Ein Quartett bei Goethe

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Textdaten
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Autor: Prof. J. C. Lobe
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Titel: Ein Quartett bei Goethe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 4–8
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Felix Mendelssohn Bartholdy bei Johann Wolfgang von Goethe
Erinnerung aus Weimars großer Zeit
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Ein Quartett bei Goethe.

Erinnerung aus Weimars großer Zeit. Von Prof. J. C. Lobe.


Es war Anfangs November, im Jahre 1821, als drei Mitglieder der weimarischen Hof-Capelle, darunter auch der Schreiber dieser Zeilen, zu dem Herrn Geheimerath von Goethe bestellt, von dem Diener in das bekannte Zimmer, vorn heraus nach dem sogenannten Plan liegend, eingeführt wurden. Drei Pulte standen an der Seite des geöffneten Flügels für uns bereit. Auf demselben lag ein Convolut geschriebener Notenhefte. Neugierig, wie ich in Sachen der Musik immer war und noch bin, blätterte ich darin und las: Studien im doppelten Contrapunkt; ein anderes Heft war überschrieben: Fugen; ein drittes: Kanons. Dann kam: Quartett für Clavier mit Begleitung von Violine, Viola und Cello. Auf allen Heften stand der Name: Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die Noten waren mit fester zierlicher Hand geschrieben, und soviel ich bei schnellem Ueberblick bemerken konnte, zeigte die Mache einen tüchtig ausgebildeten Künstler. Der Name Mendelssohn als Musiker war uns unbekannt.

Während wir unsere Instrumente in die Hand nahmen und vorläufig in Stimmung mit dem Clavier setzten, trat ein langer Mann herein, den man seiner militärisch straffen Haltung nach wohl für einen ehemaligen Wachtmeister hätte halten können. Mir war er indeß nicht fremd, ich hatte ihn das Jahr vorher in Berlin besucht, – es war der Professor Zelter, der bekannte Director der Berliner Singakademie, Goethe’s treuer Freund und Duzbruder.

Er begrüßte uns freundlich und mich als „alten Bekannten“. „Ich bin voraus gegangen, meine Herren,“ begann er dann, „um vorläufig eine Bitte an Sie zu stellen. Sie werden einen zwölfjährigen Knaben kennen lernen, meinen Schüler, Felix Mendelssohn-Bartholdy. Seine Fertigkeit als Clavierspieler, mehr wohl noch sein Compositionstalent werden Sie wahrscheinlich in einigen Enthusiasmus versetzen. Nun ist aber der Junge eine eigene Natur. Alles Dilettantengejauchze um ihn herum berührt ihn nicht; auf das Urtheil der Musiker aber lauscht er begierig und

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Die Gartenlaube (1867) b 005.jpg

Der junge Mendelssohn-Bartholdy bei Goethe.
Originalzeichnung von C. Döpler.

[6] nimmt jedes für blanke echte Münze; denn der junge Kiekindiewelt ist natürlich noch zu unerfahren, um wohlwollende Aufmunterung von verdienter Anerkennung immer gehörig unterscheiden zu können. Darum, meine Herren, wenn Sie zu einem Lobgesang angeregt werden sollten, was ich immer zugleich wünsche und fürchte, so führen Sie ihn in mäßigem Tempo, nicht zu geräuschvoll instrumentirt, und in C-dur, der ungefärbtesten Tonart, auf. Bisher habe ich ihn vor Eitelkeit und Selbstüberschätzung bewahrt, diesen vermaledeiten Feinden alles künstlerischen Fortschreitens.“

Ehe wir noch etwas auf diese einigermaßen sonderbare Anrede erwidern konnten, kam er herein gesprungen, der Felix. Ein schöner, blühender Knabe, mit entschieden jüdischem Typus, schlank und gelenk; reiches, schwarzes Lockenhaar floß ihm bis in den Nacken herab. Geist und Leben sprühten aus seinen Augen. – Er sah uns einen Augenblick neugierig an, dann trat er auf uns zu und gab jedem freundlich zutraulich die Hand, wie alten Bekannten.

