ADB:Ludwig der Fromme

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Artikel „Ludwig I. der Fromme“ von Bernhard von Simson in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 19 (1884), S. 397–406, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ludwig_der_Fromme&oldid=- (Version vom 24. September 2019, 09:48 Uhr UTC)
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Ludwig I. der Fromme, fränkischer König und römischer Kaiser, 814–40. – Als Karl der Große im J. 778 n. Chr. von seinem Feldzuge nach Spanien zurückkehrte, fand er in der Wiege ein Zwillingspaar, welches ihm seine Gemahlin, die Königin Hildegard, in Chasseneuil am Clain geboren hatte. Der eine dieser Knaben, Lothar, starb schon als kleines Kind (wie es scheint, am 8. Februar 779); der andere, L., wurde, kaum drei Jahre alt, Ostern 781 zu Rom vom Papste Hadrian I. zum König von Aquitanien gesalbt und gekrönt. Bald darauf sandte Karl den Knaben in das ihm bestimmte Reich; als Leiter und Erzieher gab er ihm einen Großen, Namens Arnold, außerdem auch noch andere Männer bei. Bis Orleans soll L. noch in der Wiege gebracht worden sein; hier legte man dem Kleinen Waffen an, setzte ihn auf ein Roß und führte ihn so nach Aquitanien. Schon Ludwigs Regierung in Aquitanien war eine schwache. Zunächst nutzten die Großen seine Unerfahrenheit aus, um die Krongüter an sich zu reißen, sodaß Karl ihm Gehülfen schicken mußte, um dieselben wieder einzubringen. Wichtig war die Begründung einer spanischen Mark zwischen den Pyrenäen und dem Ebro. An den freilich vielfach erfolglosen Heerfahrten in diese Gegend betheiligte L. sich auch persönlich öfters. Er zog gegen Huesca, Lerida, Barcelona, Tortosa. Zur Belagerung von Barcelona im J. 801 berief man ihn erst, als der Fall der Stadt sicher war; Tortosa ergab sich endlich 811. – Im Jahre 794 oder 95 vermählte man L. mit Irmingard, welche aus einem vornehmen Geschlecht des Haspengaues stammte; ihr Vater, Graf Ingram, war ein Neffe des Bischofs Chrodegang von Metz. – Oefters berief Karl den jungen König auch zu sich, meist zur Theilnahme an Feldzügen im Osten. Im Sommer 785 erschien der Knabe auf seinen Befehl in baskischer Tracht auf der Reichsversammlung in Paderborn. Im J. 790 traf L. mit seinem Heeresgefolge auf dem Tage zu Worms ein. Im folgenden Jahr (791) wurde er in Regensburg wehrhaft gemacht und schloß sich dem Vater auf der großen Heerfahrt gegen die Avaren an, der ihn jedoch vom Wiener Walde aus zur Königin Fastrada nach Regensburg zurückschickte. Später erhielt L. den Befehl, seinen Bruder Pippin, den König von Italien, bei einem Feldzug gegen den Fürsten Grimoald von Benevent zu unterstützen und zog demgemäß über den Mont Cenis [398] nach Italien. Weihnachten 792 war er in Ravenna, dann fiel er, mit seinem Bruder vereinigt, in Benevent ein; indessen hatten ihre Truppen unter einer schweren Hungersnoth zu leiden und der Feldzug scheint im Ganzen resultatlos geblieben zu sein. An den Heerfahrten nach Sachsen nahm L. in den J. 796, 799 und 804 Theil, kam in dem letzten Jahre jedoch zu spät, um das Ende des Krieges mit herbeiführen zu helfen.

Als Karl, dem alten fränkischen Herkommen gemäß, an welchem auch die Annahme der römischen Kaiserwürde vorläufig nichts änderte, im Februar 806 die künftige Theilung des Reichs unter seine drei Söhne von der Hildegard festsetzte, wurde L. Aquitanien nebst Wasconien, Septimanien und der Provence, sowie der größte Theil von Burgund zugesprochen. Diesem Reichstheilungsgesetze wurde jedoch dadurch der Boden entzogen, daß Ludwigs ältere Brüder Karl und Pippin (dieser am 8. Juli 810, jener am 4. December 811) vor dem Vater starben. Karl mußte sich daher, obschon er die Unzulänglichkeit Ludwigs, der stets mehr kirchliche Frömmigkeit und Demuth als Tüchtigkeit gezeigt, nicht verkannt haben kann, dazu entschließen, diesem als seinem einzigen noch übrigen ehelichen Sohne die Nachfolge im Gesammtreich zu übertragen. Nur Italien wurde einem Sohne oder Bastard Pippins, Bernhard, als abhängiges Unterkönigreich übertragen. Am 11. September 813 erfolgte zu Aachen Ludwigs Krönung als Mitkaiser und Nachfolger des Vaters.

