ADB:Widukind

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Widukind“ von Bernhard von Simson in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 42 (1897), S. 364–369, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Widukind&oldid=3049263 (Version vom 15. Dezember 2018, 21:17 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Nächster>>>
Widukind von Corvey
Band 42 (1897), S. 364–369 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Widukind (Sachsen) in der Wikipedia
GND-Nummer 118503820
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|42|364|369|Widukind|Bernhard von Simson|ADB:Widukind}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118503820}}    

Widukind, der Sachsenführer, der Hauptgegner Karl’s des Großen während des ersten Abschnitts des Sachsenkrieges, war ein westfälischer Edeling und Gaufürst, der sich, wie es heißt, durch besondern Adel des Geschlechts und Reichthum der Besitzungen auszeichnete. Ob er auch erwählter Heerführer der Westfalen gewesen ist, muß dahingestellt bleiben, da die maßgebenden Quellen dies nicht berichten, auch seiner Theilnahme an einzelnen Kämpfen und Schlachten nicht ausdrücklich gedenken.

W. ist von großer Bedeutung als die Seele des Widerstandes der Sachsen gegen die fränkische Herrschaft und das Christenthum, der hervorragendste Vorfechter der alten Freiheit und des alten Götterglaubens seines Volkes. Wenn die Sachsen auch keine Einheit bildeten, so übte W. doch nahezu anderthalb Jahrzehnte hindurch einen weitreichenden Einfluß auf seine Volksgenossen. In ihm concentrirt sich ihre Widerstandskraft, die er immer von neuem in Bewegung zu setzen weiß und mit den anderen benachbarten verwandten Elementen in Verbindung bringt. So verdient er es, im Andenken des Volks als Nationalheld neben dem alten Befreier Germaniens, Armin dem Cherusker, fortzuleben, neben dessen Bild das seinige das Portal des westfälischen Ständehauses in Münster schmückt. – Nur ist es leider mit der Ueberlieferung über W. schlimm bestellt. Die wirklichen Quellen beschränken sich hinsichtlich seiner Person und seiner Thaten meist auf kurze Erwähnungen und Andeutungen, so daß es schwer fällt, sein Bild auch nur im Umriß zu zeichnen. Es ergeht, wie man nicht übel bemerkt hat, der Forschung mit ihm ähnlich wie lange Zeit Karl dem Großen; man kann ihm nicht recht beikommen.

Im Sommer 777 hielt Karl der Große die große Heer- und Reichsversammlung zum ersten Mal auf sächsischem Boden, in Paderborn. Auch die Sachsen, besonders die Großen, waren dahin beschieden und in der That aus allen Theilen des Landes zahlreich erschienen. Eine große Anzahl ließ sich taufen. Auch erklärten die Erschienenen, wie es schon früher geschehen war, ihre Freiheit und ihr Grundeigenthum für verwirkt, wenn sie von dem Frankenreiche, seiner Dynastie und dem Christenthum abfallen sollten. Nur der gefährlichste Gegner, W. nebst einigen Gleichgesinnten war ausgeblieben. Er verharrte im Widerstande und flüchtete sich zu dem heidnischen Dänenkönige Sigfrid. Es ist das erste Mal, daß wir W. erwähnt finden. Da indessen hinzugefügt wird, er habe sich gefürchtet vor dem Könige zu erscheinen, weil er sich vieler Verbrechen bewußt gewesen sei, so ersieht man, daß er an den früheren Versuchen, die fränkische Herrschaft und das Christenthum abzuwehren, in ganz hervorragender Weise betheiligt gewesen sein mußte. Insbesondere war es wol sein Werk gewesen, daß im Jahre zuvor, als ein Aufstand in Friaul den König über die Alpen gerufen hatte, die Eresburg (Stadtberge an der Diemel) von den Sachsen zerstört und auch die Sigiburg (Hohensyburg an der Mündung der Lenne in die Ruhr) von ihnen angegriffen worden war.

