Ein Lieutenant a. D.

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Textdaten
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Autor: Arthur Zapp
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Titel: Ein Lieutenant a. D.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40–49, S. 669–675, 689–692, 709–714, 725–728, 741–744, 757–761, 773–776, 799–803, 812–818, 828–832,
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Lieutenant a. D.

Roman von Arthur Zapp.


Frau Wagner lauschte mit angehaltenem Athem nach der Kammerthür hin. Was war das? Das klang nicht wie das ruhige Athemholen eines sanft Schlummernden, eher wie das dumpfe Röcheln eines Schwerkranken. Voll Unruhe erhob sie sich um in die Kammer hinüberzugehen. Aber da war es schon wieder still. Hatte ihre krankhaft erregte Einbildungskraft ihr wieder einmal einen Streich gespielt? Seit dem jähen Tod ihres Mannes litt sie an trüben Ahnungen, die nicht selten zu völligen Sinnestäuschungen wurden.

Die blasse Frau, die, trotzdem sie kaum das fünfzigste Jahr erreicht hatte, ganz das Aussehen einer gebrechlichen, vom Alter gebeugten, lebensmüden Greisin hatte, setzte sich wieder und nahm ihr Strickzeug vor. Aber die gewohnte Arbeit wollte ihr heute nicht so rasch wie sonst von der Hand gehen. Ihre flinken Finger machten häufige Pausen und ruhten ganze Minuten lang müßig im Schoß, während sie, vornübergebeugt, das Ohr nach der kleinen Kammer hin neigte, in der ihre einzige Tochter Klara sich vor einer Viertelstunde zum Schlaf niedergelegt hatte. Welche Sorge ihr das Mädchen machte! Seit Wochen trug Klara ein so sonderbares Wesen zur Schau, sie, die immer das Muster eines guterzogenen, fleißigen und braven Mädchens gewesen war. Bald war sie lebhaft, mit einem eigenen Schimmer großen Glückes in den dunklen Augen, heiter bis zur Ausgelassenheit, dann wieder, ohne Uebergang, ohne ersichtlichen Grund, in sich gekehrt, grüblerisch und zerstreut. Fragen, die man dann stellte, beantwortete sie entweder mit einem fröhlichen Lachen – sie sei ja jung, warum sollte sie nicht lustig sein – oder sie begegnete ihnen mit einer ganz ungewohnten nervösen Gereiztheit: die Mutter solle sie nicht quälen; du lieber Gott, man könne doch nicht immer vergnügt sein. Und nun heute vollends! Klara war in einem wahrhaft erschreckenden Zustand nach Hause gekommen, bleich, das Gesicht verzerrt wie von einem inneren Krampfe. Das Abendbrot hatte sie unberührt stehen lassen und mit matter tonloser Stimme erklärt, früh ins Bett zu wollen. Die Mutter solle sich nicht beunruhigen, sie sei nur furchtbar ermüdet und habe heftiges Kopfweh. Im Geschäft – sie war Buchhalterin in einer der großen Fabriken der Dammvorstadt – habe sie heute außergewöhnlich viel Plackereien gehabt, dazu Verdruß und Aerger mit dem Prinzipal. Deshalb sei sie auch zeitiger nach Hause gegangen.

Als Frau Wagner ihre Tochter in die Kammer begleitet und sich angeschickt hatte, ihr beim Auskleiden behilflich zu sein, immerfort fragend und klagend, da hatte Klara heftig abgewehrt und mit beiden Händen [670] ihre Stirne zusammengepreßt. Jedes Wort, jeder Laut schmerze sie; Ruhe, völlige Ruhe, das sei alles, was ihr noththue – morgen werde sie Rede und Antwort stehen. Damit hatte sie, nach einem hastigen „Gutenacht“, die kleine schwache Frau um die Schultern gefaßt und sanft zur Thür hinausgeschoben. Dann war alles still geworden.

Aber was war das wieder? Diesmal hörte es die erschreckt auffahrende Frau ganz deutlich, dieses beängstigende verzweifelnde Stöhnen. Trotz ihrer Schwäche und Gebrechlichkeit war sie mit ein paar schnellen Schritten an der Kammerthür. Ungewißheit und Angst waren nicht länger zu ertragen. Mit einem Ruck riß sie die Thür auf, die ihre Tochter – Gott sei Dank – nicht zugeriegelt hatte, und nun gellte ein so furchtbarer markerschütternder Schrei von den Lippen der alten Frau, daß das ganze Haus alarmiert wurde.

Klara lag, noch in ihren Kleidern, auf dem Bett. Ihr bläulich blasses Gesicht war von den furchtbaren Schmerzen, die den zuckenden Körper durchwühlen mußten, unheimlich verzerrt. Von den Augen, die ganz nach oben gerichtet waren, war fast nur das Weiße sichtbar, und auf den fahlen Lippen zeigte sich weißer Schaum. Auf dem Fußboden lag ein Wasserglas, dem der Rest einer dunklen Flüssigkeit entsickerte.

Fassungslos warf sich die alte Frau über ihr Kind. Mit einem Blick war ihr die Lage in ihrer ganzen Entsetzlichkeit klar geworden – ihre Tochter hatte Hand an das eigene Leben gelegt, hatte sich vergiftet! Schmerz und Verzweiflung drohten der unglücklichen Mutter fast den Verstand zu rauben, und ohne zu bedenken, daß sie vielleicht kostbare unersetzliche Zeit verlor, machte sie dem gepreßten Herzen in schluchzendem Klagen Luft. „Mein Kind, mein unseliges Kind – das konntest Du mir thun, Deiner armen alten Mutter? Hörst Du mich nicht? Hilfe, Hilfe – sie stirbt, mein Kind stirbt!“

Inzwischen waren mehrere Frauen herbeigeeilt, die im Hause wohnten. Während die meisten sich damit begnügten, sich mit roher Neugier um das Lager des Mädchens zu drängen, griff die beherzte Frau des auf dem gleichen Flur wohnenden Schuhmachers hilfreich zu, riß der Stöhnenden das Kleid auf und befahl dem Lehrburschen ihres Mannes, der ihr neugierig nachgeschlichen war, schnell zum Doktor zu laufen. Dann bedeutete sie eine der müßig herumstehenden Hausgenossinnen, so rasch als möglich heiße Milch zu besorgen, und drängte die Uebrigen zur Kammer hinaus.

Glücklicherweise war der Arzt, der nur ein paar Häuser entfernt wohnte, zu Hause gewesen. Er folgte unmittelbar hinter dem Schusterjungen, der triumphierend, der Wichtigkeit seiner erfolgreichen Sendung sich bewußt, auf den Schauplatz des interessanten Vorfalls zurückkehrte. Der Doktor unterwarf die Kranke einer eiligen Prüfung, ließ sich das Glas reichen, das die Schusterin aufgehoben hatte, roch zuerst vorsichtig an der bräunlichen Flüssigkeit und führte dann eine Probe davon mit der Fingerspitze seiner Zunge zu. „Phosphor!“ erklärte er, mehr zu sich als zu den beiden Frauen sprechend.

Man flößte der Kranken von der warmen Milch ein, die eben herbeigebracht wurde, und nach einigen Wiederholungen stellte sich Erbrechen ein.

„Aengstigen Sie sich nicht, liebe Frau,“ tröstete der Doktor die angstvoll an seinen Mienen hängende zitternde Mutter, „wir bringen sie durch! Ich stehe Ihnen dafür.“

Mit einem Seufzer der Erleichterung sank die geängstigte Frau, die sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte, auf einen Stuhl neben dem Bett nieder. Der Arzt aber zog sein Taschenbuch heraus, schrieb mit Bleistift ein paar Hieroglyphen auf einen mit seinem Namen und seiner Adresse bedruckten Zettel und reichte diesen der Schusterin, die er für eine Familienangehörige halten mochte, mit dem Auftrag, das Rezept sofort nach der Apotheke zu schicken. Während Fritz, der Schusterbursche, sich zum zweiten Male dienstwillig in Trab setzte, beschäftigte sich der Doktor sorgfältig von neuem mit der Kranken, gab noch einige Anweisungen wegen der Tropfen, die er verordnet hatte, und entfernte sich dann mit dem Versprechen, später noch einmal nachzusehen.

Die Tropfen aus der Apotheke kamen und wirkten Wunder, denn die Zuckungen ließen nach, das Wimmern hörte auf, die Augen nahmen wieder ihre natürliche Stellung an und der Athem ging weniger schwer und röchelnd.

Glücklich über die so offenkundig eingetretene Besserung und doch zugleich überwältigt von Besorgniß und Kummer, beugte sich Frau Wagner zu ihrer Tochter nieder, der allmählich das Bewußtsein zurückzukehren schien, und die hellen Thränen liefen ihr über die eingefallenen Wangen. Jetzt bewegte sich die Kranke, sie schaute sich verstört um und ihre Augen wanderten verständnißlos von der Mutter zu der Schustersfrau, die eben an der Kammerthür dem Lehrburschen etwas ins Ohr flüsterte, worauf sich der Junge, eifrig und vergnügt nickend, eilig davonmachte.

„Klara – mein liebes Kind!“ rief die Mutter und bedeckte das Gesicht der Armen mit ihren Küssen.

Und nun schien auch dem jungen Mädchen die Erinnerung aufzudämmern, sie warf die Arme um den Hals ihrer Mutter und brach in ein wildes verzweifeltes Schluchzen aus. Die Schustersfrau aber fuhr sich gefühlvoll mit der Hand über die Augen und schlich sich auf den Zehenspitzen aus der Kammer hinaus.

*  *  *

Das Infanterieregiment, das nebst einem Regiment Kavallerie und einer Abtheilung Artillerie in der ziemlich großen, fast hunderttausend Einwohner zählenden Provinzialhauptstadt in Garnison stand, hatte seine Kaserne außerhalb der Stadt, nahe an dem breiten Flusse, über den eine große Brücke zur Stadt hinüberführte.

Es war zwischen sechs und sieben Uhr abends. Im größten Mannschaftszimmer des Füsilierbataillons fand eben Instruktionsstunde statt. Der junge Offizier, der heute selbst unterrichtete, hatte die Leute einen Halbkreis bilden lassen, in dem er, fragend und vortragend, auf und ab ging. Lieutenaut Erwin von Buschenhagen hatte während der letzten Jahre den Posten des Bataillonsadjutanten bekleidet und erst heute den ersten Zug der zehnten Kompagnie übernommen, nachdem er vor kurzem zum Premierlieutenant vorgerückt war. Ein Paar großer, blauer, freundlich blickender Augen, eine feingezeichnete geradlinige Nase, der Mund mit den frischen Lippen, der üppige nach oben gedrehte Schnurrbart, das volle etwas weichliche Kinn und die schlanke Gestalt machten den jungen Mann, der noch nicht viel über die Mitte der Zwanzig hinaus sein mochte, zu einer anziehenden Erscheinung. Man sah es seinen Gesichtszügen, der Art seines Verkehrs mit seinen Untergebenen auf den ersten Blick an, daß wohlwollende Freundlichkeit den Grundzug seines Charakters bildete. Er stieß die Sätze nicht in der kurzen unzusammenhängenden Weise und in dem schnarrenden rauhen Ton heraus, wie viele seiner Kameraden im Interesse ihres Ansehens es thun zu müssen glaubten, sondern unterrichtete mit ruhiger Stimme, ohne es für nöthig zu halten, der Aufmerksamkeit und dem Verständniß seiner Leute durch allerlei kräftige, nicht eben schmückende Beiwörter zu Hilfe zu kommen. Da er die Namen der Mannschaft seines Zuges noch nicht recht inne hatte, so gebrauchte er an deren Stelle meistens Aushilfsbezeichnungen wie „der zweite Mann vom rechten Flügel“, „der Dritte vom linken Flügel“ oder auch „der Lange im zweiten Gliede mit dem großen Fettfleck auf der Brust“. Nur einen der Leute, den rechten Flügelmann im zweiten Gliede, redete der Lieutenant, so oft er sich an ihn wandte – und er that dies merkwürdig oft und immer mit unverkennbarem Interesse – ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen, mit seinem Namen an: „Wagner“. Der also aufgerufene Soldat mochte etwa zweiundzwanzig Jahre zählen, er hatte eine kräftige gedrungene Gestalt, sein Gesicht, in dem lebhafte dunkle Augen funkelten, zeigte hübschere und gescheitere Züge als die der meisten seiner Kameraden.

Auffallend war es auch, daß der Lieutenant fast jeder dienstlichen Frage, die er an Wagner richtete, Erkundigungen über dessen Privatleben folgen ließ.

„Wie heißen die drei Haupttugenden des Soldaten, Wagner?“

„Treue, Muth und Gehorsam.“

„Gut! – Sagen Sie ’mal, Wagner, was sind Sie in Ihrem Civilverhältniß?“

„Monteur, Herr Lieutenant.“

„Und wo haben Sie sich zuletzt aufgehalten?“

„Hier in der Stadt, Herr Lieutenant.“

Nachdem Buschenhagen einige andere Leute befragt hatte, kehrte er mit augenscheinlicher Hast zu Wagner zurück.

„Durch welche äußere Auszeichnung unterscheidet sich der Generalfeldmarschall von den übrigen Generalen?“

„Durch die kreuzweis übereinander liegenden Kvmmandostäbe auf den goldenen Achselstücken.“

„Gut! – Welchen Beruf übt Ihr Vater aus, Wagner?“

„Mein Vater ist tot, Herr Lieutenant. Er hatte ein Materialwarengeschäft.“

„So, so.“ Der Lieutenant sah eine Sekunde lang nachdenklich [671] zu Boden und richtete dann den Blick wieder auf den Soldaten, der ihn verwundert anschaute. Offenbar hatte er noch eine Frage auf dem Herzen. Aber er besann sich eines besseren und drehte sich kurz nach der anderen Seite um.

Doch das eine, das seine Wißbegierde noch zu reizen schien, ließ dem jungen Offizier keine Ruhe, und plötzlich kehrte er zu dem Flügelmann zurück und ohne jede weitere Einleitung fragte er diesmal: „Haben Sie noch Geschwister, Wagner?“

Der Angeredete starrte seinen Vorgesetzten erstaunt an und in seiner Ueberraschung vergaß er die Antwort. Auch die übrigen Soldaten sahen jetzt mehr oder weniger verwundert auf den neugierigen Lieutenant, der, ohne dieser Wirkung seiner Worte Beachtung zu schenken, seine Frage ungeduldig und in offenbarer Spannung wiederholte.

„Nur eine Schwester, Herr Lieutenant,“ entgegnete Wagner, den eine unbestimmte Unruhe zu erfassen begann und der nun seinerseits seine Augen mit einem ganz vorschriftswidrig forschenden, argwöhnischen Ausdruck auf Buschenhagen heftete. Und wenn sich dieser nicht im gleichen Augenblick hastig abgewendet hätte, so wäre dem Soldaten die jähe Röthe, die mit einem Mal im Gesicht des Lieutenants aufstieg, sicherlich nicht entgangen. Die Instruktion nahm nun ohne weitere Unterbrechungen ihren gewöhnlichen Verlauf. Es war noch eine Viertelstunde bis sieben Uhr. Buschenhagen bemühte sich gerade ebenso eifrig wie vergeblich, einem seiner Leute die Stufenleiter der militärischen Rangordnung vom Unteroffizier bis zum Generalfeldmarschall in der richtigen Reihenfolge beizubringen, als die Thüre heftig aufgerissen wurde und ein halbwüchsiger Junge hochroth und pustend vor Eifer und Erregung ins Zimmer stürmte. Bei dem Anblick so vieler Soldaten prallte er erschrocken zurück, und als er gar des Offiziers ansichtig wurde, blieb ihm das Wort im Halse stecken, obgleich er den Mund schon weit zum Sprechen geöffnet hatte.

„Was willst Du?“ fragte ihn der Lieutenant kurz, während sich aller Augen neugierig auf den Jungen richteten und Wagner, der in ihm den Lehrling des Meisters Müller, des Flurnachbars seiner Mutter, erkannt hatte, einen Laut der Ueberraschung nicht unterdrücken konnte.

„Ach Gott, Herr Leitnant, nehmen Sie’s man nich übel,“ stammelte der Junge, „ich wollte man bloß zu – zu –“ der Sprechende sah im Kreise der Soldaten umher und deutete dann auf den Flügelmann des zweiten Gliedes, der unwillkürlich einen Schritt vorgetreten war – „zu dem da, Herr Leitnant!“

„Zum Füsilier Wagner?“

„Jawohl, Herr Leitnant, zu Wagnern wollt’ ich man bloß.“

Und als der Soldat, von innerer Unruhe ergriffen, auf einen Wink seines Vorgesetzten sich dem kleinen Burschen hastig genähert hatte, platzte dieser mit dem ganzen Eifer seiner fünfzehn Jahre heraus: „Die Frau Müllern, was meine Meisterin ist, schickt mich und Sie sollten man gleich zu Hause kommen, Herr Wagner, Ihre Schwester Klara hat sich vergiftet.“

Der Angeredete taumelte zurück, auch der Lieutenant wechselte jäh die Farbe, indes die Uebrigen nicht wußten, welche Miene sie zu der seltsamen Botschaft aufsetzen sollten. Buschenhagen faßte sich zuerst, und während der Soldat ihm mit einem stumm flehenden Blick in die Augen sah, sagte er mit einer sonderbar heiser klingenden Stimme: „Gehen Sie, Wagner! Und wenn es nöthig sein sollte, so können Sie über den Zapfenstreich ausbleiben. Berufen Sie sich auf mich!“

Der Soldat stürmte davon, ohne ein Wort zu entgegnen und ohne an das vorschriftsmäßige Kehrt zu denken. Der junge Offizier aber trat mit dem Unglücksboten auf den Flur hinaus und befragte ihn über die Art und den bisherigen Verlauf des Unglücksfalles mit einer solchen Unruhe, daß es dem Burschen hätte auffallen müssen, wenn dieser sich nicht selbst in einer erklärlichen Aufregung befunden hätte. Nie in seinem Leben hatte er mit einem wirklichen Offizier gesprochen, und so war er ganz durchdrungen von diesem bedeutsamen Augenblick. Noch monatelang nachher erzählte er mit höchster Genugthuung allen, die es mit anhören mochten, von seinem Gespräch mit dem „Herrn Leitnant“.

Was Buschenhagen erfahren hatte, beschäftigte ihn derart, daß er, in das Mannschaftszimmer zurückkehrend, den Unterricht kurz abbrach. Dann verließ er selbst mit weit ausholenden Schritten die Kaserne, und nachdem er die Brücke hinter sich hatte, wandte er sich links gegen die zur Dammvorstadt führende Straße, anstatt wie sonst rechts nach seiner Wohnung im Mittelpunkt der Stadt abzuschwenken. Er mochte etwa fünf Minuten gegangen sein, als er unvermittelt stehen blieb und, mit den Zähnen an seinem Schnurrbart nagend, finster zu Boden starrte. Dann zuckte er heftig mit den Schultern und machte mit einem Rucke Kehrt, um sich langsam, ab und zu noch einmal stehen bleibend und einen Augenblick lang überlegend, in seine Wohnung zu begeben.

Dort warf er sich, nachdem ihm sein Bursche dienstfertig Mütze und Säbel abgenommen hatte, mit einem dumpfen Laut auf das Sofa. Doch nur für Minuten. Dann sprang er ungestüm wieder auf, machte ein paar heftige Gänge durch das Zimmer und trat zur Thür. „Jänicke!“ rief er auf den Flur hinaus.

Der Gerufene stampfte eilig herbei und pflanzte sich in strammer Haltung vor seinem Herrn auf. „Herr Lieutenant befehlen?“

„Du gehst sogleich ins Haus des Herrn Kommerzienrath Hendloß, verstanden?“

Der Bursche lächelte mit sehr unzeitgemäßer Vertraulichkeit und bemerkte eifrig: „Jawohl, zu dem gnädigen Fräulein Tochter.“

„Halt’ Deinen Schnabel!“ fuhr ihn der Offizier zornig an, der sonst des Burschen vorwitzige Bemerkungen nicht eben ungnädig aufzunehmen pflegte. „Du gehst zu Herrn Kommerzienrath Hendloß, bestellst eine Empfehlung von mir und sagst: der Herr Lieutenant von Buschenhagen läßt bedauern, daß er der Einladung auf heute abend nicht Folge leisten kann, der Herr Lieutenant ist unpäßlich. Hast Du verstanden?“

„Zu Befehl, Herr Lieutenant!“

„Gut! Und im übrigen hast Du Dich nichts um Fräulein Hendloß zu kümmern. Kehrt, marsch!“

Jänicke führte das Kommando mit vorschriftsmäßiger Strammheit aus und machte sich eilig davon.

Der junge Offizier stand eine Weile unbeweglich mitten im Zimmer, mit düsterem Blick und gerunzelten Brauen. Dann seufzte er tief auf, trat an die Spiegelkommode zwischen den Fenstern, öffnete die oberste Schublade und nahm ein Photographiealbum heraus. Auf der ersten Seite befand sich das Bild eines jungen Mädchens, das achtzehn bis zwanzig Jahre alt sein mochte. Ueber dem schönen regelmäßigen Gesicht lag der Zauber blühender Jugendfrische. Aus den großen dunklen Augen sprach ein mädchenhaft schwärmerischer Sinn, während die starken, über der Nase zusammenlaufenden Brauen und die vollen rothen Lippen auf ein leidenschaftliches Gemüth schließen ließen. Die Züge des Lieutenants nahmen einen weichen, fast wehmüthigen Ausdruck an. „Arme Klara!“ flüsterte er leise vor sich hin, während er das Bild betrachtete. Plötzlich klappte er mit einer hastigen Bewegung das Buch zu, warf es auf den Tisch und ließ sich schwer auf das Sofa fallen. Was half das dumme Seufzen und Bedauern! Die Geschichte war nun einmal nicht zu ändern, gegen den eisernen Zwang der Verhältnisse war nicht anzukämpfen. Und selbst wenn sie jetzt zu Grunde ging – es würde ja hoffentlich nicht so weit kommen – helfen konnte er ihr nicht! Dumpf starrte er in die Dämmerung hinein, die immer dichter das Zimmer erfüllte. Sein Geist wanderte in die Vergangenheit zurück. Wundervolle unvergeßliche Stunden waren es, die er mit Klara Wagner verlebt hatte. Das berauschende reine Glück der ersten Liebe hatte er sie kennen gelehrt und hatte sich selbst berauscht an dem Ueberschwang von Seligkeit, der dieses Mädchenherz erfüllte, der aus ihrem naiven Geplauder, aus ihren strahlenden verklärten Mienen sprach. Die köstliche Natürlichkeit ihres Wesens, die Tiefe ihrer Empfindung hatten ihn immer von neuem zu ihr hingezogen, und es hatte Zeiten gegeben, wo er sich allen Ernstes sagte, daß er sie aufrichtig liebe und daß sie ihn glücklicher machen würde als alle die affektierten jungen Damen, mit denen ihn das gesellschaftliche Leben zusammenführte.

Kaum sechs Monate waren es her, daß er ihre Bekanntschaft gemacht hatte, Er befand sich in der Dammvorstadt, in Civilkleidung, auf dem Wege nach einer Singspielhalle, welche die Offiziere der Garnison dann und wann verstohlen besuchten. Da fügte es der Zufall, daß er dem vom Geschäft zurückkehrenden jungen Mädchen einen Dienst erweisen konnte, indem er sie vor der Zudringlichkeit eines rohen Burschen beschützte, welcher der Erschrockenen seine ungebetene Begleitung aufdrängen wollte. Eines jener kurzlebigen Abenteuer witternd, die eben so schnell ein Ende nehmen, wie sie eingefädelt werden, hatte er sich ihr als „Erwin Hagen, Architekt“ vorgestellt. Aber dann hatte die Unterhaltung während der Viertelstunde, die er am ersten Abend [674] mit ihr verplauderte, doch einen solchen Eindruck auf ihn gemacht, daß er sich am nächsten Tage wieder am selben Ort einfand, um sie zu erwarten, und er hatte die Genugthuung, zu bemerken, daß ihre Augen freudig aufleuchteten, als er grüßend an sie herantrat.

Aus diedem Anfang hatte sich das Folgende fast mit Naturnothwendigkeit entwickelt. Es verging fast kein Abend, an dem sie nicht eine Stunde zusammen zubrachten, am einsamen Ufer des Flusses lustwandelnd oder in einem der Biergärten außerhalb der Stadt in einer verschwiegenen Ecke einander zuflüsternd, was ihre Herzen schwellte.

Und nun sollte das poetische Sommeridyll ein so häßliches Ende nehmen? „Pah!“ Der Lieutenant sprang auf, griff nach den Streichhölzern und zündete die Lampe an, die Jänicke bereits fürsorglich auf den Tisch gestellt hatte. So war nun einmal das Leben! War er dafür verantwortlich, daß sein Vater ihm eine lächerlich kleine Zulage schickte, die mit der schmalen Lieutenantsgage bei weitem nicht ausreichte, seine Bedürfnisse zu bestreiten? Sollte er sich einsiedlerisch zurückziehen, wenn die besser gestellten Kameraden die Sektpfropfen knallen ließen? Sollte er zu Hause hocken und von Butterbrot und Wasser leben, wenn jeder der Wirthe in der Stadt für den Herrn Lieutenant bereitwilligst ankreidete und Löwenthal und Genossen gegen Wechsel und Ehrenschein mit größter Höflichkeit bares Geld vorschossen? War er schuld daran, wenn es in dieser unvollkommenen Welt nun einmal so eingerichtet war, daß arme Lieutenants reiche Kommerzienrathstöchter heirathen mußten, selbst wenn ihnen diese so unausstehlich vorkamen wie ihm Fräulein Dora Hendloß mit ihren echten Diamanten, ihren falschen Zähnen und ihrem falschen Gesang? Und nun zum Henker mit den Grillen, die doch zu nichts nütze waren! Schickte es sich für ihn, den schneidigsten Lieutenant im Regiment, zu seufzen und zu stöhnen wie ein blöder Schäfer? Lächerlich!

Erwin trat vor den Spiegel, bürstete sich das Haar, zwirbelte den Schnnrrbart empor und schüttete sich über die sorgsam gepflegten Hände mit den schneeweißen Nägeln ein fein duftendes Parfüm. Fünf Minuten später trat er auf die Straße hinaus, um sich nach dem Weinrestaurant am Markt zu begeben, in dem immer ein besonderes Zimmer für die Herren Offiziere bereit gehalten wurde. Leichtsinnig pfiff er seine Lieblingsarie aus der „Fledermaus“ vor sich hin:

„Glücklich ist, wer vergißt
Was nicht mehr zu ändern ist!“


2.

Es war am anderen Tage in der Mittagsstunde. Lieutenant von Buschenhagen war eben vom Dienst nach Hause gekommen, um sich noch ein wenig auszuruhen, bevor er zum Essen ins Kasino ging. Mit Hilfe Jänickes machte er sich’s bequem. Waffenrock und Stiefel legte er ab und schlüpfte in eine behagliche weite Joppe; auf die Füße stülpte ihm der allzeit dienstwillige Bursche die weichen Hausschuhe.

„Haben der Herr Lieutenant sonst noch Befehle?“ fragte er in streng dienstlicher Haltung, denn die finstere Miene seines Herrn lud nicht eben zu irgendwelcher vorschriftswidrigen Nachläßigkeit ein.

„Daß Du Dich zum Kuckuck scherst und mich in Ruhe läßt, sonst nichts!“

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.“

Jänicke verschwand, ohne eine Miene zu verziehen. Die zeitweilige schlechte Laune seines Herrn erregte seine Empfindlichkeit nicht. Er wußte, auf Regen folgte Sonnenschein, und bei seinem Lieutenant überwogen die heiteren Tage bei weitem die düsteren. Es ließ sich überhaupt mit dem Lieutenant gut auskommen. Er war freigebig und auch sonst kein Unmensch. Wenn Jänicke einmal ohne Erlaubniß über den Zapfenstreich ausblieb, weil er sich bei des Amtsrichters Köchin drüben verspätet hatte, so drohte der Lieutenant, halb im Ernst, halb im Scherz, nur mit dem Finger, er Jänicke, machte sein dümmstes Gesicht und zeigte eine Miene wie ein begossener Pudel, worauf der Herr Lieutenant lachte und die Sache war abgethan. Höchstens daß es einmal, wenn es schlimm kam, ein „Heiligeskreuzdonnerwetter“ absetzte oder ein „Kerl, ich lasse Dich ins Loch stecken!“

Auch was das Materielle anbetraf, fühlte sich Jänicke in seiner Stellung als Bursche außerordentlich wohl, Er lebte sozusagen in einer förmlichen Gütergemeinschaft mit seinem Herrn. Noch nie hatte er nöthig gehabt, sich Handschuhe zu kaufen, und doch saßen ihm des Sonntags, wenn er Amtsrichters Caroline zum Tanze führte, die weißesten Waschledernen prall zum Zerspringen auf den derben Fäusten. Sie mußten schon tüchtig von seinem Lieutenant getragen und ausgereckt sein, bis es dem biederen Pommer gelang, sie auf seine Finger zu zwängen. Auch um die Beinkleider, in denen er am Sonntag paradierte, brauchte er nicht bange zu sein. Sein Lieutenaut legte deren mehr ab, als Jänicke auftragen konnte, und wenn er sich einmal extrafein machen wollte und die geschenkten „Büchsen“ ihm schon allzu abgetragen vorkamen, so machte er sich kein Gewissen daraus, aus dem Vorrath seines Herrn sich mit einer noch im Gebrauch befindlichen zu versorgen. Der Herr Lieutenant merkte ja nicht das Geringste davon, ebensowenig wie er davon Notiz nahm, daß die Finger seines Burschen sich ab und zu in seinen Cigarrenkasten verirrten. Einmal freilich war Jänicke von seinem Herrn überrascht worden, als er eben den Deckel der Cigarrenkiste aufgeklappt hatte, aber er hatte sich schnell gefaßt und dem Lieutenant mit einer ganz unschuldigen Miene ins Gesicht gesehen. „Der Herr Lieutenant denken doch nicht etwa? Wo werd’ ich denn! Ganz gewiß nicht, Herr Lieutenant! Ich wollte blos ’mal –“

„Laß gut sein, Jänicke,“ war er von seinem Herrn unterbrochen worden, als er ins Stammelu gerieth, denn ihm wollte in der Eile keine unverfängliche Ausrede einfallen, „Du übst Dich wohl ein bißchen im Requirieren, weil es ja doch bald Krieg giebt? Na, mach’s wenigstens menschlich, hörst Du!“

Für diese Milde und Nachsicht war aber Jänicke seinem Herrn auch mit Leib und Seele zugethan, und wenn es nöthig gewesen wäre, so hätte der brave Pommer sein Herzblut für seinen Lieutenant gegeben. Und manchmal kam es jetzt wenigstens so weit, daß er für seinen Herrn hungern und dursten mußte; denn es geschah gegenwärtig nur allzu oft, daß gründliche Ebbe in des Herrn Lieutenants Kasse eintrat und daß Jänicke, natürlich ohne daß sein Herr ihn besonders darum anzugehen brauchte, allerlei kleine Auslagen machte, die er selbstverständlich jedesmal mit reichlichen Zinsen zurückerstattet erhielt, sobald von Herrn Löwenthal oder sonstwoher sich ein neues Goldbächlein ergoß.

Nachdem Jänicke das Zimmer verlassen hatte, warf sich der Lieutenant der Länge nach auf das Sofa, um zu schlafen. Der Vormittag hatte ihn sehr mitgenommen. Es war Kompagnie-Exerzieren gewesen, und ihn, der seit Jahren nicht mehr in der Front gestanden, hatte das viele Laufen und Hin- und Herrennen außerordentlich ermüdet. Er dehnte und reckte sich, aber der ersehnte Schlummer wollte nicht kommen. War es, weil ihm die Geschichte von gestern immer noch im Kopf herumging? Er hätte gern etwas Näheres über den Ausgang erfahren. Aber er hatte es nicht über sich gebracht, Klaras Bruder zu fragen. Der hatte mit bleichem finsteren Gesicht im Gliede gestanden, und es war dem Lieutenant, als er einmal flüchtig nach dem Soldaten hinschaute so vorgekommen, als ob ihm ein wilder Haß aus den Augen des Mannes entgegensprühte. Aber seine innere Unruhe mochte ihm das nur vorgespiegelt haben.

Buschenhagen richtete sich auf und griff nach der Zeitung auf dem Tisch. Er mußte doch einmal sehen, ob die verwünschten Federfuchser sich der Sache bereits bemächtigt hatten. Heutzutage kam ja alles in die Zeitung. Mochte ein Vorgang auch noch so delikat sein und sich in den besten Kreisen abgespielt haben, diese rücksichtslosen Zeitungsschreiber respektierten nichts. Einfach scheußlich!

Richtig, da unter den „Lokalnachrichten“ stand die Geschichte! Na ja! Der Lieutenant schüttelte ärgerlich den Kopf und las dann, nachdem er zuvor das Monocle eingeklemmt – er hatte das nun einmal in der Gewohnheit, selbst wenn kein Zuschauer da war. „Ein junges Mädchen, die Buchhalterin K. W., machte gestern abend um sechs Uhr einen Vergiftungsversuch, glücklicherweise ohne ihren Zweck zu erreichen. Ueber das Motiv der That ist Näheres noch nicht bekannt, wahrscheinlich die alte Geschichte: unglückliche Liebe. Die junge Lebensmüde ist übrigens außer aller Gefahr.“

Der Lieutenant stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Na, das war ja noch gnädig abgelaufen. Wenn die Klara seinen richtigen Namen gewußt, wenn sie geplaudert hätte! Herrgott, wäre das schauderhaft gewesen, Name in der Zeitung, in Verbindung mit einem solchen Skandal, jetzt, wo er im Begriff stand, sich mit der Tochter des reichen Kommerzienraths Hendloß zu verloben! Es war übrigens verdammt hohe Zeit zu dieser Verlobung. Diese geldhungrigen Gläubiger drängten immer unverschämter und waren nur durch die Berufung auf seine [675] stadtbekannten nahen Beziehungen zu der Familie Hendloß zur Geduld und einigen neuen Vorschüssen zu bewegen.

Buschenhagen strich sich nachdenklich den Schnurrbart. Da kam ihm ein Gedanke. Die Uhr zeigte erst auf halb ein Uhr, er hatte gerade noch Zeit, bei der Hendloß einen kleinen Besuch zu machen, ehe er sich ins Kasino begab.

Er war eben im Begriff, an seine Toilette zu gehen, als ein Wortwechsel auf dem Flur draußen seine Aufmerksamkeit erregte. Unwillkürlich lenkte er seine Schritte der Thür zu. Er erkannte die Stimme seines Burschen, der mit einem andern, dessen Stimme dem Horchenden ebenfalls bekannt vorkam, immer mehr in Streit zu gerathen schien.

„Mensch, wenn ich Dir doch sage, daß der Herr Lieutenant schläft,“ erklärte Jänicke eben in aufsteigendem Zorn.

„So weck’ ihn auf!“ Kurz und schroff klang das aus dem Munde des Fremden.

„Daß ich verrückt wär’! Um eine Grobheit oder vielleicht gar den Aschbecher oder sonst was Hartes an den Kopf zu kriegen?“

„Aber ich muß ihn sprechen, und wenn Du mich nicht melden willst, so –“ der Sprechende bemühte sich offenbar, zur Thür zu gelangen, während ihm Jänicke den Weg zu vertreten schien.

„So nimm doch Vernunft an! Komm’ in einer Stunde wieder, vielleicht daß Du dann –“

„Da hab’ ich Dienst.“

„Na, dann warte, bis der Herr Lieutenant in die Kaserne kommt,“ begütigte der Bursche.

Der andere schien sich einen Augenblick zu besinnen, dann entgegnete er zögernd: „Es ist nichts Dienstliches, sondern eine Privatangelegenheit.“

„Eine Privatangelegenheit?“ Jänicke lachte laut auf. „Na, hör’ mal, ich möcht’ wohl wissen, was Du mit meinem Lieutenant für Privatsachen –“

„Das geht Dich nichts an,“ unterbrach ihn der Angeredete schroff. „Willst Du mich nun melden ober nicht?“

„Fällt mir gar nicht ein!“

„Gut, dann werde ich selbst –“

Ein heftiges Ringen entspann sich nach diesen Worten. Der junge Offizier sprang mit einem Satz zum Tisch zurück und drückte auf die Zimmerglocke. Jänicke erschien, hochroth in dem dicken pausbäckigen Gesicht, schnaufend und pustend. „Wer ist draußen?“

„Der Wagner, Herr Lieutenant – von des Herrn Lieutenants Zug. Ich hab’ ihm all gesagt, daß der Herr Lieutenant jetzt nicht zu sprechen sind. Aber er verlangt partuh –“

„So laß ihn herein!“

Jänicke entfernte sich, nicht ohne durch ein Kopfschütteln sein Befremden über den erhaltenen Befehl auszudrücken.

Ueber den Lieutenant war einige Sekunden lang eine jähe Bestürzung gekommen. Aber im nächsten Augenblick richtete er sich wieder hoch auf. Es war ja nicht denkbar, daß ein gemeiner Soldat es wagen würde, ihn, seinen Vorgesetztem zur Rede zu stellen! Lächerlich das, ganz undenkbar!

Wagner trat ein. Einen Schritt seitwärts von der Thür blieb er in dienstlicher Haltung stehen. Sein Gesicht war bleich, seine Augen hefteten sich fest und entschlossen auf seinen Vorgesetzten, der sich auf einen Stuhl niederließ.