Mit Felix war auch Goethe eingetreten, der unsre ehrfurchtsvolle Verbeugung freundlich grüßend erwiderte. „Mein Freund,“ sagte er, auf Zelter deutend, „hat da einen kleinen Berliner mitgebracht, der uns dieser Tage große Ueberraschung als Virtuose bereitete. Nun sollen wir ihn auch noch als Componisten kennen lernen, wozu ich Ihre Beihülfe erbitte. So laß uns denn hören, mein Kind, was Dein junger Kopf producirt hat.“ Bei diesen Worten strich Goethe dem Knaben über die langen Locken.

Allsobald lief dieser zu den Noten, legte die Stimmen für uns auf die Pulte, die Principalstimme auf den Flügel, und nahm eilig Platz auf dem Sessel. Zelter stellte sich hinter Felix zum Umwenden, Goethe einige Schritte seitwärts, die Hand auf den Rücken; der kleine Componist warf einen feurigen Blick auf uns, wir legten die Bogen an, eine Bewegung von ihm mit dem Lockenhaupt und das Spiel begann.

Dies ist der Moment, den der Künstler aufgefaßt und, sowohl in Bezug auf die Scene selbst als auf alle Einzelheiten des Gemachs, auf’s Treueste dargestellt hat. Goethe hörte alle Sätze mit der gespanntesten Aufmerksamkeit an, ohne besondere Bemerkungen zu machen, als etwa nach dem einen Satz ein „Gut“, nach dem andern ein „Brav“, welches er mit einem freundlich beifälligen Nicken begleitete. Zelter’s Ermahnung eingedenk, zeigten auch wir dem Knaben, dessen Antlitz im Verfolg des Vortrags sich immer höher röthete, unsern Beifall nur durch erfreute Mienen.

Als der letzte Satz zu Ende, sprang Felix von seinem Sitz auf und blickte Alle der Reihe nach mit fragendem Blick an. Er mochte nun etwas über sein Werk hören wollen. Goethe aber nahm, wahrscheinlich von Zelter gestimmt, das Wort und sagte zu Felix: „Recht brav, mein Sohn! Die Mienen dieser Herren“ – auf uns deutend – „sprechen deutlich genug aus, daß ihnen Dein Product recht gut gefallen hat. Nun geh’ hinunter in den Garten, man erwartet Dich, und erhole und kühle Dich ab, denn Du brennst ja lichterloh.“

Ohne Weiteres sprang der Knabe zur Thür hinaus.

Als wir unsere Blicke fragend auf Goethe richteten, ob wir entlassen seien, sagte er: „Verweilen Sie noch ein wenig, meine Herren; mein Freund und ich wünschen Ihre Ansicht über des Knaben Composition zu vernehmen.“

Es entspann sich nun eine längere Unterhaltung, deren speciellen Gang ich freilich nach so vielen Jahren nicht mehr anzugeben vermag, weil ich leider in meinen Tagebüchern nichts darüber aufgezeichnet finde. Manche Aeußerung ist mir jedoch im Gedächtniß geblieben, da mein späteres näheres Verhältniß zu Mendelssohn mir öfter Anlaß gab, mich jenes ersten Zusammentreffens mit ihm wieder zu erinnern.

Goethe bedauerte, daß wir den Kleinen heute nur im Quartettspiel kennen gelernt hätten. „Die musikalischen Wunderkinder,“ sagte er, „sind zwar hinsichtlich der technischen Fertigkeit heutzutage keine so große Seltenheit mehr; was aber dieser kleine Mann im Phantasiren und Primavistaspielen vermag, das grenzt an’s Wunderbare und ich habe es bei so jungen Jahren nicht für möglich gehalten!“

„Und Du hast doch den Mozart in seinem siebenten Jahre in Frankfurt mit angehört!“ sagte Zelter.