So räumt W. das Feld und bringt sich in Sicherheit, wenn sich im Augenblick keine Aussicht auf erfolgreichen Widerstand zeigt, aber um so fester und zäher behält er sein Ziel im Auge. Es wird auf sein und seiner Anhänger [365] Anstiften zurückgeführt, daß die Sachsen im nächsten Jahr (778) die abermalige Entfernung Karl’s, der nach Spanien gezogen war, zu einem wilden Raubzuge benutzten und die Gestade des Rheins von Deutz bis gegenüber Koblenz verwüsteten. Als Karl bei der Rückkehr von dem spanischen Feldzuge auf die Kunde hiervon eilig seine ostfränkischen und alamannischen Mannschaften gegen sie sandte, traten sie zwar sofort den Rückzug an, verwüsteten jedoch auf diesem den Lahngau und die Wetterau und bedrohten das Kloster Fulda, aus dem man bereits die Gebeine des h. Bonifacius flüchtete, bis sie beim Uebergange über die Eder eingeholt und geschlagen wurden.

Im J. 782 schien das sächsische Land wieder einmal beruhigt, die Unterwerfung vollendet, wieder hielt Karl eine Reichsversammlung auf sächsischem Boden. Sie fand im Juli zu Lippspringe statt und war von den Sachsen zahlreich besucht. Nachdem eine vorläufige Ordnung der kirchlichen Verhältnisse schon früher stattgefunden hatte, wurde nunmehr die fränkische Grafschaftsverfassung auf Sachsen übertragen und sächsische Edelinge zu Grafen ernannt; vielleicht, wenn eine freilich keineswegs sicher begründete Vermuthung zutreffen sollte, auch jenes strenge Gesetz erlassen, das jedem ferneren Abfall vom Christenthum und Frankenreiche vorbeugen sollte. Aber W. war auch diesmal ausgeblieben, er befand sich auch jetzt als Flüchtling in Dänemark. Eine Gesandtschaft des Dänenkönigs Sigfrid, die zu Lippspringe bei Karl erschien, mag sich wol auf Widukind’s Angelegenheiten bezogen haben, erzielte jedoch offenbar kein befriedigendes Ergebniß. So sollte sich denn auch die Annahme, die Unterwerfung Sachsens sei vollendet, als ein trügerischer Wahn erweisen. Gerade jetzt erhoben sich die Sachsen allgemeiner und ungestümer denn je. Sobald Karl den Rückweg an den Rhein angetreten hatte, erschien W. wieder auf sächsischem Boden, rief seine Volksgenossen zum Kampfe auf und schwellte ihren Muth mit der Hoffnung auf Befreiung. Wie immer, richtete sich ihre Erbitterung vor allem gegen die christlichen Niederlassungen und Glaubensboten. Einer dieser Missionare, Willehad, der spätere erste Bischof von Bremen, der in den letzten Jahren mit großem Erfolge in dem Gau Wigmodia zwischen der unteren Weser und Elbe gepredigt hatte, sah die Früchte seines Wirkens plötzlich mit einem Schlage wieder vernichtet und mußte flüchten. Auch seine Schüler mußten fliehen, insoweit sie nicht dem Aufstande zum Opfer fielen.

König Karl hatte unterdessen, noch ohne Kunde von der neuen Erhebung der Sachsen, drei seiner Hofbeamten ausgesandt, um mit einem altfränkisch[1]-sächsischen Aufgebot die wendischen Sorben zurückzutreiben, welche in Thüringen und Sachsen eingefallen waren. Jetzt wandten sich diese Hofbeamten vielmehr gegen die Sachsen, erlitten aber eine schwere Schlappe am Süntelgebirge, bei der zwei von ihnen, der Kämmerer Adalgis und der Marschalk Gailo, nebst einer Anzahl von Grafen und andern vornehmen Männern fielen.

