Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Epiphanias 02

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Am zweiten Sonntage nach dem Erscheinungsfeste.

Evang. Joh. 2, 1–11.
1. Und am dritten Tage ward eine Hochzeit zu Cana in Galiläa; und die Mutter JEsu war da. 2. JEsus aber und Seine Jünger wurden auch auf die Hochzeit geladen. 3. Und da es an Wein gebrach, spricht die Mutter JEsu zu Ihm: Sie haben nicht Wein. 4. JEsus spricht zu ihr: Weib, was habe Ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5. Seine Mutter spricht zu den Dienern: was Er euch saget, das thut. 6. Es waren aber allda sechs steinerne Waßerkrüge gesetzt, nach der Weise der jüdischen Reinigung; und giengen je in einen zwei oder drei Maß. 7. JEsus spricht zu ihnen: Füllet die Waßerkrüge mit Waßer. Und sie fülleten sie bis oben an. 8. Und Er spricht zu ihnen: Schöpfet nun und bringet es dem Speisemeister. Und sie brachten es. 9. Als aber der Speisemeister kostete den Wein, der Waßer gewesen war, und wußte nicht, von wannen er kam, (die Diener aber wußten es, die das Waßer geschöpft hatten,) rufet der Speisemeister dem Bräutigam 10. und spricht zu ihm: Jedermann gibt zum ersten guten Wein, und wenn sie trunken worden sind, alsdann den geringern; du hast den guten Wein bisher behalten. 11. Das ist das erste Zeichen, das JEsus that, geschehen zu Cana in Galiläa, und offenbarete Seine Herrlichkeit und Seine Jünger glaubten an Ihn.

 DEr Ton, welcher in diesem Evangelio vom Anfang bis zu Ende wiederhallt, ist: „Er offenbarte Seine Herrlichkeit.“ Eine Offenbarung der Herrlichkeit Christi haben wir heute zu erkennen, zu bekennen, zu predigen. Dabei ist es uns aber sehr nahe gelegt, von noch etwas anderem zu reden, nemlich von der Herrlichkeit der heiligen Ehe. Der Text redet davon nicht bloß andeutungsweise und unsere Zeit, in welcher die Ehe wie nie zu Unehren gekommen ist, fordert uns auf, dem Texte nachzufolgen und dicht neben der Herrlichkeit des HErrn von der Herrlichkeit Seiner Stiftung, der heiligen Ehe, Zeugnis abzulegen. So werde denn heute des HErrn Herrlichkeit und das Lob der Ehe zugleich gepredigt, und niemand sage, gegenüber diesem Evangelio, daß wir der Ehe einen zu ehrenvollen Platz einräumen.

