ADB:Schlosser, Friedrich Christoph

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Artikel „Schlosser, Friedrich Christoph“ von Franz Xaver von Wegele in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 31 (1890), S. 533–541, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schlosser,_Friedrich_Christoph&oldid=3120763 (Version vom 18. März 2019, 20:18 Uhr UTC)
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Schlosser: Friedrich Christoph S., Geschichtschreiber, geboren am 17. November 1776 zu Jever im heutigen Großherzogthum Oldenburg, † am 23. September 1861 in Heidelberg. Das Jeverländchen stand zu dieser Zeit unter dem Fürsten Friedrich August von Anhalt-Zerbst, an dessen Vorfahren es vor nahezu 100 Jahren (1663) nach dem Aussterben des alten oldenburgischen Hauses auf dem Wege der Vererbung übergegangen war. Nicht gerade unter den wohlthuendsten Verhältnissen ist der junge S., das jüngste unter zwölf Geschwistern, herangewachsen. Sein Vater, von Beruf Advocat, starb früh hinweg, nachdem er das beträchtliche Vermögen seiner Frau zum guten Theile vergeudet hatte. Die Mutter hatte, in stetem Kampfe mit dem leichtlebigen Mann, zu retten versucht, was zu retten war; im Grunde durchaus tüchtig und begabt, that sie, als nun die ganze Last der Erziehung der zahlreichen Familie auf sie fiel, in ihrer derben und harten Art des Guten etwas zu viel, so daß ihr berühmter Sohn noch viele Jahre nach ihrem Tode mit sehr gemischten Empfindungen von diesen Erfahrungen seiner Knabenzeit sprach. Den ersten Unterricht erhielt er indeß nicht in Jever, sondern in einer Dorfschule auf dem Lande, wohin ihn eine wohlbegüterte Tante zu sich genommen hatte. S. hat sich in späterer Zeit dieser paar Jahre seines ländlichen Aufenthaltes gerne erinnert und seine nachhaltige Liebe zur Natur und Einsamkeit darauf zurückgeführt. Nur zu bald für seine Neigung mußte er jedoch in seine Vaterstadt heimkehren, um dort die „lateinische Schule“, die sogen. „Provinzialschule“, zu besuchen, wo der Grund zu seiner höheren Ausbildung gelegt wurde, denn trotz der beschränkten Mittel machte es die Mutter möglich, ihren jüngsten Sohn dem „gelehrten Stande“ zu widmen, bezw. ihn darauf vorbereiten zu lassen. Eine ungemessene Neigung zu Jugendlectüre aller Art hatte sich bereits vordem in ihm entwickelt und nahm mit den Jahren und den entgegenkommenden Gelegenheiten zu, ohne seinen Lerneifer zu lähmen. Dazu gesellten sich noch andere Eindrücke. Sein Landesherr, der Fürst (Friedrich August) von Anhalt-Zerbst gehörte zu denjenigen deutschen Fürsten, die nicht bloß gern Soldaten spielten, sondern zugleich in größerem Umfange Truppen aus aller Herren Länder warben, um sie an die Engländer in ihrem Kampfe gegen die aufgestandenen Colonien in der neuen Welt zu vermiethen oder zu verkaufen. Der Sammelpunkt dieser recht gemischten Gesellschaft vor ihrer Abreise und oft auch nach ihrer Heimkehr war das Städtchen Jever. Der junge S. kam in vielfache und recht nahe Berührung mit den verschiedensten Elementen dieser Art, und es konnte nicht fehlen, daß er von diesem Verkehr die wunderbarsten Eindrücke und Anregungen empfing, und daß eine frühzeitige Erweiterung seines jugendlichen Gesichtskreises, die freilich ihre zwei Seiten hatte, sich damit verknüpfte. Seine Schulstudien hat er aber dabei nicht vernachlässigt, und als noch vor der Absolvirung des Gymnasiums seine Mutter starb und er mit einer mäßigen Erbschaft fast ganz auf sich allein angewiesen war, bot er alle Kräfte auf, um etwa Versäumtes nachzuholen und System in die große Masse seines Wissens zu bringen. Ostern 1794 beendigte er seine Gymnasialstudien und sollte er zum Besuche einer Universität übergehen. Daran knüpfte sich zugleich die Entscheidung eines zu wählenden Lebensberufes. Er entschied sich für das Studium der Theologie, nicht gerade aus überwältigender Begeisterung für diesen Stand, sondern weil er glaubte, daß auf diesem Wege seine bescheidenen Ansprüche an das Leben sich am sichersten befriedigen ließen. Höher, etwa zu einer gelehrten Laufbahn im wörtlichen Sinne, sind nach seiner Versicherung damals und auch noch später seine Wünsche nicht gegangen.