Nach dem Tode Karls des Großen (28. Januar 814) vollzog sich der Thronwechsel im wesentlichen ruhig. Man fürchtete zwar Gefahren und Wirren, aber sie traten kaum ein. Die meiste Besorgniß hegte man vor einem Verwandten des neuen Kaisers, dem Grafen Wala, der sich jedoch beeilte, Ludwig zu huldigen. Dennoch sah Wala sich bald veranlaßt, sich in das Kloster Corbie an der Somme, welches bisher sein älterer Bruder, Abt Adalhard, geleitet, zurückzuziehen. Adalhard selbst, der die Verwaltung Italiens für den jungen Bernhard geführt hatte und sich bei Karls Tode gerade zu Verhandlungen mit dem Papste in Rom befand, wurde seiner Güter und Würden beraubt und nach dem Kloster auf der Insel Hermoutier (Noirmoutier, südlich von der Mündung der Loire) verbannt. Auch über einen dritten Bruder und selbst über eine Schwester dieser Männer wurde ein ähnliches Schicksal verhängt. Der Hof zu Aachen, an dem allerdings ein sehr freies, ja unsittliches Treiben eingerissen war, wurde gesäubert, seine Schwestern verwies der Kaiser in Klöster. Dagegen ließ L. seine jungen Halbbrüder, natürliche Söhne Karls, welche dieser ihm besonders ans Herz gelegt hatte, bei sich erziehen und machte sie zu seinen Tischgenossen. Vorwiegenden Einfluß auf den Kaiser behaupteten zunächst Männer, die ihm schon in Aquitanien nahe gestanden hatten. Die Leitung der Reichskanzlei übernahm Helisachar, ein Mann von dem lebhaftesten wissenschaftlichen Interesse, der bereits in Aquitanien Kanzler Ludwigs gewesen war. Bezeichnender war, daß der kirchlich und selbst mönchisch gesinnte Kaiser dem Abt Benedict (Witiza) von Aniane, welcher das Klosterwesen in Aquitanien reformirt hatte, um ihn in seiner Nähe zu haben, unweit von Aachen das Kloster Inden (später Cornelimünster) erbaute. Für die Reform der Klöster und Kirchen bewahrte er, wie die unter ihm erlassenen Capitularien zeigen, das lebhafteste Interesse.

Hatte L. die Kaiserwürde anfangs nur aus den Händen seines Vaters erhalten, so ließ er sich im October 816 noch durch den Papst Stephan IV. zu Reims salben und krönen. Schon im nächsten Jahre ging er, obwol noch im rüstigsten Alter stehend, an die Regelung der Nachfolge. Möglicherweise wurde er dazu mitveranlaßt durch einen Unfall, welcher ihm am Gründonnerstage (9. April) des J. 817 zustieß, wo die Gallerie, welche die Aachener Marienkirche mit der Pfalz verband, unter ihm und seinem Gefolge einstürzte. Das Reichstheilungs- und [399] Hausgesetz, welches auf dem großen Reichstage zu Aachen im Juli 817 erlassen wurde, trug in wesentlichen Beziehungen einen anderen Charakter, als die früheren fränkischen Reichstheilungen und auch noch diejenige Karls des Großen vom J. 806 gehabt hatten. Zwar wurden den beiden nachgeborenen Söhnen des Kaisers, Pippin und Ludwig (dem Deutschen), Theile des Reichs bestimmt, jenem Aquitanien und Wasconien etc., diesem Baiern nebst den sich im Osten daran schließenden Gebieten: aber sie sollten in diesen Ländern nur unter der Oberhoheit ihres älteren Bruders Lothar herrschen, der zugleich zum Mitkaiser des Vaters erhoben wurde. Die Einheit des Gesammtreichs, die Oberherrschaft des erstgeborenen Bruders und künftigen Kaisers wurde in den Vordergrund gestellt, allem Anschein nach hauptsächlich deshalb, weil man dies dem kirchlichen Interesse entsprechend fand. Ostern 823 ist Lothar dann noch in Rom durch den Papst Paschalis I. zum Kaiser gekrönt, im J. 825 ihm in der That die Mitregentschaft eingeräumt worden.

Bald nach dem Erlaß des erwähnten Reichstheilungs- und Hausgesetzes erfuhr der Kaiser, daß sein Neffe, der König Bernhard von Italien, im Aufstande gegen ihn begriffen sei. Der Zweck dieses Unternehmens, zu welchem sich der junge König von seinen Rathgebern hatte bestimmen lassen, war nicht etwa nur, das italienische Unterkönigreich unabhängig zu machen, sondern den Kaiser nebst seinen Söhnen zu entthronen und Bernhard an seine Stelle zu setzen. Die Verschwörung war über die Grenzen Italiens hinaus verzweigt; außer den Bischöfen von Mailand und Cremona war auch der als Dichter berühmte Bischof Theodulf von Orleans in sie verwickelt oder wurde wenigstens als mitschuldig angesehen. Indessen wurde der Kaiser durch einige ihm getreue Große Italiens von der drohenden Gefahr rechtzeitig benachrichtigt und die Empörung in sehr kurzer Frist unterdrückt. Eine starke Heeresmacht war alsbald versammelt und, während der Kaiser nach Chalon an der Saone aufbrach, gelang es einer vorausgesandten Schaar, die wichtigsten Alpenpässe zu besetzen. Da sich Bernhards Reihen überdies durch Abfall mehr und mehr lichteten, streckte er die Waffen und wurde als Gefangener nach Chalon gebracht, wo er dem Oheim zu Füßen fiel. Im nächsten Jahre wurde zu Aachen über die Rebellen Gericht gehalten und Bernhard nebst den übrigen vornehmlich schuldigen Großen zum Tode verurtheilt. L. milderte zwar die Strafe seines Neffen in Blendung, jedoch starb Bernhard schon ein paar Tage nach der grausamen Procedur (im April 818). Die in die Verschwörung verstrickten Bischöfe und Aebte wurden mit dem Verlust ihrer Bisthümer und Klöster und dem Exil bestraft. In seinem einmal aufgeschreckten Mißtrauen nöthigte L. auch seine Halbbrüder Drogo, Hugo und Theoderich, in den geistlichen Stand zu treten, woraus ihm insofern unverdiente gute Früchte erwuchsen, als Drogo und Hugo später besonders treue Stützen seiner Regierung, jener sein Erzkapellan, dieser sein Kanzler wurde. Nach dem durch Bernhards Untergang erledigten Italien sandte er im Jahre 822 seinen ältesten Sohn Lothar.

