ADB:Lothar I. (fränkischer Kaiser)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Lothar I., Kaiser“ von Engelbert Mühlbacher in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 19 (1884), S. 226–241, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Lothar_I._(fr%C3%A4nkischer_Kaiser)&oldid=- (Version vom 18. September 2019, 15:25 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Chlothar III.
Band 19 (1884), S. 226–241 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Lothar I. (Frankenreich) in der Wikipedia
GND-Nummer 118780514
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Kopiervorlage  
* {{ADB|19|226|241|Lothar I., Kaiser|Engelbert Mühlbacher|ADB:Lothar I. (fränkischer Kaiser)}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118780514}}    

Lothar I., der älteste Sohn Ludwig des Frommen, geb. 795, wird bald nach der Thronbesteigung seines Vaters nach Baiern „gesandt“; seit März 815 datiren die baierischen Urkunden nach den Jahren des jungen „Königs in Baiern“. Es war eine Stellung, wie sie des Kaisers Neffe Bernhard in Italien, Lothar’s Bruder Pippin in Aquitanien einnahm, ein Zugeständniß an die Länder, welche, unter einem nationalen Regentenhause selbständig und eigenartiger entwickelt, zuletzt als Ganzes in das fränkische Reich eingefügt worden waren, unter der vollen Wahrung der Oberhoheit des fränkischen Herrschers; das sollte auch zum Ausdruck kommen, als die drei Unterkönige 815 auf dem Reichstage in Paderborn vor diesem erschienen. Auf der Reichsversammlung in Aachen werden 817 „zur Festigung des Reiches und zur Kräftigung der Regierung“ jene Maßregeln getroffen, deren Vernichtung das Ziel der späteren Politik Ludwigs bildet: mit allgemeiner Zustimmung wird L. als Erstgeborner zum Kaiser gekrönt und zum Mitregenten erhoben. Wie diese Maßregel nur eine Nachahmung der Verfügungen Karl des Großen von 813 ist, so ist auch die sogenannte Reichstheilung im Wesentlichen nur eine Wiederholung der von dem großen Kaiser 806 getroffenen Bestimmungen; „die Einheit des Reiches sollte nicht den Söhnen zulieb zerrissen werden“ und in der Oberhoheit des zum Kaiser erhobenen ältesten Sohnes über die beiden jüngeren Brüder und ihre Reiche (Pippin ward zum König von Aquitanien, Ludwig zum König von Baiern bestellt) gewahrt, die Vertretung des Reichs, die letzte Entscheidung über Krieg und Frieden, die Wahrung des verletzten Rechtes ihm vorbehalten bleiben. Zugleich wird L. Italien übertragen, das seine Bedeutung zum Range der Primogenitur erhoben hatte. Doch erst im Herbst 822 betritt der junge Kaiser, der im Vorjahr mit Irmingard, der Tochter des Grafen Hugo von Tours vermählt worden war, sein Reich, um im Auftrage seines Vaters Recht zu schaffen und die Regierung [227] des Landes zu übernehmen. 823 versammelt er einen Reichstag zu Pavia, um durch Gesetze den eingerissenen Mißbräuchen zu steuern und rechtliche Verhältnisse zu regeln; eine Instruction für die Grafen trifft auch staatspolizeiliche Maßregeln. Im Begriffe auf den Befehl seines Vaters zurückzukehren erhält L. die Einladung des Papstes Paschal nach Rom zu kommen; hier wird er am 5. April zum Kaiser gekrönt. Doch noch hatte die Kaiserkrönung nicht jene Bedeutung, welche ein mächtig aufstrebendes Papstthum ihr bald zu geben wußte. L. war bereits in Aachen zum Kaiser gekrönt worden, in einer Urkunde für Farfa von 822 December 18 führt er daher auch schon den Kaisertitel. Der Akt war nur die kirchliche Weihe der von der weltlichen Vollgewalt geschaffenen Thatsache. Weder L. noch auch die italienischen Privaturkunden zählen die Regentenjahre von der Kaiserkrönung in Rom, sondern nach seiner Ankunft in Italien, der Besitznahme seines Reiches, oder nach einer conventionellen Epoche von 820. Findet in der Aufnahme der Regierungsjahre Lothar’s in die Datirung der italienischen Urkunden der förmliche Antritt der Regierung seinen Ausdruck, so auch die dem fränkischen Kaiser gewahrte Oberhoheit darin, daß dessen Name und Regentenjahre an die Spitze gestellt werden. Als L. im Juni 823 in Frankfurt am Hofe seines Vaters eintraf, war eben sein Stiefbruder Karl geboren worden. Die Sorge, dem Spätgebornen auf Kosten der älteren Brüder und mit Beseitigung des Staatsgrundgesetzes ein Reich zu schaffen, beherrscht fortan die Politik, welche die kluge und ränkevolle Kaiserin Judith mit thatkräftiger Hand lenkt und leitet. L., der meistberechtigte der Söhne, war zunächst ausersehen dem weitgehenden Plan zu dienen; er übernimmt die Pathenstelle, der drängenden Bitte des Vaters sich fügend schwört er, dem Stiefbruder den Theil des Reiches, welchen der Vater ihm geben würde, einzuräumen und ihn gegen alle Feinde zu schirmen. Das nächste Jahr führt ihn wieder nach Italien. Eugen II. war im Mai 824 in streitiger Wahl durch den Adel mit Mißachiung der dem Kaiser zustehenden Hoheitsrechte auf den päpstlichen Stuhl erhoben worden. L. wird nun nach Rom gesandt, um, wie es heißt, berathen von Wala und als Vertreter seines Vaters mit dem neuen Papst und dem römischen Volke die nothwendige Regelung der Verhältnisse vorzunehmen. Den Anhängern der fränkischen Partei wird das confiscirte Vermögen zurückgegeben, ihre Stellung befestigt. Das von L. erlassene Capitulare wahrt die kaiserlichen Rechte und unter deren Obhut jene des Papstes; es schränkt das Wahlrecht wieder auf die von Alters her berechtigten Wähler des Papstes ein bei Strafe der Verbannung, es verbietet die üblichen Plünderungen bei Lebzeiten und nach dem Tode des Papstes und gebietet bei Todesstrafe unverletzliche Sicherheit für alle, welche in des Papstes oder Kaisers Schutz aufgenommen worden waren; zur Controle der Rechtspflege bestellt es zwei Machtboten, einen päpstlichen und kaiserlichen, und behält in letzter Instanz die Appellation an den Kaiser vor; es verbürgt jedem Römer freie Wahl seines persönlichen Rechtes und fordert unbedingten Gehorsam und Ehrfurcht gegen den Papst. Dieser muß sich zur förmlichen Anerkennung der dem Kaiser für die Papstwahl zustehenden Rechte, welche die Weihe des Gewählten erst nach der Genehmigung des Kaisers gestatten, verstehen, die Römer müssen die Wahrung dieser Rechte beschwören. Auf der Rückkehr trifft L. 825 in Marengo Verfügungen über das Aufgebot gegen Corsica, auf einer Reichsversammlung in Olonna (bei Pavia) gesetzliche Bestimmungen zu Gunsten der vielfach mißachteten Kirchengewalt, zur Hebung des Unterrichts und der kirchlichen Disciplin, zur Abstellung von Mißständen; ein anderes Capitulare regelt die Heerpflicht. Im Sommer 825 langt L. wieder am fränkischen Hofe an. Seine Stellung als Kaiser und Mitregent kommt nun auch zu äußerem Ausdruck: sein Name wird nun auch den kaiserlichen Urkunden eingefügt, doch [228] es ist nur eine nominelle Ehre, die ihm weder einen bestimmenden Einfluß auf die Regierung noch einen eigenen Wirkungskreis zuweist. Aber sie wird bald zum Maßstab seines Verhältnisses zur Macht, welche die Regierung seines Vaters lenkt: kaum erkalten 829 seine Beziehungen, so verschwindet sein Name aus den Diplomen; als die Empörung von 830 ihm die Macht in die Hand gibt, so erscheint auch sein Name wieder in diesen, um nach der Niederlage der Erhebung, ein Zeichen vollständigen Bruches, für immer aus denselben zu verschwinden. Die nächsten Jahre führt L. ein Stillleben am Hofe des Vaters. Nur 828 erhält er den Befehl über ein Heer, das der spanischen Mark zu Hilfe kommen sollte; doch schon in Lyon erreicht ihn die Botschaft, daß ein Einfall der Sarazenen nicht mehr zu besorgen sei. 829 