Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Septuagesimae

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« Epiphanias 06 Wilhelm Löhe
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Am Sonntage Septuagesima.

Evang Matth. 20, 1–16.[1]
1. Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der am Morgen ausgieng, Arbeiter zu miethen in seinen Weinberg. 2. Und da er mit den Arbeitern eins ward um einen Groschen zum Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. 3. Und gieng aus um die dritte Stunde, und sahe andere an dem Markt müßig stehen, 4. Und sprach zu ihnen: Gehet ihr auch hin in den Weinberg, ich will euch geben, was recht ist. 5. Und sie giengen hin. Abermal gieng er aus um die sechste und neunte Stunde, und that gleich also. 6. Um die elfte Stunde aber gieng er aus, und fand andere müßig stehen, und sprach zu ihnen: Was stehet ihr hier den ganzen Tag müßig? 7. Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand gedinget. Er sprach zu ihnen: Gehet ihr auch hin in den Weinberg; und was recht sein wird, soll euch werden. 8. Da es nun Abend ward, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Schaffner: Rufe die Arbeiter, und gib ihnen den Lohn; und heb an an den letzten, bis zu den ersten. 9. Da kamen, die um die elfte Stunde gedinget waren, und empfieng ein jeglicher seinen Groschen. 10. Da aber die ersten kamen, meineten sie, sie würden mehr empfangen, und sie empfiengen auch ein jeglicher seinen Groschen, 11. Und da sie den empfiengen, murreten sie wider den Hausvater, 12. Und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleich gemacht, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. 13. Er antwortete aber und sagte zu einem unter ihnen: Mein Freund, ich thue dir nicht unrecht. Bist du nicht mit mir eins geworden um einen Groschen? 14. Nimm was dein ist und gehe hin! Ich will aber diesem letzten geben, gleichwie dir. 15. Oder habe ich nicht Macht, zu thun, was ich will, mit dem Meinen? Siehest du darum scheel, daß ich so gütig bin? 16. Also werden die Letzten die Ersten, und die Ersten die Letzten sein. Denn viel sind berufen, aber wenig sind auserwählet.

 BEi diesem Evangelium, meine geliebten Brüder, wollen wir uns einmal mit den Einzelheiten gar nicht einlaßen, sondern wir wollen hauptsächlich auf die Absicht sehen, welche unser HErr JEsus Christus im Auge hatte, als Er es sprach. Wir wollen also keine besondere Rücksicht auf die verschiedenen Stunden nehmen, in welchen der Hausvater seine Arbeiter gemiethet hat, und wollen es uns in Folge des auch| versagen, die schöne Lehre von der allgemeinen Berufung zu preisen. Eben so wollen wir auch nur wenig vom Abend des Arbeitstages und vom Schaffner, vom Ende der Welt oder des Lebens und von dem großen Richter reden, der im Namen des Vaters allen Arbeitern das Ihrige zutheilt. Alles das ist in unserm Texte nicht Hauptsache. Von dieser wollen wir reden, und sie können wir nicht beßer finden, als wenn wir das Evangelium in seinem Zusammenhang mit dem ihm vorausgehenden Capitel betrachten.

 Matthäus, Markus und Lukas erzählen, daß sich ein reicher Jüngling unserm HErrn genähert und nach dem Wege des ewigen Lebens gefragt habe, daß er aber von seinem Reichtum abgehalten worden sei, die von Christo bezeichnete Straße zu gehen. Darauf habe der HErr erklärt, daß ein Reicher nur schwer selig werden könne, und im Verlaufe hinzugesetzt, es sei überhaupt schwer und dem Menschen selbst geradezu unmöglich, selig zu werden. Darauf habe Petrus mit Beziehung auf die Liebe des reichen Jünglings zum Irdischen gesagt: „Siehe, wir haben alles verlaßen und sind Dir nachgefolgt: was wird uns dafür?“ Von diesem „was wird uns dafür“ hängt nun unser ganzer heutiger Text ab, denn er gehört zur Antwort auf diese Frage, − und es ist im ganzen Zusammenhang nichts, was den Satz widerlegte: „dieser Text belehrt uns über den Lohn, welchen Gott Seinen treuen Dienern gibt.“ Allerdings geben die Worte JEsu: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“ und die damit zusammenhängenden: „Die letzten werden die ersten und die ersten die letzten sein“ Standpunkte, von denen aus man besondere Betrachtungen unsers Textes anstellen könnte; aber es wird doch immer die einfachste Betrachtungsweise sein, eine Antwort aus der Frage, also dieß Gleichnis unsers HErrn aus der Frage Petri: „Was wird uns dafür?“ zu verstehen. Ich werde deshalb wohl auch nicht fehlen, wenn ich euch einlade, mit mir nach unserm Evangelium eine Betrachtung über den Lohn Gottes zu halten. − Sicheren Verständnißes wegen will auch ich alles, was ich zu sagen habe, in die Form von Antworten auf folgende Fragen zusammenfaßen:

