Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Sexagesimae

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Am Sonntage Sexagesima.

Evang. Luc. 8, 4–15.
4. Da nun viel Volks bei einander war, und aus den Städten zu Ihm eileten, sprach Er durch ein Gleichnis: 5. Es gieng ein Säemann aus zu säen seinen Samen; und indem er säete, fiel etliches an den Weg, und ward vertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßens auf. 6. Und etliches fiel auf den Fels; und da es aufgieng, verdorrete es, darum daß es nicht Saft hatte. 7. Und etliches fiel mitten unter die Dornen;| und die Dornen giengen mit auf, und ersticktens. 8. Und etliches fiel auf ein gut Land; und es gieng auf, und trug hundertfältige Frucht. Da Er das sagte, rief Er: wer Ohren hat zu hören, der höre! 9. Es fragten Ihn aber Seine Jünger, und sprachen, was dieses Gleichnis wäre? 10. Er aber sprach: Euch ists gegeben, zu wißen das Geheimnis des Reichs Gottes; den andern aber in Gleichnissen, daß sie es nicht sehen, ob sie es schon sehen, und nicht verstehen, ob sie es schon hören. 11. Das ist aber das Gleichnis: Der Same ist das Wort Gottes. 12. Die aber an dem Wege sind, das sind, die es hören, darnach kommt der Teufel, und nimmt das Wort von ihrem Herzen, auf daß sie nicht glauben und selig werden. 13. Die aber auf dem Fels, sind die: wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an; und die haben nicht Wurzel; eine Zeit lang glauben sie, und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. 14. Das aber unter die Dornen fiel, sind die, so es hören, und gehen hin unter den Sorgen, Reichtum und Wollust dieses Lebens, und ersticken und bringen keine Frucht. 15. Das aber auf dem guten Lande, sind, die das Wort hören und behalten in einem feinen guten Herzen, und bringen Frucht in Geduld.

 BEi diesem Evangelium betrachten wir zuerst die Lehren, welche uns der HErr in demselben gibt, sodann wollen wir einiges von der Form, welche der HErr hier und in andern Texten gebraucht, bedenken − und endlich machen wir die Anwendung auf uns selbst.

 Das Evangelium belehrt uns über die Wirkung des göttlichen Wortes auf die Menschenseelen unter dem Bilde einer Aussaat. Es ist, das lernen wir aus unserm Texte, mit dem Gedeihen des Wortes Gottes gerade wie mit dem Gedeihen des Samens. Das Gedeihen des Samens hängt, wenn er selbst gut ist, vornemlich von der Beschaffenheit des Bodens ab, auf welchen er ausgestreut wird. So gedeiht der Same des göttlichen Wortes auf dem Boden des menschlichen Herzens, wofern nicht die Beschaffenheit des letzteren hindernd entgegen tritt. Gottes Same, Sein heiliges Wort, ist über alle Samen gut, denn Gott ist es, von dem er stammt. Er ist voll Kraft und wirksam, wie kein anderer Same, denn er ist Same des lebendigen und allmächtigen Gottes und von Ihm ausgestreut, um zu nützen. Weil er von dem allgewaltigen und unwiderstehlichen Gott kommt, so könnte man auch seine Triebkraft und Wirkung für unwiderstehlich und alle Hindernisse überwältigend halten; man könnte hierin einen gebührenden Unterschied zwischen anderem Samen und Gottes Samen finden; aber gerade das ist eben die Offenbarung Gottes in unserm Evangelio, daß sich Gott rücksichtlich des Gedeihens Seines Samens und der Wirkung Seines Wortes Schranken gesetzt und beschloßen habe, Sein Wort nicht unaufhaltsam wirken, sondern vor der hemmenden, hindernden Kraft des Bodens d. i. Herzens zurücktreten und den Widerstand der Menschenseele erleiden zu laßen. Der HErr bleibt Sich allewege treu. Wie hier, so finden wir auch sonst in Seinem Worte dieselbe Lehre ausgesprochen. Er gebietet z. B. Seinen Jüngern, in die Häuser und Städte zu gehen und ihnen den Friedensgruß Seines Evangeliums zu bieten; werde der Gruß aufgenommen, so solle der Friede selbst zu den Bewohnern eines solchen Hauses oder einer solchen Stadt kommen; werde er nicht aufgenommen, so solle der Friede zu den Jüngern zurückkehren und sie selbst sollen dann auch weggehen aus solchem Hause oder Orte, und wo man das Wort nicht aufnehme, wo das Wort weiche, da sollen auch die Träger und Diener des Wortes weichen. Das ist dieselbe Lehre wie in unserm Texte. Je nachdem der göttliche Same aufgenommen wird, je nachdem er die Herzen gewillet und geeignet findet, je nachdem wird der Segen gegeben, je nachdem reift eine Aernte.