wird an Karl Alamannien, Rätien und ein Theil von Burgund zu Worms im Beisein Lothar’s, also mit seiner Einwilligung übertragen. Es war der erste Schritt, um dem Knaben nach den hochstrebenden Plänen der Mutter ein Reich zu schaffen. Diese Verfügung traf zunächst L., sie schmälerte den ihm 817 zugewiesenen Antheil. Aufgestachelt von seinem Schwiegervater, dem seiner Würde entsetzten Grafen Hugo von Tours und dessen Schicksalsgenossen Matfrid, sinnt er auf Mittel diese Verleihung rückgängig zu machen, hieß es doch, daß der Knabe zum Nachfolger des Vaters im Reiche ausersehen sei. Durch die Pläne, welche man für ihn ins Werk zu setzen begann, mußten sich auch die beiden anderen Brüder bedroht sehen, wenn auch ihr „Unwille“ noch thatlos bleiben mochte. Der Hof sucht sich durch Gegenmaßregeln zu sichern: L. wird entfernt und nach Italien „entlassen“, „gleichsam als Schutzwehr“ wird Graf Bernhard von Barcelona als Kämmerer an den Hof berufen und „zum zweiten Mann im Reiche nach dem Kaiser“ erhoben und seiner Obhut der kleine Karl anvertraut. L. ging nach Italien. Aber 830 brach die Empörung gegen Ludwig den Frommen aus, welche das Prinzip der Legitimität auf ihre Fahne schrieb und nach der Versicherung ihrer Parteigänger den Kaiser nur von den unheilvollen Einflüssen, die ihn beherrschten, retten, die Reichseinheit und die beschworene Erbfolgeordnung von 817 aufrecht erhalten wollte; ihre Häupter sandten an L. die Aufforderung, mit Heeresmacht zu ihnen zu stoßen. Als er etwa Anfangs Mai erst nach Ludwig d. D. in Compiègne eintraf, um sich trotz der Warnung Einhard’s als das dazu berufene Haupt an ihre Spitze zu stellen, war die Umwälzung, hauptsächlich unter Mitwirkung seines jüngeren Bruders Pippin von Aquitanien, vollzogen: die verhaßte Kaiserin war in das Kloster der h. Radegund in Poitiers gebracht, ihre beiden Brüder geschoren worden, Bernard durch die Flucht entronnen. Die Reichsversammlung in Compißgne sollte die Errungenschaften sichern; sie wurde von L. gehalten, Pippin und die Großen des Reichs waren erschienen. L. wird von seinem gedemüthigten Vater wieder als Mitregent anerkannt und in seine früheren Rechte eingesetzt, sein Name erscheint wieder neben dem seines Vaters in den Diplomen. Ueber die Mitschuldigen Bernard’s und Judith’s ergeht das Strafgericht; L. billigt ausdrücklich das Geschehene und drückt ihm damit den Stempel des Rechts auf. Dem alten Kaiser war nur der Titel geblieben, die Macht auf L. übergegangen. Dieser behandelt ihn zwar rücksichtsvoll, aber er wird mit dem kleinen Karl in freier Haft gehalten und nach dem Zeugniß Nithard’s sollten die Mönche ihn zum Eintritt ins Kloster bereden. Die Empörung hatte nur eine andere aristokratische Partei zur Herrschaft gebracht, auch sie verfolgte nur ihre Interessen, eine Besserung der sich häufenden Mißstände, der Lage des Volkes, die Hebung des tief gefunkenen Ansehens des Reichs war ebensowenig ihre Sorge. Die Verhältnisse verschlimmerten sich und rasch vollzog sich ein gewaltiger Umschlag zu Gunsten des alten Kaisers. Dieser gab für die Zukunft die verlangten Zusicherungen, und der Gewandtheit des Mönches Guntbald gelang es, die jüngeren [229] Söhne Pippin und Ludwig durch die Zusage, daß ihre Reiche vergrößert würden, zu gewinnen. Eine feste, entschlossene Hand lenkt nun hinter den Coulissen das Vorgehen des Kaisers und entwaffnet dadurch L.: der Kaiser besteht darauf, daß der nächste Reichstag nach Nimwegen, nicht nach einer Stadt Westfranciens, des Heerdes des Aufstandes, einberufen wird, er gebietet, daß Jedermann dort ohne bewaffnetes Gefolge erscheine. Der Reichstag wird noch in seinem und Lothar’s Namen angesagt, er endet mit dem vollen Sieg des Kaisers. Seine Anhänger wie seine Gegner waren sehr zahlreich erschienen. Er tritt jedoch mit ungewohnter Entschiedenheit auf und sucht die Gegenpartei durch Entfernung ihrer bedeutendsten Männer zu schwächen und zu sprengen: Abt Hilduin wird nach Paderborn in die Verbannung geschickt, Wala in sein Kloster verwiesen. Die Maßregelung dieser Männer erbittert die Partei aufs tiefste; sie versammelt sich Nachts und kommt in Lothar’s Wohnung mit der Forderung, entweder loszuschlagen oder auch gegen Ludwig’s Willen anderswohin abzuziehen. Dieser läßt Morgens L. vor ihren gemeinsamen Feinden warnen und ihm entbieten, er möge als Sohn zu ihm kommen; trotz der Abmahnungen geht L. zu seinem Vater, der ihm nur freundliche Vorwürfe macht. Unterdeß steigt die Erbitterung, Tumult erhebt sich, die Parteien stehen einander kampfbereit gegenüber. Da tritt der Kaiser vor das Volk und dieses läßt sich durch seine Rede beschwichtigen. Durch Lothar’s Nachgiebigkeit ist seine Sache verloren, die Herrschaft dem Kaiser zurückgegeben; er läßt die Häupter der Empörung in Gewahrsam bringen, L. muß den Treueid leisten, die Zurückberufung der Kaiserin wird beschlossen. Am 2. Februar 831 tritt der Reichstag in Aachen zusammen, dem L., welchen der Kaiser bei sich behalten hatte, Pippin und Ludwig der Deutsche anwohnen. Hier ergeht das Strafgericht über die Empörer, L. selbst ist genöthigt das Todesurtheil über seine Parteigenossen zu sprechen. Sie werden zwar begnadigt, aber verbannt, ihre Güter eingezogen. Gegen L. scheint die Untersuchung neues Beweismaterial ergeben zu haben, er wird seiner Würde als Mitregent entsetzt, auf Italien beschränkt und muß sich eidlich verpflichten, sich nie mehr gegen des Vaters Willen in Reichsangelegenheiten einzumengen. Die Kaiserin wird feierlich rehabilitirt, ihr unheilvoller Einfluß ist jetzt mächtiger als je. Wahrscheinlich dieser Zeit gehört der Entwurf einer Reichstheilung an, welcher die wesentlichen Bestimmungen der Reichstheilung von 806 wiederholend nur die anderen Söhne (Pippin, Ludwig d. D. und Karl) berücksichtigt, L. aber nicht einmal erwähnt. Der Entwurf kam nicht zur Ausführung. Doch schon im Mai erscheint L. wieder auf dem Reichstag zu Ingelheim und findet hier ehrenvolle Aufnahme. Die den Kaiser lenkende Politik hatte wieder eine Schwenkung gemacht und sucht L. für sich zu gewinnen; für seine verurtheilten Parteigänger wird eine Amnestie erlassen. L. ist noch im selben Jahre auf dem Reichstage in Diedenhofen, wo Bernard von der Beschuldigung des Ehebruches mit der Kaiserin sich durch einen Eid vereinigt, und kehrt dann nach Italien zurück. Der Zwist in der kaiserlichen Familie war nur nothdürftig beigelegt, das gegenseitige Mißtrauen wucherte fort und führte bald zu neuen Conflicten. Als Pippin von Aquitanien aus Aachen entflohen war (831, December), sollte auch L. zu der nach Orleans einberufenen Reichsversammlung kommen, um über die zu ergreifenden Maßregeln zu berathen. Dieselbe unterblieb, da in den nächsten Monaten auch der Baiernkönig zu den Waffen griff. Thegan schreibt diese Erhebung wol mit Unrecht dem Rathe Lothars zu. Im Juli 832 kam L. allerdings nach Mainz, wie es heißt, um sich gegen diese Anschuldigung zu rechtfertigen. Der tiefe Groll der Söhne gegen die ländergierige Politik der Kaiserin, welche eben das Muttersöhnchen Karl mit dem Pippin entrissenen Aquitanien ausgestattet hatte und das Erbe der anderen Brüder bedrohte, kam 833 in erneuter [230] Empörung zum Ausbruch. An ihre Spitze stellte sich wieder L. als der älteste Prinz. Die verrammelten Alpenpässe hatten seinen Vormarsch nicht aufgehalten. Mit ihm war Papst Gregor IV. gekommen, um, wie man sagte, eine Versöhnung zwischen Vater und Söhnen zu bewirken und die Eintracht und Einheit des Reiches durch Aufrechthaltung der ursprünglichen Erbfolgeordnung