1. Gibt es im Reiche Gottes einen Lohn?
2. Worin besteht der Lohn?
3. Für wen gibt es einen Lohn?
4. Kann man Lohn empfangen und doch verwerflich werden?
5. Ist eine und dieselbe Sache immer nur Lohn oder kann sie auch jemand empfangen, ohne daß sie Lohn ist?

 Der HErr verleihe mir Gnade, eine jede Frage richtig und nach ihrem Maße zu beantworten; euch aber schenke Er Licht und Recht, in den Antworten zu erkennen und lebendig anzunehmen, was wahr ist.


 1. Die erste Frage, ob im Reiche Gottes von einem Lohne die Rede sein könne, habe ich mit Ja zu beantworten. Um dieß Ja zu beweisen, bedarf es kaum mehr als einer Hinweisung auf den bereits aufgezeigten Zusammenhang des Textes. „Wir haben alles verlaßen und sind Dir nachgefolgt, was wird uns dafür?“ Das ist doch wohl eine Frage Petri nach Lohn, welche der HErr, wenn Er von einem Lohne überhaupt nichts hätte wißen wollen, zurückgewiesen haben würde. Er weist sie aber nicht zurück, sondern Er verspricht Seinen Jüngern Throne, setzt ganz unaufgefordert eine Verheißung für alle hinzu, welche um Seinetwillen Entbehrungen erdulden würden, und erzählt überdieß unser Textesgleichnis, in welchem der Groschen des Lohns, die Verhandlungen über den auszutheilenden Lohn, die Austheilung des Lohnes und die Beurtheilung desselben den gesammten Inhalt ausmachen und eben so den Inhalt der Auslegung ausmachen müßen. Daraus ist allein schon offenbar, daß es irgend eine rechte Lehre von einem Gotteslohne in der heiligen Kirche geben muß, und dieser Blick in unsern Text reicht gewis hin, uns des Ja’s völlig gewis zu machen, das ich auf unsre erste Frage gesprochen habe. Indes erinnere ich euch doch noch zum Ueberfluß, daß in der heiligen Schrift neuen Testamentes auch sonst gar oft vom Lohne die Rede ist. Denket z. B. nur an eine Stelle der Bergpredigt (Matth. 5, 12.), wo es heißt: „Euer Lohn wird groß sein im Himmel!“ Denket an die ersten Capitel St. Pauli an die Römer, an Vers 7. u. 10. des 2. Capitels, wo Preis und Ehre und Friede und unvergängliches Wesen denen versprochen wird, die Gutes thun, die mit Geduld in guten Werken nach dem ewigen Leben trachten. Ist da nicht vom Lohn die Rede? − Und wie viele Stellen könnte man sonst aus der heiligen Schrift anführen, wenn nicht schon| die angeführten über allen Zweifel erhaben wären und uns die volle Erlaubnis gäben, diese erste Frage als beantwortet zu betrachten und weiter zu gehen. Gott ist ein rechter Richter, Er wird es mit der That beweisen und beweist es bereits alle Tage, daß Er einen Lohn hat und austheilt.