 Diese allgemeine Lehre des Textes wird uns nun in einer vierfachen Anwendung desto tiefer eingeprägt. Es wird uns eine vierfache Beschaffenheit des menschlichen Herzens und eine dadurch bestimmte vierfache Wirkung des göttlichen Wortes gelehrt, indem das Gleichnis von Saat und Boden weiter ins Einzelne geführt und das Gedeihen des Samens in vierfach verschiedenem Boden gezeigt wird. − Die erste Gattung des Bodens wird als hart getretenes Wegland geschildert, die zweite als von Natur hartes Land, die dritte als weiches, aber unreines, bereits von anderem Gewächs in Besitz genommenes Land, die vierte als gutes, weiches, tiefes, reines Land. Auf dem ersten Lande bleibt der Same zu Tage liegen und wird durch Wirkung von außen her weggenommen oder verderbt. Das zweite Land hat die Härte nicht zu Tage, sondern einige oberflächliche Empfänglichkeit, aber innen| ist es hart. Das dritte Land hat keinen Raum für den Samen, bereits vorhandenes, vorherrschendes Unkraut erstickt ihn. Das vierte Land bringt reichliche, ja hundertfältige Frucht. In der Auslegung finden wir eine vierfache verschiedene Herzensbeschaffenheit in folgender Weise durch die vier Bodengattungen angedeutet. Wie es Wegland gibt, das von einer dicken, für die Saat unempfänglichen Kruste überzogen ist, so gibt es auch Herzen, welche von einer harten Kruste der Unempfänglichkeit umgeben sind. Gleichwie die Härtigkeit des Weglandes nicht natürlich, sondern durch die Füße der Wanderer hervor gebracht ist; so ist auch die Herzenskruste, von der wir hier zu reden haben, keine natürliche oder angeborene, sondern sie ist durch Menschen, also durch Verhältnisse, durch Erziehung und Umgang entstanden, das Werk der Welt und ihrer heillosen, für alles Göttliche abstumpfenden Gewöhnung. Bei abgestumpften Weltleuten ist keine große oder fast keine Wirkung des göttlichen Wortes zu erwarten, das lehrt uns der HErr im Gleichnis: ihre harte Weglandskruste ist zu hart und unempfindlich, als daß Gottes Wort haften und Wurzel schlagen könnte. Und damit ja nicht irgend ein Samenkorn in einer Rize der Kruste bis zu dem vielleicht doch noch vorhandenen, inwendig verborgenen beßern Lande gelange und da seine Wurzel einschlage, kommen die Vögel des Himmels, d. i. ohne Gleichnis die Engel und Boten des Satans, böse Geister und dem Satan verkaufte Menschen, und klauben sorgfältig allen Gottessamen auf. Es ist im Reiche des Satans eine große, ernste, anhaltende Beflißenheit, Gottes Einwirkung auf diejenigen zu verhindern, die sich der Welt und ihren Einflüßen hingegeben haben. Der Satan läßt das Werk der Welt, des Herzens äußere Härtigkeit nicht zerstören, und die Siege des Heiligen in Israel werden theuer bei den Knechten und Kindern der Welt und des Satans.

