ADB:Gurlitt, Johannes

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Artikel „Gurlitt, Johannes Gottfried“ von Heinrich Julius Kämmel, Richard Hoche in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 10 (1879), S. 182–185, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Gurlitt,_Johannes&oldid=2497290 (Version vom 17. Dezember 2017, 00:31 Uhr UTC)
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Gurlitt: Johannes Gottfried G., Philolog und Schulmann, geb. den 13. März[1] 1754 in Halle, † den 14. Juni 1827 in Hamburg. – Sohn eines [183] durch Fleiß zu einem gewissen Wohlstande gelangten Schneidermeisters, wurde er schon Ostern 1762 der Thomasschule in Leipzig (wohin seine Eltern bald nach seiner Geburt übergesiedelt waren) zugeführt. Unter der Leitung tüchtiger Lehrer machte er ungewöhnlich rasche Fortschritte; als er die Prima erreicht hatte, wurde der Rector Fischer ihm Führer und Vorbild. Mit dem Studium der classischen Sprachen verband er schon jetzt das der orientalischen, und als er zu Ostern 1773 die Schule verließ, konnte er eine Erklärung des 43. Psalm veröffentlichen, in welcher er auch Kenntniß des Chaldäischen, Syrischen, Arabischen und Koptischen zeigte. Zur Universität übergegangen, sah er durch die Opferwilligkeit des Vaters sich in den Stand gesetzt, ganz seinen Studien zu leben; diese aber richtete er so ein, daß er durch Platner und Morus ein selbständiger Denker wurde, welcher als Theolog zwischen Crusius und Ernesti seinen eigenen Weg verfolgte und durch die philologischen Studien immer entschiedener zu unbefangener Würdigung auch der biblischen Bücher in den Stand gesetzt wurde. Für seine religiöse Entwickelung waren nebenbei Zollikofer’s Predigten von großer Bedeutung.[2] Dann bewirkte Platner’s Empfehlung, daß im Frühjahr 1778 der Abt Resewitz ihm ein Lehramt im Pädagogium zu Kloster Bergen bei Magdeburg übertrug, womit zugleich sein Wunsch sich erfüllte, unter der Regierung Friedrichs d. Gr. wirken und den segensreichen Einfluß des um das Schulwesen eifrig bemühten Ministers v. Zedlitz erfahren zu können. Und zu pädagogischem Wirken war G. wie Wenige berufen. Der Anfang freilich war kein leichter. Unter einem altersschwachen Rector war in Kloster Bergen die Zucht verfallen, die Sitte ausgeartet. Aber bereits im nächsten Jahre trat der Rector zurück, und nun wurde die Leitung neben dem Mathematiker Joh. Friedr. Lorenz Gurlitt übertragen. Auch rechtfertigte der Erfolg diese auf den ersten Blick bedenkliche Maßregel; die beiden Rectoren wirkten in Eintracht für das Ganze und würden von Anfang an Größeres erreicht haben, wenn nicht der Eigenwille des Abtes ihnen manche Schwierigkeiten bereitet hätte. Allein als Lehrer sicherte sich G. immer reichere Früchte. Sein gründlicher, klarer, anregender Unterricht gewann ihm das volle Vertrauen seiner Schüler, die er zugleich durch seine mit Festigkeit verbundene Milde sich verband. Die Stille seines klösterlichen Wohnsitzes war ihm auch deshalb lieb, weil er um so ungestörter seinen Studien leben konnte, die übrigens stets in naher Beziehung zu seiner amtlichen Wirksamkeit standen, wie auch das, was er als Schriftsteller herausgab, meist in derselben Richtung lag. Es erschienen von ihm während jener Jahre (meist in Zeitschriften) Uebersetzungen von Oden Pindar’s, von Gesängen Catull’s und Tibull’s, ein „Abriß der Geschichte der Philosophie“ (Leipzig 1786), ein „Abriß der Philosophie“ (Magdeburg 1788), Conjecturen und Anmerkungen zu Seneca, „Notae ad Stephani Byzantii libros de urbibus“, „Animadversiones ad Nov. Test.“ Mit besonderem Eifer wandte er sich später der Kunstarchäologie zu. Er schrieb: „Biographie und litterarische Notiz von Winckelmann“ (1797), „Ueber die Gemmenkunde“ (1798), „Ueber Mosaik“ (1798), „Allgemeine Einleitung in das Studium der schönen Kunst des Alterthums“ (1799), „Versuch über die Büstenkunde“ (1800), „Fragment einer archäologischen Abhandlung über Hercules“ (1801) *). Eben damals erschien seiner Schulschriften erster Band, worin von besonderem Werthe die 1797 gehaltene Rede über die Pflichten, Freuden und Leiden des Schulmanns. Das Verhältniß Gurlitt’s zum Abt Resewitz gestaltete sich erst wieder befriedigend, als im J. 1789 eine von der Regierung in Magdeburg angeordnete Untersuchung der ökonomischen Angelegenheiten des Klosters, [184] dem der