Esdras sechstes Buch

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Titel: Esdras sechstes Buch
Untertitel: oder: Das sechste Buch Esra
aus: Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel S. 318–327
Herausgeber: Paul Rießler
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert n. Chr.
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Dr. B. Filser
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Erscheinungsort: Augsburg
Übersetzer: Paul Rießler
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
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[318]
22. Esdras sechstes Buch


1. (15.) Kapitel: Drohrede
1
Ruf meinem Volke in die Ohren die Prophetenworte,

die ich in deinen Mund dir lege.
Spricht der Herr.

2
Veranlaß ihre Niederschrift!
3
Sie sind ja wahr und zuverlässig.
4
Hab keine Angst vor Plänen wider dich!

Der Unglauben der Widersprechenden verwirr dich nicht!
Am Unglauben stirbt, wer nicht glaubt.

5
So spricht der Herr:

Ich bringe Übel in die Welt,
Schwert, Hunger, Tod und Untergang,

6
dieweil sich auf die ganze Erde Sünde legte

und ihrer Schandbarkeiten Maß sich füllte.

7
Deswegen spricht der Herr:

Ich schweig nicht länger mehr zu ihren Freveltaten;
nicht weiter mehr ertrag ich ihre Ungerechtigkeiten.

8
Unschuldiges, gerechtes Blut schreit ja zu mir;

der Frommen Seelen rufen unaufhörlich.

9
Ich räche sie,

so spricht der Herr,
und nehm aus ihnen jegliches unschuldig Blut zu mir.

10
Geschleppt zur Schlachtbank wird mein Volk,

der Herde gleich;
ich laß es im Ägypterland nicht weiter wohnen.

11
Ich führ’s mit starker Hand

und hocherhobnem Arm heraus
und schlage das Ägypterland mit Plagen, wie schon früher,
und so vernichte ich sein ganz Gebiet.

12
Ägypten hülle sich mit seinen Grundfesten in Trauer!

Der Herr verhängt die Plage der Geißelung und Züchtigung.

13
Die Ackerbauer mögen trauern;

die Samen schwinden;
verwüstet werden ihre Fruchtbäume
von Brand und Hagel und vom schrecklichen Gestirn.

14
Weh der Welt und ihren Einwohnern!
15
Das Schwert kommt und ihr Untergang.
[319]

Ein Volk erhebt sich gegen’s andere zum Kampf,
mit Schwertern in den Händen.

16
Es herrscht ja bei den Menschen Unruhe;

die einen überwältigen die anderen.
Sie kümmern sich um ihren König nicht,
nicht um den Fürsten ihrer Adligen in ihrer Macht.

17
Die Menschen wünschen, in die Stadt zu ziehen;

doch sie vermögen’s nicht.

18
Um ihres Übermutes willen

geraten Städte in Empörung und Verwirrung
und Häuser in Verfall,
in Angst die Menschen.

19
Ich rufe jetzt, spricht Gott,

all Könige der Welt
vom Norden, Süden, Osten und vom Libanon herbei,

20
daß sie mich ehren, sich bekehren

und wiedergeben, was man ihnen gab.

21
Wie sie bis heut an meinen Auserwählten taten,

so will auch ihnen ich vergelten. –

22
So spricht der Herr Gott:

Die Sünder schont nicht meine Rechte,
noch weicht das Schwert von denen,
die auf der Erd unschuldig Blut vergießen.

23
Von seinem Grimm geht Feuer aus,

verzehrt der Erde Grundfesten,
sowie die Sünder wie in Brand gestecktes Stroh.

24
Weh denen, die da sündigen

und meine Gebote nicht befolgen,
so spricht der Herr!
Ich schone ihrer nicht.

25
Ihr abgefallenen Söhne, weicht!

Beflecket nicht mein Heiligtum!

26
Der Herr kennt alle,

die sich an ihm versündigen;
deswegen übergibt er sie dem Mord und Totschlag.

27
Schon kommen Übel in die Welt

und ihr verbleibt darin.
Denn Gott befreit euch nicht daraus,
weil ihr an ihm gesündigt habt.