„Was wollen Sie, Wagner?“ fragte Buschenhagen in einem Ton, aus dem Verlegenheit und Aerger klangen. Dem Soldaten schoß das Blut ins Gesicht, die Finger, die er vorschriftsmäßig an die Hosennaht gelegt hatte, geriethen in zuckende Bewegung. Er schluckte und würgte und begann dann: „Der Herr Lieutenant wissen etwas Näheres von dem, was sich gestern bei – bei mir zu Hause ereignet hat?“

„Nein!“ Das kam scharf und abweisend heraus.

In den Augen des Soldaten blitzte es auf; aber er entgegnete fast ruhig: „Der Herr Lieutenant waren zugegen, als ich abgerufen wurde, gestern bei der Instruktion –“

„Ja, ja – erinnere mich,“ warf Herr von Buschenhagen nachlässig hin. „Wie geht es Ihrer Schwester?“ Er zog sein Taschentuch hervor, nahm sein Monocle zwischen zwei Finger der linken Hand und begann, daran herumzuwischen.

In der Erregung, die ihn vorwärts trieb, setzte Wagner unwillkürlich den einen Fuß etwas vor, auch die Hände entfernten sich aus ihrer bisherigen Lage. Ohne auf die Frage seines Vorgesetzten zu antworten, sagte er finster: „Der Herr Lieutenant wissen, warum meine Schwester einen – einen Selbstmordversuch begangen hat?“

„Ich?“ Der Offizier hielt eben das Glas vor den Mund, um es anzuhauchen. „Wie sollt’ ich!“

Der Soldat schien immer mehr das Bewußtsein seiner untergeordneten Stellung zu verlieren. „So will ich es Ihnen sagen, Herr Lieutenant! Sie, Sie sind schuld, daß Klara sich ans Leben wollte!“ Rauh, mit unheilverkünbendem Grollen hatte er die Worte hervorgestoßen, während er mit einer heftigen Bewegung auf den Offizier deutete.

Dieser sprang auf und blickte den Untergebenen mit zornfunkelnden Augen an. „Mensch, was fällt Ihnen ein? Nehmen Sie die Hand herunter! Sofort! Wissen Sie, vor wem Sie stehen?“

Den Soldaten durchfuhr es wie ein elektrischer Schlag. Er zog mit einem Ruck den einen Fuß an den andern heran, aber seine Hände, die jetzt wieder an den Körper angelegt waren, ballten sich, seine Brust wogte.

Buschenhagen näherte sich dem Manne. „Wie können Sie sich unterstehen –“

Aus den Augen Wagners sprühte ihm ein so glühender Haß entgegen, daß er unwillkürlich innehielt. Mit vor Aufregung heiserer Stimme entgegnete der Soldat: „Ich wollte Sie nur fragen, Herr Lieutenannt, was Sie in dieser Angelegenheit zu thun gedenken.“

„Ich? In welcher?“

„In der Angelegenheit des Architekten Hagen und meiner Schwester.“

Buschenhagen schlug nun doch vor dem fest auf ihn gerichteten Blick Wagners seine Augen nieder. „Ach so, das ist also Ihre Schwester,“ versetzte er stockend.

„Ja, die Braut des Architekten Hagen ist meine Schwester, und es hat ihr fast das Leben gekostet, als ihr gestern ein Zufall enthüllte, daß dieser Hagen in Wirklichkeit der Lieutenant von Buschenhagen ist, von dem das Gerücht umgeht, er werde sich mit der Tochter des Kommerzienraths Hendloß verloben.“

Der Offizier hatte noch immer seine Fassung nicht wieder erlangt. Das Gefühl seines Unrechts überwog die Empfindung seiner beleidigten Würde.

„Ich habe meiner Schwester gesagt,“ fuhr Wagner lauernd fort, „daß dieses Gerücht eine Lüge sei.“

Der Lieutenant steckte die Hände in die Taschen seiner Joppe und erhob den Blick. „Das Gerücht ist wahr,“ erklärte er fest. Und mit emporgezogenen Augenbrauen, mit der hochmüthigen Ueberlegenheit des Vorgesetzten, in kaltem befehlenden Ton fuhr er fort: „Sagen Sie Ihrer Schwester, es thue mir leid, wenn sie sich falschen Hoffnungen hingegeben habe, die – die selbstverständlich unerfüllbar seien.“

Der Solbat fuhr zurück. „Unerfüllbar?“ rief er drohend.

Die Scene fing am dem Lieutenant fast langweilig zu werden. Diese lächerliche Unterredung hatte schon viel zu lange gedauert; es war Zeit, ein Ende zu machen. „Ich habe Ihnen nichts weiter zu sagen, Sie können gehen.“

Wagner zitterte am ganzen Leibe, sein Oberkörper beugte sich vor wie zum Sprunge, die Adern auf seiner Stirn schwollen an. In sich überstürzenden Worten stieß er hervor: „Woher nehmen Sie das Recht, ein braves Mädchen, in dem Sie monatelang den Glauben an Ihre Liebe genährt haben, von sich zu werfen wie ein Spielzeug, dessen man überdrüssig geworden ist? Ein Mann von Ehre –“

„Mensch, sind Sie von Sinnen?“ Der Lieutenant wies gebieterisch nach der Thür. „Fort! In der Kaserne werden Sie wohl wieder zur Vernunft kommen!“

Seiner nicht mehr mächtig, trat der Soldat dicht an seinen Vorgesetzten heran und schrie ihm ins Gesicht: „Also belogen, betrogen, schändlich an der Nase herumgeführt! Das ist wohl kavaliermäßig, nicht? Aber ich nenne es –“

Der gelle Klang der Glocke, zu der Buschenhagen gegriffen hatte, ließ das Folgende nicht mehr zu Gehör kommen. Jänicke, der augenscheinlich vor der Thür auf der Lauer gestanden hatte, war im Nu im Zimmer.

„Führe den Menschen da hinaus! Er findet den Weg nicht allein,“ befahl der Lieutenant kalt und drehte sich zum Fenster um.

Wagner fuhr zusammen und einen Augenblick schien es, als wollte er sich auf Buschenhagen stürzen, aber der Pommer hielt ihn mit kräftigem Arm zurück und zog ihn zur Thür hinaus, während er ihm erregt zuraunte: „Kerl, willst Du Dich unglücklich machen?“

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aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 41, S. 689–692

[689] Die zehnte Kompagnie hatte am Nachmittag in den Korporalschaften unter Aufsicht der Unteroffiziere von zwei bis vier Uhr Putzen. Um fünf Uhr sollte ein Appell in feldmarschmäßiger Ausrüstung stattfinden, den laut Kompagniebefehl der Premierlieutenant Buschenhagen abhalten mußte. Die Korporalschaftsführer hatten ihrerseits das Antreten schon für halb fünf Uhr befohlen. Das eingehende Besichtigen ihrer Leute kostete Zeit, und es war immer im letzten Augenblick noch ein und das andere am Anzug der Mannschaften nachzuholen.

Wagner war den ganzen Nachmittag über in einem rauschähnlichen Zustande gewesen. Mechanisch hatte er die vorgeschriebenen Putzarbeiten an Kleidungsstücken und Waffen in Angriff genommen, ohne mit seinen Gedanken bei der Sache zu sein und ohne recht zu wissen, was er eigentlich that. Er war auch wiederholt von seinem Unteroffizier gerügt worden, wenn er, einen Schloßtheil seines Gewehrs in der Hand, unthätig vor sich hinstarrte oder wie ein Unsinniger an den Knöpfen seines Waffenrocks rieb, obgleich diese längst funkelten und blitzten, als wären sie von Gold.

Das Geschick seiner Schwester, die höhnische Zurückweisung, die ihm bei dem Lieutenant widerfahren war, gingen ihm unablässig im Kopfe herum. Klara, fassungslos, voll Verzweiflung, hatte ihm gestern alles gebeichtet. Ein wüthender Zorn machte sein Blut sieden, wenn er an das jammervolle Bild der Schwester dachte und dann an diesen Menschen, der ihr Glück leichtsinnig mit Füßen getreten hatte. O daß er gegen diese Schmach nichts thun konnte als mit den Zähnen knirschen, daß er den würgenden Grimm stillschweigend in sich hineinfressen mußte – es war zum Wahnsinnigwerden! Dann wieder kamen weichere Regungen über den Grübelndem und ihn erfüllte nur noch das Mitgefühl mit seiner alten Mutter, der das Leben sowieso schon Kummer genug gebracht hatte, und der rathlose Schmerz wegen der Zukunft seiner Schwester, die an dieser bitteren Enttäuschung zu Grunde zu gehen drohte. Wie ihn das peinigte und folterte, daß er vor unerträglicher Seelenqual laut hätte aufschreien mögen! Er war ja für Klara nicht nur der Bruder, sondern auch der sorgende Vater gewesen. Nur für sie hatte er gearbeitet, seit der Vater plötzlich an einem Schlaganfall verschieden war und er selbst vorzeitig die Schule verlassen mußte, weil das kleine Vermögen kaum hinreichte, die bescheidenen Bedürfnisse der Mutter zu decken. Wie stolz war er gewesen, als Klara sich mit seiner Hilfe in Sprachen und kaufmännischen Fächern ausgebildet hatte und nun auf eigenen Füßen stand! Mit welcher Freude hatte er ihre Schönheit, ihre natürliche Anmuth sich entfalten sehen! Und nun war sie, die ihm als das Theuerste auf Erden galt, erniedrigt, beschimpft, als [690] wäre sie eine Leichtsinnige, die es sich zur Ehre anrechnen müßte, von so einem Herrn Lieutenant überhaupt einer Beachtung gewürdigt zu werden. Stand denn jener, nur weil er den Offiziersrock trug, so hoch über ihm, dem schlichten Soldaten, daß er sich nicht einmal erkühnen durfte, den Wortbrüchigen an seine Pflicht zu erinnern, daß er nicht mit der Wimper zucken durfte angesichts der Schmach, die, wäre sie diesem Herrn Lieutenant widerfahren, im Blut des Gegners hätte gesühnt werden müssen? Besaß denn er selbst nicht ebenso gut ein Gefühl für Recht und Unrecht wie jener, war seine Ehre eine andere, eine schlechtere, weil er dem Vaterlande im einfachen Rock des gemeinen Soldaten zu dienen hatte?

Das alles stürmte und brauste durch die Seele des Unglücklichen und entfachte seinen Haß gegen Buschenhagen zu lodernden Flammen. Wie im Fieberfrost schlugen seine Zähne aufeinander und er besaß kaum die Selbstbeherrschung, um ruhig im Gliede zu stehen, als die Mannschaft jetzt zum Appell auf dem Kasernenhof antreten mußte. Schlag fünf Uhr erschien von der Stadt her der Lieutenant auf dem Platze. Gnädig griff er an den Mützenrand, während der Feldwebel seine Meldung abstattete, und ließ dann nach einem flüchtigen Blick die Front hinab „rühren,“ um sogleich korporalschaftsweise die Musterung vorzunehmen. Er schien nicht gerade besonders gut aufgelegt, denn er hatte allerlei zu erinnern und zu tadeln, und ab und zu rief er dem Feldwebel einen Namen zu, den dieser notierte, um ihn dem Hauptmann zu melden. Als Buschenhagen an die dritte Korporalschaft kam, nahmen seine Mienen einen noch strengeren Ausdruck an. „Seitengewehre aufpflanzen!“ befahl er.

Langsam, die mit raschem Griff aufgesteckten Bajonette musternd, schritt er die Front hinab. Hier und da ließ er sich ein Gewehr reichen, um die Sauberkeit der einzelnen Theile genauer zu untersuchen. Manchen Tadel, manchen Fluch setzte es ab. Bei jedem Schimpfwort des Vorgesetzten zuckte ein Mann im ersten Gliede zusammen - es war Wagner. Das Herz schlug ihm mit einem Ungestüm, daß er es bis zum Halse herauf spürte; alles Blut drängte sich ihm zum Kopfe.

Als jetzt der Lieutenant vor ihn hintrat, da war es ihm, als ob ein höhnisches herausforderndes Zucken über das Gesicht des Offiziers huschte. Oder war es ein Trugbild seiner erregten Sinne? Er hatte keine Zeit, weitere Beobachtungen anzustellen, denn der Vorgesetzte befahl ihm, sein Gewehr zu zeigen. Wagner streckte es mit einer so heftigen Gebärde vor, daß sein Unteroffizier erstaunt aufblickte. Was hatte der Mann, der sonst einer der besten in der ganzen Kompagnie war? Warum blickte er den Lieutenant, der eben das Gewehr von allen Seiten aufmerksam betrachtete, mit einem solch respektwidrigen Ausdrnck an? Der von blinder Ehrfurcht gegen jeden Vorgesetzten erfüllte Unteroffizier erschauderte bis in die tiefste Seele hinein. Und jetzt, Herrgott, was war das? Während der Offizier den Mann mit heftigem Tadel auf einen dicken röthlich schimmernden Rostfleck ganz oben im Lauf aufmerksam machte, ballte der Mensch, der plötzlich den Verstand verloren zu haben schien, die Fäuste, sein Oberkörper dehnte und reckte sich wie im Krampfe und aus seiner Kehle drang deutlich ein heiserer Laut, ein wildes Schimpfwort. Im nächsten Augenblick durchfuhr ein eisiger Schrecken die hundertundfünfzig Zuschauer: Wagner hatte mit jähem Griff sein Gewehr an sich gerissen, fällte es blitzschnell und rannte in blinder Wuth gegen den Offizier an, ihm mit dem aufgepflanzten Seitengewehr den Aermel des Rockes durchbohrend. Doch noch ehe der Rasende seine Waffe zurückziehen und zu neuem, besser gezieltem Stoß ausholen konnte, hatten sich ein paar Unteroffiziere dazwischengeworfen und bändigten den sich wie sinnlos Gebärdenden mit vereinten Kräften.

„Zur Wache!“ befahl der Lieutenant, bleich bis in die Lippen, aber äußerlich gefaßt und ruhig. Dann ließ er die Kompagnie wegtreten.

Noch am selben Abend verbreitete sich wie ein Lauffeuer das Gerücht in der ganzen Garnison, daß der Füsilier Wagner auf den Lientenant von Buschenhagen vor versammelter Mannschaft einen Mordversuch gemacht habe.


3.

Die Anklage gegen den schuldigen Soldaten nahm den vorgeschriebenen Verlauf. Der Arrestant wurde als Untersuchungsgefangener in das Militärgefängniß der Garnison übergeführt, von der Kompagnie wurde der Thatbestand zu den Akten eingereicht und das Verhör vor dem Auditeur begann.

Auf den Angehörigen des Unglücklichen lastete dieser neue Jammer wie ein erdrückender Alp. Frau Wagner, die noch unter den Folgen des letzten Schreckens zu leiden hatte, wurde auf das Krankenbett geworfen. Aber schon nach wenigen Tagen raffte sie sich auf, so elend und schwach sie sich auch fühlte, um womöglich das Schicksal ihres Sohnes zu erleichtern. Sie eilte zum Feldwebel, von da zum Hauptmann, aber dieser zuckte bedauernd die Achseln. Die Angelegenheit war seinem Machtbereich entrückt und er hatte gar keinen Einfluß auf den Verlauf und das Ergebniß der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens. Alles, was er thun konnte, war, daß er der Wahrheit gemäß der bisherigen Führung des Gefangenen das beste Zeugniß ausstellte. Auch der Oberst, den die alte Frau in ihrer Herzensangst noch aufsuchte, erklärte bei aller Höflichkeit und Freundlichkeit, die er der fassungslos Weinenden gegenüber an den Tag legte, mit aller Entschiedenheit, daß er ihr in keiner Weise dienen könne.

„Ihrem Sohne vermag kein Mensch zu helfen, liebe Frau,“ sagte er ernst, „denn offene Widersetzlichkeit, noch dazu mit thätlichem Angriff, das ist das schwerste Verbrechen, dessen sich der Soldat seinem Vorgesetzten gegenüber schuldig machen kann. Bei uns muß unbedingte Subordination sein, sonst geht alle Ordnung aus Rand und Band.“

Wankend kehrte die alte Frau zu ihrer Tochter zurück, die über dem unseligen Geschick ihres Bruders das eigene Unglück vergessen hatte und sich in bitterer Reue anklagte, daß sie an allem die Schuld trage. Vergebens zermarterte sich Klara das Gehirn, wie sie dem Bruder helfen und das Schreckliche, das ihm bevorstand, abwenden könnte. Die abenteuerlichsten Pläne schossen ihr durch den Kopf, ja sogar der Gedanke, den Lieutenant von Buschenhagen aufzusuchen und ihn um Rettung für den Bruder anzuflehen. Aber konnte er noch helfen, und wenn er es konnte, durfte sie dem Manne, der das Beste in ihr getötet hatte, den sie haßte, durfte sie diesem Treulosen jemals wieder, noch dazu als Bittende, gegenübertreten?

So saßen die beiden Frauen rathlos beisammen und suchten vergebens einander zu trösten. Von dem Verkehr mit ihren Hausgenossen und anderen Bekannten zogen sie sich fast ganz zurück, denn die rohe Neugier, die Uebertreibungen, in denen sich diese gefielen, vermehrten nur ihre fieberhafte Angst.

„Ich sage Ihnen,“ hatte der Schuhmachermeister Müller gemeint, indem er eine ungeheuer wichtige Miene aufsetzte, als hinge von ihm das Schicksal des gefangenen Soldaten ab, „die Sache ist nicht auf die leichte Achsel zu nehmen. Was denken Sie wohl: Angriff mit blanker Waffe vor offener Front – das ist das reine Majestätsverbrechen. Wäre die Sache im Kriege passiert, na, Ihrem Sohn thäte schon heute kein Glied mehr weh; eine Kugel wär’ ihm sicher gewesen. So aber werden sie ihm wohl bloß so ’ne zehn oder fünfzehn Jahre aufpacken.“

Diese freundliche Aeußerung hatte zur Folge, daß die tödlich erschreckte Mutter in einen heftigen Weinkrampf verfiel. Ihr Sohn zehn, fünfzehn lange Jahre, die schönste Zeit seines Lebens, im Gefängniß! Wegen einer im raschen berechtigten Zorn begangenen That, die den Betroffenen gar nicht geschädigt hatte! Nein, nein, das war unmöglich! So unmenschlich hart konnten die Richter nicht sein! Und ein kleiner Hoffnungsstrahl, der von ihrer Tochter nach Kräften genährt wurde, zog wieder ein in ihr bekümmertes Herz.

Inzwischen verbrachte ihr Sohn die Zeit in dumpfer Betäubung. Er aß nur das Nothdürftigste und hatte nicht einmal den Trost, wenigstens im Schlafe seinen Jammer zu vergessen. Wilde Träume schreckten ihn auf, wenn er Ruhe zu finden meinte, und düster vor sich hinbrütend, saß er die endlosen Nächte hindurch auf seinem harten Lager. Bald aber wehrte sich seine ungebrochene Jugend gegen diese kraftlose Verzweiflung. Ein harter zäher Trotz überkam ihn. Er wußte gut genug, daß seine That nach militärischem Gesetz ein schweres Verbrechen war, das ihm die härteste Strafe eintragen konnte. Sollte er sich in das Schicksal, das ihm gewiß war, widerstandslos fügen, sollte er lange entsetzliche Jahre in der Sträflingsjacke zubringen, um dann vorzeitig gebrochen, seinem Beruf entfremdet, als ein Bettler in der Welt dazustehen? War es da nicht besser, mit einem Schlag ein Ende zu machen?

Der Tag der Gerichtsverhandlung kam. Der peinliche Akt fand in der Kommandantur statt, und der Angeklagte wurde durch einen Gefreiten und einen Soldaten mit geladenen Gewehren vom [691] Gefängniß nach dem Sitzungssaal gebracht. Der Weg führte über die lange breite Brücke, welche die Stadt mit der Kaserne verband, und währte im ganzen etwa zehn Minuten. Mehr als einmal durchblitzte den Gefangenen auf dem kurzen Gange der Gedanke, einen Fluchtversuch zu wagen und seine Rettung der Schnelligkeit seiner Füße anzuvertrauen. Aber das Aussichtslose eines solchen Wagestücks hielt ihn zurück. Ehe er auch nur zehn Schritte gemacht haben würde, hätten ihn seine Wächter niedergeknallt!

Die Verhandlung begann um drei Uhr nachmittags und zog sich bis gegen sieben Uhr hin. Dem Gefangenen, dessen Lebensglück sich hier entschied, wurden die Stunden zur Ewigkeit. Endlich, endlich erfolgte der Spruch. Er lautete auf sechs Jahre Gefängniß, „nur“ auf sechs Jahre, weil man den Anlaß zu der That als mildernden Umstand hatte gelten lassen.

Sechs Jahre! Den Verurtheilten durchschauerte es vom Kopf bis zu den Füßen. Das war ebenso gut, als hätte man ihn zum Begrabenwerden bei lebendigem Leibe verdammt. Und plötzlich überkam ihn kalte Ruhe, die Ruhe des Verzweifelten, der nichts mehr zu verlieren hat. Sein Entschluß war gefaßt: fliehen oder sterben!

Auf dem Wege von der Kommandantur zur Brücke machte er seinen Plan, einen tollkühnen wahnsinnigen Plan, aber es war der einzige, der die Rettung wenigstens nicht ganz ausschloß.

Der Transport befand sich ungefähr auf der Mitte der Brücke; gleichmüthig zogen die beiden Soldaten mit dem Gefangenen vorwärts. Mit einem verstohlenen prüfenden Blick sah sich dieser um. Dort unten rechts, stromabwärts, lag die Dammvorstadt, durch Wiesen und Gärten vom Fluß getrennt. Dort weilten Mutter und Schwester in Verzweiflung, den Sohn und Bruder als einen Verlorenen beklagend. Noch einmal athmete er tief auf. Dann ein Sprung an den Brückenrand und blitzschnell, noch ehe seine Begleiter recht zum Bewußtsein gekommen waren, hatte er sich in stürmischem Anlauf auf das Geländer und von da kopfüber in die Tiefe geschwungen.

Als der Flüchtling aus dem Wasser wieder auftauchte, lagen die beiden Wächter am Geländer der Brücke in Anschlag; sobald sie den Kopf des Schwimmenden erblickten, gaben sie Feuer. Aber die bereits hereingebrochene Dämmerung und die Erregung verhinderten ein genaues Zielen – oder war es das Mitgefühl mit dem um sein Leben ringenden Kameraden, das ihre Hand unsicher machte?

Auf der Brücke entstand ein Auflauf, ein hastiges Schreienn und Fragen. Scharen von Vorübergehenden sammelten sich, um in die Tiefe nach dem kühnen Schwimmer hinab zu spähen, während die beiden Soldaten, von einigen Neugierigen begleitet, dem Ende der Brücke zurannten, um im Kahn die Verfolgung aufzunehmen. Allein der Flüchtling, ein geübter Schwimmer, hatte schon einen großen Vorsprung, begünstigt von der schnellen Strömung des Flusses, und als die Soldaten endlich in Begleitung eines Schiffers vom Lande abstießen, hatte er schon unweit der Dammvorstadt das Ufer erreicht. In vollem Lauf durcheilte er die Wiesen und Gärten; obgleich ihm die nassen Kleider schwer am Leibe hingen. Keine Furcht erfüllte ihn, sondern nur der Gedanke an die mit jedem Pulsschlag, mit jedem Athemzug ersehnte Freiheit.

Von der Hofseite her näherte er sich dem Hause seiner Mutter. Vorsichtig spähend, um keinem zu begegnen, tappte er sich in das Haus hinein, und nun stürmte er in das kleine Wohnzimmer. Ein lauter Schrei der entsetzt auffahrenden Frauen empfing ihn. Mit weit aufgerissenen Augen starrten sie den in triefenden Kleidern, erhitzt, athemlos vor ihnen Stehenden an. In fassungsloser Ergriffenheit ohne ein Wort hervorbringen zu können, sank die erschütterte alte Frau vor ihrem Stuhl auf die Knie nieder und streckte die Arme voll Sehnsucht und Hilflosigkeit nach dem geliebten Sohn aus. Dieser sprang hinzu und zog die Hinfällige empor.

„Fasse dich Mutter!“ rief er, die alte Frau liebevoll stützend. „Schnell, schnell! Sechs Jahre haben sie mir gegeben, sechs Jahre! Ich bin ihnen entwischt, die Verfolger sind hinter mir! Um Gotteswillen, faßt Euch! Meinen Civilanzug, Klara! Rasch, ehe es zu spät ist!“

Und schon hatte er sich der nassen Uniform entledigt, und während die Schwester, ohne ein Wort zu erwidern, in das Hinterzimmer eilte, um die Kleider des Bruders zu holen, legte dieser trockene Wäsche an, um dann in fliegender Hast in den Civilanzug zu schlüpfen. Die alte Frau half ihm, so viel sie konnte, obgleich sie sich in einem Zustand tödlicher Aufregung befand. Aus ihrem Gesicht war jede Spur von Farbe gewichen, ihre Glieder zitterten wie im Fieber.

„Franz, Franz, was wirst Du nun anfangen? Wovon wirst Du leben?“

Unter Thränen mußte er lächeln. „Das ist das Wenigste, Mutter. Wenn ich nur erst im Ausland wäre! Vor dem Verhungern fürchte ich mich nicht.“

„Herr des Himmels – so weit, ins Ausland?“ Und sie eilte, so schnell ihre wankenden Beine sie tragen wollten, an den Sekretär ihres verstorbenen Mannes, zog aus einem der Fächer die goldene Uhr hervor, die Franz von dem Vater geerbt hatte, aber in der Kaserne nicht tragen mochte, und reichte sie ihm; dann wollte sie ihm mit aller Gewalt alles im Hause vorräthige Geld aufdrängen. Aber er nahm nur einen Theil davon und wies das Uebrige standhaft zurück. Und nun zog er Mutter und Schwester an seine Brust zum letzten Abschiedsgruß. Für eine kurze Sekunde packte auch ihn fassungslose Weichheit, ein Schluchzen erschütterte seine Brust. Dann nahm er alle Kraft zusammen.

„Sei ruhig, Mutter, sei stark! Ihr werdet bald von mir hören und dann kommt Ihr mir nach, Duu und Klara – und alles ist gut!“

Sie klammerte sich an ihn, als wollte sie ihn nicht von sich lassen, und er mußte sich fast mit Gewalt von ihr losreißen.

„Bleib’ brav, Klara, bleib’ gut! Tröste die Mutter!“

Und schon stand er an der Thür. Da fiel ihm noch etwas ein. Sich umwendend, deutete er auf die nassen Uniformstücke, die am Boden lagen. „Verstecken – im Garten! In den Fluß damit! Und leugnet, daß ich hier gewesen bin!“ Dann war er auf dem Flur, jetzt mit raschen Sätzen in den Hof, in den Garten, auf die Wiesen zurück und von da im Bogen um die Stadt herum, der Landstraße zu.

Während er bald in athemlosem Laufe, bald langsam vorsichtig spähend, vorwärts drang, überlegte er. Am sichersten schien es ihm, ein paar Stunden zu Fuß zu gehen und dann, noch in der Dunkelheit der Nacht oder mit dem ersten Morgengrauen, auf einer der nächsten Stationen die Eisenbahn zu besteigen. Wenn dann nicht irgend ein tückischer Zufall seinen Verfolgern zu Hilfe kam, so durfte er sich als gerettet betrachten.

Als er die Landstraße betrat, hielt er erschöpft eine Weile an. Mit fieberhafter Aufmerksamkeit horchte er nach der Stadt zurück. Da hörte er ganz deutlich Pferdegetrappel, das sich rasch näherte. Eine Kavallerie-Patrouille, die ihn verfolgte! Er kauerte sich in ein nahes Gebüsch und lauschte mit angehaltenem Athem. Nun unterschied er, daß es ein Wagen war, der auch nach wenigen Minuten sichtbar wurde. Eine ungestüme Freude loderte in dem Flüchtling auf – es nur ein Bauer, der aus der Stadt nach dem Heimathdorf zurückfuhr und auf Wagners Zuruf rasch anhielt. Nach einigem Hin- und Herreden ließ er den Fremden neben sich auf dem Strohsack Platz nehmen, und vorwärts ging die Fahrt durch die immer dunkler werdende Nacht „Gerettet!“ jubelte es in der Brust des Deserteurs, und ein wonniges Gefühl der Sicherheit wollte ihn überkommen. Da ertönte mit einem Mal rechts vom Felde her lautes Rufen – „Halt!“ schallte es gebieterisch herüber. Unwillkürlich gehorchend, zog der Bauer die Zügel an. Und noch ehe Wagner sich besinnen konnte, hatten auch schon drei Gestalten den Straßengraben überspringend, den Wagen umstellt, drei Gestalten mit Helm und Gewehr – eine Patrouille, wahrscheinlich von seiner Kompagnie, die auf die erste Meldung von seiner Flucht allen anderen vorausgeeilt war. Wie gelähmt saß der Flüchtling da; wie im Traume erkannte er in der Stimme des Vordersten, der jetzt dicht vor den Bauer hintrat und ihn fragte, ob er nicht einen fliehenden Soldaten in Waffenrock und Mütze, einen Deserteur gesehen habe, die seines Korporalschaftsführers. An allen Gliedern bebend, saß Franz da, sein Schicksal erwartend, und er wäre widerstandslos gefolgt, wenn man sich in diesem Augenblick seiner bemächtigt hätte. Aber während der Bauer die ihm vorgelegte Frage verneinte und Auskunft über sich gab, raffte sich Franz auf. „Widerstand bis zum letzten Blutstropfen!“ gelobte er sich. Er biß die Zähne zusammen und machte sich zum Sprunge bereit. Die glühenden Augen heftete er fest auf das Gewehr des Unteroffizier, das dieser unterm Arme trug. Sobald ihn der Vorgesetzte erkannte, wollte er sich mit unwiderstehlicher Kraft auf ihn werfen, ihm [692] die Waffe entreißen und ihn niederschlagen. Entweder gelang es ihm dann, in der ersten Verwirrung zu entkommen, oder man schoß ihn tot. Aber so oder so – Kampf, so lange noch ein Athemzng in ihm war!

Während der Unteroffizier mit dem Besitzer des Fuhrwerks sprach, entzündete einer seiner beiden Begleiter ein Streichholz und wollte damit dem Bauern ins Gesicht leuchten, doch ein Windstoß verlöschte die Flamme. Schon schickte er sich an, sein Manöver zu wiederholen, als der Unteroffizier, der mit flüchtigem Blick auch in der zweiten Gestalt einen Civilisten erkannt hatte und es für ausgeschlossen hielt, daß der Deserteur in dieser kurzen Zeit sich andere Kleidung verschafft haben könnte, ein kurzes verdrießliches „Vorwärts! Weiter!“ ausstieß und sich kurz umdrehte.

Und alle Vorsicht vergessend, entriß Franz mit heftigem Griff seinem Nachbar die Peitsche und schlug so ungestüm auf die Pferde los, daß sie sich in gestreckten Lauf setzten. Im Nu hatten sie die Soldaten im Rücken, und wie im Fluge ging es auf der glatten Landstraße vorwärts.

Ein strahlender Blick richtete sich aus den Augen des Flüchtlings zum dunklen Firmament empor.


4.

Das Attentat auf den Lieutenant von Buschenhagen und die Flucht des Verurtheilten erregten unter der. Bevölkerung der Stadt großes Aufsehen. Daß ein Soldat sich an einem Offizier thätlich vergriff war eine so große Seltenheit, daß der Fall schon aus diesem Grunde zum Stadtgespräch wurde. Und hier kam noch der Selbstmordversuch der jungen Buchhalterin hinzu und gab der aufregenden Geschichte einen willkommenen pikanten Beigeschmack. Der Skandal wurde vollends öffentlich, als das in der Stadt erscheinende „Volksblatt“ sich des interessanten Stoffes bemächtigte und in einem donnernden Leitartikel gegen das „Vorrecht der Offiziere im Staat und in der Gesellschaft“ zu Felde zog.

Für Herrn von Buschenhagen hatte die peinliche Angelegenheit allerlei unangenehme Folgen. Sein Oberst zeigte ihm eine sehr frostige Miene und verwandelte seine frühere vertrauliche Anrede: „Mein lieber Buschenhagen“ flugs in das förmliche „Herr Lieutenant von Buschenhagen“. Diejenigen bürgerlichen Kreise, mit denen der junge Offizier gelegentlich in Berührung kam, begegneten ihm mit einer gewissen absichtlichen Kälte, und Löwenthal – so berichtete der treue Jänicke – war neulich während der Abwesenheit des Herrn Lieutenants in dessen Wohnung gewesen und hatte in sehr aufdringlichem Tone nach ihm gefragt. Im Hause des Kommerzienraths Hendloß hatte sich der junge Offizier seit dem Tage des Attentats aus leicht begreiflichen Gründen nicht mehr sehen lassen; es sollte erst ein wenig Gras über die Geschichte wachsen.

Schließlich kam die Angelegenheit auch vor den Ehrenrath des Offiziercorps. Doch die Kameraden Buschenhagens sprachen ein „Nichtschuldig“. Buschenhagen habe die Standesehre nicht verletzt. Es sei weder erwiesen noch anzunehmen, daß er der Schwester des Soldaten Wagner irgendwelche bindenden Versprechungen gegeben habe. Daß diese sich trotzdem Illusionen gemacht habe, dafür sei Buschenhagen nicht verantwortlich.

Peinlicher als der Ehrenrath des Regiments nahm der Familienrath im Hause Hendloß die Sache, als eines Tages der Lieutenant in feierlichem Aufzug erschien, um in aller Form um Fräulein Doras Hand anzuhalten. Er hatte zwar eigentlich noch länger zuwarten wollen, aber das erwies sich als unmöglich. Es war die höchste Zeit, daß etwas geschah, um die unruhig gewordenen Gläubiger zu besänftigen, die weder neue Anleihen gewähren, noch die alten Verbindlichkeiten stunden wollten.

Unter diesen Umständen traf ihn die Antwort des Kommerzienraths, der äußerst höflich, aber sehr entschieden bedauerte, die seiner Familie zugedachte Ehre zurückweisen zu müssen, wie ein betäubender Schlag. Und als drei Tage später Hendloß gar die Verlobung seiner Tochter mit dem Sohn eines Geschäftsfreundes öffentlich anzeigte, da begannen des Lieutenants unverwüstliches Selbstgefühl und die ihm angeborene Leichtlebigkeit ins Wanken zu gerathen. Ganze vierundzwanzig Stunden ging er mit sich zu Rathe. Dann faßte er seinen Entschluß.

Der erste Schritt war, daß er eine lange Unterredung mit Herrn Löwenthal, seinem Hauptgläubiger und dem Wortführer der anderen, abhielt; es gelang ihm, den Geldmann zu dem Versprechen zu bewegen, während der nächsten vierzehn Tage nichts gegen seinen Schuldner zu unternehmen. Dann kam er um einen kurzen Urlaub ein, der ihm sogleich gewährt wurde. Er packte seinen kleinen Handkoffer, ließ ihn von seinem Burschen nach dem Bahnhof tragen und dampfte schweren Herzens nach dem kleinen Städtchen ab, in dem seine Eltern wohnten.

Was er vorhatte, war eine That der Verzweiflung. Aber er sah keinen anderen Ausweg. Hatte dieser letzte Versuch nicht den gewünschten Erfolg, dann schlugen die Wasser über ihm zusammen, dann ade, du goldene Lieutenantszeit!

Als Erwin am Abend im elterlichen Hause eintraf, war die Freude, wenigstens unter den weiblichen Familienmitgliedern, eine stürmische. Nur sein Vater, der Major und Bezirkskommandeur Hans von Buschenhagen, zeigte eine mißtrauische Miene. Der unerwartete Besuch seines Sohnes erregte seinen Verdacht.

[694] anzugehen, brachte er nicht über sich. Er schrieb an den Kameraden, an den er den hohen Betrag verloren hatte, daß er ihn mit Geld nicht bezahlen könne, er bezahle daher mit seinem Leben. Und so ging er in den Tod. Da er die Strafe so unerbittlich selbst an sich vollzog, hielt ich es für meine Pflicht ihm zu vergeben, was er gefehlt hat. Und damit niemand ein Recht habe, sein Andenken zu verunglimpfen und seine Ehre in den Staub zu treten, nahm ich seine Schuld auf mich und tilgte sie zur festgesetzteu Frist.“

Der Major schwieg, tief aufseufzend, und strich sich mit der Hand über die Augen, in denen es feucht schimmerte. Dann schloß er in festem Ton: „Und nun mein Sohn, weißt Du, warum ich spare und knausere und Zinsen auf Zinsen häufe.“

Mit wogender Brust, aufs tiefste ergriffen, hatte der Lieutenant den Schluß des Berichtes angehört. Jetzt sprang er auf und stürzte zu seinem Vater hin. In überströmender Zärtlichkeit haschte er nach der Hand des überrascht Aufblickenden und küßte sie stürmisch.

*  *  *

Am andern Tage schon lief Erwins Urlaub ab. Als er Mutter und Schwestern zum Abschied umarmte, mußte er sich Gewalt anthun, um seine Ergriffenheit zu verbergen. Er hatte die Empfindung, als sage er ihnen für lange, für immer Lebewohl.

Der Vater begleitete ihn zur Bahn. Schweigend schritten sie nebeneinander her. Kurz vor dem Bahnhof wollte der Major noch einmal auf das gestrige Gespräch zurückkommen, um von dem Sohn nähere Angaben über seine Schulden zu bekommen, aber Erwin wich aus und heuchelte Sorglosigkeit. Er werde die Sache schon selbst in Ordnung bringen – damit brach er kurz ab und fing an, von anderen Dingen zu sprechen. Bis zum Abgang des Zuges plauderte er in einem fort, mit sprudelnder Lebhaftigseit, um jeden Versuch des Vaters, ihn zu weiteren Bekenntnissen zu bewegen, im Keim zu ersticken.