W. hatte also für den Augenblick große Erfolge erreicht, wenn auch erst spätere Nachrichten ihn persönlich zum Sieger vom Süntel machen. Die Nachrichten von diesen Ereignissen waren für Karl die unwillkommenste Ueberraschung. Trotz der vorgerückten Jahreszeit brach er ohne Säumen mit soviel Truppen, als er in der Eile sammeln konnte, nach Sachsen auf und zog bis zur Mündung der Aller in die Weser bei Verden, wohin er die Häuptlinge der Sachsen zur Verantwortung lud. Allgemein wurde W. als der Anstifter der Empörung bezeichnet, aber er hatte abermals Zuflucht bei den Dänen gesucht. So mußte sich Karl mit der Auslieferung der mitschuldigen Anhänger seines zähesten Gegners begnügen. Es folgte jenes entsetzliche, blutige Strafgericht in Verden, dessen Realität nicht zu bezweifeln ist, wenn man es auch für unglaublich erklärt hat, daß der König 4500 Sachsen an einem Tage habe enthaupten lassen. [366] Jedoch brachte auch diese grausame Härte keineswegs die beabsichtigte abschreckende Wirkung hervor. Im J. 783 mußte sich Karl mit den Sachsen in den Feldschlachten bei Detmold und an der Hase messen, von denen erst die letztere mit einem entscheidenden Sieg des Königs endigte. Ob W. selbst damals wieder nach Sachsen heimgekehrt war und persönlich an diesen Kämpfen theilnahm, bleibt ungewiß. Bezeugt ist es nicht. Vielleicht wandte er sich, nachdem Karl’s Sache wiederum siegreich geblieben war, in das Gebiet der Nordalbinger, wo wie ihn später finden, oder auch zunächst zu den Friesen, unter denen er ebenfalls eine Bewegung hervorrief. Ganz Friesland im Osten und Norden des Flie fiel wieder in das Heidenthum zurück. Aehnlich wie früher Willehad aus Wigmodia, mußte jetzt Liudger, der nachmalige erste Bischof von Münster, welcher seit sieben Jahren im Ostergau predigte und taufte, flüchten und begab sich, gleich jenem, zunächst nach Rom. Durch diese Verhältnisse sah sich Karl im J. 784 veranlaßt, einen abermaligen Feldzug nach Sachsen zu unternehmen. Die Absicht des Königs, in die von den fränkischen Waffen noch wenig berührten nördlichen Gaue vorzudringen und damit einen Hauptheerd der Empörung zu ersticken, wurde jedoch namentlich durch Ueberschwemmungen der Weser vereitelt. Es kam zwar zu einem Uebereinkommen mit den Ostfalen in Schöningen, und der gleichnamige Sohn des Königs focht an der Lippe im Dreingau mit seinen Reiterscharen mit Glück gegen die Westfalen. Ein durchgreifender Erfolg schien jedoch nur erreichbar, wenn den Sachsen endlich einmal die Gelegenheit abgeschnitten würde, während der Abwesenheit des Königs und der fränkischen Heeresmacht im Winter und Frühling den Widerstand immer von neuem ins Werk zu setzen. Noch vor Ablauf des Jahres trat der König daher einen neuen Zug nach Sachsen an. Weihnachten 784 beging er im Lager im Lande der Engern an der Emmer, nahe bei der Schiederburg. Von da rückte er verwüstend bis nach Rehme oberhalb der Porta Westfalica und nahm endlich, als die Jahreszeit und Ueberschwemmungen ihn umzukehren nöthigten, sein Winterquartier in der Eresburg. Auch seine Familie ließ er sich nachkommen. Das Heer ward in der Umgegend in Baracken vertheilt, auch dann aber einzelne Heeresabtheilungen auf Streifzüge in das Innere des Landes ausgesandt, an denen bisweilen der König selber sich betheiligte. Im Juni 785 folgte eine Heerversammlung zu Paderborn, an der auch die Sachsen theilnahmen. Von da aus zog Karl weiter in das Land, ohne irgendwo auf Widerstand zu stoßen. Er gelangte in den Gau Dersia, zwischen der oberen Hase und Hunte, dann überschritt er die Weser. Das Land wurde verwüstet, die Befestigungen und Verhaue der Sachsen zerstört. Als der König in den Bardengau, am linken Ufer der Elbe, kam, erfuhr er, daß W. und Abbio, ein anderer sächsischer Großer, der Widukind’s Schwiegersohn gewesen sein soll und jedenfalls damals sein hervorragendster, nächster Genosse war, sich im Gebiete der Nordalbinger befänden. Der weitere Verlauf der Dinge zeigt, daß Karl besonders viel daran lag, den Widerstand des zähesten Gegners zu beseitigen, um das Uebel an der Wurzel zu fassen, und daß Widukind’s Glauben an die Sache, die er bisher vertheidigt, nunmehr gebrochen war. Der König entschloß sich zu dem Versuch, W. und Abbio zu friedlicher Unterwerfung zu bewegen. Er knüpfte Unterhandlungen mit ihnen durch andere Sachsen und ließ sie auffordern, sich ohne Furcht bei ihm einzufinden. Auf ihr Verlangen, Bürgschaft für ihre Sicherheit und Straflosigkeit zu erlangen, ging er ein und verpflichtete sich ihnen Geiseln zu stellen, wogegen sie versprachen, im Frankenreich vor ihm zu erscheinen. Es mochte ihnen leichter scheinen, die Unterwerfung unter den Frankenkönig und das Christenthum dort, fern der Heimath, zu vollziehen. Nachdem ihnen die Geiseln durch einen fränkischen Hofbeamten, Amalwin, zugeführt waren, erschienen [367] W. und Abbio in der That in Attigny an der Aisne, einer alten fränkischen Königspfalz in der Champagne, an Karl’s Hoflager und empfingen hier nebst einer Anzahl von Genossen, welche sie begleitet hatten, die Taufe. Karl hob seinen langjährigen gefährlichsten Feind selbst aus dem Taufwasser und ehrte ihn durch reiche Geschenke. Es geschah noch im J. 785, vielleicht am Weihnachtsfeste. Alle Umstände lassen die außerordentliche Bedeutung des Mannes, mit dessen Unterwerfung diejenige Sachsens vollendet zu sein schien, klar hervortreten. Karl sandte die Kunde von seinen großen Erfolgen durch den Abt Andreas von Luxeuil an den Papst Hadrian I. und ließ ihm den Wunsch ausdrücken, er möge ein allgemeines christliches Dankfest anordnen, welches der Papst denn auch auf den 23., 26. und 28. Juni 786 ansetzte. Zeitgenossen sahen in dem Geschehenen den Abschluß des Werkes, das unter Gregor dem Großen mit der Bekehrung der Sachsen in Britannien begonnen hatte.

