sie des Nachts mit der alten Frau deren Kammer getheilt. Lange hatte jener Zustand des Beisammenseins der Beiden nicht mehr dauern können. Das hatte die alte Frau, das hatten die Beiden selbst eingesehen. Aber wie sollte er enden? Sie hatten auch Alle sich davor gefürchtet. Das Ende sollte bald kommen.

Sie waren bis zur sinkenden Sonne zusammen im Walde gewesen. Als sie des Nachmittags ausgingen, hatte der Verwundete zum ersten Male ganz allein, ohne ihre Hülfe wieder gehen können. Bei ihrer Rückkehr hatte er sich doch wieder auf ihren Arm stützen müssen; sie waren wohl viel und weit gegangen. Aber sie hatten auch anders ausgesehen, als sonst. Ueber seinem Gesichte lag ein seliges Glück ausgebreitet, und sie hatte, wenn sie zu ihm aufblickte, ein inniges, stilles und beglückendes Lächeln für ihn gehabt.

„Gott sei Preis und Dank, die sind endlich doch noch einig geworden!“ hatte es laut in dem Herzen der alten Frau gerufen.

Sie hatte zwar, wenn das Mädchen das Gesicht von dem Verwundeten abgewendet hielt, in ihren Augen einen so sonderbar nachdenkenden, träumenden Blick bemerkt; aber sie hatte nicht darauf geachtet. Wenn man nach so langer Zeit und nach so manchem Zögern und Bedenken zuletzt einig wird, dann kommen noch so allerlei Gedanken hinterher; das muß aber sein. So hatte die alte Frau gedacht.

Die beiden jungen Leute hatten sich zur Nacht getrennt. Sie hatten sich herzlich die Hand gedrückt.

„Gute Nacht, Ida!“ hatte er geflüstert, leise, aber doch lauter, als sonst. Er hatte sich weniger Zwang angethan. Er hatte so unendlich glücklich ausgesehen.

„Gute Nacht,“ hatte sie zurückgeflüstert.

„Sage Alexander!“ hatte er gebeten.

„Gute Nacht, Alexander!“

„Aber, Ida, Du zitterst!“ ruft er verwundert.

„Nein, nein!“ Sie reißt ihre Hand aus der seinigen. Er will sie wieder ergreifen. Sie wehrt ihn zurück.

„Du bist krank, Du bedarfst der Ruhe.“

Er geht in seine Kammer.

„Bis morgen denn!“

„Bis morgen!“

Sie muß das Haus verlassen und setzt sich auf eine Bank vor der Thür. Dort saß sie lange, bis in die Nacht hinein. Die alte Frau horchte einige Male nach ihr hin. Sie hörte sie schwer seufzen. Gegen Mitternacht ging sie zu ihr.

„Wollen Sie nicht schlafen kommen, Mamsell? Es ist schon spät.“

Sie war still aufgestanden und der Frau in das Haus gefolgt. Die Frau wollte die Hausthür verschließen.

„Lassen Sie die Thür offen,“ bat sie.

„Wozu?“

„Sie werden es erfahren.“

Sie gingen zusammen in die Kammer, die sie mit der Frau theilte. Dort suchte sie die wenigen Sachen zusammen, die sie hatte. Es waren nur ein paar Kleidungsstücke, die sie gerade nicht trug.

„Was machen Sie da, Mamsell?“ fragte die Frau.

„Still, still, Frau Marthe!“

Sie war schon fertig.

„Gehen wir vor die Thür, Frau Marthe.“

Sie gingen hinaus vor das Haus.

„Kind, Sie wollen fort!“ rief die alte Frau.

„Ich muß fort.“

„Sie wollen auch den kranken Herrn verlassen?“

„Ich muß! Ich muß ihn –!“

„Er wird den Tod davon haben!“

Sie hatte draußen heftig weinen müssen. Aber nur einen Augenblick lang, dann hatte sie sich gefaßt.

„Nein,“ antwortete sie der Frau Marthe ruhig. „Er wird nicht sterben. Er hat ein starkes Herz, und sein Herz schlägt für die Ehre. Sagen Sie ihm das, Frau Marthe. Sagen Sie es ihm, ich ließe ihn bitten, sich sein braves und starkes Herz zu bewahren und an seine edle und reine Ehre zu denken. Leben Sie wohl, Frau Marthe. Haben Sie Dank, tausend Dank für Alles. Gott sei mit Ihnen, mit ihm.“

Sie riß sich auch von der alten Frau los und wollte fortstürzen.

[228] „Trösten Sie ihn,“ sagte sie noch zurück.

„Werden Sie wieder in’s Kloster gehen?“ rief die Frau ihr noch nach.

„Nein, nein!“

Sie war in der Dunkelheit der Mitternacht und des Waldes verschwunden. „Ich habe sie nicht wiedergesehen,“ sagte die Alte.

„Und der Verwundete?“ fragte ich.

„O, Herr, verlangen Sie nicht, daß ich Ihnen das erzähle! Als ich dem armen Menschen am anderen Morgen die Nachricht bringen mußte – nein, nein, das Herz will mir noch zerspringen, wenn ich daran denke. Ich meinte, es wäre auf der Stelle sein Tod gewesen. Er wollte seine Wunden wieder aufreißen, er wollte sterben. Er wollte ihr nach, über den Rhein zurück, sich dem Feinde ausliefern, damit sie ihn todtschießen möchten. In meinem Leben werde ich den Jammer nicht vergessen. Ich mußte den armen Herrn mit Gewalt bei mir zurückhalten. Dann wollte er nur Eins von mir hören, die letzten Worte, die sie mir für ihn zurückgelassen hatte. Drei Tage war er ohne Entschluß.

„Sie ist doch das edelste, das reinste Herz!“ sagte er zuletzt.

Am vierten Tage ging er von uns. Er fuhr mit der Post nach Zürich.

Wenn ich in Noth käme, sagte er beim Abschiede zu mir, oder wenn ich von der Verschwundenen wieder etwas erführe, solle ich nach Zürich an ihn schreiben lassen, an Alexander Roth; der Brief werde ihn schon finden. Er war ein braver und freigebiger Herr.“

„Sie haben von der Verschwundenen nichts wieder erfahren?“ fragte ich sie noch.

„Nein. Ich bin auch, Gott Lob, noch nicht in Noth gekommen.“ –

Das war es, was ich im Sommer 1856 über Alexander Roth erfahren hatte. Es war, wie ich schon sagte, wenig, und doch, wie viel! Er hatte nie über das Abenteuer gesprochen. Keiner von seinen Bekannten hatte jemals von ihm nur einen der Umstände erfahren, unter denen er im Jahre 1849 war gerettet worden. Ich behielt die Mittheilungen, die mir über ihn geworden waren, für mich, und gab auch ihm nicht einmal eine Andeutung davon. Sein Geheimniß, das Geheimniß des Unglücks eines braven, edlen Mannes mußte mir heilig sein. Ein anderer Zufall sollte mir einige Zeit nachher einen weiteren Blick in sein früheres Leben gewähren, keinen viel tieferen und zudem einen nicht völlig sicheren.

Ein Mord, an der Schweizer Grenze verübt, hatte, auch noch in seinen Folgen, ein ungewöhnliches Aufsehen erregt. Ein reicher Gutsbesitzer wohnte in der Nähe einer lebhaften Stadt, kaum zehn Minuten von dem Stadtthore entfernt. Der Weg von dem Thore zu seinem Gute war die ersten fünf Minuten lang die gewöhnliche Landstraße; dann zog er sich von dieser seitab zwischen Ackerfeldern weiter, von denen er meist durch Zäune und Hecken getrennt war. Der Gutsbesitzer ging jeden Tag gegen Abend zur Stadt in eine Casinogesellschaft. Er blieb dort bis um oder nach zehn Uhr, so daß er regelmäßig zwischen zehn und elf Uhr in der Nacht nach Hause zurückkehrte. Er ging zu Fuße, immer allein, ohne Waffen. Er war ein kräftiger, rüstiger Mann, der keine Furcht kannte. So war es seit Jahren gewesen. In einer Nacht kam er nicht nach Hause zurück. Die Seinigen hatten bis Mitternacht auf ihn gewartet. Er wurde dann gesucht. Man fand nur seine Leiche.

Nachdem man lange vergebens nach der Spur des Mörders geforscht, ward endlich ein Metzger verhaftet, der vor Jahren gegen den Ermordeten bei Gelegenheit eines verweigerten Darlehns laut Rache geschworen hatte und in den Tagen des Mordes verschiedene Male in der Stadt gesehen worden war, später auch ungewöhnlich viel Geld gezeigt hatte. In der Untersuchung verwickelte er sich in Widersprüche, die ihn schwer gravirten, leugnete aber fortwährend die That. Endlich wurde man von seiner Schuld überzeugt, als man noch ermittelte, daß er am Tage nach dem Morde in einem benachbarten Orte in einem Wirthshause an zwei hausirende fremde Juden eine goldene Taschenuhr verkauft hatte, die der allerdings sehr unvollständigen Beschreibung nach die des Gemordeten war. Verschiedene Zeugenaussagen sprachen außerdem gegen ihn, und die Geschwornen erklärten ihn schließlich für schuldig, und das Gericht verurtheilte ihn zum Tode. Er wurde auch wirklich hingerichtet.

Ein Vierteljahr später ergab es sich, daß er unschuldig gewesen war. Zwei Soldaten, wegen liederlichen, unverbesserlichen Lebenswandels von einem Schweizerregiment in Neapel fortgejagt, hatten sich lange vagabundirend im Lande herumgetrieben und von Diebereien und Räubereien gelebt, bis sie nach einem an einer Frau verübten Raubmorde gefangen wurden. Bei einem von ihnen wurde die Börse gefunden, die der ermordete Gutsbesitzer zur Zeit seines Todes bei sich getragen. Sie wurden über den Mord befragt; sie hatten für den Mord an der Frau ohnehin das Leben verwirkt; der Mord des Gutsbesitzers konnte ihre Strafe nicht erhöhen. Sie gestanden ihn ein. Alle Umstände, die sie angaben, stimmten; selbst die geraubte Uhr, die sie verkauft hatten, wurde wieder herbeigeschafft. Sie waren die wahren Mörder. Der Fleischer war unschuldig gewesen und unschuldig hingerichtet worden.

Es wurde überall von dem entsetzlichen Unglücke gesprochen. Ein Justizmord, der durch eine Sorglosigkeit der Gerichte oder auch durch einen Zufall herbeigeführt ist, wird überall und zu allen Zeiten von dem Volke für das beklagenswertheste Unglück angesehen. Die Haare sträuben sich einem davor. Er kann Jeden von uns treffen, Niemand kann sich vor ihm retten. An absichtliche, geflissentliche Justizmorde wird das Volk von despotischen Machthabern und schlechten Richtern mitunter gewöhnt.