Wie man auch über die erwähnten Handlungen des Kaisers denke, ob man sie als hart und grausam beurtheilen mag oder nicht, unklug erscheint es jedenfalls, daß der schwache und frömmelnde Regent sich in seiner Gewissensangst dazu bestimmen ließ, sie nachträglich zu verleugnen. Nicht genug, daß er im J. 821 die ehemaligen Unterthanen Bernhards, welche wegen Theilnahme an seiner Empörung mit dem Exil und der Confiscation ihrer Güter bestraft worden waren, amnestirte, den Abt Adalhard aus der Verbannung zurückberief und wieder in Corbie einsetzte, vollzog er 822 zu Attigny eine öffentliche Kirchenbuße für alles Geschehene. Man könnte vermuthen, daß dieser Umschwung mit der Veränderung seiner nächsten Umgebung zusammenhing. Seine Gemahlin Irmingard [400] war im October 818 gestorben, der Abt Benedict im Februar 821; Helisachar hatte sich im Herbst 819 von der Leitung der Kanzlei zurückgezogen, wenn auch ohne das Vertrauen und die Gunst des Kaisers zu verlieren; als Erzkapellan war der Erzbischof Hildibald von Köln durch den Abt Hilduin von St. Denis ersetzt worden.

Schon im nächsten Jahre nach dem Tode seiner Gemahlin Irmingard (819) vermählte L. sich zum zweiten Mal mit der schönen und geistreichen, aber auch ränkevollen Welfin Judith (XIV, S. 655), welche ihn vollkommen beherrschte. Daß sie ihm, außer einer Tochter Namens Gisla (welche später den Markgrafen Eberhard von Friaul heirathete), am 13. Juni 823 zu Frankfurt a. M. auch noch einen Sohn gebar, jenen Karl, der nachmals den Beinamen „der Kahle“ erhalten hat, ward Anlaß zu fortwährenden Kriegen der Söhne gegen den Vater. Das erwähnte Reichstheilungs- und Hausgesetz vom J. 817 hatte bereits, ohne Rücksicht auf die Möglichkeit eines solchen Falles, über die Zukunft des Reichs verfügt, während Judiths ganzes Bestreben dahin ging, ihrem Sohne einen möglichst großen Antheil an demselben zu verschaffen. Allerdings stand es in einer gewissen Analogie mit der Tendenz des Gesetzes von 817, daß man eine Stütze für Karl an dem ältesten seiner Stiefbrüder, Lothar, zu gewinnen suchte. Lothar wurde sein Taufpathe und verpflichtete sich eidlich, er wolle darin willigen, daß Karl einen Theil des Reichs erhielte und ihn im Besitze desselben schützen. Bereits im J. 829 wurde Karl auf einem Reichstage zu Worms ein solcher Antheil zugesprochen: Alemannien nebst dem Elsaß, Churrhätien und ein Theil von Burgund. Aber Lothars Sinn hatte sich jetzt geändert. Zwei früher mächtige Große, die Grafen Matfried von Orleans und Hugo von Tours, von denen der letztere Lothars Schwiegervater war, waren wegen eines schimpflich mißlungenen Zuges nach der spanischen Mark, welche sie ruhig von den Sarazenen verwüsten ließen, abgesetzt worden und arbeiteten jetzt der Kaiserin mit allen Kräften entgegen. Um Lothar, obwol er immerhin keinen offenen Widerspruch gegen das Geschehene gewagt hatte, für seine Sinnesänderung zu strafen, entzog man ihm die Mitregentschaft und schickte ihn wieder nach Italien. Indessen glaubte die Kaiserin ihre kühne Politik nur durchführen zu können, wenn sie ihrem schwachen Gemahl einen kräftigen Mann an die Seite stellte. Das erschien um so nothwendiger, als das Ansehen und der Wohlstand des Reichs namentlich in den letzten Jahren durch Unfälle nach außen, Hungersnöthe und Seuchen, den Hader der Factionen am Hof, die Habsucht der Beamten, die Verweltlichung der Geistlichen mehr und mehr gesunken war. Die Wahl fiel auf den mit dem Königshause verwandten Grafen Bernhard von Barcelona, einen Sohn des berühmten, namentlich auch von der Poesie verherrlichten Grafen Wilhelm von Toulouse. Bernhard wurde als Kämmerer an den Hof berufen und ihm zugleich die Obhut über den jungen Karl übertragen. Er erfüllte jedoch die auf ihn gesetzten Erwartungen durchaus nicht, sondern sein rücksichtsloses, gewaltsames und leichtfertiges Auftreten führte nur dazu, daß nun die ganze fränkische Aristokratie mit der größten Erbitterung gegen ihn und die Kaiserin, mit der man ihn sogar eines ehebrecherischen Verhältnisses zieh, erfüllt wurde.