28
Es kommt ein fürchterlich Gesicht;

von Osten kommt es her.

29
Auf vielen Wegen ziehen arabische Drachenschwärme

und ihr Gezisch vernimmt man eine Tagereise weit im Land,
so daß sich fürchten und erbeben
all, die es hören.

30
Wie Eber aus dem Wald,

so ziehen wütende Karmanier aus
und kommen her in großer Stärke

[320]

und stellen sich zum Kampf mit jenen auf
und einen Teil des Landes der Assyrier
verwüsten sie mit ihren Zähnen.

31
Hernach jedoch obsiegen,

des Ursprungs eingedenk, die Drachen;
sie machen kehrt,
entschlossen, voller Kraft sie zu verfolgen.

32
Und jene werden wirr

und schweigen ob der Stärke jener
und wenden ihren Fuß zur Flucht.

33
Und im assyrischen Gebiete lauert ihnen einer auf

und er vernichtet einen Mann von jenen.
Auf ihre Heeresmacht fällt Angst und Zittern
und ihre Könige werden wankelmütig.

34
Da kommt vom Osten und vom Norden bis zum Süden

her eine Wolke;
ihr Anblick ist gar fürchterlich,
von Grimm und Sturmwind angefüllt.

35
Dann stoßen sie zusammen,

und sie ergießen auf ihr Land und ihre Gegend
einen ganz gewaltigen Wolkenbruch
und von den Schwertern reicht das Blut
bis an den Bauch der Pferde,

36
bis an der Menschen Oberschenkel

und der Kamele Hinterbug.
Viel Angst und Schrecken herrscht auf Erden.

37
Die jenen Grimm erleben, schaudern alle

und Zittern fällt auf sie.
Dann kommen starke Regengüsse

38
von Süden, Norden,

zum Teil auch aus dem Westen.

39
Da werden Winde aus dem Osten übermächtig,

vertreiben jene,
sowie die Wolken, die vom Grimm erregten,
den Wettersturm,
der in dem Osten zur Zerstörung sich erhob
und für den Westen die Verwüstung brachte.

40
Alsdann erheben sich gar große, starke Wolken,

von Grimm und Sturm erfüllt.
Sie wollen alle Welt und ihre Einwohner vernichten
und gießen über alle Hohen und Erhabenen
ein fürchterliches Ungewitter aus

41
und Feuer, Hagel, fliegende Schwerter, viele Wasser,

daß alle Felder, alle Bäche
sich mit den Wassern füllen.

42
und sie zerstören Städte, Mauern, Berge, Hügel,

der Wälder Bäume,
Getreide und der Wiesen Gras.

[321]
43
So ziehen sie beständig fort bis Babylon,

das sie vernichten.

44
Sie stoßen dort zusammen,

umschließen es
und gießen Sturmgewitter
und jeden Zorn darüber aus
und bis zum Himmel steigt der Staub, die Asche,
und alle trauern rings umher.

45
Die Übrigbleibenden geraten in der Sieger Sklaverei. –
46
Und Asien,

das du an Glanz und Glorie Babel gleichst!

47
Weh, Arme, dir,

daß du ihm also ähnlich bist!
Du schmücktest deine Töchter für die Buhlerei,
den Buhlen zu gefallen,
die ständig dich begehrten
und dir zum Ruhm.

48
In allen ihren Werken,

in ihren Ränken ahmtest du die hassenswerte Hure nach;
darum spricht Gott:

49
Ich schick dir Unglück, Witwenschaft

und Armut zu
und Hunger, Schwert und Pest,
um deine Häuser zu vernichten,
zur Schändung und zum Tod.

50
Und deiner Stärke Herrlichkeit

welkt hin, wie eine Blume,
wenn sich die Flammenglut erhebt,
die über dich sich gießt.

51
Dann wirst du schwach und armselig von Plagen,

von Wundenschmerz gepeinigt;
du kannst nicht deine Mächtigen und Liebhaber
noch weiterhin empfangen.

52
Ja wäre ich so eifersüchtig über dich,

so spricht der Herr,

53
wenn du nicht meine Auserwählten

zu jeder Zeit gemordet hättest,
mit Jauchzen unter Händeklatschen
und ihres Tods in deinem Rausch dich rühmtest?