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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
Titel: Ein Amnestirter
aus: Die Gartenlaube 1862, Heft 16, S. 241-244
Teil 3

[241] Auf einem Spaziergange traf ich Alexander Roth. Ich hatte ihn lange nicht gesehen, und ebenso war es den andern Bekannten ergangen. Es hieß, daß er in der letzteren Zeit förmlich menschenscheu geworden. Er wollte mit einem stummen Gruße an mir vorübergehen. Er sah sehr blaß aus. Auf einmal blieb er stehen.

„Erlauben Sie, daß ich Sie auf Ihrer Promenade begleite?“ fragte er.

„Es wird mir angenehm sein.“

Er hatte etwas auf dem Herzen und konnte es nicht für sich behalten.

„Sie waren letzte Zeit Criminalrichter?“ sagte er dann.

„Ja.“

„Ist es Ihnen in Ihrer Praxis vorgekommen, daß ein Unschuldiger verurtheilt wurde?“

„Nein! Aber ich kann es nur als ein Glück betrachten, für das ich Gott nicht genug danken kann. Oft genug ist es mir begegnet, daß ich in der ersten Zeit nach einem Verbrechen, im Anfange einer Untersuchung Jemanden für den Thäter, für einen Verbrecher hielt, dessen Unschuld durch die weiteren Ermittelungen, und wie häufig nur durch ein glückliches Ungefähr, sich später vollständig herausstellte.“

„Das kann vorkommen? Einem gewissenhaften, tüchtigen Manne gegenüber?“

„Dem tüchtigsten, dem gewissenhaftesten, meine ich. Denken Sie an den traurigen Fall, der gerade jetzt in Aller Munde ist.“

„Kann es vorkommen, daß Jemand sich selbst für schuldig hält, der in der That unschuldig ist?“

„Auch davon sind mir Beispiele bekannt geworden.“

Er sann nach. Er war unruhig geworden und uneinig mit sich.

„Haben Sie Zeit?“ fragte er dann.

„Sie hören, ich mache eine Promenade.“

„Werden Sie es nicht verschmähen, einen Criminalfall von mir anzuhören?“

„Interessante Criminalgeschichten höre ich immer gern. Sie kennen das Sprüchwort von dem alten Fuhrmann.“

„Mein Fall ist interessant. Doch ich weiß es nicht. Haben Sie die Güte, mir zuzuhören.“

Er erzählte. Er war aufgeregt geworden und suchte anfangs seine Aufregung zu verbergen. Nachher vergaß er es. Er hatte zuerst kalt, trocken gesprochen. Er wurde immer lebhafter, aufgeregter, zuletzt – aber ich darf nicht vorgreifen.

„Ich erlebte einmal eine seltsame Geschichte,“ hob er an. „Es war im März des Jahres 1849. Ich hatte flüchten müssen, denn ich war schon damals als Hochverräther verfolgt. Sie wissen, einen Vorwand, Jemanden wegen Hochverraths zu verfolgen, hatte man damals schnell und leicht genug bei der Hand. Die Regierungen wünschten es; die Gerichte beeilten sich, wo möglich den Wünschen der Regierungen noch zuvorzukommen. Polizei und Militär war mir auf den Fersen. Ich kannte nur noch einen sicheren Aufenthaltsort, an dem ich mich, bis man von meiner unausgesetzten Verfolgung ablasse, ohne Gefahr der Entdeckung verbergen könne. Es war die Wohnung eines Freundes, der zur Partei der entschiedensten, der heftigsten Reaction gehörte. Er war mein erklärtester, erbittertester politischer Widersacher. Aber er war zugleich der stolzeste und der unbeugsamste Charakter, und nie habe ich einen Mann kennen gelernt, der eifersüchtiger auf seine Ehre vor den Menschen, vor der Welt war. Der untadelhafteste Edelmann zu sein, an dessen Namen und Ruf auch nicht das kleinste Fleckchen gehängt werden könne, das war ihm Alles, dafür hätte er sein Leben als ein Nichts hingegeben. Daß er mir, dem alten, engverbundenen Freunde, ein Asyl bei sich nicht verweigern, daß er es mir um so weniger verweigern werde, je mehr wir erbitterte neue Widersacher waren, davon konnte, mußte ich eben so sehr überzeugt sein, als ich sicher darauf rechnen konnte, daß man gerade bei ihm, dem allbekannten Aristokraten und Reactionär, mich am allerwenigsten vermuthen und aufsuchen werde.

Sein Schloß lag einsam im Gebirge. Ich erreichte es, verkleidet, nachdem es mir geglückt war, meine Verfolger von meiner Spur abzulenken. Ich war früher nur einmal in dem Schlosse gewesen, vor Jahren, als Knabe, mit meinem Vater, der den Vater meines Freundes besucht hatte. Schon unsere Väter waren Freunde gewesen. Ich hatte nur noch eine schwache Erinnerung des Gebäudes. Meinen Freund hatte ich seit zwei Jahren nicht wieder gesehen. Das schon damals in der Gährung begriffene politische Leben hatte uns aus einander gebracht. Er hatte sich zu derselben Zeit vermählt. Er war mehrere Jahre älter als ich. Seine Gattin hatte ich nie gesehen, ich hatte nur gehört, daß sie eine sehr schöne, aber reizbare, heftige, zum Jähzorn geneigte und zudem stolze Frau sei. Ich war gegen Abend in der Kleidung eines Bauern im Schlosse angekommen. Ich traf auf dem Schloßhofe einen Bedienten und fragte ihn, ob der Herr zu Hause sei.

„Ja,“ war die Antwort.

Ob ich ihn sprechen könne?

„Nein.“

Ich müsse ihn dringend, nothwendig sprechen.

[242] Der Herr habe keine Zeit.

Ich nahm aus meiner Brieftasche ein Blatt Papier und schrieb mit wenigen Worten darauf, daß Jemand, den er aus dieser Handschrift erkennen werde, ihn zu sprechen wünsche. Mit dem Zettel schickte ich den Diener zu ihm. Mein Freund kannte meine Schrift; es konnte ihm nicht unbekannt sein, daß ich verfolgt wurde. Er mußte dann auch das Weitere wissen. Es war so, und es geschah auch, was ich erwartet hatte. Der Bediente kam zurück, führte mich in das Schloß, in ein Zimmer und hieß mich, dort zu verziehen, der Herr werde kommen, sobald es ihm möglich sei. Der Mensch sprach kurz und behandelte mich wie einen Bauern. Sein Herr hatte sich und mich nicht gegen ihn verrathen. Ich mußte etwa zehn Minuten warten. Der Diener hatte mich allein gelassen. Mein Freund trat zu mir ein; nicht durch die Thür, durch die ich eingeführt war, sondern durch eine Tapetenthür, die ich bisher nicht bemerkt hatte. Er war rasch eingetreten. Es schien mir, als wenn er die Thür absichtlich leise geöffnet hätte. Er war eilig und hörte kaum meine Begrüßung an. Er grüßte nicht zurück und nahm leise und schnell meine Hand.

„Du wirst hier bleiben,“ sagte er flüchtig, „Du bist sicher bei mir. Auch in diesem Zimmer, es stößt an mein Cabinet. Ich habe große, dringende Eile. In einer Stunde spätestens hoffe ich wieder bei Dir zu sein. Entschuldige mich.“

Er wartete meine Antwort nicht ab und verschwand durch die Tapetenthüre, durch die er gekommen war. Es war ein sonderbarer Empfang, der durch unser Verhältniß zu einander und durch meine unerwartete Ankunft allein nicht begründet und nicht erklärt sein konnte. Es mußte außerdem im Schlosse etwas Besonderes vorgefallen sein oder noch vor sich gehen. Ich dachte darüber nach. Es fiel mir auf, daß mein Freund aufgeregt, ja verstört ausgesehen hatte. Ich sann vergebens darüber nach, was sich ereignet haben könne. Ich horchte, aber hörte nichts. Ich blickte durch das Fenster des Zimmers, in dem ich mich befand, und sah auch nichts. Das Schloß hatte zwei vorspringende Flügel, in dem einen befand ich mich. Ich konnte durch das Fenster den gegenüberliegenden Flügel und die ganze Vorderseite des Hauptgebäudes übersehen, es lag Alles still und dunkel, wie ausgestorben da. Ich hatte eine halbe Stunde gewartet. Plötzlich war es mir, als wenn ich in einem Gemache neben mir ein Geräusch gehört hätte. Es war hinter der verborgenen Tapetenthür, also wahrscheinlich in dem Cabinet meines Freundes, von dem er gesprochen hatte. Es mußte dort Jemand eingetreten sein. Dann wurden ein paar rasche Schritte hin und her gemacht. Dann glaubte ich eine Stimme zu hören, als wenn Jemand gerufen werde. Alles war leise, sehr leise. Plötzlich wurde die Tapetenthür geöffnet. Eine Dame erschien darin. Sie warf einen Blick in mein Zimmer; sie sah mich und flog zurück.

„Allmächtiger Gott!“ hatte sie aufgeschrieen.

Sie hatte mich erkannt, und ich hatte sie erkannt. Ich war heftig erschrocken, vielleicht mehr als sie. Warum konnte, warum mußte sie vor mir erschrecken, vor mir fliehen? Ich eilte ihr nach, ich mußte es. Sie war die Tochter eines Oberförsters in meiner Heimath. Die Wohnung ihres Vaters und mein elterliches Haus hatten kaum ein paar hundert Schritte von einander entfernt gelegen. Wir waren ungefähr in einem Alter, waren zusammen aufgewachsen, zusammen auferzogen. Wir hatten als Kinder zusammen gespielt und gemeinsamen Unterricht gehabt. Wir wohnten auf dem Lande, von einer Stadt entfernt und waren später getrennt, als ich zur Universität ging. Ich hatte sie aber wieder gesehen, wenn ich in den Ferien zu Hause war, zuletzt vor ungefähr einem halben Jahre. Seitdem hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Sie hatte immer das bravste, edelste, reinste und unbefangenste Herz und einen klaren, hellen Verstand. Wir waren immer eng verbunden gewesen. Wie kam sie hierher, in das Schloß meines Freundes, und in welcher Stellung war sie hier? Ich wußte, daß ihr Vater vor einigen Jahren verstorben war und kein Vermögen zurückgelassen hatte. Ihre Mutter lebte von einer geringen Pension mit noch drei jüngeren Kindern. Daß Ida – so hieß die älteste Tochter, die ich so plötzlich wiederfand – sich irgend eine Lebensstellung werde zu verschaffen gesucht haben, um ihrer Mutter die Last ihrer Ernährung abzunehmen, konnte ich mir wohl vorstellen. Aber welche konnte sie hier, in dem Schlosse meines Freundes, gefunden haben? Seine Kinder, wenn er deren hatte, konnten noch nicht in dem Alter sein, um einer Erzieherin zu bedürfen. War sie vielleicht die Gesellschafterin seiner Frau? Aber vor Allem, warum erschrak, warum floh sie vor mir? Ich war ihr in das Zimmer gefolgt, in das sie geflohen war. Es war das Arbeitscabinet des Hausherrn, meines Freundes, ich sah es an Allem. Sie war noch in dem Zimmer, sie suchte weiter zu entfliehen. Ich rief ihren Namen. Sie blieb stehen, aber als wenn der Schreck sie gelähmt habe. Ihr Gesicht hielt sie von mir abgewandt.

