Eine Fürstenwiege

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine Fürstenwiege
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 237, 238–240
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Burg Wettin
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[237]
Die Gartenlaube (1867) b 237.jpg

Die Burg Wettin, das Stammschloß der sächsischen Fürsten.

[238]
Eine Fürstenwiege.


„An der Saale kühlem Strande stehen Burgen stolz und hehr!“ singt Franz Kugler’s altes Studentenlied, das die prächtigen, weitbekannten Ruinen von Saaleck und Rudelsburg meint. Aber noch gar manches denkwürdige Schloß aus alter Reichszeit findet der Wanderer, der von der Merseburger Au saalabwärts schreitet durch die reiche Niederung der Braunkohlen, des Salzes [239] und des Zuckers. Und das geschichtlich berühmteste von allen erhebt sich dort jenseits auf einem niedrigen Hügelzug am rechten Ufer des hier breit und gemächlich hinfließenden Stroms, der vom Fichtelgebirg herab das schöne, sagenreiche, waldbekränzte Thüringen durcheilt. Allein nichts erinnert mehr an den prosaischen Gebäuden auf der Höhe dort drüben, daß sie die Wiege eines altberufenen Herrscherstammes gewesen sind, der zu Zeiten die Welt mit den Namen seiner Helden und Weisen erfüllte. Unscheinbar liegt es da, jenes Gehöft, das sich auf den Ringmauern einer ehedem „stolzen und hehren Burg“ erhebt, welcher freilich die Kühnheit der Lage, das Ländergebietende, gefehlt hat, das so viele Stammschlösser von Regentenhäusern auszeichnet. Nicht alle Adler indessen flogen aus der Wolkenhöhe zu Thal, viele siedelten sich auch an im bequemeren Neste der Ebene, oder höchstens nur um Ellen über dem Alltagsvolk erhöht, das ihnen tributpflichtig geworden war nach dem Gesetze des Stärkeren oder Klügeren.

Es ließe sich eine hübsche, deutsame Parallele schreiben von den Stammburgen der Herrscher; denen auf Felsengipfeln: Staufen, Habsburg, Zollern, Frauenberg (Würtemberg), Zähringen, Nassau, und den andern auf Hügeln oder im Flachland: Wittelsbach, Altorf (Guelfen), Nanzig (Lothringen), Oldenburg, Cassel und Mikilinborg – jene dort drüben stellt sich in die Mitte, dem Thale nah. Wie heißt sie? Der Landmann hat ihren Namen vergessen und erwidert auf die Frage: „Der Winkel!“ –„Und das Städtchen zu Füßen?“ – „Das ist Wettin an der Saale, wo das Bergamt ist und das Kohlenwerk.“ – Aber der vorübergehende Lehrer bleibt stehen und deutet hinüber: „Das ist das Stammschloß des Hauses Wettin, der Sachsenfürsten; und dort auf jenem Berge gen Osten, dessen mit Gebäuden gekrönter Gipfel im Sonnenstrahl weit hinausfunkelt über das flache Land, liegt ihre Stammgruft. Es ist der Lauterberg, aber von dem darauf erbauten Kloster zum heiligen Petrus längst der Petersberg genannt.“ Wenn man die Stadt Halle auf der Magdeburger Straße verlassen hat, dann erblickt man dicht westlich die Ruine einer dritten Burg der Wettiner: Giebichenstein. Vor allen deutschen Burgen gebührt ihr der Namen ‚Kerkerveste‘, in ihren Thürmen und Verließen waren gar stolze, hohe Herren verwahrt, Herzog Ernst von Schwaben, der Empörer gegen seinen Stiefvater, Kaiser Konrad den Zweiten; Gottfried der Bärtige von Lothringen, Gemahl der holdseligen Beatrice von Tuskien; Landgraf Ludwig von Thüringen, der Springer genannt, weil er der Gefangenschaft durch kühnen Sprung hinab in die Saale entrann, und der wilde Hans von Mannsfeld, der letzte Raubgraf in diesem dereinst im Stegreifthum so wohl bestellten Gau. Wer von dem Kegel des Petersbergs hinausblickt bis auf das Schlachtfeld von Leipzig, der übersieht ein schönes Stück Weltgeschichte!“