 Wenn der heilige Schriftsteller sagt: „Er, der HErr offenbarte Seine Herrlichkeit“; so deutet er damit allerdings zunächst auf das große Wunder hin, das er erzählt, in welchem der Herr Seine Erhabenheit und Macht über die Creatur des Waßers bewies. Es tritt uns aber im Verlauf der Textgeschichte auch Christi Erhabenheit über die Menschen so leuchtend vor Augen, daß ich, obschon erst vor acht Tagen Aehnliches zu bemerken war, dennoch auch heute mein armes Wort von der Majestät des HErrn nicht sparen, sondern es Christo zu Füßen legen will. Ich wiederhole: Maria, JEsu Mutter, ist über andere Menschen an Gnade und Würde erhaben. Ich wiederhole aber auch ein Zweites: Eben weil sie so erhaben ist, konnte sie leicht überschätzt werden und wurde es auch im Verfolg der Zeit, wie nur zu sehr der Mariendienst beweist, der gewis hier auf Erden niemanden mehr ein Greuel ist, als ihr selber, der Seligen im Himmel, die, allezeit des HErrn demüthige Magd, es dort, wo sie Ihn im Lichte schaut, gewis am allermeisten ist. Wohl sah der allwißende Geist des HErrn von Anfang vorher, welch einen üblen Dienst die armen Menschenkinder der heiligen Gottesmutter erweisen würden; darum sorgte er dafür, daß im geschriebenen Worte manches Zeugnis nicht allein von der Erhabenheit JEsu auch über Seine Mutter, sondern auch von ihrer sündlichen Schwachheit und Unvollkommenheit zu finden wäre. In diesem Betreff bildet das heutige Evangelium| mit dem des vorigen Sonntags und dem Ende des dritten Capitels Marci eine dreifache Mauer zur Abwehr aller Ueberschätzung und Vergötterung der heiligsten Mutter. Bereits vor acht Tagen ließ Christus Sein Licht leuchten als ein erhabener Gottessohn, der schon in Seinen kindlichen Tagen Seine Mutter überstrahlte wie die Sonne den Mond. Heute sehen wir, mit wie großem Ernste Er jedes zu große Annahen und jeden Schein von Einmischung der frommen Mutter in Seine Heilandsgeschäfte abweist. Und stärker als mit den Worten Marci 3, 32 ff. konnte der HErr gar nicht die Seinen nach dem Fleische aus dem Umkreiße Seines Amtes verweisen, sie andern Menschen gleich und Sich über alle stellen. Man höre nur und bedenke Seine Worte, die Er mit einem Blick auf Seine Jünger sagte: „Siehe, das ist Meine Mutter und Meine Brüder. Denn wer Gottes Willen thut, der ist Mein Bruder und Meine Schwester und Meine Mutter.“ Jedoch wir wollen jetzt nur das heutige Evangelium berücksichtigen und hervorheben, was sich in ihm für Zeugnis von der Erhabenheit JEsu über Seine Mutter und damit über alle Menschen aufbewahrt findet.
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 Der HErr war zugleich mit Seiner Mutter, in Gesellschaft Seiner Jünger, auf einer Hochzeit zu Cana in Galiläa. Während der Hochzeitfeier begann der Wein zu mangeln und Maria wagte es bei ihrem Sohne deshalb Fürbitte zu thun. „Sie haben nicht Wein“, spricht sie zu Ihm. Sie wendet sich an ihren Sohn ganz offenbar in großem Glauben; denn sie traut Ihm Hilfe zu und zwar eine wunderbare, da ihr ja kund ist, daß Er menschliche Hilfsmittel nicht besaß. Noch hat Er keine Wunder gethan, und sie erwartet doch wunderbare Hilfe von Ihm; ein Beweis, daß sie Ihren Sohn erkannte und daß sie an Seine verborgene Herrlichkeit glaubte schon zu der Zeit, da kaum ein anderes Auge und Herz für dieselbe geöffnet war. Maria ist im Glauben andern Menschen zuvorgekommen, sie ist der Erstling in der Gemeine der Gläubigen, − und wie groß ist ihr Glaube! Hat wohl der HErr, da Er sagte, Er habe des Hauptmanns Glauben in Israel nicht funden, den Glauben dieses Mannes über den Seiner Mutter stellen wollen? Man darf es bezweifeln. Dennoch erfolgt auf die fürbittende Bemerkung Marien die gewaltige Antwort JEsu. Wäre sie nicht gewesen, die sie war, gewis hätte sie eine solche Antwort empfindlich gemacht. Aber keine Spur davon. Sie spricht zu den Dienern: „Was Er euch sagt, das thut!“ und was anders redet aus diesen Worten, wenn nicht ein ungeschwächter, ungeirrter Glaube? Sie bleibt mit ihrer Hoffnung an ihrem JEsus hangen, ahnt, daß Seine Stunde nun vorhanden sei, gibt den Dienern mit sicherer Zuversicht bereits Anweisung, Ihm ohne Zögern zu gehorchen, wenn Er sprechen wird, und erträgt die Rüge aus Seinem Munde ganz gerne. Nur verehrungswürdiger, nur desto edler und erhabener erscheint sie uns hiedurch! Aber weit über ihr steht ihr Sohn. Sie erscheint vor Ihm als eine Hilflose vor dem einzigen Helfer. Sie bittet, Er aber wird gebeten; sie zeigt allen Hilflosen den Weg zu Ihm und lehrt sie beten; Er hingegen geht, obwohl ein Hort aller Armen, dennoch auch vor Seiner Mutter abwehrend und unnahbar vorüber, sowie sich in ihren Worten eine Art von besonderer Berechtigung an Seine gnädige Hilfe ausspricht. Er sieht es gerne, wenn einer für den andern zu Ihm betet; Er ist willig zu erhören; aber Er gestattet keinem betenden und fürbittenden Menschen auch nur den Schein, der andere glauben machen könnte, als sei durch Sein Verdienst oder um Seinetwillen die Hilfe erfolgt. Daher die geflügelten, die strengen Worte selbst an die Mutter: „Weib, was habe Ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht kommen.“ Er wies die Fürbitte ab, weil sie die Deutung zuließ, als hätte Er ihrer Erinnerung bedurft, als hätte Er vergeßen haben können zu thun, was Ihm geziemte; weil es scheinen konnte, als hätte Er auf der Mutter Mahnen und nicht aus freier Huld die Hilfe gewährt, als wäre sie mit im Werke, als wäre nicht Er allein, unabhängig von allem Rath und Mahnen der Seinen, ein Helfer aus Noth und Verlegenheit. „Weib“ redet Er Seine Mutter an, und man sehe doch ja in diesem Ausdruck, der im Griechischen ein Ehrenname ist und im Deutschen mit einem passenderen übersetzt worden wäre, wenn die Sprache einen solchen böte, nichts Unschönes oder Unedles, man fürchte sich, dem allerfrömmsten Sohne auch nur einen Hauch von Unrecht zuzutrauen. Kaiser redeten ihre Mütter mit diesem Worte wie mit einem Ehrentitel an, und, was mehr ist, als der HErr selbst am Kreuze hieng als Er der Mutter den Beweis der treuesten fürsorgenden Liebe geben wollte, redete Er sie mit demselben Worte an: „Weib, siehe das ist dein Sohn!“ Es ist wahr, so lieb und freundlich als der Muttername ist der Name| „Weib“ nicht, aber auch unehrerbietig ist er nicht, sondern nach dem Sprachgebrauch der Griechen höchst ehrerbietig − und alles, was er an dieser Stelle aussprechen soll, ist ein Verbot des Hochgelobten, irdische Mutterschaft in den Geschäften Seines göttlichen Berufes geltend machen zu wollen. Der Ausdruck: „Was hab ich mit dir zu schaffen?“ verstärkt die Kraft und Wirkung der fernenden Anrede und weist die Mutter aus dem Kreiße eines Berufes, der dem HErrn allein zusteht, wiewohl auch hier die deutsche Uebersetzung Luthers einen Ton in die Worte bringt, der am Grundtext durchaus nicht haftet. Kein anderer Sohn, auch kein im Lehramt stehender, kommt leicht in den Fall, mit seiner Mutter in aller Ehrerbietung so aus der Ferne und aus der Höhe zu reden. Ist es schon einer jeden Mutter heilig verboten, sich in Amt und Beruf ihres Sohnes einzumischen; ist es gleich Recht und Pflicht eines jeden Sohnes, den Einfluß leiblicher Verwandten auf ein ihm obliegendes Amt nicht zu dulden; so ist doch weiter kein Sohn in der Welt, dem ein solches Amt befohlen und der selbst so über Mutter und Verwandte erhaben wäre, wie unser HErr, − und keiner braucht deshalb mit solcher Schärfe Einfluß abzuwehren. Aber Er mußte es! Er mußte es um der Wahrheit willen, um zukünftiger Zeiten willen, − und es war nicht genug, daß Ers that: diese Antwort mußte auf die Nachwelt kommen, sie mußte nebst andern Reden Christi von gleicher Art aufgeschrieben werden, sie mußte es grade durch die Hand des Jüngers der Liebe, der die Mutter JEsu bis zu ihrem Tode gepflegt hat, auf daß ein völlig unverdächtiges, glaubwürdiges, unumstößliches Zeugnis von JEsu Erhabenheit auch über Seine Mutter für alle Zeiten bestände und es kund würde, daß sie in Dingen Seines Amtes nicht Mutter, sondern Weib hieß in Seinem Herzen, daß Er ihretwegen Seine Stunden nicht beschleunigte, nicht von Seinen Planen wich, daß Er nur als Sohn, nicht als König des Reiches ihre Person ansah. Das laßt uns, theure Freunde, wohl verstehen und sofort besehen, was unser Evangelium von JEsu Erhabenheit über die Creaturen schreibt.