„Ida, Du hast mich erkannt!“

„Ja,“ bebte es über ihre Lippen.

„Und warum fliehest Du vor mir?“

Sie antwortete nicht. Ich war an sie herangetreten und hatte ihre Hand gefaßt. Es war eine eiskalte, zitternde Hand. Sie ließ sie mir. Aber ihr Gesicht wandte sie um so mehr von mir ab.

„Ida, kannst Du mich nicht mehr ansehen?“

„Lassen Sie mich,“ preßte sie hervor.

„Sie, Ida? Haben wir je anders als Du zu einander gesagt?“

„Ich beschwöre Sie –“

„Um des Himmels willen, was ist hier vorgefallen? Ich beschwöre Dich, Ida! Was ist es?“

Sie raffte sich plötzlich auf und wandte ihr Gesicht zu mir. Es war leichenblaß, kreideweiß. Sie sah mich an, aber mit Augen, die ohne Glanz, ohne Leben starrten, sie wollte zu mir sprechen, aber sie konnte es nicht. Mich überlief ein kaltes Entsetzen.

„Ida, Ida, hier ist ein großes Unglück geschehen, oder ein –“

Ich konnte das Wort nicht aussprechen.

„Sprich es aus!“ rief sie.

Ich hatte ihre Hand noch gehalten. Sie preßte die meinige krampfhaft. Durch ihre dunklen Augen zuckte ein wilder Blitz, ihr Gesicht blieb so weiß, so leichenhaft. Welch einen Anblick bot das schöne, von Schreck, von Angst, von – ich wußte nicht wovon, verzehrte Mädchen! Doch ich wußte es wohl, eine Stimme rief es laut in mir bei dem Anblicke, und ich mußte es sagen.

„Oder ein furchtbares Verbrechen, Ida,“ setzte ich hinzu.

„Allmächtiger Gott!“ schrie sie noch einmal auf.

Sie riß ihre Hand aus der meinigen und stieß mich von sich. Sie schwankte. Mich ergriff es wie Verzweiflung.

„Ida, Ida!“ rief ich. „Aber Du bist nicht die Verbrecherin! Du kannst es nicht sein! Sage es mir; sage mir, daß Du es nicht bist.“

Sie hatte sich gefaßt, mühsam. Sie konnte aufrecht stehen – konnte zu mir sprechen, aber – antworten konnte sie mir nicht.

„Nachher!“ sagte sie. „Ich muß fort. Auf der Stelle. Nachher sollst Du Alles erfahren. Ich werde zu Dir kommen. Sage Niemandem, daß Du mich gesehen hast.“

Sie eilte fort. Sie hatte rasch, aber immer unter dem Eindrucke des Schrecks, der tiefsten innersten Angst gesprochen. Sie war durch eine zweite geheime Thür verschwunden, die sich in der Tapete des Cabinets befand, gegenüber derjenigen, durch die ich ihr gefolgt war. Ich kehrte in mein Zimmer zurück und verschloß die Tapetenthür hinter mir. Ich war in einer peinigenden Angst. War hier ein Verbrechen vorgefallen? War sie die Verbrecherin? Ich hatte keinen anderen Gedanken.“

Roth unterbrach seine Erzählung.

„War sie eine Verbrecherin?“ fragte er mich. „Sie haben als Criminalrichter eine reiche Erfahrung. Antworten Sie mir aufrichtig. Wenn ein Verbrechen vorgefallen war – und es war eins vorgefallen, zu derselben Stunde, vielleicht in derselben Minute, da ich in das Schloß eingetreten war – antworten Sie mir aufrichtig, würden Sie, nach Allem, was ich Ihnen mitgetheilt habe, und ich habe Ihnen ausführlich erzählt und Wort für Wort, damit Sie sich ein klares, richtiges Urtheil bilden können – hätten Sie nach Allem das arme Mädchen für eine Verbrecherin gehalten? Halten Sie sie jetzt dafür?“

„Welches Verbrechen war begangen?“ fragte ich.

„Hat das Einfluß auf Ihr Urtheil?“

„Ich sähe vielleicht klarer. Wer könnte, nach der äußern Erscheinung eines Moments, zudem eines Moments der Aufregung, unmittelbar nach einer Unthat oder nach einem Unfall, wer könnte blos danach sich ein ganz klares Urtheil bilden, zumal gegenüber [243] einem weiblichen Wesen von besserer Bildung und einem reinen, edlen Herzen?“

Meine Antwort hatte ihm den schweren Athem erleichtert.

„Haben Sie die Güte, mir weiter zuzuhören,“ fuhr er fort. „Ich mußte noch fast eine volle Stunde allein in meinem Zimmer zubringen. Niemand war bei mir gewesen; um mich her war es still geblieben, nur einmal hatte ich gehört, wie draußen von dem Schloßhofe ein Reiter fortgesprengt war. Einige Minuten später war eilig ein Wagen fortgefahren. Licht hatte ich dabei auf dem Hofe nicht gesehen, um so weniger also erkennen können, wer sich entfernt hatte. Endlich hörte ich wieder Schritte in dem Cabinet neben mir. Ich glaubte den Schritt meines Freundes zu erkennen und hatte mich nicht geirrt. Er ging in dem Zimmer ein paar Mal rasch auf und ab, dann langsamer; dann hatte er plötzlich die geheime Thür zu meinem Zimmer geöffnet. Er stand fest und ruhig vor mir, ohne eine Spur seiner früheren Aufregung. Aber er war sehr blaß, seine Gesichtszüge waren erschlafft, auf seinem ganzen Wesen lag ein schwerer Druck. Er sah aus, wie ein Mensch, den ein großes, schweres Unglück, irgend etwas Schreckliches getroffen, der aber mit großer Kraft sich wieder zu erholen, sich wieder aufzurichten vermocht hat, freilich noch immer angegriffen von dem Schlage, wie vielleicht auch gerade von der Anstrengung, die er machen mußte, um sich zu erholen.

„Darf ich Dich bitten, zu mir einzutreten?“ sagte er. „Wir sind dort völlig ungestört.“

Wir begaben uns in sein Cabinet.

„Ehe wir von Dir sprechen,“ hob er da an, „habe ich Dir eine traurige Mittheilung zu machen. Du bist in einem unglücklichen Momente in mein Haus getreten. Vor einer halben Stunde starb meine Frau.“

„Großer Gott!“ mußte ich entsetzt rufen. Und Ida –? Ich hatte den Namen nicht ausgesprochen, aber der Gedanke wollte mich vernichten.

Der Graf – mein Freund – Er war Graf. Ich darf auf Ihre Verschwiegenheit rechnen, wenn ich Ihnen auch den Namen nicht nenne?“

„Sie dürfen.“

„Der Graf hatte mein Entsetzen nicht bemerkt. Er hielt sein Gesicht mit seinem Taschentuche bedeckt und athmete schwer darunter. Ich glaubte, ihn schluchzen zu hören. Er faßte sich wieder und nahm meine Hand.

„Verzeihe mir,“ sagte er. „Ich konnte meinem Schmerze nicht wehren. Laß uns jetzt von Dir sprechen. Ich ahne, was Dich zu mir, gerade hierher führt –“

„Nein,“ mußte ich ihn unterbrechen. „Nachher von mir. Erzähle mir zuerst von Deiner lieben Frau.“

„Ich soll mir das Herz erleichtern, meinst Du. Ich bin Dir dankbar dafür. Wohlan denn. Aber was soll ich Dir erzählen? Ein solcher plötzlicher Schlag betäubt.“

„Deine Frau starb plötzlich?“

„Ach, wie man es nimmt. Sie war noch so jung, und ich liebte sie so innig. Wie käme da der Tod nicht zu früh! Wie käme er nicht plötzlich, einem Blitze aus heiterem Himmel gleich!“

„Sie war also krank vorher?“

„Unwohl nur und seit vorgestern erst. Erst vor etwa einer Stunde zeigten sich ernsthafte Krankheitssymtome.“

„Und auch der Arzt hatte vorher keine Gefahr erkannt?“

„Ein Arzt war nicht da. Wir hatten keine Gefahr geahnt, die Kranke am allerwenigsten. Der Arzt wohnt weit, sie wollte nicht, daß zu ihm geschickt werde. Außerdem haben wir eine Hausapotheke im Schlosse. Vor einer Stunde, schon vor anderthalb Stunden, sandte ich dennoch zu ihm, vor einer halben Stunde, als er nicht kam, nochmals und zugleich schickte ich ihm meinen Wagen entgegen. Ich erwarte ihn jeden Augenblick, freilich zu spät; allein was ihr fehlte, an welcher Krankheit sie gestorben ist, kann er uns sagen.“

„Du weißt das nicht?“

„Sie war immer wohl gewesen. Vorgestern klagte sie über Kopfschmerzen, Druck im Magen. In der Nacht war ihr wohler geworden. Am Morgen hatten die Schmerzen wieder zugenommen. Die Mittel der Hausapotheke milderten, und heute früh fühlte sie sich völlig wohl. So blieb es bis zum Abend. Nur war sie sehr ermattet. Gegen Abend trat auf einmal, ganz plötzlich, heftiges, von Viertelstunde zu Viertelstunde sich steigerndes Kopfweh ein, eine furchtbare Beängstigung gesellte sich hinzu. Ich hatte schon in der ersten Viertelstunde zu dem Arzte gesandt. Drei Viertelstunden später war sie todt. Eine Stunde, nein, eine halbe Stunde vorher hatte ich noch nicht an eine Möglichkeit des Todes gedacht; fünf Minuten vorher hatte ich den Gedanken daran wie Wahnsinn von mir zurückgewiesen. Ermiß nun meinen Schmerz. Er ist um so größer, da ich ihn allein tragen muß. Unser einziges Kind, kaum ein Jahr alt, versteht ihn noch nicht einmal.“

Er schloß. Ich hatte ihm mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört, aber ich gestehe es, auch mit Mißtrauen, und ich weiß selbst nicht, woher es mir kam, auf jedes seiner Worte, auf jede seiner Mienen, auf jede seiner Bewegungen geachtet. Er hatte ganz mit jener Fassung eines Mannes gesprochen, der von einem harten Schlage getroffen ist, der noch unter dem Drucke eines schweren Schmerzes leidet, der aber die hohe Kraft der männlichen Selbstbeherrschung hat und durch sie zum Herrn seines Schmerzes geworden ist. So mit voller innerer Wahrheit. Von meinem Mißtrauen hatte er keine Ahnung, eben so wenig also auch von dem Grunde meines Mißtrauens. Und doch wollte, konnte es nicht schwinden, wenn ich an Ida dachte. Ich mußte ihm näher treten.