Zunächst aber doch die alte Grafschaft Wettin. Diese, den Kern der späteren Sachsenreiche bildend, mochte ungefähr acht bis neun Quadratmeilen umfassen, ihre Grenzen zogen sich von Halle nach Delitzsch, Bitterfeld, Zörbigk (Sorbenburg), Löbejün und Könnern; gen Westen stieß sie an die Grafschaft Mannsfeld. Der ganze Landstrich war, wie die Ortsnamen zum größten Theil noch heute verkünden, ehedem von Sorben und Wenden, slavischen Völkerschaften, bewohnt, welche jedoch früher vom Heidenthum bekehrt und germanisirt wurden, als ihre Brüder im Osten und Nordosten. Auch der Name „Wettin“ scheint ein slavischer zu sein, er klingt dem serbisch-bulgarischen]] „Widdin“ verwandt; ähnliche Ortsbezeichnungen finden sich genug in slavischen Ländern. Zum ersten Mal taucht er auf im zehnten Jahrhundert. Zwar hat beflissene Stammbaumsucht den alten Sachsenherzog Wittekind, den energischen Gegner Kaiser Karl’s des Großen, zum öfteren mit der Burg Wettin in Verbindung zu bringen gesucht, aber es ist ihr trotz des Gleichklangs nicht gelungen. So viel wissen wir aus alten Chroniken, daß Buzzo, ein Graf von Merseburg, und Sohn des tapferen Markgrafen Burghard von Thüringen, der im Jahre 908 bei Eisenach in wilder Schlacht den von den Sorben zu Hülfe gerufenen einbrechenden Ungarnhorden erlegen war, der Stammvater der Grafen von Wettin gewesen ist, als deren erster im Jahr 957 sein Enkel Dietrich auftritt, der verbürgt sichere Ahnherr der Dynastie.

Aber hinauf in den uralten Burgring. Zu sehen ist da oben nicht viel mehr, nur zu träumen. Die stolze Veste ist gebrochen und die Nützlichkeit steht breiten Fußes auf dem Schutt tausendjähriger Erinnerung. Kaum daß man noch die Spuren der einstigen Größe entdeckt. Man wird enttäuscht, wenn man ragende Thürme, verfallende Rittersäle, düstere Verließe erwartet; das Alles hat der Zahn der Zeit und die Hand des nachbessernden Geschlechts verwischt und begraben. In den meisten großen alten Schlössern umgab die mächtige Ringmauer gewöhnlich zwei Theile: den Hof mit dem Palas, den Kemenaten und Gaden, und den Berchfrit (Beffroy), die eigentliche wehrhafte Burg oder die Citadelle des Ganzen. So war es auch in Wettin. Ein ungewöhnlich fester und starker runder Thurm – seine Mauern hatten zwanzig Fuß Durchmesser – bildete den Kern des inneren Burghofs, der durch die Letze mit dem Zwinger verbunden war; er wurde abgebrochen im Jahr 1695 durch den damaligen Lehnsträger Eberhard Freiherrn von Dankelmann, früher Günstling, Oberpräsident und Minister Kurfürst Friedrich’s des Dritten von Brandenburg; zwei Jahre später war er in Ungnade gefallen und verlor das Burglehn – eine geheimnißvolle Geschichte! Schloß Wettin blieb im Besitz der Sachsenfürsten und deren Vettern, der Grafen von Brehna, nur bis zum Jahr 1288. Unter allen seinen Besitzern ragt heldenhaft hervor der große Markgraf Konrad von Meißen. Er war es, der das Rautensträuchlein zum starken Baum erzog; er, der „von der Neisse bis nach Thüringen alles Land beherrschte,“ war so recht das Bild eines echten deutschen Fürsten mit allen Tugenden und Fehlern. Er ist der eigentliche Stifter der noch bestehenden Sächsischen Herrscherfamilien gewesen; neben den Welfen, Askaniern und Zähringern schwang er sein Haus, zum Theil auf Kosten der Ersteren, zu einer glänzenden Höhe.