54
Schmück nur dein schönes Angesicht!
55
Des Hurenlohns am Busen wegen

wird dir vergolten.

56
So wie du’s meinen Auserwählten machst,

so spricht der Herr,
so tut an dir auch Gott
und liefert dich den Übeln aus.

57
Und deine Kinder sterben Hungers.

Du selber fällst durchs Schwert

[322]

und deine Städte werden ganz vernichtet
und all die Deinen fallen auf dem Feld durchs Schwert.

58
Die auf den Bergen sterben Hungers;

ihr eigen Fleisch verzehren sie
und trinken Blut,
nach Brote hungernd,
nach Wasser dürstend.

59
Zum ersten kommt das Unheil über dich;

zum anderen empfängst du Leiden.

60
Und beim Vorüberzug

beschädigen sie eine ruhige Stadt,
zerstören einen Teil von deinem Land,
vernichten einen Teil von deiner Herrlichkeit,
sie, die zurück von dem zerstörten Babel kehren.

61
Zerstört wirst du von ihnen,

daß du dem Strohe ähnlich wirst;
sie selber werden dir ein Feuer sein.

62
Und sie verzehren dich und deine Städte,

dein Land und deine Berge,
all deine Wälder;
die Fruchtbäume verbrennen sie durch Feuer.

63
Und deine Kinder führen sie gefangen weg

und deinen Reichtum schleppen sie als Beute fort
und machen deines Angesichtes Herrlichkeit ein Ende. –


2. (16.) Kapitel: Weherufe
1
Weh, Babylon, dir!

Weh, Asien!
Weh dir, Ägypterland!
Weh, Syrien!

2
Umgürtet euch mit Bußgewändern!

Beklaget eure Kinder!
Betrauert sie,
weil euere Vernichtung naht!

3
Ein Schwert wird euch gesandt.

Wer kann dies abwenden?

4
Es wird ein Feuer über euch gesandt.

Wer kann dies auslöschen?

5
Es werden Leiden euch gesandt.

Wer könnte sie vertreiben? –

6
Vertreibt denn einer in dem Wald

je einen hungerigen Löwen
oder löscht in Bälde jemand einen Feuerbrand im Stroh,
das eben aufgeflammt?

7
Hält jemand einen Pfeil zurück,

von starkem Bogenschützen abgeschnellt?

8
Und schickt der Herr Gott Leiden,

wer hält sie auf?

[323]
9
Und geht von seinem Zorn ein Feuer aus,

wer kann dies löschen?

10
Und wenn es blitzt,

wer wird nicht ängstlich?
Und wenn es donnert,
wen überfällt nicht Schrecken?

11
Und droht der Herr,

wer wird nicht ganz vor seinem Angesicht vernichtet?

12
Die Erde zittert samt den Grundfesten;

das Meer wallt auf in seiner Tiefe.
In Aufruhr kommen seine Wogen
und seine Fische vor dem Angesicht des Herrn
und vor der Glorie seiner Macht.

13
Denn stark ist seine Rechte, die den Bogen spannt,

scharf seine Pfeile, die er sendet;
sie fehlen nicht
und fliegen sie bis zu der Erde Grenzen.

14
So werden Leiden abgeschickt

und kehren nicht zurück,
bis daß zur Erde sie gelangt.

15
Ein Feuer wird entzündet

und nicht mehr ausgelöscht,
bis es der Erde Festen aufgezehrt.

16
So, wie ein Pfeil, vom starken Schützen abgeschnellt,

nicht mehr zurückfindet,
so kehren auch die Leiden nicht zurück,
die auf die Erde hingesandt.

17
Weh mir! Weh mir!

Wer wird in jenen Tagen mich befreien?

18
Der Schmerzen Anfang,

schon viele Seufzer!
Des Hungers Anfang,
schon vieler Tod!
Der Kriege Anfang,
schon Schrecken der Tyrannen!
Der Leiden Anfang,
schon Zittern allerorts.