„Ja,“ erwiderte Goethe, „damals zählte ich selbst erst zwölf Jahre und war allerdings, wie alle Welt, höchlich erstaunt über die außerordentliche Fertigkeit desselben. Was aber Dein Schüler jetzt schon leistet, mag sich zum damaligen Mozart verhalten, wie die ausgebildete Sprache eines Erwachsenen zu dem Lallen eines Kindes.“

„Allerdings,“ sagte Zelter lächelnd, „was das Fingergeschlecht betrifft, so spielt der Felix die Concerte, mit denen Mozart seiner Zeit die Welt in Erstaunen versetzte, als leichte Spielerei frisch vom Blatte weg, ohne eine einzige Note sitzen zu lassen. Aber das können jetzt viele Andere noch. Bei mir handelt sich’s um das schaffende Talent des Knaben, und“ – sich an uns wendend, – „was meinen nun die Herren zu seiner Quartett-Composition?“

Es wurde von unserer Seite mit voller Ueberzeugung ausgesprochen, daß Felix viel selbstständigere Gedanken producire, als Mozart in denselben Jahren, der damals noch nichts anderes als gewandte Nachahmungen des Vorhandenen geliefert habe. Hiernach sollte man schließen dürfen, daß die Welt mit diesem Knaben einen zweiten Mozart in verbesserter Auflage erhalten werde, und um so sicherer, als er von blühender Gesundheit strotze und alle äußeren Umstände ihm so günstig wären.

„Möchte es so sein,“ sagte Goethe. „Wer aber kann sagen, wie ein Geist sich in der Folge entwickeln mag? Wir haben schon so manches vielversprechende Talent falsche Wege einschlagen und unsere großen Erwartungen täuschen sehen. Indeß davor wird diesen jungen Geist der Lehrer bewahren, den ihm das gute Glück in Zelter zugeführt hat.“

„Ich nehme es wohl ernst mit dem Jungen und halte ihn neben seinen eigenen freien Arbeiten immer bei der Stange der strengen contrapunktischen Studien. Allem wie lange kann das noch dauern, so entläuft er meiner Zucht – ich kann ihn ja eigentlich jetzt schon nichts Wesentliches mehr lehren – und einmal frei, wird sich’s erst zeigen, wohin seine eigentliche Richtung geht.“

„Ja, und überhaupt,“ sagte Goethe, „ist es mit dem Einfluß des Lehrers eine problematische Sache. Das, was den Künstler groß und eigenthümlich macht, kann er nur aus sich selbst schaffen. Welchen Lehrern danken denn Raphael, Michel Angelo, Haydn, Mozart und alle ausgezeichneten Meister ihre unsterblichen Schöpfungen?“

„Freilich,“ bemerkte Zelter, „es haben Viele angefangen wie Mozart, aber noch ist ihm Keiner nachgekommen. (Beethoven wurde nicht erwähnt und so nannten auch wir seinen Namen nicht.) „Der Felix hat Phantasie, Gefühl und tüchtige Technik, Alles in eminentem Grade; er hat überall gute, zuweilen charmante, nichts weniger als Knabengedanken, aber vor der Hand ist es doch nur erst hübsche Musik, die noch auf der Erde herumkriecht, die Sprache des Genius weht noch nicht darin, darüber täusche ich mich nicht. – Meinen Sie nicht so, meine Herren“ – Da er es selbst aussprach, konnten wir ihm wohl beistimmen. Doch fügte ich hinzu: „Auch in Mozart’s Knabencompositionen war diese Sprache noch nicht zu vernehmen.“

