Eine Stunde auf der Berliner Börse

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Textdaten
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Autor: E. H.
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Titel: Eine Stunde auf der Berliner Börse
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 456–459
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Stamps of Germany (Berlin) 1985, MiNr 740.jpg
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[456]
Eine Stunde auf der Berliner Börse.


Der Fremde, der zum ersten Male Berlin durchwandert und etwa zehn Minuten vor zwölf Uhr auf der Colonnade des herrlichen Neuen Museums tretend über die neue Friedrichsbrücke schaut, erblickt am jenseitigen Ufer einen prächtigen Palast im Renaissancestil, mit doppelter Fronte, korinthischen Säulen, mit symbolischen weiblichen Statuen-Gruppen, mit einem schönen Säulengange. Dort stehen ernst blickende Männer in lebhaftem Gespräche, ihrer Rede durch beweglichste Geberde Nachdruck verleihend; zu ihnen gesellen sich Neuankommende; Equipagen und Droschken fahren vor, aus denen elegant gekleidete, meistens jüngere Männer steigen und sofort mit den Wartenden in eifriges Gespräch treten, und wohl mag der mit den Oertlichkeiten wenig Vertraute denken, dieser Palast sei ein Tempel der Wissenschaft, eine neue Akademie oder ein Lyceum, wo der Berliner Plato oder Aristoteles lehrt, und die wartenden oder rasch herbeieilenden Männer seien wißbegierige Schüler, die dem Cursus eifrig folgen [457] und ja keine Minute des Unterrichts, kein Wort des Lehrers versäumen wollen.

Weit gefehlt! Nicht um einen Cursus, sondern um die neuesten Curse zu hören, stehen die Männer da, nicht Wissen, sondern Haben ist ihr Zweck; die kleinen Händler und Pfuschmäkler und die kleinen Getreidespeculanten und -Mäkler, die noch vor Beginn der Börse die „Stimmung“ zu erforschen versuchen, keine Philosophie ist diesen Allen bekannt, als unbewußt die pythagoräische, nach welcher die Welt aus Zahlen besteht (obwohl auch Manche unter ihnen entschieden nur durch Nicht-Zahlen bestehen). Sie unterhalten sich über die letzten Ereignisse, ob der Kaiser von Oesterreich wirklich constitutionell regieren wird und welches Papier dabei am meisten in die Höhe gehen dürfte; ob durch das polnische Attentat „Russen flau oder fest“ sein werden; ob man nicht süddeutsche Actien „fixen“ (d. i. zu einer gewissen Zeit liefern) sollte, da die Einigung mit Norddeutschland doch größere Militärlast und nothwendigerweise auch neue Anleihen nach sich ziehen müßte. Wahrlich, sie verstehen es, die Weltgeschichte zu taxiren!

Es schlägt Zwölf. Die Pforte öffnet sich, der Schwarm dringt in das Innere und vertheilt sich. Es ist noch still. Die alten und die neuen Bankiers – ich werde diesen Ausdruck später genau erklären – sind noch nicht angelangt, das Geschäft ist unentwickelt. Sehen wir uns ein wenig um. Der herrliche Saal ist durch eine Reihe von einhundert achtundzwanzig Granitsäulen, die längs den Wänden gehen und ihn dann in der Mitte durchschneiden, in zwei Räume getheilt; in dem vordern wird die Fondsbörse, in dem andern die Fruchtbörse abgehalten.

Oben erblicken wir zuerst prachtvolle Wandgemälde von Klöber: die Sinnbilder der Landescultur, Holzhauer, Fischer, Erntewagen, in der Mitte die altgriechische Göttin der Naturkräfte, Kybele – für welche schon die römischen Kornhändler und -Wucherer besondere Ehrfurcht hegten – endlich Amor und Venus. Ueber der Fondsbörse schwebt Vulcan als Geldpräger, Mercur, der Gott der Kaufleute, ein feuriges Roß als Sinnbild der Dampfkraft, endlich in einer Ecke – bedeutsames memento! – eine Gruppe, welche die Fabrikation des Papiergeldes darstellt. Im Saale selbst stehen rechts und links Bänke, auf deren Rückseite Metallplatten die Namen der Bankiers und Kaufleute anzeigen, welche hier ihre Plätze fest gemiethet haben. In dem Raume zwischen den beiden Reihen bewegen sich die Kleinen, Kleineren und Kleinsten. Es ist ein Viertel auf Eins. Die Bankiers, die beeidigten Makler sind eingetroffen und sitzen auf ihren Plätzen, das Geschäft ist entwickelt, überall zeigt sich Bewegung; ich treffe einen jungen Bankier, Freund der Tonkunst und Literatur, er bietet sich mir als Cicerone an, und wir beginnen eine Wanderung durch den Tempel Mercurs.