Dennoch sollte der Sachsenkrieg später wieder aufleben und das Ziel, an dem man jetzt bereits zu stehen glaubte, erst etwa zwei Jahrzehnte später erreicht werden. Aber W. hat keinen Theil mehr daran gehabt. Er verschwindet seit seiner Taufe aus der Geschichte, jedoch Alles weist darauf hin, daß er seinem Gelübde treu blieb und weder in das Heidenthum noch seinen Freiheitstrotz zurückfiel. Wahrscheinlich ist er nach der Taufe nach Sachsen heimgekehrt, während die Annahme, daß Karl ihn nun, wie schon früher andere sächsische Edelinge, zum Grafen in einen sächsischen Gau eingesetzt habe, mindestens der sichern Begründung ermangelt. Dürften wir einer Nachricht aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts Glauben schenken, so würde W. in der Zeit nach seiner Bekehrung Güter in der Gegend von Buddonfeld (vermuthlich Büdefeld, ein jetzt ausgegangener Ort in der Gegend von Corbach) besessen und sich dort bisweilen aufgehalten haben. In einer der jüngeren Lebensbeschreibungen Liudger’s wird nämlich erzählt, Liudger habe, als er einmal durch den Hessengau zum Hofe reiste, einem Manne das Leben gerettet, der wegen eines an dem sächsischen Herzog Widukind verübten Pferdediebstahls zum Tode verurtheilt und gesteinigt worden war. Liudger, heißt es, kam an der Richtstätte vorbei, wo man den Gesteinigten für todt hatte liegen lassen; da er jedoch erfuhr, daß es ein Christ sei, ließ er W. um die Erlaubniß bitten, den Leichnam beerdigen zu dürfen, die er auch erhielt. Er ließ daher[2] die zerstückelten Glieder in einem Mantel sammeln, bemerkte jedoch während der Bestattung, daß noch Leben in dem Körper sei, und nachdem die Wunden des Mannes verbunden waren, genas derselbe in kurzer Zeit. Noch jetzt, fügt jener Biograph Liudger’s hinzu, stehe an jenem Orte ein steinernes Kreuz, welches die Einwohner zum Andenken an dies Wunder errichtet hätten, und nach dem Namen jenes geretteten Mannes, Buddo, heiße die Stätte das Buddonfeld. Es könnte für die Glaubwürdigkeit dieser Erzählung sprechen, daß Pferdediebstahl nach sächsischem Recht in der That mit Todesstrafe bedroht war. Auch will der Verfasser das Ereigniß von Jüngern des h. Liudger zuverlässig erfahren haben. Bedenkt man jedoch, daß seine Schrift überhaupt an Irrthümern und Fehlern reich ist und daß die angegebenen Etymologie des Namens Buddonfeld, welcher Knochenfeld bedeutet, mythisch erscheint, so wird man diese Geschichte, auch wenn man sie ihres wunderbaren Charakters entkleidet, mit zweifelhaftem Auge betrachten. Man meint ferner aus dem Besitz seiner Nachkommenschaft erschließen zu können, daß W. Güter in der Gegend von Wildeshausen, in Engern u. s. w. besessen habe. Daß er überhaupt Güter hinterließ, scheint durch die Acten einer Synode bestätigt zu werden, welche auf Geheiß Kaiser Heinrich’s I.[3] und Karl’s des Einfältigen im J. 922 in Coblenz stattfand und an welcher u. a. die Bischöfe von Minden, Osnabrück und Paderborn theilnahmen, denn hier wird den Bischöfen das Recht [368] auf den Zehnten von dem Erbgut „des alten Grafen oder Herzogs Widukind“ und seiner Nachfolger zuerkannt – eine Bestimmung, welche möglicherweise zugleich darauf deuten könnte, daß Karl einst W. den Zehnten an die Kirche, der bei den Sachsen besonders unbeliebt und verhaßt gewesen war, erlassen hatte.