 Die Erhabenheit unsers HErrn JEsus Christus über die Creatur erweist sich in unserm Evangelio durch ein Wunder. Was ist ein Wunder anders, als ein Beweis von der Macht des Geistes über das Leibliche? Wir haben davon schon am dritten Sonntag des Advents gesprochen. Wer ein geistig Wort spricht über die todte Natur − und sie gehorcht ihm; wer zu den Elementen oder von ihnen redet, und es geschieht, und dem, das nicht oder doch nicht so ist, gebieten darf, daß es alsbald da steht oder nach seinem Willen wird; wer ohne alle Vermittelung seinem Wort und Willen Kraft geben und mühelos die geschaffenen Dinge formen und verändern kann je nach den inwendigen Gedanken seines Geistes: der thut ohne Zweifel Wunder und offenbart seine Herrlichkeit über die körperliche Welt. Das sehen wir im Lebenslauf unsers HErrn JEsus Christus oftmals, das sehen wir heute an der Creatur des Waßers. − Sechs große steinerne Waßerkrüge waren im hochzeitlichen Hause gesetzt, zwei oder drei Maß giengen in einen jeden, nicht aber zwei oder drei Maß nach unserer Schätzung, sondern viel größere, da man je auf eine Maß zwei und siebenzig Flaschen rechnet. Die Diener füllten auf JEsu Befehl die Krüge bis oben an mit Waßer. So wie das geschehen, erhalten sie den Auftrag, zu schöpfen und dem Speisemeister eine Probe zu bringen, und der Speisemeister erkennt Wein, guten Wein, der den zuvor geschenkten bei weitem übertrifft. So war also durch den bloßen, nicht einmal ausgesprochenen Willen Christi aus dem Waßer Wein geworden, und der stille Gedanke Seiner Seele, die leise Willensregung Seines Herzens wurde von dem Elemente des Waßers, das sonst für keines Menschen Wort und Stimme Sinn und Ohr hat, durch den vollkommensten Gehorsam geehrt. So offenbarte Christus Seine Macht und Herrlichkeit über die Creatur gleich am Anfang Seines Amtes und Prophetenlaufes.