Die kleinen Makler und Händler laufen hin und her mit ihren Bleistiften und Notizbüchern, sie fragen fast Jeden, dem sie begegnen, ob er irgend etwas zu kaufen oder zu verkaufen hat. „Dollars geb’ ich,“ ruft der Eine. „Dollars, Dollars!“ – „Italiener nehm’ ich,“ ein Zweiter. – „Wie sind Mecklenburger zu haben?“ schreit ein Dritter. Russen, Oesterreicher, Franzosen, Lombarden, alle Nationen werden hier ausgerufen und verhandelt. Die Bietenden und Nehmenden drängen sich, schieben sich, stoßen einer den andern bei Seite – mitunter sogar etwas unsanft – doch hierüber entsteht kein Streit, „in diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht“[WS 1] – nur’s Geschäft.

Wir gehen etwas weiter und beobachten einige ergötzliche Scenen. Da sprechen Zwei über einen wichtigen Handel; dabei kann der Eine nicht unterlassen, des Andern schwere goldene Kette zu prüfen, er faßt sie an, wiegt sie in der Hand, und in dem Augenblick, als er die Lieferung und den Curs des Papieres feststellt, kann er nicht umhin zu fragen: „Was kost’ die Kett’?“ Neben diesen Beiden erblicke ich eine Gruppe, würdig, durch den Griffel unseres Hogarth’s vom Kladderadatsch verewigt zu werden. Ein junger Bankier sitzt an seinem Platze und zeigt seinem Nachbar zwei Ringe; vor ihm steht ein Mann mit eifrigster Rede und Geberde. Er bewundert den Glanz, das Feuer der Steine, die Schönheit der Fassung, die Vortrefflichkeit des Goldes, die enorme Billigkeit des Preises; er ruft alle Götter zu Zeugen, daß in der ganzen Stadt kein ähnlicher Ring um so weniges Geld zu haben ist. Der Mann aber – so erklärte mir mein Mentor – will gar kein Geld, sondern ein Börsengeschäft abschließen. Er betreibt eine höchst originelle Industrie: er kauft und verkauft die billigsten Prämien[1] auf der Berliner Börse. Er ist Juwelenhändler, kennt die Wege der Gelegenheitskäufe, erwirbt Steine und Pretiosen zu sehr billigen Preisen und bietet sie den Bankiers für Prämien, die er dann sofort wieder verkauft. Man muß ihn sehen, wie er seinen baumwollenen Regenschirm bald in die rechte, bald in die linke Hand nimmt, um mit der frei gebliebenen kräftiger gesticuliren zu können; wie er vor einem zu niedrigen Angebot zurückprallt, als wollte man ihm an’s Leben; wie er sich dann ein wenig entfernt, mit sich zu Rathe geht, mit den Fingern Zahlen in die Luft schreibt, um zu berechnen, wie viel er noch ablassen könne vom geforderten Preise; wie er darauf wieder an den Käufer tritt, neuerdings handelt und feilscht, bis das Geschäft abgeschlossen ist und er gleich weiter rennt, um nun für die Prämie einen Abnehmer zu finden. Der Preis, um welchen er die Ringe erstanden hat, ist jedenfalls viel geringer, als der Werth der für diese eingetauschten Prämie, er kann daher die letztere mit kleinstem Gewinnste – ja vielleicht unter dem Einkaufspreise – abgeben, und wird noch immer „ein gutes Geschäft machen“.