Hier erlaubte ich mir die Frage, „ob dieses Quartett auch ganz, wie wir es gehört, von dem Kleinen herrühre.“ „Ja, ja,“ erwiderte Zelter, „alles eigenhändig und – eigengeistig, ich sage, auch ganz eigengeistig. Was Sie gehört haben, bringt er jetzt fertig, ohne jegliche Beihülfe. Ich weiß wohl, wie’s die meisten Lehrer machen. Um ihre Lehrkunst zu apotheosiren, überschmieren sie die Arbeiten ihrer Schüler so lange, bis von den Gedanken der letzteren wenig oder nichts übrig bleibt, und geben’s dann für die Arbeit der Scholaren aus. Das ist eine niederträchtige Schwindelei und Charlatanerie. Sie täuschen nicht allein die Angehörigen und das Publicum, sondern auch die Schüler selbst, die sich bald einbilden, Alles selbst gemacht zu haben. Es ist ein Uebel, das schon manches wirklich schöne Talent verdorben und in seiner höhern Ausbildung gehemmt hat. Den da lasse ich gewähren, lasse ihn jetzt machen, was er jetzt machen kann; da bleibt die Schaffenslust stets frisch, weil er mit dem jedesmal Gemachten zufrieden ist und ihm die Freude am Gelungenen nicht durch die Kritik vergällt wird. Die kommt bald von selbst. Die Einsicht wächst und damit der Trieb zum Neu- und Bessermachen. Darum hat dieser zwölfjährige Bube schon mehr geschrieben, als mancher Dreißigjährige; mag’s sein, wie’s will, es ist da, als nöthige Stufe, die Keiner, auch das höchste Genie nicht, zu überspringen vermag. Behüte uns der Himmel die seltene Pflanze vor allen störenden Einflüssen, so wird sie sich gewiß als ein Prachtexemplar entfalten.“

Dies waren ungefähr die Aeußerungen, deren ich mich noch erinnere. –

[7] Siebenzehn Jahre später. Der Knabe war zum Manne erwachsen. Ich hatte seinen steigenden Ruf und Ruhm mit Interesse verfolgt, mich an seinen fortwährend erscheinenden, immer bedeutender herausgearbeiteten Werken mit steigender Theilnahme erfreut, ihn aber während siebenzehn Jahren persönlich nicht wieder gesehen. Jetzt war er der berühmte Dirigent der Leipziger Gewandhausconcerte, die durch seinen Geist auf ihren Höhepunkt gebracht worden waren. Von allen Seiten wurden die Leistungen dieses Orchesters unter Mendelssohn’s Commandostab als das Vortrefflichste gerühmt, was man an exactem, geistvollem, energischem und fein ausgearbeitetem musikalischem Ensemblespiel wahrnehmen könne. Was Wunder, daß ich dieses Genusses einmal theilhaftig zu werden wünschte. Und so setzte ich mich hin, schrieb ein Tonbild für großes Orchester, und wandte mich, als es fertig, brieflich mit der Bitte an Mendelssohn, es im Gewandhaus zur Aufführung bringen zu dürfen. Ich sprach von keiner pecuniären Vergütung dafür und nur den Wunsch aus, mein Werk selbst einstudiren und dirigiren zu dürfen.

Bald darauf erhielt ich einen freundlichen Brief von Mendelssohn, worin er mir meldete, daß man der Aufführung meines Tonbildes mit Vergnügen entgegensehe und es der Direction auch sehr angenehm sein werde, wenn ich es dem Publicum selbst vorführen wolle. Ich erwähne dieses Briefes vorzüglich einer Stelle wegen, die sein edles, liebevolles, zugleich zartes, gegen Künstler vornehmlich immer nach Möglichkeit hülfreiches Gemüth charakterisirt. Er schrieb nämlich: „Es schien mir auch wünschenswerth, daß Ihnen, zu Deckung eines Theils der Reisekosten wenigstens, ein Honorar angeboten würde, obgleich Sie nichts davon erwähnten; unsere Mittel sind freilich sehr beschränkt, indeß dachte ich doch, es möchte Ihnen nicht unwillkommen sein, und auch hierauf höre ich, daß die Herren Directoren eingegangen sind.“ Das war im November 1838.