wieder herzustellen, deren Beseitigung alle Wirrnisse verursacht habe, während die kaiserliche Partei ihn als Werkzeug der Aufständischen bezeichnete. Bei Colmar lagert der Kaiser seinen Söhnen gegenüber, die Verhandlungen und ein Vermittelungsversuch des Papstes bleiben ohne Erfolg. Unterdeß greift der Abfall im kaiserlichen Lager immer weiter um sich, „wie ein Wildbach“ strömt alles Volk ins Lager der Söhne. Von den Seinen verlassen, von einem Angriff bedroht liefert sich der Kaiser seinen Söhnen aus (29. oder 30. Juni). L. läßt ihn mit dem kleinen Karl in sein Lager geleiten, die Kaiserin wird zu den Zelten Ludwig d. D. geführt. L. übernimmt förmlich die Herrschaft, wie ein Geschichtschreiber seiner Partei berichtet, auf daß Urtheil des Papstes und der Versammelten, der altes Kaiser gilt jetzt als abgesetzt. In Lothar’s Urkunden verschwindet nun aus Titel und Datirung der Name seines Vaters, an die Spitze der Jahresdaten tritt jetzt „das erste Regierungsjahr in Francien“, officielle Aktenstücke wie Privaturkunden datiren nach der Regierung Lothar’s. Vom Volk wird der Treueid gefordert, das Reich unter die drei Brüder getheilt. Die Kaiserin wird nach Tordona in Italien in die Verbannung geschickt. Während Ludwig d. D. und Pippin in ihre Reiche, der Papst nach Rom zurückkehrt, zieht L., den Vater in strenger Obhut haltend, über Marlenheim, wo er „das ihm nöthig Scheinende anordnet“, das Heer entläßt und einen Reichstag nach Compiègne beruft, Maurmünster, Metz, Verdun nach Soissons. Hier wird der Kaiser im Kloster St. Medard eingeschlossen, der kleine Karl nach Prüm in Gewahrsam gebracht. Am 1. October tritt der Reichstag in Compiègne unter Lothar’s Vorsitz zusammen. Er ist von der Geistlichkeit, den Großen und dem Volk zahlreich besucht; man bringt die jährlichen Geschenke dar und leistet den Treueid. Eine noch an Ludwig abgeordnete griechische Gesandtschaft wird von L. empfangen. Mit seiner Billigung wird über seinen Vater ein förmliches Anklageverfahren eröffnet, in seinem Beisein derselbe zur Kirchenbuße in St. Medard zu Soissons gezwungen. Dadurch sollte ihm die Möglichkeit genommen werden die Waffen je wieder zu tragen und nochmals auf den Thron zu gelangen. L. ist noch immer in Furcht, daß sein Vater befreit werde; er holt ihn deshalb von Soissons nach Compiègne und hält ihn hier bis zum Schluß des Reichstags (11. November) in strenger Haft. Dann zieht er zur Ueberwinterung mit ihm nach Aachen. Die harte Behandlung, welche L. dem Vater zu Theil werden läßt, empört das kindliche Gefühl seines jüngeren Bruders, Ludwig d. D. Vergeblich fordert er durch Gesandte eine mildere Behandlung, dringender wiederholt er im December bei einer Zusammenkunft in Mainz persönlich L. gegenüber dieselbe Forderung. Da L. nun abschlägigen Bescheid gibt, plant er die Befreiung des Vaters. Nach Epiphanie 834 ordnet er an diesen Gesandte ab, welchen wenigstens der Zutritt zu dem Gefangenen gestattet wird. Die Bewegung zu Gunsten des Kaisers ergreift nun immer größere Kreise, namentlich in Burgund, das habsüchtige und gewaltthätige Gebahren der zur Herrschaft gelangten Partei, das die allgemeine Lage nur noch mehr verschlimmert, facht sie zu gefährlicher Höhe an. Als nun auch Pippin die Aquitanier und die Leute jenseits der Seine, Ludwig die deutschen Stämme zu den Waffen ruft, fühlt sich L. in Aachen nicht mehr sicher. Er entweicht im Februar nach Westfrancien. Während des Marsches durch den Haspengau stellt sich ihm eine bedeutende Streitmacht gegenüber, um den Kaiser zu befreien, doch dieser verhindert durch Befehl und Bitte [231] den Kampf. So gelangt L. nach St. Denis, um hier seinen Vater und seinen Stiefbruder Karl zu verwahren, während Pippin schon an der Seine stand und die Burgunder bis Bonneuil an der Marne vorgerückt waren. Die Burgunder verlangen am 19. Februar durch Gesandte die Auslieferung des Kaisers und drohen ihn sonst mit Gewalt zu befreien; L. sucht sie hinzuhalten, sein Benehmen durch das über den Kaiser ergangene Urtheil zu rechtfertigen. Als nun auch Ludwig mit Heeresmacht heranrückt und der eiserne Ring sich immer fester um ihn schließt, ergreift er am 28. Februar mit seinen Anhängern die Flucht und läßt seinen Vater und Stiefbruder in St. Denis zurück. Es gelingt ihm nach Burgund zu entkommen, wo er in Bienne ein Standlager bezieht. Am 1. März wird der Kaiser wieder feierlich in die Kirche aufgenommen und unter dem Jubel des zusammengeströmten Volkes mit den königlichen Gewändern und Waffen bekleidet. Nach den Osterfeiertagen hält er in Aachen Berathungen, wie er „L. wieder zu sich zurückrufen könne“, und schickt an ihn Gesandte, welche ihm volle Verzeihung zusichern, wenn er in Frieden zu ihm zurückkehre; L. weist dies Anerbieten schroff ab. Unterdeß wird auch die Kaiserin befreit und aus Italien ihrem Gemahl zugeführt. Noch einmal scheint das Glück der Sache Lothar’s seine Gunst zuwenden zu wollen. Das kaiserliche Heer, das aus den Gegenden zwischen Seine und Loire aufgeboten worden war, um die Grafen Matfrid und Lantfred, die sich mit Lothar’s Anhang an der Grenze der Bretagne festgesetzt hatten, zu vertreiben, erlitt eine vollständige Niederlage. Die Sieger, zu schwach, um einem erneuerten Angriff zu begegnen, erbitten von L. dringend Hilfe. Er bricht auf, um sich mit ihnen zu vereinigen, und erobert Châlon sur Saône; die Stadt wird eingeäschert, Bernard’s Schwester, die Nonne Gerberga, als Hexe und Giftmischerin ersäuft, drei der Befehlshaber werden hingerichtet. Nochmals sendet der Kaiser, der sich wieder einmal ermannt, den Abt Markward von Prüm mit neuen Mahnungen an L.; dieser antwortet mit Drohungen. Siegeszuversicht erfüllt ihn, sein Anhang mehrt sich wieder. Er marschirt über Autun nach Orleans, um sich mit den Seinen zu vereinigen und den weiteren Feldzugsplan zu berathen. Er lagert zunächst bei Montaillé und dann, als sein Vater mit einem Heer anrückt, diesem und seinem Bruder Ludwig gegenüber in drohender Stellung bei Blois. Vier Tage wird durch Gesandte unterhandelt, in der nächsten Nacht beginnt L. den Rückzug. Als nun auch Pippin mit einem Heer eintrifft und kein Entrinnen mehr möglich ist, unterwirft er sich nach einigem Zögern. Er erscheint vor seinem Vater, wirft sich ihm mit seinen vornehmsten Anhängern zu Füßen und bekennt sich schuldig. Er schwört für sich und die Seinen Treue und Gehorsam, verpflichtet sich in bestimmter Frist nach Italien zu gehen und es ohne des Vaters Geheiß nicht zu verlassen, sowie gegen dessen Willen sich nicht mehr in Reichssachen zu mengen. Nach ihm schwören die übrigen. Der Kaiser verleiht L. Italien und gewährt den anderen Amnestie. L. zieht mit seinen Anhängern, die ihm folgen wollen, nach Italien. Es folgen ihm die Männer, die einst zu den bedeutendsten des Reiches gezählt hatten, „durch deren Abgang,“ wie des Kaisers Lobredner sagt, „Francien seines Adels beraubt, seiner Stärke entmannt, seiner Staatsklugheit entäußert wurde.