19
Was tun sie dann,

wenn erst die Leiden selber kommen?

20
Denn Hunger, Plagen, Not und Drangsal,

sie werden hingesandt als Geißeln für die Züchtigung.

21
Trotz aller dieser lassen sie

von ihren Freveltaten nicht mehr ab,
noch denken sie beständig an die Geißeln.

22
Denn wohlfeil wird auf Erden das Getreide;

man meint, man habe jetzt den Frieden;
dann aber sprossen auf der Erde Übel,
Schwert, Hunger, große Aufregung.

[324]
23
Vom Hunger gehen ja die meisten, in der Welt zugrund;

das Schwert vertilgt die von dem Hungertod Verschonten.

24
Man wirft die Leichen hin wie Dünger,

und niemand ist, der ihnen Sorgfalt spendet.
Die Erde wird verlassen sein
und ihre Städte eingestürzt.

25
Kein Mensch bleibt mehr

zum Landbebauen und Besäen übrig.

26
Die Bäume tragen Früchte.

Wer erntet sie?

27
Die Trauben werden reif.

Wer keltert sie?
Denn allerorts herrscht eine große Öde.

28
Die Menschen sehnen sich danach,

nur einen Menschen zu erblicken
und seine Stimme zu vernehmen.

29
In einer Stadt sind zehn nur übrig

und auf dem Feld ein paar,
die sich in dichten Wäldern,
in Felsenspalten scheu verstecken.

30
Gleich wie im Ölgarten drei oder vier Oliven

an einem Baume übrigbleiben,

31
oder wie in einem abgeheimsten Weinberg.

noch ein paar Beeren übersehen werden
von denen, die den Weinberg sorgfältig durchsuchen,

32
so werden auch in jenen Tagen

drei oder vier von jenen übrigbleiben,
die, mit den Schwertern in den Händen,
die Wohnungen durchstöbern.

33
Das Land wird eine Öde

und seine Felder Dorngestrüppe;
auf allen seinen Wegen
und seinen Straßen sprossen Dornen;
nicht einmal Schafe ziehen durch.

34
Die Jungfrauen trauern;

sie haben keine Anverlobten mehr.
Die Weiber trauern;
sie haben keine Männer mehr
und ihre Töchter trauern,
sie haben keine Stütze mehr.

35
Die Anverlobten werden in dem Kriege aufgerieben,

und ihre Männer sterben Hungers. –

36
Hört dies, des Herren Diener!

Merkt auf!

37
Nehmt doch das Herrnwort auf!

Mißtrauet nicht dem Spruch des Herrn:

38
„Es kommen Leiden;

sie zögern nicht.“

[325]
39
So ist’s, wie bei der Mutter,

die in dem neunten Mond mit einem Kinde geht,
beim Nahen der Geburtsstunde,
und die zuvor zwei Stunden oder drei in Wehen liegt:
das Kind jedoch verläßt ganz ungesäumt den Mutterschoß.

40
So kommen auch die Übel ohne Zögern auf die Erde:

indessen ächzt die Welt
und Schmerzen halten sie umfangen.

41
Mein Volk, vernimm ein Wort!

Bereitet euch zum Kampfe vor!
Benehmt euch bei den Übeln so,
als wärt ihr Fremdlinge auf Erden!

42
Wer da verkauft, sei so,

als ob er es verschmähte!
Wer einkauft, so,
als ob er es verlöre!

43
Wer handelt, so,

als ob er nicht Gewinn empfänge!
Wer baut, sei so,
als ob er’s nicht bewohnen dürfte!

44
Wer sät, sei so,

als ob er nimmer ernten würde!
Wer Weinstöcke beschneidet, so,
als ob er Weinles hielte!

45
Wer heiratet, sei so,

als ob er keine Kinder zeugte!
Wer ledig, so,
als ob er schon verwitwet wäre!

46
Deswegen mühen sich die Arbeitsleute grundlos ab.
47
Denn Fremde ernten ihre Früchte

und rauben ihr Vermögen,
vernichten ihre Häuser
und führen ihre Kinder in Gefangenschaft,
so daß sie ihre Kinder zeugen
in Hunger und Gefangenschaft.