Wahrscheinlich um die wachsende Unzufriedenheit nach außen hin abzuleiten, wurde beschlossen, einen Kriegszug nach der Bretagne zu unternehmen, nach welcher L. schon früher zweimal (818 und 824) gezogen war und in der sich fast ununterbrochen vereinzelte Unruhen regten. Aber der Umstand, daß man das Heer, noch dazu in der Fastenzeit, aufbot, beschleunigte und erleichterte nur den Ausbruch der Empörung. Die erbitterten Großen beriefen das auf dem Marsche nach der Bretagne begriffene Heer nach Paris und richteten [401] an den König Pippin von Aquitanien, sowie an Lothar, nach Italien, die Aufforderung, mit ihrer Macht zu ihnen zu stoßen. Man wollte vor allem Bernhard, Judith, Karl und ihren Anhang beseitigen, dann aber auch den Kaiser selbst entthronen, um Lothar an seine Stelle zu setzen. Der leichtfertige König Pippin ließ sich leicht überreden. Er brach mit ansehnlicher Heeresmacht nach Norden auf und rückte über Orleans nach Verberie an der Oise, während der Kaiser den Rebellen nach Compiegne entgegenzog. Bernhard rettete sich durch Flucht nach Barcelona. Die Kaiserin wurde in ein Kloster in Poitiers gesperrt. Es waren die ersten, vordem im Rathe Kaiser Ludwigs einflußreichsten Großen des Reichs, welche jetzt seinen Sohn Pippin umgaben: der Erzkapellan Abt Hilduin von St. Denis, Helisachar, die ehemaligen Grafen Matfried von Orleans und Hugo von Tours u. a. Sie ließen ihrem Hasse weiter die Zügel schießen, indem sie auch Judiths Brüder nach Aquitanien ins Kloster schickten. Als Lothar in Compiegne eintraf, fand daselbst eine Reichsversammlung statt, auf welcher das Geschehene von ihm bestätigt wurde. Im übrigen vermied Lothar es jedoch, die äußeren Rücksichten gegen den Vater zu verletzen und begnügte sich nominell damit, wieder seine Macht als Mitregent in Anspruch zu nehmen. Indessen nahmen die Maßregeln gegen die Anhänger Judiths und Bernhards ihren Fortgang; ein Bruder des letzteren, Heribert, wurde geblendet und nach Italien in Gewahrsam geschickt. Auch hatte man L. nur den leeren Schein der Herrschaft gelassen: Lothar behielt ihn und Karl fortwährend unter seiner Obhut, beinahe wie Gefangene. So verging der Sommer. Unterdessen bereitete sich aber eine Reaction zu Gunsten des alten Kaisers vor, da der eingetretene Umschwung eher als eine weitere Verschlechterung denn als eine Verbesserung der Lage empfunden wurde und hierzu ein ziemlich verbreitetes Gefühl der Reue und Scham über die dem Kaiser gebrochene Treue kam. Vorzügliche Dienste leistete dem Kaiser ein Mönch Namens Guntbald, dem es, wie es heißt, gelang, auch seine Söhne Pippin und Ludwig für seine Sache zu gewinnen. Die Gegner wünschten die nächste Reichsversammlung nach dem Westen zu berufen, wo der Schwerpunkt ihrer Macht war, während es in Ludwigs Interesse lag, daß dieselbe auch von den Sachsen und den anderen überrheinischen Stämmen, deren Sympathien vorwiegend auf seiner Seite waren, beschickt würde. In der That wurde es durchgesetzt, daß die Versammlung in Nimwegen stattfand, und hier erlangte L. (im October 830) seine Macht wieder. Auf der Reichsversammlung zu Aachen im Februar 831 erfolgte die Bestrafung der Schuldigen, jedoch ließ der Kaiser dabei eine gewisse Milde walten und die meisten wurden bald wieder begnadigt. Lothar wurde auf Italien beschränkt: nach der herrschenden Ansicht ist damals eine neues Reichstheilungsgesetz Ludwigs erlassen worden, in welchem von Lothar gar nicht die Rede ist, dagegen die Reiche Pippins, Ludwigs und Karls mit Vergrößerungen bedacht wurden. Indessen steht der Zeitpunkt, in welchem dies ohnehin zu einigen Bedenken Anlaß gebende Actenstück erlassen ist, nicht völlig fest. Judith, welche ihr Gemahl aus dem Kloster in Poitiers nach Aachen hatte holen lassen, reinigte sich von den ihr zur Last gelegten Verbrechen durch einen Eid und trat mit Genehmigung des Papstes und der Bischöfe wieder in ihre Rechte als Gattin und Kaiserin ein. Aber kaum eine Pause – und sogleich entbrannte der Kampf des Hofes gegen Judiths Stiefsöhne. Pippin sollte seines aquitanischen Königreichs zu Gunsten Karls beraubt werden. Schon waren die Vorbereitungen dazu getroffen, als die Kunde kam, daß Pippins Bruder Ludwig sich im offenen Aufstande befinde. Derselbe hoffte seine Herrschaft über den ganzen rechtsrheinischen Theil des Reichs auszudehnen und fiel zunächst in Alamannien, das Reich seines Stiefbruders Karl, ein. Unter diesen Umständen sah der Kaiser sich genöthigt, [402] die Heerversammlung statt nach Orleans schleunigst nach Mainz zu berufen und dann den Rhein zu überschreiten. Da die große Mehrzahl der rechtsrheinischen Franken und der Sachsen dem Kaiser treu blieb, so gab der Sohn es auf, den überlegenen Streitkräften des Vaters Widerstand zu leisten, entwich nach Baiern und unterwarf sich dem Kaiser, der ihm sein Reich ließ, auf dem Lechfelde bei Augsburg. Hierauf wurde das verschobene Unternehmen gegen Pippin ins Werk gesetzt. Pippin wurde mit seiner Familie vorläufig nach Trier verwiesen, Aquitanien an Karl verliehen. Allein es gelang Pippin, auf der Reise zu entkommen und das Unternehmen gegen ihn endigte mit einem recht kläglichen Rückzuge.