[534] So kam er denn, kaum 17 Jahre alt, Ostern 1794 nach Göttingen, vollständig auf sich selbst angewiesen, von seiner Familie bereits zum größten Theil losgelöst, jedoch voll Eifer, seinen Durst nach höheren Kenntnissen zu befriedigen und von einem „ungeheueren“ Begriff von der Wissenschaft beseelt. Seine Erwartungen von Göttingen haben sich freilich zum geringeren Theil erfüllt, auch wenn man seine späteren bez. Aeußerungen nicht allzu ernsthaft nimmt. Heyne namentlich verlor in seinen Augen ungemein; als er ihn auf dem Katheder wirksam sah, und im Grunde waren es nur Kästner, Planck, Eichhorn und Spittler, die vor ihm Gnade fanden. Der Theologie ist er treu geblieben und hat sich sogar, als er gegen Ende seiner Studienzeit zufälliger Weise einen längeren Besuch in Arolsen (Fürstenthum Waldeck) machte, dort auf Grund einer bestandenen Prüfung unter die Candidaten des Predigeramtes aufnehmen lassen. Obwohl er mit dem Geständniß zurückhält, ist offenbar sein Herz bei diesem Hergang vorübergehend betheiligt gewesen, bei näherer Ueberlegung jedoch hat er gleichwohl von der Festhaltung des Gedankens Abstand genommen.

So kehrt er denn im Herbste 1797, 21 Jahre alt, mit Kenntnissen aller Art bereichert, in seine Heimath zurück. Hier fand er aber nichts was ihn hätte fesseln können: „ohne Geld, ohne nahe Aussicht, ohne Verwandte“, wie er war und wie er seine augenblickliche Lage schildert. So besann er sich nicht, eine sich ihm darbietende Stellung als Hauslehrer bei dem Grafen von Bentinck-Rhoon anzunehmen (Weihnachten 1797). Er kam hier in vornehme Gesellschaft, deren leitenden Mittelpunkt die Gemahlin des Grafen vorstellte. Wenn auch ganz ungewohnt, sich auf solchem Boden zu bewegen, wußte S. doch sich zu behaupten, und fand im übrigen Zeit genug, seine philosophischen und historischen Studien fortzusetzen. Im Juni 1798 gab er plötzlich diese Stellung auf, hat aber die Gründe dieses Schrittes auch später nie verrathen.

Nun ging er in seine Heimath zurück und versah einige Monate lang eine Pfarrei auf dem Lande; wie zu vermuthen, hat er sich jetzt unter die Candidaten seines Heimathlandes aufnehmen lassen. Dieses hatte in der Zwischenzeit den Herrn gewechselt; auf Friedrich August von Zerbst war dessen Schwester, die Kaiserin Katharina II. von Rußland, und nach ihrem Tode der Kaiser Paul gefolgt. In dieser Zeit hielt S. noch an dem schon früher gefaßten Plane, nach Rußland zu gehen, fest, und ein halber Zufall war es, der ihn zwang, den Gedanken endgültig fallen zu lassen: im anderen Falle würde sein Lebensgang, aller Wahrscheinlichkeit zufolge, eine andere Gestalt angenommen haben. Nach Lage der Dinge sah er sich nun wieder auf die Bahn des Hauslehrerthums zurückgewiesen. Er fand in dieser Eigenschaft eine willkommene Unterkunft bei einem kleinen Kaufmann in Othmarschen bei Altona, und behielt zugleich Zeit genug übrig, an der Vervollkommnung „seiner Studien und seiner Bildung“ weiter zu arbeiten. S. hat später diese Jahre, vom October 1798 bis Mai 1800, „die wichtigste Zeit seines Lebens“ genannt. Als examinirter Jever’scher Candidat sah er seine Zukunft gesichert; in der Umgebung seines neuen Patrons ging es bewegt und lustig her, eine Menge der geriebensten Menschen gingen aus und ein, er konnte von ihnen lernen, ohne daß er seine Eigenart und Selbständigkeit zu opfern brauchte. Daneben gewann er den Zugang in ein angesehenes Hamburger Haus, wo er Gelegenheit fand, seinen Blick zu erweitern und wirklich interessante Bekanntschaften zu machen. Doch waren es gleichwohl nicht Thatsachen dieser Art, die S. bewogen haben, diesen Jahren die oben angeführte Bedeutung für seinen Lebensgang zuzuschreiben, sondern die Richtung, die eben jetzt seine Studien nahmen und die Entwicklung, in die sein Geist eintrat. Er vertiefte sich in das Studium des Thucydides, der Mathematik, der französischen Litteratur, Voltaire’s u. A., der Philosophie Kant’s und weiterhin Fichte’s und [535] Schelling’s. Man hat in neuerer Zeit mit Recht darauf aufmerksam gemacht, daß das Studium Voltaire’s, so widerspruchsvoll das klingen mag, auf seine Art, Geschichte zu schreiben, und das Kant’s auf seine gesammte Denkweise maßgebend eingewirkt