 Die Wunder unsers HErrn haben fast alle ein besonderes Merkmal, welches ganz mit Seiner allgemeinen Lebensaufgabe zusammenstimmt. Nicht die alte Welt zu verderben und eine neue zu schaffen ist Er gekommen und Mensch geworden, sondern die alte Welt zu erneuen, die schlechte Welt zu beßern, eine Wiedergeburt derselben anzubahnen und herzustellen, sie von der Eitelkeit und deren Dienste zu erlösen und von aller Beimischung des Bösen zu reinigen. So sind denn auch alle Seine einzelnen Wunder mit fast keiner Ausnahme gleich bei dem ersten Anblick als solche zu erkennen, die zur Beßerung vorhandener Zustände| geschahen. So steht heute Waßer vor Ihm und Er wandelt es um in Wein und macht denen, die es sehen und erfahren, begreiflich, daß unter Ihm, wo Er regiert, alles immer beßer geht und immer herrlicher wird. Es ist also aus allen Wundern Christi nicht bloß Seine Herrlichkeit über die Natur ersichtlich, sondern auch, daß es eine freundliche, heilsame Herrlichkeit und Gewalt ist, unter welche sich alle Creaturen fügen, daß Er alles zum Segen beherrscht. Unter allen Wundern JEsu ist kein einziges Strafwunder, denn der Feigenbaum wurde zur Warnung, also zum Segen der Menschen verflucht und die Schweine der Gadarener den Teufeln übergeben, damit Menschen verschont würden. Von dem ersten Wunder auf der Hochzeit zu Cana bis zur Heilung des Ohres Malchi in Gethsemane sind alle Wunder und Thaten des HErrn von einerlei Art. Ihm ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden, davon predigen sie alle; aber eben so laut predigen sie auch die andere Wahrheit, daß Er ein HErr ist über alles, wie Joseph ein Herr war über Aegyptenland, nemlich zum Heile seiner Brüder. Das wollen wir uns, geliebte Freunde, merken. Wir werden im Verlaufe des Kirchenjahres viele Wunder Christi zu betrachten haben. Ein jedes wird von dem andern kenntlich zu unterscheiden sein, aber das wird ihnen allen gemeinsam verbleiben, daß sie Segenswunder sind, durch welche der Mensch zu seinem Heile geführt und zugleich Beispiel und Beweis gegeben wird, wie der HErr gesonnen ist, die Natur dem Dienste der Eitelkeit zu entwenden und sie Theil nehmen zu laßen an dem Heil der Menschheit. Denn es geht der Erde, wie dem Menschen, der auf ihr wohnet: mit ihm ist sie gefallen und der ersten Herrlichkeit entkleidet, mit ihm wird sie auferstehen und zur Herrlichkeit erneuert werden, und wenn die Kinder Gottes dermaleins offenbart werden, dann wird ihnen der HErr auch ein Paradies erbauen und zu eigen geben, das ihrer würdig sei, in dem sie wohnen werden wie der helle Mond in lichten Wolken.

 Von der Erhabenheit JEsu über alle Menschen und insgemein über alle Creaturen haben wir gesprochen. Dabei haben wir Ihn nicht also über alle Dinge erhaben erfunden, daß Er auf hohem Throne das verachtete, was unter Ihm wohnet. Er bleibt zwar über allen Menschen und weiß von keinem Rechte, das irgend wer außer Ihm auf Seines Vaters Thron besäße. Er setzt selbst Seiner Mutter einen Stuhl nur an Seines Thrones Stufen. Aber eben damit gibt Er ihr, was ihr seliglich genügen kann; eben damit bereitet Er ihr himmlisches Glück. Und was die andern Geschöpfe anlangt, so verklärt Er sie durch den Gebrauch, den Er von ihnen macht, und indem Er sie zu Spiegeln Seiner Ehren erhebt, befreit Er sie bereits vom Dienste der Eitelkeit. Gerade so ist es mit der Ehe, von der wir noch insonderheit zu reden haben. Sie ist eine Vereinigung der Leiber, gestiftet von dem Schöpfer aller Leiber am ersten Lebenstage Hevas. Sie ist bei den allermeisten Völkern heimisch, aber der Sinn der meisten Völker hat sie auch gemein und unrein gemacht. Da kommt Christus und weiht sie wieder, nennt sich einen Bräutigam und die Kirche Seine Braut und will, daß die leibliche Vereinigung ehelicher Menschen ein Bildnis der wunderbaren Vermählung sei, die zwischen Ihm und Seiner Braut besteht. Er spiegelt sich in jedem Ehemann und Seine Braut in jedem Eheweib und der unverbrüchliche, ewige Liebesbund zwischen Ihm und ihr in jeder zeitlichen Ehe. Und alle Eheleute sollen das wißen, und ihre Liebe soll sein wie die des HErrn zur Gemeine und der Gemeine zu ihrem HErrn. So soll es sein und so soll, was leiblich ist, verklärt werden zu Geist, und die Ehe soll selbst in ihrem Leiblichen geistlich werden, soll und kann es.

 Zwar unser HErr lebte nicht selbst in einer zeitlichen, irdischen Ehe. Dieß wäre die größte Verherrlichung der Ehe gewesen. Allein wo hätte sich in aller Welt für diesen Adam eine ebenbürtige, Seiner würdige Heva gefunden; welche Ehe wäre für den Menschensohn möglich gewesen außer der einen mit Seiner Braut, der Kirche, − dieser wahrhaftigen, ewigen Ehe, vor der jedes Vorbild erbleicht? Auch war Er nicht Mensch geworden um auf natürlichem Wege ein reines und heiliges Geschlecht zu erwecken und mitten unter Sündern ein sündloses Volk zu stiften, sondern um das vorhandene Geschlecht von Sündern zur Buße, zur Wiedergeburt, zur Erneuerung zu bringen. Dazu aber bedurfte es keines Lebens in der Ehe, darin hätte Ihm das Leben in der Ehe nichts genützt, auch wenn eine irdische Ehe Christi unter die Möglichkeiten gehörte. Je weniger es nun in| Seinem eigenen Plane lag und liegen konnte, selbst ehelich zu werden; desto nöthiger wurde es, daß die Ehe anderweitig von Ihm als recht und heilig anerkannt und unter Seinen Schutz genommen würde. Sein eheloses Leben konnte ja sonst zur Schmach der Ehe ausgedeutet werden. Man konnte in falscher Anmaßung es nachahmungswürdig und nachahmlich finden, ehelos wie Er zu leben. Man konnte zum mindesten aus Seinem Beispiel versuchen den Beweis zu liefern, daß Ehelosigkeit über der Ehe hoch erhaben stehe. Wer darin seine Christusähnlichkeit gesucht hätte, dem würde man vergebens vorgehalten haben, daß Christus ein ewiger Bräutigam und Mann Seiner heiligen Kirche genannt werde, daß von der Ehe und dem ehelichen Leben die Gleichnisse für das Geheimnis der allerheiligsten Liebe Christi und Seiner Kirche hergenommen werden: eben das würde von einem solchen umgekehrt und behauptet worden sein, daß also die Verbindung mit dem HErrn Ehe genug sei, daß es also nichts sei mit der andern zeitlichen irdischen Ehe. Haben wir doch in der Geschichte Beispiele genug, durch welche wir unsre Befürchtungen als gerecht erweisen können! Ist doch, genau genommen, von Befürchtungen gar nicht mehr zu reden, da wir wißen, wie schrecklich wahr sie bereits tausendmal geworden sind. Darum müßen wir dem HErrn von Grund der Seelen danken, daß Er in der Geschichte unsers Textes eine so weise Veranstaltung getroffen hat, die Ehe zu ehren und das gute Gewißen der Eheleute wider alles heillose Geschwätz zur Rechten und zur Linken zu stärken.

 Dieß Lob der Ehe, welches in unserm Evangelium liegt, wollen wir nicht übersehen. Wir hätten es wohl unberücksichtigt laßen und von dem Wunder unsers Textes ein mehreres berichten können; aber in Anbetracht, daß wir im Laufe des Kirchenjahres von Wundern noch oft genug, von der Ehe aber kaum noch einmal schickliche Gelegenheit finden werden zu reden; in Anbetracht, daß wir einer Zeit angehören, die durch eine leichtsinnige Anschauung der ehelichen Dinge gezeichnet, fast hätte ich gesagt „gebrandmarkt“ ist; in Anbetracht, daß wir von dem HErrn, dem ewigen Thema unsers Singens, unsers Predigens, gewis nicht weichen, wenn wir bei dem Lobe der Ehe länger verweilen, habe ich absichtlich von des HErrn Erhabenheit und deren Offenbarung im Wunder kürzer abgebrochen, damit ich noch einige besondere Bemerkungen zum Lobe der Ehe unserm Text entnehmen und euch zur Ueberlegung und Beherzigung darbieten könnte. Werdet mein und meiner Rede nicht überdrüßig, indem ich meinem diesmaligen Zuge folge!

 1. Der HErr, Seine Mutter, Seine Apostel sind Hochzeitgäste. Das ist Lob für Hochzeit und Ehe. Wenn es auch nicht wahr sein sollte, was die Sage spricht, daß der Bräutigam ein Apostel, Simon von Cana, war: es liegt doch schon Ehre genug für die Ehe in dem Umstande, daß die heiligsten unter allen Menschen Hochzeitgäste sind. Hätte der HErr an Hochzeit und ehelichem Stande ein Grauen gehabt, wie leicht wäre es für Ihn gewesen, wegzubleiben! Er vermeidet aber diese Hochzeitfeier nicht, Er kommt gerne dazu und überläßt es Seinen Nachfolgern und Anbetern, aus Seinem Hochzeitbesuche dermaleins zu schließen, daß Er ist ein Heiland der Ehe und zukünftiger, aus der Ehe entsprungener Geschlechter.

 2. Während der Hochzeitfeier verschafft der HErr guten Wein in reichlichem Maße. Damit befördert und billigt Er also auch die Hochzeitfreude, damit spricht Er aus, daß der Hochzeittag ein Freudentag und der Beginn der Ehe ein glückliches Ereignis ist. Der HErr hat Sich allewege als einen Feind jener häßlichen Lebensansicht bewiesen, die im Leibe die Quelle aller Sünde, in jedem leiblichen Gute einen gefährlichen Feind der Seelenruhe findet. Niemals wollte Er das leibliche Leben ertödten, sondern verklären und heiligen wollte Er es. Nirgends erkennt Er in mönchischer Verleugnung und heuchlerischer Verachtung der Creatur eine Tugend; vielmehr will Er dankbaren Gebrauch der irdischen Güter, lehrt uns mitten im Gebrauch den Misbrauch scheuen, in der Fülle des zeitlichen Wesens edle Freiheit von demselben und Reinigkeit mitten im Besitze deßen, womit sich andere verunreinigen. Lieber ließ Er sich selbst einen Freßer und Weinsäufer schelten, als daß Er in jene Ansichten von Heiligkeit und Tugend einstimmte, die sich in jedem entarteten Zeitalter erzeugen, die aber, indem sie von Strenge und Heiligkeit gleißen, inwendig mottenfräßig und voll bösen Gewißens sind. Zu diesen Ansichten gehörten auch die von der Ehe, welchen gerade im Zeitalter und im Vaterlande JEsu von vielen gehuldigt wurde. Die Ehe wurde für unrein geachtet, Ehelosigkeit und Reinigkeit zusammen gedacht, zusammen gepredigt und gepriesen; dem entgegen lehrt der HErr ein anderes. Er kennt und gibt| zuweilen den Seinigen heilige, ungezwungene, von Qual befreite, zufriedene, fröhliche Ehelosigkeit, kennt und gibt ihnen aber auch oftmals heilige Ehen und reichet zum Beginn derselben den Freudenwein, den Er geschaffen. Denn in der That, der Trost- und Freudenbecher, welchen Er auf der Hochzeit zu Cana einem Ehepaare reichte, ist allen vermeint und allen gebracht, und es dürfen alle Seine Eheleute denselben als ihnen dargereicht erkennen.