Protestantismus so viel von den alten Formen gelassen hatte, die Rechte des Convents dem Abte gegenüber wiederherstellte. Die im J. 1794 auch Kloster Bergen treffende Untersuchung aller Schulen des preußischen Staats, wie streng sie es auch mit dem kirchlichen Bekenntniß nahm, fand doch, wie eine gleich nachher für nothwendig gehaltene zweite, gar nichts, was zu tadelnden Bemerkungen Recht gegeben hätte. Als dann 1796 Resewitz zu Gunsten des Predigers Schewe sich zurückgezogen hatte, wurde G. auf den Rath Heckers, der bei der letzten Untersuchung seinen Werth erkannt hatte, zum königl. Professor und zweiten (thatsächlich ersten) Director ernannt. Weil er so über seinen treuen Freund Lorenz erhoben wurde, entschloß er sich schwer, diese Beförderung anzunehmen, und er gab erst dann nach, als Lorenz selbst zur Annahme des Dargebotenen ihn drängte. Seitdem nun blühte die Anstalt fröhlicher als vorher, die Zahl der Schüler stieg auf das Vierfache, Gurlitt’s Ansehen galt viel in den weitesten Kreisen. Die Berufungen zu anderen Aemtern, die damals an ihn ergingen, lehnte er ab. Als aber der Abt Schewe die Oberleitung von Kloster Bergen selbst zu übernehmen sich anschickte, entschloß G. sich leichter, den friedlichen Studiensitz zu verlassen. Er übernahm im September 1802 auf Einladung des Rathes von Hamburg die Professur der orientalischen Sprachen am akademischen Gymnasium und das Directorium des Johanneums daselbst. Sehr bald erkannte er, welche außerordentliche Aufgabe hier zu lösen sei. Das Johanneum befand sich in einem kläglichen Zustande: es fehlte den meisten Classen an Schülern, von einem festeren Zusammenhange im Unterricht war kaum noch eine Spur zu finden; die Lehrer, auf kümmerliche Besoldungen angewiesen, standen verdrossen und schlaff an ihrem Werke. Aber G. brachte rasch neues Leben in die Anstalt. Mit großen Vollmachten ausgerüstet, verwandelte er die fünf oberen Classen des Johanneums in ein Gymnasium, die unteren zwei (später drei) in eine Bürgerschule, die theils für das Gymnasium, theils für eine daneben errichtete Handelsschule vorbereiten sollte. Der Erfolg war glänzend und verschaffte dem tüchtigen Manne allgemeines Vertrauen. Als Professor der orientalischen Sprachen am akademischen Gymnasium erkannte G. seine Hauptaufgabe darin, zu freierem Studium der biblischen Bücher anzuregen, las aber gelegentlich auch über schwierige griechische Classiker. Daß die theologische Fakultät der Universität Helmstädt ihn zum Ehrendoctor der hl. Schrift ernannt hatte, erschien ihm nur als eine besondere Aufforderung, im Sinne des entschiedensten Rationalismus vorwärts zu gehen und Alles, was Symbolzwang und Menschensatzung genannt werden konnte, zu bekämpfen, wie schonend er auch in seinem persönlichen Verhalten gegen die Vertreter der anderen Richtung in den allermeisten Fällen sich erwies. Die Zeit der französischen Herrschaft, die so furchtbares Weh über Hamburg brachte, war auch für G. eine schmerzvolle, wenn er gleich vor den französischen Commissaren Cuvier und Noel, welche die kaiserliche Regierung zur Untersuchung des Schulwesens in den neu erworbenen Ländern auch nach Hamburg geschickt hatte, in solcher Art sich darstellte, daß das Johanneum einer gerechten Anerkennung theilhaftig wurde und seine Eigenthümlichkeit bewahren durfte. Die Erhebung des J. 1813 riß auch Gurlitt’s Schüler in größerer Zahl auf die blutigen Bahnen des Krieges; aber die Stadt büßte dann schwer unter der Zuchtruthe des Marschalls Davoust. Mit der Wiederherstellung der alten Ordnungen schien G. neue Kraft und Frische zu gewinnen; aber die Gichtschmerzen, die vorübergehend schon früher ihn heimgesucht hatten, kehrten dann öfter und heftiger zurück; in Folge zunehmender Nervenschwäche erblindete er auf dem einen Auge. Er konnte zwar nach Ostern 1827 noch ein Mal seine amtliche Thätigkeit wieder aufnehmen; aber schon nach wenigen Tagen erlag er.[3] Auch in Hamburg hatte er noch oft als Schriftsteller [185] die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Er ließ mehrere Schulreden und neue Uebersetzungen Pindarischer Oden drucken, gab verschiedene Particulae animadversionum ad auctores veteres und historische Aufsätze heraus, schrieb auch eine große Anzahl Recensionen für verschiedene Zeitschriften etc. Aber zu umfassenderen Leistungen konnte er niemals Zeit gewinnen.[4]