Ueber die Nachkommenschaft des alten Sachsenhelden sind wir näher unterrichtet. Ein Sohn Widukind’s war Wibreht, der als ein Mann von vornehmer Stellung bezeichnet, besonders aber als höchst eifriger Christ gerühmt wird. Nicht minder war dies Wibreht’s Sohn, Graf Waltbert, der am Hofe Kaiser Lothar’s I. aufwuchs und dessen Vassall wurde. Mit Empfehlungsbriefen Lothar’s an Kaiser Ludwig II., Papst Leo IV. und die weltlichen und kirchlichen Beamten Italiens versehen, wallfahrtete er im J. 851 nach Rom, um zur Befestigung des Christenthums in Sachsen Reliquien von dort zu holen, und brachte die Gebeine des h. Alexander, des Sohnes der Felicitas, heim, welche in Wildeshausen an der Hunte, wo er ein Mönchskloster stiftete, ihre Stätte fanden. Ein weiterer Sproß dieser Familie, Wigbert, gehörte als Diaconus der Hofgeistlichkeit Ludwig’s des Deutschen an und wurde dann Bischof von Verden, wo er von 874 bis 908 als solcher waltete. Einen noch helleren Glanz wirft es auf Widukind’s Andenken, daß auch Mathilde, die zweite Gemahlin des Sachsenherzogs und späteren Königs Heinrich I., eine Urenkelin von ihm war. So wurde der einstige Führer der Sachsen gegen Karl den Großen ein Ahnherr des sächsischen Kaiserhauses. Wenn dagegen auch eine große Anzahl anderer fürstlicher Geschlechter ihren Ursprung angeblich von W. herleitet, so läßt sich dies fast in keinem Falle wirklich begründen, auch nicht hinsichtlich der billungischen Herzoge von Sachsen oder der Grafen von Oldenburg, oder der französischen Capetinger, als deren Stammvater eine Deutscher Namens Witichin genannt wird, und des Hauses Savoyen, welches immerhin sächsischen Ursprungs sein mag. Nur insofern zählen die Capetinger zur Nachkommenschaft Widukind’s, als die Mutter Hugo Capet’s eine Tochter der Königin Mathilde war.