 3. Der HErr reicht Seinen Becher im Evangelio einem armen Brautpaare und dessen Gästen. Denn gewis, wäre das Brautpaar nicht arm gewesen, so hätte es für seine Gäste den Wein selbst herbeizuschaffen gewußt. Reicht aber der HErr den Freudenwein auch armen Brautleuten, so ist offenbar, daß Ihm auch die Ehe armer Leute wohlgefällt, daß auch ihr Hochzeittag in Seinen Augen ein Freudentag ist. Den Reichtum hat er nur wenigen gegeben, aber die Ehe ist eine Stiftung und ein Gemeingut aller Menschen. Ihr merket wohl, meine Brüder, wohin ich ziele? Es ist mir angenehm, wenn ihr mich verstehet: ich habe ein heiliges Recht und eine hohe Pflicht, gerade herauszugehen und zu sagen, was ich meine. Man hat den ehelosen Stand der Mönche vor der Reformation als ein Uebel angesehen und Gott gedankt, daß er von den Reformatoren in seinem rechten Werth und Unwerth gezeigt worden ist. Und doch, was ist der ehelose Stand der Mönche gegen die Ehelosigkeit unzähliger armer Leute in unserm Lande? Die Ehelosigkeit der Mönche war im Ganzen eine freiwillige und selbsterwählte und deshalb immerhin nicht so schlimm, als der heillose Cölibat der Armen, die des Rechtes, eine Ehe zu schließen, bloß darum verlustig gehen müßen, weil ihr Nahrungsstand keine menschlich sichere Grundlage und Aussicht hat. Die Ehelosigkeit unserer Armen ist eine unfreiwillige, erzwungene − und alle Folgen, alle Sünden derselben fallen nicht bloß auf die Armen, sondern auch auf die, welche durch Verweigerung der Ehen ihren Nächsten in Versuchungen führen, denen er nicht gewachsen ist, denen zur Heilung und Hilfe nach dem ausdrücklichen Zeugnis des heiligen Apostels Paulus die Ehe verordnet ist. Mag man immerhin diese und jene zeitlichen Nachtheile armer Ehen hervorheben: sie heben doch alle das göttliche Recht des Armen, in der Ehe zu leben, nicht auf. Gottes Schöpfung Mannes und des Weibes, Seine heilige Ordnung, des HErrn JEsus ausgesprochenes Wohlgefallen an der Hochzeit armer Leute läßt sich mit all dem nicht wegstreiten, − und ich wage es deshalb, in diesem Stücke die Zeit meiner Amtsvorfahren, die in ihre Trauregister die Ehen nicht bloß armer Leute, sondern auch der Bettler einzutragen hatten, für christlicher und gesegneter zu halten als meine Zeit. Der HErr segnet die Ehen der Armen mit einem Trost und Freudenbecher: wir Seine Knechte stehen mit gebundenen Händen und dürfen die Ehen der Armen nicht segnen! Arme Ehen dürfen wir nicht segnen, nicht eintragen ins Verzeichnis christlicher Eheleute; dafür tragen wir in die Geburtsregister zahllose arme, außerehelich geborene Kinder ein, die gewis den Reichtum des Landes nicht mehren, deren Ursprung ihrem Vaterlande sicherlich keinen Segen bringen wird! − Das klagen wir dem HErrn! Der das Ohr gemacht hat, sollte der nicht hören? Der Erzhirt und Bischof Seiner Heerde, wird Er dem Uebel nicht steuern und Seinen zwiefach Armen Bahn machen, aus dem versuchlichen Zustand der Ehelosigkeit in den stillen und friedlichen der Ehe einzukehren? − Er helf uns doch und nehme diese Schmach, diesen Schandfleck von uns!