hat. Dazu kam aber noch die Bekanntschaft mit den Schriften der Gebrüder Schlegel, welchen, wie er noch in späteren Jahren nachdrücklich aussprach, er „mehr als allen seinen anderen Lehrern“ verdankt haben will. Mit anderen Worten, sein Geist erhielt jetzt, mitten unter einer zum Theil ganz entgegengesetzten Umgebung, die Richtung, die für ihn in den beiden folgenden Jahrzehnten die bestimmende geworden ist. Eine Ergänzung hat diese Stimmung, die ihn zur Annäherung an die sogen. romantische Schule lenkte, durch die noch im Jahre 1800 erfolgte Berufung nach Frankfurt – als Hauslehrer bei dem angesehenen und reichen Kaufmann Georg v. Meyer gefunden, die für seine Zukunft überhaupt und in jeder Beziehung entscheidend geworden ist. Der Unterricht, welchen S. den beiden Kindern seines neuen Patrons gab, trug, seinem eigensten Wesen entsprechend, einen ausgesprochen polyhistorischen Charakter: Naturwissenschaft wie Physik, Chemie und Botanik und vor allem auch Geschichte wechselten mit einander ab. Man darf wol sagen, der Unterricht, den S. seinen Zöglingen in letzterem Fache mit besonderem Eifer ertheilte, muß als die Wurzel seiner späteren, der Geschichte ausschließlich zugewandten Thätigkeit betrachtet werden, als die Wurzel, denn es hat noch längere Zeit gedauert, bis er mit sich darüber in das Reine kam, in der Hingabe an dieselbe seinen Lebensberuf zu erblicken. Am allerwenigsten hat er die längste Zeit an die Ergreifung der akademischen Laufbahn gedacht, und doch entsprach die Wirksamkeit des Lehrens mehr als alles Andere seinen innersten Neigungen. Als daher seine Stellung im Hause des Herrn v. Meyer ihm nicht mehr recht behagen wollte und ihm zugleich seine Aufgabe als Erzieher in dem gegebenen Falle beendigt erscheinen durfte, dachte er daran, irgend anderswo eine Unterkunft zu suchen. Es hatte sich ihm die Aussicht eröffnet, in seiner Vaterstadt eine Verwendung als Lehrer am Gymnasium zu finden, doch trug er zunächst gegründete Bedenken, ob er sich wol in den kleinen Verhältnissen daselbst gefallen würde, nachdem er eine Reihe von Jahren hindurch in den großen Verhältnissen Frankfurts, und noch dazu in so weltumgestaltender Zeit, sich bewegt hatte. So legte sich ihm der Gedanke nahe, durch eine schriftstellerische Leistung die Aufmerksamkeit irgend einer Regierung auf sich zu ziehen, und auf diesem Wege ist S. Schriftsteller geworden. Zuerst ging er daran, die dem Aristoteles zugeschriebene Schrift de plantis in das Deutsche zu übersetzen und zu erklären, hatte er sich doch in der letzten Zeit viel mit Kirchenhistorie, Aristoteles und den Scholastikern beschäftigt. Doch ließ er die Absicht, diese seine Arbeit zu veröffentlichen, wieder fallen, hatte aber den Vortheil davon, daß ihm Gurlitt in Hamburg, dem er das bez. Manuscript zugeschickt hatte, eine Collaboratorstelle am Gymnasium daselbst anbot. S. lehnte dieses Anerbieten jedoch ab, weil er hoffte, in Frankfurt selbst eine ihm genügende Stellung zu erlangen. Diese Hoffnung erfüllte sich aber nicht, und er griff auf das Mittel, das ihm eine ihm zusagende Wirksamkeit eröffnen sollte, mit erneutem Eifer zurück. Bereits Ostern 1807 hatte er die kleine Schrift „Abälard und Dulcin“, seine „Probearbeit“, erscheinen lassen, die ihm, ohne gerade bedeutend zu sein, das Lob eines Mannes wie Planck in Göttingen eintrug. Unmittelbar darauf schritt er zur Bearbeitung einer neuen Schrift, das „Leben des Theodor de Beza und des Peter Martyr Vermilli“, die 1809 in Heidelberg herauskam. Sie ist von wesentlich höherem Werthe, als die ihr vorausgegangene, zum Theil schon aus dem Grunde, weil hier handschriftliches Material (Briefe Beza’s, Calvin’s u. s. w.) benutzt ist. Als ein im besonderen Charakteristisches hiebei erscheint die moralisirende Tendenz, zu der sich S. bei der Abfassung dieser Schrift bekennt. Er [536] will das lebende Geschlecht durch ideale Vorbilder aus der Geschichte zu einer edleren Lebensauffassung erheben. Er will die im Streben nach sinnlichem Genuß verfangenen Zeitgenossen an die Vergangenheit erinnern, wo „die süße Hoffnung künftiger Seligkeit kräftig und stark machte, gegenwärtige Leiden zu ertragen und ungeheuere Arbeit zu übernehmen“, u. dgl.