Konrad war ein biderber Ritter, dem Kaiser und Reich leistete er jederzeit bereitwillig Heeresfolge, er metzelte in majorem Dei gloriam die Heiden nieder, die Preußen, Wilzen, Obotriten, Polabinger, Warnaber, Lingionen und wie die nordöstlichen wilden Völker alle hießen, und reinigte sich von Sünden durch eine Wallfahrt nach dem heiligen Grabe; er stiftete das St. Peterskloster auf dem Lauterberg und trat, nachdem er sein Land unter fünf Söhne getheilt, als Mönch in dasselbe ein; glücklicherweise trug er blos ein Jahr lang die Kutte; als sie dem leidenschaftlichen, an unausgesetzte Thätigkeit gewöhnten Manne zu schwer ward, legte er sich hin und starb. Die Raute aber grünte frisch und lustig fort bis zum Jahr 1485, in welchem sich ihr Stamm trennte und das Haus Wettin sich in die Albertinische und Ernestinische Linie spaltete. Die Stammburg war ihm da schon seit zwei Jahrhunderten entfremdet. Denn Otto der Zweite, Graf zu Brehna und Wettin, schenkte sie zugleich mit Salzmünde – heut’ eine der ruhmwürdigsten Stätten deutschen Gewerbfleißes! – im Jahr 1288 an das Erzstift Magdeburg. Von diesem erkauften um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts Kaspar aus dem Winckell und Fritz Koppo von Ammendorf das Burglehn Wettin zuerst gemeinschaftlich, bis es hundert Jahre später an die erstere Familie allein fiel, nicht ohne schwere Händel mit dem wilden Hans von Mannsfeld. Von da ab erhielt die Burg den Namen „der Winkel“ nach dem ihrer Besitzer. Im Jahr 1680 fiel Wettin an Brandenburg und ist nunmehr eine preußische Domäne. – Schon die Markgrafen von Meißen hatten Burggrafen zu Wettin sitzen, die Odalriche und Krozuch (Krosigk), unter den Erzbischöfen wurden dieselben Burghauptleute und mit den Gütern und Zinsen belehnt; am längsten blieb die Familie von Trotha im Genuß des Wettin’schen Burglehns. –

Die Steine können viel erzählen, aber unsere Zeit horcht nicht mehr geduldig zu, sondern meint mit Goethe: „Amerika, du hast es besser, als unser Continent, der alte, hast keine verfallenen Schlösser und keine Basalte; dich stört nicht im Innern zu lebendiger Zeit unnützes Erinnern und vergeblicher Streit.“ Ja wohl wär’ es ein unnütz Erinnern, an Alles zu denken, was diese Trümmer gesehen haben. Viele ihrer Herren sind unnatürlichen Todes gestorben, das Schwert, der Dolch, auch der Giftkelch haben unter ihnen ihre Rolle gespielt, es fehlte nicht an schauerlichen Familiendramen. Aber es war doch im Ganzen ein gesundes, kräftiges Geschlecht, das Männer erzeugte. Auf gar manchen ihrer Nachkommen weilt der Blick des Deutschen mit Wohlgefallen: auf Friedrich dem Streitbaren, dem ersten Wettiner, der die Kurwürde trug, dem Gründer der Leipziger Universität; auf Friedrich dem Weisen, auf Johann dem Beständigen und Johann Friedrich, den bekenntnißtreuen Helden der Reformation; auf Moritz, dem tapferen Bewahrer der Freiheit des evangelischen Glaubens; auf August dem Ersten, auf dem kühnen Führer der Schlachten [240] Bernhard, auf dem deutschen Patrioten und Dichterfreund Karl August – aber wir schreiben hier keine Geschichte. Nur ein einfach Rautenblättlein haben wir pflücken wollen auf der Höhe, wo vor Zeiten die Burg stand, welcher die Sachsenherrscher entstammen. Daß für ihre Restauration nichts geschieht, darf nicht befremden, es ist nichts mehr da zu erhalten und zu pflegen. Für die Kirche auf dem Petersberg, wo seine Ahnen ruhen, that König Johann von Sachsen viel.

Einförmig ist die Aussicht von der Höhe des sächsischen Stammschlosses. Ueberall wirbeln qualmende Rauchsäulen empor, die Atmosphäre hat den eigenthümlichen brenzlichen Geruch der ganzen Provinz Sachsen; die Industrie vereinigt sich hier mit der Landwirthschaft zum Todtschlag aller Romantik. Und dennoch knüpfen sich merkwürdige Gedanken, Ideenverbindungen hier oben zusammen. Jenseits des Flusses steigen in der Abenddämmerung Thürme auf – dort ward geboren und starb der Bergmannssohn, der das verschüttete Gold des deutschen Geistes muthig hervorholte aus dem tiefen Schachte, den grimmige Gnomen und Kobolde hüteten – ganz nahe standen sich die Wiege Martin Luther’s und die Wiege des Hauses Wettin!