Erst als er allein in dem Coupé war, vor dessen Fenstern Feld und Wald vorüberflogen, gab er sich rückhaltlos der Verzweiflung hin. Sein Schicksal war besiegelt! Verloren! Keine Rettung! Er schloß die Augen und lehnte sich in die Polster zurück, um zu schlafen, um nicht denken zu müssen. Aber vergebens. Der Schlummer, den er herbeisehnte, kam nicht, und so sehr er sich auch vornahm, nicht zu grübeln und zu sinnen, die eine folternde Frage drang unablässig auf ihn ein und ließ ihm keine Ruhe: was nun? was nun?

Als er in seiner Garnison eintraf, war er froh, daß die Dämmerung schon hereingebrochen war. So konnte er, ohne gesehen zu werden, in seine Wohnung gelangen.

Jänicke, der den Lieutenant mit seinem freundlichsten Gesicht begrüßte, wurde zu seiner tiefen Entrüstung keines Wortes gewürdigt, sondern stumm aus dem Zimmer gewiesen. Erwin wollte heute niemand sehen, keinen Menschen, denn er fühlte, daß man ihm die Verzweiflung vom Gesicht ablesen könnte.

Und nun, da er allein war zwischen seinen vier Wänden, schien ihm sein Zustand erst recht nicht erträglich. So dumpf so hoffnungsleer war ihm noch nie in seinem Leben zu Muth gewesen. Er setzte sich, stützte den Kopf in beide Hände und sann und sann. Und dann wieder sprang er empor und fuhr sich mit einer wilden Gebärde an die Stirn. Nicht denken, nicht denken! Denn am Schluß aller seiner Gedanken stand etwas Furchtbares, Entsetzliches, das er nicht sehen wollte, vor dem er die Augen schloß wie ein furchtsames Kind.

Endlich suchte er sein Bett auf, aber ruhelos wälzte er sich hin und her. Ob er das Gesicht in den Kissen vergrub oder in das vom Mondschein erhellte Zimmer starrte, immer und überall sah er ein gräßliches Bild, das ihm das Blut in den Adern erstarren machte: seinen Bruder Egon, wie er im Sarge lag, stumm und bleich, die roth klaffende Todeswunde mitten auf der Stirn.

Am andern Morgen in aller Frühe suchte er den Regimentsadjutanten auf. Dieses einsame Grübeln und Brüten hielt er nicht mehr aus. Er lechzte förmlich nach Mittheilung, nach einem freundlichen Rath, einem aufmunternden Wort.

Als er dem älteren Kameraden sein ganzes Herz ausgeschüttet hatte, entgegnete dieser, sein Auge in ehrlicher Theilnahme auf Erwin ruhen lassend: „Eure Lage ist verteufelt schwierig, lieber Buschenhagen. Habt Ihr denn gar keinen gutmüthigen alten Onkel, gar keine menschenfreundliche Erbtante, der Ihr ein paar tausend Mark abjagen könnt?“

Der junge Offizier schüttelte traurig den Kopf

„Und Euer Alter – wenn Ihr Euch ein Herz fassen und ein offenes Wort mit ihm reden würdet?“

Eine ungeduldige, heftig abwehrende Handbewegung des Kameraden belehrte ihn, daß von dieser Seite nichts zu erwarten sei.

„Also keine, gar keine Hoffnung, das Geld zu kriegen?“ fragte der Adjutant weiter.

„Keine!“

„Nun, Buschenhagen, dann bleibt Euch nur eines übrig.“

Der Angeredete erbleichte und der Kopf sank ihm auf die Brust. „Eine Kugel durch den Kopf!“ sagte er mit tonloser Stimme.

Der Adjutant fuhr auf. „Unsinn! Wer denkt gleich daran! Ein so junger lebenslustiger Mann wie Ihr! Wer weiß, welches Glück Euch noch blüht! Nein, nur den Abschied werdet Ihr nehmen müssen, und ich rathe Euch, Euer Gesuch noch heute einzureichen. Inzwischen besorge ich Euch Urlaub auf vierzehn Tage – bis er abgelaufen ist, wird die Genehmigung Eures Gesuches dasein und Ihr braucht gar nicht mehr zum Regiment zurück.“

Erwin von Buschenhagen lächelte bitter vor sich hin. „Der Abschied? Das ist ebenso gut, als riethen Sie mir zur Pistole.“

Der Adjutant machte ein böses Gesicht. „Na, hört ’mal, Buschenhagen, Ihr übertreibt da unverantwortlich. Giebt es denn außerhalb des Regiments kein Leben?“

„Für mich nicht,“ stieß der junge Offizier leidenschaftlich hervor. „Die Buschenhagens sind nie etwas anderes gewesen als Soldaten, und ich selbst habe nie daran gedacht, etwas anderes zu werden. Was sollte ich auch anfangen, wenn ich den Offiziersrock ausgezogen habe!“

Der Adjutant strich sich bedächtig den starken Schnurrbart und blickte nachdenklich zu Boden. Plötzlich erhellte sich seine Miene und er wandte sich lebhaft an den jüngeren Kameraden: „Sagt ’mal, Buschenhagen, habt Ihr den Schuckmann gekannt, den Freiherrn von Schuckmann von den Dragonern?“

Der Gefragte hob erstaunt den Kopf „Schuckmann? Freilich! Aber was –“

„Ihr wißt,“ unterbrach ihn der andere eifrig, „daß der tolle Schuckmann vor zwei Jahren verschwand, nachdem er sein ganzes väterliches Erbe bis auf den letzten Heller verjubelt hatte. Wo glaubt Ihr wohl, daß er sich heute befindet?“

„Nun?“ Der junge Lieutenant hob gespannt den Kopf.

„In Amerika!“ rief der Adjutant triumphierend, als verkünde er wer weiß was für eine frohe Botschaft, und dem Kameraden seine Hand mit der Miene eines Gönners auf die Schulter legend, fuhr er fort: „Das ist Euer Fall, Buschenhagen! Hier bei uns – da habt Ihr recht – hier würde es Euch schwer fallen, irgendwo wieder Wurzel zu fassen. Drüben ist es besser. Niemand kennt Euch da, alle Vorurtheile und den sonstigen Krimskrams, in dem wir nun ’mal bis über die Ohren stecken, könnt Ihr also hübsch zu Hause lassen. Geht hinüber und zieht in dem neuen Lande einen neuen Menschen an!“

Der Lieutenant war lebhaft emporgefahren. Auf den Schlußsatz hörte er nicht mehr. Das Wort „Amerika“ schien eine magische Wirkung auf ihn auszuüben. Seine hohe kraftvolle Gestalt richtete sich in die Höhe, seine breite Brust hob sich unter einem tiefen erlösenden Athemzug, Ihm war zu Muthe, als sei er plötzlich aus einem duuklen Schacht zum belebenden Tageslicht emporgestiegen. Aus seinen hellen blitzenden Augen strahlte wieder frischer Muth und fröhliches Hoffen. Der zukunftsfreudige Optimismus seiner Jugend und seines lebensfrohen Temperaments begehrte sein Recht. Amerika! Dort und sonst nirgends blühte Rettung! Einfach allen Scherereien und Verdrießlichkeiten aus dem Wege zu gehen. je weiter, desto besser – das war das Vernünftigste! Ueber das Wasser würde ihm Löwenthal nicht folgen!

Dankend reichte er dem Kameraden, der das erlösende Wort gesprochen hatte, die Hand.

„Und nun, lieber Buschenhagen,“ sagte dieser und gab den Händedruck herzlich zurück, „reist glücklich und laßt’s Euch gut gehen! Und wenn Ihr drüben den tollen Schuckmann trefft, grüßt ihn von mir – war immer ein braver Kerl, der Schuckmann, nur leichtsinnig, schauderhaft leichtsinnig.“

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aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 42, S. 709–714

[709] Am ersten Tage seiner Anwesenheit im elterlichen Hause schlief Erwin bis in den Vormittag hinein, und als er in das Wohnzimmer hinüberkam, war der Major schon auf seinem Bureau. Der Lieutenant athmete erleichtert auf. Die unerquickliche, verdrießliche Geschichte kam immer noch frühzeitig genug zur Sprache.

Der Vormittag gehörte der Mama und den beiden Schwestern. Erwin mußte allerlei Neuigkeiten aus seiner Garnison auskramen – welche Versetzungen und Beförderungen im letzten Jahre stattgefunden hätten, ob die neue Kommandeuse eine liebenswürdige Dame sei, ob es auf den Gesellschaften bei Hauptmann Bielefelds noch immer so knapp zugehe, wer zur Zeit der flotteste Tänzer sei und ob Lieutenant Graf Werra von den Dragonern der Jenny Hoff, der Heroine des Stadttheaters, noch immer auffallend den Hof mache.

Als man sich satt geschwatzt hatte, schlugen die beiden jungen Mädchen einen Spaziergang vor, während die Frau Major sich der Küche widmen wollte. Es drängte die Schwestern, sich mit dem schmucken Bruder an der Seite den Kleinstädtern zu zeigen. Denn weder die Tochter des Amtsgerichtsdirektors noch die unausstehliche Lucie Döring, die Tochter des reichen Fabrikbesitzers vorm Thor, noch irgend eine der anderen Honoratiorendamen [710] der Stadt hatte einen Lientenant als Bruder aufzuweisen. Der Spaziergang fand denn auch statt und erzielte den von Erwins Schwestern gewünschten Erfolg. Zum Schluß wurden noch einige kurze Besuche gemacht, die nachher beim Mittagstisch zu Hause Stoff zu einem launigen, mit anzüglichen Bemerkungen gespickten Gespräch geben mußten. Was die Mahlzeit selbst betraf, so war Erwin nicht gerade sehr erbaut davon, obgleich die Mama sich sichtlich bemüht hatte, ihrem Liebling zu Ehren der Tafel einen außergewöhnlichen Glanz zu verleihen.

Den verwöhnten Augen des Lieutenants erschien alles ärmlich und dürftig, nicht nur die Mahlzeit, sondern auch das Geschirr, das Mobiliar der Wohnung. Die ganze Haushaltung hatte einen kleinbürgerlichen, fast kärglichen Zuschnitt, den der junge Offizier niemals so unangenehm empfunden hatte wie gerade jetzt. Die Beschränktheit der Mittel, über welche der zur Disposition gestellte Major verfügte, verrieth sich in allem und jedem, und Erwin würde schon jetzt an dem Gelingen seines Vorhabens gezweifelt haben, wenn er nicht gewußt hätte, daß von seiten seiner Mutter ein kleines Vermögen vorhanden war.

Als der Major sich nach Beendigung der Mahlzeit erhob, nahm Erwin all seine Energie zusammen. Was half alles Zögern? Es mußte sein.

„Papa!“ sagte er, hastig aufstehend, mit heiser klingender Stimme.

„Du wünschest?“ Der Major drehte sich halb nach dem Sohne herum, während die übrigen Familienmitglieder erstaunt auf Erwin blickten, dessen verstörtes Wesen ihnen auffiel.

„Ich – ich möchte – ich hätte gern etwas mit Dir besprochen,“ stammelte er.

„So komm’!“ gab der Major kurz zur Antwort und verließ das Zimmer.

In seinem kleinen, sehr bescheiden ausgestatteten Arbeitsstübchen angelangt, ließ sich der Major vor dem Schreibtisch nieder und sagte mit einem durchdringenden Blick auf seinen Sohn: „Sprich! Aber wenn ich bitten darf, ohne Umschweife!“

Erwin strich sich über die Stirn, die sich ganz feucht anfühlte und senkte die Augen. Ohne Umschweife! Das war leicht gesagt, aber schwer gethan, ja es war in seiner Lage geradezu eine Unmöglichkeit. Was für ein Gesicht der strenge alte Herr wohl gemacht haben würde, wenn sein Sohn mit der kurzen Erklärung herausgerückt wäre: „Du, Papa, ich habe Schulden, schauderhaft viel Schulden. Sei doch so gut und bezahle sie!“ Wahrscheinlich hätte damit die Unterredung ein schnelles unliebsames Ende genommen. Nein, er mußte vorsichtig, Schritt für Schritt vorgehen! Einen Operationsplan hatte er sich bereits zurechtgelegt.

Sich zu einer harmlosen Miene zwingend, begann er langsam, fast tastend: „Sage ’mal, Papa, sind hier bei Euch die Lebensmittelpreise währeud der letzten Jahre auch so gräßlich gestiegen wie in unserer Garnison?“

Der Major blickte erstaunt auf und entgegnete dann in seiner militärisch knappen Weise: „Weiß nicht, kümmere mich nicht um Wirthschaftsgeschichten.“

„Aber an dem Wirthschaftsgeld, das Du der Mama zahlst, wirst Du es doch merken?“

„Ich zahle ihr heute keinen Pfennig mehr als vor fünf Jahren.“

„So? Hm! Na, dann könnt Ihr von Glück sagen. Bei uns ist die reine Theurung ausgebrochen.“

Der alte Offizier sah jetzt ironisch lächelnd zu dem Sprechenden hinüber. „Seit wann bekümmerst Du Dich denn um die Fleisch- und Mehlpreise?“ bemerkte er spöttisch.

„Na, man liest doch seine Zeitungen, Papa,“ antwortete der Lieutenant mit gekünstelter Lebhaftigkeit, um etwas langsamer fortzufahren: „Und dann, siehst Du, dann wird unsereiner von einer solchen Preissteigerung doch auch in Mitleidenschaft gezogen. Ja, unser Regimentsadjutant machte kürzlich schon Andeutungen, daß der Mittagstisch im Kasino möglicherweise aufschlagen dürfte.“

Der alte Offizier warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn und begann mit den Fingern auf der Platte des Schreibtisches einen Marsch zu trommeln. „Das kann sich doch höchstens um fünfundzwanzig Pfennig täglich handeln. Die wirst Du wohl noch erübrigen können, mußt eben ein Glas Bier weniger trinken.“

„Hm!“ Erwin räusperte sich, zupfte eine Weile an seinem Schnurrbart und entgegnete dann in einem bestimmteren Tone: „Ja, Papa, wenn das das Einzige wäre! Aber da sind noch so viel andere Dinge, die theurer geworden sind, so daß –“ jetzt, wo die Entscheidung nahte, kam doch wieder ein Gefühl lähmender Bangigkeit über ihn.

Aber der Vater selbst drängte ihn vorwärts. „Nun?“ sagte derselbe streng, fast drohend.

Der Lieutenant biß sich auf die Lippen. Lebhaft sprang er auf und stieß mit krampfhafter Entschlossenheit heraus: „Papa, ich kann unmöglich mehr mit meiner Zulage auskommen. Du mußt – mußt mir schon noch etwas zuschießen.“

„Muß ich?“ Das kam so scharf und beißend heraus, daß Erwin zusammenfuhr während seine Wangen vor Aerger dunkelroth wurden. „Ja, Papa, ich stehe sonst für nichts,“ entgegnete er achselzuckend.

Die Augen des alten Offiziers schossen Blitze nach dem Sohn hinüber; er richtete sich in seiner ganzen stattlichen Größe im Sessel auf. „Wenn Du mir etwa drohen willst, Du werdest Schulden machen, falls ich Deine Zulage nicht erhöhe, so laß Dir ein für allemal gesagt sein, daß Du die Folgen eines solchen Leichtsinns selbst zu tragen haben wirst. Und damit Du klar siehst, so sage ich Dir hiermit ein für allemal, daß von einer Erhöhung Deiner Zulage nie, hörst Du, nie die Rede sein kann. Im Gegentheil!“

Der Lieutenant war ganz blaß geworden. „,Im Gegentheil‘ sagst Du, Papa? Was soll das heißen? Du wirst doch nicht verlangen, daß ich mich von allem zurückziehe und mich vor den Kameraden lächerlich mache!“

„Lächerlich?“ Der alte Offizier stand auf und trat dicht vor den Sohn hin. „Glaubst Du, daß ich mich je in meinem Leben lächerlich gemacht habe?“

Erwin warf einen scheuen Blick auf die hohe breitsthulterige Gestalt des Vaters, der in seinem weißen Haar, mit den ehrenfesten ehernen Zügen aussah wie das verkörperte Bild der Rechtlichkeit. „Nein, Papa!“ entgegnete er kleinlaut.

„In Deinem Alter,“ fuhr der alte Herr immer erregter fort, „in Deinem Alter mußte ich noch mit viel weniger auskommen als Du. Mein Vater hatte flott und über seine Verhältnisse gelebt, und als er starb, war so gut wie nichts vorhanden. Nur meine Zulage war sichergestellt und ich schätzte mich glücklich, daß ich sie meiner Mutter überlassen konnte. Mir blieb ja mein Gehalt, das für mich ausreichte, ausreichen mußte, wenn auch die Lieutenantsgage damals noch um ein gut Theil geringer war als heute.“

Der Lieuteuaut schlug die Augen nieder. Seine ganze Entschlossenheit war dahin. „Ich begreife nicht –“ stammelte er.

„Ich hatte eben eine andere Auffassung von dem Beruf und der Ehre des Offiziers als Ihr heutzutage.“ Der Sprechende warf einen geringschätzigen Blick auf die breiten, mit einer frisch gebügelten Prinz Wales-Falte versehenen Beinkleider, auf die spitzen, fast absatzlosen Halbstiefelchen des Sohnes und auf den modischen Interimsrock, der oben in einen übermäßig hohen Kragen auslief und unten kaum bis auf die Schenkel reichte. „Ich hielt es nicht für die Aufgabe des Offiziers,“ fuhr er fort, „jede neue Mode eilfertig nachzuäffen, ich war nicht der Ansicht, daß es die Offiziersehre erfordere, jeden Ball, zu dem ich geladen wurde, mitzumachen, die theuersten Weine zu trinken, keine Delikatesse der Saison auszulassen und jede mir angebotene Wette zu halten. Ich fürchtete auch nicht, daß es meine Würde beeinträchtige, wenn ich, statt im theuren Restaurant zu speisen, abends zu Hause saß bei Brot und Butter. Ich betrachtete es vielmehr als eine Aufgabe des Offiziers, daß er mäßig lebe, seinen Körper stähle und sich in Selbstbeherrschung übe, um sich kriegstüchtig zu erhalten. Ein Mensch, der ein weichliches Leben führt, seinen Körper bei Gelagen und Schwelgereien zerrüttet, ist ein unnützes Mitglied des Offiziercorps, denn er wird nicht imstande sein, im Felde seinen Mann zu stehen.“

Der alte Herr schwieg, seine hohe Gestalt sank etwas in sich zusammen, als habe ihn die lange, mit gerötheten Wangen und blitzenden Augen gesprochene Rede ermüdet.

Der Lieutenant fand kein Wort der Erwiderung; den Kopf auf die Brust gesenkt, stand er regungslos da. Eine verzweifelte Stimmung war über ihn gekommen; Reue und Angst kämpften mit dem Rest von Muth, den er krampfhaft festzuhal1en suchte. [711] Sollte er jeden weiteren Versuch aufgeben, Hilfe von dem Vater zu erlangen? Aber wenn er sie hier nicht fand, so war er verloren! Und die Liebe für seinen Beruf, die ihm von Jugend an eingeimpft worden war, fluthete mächtig in ihm empor. Gewiß, der Vater war streng, aber er war doch sein Vater und konnte den Sohn nicht herzlos zu Grunde gehen lassen. Wenn er ein offenes Geständniß ablegte, wenn er bei seiner Ehre gelobte, ein anderer zu werden, dann konnte ihn der Vater nicht im Stiche lassen. Und ganz durchdrungen von diesem Gedanken, erhob er sein Gesicht und begann, während ihm ein ehrlicher Eifer aus den Augen leuchtete: „Du hast recht, Papa. Man legt in unsern Kreisen viel zu viel Werth auf Aeußerlichkeiten und macht sich den Kopf heiß um Dinge, die im Grunde doch recht überflüssig sind. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht einen Strich durch die Vergangenheit mache, einen dicken Strich, und ein vernünftiger Kerl werde!“ Er erhob sich und näherte sich mit ausgestreckter Hand dem Major, der ihn erstaunt, mit einem Ausdrnck von Mißtrauen betrachtete.

„Ja, Papa, das will ich, wahr und wahrhaftig! Aber nun sei auch gut und hilf mir!“

„Ich? Die Hauptsache ist, daß Du selbst den ehrlichen Willen hast. Ein rechter Mann verläßt sich auf sich selbst und seine eigene Kraft.“

„Nun ja,“ Erwin ließ seine Hand sinken, „das ist ja richtig. Aber siehst Du, es giebt doch Verhältnisse und Umstände und – und Sünden der Vergangenheit, die einem wie Steine im Wege liegen –“

Erschrocken hielt er inne. Der Major hatte einen der Federhalter auf dem Schreibtisch ergriffen und mitten entzweigebrochen. Seine Brauen waren finster gerunzelt und um Auge und Mund lag ein Zug von Härte.

„Hast Du Schulden?“ fragte er kurz und rauh.

Erwin holte tief Athem und stieß dann entschlossen hervor:

„Ja, Papa.“

Mit einer heftigen Bewegung trat der alte Offizier näher. „Du hast gespielt?“ Es war eine angstvolle Spannung, mit der er die Antwort erwartete.

„Nein!“ entgegnete der Lieutenant, den Blick des Vaters voll aushaltend.

„Gottlob!“ Fast unhörbar waren die Worte von den Lippen des alten Mannes gekommen. „Das ist das Schlimmste, das Hazardieren,“ fügte er mit einem tiefen Athemzuge hinzu. „Nun, da Du nicht gespielt hast, kann die Sache ja nicht schlimm sein. Ein paar hundert Mark! Damit wirst Du leicht allein fertig werden.“

„Aber bedenke, Papa!“ unterbrach ihn Erwin mit dem Eifer der Verzweiflung.

„Ich kann Dir auf keinen Fall eine besondere Zahlung leisten,“ fuhr der Major entschieden fort. „Auf keinen Fall! Ich hatte sogar die Absicht, von Dir zu fordern, daß Du jetzt, als Premierlieutenant, zu gunsten Deiner Schwestern auf die Zulage verzichtest. Davon kann allerdings unter diesen Umständen vorläufig nicht die Rede sein. Aber ordne die Sache mit Deinen Gläubigern, biete Ihnen monatliche Abschlagszahlungen oder noch besser: schreibe mir auf, wieviel und wem Du schuldest, und ich sende die dreißig Mark monatlich, die ich bisher zu Deinem Gehalt zuschoß, Deinen Gläubigern ein. Du mußt sehen, wie Du Dich künftig ohne Deine Zulage behilfst.“

Der Lieutenant taumelte erschrocken zurück. Der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn. Auf zehntausend Mark beliefen sich alles in allem seine Schulden, und diese Summe sollte er in Ratenzahlungen von dreißig Mark tilgen! „Unmöglich!“ Er hatte es unwillkürlich laut gerufen.

„Unmöglich? Unmöglich scheint es Dir, mäßig zu leben und zu sparen, wie Dein Vater es sein ganzes Leben lang gethan hat und noch heute thut? Wenn Du leichtsinnig gewirthschaftet hast, so hast Du die Folgen zu tragen. Oder willst Du auf Kosten der Gesundheit Deiner Eltern, die sich ohnehin alles versagen, Dein altes Leben weiterführen? Von meinem Gehalt kann ich Dir keinen größeren Zuschuß gewähren; das ist bis auf den letzten Heller eingetheilt und vergeben.“

„Aber Mamas Vermögen!“ stieß der Lieutenant heftig hervor. Das Wort war ihm kaum entfahren, so bereute er, es gesprochen zu haben.

Der alte Offizier, wie von einem elektrischen Schlag berührt, war zusammengefahren; seine Augen öffneten sich weit, seine ganze Gestalt erbebte. „Mamas Vermögen!“ stieß er mit bitterem Lachen hervor. „Also danach gelüstet es Dich?“ Und seine Rechte erhebend und sie gegen den Sohn ausstreckend, setzte er mit unheildrohender Stimme hinzu: „Lieber lasse ich mir diese meine Hand abhauen, ehe ich auch nur einen Pfennig von Mamas Vermögen Deiner Verschwendungssucht opfere.“

„Aber –“ stotterte Erwin, nachdem er sich einigermaßen von seinem Schrecken erholt hatte, „ich – ich meine ja natürlich nicht das Kapital, ich rede nur von den Zinsen.“

„Die Zinsen!“ stieß der Alte zwischen den grimmig aufeinander gepreßten Zähnen hervor, und die Hände auf dem Rücken, fing er an, mit dröhnenden Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen. Plötzlich trat er wieder vor seinen Sohn hin. „Es ist besser,“ begann er, seine Erregung bekämpfend, „ich rede offen mit Dir. Du wirst dann hoffentlich selbst zu der Einsicht kommen, daß Ehre und Pflicht es verbieten, mit dem Vermögen Deiner Mutter Deine Schulden zu bezahlen. Wie hoch, denkst Du, beläuft sich dieses Vermögen?“

„Soviel ich weiß, sind es dreißigtausend Mark,“ antwortete der Lieutenant bestürzt.

„Dreißigtausend!“ Der alte Offizier lachte höhnisch. „Ja, so viel war es einmal, bis vor fünf Jahren Dein Bruder starb. Dann schmolz es mit einem Mal auf zehntausend zusammen.“

Auf zehntausend! Der Lieutenant starrte seinen Vater ungläubig an. Und der Tod seines Bruders – in welcher Beziehung stand der zu diesem schweren Verlust?

„Niemand weiß um die Sache, auch Mama und Deine Schwestern nicht, und ich fordere von Dir, daß Du das, was ich Dir anvertraue, als ein Geheimniß bewahrst.“

Erwin nickte betheuernd. „Aber wie war es nur möglich?“ rief er unwillkürlich.

Ueber das Gesicht des Majors lief ein schmerzliches Zucken, die Linien um Mund und Augen hatten sich merklich vertieft; der alte Herr schien plötzlich um Jahre gealtert. „Diesen Frühling waren es fünf Jahre,“ begann er langsam, „daß ich durch eine Depesche von Egons Regimentskommandeur an das Sterbelager Deines Bruders gerufen wurde. Als ich ankam, war Egon schon tot. Mir blieb nichts übrig, als seine Leiche mit nach der Heimath zu nehmen. Den Schmerz Deiner Mutter, Deiner Schwestern hast Du selbst mit angesehen. Aber um wieviel bitterer wäre er gewesen, wenn sie die wahre Todesursache erfahren hätten.“

„Wie? Egon fiel nicht im Duell?“ stieß der Lieutenant verwirrt heraus.

Der alte Offizier bewegte verneinend den Kopf und wandte sein Gesicht zur Seite.

„Aber Du selbst hast es uns gesagt! Du selbst!“

„Eine fromme Lüge, um Deine Mutter zu schonen, die unter der Wucht der Wahrheit zusammengebrochen wäre. Egon hat selbst Hand an sich gelegt.“ Von der entsetzlichen Erinnerung übermannt, schlug der alte Herr die Hände vor dem Gesicht zusammen und ein dumpfes Stöhnen entrang sich seiner Brust.

Der Lieutenant sank wie vernichtet auf einen Stuhl. „Schulden?“ kam es tonlos von seinen Lippen.

Der Major ließ die Hände sinken, und in dem eben noch farblosen Gesicht stieg eine glühende Röthe auf, seine Züge verzerrten sich zu einem Ausdruck tödlichen Hasses, während er zornbebend rief:

„Der Dämon, der Vampir, der den jungen Leuten Hirn und Herzblut aussaugt, der ganze Familien zu Grunde richtet - das Spiel hat ihn in den Tod getrieben! Er hat zwanzigtausend Mark verloren in einer Nacht – gegen Ehrenwort.“

Er ließ sich erschöpft in seinen Sessel fallen und stierte schweigend vor sich hin.

Erwin saß wortlos ihm gegenüber und rang mit den Empfindungen, die seine Brust durchstürmten. Am liebsten hätte er sich dem Vater zu Füßen geworfen, um sein Herz durch ein offenes Geständniß zu erleichtern. Aber der Anblick der gramgebeugten ehrwürdigen Gestalt machte ihn verstummen.

Nach einer Weile war der Major seiner Bewegung so weit Herr geworden, daß er in leisem zitternden Ton, der die tiefste Erschütterung verrieth, fortfuhr: „Ich will den unglücklichen Jungen nicht schmähen, der in seiner Weise gesühnt hat. Sich an mich zu wenden, mich um die Bezahlung seiner Ehrenschuld [714] anzugehen, brachte er nicht über sich. Er schrieb an den Kameraden, an den er den hohen Betrag verloren hatte, daß er ihn mit Geld nicht bezahlen könne, er bezahle daher mit seinem Leben. Und so ging er in den Tod. Da er die Strafe so unerbittlich selbst an sich vollzog, hielt ich es für meine Pflicht ihm zu vergeben, was er gefehlt hat. Und damit niemand ein Recht habe, sein Andenken zu verunglimpfen und seine Ehre in den Staub zu treten, nahm ich seine Schuld auf mich und tilgte sie zur festgesetzteu Frist.“

Der Major schwieg, tief aufseufzend, und strich sich mit der Hand über die Augen, in denen es feucht schimmerte. Dann schloß er in festem Ton: „Und nun mein Sohn, weißt Du, warum ich spare und knausere und Zinsen auf Zinsen häufe.“

Mit wogender Brust, aufs tiefste ergriffen, hatte der Lieutenant den Schluß des Berichtes angehört. Jetzt sprang er auf und stürzte zu seinem Vater hin. In überströmender Zärtlichkeit haschte er nach der Hand des überrascht Aufblickenden und küßte sie stürmisch.

*  *  *

Am andern Tage schon lief Erwins Urlaub ab. Als er Mutter und Schwestern zum Abschied umarmte, mußte er sich Gewalt anthun, um seine Ergriffenheit zu verbergen. Er hatte die Empfindung, als sage er ihnen für lange, für immer Lebewohl.

Der Vater begleitete ihn zur Bahn. Schweigend schritten sie nebeneinander her. Kurz vor dem Bahnhof wollte der Major noch einmal auf das gestrige Gespräch zurückkommen, um von dem Sohn nähere Angaben über seine Schulden zu bekommen, aber Erwin wich aus und heuchelte Sorglosigkeit. Er werde die Sache schon selbst in Ordnung bringen – damit brach er kurz ab und fing an, von anderen Dingen zu sprechen. Bis zum Abgang des Zuges plauderte er in einem fort, mit sprudelnder Lebhaftigseit, um jeden Versuch des Vaters, ihn zu weiteren Bekenntnissen zu bewegen, im Keim zu ersticken.

Erst als er allein in dem Coupé war, vor dessen Fenstern Feld und Wald vorüberflogen, gab er sich rückhaltlos der Verzweiflung hin. Sein Schicksal war besiegelt! Verloren! Keine Rettung! Er schloß die Augen und lehnte sich in die Polster zurück, um zu schlafen, um nicht denken zu müssen. Aber vergebens. Der Schlummer, den er herbeisehnte, kam nicht, und so sehr er sich auch vornahm, nicht zu grübeln und zu sinnen, die eine folternde Frage drang unablässig auf ihn ein und ließ ihm keine Ruhe: was nun? was nun?

Als er in seiner Garnison eintraf, war er froh, daß die Dämmerung schon hereingebrochen war. So konnte er, ohne gesehen zu werden, in seine Wohnung gelangen.

Jänicke, der den Lieutenant mit seinem freundlichsten Gesicht begrüßte, wurde zu seiner tiefen Entrüstung keines Wortes gewürdigt, sondern stumm aus dem Zimmer gewiesen. Erwin wollte heute niemand sehen, keinen Menschen, denn er fühlte, daß man ihm die Verzweiflung vom Gesicht ablesen könnte.

Und nun, da er allein war zwischen seinen vier Wänden, schien ihm sein Zustand erst recht nicht erträglich. So dumpf so hoffnungsleer war ihm noch nie in seinem Leben zu Muth gewesen. Er setzte sich, stützte den Kopf in beide Hände und sann und sann. Und dann wieder sprang er empor und fuhr sich mit einer wilden Gebärde an die Stirn. Nicht denken, nicht denken! Denn am Schluß aller seiner Gedanken stand etwas Furchtbares, Entsetzliches, das er nicht sehen wollte, vor dem er die Augen schloß wie ein furchtsames Kind.

Endlich suchte er sein Bett auf, aber ruhelos wälzte er sich hin und her. Ob er das Gesicht in den Kissen vergrub oder in das vom Mondschein erhellte Zimmer starrte, immer und überall sah er ein gräßliches Bild, das ihm das Blut in den Adern erstarren machte: seinen Bruder Egon, wie er im Sarge lag, stumm und bleich, die roth klaffende Todeswunde mitten auf der Stirn.

Am andern Morgen in aller Frühe suchte er den Regimentsadjutanten auf. Dieses einsame Grübeln und Brüten hielt er nicht mehr aus. Er lechzte förmlich nach Mittheilung, nach einem freundlichen Rath, einem aufmunternden Wort.

Als er dem älteren Kameraden sein ganzes Herz ausgeschüttet hatte, entgegnete dieser, sein Auge in ehrlicher Theilnahme auf Erwin ruhen lassend: „Eure Lage ist verteufelt schwierig, lieber Buschenhagen. Habt Ihr denn gar keinen gutmüthigen alten Onkel, gar keine menschenfreundliche Erbtante, der Ihr ein paar tausend Mark abjagen könnt?“

Der junge Offizier schüttelte traurig den Kopf

„Und Euer Alter – wenn Ihr Euch ein Herz fassen und ein offenes Wort mit ihm reden würdet?“

Eine ungeduldige, heftig abwehrende Handbewegung des Kameraden belehrte ihn, daß von dieser Seite nichts zu erwarten sei.

„Also keine, gar keine Hoffnung, das Geld zu kriegen?“ fragte der Adjutant weiter.

„Keine!“

„Nun, Buschenhagen, dann bleibt Euch nur eines übrig.“

Der Angeredete erbleichte und der Kopf sank ihm auf die Brust. „Eine Kugel durch den Kopf!“ sagte er mit tonloser Stimme.

Der Adjutant fuhr auf. „Unsinn! Wer denkt gleich daran! Ein so junger lebenslustiger Mann wie Ihr! Wer weiß, welches Glück Euch noch blüht! Nein, nur den Abschied werdet Ihr nehmen müssen, und ich rathe Euch, Euer Gesuch noch heute einzureichen. Inzwischen besorge ich Euch Urlaub auf vierzehn Tage – bis er abgelaufen ist, wird die Genehmigung Eures Gesuches dasein und Ihr braucht gar nicht mehr zum Regiment zurück.“

Erwin von Buschenhagen lächelte bitter vor sich hin. „Der Abschied? Das ist ebenso gut, als riethen Sie mir zur Pistole.“

Der Adjutant machte ein böses Gesicht. „Na, hört ’mal, Buschenhagen, Ihr übertreibt da unverantwortlich. Giebt es denn außerhalb des Regiments kein Leben?“

„Für mich nicht,“ stieß der junge Offizier leidenschaftlich hervor. „Die Buschenhagens sind nie etwas anderes gewesen als Soldaten, und ich selbst habe nie daran gedacht, etwas anderes zu werden. Was sollte ich auch anfangen, wenn ich den Offiziersrock ausgezogen habe!“

Der Adjutant strich sich bedächtig den starken Schnurrbart und blickte nachdenklich zu Boden. Plötzlich erhellte sich seine Miene und er wandte sich lebhaft an den jüngeren Kameraden: „Sagt ’mal, Buschenhagen, habt Ihr den Schuckmann gekannt, den Freiherrn von Schuckmann von den Dragonern?“

Der Gefragte hob erstaunt den Kopf „Schuckmann? Freilich! Aber was –“

„Ihr wißt,“ unterbrach ihn der andere eifrig, „daß der tolle Schuckmann vor zwei Jahren verschwand, nachdem er sein ganzes väterliches Erbe bis auf den letzten Heller verjubelt hatte. Wo glaubt Ihr wohl, daß er sich heute befindet?“

„Nun?“ Der junge Lieutenant hob gespannt den Kopf.

„In Amerika!“ rief der Adjutant triumphierend, als verkünde er wer weiß was für eine frohe Botschaft, und dem Kameraden seine Hand mit der Miene eines Gönners auf die Schulter legend, fuhr er fort: „Das ist Euer Fall, Buschenhagen! Hier bei uns – da habt Ihr recht – hier würde es Euch schwer fallen, irgendwo wieder Wurzel zu fassen. Drüben ist es besser. Niemand kennt Euch da, alle Vorurtheile und den sonstigen Krimskrams, in dem wir nun ’mal bis über die Ohren stecken, könnt Ihr also hübsch zu Hause lassen. Geht hinüber und zieht in dem neuen Lande einen neuen Menschen an!“

Der Lieutenant war lebhaft emporgefahren. Auf den Schlußsatz hörte er nicht mehr. Das Wort „Amerika“ schien eine magische Wirkung auf ihn auszuüben. Seine hohe kraftvolle Gestalt richtete sich in die Höhe, seine breite Brust hob sich unter einem tiefen erlösenden Athemzug, Ihm war zu Muthe, als sei er plötzlich aus einem duuklen Schacht zum belebenden Tageslicht emporgestiegen. Aus seinen hellen blitzenden Augen strahlte wieder frischer Muth und fröhliches Hoffen. Der zukunftsfreudige Optimismus seiner Jugend und seines lebensfrohen Temperaments begehrte sein Recht. Amerika! Dort und sonst nirgends blühte Rettung! Einfach allen Scherereien und Verdrießlichkeiten aus dem Wege zu gehen. je weiter, desto besser – das war das Vernünftigste! Ueber das Wasser würde ihm Löwenthal nicht folgen!