 4. Noch eins, geliebte Brüder, laßet mich bemerken, ehe ich schließe. Sieht man nemlich die Geschichte unsers Textes an, so findet man, daß doch im Grunde der Mangel an Wein nicht sowohl eine Noth, als bloß eine von den vielen, kleinen Verlegenheiten war, auf die sich jedes neue Ehepaar von Anfang seines ehelichen Standes gefaßt zu machen hat. Das im Sinn behaltend, finden wir also, daß der HErr auf der Hochzeit zu Cana nicht einmal aus einer Noth, sondern nur aus einer Verlegenheit geholfen hat, und zwar durch ein Wunder. Er selbst war in der Wüste nach vierzigtägigem Fasten in großer Noth gewesen, ohne sich durch ein Wunder helfen zu mögen; und zur Beendigung einer geringen Verlegenheit thut Er ein Wunder, und zwar Sein erstes. Welch ein mildes Auge des himmlischen Freundes wendet sich zur heiligen Ehe − und welch ein Trost für Eheleute ist es, daß sie nun auch in ihren Verlegenheiten den HErrn anrufen, auf den Herrn hoffen dürfen, den Hagar genannt hat „du Gott siehest mich“! Und wie groß ist die Ehre, welche der HErr der Ehe gönnt: zu ihrer Verherrlichung thut Er Sein erstes Wunder und will vom ersten Anfang Seines öffentlichen Lebens erkannt| werden als ihr Freund und Pfleger! Wahrlich, meine Brüder, wenn wir den Lebenslauf und das Thun des HErrn nicht einem blinden Zufall, sondern einem heiligen Plane zuschreiben müßen; so müßen wir auch zugestehen, daß es Seine heilige Absicht gewesen ist, gleich beim ersten Auftritt so zu erscheinen, wie ich sagte, als ein Freund der Ehe. Es ist kein rednerischer Trugschluß, den ich mache; ich weiß, was ich sage; so erkenne ich meinen HErrn. Gelobt sei drum JEsus Christus und Seine heilige Schonung für alle Pflanzen, welche Sein himmlischer Vater gepflanzt hat! Mögen auch wir schonen, was Er geschont hat, und von uns allen keiner über eine Anstalt des hochgelobten Schöpfers und Erlösers, wie die Ehe ist, ein ungleich Wörtlein sprechen, geschweige daß wir in den Ton der Welt einstimmten! Mögen wir gegenüber einem schamlos höhnenden Geschlechte Muth und gutes Gewißen haben, die heilige Ehe zu ehren, wie auch Christus that, und uns frank und frei zur Verachtung alles deßen erheben, was zu ihrer Schmach gesagt wird! Laßt es uns gerade heraus sagen, und wers widerlegen kann, der mag es! Wo die Ehe nicht geachtet wird, da gilt auch keine Ehelosigkeit! Wo die Ehe nicht heilig ist, ist auch eheloses Leben nicht heilig; ja, da ist Hurerei und Unreinigkeit zu Hause, nicht aber Ehre für Scham und Zucht, nicht männliche Schonung für das schwächere Geschlecht des Weibes. Mit der Ehre der heiligen Ehe fällt die Ehre des ehelosen Standes: beide haben allzeit einerlei Looß. Und mit der Ehre für Ehe und Jungfrauschaft fällt alles. Was ist dein Vater und deine liebe Mutter, wenn die Ehe nicht heilig ist? Was ist dann Gott, der Mann und Weib geschaffen, und Seine Gebote, das vierte und das sechste, das neunte und das zehnte, ja alle zusammen? Und was bist du selber ohne Heiligkeit der Ehe!

 Gesegnet seien die heiligen Hände, die unsern heutigen Text aufgezeichnet haben! Ja, das ist schön, daß JEsus über Seine Mutter so hoch erhaben ist und sich doch zu armen Eheleuten herunterneigt und ihnen ein Wunder schenkt; daß Er die Mutter von sich weist, wenn sie sich ihrer Würde nur im mindesten überhebt, sonst aber alle Vaterschaft und Mutterschaft mit einer gnädigen Offenbarung Seiner Herrlichkeit krönt. Einen solchen HErrn, Hohenpriester und Heiland sollten wir haben, der da wäre heilig, unschuldig, unbefleckt und von den Sündern abgesondert, der aber auch alles, was menschlich ist, der Entsündigung fähig achtet und es in Seine heiligen Hände nimmt, entsündigt, segnet, läutert, ehrt. Sein segensvolles, wunderbares Walten mehrte den Jüngern den Glauben, und wie sollten wir Dem und an Den nicht gerne glauben, der sich mit Seiner heiligsten Person und Seinen Wundern so gnädig zu dem Stande neigte, aus dem wir alle geboren sind? Ihm komme entgegen Beifall und Anbetung des menschlichen Geschlechtes, und Er sei auch von uns gepriesen im Namen aller ehelosen und ehelichen Christen, sei gepriesen hier wo man freit und sich freien läßt, und dort, wo alle, die Ihm hier gedient haben, schauen werden und erfahren das engelgleiche Looß, das Er Seinen Heiligen bereitet hat! Amen.




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