Bald darauf kam ich mit meinem Opus nach Leipzig. Mendelssohn empfing mich auf’s Freundlichste, Herzlichste, war in den Proben eifrig beiräthig, um die Ausführung so vollkommen wie möglich zu machen, und als er an dem verhängnißvollen Abende zu mir auf das Orchester kam und meine nervöse Stimmung bemerkte, sagte er: „Sie scheinen Angst zu haben?“ – „Ach, sehr starke!“ erwiderte ich. – „Ah, bah!“ sagte er darauf, „das haben Sie nicht nöthig. Ihr Werk ist gut, das wissen und müssen Sie wissen. Wie es das Publicum heute aufnimmt, was kommt darauf an! Wollen wir’s besser verlangen, als es den größten Meistern von jeher so oft gerade mit ihren besten Sachen ergangen ist?“

Die Composition erhielt, wie die Leipziger Kritik schrieb, einen succès d’estime. Ich war auf’s Tiefste niedergeschlagen und sagte von der Zeit an der Composition die Freundschaft auf. Ich erwähne dieses Umstandes auch nur, weil es der Anlaß zu einem freundschaftlichen Verhältniß zu Mendelssohn wurde, der in meiner Musik doch etwas mehr als das Publicum gefunden haben mochte, denn er hat mir von da an stets eine große Theilnahme bewiesen und erhalten.

Zum Beweise theile ich einen späteren Brief von ihm aus dem Jahre 1843 hier vollständig mit. Meines Wunsches, der darin berührt ist, kann ich mich nicht mehr entsinnen. Es liegt auch nichts daran.

     „Lieber Herr Lobe!

Wie gern ich jeden Ihrer Wünsche erfüllen möchte, wissen Sie wohl. Aber ich bin im Augenblick nicht im Stande Ihnen die gewünschten Themas und Durchführungen aufzuschreiben, weil mich eine Menge Arbeiten und Geschäfte gar zu sehr in Anspruch nehmen, und besonders weil ich glaube, daß es von Ihnen selbst gemacht sein muß, wenn es gerade für Ihren Zweck recht passen soll. Ich lege daher diesen Zeilen die Partitur eines Quartetts und die meiner neuen Symphonie bei, und bitte Sie dieselben zum Andenken an mich zu behalten. Vielleicht finden Sie darin, was Sie brauchen; wo nicht, so wird Ihnen eine dortige Musikalienhandlung gewiß die Partituren meiner vier übrigen Quartetten, die jetzt alle bei Breitkopf und Härtel erschienen sind, zur Ansicht leihweise schicken, und wenn sie Umstände machen sollten, so will ich mit Breitkopf und Härtel reden, daß die es thun. Ich hoffe (oder fürchte?) aber, Sie werden an den beiden Sachen, die ich beifolgend schicke, übergenug haben. Die Symphonie hätte ich Ihnen ohnedies über kurz oder lang geschickt, oder bei einer Durchreise selbst gebracht; denn sie ist mir lieb, und Sie wissen, wie viel mir daran gelegen ist, wenn einem Musiker, wie Sie, ein Stück recht ist, das mir selbst recht ist.

Vollenden Sie nur Ihre Oper bald, daran fehlt es doch jetzt an allen Ecken und Enden. Und gebe Gott, daß unsre Verhältnisse sich hier günstig gestalteten, daß wir im Stande wären, Sie hier zu fesseln, ohne die Sorge, daß Sie es später bereuen möchten, uns ein Opfer gebracht zu haben. Ich gebe die Hoffnung nicht verloren, daß dies in den nächsten Jahren wohl noch einmal so weit kommen könnte, aber freilich möchte ich am liebsten, es wäre gleich! Wann es aber auch sei, kein Mensch wird sich mehr darüber freuen und mit mehr Lust auf die Erfüllung einer solchen Aussicht hinarbeiten als Ihr stets aufrichtig