Schon in diesen Ereignissen zeigt sich das im allgemeinen auch künftig festgehaltene Programm der Kaiserin: Theilung des Reichs zwischen Lothar und Karl, dem auch Aquitanien auf Kosten Pippins und seiner Familie zufallen sollte; Beschränkung des jüngeren Ludwig auf Baiern. Das nächste Jahr (833) sollte jedoch für den Kaiser noch verhängnißvoller werden als das Jahr 830. Kaum nach Aachen zurückgekehrt, empfing L. die erschütternde Kunde, daß sich alle drei älteren Söhne wider ihn vereinigt hätten. Lothar brachte auch den Papst Gregor IV. über die Alpen mit, welcher angeblich die Wiederherstellung der Eintracht in der kaiserlichen Familie und des Reichsgesetzes von 817 herbeiführen sollte. Der Kaiser brach nach Worms auf, wohin er nicht nur das Heer, sondern auch die hohe Geistlichkeit berief. Auch erhoben sich die um ihn geschaarten Bischöfe, obwol der Papst sie zu sich beschieden hatte, zu einer würdigen und kühnen Entgegnung an denselben. Aber als L. im Juni seinen Söhnen nach dem Elsaß entgegenzog, erfolgte der berüchtigte Verrath auf dem Gefilde von Colmar, welches seitdem das „Lügenfeld“ hieß. Fast von Allen verlassen, mußte der Kaiser sich endlich seinen Söhnen ergeben, welche seine Gattin abermals von ihm trennten und nach Tortona in Oberitalien in Gefangenschaft bringen ließen. Die Herrschaft ging schon jetzt auf Lothar über, der das Reich mit seinen Brüdern theilte; der jüngere Ludwig (der „Deutsche“) begründete nun ein ostfränkisches, fast alle deutschen Stämme umfassendes Reich. Den entthronten Vater gab Lothar im Kloster St. Medard bei Soissons in Haft, während er den jungen Karl nach dem Kloster Prüm schickte. Anfangs October hielt er sodann eine große Reichsversammlung zu Compiegne. Um dem alten Kaiser die Rückkehr auf den Thron unmöglich zu machen, wurde derselbe genöthigt, in St. Medard öffentlich die Sünden und Fehler, welche er als Regent begangen, zu bekennen und Kirchenbuße zu thun, seine Waffen und das Büßerkleid anzulegen, zugleich auch excommunicirt. Hierauf wurde er zuerst in St. Medard in noch strengerer Haft gehalten, dann der größeren Sicherheit wegen von Lothar nach Compiegne und weiterhin nach Aachen gebracht. Man setzte ihm in unbarmherziger Weise zu, um ihn zum Eintritt in den Mönchsstand zu bewegen, allein in seiner passiven Standhaftigkeit weigerte sich L., ein derartiges Gelübde abzulegen, bevor ihm seine Freiheit zurückgegeben sei. Auch trat wiederum eine Reaction zu Gunsten des hartgeprüften Fürsten ein, die fortwährend an Boden gewann. Besonders war der jüngere Ludwig, der ostfränkische König, unermüdlich in dieser Richtung thätig, nachdem er sich vergeblich bemüht hatte, Lothar zu einer milderen Behandlung des Vaters zu veranlassen. Verwandte Bestrebungen regten sich in verschiedenen Gebieten des Reichs und es gelang auch, den König Pippin von Aquitanien zu gewinnen. Als Pippin und Ludwig sich mit ihren Heeren in Bewegung setzten, verließ Lothar im Januar 834 Aachen, indem er den Vater mit sich nahm. Er wandte sich nach dem Westen, wo, wie schon berührt, der eigentliche Sitz seines Anhangs war, und zwar zunächst nach Paris, wohin er seine Getreuen entboten [403] hatte. Der Umstand, daß infolge fortwährender Regengüsse die Flüsse stark angeschwollen waren, hinderte die Bewegungen der Anhänger des Kaisers. Pippin mußte an der Seine Halt machen, die Grafen Warin und Bernhard mit ihren burgundischen Schaaren an der Marne. Verhandlungen, welche man mit Lothar anknüpfte, schien dieser hinziehen zu wollen. Als er jedoch erfuhr, daß auch sein Bruder Ludwig mit großer Macht anrücke und sich zugleich der Unwille der Bevölkerung gegen ihn in bedrohlicher Weise kundgab, entwich er Ende Februar mit seinem Anhange aus Paris und wandte sich nach Vienne. Den Vater und Karl ließ er diesmal in St. Denis zurück, und schon am Tage darauf (1. März 834) wurde L. unter dem Jubel des Volkes durch die Bischöfe feierlich wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen und mit den Waffen und königlichen Gewändern bekleidet. In den Urkunden gab L. der Wiederherstellung seiner Macht demüthigen Ausdruck, indem er sich fortan „Kaiser durch die wiederkehrende Gnade Gottes“ (divina repropitiante clementia) nannte. Den beiden Söhnen, welche sich jetzt um ihn so große Verdienste erworben hatten, gestand er alsbald eine Erweiterung ihrer Reiche zu. Dem letzteren ließ der Kaiser ohne Widerspruch das ganze ostfränkische Reich, d. h. die Herrschaft nicht nur in Baiern, sondern auch in Sachsen, Thüringen, Ostfranken, Alamannien und dem Elsaß, während Pippin damals die Grafschaft Anjou erhalten zu haben scheint. Auch die Kaiserin Judith, deren Leben von den Feinden schwer bedroht war, ward durch getreue italienische Große aus ihrer Haft in Tortona befreit und nach Aachen gebracht.

