Ein neuer Geschichtsschreiber

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
>>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein neuer Geschichtsschreiber
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 348a
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[348a] Ein neuer Geschichtsschreiber. Als einen solchen, und zwar auf dem Gebiete der deutschen Particulargeschichtsschreibnng, haben wir Adolf Fleischmann[1] zu begrüßen. Wer einen Blick auf die politische Karte der Thüringer Staaten wirft, kann sich einen Begriff machen von der Aufgabe, die sich ein Geschichtsschreiber stellt, wenn er aus diesem Durcheinander von Ländertheilen ein Stück von heutigen politischen Staatsgrenzen herausnehmen und das Schicksal desselben bis in die ältesten Zeiten verfolgen will. Adolf Fleischnmann hat dies unternommen in dem Werke: „Zur Geschichte des Herzogthums Sachsen-Coburg mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte des Gesammthauses Sachsen etc.“ (Hildburghausen, Kesselring’sche Hofbuchhandlung). Wir würden uns unnöthig bemühen, den Werth dieses Werkes besser darzustellen, als ein Freund desselben bereits gethan. Er sagt:

„Welch’ eine Fülle geschichtlichen Materials ist im engen Rahmen hier geboten! Welch’ ein Zeugniß der mühsamsten, gründlichsten, mit klarem Blicke erfaßten geschichtlichen und archivalischen Studien! Und das Ganze ist in edler Sprache abgefaßt, weit entfernt von der Nüchternheit chronikalischer Aufzählungen oder eines ordinären geschichtlichen Stiles. Selbst da, wo wir in den vielfach gewundenen und verschlungenen Verlauf der Fürstenwechsel. Erbfolgen, Ländertheilungen eingeführt werden, fühlen wir bei der klaren Darstellung nicht Ermüdung, sondern Interesse und dankbare Freude über die Ergänzung und Bereicherung unserer Kenntnisse der engeren vaterländischen Geschichte. In nicht wenigen Episoden erhebt sich die Diction zum edelsten Schwunge. Und wenn, abweichend von dem ernsten Gange der Geschichte, Details eingeflochten sind, sich oftmals wohlthuend wie lichte Punkte auf dunklem Grunde abhebend, so sind sie es mit wahrhaft künstlerischem Geschicke, sinnig, nicht unbedeutend, sondern Schlaglichter werfend auf einzelne Persönlichkeiten, wie auf ganze Zeitabschnitte.“

Von diesen Schlaglichtern fällt auch eines auf das geistige Leben des Volkes zur Zeit der Reformation. Wer heute von der Veste Coburg auf die Städte und Dörfer des Landes hinabschaut, sieht und weiß, daß neben jeder Kirche eine Schule steht, und glaubt schwerlich, daß erst im Jahre 1527 der erste Schulmeister in der Stadt Coburg, und zwar durch Martin Luther, angestellt wurde. Eine Buchdruckerei bestand damals ebenso wenig wie eine Apotheke, und ein Arzt wird zuerst 1548 genannt.

„Daß man,“ sagt unser Buch, „bei solchen Verhältnissen selbst höchsten Orts seine Zuflucht zu Hausmitteln nahm, war sehr erklärlich. Die Gräfin Elisabeth von Henneberg z. B. bediente sich gegen ihr Steinleiden des Fleisches eines drei Wochen lang mit Wein getränkten Bockes, den der Apotheker in Meiningen zum Gebrauch einstellen mußte, wozu der Rentmeister der Gräfin den Wein, und zwar so viel, als der Bock trinken würde, dem Apotheker täglich zu liefern hatte. – Und diese Zeit, so einfach, fast kindlich, wenn wir den geistigen Bildungsgrad der Nation in’s Auge fassen, war zugleich die entwickeltste und anspruchsvollste, wenn es sich um den Lebensgenuß handelte. Wir kennen Alle so manche Bilder aus jener Zeit und finden welch’ reichbesetzte Tafeln! welche Farben- und Formenpracht der Gefäße, der Geräthe, der Männer- und vollends der Frauenkleidung! welch’ eine Mischung noch anderer sinnlicher Genüsse an Speise, Trank, Musik, vollen Wangen und schwellenden Frauengestalten! welches Lachen über den Witz des rothfarbigen Spaßmachers, der bei solchen Gelegenheiten nie fehlen durfte! Diese Bilder sind nicht Phantasiestücke, sondern treu gemalte Art und Sitte jener Zeit.“

Sehr werthvolle und interessante Abschnitte des Werkes enthalten eine Geschichte der gefürsteten Grafschaft Henneberg, der Herrschaft Saalfeld, der landständischen Verfassung in Coburg bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts, vor Allem aber ein Lebensbild des Prinzen Friedrich Josias von Coburg-Saalfeld, kaiserlich österreichischen und des deutschen Reichs General-Feldmarschalls. Der edle Held steht bei den Männern der Kriegswissenschaft in hohem Ansehen. Er hat, nachdem er schon im siebenjährigen Kriege tapfer mitgefochten, 1788 die Türken in mehreren Schlachten besiegt, die Walachei erobert und seinen Siegereinzug in Bukarest gehalten. Im Jahre 1793 mußte er die Führung des Krieges gegen die Franzosen in den Niederlanden übernehmen, gegen seinen ausgesprochenen Willen, denn sein Scharfblick erkannte, daß bei der Zusammensetzung des Heeres aus Oesterreichern, Preußen, Holländern, Engländern und der Reichsarmee der Mangel an einheitlicher Organisation des Commandos der verbündeten Truppen seinen Unternehmungen gefährlicher werden könnte, als der Feind. Und so geschah es. Nachdem der Prinz trotzalledem die Franzosen in zwei Schlachten besiegt („Pitt und Coburg!“ war ein französischer Schreckensruf jener Tage) und vier Festungen erobert hatte, brach die Zwietracht, noch von Wiener Hofintriguen geschürt, aus, und mehrere Schlachten und Festungen gingen wieder verloren. Der Feldherr legte entrüstet seinen Stab nieder, nachdem auch sein patriotischer Aufruf an die Nation um Hülfe unerhört geblieben war. Dieses unverschuldete Mißgeschick verleitete dennoch den berühmten Schlosser in Heidelberg, über diesen Feldherrn in seiner „Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts“ das Urtheil „militärischer Unfähigkeit“ zu fällen. Dem großen Geschichtsschreiber schreiben alle kleinen nach, für sie ist A. v. Witzleben’s dreibändige Lebensbeschreibung des Prinzen nicht vorhanden, und so geht Schlosser’s Herabwürdigung des edlen Helden von Buch zu Buch bis in die Schulbücher über. Es ist ein großes Wort: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“ – nur sollten Geschichtsprofessoren unsträfliche Muster von Gerechtigkeit und Gewissenhaftigkeit sein, wenn sie die Rolle von Weltgerichtsräthen spielen wollen.



  1. Dieser coburgische Geschichtsschreiber, Justizamtmann a. D. in Coburg, ist nicht zu verwechseln mit dem Sonneberger Commerzienrath gleichen Namens, dessen wir in dem „Spaziergang durch das Thüringer Spielwaarenland“ (Nr. 17 u. 18 der „Gartenlaube“) zu gedenken hatten.