Dankend reichte er dem Kameraden, der das erlösende Wort gesprochen hatte, die Hand.

„Und nun, lieber Buschenhagen,“ sagte dieser und gab den Händedruck herzlich zurück, „reist glücklich und laßt’s Euch gut gehen! Und wenn Ihr drüben den tollen Schuckmann trefft, grüßt ihn von mir – war immer ein braver Kerl, der Schuckmann, nur leichtsinnig, schauderhaft leichtsinnig.“

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aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 43, S. 725–728
[725]
5.

Franz Wagner hatte während des Restes seiner Fahrt auf dem Leiterwagen keine weiteren Gefahren und Abenteuer zu bestehen. Nachdem er sich von dem Bauer in dessen Heimathort verabschiedet hatte, erreichte er in zweistündigem Marsch eine kleine Eisenbahnstation. Niemand fiel es ein, in dem gutgekleideten jungen Mann einen Flüchtling zu vermuthen, und unangefochten gelangte der Deserteur über die holländische Grenze nach Antwerpen.

Aber auch hier gönnte er sich noch keine Rast. Er konnte auf europäischem Boden seiner Freiheit nicht froh werden und so drängte es ihn, kaum daß er die Seestadt erreicht hatte, nach dem Hafen hinaus. Erst wenn der Ocean zwischen ihm und der Heimath lag, erst dann würde er unbesorgt aufathmen im Vollgefühl der Sicherheit!

Die theure Eisenbahnfahrt hatte seinen kleinen Geldvorrath sehr vermindert, und er besaß nicht einmal mehr so viel, um die Seereise nach New York im Zwischendeck zurücklegen zu können. Aber das dämpfte seinen Muth nicht. Er war kräftig und gesund und scheute sich vor keiner Arbeit, es mußte ihm ebenso gut wie manch anderem armen Teufel gelingen, sich die Ueberfahrt durch seiner Hände Arbeit zu verdienen. Und richtig, schon am zweiten Tag hatte er das Glück, auf einem zur Abfahrt bereit liegenden Passagierdampfer als Feuermann ein Unterkommen zu finden. Lohn bewilligte man ihm nicht, nur die freie Ueberfahrt; dazu war die Arbeit schwer, so schwer, wie Franz sie noch nie in seinem Leben kennengelernt hatte. Aber trotz alledem durchströmte ihn während der ganzen Reise ein stilles Glücksgefühl, und wollte ihn wirklich einmal ein Augenblick der Verzagtheit anwandeln, so schützte er sich dagegen durch ein Mittel, dessen Wirkung nie versagte: er dachte an die Tage seiner Haft zurück, vergegenwärtigte sich die unendliche Pein, in die ihn ein sechs Jahre langes Sträflingsleben gestürzt haben würde, und aller Kleinmuth, alle Unlust schwand wie vor einer Zaubermacht dahin. –

Es war ein wundervoller warmer Junimorgen, als das Schiff in den Hafen von New York einfuhr. Franz hatte seine Fronarbeit beendet, er stand auf Deck und betrachtete mit entzückten Blicken [726] das herrliche Panorama des Hafens und der Stadt und die Großartigkeit des Bildes erfüllte ihn mit Staunen und Bewunderung. Da lag es endlich vor ihm, das ersehnte gelobte Land, das ihm eine zweite Heimath werden sollte! Frei, ein Mensch unter Menschen, würde er wieder sein Antlitz erheben können! Ein Gefühl zukunftsfroher Zuversicht durchströmte ihn, während er mit leuchtenden Augen unverwandt nach der Stadt hinüberblickte. Wie ein Rausch kam es über den Flüchtling.

Die gehobene Stimmung, in der sich der Landende befand, verhinderte ihn nicht, praktisch und nüchtern seine Zukunft zu erwägen. Er sagte sich, daß er auf eine lohnende und dauernde Beschäftigung in seinem Beruf erst dann rechnen könne, wenn er die Landessprache, die ihm fast völlig fremd war, verstehen und die Verhältnisse näher kennengelernt haben würde. Er verlor deshalb seine Zeit nicht mit vergeblichen Versuchen, eine Anstellung als Monteur zu erhalten, alle seine Bemühungen richtete er auf das eine Ziel, eine Thätigkeit zu finden, die Zeit und Kräfte nicht ganz in Anspruch nahm und dabei doch einigermaßen seinen Lebensunterhalt deckte. Als das Nächstliegende und Einfachste erschien es ihm, einen kleinen Handel zu beginnen, und wenn sich auch anfangs etwas wie Scham und Widerwillen gegen diesen Beruf in ihm regte, so wurde er mit dieser Empfindung doch rasch fertig. Er hatte kein Recht, wählerisch zu sein, und am Ende war doch jede Thätigkeit, die ehrlich nährte, für einen vernünftigen Menschen gleich anständig.

Er besann sich also nicht lange, kaufte sich einen kleinen Kram von billigen Toilettegegenständen, von Hemdenknöpfen, Bürsten, Kämmen und dergleichen zusammen und stellte sich damit täglich ein paar Nachmittagsstunden auf dem unteren Theil des Broadway auf, jener großen New Yorker Verkehrsader, durch die täglich Tausende und Abertausende von Geschäftsleuten aller Art ihren Weg nehmen. Um diesen Handel betreiben zu können, dazu gehörte an Sprachfertigkeit nicht viel mehr als die Kenntniß der Zahlen, die Franz sich sehr bald angeeignet hatte. Im übrigen mußten die Waren, die in einem offenen Kasten auslagen, sich selbst anpreisen.

Seine ganze freie Zeit benutzte er dazu, sich im Englischen zu üben. In dem Boardinghause, wo er für vier Dollar wöchentlich Kost und Wohnung hatte, suchte er näheren Anschluß nur an solche Hausgenossen, die englisch sprachen, und ein junger Maschinenschlosser, dessen Bekanntschaft ihm ein Zufall vermittelte, lehrte ihn die in seinem Beruf vorkommenden englischen Bezeichnungen. Nach zwei Monaten gelang es ihm endlich, in der Maschinenfabrik von R. Hoe und Kompagnie, einer der größten ihrer Art in New York, Beschäftigung zu erlangen, vorläufig freilich nur als gewöhnlicher Schlosser. Aber er hatte Aussicht, bei guten Leistungen und wenn er sich geuügend eingearbeitet haben würde, schnell vorwärts zu kommen. Er hatte bald gemerkt, daß man hier weniger auf Empfehlung und Gönnerschaft sah als auf das, was jeder nach seiner Arbeit und Zuverlässigkeit werth war.

Franz pries sich glücklich, und nichts hätte zu seiner vollen Zufriedenheit gefehlt, wenn nur die Nachrichten aus der Heimath etwas tröstlicher gelautet hätten. Seine Mutter war schwer erkrankt, und es schien, als sei die alte Frau nach all den Schicksalsschlägen, die sie betroffen hatten, gänzlich zusammengebrochen. Jedenfalls war in absehbarer Zeit nicht daran zu denken, daß sie die weite Reise über das Meer antreten konnte. Und so sah sich Franz in die harte Nothwendigkeit versetzt, die Erfüllung seines Lieblingswunsches vertagen zu müssen. Wohl hatte er keinen Mangel zu leiden, das Glück begünstigte ihn, alles, was er anfaßte, gelang. Aber doch wollte das rechte Heimathsgefühl sich nicht bei ihm einstellen. Sein Herz war drüben über dem Meer.

*  *  *

Erwin von Buschenhagen packte noch an demselben Tage, an dem er sich von seinem Urlaub zurückgemeldet hatte, seinen Koffer. Der neue Urlaub, der Vorläufer seiner Verabschiedung, wurde ihm schon am nächsten Morgen bewilligt. Pferd und Sattel, die er noch von seiner Adjutantenzeit her besaß, verkaufte er an einen Kameraden. Einige andere Gegenstände von Werth beschloß er mit nach Berlin zu nehmen, um sie dort zu veräußern. Den Kameraden sagte er nur oberflächlich Lebewohl; niemand ahnte, daß der lustige Buschenhagen für immer ging.

Von Löwenthal verabschiedete sich Erwin schriftlich, und zwar erst von Berlin aus, als er im Begriff stand, nach Hamburg abzudampfen. Er erklärte seinem Gläubiger ganz kurz, daß er leider nicht in der Lage sei, seinen Verpflichtungen nachzukommen, daß er aber „später“ alle seine Schulden auf Heller und Pfennig zu bezahlen gedenke. Und mit diesem Vorsatz war es ihm durchaus Ernst, ohne daß er sich freilich im Augenblick irgendwie darüber klar war, in welcher Weise ihm die Einlösung seines Versprechens möglich sein werde.

Nur von seinem getreuen Burschen nahm Buschenhagen persönlich herzlichen Abschied. „Na, Jänicke,“ sagte er, dem biederen Pommer kräftig die Hand schüttelnd, „Du wirst nun wieder in die Front zurücktreten. Das wird Dir in der ersten Zeit zwar nicht schmecken, aber es ist nun ’mal nicht zu ändern.“

Der Bursche fing an, mit den Augen zu blinzeln und furchtbare Gesichter zu schneiden.

„Aber wir wollen uns nicht gegenseitig das Herz weich machen!“ fuhr der Lieutenant fort. „Du bist immer ein guter Kerl gewesen und ich werde Dich in gutem Andenken behalten. Und ich weiß, auch Du wirst Deinen Lieutenant nicht vergessen.“

Jänicke war nicht imstande, ein verständliches Wort zu erwidern. Er mußte sich damit begnügen, ein paar unartikulierte Laute auszustoßen und die rechte Hand bezeichnend auf die linke Brustseite zu legen. Dabei liefen ihm dicke Thränen über die vollen Backen. Auch in des Lieutenants Mienen zuckte es und seine Stimme klang bewegt, als er jetzt von neuem begann: „Und, Jänicke, damit Du auch ein sichtbares Zeichen meiner Zufriedenheit hast und ein Andenken an mich, so nimm das hier“ – er reichte ihm ein einfaches goldenes Medaillon, das er selbst getragen hatte „und hänge es an Deine Uhrkette! Wenn Du Deine Zeit ausgedient hast und Du kommst nach Hause, dann zeige Deinen Eltern dies Bild“ – er öffnete die Kapsel und deutete auf eine kleine Photographie – „und sage: das war er, mein Lieutenant, der mir manchen ‚Esel‘ und ‚Schafskopf‘ an den Kopf geworfen, der es aber trotz alledem immer gut mit mir gemeint hat.“

Jänicke wußte nicht, wie ihm geschah; er blickte bald auf seinen Lieutenant, bald auf das Medaillon, das ihm sein Herr in die Hand gedrückt hatte, und sein breites Gesicht wollte sich zu freudigem Grinsen verziehen. Plötzlich aber brach er in ein lautes herzbrechendes Schluchzen aus. Der Lieutenant klopfte ihm ein paarmal beschwichtigend auf die Schulter und schob ihn dann sanft zur Thür hinaus, worauf Jänicke in seine Kammer stolperte, um sich daselbst ungestört seinem aufrichtigen Schmerz zu überlassen.

An demselben Abend wanderte Erwin im Civilanzug nach der Dammvorstadt hinaus. Er verband mit diesem Gange keine deutliche Absicht, aber ein unbestimmtes inneres Drängen ließ ihm keine Ruhe. Und was hätte er auch mit dem Rest seiner Zeit anfangen sollen? Seine Koffer hatte er durch seinen Burschen nach dem Bahnhof geschickt, der Schnellzug, der ihn nach Berlin führen sollte, ging erst um elf Uhr. Was also beginnen bis dahin, allein zwischen den öden vier Wänden?

Als er die Gegend betrat, die er leichten Herzens noch vor wenigen Wochen Arm in Arm mit Klara durchwandert hatte, da überkam ihn eine ungewohnte wehmüthige Stimmung, und zum ersten Mal seit dem peinlichen Vorfall mit ihrem Bruder überließ er sich der Erinnerung an das geliebte Mädchen ohne jede Beimischung von Groll oder Bitterkeit. War es denn ihre Schuld, daß alles so gekommen war? Nein, sie war immer gut und herzlich gewesen! Ihr anmuthiges kluges Gesicht schwebte ihm vor. Er hatte sie doch aufrichtig gern gehabt und es that ihm leid, nun für immer scheiden zu müssen. ohne ihr das, was sie um seinetwillen erlitten hatte, auch nur mit einem Wort abbitten zu können. Aber was sollte er thun?

So lebhaft war die innere Bewegung des in seine Gedanken Vertieften, daß er jetzt stehen blieb und nachdenklich vor sich hinstarrte. Sollte er sie etwa heirathen? Unsinn! Er wußte ja nicht einmal, wie er sich in Zukunft allein durchbringen würde! Und ganz abgesehen davon – sie war im Grunde doch nur eine . . . na, eine Arbeiterin, viel mehr nicht. Und dann der Bruder, der Deserteur, der davongelaufene Sträfling, der wahrscheinlich eines Tages durch Schub zurückgebracht wurde!

Er erhob die Augen und blickte unentschlossen die Straße hinab. Da, keine hundert Schritte entfernt, stand das einstöckige Häuschen, durch dessen Thür er sie so oft hatte verschwinden sehen. Er erinnerte sich des letzten Abends, an dem er sie in der Dunkelheit bis hierher begleitet hatte, noch in voller [727] Deutlichkeit. Sie hatte ihm wie immer ohne alle Ziererei die frischen Lippen geboten und sich dann losgerissen, um mit fliegenden Schritten die paar Steinstufen zur Hausthür emporzueilen. Dort aber war sie, ganz gegen ihre Gewohnheit, stehen geblieben, hatte sich umgewandt und war dann plötzlich zu ihm zurückgekehrt, um mit leidenschaftlicher Heftigkeit, als ahnte sie, daß es das letzte Mal sei, ihren Arm um seinen Nacken zu schlingen. Buschenhagen lüftete seinen Hut, strich sich mit der Hand über die Stirn und fächelte sich mit der Kopfbedeckung Kühlung zu. Wie deutlich, zum Greifen deutlich das alles vor seinem Auge stand! Er hatte seine Wanderung wieder aufgenommen und stand nun ganz dicht vor dem Hause mit den alten verwitterten Fensterläden, die schon geschlossen waren und durch deren Ausschnitte der Schein einer Lampe auf die Straße herausdrang. Wie Klara wohl jetzt aussehen mochte? Die Ereignisse der letzten Woche waren sicherlich nicht an ihr vorübergegangen, ohne tiefe Spuren zu hinterlassen.

Vorsichtig schaute er sich nach allen Seiten um. Die kleine schmale Straße war still, wie ausgestorben. Hastig trat er an eines der Fenster heran, hinter dem sich nach Klaras früheren Schilderungen das Wohnzimmer der Familie befinden mußte. Behutsam zog er die beiden Ftüget des Fensterladens, die nicht mehr dicht schlossen, ein wenig auseinander und spähte angestrengt durch die so entstandene schmale Spalte.

Es dauerte einige Sekunden, bis es ihm gelang, die Gegenstände in dem Zimmer voneinander zu unterscheiden und einen Ueberblick zu gewinnen. Mitten in der Stube stand ein Tisch, daraus die Lampe; rechts an der Wand befand sich ein einfaches Sofa; von links her aber, wo wahrscheinlich eine Thür den Zugang zu einem Nebenraum vermittelte, kam eine Frauengestalt in dunklem Kleide. Jetzt trat sie in den Lichtkreis der Lampe.

Mit angehaltenem Athem starrte er nach ihr hin. Sein Herz pochte stürmisch. Es war Klara, aber wie hatte sie sich verändert! Statt der frischen gesunden Röthe bedeckte ein fahles Blaß die schmalen Wangen, die Augen lagen tief in ihren Höhlen und zeigten einen so müden hoffnungslosen Ausdruck, daß es dem Lauscher in die Seele schnitt. Um den Mund – er bemerkte es deutlich, da sie jetzt dicht an dem Tische stand – lag ein förmlich entstellender Zug von Bitterkeit, der dem Gesicht etwas ganz Fremdes verlieh.

Mit allen Sinnen nahm der Lauscher das Bild in sich auf, obgleich es sich ihm nur eine kurze Minute darbot, denn schon hatte Klara einen Gegenstand vom Tisch genommen und verschwand damit nach links, von wo sie gekommen war.

Buschenhagen wartete noch einige Sekunden, ob Klara nicht wieder erscheinen würde, aber jetzt näherten sich Schritte auf der Straße, und er gab seinen Lauscherposten eilig auf. Aufs Gerathewohl schlenderte er die Straße hinab, ganz in Anspruch genommen von einer seltsamen Bewegung, in der sich Mitleid und Reue, Sehnsucht und quälende Beschämung mischten. Er war noch nicht weit gekommen, als er, wie von einer unsichtbaren Gewalt gezogen, umkehrte und sich dem Hause wieder näherte. Und nun stand er abermals vor der Thür, mit seinen Gefühlen ringend, ohne zu einem Entschluß gelangen zu können. Wie gerne hätte er sie noch einmal gesprochen, um ihr zu erklären, wie alles gegangen sei, und ihr ein paar Worte des Abschieds zu sagen! Und doch fürchtete er sich zugleich, ihr gegenüberzutreten. Er fühlte, daß er ihren Blick, jenen hoffnungslosen Blick, der ihm wie eine stumme Anklage in der Seele brannte, nicht würde ertragen können. Aber eine Macht, die stärker war als alle Bedenken, als Scham und Furcht, trieb ihn vorwärts, und schon hob er den Fuß, um die kleine steinerne Treppe emporzusteigen, als die Hausthür aufgerissen wurde und auf der Schwelle eine Frauengestalt erschien, im bloßen Kopf, ein leichtes Tuch um die Schultern.

Er erkannte sie beim ersten Blick und trat erregt auf sie zu. Seinen Hut lüftend, begann er mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte: „Klara – wie gut, daß ich Sie hier treffe! Ich war auf dem Weg zu Ihnen – es drängte mich, ehe ich die Stadt verlasse, Sie noch einmal zu sehen, zu sprechen. Ich scheide aus dem Dienst und gehe nach Amerika, um mir dort eine neue Existenz zu gründen.“

Sie stand wie betäubt, im ersten Augenblick unfähig, zu verstehen oder etwas zu entgegnen. Als aber das Wort „Amerika“ an ihr Ohr schlug, zuckte sie zusammen, ihre blassen Wangen rötheten sich, und ihn mit einem stolzen abweisenben Blick messend, sagte sie kalt: „Gehen Sie! Ich verachte Sie!“

Wie von einem körperlichen Schlag getroffen fuhr er zurück, während sie hastig über die Straße eilte und in dem gegenüberliegenden Kaufladen verschwand. Langsam setzte auch er sich in Bewegung. „Ich verachte Sie!“ Noch nie hatte es jemand gewagt, ihm einen solchen Schimpf offen ins Gesicht zu schleudern, und jetzt hatte er es hingenommen, ohne jeden Versuch einer Abwehr! Es war weit mit ihm gekommen und wahrhaftig Zeit, daß er diesen Boden verließ! Er blickte sich scheu um. Gottlob, niemand hatte es gehört! Unwillkürlich zog er den Hut tief in die Augen, als fürchtete er, daß man die ihm widerfahrene Schmach von seinem Gesicht ablesen könnte. Dann aber setzte er seinen Weg mit beschleunigten Schritten fort. Um keinen Preis der Welt hätte er noch einmal ihrem Blick begegnen mögen, dem Blick, der ihm vernehmlicher und vernichtender noch als ihr Mund gesagt hatte: „Ich verachte Dich!“


6.

Erwin von Buschenhagen wartete in Berlin seine Verabschiedung ab und beschäftigte sich in der Zwischenzeit damit, was er von den mitgenommenen Habseligkeiten irgend entbehren konnte, zu Gelde zu machen. Seinen Eltern und seinen Schwestern sagte er brieflich Lebewohl und erst im letzten Augenblick, als er schon seine Entlassung in der Tasche hatte. „Ich habe es nicht über mich gebracht,“ schrieb er, „Euch noch persönlich um Vergebung zu bitten. Ich muß erst sühnen, was ich verschuldet habe, muß erst aus eigener Kraft ein neuer Mensch werden, bevor ich wagen kann, Euch wieder unter die Augen zu treten.“

Der Brief war ihm außerordentlich schwer gefallen, und als er das große Werk vollbracht hatte, da war es ihm, als hätte man eine Centnerlast von ihm genommen, und mit leichterem Herzen dampfte er nach Hamburg ab.

An Geld besaß er gegen neunhundert Mark. Um mit der Sparsamkeit, die er sich für die nächste Zukunft zur Pflicht gemacht hatte, unverzüglich zu beginnen, löste er für die Ueberfahrt nach New York nur eine Karte für das Zwischendeck. Ueber die paar unangenehmen Tage, die er damit auf sich nahm, hoffte er schon hinwegzukommen. Aber es waren noch keine vierundzwanzig Stunden vergangen, seit das Schiff den Hafen verlassen hatte, als er seinen Entschluß wieder änderte. Das, was er im Zwischendeck sah und erlebte, der Schmutz, der Lärm und die Ausdünstungen der Hunderte von dicht nebeneinander untergebrachten Menschen erfüllte ihn mit soviel Ekel und Widerwillen, daß er jeden Widerstand aufgab. Sein „aristokratisches Gefühl“, das sich nicht so leicht bezwingen ließ, lehnte sich gegen die Gemeinschaft mit diesen Tagelöhnern und Arbeitern auf, die sich herausnahmen, ihn wie ihresgleichen zu behandeln, die ihm ebenso vertraulich wie derb auf die Schultern klopften und ihm ohne weiteres ihre Kameradschaft und ihr brüderliches „Du“ entgegenbrachten.

Erwin suchte also den Proviantmeister des Schiffes auf, der zugleich das Rechnungswesen führte, und zahlte den Preisunterschied für die zweite Kajüte nach.

Hier waren die Verhältnisse doch erträglich, ja die Verpflegung war sogar vorzüglich und ließ die des Kasinotisches in seiner Garnison weit hinter sich. Weniger angenehm empfand er das Schlafen in den engen Kabinen, und auch die Reisegesellschaft behagte ihm nicht zum besten. Eigentlich wäre eben die erste Kajüte der passende Platz für ihn gewesen – na, zur Noth konnte man auch mit diesen Leuten der zweiten Kajüte leben, und einigermaßen mußte er doch seinen veränderten Verhältnissen Rechnung tragen und einen Uebergang zum schlichten bürgerlichen Leben zu finden suchen.

Es waren nur wenige Fahrgäste, die Erwin von Buschenhagen seines näheren Umgangs würdigte, und unter diesen befand sich vor allem ein ältlicher Herr, ein Amerikaner, mit seiner jungen hübschen Nichte. Je weiter die Reise vorrückte, desto näher schloß er sich an diese beiden an. Mister Edward Hopkins war Prokurist in einer großen New Yorker Fabrik und befand sich nach einer Vergnügungsreise in Europa auf dem Rückweg in die Heimath. Miß Carry Sumner aber hatte ihrer musikalischen Ausbildung wegen und weil es Mode war, sich einige Zeit lang studienhalber im Ausland aufzuhalten, ein volles Jahr in Berlin [728]


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aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 44, S. 741–744

[741] Erwin Hagen – diesen Namen beschloß der ehemalige Lieutenant als den seinen jetzigen Verhältnissen angemesseneren beizubehalten – war über das Gefühl der Verlassenheit, das ihn bei seiner Landung in der Neuen Welt so sehr daniedergedrückt hatte, schnell Herr geworden. Die neuen Eindrücke, die er auf Schritt und Tritt erhielt, brachten die böse Erfahrung mit Miß Carry Sumner bald in Vergessenheit, und wenn er sich der koketten gemüthlosen Amerikanerin je noch einmal erinnerte. so geschah es mehr mit Aerger und Beschämung als mit Schmerz.

Die ersten acht Tage verbrachte er ausschließlich damit, sich New York anzusehen. Er mußte doch erst einigermaßen bekannt werden auf dem Boden, auf dem er künftig zu arbeiten hatte. Dann fing er an, seine englische Grammatik und seinen Sprachführer hervorzusuchen, um die auf dem Schiff so jäh unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen, aber er machte auch auf dem Lande, wo ihn keine Miß Sumner störte, nur geringe Fortschritte, um so mehr, als er in seinem Kosthause fast nur Deutsch zu hören bekam. Nach weiteren acht Tagen, während deren er fleißig den Boden kennengelernt und sehr interessante vergleichende Studien zwischen den einheimischen und den importierten Austern angestellt, sich auch eine ausreichende Kenntniß der verschiedensten Vergnügungslokale erworben hatte – nach einer weiteren Woche also machte er die Entdeckung, daß seine Geldmittel sehr bedenklich zusammengeschmolzen waren und daß er binnen kurzem vor dem Nichts stehen würde. Die Folge dieser Wahrnehmung war, daß er ernstlich mit sich zu Rathe ging und beschloß, so rasch wie möglich irgend einen Erwerb zu ergreifen.

Aber da war guter Rath theuer. Was anfangen? Die wissenschaftlichen Kenntnisse, die er sich im Kadettenhause angeeignet hatte, gingen auf ein sehr bescheidenes Maß zusammen; mechanische Fertigkeiten besaß er nicht. Sein erster Gedanke war natürlich, in die amerikanische Armee einzutreten. Doch als er hörte, daß das Officierscorps der Vereinigten Staaten sich ausschließlich aus einheimische Kadetten ergänze und daß er als Ausländer gar nicht darauf rechnen dürfe, vorzurücken, gab er diesen Plan schnell wieder auf.

Er überlegte von neuem hin und her und beschloß, es zunächst einmal mit einer Anzeige in den Blättern zu versuchen. Anfangs schrieb er ganz allgemein: „Ein ehemaliger deutscher Offizier sucht eine seinem Stande und seinen Fähigkeiten angemessene Stellung,“ Aber obgleich er die Anzeige dreimal hintereinander abdrucken ließ, meldete sich niemand, der ihm diese „angemessene“ Beschäftigung gewähren wollte. Er erklärte sich nun etwas bestimmter: „Ein gebildeter junger Deutscher sucht Stellung als Sekretär oder Reisebegleiter.“ Doch auch mit dieser neuen Ankündigung erzielte er nur das eine, daß seine Börse vollends zusammenschrumpfte.

Er gab also diesen undankbaren Versuch auf und begann, sich die Anzeigen derer, die jemand suchten, einmal genauer anzusehen. Doch das, was er da fand, war nur geeignet, seine Bangigkeit vor der Zukunft zu erhöhen. Da wurden Fleischer, Bäcker, Tischler, Kellner und so weiter verlangt, aber für ihn fand sich durchaus nichts. Er konnte sich doch um Gotteswillen nicht als Kellner verdingen!

Sein Gemüthszustand wurde von Tag zu Tag gedrückter und er fing an, sich eine immer größere Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit anzugewöhnen. [742] Vergnügungslokale und feine Restaurants zu besuchen, dazu war ihm, ganz abgesehen vom Zustand seiner Börse, die Lust vergangen.

Eines Tages war er am Ende seiner Barschaft angekommen und mußte beginnen, vom Versetzen seiner Habseligkeiten zu leben. Uhr, Kleider und Wäsche wanderten zum Pfandleiher, und der Zeitpunkt, an dem er nichts mehr besitzen würde als das, was er auf dem Leibe trug, war sehr genau abzusehen. Dann aber setzte ihn die Wirthin des elenden Kosthauses, in dem er jetzt wohnte, auf die Straße, und dann – was dann?

Er fand keine Hilfe und keinen Freund, der ihm wenigstens einen Rath gegeben hätte. Abgestoßen von den Manieren seiner Hausgenossen, die meistens Arbeiter waren, hatte er sich von Anfang an in jene kalte stolze Unnahbarkeit gehüllt, die ihm noch von früher her zu Gebote stand. Das rächte sich jetzt schwer, denn niemand mochte ihn leiden, niemand kümmerte sich um ihn. Am meisten ärgerte es ihn, daß er damals in seiner zornigen Aufwallung, die ihm jetzt sehr unzeitgemäß vorkam, sich selbst von der Hilfe seines amerikanischen Reisegefährten für immer ausgeschlossen hatte. Mister Hopkins wäre gewiß imstande gewesen, ihm zu einer lohnenden Thätigkeit zu verhelfen, hatte er ihm doch freiwillig seinen Beistand angeboten! „Wenn ich etwas für Sie thun kann, hier meine Adresse!“ – er erinnerte sich genau dieser Worte, die der Amerikaner beim Abschied zu ihm gesprochen hatte, leider aber gar nicht mehr der Adresse auf jener Karte, die er so achtlos ins Wasser geworfen hatte.

An einem trübseligen Vormittag kam Erwin am Deutschen Theater vorbei. Große Zettel verkündeten die bevorstehende Eröffnung der Spielzeit. Neben dieser Ankündigung, die einen breiten Raum einnahm und in einem pomphaften Stil gehalten war, befand sich eine kleine nüchterne Notiz: „Zu der Aufführung der ‚Jungfrau von Orleans‘ werden noch einige Statisten gegen hohe Entschädigung gesucht.“

Als Erwin diese Notiz las, gab es ihm ordentlich einen Ruck. Winkte ihm nicht hier die lange ersehnte Beschäftigung? Zum Statisten würde er sich doch so gut oder wohl besser eignen als die meisten anderen Bewerber! Und sein früheres Selbstgefühl hatte durch die Erfahrungen der letzten Tage schon einen so nachdrücklichen Stoß erlitten, daß auch nicht eine Sekunde lang der Gedanke in ihm aufstieg, es schicke sich für ihn am Ende doch nicht, sich um eine derartige Stellung zu bewerben. Nur um die Frage, auf welchen Betrag sich die in Aussicht gestellte „hohe Entschädigung“ belaufen möchte, drehte sich sein Interesse, Im übrigen bedachte er sich nicht lange, sondern sagte sich, daß er keine Minute Zeit zu verlieren habe.

Im Theaterbureau, das er mit leichter Mühe fand, hieß man ihn warten; der Herr Regisseur sei eben in der Probe beschäftigt. Und Erwin wartete, da ihm niemand einen Stuhl anbot, stehend unweit der Thür und fühlte sich nicht einmal beleidigt, daß man von seiner Anwesenheit so gar keine Notiz nahm. Er schätzte sich glücklich, daß er offenbar nicht zu spät kam, denn sonst hätte man ihn sicherlich von vornherein abgewiesen. Und in der That, als der Regisseur endlich nach einer Stunde erschien, die Erwin alle Qualen der Hoffnung und Ungewißheit hatte kosten lassen, da wurde er ohne weitere Förmlichkeiten und Fragen nach einem einzigen prüfenden Blick des Bühnenlenkers für das Theater angeworben.

Erwin empfand eine so jähe Freude über diesen Ausgang, daß er beinahe einen Freudenruf ausgestoßen hätte. Freilich, die Mittheilung des Registers; daß die angekündigte „hohe“ Entschädigung für den Tag fünfundzwanzig Cent betrage, dämpfte seinen Jubel nicht wenig. Immerhin verließ er das Theater innerlich froh. Der Anfang wenigstens war gemischt, mit der Zeit würde er schon weiterkommen. Wer wußte, ob es ihm nicht gelang, am Theater eine dauernde und bessere Stellung zu erringen!

Noch an demselben Nachmittag begann seine neue Thätigkeit. Der Regisseur hielt die erste Probe mit den frisch angeworbene Statisten ab, unter denen sich gestrandete Existenzen aller Art befanden. Erwin machte sich sofort dem scharfen Auge des Regisseurs durch seine angenehme Erscheinung und sein gewandtes Benehmen bemerklich und wurde daher zum Statistenführer ernannt. Damit war zugleich eine kleine Erhöhung seiner Einnahme verbunden, und Erwin pries sich überglücklich, daß er jetzt so viel verdiente, um zur Noth seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Sein Optimismus baute auf diesem bescheidenen Anfang schon allerlei glänzende Luftschlösser auf.

Acht Tage später fand die erste Hauptprobe statt. Das gesamte Personal des Theaters war auf der Bühne versammelt. Da hatte Erwin, der sich mit seinen Rittern, die erst gegen den Schluß des erste Aktes zu thun hatten, im Hintergrund aufhielt, eine Ueberraschung, die ihn mit heftigem Schrecken erfüllte. In der Darstellerin der Agnes Sorel erkannte er zu seiner Bestürzung die ehemalige „Naive“ des Stadttheaters seiner Garnison. Er erinnerte sich ihrer ganz genau. Sie war besonders beliebt gewesen, mehr als alle ihre Vorgängerinnen, und war auch von den Offizieren außerordentlich gefeiert worden. Ja, als sie schied, hatte ihr das Offizierscorps einen silbernen Lorbeerkranz gestiftet und Erwin hatte zu der Abordnung gehört, die der Künstlerin das Erinnerungszeichen in ihrer Wohnung überreichte. Wenn sie ihn nun erkannte! Wie beschämend, wie demüthigend für ihn!

Verflogen war mit einem Mal die Befriedigung, die ihn die ganze Woche über erfüllt hatte. Wie ungeheuer war der Wechsel zwischen Ernst und Jetzt! Die Scham erdrückte ihn fast und er war ängstlich darauf bedacht, sich in der Schar seiner Gefährten vor den Augen der Schauspielerin zu verbergen.

Doch nun kam die Scene, in der er auftreten mußte. Der Zug der Ritter und Rathsherren, das Gefolge der Jungfrau, stellte sich auf. Erwin aber rührte sich nicht, bis endlich der Register ungeduldig rief: „Der Statistenführer! Wo steckt denn der Mensch? Herr, in des Teufels Namen, beliebt’s Ihnen endlich, anzutreten?“

Erwin erbleichte bei diesen rohen Worten. Seine Genossen aber schoben ihn nicht eben sanft vorwärts; und so geschah gerade das, was er vermeiden wollte – von allen Seiten lenkte sich die Aufmerksamkeit auf ihn.

„Mensch,“ begann der Regisseur von neuem, „ich glaube gar, Sie haben das Lampenfieber!“

Allgemeines Gelächter folgte, Erwin aber biß die Zähne zusammen und senkte das Gesicht, das über und über erglühte.

Und nun begann der Marsch und Erwin näherte sich mit niedergeschlagenen Augen dem „König“ und der neben diesem stehenden Darstellerin der Agnes Sorel. Da, als er dicht vor den beiden angekommen war, trat die Schauspielerin plötzlich einen Schritt vor und rief, Rolle und Probe vergessend, lebhaft aus: „Ja, sind Sie’s denn wirklich, Herr von Buschenhagen? Grüß Gott, Herr Lieutenant! Was thun denn Sie in Amerika?“

Ein Stocken kam in den langen Zug, ein Tuscheln und Raunen entstand, aller Augen richteten sich auf den Angeredeten. Heiß und kalt durchschauerte es diesen, der wie angewurzelt stehen blieb. Dann ging ein sichtbarer Ruck durch seinen Körper. „Sie irren, mein Fräulein,“ sagte er mit einem abweisenden Blick, „mein Name ist Hagen. Ich, bin nie Offizier gewesen.“ Und ehe sich die Schauspielerin von ihrer Ueberraschung erholt hatte, war er an ihr vorüber.

Wenn der so wenig in die Handlung des Stückes passende Auftritt damit auch sein Eude erreicht hatte, so war er doch für den Hauptbetheiligten keineswegs erledigt. Erwins Genossen, die ohnehin wegen seines raschen Avancements neidisch und erbost auf ihn waren, bot der Vorfall einen willkommenen Anlaß zu allerlei Witzen über den „Herrn Lieutenant“, so daß Erwin wie erlöst war, als endlich der Schluß der Probe kam. Er eilte davon, als brenne der Boden unter seinen Füßen. Sein Entschluß war gefaßt, lieber zu hungern als sich noch einmal einer so demüthigenden Scene auszusetzen, und so bereitete er denn seiner kurzen schauspielerischen Laufbahn freiwillig ein Ende.

Aber wie einen anderen Broterwerb finden? Er machte die äußersten Anstrengungen, um einen Posten zu bekommen, der für seine Selbstachtung nicht ganz unleidlich war, allein er suchte vergebens. Seinen Ueberzieher, alle irgend entbehrliche Wäsche hatte er zum Pfandleiher getragen, das Elend in seiner bittersten Form war bei ihm eingezogen. Da endlich entschloß er sich, das letzte Aushilfsmittel zu ergreifen, das sich ihm bot – er machte sich auf den Weg, um in einem deutschen Bierlokal sich um die Stelle eines Kellners zu bemühen.

An der Bowery, der geräuschvollen großen Verkehrsstraße des deutschen Stadtviertels von New York, gab es neben unzähligen anderen kleineren Geschäften dieser Art ein Bier- und Vergnügungslokal von riesiger Ausdehnung, den „Atlantic Garden“, in dem allabendlich Tausende von Menschen, meist Deutsche, ihren Durst mit gutem Lagerbier zu löschen trachteten. Dort [743] gelang es Erwin, ein Unterkommen zu finden. Die Beschäftigung war einfach. Er hatte mit einer Anzahl gefüllter Gläser zwischen den endlosen Reihen der Gäste hin- und herzugehen mit dem Ruf: „Lagerbier! Lagerbier!“. Ein festes Gehalt gab es nicht, der Verdienst wurde nach dem Absatz berechnet.

Am ersten Abend war seine Einnahme nicht sonderlich hoch, denn er ging immer mit gesenktem Kopf umher und hatte das Gefühl, als bilde er für alle Anwesenden einen Gegenstand des Staunens und Spottes. Bei jedem Anruf fuhr er erschreckt zusammen, bei jedem Blick, der sich auf ihn heftete, erröthete er. Wenn ihn jemand erkannte!