Der Kaiser hatte eine allgemeine Amnestie für das Vergangene ankündigen und Lothar zur Versöhnung auffordern lassen, aber dieser wollte nichts davon hören. Es kam jetzt also darauf an, ihn und seine Partei zu bezwingen. Seine vornehmsten Anhänger, die Grafen Lambert und Matfried, behaupteten sich in Neustrien, an der bretonischen Grenze. Eine starke Streitmacht, welche unter Führung des Grafen Odo von Orleans wider dieselben ins Feld zog, erlitt, trotz ihrer numerischen Ueberlegenheit, eine blutige Niederlage. Von den Siegern, welche sich gleichwol in einer kritischen Lage befanden, um schleunige Hülfe gebeten, rückte Lothar ihnen entgegen und nöthigte unterwegs Chalon an der Saone zur Unterwerfung; die Stadt wurde von seinen Truppen geplündert und in Brand gesteckt, ihre Vertheidiger zum Theil grausam bestraft, zwei Grafen enthauptet und die Nonne Gerberga, eine Schwester des ehemaligen Kämmerers Bernhard, in einem Weinfaß in der Saone ertränkt. Dagegen raffte sich Kaiser L. erst spät auf, um den Gegnern entgegenzutreten. Auf Mitte August 834 berief er das Heer nach Langres und brach von dort nebst seinem Sohne Ludwig und dessen überrheinischen Schaaren zur Verfolgung Lothars auf. Dieser, der sich mit Lambert und Matfried vereinigt hatte, hoffte auf ein neues Lügenfeld und zog dem Vater entgegen. Allein seine Erwartungen sollten ihn diesmal täuschen. Nach mehrtägigen fruchtlosen Verhandlungen trat er in einer Nacht den Rückzug an, aber der alte Kaiser rückte ihm nach und erreichte ihn in der Nähe von Blois. Da der Kaiser überdies noch durch Pippin und dessen Heer eine wesentliche Verstärkung erhielt, so mußte Lothar sich unterwerfen. Indessen war es nicht eine Versöhnung, sondern vielmehr eine Auseinandersetzung, was aus den Verhandlungen hervorging. Es wurde bestimmt, daß Lothar nach Italien zurückkehren und durchaus auf dies Unterkönigreich beschränkt bleiben sollte. Auch seinen Anhängern wurde freigestellt, ihm dahin zu folgen, wobei sie jedoch die Güter Lehen und Würden, die sie diesseits der Alpen besaßen, aufgeben mußten. So zog damals die Blüte der fränkischen Aristokratie mit Lothar nach Italien. Auch der Abt Wala von Corbie, der dann Lothars [404] vornehmster Rathgeber wurde, und mehrere Erzbischöfe und Bischöfe dieser Partei begaben sich dorthin.

So schloß diese Hauptkatastrophe in der unglücklichen Regierung Ludwigs, während welcher auch äußere Feinde die das fränkische Reich zerfleischenden Wirren ausgebeutet hatten. Eine dänische Flotte suchte im J. 834 Friesland heim und verwüstete Duurstede, einen der wichtigsten Handelsplätze des Reichs. Man sollte diese furchtbaren Feinde nur zu oft wiedersehen. – Im Februar des folgenden Jahres (835) trat eine mit einem Reichstage verbundene große Synode zu Diedenhofen zusammen, auf welcher die Wiederherstellung des Kaisers nochmals feierlich anerkannt wurde. Am Sonntag Estomihi (28. Februar) begab man sich nach Metz, woselbst in der Stephanskathedrale die Wiedereinsetzung des Kaisers öffentlich verkündigt und er von den Bischöfen mit der Krone geschmückt wurde. Außerdem ereilte jetzt die Rache einen Mann, welcher, ein unfrei Geborener, von L. große Wohlthaten empfangen hatte, aber gleichwohl gewissermaßen als der Haupturheber seiner Excommunication und Absetzung betrachtet wurde. Es war der Erzbischof Ebo von Reims, der die Kirchenbuße des Kaisers in dem zu seiner Erzdiöcese gehörigen St. Medard geleitet hatte. Er wurde nunmehr zu Diedenhofen genöthigt, sich seines Amtes für unwürdig zu erklären und abgesetzt. – Die folgenden Ereignisse empfangen ihre Signatur hauptsächlich dadurch, daß die Kaiserin Judith auf ihren alten Plan zurückkam, an Lothar eine Stütze für ihren Sohn Karl zu gewinnen. Der Erfolg der Verhandlungen mit demselben war ein schwankender. Im J. 836 erklärte er sich durch eine Gesandtschaft, an deren Spitze Wala stand, bereit, am väterlichen Hofe zu erscheinen. Als der Kaiser ihn jedoch im September in Worms erwartete, wurde er durch die Botschaft enttäuscht, daß Lothar schwer krank darniederliege und daher nicht kommen könne. Wala, der jetzt für die Versöhnung war, starb bald darauf, wie denn überhaupt die hervorragenden fränkischen Großen, welche Lothar nach Italien gefolgt waren, in diesen Jahren dem dortigen Klima zum Opfer fielen. Eine neue Gesandtschaft des Kaisers an Lothar, die sich auch auf die Rückgabe der in Italien gelegenen Güter fränkischer Kirchen etc. bezog, hatte keinen guten Erfolg, so daß der Kaiser 837 eine Romfahrt vorbereitete, um als Verbündeter des Papstes die Besitzungen der römischen Kirche, welche gleichfalls der Habsucht der lotharianischen Großen ausgesetzt waren, vor denselben zu schützen. Allein er gab diese Heerfahrt wieder auf, schon weil es dringender schien, das Reich gegen die nun schon gewohnheitsmäßigen Angriffe der nordischen Piraten zu vertheidigen.