„Dir stand Niemand zur Seite in der Pflege der Armen?“ fragte ich ihn.

„Die Erzieherin meiner jüngeren Geschwister,“ sagte er.

Er hatte, wie mir einfiel, ein paar jüngere Schwestern. Sie wohnten bei ihm im Schlosse, und Ida war also als ihre Erzieherin hier. Ich schloß es aus seiner Antwort, und so war es. Er hatte mir unbefangen, wie zerstreut geantwortet, dennoch mußte ich weiter fragen.

„Du hattest wirkliche Hülfe an ihr?“

„Gewiß. Sie war meiner Frau schon lange eine Freundin geworden. Sie hat ihr beigestanden bis zu ihrem letzten Athemzuge, wie eine Schwester, wie eine Mutter.“

Mir wollte es leichter um das Herz werden. Ich glaubte jene Angst Ida’s auch ohne ein Verbrechen mir erklären zu können, erklären zu müssen. Er sprach nicht weiter, und ich fragte ihn nicht mehr.

„Laß uns jetzt von Dir sprechen,“ sagte er. „Mir ahnt es, Du bist als Flüchtling hier.“

„Du hast es errathen.“

„Ich rechne es Dir hoch an, daß Du zu mir kommst. Es war der Schritt eines edlen Freundes.“

„Ich wußte, daß Du mich so aufnehmen würdest.“

„Und Du bist sicher hier. Man wird Dich bei mir nicht suchen, Niemand könnte in diesem weitläufigen Schlosse Dich finden. Du kannst hier jahrelang unentdeckt bleiben.“

„Ich hoffe Deine Freundschaft nur für kurze Zeit in Anspruch nehmen zu müssen.“

Wir wurden unterbrochen. Auf den Schloßhof war rasch ein Wagen gefahren. Mein Freund blickte durch das Fenster.

„Der Arzt!“ sagte er. „Ich muß ihn zu der Todten führen. Kehre in Dein Zimmer zurück. Ich komme wieder zu Dir.“

Ich ging in mein Zimmer zurück. Er verließ das seinige, und ich war wieder in völliger Stille und konnte frei meinen Gedanken nachgehen. Ich wurde mehr und mehr ruhig. Ich hatte ihr das Wort „Verbrechen“ zurufen wollen. Sie hatte es gewußt. „Sprich es aus!“ hatte sie gesagt. Ich erwartete mit Schmerzen ihre Rückkehr. Sie kam nicht. Aber etwas Anderes kam. Der Graf kehrte nach einer halben Stunde in sein Zimmer zurück. Bei ihm war ein Fremder, der Arzt, wie ich bald erfahren sollte.

„Herr Graf,“ hob sofort nach dem Eintreten der Fremde an, „ich habe Sie gebeten, mich hierher zu führen, weil ich Ihnen etwas mitzutheilen habe, das ich zunächst nur Ihnen allein sagen darf.“

Er sprach mit tiefem, fast feierlichem Ernst, mit mühsam unterdrückter Bewegung. Er hatte eine wichtige Eröffnung zu machen.

„Und was wäre das?“ fragte der Graf.

Seine Stimme verrieth gleichfalls Bewegung, die Bewegung der Spannung.

„Ihre Frau Gemahlin ist an Gift gestorben!“

„Großer Gott!“ schrie der Graf auf.

Es war ein furchtbarer Schmerzenston.

[244] „Fassen Sie sich, Herr Graf,“ fuhr der Arzt fort. „Meiner Sache bin ich sicher, und wenn hier nicht ein großes Unglück geschehen ist, das ich mir freilich kaum zu erklären vermöchte, so ist ein entsetzliches Verbrechen verübt, das unter allen Umständen an das Tageslicht gezogen werden muß. Darüber müssen wir vorher, ehe den Gerichten die Anzeige gemacht wird, mit Ruhe und Klarheit sprechen. Darf ich bitten, mir einige Fragen zu beantworten? Die Krankheitsgeschichte haben Sie mir mitgetheilt. Welche Personen waren seit vorgestern um die Verstorbene? Besonders seit dem gestrigen Abende und an dem heutigen Tage?“

„Die Erzieherin.“

„Immer?“

„Ununterbrochen.“

„Sie allein?“

„Sie meist allein, wenn nicht auch die Kammerfrau da war.“

„Hm – und diese Erzieherin –?“

Der Arzt war in Verlegenheit. Er konnte keine Worte finden, die das ausdrücken sollten, was er sagen wollte, oder er hatte nicht den Muth sie auszusprechen.

„Darf ich Sie bitten, mir zu folgen?“ sagte auf einmal der Graf.

Er sprach in einem auffallend anderen Tone und schien plötzlich irgend einen Entschluß gefaßt zu haben.

„Wohin?“ fragte der Arzt.

„Darf ich bitten?“

Sie verließen das Cabinet, und ich war wieder in der peinlichsten Einsamkeit. War ich vorhin mit jedem Momente ruhiger geworden, jetzt steigerte sich von Minute zu Minute eine Angst, für die ich keinen Namen, keine Beschreibung habe. Ich war über eine Stunde allein. Niemand kam zu mir. Ich hörte keinen Schritt und keine Stimme. Nur einmal hatte ich wieder einen Reiter schnell vom Schloßhofe fortsprengen gehört. Es war später Abend geworden.

Endlich kam aus dem Cabinet des Grafen durch die geheime Tapetenthür Jemand zu mir. Es war der Kammerdiener des Grafen, ein alter Mann, den ich schon früher gesehen hatte, der schon der Kammerdiener und zwar der vertraute Diener des verstorbenen Vaters gewesen war. Der Graf schickte ihn. Der Herr Graf könne selbst unmöglich zu mir kommen. Er lasse mich bitten, ihm, dem Diener, in ein anderes Gemach zu folgen, in welchem ich ebenfalls völlig sicher und ungestört sei, und in welchem zudem Alles zu meiner Ruhe und Bequemlichkeit bereit stehe. Morgen früh werde der Herr Graf zu mir kommen. Ich folgte dem Diener. Er führte mich durch mehrere einsame Corridore in einen entfernten, abgelegenen Theil des weitläufigen Schlosses. Zwei Zimmer waren dort gastlich und bequem für mich eingerichtet. Ein Abendessen stand bereit.

„Ich komme zurück, um abzutragen,“ sagte der Diener.

Aber ich hatte vor allen Dingen Fragen an ihn. Er war auch noch der Vertraute des Hauses und wußte Alles, was im Schlosse geschah. Er wußte auch jetzt Alles, denn er sah tief gedrückt aus. Schmerz, Angst und Sorge drohten ihn zu erdrücken.

„Wo ist der Graf?“ fragte ich ihn.

„In dem Sterbezimmer.“

„Allein?“

„Der Arzt ist bei ihm.“

„Sonst Niemand?“

„Die alte Kammerfrau der hochseligen Gräfin.“

„Und die Gouvernante?“

„Sie ist nicht da.“

„Der Graf erzählte mir von ihrer treuen Pflege der Verstorbenen.“

„Ja.“

„Und sie ist nicht da?“

„Nein.“

„Sie ist wohl zu sehr angegriffen?“

„Es ist möglich.“

Ich hatte noch Fragen genug. Nach Ida, wo sie sei? ob sie allein sei? Nach der Verstorbenen, nach dem Grafen, dem Arzte. Aber ich mußte gegenüber dem einsylbigen Manne schweigen, um namentlich nicht mich und das unglückliche Mädchen zu verrathen. Er ließ mich allein. Ich konnte nicht essen, nicht trinken, nicht ruhen. Nach einer halben Stunde kam er wieder. Ich war auch unterdeß allein, es war um mich her still geblieben.

„Sie haben nichts angerührt?“ sagte er.

„Wie konnte ich, alter Friedrich?“

„Ja, es ist ein schweres Unglück. Eine so junge Dame! Und so –“ Er brach ab. Aber er war weniger einsylbig, als vorhin.

„Woran ist die Gräfin gestorben?“ fragte ich ihn.

Er wollte antworten. Aber es war, als wenn ein plötzliches Entsetzen ihm die Lippen verschließe.

„Es ist hier ein Geheimniß, Friedrich?“

Er nickte mit dem Kopfe.

„Ein schreckliches?“

„Ja.“

In dem Augenblicke hörte man einen Wagen fahren. Wo, konnte ich nicht unterscheiden. Die Zimmer, in die der alte Diener mich geführt hatte, lagen nicht nach dem Schloßhofe hin; ich wußte selbst noch nicht, nach welcher Seite. Der Diener horchte.

„Da kommt Jemand?“ fragte ich ihn.

„Ja.“

„Besuch?“

„Das Gericht,“ preßte er, vielleicht unwillkürlich, hervor.

„Wie, Friedrich?“

„Ja, Herr –“

„Wegen des Todes der Gräfin?“

Aber er hatte sich besonnen. „Fragen Sie mich nicht. Sie werden zwar morgen Alles erfahren – aber – nein, nein!“ Er entfernte sich schnell. „Gute Nacht!“ sagte er noch.

Ich verlebte die schrecklichste Nacht meines Lebens.

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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
Titel: Ein Amnestirter
aus: Die Gartenlaube 1862, Heft 17, S. 257-260
Teil 4

[257] „Die Gräfin war vergiftet; es war nicht mehr zu bezweifeln. Die Erzieherin war nicht mit den Anderen im Sterbezimmer gewesen; sie nicht, die treueste Pflegerin der Verstorbenen. Und gerade, als ich auf sie das Gespräch gebracht, war der alte Friedrich so einsylbig, so zurückhaltend geworden. Und dann – sie war nur als Erzieherin der Schwestern des Grafen da, und doch – es fiel mir auf einmal glühend heiß auf das Herz – und doch war sie allein und durch die verborgene Thür in das Cabinet des Grafen gekommen, sogar, als sie ihn dort nicht fand, in das geheime Zimmer nebenan, in dem sie mich getroffen hatte. Sie konnte so ohne Weiteres zu ihm kommen, ihn aufsuchen. Sie mußte mit ihm vertraut sein, eigenthümlich vertraut. Und auf der anderen Seite wieder, hatte nicht dennoch der Graf in jenen wenigen Worten, die ich aus seinem Gespräche mit dem Arzte vernommen, vielleicht unwillkürlich, aber deutlich, gerade auf sie einen entsetzlichen Verdacht geworfen? Und wirklich unwillkürlich? Vielleicht nur unbedachtsam in meiner Nähe. Als ihm diese einfiel, hatte er mit dem Arzte das Zimmer verlassen, um ganz ungestört mit ihm weiter reden zu können.