Bevor jedoch diese Arbeit an das Licht trat, hatte S. Frankfurt verlassen, um (Ostern 1808) in seiner Vaterstadt, die mit dem Jeverländchen in dem Frieden von Tilsit der Zar Alexander an das Königreich Holland abgetreten hatte, eine Lehrstelle am Gymnasium zu übernehmen. Bei Gelegenheit der Reise dahin besuchte S. in Kassel den „Thucydides der Deutschen“, Johannes v. Müller, wie er ihn in allem Ernste nannte, ohne an dessen Stellung im Dienste Jerome’s einen Anstand zu nehmen. Später hat er seine gute Meinung über ihn sowohl in wissenschaftlicher als persönlicher Beziehung freilich gründlich geändert. In Jever selbst entwickelte S. zwar als Lehrer einen unermüdlichen Eifer, aber, wie er voraus befürchtet hatte, er konnte sich in den kleinen Verhältnissen, die ihn hier umgaben, doch nicht mehr zurecht finden. So folgte er denn gerne der Einladung seines edlen Freundes in Frankfurt, dessen Haus er vor anderthalb Jahren verlassen hatte, wieder zu ihm zurückzukehren, ohne daß er eine specielle Verbindlichkeit auf sich zu nehmen brauchte. Mitten im Winter 1810 trat er die Reise an, erwarb sich unterwegs in Gießen den Doctortitel, und sann bereits über eine neue Schrift nach, die mit der Kirchen- und politischen Geschichte zusammenhängen und „seine Kenntniß der griechischen und lateinischen Sprache und der historischen Quellen“ bezeugen sollte. Auch hiebei leitete ihn wiederum der Gedanke an seine Zukunft, d. h. sie sollte ihm zu „einer bescheidenen Anstellung im inneren Deutschland“ den Weg bahnen. So ist seine „Geschichte der bilderstürmenden Kaiser des oströmischen Reiches“ entstanden. In Frankfurt angekommen, überraschte ihn das Anerbieten einer Stellung als Collaborator am Gymnasium daselbst, auf Grund dessen er wöchentlich zwölf Stunden geschichtlichen Unterricht an den oberen Classen übernehmen sollte, was ganz seinen Neigungen entsprach. Nebenher arbeitete er an seinen neu beschlossenen Werke, und fand zugleich Zeit, einige Recensionen für die Jenaer Litteratur-Zeitung und die Heidelberger Jahrbücher zu schreiben. Was S. in seiner Selbstbiographie von entscheidenden Erlebnissen für „seine ganze Bildung und seine völlige moralische Genesung“ in dieser Zeit andeutet, kann schon wegen der Unzulänglichkeit seiner bez. Geständnisse hier nicht des Näheren verfolgt werden. Auch sein im J. 1876 veröffentlichter Briefwechsel mit Frau Schmidt in Frankfurt reicht nicht aus, uns hierüber völlige Klarheit zu geben. Gewiß ist nur, daß er in den vorausgegangenen Jahren bittere Erfahrungen inbetreff seines inneren Lebens gemacht haben muß, die ihn „an allem wahrhaft Menschlichen“ zweifeln gemacht hatten. „Bin ich doch um Beides (d. h. um die Freude am Einrichten der häuslichen Behaglichkeit und am Genuß der theilnehmenden Liebe) in den schönen Jahren des Lebens schändlich, ja mehr als schändlich, unerhört betrogen worden, durch meine Schuld und ohne Schuld“, schreibt er. Ueber diesen immer noch verhüllten Hergang und die jetzt eingetretene Heilung soll nur das Eine bemerkt werden, daß S. jetzt hier in Frankfurt in den Kreis edler Frauen eintrat, mit welchen ihn zugleich ein tiefes religiöses Bedürfniß verknüpfte, das eine mystische Färbung trug und in das sich S. tief genug versenkte. Das Studium der Göttlichen Komödie, das er schon längst begonnen und mit gesteigertem Eifer fortsetzte, hängt mit dieser Richtung seines Seelenlebens eng zusammen.

Inzwischen, 1812, vollendete er seine Schrift über die bilderstürmenden Kaiser und lenkte durch sie die Augen der gelehrten Welt aufs neue auf sich. Er trat durch dieselbe mit Gibbon in Concurrenz, dem er, was die Form anlangt, freilich [537] nicht gewachsen war und nicht gewachsen sein wollte, neben dessen weltberühmtem Werke das seinige jedoch immerhin auf einen bestimmten Werth Anspruch erheben durfte.

