Erforsche mich, erfahr mein Herz

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Textdaten
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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Passionslied
Untertitel: Erforsche mich, erfahr mein Herz
aus: Geistliche Oden und Lieder. S. 44–48
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1757
Verlag: Weidmannische Handlung
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google = commons
Kurzbeschreibung: Kirchenlied zur Passion
Melodie: Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld (EG 83)

siehe auch die Themenseite Fastenzeit

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[44]
Passionslied.

Erforsche mich, erfahr mein Herz,
Und sieh, Herr, wie ichs meyne.
Ich denk an deines Leidens Schmerz,
An deine Lieb, und weine.

5
Dein Kreuz sey mir gebenedeyt!

Welch Wunder der Barmherzigkeit
Hast du der Welt erwiesen!
Wenn hab ich dieß genug bedacht,
Und dich aus aller meiner Macht

10
Genug dafür gepriesen?


     Rath, Kraft, und Friedefürst und Held!
In Fleisch und Blut gekleidet,
Wirst du das Opfer für die Welt,
Und deine Seele leidet.

15
Dein Freund, der dich verräth, ist nah.

Des Zornes Gottes Stund ist da,
Und Schrecken strömen über.
Du zagst, und fühlst der Höllen Weh:
„Ists möglich, Vater, o so geh

20
„Der Kelch vor mir vorüber!


     Dein Schweiß wird Blut; du ringst und zagst,
Und fällst zur Erde nieder;
Du, Sohn des Höchsten, kämpfst, und wagst
Die erste Bitte wieder.

[45]
25
Du fühlst, von Gott gestärkt im Streit,

Die Schrecken einer Ewigkeit,
Und Strafen sonder Ende.
Auf dich nimmst du der Menschen Schuld,
Und giebst mit göttlicher Geduld

30
Dich in der Sünder Hände.


     Du trägst der Missethäter Lohn,
Und hattest nie gesündigt;
Du, der Gerechte, Gottes Sohn!
So wars vorher verkündigt.

35
Der Frechen Schaar begehrt dein Blut,

Du duldest, göttlich groß, die Wut,
Um Seelen zu erretten.
Dein Mörder, Jesus, war auch ich;
Denn Gott warf aller Sünd auf dich,

40
Damit wir Friede hätten.


     Erniedrigt bis zur Knechtsgestalt,
Und doch der Größt im Herzen,
Erträgst du Spott, Schmach und Gewalt,
Voll Krankheit und voll Schmerzen.

45
Wir sahn dich, der Verheißung Ziel;

Doch da war nichts, das uns gefiel,
Und nicht Gestalt noch Schöne.
Vor dir, Herr, unsre Zuversicht,
Verbarg man selbst das Angesicht;

50
Dich schmähn des Bundes Söhne.


[46]

     Ein Opfer, nach dem ewgen Rath,
Belegt mit unsern Plagen,
Um deines Volkes Missethat
Gemartert und zerschlagen,

55
Gehst du den Weg zum Kreuzesstamm,

In Unschuld stumm, gleich als ein Lamm,
Das man zur Schlachtbank führet.
Freywillig, als der Helden Held,
Trägst du, aus Liebe für die Welt,

60
Den Tod, der uns gebühret.


     „Sie haben meine Hände mir,
„Die Füsse mir durchgraben,
„Und große Farren sinds, die hier
„Mich, Gott! umringet haben.

65
„Ich heul, und meine Hülf ist fern.

„Sie spotten mein: Er klags dem Herrn,
„Ob dieser ihn befreyte!
„Du legst mich in des Todes Staub.
„Ich bin kein Mensch, ein Wurm; ein Raub

70
„Der Wut, ein Spott der Leute.


     „Ich ruf und du antwortest nie,
„Und mich verlassen alle.
„In meinem Durste reichen sie
„Mir Essig dar mit Galle.

75
„Wie Wachs zerschmilzt in mir mein Herz.

„Sie sehn mit Freuden meinen Schmerz,

[47]

„Die Arbeit meiner Seelen.
„Warum verläßt du deinen Knecht?
„Mein Gott, mein Gott! ich leid und möcht

80
„All mein Gebeine zählen.


     Du neigst dein Haupt. Es ist vollbracht.
Du stirbst! Die Erd erschüttert.
Die Arbeit hab ich dir gemacht.
Herr, meine Seele zittert.

85
Was ist der Mensch, den du befreyt?

O wär ich doch ganz Dankbarkeit!
Herr, laß mich Gnade finden.
Und deine Liebe dringe mich,
Daß ich dich wieder lieb, und dich

90
Nie kreuzige mit Sünden.


     Welch Warten einer ewgen Pein
Für die, die dich verachten;
Die, solcher Gnade werth zu seyn,
Nach keinem Glauben trachten!

95
Für die, die dein Verdienst gestehn,

Und dich durch ihre Laster schmähn,
Als einen Sündendiener!
Wer dich nicht liebt, kömmt ins Gericht.
Wer nicht dein Wort hält, liebt dich nicht;

100
Ihm bist du kein Versühner.


[48]

     Du hasts gesagt. Du wirst die Kraft
Zur Heiligung mir schenken.
Dein Blut ists, das mir Trost verschafft,
Wenn mich die Sünden kränken.

105
Laß mich im Eifer des Gebets,

Laß mich in Lieb und Demuth stets
Vor dir erfunden werden.
Dein Heil sey mir der Schirm in Noth,
Mein Stab im Glück, mein Schild im Tod,

110
Mein letzter Trost auf Erden!