Meine Gedanken verwirrten sich. Meine Phantasie zeigte mir das Entsetzlichste. War Ida erst Nebenbuhlerin, dann Mörderin geworden? Es war nicht möglich. Aber der Graf? Wir waren Freunde, ich hatte in ihm den stolzesten Mann, den Mann der untadelhaftesten Ehre kennen gelernt. Aber war es nicht vielleicht blos der Stolz des Edelmannes, die äußere Ehre des Standes gewesen? Und – die Macht der Leidenschaft ist eine furchtbare, und sie ist um so furchtbarer, je verbrecherischer die Leidenschaft ist, und wie leicht kann ein junger, vornehmer, reicher Edelmann ein armes, bürgerliches Mädchen bethören! Und Ida war schön, und sie war allein und heimlich zu ihm gekommen, in der Stunde des Todes seiner Gattin! – Ich hatte in der ganzen langen Nacht keinen Augenblick Schlaf.

Der Graf hatte mir sagen lassen, er werde erst am andern Morgen zu mir kommen. Aber Ida hatte mir ihren Besuch noch für den Abend versprochen. Ich erwartete sie. Ich wartete in fieberhafter Aufregung auf sie. Sie kam nicht. Niemand war zu mir gekommen. Es war auch ruhig im Schlosse geblieben während der Nacht. Als der Tag graute, hörte ich einen Wagen wegfahren, zehn Minuten nachher einen zweiten, eine Viertelstunde später einen dritten. Sonst vernahm ich nichts. Um die Frühstückszeit kam der alte Friedrich zu mir, mir das Frühstück zu bringen. Er sah erschöpft und zugleich verweint aus, er mußte die ganze Nacht gewacht haben, und es mußte dem alten treuen Diener etwas sehr schwer und hart an das Herz getreten sein.

„Der Herr Graf läßt sich entschuldigen.“ sagte er. „Er hat heute früh plötzlich abreisen müssen, ohne von Ihnen Abschied nehmen zu können.“

„Der Graf ist abgereist?“ mußte ich fragen, das Wort „reisen“ betonend.

„Ja.“

„Allein?“

„Nur mit Dienerschaft.“

„Und wohin?“

„Der Herr Graf will eine größere Reise antreten. Sie können denken, daß es ihm unmöglich sein muß, länger in diesem Schlosse zu bleiben.“

„Ich hörte drei Wagen fortfahren.“

„In dem dritten war der Herr Graf.“

„Und in dem ersten?“

„Die Gerichtsbeamten. Sie hatten die ganze Nacht verhandelt.“

„Und in dem zweiten?“

„Die Gouvernante der jungen Gräfinnen.“

„Auch sie ist abgereist?“ Ich mußte mir fast übermenschliche Gewalt anthun, um meine furchtbare Aufregung nicht zu verrathen.

„Ja,“ antwortete er halblaut.

„Und wohin sie?“

Dem alten Manne stürzten die Thränen aus den Augen.

„In das Criminalgefängniß.“

„Friedrich!“

„Die gnädige Frau ist vergiftet. Das Fräulein, die Gouvernante ist die Giftmischerin, die Mörderin.“

„Das Fräulein –?“

„Sie soll es sein. Nein, nein, sie ist es. Sie kann es ja nur sein. Nur sie allein war um die Kranke. Sie hat sie gepflegt und ihr die Arzneien gereicht, den Thee, den Zucker, die Suppen –“

„Aber warum? Warum hat die Unglückliche Mörderin werden können?“

Er zuckte die Achseln. „Ich weiß nichts, gar nichts.“ Er wollte nichts mehr wissen.

„Hat sie ein Bekenntniß abgelegt?“ fragte ich ihn noch.

„Nein.“

Mir wollte doch ein Stein vorn Herzen fallen. Ich fragte [258] ihn nicht weiter. Ich blieb noch zwei Tage im Schlosse und sah nur den alten Friedrich, der mir aber nichts mehr erzählte und den ich auch nichts mehr fragte.

Am dritten Tage konnte ich es nicht mehr aushalten. Ich fürchtete, in der Einsamkeit wahnsinnig zu werden. Ich mußte fort, auf die Gefahr hin, ergriffen, erschossen zu werden. An meinem Leben war mir nichts mehr gelegen. Ich wurde gefangen; schon nach wenigen Tagen. Die Polizei war damals allmächtig und allwissend, wenn es politischen Verbrechern galt. Wäre ich ein Räuber oder Mörder gewesen, ich hätte entkommen können.

Mir wurde als Hochverräther der Proceß gemacht. Damals war Jeder ein Hochverräther. Selbst das Volk war gleichgültig dagegen geworden. Das Regiment der Zeit hatte schnell die Rechtsbegriffe zu verwirren gewußt. Ich war mit gleichgültig geworden. Da vernahm ich in meiner Haft von der Vergiftung der Gräfin –; von dem Proceß, der ihrer Mörderin gemacht werde; von der unbegreiflichen Flucht dieser Mörderin aus ihrer strengen Haft.

Die Liebe zum Leben erwachte wieder in mir. Ich entfloh. Es kostete mir wenige Mühe, vieles Geld. Solches Regiment mußte von feilen Schurken bedient werden. Ich suchte zuerst die unglückliche Mörderin auf, fand sie aber nicht. Ich warf mich in die badische Revolution. Darauf – darauf kam ich hierher. Ich habe jetzt Alles erzählt. Und nun frage ich Sie: Ist die Unglückliche eine Mörderin, kann sie es sein?“

Ich mußte mir dieselbe Frage stellen. Aber er hatte mir nicht Alles mitgetheilt. Er hatte mir nicht gesagt, daß er die Unglückliche liebte; er hatte mir verschwiegen, daß er sie später wiedergesehen hatte. Diese Erzieherin Ida, das Mädchen, das mit ihm aufgewachsen, mit ihm auferzogen war, und jene Schwester Marcella aus dem Kloster Diessenhofen, die er ja auch Ida genannt hatte, sie waren, darüber konnte nicht der mindeste Zweifel sein, eine und dieselbe Person. Und endlich, daß sie sich schuldig erklärt habe, das hatte er selbst angedeutet.

„Sie haben sie später wiedergesehen?“ fragte ich ihn doch.

Er wich ebenfalls einer Antwort aus.

„Giebt das, was ich Ihnen mitgetheilt habe, Ihnen kein klares Bild für ein Urtheil?“

„Nein. Sie selbst haben ja kein bestimmtes Urtheil, und Sie waren unmittelbarer Zeuge.“

„Aber ein befangener. Indeß – ich muß Ihr Urtheil haben, und Sie müssen Alles wissen. Ja, ich habe sie später wiedergesehen.“

„Und was sagte sie Ihnen?“

„Sie erklärte sich schuldig.“

„Unter Mittheilung bestimmter Thatsachen?“

„Nein. Sie verweigerte mir jede thatsächliche Auskunft.“

Ich mußte ihn fragend ansehen. Er kämpfte mit sich, ob er ganz offen gegen mich sein solle. Sein verschlossener Charakter litt es wohl nicht.

„Ich versichere Ihnen,“ sagte er, „ich konnte keine einzige Einzelheit von ihr erfahren.“

„Sie haben auch sonst über Ermittelungen der Untersuchung keine Nachricht erhalten?“

„Man hat mir nur mitgetheilt, daß nach der Flucht der Unglücklichen die Acten zurückgelegt sind. Das Resultat der Untersuchung ist heimlich gehalten.“

„Gegen Ihren Freund, den Grafen, war also keine Untersuchung eingeleitet?“

„Nein. – Und nun Ihr Urtheil!“ wiederholte er.

Ich sah, wie er es mit Spannung erwartete. Aber ich konnte mir keins bilden.

„Eitelkeit und Schwäche eines Weibes sind groß,“ antwortete ich ihm. „Die Verführung vermag noch mehr über sie.“

„Sie halten sie also für schuldig?“

„Ich habe gar kein Urtheil.“

„Sie können sie für schuldig halten, ohne daß sie verführt war?“

„Nein.“

„Der Graf hatte sie also verführt! Und sie allein wurde zur Untersuchung gezogen? Er nicht?“

Ich zuckte die Achseln.

„Es war damals eine Zeit der höchsten Corruption und Feigheit der Gerichte. Und – ich kann kein Urtheil fällen, aber darf ich Ihnen meine Vermuthung aussprechen?“

„Ich bitte auch darum.“

„Ihr Freund war ein Schurke, innerlich ein vollendeter Lump, ein um so größerer und gefährlicherer, je mehr er äußerlich den braven Edelmann, den vollendeten Mann von Ehre machen konnte. Der durch ihre Heftigkeit und ihren Jähzorn ihn quälenden Frau war er müde, wenn auch seine Heuchelei äußerlich ein leidliches, selbst gutes Verhältniß aufrecht zu erhalten wußte. Eine Leidenschaft für die schöne Erzieherin kam hinzu. Er konnte diese nicht gewinnen, so lange seine Frau lebte. Die Frau mußte beseitigt werden. Die Geliebte mußte Mitschuldige werden, sie war dann sein willenloses Opfer. Denn die Bürgerliche, die arme Erzieherin seiner Schwestern zu heirathen, daran dachte der vornehme, stolze Graf wohl nicht. So ist die Gräfin vergiftet. Wollen Sie einen besonderen Anhalt für meine Vermuthung?“

Er nickte mit dem Kopfe. Sprechen konnte er nicht.

„Er liegt in den wenigen Worten, die Sie den Grafen in seinem Cabinete mit dem Arzte sprechen hörten. Er sah durch diesen die Vergiftung errathen. Durch das Gericht mußte sie vollständig festgestellt, mußte noch mehr entdeckt werden. Er suchte sofort die ganze Schuld auf die Erzieherin zu wälzen. Ein Mann von Ehre hätte von der treuen, hingebenden Pflegerin der Gattin jeden Verdacht zu entfernen gesucht. War er selbst unschuldig, so konnte zudem die bloße Entdeckung der Vergiftung nicht auf einmal einen Verdacht in ihm begründen, von dem er bisher keine Ahnung gehabt hatte. Um vollständig, ohne Rückhalt den gemeinen Denuncianten machen zu können, verließ er mit dem Arzte das Cabinet, an dessen Seite er Sie wußte. Dabei rechnete er auf den Edelmuth der Armen, die er zur Verbrecherin gemacht hatte und die er dann verrieth, und auf seinen hohen Stand, seine Verbindungen, die schlechten Gerichte.“

Ich hatte ihm nur eine Vermuthung, aber wohl unwillkürlich im Tone wachsender innerer Ueberzeugung, ausgesprochen. Er war sehr ergriffen und kämpfte noch einmal mit sich, ob er mich ganz zum Vertrauten machen solle. Aber es handelte sich um die geheimsten Gefühle des verschlossenen Mannes. Er konnte sich nicht entschließen.