48
Die Händler ziehen aus geraubtem Gut Gewinn,

so lange, bis sie ihre Städte, Häuser,
und Güter und Personen aufgeputzt.

49
So eifre ich der Sünden wegen gegen sie

nur um so stärker,
spricht der Herr.

50
Wie eine brave, gute Frau

auf eine Hure eifersüchtig ist,

51
so eifert die Gerechtigkeit auch auf die Ungerechtigkeit,

wenn diese sich herausgeputzt.
Sie schilt sie ins Gesicht hinein,
wenn jemand kommt und sie verteidigt,
sie, die auf Erden alle Sünden aufgesucht.

[326]
52
Deswegen sollt ihr weder dieser,

noch ihren Werken gleichen!

53
Denn noch ein Kleines,

und Sünde schwindet von der Erde
und die Gerechtigkeit herrscht über uns.

54
Nicht sag der Sünder,

er habe nicht gesündigt,
denn Feuerkohlen brennen auf dem Haupte dessen, der da sagt:
„Ich habe nicht vor Gott und seiner Glorie gesündigt.“

55
Der Herr kennt alle Menschenwerke,

ihr Sinnen, ihre Pläne und ihr Herz.

56
Er, der da sprach:

„Die Erde werde!“ und sie ward.
„Der Himmel werde!“ und er ward.

57
Und die Gestirne sind in seinem Wort gegründet;

so kennt er auch der Sterne Zahl.

58
Er, der die Tiefe untersucht und ihre Schätze,

er, der das Meer und seinen Inhalt maß,

59
er, der die Welt in die Gewässer eingeschlossen

und auf das Wasser durch sein Wort die Erde hängt,

60
er, der den Himmel ausdehnt, einer Wölbung gleich,

und ihn auf Wasser gründet,

61
er, der in Wüsten Wasserquellen legt

und auf der Berge Gipfel Seen
und von der Höhe Flüsse sendet
zur Tränkung der Erde,

62
er, der den Menschen bildet

und ihm ein Herz in seines Leibes Mitte legt,
Geist, Leben und Verstand ihm gibt,

63
dazu den Odem des allmächtigen Gottes,

der alles schafft
und das Verborgene im Verborgenen erforscht,

64
der kennt auch sicher euren Plan,

was ihr in eurem Herzen sinnt.
Weh Sündern,
die ihre Sünden bergen!

65
Deshalb erforscht der Herr all ihre Werke

und überführt euch alle.

66
Dann werdet ihr beschämt,

wenn eure Sünden sich den Menschen zeigen,
und ihre Frevel stehen als Ankläger an jenem Tage auf.

67
Was werdet ihr dann tun?

Oder wie vor Gott und seinen Engeln eure Sünden bergen?

68
Gott ist ein Richter. Fürchtet ihn!

Laßt ab von euren Sünden!
Vergesset, eure Freveltaten fernerhin zu tun!
Dann nimmt euch Gott in seinen Schutz,
befreit aus aller Trübsal.

[327]
69
Ein Brand wird nämlich für euch hergerichtet

und starke Völker bringen euch in Unruhe;
sie rauben euer Eigentum;
sie nehmen einige aus euch hinweg
und speisen euch mit Götzenopferfleisch.

70
Wer jenen zustimmt,

der wird von ihnen ausgelacht,
verspottet und mißhandelt.

71
Denn in den Nachbarstädten

erhebt sich gegen die den Herren Fürchtenden
eine mächtige Erhebung.

72
Verzweifelte,

durch ihre Sünden tollgewordene Menschen schonen keinen;
sie schleppen die den Herrn noch Fürchtenden hinweg
und plündern sie.

73
Sie plündern und verschleppen ihre Habe

und treiben sie aus ihren Häusern.

74
Dann zeigt sich die Erprobung meiner Auserwählten,

wie Gold, das man im Feuer prüft.

75
Vernehmt es, meine Auserwählten!

So spricht der Herr:
Der Trübsal Tage sind gekommen.
Ich aber rette euch aus diesen.

76
Habt keine Furcht

und wanket nicht!
Denn Gott ist euer Führer.