Durch diese Schrift hatte S. auch die Aufmerksamkeit seines neuen Landesherrn, des Fürst-Primas K. Th. v. Dalberg auf sich gelenkt. Dalberg unternahm gerade jetzt eine förmliche Reorganisation des höheren Unterrichtswesens in seinem Großherzogthum auf eine, was das Universitätswesen anlangt, recht eigenthümliche Weise, indem er die drei fachwissenschaftlichen Facultäten an je drei verschiedene Orte verlegte, dagegen überall neben dem Gymnasium ein „Lyceum“ gründete, das ungefähr der philosophischen Facultät gleichkam. Nach Frankfurt verlegte er die medicinische Facultät, und für das Lyceum daselbst ernannte er S. zum Professor der Geschichte und der Geschichte der Philosophie, ohne daß dieser darum seine Stellung am Gymnasium aufzugeben brauchte. S. hat zwar um dieselbe Zeit den Antrag erhalten, als Nachfolger Neander’s als Professor der Kirchengeschichte nach Heidelberg zu gehen, er lehnte jedoch ab, weil ihn mehr als eine Rücksicht in Frankfurt festhielt. Sein Lehramt am Lyceum hatte u. A. die wichtige Folge, daß es die Veranlassung eines seiner Hauptwerke, nämlich der „Weltgeschichte in zusammenhängender Erzählung“ geworden ist. Der betr. anfängliche bescheidene Entwurf wuchs ihm unter den Händen zu einer umfassenden bändereichen Darstellung aus, deren erster Theil bereits im J. 1815 gedruckt erschien und deren Ausführung ihn dann beinahe sein ganzes Leben hindurch begleitet hat. Mit dem Sturze Napoleon’s fiel nun freilich auch das Großherzogthum Frankfurt und das Dalbergische Lyceum folgte ihm nach. Die nun eintretende Restauration entschädigte S. aber durch das Amt des Stadtbibliothekars und beließ ihn zugleich in seiner Stellung am Gymnasium als Lehrer der Geschichte. Die veränderte Lage der Dinge in Frankfurt, das jetzt Sitz des Bundestages wurde, bot S. noch immer genug des Anziehenden und Anregenden; gleichwohl dauerte es nicht lange, so gab er erneuten Anerbietungen von außen her nach. Es hatten sich ihm zunächst ernst gemeinte Aussichten nach Jena als Nachfolger Griesebach’s und nach Marburg als Ersatzmann für Wachler, eröffnet; S. hatte aber auszuschlagen oder anzunehmen gezaudert; er hatte, wie er wiederholt und zum Uebermaße ausspricht, von dem Geiste und dem Leben auf Universitäten nicht eben die beste Vorstellung, und hat dieselbe im Grunde sein langes Leben hindurch, ohne daß er persönlich eben viel darunter zu leiden gehabt hätte, nicht um Vieles verbessert. Genug, dem Rufe nach Heidelberg (1817) als Nachfolger Wilken’s hat er nicht zu widerstehen vermocht; er hatte mit Heidelberg schon seit mehreren Jahren in nahen Beziehungen gestanden, namentlich zu Creuzer und Daub, und diese, nebst Wilken’s Empfehlung, haben vorzugsweise die Berufung durchgesetzt. Nebst der Professur wurde S. zugleich die Direction der Universitätsbibliothek übertragen, ein Amt, an welchem er aus verschiedenen Gründen kein besonderes Gefallen finden konnte und das er etwa zehn Jahre später wieder niedergelegt hat.

Die Uebersiedlung nach Heidelberg bildet selbstverständlich einen mächtigen Abschnitt in Schlosser’s Leben. Er stand jetzt in seinem 41. Jahre, erfreute sich einer rüstigen Gesundheit und einer Arbeitskraft ohne gleichen. Nachdem die erste Hälfte seines Lebens eine bewegte und wechselvolle gewesen war, durfte er sich jetzt sagen, daß er, so weit sein Temperament dies gestattete, in den sicheren Hafen eingelaufen war. Er stand an der Stelle, für die er am Ende doch am berufensten gewesen ist. Sein unverkennbarer Trieb, zu lehren, konnte nun die vollste Befriedigung finden, und andererseits war er in der Lage, seinen wissenschaftlichen Neigungen ungestört nachzuleben. Aeußerlich genommen, ist diese zweite Hälfte seines Lebens ruhig und geräuschlos verlaufen. Störungen, [538] die an ihn herantraten oder ihn bedrohten, hat er entschlossen abzuwehren verstanden. Das erste Jahrzehnt über begnügte er sich mit dem nahezu ausschließlichen freundschaftlichen Verkehr mit Daub, Creuzer, Abegg, Hegel; erst im J. 1826, also bereits 50 Jahre alt, hat er sich zur Heirath entschlossen, wobei der Einfluß seiner Frankfurter Freundinnen mitgewirkt hat.