„Ich danke Ihnen,“ sagte er kurz. „Ich muß die Gedanken sammeln, die Sie in mir angeregt haben. Ich darf Sie wiedersehen?“

„Sie werden mir immer willkommen sein.“

Er verließ mich. –

Er suchte mich seitdem öfter auf. Aber nie kam er wieder auf jene Sache zurück. Er mochte wohl manchmal das Bedürfniß fühlen, sein Herz ganz gegen mich auszuschütten, und mochte auch gar mit dem Vorsatze, es zu thun, zu mir gekommen sein, aber entschließen konnte er sich nicht, einen Entschluß auszuführen vermochte er nicht. Ich sah dennoch in sein Inneres und sah darin die innige, brennende, herzliche Liebe zu dem Mädchen, das er, vielleicht ohne sich dessen bewußt zu sein, von früher Jugend an geliebt hatte und von dem sein Herz sich nicht losreißen konnte, obwohl er sie für eine Verbrecherin, für eine Ungetreue, für eine Mörderin und Vergifterin hielt und halten mußte. Aber mußte er sie dafür halten? Konnte sie nicht, trotzdem daß so viele Anzeichen gegen sie sprachen, daß sie selbst sich für schuldig erklärte, konnte sie nicht dennoch unschuldig sein? Sie liebte ihn, wie er sie liebte, sie hatte ein edles Herz; sie war als Mörderin verdächtig geworden, angeklagt, verhaftet; sie war aus der Haft in einer Weise entkommen, die nur die eine Deutung zuließ, daß der Graf sie befreit habe; dann war sie vor der Welt seine Mitschuldige. Konnte sie so die Hand eines braven, edlen Mannes annehmen, der zudem wahrscheinlich seinem Stande nach eben so hoch über dem armen Bürgermädchen stand, wie jener Graf? Und wie leicht hatte sie dann, um Bitten zu entgehen, die sie nicht anders von sich abwehren konnte, um den Qualen des eigenen liebenden Herzens zu entgehen, zu der mit einem Male Alles abschneidenden Unwahrheit greifen können, dem Geliebten sich als Verbrecherin darzustellen, als die Verbrecherin, die sie in den Augen der Welt doch einmal war und blieb? Es war ein Heroismus; aber giebt es denn in der Welt eine große und heldenmüthige Aufopferung, deren das liebende Herz des Weibes nicht fähig wäre? – Er wurde unruhiger, wenn er es mir auch mehr zu verbergen suchte. Die Ungewißheit war seine größte Unruhe. Er hatte Schritte gethan, um zu einer Gewißheit zu gelangen. Wie wenige Schritte hatte er als Flüchtling thun können! In einer Angelegenheit, in der er keinen Menschen zum Vertrauten machen durfte, hatte er sich nach allen Seiten hin gefesselt sehen müssen.

[259] Ich bekam mehrere Male deutsche Zeitungen in die Hand, in denen ich unter den Ankündigungen folgende Aufforderung las: „I. S. wird an Diessenhofen erinnert und um Nachricht nach Z. gebeten.“ I. bedeutete Ida, Z. Zürich. Den Hausnamen der Gesuchten kannte ich nicht. Aber es blieb mir kein Zweifel, daß die Aufforderungen von Roth ausgingen. Ich sprach nicht mit ihm darüber. Ich konnte ihm ja nicht helfen.

So kam das Ende des Jahres 1858, der Anfang des Jahres 1859. Amnestie! hatte es seitdem täglich geheißen. Alle Welt forderte, alle Welt erwartete sie; Deutschland, Europa, wer an Recht, wer an Bildung glaubte. Die Flüchtlinge selbst konnten am wenigsten an sie glauben; sie erwarteten sie am schmerzlichsten. Sie mußten warten bis zum Jahre 1861. Doch – da hatten sie nicht mehr darauf gewartet; nur Wenige vielleicht. Unter den Wenigen war Roth! Wir hielten noch das so Manche enttäuschende Zeitungsblatt in der Hand, da kam er eilig zu mir.

„Gehöre ich zu den Amnestirten?“ rief er.

Er hatte ein Recht zu der Frage. Noch jetzt, im Jahre 1862, streitet man sich, wer amnestirt sei und wer nicht.

„Ich denke,“ antwortete ich ihm.

„Darf ich in die Heimath zurückkehren?“

„Das ist eine andere Frage.“

Ich setzte ihm meine Bedenken auseinander. Auch sie sind noch heute nicht sämmtlich gelöst.

„Wird man, wenn ich zurückkehre, mich einsperren?“

„Nach dem Willen des Monarchen könnte man es nicht. Aber die Staatsanwälte und Gerichte in jenem Lande –“

„Gleichviel. Ich muß hin, noch heute.“

Er reiste ab, an demselben Tage. Ich sehe ihn noch, wie er Abschied von mir nahm. Ich hatte ihn zum Bahnhof begleitet, das schöne, blasse Gesicht war geröthet vor Erwartung, in seinen Augen glänzte Hoffnung. Vor dem Einsteigen nahm er mich noch einen Augenblick auf die Seite. Er mußte, wenn auch nur mit wenigen Worten, nur mit Andeutungen, das volle Herz gegen mich ausschütten.

„Ich muß sie aufsuchen. Sie wissen, wen ich meine. Ich werde sie finden, sie kann keine Schuldige sein. Nein, nein! Und dann kehre ich mit ihr hierher zurück. Hierher! O, wie schön wird mir dann die freie Schweiz sein!“

Er reiste ab. Seit zwölf Jahren hatte er nichts von ihr gehört, gar nichts, wo, wie sie lebte, ob sie lebte.

Ich hatte einmal an der russischen Grenze einen Kosaken gesehen, dessen siebenundzwanzigjährige Dienstzeit zu Ende war. Er hatte die ganzen siebenundzwanzig Jahre an der preußischen Grenze gestanden und in dieser ganzen langen Zeit von den Seinigen, die er in der Heimath zurückgelassen, nicht die mindeste Nachricht erhalten. Am folgenden Morgen sollte er die Rückreise in die Heimath antreten. Er freute sich darauf wie ein Kind, denn er hatte eine Frau und ein Kind zurückgelassen. Die Frau war damals zwanzig, das Kind anderthalb Jahre alt gewesen. Ach, wie wird meine Frau sich freuen, wenn sie mich wiedersieht! Sie war so schön und hatte mich so lieb! Und mein Kind! Es war auch so schön! Ob es wohl recht groß geworden ist? – Er selbst war ein Greis geworden. – Der arme Mann sollte weder Frau noch Kind noch Heimath wiedersehen. Er war, um vor seiner Rückkehr in das ferne Kosakenland noch einmal einen recht guten, süßen Schnaps zu trinken, nach Preußen gekommen und hatte sich heimlich über die Grenze stehlen müssen. So mußte er auch heimlich in der Nacht zurück. Da hatten die Grenzkosaken, gestern noch seine Cameraden, ihn für einen preußischen Schmuggler gehalten und todtgeschossen. Der arme Mann! War er wirklich so arm, der Mann? Was hätte er in seiner Heimath gefunden? Eifersucht und Haß, Bosheit und Tücke, Streit und Hader; das hätte er gefunden in seinen alten Tagen, in der Stunde seiner Ankunft, bis hin zu seinem Grabe. – Der alte Grenzkosak wollte mir nicht aus dem Sinn kommen, als mein Freund abreiste, als er fort war, als ich nichts von ihm hörte. Hören sollte ich bald von ihm. Was ihm begegnet war, dem Amnestirten in der Heimath? Zwei einfache Bilder werden es dem geneigten Leser zeigen. –

In einer kleinen, durch Wald und Gebirge von dem Verkehr der großen Welt abgeschnittenen Landstadt lag, von einem freundlichen Gärtchen umgeben, ein hübsches, kleines Haus. In einem hübschen, freundlichen Zimmer desselben saß, umgeben von zehn oder zwölf Kindern, eine Frau, welche im Anfange der dreißiger Jahre stand und noch sehr schön war. Aber ihre Schönheit war jene unbeschreibliche, jene unendlich zarte, feine, durchsichtige Schönheit einer kranken, in ihrer Krankheit dahin zehrenden Frau.

Die Kinder waren frische, fröhliche Mädchen von sechs bis zehn Jahren. Sie strickten, einige näheten auch schon. Sie waren hier in einer Privatschule der kranken Dame, das sah man. Die Nachmittagsstunden der Schule – und es war Nachmittag - waren zu jenen Arbeiten bestimmt. Die Lehrerin überwachte sie, unterwies, half. Sie erzählte dabei den Kindern hübsche Geschichten, freundliche Märchen, die Kinder erzählten sie sich unter sich. Lehrerin und Kinder liebten sich, auch das sah man.

Die Stunde wurde unterbrochen. Eine hübsche Frau, in dem Alter der Lehrerin, trat in das Zimmer, das zugleich die Schulstube und die Wohnstube der Lehrerin war. Die Frau hatte etwas auf dem Herzen. In Gegenwart der Kinder konnte sie es nicht sagen. Die Lehrerin gewahrte es.

„Hören wir auf,“ sagte sie zu den Kindern. „Es ist doch bald vier Uhr.“

Die Kinder standen auf, nahmen ihre Sachen und gingen. Jedes Einzelne gab der Lehrerin freundlich die Hand.

„Gute Nacht, Fräulein! Bis morgen!“

Jedem Einzelnen erwiderte sie freundlich: „Gute Nacht, mein liebes Kind! Bis morgen!“

Die Kinder waren fort. Die beiden Frauen waren allein.

„Du hast mir etwas zu sagen, Marie, ich sehe es Dir an.“

„Ja, Johanna.“

„Und Du zögerst doch? Du hast nicht den Muth?

„Mir ist in der That so eigen –“

„Es ist etwas Unangenehmes? Sprich es aus, was es auch sei.“

„Es ist, so wie es ist, nur etwas Gleichgültiges. Vor einer Viertelstunde kam ein Fremder bei uns an.“

Die Lehrerin durchzuckte etwas. Sie that sich Gewalt an, keine Unruhe, keine Bewegung zu zeigen.

„Und?“ fragte sie.

„Er erkundigte sich nach Dir.“

„Nach mir? Er nannte meinen Namen?“

„Er nannte ihn und fragte, wie lange Du hier seist, wie Du lebtest, ob Du fremde Besuche empfingest?“

„Wen fragte er?“

„Meinen Mann.“

„Und was antwortete ihm dieser?“

„Er erzählte ihm kurz, wie Du vor zwölf Jahren hier angekommen seist und krank in unserem Gasthofe habest verweilen müssen, wie ich während Deiner Krankheit mit Dir befreundet geworden, wie wir Dich Alle lieb gewonnen, und wie Du auf unser Zureden Deinen Plan, in der größeren Hauptstadt eine Stelle als Lehrerin anzunehmen, aufgegeben und hier eine Schule gegründet hättest. Mein Mann sollte ihm noch weitere Auskunft geben. Ich wartete es nicht ab, denn ich mußte hierher eilen, Dich zu benachrichtigen.“

„Wie sah der Fremde aus?“ fragte die Lehrerin.