 Anders ist es mit dem zweiten Lande. Das eigentlich harte, felsige, steinige Land verwittert ein wenig auf der Oberfläche, dadurch und durch einige Zuthat von Menschenhänden oder andere äußere Ursachen entsteht auf ihm eine dünne Decke beßern Landes, welche die innere Beschaffenheit verschleiert. Der Säemann − aus Täuschung oder Tugend, − streut auf die dünne Decke seinen Samen. Der wird aufgenommen und bedeckt, keimt und sproßt; aber natürlich, bald ist die Wurzel auf dem Felsen angelangt, weiter kann sie nicht, ihre Sehnsucht nach warmer, feuchter Tiefe wird getäuscht und von innen heraus verdorrt nun die edle, betrogene Pflanze. Kommt nun vollends eine Wirkung von außen dazu, fallen die Strahlen einer heißen, Gottes Pflanzen ungünstigen Sonne auf das Kraut, das keinen Nachhalt aus der Tiefe hat, so ist des Samens gehoffte Frucht dahin, bevor es zum Fruchttragen kam. So, meine Freunde, sind die Herzen, die eine äußerlich empfängliche, verständige, empfindsame Weise haben, denen aber das Harte im Innern nicht geschmolzen, der Bann tiefinnerer Unempfindlichkeit nicht gelöst ist, denen es für das Evangelium, wie man sagt, an der rechten Tiefe fehlt. Das Herz ist nicht gebrochen; die natürliche Erstarrung für das Gute ist nicht weggenommen; da ist kein Gefühl, keine Gewisheit des gründlichen Verderbens, kein heller Blick in diese finstre Nacht, kein erwachtes und erstarktes, kein gründliches, dauerndes Verlangen nach einem neuen Wesen. Es ist alles noch das Alte − und das Bißchen äußere Erde und Weichheit ist weiter nichts, als ein Mittel des Selbstbetrugs, man gefällt sich in seiner oberflächlichen Empfindsamkeit, hält sie am Ende grade für das rechte Maß, in welchem die Einflüße des göttlichen Wortes zuzulaßen seien, − und so dient sie nur desto mehr zu einer unglücklichen Abwehr tieferer, durchgreifender Bemächtigung der Seele. Es muß kurzum erst gelungen sein, Buße im Herzen zu erwecken, ehe das göttliche Wort eine wuchernde Saat guter Werke und der Heiligung werden kann. Die Buße bereitet das Herz, macht es weich und tief empfänglich für alles Gute; wer aber den Stein im Herzen noch nicht gefunden und mit seinen Thränen erweicht hat, an dem ist die Saat verloren.

 Wenn in den beiden ersten Bodengattungen eine doppelte Verhärtung des menschlichen Herzens, die äußerliche und die innerliche, dargestellt wird; so hat man zugleich zu bedenken, daß die erstere schlimme Herzensbeschaffenheit die andere nicht nothwendig ausschließt. Es kann Ein Menschenherz beide Beschaffenheiten haben; es kann zur inneren Verhärtung auch die äußere Flachtretung und Kruste kommen, − und dann ist der Jammer doppelt groß, ja mehr als doppelt, wenn man bedenkt, daß der Mensch weder von dem einen, noch vom andern zu wißen pflegt.