Schon vorher war er gewohnt, ihm irgendwie empfohlene oder sonst zusagende Studirende in sein Haus zu ziehen, sie regelmäßig gastlich zu bewirthen und zugleich geistiger Unterhaltung zu würdigen. Seine Vorlesungen an der Universität, die sich zunächst besonders auch um die neuere Geschichte bewegten, erfreuten sich großen Beifalls und einer gewählten Zuhörerschaft, wozu die originelle Persönlichkeit, sowie der Feuereifer des Vortragenden gleichviel beigetragen und welchem der ausgebildete ostfriesische Dialekt, den S. sein Leben lang beibehalten hat, keineswegs Eintrag gethan hat. Erst in den vierziger Jahren fing seine Freude an den Vorlesungen abzunehmen an, was zum Theil damit zusammenhing, daß er sich der Wahrnehmung nicht entziehen konnte, daß die Welt und ihr Lauf überhaupt sich umzuwandeln anfing. Neben der wachsenden Lehrthätigkeit setzte er die litterarischen Arbeiten unentwegt fort. Im J. 1819 erschien seine noch in Frankfurt begonnene und in Heidelberg vollendete Schrift über „Vincenz von Beauvais“ in zwei Theilen, wovon der eine das „Hand- und Lehrbuch für königliche Prinzen und ihre Lehrer“ übersetzt mittheilt, während der andere drei Abhandlungen Schlosser’s enthält, die sich mit dem „Gange der Studien in Frankreich in Beziehung auf Sitte und Religion“ bis auf König Ludwig IX., mit dessen Zeit selbst in Rücksicht auf „bürgerliche Ordnung, religiöse und moralische Bildung, Unterricht und didaktische Poesie“ und endlich mit V. v. B. und dem Inhalt seiner größeren Werke des näheren beschäftigen. Diese Leistung Schlosser’s wurde mit verdientem Beifall aufgenommen und er selbst war damit offenbar in besonderem Grade zufrieden. Noch vor seiner Uebersiedelung nach Heidelberg war ein zweiter Band seiner Weltgeschichte erschienen, welchem bis 1824 noch mehrere Bände folgten, die dann nach längerer Unterbrechung erst 1839 wieder fortgesetzt wurden. Dagegen fällt so ziemlich noch in das erste Jahrzehnt der Heidelberger Zeit die Entstehung des bedeutsamsten oder doch folgenreichsten Werkes Schlosser’s, nämlich seiner „Geschichte des 18. Jahrhunderts“. Wie seine Weltgeschichte ist auch dieses aus seinen Lehrvorträgen hervorgegangen, doch hielt er es für angezeigt, zum Zwecke der Ausführung desselben sich gründlich vorzubereiten und archivalische Studien in Paris zu machen, zu gleicher Zeit aber in den Bibliotheken und handschriftlichen Schätzen der Weltstadt für die Fortsetzung seiner Weltgeschichte, bezw. des Mittelalters, Forschungen anzustellen. Dieser Gedanke wurde im J. 1822 auch ausgeführt und S. war mit den Ergebnissen seiner bez. Studien hoch befriedigt, wie er andrerseits die ihm gewordene Förderung seiner Wünsche von Seite der Beamten in den Archiven und Bibliotheken und die Aufnahme bei Männern wie Guizot u. a. nicht genug zu rühmen wußte. Nun hielt er sich im Stande, seine genannten Entwürfe auszuführen. Im J. 1823 bereits veröffentlichte er in zwei Bändchen die Geschichte des 18. Jahrhunderts. Diese erste Bearbeitung muß von den späteren wesentlich unterschieden werden, sie verhält sich zu ihnen wie ein Entwurf zur Ausführung. Und was die Hauptsache, was das Charakteristische der zweiten und folgenden Ausgaben ist, die umfassende Verbindung der Geschichte der Litteratur und Wissenschaft mit der politischen Geschichte, fehlt hier noch so gut wie ganz. Doch schon in den nächsten Jahren (1826–34) hat S. an einem großen Beispiele, nämlich der „Universalhistorischen Uebersicht der Geschichte der alten Welt und ihrer Cultur“ (6 Bände), diese Verbindung in weitestem Sinne verwirklicht, und es fehlt bis auf den heutigen Tag nicht [539] an Stimmen, die theils dieses Werk zu den werthvollsten unter allen seinen Werken, theils die litterargeschichtlichen Abschnitte für die gediegeneren erklären. Im übrigen ist nicht zu übersehen, daß ein besonderer Zug seiner Art, Geschichte zu schreiben, schon jetzt sich deutlich wahrnehmen läßt, nämlich die subjective Behandlungsweise der Menschen und Thatsachen, die freilich zumal in der späteren Ausgabe der Geschichte des 18. Jahrhunderts erst recht ausgebildet erscheint. Gleichzeitig mit diesem Werke fällt (1830) die Gründung des „Archivs für Geschichte und Literatur“, wozu er sich mit Brecht verbunden und in welchem er selbst einige nicht unbedeutende Abhandlungen, wie z. B. über „Dante“, über die „Frau Roland“ und über „Napoleon und seine neuesten Tadler und Lobredner“ geliefert hat. Dazu kam eine Reihe von Recensionen in den Heidelberger Jahrbüchern, die ihn in manche litterarische Fehde verwickelten und in welchen er – wie auch in seinen Vorreden – seinen abweichenden Standpunkt über die neuere kritische historische Richtung nicht verhehlt. Es soll hier nur kurz angedeutet werden, daß S. in seiner wissenschaftlichen Art und Methode eben ein Sohn des 18. Jahrhunderts geblieben ist und in den Umschwung der historischen Forschung, sowohl was das Mittelalter als die neuere Zeit anlangt, sich nicht recht zu finden wußte.