„Er ist ein kleiner häßlicher Mensch; freundlich, aber nur um so unangenehmer.“

Die Lehrerin mußte sich mehr zusammen nehmen, um eine innere Unruhe zu verbergen.

„Kannst Du ihn in Deinem Gedächtnisse unterbringen?“ fragte die Wirthin.

„Ich sinne vergeblich nach.“

„Er kam mir vor, wie ein Polizeispion.“

Die Lehrerin war wieder vollkommen gefaßt und ruhig, und sie war es von selbst geworden, ohne einen Zwang, den sie sich hätte auflegen müssen. Sie saß einem kleinen Spiegel gegenüber, in welchem sie ihr feines, weißes, krankes Gesicht gesehen hatte, jenen wunderbar schönen und traurigen Todtenglanz, wie Himmelsglanz der himmelblauen Augen. Ein erhabener, stiller, milder Muth erfüllte ihr Wesen, gleichsam der Gedanke: Was mir noch kommt, es kann mich nur erlösen, erhöhen!

„Und der Polizeispion hat Dich erschreckt, Marie?“ sagte sie laut zu der Freundin.

„Ich kann es nicht leugnen.“

„Du konntest nicht dafür, Marie. Es war meine Schuld. Ich habe Dir nie von mir, von meinem früheren Leben etwas gesagt. [260] Es war stillschweigend zwischen uns abgemacht, daß wir nicht davon sprachen. Du öffnetest mir Dein ganzes Herz, Dein ganzes Leben, und schlosst mich mit meiner völligen Verschlossenheit in Dein treues, argloses Herz ein. Da kommt heute plötzlich der häßliche Polizeispion und fragt nach mir. Laß ihn, Du sollst Alles von mir erfahren, Marie; mein Herz und mein Leben sollen so klar und so offen vor Dir liegen, wie die Deinigen vor mir liegen. Und bald. Ich habe vielleicht nur noch Wochen zu leben. Aber bis dahin, Marie, sieh mir in die Augen, nur in die Augen. Siehst Du ein Verbrechen darin?“

„Nein, nein, Johanna, Du brave, Du reine Seele.“

„Und doch, Marie – Aber nein. Wenn Du Alles von mir weißt, dann sollst Du es Einem mittheilen, und dann – Du hast mich dann ja begraben – werdet Ihr Beide mich ja nicht verdammen. – Da kommt der Fremde. Du hattest Recht, es ist ein häßlicher, freundlicher, kriechender Mensch. Er ist gewiß ein Polizeispion. Willst Du hier bleiben, Marie, während er mit mir spricht?“

„Wie Du es wünschest, Johanna.“

„So bleibe.“

Ein kleiner, häßlicher, freundlicher, kriechender Mensch trat in das Zimmer. Er stutzte, als er die zweite Frau sah, die Wirthin des Gasthofes, in dem er abgestiegen war, die er bei seiner Ankunft schon gesehen hatte. Gleich darauf lächelte er freundlich.

„Madame hat mich angekündigt. Desto besser, so kann ich ohne Umschweife zur Sache kommen und mich kürzer fassen.“

Er wandte sich an die Lehrerin, immer freundlich. „Sie heißen Johanna Neumann, mein Fräulein?“

„So nenne ich mich, mein Herr. Darf ich fragen, was Sie zu mir führt?“

„Ich werde sogleich die Ehre haben, es Ihnen zu sagen. Vorher möchte ich mir nur die Frage an Sie erlauben, ob Ihnen eine Dame Namens Ida Schade bekannt ist?“

Er sah die Gefragte scharf bei der Frage an. Sie ertrug ruhig seinen Blick. Kein Zug in ihrem Gesichte veränderte sich. Sie erwiderte ihm mit gleicher Ruhe:

„Mein Herr, wozu richten Sie diese Frage an mich?“

„Ich bemerkte schon, mein Fräulein, ich würde sogleich die Ehre haben, es Ihnen zu sagen.“

„Und wer sind Sie, mein Herr?“

„Auch das, mein Fräulein, werde ich –“

Die Lehrerin unterbrach ihn strenge. „Mein Herr, ich will von Ihnen gar nichts erfahren. Verlassen Sie mich auf der Stelle.“

Der Fremde blieb freundlich, wie zuvor. „O, mein Fräulein, ich hätte Ihnen vielleicht doch eine angenehme Nachricht zu bringen. Hätten Sie die Güte dieses zu lesen?“

Er zog ein Zeitungsblatt hervor und legte es vor ihr auf den Tisch. Er bezeichnete mit dem Finger eine Stelle. Sie erbebte doch leise. Sie hatte etwas gelesen, was sie nicht erwartet hatte. Sie war auf etwas ganz Anderes gefaßt gewesen.

„Es überrascht Sie, mein Fräulein?“ fragte der Fremde.

Sie hatte vergessen, daß sie dem Menschen schon die Thür gewiesen hatte.

„Nein, mein Herr,“ antwortete sie.

„Sie hatten es schon gelesen?“

„Nein, mein Herr.“

„Ah, so haben Sie es wohl nicht genau oder nicht vollständig gelesen. Erlauben Sie, daß ich es Ihnen vorlesen darf?“

Er nahm, ohne ihre Antwort abzuwarten, das Zeitungsblatt und las:

„I. S. wird an Diessenhofen erinnert und um Nachricht von A. H. gebeten, der wieder in der Heimath ist.“

Textdaten
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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
Titel: Ein Amnestirter
aus: Die Gartenlaube 1862, Heft 18, S. 287-288
Teil 5 // Schluß

[287] „Sie sind noch nicht orientirt, mein Fräulein?“ fuhr der Fremde fort. „Darf ich vielleicht Ihrem Gedächtnisse zu Hülfe kommen? Schon vor mehreren Jahren stand eine ganz ähnliche Aufforderung in den Zeitungen. Anstatt der Heimath war nur damals der Buchstabe Z. zu lesen, und so war in dem Ding kein Anhalt zu finden. Diese neue Aufforderung mußte ihn desto mehr geben, denn seit acht Tagen ist eine Amnestie ertheilt; sie hat besonders viele Flüchtlinge in Zürich betroffen, und so hat der Buchstabe Z. seine Bedeutung. Wer war so schnell von Zürich in die Heimath zurückgekehrt? Nur Einer, der Graf Alexander H., es war leicht zu ermitteln, und wen konnte der Graf so angelegentlich und beharrlich suchen? Wer war I. S.? Ah, der Graf hatte eine Jugendbekanntschaft; Ida Schade heißt die junge Dame. Ida Schade? An den Namen knüpften sich auch anderweit die eigenthümlichsten Interessen. Wo war sie zu finden? Sie mußte gefunden werden. Sie war seit beinahe dreizehn Jahren verschwunden, und durch Zufall – der Zufall ist nun einmal der am meisten und am wunderlichsten herrschende Gott der Welt – durch Zufall erfuhr ich, daß vor ungefähr zwölf Jahren in dieses Städtchen eine schöne junge Dame gekommen ist, die wohl Ida Schade sein konnte. Allein auch der Zufall kann irre führen, wie ich sehe.“

„Das kann er, mein Herr,“ sagte die Lehrerin, die sich wieder erholt hatte.

„Und ich bedauere das,“ fuhr der freundliche Fremde fort, „um so mehr, da der Zufall und auch mein Irrthum zugleich die Veranlassung geworden ist, daß noch Jemand eine vergebliche Reise hierher unternommen hat.“

Die Lehrerin erbebte von Neuem. Sie konnte ihre Augen nicht erheben.

„Sie fragen nicht, wer der Jemand ist, mein Fräulein?“

Sie hatte keine Antwort, keine Frage.

„Ah, Sie errathen, daß der Graf auf dem Wege hierher ist. Er erfuhr von mir, daß Ida Schade unter dem Namen Johanna Neumann hier sei, und er nahm deshalb sofort Extrapost hierher. Ich fuhr doch noch schneller als er; denn Sie begreifen, ich hatte ein Interesse daran, bei seiner Zusammenkunft mit Ihnen zugegen zu sein. Ich meinerseits begreife nur nicht, daß er noch nicht hier ist. Indessen, da ich mich geirrt habe, so ziehe ich mich zurück; entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit, mein Fräulein, und beiden geehrten Damen wünsche ich, daß Sie recht wohl leben mögen.“

Der freundliche und höfliche Mann verbeugte sich und ging. Die Freundin der Lehrerin athmete auf.

„Mein Gott,“ sagte sie, „jetzt weiß ich, was Alpdrücken ist.“ Aber sie mußte entsetzt und bis in den Tod erschrocken aufspringen. „Um des Himmels willen, Johanna, Du stirbst!“

Johanna Neumann war in den Stuhl, auf dem sie saß, zurückgesunken. Das Haupt war ihr auf die Seite gefallen und ihre Augen waren erloschen, ihr Gesicht hatte Farbe und Gestalt eines Leichenantlitzes. Sie lebte noch. Die Freundin unterstützte sie, sie konnte sprechen.

„Ja, ich sterbe, meine gute Marie. Der entsetzliche Mensch! – Ich mußte alle meine Kraft zusammennehmen – es dauerte so lange, und ich hatte doch nur noch so wenig Kräfte. – Ach, ich fühle, es geht zu Ende mit mir. – Es ist gut, gerade jetzt! Die Gerichte haben mich wiedergefunden, und nun auch er! Sie durch ihn. – Nur noch einen Wunsch hätte ich, ihn wiederzusehen, ihm sagen zu können, daß ich – ach, Marie, ich sterbe! O, käme er! Könnte ich in seinen Armen –!“

„Sterben“ wollte sie sagen. Sie konnte das Wort nicht mehr aussprechen, sie lag leblos in den Armen der Freundin. War es nur eine Ohnmacht? War es schon der Tod? Die Thür der Stube öffnete sich, und ein hoher, blasser Mann trat herein. Er ging lahm. Er sah die Leblose in den Armen der Freundin und stürzte zu ihr hin.

„Ist sie todt?“ fragte er, und sein ganzer Leib zitterte.