|  In der dritten Bodengattung ist uns eine Art von natürlicher Empfänglichkeit für alles, für Gutes und Böses geschildert, bei der es aber dahin ausgeschlagen ist, daß das Böse wuchernd überhand nahm und für das Gute wenig Hoffnung und Möglichkeit übrig ließ. Menschen von dieser Beschaffenheit begegnen einem im Leben nicht selten. Es sind die, welche sich mit den Fröhlichen freuen und mit den Weinenden weinen, aber nicht aus Tugend, sondern weil sie so weich sind, daß sie keinem Eindruck Widerstand leisten können. Am Morgen faßen sie in der Kirche die besten Vorsätze und beweinen ihren Leichtsinn, am Abend spielt ihnen die Welt ihre verführerischen Lieder mit dem gewohnten siegreichen Erfolg. Die Thräne der Andacht und der Jubel der Sinnenfreude sind ihnen gleichverwandt. Sie sind des Hosiannas fähig, wie des Kreuzige. Je nachdem man sie von etwas Gutem oder Bösem ergriffen sieht, kann man sie für Kinder des Lichtes oder der Bosheit halten. Im Grunde aber sind sie doch Kinder der Bosheit und werden auch als solche erfunden. Das Herz ist einmal von Natur böse, es neigt sich zum Bösen immer mehr und lieber und wird davon auch je länger, je mehr beherrscht. Diese Herzensbeschaffenheit ist um so gefährlicher, weil sie dem Menschen so gar viel Anlaß zum Selbstbetrug gibt, wohl noch weit mehr, als die zweite, von der wir gesprochen haben. Nimmt man doch das Gute auch auf! Kennt man doch geistliche Eindrücke! Man hat innere Erfahrungen; man versteht die Rede derer, die ins Labyrinth innerer Wege eingeweiht sind; man kann mitreden, mitklagen und mitwimmern. Es kann kommen, daß man sich andern, vielleicht viel entschiedeneren, redlicheren Christen gleich stellt, daß man doch auch einen gewissen, ja gar einen ziemlich hohen Grad inwendigen Lebens erreicht zu haben glaubt. Ja, man kann sich einbilden, in einem siegreichen Kampf zu stehen und mit dem Apostel Gemeinschaft machen zu dürfen, der gerufen hat: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes!!“ Und doch wühlt inwendig die Wurzel der bösen Saat, senkt sich tief ein, greift weit um sich, wird des Landes mächtig, das Gute erstickt sammt der Liebe dazu, man wird lau, nachsichtsvoll gegen alles Uebel in sich und andern, weitherzig, voller Liebestraum, voll Schonung für Welt und Weltlust, selbst weltförmig und weltlustig, − und je länger je mehr zeigt es sich und tritt es heraus, wie grauenhaft das Böse gesiegt hat, wie hochbedenklich, hochgefährlich es ist, wenn das Herz nicht einfältig und rein ist. Denn das ists, was bei dieser Herzensbeschaffenheit mangelt: Einfalt und Reinigkeit mangelt, − und ohne diese ist Weichheit und Tiefe nur Sündentiefe, nur Ackerland für eine reiche, grausige Aernte der Hölle. − Es ist wahr, diese Herzensbeschaffenheit ist grade die entgegengesetzte von der vorigen, aber beßer ist sie nicht.

 Dagegen die vierte ist gut, aber eben deshalb keine natürliche Beschaffenheit, sondern ein Werk der Gnade. Keine äußere Kruste, kein inwendig verborgener Fels, keine Hingebung zugleich an böse Einflüße ist da. Gottes vorlaufende Gnade, Gottes Beruf und Licht hat da schon eine Wirkung gethan, und wenn nun das Wort kommt mit den Kräften der zukünftigen Welt und in die Seele strömt, da ists, wie wenn der Same in ein bereitetes, wartendes Land niederwallt. Der Same wird aufgenommen; es keimt, sproßt, wächst und reift, wie wenn es sich so schon längst und von selbst verstanden hätte, und der ganze nachfolgende herrliche Zustand, da hundertfältige Frucht die gute Saat belohnt, ist nur ein Beweis, wie auserwählt und gesegnet die Beschaffenheit der Seelen ist, in der man Gottes Wort hört und bewahrt in einem feinen und guten Herzen.