 2. Aber eine andere Frage ist die: worin besteht der Lohn? − Der Hausvater im Gleichnis versprach den ersten Arbeitern, welche er in seinen Weinberg miethete, einen Groschen zum Tagelohn: was bedeutet dieser Groschen in der Auslegung? In Beantwortung dieser Frage könnte man sagen: Der Abend ist das Ende der Welt, der Schaffner ist Christus, der Groschen ist das ewige Leben. Damit hätte man allerdings das ewige Leben in Verbindung mit dem Verhalten der Menschen gebracht und ewiges Wohl und Wehe von dem Verdienste Christi los und von den Werken der Menschen abhängig gemacht, und widersprochen wäre damit allen den Stellen der heiligen Schrift, welche das Gegentheil sagen, ja diese Stelle wäre einzig in ihrer Art, weil sie allein ewiges Leben als eine Frucht unserer armseligen Werke darstellen würde. Und was ohne Zweifel auch zu erwähnen ist, woraus die Widersinnigkeit dieser Auslegung zuallernächst dargethan werden könnte: es empfiengen die einen, welche des Tages Last und Hitze getragen, das ewige Leben wirklich als Lohn, nach Vertrag und Recht, und die weniger gearbeitet haben, empfiengen es aus Gnaden, weil diese doch jeden Falls nicht Anspruch darauf machen könnten, so viel zu empfangen, wie die andern, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Es wäre dann im Verhalten Gottes allerdings eine Ungleichheit. Was aber noch mehr hervorgehoben werden muß, ist das: murrende, neidische, undankbare, d. i. ungeheiligte, unreine Seelen könnten dennoch eine Arbeit leisten, welche Gott mit dem ewigen Leben bezahlete, im ewigen Leben gäbe es Reine und Unreine und der Himmel wäre, wie die Erde, ein Gemisch von Guten und Bösen, wo keine Scheidung zwischen Schafen und Böcken, kein Gericht eingegriffen und eine Versammlung von wahrhaft Heiligen hergestellt hätte. Wozu dann der Himmel? Was für einen Vorzug vor der Erde hätte er dann? Was für eine Seligkeit wäre bei ewigem Gemisch des Guten und Bösen zu denken? Und warum müßte dann die arme Seele den Leib verlaßen, als nur dazu, ewige Seelenpein zu finden, − warum ihn am jüngsten Tage wieder annehmen, als um ihre Qual voll zu machen?

 So viel sehen wir also doch wohl klar, das ewige Leben ist nicht der Groschen, und damit haben wir zur Lösung unsrer Frage die Hauptsache schon gewonnen. Es liegt mächtig viel daran, so recht zweifelfrei und unangefochten zu wißen, daß das ewige Leben ein freies Gnadengeschenk des großen Gottes ist, und daß keinerlei Werke des Menschen die Gnade erwerben können, „die uns errett vom Sterben.“ − Indes so hohen Werth die gewonnene Erkenntnis für uns hat, völlig zufrieden geben können wir uns damit doch nicht. Wir müßen nicht bloß wißen, was der Groschen nicht sei, sondern auch was er sei, was wir unter dem Lohne zu verstehen haben, der auf die Arbeit der Arbeiter, auf das Verhalten der Menschen gesetzt ist.

 Ehe wir nun hierauf die einfache Antwort geben, sei es mir erlaubt, ein wenig abzuschweifen. Es geschieht nur, um zum voraus den möglichen Misverstand unsrer Antwort zu beseitigen. − Im gewöhnlichen Leben wird der Lohn nach der Arbeit abgewogen. Mag nun die Arbeit in dem ihr zugemeßenen Lohne wirklich etwas ihr Gleiches an Werth finden, wogegen sie sich austauschen kann, oder mag der Maßstab, den man hiebei anlegt, auf Einbildung beruhen, das ist gleich; genug daß es hiefür einen Maßstab gibt, der allerseits als richtig anerkannt, nach welchem zu Recht geurtheilt wird, und daß es ein allgemein geltender Grundsatz ist: Wie die Arbeit, so der Lohn; der Lohn wird nach Verdienst gegeben. Diese Gedanken müßen ganz und gar aus der Betrachtung weggelaßen werden, die wir über den Gotteslohn begonnen haben. Der Hausvater wird mit den Arbeitern eins über einen Groschen zum Taglohn, er bewilligt einen Groschen, er hätte ihn verweigern können, es war, − wenigstens im Sinne der richtigen Auslegung ist das so − es war reine Güte, daß er ihn bewilligte, und verdienter Lohn war er für die, welche den ganzen Tag gearbeitet hatten, eben so wenig als für die, welche nur eine einzige Stunde im Weinberge thätig gewesen waren. Der Mensch ist keines Lohnes werth, keine seiner Thaten verdient etwas bei Gott. Wenn Gott einen Lohn für dieß oder das festsetzt, so ist Norm und Regel aus dem Reiche der Gnade genommen und die wahre Lehre von dem Gotteslohne schließt alles menschliche Verdienst aus. Gnadenlohn ist der rechte Name| für allen Gotteslohn, den wir empfangen. Das ist ja so völlig wahr, daß auch der Wille, der Muth, die Kraft, die Geduld zu guten Werken Gnade von Gott sind und daß Gott, wenn Er uns für irgend etwas eine Krone reicht, im Grunde nur Seine eigenen Werke krönt.

 Wenn man nun nach alle dem zu mir spräche: „So sag’ uns kurz und gut, was ist der Groschen, was ist unter dem Gotteslohne zu verstehen?“ so würde ich antworten: „Unter dem Groschen ist alles zu verstehen, was der HErr nach Seiner großen Gnade als besondere Verheißung auf das Verhalten der Menschen, im Einzelnen gesetzt hat.“ Es gibt zeitliche, es gibt ewige Verheißungen; es gibt geistige, es gibt leibliche; es gibt Preis und Ehre und unvergängliches Wesen; es gibt Apostelthrone, Sternenglanz und Würden und Aemter jenseits; es gibt Macht über zwei und über zehen Städte in der neuen Welt; es gibt hier auf Erden Sieg, Ruhe, Freude, langes Leben, Reichtum; − es gibt, man sehe nur die heilige Schrift drauf an, mancherlei einzelne Verheißungen Gottes für einzelne Arten und Stufen der Treue und Bewährung, und was wir nur der Art lesen, das gehört alles hieher, das gehört alles zum Groschen, das ist alles zusammengefaßt in das große Wort „Gnadenlohn“.

 3. Hiemit, geliebte Brüder, haben wir die Hauptfrage unter fünfen beantwortet. Damit sind die Antworten auf die noch übrigen schon bedingt und können leicht gegeben werden. Wir werden das alsbald an der dritten Frage merken: „Für wen gibt es Lohn?

 Unsre Antwort ist diese: Der Lohn Gottes ist theils ein solcher, den alle Menschen ohne Rücksicht, ob sie Christen oder Unchristen seien, empfangen können, theils ein solcher, welcher nur Christen verheißen ist. Gottes Verheißungen erstrecken sich zum Theil wie Regen und Sonnenschein, wie die Wohlthaten Seiner allgemeinen Liebe überhaupt, auf alle Welt, auf Seine Feinde, wie auf Seine Freunde. Es gibt aber auch Verheißungen, welche keiner auf sich beziehen kann, der nicht zum Reiche Gottes gehört. Zu der ersten Klasse gehört z. B. jene Verheißung Gottes: „Fleißige Hand macht reich.“ Reichtum ist also ein Lohn des Fleißes. Fleißig sein kann jeder, der Christ und der Unchrist; also kann auch jeder, der Christ und der Unchrist den Lohn des Fleißes empfangen. Zur zweiten Klasse gehören Verheißungen, wie diese: „Die Lehrer werden leuchten, wie des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.“ Lehrer, wie sie hier gemeint sind, die viele zu der wahren Gerechtigkeit weisen, gibt es nur im Reiche des HErrn; Verheißung und Lohn des himmlischen Glanzes ist also auf den Bereich der heiligen Kirche eingeschränkt.

 Daß unter den mancherlei Belohnungen die größten denjenigen zufallen werden, die mit Geduld in guten Werken nach dem ewigen Leben trachten, versteht sich von selbst, kann aber auch durch viele unmisverständliche Stellen der heiligen Schrift erwiesen werden. Es gibt innerhalb des Reiches Gottes mancherlei Gabe, darum mancherlei Treue und eben darum auch mancherlei Lohn. Gleichwie nicht ein Stern an Glanz ist, wie der andere, so ist auch nicht ein Christ wie der andere an Gabe und Treue und Lohn. Die Auserwählten, die dem Rufe Gottes zur Arbeit folgen und, während sie für Sein Reich arbeiten, zugleich an eigener, innerer Vollendung zunehmen, bei denen sich Gottes Macht inwendige wie durch sie nach außen erweisen kann, haben die größten Verheißungen, also auch in Hoffnung die größten Belohnungen. Beweis hiefür sind die heiligen Apostel, welchen Throne neben JEsu Thron verheißen sind. Zum Beweise können auch jene acht Seligpreisungen dienen, mit welchen der HErr Matth. 5. Seine Bergpredigt eröffnet; denn was sind sie anderes, als herrliche Gnadenverheißungen für verschiedene Arten und Stufen innerer Vollendung.

 Außerdem liegt es in unserem Texte klar zu Tage, daß niemand Lohn empfangen kann, als der da arbeitet, der mit Willen und Entschloßenheit Gottes Zwecke fördert. Ob einer an sich, ob er an andern arbeitet nach Gottes Sinn und Willen, ob er, wie es sein soll, beides thue: arbeiten muß er, und wie er arbeitet, bekommt er seinen Lohn nach der Verheißung des HErrn. Wir sehen im Gleichnis, daß von den Arbeitern im Weinberg manche murren, also inwendig keine sehr hohe Stufe der Vollendung erreicht haben, aber dennoch arbeiten, den ganzen Tag arbeiten und Abends Lohn empfangen konnten. Zur Arbeit waren sie berufen, ihre Arbeit haben sie geleistet, dieselbe wird auch nach dem Worte des Hausvaters angesehen und beurtheilt. So sehen wir, daß die andern, später gemietheten Arbeiter von dem Herrn wohl auch einen Groschen empfangen und zwar ohne Versprechen, also auch nicht im Sinne des Lohnes:| dennoch würden sie ihn auch als pur lautere, unverheißene Gnade nicht empfangen haben, wenn sie nicht gearbeitet hätten. Es können mancherlei Sünden und Mängel einem Menschen anhangen und er kann dennoch, weil er in einem Stücke dem Zug und Triebe des guten Geistes folgt und arbeitet, einen bestimmten Lohn empfangen; Müßiggang aber und Trägheit hat gar keine Verheißung, auf ihrem Boden wächst keinerlei Kranz und Krone, sie schließen von allem Lohn aus. Nichts kann gewisser sein, als daß der Gotteslohn, der aus reiner Gnade fließt, nur dem Fleißigen zu Theil wird. Dem Hoffärtigen widersteht Gott, und an dem Trägen geht Sein Segen vorüber mit verschloßener Hand.

 Ja, so gewis ist das, ein solcher Greuel ist dem HErrn die Trägheit, eine solche Zier ist in Seinen Augen der Fleiß, daß wir es wagen können, über unsern Text hinauszugehen, und im Sinne desselben zu behaupten, daß Gottes Wohlgefallen den Fleiß in irgend einem Guten, und den Wiederstand gegen irgend etwas Böses überall hin, bis in die weltlichste Welt, ja bis in die Hölle begleite, daß es Verheißungen, mit welchen dieser Satz zu beweisen ist, genug gebe und Gottes Lohn bei Seinen Feinden, und wenn mans recht verstehen will, selbst in der Hölle. Es kann einer z. B. ein Kind der Welt sein zehnfach, aber er kann etwa seinen Vater und seine Mutter in irgend einer Weise ehren; er kann aller bösen Dinge fähig sein, aber doch irgendwie die alten Eltern ehren, pflegen und ihnen sanft thun: meinst du, Gott im Himmel werde das unbelohnt laßen? Der HErr wird einem solchen Weltkinde Seine Treue halten und nicht zu Schanden werden laßen an ihm das Gebot, welches Verheißung hat. Und thun wir einen Blick in die Hölle! Sodom und Gomorrha soll es beßer ergehen, als Capernaum, sagt der HErr. Also gibt es selbst in der Hölle Stufen der Qual und Pein, also wird auch dort ein Unterschied gemacht, also mildert auch dort Gottes Verheißung bei etlichen das unaussprechliche und unabänderliche Elend, man kann auch dort eine manchfaltige Gerechtigkeit Gottes erkennen und man könnte es wagen, zu behaupten: die mancherlei Stufen der ewigen Qual werden durch das verheißende − wenn schon auch durch das drohende − Wort des HErrn abgegränzt, stufenabwärts bis zur Qual Beelzebubs steigt man an abnehmender, stufenaufwärts an zunehmender Verheißung, nur zu allerunterst ist gar keine Verheißung, kein Schatten irgend eines Lohnes, nichts als Erfüllung der Drohungen Gottes, nichts als Strafe. Der HErr, der Sich erbarmet aller Seiner Creaturen, wird nach Seinem Worte so Lohn wie Strafe, Herrlichkeit wie Qual zumeßen mit genauesten Maßen, auf daß der Preis Seines gerechten und grundgütigen Wesens, man verstehe mich recht, in der höchsten Höhe, aber auch von den ewig verlorenen Seelen und Zungen in der tiefsten Tiefe erschalle und nirgends verleugnet werde. Die Gnade bestimmt den Lohn, Gnade mildert die Strafe, Gnade hat das Recht festgesetzt, nach dem es seit dem Tage auf Golgatha hergeht, − Gnade und Recht gehen zusammen und ordnen Himmel und Hölle.

 Nach dem Gesagten können wir die aufgeworfene Frage: „Für wen gibt es Lohn?“ so beantworten, daß wir sprechen: Lohn gibts überall, nur nicht in der tiefsten Tiefe, wo Satan wohnt, nur nicht in der höchsten Höhe, wo Gott wohnt; zwischen inne ist überall Gnade und Gerechtigkeit in irgend einer Weise zu bemerken und ein Becher kalten Waßers, einem Jünger dargereicht, wird berücksichtigt, selbst wenn die Qualen der Hölle zugemeßen werden.

 4. Die fernere Frage: „Kann man Lohn empfangen und doch verwerflich werden?“ ließe sich auch so ausdrücken: „Geht der Lohn immer Hand in Hand mit dem ewigen Leben?“ Die Frage ist bereits beantwortet; was ich zu sagen habe, ist besondere Hervorhebung eines einzelnen, schon vorgetragenen Satzes. Wenn ein Seelsorger seinen Schafen in einer Predigt nichts zweimal sagen dürfte und bei Anordnung deßen, was er zu sagen hat, immer nur nach den Regeln eines strengen, übersichtlichen Zusammenhangs zu Werke gehen müßte, und niemals Erlaubnis, um nicht zu sagen „die Pflicht“ hätte, die Nothdurft seiner Hörer und das Heil ihrer Seelen vorwalten zu laßen: dann hätte ich diese Frage nicht aufzuwerfen brauchen: ich hätte mir das Reden und euch das Hören ersparen können. Ich erachte aber, daß eine nachdrückliche Wiederholung ganz am Ort ist. Wenn der heilige Apostel sagt: „daß ich euch immer einerlei schreibe, verdrießt mich nicht, und macht euch desto gewisser“; so erlaubt auch mir, euch unverdroßen etwas zweimal zu sagen, und laßt mir die Hoffnung, daß ihr dadurch desto gewisser werdet. Ich beantworte| also getrost meine Frage. Ja − man kann Lohn empfangen und im Ganzen doch verwerflich werden; nein − Lohn und Seligkeit gehen nicht unzertrennlich Hand in Hand. Zwar hat die Seligkeit innerhalb ihres Reiches hier und dort eine tausend- und aber tausendfache Abstufung des Lohnes, sie umschließt einen Himmel von Belohnungen; aber Lohn und Seligkeit sind nicht gleichbedeutend; wir haben gesehen, daß es Lohn auch außerhalb des Bereichs der Seligen gibt. Meinst du, die murrenden, neidischen, undankbaren Arbeiter haben Gott gefallen und Seine Seligkeit gewonnen? Gewis nicht. Alle Arbeit im Reiche Gottes und für dasselbe kann den Himmel nicht verdienen; aber verscherzen kann der Mensch den Himmel schnell, nemlich mit bösen Werken und mit faulen Früchten seiner Seele. Nicht alle, die das Reich Gottes auf Erden fördern und bauen, können des ewigen Lebens gewis sein; sondern nur die, welche neben ihrer Arbeit im Weinberg, in zunehmendem Wachstum des inwendigen Lebens sich und andern Beweis geben, daß ihr Glaube rechter Art ist. Der Glaube allein macht selig, das können wir ruhig beschwören; aber es gibt keinen wahren Glauben, der nicht nach jener Heiligung trachtete, ohne welche niemand Gott schauen kann. Der Glaube ist ein Licht; kaum ist er geboren, so leuchtet und wärmt er, er kann seine Art nicht leugnen. Gerade das Beispiel des Schächers am Kreuze, auf das man sich zu Widerlegung des berufen könnte, beweist dieß am meisten. Es war eine kurze Strecke, welche der Schächer im Glauben bis zum Schauen im Paradies zu wandeln hatte; aber wie hat sich sein Glaube erwiesen! Wie leuchtend ist des Schächers Buße, sein Beichten, sein Zeugnis gegen seinen mitgekreuzigten, unbußfertigen Genoßen, sein Zeugnis von Christo, sein Gebet zu Ihm, seine Demuth, sein Muth, seine Zuversicht, seine Inbrunst, seine Liebe! Da sieht man, wie der Glaube, wenn alle Erdenliebe und Hoffnung dahingefallen ist, schnell und mächtig zu Vollendung führen kann! − Zwar es muß nicht immer so rasch zur Vollendung gehen, nicht eben mit des Schächers Flügeln geht es immer bei denen vorwärts, die länger Zeit haben, sich in der Heiligung zu üben und zu bewähren. Aber vorwärts gehts doch, wo der Glaube thront, auch wenn manch gläubig Herz jammernd klagt und zweifelt. Am Ende, wenn die Summe gezogen werden soll, weist sichs aus: vielen, die nicht sahen, wie sie vorwärts kamen, erscheint ihrer Seelen Gestalt im letzten Strauß anders und sie merkens doch, daß sie nicht umsonst geglaubt haben, daran merken sies manchmal, daß ihnen, wie St. Petrus schreibt, der Eingang in das ewige Reich „so reichlich“ gegeben wird. − Das alles ist bloß in der Absicht gesagt, zu beweisen, daß nicht alle, welche im Reiche Gottes arbeiten und deshalb den oder jenen Lohn in dieser Welt bekommen, die oder jene Schonung in jener Welt erfahren, auch selig werden, − zu beweisen, daß unter denen, die einmal berufen sind und die gütigen Kräfte des Wortes Gottes erfahren haben, nur solche zur Seligkeit und zu den himmlischen Belohnungen gelangen, welche Fleiß thun, ihren Beruf und Erwählung fest zu machen, und mit Geduld in guten Werken nach dem ewigen Leben trachten.

 Beispiele mögen dieß bewähren. Du bist ein Kind, das seinen Eltern in gewissem Maße Ehre erzeigt hat; so wirst du erfahren und inne werden, daß du dem Gebote nachgetrachtet hast, welchem eine zeitliche Verheißung beigelegt ist: du wirst zeitlichen Lohn empfangen. Aber wenn du die Eltern ehrtest − und Gott nicht, Seine Gnade wie Sein Gesetz verachtetest; so wirst du verloren gehen trotz des Gotteslohnes, welcher dir zu Theil wird. Eben so: Du bist barmherzig − so wird dir in deinen Erdennöthen von andern auch Barmherzigkeit erwiesen werden, denn der HErr hat es gesagt Matth. 5, 7. Aber wenn du barmherzig warest und warest nicht auch wahrhaftig und gerecht, keusch und heilig; so wird die Strafe deiner Sünde den Lohn deiner Tugend aufzehren, wie Pharaos magere Kühe die fetten aufgezehrt haben. Eben so: Du bist fleißig − und wirst nun reich, aber auch dabei selbstvertrauend, selbstgerecht, hochmüthig, so wirst du doch am Ende darben und wird niemand da sein, dich aufzunehmen in die ewigen Hütten. Kurz, du kannst Lohn empfangen und doch verloren gehen, und der Lohn, den dir Gottes Gnade zutheilt, um dich nach der ewigen Gnade hungrig zu machen, ist kein Beweis, daß du ein auserwähltes Kind des ewigen Lebens bist.