“ Hinter ihnen werden die Alpenpässe verrammelt. L. muß nun bedacht sein seine Getreuen zu entschädigen, und er sorgt für sie, größtentheils auf Kosten des Kirchenguts, nach Kräften. Eine Seuche, welche auch L. aufs Krankenlager wirft (836), rafft fast alle hinweg. Die vollständige Niederlage, der förmliche Ausschluß aus dem Reich hatten Lothar’s Beziehungen zu seinem Vater abgebrochen. Er herrscht nun ganz unabhängig in Italien. Seine Urkunden nehmen den Namen des Kaisers nicht mehr auf. Doch schon 836 geht wieder eine Gesandtschaft des Kaisers nach Italien ab, um eine volle Aussöhnung anzubahnen. L. tritt aus [232] seiner Zurückhaltung nicht heraus, ohne die Anträge ganz abzuweisen; er erklärt sich bereit gegen Bürgschaft für seine Sicherheit zum Vater zu kommen. Vom Fieber ergriffen ist er außer Stande diese Zusage einzulösen. Wieder finden sich Gesandte des Kaisers ein, um anzufragen, ob er später kommen werde, zugleich aber um über die Restitution der Besitzungen fränkischer Kirchen in Italien, die von seinen Anhängern als gute Beute in Besitz genommen worden waren, und über die Rückgabe der Aemter und Lehen an die Befreier der Kaiserin zu unterhandeln. L. sucht Vorbehalte und stellt Bedingungen. Die Spannung verschärft sich im nächsten Jahre. Der Kaiser kündigt auf dem Reichstag in Diedenhofen (Mai 837) eine Romfahrt an, auf der ihn auch Pippin und Ludwig d. D. begleiten sollen. Diese Heerfahrt bedroht L., über den Klagen wegen Nichterfüllung der beschworenen Verpflichtungen und über Bedrückung der römischen Kirche eingelaufen waren. Mit der Mahnung, die Beraubung der römischen Kirche, deren Schutz ihm bei der Verleihung Italiens übertragen worden sei, nicht zu gestatten, kommt auch der Befehl, für Mundvorrath und Quartiere auf der ganzen Strecke bis Rom Sorge zu tragen. Ein Einfall der Normannen in Friesland nöthigt aber den Kaiser zum Verzicht auf die Romfahrt und zur Rückkehr. Er schickt daher wieder Gesandte an L. und den Papst, doch L. antwortet mit der Befestigung der Alpenpässe und läßt dem päpstlichen Botschaftsträger die Weiterreise versperren. Diese Spannung, die neuerliche Ausstattung Karl’s mit reichem Länderbesitz (Reichstag in Aachen October 837) führt L. auch seinem Bruder Ludwig näher; sie haben in der Fasten eine Zusammenkunft im Thal von Trient, welche den Verdacht des kaiserlichen Hofes in hohem Maße erregt. Ludwig geräth mit dem Vater bald in offenen Hader, da dieser die „diesseits und jenseits des Rheins usurpirten Lande“ zurückfordert. So versucht man es am kaiserlichen Hof mit Pippin; mit dessen Zustimmung wird an Karl das Herzogthum Maine und die Küstenlandschaft zwischen Seine und Loire übertragen und der eben wehrhaft gemachte junge Fürst gekrönt (September 838). Als aber kurz darauf Pippin stirbt (13. September 838) und die Kaiserin darauf sinnt, ihrem Sohn auch Aquitanien, wenngleich mit Beseitigung des erbberechtigten Sohnes Pippins, zu verschaffen, als Ludwig d. D., der zu Beginn des Jahres wieder zu den Waffen gegriffen, obgleich niedergeworfen, noch immer ein gefährlicher Gegner bleibt, als nun auch die Altersschwäche des Kaisers ein baldiges Ende voraussehen läßt, da hält die Kaiserin es für gerathen, daß der Vater einen der Söhne als Stütze gewinne, damit im Vereine mit diesem Karl dem andern, wenn keine friedliche Verständigung erzielt würde, die Spitze bieten und so seine reiche Ausstattung sichern könnte. Nach langen Erwägungen einigt man sich zu dem Beschluß, sich mit L. zu verbünden. Man läßt ihm volle Verzeihung und Theilung des ganzen Reicha, Baiern ausgenommen, zwischen ihm und Karl anbieten. L. nimmt daa Anerbieten an, die Abmachung wird von beiden Seiten beschworen. Er erscheint auf dem Reichstag in Worms (30. Mai 839). Die Aussöhnung wird hier feierlich in Scene gesetzt: L. fällt dem Vater zu Füßen und bittet ihn für seine früheren Uebelthaten um Verzeihung; sie wird ihm gewährt unter der Bedingung, daß er nie und nirgends etwas wider Karl und das Reich unternehme. In die Aussöhnung werden Lothar’s Anhänger einbezogen; einige derselben erhalten nicht nur ihre Eigengüter, sondern auch ihre Lehen zurück. Am nächsten Tage beginnen die Verhandlungen über die Reichstheilung, L. überläßt endlich dem Vater die Theilung und behält sich die Wahl seines Antheils vor. Er wählt sich den von der Maas und Rhone östlichen Theil des Reichs mit Italien und überläßt den westlichen an Karl; der Kaiser mahnt beide sich zu lieben und untereinander zu unterstützen; die Theilung sollte nach seinem Tode in Kraft treten, Ludwig auf Baiern beschränkt bleiben. Als L. [233] sich verabschiedet, um nach Italien zurückzukehren, beschwört ihn sein Vater nochmal wenigstens jetzt die gegebenen Zusicherungen zu halten. Diese ungerechte Auftheilung des Reichs bleibt nicht ohne Widerstand und ein großer Theil der Aquitanier erhebt sich für den rechtmäßigen Thronerben Pippin II., Ludwig der Deutsche beansprucht mit den Waffen „den ihm rechtlich gebührenden Antheil“. Der erfolgreiche Kampf gegen ihn beschäftigt das letzte Lebensjahr des Kaisers. Zu Tode krank wird er auf die Rheininsel bei Ingelheim gebracht (Juni 840). Vor seinem Ende sendet er an L., dem er nebst Karl auch einen Theil seiner Fahrhabe bestimmt hatte, die Reichsinsignien, Krone und Schwert, aber mit der Bedingung, daß er Karl und Judith die Treue wahre, jenem den ganzen Reichsantheil belasse und ihn darin schütze. Kaum hatte L. den Tod des Vaters erfahren, als er, sich auf das Hausgesetz von 817 stützend, als Erbe des Vaters und als Kaiser Anspruch auf das ganze Reich erhebt. Er entsendet überallhin Boten, um die Ankunft in „sein“ Reich anzukündigen und Huldigung zu heischen. Er bricht sogleich zur Besitznahme des Reichs auf, rückt aber ziemlich langsam vor, da er vor dem Ueberschreiten der Alpen Gewißheit über die Entwickelung der Dinge haben will. Er findet auf seinen Wegen überall Anerkennung, seine alte Partei beginnt sich um ihn zu schaaren. Nach dem Bericht Hincmars sind es seine Parteigänger, die ihn dazu drängen seine Brüder zu enterben, da er der Erstgeborne und Kaiser sei. Er sucht zunächst die beiden Brüder zu trennen. Während er Vorbereitungen trifft, um Ludwig als den nächsten Gegner niederzuwerfen, läßt er Karl seiner freundlichen Gesinnung versichern, allerdings mit der Bitte gegen ihren Neffen Pippin II. von Aquitanien nicht weiter vorzugehen. Dann bricht er gegen Ludwig auf; er schlägt die Besatzung von Worms nach kurzem Kampfe in die Flucht, setzt über den Rhein und marschirt gegen Frankfurt. Bei Mainz stellt sich ihm Ludwig unerwartet mit einem großen Heer von Ostfranken gegenüber. Man vereinbart für die nächste Nacht Waffenruhe; als L. sieht, daß Ludwig ohne Kampf nicht weichen will, schließt er in der Hoffnung, Karl leichter überwinden zu können, einen Waffenstillstand bis 11. November unter der Bedingung, daß sie sich an diesem Tage am gleichen Orte treffen und, wenn sie sich bis dahin über die Reichstheilung nicht einigen könnten, die Waffen entscheiden sollten. Lothar’s weitumfassenden Pläne beleuchtet auch die Urkunde, welche Ebbo das Bisthum Rheims, das er „seinetwillen“ verloren hatte, restituirt, sie ist von den Erzbischöfen von Metz, Mainz, Trier, Besançon, Tarantaise und einer stattlichen Anzahl von Bischöfen unterfertigt und datirt „im ersten Jahre der Rückkehr des Kaisers L. als Nachfolger seines Vaters in Francien“. Karl hatte sich, sobald er von dem Geschehenen Kunde erhielt, beeilt L. entbieten zu lassen, er möge die Verfügungen des Vaters aufrecht halten und ihm seinen Antheil ungeschmälert lassen. L. gibt nur eine kühle, ausweichende Antwort und entzieht den Gesandten seines Bruders, die nicht zu ihm übertreten wollten, die Lehen. Etwa Ende September bricht er mit einem Heer gegen Karl auf und marschirt gegen die Seine. Auf dem Wege dahin schließen sich Abt Hilduin von St. Denis und Graf Gerard von Paris, Pippin, der Sohn des geblendeten Königs Bernhard von Italien, 834 einer der Befreier der Kaiserin Judith, und viele andere an. Schon am 10. October urkundet L. für westfränkische Klöster als Regent dieser