 Da haben wir also viererlei Herzensbeschaffenheit: die erste läßt den Säemann ohne Aernte, die zweite hat nicht lange, die dritte nicht viele Frucht, aber die vierte, die ist reich, die ist fruchtbar. Es ist so, meine Freunde! Das fruchtbare Land ist nur der vierte Theil, und der ist wohl nicht mit der Ruthe abgemeßen, nicht im genauen Verhältnis eines Viertheils zu der ganzen Menschheit. Es ist also das gute Land der unverhältnismäßig kleinere Theil, und es folgt daraus unzweifelig eine Minderzahl derjenigen Seelen, die Frucht bringen fürs ewige Leben. Es sagen so viele andere Bibelstellen dasselbe! Wenn Christus von einem schmalen Wege spricht, den wenige finden, und von einem breiten, auf welchem Unzählige zur Hölle wandern, − wenn Er ausruft: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“: ist es etwas anders? Werden wir nicht aus dem Munde der Wahrheit die gewisse Lehre annehmen und gelten laßen müßen, daß Gottes Wort seiner heiligenden Kraft und Wirkung auf die Mehrzahl der Menschen durch deren eigene Schuld verlustig| geht, daß für die Kirche keine Hoffnung da ist, jemals zu werden, was sie nie gewesen, nemlich die große Mehrzahl der Menschen? Es gibt zwar Stellen der heiligen Schrift, welche von einer großen Zahl der Kinder Gottes reden, ja St. Johannes sah ihrer eine unzählbare Menge aus allen Völkern und Heiden und Sprachen. Aber diese Stellen vergleichen nicht zwischen der Zahl der Seligen und Verfluchten, sie reden nur von der Zahl der Seligen an sich. Der Seligen ist allerdings eine große Zahl, aber gegen die Verfluchten gerechnet sind sie wenig. Und darum hat die evangelische Kirche gewis ein gutes Recht gehabt, aus der Minderzahl ihrer Glieder niemals einen Beweis ihrer Verwerflichkeit sich aufdringen zu laßen, niemals der römischen Kirche einen Vorzug bloß deswegen zuzuerkennen, weil sie so zahlreich ist. Die Zahl ists nicht, aus der man beweisen kann, sonst müßte sich das Urtheil über alle Dinge umkehren. Dann wären viele, wie berufen, so erwählt, der gute Weg wäre breit und das gute Land wäre das meiste. Laßen wir drum nur stehen und gelten, was der HErr gesprochen, daß die Kirche klein ist, daß nur wenige selig, nur wenige heilig und reich an Früchten werden. Das gehe uns warnend zu Herzen, und wirke in uns eine Ueberlegung und Prüfung unser selbst, ob wir gutes Land sind und Hoffnung haben, selig zu werden, ob wir fruchtbares Land sind und des HErrn Wohlgefallen mit uns ist.

 Was wir bisher vorgetragen und vernommen haben, haben wir aus einem der vielen Gleichnisse des HErrn gelernt. Für Seine ewigen, von keinem Auge entdeckten Wahrheiten entlehnt der HErr das Kleid von Dingen dieser Erde. Er lehrt uns damit, daß die irdischen Dinge göttlicher Gedanken voll, Träger himmlischer Wahrheiten sind, als solche angeschaut und betrachtet werden sollen. Die sichtbare Welt wird uns dadurch voll Bedeutung, ehrwürdig, lehrhaftig, eine Schule himmlischer Weisheit. Dennoch ist es der Mühe werth zu fragen, warum der HErr Sich dieser Form zu lehren so oft und gern bedient, warum Er nicht lieber gerade heraus geredet hat. Es gibt bei uns so viele Leute, welche es für ungeziemend, fast für kindisch halten, in Gleichnissen belehrt zu werden, und es wäre dies bei dem sonst gerne heitern, der Lust zugewandten Leben der Menschen unsrer Zeit gar nicht zu begreifen, wenn sie sich nicht allewege als unkindlich erwiesen und darum auch den kindlich heitern Ernst des Gleichnisses verkennen müßten. Der HErr ist ganz anders gesinnt: Er liebt das Gleichnis. Wer von der Lieblichkeit Seiner Gleichnisse nicht angezogen wird, muß Seine Reden ungelesen laßen, damit er nicht an Ihm und der Gestalt Seiner Rede sich ärgere und versündige. Es ist aber auch gar nicht abzusehen, warum das Gleichnis für das Publikum dieser Tage ungeziemend sein soll, warum kindisch. Das Gleichnis, wie das Räthsel hat sein bescheidenes Maß von Anforderung an die geistige Kraft seiner Zuhörer. Die Gleichnisform der Rede verhüllt einigermaßen die Wahrheit; wer den Schlüßel nicht hat, den Vergleichungspunkt nicht kennt, merkt wohl, daß hier etwas verborgen sei, was aber, das wird ihm nicht so leicht deutlich, und es bleibt uns drum immer die Frage übrig: Warum redet der HErr so gerne in Gleichnissen? − Die Antwort wird so schwer nicht sein, liebe Brüder. Der Mensch, so wie er ist, ist kein Freund von Gesprächen über ewige und geistliche Dinge, sein Ohr ist für nichts ekeler, als für sie. Während er Stunden lang in Hitze, Kälte und unbequemer Lage Gesprächen über Dinge dieser Welt zuhört, fühlt er sich bei geistlicher Unterhaltung gleich anfangs gelangweilt, Schläfrigkeit und Schlaf befällt ihn oft unwiderstehlich, und wie wenig er sich dem Guten und Himmlischen verwandt fühlt, wie wenig er drüber fragen, forschen und sinnen mag, kann man doch an hundert Beispielen täglich sehen, auch wenn man selbst durch die Gnade Gottes eine Ausnahme macht. Es muß deswegen die erbarmende Liebe sich, gleich einer Mutter zum unverständigen Kinde, herunterlaßen und die himmlische Wahrheit mit irdischer Schöne bekleiden, auf daß sie reizend werde für den irdischen Sinn der verlorenen, irrenden Menschenkinder. Und gerade das geschieht im Gleichnis, welches seiner Natur nach die Wahrheit ein wenig verhüllt, indem es dieselbe versinnlicht, und gerade durch diese Verhüllung desto mehr zum Verständnis des Versinnlichten reizt und die menschliche Frage, das menschliche Forschen herausfordert. Wißbegier, Nachdenken ist beabsichtigt, und der Mensch soll vermocht werden, der Wahrheit nachzugehen, die er, wenn sie sich ihm unverhüllt offenbart, so oft ungegrüßt und unbeachtet vor sich vorübergehen läßt.