Als ihm ein Gast – wahrscheinlich ein „Grüner“, ein Frischangekommener – das erste Trinkgeld bot, da fuhr er mit einem Ausruf des Zorns zurück und warf dem Menschen das Geldstück vor die Füße. Ein Trinkgeld – ihm!

Aber diese Stimmung, mit der er am ersten Tag seinen neuen Beruf versah, hielt nicht stand. Schon am zweiten Abend fühlte er sich freier, er tummelte sich nach Kräften und seine Einnahme stieg auf das Doppelte. Nach einer Woche hantierte er so flink und gewandt, als sei er von jeher Kellner gewesen.

Von den anderen Kellnern des „Atlantic Garden“ zog sich Erwin soviel als möglich zurück; überdies war in der Wirthschaft selbst keine Zeit, um Privatgespräche anzuknüpfen. Nur nachts auf dem Nachhausewege hatte sich ihm schon ein paarmal einer seiner neuen „Kollegen“ angeschlossen, ihr Gespräch hatte sich jedoch ausschließlich um ihren Verdienst und andere Dinge ihres Berufs gedreht. In seinem Aeußeren hatte William – so nannte man ihn, da im „Atlantic Garden“ die Kellner nur beim Vornamen gerufen wurden – nichts Außergewöhnliches. Er trug wie alle seine Genossen eine kurze dunkle Jacke und während der Arbeit zugleich einen kleinen Lederschurz um die Hüften. Daß er schon einige Jahre im Lande war, entnahm Erwin einigen gelegentlichen Aeußerungen sowie dem Umstand, daß er im Gespräch vielfach englische Wörter und Redewendungen unter sein Deutsch mischte.

Nach alledem war Erwin ungemein überrascht, als William einmal spät nachts, nachdem sie eine Weile schweigend durch die Straßen geschritten waren, plötzlich stehen blieb, ihm die Hand auf den Arm legte und beim Schein einer Gaslaterne ihn scharf ins Auge faßte. „Sagen Sie ’mal – nicht wahr, Sie waren drüben Offizier?“

„Ich?“ stotterte Erwin verwirrt, „warum – wieso?“

„Nun“ – der andere lächelte leicht – „man sieht’s Ihnen immer noch deutlich an, wenn man einen Blick dafür hat. Die Art, wie Sie Ihr Haar tragen, der Ton Ihrer Stimme – na“ – er unterbrach sich und klopfte dem peinlich berührten Genossen beschwichtigend auf die Schulter – „Sie brauchen sich nicht zu genieren, vor mir nicht! Ich habe die Ehre, mich Ihnen als Kameraden vorzustellen: von Oeller, ehemaliger Lieutenant bei den Gardegrenadieren.“

Er legte mit einer salutierenden Bewegung die Hand an die Kopfbedeckung und auch Erwin fuhr unwillkürlich mit seiner Rechten an den Hutrand. Dann streckte er in freudiger Aufwallung dem Kameraden die Hand hin und stellte sich selbst in aller Form vor. Sein Vergnügen war ungeheuchelt. Endlich einmal ein Mensch, mit dem er auf gleichem Fuße verkehren konnte!

Fünf Minuten später saßen die beiden in einer der kleinen Nachtkneipen der Bowery einander gegenüber, in allerlei heitere und ernste Erinnerungen aus der schönen seligen Lieutenantszeit vertieft. Erwin schloß sein Herz auf, war es doch ein Stück Heimath, das er in dem Kameraden erblickte. Die Vergangenheit mit all ihrer Pracht und Herrlichkeit zog an dem Geiste des lebhaft und angeregt Plaudernden vorüber. Noch nie, seit er Deutschland verlassen, hatte er sich so wohl gefühlt, noch nie eine so heitere schöne Stunde verlebt. Ja, ihm schwand minutenlang ganz das Bewußtsein seiner gegenwärtigen Lage, er fühlte sich wieder als Angehöriger des „privilegierten“ Standes und mehr als einmal tastete er unwillkürlich nach dem Monocle, das er mit den Abzeichen seiner Lieutenantswürde drüben in der Heimath gelassen hatte.

Auch Herr von Oeller gab seiner Genugthuung, in Erwin einen Kameraden entdeckt zu haben, lebhaften Ausdruck. „Waren Sie schon einmal in Peter Schwabs Biersalon in der zweiten Avenue?“ fragte er. Und als Erwin verneinte, fuhr er lebhaft fort: „Nicht? O, da müssen Sie einmal hin! Sie werden sich auf Ehre königlich amüsieren. Alle Sonnabende ist dort große Zusammenkunft von Kameraden. Wer weiß, ob Sie da nicht alte Bekannte treffen!“

Erwin fühlte sich wie elektrisiert. War es denn möglich – ein förmlicher Klub von Kameraden? Das war ja köstlich! Wieder einmal ganz unter sich zu sein, das war unbezahlbar!

Der Morgen dämmerte schon herauf, als die beiden noch immer plaudernd und trinkend beisammen saßen. Endlich erhob Herr von Oeller das ihm eben frisch eingeschenkte Glas und sagte: „Das letzte! Leeren wir es auf die Vergangenheit, auf die unvergeßliche unvergleichliche Lieutenantszeit. Sie lebe hoch!“

„Sie lebe hoch!“ stimmte Erwin begeistert ein. Als er sein Glas leer auf den Tisch zurückgestellt hatte, stieß er einen tiefen Seufzer aus. Er galt der goldenen Lieutenantszeit, der unwiederbringlich verlorenen.




7.

Am nächsten Sonnabend gegen zwölf Uhr nachts suchte Erwin in Begleitung des Herrn von Oeller Peter Schwabs Biersalon auf. Mit freudiger, fast fieberhafter Spannung betrat er das Lokal. Sein Begleiter stellte ihn den Herren, die an einem großen runden Tisch im Hintergrund des Saales saßen, in aller Form vor.

„Herr von Buschenhagen, Kamerad vom X. Infanterieregiment.“

Die Herren nannten nacheinander ihre Namen und begrüßten den Neuangekommenen mit liebenswürdiger Herzlichkeit. Erwartungsvoll sah sich Erwin im Kreise der Tischgenossen um, aber er bemerkte kein bekanntes Gesicht. Dennoch fühlte er sich bald heimisch unter den Kameraden. Ihre Art zu sprechen, die Lieblingsausdrücke im Gespräch, die immer wiederkehrten, ihre Formen und Gewohnheiten – alles das heimelte ihn an. Es war, wie wenn Freimaurer einander in der Fremde sich sogleich an ihren Bundeszeichen erkennen.

Die Unterhaltung drehte sich zum größten Theil um die Erlebnisse im neuen Vaterland. Und was Erwin staunend hier zu hören bekam, war ebenso interessant wie die Persönlichkeiten der Erzähler selbst. Der eine, ein Herr zu Anfang der Vierziger, von eindrucksvoller Persönlichkeit, über sechs Fuß hoch, breitschulterig, mit langem blonden Kotelettbart, war schon zehn Jahre im Lande. Er hatte sich in den verschiedenartigsten Lebenslagen befunden, hatte zeitweise im Ueberfluß geschwelgt, dann wieder wochenlang einen verzweifelten Kampf gegen den Hunger geführt. Im fernen Westen war er Farmarbeiter, dann Lehrer gewesen, darauf Kutscher und später Prediger einer Methodistengemeinde. Jetzt in New York hatte er die Stellung eines Reitlehrers an dem Institut eines Pferdeverleihers inne, wofür er fünfundzwanzig Dollar wöchentlich bezog.

Ein Zweiter, eine kleine zierliche Husarenfigur, ein Freiherr von Metzen, war erst ein Jahr in der Neuen Welt. Der Zufall hatte ihn mit einem deutschen Bäckermeister bekannt gemacht; jetzt arbeitete er bei diesem als „zweite Hand“. „Was wollen Sie,“ bemerkte er zu Erwin, der ein erstauntes Gesicht zu dieser Mittheilung machte, „man muß froh sein, wenn man sich durchschlägt. Wählerisch darf man hier zu Lande nicht sein. Hier heißt es: Friß, Vogel, oder stirb! Ich kann noch von Glück sagen. Die Tochter meines Prinzipals, sein einziges Kind, ist verschossen in mich bis über die Ohren. Der Alte ist ein wohlhabender Mann und – na, Sie verstehen mich, Herr Kamerad.“

Erwin schüttelte sich unwillkürlich. Der Schwiegersohn eines Bäckermeisters! Dafür würde er denn doch danken.

Dem Freiherrn gegenüber fast ein bildhübsches Herrchen mit frischen rothen Wangen, zierlichem wohlgepflegten Schnurrbart und zarten Frauenhändchen. Er hatte sich Erwin als ein Baron von Reussenstein vorgestellt. Seinem Aeußeren nach mußte er sich in guten Verhältnissen befinden, denn er war eleganter gekleidet als irgend ein anderer der Tafelrunde. Höchstens der Reitlehrer konnte sich in dieser Hinsicht mit ihm messen.

„Ein frisches Glas!“ rief er eben nach dem Schenktisch hinüber.

„Sagt ’mal, Reussenstein,“ nahm sein Nachbar, ein sehr würdig dreinblickender Herr mit gelichtetem Scheitel und ruhigen gravitätischen Bewegungen, das Wort, nachdem der Wirth das frisch gefüllte Glas auf den Tisch gestellt hatte, „Ihr seid für [760] ein so ungekünsteltes Wesen, daß Erwin sich schon in der ersten Stunde in der Familie heimisch fühlte. Er plauderte mit der Frau von allem Möglichen: von ihrer Vergangenheit, von ihrem Kinde, ihrer kleinen Wirthschaft, ja von sich und seinem jetzigen Berufe ohne jede Scheu, als wären sie längst die besten Freunde. Dabei war es ihm wahrhaft rührend, zu sehen, mit welcher Zärtlichkeit sie um ihren Gatten bemüht war, wie sie ihm die Wünsche, noch ehe er sie äußerte, von den Mienen absah, und mit welcher Zartheit auf der andern Seite ihr Gatte gegen sie verfuhr. Zwischen beiden der muntere, gut erzogene kleine Bursche – es war ein so anheimelndes Bild schlichten Familienglückes, wie Erwin es noch nie in seinem Leben gefunden hatte.

Um drei Uhr brach Schuckmann auf, denn er hatte noch Dienst. Erwin begleitete ihn ein Stück Weges. Bevor sie sich trennten, sagte Schuckmann, dem Freund zutraulich die Hand auf die Schulter legend: „Buschenhagen, Sie haben nun gesehen, wie es bei mir ausschaut. Wenn es Ihnen danach ums Herz ist, so kommen Sie wieder! Einer besonderen Einladung bedarf es nicht mehr, Sie sollen uns immer willkommen sein. Umstände freilich machen wir nicht, Sie müssen schon mit dem fürlieb nehmen, was Sie gerade antreffen.“

Und nachdem ihm Erwin herzlich gedankt hatte, fügte er mit listigem Augenzwinkern hinzu: „Buschenhagen, bin ich nicht ein armer bedauernswerther Kerl?“

Erwin wurde ganz roth vor Eifer. „Der Teufel soll mich holen, Schuckmann, wenn ich Sie nicht beneide. Sie sind ein glücklicher Mann!“

Und das kam aus ehrlichem Herzen, unter der Nachwirkung der eben verlebten friedlichen Stunden.

„Nicht wahr?“ schmunzelte der andere. „Mit einem solchen Frauchen und einem so herzigen Burschen von Sohn!“

„Präsident in spe!“

Sie lachten beide laut auf, schüttelten einander die Hände und trennten sich,




8.

Buschenhagen lebte sich mehr und mehr in seinen neuen Beruf ein, dem er bald mit wirklichem Eifer nachging. Die Sucht, ein hübsches Stück Geld zu verdienen, die hier förmlich in der Luft lag, packte auch ihn und trieb ihn an, seine ganze Gewandtheit aufzubieten, um allabendlich so viele Gläser Bier als irgend möglich abzusetzen. Zuweilen erschien Schuckmann mit Frau und Kind in einer freien Abendstunde und Erwin legte dann einfach den Kellnerschurz ab, setzte sich zu ihnen und spielte auf eine Stunde den Gast.

Mehrere Monate bekleidete er schon seine Stelle im „Atlantic Garden“. Die kleinen Demüthigungen, welche sein Los mit sich brachte, empfand er kaum noch, dachte auch vorläufig gar nicht daran, seinen Posten aufzugeben, sondern wollte ihn so lange festhalten, bis er des Englischen mächtig geworden sein würde. Dann standen ihm alle möglichen Wege offen, aber ohne die Kenntniß der Landessprache – das hatte ihm Schuckmann eindringlich vorgehalten – war nichts Ordentliches anzufangen. Ohne Englisch war man immer dem Zufall, der Noth preisgegeben.

Da hatte er eines Tages eine Begegnung, die alle seine Pläne über den Haufen warf und mit einem Schlage sein mühsam errungenes Gleichgewicht wieder vernichtete. Eines Abends, er kam eben mit dem gewohnten Ruf: „Lagerbier! Lagerbier!“ den Mittelgang des Riesenlokals herauf, sah er plötzlich kaum zwanzig Schritt entfernt an einem Tisch zwei Personen sitzen, deren unvermutheter Anblick ihn so heftig zusammenfahren ließ, daß er alle Kraft zusammennehmen mußte, um nicht die Gläser, die er trug, zu Boden fallen zu lassen. Auf den ersten Blick erkannte er ihn, seinen Todfeind, den Deserteur, der also glücklich nach Amerika entkommen war, und neben ihm seine Schwester Klara. Er stand einen Augenblick wie angewurzelt, wie gelähmt vor Schrecken und achtete nicht darauf, daß ein paar Gäste am nächsten Tisch ihm schrieen und winkten und dann ärgerlich eine Verwünschung zuriefen, als er ihrem Begehren nicht nachkam. [744] mich ein lebendiges Räthsel. Ihr seid der erste Nähmaschinenagent, der bei seinem Geschäft auf einen grünen Zweig gekommen ist.“

Reussenstein lachte, während der Fragende, ein Graf Bürker, zur Zeit Oberkellner in einem deutschen Gasthaus in der Greenwich Street, sich würdevoll in seinen Stuhl zurücklehnte.

„Lieber Graf, die Sache ist sehr einfach,“ entgegnete Reussenstein, „man muß eben sein Geschäft verstehen. Reden muß man können, in allen Tonarten, zart und rauh, prahlend und klagend, lachend und weinend, wie es eben der einzelne Fall verlangt. Freilich, wenn man weiter nichts zu sagen hat als: ‚Brauchen Sie keine Nähmaschine? Nicht? Dann entschuldigen Sie, bitte!‘ so kann man getrost einpacken. Man muß den Leuten etwas vorschwatzen, bis ihnen der Kopf wirbelig wird und sie zu allem Ja sagen, bloß um einen loszuwerden.“ Der Sprechende lächelte wohlgefällig und strich sich den Schnurrbart. „Ich will doch die Frau sehen, die mir nicht einen Auftrag giebt, wenn ich schön bitte. Wenn nur nicht diese hartherzigen Ehemänner wären, die hinterher die Bestellungen wieder rückgängig machen!“

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aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 45, S. 757–761

[757] Mitten in ihrer lebhaften Unterhaltung erhielt die Gesellschaft in Schwabs Biersalon einen Zuwachs. Der Eintretende ging zuerst an den Schenktisch heran bestellte ein Glas und nahm ein paar Schnitten Brot und Wurst von dem auf dem Büffett zur allgemeinen Benutzung stehenden „freien Jmbiß“ dem „Free Lunch“. Als er sich dem Tisch der ehemaligen Offiziere näherte, wurde Erwin auf ihn aufmerksam. Der Ankömmling trug einen abgenutzten Ueberzieher und als Kopfbedeckung eine abgegriffene [758] Mütze, über deren Schirm ein Messingschild mit der Aufschrift „Conductur“ befestigt war. Die Erscheinung des Fremden überraschte Erwin. Wo hatte er nur dieses Gesicht mit der Schmarre quer über die linke Wange und mit den braunen gutmüthig blickenden Augen bereits gesehen? Ein Gedanke durchzuckte ihn – Schuckmann!

Aber im nächsten Augenblick lächelte er über diese Vermuthung. Unwillkürlich vergegenwärtigte er sich den flotten Dragoneroffizier, der seinerzeit der Löwe der Garnison gewesen war, der schneidigste hübscheste Lieutenant, den man sich denken konnte, der sich einen Viererzug hielt und drei kostbare Reitpferde und in jeder Hinsicht eine Verschwendung trieb, welche alles in Schatten stellte und das väterliche Erbtheil des Offiziers im Betrage von hunderttausend Thalern in zwei Jahren bis auf den letzten Pfennig aufzehrte. Und nun sollte dieser Mann da in der abgetragenen Kleidung, mit dem ungepflegten Vollbart und den braunen Händen der allezeit peinlich elegante Schuckmann sein? Lächerlich!

Erwin erhob sich, um dem Herantretenden seinen Namen zu nennen. Doch er hatte noch nicht den Mund geöffnet, als der Fremde ihm schon beide Hände entgegenstreckte und, während über sein Gesicht ein freudiges Aufleuchten huschte, mit heller Stimme rief: „Wie, Buschenhagen – Sie? Ja sind Sie’s denn wirklich?“

Es war also doch Schuckmann, Erwin erkannte ihn an der Stimme, vermochte aber vor Ueberraschung kein Wort hervorzubringen und konnte seiner Freude nur durch einen Händedruck Ausdruck geben.

„Sitzen!“ sagte Schuckmann herzlich, drückte Erwin auf seinen Stuhl nieder und setzte sich neben ihn. „Wie ich mich freue! Wie geht’s in der Heimath? Was macht Kramm und Werra und was der gute Radewils? Fünf Jahre sind es, daß ich außer aller Verbindung mit drüben bin. Erzählen Sie, Kamerad, erzählen Sie!“

Erwin ließ sich nicht lange nöthigen und kramte von seinen Erlebnissen während der letzten Jahre aus, soviel ihm gerade einfiel. Je mehr er sprach, desto fröhlicher wurde das Gesicht Schuckmanns, der mit voller Seele zuhörte.

„Ja. ja, es war eine tolle Zeit,“ meinte er, als Erwin eine Pause machte, um die trocken gewordene Zunge anzufeuchten, „der Leichtsinn feierte seine Feste. Und was mir die allertollsten Streiche eingab, das war die Bewunderung, die ich obendrein erntete, das respektvolle Staunen, die aufleuchtenden Blicke der Mädchen. Mochte eine Sache auch noch so unsinnig und übermüthig sein – da sie von unsereinem ausging, war sie einfach ‚schneidig‘. Eine verrückte Welt, in der ein Glanz und Nimbus ohnegleicheu von den Epauletten ausstrahlt, in der man den Offizier, ganz abgesehen davon, was er als Mensch werth ist, auf ein alles gewöhnliche Volk überragendes Piedestal stellt! Kein Wunder, daß einem das schließlich in die Krone steigt und man nicht weiß, was vor Uebermuth anstellen!“

„Recht habt Ihr, Schuckmann,“ mischte sich hier der gräfliche Oberkellner ins Gespräch. „Na, hier in Amerika lernt dann unsereiner sich bald bloß noch als Mensch fühlen. Die reine Korrektionsanstalt, dieses Amerika, hol’ mich der Teufel! Da wird man um- und umgekrempelt, und ehe man sich’s versieht, ist man ein anderer, ein neuer Mensch –“

„Ein besserer Mensch!“ rief Schuckmann energisch dazwischen. „Wenigstens ist das meine Meinung trotz alledem und alledem. Mag’s einen auch manchmal hart ankommen, mag mancher von uns kopfüber untertauchen in der Menge der strandenden Existenzen – wer’s aushält und sich durchringt, ist wenigstens ein Mann geworden, ein ganzer Mann, der dem Leben die Stirn bietet und ihm in allen Lagen gewachsen ist, was nicht weniger heißen will, als dem Tod ins Gesicht zu sehen. Darum sage ich“ – der Sprechende stand lebhaft auf und erhob sein Glas – „hoch Amerika! Hip, hip, Hurra!“

Alle sprangen auf, stießen mit Schuckmann an und leerten ihre Gläser, Erwin aber war starr vor Staunen. War das Schuckmann, der flotte, leichtsinnige, tolle Schuckmann, der so sprach? War es möglich, daß ein paar Jahre in einem Menschen eine so völlige Umwandlung vollbringen konnten?

Unterdessen drehte sich Schuckmann zur „Bar“ um und rief dem Wirth zu: „Jedem ein frisches Glas!“

Der Gerufene, eine wohlbeleibte schwerfällige Gestalt in Hemdsärmeln, die bis über die Ellbogen zurückgeschlagen waren, kam gemächlich heran, nahm die Gläser und füllte sie von neuem, „Schuckmann,“ sagte der Reitlehrer lächelnd und strich sich, in Erwartung des frischen Trunkes, behaglich die lang herabwallenden Bartkoteletts, „alle Achtung vor dem Speech, den Sie da losgelassen haben! Wenn Sie ’mal Ihren Posten als Pferdebahnschaffner verlieren, können Sie alle Tage als Pastor Ihr Glück machen. Es kommt Ihnen ein Achtungsschluck.“ Er ergriff sein Glas, das der Wirth eben vor ihn hinstellte, neigte es gegen Schuckmann und trank es bis zur Hälfte aus.

Schuckmann that ihm Bescheid und meinte dann: „Am Ende auch Pastor – warum nicht? In Amerika muß einer in allen Sätteln gerecht sein. Das ist das Schöne hier – wer in einem Beruf Schiffbruch leidet, kann im andern immer wieder obenauf kommen.“

Als die Gläser zum großen Theil von neuem geleert waren, ließ sie Schuckmann abermals füllen, was allgemeines Staunen erregte.

„Hört ’mal, Schuckmann,“ gab Graf Bürker dem allgemeinen Gefühl Ausdruck, „Ihr seid ja so freigebig, als wenn Ihr das große Los gewonnen hättet! Das ist doch sonst nicht Eure Art. Was ist Euch denn heute so Angenehmes begegnet?“

Der Gefragte lächelte vergnügt vor sich hin. „Die Annehmlichkeit ist schon drei Jahre alt,“ entgegnete er und sein Gesicht strahlte. „Heute ist der Geburtstag meines Stammhalters. Ihr kennt den Bengel, Graf, und werdet mir zugeben, daß mein Henry –“

„Der klügste und hübscheste kleine Kerl zwischen dem Stillen und Atlantischen Ocean ist,“ fiel Bürker ein. „Meine Herren“ – er erhob sich – „dies Glas Schuckmann dem Jüngeren, dem künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten! Er lebe hoch!“

Als die Tischrunde jubelnd eingestimmt und mit dem glücklichen Vater angestoßen hatte, wandte sich Bürker an Erwin, der alles in stummer Berwunderung mit anhörte. „Sie müssen wissen – Kamerad Schuckmann ist der einzige unter uns, der sich den Luxus einer Familie gönnen kann, und wie Sie ihn hier sehen, ist er das Muster eines Gatten und Vaters, ein wahres Prachtstück von einem braven Staatsbürger, dessen höchste Tugend, dessen Leidenschaft das Sparen ist. Staunen Sie: Schuckmann ist Ka–pi–ta–list! Der Mensch hat Geld auf der Bank!“

Die letzten Worte, welche der Graf mit besonderer Betonung und mit komischer Würde ausgerufen hatte, erregten ein lautes Hallo. Der Gefeierte lächelte schmunzelnd vor sich hin.

„Meine Herren,“ begann er, „die Sparsamkeit ist eine Tugend, bei der nur der Anfang schwer ist. Es ist nicht zu sagen, wie viel Ausdauer und Ueberwindung dazu gehört, wieviel Mühe es macht, hundert Dollar zusammenzubringen. Ist aber erst dieses Hundert voll, so geht die Sache von selbst, und Sie glauben gar nicht, welch schönes Bewußtsein es ist, ein paar Dollar auf der Bank zu wissen für den Fall der Noth. Darum sparen, meine Herren, bei Zeiten sparen!“

„Nur keine Predigt, Schuckmann – das ist zu früh!“ rief hier der lustige Nähmaschinenagent. „Sparen ist mir in tiefster Seele zuwider. Ich habe nicht das Zeug dazu. Und zum Henker, ich will’s auch nicht lernen. Wenn man nur immer so viel hat, als man braucht, das genügt! Mister Peter, frische Gläser!“ ...

Es war schon in der dritten Morgenstunde als die Herren endlich aufbrachen. Vor der Thür verabschiedeten sie sich voneinander. Schuckmann aber schob seinen Arm unter den Erwins und fragte: „Wo wohnen Sie?“

„In der Delancy Street.“

„Da gehen wir ein Stück zusammen.“

Schuckmann schien sehr aufgeräumt. Er sprach in einem fort und Erwin hatte nichts zu thun als zuzuhören.

„Sie finden wohl, daß ich mich sehr verändert habe?“

„Allerdings.“

„Das kommt von selbst, wenn man verheirathet und glücklicher Vater ist; Sie glauben nicht, wie das den Menschen ummodelt, wie einem das so ein ganz sonderbares Gefühl der Verantwortlichkeit giebt. Wer Frau und Kind liebhat, dem vergeht die Lust zu Dummheiten und leichtsinnigen Streichen von selbst, ohne daß er nöthig hätte, erst besonders an sich zu arbeiten. Die Hand aufs Herz – es war doch eigentlich recht fades, kindisches Zeug, dem wir drüben gehuldigt haben. Und froh, so recht von Herzen froh ist man dabei auch nicht gewesen. Ich sage Ihnen, jetzt – das ist doch etwas ganz anders. Wenn ich abends zu Hause sitze, meine Frau neben mir – eine niedliche kleine Frau, nicht anspruchsvoll, keine sogenannte ‚höhere Tochter‘, kein Goldfisch, aber gut, herzensgut, einfach und bescheiden – wenn ich des Abends so mit meiner Frau zusammensitze und ihr etwas aus der Zeitung vorlese oder mit ihr plaudere über dies und jenes oder wenn ich meinen Jungen auf den Knien habe und ihn reiten lasse und der Bengel jauchzt und strampelt mit den kurzen drallen Beinchen – ich sage Ihnen, Buschenhagen, das giebt so ein [759] eigenes Gefühl, ein Gefühl der Sicherheit, der stillen Zufriedenheit, das unendlich mehr werth ist als all das Zeug von ehemals.“

Erwin wußte nichts darauf zu erwidern. Er konnte sich nur immer von neuem verwundern über den Schuckmann von heute, der einen so schroffen Gegensatz zu dem Schuckmann von einst bildete. Aber als jetzt der neben ihm Schreitende weiter erzählte von Frau und Kind, von seiner stillen Häuslichkeit, seinem Berufe, seinen Hoffnungen und Zukunftsträumen, da wurde auch ihm ganz warm ums Herz und eine ehrliche, tiefe Achtung stieg in ihm auf, grundverschieden von jener lauten Bewunderung, die er und die jüngeren Kameraden einst den Thaten des „tollen Schuckmann“ gezollt hatten.

Als sie einander „Gute Nacht“ sagten, fragte Schuckmann plötzlich: „Sind Sie morgen mittag frei?“

„Ja, bis fünf Uhr!“

„So bitte ich Sie, morgen zum Mittagessen mein Gast zu sein. Sie müssen meine Frau kennenlernen und meinen Jungen. Aber wenn ich bitten darf, keine zu großen Erwartungen, was unseren Tisch betrifft! Wir essen einfach: Suppe und Sonntagsbraten – morgen haben wir Kalbsbraten. Das ist etwas Rares in Amerika. Ich habe ihn selbst eingekauft, und daß er gut ist, dafür stehe ich Ihnen. Ich rechne also auf Sie. Gute Nacht, schlafen Sie wohl!“

Obgleich Erwin eigentlich recht müde war, als er endlich sein Kosthaus erreicht hatte, wälzte er sich doch noch eine ganze Weile schlaflos in seinem Bett umher. Seine Seele war zu sehr erfüllt von all den neuen Eindrücken, die ihm die letzten Stunden gebracht hatten. Das, was er an dem Stammtisch in Peter Schwabs Bierlokal gesehen und gehört hatte, war so seltsam, daß es ihm jetzt wie ein phantastischer Traum vorkam. Ein Freiherr als Bäckergeselle, ein Graf als Oberkellner, ein Baron als Stadtreisender und vor allem Schuckmann, der tolle Schuckmann, als Pferdebahnschaffner, als Gatte und Vater, als sparsames Familienhaupt, das den Markt aufsuchte und Fleisch einkaufte! Das alles war wie ein Stück aus einer verzauberten Welt.


Es war zwölf Uhr mittags, als Erwin der Einladung Schuckmanns folgte. Dieser wohnte in der vierzehnten Straße in einer Miethskaserne, die eine Unmenge kleiner Wohnungen enthielt.

Auf sein Klopfen an der Thür, die ihm sein ehemaliger Kamerad gestern noch genau bezeichnet hatte, öffnete eine schmächtige kleine Frau. Sie blickte den Gast einen Augenblick prüfend an, während dieser höflich seinen Hnt zog; dann lächelte sie ihm freundlich zu und sagte: „Sie sind gewiß Johnnys Freund. Nicht?“

Und als Erwin sich verneigte, forderte sie ihn auf, näherzutreten. Er folgte der Voranschreitenden, die ihn durch einen kleinen halbdunklen Raum geleitete, der nur durch eine schmale Oeffnung Licht erhielt und durch einen eisernen Kochofen sich als Küche auswies. Frischer Bratengeruch erfüllte den ganzen Verschlag, dessen Möbel nur aus einem Küchentisch, einem alten schmalen Geschirrschrank und einem Schemel bestanden. Durch eine Glasthür gelangten sie ins Wohnzimmer, dessen zwei Fenster nach dem Hof hinausgingen.

Erwin stand überrascht einen Augenblick an der Thür still. So einfach, ja ärmlich hatte er sich Schuckmanns Wohnung doch nicht vorgestellt. An der einen Wand ein Roßhaarsofa, davor ein runder braun angestrichener Tisch; an der andern ein großes und ein kleines Bett; sonst nur noch ein paar Holzstühle und ein Schaukelstuhl, daneben eine alte Kommode. Der einzige „Luxus“ war der Teppich, der über den ganzen Fußboben ausgespannt war.

„Bitte, legen Sie ab!“ Die junge Frau sagte es mit einer freundlichen Handbewegung; Erwin gehorchte mechanisch, sehr befangen, und ließ sich dann auf ihre Einladung hin auf dem Sofa nieder. Er war in wirklicher Verlegenheit, womit er die Unterhaltung beginnen sollte. Er, der zu Hause den Damen seiner Kreise gegenüber nie um einen Gesprächsstoff verlegen gewesen war, wußte nicht, was er zu dieser schlichten Frau sprechen sollte. „Mister Schuckmann?“ stotterte er endlich. Sie kam ihm zu Hilfe. „Mein Mann kommt gleich zurück. Er ist nur ’mal in das Restaurant nebenan gegangen.“

Sie hatte kanm ausgesprochen als man auch schon das Geräusch der geöffneten Flurthür hörte; eine Sekunde später trat Schuckmann ein. Erwin, der sich erhoben hatte, mußte wohl ein sehr verblüfftes Gesicht machen, denn der andere lachte laut auf. Es war aber auch ein drolliger Anblick, den der „tolle“ Schuckmann bot. Auf dem Kopfe saß ihm ein breitrandiger Schlapphut; einen Rock trug er nicht, sondern nur eine dicke gestrickte Weste über dem Hemd. Auf seinem linken Arm hockte ein kleiner, lustig dreinblickender Knabe und in der rechten Hand hielt er einen mit Bier gefüllten Krug.

Nachdem Schuckmann seine Hände frei gemacht hatte, begrüßte er den Gast herzlich.

„Liebe Libby,“ sagte er dann zu seiner Frau, „hier mein Freund Buschenhagen von dem ich Dir heute früh erzählt habe, ehemals preußischer Lieutenant, zur Zeit Kellner im ,Atlantic Garden‘.“

Erwin konnte ein Erröthen nicht unterdrücken. Schuckmann bemerkte es und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich glaube gar –“ sagte er mit heiterem Vorwurf. „Das müssen Sie sich hier abgewöhnen! Kellner oder Minister, ganz gleich, wenn man nur sonst ein ehrenhafter Kerl ist. Meine Libby hat in dieser Hinsicht gar keine Vorurtheile. Als wir uns kennenlernten, ging ich mit Insektenpulver hausieren.“

Erwiu hatte erst jetzt Gelegenheit, die Frau seines Freundes genauer zu betrachten. Ihr Gesicht war unbedeutend, aber aus ihren blauen Augen strahlte so viel Herzensgüte, und als sie jetzt ermunternd zu ihm herüberblickte, lag ein so liebenswürdiges Lächeln auf ihren Zügen, daß mit einem Male seine Befangenheit wich und einem warmen sympathischen Gefühl für die kleine Frau Platz machte. Während sie nun in der Küche nebenan verschwand, um nach dem Braten zu sehen, nahm Schuckmann den Knaben, den er bei der Begrüßung des Freundes auf den Boden gestellt hatte, wieder auf den Arm und trat mit ihm zu Erwin hin. Der Kleine wandte sich etwas scheu von dem fremden Gesicht ab und umklammerte mit beiden Händchen den Hals des Vaters.

„Na, na – nicht fürchten, Henry,“ mahnte dieser und bemerkte dann, zu dem Freunde gewandt: „Er sieht so selten ein fremdes Gesicht, wir leben ganz für uns. Hallo, Henry, gieb dem Onkel eine Hand – na wird’s?“

Der Junge wandte sich zögernd herum und reichte vorsichtig, mit ängsttichem Blick Erwin die kleine dicke Rechte.

Schuckmann sah ihm dabei mit vergnügtem Schmunzeln zu, strich ihm über den Blondkopf und küßte ihn zärtlich auf den Mund.

„Ich sage Ihnen, Buschenhagen, so sich selbst verjüngt vor sich zu sehen, darüber geht nichts!“ Er hob den Kleinen der aufjauchzte und lustig strampelte, mit ausgestreckten Armen in die Höhe und betrachtete ihn mit stolzen Blicken. „Ein strammer Bengel, nicht?“ sagte er über die Schulter zu Erwin. „Und klug! Nein wirklich, es ist nicht bloß väterliche Eitelkeit, die aus mir spricht.“

Erwin wehrte lächend ab.

„Sie glauben es nicht? So passen Sie einmal auf, Buschenhagen!“ fuhr der glückliche Vater mit ehrlichem Eifer fort. „Henry, mein Junge, zeige dem Onkel ’mal, was Du gelernt hast! Zähle – zuerst deutsch!“

Der Knabe machte ein ernstes Gesicht und begann langsam, stockend: „Eins, zwei, drei vier, fünf –“

„Nun englisch!“ gebot Schuckmann, dessen Gesicht bei jeder neuen Zahl freudiger und stolzer aufleuchtete.

„One, two, three, four, five –“ zählte Henry mit wichtiger Miene.

„Sehen Sie, Buschenhagen,“ fing Schuckmann von neuem an, während sie sich niederließen – er mit dem Knaben auf dem Schaukelstuhl, sein Gast auf dem Sofa – „sehen Sie, für meine Person habe ich keinen Ehrgeiz mehr. Wenn ich nur das verdiene, was die Meinen brauchen, und allenfalls noch ein bißchen mehr, so bin ich zufrieden. Bloß was meinen Jungen betrifft – aus dem soll einmal etwas werden. Das ist meine Lebensaufgabe, aus Henry einen tüchtigen Menschen zu machen. Und der Junge kann alles werden – Minister, Präsident, was man will. Aber auf diese Zukunft müssen wir gleich ’mal anstoßen!“

Er erhob sich lebhaft, holte drei Gläser von der Kommode, füllte sie aus dem Krug, in dem er das Bier gebracht hatte, und rief nach der Küche hinaus: „Libby! Bitte, komm’ doch einen Augenblick!“ Und zu Erwin gewandt, fügte er erklärend hinzu: „‚Libby‘ – das ist eine Abkürzung von ‚Liberty‘: Freiheit. Sie ist nämlich am vierten Juli geboren, am Tag der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. Ein drolliger Name, was? Ja, in diesem Punkt leisten die Amerikaner Unglaubliches.“

Indes erschien die Gerufene und alle drei stießen lustig an auf das Wohl des kleinen Zukunftshelden.

Zehn Minuten später war der Tisch gedeckt. Der kleinen Frau ging alles so flink von der Hand, sie zeigte in jeder Bewegung eine so natürliche Anmuth, in ihrem ganzen Gebahren [760] ein so ungekünsteltes Wesen, daß Erwin sich schon in der ersten Stunde in der Familie heimisch fühlte. Er plauderte mit der Frau von allem Möglichen: von ihrer Vergangenheit, von ihrem Kinde, ihrer kleinen Wirthschaft, ja von sich und seinem jetzigen Berufe ohne jede Scheu, als wären sie längst die besten Freunde. Dabei war es ihm wahrhaft rührend, zu sehen, mit welcher Zärtlichkeit sie um ihren Gatten bemüht war, wie sie ihm die Wünsche, noch ehe er sie äußerte, von den Mienen absah, und mit welcher Zartheit auf der andern Seite ihr Gatte gegen sie verfuhr. Zwischen beiden der muntere, gut erzogene kleine Bursche – es war ein so anheimelndes Bild schlichten Familienglückes, wie Erwin es noch nie in seinem Leben gefunden hatte.