Lande. In diesen Urkunden tritt zuerst auch eine neue Datirung auf; zu den Regierungsjahren in Italien (mit der konventionellen Epoche von 820) gesellen sich die Regierungsjahre in Francien, mit 1, also 840 beginnend. Er rückt im langsamen Marsch über die Seine und über Chartres, überall bestrebt die Leute auf seine Seite zu ziehen, bis zur Loire vor. Bei Orleans stellt sich ihm Karl mit geringen Streitkräften entgegen. Da er harten Widerstand erwarten muß und ein immer größeres Anwachsen seiner Partei hofft, [234] vermeidet er auch hier die Entscheidung durch die Waffen und schließt einen Vertrag, welcher Karl Aquitanien, Septimanien, die Provence und 10 Grafschaften zwischen Seine und Loire überläßt in der Weise, daß er sich damit begnüge und dort bis zu der für den 8. Mai in Attigny bestimmten Zusammenkunft, welche endgiltige Bestimmungen treffen sollte, seinen Aufenthalt nehme. Dagegen stellen Karl’s Anhänger die Bedingung. daß L. die zugewiesenen Länder unbehelligt lasse und bis dahin Ludwig nicht angreife, widrigenfalls sie sich ihrer beschworeneu Verbindlichkeiten enthoben erachten würden. Trotzdem versucht L. die Männer, welche eben diesen Vertrag beschworen hatten, Karl abtrünnig zu machen und sendet in die diesem überlassenen Landstriche Boten, um die Huldigung zu hintertreiben. Er zieht dann nach Burgund, um sich huldigen zu lassen, und langt im Februar in seiner Residenz Aachen an. Unterdeß hatte Ludwig die Zeit trefflich ausgenützt, die Huldigung der Ostfranken, Alamannen, Sachsen und Thüringer entgegengenommen und die Orte am linken Rheinufer besetzt. Im März bricht L. wieder gegen ihn auf. Es gelingt ihm Anfangs April bei Worms den Rheinübergang zu bewerkstelligen; Ludwig sieht sich zu eiligem Rückzug nach Baiern genöthigt. L. überzeugt, daß sein Bruder nunmehr unschädlich gemacht sei, läßt Graf Adalbert von Metz mit Truppen zurück, um das Volk in Pflicht zu nehmen, um eine Vereinigung Ludwig’s mit Karl zu hindern und sich selbst mit der Hauptmacht gegen diesen wenden zu können. Schon hatte er eine Gesandtschaft an ihn abgeordnet, welche zu Ostern in Troyes eintraf und darüber Beschwerde zu führen hatte, daß Karl – er hatte unterdeß die Landschaften im Westen sich gesichert und Lothar’s Parteigänger verjagt – die ihm vertragsmäßig gezogenen Grenzen überschritten habe, und welche ihm zugleich den Befehl übermittelte an dem Ort, wo sie ihn treffen würden, zu bleiben, bis er von L. weitere Weisung erhielte. Karl rechtfertigt sich damit. daß auch L. seinen beschworenen Verpflichtungen nicht nachgekommen sei und Ludwig angegriffen habe. Zur bestimmten Zeit trifft Karl in Attigny ein. Während er hier vergeblich auf seinen älteren Bruder wartet, finden sich Gesandte Ludwig’s ein und bieten ihm dessen Beistand an; Karl nimmt das Bündniß an und läßt zurücksagen, Ludwig solle baldmöglichst zu ihm stoßen. Als L. nicht erscheint, zieht er seiner Mutter nach Châlons sur Marne entgegen, die ihm Truppen aus Aquitanien zuführt. Nun erst rückt L. ins Feld; er verkündet dem ihm zuströmenden Volk, daß Karl entflohen sei und er ihm rasch folgen werde; er hebt damit den Muth der Seinen und gewinnt neuen Anhang. Bei seinem Vormarsch tritt ihm aber Karl entgegen und bietet ihm eine Schlacht an, er lehnt dieselbe ab unter dem Vorwande, er müsse den ermüdeten Pferden Ruhe gönnen, und sucht, während Gesandtschaften erfolglos hin und her wandern, Karl hinzuhalten. So verliert er die günstige Zeit und Ludwig, der am 18. Mai den Grafen Adalbert im Rieß vollständig geschlagen und sich dadurch den Weg zu Karl frei gemacht hatte, kann sich mit diesem vereinigen. Die verbündeten Brüder versuchen es wieder mit Unterhandlungen: an die Verfügungen ihres Vaters erinnernd, beschwören sie L. dem Reiche den Frieden zu geben; sie bieten ihm gegen die Anerkennung ihrer berechtigten Ansprüche die Fahrhabe des Heeres, Pferde und Waffen ausgenommen, an. Auch diese Vorschläge zurückweisend läßt L. ihnen sagen, er wolle nichts ohne Schlacht. Er bricht sogleich auf, um Pippin, der ihm aus Aquitanien Streitkräfte zuführt, entgegen zu ziehen. Die beiden Brüder folgen ihm. Bei Auxerre treffen die Heere am 21. Juni unvermuthet aufeinander. Man schließt für die Nacht Waffenstillstand und lagert in geringer Entfernung. Am nächsten Tage lassen beide Brüder L. die Schlacht für diesen Tag anbieten; er gibt eine ausweichende Antwort und bricht rasch auf. Die Brüder eilen ihm nach, überholen ihn und lagern bei [235] Thury, L. bei Fontanetum (Fontenoy-en-Puisaye wahrscheinlicher als Fontenailles, südwestlich Auxerre). Am 23. Juni rücken beide Heere schlachtbereit etwas über die Lager hinaus. Nochmals schicken Ludwig und Karl Gesandte und wiederholen ihr letztes Anerbieten; sie schlagen noch Theilung des Reichs in drei Theile vor, unter denen L. die Wahl frei stehen sollte; doch wie gewöhnlich erwidert dieser, er werde durch eigene Gesandte seinen Entschluß kund thun, und verlangt Bedenkzeit. Sie verstehen sich dazu für diesen und den folgenden Tag bis zur zweiten Stunde (nach Sonnenaufgang) des 25. Juni Waffenruhe zu beschwören. Am 24. Juni langt Pippin mit seinen Truppen bei L. an und dieser steigert unter Hinweis auf seine kaiserliche Würde seine Ansprüche, ohne die am Vortag gemachten Anträge auch nur zu beantworten. So lassen ihm die Brüder melden, daß sie, wenn er sich nicht anders besinnen und ihre Vorschläge annehmen würde, am nächsten Tag um die zweite Stunde zum Gottesgericht, das er ihnen aufgenöthigt habe, erscheinen würden; sie erhalten nur die höhnische Antwort, sie würden sehen, was er zu thun gedenke. Am 25. Juni besetzen sie die Höhe des an Lothar’s Lager grenzenden Berges mit etwa einem Drittel ihres Heeres und erwarten dessen Anrücken um die bestimmte Stunde; um diese Zeit entspinnt sich der Kampf. L. kämpft bei Brittas gegen Ludwig mit der größten Tapferkeit und drängt anfangs den Feind zurück; er wird aber bald zurückgeworfen, seine Schaaren fliehen, er selbst wird von der Flucht mitgerissen: einen leichten Sieg erringt Karl bei Fagit, dagegen leistet Pippin hartnäckigen Widerstand und seine Schaaren werden erst geworfen, als Nithard zu Hilfe eilt. Die Flucht ist nun eine allgemeine, Ludwig und Karl gebieten der Verfolgung Einhalt. Die Abgesandten des Papstes, welche gerade vor der Schlacht mit dem Auftrag, zwischen den Brüdern zu vermitteln, bei L. angelangt waren, entrinnen nach Auxerre, der mit ihnen gekommene Erzbischof von Ravenna, der mit Hilfe seiner Schätze die Bestätigung der Privilegien und die Unabhängigkeit von Rom erwirken wollte, wird gefangen. Eine ungeheuere Beute fällt den Siegern in die Hände. Am nächsten Tage wird für das Begräbniß der Todten, die Pflege der Verwundeten Sorge getragen. Die Verluste auf beiden Seiten sind ungeheuere, die Blüthe der fränkischen Streitmacht war gefallen; als ein Unglück, als ein bejammernswerther Sieg wird die Schlacht in den Geschichtsbüchern verzeichnet, und Angilbert, der selbst in erster Reihe gekämpft, flucht dem unseligen Tage. Auch die Sieger fühlen das Bedürfniß der Rechtfertigung. Auf ihre Anfrage erklären die Bischöfe am Tage nach der Schlacht in öffentlicher Versammlung, daß sie nur für ihre Rechte gestritten und daß nur das Gottesgericht für sie entschieden habe. L. flieht nach Aachen. War er auch besiegt, so war seine Sache doch noch keineswegs verloren. Zwar droht der Abfall seine Reihen zu lichten, er sucht durch Vertheilung von Krongut, durch Verleihung der Freiheit und durch Versprechungen seine Partei zu