Vgl. Calmberg, Gesch. des Johanneums in Hamburg (1829), (mit den Bruchstücken einer Selbstbiographie Gurlitt’s); Cornelius Müller in Schlichtegroll’s N. Nekrolog der Deutschen V. Jahrg., 2. Thl., 592 ff.; Richard Hoche, Beiträge zur Gesch. der St. Johannis-Schule in Hamburg, II. Die Reformverhandlungen und die Direction Johannes Gurlitt’s, Hamburg 1878.

[183] *) Erschienen unter dem Titel: J. Gurlitt’s archäologische Schriften, gesammelt und mit Anmerkungen begleitet, herausgegeben von Cornelius Müller. Altona 1831.

[Zusätze und Berichtigungen][Bearbeiten]

  1. S. 182. Z. 1 v. u. l.: 11. (st. 13.) März. [Bd. 10, S. 768]
  2. S. 183. Z. 16 v. o.: In den Jahren 1776–78 versuchte sich Gurlitt als Docent an der Leipziger Universität, wo er über Homer, Hesiod, Platon, Xenophon, auch über „ein hebräisches Buch“ las. [Bd. 10, S. 768]
  3. S. 184. Z. 1 v. u.: Mehre in früheren Jahren an ihn ergangene ehrenvolle Berufungen hatte er ausgeschlagen: 1803 nach Berlin als Gedike’s Nachfolger im Directorat des Grauen Klosters in Berlin mit der Aussicht auf die Stellung als Ob.-Consistor.-Rath im Unterrichtsministerium; 1807 als Generalsuperintendent nach Mecklenburg; 1818 nach Kiel als Professor der Theologie und Philosophie. [Bd. 10, S. 768]
  4. S. 185. Z. 5 v. o. l.: Gurlitt blieb unverheirathet; sein Vermögen verwendete er theilweise zu einer seinen Namen tragenden Stipendienstiftung für Schüler der Hamburger Gelehrtenschule. [Bd. 10, S. 768]