Um drei Uhr brach Schuckmann auf, denn er hatte noch Dienst. Erwin begleitete ihn ein Stück Weges. Bevor sie sich trennten, sagte Schuckmann, dem Freund zutraulich die Hand auf die Schulter legend: „Buschenhagen, Sie haben nun gesehen, wie es bei mir ausschaut. Wenn es Ihnen danach ums Herz ist, so kommen Sie wieder! Einer besonderen Einladung bedarf es nicht mehr, Sie sollen uns immer willkommen sein. Umstände freilich machen wir nicht, Sie müssen schon mit dem fürlieb nehmen, was Sie gerade antreffen.“

Und nachdem ihm Erwin herzlich gedankt hatte, fügte er mit listigem Augenzwinkern hinzu: „Buschenhagen, bin ich nicht ein armer bedauernswerther Kerl?“

Erwin wurde ganz roth vor Eifer. „Der Teufel soll mich holen, Schuckmann, wenn ich Sie nicht beneide. Sie sind ein glücklicher Mann!“

Und das kam aus ehrlichem Herzen, unter der Nachwirkung der eben verlebten friedlichen Stunden.

„Nicht wahr?“ schmunzelte der andere. „Mit einem solchen Frauchen und einem so herzigen Burschen von Sohn!“

„Präsident in spe!“

Sie lachten beide laut auf, schüttelten einander die Hände und trennten sich,




8.

Buschenhagen lebte sich mehr und mehr in seinen neuen Beruf ein, dem er bald mit wirklichem Eifer nachging. Die Sucht, ein hübsches Stück Geld zu verdienen, die hier förmlich in der Luft lag, packte auch ihn und trieb ihn an, seine ganze Gewandtheit aufzubieten, um allabendlich so viele Gläser Bier als irgend möglich abzusetzen. Zuweilen erschien Schuckmann mit Frau und Kind in einer freien Abendstunde und Erwin legte dann einfach den Kellnerschurz ab, setzte sich zu ihnen und spielte auf eine Stunde den Gast.

Mehrere Monate bekleidete er schon seine Stelle im „Atlantic Garden“. Die kleinen Demüthigungen, welche sein Los mit sich brachte, empfand er kaum noch, dachte auch vorläufig gar nicht daran, seinen Posten aufzugeben, sondern wollte ihn so lange festhalten, bis er des Englischen mächtig geworden sein würde. Dann standen ihm alle möglichen Wege offen, aber ohne die Kenntniß der Landessprache – das hatte ihm Schuckmann eindringlich vorgehalten – war nichts Ordentliches anzufangen. Ohne Englisch war man immer dem Zufall, der Noth preisgegeben.

Da hatte er eines Tages eine Begegnung, die alle seine Pläne über den Haufen warf und mit einem Schlage sein mühsam errungenes Gleichgewicht wieder vernichtete. Eines Abends, er kam eben mit dem gewohnten Ruf: „Lagerbier! Lagerbier!“ den Mittelgang des Riesenlokals herauf, sah er plötzlich kaum zwanzig Schritt entfernt an einem Tisch zwei Personen sitzen, deren unvermutheter Anblick ihn so heftig zusammenfahren ließ, daß er alle Kraft zusammennehmen mußte, um nicht die Gläser, die er trug, zu Boden fallen zu lassen. Auf den ersten Blick erkannte er ihn, seinen Todfeind, den Deserteur, der also glücklich nach Amerika entkommen war, und neben ihm seine Schwester Klara. Er stand einen Augenblick wie angewurzelt, wie gelähmt vor Schrecken und achtete nicht darauf, daß ein paar Gäste am nächsten Tisch ihm schrieen und winkten und dann ärgerlich eine Verwünschung zuriefen, als er ihrem Begehren nicht nachkam. [761] Die Augen starr auf Klara und ihren Bruder gerichtet, bei dem Gedanken, daß sie ihn bemerken könnten, erschauernd und doch wie gebannt von ihrer Gegenwart, vergaß er alles, was sonst um ihn vorging. Und nun, nun schienen auch sie ihn zu erkennen, ihm schien es, als ob ein Ausdruck höhnischer Verachtung sich in den Mienen der beiden male. Mit hastigem Ruck drehte er sich um und eilte stürmischen Schrittes dem Ausgang zu.

Am Schenktisch setzte er die gefüllten Gläser so heftig nieder, daß sie fast in Scherben gegangen wären, und ohne auf den verwunderten Ausruf des Aufwärters zu hören, riß er Hut und Ueberzieher vom Nagel und stürmte davon. Schweißtriefend langte er in seinem Zimmerchen an, wo er sich erschöpft aufs Bett warf. Und so sehr er sich auch wehrte, so sehr er sich selbst unmännlich, kindisch schalt, er konnte es nicht hindern, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen und ein heftiges Schluchzen ihn überfiel. Trotz aller Erfahrungen, trotz aller guten Lehren Schuckmanns fühlte er sich so beschämt, gedemüthigt, daß er sich am liebsten vor sich selber versteckt hätte. Er – er war jetzt der Besiegte, der Unterliegende, und jener, den er einst mit Hohn und Schimpf von sich gewiesen, über den er sich so hoch erhaben gedünkt hatte, stand über ihm und blickte seinerseits auf ihn und seinen Beruf mit Geringschätzung herab. Im Kampf ums Dasein besaß jener ja die stärkeren Waffen.

Erst allmählich, als er sich sagte, daß in der Riesenstadt eine zweite Begegnung leicht zu vermeiden sei, verlor seine Empfindung etwas von ihrem bitteren Stachel. Aber nie mehr, das stand unerschütterlich bei ihm fest, nie mehr würde er in den „Atlantic Garden“ zurückkehren, zu diesem Beruf, in dem er keinen Augenblick vor den demüthigendsten Begegnungen sicher war. Eher wollte er alles andere versuchen und die schwerste Arbeit auf sich nehmen, ja lieber Noth und Hunger leiden.

So fing denn das sauere Suchen nach Arbeit wieder für ihn an. Es war an einem der nächsten Tage, als er auf einem solchen Gange in das Zeitungsviertel New Yorks am Südende der Stadt kam. Neugierig und bewundernd schauten seine Augen an den thurmhohen Palästen hinauf, in denen die großen Zeitungen der nordamerikanischen Presse ihr Heim hatten. Da traf beim Weiterschlendern sein Blick auf ein bescheidenes Schild, das über dem Eingang zu einem kleinen Geschäftsraum befestigt war und die Inschrift trug: „New Yorker Volksblatt, Organ für die Interessen des arbeitenden Volkes.“ Er erinnerte sich, im „Atlantic Garden“ einmal von diesem jungen Zeitungsunternehmen gehört zu haben, das Arbeiter begründet und zum leitenden Organ der deutsch-amerikanischen Sozialdemokratie gemacht hatten. Neben dem Schild war eine Tafel angebracht, auf der zu lesen stand: „Fleißige und geschickte Abonnentensammler werden sogleich verlangt. Näheres in der Druckerei.“

Es gab ihm einen ordentlichen Ruck. Abonnentensammler für eine deutsche Zeitung – da würde ihm seine Unkenntniß der Landessprache nicht im Wege sein, da hatte er es ja selbstverständlich nur mit Landsleuten zu thun. Und doch – Leser werben für ein sozialdemokratisches Blatt? Unmöglich! Aber wenn er nun wirklich der sozialdemokratischen Partei ein paar neue Anhänger zuführte, würde die Welt darüber zusammenbrechen? Lächerlich! Wenn er’s nicht that, so fanden sich andere genug dazu. Und wenn er sich nun zu dem – zu dem entschloß, was seiner ganzen Vergangenheit schroff ins Gesicht schlug, wenn er sich dazu herbeiließ, er, der ehemalige Offizier, von der Sozialdemokratie Brot zu nehmen, that er es etwa zum Besten der Partei? Unsinn! Er that es für sich, um nicht zu verhungern, weil er keine andere Wahl hatte. Wenn er nicht zugriff und nahm, was sich hier bot, so blieb ihm wahrhaftig nichts übrig, als sich an einer Ecke aufzustellen und vor jedem Vorübergehenden bittend den Hut zu ziehen. Besser aber als betteln war diese Arbeit immer noch!


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aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 46, S. 773–776

[773] In finsterer Entschlossenheit biß Erwin die Zähne zusammen und öffnete mit energischem Griff die Thür zu der sozialdemokratischen Druckerei. Als er sein Verlangen, eine Stelle als Abonnentensammler zu bekommen, stammelnd vorgebracht hatte, fragte ihn der Geschäftsführer, was er „drüben“ gewesen sei.

„Schreiber,“ log Erwin, ohne zu zaudern, im Bann des Selbsterhaltungstriebes.

„Gehören Sie zur Partei?“

Erwin blickte empört auf. „Zur –“

Unter dem forschenden Blick des andern kehrte ihm jedoch schnell die Besinnung zurück und sein „ja“ kam so entschieden, so heftig heraus, daß der Mann von weiteren Fragen abstand. Auf die Anweisungen, die der Geschäftsführer ihm gab, hörte Erwin nur mit halbem Ohr hin, dann wurde ihm ein Pack Probenummern ausgehändigt und zuletzt theilte man ihm die Bedingungen mit: täglich fünfundzwanzig Cent und außerdem von jedem Abonnenten, den er dem Blatt gewann, während der ersten drei Wochen die ganze Gebühr, vorausgesetzt, daß der Neugeworbene so lange aushielt, denn die Leser des „Volksblattes“ abonnierten zum großen Theil nur je auf eine Woche.

Am andern Morgen begann Erwin seine neue Thätigkeit. Er hatte sich am Abend vorher aus der Lektüre der ihm mitgegebenen Zeitungen ein paar Redensarten angeeignet über das „darbende Proletariat“, über „die Tyrannei des ausbeutenden Kapitals“ und über die „Nothwendigkeit des einmüthigen Zusammengehens aller produktiv Arbeitenden“ und gab sie nun bei den von ihm besuchten deutschen Arbeiterfamilien zum besten. Aber er sagte sein Sprüchlein so lau, so rein äußerlich her, sein ganzes Auftreten war so zaghaft und gleichgültig, daß er während der ersten drei Tage auch nicht einen einzigen Abonnenten bekam. Am vierten Tage aber machte ihn der Hunger, die eigene Noth, die Ungewißheit seiner verzweifelten Lage beredt und gab seinen Worten etwas Eindringliches, Packendes, so daß er am Abend glücklich drei neue Leser geworben hatte.

Nun, da erst einmal das Eis gebrochen war, machte er flotte Fortschritte in der Kunst, auf Herz und Geldbeutel der Leute zu wirken und sie seinen Wünschen geneigt zu machen. Er merkte sich, welche Reden die größte Wirkung übten, und gewann mit der Zeit eine förmliche Fertigkeit darin, mit seinem Publikum in dessen derber Sprache zu verkehren. Bald brachte er es im Durchschnitt täglich auf zehn Abonnenten, und wenn auch fast die Hälfte davon nach der ersten Woche wieder absprang, sein Gewinn belief sich doch auf ungefähr acht Dollar die Woche.

Zu diesem äußeren Vortheil gesellte sich noch ein anderes Ergebniß seiner neuen Beschäftigung. Er lernte das Volk kennen bei seiner Arbeit und in seinem Familienleben. Er sah viel Schmutz, viel Widerwärtigkeit, viel Verkommenheit, aber er sah auch Fleiß und Tüchtigkeit, ehrliches ausdauerndes Streben und tapferes Ankämpfen gegen Mißgunst und Härte des Schicksals. Meist waren die Leute, bei denen er vorsprach, freundlich und gesprächig; nur [774] felten wies man ihn gleich von vornherein von der Schwelle. Oft lud man ihn ein, sich zu fetzen, .und Erwin folgte der Auf- sorberung gern, benn das fortwährende Umherlaufen, das Trepp- auf- Treppabfteigen war ermüdend. So faß er manchmal eine sittags- oder Abendftnnde , bei irgend einer Arbeiterfamilie, fprach mit den sännern über Politik und schwatzte mit den Frauen von ihren kleinen Sorgen, von der Noth und sühfeligkeit des Lebens. Und wenn er sich dann später solche Stunden in der Erinnerung wieder vergegenwärtigte, so mußte er im stillen über sich selbst lächeln. War er es denn wirklich, Erwill von Vnschenhagen, der sich mit den Aermsten des Volkes aus gleichen Fuß stellte, sich in ihre Gewohnheitell und Anschauungen hineinsand und ihueu in ehrlicher Theilnahme die Hände schüueue?

Wenn Erwill jetzt des sorgens seinen Rundgang antrat, hatte er nicht mehr jenes lähmende Grauell , jenes Unbehagen und Frösteln zu bekämpfen, das ihm srüher, eine Art Kanonen- steber, die erste Stunde jedes neuelt Tages zu einer sarter machte. Er haue sich ausgesöhnt mit der Beschäftigung , die ihm durch Gewohuheit und Ersolg fast lieb geworden war. Um so schmerzlicher überraschte ihn daher eines Tages die sittheilung des Geschästssührers des „Volksblattes“, daß die Zeitnug feruer auf seine Dunste verzichte. sit Uuwilleu vernahm er den Grund der Entlaffllng , den ihm der. sann offenherzig angab, Eine Anzahl von „Genoffen“ hatte sich erboten, Sonntags in ihrer arbeitsfreien Zeit New ^ork von Hans zu Hans zu durchwaudern, um Gestnnungsgenoffell und Leser zu gewinnen.

Erwin konnte ein bitteres Anstachen nicht uuterdrücken, Am Abend vorher hatte er aus Neugier eine sozialdemokratische Ver- sammlung besticht. Der „Normalarueitstag“ hatte den Gegenstand der Erörterung gebildet, und der Hauptredner hatte mit besonderer Schärse das Arbeiten ilt .den sogenannten „Ueberstnnden“ gebrand- markt, „Ie kürzer der Arbeitstag, desto geringer die Zahl der Arbeitslosen. Iede Ueberstnnde ist ein Verbrechen an üusern hungern- den und darbeudeu Geuosseu“ - das war das Leitmotiv gewesell, das sich durch alle Aussührungen des Redners hindnrchgezogen hatte. Und nun - was thatell jene Genossen, die ihre freien Sonntage zur Agitation verwandten, anderes als „Ueberstnnden machen“? Schnitten sie nicht den Aermerell, ihm und anderen, mitleidlos den Erwerb ab ? Rissen sie ihm nicht sein bißchen Vrot aus den Zähnen? Das Unrecht, das man ihnen znsügte, sahen sie wohl, aber für das Unrecht das sie selbst gegen andere verübten, waren sie blind !

sit dieser nicht eben tröstlichen Vetreichtnug schloß Erwill diese Phase seines Lebens und seine Beziehungen zur Sozial- demokratie ab. Er bemühte sich znnachst ouss ueue, als Kellner irgendwo Ansnahme zu studen, wobei er die größereu Lokale, welche die Berfammlungsorte für das gauze Deutschtum des östlicheu New ^ork bildeten, ällgstlich mied. Aber in delt kleineu Bierscheukeu brauchte man keinen Kellner.

Die wenigen Dollar, die er während des letzten sonots erübrigt hatte, reichten nicht lange aus, und als ihm endlich in seiner Berzweistung und Ratlosigkeit der Gedanke kam, es ^ einmal mit dem Hausieren zu versnten, da besaß er nicht mehr sittel

genug zu.n Einkauf von Waren.

Seine Noth begann drohender und druckender . zm werben

denn je, Obdachlosigkeit und Hunger standen vor der Thür, Ver. Zweifelt durchstreifte er die Stadt kreuz und cfuer, überall auf-- merkfanl fpähend, ab und zu in ein Lokal eintretend, um nach Arbeit zu fragen - immer vergebeus,

Da kam ihm, als er eines Tages stundenlang den Broadway alif und ab gewandert war, eine hagere, steif heranstelzende Ge- stall entgegen, in der er mit ungestümer Freude feinen amerika- laschen Reisegesährten erkannte. sister Hopkins ! Gerettet! jubelte cs in ihm, Er stellte sich ihm in den Weg llud grüßte schou von weitem. „Wie geht es Ihnen, sifter Hopkins?“

Der Amerikaner blickte erstaunt auf, grüßte und blieb stehen. „Sehr erfrent, Sie zu fehen, sister - sister -?“

„Hagen,“ stel Erwin ein. „Wir lernten uns auf dem Dampfer kennen -“

„GauZ recht ja, erinnere mich, ^stll. wie gesällt's Ihnen bei uns, sister Hagen?“

Erwin feufztr „Ein heißer Boden, dieses Amerika,“ stammelte er, während Hopkills ihn schnell von oben bis unten musterte.

„Hm. hm,;“ machte der Amerikaner und schwieg, Erwill i.lber, voll der Allgst erfüllt, daß jener seinen Weg fortfetzen und

ihn hilflos znrücktaffen könnte, stieß mit dem Eifer der Ver- zweistung hervor. „Es ist so schwer, lohnende Beschäftigung zli

stnden, wenn man fremd ist und - und keinerlei Anhalt hat -“

Der Amerikaner betrachtete ihn wieder und fagte dann lang- sam: „Wenn ich Sie recht verstehe, fnchell Sie Arbeit, sister Hagem“

„Ja, die fllche ich,“ entgegnete Erwill schnell, und ohne sich darum zu kümmern, ob sein Benehmen vielleicht zndringlich sein könnte, fügte er mit bittender Stimme hillzn. „Wenn Sie mir mit Ihrem Rath beistehen könnten --.“

Der Amerikaller ränfperte sit, zögerte einen Augenblick und sagte dauu in seinem kaueu, gleitmäßigen Tan. --^stu, kommen Sie morgen gegen siuag aus mein Bnreau, Hoe und Kompagnie, 1.):.4 Grand Street. Will seheu, was ich für Sie thun kann.“

Er fprach das mit einer so ruhigen, unempstndlichen siene, daß man zü-.eifetau seiU konnte , ob er es nur sagte , um den Bittenden loszuwerden, oder in dem wirkliten Berlangen, zu helfen. In Erwin aber stieg ein so heißes Dankgefühl empor, daß er mit fenchten Angelt und in überschwänglichen Worteu feinem gepreßten Herzen Lnft zu machen begann. sister Hopkins jedoch winue abwehrend mit der Hand, ,.l:.relela ra^rrun^, ....ust. Und eilig fetzte er seinen Weg fort

Am andern sorgen nllterzost Erwin, bevor er sich zu Hopkins auf den Weg machte, seinen Anzug, den einzigen, den er noch besaß, einer eingehenden Besichtigung. Während der letzten Wochen war ihm allmählich Sinn und Gesühl für die Pstege seines Aenßeren abhanden gekommen, Jetzt aber erschrak er, als er wahr- nehmen mußte, daß die Nähte seines Rockes scholl recht abgescheuert und die Knopflöcher ausgeriffeu waren, Deu letzteren Schaden bestecke er, so gut er konnte, mit Nadel und Zwirn aus. Seine Stiefel bürstete er mit befonderer Sorgfalt, und wo das Leder gebrochen war und die helleu Strümpfe dnrchschimmern ließ, hals

er mit Tinte nach. Die Hutkrempe, die schou sehr abgegristeu war,

frischte er, kurz bevor er das Haus verließ, mit Wasser auf.

Im Bureau von Hoe und Kompagnie uahm sister Hopkins ohne weiteres ein kleines Examen mit Erwin vor.

„Wie steht es mit dem Englischen, sister Hasten?“ fragte er, nachdem er mit dem Eintretenden nach amerikanischer Sitte einen Händedrnck getanscht hatte.

„Ein wenig sprecheich es, aber nicht geläustst,“ entgegnete Erwill.

„Und mitBuchsührungnnd Korrespondenz - wie ist's damit?“

Erwin ließ mnthlos den Kops sinken, während er kleinlaut antwortete: „Davon verstehe it wenig.“

„So! Hm! - Na, nur nicht gleich verzweifeln, Sir! Bielleicht stndet sich etwas anderes, vorausgesetzt, daß Sie nicht wählerisch sind und sich vor - .1,^11. vor gewöhnlicher Hand- arbeit nicht fürchten.“

„O ich verschmähe nichts, mir ist jede ehrliche Arbeit recht,

wenn ich dabei nur mein Leben fristen kann,“ stieß Erwin eisrig

hervor, Nene Hostnung rötete seine Wangen und richtete die Znsammengesunkene Gestalt wieder strast empor.

„Gnt, so will ich fehen, ob sister Wegner, unfer Bormanu Sie einstellen kann,“ Er fprach ein paar Worte in das Sprach- rohr, welches das Eomptoir mit der Werkstätte der Fabrik verband. Ein paar sinuten fpäter trat ein sann ins Zimmer, den Erwin, der mit dem Rücken gegen die Thür stand, nicht sehen konnte.

„Hier ist ein junger Landsmann von Ihllen, sister Wegner,“ nahm der Amerikaner das Wort, „der um Arbeit anfragt. Es wäre mir lieb, wenn Sie etwas für ihn hätten,“

„Arbeit, sister Hopkins, genug für ztvei und auch für drei^“

Beim Klange dieser Stimme drehte sich Erwin so heftig um, daß der Sprechende unwillkürlich innehielt. Und nuu starrten die beiden sänner einander an, der eine wie zum Sprunge deren mit Augell, aus denen Haß und Grimm sprühte - der andere mit fahlem, erbleitendem Gesttt.

Verwnndert blickte der Amerikaner voll einem zum andern. „Nun?“ rief er, zu Franz .Wustner gewandt, deffen Namen er euglisch „Wegner“ anszllsprechen pstegte.

„Für diesen sann da, sister Hopkins,“ erklärte der Ge- fragte ranh lind schrost, indem er den Arm mit heftiger Gebärde gegen Erwin ansstreckte, „für diesen sann dahabe ich keine Arbeit,“

Hopkins fühlte sich durch diese llnhöstiche Weigerung Waguers verletzt „Wenn ich Ihnen erkläre,“ fagte er scharf, „daß ich die Einstellung dieses Herrn wünsche -“

Der junge sann aber ließ ihll Uicht ausreden, „Ich . kann [775] 


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Sie nicht hinderli, sister Hopkins,“ rief cr bebend, beherrschter Erregung , „dem - dem da Arbeit zu gel uns beide aber ist in einer und derselben Werkstatt nicht Raum. Bleibt er, so gehe ich.“

Der Amerikaller überlegte lillr einell Augeublick. „Ulld das

ist Ihr letztes Wort?“

„Mein letztes, Mister Hopkins,“

Der Amerikaller war sich sosort klar, was er im Interesse des Geschäus zu thun habe. .,..111 ri^llt, geheu Sie an Ihre Arbeist Mister Wegner! Die Sache ist erledigt.“

Und sich, nachdem Wagner das Zimmer verlassen hatte, in gleichmütigem Tolle an Erwill wendend , sagte er mit einem flüchtigen Achselzllcken: „Mister Hagen, es thilt mir leid, aber ich kann nichts für Sie thnn. Mister Wegller ist geradezu llnent- behrlich für die Fabrik.“

Erwin erwiderte nichts; mit geseliktein Haupte, ganz da- niedergebengt von dem, was ihm widerfahren war, verließ er deil Ort, den er mit so frohen Hoffnungen betreten hatte. Was warell alle Bitterkeiten, die ihm die letzten Mollate gebracht hatten, im Vergleich zu dem vernichtenden Eindrnck dieser wenigen Minuten! Knirschend stuchte er dieser Vergangenheit, deren Schatten ein tückischer Znfall wie einen Dämon an seine Ferfen heftete.

Am nächsten Tage stand Erwill aus der Straß. obdachlos, feinen letzten Dollar in der Tasche; plan-- und ziellos dllrchirrte er die Straßen der Stadt. Gegen Mittag trat er in ein Bier- lokal, trank.. ein Glas Bier für fünf Eent lind nahm ein paar Brötchen von dem „Free Llillch“. Am Abend snchte er eines der billigen Logierhänser am unteren Ende der Bowery allst So trieb er es ein paar Tage, bis der letzte Eent ansgegebell war. Und nun gähnten ihn alle Schrecken des Elends an.

Eill kalter Wintertag war angebrochen ; der Schnee lag fnß- hoch in den Straßen und ein eifiger Nordwind schnitt den haftig vorübereilenden Fnßgängern wie mit Mefferll ins Gesicht.

Erwin war in seinem dünnen Rock dnrchfrclren bis aus die Knochen und todmüde; kanm daß er sich noch ansrecht haltell konnte. Seit viernndzwallzig Stnnden hatte er keinen Bissen mehr zu sich genonlmen. Endlos, endlos dehnten sich die Stunden, während er bald in einem abgelegenen Winkel Schlltz vor dein Wilid lind einige Minntell Rnhe snchte, bald wieder dlirch die Straßen rannt. um die erstarrten Glieder zu erwärmen.

Die Dämmerung brach herein. Er schanderte bei dem Ge- danken an das, was ihm bevorstand. Irgenbwo , an einenl einsamen Ort, würde er znsalllmenbrechen illld die Schneedecke, die dicht den Boden verhüllt. wurde sein Sterbelager, Sterbens Das Wort hatte zwar für ihn viel von seinem Grauenhasten verloreil, dennoch lehnte sich die Lebenslust seiner fünfundzwanzig Jahre gegen eine dumpfe Resignation auf Mehr als einmal war ihm der Gedanke an Schnckmann durch den Kopf gefahren, aber immer wieder hatte die Scham ihn abgehalten, den einstigen Kameraden anzusuchen und seine Hilse in Anspruch zu nehmen. Daß Schnck- mann keine Arbeit für ihn hatte, wnßte er; Sollte er dem Freunde znr Last sallell, sich Almosen von ihm gebell lassen? Sollte er seine Gastsreundschaft dadnrch vergelten, daß er sich an den bescheidenen Tisch der Familie setzte und ihr die kärglichen Bissen schmälerte?

Als aber der Abelld mehr und mehr sortschritt, als Hunger nnb Erschöpsung seine letzte Kraft zu verzehren brohten, lenkte er seine Schritte wie llllter einem unwiderstehlichen Zwange nach dem Pnnkte der Stadt, wo ihm allein noch Hilse winkte. Jetzt bog er mit dem äußersten Ansgebot seiner fast versagenbell Kräfte in die Straße ein, in der Schnckmann wohnte. Die große runde Uhr im Schaufeuster des Uhrmachers an der Straßenecke zeigte die zehnte Stnnbe. Ein Zittern wahnfilllliger Furcht befiel bell Vorüberwallkenben. Wellll er zu fpät kam, wenn das Hans geschloffell nllb alle Hoffnung auf Rettung ihm abgeschnitten war! Das Verlangen nach Wärme, nach Nahrung verbrängte jebe alibere Regung .unb jebes Bebenkekl in ihm, und die letzteu Schritte bis. zur Wohnung des Frennbes legte er laiisenb znrück. . Nnll stand er, ties ansathmend, im Hausstur, im Gesühl der Sicherheit, der nahen Rettung. Mühsam schleppte er sich die Treppe hinauf; vor der wohlbekannten Thüre blieb er ein paar Minuten stehen, kenchellb, noch einmal zaub^rnb im Wiberstreit seiner Empstubungen, Dann uopfte er

Die Frau seines Freunbes öffnete nnb blickte in den schlecht eckelichteten Flnr hinaus, „Wer ist ba?“ Aber schon erkannte sie den wortlos vor ihr Stehenden. „Sie, Mister Bnschenhagen? Bitte, treten Sie ein! Wir habeil Sie schon lange erwartet,“ Sie führte ihn durch die Küche in das Wohnzimmer.

Erwin stand wie betällbt lind tastete nnwillkürlich nach der Lehne des nächsten Stuhles. Der plötzliche Wechsel zwischen Dlinkel- heit llnb Kälte, zwischen Licht nllb Wärme machte ihn schwinblig; er sühlte sich einer Ohnmacht llahe, Die kteine Frau beobachtete ihn erstaunst llnb jetzt erst sein Zittern nnb die Blässe seines Gesichtes gewahrenb, ries sie erschreckt: „Was ist Ihllen? Sinb Sie nicht wohl? Rasch setzen Sie sich!“

Er ließ sich schwer allf bell Stuhl sallell. Dann nahm er sich mit aller Kraft zusammen unb beruhigte die besorgte Frau, die jetzt an die Kommobe trat linb mit einem Bries in der Hanb zii ihrem Gaste zurückkehrte.

„Das ist für Sie gekommen. Wir waren scholl recht un ruhig Ihretwegen, weil Sie gar nicht kamen, Haben Sie benll die Postkarte, die mein Mann all Sie schrieb, nicht erhalten?“ Erwill verneinte nllb betrachtete mit bumpfer Verwllnberung die Allfschrift des Briefes . den ihm Frau Schuckmaun ein- hänbigte und der lieben der Abreffe Schuckmanns fcille eigene trug. Was sollte das bedeuten? Doch er hatte keine Zeit, über diese Frage llachznbenken, benn die Gattin feines Frennbes wallbte sich von neuem all ihn. „Ja, wohnen Sie benll nicht mehr in Ihrem früheren Boarbinghans, Mister Buscheuhagen?“

Der Gefragte senkte den Kopf unb stammelte ein leises: „Nein.“

„Nicht? Aber wo benn jetzt, Mister Bnschenhagen?“

Keine Antwort. Einen Angenblick herrschte eine so völlige Stille in dem Zimmer daß man die Atemzüge des kleinen Henry, der schlafend in seinem Bettchen lag, deutlich hörle.

Frau Schnckmann trat noch einen Schritt näher nllb hestete ihre Blicke sorschenb aus den schweigenb Dafitzenben, der die Angell vor ihr nieberschlllg. Nun erst stel ihr auf, daß der fpäte Gast bloß im Rocke, ohne Ueberzieher, gekommen war, nun erst gewahrte sie sein vernachläffigtes Aenßere, die tief eingefnnkellen Angen, die scharfen Linien llm den Mnllb, welche Hunger unb Not eingezeichnet hatten Unb die wahre Lage des Unglücklichen ahnenb, rief sie erschüttert: „Sie haben Ihre Stellung vertoren, Mister Bnschenhagell - Sie haben Iohnnys Karte gar nicht erhallen können, weit Sie-“ sie hielt bestürzt inn. benn sie cmpfanb, wie bemüthigend das alles für ihll sein mußte. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, schlüpfte sie in die Küche nnb brachte Brot, Butter unb kalles Fleisch herbei, Dallll holte sie einell Topf mit bampfenbem The. der auf dem Kochherb für ihren Mann bereit geftanben hatte, llnb goß bavon in ein forglich vorher gewärmtes Waffergtas. „Schucks, langen Sie zu, Mister Bnschenhagell,“ fagte sie herzlich. „Es ist kalt draußen, eili Glas Thee wird Ihnen gut thnn.“

Unb Erwill, voll den Entbehrungell und Källlpsell der letzten Tage aller Widerstandskraft beraubt, ergriffen voll dem zarten, stillen Walten der kleinen Frau, konnte es nicht hindern daß ihm die hellen Thränen über die bteichell, eingefallenen Wallgen rannen. Er war auch nicht imstande, was ihm das Herz bewegte, in hörbaren Lauten wiederzugeben, er sah nur mit einem stummen, unbeschreiblichen Blick zu der blonden Frau hiuüber die ihm mit dem Kranz goldenen Haares auf dem Scheitel wie ein Engel der Barmherzigkeit erschien, Danll aber machte er sich, ohne eine zweite Eillladnllg abznwartell, über Speise nnb Getränk her und der wilde Hllllger sorberte sein Recht.

Illbesfell hielt sich die junge Frau still illl Hintergerns unb machte sich alll Bett ihres Knaben zu schaffen; nur ab unb zu wars sie einen verstohlenen Blick alif den Essenbell, unb je tapferer sie ihll einhauen sah, besto besriebigter leuchtete ihr sreunbliches Gesicht.

Enblich hielt er inne nllb lehnte sich in dem wohligen Ge-. sühl der Wärme nllb der Sättigung einen Angenblick wie .selbst- vergessen behaglich in seinen Stllhl zurück. Daun aber richtete er sich erschrocken wieber alis llnb schickte sich all, mit unsicheren Worten seinen Dank auszusprechen

Sie aber stel ihm sosort in die Rebe. . „Wollen Sie jetzt nicht Ihrell Bries lesen, Mister Bnschenhagen? Sie müssell wissen,“ setzte sie erläuterllb hillzn, währenb er nellgierig nach dem Schreiben grist, das er vorhin linerbrochen beiseite gelegt hatte) ...dor ein paar Tagen las Iohnny eine Anzeige in der ,Staatszeitung^. unb ba er meinte, das sei etwas für Sir und weil keine Zeit Za verlieren [776]

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aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 47, S. 799–803

[799] [800] setzte sich mit Erwin an eilie der Seitenwände unb raunte ihm zll: „Passen Sie gut aus! Sie werben sehen, wie man unterrichtest ohne mit dem Schülerin seiner srittersprache zu verkehren.“) Unb Erwin hörte mit gespaunter Ansmecksamkeit zu, aufangs ein wenig mißtraiiisch, nach nnb nach in ungehencheltem Iuteresse siir die merkwürdige sethvde, zuletzt in rückhaltloser Bewunderung.

Der Lehrer .schrieb eine Alizahl von Wörtern an die Tasel,

Bezeichnungen von Dingen im Zimmer, wie: „Der Tisch, der Stuhl, das Fenster, das Buch“. Dann fragte er, aus einen der Gegenstände dentend: „Was ist das?“ und beantwortete sich die Frage zuerst selbst: „Das ist der Stichst“ illdem er ungleich aus das entsprechende Wort am)drr Tasel wies. So lehrte er in ähnlicher Weist, wie ein Kind pon der Natnr zum Sprechen gebracht wird; er fragte und fragte und holte aus den mit Verständniß und Be- sriedigling znhörenden Schülern die Antworten herans, ohne auch nur ein einziges sal zu einer Uebersetzung seine Zuflucht zu nehmen.

Nach . dem Schluß der Unterrichtsstnnde begab sich Herr Beelitz mit Erwin in das Empfangszimmer znrück und entwickelte nun in großen. Zügen seine Lehrmethode, die er in jahrelanger mühevoller Arbeit, bei Tage für den Erwerb thätig, des Nachts seinem Stndiiim nachhängend, nnablässig verbessert und pereinsacht hatte. Der Eifer,. die Glnth des Erfinders kam über den Sprecher, färbte die blaffen knochigen Wangen iilld blitzte aus den auf-- leuchtenden grauen Angell. Erwin lanschte in athemloser Aus-- mertsamkeit, ganz im Bann des seltsamen sannes, den er ansangs fast für einell Schwindler zu halten geneigt gewesen.

Plötzlich brach Herr Beelitz mitten in seinen Alissührungen ab lind ebenso schnell llahlllell seine Züge ihre gewohnte Rllhe und Unbeweglichst wieder an; seine Augen richteten sich wieder mit denl alten spähenden Ansdrnck aus Erwin und bohrten sich form- lich in sein Gesicht ein, aus dessen erhitzten Wangen noch dentlich der Abglanz der Spannung lag, mit der ihn die Wurfe des Schnl- direktors ersüllt hatten. „Nun,“ meinte Beelitz nach einer Panse stummer Beobachtung , „was haltell Sie pon meiner sethode?“

„Ich?“ Erwin sprang iil seinem Eiser linwillkürlich voii seinem Sitz aus. „Ich meine, daß das die beste und natürlichste Weise ist. wie man eine sr.emde Sprache wirklich sprechen lernen kann, und ich wünsche llichts sehnlicher, als nach Ihrer Art Englisch stndierell zu können.“

Für eine stüchtige Seirinde erschien ein Ansdrnck der Ge. ungthnling in den starren Zügen des Sprachlehrers, dann sagte er in seinem ruhigen gleichmäßigen Ton: „Ich habe eilie Klasse von Dentschen und Franzosen, die bei mir Euglisch lernen. Sie können da am Unterricht theiluehmeil. Aber glanben Sie imstande zu sein, in dieser Weise; setbst dentschen Unterricht zu ertheilen?“

Erwin bedachte sich nicht einell Angenblick. „O - wenn Sie - wellll Sie es mit mir verslichen wollten,“ stammelte er, „ich würde es an Fleiß und Lnst nicht sehten lassell.“

Beelitz nickte knrz und entgegnete: „Gilt - ich stelle Sie hiermit ats Lehrer des Deutschen an. Sie verpachten sich, nach meiner Methode, genan und ansschtießtich nach meiner se- thodr zu unterrichten, ohne je während der Stunden ein ellgli- sches Wort zu sprechen. Sie verpachten sich, so viele Stunden zu übernehmen, ats ich Ihllen zuweisen werde, bis - bis acht- undvierzig wöchentlich. Ihr Gehatt beträgt währelld des ersten Jahres zwölf Dollar die Woche. Silld Sie damit einverstanden?“

Erwin überlegte nicht, daß achtillldvierzig Stunden die Woche.- acht Stunden tägtich - eine nnerhörte rücksichtslose Alisnntzling der geistigen Kraft bedeute. Zwölf Dollar die Woche! Das war mehr als er je zli hoffeil gewagt hatte.

„sit taiisend Freudeil nehme ich all,“ stieß er hastig her. vor, „und ich verspreche Ihllen, Herr Beelitz, daß ich alles auf. bieten werde, um mir Ihre Zufriedenheit zu erwerben,“

Ulld mit diefem Verfprechen war es ihm ernst. Er legte . im stillen das Gelübde ab, sich dieser Stellung mit aller Kraft zu widnlell, sie sich um jeden Preis zu erhalten, sich förmlich all sie zu llanlmer.u, um nicht wieder dein Elend der Beschäftigungs.

lofigkeit zu versauen und dann am Ende darin zu .Grunde zu gehell.