77
Euch, die ihr meine Satzungen und Vorschriften beachtet,

spricht Gott, der Herr,
euch dürfen eure Sünden nicht belasten,
und eure Missetaten über euch nicht mehr obsiegen.

78
Weh denen, die in ihren Sünden sich verstricken

und die von ihren Missetaten also überdeckt sind,
gleichwie ein Ackerland vom Walde überwuchert wird
und seine Saat von Dornen zugedeckt!
Kein Mensch betritt es mehr;
zunichte wird’s gemacht,
dem Feuerbrande ausgeliefert.

Erläuterungen

[1286]
22. Zu 6 Esdras

Das sechste, nur lateinisch überlieferte Esdrasbuch, auch 15. und 16. Kapitel des 4 Esdras genannt, geht auf eine griechische Vorlage und diese auf einen hebräischen Grundstock zurück, der sich in Satzbau und Stilistik deutlich verrät. Das Ganze ist nicht einheitlich. Der erste Teil (1, 1–13) richtet sich an die sündhafte Welt, die Gottes Volk besonders in Ägypten verfolgt. Der zweite (1, 14–19) bedroht die ganze Welt wegen ihres Übermuts (1, 18) mit Strafen. Der dritte Teil (1, 22–27) kündigt den abgefallenen Juden Strafen. Das vierte Stück (1, 28–45) berichtet von Kämpfen der Araber und Karmanier, von furchtbarem Blutbad und greulicher Verwüstung und der Zerstörung Babylons. Das fünfte Stück (1, 46–63) bedroht Asien mit schweren Plagen wegen der Auserwählten Gottes. Die Zerstörer Babylons werden Asien verwüsten. Der sechste Abschnitt (2, 1–35) droht Babylon, das hier noch nicht zerstört ist, mit Asien, Ägypten und Syrien Verwüstung an. Der siebte Teil (2, 36–78) wendet sich an die Priester, dann an die Sünder und besonders an die Händler und droht diesen ein Gericht an; dann empfiehlt er Demut (2, 54) und offenes Sündenbekenntnis (2, 64) und ermutigt für die kommende Verfolgung die Auserwählten (2, 69) und die Proselyten (2, 71 f). Die Sprache und der Inhalt klingen vielfach an die des A. und N. T. an, ebenso an 4 Esdras und die Sibyllinen. Das Buch macht an manchen Stellen einen gewaltigen, hinreißenden Eindruck. Es fehlt darin jeder Hinweis auf spezifisch Christliches, vor allem auf Christus; dagegen weist es manche streng jüdische Züge auf, so den Hinweis auf die Abgefallenen und den jerusalemischen Tempel (1, 25), auf die Priester (2, 36), auf das Verbot des Götzenopferfleisches (2, 69) und die Proselyten (2, 71). Die einzelnen Stücke, von jüdischer Hand verfaßt, stammen aus verschiedenen Zeiten (E. Hennecke, Neutest. Apokr. 1904, 305 ff. Libri apocr. V. T. ed. O. Fr. Fritzsche, 1871, 640 ff).