Neben seiner wirklich genial erdachten und ausgeführten Industrie bietet der Mann mir noch die interessante Erscheinung, daß er als Juwelier die geschmackloseste Busennadel trägt, die mir je untergekommen ist. Während ich ihn noch betrachte, um mir sein Bild genau in’s Gedächtniß zu prägen, vernehme ich hinter mir eine bekannte Stimme; ich wende mich und erblicke Herrn X., einen der elegantesten jungen Börsenhelden, der sich vom Buchhalter eines Großmaklers durch große Geschicklichkeit als „Agent“ zum Chef eines eigenen Comptoirs, zum „neuen Bankier“ emporgeschwungen hat. Er fährt in einer sehr hübschen Equipage, verkehrt sehr viel mit Künstlern und Schriftstellern, am liebsten allerdings mit berühmten und schönen Schauspielerinnen; er hat den Ruf eines liebenswürdigen und gefälligen jungen Mannes, und nur der eine Vorwurf wird gegen ihn erhoben, daß er zu viel schwört; er thut dies auch in jenem Augenblicke.

„Was,“ ruft er, „ich soll mit drei geben, mich kosten sie drei und ein Achtel; bei meinem Leben! Gott der Gerechte! eine Stange Gold kann man verlieren bei solchen Geschäften“ – in diesem Augenblick sieht er mich an der Seite meines freundlichen Führers – „Ah,“ meint er, „ich habe Sie heute Morgen mit dem Legationsrathe X., dem Vertrauten unseres allmächtigen Ministers, gesehen; Sie wissen gewiß etwas Wichtiges und kommen hierher, um einen Coup auszuführen.“

„Ja wohl,“ antworte ich, „einen Auftrag zu vollführen bin ich allerdings hier, für das Haus Keil; wollen Sie mir das Geschäft abkaufen? es ist kein schlechtes.“

„Was haben Sie zu machen?“ fragt Jener.

„Ich kann Ihnen das nicht mittheilen, nur das darf ich sagen, Sie können das Geschäft ungeprüft abkaufen.“

„Das heißt man kein Gebot stellen, auf Wort! Heute könnte man schon alle Geschäfte aufgeben!“ mit diesen Worten will der Elegante sich entfernen, doch die Neugierde ist stärker als sein Unwille; er flüstert meinem Begleiter die Frage zu: „Weiß er denn etwas Neues? Hat er etwas erfahren?“ Der Gefragte zuckt geheimnißvoll die Achseln – ich muß mich einige Schritte entfernen, um nicht in helles Lachen auszubrechen. Horch! Ein Kunstgespräch trifft mein Ohr; es „handelt“ von einer neuengagirten Sängerin.

„Ich sage Ihnen,“ meint Einer, „ich habe sie gestern gehört; sie singt faul, es ist nichts aus ihr zu machen.“

„Das können Sie noch nicht so sicher behaupten,“ entgegnet ein Anderer, „sie hat eine sehr schöne Stimme; übrigens eine Lucca ist sie natürlich nicht.“

Bei diesem Namen verklären sich die Gesichter der Beiden. Wer sind sie, diese Männer, die mitten im Geräusche und der Bewegung noch Zeit und Sinn haben für Kunst und Künstler? Es sind kleine Makler, die nebenbei mit Theaterbillets handeln, sich deren für jede Vorstellung verschaffen, wo der Andrang des Publicums voraussichtlich groß ist, und sie dann mit bedeutendem [458] Agio auf der Börse verkaufen, oder auch, wie jener Juwelenhändler seine Ringe, in anderer Weise verwerthen. Für sie hat jede Sängerin und jede Oper die Bedeutung von Actien, von „Brief“ und „Geld“. Die Afrikanerin von Meyerbeer steht immer über Pari, dann kommt Figaro’s Hochzeit, wenn die Lucca und die Artot singen, dann der Prophet und Lohengrin mit Niemann etc., und es hat schon Tage gegeben, wo ein Parquetsitz ihnen mit acht bis zehn Thaler bezahlt worden ist. Dagegen sind z. B. Beethoven’s Fidelio und Mozart’s Don Juan auf der Börse gar nicht notirt.

Zu diesen beiden Kunstmännern gesellt sich ein Mann, der als Specialität besondere Beachtung verdient: es ist der Satiricus der Börse, ihr privilegirter Witzmacher; über jedes Ereigniß, über jede Persönlichkeit hat er sein Bonmot, und es muß ihm zugestanden werden, manches derselben ist treffend. So z. B. meinte er von einem sehr rasch emporgekommenen Unternehmer, der nur noch in Millionen speculirt, sich als großer Herr manchmal auf der Börse zeigt und über dessen wirkliches Vermögen verschiedenartige Meinungen im Gange sind: „Zwei Dinge kann Herr X nicht ablegen: seine Parvenü-Manieren und – eine genaue Rechnung.“ Ueber einen Financier, der „Consul“ geworden war, stellte er die Frage: „Welcher Unterschied herrscht zwischen Herrn Y und dem amerikanischen Consul? Dieser ist ein überseeischer, jener ein überflüssiger.“ Unter seiner Firma circulirt auch der Witz über einen reichen Leinenwaarenhändler, der viel und glücklich auf der Börse speculirt: „Er macht wohl bessere Geschäfte als Hemden!“

Es ist ein Uhr. Mein Führer leitet mich an das Büffet, wo wir vortreffliche kalte Küche genießen und ein Glas des besten Berliner Bieres trinken, das einige Börsenbesucher im stolzen Selbstgefühle „Judenbier“ getauft haben, wahrscheinlich um anzudeuten, daß dem neuerwählten Volke nicht blos das Land mit Milch und Honig prophezeit war, sondern auch der beste Gerstentrank. Dort (nicht in Palästina, sondern am Büffet) treffe ich einige Schriftsteller, die von Redactionen beauftragt sind, die täglichen Bewegungen an der Börse zu beobachten und darzulegen. Jedes große Journal der Residenz hat seinen eigenen Berichterstatter. Voran unter diesen ragen die Redacteure der Börsenzeitung und deren Gründer – dieser, der noch vor wenigen Jahren eine untergeordnete Stellung einnahm, hat durch Geschicklichkeit, durch richtiges Errathen der Conjuncturen, durch sehr geistreiche Artikel über manche Banken und Unternehmungen sich jetzt zu einer Höhe emporgeschwungen, von der er selbst auf seine Mitarbeiter Glanz verbreitet; die „alten“ Häuser blicken mit Achtung, die „jungen“ Häuser mit Ehrfurcht auf ihn, alle Unternehmer, die Actien ausgeben, vermeiden es, sein Mißfallen zu erregen, und in dem Augenblick, wo ich ihn an der Börse erblicke, wird er von jenem Manne hofirt, gegen welchen der Satiricus den Witz vom „Ablegen“ gerichtet hat; dieser Mann, der große Gütercomplexe besitzt, eine politische Stellung anstrebt, der unleugbar die schärfste Combinationsgabe und unerschütterlichen, vielleicht nicht gerade beneidenswerthen Muth besitzt, er fürchtet vielleicht keine Macht als die der Börsenzeitung; ein Angriff von dieser kann ihn gefährlicher treffen als ein halbes Dutzend Leitartikel anderer Blätter.

Das Geschäft ist fast als beendet zu betrachten. Der Tag war ein „stiller“. Doch sieh! in einer Ecke giebt sich plötzliche Aufregung kund. Laute Rufe „ich geb’, ich nehm’“ erschallen, es entsteht ein Gedränge. Einige kleine Mäkler, die gemüthlich am Büffet standen, eilen mit der halben Butterstulle, die sie in der Aufregung zu verschlucken ganz vergessen, nach dem Kampfplatze – selbst einige Bankiers erheben sich von ihren Plätzen und blicken nach dem wirren Knäuel, der sich im Nu gebildet hat. Einige „neue“ Bankiers, von denen die Meinung verbreitet ist, daß sie mit wohlunterrichteten Leuten verkehren und auch Aufträge reicher Privatmänner vollführen, haben starke Posten eines Papiers gekauft, von allen Seiten laufen die kleinen Händler herbei, wie die Hühner eines Geflügelhofes, wenn die Magd Futter streut, doch die Aufregung geht vorüber; der Conflict wird nicht weiter angeregt, die Curse gehen nicht höher, es scheint nur ein Versuch, sie hinaufzutreiben, angestellt worden zu sein, und die Gesichter, welche einen Augenblick einen eigenthümlichen Ausdruck zeigten, erschlaffen, die funkelnden Augen blicken matt und die vom Büffet Weggeeilten kauen ihre halbe Stulle mit Ruhe zu Ende. Ich nehme Abschied von meinem freundlichen Führer; er versichert mir, daß der Tag „ein sehr stiller“ war und daß überhaupt manche interessante Persönlichkeit gefehlt hätte, die allerdings nur in sehr bewegten Zeiten auftauchte. So konnte man z. B. während des amerikanischen Krieges einen sehr berühmten Sänger fast alle Tage auf der Börse sehen. Er „machte sehr viel“; wahrscheinlich hatte er Apoll mit Mercur verwechselt, da auch dieser eine Leier trägt. –

Sagen wir nun einige Worte von den Börsen und den Bankiers im Allgemeinen. Die Berliner Börse kann ebenso wenig mit denen anderer großer Residenzen verglichen werden, wie der Berliner Bankier mit dem Wiener „Großhändler“ oder mit dem Pariser Financier. In Wien und Paris ist an einem „stillen“ Tage mehr Spectakel und mehr Gezänke, als in Berlin an einem sehr bewegten Abrechnungstage (Ultimo), und es findet in den beiden erstgenannten in mancher Woche ein größerer Geldumsatz statt, als in Berlin in einem Monate. Aber dafür wird dort auch mehr gespielt, während das Geschäft in Berlin fast durchwegs auf solidester Grundlage ruht. In Paris spielt fast alle Welt auf der Börse – und es ist ein öffentliches Geheimniß, daß sehr hochstehende Personen ihre genaue Kenntniß der politischen Ver- und Entwickelungen auf der Börse verwerthen ließen.

Wenn also die Politiker Börsenspeculanten sind, so ist es die natürliche Folge, daß jeder glückliche Speculant auch eine politische Rolle anstrebt, daß der Bankier dahin trachtet, einen Sitz im Staatsrathe zu erlangen, oder doch wenigstens die Minister, wenn nicht gar Mitglieder der kaiserlichen Familie zu empfangen. Frankreich ist ja das Land der Gleichheit, d. h. des gleichen Druckes für Alle, und mit vielem Gelde und loyalem Luxus kann man sich zur „besten Gesellschaft“ emporschwingen. Der Wiener „Großhändler“ ist durch die früheren Verhältnisse Oesterreichs von der activen Politik fern gehalten worden; dagegen stand ihm der Weg zum „Geadeltwerden“ frei, und das Prädicat „Edler von“ oder gar „Ritter“, „Freiherr“, ein „Cavalier“ zu werden und ein großes Wappen auf den Wagenschlag malen zu lassen, schwebte ihm immer als höchstes Ziel vor; und wie die meisten österreichischen Cavaliere waren auch die meisten Wiener Großhändler von jeher liebenswürdige Lebemänner, „gute Kerls“, galant, generös, „fesch“.

Das Wesen des Londoner Bankiers genau darzulegen, bedürfte es eines viel größeren Raumes, als mir hier geboten ist; er ist so verschieden von allen andern, wie die Institutionen seines Landes von denen des Continents. Hier mögen nur einige Thatsachen angeführt werden. Die großen Londoner Bankiers gehen nie auf die Börse; es giebt ungeheuer reiche Häuser, die große Anlehen abgeschlossen haben und gar kein Bankgeschäft machen, ja nicht einmal ein Comptoir halten (Montefiore, Goldsmith, Attwood); das Haus Rothschild gehört in London zu den reichsten, aber nicht zu den ersten Bankhäusern. Sie nehmen im Allgemeinen keine hohe gesellschaftliche Stellung ein, aber wenn sie Parlamentsglieder oder Municipalbeamte werden, dann steht ihnen der Weg zur Pairie offen; so ist Lord Asburton aus dem Hause Gebrüder Baring hervorgegangen und Lord Overstone aus dem Hause Lloyd.