stärken, wie man auch nach der Schlacht das Gerücht verbreitet hatte, Karl sei in derselben gefallen, Ludwig verwundet worden und nur durch die Flucht entronnen. Er sendet nach Sachsen, um die Freien und Lazzen durch Zusagen zu gewinnen, die auch als Bund der „Stellinger“ sich gegen den Adel erheben. Zugleich sucht er die Normannen zu gewinnen. Schon im Juli rückt er gegen Ludwig wieder ins Feld und geht über den Rhein, kehrt aber, obwol sein Gegner zurückweicht, „unverrichteter Dinge“ wieder nach Worms zurück, angeblich auf die Kunde, daß Karl in die Gegend von Mastricht ziehen wolle. In Worms feiert er die Vermählung einer seiner Töchter und zieht dann wieder gegen Karl. Ohne auf die Friedensanbietungen desselben zu achten, marschirt er mit einem Heere von Sachsen, Ostfranken und Alamannen gegen Paris. Die angeschwollene Seine hindert den Uebergang, das andere Ufer ist von den Truppen Karl’s besetzt. In [236] dieser mißlichen Lage bietet er im September den Frieden an, wenn Karl das Bündniß mit Ludwig aufgebe wie er das seine mit Pippin, und verspricht ihm das Land westlich der Seine ohne die Provence und Septimanien. Karl geht auf diese Vorschläge nicht ein, L. zieht die Seine aufwärts und vereinigt sich in Sens mit Pippin. Nirgends erntet seine Heerfahrt Erfolge. Er wendet sich zunächst gegen die Streitkräfte Karl’s, welche das Forêt de Perche besetzt hatten, und verwüstet die Gegend von Le Mans; jene entkommen, der Fürst der Bretagne, Nominoe, weist seine Anerbietungen zurück, er findet keinen Anhang. Nach Tours zurückgekehrt, kommt ihm die unerwartete Kunde zu, daß Karl und Ludwig sich mit einem ungeheueren Heere zu vereinigen strebten, und er eilt nach Aachen zurück. Ludwig und Karl, der Lothar’s Streitkräfte unter dem Erzbischof Otgar von Mainz, welche ihm den Weg ins Elsaß sperren sollten, zu raschem Rückzuge gezwungen hatte, vereinigen sich in Straßburg und beschwören hier am 14. Februar 842 feierlich ihr Bündniß gegen L. Sie rücken getrennt gegen ihn vor, Karl auf dem linken, Ludwig, zu dem auch sein Sohn Karlmann mit baierischen und alamannischen Zuzügen gestoßen war, auf dem rechten Rheinufer. Von Worms ordnen sie nochmals Gesandte an L. ab, doch sie finden kaum Gehör. Am 18. März vereinigen sich wieder die beiden Heere bei Koblenz und setzen sogleich über die Mosel. Lothar’s Kerntruppen, denen die Vertheidigung des Moselüberganges anvertraut war, ergreifen die Flucht. Als L., der in Sinzig (an der Mündung der Ahr) weilt, dies erfährt, flieht er nach Aachen und rafft dort die Kostbarkeiten der Kapelle und des Schatzes zusammen; der herrliche silberne Tisch aus dem Nachlasse Karl des Großen, der auf drei Schilden die Erde, den gestirnten Himmel und das Planetensystem in erhabener Arbeit darstellte, wird zerschlagen, die Stücke werden unter die Seinen vertheilt, um sich ihre Treue zu sichern, sie verlassen ihn aber haufenweise. In rastloser Eike flieht er weiter, so daß sich das Gerücht verbreitet und auch bei seinen Brüdern Glauben findet, er verzweifle an seiner Sache und ziehe nach Italien. Schon am 2. April ist er in Troyes. In Vienne macht er endlich Halt. An der Rhöne, die er mit seiner Flotte beherrscht, sammelt er ein neues Heer. Die Brüder waren unterdeß in Aachen eingerückt und hatten mit Billigung der Bischöfe Lothar’s Reich unter sich getheilt; sie nahmen die neuen Unterthanen in Pflicht und folgten in langsamem Zuge L. Da trifft sie ein Abgesandter desselben, um seine Bereitwilligkeit zu Friedensunterhandlungen zu versichern. Sie geben nur eine schroffe Antwort und marschiren weiter. In Miliciacus langt eine neue Gesandtschaft an; L. läßt sagen, daß er seine Schuld einsehe und den Streit beenden wolle; sie möchten ihm um der kaiserlichen Würde willen etwas mehr als den dritten Theil des Reichs gewähren, wenn nicht, wenigstens dieses Drittel mit Ausschluß von Italien, Baiern und Aquitanien. Ludwig und Karl erklären sich zum Frieden und zur Annahme des Theilungsvertrages bereit. Nicht ohne Mißvergnügen mancher Anhänger werden sie schlüssig, L. das Land zwischen Rhein und Maas längs der Saône und Rhône bis zum mittelländischen Meere als Drittel des Reichs anzubieten mit der Drohung, wenn er dies Angebot zurückweise, die Waffen entscheiden zu lassen. Den Gesandten, welche diese Anträge übermitteln, begegnet L. weniger hochfahrend als sonst, er erklärt aber mit dem angebotenen Reichstheil sich nicht zufrieden geben zu können, da er nicht ein Drittel des Ganzen umfasse. Die Gesandten – „ich weiß nicht, durch welche List hintergangen,“ bemerkt Nithard – vergrößern nun Lothar’s Antheil bis zum Kohlenwald und schwören, daß das Reich dann in drei möglichst gleiche Theile getheilt werden und ihm die Wahl unter diesen frei stehen solle. Nun beschwört auch L. diese Abmachungen. Auf der Insel Ansilla bei Mâcon treffen die Brüder am 15. Juni zusammen. Ihre Geneigtheit Frieden [237] zu machen wird auch dadurch erzwungen, daß die Großen des Krieges mit seinem zweifelhaften Gewinn und sicheren Verlusten überdrüssig geworden waren. Sie schließen hier einen Präliminarfrieden und beschwören das Reich gleichmäßig zu theilen und L. die Wahl seines Antheiles zu überlassen. Am 16. Juni werden, allerdings nicht ohne Noth, nähere Vereinbarungen getroffen: von jeder Partei werden 40 Bevollmächtigte bestellt, die eine „Beschreibung“ des Reichs zum Zweck der gleichen Theilung aufnehmen und am 1. October in Metz zusammentreten sollten. L. hatte mehr erreicht, als er nach den erlittenen Niederlagen erwarten durfte. Er geht nach Trier und empfängt hier eine griechische Gesandtschaft, die um Hilfe gegen die Sarazenen in Kleinasien ansucht und dafür die Vermählung der kaiserlichen Prinzessin mit Lothar’s Sohn Ludwig anbietet. Eine Urkunde für Trier erwähnt auch, daß er hier die Verhällnisse seines Reichs geordnet habe. Den Großen, welche zu seinen Brüdern übergegangen waren, werden die Lehen entzogen. Er nimmt dann Aufenthalt in Diedenhofen. Seine Nähe scheint den Bevollmächtigten Karl’s und Ludwig’s, die in Metz die Reichstheilung vornehmen sollten, so verdächtig, daß Karl Sicherstellung ihrer Abgeordneten durch Geiseln oder Verlegung der Verhandlungen an einen andern Ort fordert. Man einigt sich nun auf Koblenz. Die Bevollmächtigten kommen hier am 19. October zusammen; um Streit unter ihren Leuten zu verhindern, schlagen jene Ludwig’s und Karl’s auf dem rechten Rheinufer ihr Lager auf, die Lothar’s auf dem linken. Die Unterhandlungen bleiben erfolglos, da Lothar’s Vollmachtsträger die Beschuldigung erheben, daß die Gegenpartei die vereinbarte „Beschreibung“ des Reichs nicht aufgenommen habe und deshalb eine gleiche Theilung nicht möglich sei, und diese sich darauf beruft, daß L. dies verhindert habe. Man schließt bis 5. November Frieden und geht unverrichteter Dinge auseinander. In Diedenhofen endlich kommt ein Friedensschluß bis zum 14. Juli des nächsten Jahres zu Stande, zu dem die Könige, gedrängt durch die Noth, den bevorstehenden Winter und durch den Ueberdruß der Großen am Kriege, sich verstehen müssen; die Großen schwören, daß die Könige bis dahin unter einander Frieden halten, daß am bestimmten Termin jedenfalls das ganze Reich gleichmäßig getheilt werde und L., wie früher vereinbart, die Wahl zustehe. Der lange Streit wird durch die Reichstheilung von Verdun (August 843) beendet. Sie findet statt auf Grundlage der von den Bevollmächtigten nun aufgenommenen „Beschreibung“; L. erhält zu Italien das Land zwischen Rhein und Schelde mit Ripuarien und Friesland, Cambray, den