„So folgen Sie mir, llnterzeichllen Sie den Vertrag. und geben Sir dem Fränlein im Bureau Ihre Adreffes

Herr Beelitz schritt feinem neuen Sprachlehrer poraus in das Geschäftszimmer nebenan. Bei ihrem Eintritt erhob .uch eine jugeudliche Fraueugestalt vom Schreibpult und wandte sich ihnen zu. Erwin warf einen neugierigen Blick alif die schlanke

Erscheinung im schlichten schwarzen Kleide, über iii derselben Sekunde fuhr er auch schon erblassend znrll^. Aefste ihn ein grausamer. Splu oder war es wirklich Klara, die da por ihm stalld und ihn mit starren stllsteren Angen betrachtete? Kein Zweifelt Das waren die Züge, die er einst geliebt hatte!

Es blieb chm kanm Zeit, sich nothdürftig zu staffeu^ beuu Herr Beelitz hatte rasch auf einem Formnlar die leergelaffenell Stellen ausgefüllt und reichte jetzt den Vertrag Erwin zur Unter.-

sthriu. sit zitternder Hand und vhne z^ uf^ f..^ dufer feinen Namell unter das Schriftstück. Dann nannte er allf das Geheiß feines nnnmehrigen Prinzipals seine Adresse - die Wohnung Schnckmanils - die Klara in eines der Geschäftsbücher eintrng, und perabschiedete sich pon Herrn Beelitz mit einem Händedruck, von Klara mit niedergeschlagenen Angen durch eine sörmliche Verbengung.

Und nun, während er alls der Straße dahinschritt wie ein Trnnkener, hastend und stranchelnd, nun bemühte er sich ver. gebens, in dem Widerstreit der aus ihll einstürmenden Elnpan dnllgelr zu klarer Ueberlegllng zu kommen. Welch eine Tücke des Znsalls! Jetzt, da er endlich, endlich errungen hatte, wonach er so lange vergebens gesncht, jetzt dies nelie Znfammentreffen, vor dem alle. schönen Hoffnungen wieder in nichts zu ze^uuen drohten! Oder durfte er es nicht mehr Zufall llenneu, daß ihm in dieser

nugeheuren Stadt auf allen Wegen, die er einschlug, um sich zli

^ retten, immer wieder seile beiden begegneten? War es das Walten ^ einer höheren sacht, die ihn immer wieder zurückstoßen wollte in das alte Elend? Konnte er denn seine Stellung antreten aus die Gefahr, tagtäglich mit Klara in Berührnllg zu kommen, iliit ihr verkehren zu müssen? Gebot ihm nicht der Gedanke an das, was er einst all ihr verschuldet hatte, jedes weitere Zusammentreten

zu vermeiden, der Betrogenen die peinlicheil Demütigungen

zli ersparen, die sein Anblick in ihr erwecken mußte? Hatte sie nicht geradezu ein Recht, sein Fernbteibell zu verlangen, nach allem was geschehen war? sachte er fonft nicht ihr das Bleiben unmöglich? Sein ganzes Gefühl bälimte sich gegen die Vorstellig auf, daß er zu der alten schweren Verschul. dung eine neue sügeli könnte. Ulld doch - sollte er sich selbst zum Elend, ja vielleicht zum Untergang vernrlheilen eines leicht. finnigen Iligendstreiches wegen, den Hunderte seiner Kameraden, deil die meisten seiner Altersgenoffell ohlle jedes Bedenken vergeffen hätten? Was wurde aus ihm, welln er alif diesen Posten Verzicht leistete? Nicht zum zn^le.^ ^ale würde sich ihm eine so günstige Gelegenheit bieten, aus schimpsuchen Verhältnissen herauszukommen in eine Lausbahn, die lohnend lind anständig war. Er dachte an Eltern und Schwestern. Sie bangtelr und grämtelr sich wohl um seinetwillen, denn seit seiner Abreise von Berlin hatte er noch keine Zeile an sie gelallgeil lassen, weil er sich schämte, zu verrathen, wie schlecht es ihm ging. Und nun hätte er mit Genugthnung, mit der Gewißheit, ihnen eine Freude zu bereitell, von dieser günstigen Wendung seines Schicksals berichten, hätte ihnen zeigen können, daß er trotz seines srüherell Leichtsinns d^e ehrliche Krasl nicht verloren habe, selbst sein Leben zu gestalten.

In dieser Seelengnal, diesem folternden Zwiespalt seiner Gedanken stöhnte Erwin lant aus. Die Stirn glühte ihm wie im Fieber, sein Herz klopste stürmisch, seine Pulse flogen. Was thnn? Er rang und rallg und konnte zu. deinem Entschluß kommen. ..

10.

Noch an demselben Abend hatte Erwin mit Schnckmann eine langge Unterredung. Er tegte ihm ein rückhaltloses Bekenlltniß ab, erzählte volt seinen srüherell Beziehungen zu Klara, von seiner Begegnnug mit ihr erst im „Attantie Garden“ und dann in der. Sprachschlile des Herrll Beelitz und ließ den Freund einen vollen Blick in seine seelischen Kämpfe thun.

Schnckmann überlegte nicht lange. „Lieber Frennd,“ meinte er, „wären Sie noch drüben, würde Ihnell dort diese Sache begegnet sein, so wäre die Sitnation eine andere; hier aber entschlagen Sie sich nur getrost so zacken Bedenren! Sie befinden sich in eilier Zwangslage, Licht und Schatten find ztvischen Ihnen und jener jungen Dame nicht gleich verteilt. Sie lebt bet ihrem Brnder, der, wie Sie vermlithelt, eine gute Stelle. hat. Wenn alfo die jnltge Dame eine Berührung mit Ihnen zu peinlich findest so ift sie durch nichts gehindert, ihre Beschäftiglttlg bei Beelitz [802] 

aiifzngebem.m rlnvllck.zu fliehen - wenn

er ihr .wicklich gilt i.s.o .Unerträglich ist., was .ich; nebenbei gesagt, trotz alledem und alledem nicht recht glaube. Daß aber Sie das Rettnligsseil., das Sie kaum erfaßt haben, ohlle weiteres. wieder fahren laffell, kanll kein sensch, kann auch die junge Dame nicht voll Ihnen erwarten. Für Sie handelt es .sich einsach llm Sein oder Nichtsein. .Ritterlichkeit ist eine schöne Sache, aber in Ihrer Lage ist sie Luxus,. ja ein Verbrechen, das Sie gegen sich selbst verüben würden.- der. reine Selbstmord. Darnm müssen Sie bleiben) Sie können .ja so diel wie irgend möglich der Dame aus deii .Angen gehen.“..

Nach einigeln Hin- und Herreden fügte sich Crwin den Grünben des Frelilldes.

Während der ersten Tage war die Thätigkeit, die Crwin von seinem neuen Prinzipal ^eingewiesen erhielt, lediglich eilie passipe; sie bestand hauptsächlich darin, den Stunden der Deutsch lernenden Schüler. aiis deli verschiedenen. .Stufest als stiller Zuhörer deizli-- wohnen, um sich so eine umfassendere Keunttiiß der Methode allzu- eignem Dann nahm ihn Herr Beelitz zu sich in sein Zimmer iilld Erwin mußte,. während der. Direktor die Rolle eines Schülers über- nahm, seine ersten praktischen Versnche .im Unterrichten machell.

Nach acht Tagen war er so weit, daß ihlll einige Anfänger- Nassen zugewiesen werden konnten. Mit allem Eiset, mit wirklicher innerer Befckedigniig gab er sich seinem lieneli Berufe hin Seine Bewstndetung der Lehrmethode des Heden Beelitz steigerte sich, . je gründlicherer sie .kennenlernte, ja sie wuchs zu sör.mlicher. Be- geisteriilig. .Wie..: geschickt, wie wohldurchdacht der Lehrgang aufgebaut war) wie stäuuenswerth der Erfolg, deli der Lehrer damit erzieltes Ulld diefem wissenschaftlichen Ergebiiiist entsprach der äiißere Ertrag des Unternehmens all vollkommener Weife. Mehr als sunshnlldert Schiller, aus allen Attersklassem aus allen Schichten der Bevölkerung, -besuchten die Schale, um hier. Deutsch, Fralizöfisch, Italienisch, Spallisch und Ellglisch zii erlernen. Crwin wußte nicht, sollte .er mehr deii scharfen durchdringenden Verstand und die umfasfeliden Sprilchkemltniffe oder die organisatorische Tuch- tigkeit des kleinen , körperlich Unscheinbaren Direktors bewnndern. Es war etwas Widerspruchspolles, Räthfelhaftes im Wefen dieses Mannes, der so kühl erwog, so schlail berechnete, so kaltherzig und rücksichtslos feinen Vortheil wahrte und der doch, wenn auf seine Melhode die Rede kam, mit dem echten Feuer der Begeisterung fprach, das auch den Gleichgültigen entzündete, der sich an feineneigenen Ausführungen förmlich beranschte und .zum. Schwärmer. wurde.

Dnrch diese wechselnden Eindrücke, die er. pon feinem Prim zipal enipsing, iind durch die Anforderungen, die feilietlelie Thätig- teil an ihn stellte, wllrde Erwin so ganz und gar in Aiifpriich genommen, daß er das Peinliche seiner ..gelegentlichen Berührungen mit Klara nicht so empfand, wie er pocher befürchtet hatte. Klara halte .ausschließlich mit dm geschästlichen Dingen im Bureau zu thun ilnd kam daher allster Sonnabends, wo sie den Lehrerll die Anweifnllgen für ihren wöchentlichen Gehalt überreichte, mit Erwin fast llie tn Verkehr. Wenn es .aber geschah, so war ihr ganzes Weselt srostig, lillliahbar ihre Slimnle, ihr Gesicht hart und ab-- weisend.) Niemals . richtete .sich .ihr )Back das .seist Gesicht, auch nicht, wenll .sie mit ihm persönlich zu thnn hatte; sie sah kühl all ihm vorbei Ulld Erwin fagte sich mit schmerzlichem Bedanerm dast sie . llichts vergeffen habe, dast sie aal hasse, aas voller Seele hasse.

Eines Tages erteilte ihm .der Schilldirektor einen Aus- trag, der alle .Elnpandllllgeli Erwins ilt neuen Ausruhr brachte. Herr Beelitz übertrug ihm die Ausbildung der Buchhalterin., die sich. ..n.nte.r seiner Leitllllg im Unterrichten üben sollte, damit .sie . nöthigellsalls einige Kindetklasseli zu übernehmen imstande wäre. . Erwin wüßte nicht, sollte er diese Anordllnllg des Direktors als eine willkommene Gelegenheit .begrüßen, Klara zu versöhnen, oder . sich der .ganzen Allgelegenheit rntzieheli. Er kalli zu keinem Ent-- schlliß und ließ aiu Ende der Sache ihren Lauf. Die .erste Stunde wllrde festgesetzt. Voll Herrn Beelitz begleitet, trat Klara .in das ^ Schnlziuiuier Und Erwin, mit Mühe seiiie Erregung bellleisterud, ; lunßte . mit. .dein. ^^^^^^^.^n^ Glücklicherweise half die .i Gegelapart des Direudrs, welcher her Lektion beiwohllen zu wollen ^ schien . :^ a ri ^ ei l ^ u ae r d. ie ) er st et r Minuten hinweg und .zwang. sie ziir Rnhe und Sammlung. Kanm aber hatten sie sich mühfaln ^ gefastt; so erhob sich Herr Beelitz iilid. veckiest dns .Zimmer. Erwin kam ins Stammeln iind Stottern und brach plötzlich mitten im Satze ab. Eilie Pause schwülen Unbehagens, folternder Be- ^

tlolllmenheit rntftand,^Ivabrenb ^ Boden ge-

fenu sich pergebens ^bemühtest, ellien Allsweg alis dieser Pein zu

stnden. Endlich rastte sich Erwin auf. Lieber ostem sprechen. als dies Schweigen über das, was doch ..niäleud ^ .zwischen ihnen

lag und zum Austrug kommen .mußtet Mit sefter Stimme, die Augen entschloffen aus Klara heftend, begann er: .„Fränlein Klarst - Fränlein Wagner; ich bedaurr daß ich Ihileu eine Be- gegnung nicht ersparen konnte, die., wie ich sehr wohl begreife, Ihllen Unerwünscht, peinlich sein muß. .Ich hatte, als ich Sie hier das erste Mal sah , die Empstndnn^,.. daß. e^ .al.)^ ^sticht

sei, Sie mit meinem Anblick zu Uerschoaen aitd die Stelle aus-

znsch lagen. Aber der Zwang ^^^^^^^^^^^^^^^^^^ ^ Walle ........ das ift meine einzig.: Entschuldigung..“

Ihre Blicke hafteten noch immer am Boden, doch die Glnth, die mit einem Mal ihr Gesicht bedeckte, das stürmische Ringen ihrer Brnst verriethen ihre Erregung.

Erwin hotte tief Athem und fuhr sockt „Fränlein Klara, vielleicht hilft die Zeit .dazu , daß wir .ein anderes besseres Ver- hältniß zu einander gewinnest, vielleicht gelingt es mir, Sie zu überzeugen. daß ich das Unrecht, das ich mir .einst Ihnen gegen-- über. zu Schraden kommen .ließ

Eine heftige Bewegring Klarst^ schnitt ihm das Wort im Munde ab. Sie war aufgefprungen , ihre Augell blicktest düster und drohend, ihre. .Mienen .zuckteil) .

„Sparen Sie Ihre .Redensarten, Herr - Herr Hagen,“ stieß sie mit bebender Stimme hervor. „Wir beide haben Perfön-. liches einander nicht .mitzutheilem Wir find im Dienst des Herrn Beelitz und haben uns seilten Anordnungen zu sagen. Das ift das einzige Verhältniß , in dem wir .zueinander stehen.“

Sie setzte sich, nahm ihren. Bleistift und ihr Buch znr Hand

und bedeutete ihn so, ..in seinem Unterricht fortznfahrest.

Erwin biß sich erbleichend auf die Lippen. Ohne ein Wort weiter zu entgegnen, nahm .er die Lektion. wieder aiif , aber seine Stimme klailg rauh Und : schroff.

Allch während der folgenden Stlinden verschwand bei Erwin die erbitterte Stimmung nicht. Die Kälte, die Klara ihm ..gegenüber fortgesetzt ziir Schau trug, .emulierte ihn immer von neuem an jeiie verletzende Abweisung. Schwer . lastete aus beiden die Er- fülliilig ihrer Pflicht, die Minuten .schlichen mit unerträglicher Langsamkeit dahist.Und. wie cklon einem erdrückenden Alb befreit, atmeten sie auf, a) est Herr .Beelitz iniSchnlzimmer rrschiell, um Erwin abzulösen ^^^^^^^^^^^ der Schülerin persönlich zu aberzengem ..^u ^ge^i.sset^c^f^ Genauigkeit ...hj^ sich Erwin an den angegebenen Lehrgang ; nie sprach er eist Wart, das drir.ch diesen nicht vorgeschrieben war.. Endlich, endlich . nach gnalvolleli Wochen erklärte. der. .Direktor Klaras Ansbildllng für beendigt.

Es war .wenige Tn.gr .nach .dieselst. .von allen Theilen sr.endig begrüßten Ereigniß, Erwin hatte ebell das Bnream betreten, um dort einen Ailftrag des ^Herrn Beelitz auszuführen als er plötzlich eine Stimme ..hörte,) die ihm .das .Blut in dIe .WaiIgen trieb) . Im nächsten Augenblick stand er Miß Carry Siilliner gegenüber, die sich in die Liste der Schüler eintrügen ließ. Die junge Amerikanerin erkannte chn sofort Und streckte 1hm freudig überrascht die Hand ent- gegen „Ach.., Mister Hagen --^Sies Sehr erfreut, Sie zli sehen.“

Erwin verbeugte sich) mit mehr Artigkeit. und erwiderte die Begrüßung mit mehr Liebenswürdigkeit., als er sie :sar die talt- ^^^..^^^^^.^^ abrfls gehabt. chatte, .wenn ,K.lara Wagner nicht Zeugin des) Vorgangs.. .gewesen wäre. S)o aber .empfand er es äls eine Gestugthuung, mit der hübschen elegant gekleideten jungen DanI^ .estt...;)11^^t^ .untelit^sstuustg beginnen zu können. Miß Earry that sich keineli Zwang an; so kokett wie.^jemals blitzten ihre. Angen den einstigen Verehrer .an und lllehr als einmal kam voll ihren irischen .Lippen ein .lautes .Lachem als Erwin sich ist ..allerlei launigen Erinnerungen Uli die gemeinschaftliche Oeeanfahrt .erging.

„Miß Carry, ..wissen Sie -noch --^ Unsere erste Begegnung aus dem .Schiff? “

„Lasten Sie sehest^ 'Gd^^.il^^;. .^es war am drltten Tage der Fahrt lind ich hätte e)^em..^^)^.^tea -Besnch^ dieses teuflischen Onälgeiftes , der .-Seekrast^^.^.hauen ;^;- o, Mister Hagen, wie fnrchtbar! Wenn ich daran denke ......... brr mich schaudert) noch jetzt.“

.„O.Miß Carry,. wie können Sie denken, ich hätte eine so um angenehme Erinnerung- ^l .^hnen...wachrnfemwouen! Nein; nur schwebte^ jener Abend vor, der folgte. Die frische Lufr.auf Deck [803]

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aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 48, S. 812–818

[812] [813] Wahrnehmungen einen tieferen Eindruck in ihm hinterlassen hätten. Mit täglich wachsendem Selbstvertrauen malte er sich seine Zukunft aus, in der Miß Sumner die Zauberiu war, welche Glück und Reichthum fpenbete. Mister Sumller war, soviel hatte Erwin in Erfahrung gebracht, auch nach amerikanischen Begriffen ein reicher Mann unb Carry war sein einziges Kind. Wenn er ihre Hand gewann, dann war es eine Wonne, heimzukehren mit einer ebenso schönen wie eleganten jungen Frau, die auch in einem deutschen Salon als blendende Erscheinung gelten würde. Allen seinen Verbindlichkeiten konnte er mit Leichtigkeit gerecht werben , vielleicht ließ es sich sogar erreichen, daß er wieder in sein Regiment eintreten durfte. Frelinb Schnckmann war eine gute ehrliche Haut, ein treuer Kamerad, aber doch schon allzu sehr von amerikanischen Anschauungen durchdrungen, zu sehr vom hacken mitleidlosen Kampf ums Dasein zerrieben, um noch ein Verständnis zu haben für das Ideal irdischen Glückes, für die schöne stolze Lieutenantszeit!

So fehr spann sich Erwin in diese lockenden Tränme lind; Hoffmingen ein, daß die Begei. fterung , die er anfangs für Herrn Beelitz und seine Lehr- methode empfnliden hatte, sich erheblich abznkühlen begann, daß der Cifer, mit dem er feinell Berlifspstichten nachkam, merklich nachließ. Cs war nichts Sel. tenes mehr, daß Crwin feinen Kollegen gegenüber über die Geldgier des Direktors klagte, der keine Rückficht kenne als die auf feinen Gewinn, der seine Angestellten mit Arbeit über- bürbe und sie in schonungslofer Weife ansbente. Zngleich legte er einzelllen Anfträgen feines Prin- zipals gegenüber so viel Gleich- gültiakeit an den Tag, daß dieser zu Zlirechtweifungen griff, die, je kürzer und knapper, um so per- letzender waren. Dann kllirschte Crwin wüthend in sich hinejli und empfand, daß es eine Lnft für ihn wäre, diefem hölzernen Schulmeister, der aus so unter- geordneten „plebejischen“ Ver- hältniffen kam und nicht einmal eine „anständige“ Verbeugung zu. stunde brachte, seine Verachtung ins Gesicht zu schleuderu und ihlll den gauzen Kram vor die Füße

Stimmnugell feines früheren Lebens stellten sich bei Crwin um so hänstger ein, je liebenswürdiger Miß Carrnfich gegell ihn erwies iind je näher damit die Verwirklichimg seiner Hoffnungell gerückt schien.

Cines Abends befand sich Crwill wieder im Cmpfangszimmer der Snmnerschell Wohnung in Gefellschaft Miß Carrys. Das häßliche Regellwetter , das schon den gallzen Tag über herrschte, bannte sie an das Hans. Die Amerikanerin ruhte nach ihrer Gewohnheit im Schaukelstuhl, den sie ab und zu mit einer Be- wegllng des zierlichen Fnßes in fallfte Schwingung rerfetzte. Sie machte ein verdrießliches Gesicht und zeigte sich launisch und nn- geduldig. Wie ein eigenwilliges Kind fprang sie in ihrer unter- haltung ohne Uebergang von einem Gegenstand zum andern über. Jetzt erhob sie sich mit jähem Rnist fetzte sich aus Klavier und begann die getragene schwermüthige Weife des Chopinschen Trauer- marsches. Doch auch hier brach sie plötzlich mit grellem Miß- klang ab und wandte sich zu Crwin herum

„Welch ein perwünschter, langweiliger Regen!“ sprudelte sie nerpös hervor. „Sie glauben gar nicht, wie schwermüthig mich dieses einförmige Plätschern macht. Geht es Ihnen nicht auch so?“

dl; werfen. Diese Rückfälle in die

„Schwermütig?“ Crwills blendend weiße Zähne lenchteten zwischen den frischen rochen Lippen hervor. „In Ihrer Gefell- schuft schwermüthig zu sein Miß Carry, das ist für mich rcin ein Ding der Unmöglichkeit.“

Sie znckte mit den Achseln und blickte eine Weile schweigend und tränlnerisch vor sich hin. „Sie waren Lieutenant in Ihrer Heimath, nicht?“ fragte sie dann nnvermnthet.

„Ja. Ich glaube, es Ihueu schou erzählt zu haben.“ Sie blickte ihm eine Weile voll ins Gesicht. „Sic muß Ihllen allsgezeichnet geftaubeu haben, die hübsche dentsche Ofstziersuniform.') Crwin verbengte sich artig und versetzte lächelnd: „Ich wage nicht, Ihnen zu widersprechen, Miß Carry, obgleich meine Beschei-

denheit mich dazu dräugt, deuu ich weiß, Sie können Widersprnch nicht ertragen, am wenigsten, ^.^; ^neuu ^u .schwermütig^ sind.“

^n.;) Sie drohte ihm schelmisch mit dem Finger, versank aber gleich wieder in ein träumerisches Brüten aus dem sie ebeuso plötz- lich wieder mit der Frage aus- fuhr: „Ihr Berus sagte Ihueu nicht zu, Mister Hagen?“ „Sie meinen, der Berus

. als Osstzier?“

Sie lackte.

„Wie können Sie das glan- den, Miß Carry!“ rief er leb- haft. „Mit Leib iind Seele hing ich an meinem Beriif, dem glän- zendftell, schönsten, ehrenvollsten

der Welt!“

„Dann begreife ich nicht, Mister Hagen, warnm Sie das alles im Stich lasten konnten, um in dieses barbarische Lalld zu kommen, in dem mall der ...^.^^^^ Uniform noch keine Bewunde- ^^^^l 1 rung entgegenbringt.“

Er blickte verblüfft in ihr mutwilliges Gesicht, dann senkte er verlegen die Augen, und zu seinem Aerger sühlte er, daß er erröthete wie ein Schiiljunge. Da suhr ihm ein erlösender Gedanke durch den Sinn. Rasch erhab er deli Kaps und fagte, anfangs mit leicht jrani- schem Klang in seiner Stimme, dann in aufwallender Cmpstndung: „Das will ich Ihnen erklären, Miß Carry- weil es mein Schickfal war, mit Ihnen zusammenzutreffen weil es mir vorherbestimmt war, por zwei amerikanischen Angen mein Seban zu stnben, weil es in den Sternen geschrieben steht, Miß Carry, daß ich -“ er halte aef Athem, die Cntscheidung nahte.

Mit einem eigentümlich stimmenden Blick in den Augen hatte Carry sich erhaben nnb trat nllll mit zwei, drei schnellen Schritten var ihn hin, so dicht, daß er ihren Athem auf feinem Gesicht fpürte. Iu Crwiu schlug eine lodernde Flamme aiif und jedes Bedenken, jedes kleinmütige Zagen trat vor dem ungeftümen Verlangen znrüch sie an seine Bruft zu reißen. Schon streckte er die Hände nach ihr aus, da fühlte er plötzlich ihre Arme um feinen Hals, ihre Lippen auf den feinen, glutvoll, bebend, wieder und wieder. Cin paar Seknnden seligsten Selbst- vergeffens perstrichen

Plötzlich riß sie sich jäh van ihm las und eilte von ihm weg, dem Fenster zu „Gehen Sie, Mister Hagen, gehen Sie!“ tief sie hefag, die Hand abwehrenb gegen ihn ausstreckend, das Gesicht van ihm abgekehrt.

Er .aber stand wie angewnrzelt, noch halb im Tanmel, be. stürzt über die Schroffheit ihrer Stimme und Gebärbe. „Carry, süße Carry!“

Sie aber nuterbrach ihn um uervöfer Haft. „Nach einmal, Mifter Hagen, gehen Sie! .Und ich erwarte van Ihnen als Gentleman, daß Sie zu niemand sprechen van dem, was hier - - Und wenn ich Ihnen künftig nicht mehr in der Beelitz-Schlile begegnete, so würden Sie mir eine peinliche Erinnerung ersparen, [814] ^1.1

wenn ich auch bedauern werde, daß unser Berkeh Ende stnden muß.“

Erwin stand sprachlos vor diesem Räthsel. Konnte die Rene. die Veschämung Earrys, sich ihrem Gesühl widerstandslos hin.- gegeben zu haben, sie so gänzlich daniederdrücken, daß sie ihm nun nie mehr ins Ange sehen wollte, daß sie ihn, den sie doch liebte, für immer verbannte? Was hinderte sie denn, ihrem Gesühl zu folgell?

Gewaltfam riß er sich aus seiner Erstarrung und trat ihr ein paar Schritte näher. „Carry,“ begann er in weichem, pon wirklicher Gemüthsbewegung durchZittertem Tone, „ich gehe, denn ich fehe und kann Ihnen nachempfinden, daß Sie jetzt allein zu sein wünschen. sorgen aber, Carry, morgen sollen auch die anderen erfahren wie glücklich ich geworden. sorgen kehre ich zu Dir zurück, meine süße Braust um Hand in Hand mit Dir -“ Sie wandte sich so lustig zu ihm um, daß er bestürzt innehielt. Die Arme auf der Vrlist verschränkst schante sie ihn kalt und ab-- weisend all, in ihren Zügen war keine Spur mehr pon der leidenschaftlichen Bewegung, die sie eine sinnte vorher an seiiie Brust getrieben hatte.

„Wenn ich Sie recht verstehe, sister .Hagen, “' erwiderte sie kühl, „so beabsichtigen Sie, morgen Ihre Werbung bei meinen Cltern anzubringen “

„Das erscheint mir selbstverständlich, siß Carry,“ stammelte er, nach Fastung ringend,

„Selbstverständlich!“ Ein spöttisches Zuckeu um die suud- winke. begleitete dieseu Ausruf „Bitte, sister Hagen, wollen Sie mist sogen , welche Stellung Sie mir an Ihrer Seite bieten können? Ich bemerke Ihnell, daß ich ein wenig verwöhnt bin und daß ich, wenn ich mich einmal verheirathe, meine Ansprüche an Behaglichkeit und Gennß natürlich nicht herabstimlnen werde, Im Gegenteil! Sonst wäre es eine lächerliche Thorheit, meine Eltern, die mir jeden Wnllsch ersüllen, zu verlassen.“

Erwin war bei diesen Worten ganz blaß geworden. Also er war für dieses herz. und gemüthlose Geschöps uichts auderes gewesen als ein Spielzeug, das man achtlos wegwirsst wellll mall es satt bekommt, und was er vorhin für ein elementares Alls- wallen ihrer Leidensthoft gehaltell hatte, war nur eine frivole Laune! Seine Liebe hatte sie sich gefallen laffen, aber ihm die Hand zu reichen, das düukte sie „eine lächerliche Thorheit“ ! Em- pört fuhr er auf, „Die Frage, siß Sumner, die Sie foeben an mich gestellt haben, würde in meiner Heimath niemals eine junge Dame an einen sann richten. Ein denlsthes sädchen würde, bepor sie einem saline in monatelangem Verkehr ihre Neigung knudgiebt, im klaren darüber sein, daß ihr Psticht und Liebe gebieten, an seiner Seite jedes Los aus sich zii nehmen.“

Sie lachte schrill aus und entgegnete daun in beißendem Spott: „Ich weiß es, sister Hagen, ich weiß es. Leider bin ich aber kein blondes dentsches Gretcheli, und wenn Sie das vergessen haben, so ist es nicht meine Schuld. Ich weiß, daß man bei Ihueu audere Allschauungen hat als bei uns, wo es für felbft- verständlich gilt, daß der sann die Sorge für seine Frall auf seine eigenen Schlittern nimmt, wo man eine Frau um ihrer selbst willen begehrt lind nicht - des Geldes ihres Vaters wegen.“

Erwin zuckte zusammen, doch ehe er etwas erwidern konnte, suhr die Amerikanerin mit überlegener Ruhe fort: „Und nun, sister Hagen, laffeli Sie uns eine Unterredung beenden, die für beide Theile peinlich und zwecklos ist,“ Sie kehrte sich ab ilnd schritt wieder dem Fenster zu.

Erwin drehte sich mit hestigem Ruck herum iilid ging zur Thür. Dort aber machte er noch einmal Halt, der Stnrln, der in ihm tobte, drohte, ihn zu ersticken, welili er ihm nicht Worte lieh. „Ich gehe, siß Sumner, und mit Frenden, deun jetzt kenne ich Sie ganz. Und wenn ich auch die Lehre, die Sie mir soeben erteilt haben, verdiene, zum Theil wenigstens verdiene, so ist doch Ihr Verhalte, meine stolze Lady, noch viel weniger eili- wandsrei, ulid nur der Umstand, daß Sie ein Weib sind, ver. hindert mich, ihm den rechten Namen zu geben.“

Er machte eine kurze Verbeugung und hatte im nächsten Augen- blick das Zilllmer verlassen. Ihm nach schallte ihr zorniges Lachen.

Als Erwin seine Wohnung erreicht hatte, warf er sich in stumpsem Brüten auf einen Stuhl, und während er dieser neuen Demütigung nachsann. lral in feinem Geiste neben das Bild der koketten Amerikanerin die schlichte Erscheinung Klaras, wie

er sie einst ili glücklichen Tagen gekannt hatte, Nie war ihm ihr besicheidenes, setbsttoses Wesen so überzeugend znn. Bewußtsein

gekommen wie in diesem Augenblick. Ulid im Ueberschwang seines

Gefühls warf er sich auf die Kuie nieder, und die Hände in stehender Gebärde ausstreckend, bat er dem armen, betrogenen sädchen renmüthig alle Unbill, alles Leid ab, das er ihr zugefügt.

Als Erwin am anderen Vormittag in das Zimmer trat, in

dem die oberste Klasse seiner Schüler versammelt war. bemerkte er

wie sich siß Sumner bei seinem Erscheinen in zal.ni^ -ll- täuschung aus die Lippeu biß. Er aber zu-kt^ kaum merklich mit den Achseln und begann scheinbar gleichmütig den Unterricht, während siß Earry zerstreut Zn Bvben blickte nnb ostenbar mit sich zu Rathe ging.

Nat Beeudigung der Stunde sah Erwin, wie die Amerikanerin,

die ihn keines Blickes, keines Avschiedsgrußes würdigte, in das Privatzimmer des Direktors eintrat, und eine Regung der Genug- thuung dnrtznckte ihn. Nun gina. sie. n.eil er ihr nich. da.^ ^e.b

geräumt hatte, und kündigte Herrn Beelitz die Stnuden aus. sochte

sie gehen! Ein Thor wäre er gewesen, wenn er ihretwegen seine Stellung ansgegeben hätte. Einer siß Sumner schuldeste er keine zarte Rücksicht.

Am Nachmittag, als er mit seinem Tagewerk zu Eude war. ries ihn Herr Beelitz ili sein Zimmer. Ahnuustslos, irgendwelche Auordnung wegen des Ulllerritts erwartend. folgte Erwin.

„Herr Hagen,“ nahm der Direktor das Wort und mast den vor ihm Stehenden mit einem kalten, stechenden Blick, „ich habe während der letzten Wochen wiederholt die Bemerulng machen müssen, daß Sie sich nicht mehr mit dem nöthigen Eiser dem Unterricht widmen, und da mir überdies von seiten der Schüler Klagen über Sie zu ^chren kommen -“

„siß Snmner?“

„Allerdings, siß Sumner,“ bestätigte Herr Beelitz. „Sie beklagt sich, daß Sie im Beckehr mit ihr nicht den richtigen Tau beobachtet hätten, nicht jene Artigkeit ulid Zlirückhaltung, die ich llllter alleli Umständen im Hinblick auf deli guten Ruf meiner Austalt voli meinen Lehrern fordern muß. Und da ich außerdem weiß, daß Sie Ihrerfeits mit den Forderungell, die ich all Ihre Leistllligen stelle, lllizusriedeli sind, so halte ich es für das Beste, wir trennell uns, Fräulein Wagner wird Ihneu Ihren vollen Wochengehalt ailszahlen.“

Damit setzte sich Herr Beelitz nach einer förmlichen Verbeiigung . an sein Puu. Erwin wußte nicht, wie ihm geschah. Diefer Schlag war so nnerwartet auf ihu herabgefahrell, daß er nicht imstande war, seine ganze Schwere zu ermeffen. Langfam ging er hinaus, dem Bureau zu. Ieder Verfuch, den Direktor umzu- stimmen, wäre vergebens gewefen siß Sumuer, dos sah er nuu klar, war seine erbitterte Feindin geworden und hatte es sich znr Anfgabe gemacht, ihn aus der Stellung, in der er ihr uubeguem war, zu verdrängen, und er wußte, daß es einer der Geschäftsgruudfä^e des Herrn Beelitz war, lieber zwei Lehrer fortzuschicken als einen Schüler zu missen.

Unsicheren Schrittes betrat Erwin das Bureau. Die Bank- anweisung lag ausgefüllt für ihn bereit; er nahm sie schweistend an sich, ängstlich darans bedachst dem Blick Klaras, den er fürchtete, nicht zu begegnen. Und so kolinte er nicht sehen. daß diese zitternd vor ihm stand, daß sie mit sich rang und kämpfte, daß sie anfetztr um zu fprechen, und doch kein Wort über die blassen Lippen brachte. So ganz versunken war er in sein sißgeschick, so ganz verwirrt und betäubt von dem, was ihm widerfahren war, daß er auch nicht wahrnahm, wie ihm ihre Angen voll schmerzlicher Theilnahme folgten und wie sie, während er die Thür östnete, ihm hastig einen Schritt nachging. Und da er die Thür mit lautem Schlag achtlos hinter sich ins Schloß fallen ließ, so konnte er auch den kurzen, erstickten Schrei nicht hören, der jetzt sich Klaras Brnst entrang,

12.

Erwin befaß, als er aiis seiner Stellung in der Beelitz-Schule

schied, nichts als feinen lctzten Wochengehatt. Sein Verkehr mit siß Snmner hatte so viele Ausgaben mit sich gebracht, daß er auch nicht einen Cent zurücklegeli konnte. Skrupel hatte er sich deswegen nicht gemacht,. deun abgefehen davon, daß es nicht seine

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Art war, Geld zurückzulegcll, halte die Zukunft heiter, sor^eu.. frei vor ihm gelegell. Und nun mit einem ^Nal;e ms.-^r N^.ch^ dunkle Nacht llm ihll!

Diesmal wartete er nicht, bis er den letzteu Dollar ausgegebelr hatte, solrderll erinnerte sich beizeiten seines Freundes Schnckmann. Während der ersten Zeit feines neuen Bernfes hatte er den Frennd regelmäßig zwei- bis dreimal in der Woche zu einem Blander- stülldchen aufgesucht; es warell gemütliche, schöue Abeude gewesen, die er da mit Frau Libby und ihrem Gatten verlebt hatte. In den letzten Wochen aber waren diese Besuche seltener und felteller geworden, und nun waren es volle vierzehn Tage, daß er feinen Fuß nicht in jene Gegelld gesetzt hatte. Wie würde ihn Schnckmann empfangen? Doch er kannte den trerlell Kameraden - der wnßte von keiner Empfindlichkeit, keinem Uebetnehmen. Und frohen snths machte er sich auf den Weg.

Anf sein lantes Klopfen an Schnckmanns Thür hörte er jemand eitig durch die Küche huschen Cs wurde geöffuet und Frau Libby stand vor ihm, bteich, mit vergrämtem Gesicht, die Augenlider geschwollen und geröthet von Weinen und Nacht- wachen. „Sie, Mister Buschenhagen? Bitte, nur recht leise!

Ach Gott, Mister Buschenhagen!“ .

Die lleine Frau sagte das mit einer so trostlosen, verzweifelten Miene, daß Crwin all der Schwelle stehell blieb. „Was ist geschehen, Missis Libby?“ fragte er hastig. „Doch kein Unglück?

Iohll -“

„Iohnny ist gesnnd. Aber treten Si.: nur ein, Mister Bnschenhageil, er wird sich srerien, Sie .zu seheu!“

Sie schritten durch die Küche. Libby giiig aiis den Zehen- spitzen, und sich zu Crwin nmdreheiid, der ihr solgte, bat sie ihn noch einmal mit leiser Stimme, recht behutsam zii seiii.

„Unser Henry, unser süßer, tieber Henry ist -“ Schluchzen erstickte ihre Stimme. Sie trateu in die Wohnstube. Vor dem Bettchen seilies kleinell Sohnes staiid Schiickmann; beim Cilitritt Erwins wandte er sich langsam nlll. Dieser starrte deii Freund erschüttert an ----- was hatten die tetztell Wochen aus deiii blühenden, glücklichen Mann gemacht! Seine Wangen waren bleich und eingefallen tiese Lilliell nmzogell Mrllld und Angell. Unwillkürlich glitt Crwins Vlick zli Henrys Bettcheli hinab. Mit röchelndem Athem lag der Kleine da, die Angell eingeslllltell , Fwberröthe aus den abgezehrten Wallgell.