Ihnen ergebner     
Felix Mendelssohn-Bartholdy.“

Von dieser Zeit an habe ich manche glückliche Stunde mit dem geliebten Meister verlebt. Er kam mehrmals nach Weimar, und dann spielte er uns, und einigen ihm besonders genehmen Personen, entweder bei mir oder bei dem damaligen Musiklehrer Montag seine neuesten Compositionen vor. Größere Gesellschaft aber verbat er sich stets bei solchen Gelegenheiten. „Lassen Sie uns heut Abend Musik machen,“ sagte er gewöhnlich, „aber ganz unter uns. Wir müssen im Nothfall die Röcke ausziehen und in Hemdärmeln spielen können.“ Eines Abends kam ich erst nach zehn Uhr aus einer Opernprobe nach Hause. Freudigen Angesichts kam meine Frau mir entgegen mit der Frage: „Wer, denkst Du, ist hier gewesen? Mendelssohn! Er war auf der Durchreise begriffen (wenn mir recht ist, auf seiner Brautfahrt nach Frankfurt) und bedauerte sehr, Dich nicht anzutreffen. ‚Wissen Sie was, liebe Frau Lobe,‘ sagte er, ‚ich werde die paar Stunden, die ich hier auf den Abgang der Post warten muß, bei Ihnen bleiben und, wenn Sie wollen, Ihnen etwas vorspielen.‘ Und darauf setzte er sich an den Flügel und hat wohl zwei Stunden fast ununterbrochen mir allein die schönsten Sachen vorgetragen, und göttlich phantasirt.“ Daß meine Frau diesen Abend nicht vergißt und stolz darauf ist, kann man sich denken. Ein anderes Mal wurde Musik bei Montag gemacht. Mendelssohn spielte sein D-moll-Trio. Dann wurde ein Streichquintett von meiner Composition vorgenommen, dazu spielte er die zweite Viole sehr sicher und gewandt. Wo sich aber Gelegenheit fand, suchte er mir auch auf andere Weise gefällig oder nützlich zu sein. So z. B. hatte er sich über genanntes Quintett sehr günstig gegen meine edle Gönnerin und vielfache Wohlthäterin, die Frau Großherzogin Maria Pawlowna, ausgesprochen, worauf mir „in Folge einer ehrenvollen Anerkennung meines künstlerischen Strebens durch Herrn Dr. Mendelssohn-Bartholdy“, wie es hieß, ein sehr ansehnliches Geschenk von der hohen Frau übermacht wurde.



Sechsundzwanzig Jahre später. Wenigen möchte es bekannt geworden sein, daß der kräftige, gesunde, überaus lebhafte, immer heitere, in allen Beziehungen glückliche und sein Glück erkennende Mann zuweilen von Ahnungen eines frühzeitigen Todes befallen wurde. Als er seinen „Paulus“ in der Weimarischen Stadtkirche aufführte, wir nach einer Probe desselben Beide allein auf seinem Zimmer im „Erbprinz“ saßen und ich – damals ein arger Hypochonder – bemerkte, daß ich von seinen späteren Schöpfungen wenig genießen würde, erwiderte er: „O, mein Lieber, Sie werden mich lange überleben!“

Ich wollte über seine Aeußerung scherzen, er aber fiel mir mit der ganz bestimmten Versicherung in’s Wort: „Ich werde nicht alt!“ – Dann aber, als bereue er diese Aeußerung, nahmen seine Züge den heitersten Ausdruck an; er ging zu Besprechung der eben beendeten Probe über, wobei er vorzüglich die Freundlichkeit und Willigkeit hervorhob, mit der ihm alle Mitwirkenden entgegengekommen wären.

Wie hätte ich in jener Stunde, da der schöne, in Fülle der Gesundheit vor mir sitzende Mann erst ein beginnender Dreißiger war, denken mögen, daß wenige Jahre nachher schon seine Prophezeiung in Erfüllung gehen werde! Ich war 1846 nach Leipzig übergesiedelt, traf ihn frisch, munter, nach allen Seiten hin ununterbrochen thätig, hatte mich mancher geistreichen und belehrenden Unterhaltung mit ihm noch zu erfreuen, eine davon habe ich in [8] meinen „Fliegenden Blättern für Musik“ aufgezeichnet, und — ein Jahr nachher, 1847, in seinem achtunddreißigsten Jahre schon — sechsundzwanzig Jahre nach der ersten Begegnung mit dem schönen, genialen Knaben bei Goethe, wie ihn das Bild darstellt, trugen sie den großen Tonkünstler aus seiner Wohnung in der Königsstraße nach der Pauliner-Kirche. Neben seinem Sarge wandelte unter den unzähligen Leidtragenden auch der Schreiber dieser Zeilen.