Hennegau und Lommegau, den Gau Castrices (um Sedan), die Grafschaften am linken Ufer der Maas bis zum Einfluß der Saône in die Rhône, von hier längs der Rhône mit den zu beiden Seiten liegenden Grafschaften, im Westen bis zur Aar. Dazu tritt ihm Karl das Gebiet von Arras ab. Mit dieser Theilung ist die Reichseinheit für immer zerrissen und der nationalen Entwickelung im Westen und Osten freie Bahn gegeben; Lothar’s Reich ist ein künstliches Gebilde, das bald zum Zankapfel der beiden andern Reiche werden sollte; die Großen sind jetzt zu entscheidendem Einfluß gelangt. Zugleich wird ein förmlicher Friede zwischen den drei Brüdern geschlossen; sie garantiren sich eidlich ihre Reiche. Mit dem J. 843 versiegt die Hauptquelle dieser Zeit, Nithard. Für die spätern Jahre Lothar’s finden sich nur spärliche Daten. Zur Wahrnehmung der bei der Wahl des Papstes Sergius II. mißachteten kaiserlichen Rechte sandte L. 844 seinen Sohn Ludwig mit dem Erzbischof Drogo von Metz, vielen italienischen Bischöfen und einem starken fränkischen Heer nach Rom. Auf der zur Beilegung des Confliktes veranstalteten Synode kam es zwischen Drogo, den italienischen Bischöfen, welche für das kaiserliche Bestätigungsrecht eintraten, und dem Papst mit seiner Partei zu heftigen Erörterungen; es gelang dem Papst – wol nur gegen Garantien [238] für künftige Papstwahlen – einen friedlichen Ausgleich zu Stande zu bringen. Am 15. Juni krönte der Papst Ludwig in der Peterskirche zum Langobardenkönig. Er bestellte ferner Drogo von Metz zu seinem Vikar diesseits der Alpen, eine Maßregel, die durch Errichtung eines kirchlichen Primats in Lothar’s Reich dessen Interessen zu dienen bestimmt war, ihren Zweck aber nicht erreichte, während er die Wiedereinsetzung Ebbo’s von Rheims und des früheren Erzbischofs Bartholomäus von Narbonne, der als eifriger Parteigänger Lothar’s 834 gleichfalls seine Diöcese eingebüßt hatte, ablehnte. In Rom erschien auch der Herzog Siginulf von Benevent vor Ludwig, um hier, bedrängt durch die Sarazenen, feierlich das Unterthänigkeitsverhältniß zu erneuern. Nachdem L. 840 Italien verlassen hatte, betrat er nicht mehr dessen Boden; aber auch nach der Königskrönung seines Sohnes behielt er bis 850 die Regierung Italiens in der Hand. Im October 844 fand in Diedenhofen eine Zusammenkunft zwischen L. und seinen Brüdern statt; sie gelobten sich unverletzliche Wahrung der brüderlichen Liebe und Eintracht. Fernhaltung aller, die Zwietracht zwischen ihnen stiften wollen, und Rückstellung des aus Noth an Laien vergabten Kirchenguts; dieselbe Forderung stellte auch eine gleichzeitig zu Yütz bei Diedenhofen versammelte Synode. 845 wurde L. durch einen Aufstand des Grafen Folcrat von Arles in die Provence gerufen; es gelang ihm bald denselben niederzuschlagen. Die Eintracht der königlichen Brüder war von kurzer Dauer. 846 entführte ein Vasall Karl’s, Gisalbert, eine der Töchter Lothar’s nach Aquitanien. L. sah darin eine Intrigue Karl’s und ließ weder durch das Zureden Ludwig’s noch durch öffentliche Erklärung, daß die Entführung ohne sein Wissen und Wollen geschehen sei, seinen Groll beschwichtigen. Diese Spannung kam auch dadurch zum Ausdruck, daß L., obwol schon im Vorjahr Hincmar zum Erzbischof von Rheims bestellt worden war, vom Papst wieder eine Revision des Prozesses Ebbo’s forderte; er hatte diesem 844 zur Entschädigung die Abteien Stablo und Bobbio gegeben, aber nebst dem Eigengut genommen, als Ebbo sich weigerte als Gesandter nach Konstantinopel zu gehen. Der Papst ordnete zwar die Untersuchung der Rechtmäßigkeit der Wahl Hincmar’s an, doch Ebbo erschien nicht vor der Synode. Wie im Norden und Westen die Normannen, welche 845 bei einem Einfall in Friesland in zwei Schlachten gesiegt hatten, waren im Süden die Sarazenen gefährliche Feinde geworden. Gerufen durch zwei streitende Prätendenten hatten sie sich 842, während L. mit seinen Brüdern kriegte, in Benevent festgesetzt und ihre Flotten drangen bis zur Pomündung und bis zum Quarnero vor. Im August 846 überfielen sie Rom; konnten sie auch die Stadt selbst nicht erobern, so wurden doch die Peterskirche und Paolo fuori li muri zerstört, die Umgegend geplündert, die Einwohner gemordet. Die nachrückenden kaiserlichen Truppen wurden am 10. November bei Gaeta mit bedeutenden Verlusten in die Flucht gejagt; erst ein Angriff der neapolitanischen und amalfitanischen Flotte zwang die Sarazenen zum Abzug, ein Sturm vernichtete ihre Schiffe. L. erkannte nun endlich die Größe der Gefahr. Er traf mit seinem Sohn Ludwig zusammen, um über die gegen die Sarazenen zu ergreifenden Maßregeln zu berathen. Es wurde beschlossen, daß Ludwig mit der ganzen Streitmacht Italiens, mit fränkischen, burgundischen und provençalischen Truppen nach Benevent ziehe, um die Sarazenen von dort zu vertreiben und den Angriffen auf die Romagna ein Ziel zu setzen, sowie den zwischen Siginulf und Radalchis schwebenden Streit um den Besitz Benevents durch Theilung des Fürstenthums beizulegen. Das Capitulare ordnete auch noch außer der schon zur Phrase gewordenen Restitution des Kirchenguts Geldsammlungen zum Wiederaufbau und zur Befestigung der Peterskirche in Rom an. Ludwigs Heerfahrt 847 war eine siegreiche, aber ohne nachhaltigen Erfolg: Benevent wurde getheilt, [239] die fränkische Oberhoheit wieder zur formellen Anerkennung gebracht. Auch in Rom verstand man sich dazu, die bei der Erhebung des Papstes Leo IV. wieder verletzten kaiserlichen Rechte auf den Protest Lothar’s ausdrücklich anzuerkennen und sich des alten Pactum wieder zu erinnern. In der That wurde auch 855 bei der Wahl Benedikt III. das Wahldecret „nach alter Gewohnheit“ an die Kaiser L. und Ludwig geschickt. Zu Meersen bei Mastricht traf L. im Februar 847 zur Festigung der Eintracht und des Friedens wieder mit seinen Brüdern zusammen. Man gab sich wieder gegenseitig die officiellen Bürgschaften für den ruhigen Besitz der Reiche für sich und die Söhne, man decretirte wieder Abstellung der schreiendsten Mißstände wie der „fest zu Recht bestehenden“ Räubereien, man schickte gemeinsam Gesandte an den Herzog der Bretagne und den Normannenkönig Orich, um sie vergeblich aufzufordern Frieden zu halten. Daneben berichten aber die Jahrbücher von Fulda, daß L. seinen Groll gegen Karl nicht verwinden konnte, und daß Ludwig, mit dem L. deshalb in besonders herzlichen Beziehungen stand, umsonst versucht habe eine Aussöhnung zu bewirken. Die Normannen kümmerte nicht die ihnen zugegangene Botschaft und die Drohung eines gemeinsamen Vernichtungskrieges; sie plünderten in diesem Jahre Duurstede und die Betuwe, rückten nach leichtem Sieg bis in die Gegend von Rhenen vor und kehrten unbehelligt zurück. Die guten Beziehungen zu Ludwig versuchte L. nun gegen Karl zu verwerthen; bei der Zusammenkunft in Koblenz (Februar 848) wollte er, „wie daß Gerücht ging“, Ludwig von Karl abziehen und ganz für sich gewinnen. Ludwig lehnte aber mit Berufung auf das mit diesem eingegangene Bündniß die Zumuthung ab, er bemühte sich sogar L. mit Gisalbert, der sich unter seinen Schutz gestellt hatte, auszusöhnen. Seine Vermittelung erwirkte im Januar 849 zu Peronne die Aussöhnung mit Karl; derselben fiel Karl, der Bruder Pippin II. von Aquitanien, dem L. bisher eine Zufluchtsstätte gewährt hatte, zum Opfer, er wurde vom westfränkischen König in das Kloster Corbie gesteckt. So mit kleinlicher Hauspolitik beschäftigt, that L. nichts für den Schutz seines Reichs: 848 plünderten griechische Seeräuber ungestraft Marseille, die Sarazenen