Indessen sah man Ludwigs Herrschaft wieder als so weit befestigt an, daß man es wagte, dem jungen Karl abermals einen Theil des Reichs zuzusprechen. Dies geschah auf einem Reichstage zu Aachen im Anfange des nächsten Winters, wo ihm ansehnliche und besonders fruchtbare Provinzen zuerkannt wurden. Pippin und der jüngere Ludwig gaben ihre Einwilligung dazu; der letztere war sogar persönlich zugegen, aber dennoch scheint ihn dieser Vorgang mit ernsten Besorgnissen erfüllt zu haben. Er nahm keinen Anstand, mit Lothar in Verbindung zu treten, mit welchem er im März 838 eine Zusammenkunft bei Trient hatte. Dieselbe führte allerdings zu keinem Resultat, aber die Kunde von diesem Vorgange konnte nicht verfehlen, am Hofe zu Aachen große Aufregung hervorzurufen und den alten Kaiser gegen Ludwig zu erbittern. Vielleicht hatte man auch ohnehin an ihn gewollt. Zur Rechenschaft gezogen, rechtfertigte sich Ludwig der Deutsche zwar durch einen Eid, aber auf dem Reichstage zu Nimwegen im Juni 838 wurden ihm die ausgedehnten Länder, welche er 833 in Besitz genommen und die der Vater ihm bisher belassen hatte, entzogen. Dagegen wurde Karl, welcher sein 15. Lebensjahr zurückgelegt, im September [405] zu Quierzy wehrhaft gemacht und erhielt nun auch die Herrschaft in einem Theile Neustriens (Maine und der Küstenlandschaft zwischen der unteren Loire und Seine). Man suchte jetzt in Pippin von Aquitanien eine Stütze für ihn zu finden, dieser starb indessen schon im December dieses Jahres.

Die letzten Kämpfe und Bemühungen des Kaisers galten der Ueberwältigung Ludwigs des Deutschen, welcher seine volle Macht östlich vom Rhein zu behaupten suchte; ferner der Aussöhnung zwischen Lothar und Karl, zwischen denen das Reich mit Ausnahme Baierns getheilt werden sollte, und der Einsetzung Karls in Aquitanien, wo man Pippins Söhne von der Succession auszuschließen strebte. Der Kaiser hatte beschlossen, seinen Aufenthalt zunächst in Frankfurt a./M. zu nehmen, aber hier kam ihm Ludwig (Ende November 838) zuvor, besetzte diesen Ort und suchte den Vater am Uebergang über den Rhein zu verhindern. Nach wiederholten vergeblichen Versuchen gelang es jedoch dem Kaiser, welcher das Heer nach Mainz berufen hatte, im Januar 839 über den Strom zu setzen, und am anderen Ufer konnte er auch die Sachsen aufnehmen, welche Graf Adalbert von Metz, ein persönlicher Feind des jüngeren Ludwig, ihm zuführte. Da Ludwig sich überdies von seinen thüringischen, ostfränkischen und alamannischen Anhängern verlassen sah, gab er den Widerstand ebenso schnell auf wie einst im J. 832 und entwich nach Baiern. – Die Ausgleichung mit Lothar endlich herbeizuführen, schien der Kaiserin und ihren Anhängern um so dringender geboten, als sich die baldige Auflösung des Kaisers voraussehen ließ; denn er war nicht nur in den Anfang des Greisenalters getreten, sondern seine Kraft auch durch alle Noth und allen Kummer, den er erlitten, untergraben. Auch ging Lothar diesmal auf die ihm gemachten Vorschläge ein. Auf dem Tage zu Worms (Juni 839) erfolgte seine Aussöhnung mit dem Vater und die Theilung des ganzen Reichs – abgesehen von Baiern, welches Ludwig dem Deutschen gelassen wurde – zwischen ihm und Karl. Die westliche Hälfte sollte danach an den letzteren, die östliche, mit Italien zusammenhängende an Lothar fallen. Die Grenze bildete der Lauf der Maas und weiter südlich eine Linie längs der Saone und Rhone bis zum Genfer See. Hierauf galt es, Karl in Aquitanien, welches ihm mithin ebenfalls zugesprochen war, im Gegensatz gegen Pippin II., den ältesten Sohn des verstorbenen Pippin, wirklich zur Herrschaft zu verhelfen. Die Stimmung der Großen des Landes war getheilt. Es gab eine Partei für Karl, an deren Spitze der Bischof Ebroin von Poitiers stand und zu der sogar die eigenen Schwestermänner Pippins II. gehörten; aber die rührigere und, wie es scheint, stärkere Partei hielt an dem letzteren fest. Von Chalon an der Saone aus, wo sich Anfang September 839 das Heer versammelte, drang der Kaiser, von Judith und Karl begleitet, in Aquitanien ein. Die ihm und Karl ergebenen Aquitanier erschienen, um ihm zu huldigen, während die Gegner sich namentlich in den Felsenburgen der Auvergne zu behaupten suchten und das kaiserliche Heer durch Streifzüge belästigten. Noch verhängnißvoller war, daß dasselbe durch Krankheit decimirt wurde. Der Kaiser entließ es vor dem Eintritt des Winters und zog sich nach Poitiers zurück, wohin er die Gemahlin und Karl schon früher vorausgeschickt hatte.