Der alte Berliner Bankier hat nie eine politische Rolle angestrebt – Camphausen und v. d. Heydt sind Rheinländer – er ist auch kein Lebemann und hat nichts vom Cavalier; zum englischen Plutokraten fehlt ihm der ungeheure Reichthum; gegenüber dem Pariser, dem Wiener, dem Londoner erscheint er als Philister, aber er kann sich eines Vorzugs rühmen, vor dem Reichthum, Rang und Glanz erbleichen: keine andere Stadt hat so viele Größen der Kunst und der Wissenschaft aufzuweisen, die Bankierhäusern entsprossen sind, wie Berlin. Aus dem Hause Mendelssohn, das von dem großen Philosophen und edlen Menschenfreunde stammt, ging jener Felix hervor, dessen Musik so weit reicht, als sich Menschen der Sommernacht erfreuen und als der gestirnte Himmel ihre Herzen zur Andacht erhebt. Dem mit Reichthum und Wohlthätigkeitssinn hochgesegneten Hause Beer entstammte der Componist des Robert der Teufel und der Hugenotten, welcher die unbestrittene Herrschaft über die Opernbühne ausübt, dessen reichen Gaben selbst die erbittertsten Gegner Anerkennung zollten und dessen Bruder als Dichter nicht großen Ruhm, aber hohe Achtung um seines edlen Strebens willen genossen hat. Stolz weist das Haus Magnus auf seine Söhne, den Professor und einstigen Rector der Berliner Universität, und den Maler. Der große [459] Rechtsgelehrte Hitzig, der bekannte Architekt des gleichen Namens, sie entstammen reichen Geschäftsleuten. Und wenn alle die Genannten jüdischen Ursprunges waren, so ist dies nur ein Beweis mehr, daß nicht der Geldbesitz und dessen Vermehrung, nicht der Glanz durch Reichthum dem Berliner Bankier das Höchste ist, daß er vielmehr die persönliche Geltung noch höher würdigt.

Dieses Bewußtsein prägt sich in der Haltung und dem Gebahren des alten Berliner Bankiers aus; im gesellschaftlichen Leben macht er kein Haus, ist gewöhnlich zurückhaltend, wenig liebenswürdig, im Geschäft geht er immer sehr vorsichtig zu Werke und giebt ihm nicht einmal die Ausdehnung, die von einem großen Hause zu erwarten ist, – aber er genießt als Persönlichkeit große Achtung und seine Accepte betrachtet der vorsichtigste Londoner bill-broker (Wechselmakler)[2] als first-rate (erster Classe).

Seit etwa fünfundzwanzig Jahren ist ein neues Geschlecht im Werden, das in vielen Dingen die Traditionen verlassen hat, ja geradezu einen Gegensatz bietet: es sind die Leute, die ich im Anfange dieser Skizze als „die neuen Bankiers“ bezeichnete. Sie sind meistens ehemals kleine Makler oder Speculanten gewesen und durch glückliche Combinationen zu Vermögen gekommen. Gar Mancher von ihnen ist verschwunden, nachdem er eine Zeit lang sein Schifflein auf der Oberfläche glänzenden Lebens herumgetummelt hatte, Mancher ist wieder emporgetaucht, als man ihn ganz versunken wähnte, nur einige Wenige haben den Weg des bürgerlichen freundlich-bequemen Lebens eingeschlagen, den die „Alten“ gegangen sind und haben sich und ihren Familien einen festen Grund gesichert. Die Mehrzahl eifert den französischen und Wiener Modellen nach; man rühmt von ihnen, daß sie meistens sehr gutmüthige und liebenswürdige Leute sind und daß sie mehr Kühnheit, mehr „Genie“ besitzen als die „alten Philister“.
E. H.




  1. Prämie kaufen ist ein Geschäft, bei welchem der Käufer durch Vorausbezahlung einer gewissen Summe das Recht erwirbt, an einem bestimmten Tage eine Anzahl Actien zu einem festgestellten Curse zu nehmen: Die Summe ist quasi als Reugeld zu betrachten, wenn die Actien nicht übernommen werden, dafür ist auch kein weiterer Verlust zu decken.
  2. Von dieser englischen Specialität und deren Bedeutung hat man auf dem Festlande keinen Begriff. Ich traf im Jahre 1857 in London einen Schulcameraden, der seit fünfzehn Jahren in der englischen Residenz lebte. Er genoß großes Vertrauen in der Handelswelt und erwarb jährlich fünfzehn bis zwanzigtausend Thaler als Wechselmakler, wobei er etwa für zwei Millionen Thaler Wechsel in Umsatz brachte. Und wohlgemerkt, der Mann nahm nie das Accept von Privatleuten an, ja nicht einmal für Kaufleute (merchants) arbeitete er! Sein Geschäft bestand darin, daß ihm große Banken aus den Landbaudistricten baares Geld zum Placiren, dagegen die Banken aus den Industrie-Districten Wechsel zum Verwerthen sandten. Er meinte, in einigen Jahren würde er wohl fünfzigtausend Thaler jährlich erwerben, – wenn er einmal ganz Makler-Maschine geworden wäre.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. aus der „Zauberflöte“, Text von Emanuel Schikaneder (1751–1812)