besetzten wieder Benevent, 849 brandschatzten sie Luni und verwüsteten ohne Widerstand die Küste bis zur Provence, ein von ihnen versuchter Beutezug gegen Rom wurde nur von einer Flotte aus Neapel, Amalfi, Gaeta zurückgeschlagen. Diese Ereignisse bewogen wol auch L. seinem Sohne Ludwig die selbständige Regierung Italiens zu übertragen, wie er sie unter seinem Vater inne gehabt hatte. Er schickte Ludwig nach Rom und dieser empfing im April 850 von Papst Leo IV. die Kaiserkrone. Ludwig urkundet von nun an fast ausschließlich für Italien, die dem Vater gewahrte Oberhoheit kommt nach früherer Sitte durch die Nennung seines Namens im Titel und die Datirung nach seinen Regierungsjahren in Italien an erster Stelle in den Urkunden zum Ausdruck. Nur ausnahmsweise erläßt L. noch für Italien Urkunden, wie die Bestätigung des Klosters St. Salvatore in Brescia für seine Tochter Gisla, die demselben als Nonne angehörte, wie eine andere Tochter, Berta, als Aebtissin dem Kloster Avennay. Die Schwäche des Reichs und Regenten zeigte der Einfall der Normannen 850 wieder im grellen Licht. Rorich verwüstete Friesland und die Betuwe, die Gegend am Rhein und an der Waal. Da L. sich „außer Stande sah ihn zu vertreiben“, knüpfte er auf Anregung seiner Räthe mit ihm Unterhandlungen an und verlieh ihm Duurstede mit mehreren Grafschaften zu Lehen mit der Bedingung, daß er es gegen die anderen normannischen Freibeuter schütze. Im Süden plünderten die Mauren Arles, in deutschen Landen, namentlich am Rhein, herrschte furchtbare Hungersnoth. Im nächsten Jahre plünderten die Normannen wieder in Friesland und am Rhein und äscherten Gent ein. – [240] Am 20. März 851 starb Lothars Gemahlin Irmingard; er nahm aus seinen Hörigen zwei Maitressen, der einen, Doda, die ihm auch einen Sohn Karlmann gebar, machte er schon wenige Wochen nach dem Tode seiner Gattin eine bedeutende Schenkung. Das durch den maßgebenden Einfluß Ludwig des Deutschen gepflegte gute Einvernehmen der drei Brüder führte 851 zur zweiten Zusammenkunft in Meersen: sie gelobten sich wieder vollständiges Vergeben und Vergessen der früheren Feindseligkeiten, gegenseitige und uneigennützige Liebe und Unterstützung mit Rath und That, Besserung der Mißstände in ihren Reichen. L. empfahl nun auch Hincmar aufs wärmste dem Papst, obwol dieser gegen ihn in Sachen Fulkrich’s, eines seiner Vasallen, in schroffster Weise aufgetreten war. Nun vollzog Lothars Unzuverläßlichkeit wieder eine Schwenkung zu Karl. Hatte er noch 850 mit Ludwig die herzlichsten Beziehungen unterhalten und zur nicht geringen Verwunderung vieler Leute mit ihm sogar einige Tage auf der Jagd im Osnigwald zugebracht, so schloß er sich 852 an Karl an, der sich bei einer Zusammenkunft in St. Quentin in Liebenswürdigkeit gegen ihn erschöpfte. Zu Ende des Jahres zog er mit ihm sogar gegen die bis zur oberen Seine vorgedrungenen Normannen, welche im Frühjahr wie sonst ungestört Friesland und die Scheldeufer gebrandschatzt hatten, er hob eine Tochter Karls aus der Taufe und mit seiner Zustimmung ward sein ehemaliger Bundesgenosse, Pippin II. von Aquitanien, in St. Medard zu Soissons zum Mönch geschoren. Der Feldzug nahm einen erbärmlichen Ausgang, Karl kaufte die Normannen ab und L. kehrte im Frühjahre 853 in sein Reich zurück. Im November desselben Jahres traf er mit Karl wieder in Valenciennes, im Februar des nächsten Jahres in Lüttich zusammen, um sich gegenseitig ihre „unlösliche“ Eintracht und Liebe zu bezeugen. Sie schlossen ein förmliches Bündniß gegen Ludwig und garantirten sich und ihren Kindern ihre Reiche. Um so mehr war L. während dieser Zeit Ludwig entfremdet. Aus dem Jahre 852 verlautet nur, daß Ludwig mit Großen des Reichs Lothars in Köln „eine Unterredung“ gehabt habe. Schon damals empfing er Gesandte aus Aquitanien, welche ihn baten sie „von der Tirannei“ Karls zu erlösen und die ihm die Herrschaft über ihr Land anboten. Zu Beginn des Jahres 854 entsandte er auch seinen zweiten Sohn Ludwig mit einem Heer nach Aquitanien und dieser drang über die Loire vor. Nun versuchte L. zu vermitteln. Am Rhein hatte er eine Unterredung mit Ludwig und verständigte sich mit ihm nach grimmem Zanke; die westfränkischen Reichsannalen sprechen sogar von einer Vereinbarung. Mit Mißtrauen sah Karl diese Verständigung; auf seine Einladung kam L. im Juni nach Attigny und hier erneuerten sie ihr Bündniß. Sie ordneten Gesandte an Ludwig ab und forderten die Zurückberufung seines Sohnes aus Aquitanien. Diese erfolgte zwar nicht, aber der jüngere Ludwig mußte schon im Herbst vor Karls Uebermacht in eiliger Flucht das Land räumen. Im Sommer 855 erkrankte L. und das gab seinen Brüdern „Gelegenheit sich wieder zu einigen“, so daß L. Verdacht schöpfte und bei Karl Beschwerde darüber führte. Die Krankheit verschlimmerte sich im Herbst; am 19. September machte L. dem Kloster Prüm, das er sich als Grabstätte erwählte, eine Schenkung. An seiner Genesung verzweifelnd entsagte er dem Thron und theilte sein Reich im Beisein der Großen unter seine Söhne: der älteste, Ludwig, erhielt Italien, der jüngste, Karl, die Provence und einen Theil Burgunds, Lothar II., dem er kurz vorher schon Friesland überwiesen hatte, das übrige. Am 23. September ließ er sich in Prüm zum Mönch scheeren und das Ordensgewand anlegen, am 29. September starb er und ward in der Klosterkirche begraben. Seine Gebeine wurden 1860 in einem Schrein im Altar der Kirche wieder aufgefunden und sind jetzt wieder dort beigesetzt.

[241] Lothars Persönlichkeit ist weder eine imponirende noch eine anziehende. Ein gelehriger Schüler der treulosen und habgierigen Politik seiner Stiefmutter opfert er derselben unbedenklich seine kindlichen Pflichten, dem immer angestrebten eigenen Vortheil beschworne Verpflichtungen; er übernimmt die Aufgabe, die Reichseinheit zu wahren, um sich das ganze Reich zu sichern, doch dazu fehlt ihm die Befähigung und der Muth; im entscheidenden Augenblicke weicht er vor der That zurück und sucht mit diplomatischen Kniffen Erfolge zu erringen, welche nur rücksichtsloser Thatkraft gegönnt sind. Seine ganze Politik trägt das Gepräge der Unehrlichkeit, der Unzuverläßlichkeit. Persönliche Tapferkeit hat er in der Schlacht von Fontenoy bewährt, aber nur in dieser. Für die theologisch-wissenschaftliche Litteratur hat er, wie sein brieflicher Verkehr mit Hrabanus Maurus’s zeigt, Interesse; seine sinnlichen Bedürfnisse stehen seiner Frömmigkeit nicht im Wege und erst, als es mit dem Leben zu Ende geht, klammert er sich an diese. Sein Reich bleibt ohne Schutz gegen die beutegierigen Schaaren der Normannen und Sarazenen und ein nicht minder düsteres Bild von den inneren Zuständen entwirft eine burgundische Synode im J. 855.

L. hat keinen eigenen Geschichtschreiber gefunden. Wir sind auf die allgemeinen Quellen angewiesen, bis 840 auf die beiden Biographen Ludwig des Frommen und die Reichsannalen, nach 840 nur auf die Annalen. Für die Zeit des Bruderkrieges bietet Nithard eine Fülle von Nachrichten, Auch die neuere Geschichtschreibung hat noch keine Geschichte Lothars geliefert; sie ist nur in den einschlägigen Werken, welche diese Zeit berühren, behandelt, unter diesen die bedeutendsten: Wenck (Das fränkische Reich nach dem Vertrage von Verdun, 1851), Dümmler (Geschichte des ostfränkischen Reiches, 1. Bd. 1862), Simson (Jahrbücher des deutschen Reiches unter Ludwig dem Frommen, 1874–76); das urkundliche Material ist in Böhmer’s Regesten der Karolinger (neu bearbeitet von E. Mühlbacher.), Bd. II Lief. 3 (1883), zusammengestellt.