Ueberhaupt haben Sage und gelehrte Fabelei sich üppig wuchernd um diese Gestalt gerankt. Bot ihnen doch die Dürftigkeit der geschichtlichen Ueberlieferung den weitesten Spielraum und wurde diese doch so völlig verdunkelt oder in den Hintergrund gedrängt, daß der sich durch einen mehr als dreißigjährigen Zeitraum hinziehende Krieg Karl’s des Großen mit den Sachsen bereits im 10. Jahrhundert zu einem Zweikampf zwischen Karl und W. gemacht wird, oder daß, während Attigny als Ort der Taufe des großen Sachsenführers geschichtlich vollkommen feststeht, noch etwa ein Dutzend anderer Orte als angebliche Stätten dieses Vorganges bezeichnet werden.

So hat die spätere erfinderische Gelehrsamkeit W. eine lange Reihe königlicher Vorfahren angedichtet, unter denen Marbod, Hengist und Horsa erscheinen. Als sein Vater wird Wernekin, als seine Mutter eine rügensche Fürstentochter Gunhild, als seine Gemahlin Gheva genannt, die eine Schwester oder Tochter jenes Dänenkönigs Sigfrid gewesen sein soll, an dessen Hof W. Zuflucht gesucht hatte. Alle diese Angaben haben nicht den geringsten Werth, und noch durchsichtiger ist die Version, welche einen König von Wessex, Edelhard, zu seinem Vater macht. Der durch Ansehen und Einfluß weithin mächtige westfälische Gaufürst wird ferner in der Sage zum Landesherzog, ja zum König, bald allgemein des Volkes und Landes der Sachsen, bald specieller der Westfalen oder Engern, während die spätere Pseudogelehrsamkeit nicht ruht, bis sie ganz genau seinen Titel als „Herzog zu Engern, Graf von Jülich, Iburg und Minden, Dynasta in Ostphalen“ festgestellt hat. Wenn W. mit Vorliebe als „König von Engern“ bezeichnet wird, so knüpft sich dies daran, daß Enger (welches übrigens nicht in Engern, sondern in Westfalen lag) der Mittelpunkt seiner [369] Verehrung wurde. Zu Enger soll er seine Hauptburg gehabt und eine Kirche erbaut haben. Ebenda wird sein angebliches Grabmal gezeigt. Dorthin sind seine vermeintlichen Gebeine im J. 1822 von Herford, wohin das Stift Enger im 15. Jahrhundert verlegt worden war, zurückgebracht worden, und dort wird auch jährlich an seinem angeblichen Todestage (7. Januar) die sog. Wittekindsspende ausgetheilt. Gesicherte Thatsache ist jedoch nur, daß einer seiner Nachkommen, Graf Thiedrich, der Vater der Königin Mathilde, Enger besaß. Das dortige Kloster ist erst von Mathilde selbst gestiftet und könnte höchstens aus einer von W. errichteten Zelle hervorgegangen sein. Ebenso stammt das Grabmal frühestens aus dem 12. Jahrhundert, Kaiser Karl IV. ließ es im J. 1377 erneuern, seine jetzige Gestalt scheint es sogar erst im 17. Jahrhundert erhalten zu haben.