Von Poitiers aus versuchte der Kaiser im Winter (839–40) die Verhältnisse Aquitaniens in seinem Sinne zu ordnen. Indessen als die Fastenzeit nahte, empfing er die Nachricht, daß sein Sohn Ludwig sich abermals empört habe; derselbe war in Alamannien eingedrungen und weiter nach Frankfurt gezogen. Die Aufregung, in welche diese Kunde den Kaiser versetzte, soll seine ohnehin zerrüttete Gesundheit noch mehr geschädigt haben, aber trotz seiner Krankheit, [406] trotz der Fastenzeit und obwol es bisher keineswegs gelungen war, Karls Stellung in Aquitanien zu befestigen, rüstete er sich ungesäumt zum Kriege. Er sandte seinen Bruder Drogo und den Grafen Adalbert voraus, um das linke Rheinufer zu decken. Dann folgte er, die Kaiserin und Karl mit einer Heeresabtheilung in Poitiers zurücklassend, selbst, obwol bei seinen körperlichen Beschwerden mühselig genug. Ostern beging er in Aachen. Nach diesem Feste überschritt er den Rhein und rückte nach Thüringen vor, wo der jüngere Ludwig stand. Abermals unfähig, dem Vater zu widerstehen und über die Grenzen des Reichs gedrängt, sah dieser sich genöthigt, von den Slaven, in deren Gebiet er entwichen war, die Rückkehr nach Baiern zu erkaufen. Aber auf der Rückkehr von diesem Feldzuge erkrankte der alte Kaiser in Salz an der fränkischen Saale, wo er sich im Mai 840 aufhielt, heftiger. Er ließ sich zunächst nach Frankfurt, dann nach einer Rheininsel bei Ingelheim bringen. Hier starb er, fern von seinen Nächsten, am 20. Juni 840, nachdem er noch die Uebersendung der Reichsinsignien an Lothar angeordnet hatte. Seine Leiche ließ sein Halbbruder, der Bischof Drogo von Metz, der ihm auch am Sterbebette der treueste Beistand gewesen war, nach der alten Grabstätte der Familie im St. Arnulfskloster zu Metz bringen, wo auch Ludwigs Mutter, die Königin Hildegard, ruhte.

Der höchst unglückliche und traurige Verlauf dieser Regierung bereitete die Auflösung des fränkischen Reichs vor, welche freilich gewiß auch sonst eingetreten wäre. Es war keineswegs ein zufälliges oder unverdientes Unglück, vielmehr läßt sich deutlich erkennen, wie eng dasselbe mit der persönlichen Schwäche des Herrschers zusammenhing. Indessen wäre es unrichtig, sich L. lediglich als einen frömmelnden Betbruder vorzustellen. Die Natur hatte ihn mit einem kräftigen Körper und starken sinnlichen Trieben ausgestattet, wie er denn außer seinen legitimen auch uneheliche Kinder besaß: einen Sohn Namens Arnulf, welchen er mit der Grafschaft Sens belehnte, und eine Tochter, Elpheid oder Alpais, die er mit seinem Vertrauten, dem Grafen Bego, vermählte. Er war ferner immerhin ein rüstiger Kämpfer und sogar ein leidenschaftlicher Jäger.

Für die Charakteristik des Kaisers sind besonders wichtig seine beiden Biographien von dem Chorbischof Thegan von Trier und dem sogenannten Astronomus, die ihn freilich beide zu verherrlichen suchen. Sie sind, neben den Reichsannalen, die Hauptquellen für seine Geschichte, der Astronomus außerdem fast die einzige für seine Regierung in Aquitanien. Dazu kommen das erste Buch des Nithard, das Epos des Ermoldus Nigellus, eines von dem Kaiser nach Straßburg verbannten Günstlings seines Sohnes Pippin von Aquitanien etc.

Mühlbacher, Die Regesten des Kaiserreichs unter den Karolingern, 2. u. 3. Lfg., Innsbruck 1881. 1883. – Funck, Ludwig der Fromme, Frankf. a. M. 1832. – Himly, Wala et Louis le Débonnaire, Paris 1849. – Simson, Jahrbücher des fränkischen Reichs unter Ludwig dem Frommen, 2 Bde., Leipzig 1874–76. – Dümmler, Geschichte des ostfränkischen Reichs, I. Berlin 1862. – Foß, Ludwig der Fromme vor seiner Thronbesteigung. Gründung der spanischen Mark (Progr. des Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums in Berlin, 1858).