„Sie lebt.“

„Aber sie wird sterben?“

„Sie wird aufwachen, um zu sterben. Ihre letzte Kraft ist gebrochen.“

„Ja,“ sagte der hohe Fremde. „Ich sehe es.“ Dann stellte er sich still vor die Sterbende und sah ihr lange in das edle, auch im Sterben so schöne Gesicht. Dann drückte er einen Kuß auf die weiße Stirn. „Edles, treues Wesen, Du solltest eine Verbrecherin sein?“

„Madame,“ sagte er, „wird sie gewiß noch einmal erwachen?“

„Es wird bald geschehen.“

„Und dann wird sie sterben?“

„Ich fürchte es. Sie hat so viel und so lange gelitten, und ich sehe jetzt, was es war. Dazu vorhin der Schlag!“

„Eine Bitte, Madame. Legen Sie sie in meinen Arm. Sie soll an meinem Herzen sterben.“

„Es war ihr Wunsch, Herr Graf.“

„Ich denke es mir.“ Er legte die Sterbende sanft in seine Arme. „Kann ich denn nicht mit Dir sterben, meine Ida? Du hast mich geliebt mit einer Treue und Aufopferung ohne Gleichen. Aber noch heißer liebt Dich doch mein Herz.“

Sie erwachte. Ihr Blick fiel in sein Auge.

„Alexander, ich bin unschuldig.“

„Ich habe es immer gewußt, Ida. Ein Schein von Schuld war auf Dich gefallen, nein boshaft auf Dich geworfen. Du wolltest mit ihm nicht meine Gattin werden. Um meinem Drängen zu entgehen, nahmst Du selbst die fremde Schuld auf Dich. So war es.“

„So war es, Alexander.“

„Und nun bist Du doch die Meine geworden, Du edles, treues Herz.“

„Aber im Tode, Alexander!“

„Der Tod wird uns zu einem schöneren Leben vereinen.“

„Und in alter Liebe!“ Sie zuckte plötzlich heftig auf. „Er kommt!“ sagte sie und legte sich fester an ihn. Er umschlang sie mit seinen beiden Armen. Sie sah lächelnd zu ihm hinauf.

„So, so, mein Alexander! So war seit Jahren mein Wunsch, mein Traum. So zu sterben! – Ich sterbe!“

Sie war todt. Er hielt sie noch lange in den treuen Armen, still und stumm. Seine Thränen netzten das schöne Leichengesicht. Der freundliche Fremde kam mit Gensd’armen zurück. Aber mit dem Tode hatten die Gensd’armen nichts mehr zu schaffen. –




Drei Tage später saß der Oberhofjägermeister, Graf –, in einem eleganten Salon seines Hotels in der Residenz. Er hatte eine kleine Gesellschaft um sich versammelt, drei Herren und vier Damen. Alle acht waren sie jung. Die vier Herren gehörten zu der höchsten Blüthe des Adels des Landes; die vier Damen waren die Schönsten der Demi-Monde der Residenz. Sie hatten dinirt. Der Champagner sprudelte noch; Scherz und Witz flogen.

Ein Diener des Grafen trat ein. Er trug einen kleinen silbernen Teller, auf dem eine Visitenkarte lag. Er hielt seinem Herrn den Teller hin. Der Graf nahm die Karte, las den Namen und erblaßte leicht. Es war, als wenn er plötzlich, wie man sagt, einen Stich in das Herz bekommen habe, freilich nur einen leisen, wie etwa von einer Nadelspitze. Die schöne Dame, die zu seiner Rechten saß, hatte es gesehen.

„Ein Abenteuer, mein Freund?“ sagte sie.

„In der That, beinahe.“

„Ein Liebesabenteuer?“

„Ein alter Freund.“

„Ah, er darf hierher kommen? Ich liebe die alten Freunde.“

Der Bediente stand, auf Antwort wartend. Der Graf sann nach. Seine Dame, seine Freundin lachte. „Er ist verlegen,“ sagte sie zu den Anderen. Er wurde wirklich verlegen. So konnte die Schöne ihm die Karte aus der Hand nehmen, ohne daß er es gewahrte. „Alexander Graf H.,“ las sie laut.

„Graf H.?“ riefen die sämmtlichen anderen Herren. „Der Hochverräther? Der Flüchtling? Der Amnestirte? Den müssen wir kennen lernen. Du mußt ihn annehmen, hierher führen lassen.“

„Ein Demokrat, ein Hochverräther?“ riefen auch die Damen Wir müssen ihn sehen. Er muß hierher.“

Der Graf war verlegen geworden. Seine Dame flüsterte ihm in das Ohr. Der Graf wollte ihr etwas erwidern. Die Dame war seinen Worten zuvorgekommen.

„Der Herr Graf H. wird Seinem Herrn willkommen sein,“ sagte sie befehlend zu dem Bedienten.

[288] „Hier?“ fragte der Diener, seinen Herrn ansehend.

„Hier!“ befahl die Dame.

Und – „hier!“ sagte auch der Graf Kuno. Er hatte sich Muth gemacht. Der Diener ging.

„Aber Du mußt ihn mir überlassen,“ bat die Dame des Grafen. „Ich habe noch keinen Demokraten gesehen, ich habe nur von ihnen gelesen, den wilden Bassermann’schen Gestalten. Ich war noch ein Kind, das nicht auf die Straße durfte, da sie die Straße regierten.“

Der Graf Alexander H. trat ein, der hohe, schöne Mann mit dem bleichen Gesichte, und in diesem Gesichte den edelsten Schmerz und einen ruhigen, aber desto strengeren, einen erhabenen Ernst. Er ging lahm, aber wo und wem imponirt nicht die Wunde, die ein tapferer Krieger im Kampfe mit dem Feinde gewonnen hat? Die ganze Gesellschaft saß plötzlich schweigend, als sie ihn sahen. Auf den Lippen der schönen Damen erstarb das ironische Lächeln, mit dem sie einen Hochverräther wohl hatten empfangen wollen. Der Oberhofjägermeister erhob sich unwillkürlich, dem Gaste entgegen zu gehen.

Aber – „mein Gott, Kuno, Du zitterst!“ mußte ihm seine Freundin in’s Ohr flüstern.

Er nahm sich zusammen und trat dem „alten Freunde“ entgegen. Er hatte die Laune wieder, die zu seiner lustigen Gesellschaft paßte.

„Alexander! Welche Freude, Dich wieder zu sehen! Und Du kommst gerade zur glücklichen Stunde. Lasse Dich bei uns nieder. Die Freunde und die Schönen, die Du hier siehst, brennen vor Verlangen, Dich kennen zu lernen.“

Der Gast war in der Nähe der Thür stehen geblieben. Er stand da in seiner vollen, eisernen und eisigen Ruhe.

„Ich habe mit Dir allein zu sprechen, Kuno.“

„Ich denke, später, mein Freund.“

„Was ich Dir zu sagen habe, muß ich Dir zuerst sagen. Aber mit oder ohne Zeugen, wie Du willst.“

Der Graf sann einen Augenblick nach. „Begleite mich!“ sagte er dann. „Ihr Anderen, laßt Euch nicht stören.“

Er sprach ruhig. Aber die Stirn war ihm feucht geworden. Er führte seinen Gast aus dem Salon.

„Der arme Graf Kuno schwitzt!“ hörte er, als er die Thür hinter sich zumachte, seine Freundin noch sagen.

Sie hatte es halb ernsthaft, halb scherzend gesagt, als wenn sie einen Fühler in die Gesellschaft werfen wolle, ob man noch lachen könne. Niemand lachte; Alles schwieg. Der Graf Kuno erblaßte. Er führte den „alten Freund“ in sein Zimmer.

„Was hättest Du mir zu sagen, Alexander?“

„Ida ist todt. Ich habe sie gestern begraben.“

„Ach!“

„Und Du bist ihr Mörder.“

„Ich, mein Freund? Ich hatte seit zwölf Jahren nichts von ihr gesehen und gehört.“

„Sie war in Deinem Hause, die Erzieherin Deiner Geschwister. Ihre Schönheit entflammte Deine Leidenschaft. Sie wies Deine schlechten Anträge zurück. Du wußtest Rath, die Hölle Deines Herzens hatte ihn. Deine Frau – Ihr hattet Euch Beide nie geliebt – sie hatte Dir das Leben schwer gemacht – Du beschlossest ihren Tod. Ida mußte das Gift ihr reichen, das Du ihr bereitet hattest. Sie reichte es ihr, ohne daß sie es wußte. Und nun hattest Du sie in Deiner Gewalt. Sie hatte einmal das Gift gereicht; ein Wort von Dir machte sie zu der Mörderin. Sie hatte an die Stelle der Ermordeten treten wollen. So drohtest Du ihr. Du hattest an den Scharfblick oder an den redlichen Sinn des Arztes nicht gedacht. Du mußtest noch in derselben Nacht, um Dich zu retten, Deine Drohung wahr machen. Ist es so?“

„So hat es Dir Deine Geliebte – das war Dir die Mamsell Ida doch? – wohl selbst erzählt?“

„Ida war zu edel, um selbst gegen einen Schurken, wie Du bist, zu denunciren.“

„Alexander, vergiß nicht, daß wir Beide Edelleute sind.“

„Ich kam hierher, um es Dir zu sagen. Du wirst Dich morgen früh um fünf Uhr mit mir schießen, draußen am Birkenwäldchen. Ich erwarte Dich.“

Der Hochverräther ging kalt und ruhig, wie er gekommen war. Der Oberhofjägermeister kehrte zu seiner lustigen Gesellschaft zurück. Sie saßen noch schweigend.

„Bist Du den steinernen Gast los geworden?“ fragten sie ihn.

Sie wollten wieder lustig werden.

„Ja,“ sagte der Graf. „Und morgen früh um fünf Uhr werdet Ihr mir gegen ihn als Secundanten und Zeugen dienen. Aber nun laßt uns wieder trinken und scherzen.“

Am anderen Morgen früh um fünf Uhr wurde am Birkenwäldchen draußen vor der Residenz der Oberhofjägermeister Graf Kuno – von dem Grafen Alexander H. im Duell zusammengeschossen, sodaß er für todt hinweg getragen wurde. Der Graf Alexander H. kehrte nach der Schweiz, nach Zürich zurück. Der erste Gang, den mein Freund Alexander Roth hier machte, war zu mir.

„Sie war doch unschuldig,“ sagte er. Es waren seine ersten Worte, lange auch seine einzigen.

Später erzählte er mir das Andere, später, als so Vieles von der Amnestie gesprochen und geschrieben wurde. Er segnete diese Amnestie. „Die Arme konnte in meinen Armen sterben!“

Und wenn diese Amnestie früher gekommen wäre? Nur wenige Jahre, nur ein einziges Jahr früher? Sie hätte in seinen Armen leben können, als glückliche, als liebende und geliebte Gattin. Aber Gott, der Herr der Herren, prüft auch die Herzen der Könige und lenkt die Schicksale der Menschen, und er allein weiß, was das Beste ist.

Mein armer Freund ist vor wenigen Monaten gestorben. Die Kraft auch seines Lebens war schon lange gebrochen. Wir begraben auch nach der Amnestie noch deutsche Herzen hier in der fremden, aber freien Erde.