Außer in Enger soll W. auch noch an manchen anderen Orten Kirchen erbaut haben. Während er in den Karlssagen als Vorkämpfer des Heidenthums fortlebt, verherrlicht ihn die Legende vorzugsweise als bekehrten frommen Christen, wie sich ja seine Nachkommenschaft in der That eifrig beflissen zeigte, das Christenthum in Sachsen zu befestigen. Ohne förmlich canonisirt zu sein, ist W. sogar beinahe zu einem Heiligen geworden. Besonders hat hierzu der Kölner Karthäuser Werner Rolevinck beigetragen, der im 15. Jahrhundert die Geschichte seiner westfälischen Heimath mit warmer Liebe schrieb. Aber auch Bolland hat W. in den Acta Sanctorum berücksichtigt.

Abgesehen von den Erwähnungen Widukind’s in den großen fränkischen Reichsannalen (den sog. Annales Laurissenses maiores und Annales Einhardi) und anderen Jahrbüchern jener Zeit kommt vornehmlich die Translatio s. Alexandri als Quelle über seine Nachkommenschaft in Betracht. Man hat diese Schrift nicht unpassend als ein Familiendocument seines Hauses bezeichnet, und sie spiegelt auch gewissermaßen den schroffen Uebergang von dem alten, starren Heidenthum zu gläubigem Christenthum wieder, der Widukind’s eigenes Leben bezeichnet. Die Einleitung ist auf Veranlassung des Grafen Waltbert von Rudolf von Fulda verfaßt, die Fortsetzung nach Rudolf’s Tod (865) von seinem Schüler Meginhard hinzugefügt. Zweifel an diesem Sachverhalt, welche A. Wetzel in seiner Untersuchung der Translatio (Kiel 1881) aufgeworfen hat, sind nicht überzeugend begründet. Besonders interessant ist, daß Rudolf, ein namhafter Schriftsteller seiner Zeit, die Zustände der Sachsen in ihrer Heidenzeit hier an der Hand der Germania des Tacitus schildert. – Während später die gelehrte Fabelei über W. in einem phantastischen „Leben Wittekind’s des Großen“ (Dresden 1775) ihren Höhepunkt erreichte, ist die Ueberlieferung über ihn in neuerer Zeit sorgfältig geprüft und gesichtet worden in den Schriften von Wilhelm Diekamp, „Widukind, der Sachsenführer, nach Geschichte und Sage“. Eine gekrönte Preisschrift. I. Theil (Inaugural-Dissertation). Münster 1877 und von Jos. Dettmer (Missionar in Enger), „Der Sachsenführer Widukind nach Geschichte und Sage“. Würzburg 1879. Diekamp’s Schrift verdient unbedingtes Lob, ist aber nicht abgeschlossen. Auch die Arbeit von Dettmer ist als sehr fleißig anzuerkennen, legt jedoch an die Ueberlieferung nicht durchweg den Maßstab streng wissenschaftlicher Kritik an.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. Bd. 42, Artikel Witukind, l. S. 365 Z. 18 v. u. ostfränkisch (st. altfränkisch); [Bd. 43, S. 791]
  2. S. 367 Z. 20 v. u. „Er ließ also“ (st. daher); [Bd. 43, S. 791]
  3. S. 367 Z. 3 v. u. König Heinrich’s (st. Kaiser). [Bd. 43, S. 791]