 Hätte nun der HErr in Gleichnissen geredet, ohne| Schlüßel und Auslegung zu geben, so würde Er zwar die Begier erregt haben, Seine Wahrheit zu verstehen, aber würde auch dem Menschen, der seines Gottes deutliche Worte nicht schonet, sondern nach eigenen Einbildungen auslegt, Veranlaßung gegeben haben, seinen Witz und Eigensinn desto mehr am dunkeln Worte zu üben. Was hälfe aber ein buntes Durcheinander menschlicher Auslegungen, was auch das eifrigste Geschrei rechthaberischer Forscher, wenn es keine göttliche Entscheidung und keine Beruhigung der Gemüther durch die unfehlbare, eigene Auslegung JEsu Christi gäbe? Darum erregt der HErr nicht allein die Begier, sondern Er stillt sie auch: wir haben Seine Auslegungen zu Seinen Gleichnissen. Durch die liebliche Form des Gleichnisses öffnet Er das Ohr und durch die Auslegung wird alsdann der Mensch der Wahrheit doppelt froh. So zeigt sich also gerade die Gleichnisform der Reden JEsu als sehr heilsam; und doch ist es auch völlig wahr, wenn der HErr zu Seinen Jüngern spricht: „Euch ists gegeben, zu wißen das Geheimnis des Reiches Gottes, den andern aber in Gleichnissen, daß sie es nicht sehen, ob sie es schon sehen, und nicht verstehen, ob sie es schon hören.“ Die Jünger hören die Gleichnisse JEsu und das Volk hört sie auch; aber die Jünger bekommen die Geheimnisse des Himmelreichs zu wißen, weil sie darnach fragen, weil sie nicht zufrieden sind, durch die gehörten Gleichnisse zu einem kurzen, vergänglichen Bedenken geweckt worden zu sein, sondern zum Sinne der Reden durchzudringen begehren. Die andern sind auch angeregt, ihr Ohr ist zum Hören, ihr Auge zum Sehen geschärft. Aber man forscht und fragt nicht; man bedarf der Auslegung, des Kernes der Worte Christi nicht so sehr; man kanns vertragen, das geschärfte Aug und Ohr zurück ins gewohnte Treiben zu tragen und den Blick wieder stumpf und todt werden zu laßen. Was ist da zu sagen? Dein Gott setzt Sich an deinen Weg, an den eitlen Markt deines Lebens, singt und spielt dir, lockt und ladet dich ein mit tausend süßen Weisen − und Seine heimliche Weisheit geht dir in lieblichen Gestalten nach und öffnet ihre Pforten: Du aber ahnst und merkst nichts, willst und magst nichts davon merken, daß Gott dich mit Mutterlauten und Mutterhänden sucht? Du bist zu reich und groß und alt und weise für das alles? − „Solcher Verdammnis ist ganz recht“. In der That, das heißt sich selbst des ewigen Lebens verlustig machen und des HErrn herablaßende, wohlwollende Güte zu Schanden machen, so weit man das von einem Menschen sagen kann, − und den frommen Gott für Seiner Wahrheit heiliges Spiel unter den Menschenkindern mit Undank lohnen.

 Und nun, meine Freunde, erlaubet mir, die Anwendung von dem allem auf euch zumachen. Man kann die Wahrheit hören, man kann sie anerkennen, und, − sollte mans denken? − man kann dabei ganz leer ausgehen, gar keinen Segen davon haben, hungrig von der vollen Tafel aufstehen und ungewaschen vom Bade gehen, weil man keinen Gebrauch für sich selbst macht. Darum ist es eine Pflicht der Seelsorger und Prediger, nicht bloß Sinn und Meinung der Texte ihrem Volke näher zu bringen, sondern auch zu deren Anwendung und damit zum Segen und zum Genuß der himmlischen Kräfte anzuleiten, welche im Worte Gottes verborgen liegen. So laßt mich denn auch heute mein Amt unter euch thun und nehmet freundlich auf, was ich euch in Gottes Namen sage.

 Euch, meine Brüder, wird nicht bloß Gleichnis, sondern auch Auslegung gegeben. Beides wird euch nicht bloß vorgetragen, es wird euch nachgetragen. Ihr habt allewege mehr, als das jüdische Volk zu Christi Zeit. Was der HErr den Juden öffentlich, was Er den Jüngern heimlich sagte, das habt ihr alles. Der Juden Gleichnisse, der Jünger offenbare Weisheit, es steht euch alles zur Seite. Eure Augen werden sehend, eure Ohren hörend gemacht durch die Gleichnisse, eure Seelen können durch die Auslegungen befriedigt werden. Was für eine Verantwortung steht euch also bevor, wenn ihr der himmlischen Weisheit nicht achtet! Wenn die Juden verloren giengen, geschah ihnen nur ihr Recht; doppelt Recht geschieht euch, wenn ihr verloren geht. Das bedenket und davor hütet euch!