Stumm drückte Crwill die Halld des Freinldi.s, der mit den Thrillen kämpste. .....

„Diphthecktis!“ sagte Schlickmallll mit schleppender, müder Stimme. „Der. Arzt meint, wir müßtelr aus alles, auf - das Schtilllmfte gefaßt fein.“

Er wandte sich ab und drückte die Hand gegell die Angell, währelld Libby sich über das Bell beugte unb ängstlich deil um regelmäßigen Athelllstößell des Kindes lanschte. Die bange Stille, die bektemmellde Lnst des Krankenzimmers lastete drückend auf Crwill; er hätte für sein Leben gern etwas gethall, um biesen Menschen, die sich in Angst llm ihr einziges Kinb perzehrten einen Theil ihrer Bürde abzunehmen. Aber rathlos stand er da, von einem zum andern blickenb.

Da ertönten ptötzlich wimmerube Laute pom Kraukeubett her. Schuckmaun suhr erschreckt zusammell und eilte an das Lager seines Kindes. „Was ist Dir, Liebling - Hellry, mein Junge?“

„So weh, Papa,“ stieß der Kleine heiser herpor „so weh - hier!“ ^..Und er dentete mit seinelli schwacheu zitternden Händchen an seine Hals.

Schnckmann redele dem Kmbe sanft zli niid zwalig sich, ein lächelndes Gesicht zu zeigen Crwill, her zur .Seite stand, sühlte sich aliss tiesste erschüttert; Mitleib iinb Bewunberung zugleich weiteten ihm das Herz. ^ Der Kranke war wieder in seinen unruhigen Schlaf gefuuken Schnckmann richtete sich mit verzerrter Miene auf. „Buscheuhagen“ fagte er und seine. Stimme zitterte, „wer nie am Bett feines kranken Kindes geftaudeii. hast der weiß nicht, was das Leben all Elend birgt. Das Herz möchte man sich aiis der Brust reißen, wenn bamit geholsen wär'. Aber mit ansehen, wie so ein hilf. loses Wesen sich isnält, wie es langsam dahinsie.cht und elend zu Grunde geht, und nichts, nichts thnn können, rein gar nichts, das ist nicht zu ertragen!“ Stöhnenb sank er auf einen Stuhl unb stierte anster vor sich nieber.

Erwin, der nicht wußte, was er thun sollte, legte dem Ver.

zweifelten die Hand auf die Schulter und stotterte: „Schuckmami, lieber Freuub, wenn ich nur wüßte - - wenn ich etwas für Sie thun könnte - - Schuckmauu, es wirb ja wieber besser werben - - faffeu Sie sich, lieber Freund, feien Sie eiil Mann!“

„Eill Mann!“ Schuckmaun erhob sein Gesicht, über das ein bitteres Lächeln znckte. „Ats Mann habe ich alles getragen, was bis jetzt über mich kam, aber das - das wäre zu vick. Ich habe llichts ats mein Weib unb mein Kinb - mein einziges Kinb!“ In faffungstosem Schmerze sprang er aus, unb ganz aus. gelöst voll den Leiben der letzten Tage nllb Nächte, brach der starke, illl Kamps des Lebens abgehärtete Mann in hestiges Weinen aus.

Da trat Libby an ihren Gatten heran. Mit leiser thränen. umstorter Stimme sagte sie: „Lieber Iohllliy, es ist Zeit für Hellry zum Einnehmen.“

Ties ansathmend wandte sich Schnckmann zum Tisch, nahm Lössel und Mebizinstasche in die Halib unb sotgte seiner Frall bamit an das Krankeilbett. „Komm, mein Liebling, einnehmen!“ sagte Schnckmann, dem Kinbe sanst zllrebenb. „Du weißt, der Oukel Doktor will es. Siehst Du, wenn Du brav nnb tapser bist, baun wirst Du balb gesunb unb bann gehst Du mit Mama niib Papa spazieren - in dem neuen rothen Kleidchen, weißt Dn, mit den schönen blanken Kuöpsell!“

Libby beugte iubesseu dem Kranken sachte den Kops nach vorn, der Kleine aber bog sich hintenüber. „Nein, nein - es ist so bitter!“

Nur mit vieler Mühe vermochte mall, ihm die Arznei einzu. stößen Ats es endlich gelungen war, trat Schnckmann teise an den Frennd herall. „Seit acht Tagen ringen wir llm das Lebell unseres Kindes. Die ganze Zeit über sind wir nicht aus den Kleidern gekommen, llnr ab und zu legt sich eines ein Stündchen anss Sofa. Ich sage Ihllen, Buschenhagen, wenn mir der Junge -“ er schauerte fichtbar zufamluen - „wenn lllir der Junge stirbt, dann ist's auch mit mir alls, bann strecke ich die Waffen.“

Erwin faßte seine Hand und brückte sie herzlich. Dann nlll wenigstens etwas zli sagen und ihn voii seinem Schmerz abzn lenken, fragte er: „Uiid Ihr Dienst, Schnckmann?“

„Mein Dielist?“ Schuckmaun zuckte die Achseln „Der Diellst kümmert mich btlitwellig. Weliii nur erst mein Kind wieder gesiiiid ist, das übrige macht lllir keine Sorgen.“

Erwill schlug unwillkürlich die Augeii uieder, die Erinnerung all seine eigelle bedenkliche Lage und an das, was ihll hergesührt und was er por diesem Iammer ganz vergessen hatte, kehcke plötz- lich zurück.

„Und Sir Buscheuhagen? Wie steht's mit Ihueu?“

Erwin zwaug sich zu einem sorglosen Lächeln Um keilieli Preis hälle er es sertig bekommen, dem Freuube auch noch mit seinell Sorgen beschwerlich zu fallen „Ich - ich ballte,“ stammelte er..

Ullb Schuckmann, der mit raschem Blick die elegante Er- scheinlillg des Freunbes überstog, hielt jebe weitere . Frage für überstüfstg. Von Frau Libby mit leifer Stimme gerufell, trat er wieber all das Krankenbett und lanschte ausmerksam den Athem. .zögen des Kindes. , Ptötztich ckchtete er sich auf nnb winkte bell Freuub eifrig heran. „Meinen Sie nicht, Vuschenhagen, daß er jetzt leichter und rnhiger athmet ats vorher?“ fragte er mit zitternder Stimme. Unb ats Erwill nach einer kurzeu Pause biese Beobachtung bestätigte, llmfaßte er feine kleine Frau nnb drückte sie in überftrömenbem Gtück an sich. „Ach Libby, Libby, wenn es bester. würbe, wenn -!“

Eille Viertetstnnde später verabschiedete sich Erwin. Unabtässig war Schnckmann in dieser Zeit zwischen Tisch und Bett hill und her gewandert, alle zwei Minlitell den Kranken beobachtend und die Freubeubotschaft verkündend: „Er. alhmet viel rnhiger, wahrhaftig!“

Am Ende der Woche war Erwill mit feinem Gelbe fertig, ba er nirgends Arbeit gefnnben hatte, und voll lleliem begallll für ihll ein schnelles Hinabgleiten in das obdachlofe Vagabunden. thum. Glücklicherweise hatte sich inzwischen die warme Jahreszeit eingestellt und so war der linstet Umherirrende wenigstens vor dem Ersrieren geschützt.

Eines Morgens wanderte Erwin vom Centralpark, wo er schon zweimal unter freiem Himmel übernachtet hatte, der Stadt zu. Unablässig beschäftigte ihn der eine Gedanke, wie er seinell Hunger stillen könnte, den wahnsinnigen Hunger, der ihn solterte bis zur Ullerträglichkeit. Seine Phantasie malte ihm die Seligkeit

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Textdaten
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aus: Die Gartenlaube 1893, Heft 49, S. 828–832

[828] [829] [830] Arbeit blot halb so st.; wir! Ja, bat geiht jo nich, hei künn fik borbi die allen Fillgeckens swart maken!“

Cin lauter Schlag ertönte, der offenbar davon herrührte, daß Iänicke wutentbrannt mit der Faust auf den Ladentisch schlug. „Den Dunner, Unkel, nu hörst äwer up! Sstnst, wahrhastigen Gvtt, sanft pack' ik mili Siebenfachen und vertat mit min Leitnant Tin Hns. Kein Minsch fall mi hilinern, för min Leitnant tv arbeiden, welln't nödig deit, nn den letzten Happen mit em tv decken!“

„seiilswegen gah, wenn Du abslnt fv 'n Cfel bist, dat Dn Di schillllft för einen, de Di schimpt nn schnriegelt hett, Dn weitft doch, bi'n Kommiß!“

„Van Kommiß? Wat weitft Du. pon Kommiß? Van Kommiß gehürt fit dat so, nn dat is de Snbockmatschon. Freilich, Dn heft jo den blinten Rock llie nich dragen. Un wenn mi nnf' Herr Leitllallt ok männigmal anschnanzt hett, dat mir Harn nn Sehn vergahn is, god was hei dorllm doch nn för min Leitnant gah ik dörch't Füer.“

„Denn gah! Awwer in min Hns bin u Herr, nn ik bruk kein afgedanuen Leitnant in min Geschäft. Un eh' ik so 'n Lüder. jahn und Dagdeev noch länger föden'1' do -“

sehr hörte Erwin nicht. „Lüderjahn! Tagedieb!“ Der rohe Schimpf traf ihn wie ein Peitschenhieb und trieb ihn in wilde Flucht. Kenchend eilte er auf der Straße porwärts, nllabtäffig gellten ihm die höhnischen Worte des Krämers in die Ohreli. Eilblich mäßigte er schweißtriefend seine Schritte. Unwillkürlich sah er sich ängstlich um. Gott sei Dank, es folgte ihm niemand, er war ihnen glücklich entkommen, dem einen mit seiner trenen, opferbereiten Liebe, die er nicht täiiger mißbrauchen dnrfte, dem andern mit feinem brutalen Haß. Doch wohin nun? Er wnßte es nicht. Aber llnr immer vorwärts! Nllr fort von denen die ihn kannten und die ihn verachten mnstteil s

Erschöpft, nach Athem ringend, hieu er endlich in feinem lillgeftünlell Laufe all. Ter „Eaft River“ lag vor ihm, das breite Gewäffer, das New ^ork) von der Schwefterftadt Brooklyn trennt. Beim Anblick des Waffers dnrchznckte es ihn jäh wie eine Erlenchtung. Wer dort unten ruhte, der konnte vergeffen, der hatte Rnhe für immer. Eille beffere Znstlicht gab es nicht. Dort unten war er für alle Zeit voll Elend und Schmach erlöst. Eine unüberwindliche .südigkeit erfüllte ihll, ein Ekel vor den Erniedrigllngen neuer Kämpfe und Entbehrungen Scheu blickte er um sich. Lebhaftes Treiben herrschte in der Straße am Wasser Die Pserdebahn, Geschäfts. nllb Lastwagen aller Art rollten vor. über, unaufhörlich drängte die Fluth der Fußgänger an ihm vorbei. Unmöglich, ungehindert zu thun, was er thun mußte!

Da stel fein Auge auf ein niedriges, brauu angestrichenes Holzgebäude, das sich, ungefähr zwanzig Schritte von ihm ent. sernt, dicht am .User erhob. Eine dichte senschenmenge, Fuhr. werke aller Art strebten unablässig den Thoreil des Hauses zu. Es war ostenbar eine Aulegestelle der großen Dampf.Fähren, die den Verkehr zwischen New ^ork und Brooklyn vermitteln. Und einer plötzlicheil Eingebung solgend, eilte er dem Landungsplatze zu. In seiner Tasche sallden sich noch ein paar Knpfermünzen, die ihm Zutritt in die Halle perschaftten. Hastig eilte er aus das Deck des Dampsbootes, das sich eben znr Absahrt bereit machte.

Und nuu stand er am Bugspriet des Fahrzeuges, das pustend und kenchend der sitte des Flnsses ansteuerte. Seinen Hnt hatte er in die Hand genommen, um die erhitzte Stirn in dem frischen Lnftzlig, der vom seer her wehte, zu kühlen. Vor feinem siebe- risch erregten Geiste Zossen du Erlebniffe der letzten sonate noch einmal vorüber. Wie feig und thöricht, seine Znknnft auf die Laune eines Geschöpfes wie siß Snmner aufbauen zu wollen! Wie plump, wie schmachvoll, sich in den Netzen dieser Kokette zu verstricken! Und das unter den Augen Klaras, der einzigen, die ihn je auf. richtig, um seiner selbst willen geliebt hatte! Ein heißes Weh durchzuckte ihn. War er nicht an feinem Glück vorübergegangen, hatte er es nicht durch eigene Schuld für immer verscherzt? Warum hatte er nicht mit Ausdauer und Gednld, mit der Kraft reniger Liebe gestrebt, die Zürnende zu verföhnen ? Bewies nicht ihr Verhauen gegen ihn deutlich, daß ihr Herz noch immer für ihn schuig? Warum war er dem Beifpiel Schnckmanns nicht gefolgt, der das sädchen seiner Neigung heimgeführt hatte, ohne einer anderen Stimme als der feines Herzens Gehör zu esebeu. und der nun ein glücklichersann war? Wie anders stünde es jetzt um ihn! Er aber, ein knrzsichtiger Thor, noch .immer im Bann der alten Vor- '^ füttern.

nrtheile, hatte einem ästenben Trugbild von Glück lind Ehre nach-- gejagt und war in sein Verderbeil gerannt. Nliii kam die Rene, die nagende brennende Rene und - das Ende.

Verstört blickte er sich lim und fuhr zustimmen Das Boot war schon weit über die sitte hillalls und näherte sich dem jen-. festigen Ufer. Es war dje höchste Zeit. Noch ein Blick nach oben und zu den hinter ihm Stehenden, ein kräftiger Schwung über die Brüstung - hinab in die Flulh! Die Wellell schlngen über ihm znfammen, die Befinnung verliest ihn)..

Erwiu schlng die Angen auf, um sie fogleich wieder voll Schreck zu schliesten. Neben einem bärtigen bebrillteu Gesicht, das ihm fremd war, schaute voll Spannung ein Paar Augen auf ihn nieder , deren Blick er nicht ertragen konnte, ein Antlitz, das er mehr scheute als irgend ein anderes in der Welt. Welch ein garstiger Tranul! - Aber träumte er denn wirklich? Wo war er denn? Er sühlte eine seltsame Schwere in seinen Gliedern. War er krank gewesen? Und was war mit ihm geschehen?

Das alles zuckte blitzschnell durch sein Gehirn. Und jetzt rastte er sich zu einem Entschluß aus. Er östnete pon nenem die Augen und richtete sich mühsam empor. Erstaunt schonte er von einem Gegenstand, von einem söbelstück zn^- anderen. Er be. sand sich in einem hübsch eingerichteten Zimmer, das er nie in seinem Leben gesehen hatte. Die beideu sänner aber, die er vorher erblickt oder zu erblicken gemeint hatte, waren verschwunden. Verwirrt faßte er sich an die Stirn und rathlos, bestürzt bemühte er sich, einell. Zusammenhang zu.u1^^ seiner früheren Lage und feinem jetzigen Znftand zu studem Doch ehe tm ba.^ a.ckaust. östuete sich eine Thür in der Seitenwand, und als er sich haftig . nmwandte, da dlirchloderte ihn ein nugestümes Entzücken.

„Klara!“ kam es jnbelnd von seinen Lippen, und in über. mächtigem Verlangen streckte er die Arme nach der Eintretenden aus.

Und - o Wnuder - aller Groll war aus ihrem Gesicht perschwunden, aus dem die lauterste Frende, der sieghaste Strahl der Liebe glänzte. Nun stand sie neben ihm und drückte ihn mit fanfter Bewegung in die Kiffen nieder. „Rnhe! Bitte, bitte! Der Douor will es!“ stüsterte sie mit so innigem Tone, daß er sich gehorfam fügte und die Angen schlost. Und so lag er ruhig, nur ab und zu durch du halbgeöffneten Lider fpähend, lim sich zu vergewissern daß das alles Wirklichkeit sei und nicht etwa ein. neckendes Tranmbild. Eine nnbeschreiblich wohlige, selige Empstudung überkam ihn, ein beglückendes Gesühl der Rnhe und Sicherheu. Dann gewann die südigkeit die Oberhand und saust eutschlummerte er.

Als er gestärkt und frisch wieder erwachte, befand er sich abermals allein. Eifrig damit beschäftigt, sich die Ereignisse der letzten Vergangenheit in die Erinnerung zu^a'-^-^f^ ^ub Klarheit über seiiie Lage zu gewinnen, kleidete er sich langsam an. Kaum war er damit zu Eude, als es an der Thür klopfte. Erregt blickte er auf. „Herein!“

Wagner war es, der über die Schwelle trat und deffen Blick Erwiu suchte,. jedoch nicht zürnend uiid drohend wie ehedem, sondern ruhig, mit ernster Freundlichkeit. „Herr von Buschenhagen,“ redete er den gänzlich Fasslingslosen, in peinlichster Verwirrung Da. stehenden an, indem er sich ihm lebhast näherte, „ich bitte Sie, mir die Hand zu geben zlla1- deichen daß die Vergangenheit ver. geben und vergessen sein soll.“

Erwin faßte wortlos die ihm dargebotene Hand, bemühst der auf ihn einstürmende Gefühte Herr zu werden. „Gerne - o wie gerue!“ stammelte er. „Ich allein muß ja um Berzeihnug bitten-^

„Nein, Herr doli Buschenhagen, auch ich habe ein Unrecht gutzumachen. Ich bin damals bei Herrn Hopkins gransam gegen Sie gewesen, ich mißbrauchte mein zufallige^ Uebergewicht und das - das war brntal von mir. Sie waren in Noth, da durfte ich nicht den Feind in Ihnen erblicken, fondern nur den Hilfsbedürftigen.“ Er athmete tief aus und suhr dann, ohne die abwehrende Gebärde Erwins zu beachten, eifrig fort: „Als es gelungell war, von dem Fährboot aus, das ich heute morgen znfällig bei der Rückkehr von einem Geschäftsgong benntzte lind das dem Ihrigen entgegenkam, Sie anfznstschen, als Sie nuu bleich, regungslos, anscheinend ohne Leben vor mir aus dem Ver-- deck lagen, da schrie etwas in mir aus und ries mir zu . .sörder ! sörder! Dil bist die Ursache seines Todesst Verzweifelt mühte ich mich mit einem Arzte, der glücklicherweife zur Stelle war, Sie [831] e^nn ni i)ic^

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ins Bewußtsein znrückznrusen, und nach cilligcu bangen Minnten gaben Sie ein schwaches Lebenszeichen von sich, Da der Landungs- platz des Dampsers nicht weit voll meiner Wohllllng entfernt war, so ließ ich Sie hierher schaffen nnb zugleich gelobte ich mir: wenn es geleinge, Sie zu retten, so wollte ich wieder gutnlacheu, was ich an Ihnen verschnldete,“

Das alles wurde mit so gewinnendem Freimnth, mit so auf- richtiger, schlichter Elnpstlidung gesprochen, daß es Erwin anfs tiefste bewegte; aber noch betänbt pon dem jähen Wechsel seiner Lage, vermochte er nicht sogleich Worte des Dankes zu stnden. Stumm ergrisf er beide Hände des neugewonnenen Frenndes, Wagner aber zog feinen Gast aufs Sofa, und sich an seiner Seite niederlaffend, begann er von nenem: „Es wäre ein Leichtes, Ihnen in der Fabrik meines Prinzipals eine Anftellung zu verschaffen, aber damit wäre Ihnen wenig und auch llnr für die nächsten Wochen geholfen, Eine folche Thätigkeit ift nichts für Sie, Was Ihnen noth thnt, ift eine sichere, seste Lebensstellung , eine Ve- schästigung, die Ihnen znsagt, Da ist mir nun vorhin ein Ge- danke gekommen, der - der --“

Der Sprechende kam plötzlich ins Stocken, illld als er jetzt Erwins u.agenden Blick auf sich gerichtet sah, fagte er ablenkend : „Ich ermüde Sie, Sie fühlen sich gewiß noch angegriffen und -“

Doch Erwin perneinte, und inzwischen hatte auch Wagner seine Verlegenheit überwunden Ili seiner frischen, entschiedeneu Weise snhr er sort: „Was ich Ihnen vorschlagen möchte, ist eine Art Kompagniegeschäst. seine Stellung ist ziemlich einträglich ilnd so habe ich scholl eili nettes Sümmchen beiseite gelegt. Dazu besitze ich eiii kleines Vermögen pon meinen Eltern her, das Klara, nachdem der Tod unsere arme sntter von ihrem langjährigen Leiden erlöst hatte, mit herüberbcklchu. Es liegt mir daran, das Geld, wenigstens zum Theil, zu besseren Zinsen als bisher an- znlegen. Zngleich möchte ich für meine Schwester, die ihre Stellung bei Veelitz ansgegeben hat und die sich wieder nach Thätigkeit sehnt, eine möglichst selbständige Beschäftigung stnden. Wie wäre es, Herr von Buscheuhagen, wenn Sie nach dem Muster der Veelitz-Schule drüben ili Brooklyu eine Sprachschnle errichteten? Sie ertheilen den Unterricht Klara, die gut englisch spricht, ver- sieht das Geschäftliche und ich.- ich strecke Ihnen das nöthige Geld por, Fünslnindert Dollar werden vorderhand reichen. Natür.- lich“,-- Wagner sprach das Folgende mit einer gewissen Hast und bemühte sich, eine kalte, geschäslliche Miene anznnehmen - „natürlich verzinsen Sie mir das Geld, zu sechs Prozent, Billiger kann ich es Ihnen nicht geben.“

Erwin war ganz roth geworden. Eine Miunte lang kämpfte er einen schweren Kamps mit sich, dann entgegnete er sest: „Herr Wagner, Ihr Anerbietell und die Art und Weise, wie Sie es mir. machen, zeugt von einer. so vornehmen Gesinnllllg und einem so guten Herzell, daß mir. das, was ich Ihnell einst zugefügt habe, doppelt schwer allf die Seele fällt. Ich bitte Sie für das alles nochmals aufrichtig llm Berzeihung. Für Ihr edles Anerbieten aber muß ich Ihllen herzlich danken - ich kann es nicht annehmen.“

„Nicht?“ Wagner. schante ihn ganz bestürzt an. „Aber warnm denn nicht warnm?“

Erwill blieb einen Augellblick still, dallll sagte er langsam: „Ich kann es voll Ihnen nicht annehmen, weil - weil Sie Klaras Brnder. sind.“

Wagner suchte Erwill zu unterbrechell, aber dieser suhr sort . „Sie wissen, daß ich einst gewissenlos gegell Klara gehandelt habe. Ich lebte und handelte im Ballll ererbter. Allschanungen, voll denen ich mich - ich gestehe es zu meiner Schande - auch noch hier langge Zeit nicht srei machen konllte. Jetzt freilich habe ich erkannt und Sie, Herr Wagner haben nicht wellig zu bieser Er- kenntniß beigetragen, daß der Werth eines Menschen sich nicht nach seinell äußeren Verhältnissen richtet, sondern nach dem, was in ihnl steckt, nach seinem Charakter, seinem Herzell. Nach diesem Maßstab gemessen, steht Ihre Schwester weit über mir und ich, der ich nichts sehnlicher wünsche, als ihre Achtung, ihre Liebe, die ich so leichtsinnig perscherzte, wiederzllgewilillen - ich muß dermal- einst mit gutem Gewissen, srei von jeder Nebenabsicht vor sie hin. tretell können, damit ihr nichts den Glanbell an meine Ausrichtig- keit zu stören vermag. Und darnm, Herr Wagner, darnm kallll ich Ihr Anerbietell, so gllt es gemeint ist und so dankbar ich Ihre Güte empstllde, nicht annehmen.“

Franz hatte den Worten seines Gastes in athemloser

Spannung gelanscht Nnll, da Erwin schwieg, lellchteteu seine Angen, währelld sein Gesicht sich langsam bis zur Stirn mit dunkler Röthe särbte. Und dann kam es in überunellender Freude aus seinem Muude: „Daß Sie, Herr von Bnschenhagen so sprechen und so handeln, das - das frent mich von Herzen, denn es beweist mir, daß Klara doch die rechte Wahl getrosten hat Und nun kann ich es Ihnen ja auch verrathen, daß sie nie aufgehört hat, Sie zu lieben, so bitter sie auch gegen Sie gewesen ist. Ich kann es Ihnen nicht sagen, wie glücklich mich Ihre Worte machen und nun - nun ist es erst recht schade, daß Sic lneine Hilse nicht annehmen wollen. Aber ich verstehe Sie und vermag Ihnen nachznsühlen,“

Nach einer Weile, während der die beiden Männer schweigend dasaßen, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, fügte Franz mit hossnungsloser Miene hinzu: „Habell Sie denn gar keinen Freund, keinen Bekannten, der Ihllen das bißchen Geld vorstrecken könnte?“

Crwin wollte schon verneinen da durchzuckte ihn plötzlich ein Gedanke: Schnckmann! Der hatte ihm ja ats trener Kamerad das. Versprechen abgenommen sich seiner Hilse zu erinnern, wenn er sich sonst keinen Rath wisse! Und Schnckmann hatte Getd. Wieviel freilich, das wnßte er nicht. Aber im Nothfall ließ sich auch mit wenig etwas anfangen; jedenfalls bot sich hier eine Aussicht.

Das drängte sich Crwin mit der Schnelligkeit einer Sekllnde durch den Sinn, und ganz ersiillt von dieser Möglichkeit, erzähtte er dem ansmerksam Znhörenden von den Schicksaten seines Freundes, von dessen treuer Kamerudschau, Und Wagner pstichtete seinem Plane bei, Schnckmann für die Gründung einer Sprachschule zu gewinnell,

Noch am Abend desselben Tages machte sich Crwin aus den Weg zu Schnckmann Die Hoffnung auf eine lleue schönere Zu- kuuft hatte ihm mit einem Schlug seine Krau wiedergegeben. Er suhlte sich voll Lnst, zil leben, voll uohell Vertrunens ili dus Ge- klugen seines Planes, Als ihm Frau Libby die Flnrthür.e geösstlet hatte, schallte ihm das helle Iurlchzen einer Kinderstimme entgegen und vom Gesicht der kleinen Frau leuchtete ein freudiges Willkommen Im Wohnzimmer bot sich ihm ein wnnderlicher Anbtick. Schnckmann lug auf Händen und Füßen um Fußboden und auf dem Rücken fuß ihm der. kleine Henry, vergnügt mit den Veinchen strumpeklld und luftig ein über das andere Mal ein helles: „Hühl Hüh!“ ausrufend,

Erwin uahm den Kleinen ili seine Arme und küßte ihn auf die Wangen, die wieder in der alten gefunden Frische prangten, Schnckmann erhob sich und reichte dem Frennde herztich die Hand.

„Na, Bnschenhagen,“ redete er ihn all und seine Angen btitzten, „laffen Sie sich endlich wieder einmal fehen? Wir. glaubtell wahrhastig schon Sie wulidelteli nicht mehr unter den Ledenden.“

Erwin lächelte ernft. „Hätte unf eili Huur so kommen rönnen, Schnckmunn,“ antwortete er. Und nachdem sie alle Platz genommen hatten, legte er. eine vollständige Beichte über seine Erlebniffe der letzten Wochen ab sit ernstem Gesicht hörten die beiden seine Schicksale all. Als er zu dem Anerbieten Wagners gekommen wur, ihm in der Fabrik voll Hoe und Kompagnie eine Stelle zu verschussen sprang Schuckmaun lebhast allst „Eill prächtiger Mensch, dieser Wagner, mit dem müssen Sie mich bekunnt llluchell, Buscheuhagen! Und was wollen Sie thun? Wollen Sie die Stelle annehmen?“

Erwin zögerte mit der Antwort dann entgegnete er stockend: ^ „Wagner meinte, eigentlich wäre das doch keine Arbeit für .mich, es sei auch nicht von Dauer.. Darum machte er mir. einen anderen Vorschlag,“. Er hielt inne und wußte nicht recht, wie er sein Allliegen anl besten vorbringen sollte.

„Ulld dieser Vorschlag ift?“

Erwill befann sich nicht länger. „Sagell Sie 'mast Schlickillanll,“ fragte er rasch, „wollen Sie ewig Pserdebahllschafsiier bleibell?“

„Bill ich längst nicht mehr! Die Stelle war natürlich besetzt als ich mich wieder. zum Dienst meldete, Etwas mir. Zusageudes habe ich noch nicht gesunden, Inzwischen habe ich mich mit allerlei Hand- langerarbeiten so dllrchgesehlagell, um nicht vom Buren zu leben.“

„Kumerud“ - Erwin russte seinen gunzell Muth zusummell - „ich will Ihnen eineli Vorschlug machen wie uns beiden zu helsell ist.“ Schuckmaun blickte den Sprechenden erstaunt all. „Sie wissen,“ fnhr. Erwin sock, .„Beelitz ist alif deni Wege, ein reicher Mann zu werden. Seine Schule hier in New ^ork steht im Flor, ebenso die Zweiganstalten in Philadelphia und Chicago. Na, was Beelitz kann, sollten wir beide zusamllleu auch sertigbrillgen. Was meineu Sie, wenn wir drüben in Brooklyll eine Sprachschnle gründeten, nach ähnlichem Milster?“

Schuckmaun starrte den Freund an, als entdeckte er plötzlich


oo l ....5 [832] an ihm etwas Wunderbares, noch nie Gesehenes. Dann aber kam Leben in ihn und stürmisch trat er auf Erwin zu. „Buschenhagen, das – das hat Ihnen ein guter Geist eingegeben! Das ist ein Gedanke, der Goldes werth ist. Ja, das ist das Wahre, da kommt man endlich einmal in andere Verhältnisse! Und – passen Sie auf, Buschenhagen, wir machen Geld, Geld wie Heu. Und dann ist für meinen Henry“ – er hob seinen Knaben empor und drückte sein Gesicht zärtlich an die blühende Kinderwange – „für meinen Henry ist dann auch gesorgt.“

Erwin machte zu der Begeisterung seines Freundes ein bedenkliches Gesicht. „Aber Geld gehört dazu, Schuckmann, schweres Geld. Und ich, Sie wissen –“ er zuckte die Achseln.

„Geld?“ Schuckmann lachte. „Ist vorhanden! Sechshundert Dollar! Reicht’s?“

„Ich denke.“

„Also! Ich setze alles dran! Entweder – oder! Uebrigens, Gesahr ist kaum dabei. In einer Stadt von dieser Größe! Konkurrenz ist keine da?“

„Ich denke, nicht!“

„Und die Methode?“

„Was die Methode betrifft,“ fiel Erwin begeistert ein, „die ist großartig und schließt jeden Mißerfolg aus!“

„Also!“ Schuckmann streckte dem Freunde die Hand entgegen. „Schlagen Sie ein, Buschenhagen, die Sache ist abgemacht! Wir gründen die Schule!“

Erwin schüttelte dem Freunde freudestrahlend die Hand. So leicht hatte er es sich nicht vorgestellt. Schuuckmann aber war ganz aus dem Häuschen Er umfaßte Libby und tanzte mit ihr durchs Zimmer, bis die kleine Frau ganz außer Athem war. – –

Als Erwin eine Stunde später in Wagners Wohnung zurückkehrte, um ihm über das glückliche Ergebniß seiner Bemühungen Bericht zu erstatten, fand er nur Klara im Wohnzimmer. Unwillkürlich that er einen Schritt zurück, denn all das, was zwischen ihnen lag, drängte stürmisch auf ihn ein. Als er dann aber in ihr Gesicht blickte, das von milder, verzeihender Liebe strahlte, als sie wortlos vor tiefer Bewegung ihm die Hand entgegenstreckte, da stürzte er mit einem Jubelruf vorwärts und warf sich, von Glück und Dankbarkeit überwältigt, vor ihr auf die Knie, sein zuckendes Antlitz in ihren Händen verbergend.

Da klang es leise innig von ihren Lippen: „Erwin!“

Der Laut berührte ihn mit magischer Gewalt. Ungestüm sprang er auf, die Arme nach ihr ausbreitend, und hingebend wie einst sank sie ihm an die Brust. Er aber neigte sein Haupt und küßte sie auf die Stirn voll ehrfürchtiger Liebe. Worte für die Seligkeit, die ihre Herzen erfüllte, fanden sie nicht. Sie wußten ja doch, daß sie sich gefunden hatten, um sich nie wieder zu verlieren. – –

Schon am andern Tage begannen die beiden Freunde mit der Verwirklichung ihres Planes. In einer günstigen Lage von Brooklyn mietheten sie drei Zimmer, von denen sie zwei als Schulzimmer, das dritte als Bureau verwendeten. Dann wurden überallhin in die Stadt Ankündigungen versandt und Anzeigen in einigen der gelesensten Tageblätter aufgegeben.

Der Anfang war hart, es dauerte geraume Zeit, bis das erste Dutzend Schüler voll war. Dann aber hatte man leichtes Spiel. Erwin sowohl wie Schuckmann boten all ihre Kraft auf, um ihre Schüler vorwärts zu bringen, und der Erfolg, den sie erzielten, war die beste Empfehlung für die neue „internationale Sprachschule“, wie die Freunde ihr Unternehmen genannt hatten.

Mit Herrn Beelitz hatten sie einen Vertrag abgeschlossen, durch den sie sich verpflichteten, ihm drei Prozent des Reingewinns abzugeben. Dafür erlaubte er ihnen, sich seiner Methode zu bedienen, und ging ihnen auch im übrigen mit seinen Erfahrungen und Kenntnissen an die Hand. Erwin unterrichtete im Deutschen, während Schuckmann, der in seinem Elternhaus schon als kleines Kind das Französische wie seine Muttersprache sprechen gelernt hatte, die französischen Stunden übernahm. Klara aber empfing die sich anmeldenden Schüler, besorgte das Geschäftliche und gab auch selbst in einigen Kinderklassen Unterricht. Mit Beginn des zweiten Vierteljahres waren es schon sechzig Schüler für die beiden Sprachen und der Fortbestand der Schule war gesichert.

Damit hatten auch Erwin und Klara endlich das Ziel ihrer Wünsche erreicht. Die Hochzeit fand in Wagners Wohnung statt und wurde fröhlich, aber in schlichter Weise gefeiert. An dem Essen, das nach der Trauung die Gäste vereinigte, nahm auch der gute Jänicke theil, der sich durch die Einladung sehr geehrt fühlte, anfangs jedoch mit einigen Beklemmungen zu kämpfen hatte. Erst nach dem vierten Glas kam auch über ihn eine behagliche Feststimmung, und als die ihm gegeuübersitzende, von Glück und Schönheit strahlende junge Frau ihm freundlich zunickte, da faßte er sich ein Herz und erhob sein Glas. „Auf eine lange, glückliche Ehe, Frau Leitnant!“

Am nächsten Tage kam ein Brief aus der Heimath an, der die Freude der Neuvermählten vollendete. Erwins Eltern, denen er seine Schicksale mitgetheilt hatte, mit der Bitte, ihm zu verzeihen und ihren Segen zu seiner bevorstehenden Hochzeit zu geben, sandten ihre herzlichsten Glückwünsche. Eine Stelle in dem Schreiben des alten Majors war es besonders, die Erwins Herz höher schlagen machte.

„Aus Deinen Mittheilungen sehe ich, mein lieber Junge,“ so schrieb sein Vater, „daß Du auf dem Wege bist, ein ganzer ein rechter Mann zu werden. So wollen wir denn die alten Wunden nicht mehr aufreißen und das Vergangene begraben sein lassen. Die harte Lehrzeit, die Du drüben durchgemacht hast und die nun wohl zum Abschluß gelangt ist, wird, so hoffe ich, gute Früchte für Dein ganzes zukünftiges Leben reifen. Du wirst einsehen gelernt haben, daß das Glück des Lebens nicht in äußeren Genüssen zu suchen ist, sondern in strenger, treuer Pflichterfüllung, in dem Bewußtsein, das Rechte zu thun. Dein neuer Beruf ist gewiß ein schöner, denn Du hilfst, dem Deutschthum im fremden Lande neue Freunde gewinnen. Im übrigen weißt Du, daß ich bei aller Liebe für den Soldatenstand nie zu denen gehört habe, die auf alle andere Arbeit mit Hochmuth herabsehen. In meinen Augen ist jeder, der seinen Beruf ehrlich ausfüllt, ein achtungswerther Mann. Zu Deiner Wahl aber sende ich Dir aus vollem Herzen meinen Segen. Was Du uns über Deine Braut mittheilst, hat uns allen ein warmes Interesse für sie eingeflößt. Daß sie das Herz auf dem rechten Fleck hat, geht schon aus dem Brief hervor, den sie Deinen Zeilen beifugte. Sie wird Dir eine gute Frau sein, und so heiße ich, heißen Deine Mutter und Deine Schwestern sie als Mitglied unserer Familie aufrichtig willkommen. Wir alle werden sie, wenn Deine Verhältnisse es Dir einmal erlauben, sie uns persönlich zuzuführen, mit offenen Armen aufnehmen.“

„Bist Du zufrieden, Geliebte?“ fragte Erwin, nachdem er diese Worte vorgelesen hatte.

Da warf sich Klara in seine Arme, und während sich ihre Augen mit Thränen der Freude füllten, sprach sie leise: „O Erwin, ich bin die stolzeste, die glücklichste Frau der Welt.“