  • 1: 10 Nicht unwahrscheinlich wird hier auf eine Judenverfolgung unter Ptolemäus XIII Auletes nach seiner Zurückführung durch Gabinius 55 v. Chr. angespielt. (A. Bludau, Juden im alten Alexandrien 1906, 65). 13 Vielleicht ist hier die Hungersnot im Jahre 44–43 v. Chr. gemeint (Appian civ. IV 61). 14 Vielleicht sind die Wirren nach Cäsars Ermordung 44 v. Chr. gemeint. 17 s. Koh 10, 15 „Der Tor versteht nicht, in die Stadt zu gehen.“ Bedeutet dies Anschluß an die heilige Stadt Jerusalem und ihre Religion? 25 Sind die[1287] „abgefallenen Söhne“ vielleicht der letzte hasmonäische Hohepriester Hyrkan und sein Freund Antipater, des Herodes Vater. Gegen die beiden herrschte bei den Juden großer Groll (Jos. Ant. XIV 9, 3; 8, 4). 28 Wahrscheinlich eine spätere christl. Überarbeitung eines ältern Stückes. 29 Die Drachenschwärme sind im Talmud Babli Synh. 97 b erwähnt: „Rab Chanun bar Tachlifa ließ Rab Josef wissen: Einst traf ich jemanden, der eine Rolle, auf aramäisch geschrieben und in der hl. Sprache abgefaßt, besaß. Ich fragte ihn: Wie kam diese in deine Hände? Er sagte zu mir: Ich war in persischen Kriegsdiensten und da fand ich sie unter persischen Schriften. In ihr stand: „Nach 4191 Jahren seit der Weltschöpfung wird die Welt verwaist sein. Zunächst folgen die Drachenkämpfe, dann die Kämpfe des Gog und Magog, und die übrige Zeit ist die messianische. Eine neue Welt aber schafft der Heilige erst nach siebentausend Jahren“ (s. M. Buttenwieser, Die hebr. Elias-Apokalypse 1897, 57 f). Diese arabischen Schwärme mögen die Heere des palmyrenischen Fürsten Odenathus 264 n. Chr. sein. 30 Die Karmanier sind wohl die Perser unter Sapor I. (241–272 n. Chr.); sie heißen so, weil die Sassaniden aus Karmanien stammten. Nach dem Sieg über Kaiser Valerian 260 n. Chr. überfluteten die Perser aufs neue die römischen Provinzen und drangen tief nach Kleinasien vor. Da trat ihnen Odenath mit Erfolg entgegen und nötigte Sapor I. zum Rückzug. 30 Das Land der Assyrier ist, wie auch sonst oft, Syrien. 33 „ihnen“, den Arabern; „einen Mann“; Odenath wird getötet. 34 Die „Wolke“ bedeutet wohl die Schwärme der Gothen, die in Kleinasien einfielen. 35 s. 3 Sib 334; 5, 155. 158 Apok. 8, 10. 38 Zenobia, Gothen und andere Barbarenvölker (Hilgenfeld, Messias Judaeorum 1869, 378 ff). 39 Kaiser Gallienus, der aus dem Osten zurückkehrt. 40 Ankündigung des Weltendes. 41 „fliegende Schwerter“ s. 3 Sib 673. 43 Babylon = Rom. – Das Ganze dürfte eine christl. Überarbeitung einer Weissagung sein, die sich auf die Angriffe der Araber gegen Herodes d. Gr. und das unter ihnen angerichtete „gewaltige Blutbad“ (Jos. Ant. XV 5, 1–4) ums Jahr 32 v. Chr. bezog. Vielleicht stand schon darin das Wort Karmanier oder Karmonier; Ptolemäus nämlich kennt ein arab. Karman Basileion. Auch in Jemama gibt es ein Karama und ein Karman. 53 Die Ermordung der Auserwählten mag sich auf die seleucidischen Verfolgungen beziehen. 57 Die Hungersnot dürfte die vom Jahr 44–43 v. Chr. sein (s. 1, 10).
  • 2: 1 Die Weissagung mag sich auf das Blutvergießen und die Hungersnot nach Cäsars Tod 44 v. Chr. beziehen, s. 22. 36 „Die Diener des Herrn“ sind israelitische Priester, s. Joel 1, 9. Damals, nach 44 v. Chr., kamen schwere Heimsuchungen über Judäa, so die Bedrückung durch Cassius 43 v. Chr. (Jos. Ant. XIV 11, 2), der Einfall der Parther 40 v. Chr., die Eroberung Jerusalems 38 v. Chr. durch Sosius, das Ende der Hasmonäerherrschaft (Jos. Ant. XIV 16, 1 ff XV 1, 1. 2), das furchtbare Erdbeben in Judäa (Jos. Ant. XV 5, 2) ums Jahr 31 v. Chr., die Arabereinfälle und das unter den Juden angerichtete „gewaltige Blutbad“ (Jos. Ant. XV 5, 1) im gleichen Jahr 31 v. Chr.

Anmerkungen (Wikisource)

Siehe auch folgende Artikel aus Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft zu dem hier dargebotenen Text: