Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Osterfest 1

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Am Osterfeste.

Evang. Marc. 16, 1–8.
1. Und da der Sabbath vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria Jakobi und Salome Specerei auf daß sie kämen und salbeten Ihn. 2. Und sie kamen zum Grabe an einem Sabbather sehr frühe, da die Sonne aufgieng. 3. Und sie sprachen unter einander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Thür? 4. Und sie sahen dahin und wurden gewahr, daß der Stein abgewälzt war, denn er war sehr groß. 5. Und sie giengen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein lang weiß| Kleid an; und sie entsatzten sich. 6. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzet euch nicht. Ihr suchet JEsum von Nazareth, den Gekreuzigten; Er ist auferstanden und ist nicht hier. Siehe da die Stätte, da sie Ihn hinlegten. 7. Gehet aber hin und saget es Seinen Jüngern und Petro, daß Er vor euch hingehen wird in Galiläa; da werdet ihr Ihn sehen, wie Er euch gesagt hat. 8. Und sie giengen schnell heraus und flohen von dem Grabe, denn es war sie Zittern und Entsetzen angekommen und sagten niemand nichts, denn sie furchten sich.

 NIcht von der Auferstehung des HErrn selbst, wie sie geschehen ist, redet dieser Text, sondern er berichtet uns, wie der HErr die Seinigen zu dieser höchsten Freude vorbereitet hat. Der Uebergang von der tiefsten Traurigkeit zur höchsten Freude ist des Textes Inhalt. Der Bräutigam war genommen und nun sollte Er wiedergegeben werden, und zwar nicht wie Er genommen war, in Schmach und Leiden, sondern in Glorie und Majestät des Himmels. Damit nun die Hochzeitleute nicht allzusehr erschräcken, damit sie fein sanft und sicher zur Freude des Wiedersehens und Anschauens JEsu Christi geleitet würden: wird zuerst eine wunderschöne und liebliche Predigt gehalten, vor dem Auge das Ohr zur Osterfreude berufen, vor dem Schauen der treue Vorbote des Glaubens hergesandt. Vornehmlich von dieser Predigt redet unser Evangelium, und was es sagt, das wollen wir bedenken.

 Wir wollen sehen: 1. Wer die Prediger sind? 2. Wo sie predigen? 3. Wem sie predigen? 4. Was sie predigen? 5. Was der erste Eindruck ihrer Predigt war?


 Die Prediger sind Engel. Die Weiber sahen einen Engel nach Matthäus und Markus, nach Lukas und Johannes zwei, − Angaben, die sich mit nichten widersprechen, weil die ersten Evangelisten nur den einen Engel nennen, der besonders thätig und redend auftrat, die letzten aber neben dem besonders hervortretenden und thätigen auch den andern Engel nicht verschweigen, der in Begleitung des ersteren erschien. Nie und nirgends widerspricht sich die heilige Schrift; alle scheinbaren Widersprüche lösen sich in desto schönere Harmonie auf, so wie man sie mit dem Verlangen und Gebet um Licht und Aufschluß betrachtet. − Zwei Engel also sahen die Weiber, einer predigte. Hier ist erfüllt, was der HErr gesagt hat: „Ihr werdet sehen die Engel Gottes hinauf und herabfahren auf des Menschen Sohn.“ Wie in der Wüste bei Bethel zu Häupten Jakobs die Himmelsleiter sich erhob und Engel auf- und abstiegen, so ist hier ein neues Bethel höherer Art: wo das Haupt des getödeten Lammes gelegen ist, da steigen Engel auf und ab, da spricht man wahrer und tiefer noch als der erwachende Erzvater: „Wie heilig ist diese Stätte! Hie ist nichts anders denn Gottes Haus und hie ist die Pforte des Himmels!“ − Hier nahen sich nicht im Gesichte, sondern dem gewöhnlichen Auge sichtbar, nicht in Nacht und Traum, sondern im hellen Morgenlichte Gottes himmlische Geister; nicht allein geschaut werden sie, sondern vernommen, denn sie reden, sie predigen. Es ist also nicht mehr eine heimliche Verbindung zwischen Himmel und Erde; die Trennung und Scheidung zwischen den seligen Geistern und den sündigen Menschen ist weg: eine offenbare und völlige Vereinigung der Engel und Menschen ist gekommen, jene gehen mit Menschen menschlich um, bis die Menschen mit den Engeln engelisch umgehen werden. Was im Anfang Gott zusammengefügt, was der Satan durch die Sünde zertrennt, was sich seitdem beiderseits nacheinander gesehnt hat, hat sich wiedergefunden und am Grabe JEsu naht es sich wieder − eines dem andern. Und ganz heilig und lieblich ist die Vereinigung. Der Engel demüthigschöne Freundlichkeit, den armen gefallenen Menschen, den berufenen Erben der Seligkeit zu ihrem Heile zu dienen, zeigt sich so klar. Die gütigen Geister freuen sich so sehr, zu ihrem eigenen, ewigen Glücke diejenigen zu fördern, die so unglücklich geworden waren durch abgefallene Engel. Zwar habe ich noch an einem besonderen Orte in diesem Vortrage von der Predigt der Engel zu reden; aber ich kanns nicht umgehen, ich muß schon voraus ein weniges davon sagen, weil ich sonst die Freude und Freundlichkeit unserer heiligen, ewigen Freunde, der Engel, nicht hell genug zeigen kann. Das Wort und die Predigt von der Auferstehung wird ja das| Verbindungsmittel Himmels und der Erde, der Engel und Menschen. Der HErr ist erstanden, d. i. der Tod ist überwunden und verschlungen ins Leben, der Fluch ist entflohen, Gott ist versöhnet: es ist nun alles wieder gut gemacht, was der Satan verderbt hatte, und nicht die Hölle, sondern der Himmel, die Engel, nicht die Teufel sind fortan die ewige Gesellschaft der erlösten Menschheit. Des freuen sich die Engel, des jubiliren ihre Chöre: nun werden oft unter ihren Lobgesängen Sünder Buße thun und viele Lazariseelen zur ewigen Heimat zu geleiten sein! Bis ans Ende der Tage dauert nun der Jubel und die Freude der himmlischen Geister über den Sieg JEsu und über die Frucht desselben, welche die Menschen genießen. Wer soll das den Menschen ansagen, wenn nicht die Engel selbst? Es sind in allen geschaffenen Räumen für diese Botschaft keine willigeren und fröhlicheren Boten zu finden, und keine glaubwürdigeren. Welcher Mensch würde in dieser Sache bloß seines Gleichen, andern Menschen geglaubt haben? Aber die Engel sind reines Willens, heiliger Erkenntnis, und der menschliche Zweifel schweigt gegenüber solchen Boten. Wie lieblich sind auf den Bergen, herab in die tiefen Thale die Füße dieser Boten, die da Friede verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: dein Gott ist König! Freut euch, ihr Kinder Zion, der frommen Boten und sprecht ihnen: Willkommen! Es sollen gesegnet sein unsre Freunde vom Himmel, die uns die erste Botschaft der Menschwerdung und die erste Botschaft der Auferstehung brachten! Sie, die heiligen Mittelglieder Himmels und der Erde, sollen gesegnet und gegrüßt sein von uns unreinen Creaturen für alle die Liebe, die sie uns und unserm ganzen Geschlechte von den Tagen des HErrn Messias an erwiesen haben, − und dermaleins, wenn unsre Seelen und Leiber von Banden völlig frei werden, soll es ein anderes Grüßen und Segnen geben!
 Jedoch, laßt uns, − die Engel zur Gesellschaft für immer behalten! − sofort weiter gehen und den Ort genauer betrachten, wo die Engel predigen. Auch er kann uns Freude bereiten. Als die Engel Christi Geburt ankündigten, predigten sie in den Lüften; aber als der HErr auferstanden war, wird ihnen Josephs neues Grab, darin allein der HErr gelegen war, zur Kirche. Die Auferstehung hat sie also der Erde näher gebracht, als die Geburt, und das leere Grab Christi ist ihnen also ein Ort von völligerer Bedeutung als der Stall und die Krippe von Bethlehem; die stille Felsenhöhle der Geburt hat eine mindere Verherrlichung erfahren, so viel wir wißen, als die der Begräbnis oder daß ich es recht sage, der Auferstehung. Denn was die Felsenhöhle von Bethlehem nur weißagte, das hat diese Höhle in Erfüllung gebracht. Dort ist begonnen, was hier vollendet ist; dort ist die Verbindung Himmels und der Erde eingeleitet, hier ist sie völlig zu Stande gebracht. Dort ist geboren, der da siegen sollte; hier ist der ewige Sieger vom Tode erstanden und in Seiner Auferstehung ist Sein Sieg vollkommen. Um der Auferstehung willen kommen denn auch die Engel hieher, nicht um der Begräbnis willen. Denn die Begräbnis ist keine Ehre der Menschheit, wohl aber die Auferstehung. Die Gräber überhaupt sind heilig, nicht weil in ihnen Staub der Verwesung liegt, sondern weil aus ihnen die Leiber der Ewigkeit kommen sollen. Nicht so sehr das Andenken der Vollendeten ist es, was sie schmückt, sondern die Aussicht und große Hoffnung der Ewigkeit macht sie so schön und würdig, daß Engel in ihnen verweilen mögen. Hier lag kein Verwesender, sondern der Heilige Gottes, der die Verwesung nicht sehen sollte, und zur Zeit, da die Engel darin waren, lag Er nicht mehr da, nur die Binden Seines Leichnams, nur die Leinwand Josephs und Nikodemi war zu finden. Aus diesem Grabe war unsers Leibes, ja auch unsrer Seele selige Zukunft auferstanden; in ihm hatte die Menschheit durch Christum ihre größte Verherrlichung, das Fest unverwüstlichen Lebens gefeiert. Ebendarum hatten sich Gottes heilige Boten gerade hieher begeben. Hier, wo man den todten Christus suchte, sollte Seiner Auferstehung Preis kund werden. Kein Ort auf Erden eignete sich so zur ersten Osterpredigt, wie des HErrn JEsus Grab; keiner war auffälliger, Aufsehen und Ueberlegung erweckender für die Unkundigen, keiner paßender für die Kundigen und Glaubenswilligen, keiner ehrte Gott mehr, keiner spottete mehr des Satans. Es ist dieß Grab die heiligste Auferstehungskirche in der ganzen Welt. Die Werkstätte der Verwesung, welche Joseph von Arimathia gebaut hatte,| ist eine Werkstatt ewigen Lebens geworden, ein Ort, wo man den Tod verhöhnt und in Christo JEsu des Leibes unverwesliche Hoffnung rühmt.

 Zu diesem Orte kommen die Zuhörer oder vielmehr die Zuhörerinnen. Sie kamen freilich nicht in der Vermuthung, daß sie zu Kirche und Predigt kommen würden. Sie wollten zum Grabe kommen und den Leichnam Christi, der am Charfreitagabend eilends hatte gesalbt werden müßen, würdiger bedienen. Als echte Frauen dachten sie an weiter nichts, als ihrem HErrn und Seinem Leichnam ein Kleines zu erweisen; nach der wehmüthigsüßen Beschäftigung mit Seinen Ueberresten verlangte sie. Was sie in Sorge und Kümmernis versetzte, war nur der Grabstein. Das wußten sie wohl nicht, daß außer der Schwere des Steines noch etwas den Eingang verschloß, nur etwas Leichtes zwar, aber dennoch etwas, was hindernder im Wege stand als der Stein selber, nämlich das Siegel des Landpflegers. Ueber dem herzlichen Begehren, noch einmal ins erblaßte Angesicht zu schauen, die heiligen Glieder mit den armen Zeugnissen ihrer Liebe und Ehrerbietung, mit Salben und Spezereien zu umhüllen, hatten sie anfangs die Schwierigkeit ihres Unternehmens nicht bedacht, − und da sie ihnen auf dem Wege so weit ins Gedächtnis zurückkam, als sie ihnen bekannt war, und sie deshalb getrost hätten wieder umkehren können und dürfen, war dennoch ihr Zug zum Grabe so groß, und so ungern gaben sie ihr Vornehmen auf, daß sie zugiengen und bis zum Grabe kamen. Da, siehe, da war so Sigel wie Stein von hinnen, offen und leer war das Grab, kein Wächter war da, statt ihrer bewachten leuchtende Engel die heilige Stätte. Die Sehnsucht nach einem Todten hatte sie zum Grabe gezogen, und wie ganz anders finden sie alles! Kein erblaßtes Gesicht, kein Leichnam, nichts mehr von der irdischen Erscheinung Christi ist da, Er ist ganz weggenommen, himmlische Erscheinungen, unerwartete Gesichte laßen sich sehen, und ihr Geist soll von der Pflege des sichtbaren JEsus zur Anbetung des unsichtbaren erzogen werden. Der heilige Apostel sagt einmal, er kenne niemand mehr nach dem Fleische, auch Christum nicht. Das mußten die frommen Frauen lernen, das müßen in ihrem Maße alle lernen, welche geliebte, ihnen vormals angehörige Christen durch die Begräbnis für immer aus dem Auge verlieren. Es gilt, einen andern Begriff von den Todten zu faßen. Diese leben und sind für uns nicht weniger, als sie im zeitlichen Leben gewesen; aber etwas ganz anders sind sie geworden, heiligeren, vollkommeneren Wesens, uns vorangerückt in allen Stücken, und die vormals traulich, als unsers Gleichen neben uns einhergiengen, sind nun Gottes Heilige, die wir verehren. Das ist nun alles so anders, und daran muß man sich gewöhnen; deßen sich freuen zu können, will gelernt und geübt sein. Und das müßen nun auch die Frauen lernen und üben. Nicht mehr ihr geliebter Meister JEsus, dem sie nachfolgen, dienen, Speise reichen durften, ist JEsus; ihr näherer Dienst ist aus, in dem Dienst sind sie von himmlischen Heerschaaren abgelöst, sie sehen die glänzenden Engel, welche Ihm dienen. Er ist nicht mehr JEsus, der vor ihnen predigt, sondern von Ihm predigen Engel und sie hören zu. Er ist aus der Angst und dem Gericht, aus Noth und Tod genommen, der Engel Preis und Lied, − und vom vertraulichen Salben ist nun schon keine Rede mehr, gar keine Rede, sondern vom Glauben und von Anbetung.


 Was ist nun aber Inhalt der Predigt, die von Engellippen zu den Ohren der heiligen Frauen kam? Auch bei der Weihnachtspredigt des Engels zergliedert man sich gerne den gesammten Inhalt, um sie so recht zu Herzen zu faßen. Gerade dasselbe Verlangen hat man auch bei dieser Engelpredigt. Die Erfüllung des Verlangens könnte uns hiemit werden. − Das erste Wort, das von den Lippen der Engel fließt, ist Beruhigung. Entsetzet euch nicht! Nachdem es sich so geändert hat und Christi Sieg gelungen ist, sind Engel und Menschen berufen, eine ewige Heimat zu bevölkern, dieselbe Stadt Jerusalem zu bewohnen; eine Gemeinde Gottes sollen sie ewiglich sein, befreundet und von Gott zu ewigen Freuden zusammengeführt. So soll denn auch mehr und mehr das Entsetzen verschwinden, das der Mensch bei sich kundgebendem Nahen der seligen Geister empfindet. Nicht mehr eine Todesbotschaft, nicht mehr Offenbarung des fernen Abstands menschlicher Wesen von der Reinigkeit himmlischer Geister, sondern Lebensbotschaft| und tröstende Gewisheit göttlicher Gnade bringt der Engel sichtbares Antlitz und hörbares Wort. Schon zu den Hirten bei Bethlehem sprach der Engel: „Fürchtet euch nicht,“ und zu den Frauen im Grabe kommt ein ähnliches Wort: „Entsetzet euch nicht.“ Dieß Wort nimmt allerdings das Entsetzen nicht alsbald hinweg, aber verboten und gemisbilligt ist es dadurch. Wir aber freuen uns, daß es so weit gekommen ist, daß wir selbst das Grauen und den Schauer der menschlichen Natur vor den hehren Freunden der Erlösten, vor den Engeln, schelten dürfen. − Mit Beruhigung beginnt die englische Predigt, und süßes Bußepredigen ist die Fortsetzung. Eine Bußpredigt darf man doch wohl die Worte nennen: „Ihr suchet JEsum von Nazareth, den Gekreuzigten?“ Sie misbilligen doch den Sinn und das Thun der Weiber, beides ist als befremdend dargestellt, und Annahme anderer Gedanken, Umänderung des Sinnes wird gefordert. Ich meine aber, die Engelworte seien ein süßes Bußpredigen zu nennen, weil doch den Frauen nichts lieber und angenehmer sein konnte, als ihren Sinn in diesem Stücke ändern, andere Gedanken annehmen zu dürfen. Was sie ablegen müßen, war ein unseliger, lastender Irrtum, − und wie mit tausend Freuden hätten sie Buße thun sollen, da auf die Bußpredigt ein so herrliches Evangelium folgte, das alle Noth der drei letzten, schwersten Lebenstage in vollkommene Freude verkehren konnte. Oder ist es nicht ein Evangelium, was der Engel sagte: „Er ist auferstanden, Er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, da sie Ihn hinlegten?“ Er ist nicht im Grabe, nicht im Tode; an des Lebens Orte, selbst im Leben und in Herrlichkeit ist Er!? Alles Evangelium hätte keinen Grund, der Glaube wäre eitel, noch in den Sünden wären wir, wenn Christus nicht auferstanden wäre. An der Auferstehung lag alles, sie vollendet das ganze Werk und drückt ihm das Sigel auf; sie gibt Gewähr, göttliche Gewähr für alle Worte, für alle Werke Christi, für all Sein Amt und Leiden von der Geburt an bis zum Tode. Es muß dem Vater der HErr und alles was Er geredet, was Er gethan und gelitten hat, wohlgefallen, weil Er Ihn auferweckt hat. Nachdem Sein Versprechen, am dritten Tage aufzustehen und siegreich hervorzugehen, wahr geworden ist, ist alles andre auch wahr, recht und vollkommen. Durch die Auferstehung ist der HErr kräftiglich erweiset als Gottes Sohn, und nun muß Ihm zufallen die Menge Israels und der Heiden. Darum ist auch die Auferstehung Christi der Brennpunkt aller Predigten der heiligen Apostel, welche wir in der Apostelgeschichte lesen. Darum nennt der heilige Petrus sich und seine Mitapostel (Apostelg. 1, 22.) Zeugen der Auferstehung Christi. Die Weiber erkannten nicht gleich, was in den Engelworten lag; aber die Jahrhunderte haben es ausgelegt und erfahren, wie ganz und gar von der Auferstehung Christi alles Evangelium abhängt. − Und wie die Predigt immer nicht bloß Buße, nicht bloß Evangelium ist, sondern den Menschen zum Gehorsam und zu guten Werken treibt; so hat auch diese Engelpredigt ihren Befehl und also auch ihr gutes Werk, das sie lobt und preist. „Gehet hin, heißt es, sagt es Seinen Jüngern und Petro, daß Er vor euch hingehen wird in Galiläa; da werdet ihr Ihn sehen, wie Er euch gesagt hat.“ Der Engel kennt die Menschenkinder, daß sie seinen Worten nicht glauben würden, so viele ihrer nicht selbst seine Worte hörten; darum bringt er nur JEsu Worte, nur JEsu eigenen, ihm wohlbekannten Befehl wieder in Erinnerung, verheißt ihnen das Schauen JEsu mit eigenen Augen und befiehlt ihnen nur, was JEsus selbst befohlen, in Sein Heimatland, nach Galiläa, wo Er auch nach Seiner Auferstehung, wie es am Tage ist, so gern war, hinzugehen und dort der seligen Verheißung zu warten. Diese ganze Erinnerung an JEsu Verheißung und Befehl sollen die Frauen den Jüngern bringen und Petro, − den Jüngern und Petro, der in der Rede des Engels von den übrigen Jüngern getrennt erscheint, ob weil er gefallen war, ob weil er an der Spitze der andern stand, ob weil er zugleich gedemüthigt und erhoben werden sollte, das weiß ich nicht. Die Frauen haben eine gute Botschaft, einen lieben Befehl zu hinterbringen. Eine süßere Bußpredigt, als die der Engel an Ostern gibt es nicht. Ein süßeres Evangelium, als das der Engel gibt es nicht. So gibt es auch keinen süßeren Befehl, als den der Engel. Denn was soll und kann süßer sein, als die Freunde ermuntern, nach Galiläa zu gehen, den HErrn zu schauen und mit ihnen gehen? Da hat man gut Werke predigen, wenn, wie bei den Jüngern und im Grunde doch bei allen österlichen Christen, das ganze Werk, das einem befohlen wird, nichts ist, als Erfüllung unsrer Sehnsucht| und unsrer liebsten Wünsche. − Wenn nur auch wir der Engel Osterpredigt recht zu Herzen faßten! Beruht doch auch unser größtes Unglück im Grunde nur darin, daß wir Christum nicht als einen, der von den Todten erstanden ist und ewig lebt, erkennen. Der lastende, ungläubige Irrtum, daß der HErr nicht lebe, ist ein Brunnquell aller Traurigkeit und unsers ganzen todten und elenden Seelenzustandes. Dagegen liegt unsere ganze Ruhe, unser gesammtes Glück darin, daß wir lebendig faßen: „Der HErr ist auferstanden.“ Und unsere ganze Heiligung ist eine Losreißung von dem Ort der Trauer und der Leiden, ein Hinaufgehen in unser Galiläa, um JEsum und Seine Herrlichkeit zu schauen. Denn auch wir sollen Ihn schauen und Zeugen Seiner Auferstehung werden ewiglich. Dazu sind wir berufen und mit uns alle Christen, und um Erfüllung dieses Berufes betrüge uns nur nichts. Der HErr verleihe, daß wir die Verheißung, zum Orte des Anschauens und seliger Ruhe einzukommen, nicht versäumen.

 Wie schön, meine Freunde, ist in unserm Evangelium bisher alles. Aber das Ende des Evangeliums, ist es von gleicher Art? Bisher haben wir nichts gesehen und gehört, als den Glanz der ewigen, himmlischen Welt, Engel, Engelpredigt, Gnade, menschenfreundliches Erbarmen des allerhöchsten Gottes. Wie steht es mit dem Eindruck der ersten Osterpredigt auf die Herzen der Frauen? Ist er des Wortes würdig, das vernommen ist, und der Liebe würdig, die geredet hat? Gehen die Frauen ohne Entsetzen, voll Glaubensfreude und Wonne von hinnen? Eilen sie, neuer Lust und neuen Lebens voll, der Engel Botschaft den Jüngern und Petro auszurichten? − Leider wird uns nur von Zittern und Entsetzen und von einer Furcht erzählt, welche sie untauglich machte, der Engel Befehl zu vollziehen; denn sie sagten vor Furcht und Schrecken niemand etwas. Man erkennt hier, daß der Engel freudenreiche Botschaft den Weibern annoch ein Geheimnis, daß sie über deren Faßungskraft erhaben war, daß die schüchternen Frauen erst dazu herangezogen werden und nach und nach heranreifen mußten, zu verstehen, was ihnen gesagt war. − So ist der Mensch. Er versteht das himmlische Wort nicht, auch wenn er es vernommen und in gewißem Sinne verstanden hat. Er muß erst hinein wachsen, und es muß in ihm wachsen, wie ein Samenkorn. So muß namentlich die österliche Botschaft von der Auferstehung Christi im Herzen erst eine Freudensaat werden, ehe sie eine Freudenärnte bringt. Geht es uns denn anders? Wir vernahmen die Botschaft von Christi Auferstehung; sie ist gewis für uns um keinen Gran weniger wichtig und selig, als für die ersten Gläubigen und Zeugen; sie ist die Bürgschaft des größten Glückes für alle Menschen. Aber − wir faßen sie so bald nicht. Wir ahnen es wohl, daß es um sie etwas Heiliges, Bedeutungs- und Segensvolles sein muß; aber es muß doch das Beste erst kommen: das Freudenwort muß erst erlebt, im Leben erfaßt, vom heil. Geiste eingeprägt und ausgelegt werden. Dann erst gibt es österliche Herzen, dann erst wird es österlich im Gewißen, im Leben, im Sterben, in der eigenen Auferstehung. Das österliche Freudenwort ist ein Thema fürs ganze Leben in gesunden und kranken Tagen. Es mangelt dem Lebenden die rechte Weihe des Leibes, der Seele, des Lebens, − dem Sterbenden der volle Todestrost, wenn dieß Wort nicht erkannt ist, wenn man nicht in der sicheren Gewisheit unzerstörbaren Leibes-, und Seelenlebens leben und sterben kann. Ist das Osterwort verstanden und in uns Leben geworden, dann erst ist voller Todesmuth, volle Todeslust und voller Friede in uns und dann gehen wir auch von jedem Sterbebette eines Christen weg, wie die Jünger nach Christi Himmelfahrt vom Oelberg, zwar sehnsüchtig nach der ewigen Heimat, zu der uns wieder einer vorangieng, aber auch voll Freuden, daß kein Tod mehr ist, sondern Leben und Freude, daß wir auch nachfolgen, wenn wir willig und gern entsagend ausgeharrt nach Gottes Willen, daß alles Menschenleben und jeglichen Leibes Keim für ewig geborgen und gewonnen ist. − So sind wir denn Schüler in der Predigt der Engel und des heiligen Geistes, und unser sehnliches Flehen muß sein, daß wir nicht eher sterben, als bis wir das österliche Evangelium von der Auferstehung Christi recht erfaßt haben und dadurch zu einem neuen Leben auferstanden sind. Wir können vieles im Leben und im Sterben entbehren; aber dieß Wort: „Der HErr ist auferstanden“ − das brauchen wir, das können wir nicht entbehren, das werde uns nur nicht alt und todt. −


|  HErr, gnädiger, barmherziger Gott! Die Kraft Deiner Auferstehung mache uns klar, daß wir, von Todesfurcht erlöset, nicht mehr Knechte seien unser Leben lang, nicht mehr zittern und uns entsetzen. Laß uns Deiner, o HErr, und Deiner Auferstehung und unsers Todes froh werden, und erfülle uns mit der wonnigen Hoffnung, daß wir entgegensehen im Leben und im Sterben der Auferstehung der Todten. HErr JEsu, der Du todt warest und bist wieder lebendig geworden, der Du die Schlüßel des Todes hast und der Hölle, dem wir unser Hosianna, unser Halleluja singen, erbarme Dich unser in der Stunde unsers Abschieds und in unserer Auferstehung! Um Deines Todes und Deiner Auferstehung willen! Amen.




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