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 Es ist, meine Lieben, insbesondere heute das Gleichnis vom vierfachen Ackerwerk vor euren Ohren ausgelegt worden. Prüfet euch vor allem an diesem! Es ist wahr, es geht einem mit diesem Gleichnis leicht wie mit den leiblichen Krankheiten. Ein Mensch, der von den Krankheiten des menschlichen Leibes liest, ohne| doch ein rechtes Verständnis zu haben, kommt leicht auf den Gedanken, daß er viele Krankheiten zugleich in seinem Leibe habe. So kann ein Mensch, der sich rücksichtlich der vierfachen Bodengattung prüfen will, etwas vom Weglande, etwas vom Felsenland, etwas vom Dornenland in sich entdecken, aber nichts vom guten Lande, und es kann ihm sehr bange werden. Aber man forsche nur tiefer und überlege genauer und es wird sich doch finden, daß auf einen jeden Menschen eine Bodenbeschaffenheit vorzugsweise paßt, daß ein jeder Mensch seiner natürlichen Anlage nach entweder Wegland oder Felsenland oder Dornenland sei. Man prüfe seine Anlage und nehme es mit dem Grundfehler genau. So weit kommt leicht ein jeder, zu erkennen, daß es ihm irgendwo fehle, daß er nicht sei, wie er solle, − und jeder sehnt sich am Ende auch nach Heilung. Aber wie soll man sich um Heilung recht bekümmern und die gewiesenen Wege zu ihr einschlagen, wenn man das Grundübel nicht erkennt, an dem man eigentlich krankt? Es ist nichts Angenehmes, sich genau beobachten und erforschen; es gibt so viele traurige Wahrnehmungen dabei. Aber nothwendig bleibts doch und es sollte keiner sein Auge von sich und unserm Gleichnis wenden, bis er vergleichend herausgebracht hat, zu welcher Bodengattung sein Herz gehört.
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 Freilich ist man damit, daß man sich so erkennt, noch nicht heil. Die Erkenntnis des Grundfehlers ist nicht an und für sich selbst schon heilsam, so wenig ein Land oder Acker damit, daß sie in ihrem Fehl und Mangel recht erkannt wurden, auch schon geändert, urbar und fruchtbar gemacht sind. Aber es ist doch mit der Erkenntnis des Fehls zugleich auch in einem gewissen Maße die Erkenntnis deßen gegeben, was man nöthig hat, das Auge geschärft, den Weg des Heils zu suchen, und man weiß, wogegen, und im Allgemeinen auch, um was man zu bitten hat. Und damit haben wir immerhin die Thür zur Hilfe in der Hand! Denn wir dürfen um alles bitten, warum nicht um Umänderung unserer Seelen zu einem fruchtbaren Ackerland Gottes? Oder meint jemand, das Gleichnis dieses Sonntags habe den Sinn, daß ein jeder Mensch zu dem Ackerlande, zu welchem er sich in einer Zeit seines Lebens zu rechnen hat, auch unverändert und immerdar gehören müße? Das hieße weit abkommen von der göttlichen Wahrheit! Wir haben, mögen wir nun durch Anlage und Geburt sein, wer und wie wir wollen, den großen Trost, daß wir nicht unveränderlich, noch unverbeßerlich sind. Es ist ja von Natur keines Menschen Herz feines und gutes Land. Gibt es aber Land dieser Art, wie denn schon unser heutiger Text das ganz gewis sagt, so muß es gut geworden sein. Ist aber eins gut geworden, warum sollte ein anderes böse bleiben müßen? Der Weg kann umgegraben, der Fels zerschlagen und zermalmt, das Dornenland gereinigt werden − und das alles durch dasselbige Wort, das in unserm Gleichnis als Same dargestellt ist, das aber von dem HErrn und Seinem Geiste auch einem Hammer, einem Waßer, einem Feuer verglichen wird, weil es des Hammers zerbrechende, des Waßers und Feuers erweichende, auflösende, schmelzende, reinigende, läuternde, heilende Kraft besitzt. So wie wir also erkennen, an welchem Gebrechen unser Herzensboden leidet, so wenden wir uns um Hilfe zu Dem, der helfen kann, der auch helfen will, und bitten um Aenderung unserer Seelen. Er hat es gesagt und es ist geschrieben: „Gott will, daß allen Menschen geholfen werde:“ darauf hin können wirs wagen und zu Ihm beten. Wir können mit Jakob rufen: „Ich laße Dich nicht, Du segnest mich denn“, können zubeten, bis der Weg sammt den Vögeln, der Fels sammt der Hitze, das unreine, geile Wesen des Erdbodens sammt allem Unkraut hinweggethan und gutes Land geworden ist. Bei Menschen ist freilich Beßerung und Seligkeit unmöglich; aber der HErr, der Sich unsrer Seelen in Christo JEsu herzlich angenommen hat, ist reich und mächtig über alle und vermag alles − aus Steinen Abrahams Kinder, aus faulen Bäumen gute, aus bösem Lande heiliges, fruchtbares Land zu machen, und wir können und sollen es an uns selbst erfahren.

 Wohlan denn, geliebte Brüder, weil wir das wißen, so wollen wir auch Fleiß thun, daß wir die Zeit nicht versäumen, die uns zum Heile gegeben ist. Das Wort des HErrn leuchte uns in unsre Seele, daß wir uns erkennen: wir wollen den jammervollen Blick in unsre Nacht nicht scheuen, so grell auch ihre Finsternis im Lichte des HErrn sich zeigen mag. Und| unser Gebet, unser Flehen höre, nachdem wir uns erkannt, nicht auf, bis wir erhört, vom Fluch alles Landes erlöst und fruchtbar Land geworden sind. − Der HErr verleihe, daß keiner aus dem Leben weggerißen werde, bis er sich erkannt, bis er anders und erneuert worden ist! Amen.




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