Im J. 1826 hat er auch in den „Zeitgenossen“ die bekannte, die erste Hälfte seines Lebens umfassende Autobiographie erscheinen lassen, die jeder aufmerksam lesen soll, der sich ein Urtheil über diesen Mann gestatten will. Noch im Verlauf der zwanziger Jahre scheint indeß eine Art Umschwung in seinen allgemeinen Anschauungen eingetreten zu sein. Hatte er in den ersten Jahren seines Heidelberger Aufenthalts wenig mit H. Voß, dagegen, wie angedeutet, sehr intim mit Creuzer und Daub, weiterhin mit den Gebrüdern Boisserée verkehrt, so näherte er sich zuletzt wieder Voß, wie das sein „Nachruf an Voß bei dessen Tode am 20. März 1826“ (s. Georg Weber’s Festschrift über S. den Historiker) unzweifelhaft bezeugt. Warum diese Grabrede aber nicht wirklich gehalten worden ist, darüber hat uns bisher Niemand aufgeklärt. Die officielle unverständige Politik der Restaurationszeit und andererseits die Rückwirkungen der Julirevolution scheinen indeß S. in seiner contemplativen Genügsamkeit in etwas gestört und die zur Herrschaft gelangte Orthodoxie ihn aus seiner religiösen Versenkung aufgeweckt zu haben. Im J. 1834 erschien der erste Band der umgearbeiteten Geschichte des 18. Jahrhunderts, die er im Jahre 1848 mit dem 7. Bande vollendet hat. Das Werk in dieser Gestalt verräth allerdings einen Urheber, der sich den Zeitgenossen als ein strenger Richter gegenüberstellt und zur Beschwichtigung der herrschenden Unzufriedenheit in Deutschland gewiß nichts beigetragen hat, so ausdrücklich er uns auch versichert, daß er nur für die Wissenschaft und nicht für das Leben schreiben wolle, eine Absicht, die spätere Lobredner indeß, trotz seiner Versicherung, in das Gegentheil verkehrt haben. Zugeben muß man unter allen Umständen, daß das Werk auf die öffentliche Meinung, namentlich des deutschen Mittelstandes, einen tiefen Einfluß ausgeübt hat und daß die Popularität, die in wachsendem Maße dem Urheber desselben zufiel, auf den politischen und sittenrichterlichen Charakter des Werkes zum guten Theile zurückgeführt werden muß. „Adel“ und „Pfaffen“ fanden in ihm den schärfsten Censor, und trotz der persönlichen vornehmen Haltung des Mannes, muß ihm ein entschieden demokratischer Grundzug seines Wesens und seines geschichtlichen Standpunktes zuerkannt werden. Dieser war in ihm so mächtig, daß er ihn zu der bekannten groben Aeußerung gegenüber dem Freiherrn v. Stein, der gewiß einige Dutzend demokratischer Anwälte aufwog, geführt hat. Das in Frage stehende umgearbeitete Hauptwerk hat dann noch mehrere Auflagen erlebt, die jedoch keineswegs bloße Widerholungen der früheren [540] waren und bis 1815 fortgeführt wurden. Den wissenschaftlichen Werth desselben anlangend, so scheint kein Zweifel zu bestehen, daß die litterargeschichtlichen Theile entschieden den Vorzug vor der Darstellung der politischen Geschichte verdienen und diese überdauern werden. Auch dem kann man zustimmen, wenn gesagt worden ist, daß S. für die sociale Seite der Geschichte ein wärmeres Interesse bezeugt, als für die politische. Was die „diplomatische“ Behandlung der Geschichte anlangt, wie sie Ranke so meisterhaft eingeführt hat, so bildet sie trotz seiner Pariser Forschungen in keiner Weise einen hervorragenden Charakterzug seines Werkes, und endlich die Form desselben betreffend, so hat S. selbst sich wiederholt so geringschätzig über eine solche Anforderung geäußert, daß Niemand weiter mit ihm ins Gericht darüber gehen wird; daß er aber den nachhaltigen Erfolg seiner Schriften durch diese grundsätzliche Gleichgültigkeit gegen die Form empfindlich beeinträchtigt hat, ist heutzutage für Niemanden mehr ein Geheimniß. In fachlicher Beziehung soll noch mit einem Worte der Art und Weise gedacht werden, mit welcher S. Napoleon behandelt hat. Dabei kommen die verschiedenen Theile des großen Werkes und aber auch die schon erwähnte ältere Abhandlung aus dem J. 1830 in Betracht. Man hat gegen ihn öfter den Vorwurf erhoben, daß er den Mann von Corsica gegen seine Gewohnheit zu milde beurtheile, und hat diesen Umstand auf die allerdings nahen Beziehungen zurückgeführt, in welche er von Heidelberg aus im Verlaufe der Jahre zur Königin Hortense, zur Großherzogin Stephanie und auch zu dem späteren Kaiser Napoleon III. getreten ist. Jener Vorwurf erscheint in der That nicht ganz unbegründet, was an dieser Stelle freilich nicht des näheren nachgewiesen werden kann. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens ist S. aber auch zugleich wieder zur Universalgeschichte zurückgekehrt. Er ließ in den Jahren 1839 und 1841 zwei weitere Bände seiner Weltgeschichte, welche das 16. Jahrhundert umfaßten, erscheinen und gestattete zugleich, daß sein Schüler, Dr. Kriegk aus Frankfurt, auf Grund seiner vorausgegangenen größeren Werke die bekannte „Weltgeschichte für das deutsche Volk“ bearbeitete, bei welchem Unternehmen S. selbst die drei Jahrhunderte, die er in seiner Weltgeschichte noch nicht bearbeitet hatte, nämlich das 15., 16. und 17. Jahrhundert hinzugefügt hat. Das Unternehmen wurde im J. 1857 mit dem 19. Bande vollendet und erfreute sich einer ungewöhnlichen günstigen Aufnahme. Die schon bewährte Volksthümlichkeit Schlosser’s sah sich durch diesen Erfolg glänzend bestätigt. Er ist ja überhaupt derjenige unter den deutschen Historikern von Fach, der, etwa H. Leo ausgenommen, als der letzte die Welt- oder Universalhistorie im großen Stile behandelt hat, wenn man ihn auch nicht als Schöpfer derselben betrachten darf. Der kosmopolitische Zug seiner Natur hat den Sohn des 18. Jahrhunderts gewiß auch am ehesten hierzu befähigt; das nationale Moment dagegen war in ihm niemals so mächtig und tonangebend, daß er das erste Wort hätte führen können; damit soll aber durchaus nicht gesagt sein, daß er gegen die Ehre und die Zukunft seiner Nation unempfindlich gewesen sei. Wissenschaftlich gewogen, ist seine Darstellung der Weltgeschichte, wie sie seit 1815–41 in einer Reihe von Bänden erschienen ist, zur Zeit allerdings entwerthet, weil er der emporkeimenden Richtung in der Behandlung der alten wie der mittleren Geschichte allzuwenig gefolgt ist; als Mann der populären Weltgeschichte wird er so gut wie der Verfasser der Geschichte des 18. Jahrhunderts seine Stellung in bestimmten Kreisen noch lange behaupten. Im J. 1855 veröffentlichte S. eine Schrift über seinen Lieblingsdichter Dante, die aber nur eine Zusammenstellung einzelner früher entstandener Aufsätze über ihn bildet. Sein Leben dauerte indeß lange genug, so daß er noch eine 4. Auflage seines populärsten großen Werkes veranstalten und sie (1860) mit einer höchst charakteristischen Vorrede begleiten [541] konnte. Am 23. September 1861, in seinem 85. Lebensjahre, hat er seine Augen für immer geschlossen, die deutsche Nation hat ihn aufrichtig betrauert; das Geschlecht, das er politisch mit erweckt und erzogen, hatte seinen Lehrer nicht schon vergessen. Man hat auch lange Zeit von einer „Heidelberger Schule“ gesprochen, deren Meister S. gewesen sei. Streng genommen darf man aber nur Gervinus und Häusser dazu rechnen, deren einer, im Talent ihm bei weitem überlegen, ihm bis über das Grab hinaus getreu geblieben ist, der andere, ohne sich ihm zu entfremden, ist doch allmählich eine andere Bahn gewandelt, die ihn von seinem Lehrer abgeführt hat.

S. ist ohne Nachkommen zu hinterlassen geschieden; von seinem litterarischen Nachlasse hat niemals etwas verlautet, wenn wir seinen bereits erwähnten höchst lehrreichen Briefwechsel mit Frau Schmidt in Frankfurt davon abziehen. Seine Verehrer und Landsleute haben ihm erst vor wenig Jahren in seiner Vaterstadt ein Denkmal gesetzt.

S. die Festschrift von G. Weber zum Jahre 1876: Friedrich Christoph Schlosser, der Historiker. Leipzig 1876. – Gervinus, F. Chr. Schlosser, ein Nekrolog (1861). – Briefe über diesen Nekrolog. Chemnitz 1862 (anonym, an Loebell). – B. Erdmannsdörffer, F. Chr. Schlosser, Gedächtnißrede u. s. w. Heidelberg 1876. – Haym und Dilthey in den Preußischen Jahrbüchern 1862 und 1874. – H. v. Sybel’s historische Zeitschrift, 8. Bd. – Ottokar Lorenz, F. Chr. Schlosser. Wien 1878. – Franz Rühl in „Nord und Süd“ 1880, Juniheft. – „Im neuen Reich“ 1875, S. 376, 661.