 So gnädig und zugleich gerecht sich also Gott erweist in allem Lohne, den Er austheilt; so ist doch einem Menschen mit einem Gotteslohn im Einzelnen nicht geholfen, − und wenn der Richter am Ende des Lebens zu einem spricht, wie der Hausvater zu dem murrenden Taglöhner: „Nimm das Deine und geh| hin;“ so wird es schaurig kühl um einen solchen stehen. Man muß sich deshalb nicht bloß um solche Belohnungen Gottes bemühen, die sich hier verzehren, sondern um unvergängliche und unverwelkliche Kronen, wie sie im ewigen Leben aufbewahrt sind. Oder völliger zu reden: man muß vor allen Dingen nach dem ewigen Leben trachten und wenn man sein im Glauben und durch die alleinseligmachende Gnade Gottes gewis geworden ist, so muß man sich und anderen von der Wahrhaftigkeit seines Gnadenstandes durch heilige Treue und gute Werke den Beweis geben.

 5. Diese Vermahnung wird uns mit doppelter Gewalt in die Seele dringen, wenn wir uns die letzte Frage gelöst haben werden. Die Frage lautet: „ Ist eine und dieselbe Sache immer nur Lohn, oder kann sie auch jemand empfangen, ohne daß sie Lohn ist? “ Und die Antwort folgt nun.

 Die Arbeiter der ersten, dritten, sechsten, neunten, eilften Stunde empfangen alle einen Groschen zum Tagelohn, aber nur für die ersten war er im eigentlichen Sinne Lohn, nur mit ihnen war der Hausvater eins geworden über den Groschen; den andern hatte er zwar gesagt: „was recht sein wird, soll euch werden,“ aber es konnte keiner, zumal im Vergleich mit den ersten, einen Groschen erwarten, und da sie hernach doch den ersten gleich gestellt wurden, und auch einen Groschen empfiengen, hatten sie damit nicht bloß, was recht war, sondern weit mehr als das. Die ersten empfiengen, was ausbedungen, und darum was recht war, die andern was gütig war; da sahen die ersten scheel, daß der Herr auch durch Güte konnte, was er vermöge des Rechts gekonnt. Hier ist ganz offenbar ein und derselbe Groschen für die einen Lohn für die andern, streng genommen, nicht; denn obschon der Herr vor seinem Schaffner den Groschen aller Arbeiter „Lohn“ nennt; so sagt er denn doch auch selbst wieder, daß er denen, welche nicht den ganzen Tag gearbeitet hatten, den Groschen aus Güte gegeben, und spricht zu einem von den Murrenden in diesem Sinne: „Siehest du scheel, daß ich so gütig bin?“ Hiemit ist unsre Frage beantwortet. Es kann wirklich ein und derselbe Groschen, eine und dieselbe Sache für den einen verheißener Lohn, für den andern eine Gabe sein, auf deren Erlangung zu warten ihn auch keine Verheißung ermächtigte. Es kann also ein Fleißiger reich werden durch die Verheißung und sein Reichtum ist Lohn; es kann aber auch einer, der am Markte der Welt sein Leben lang müßig gestanden, reich werden durch Gottes Güte, und die Meinung des HErrn kann sein, durch den Reichtum Seiner Güte den armen Müßiggänger zu beugen und zur Buße zu leiten. Und wie vom Reichtum, so kann dasselbe auch von andern, irdischen und zeitlichen Gütern gelten; denn die ewigen Güter haben mit dieser Regel nichts zu thun, du müßtest denn aus dem Gleichnis den kühnen Schluß machen wollen, daß eine kurze, nach der Berufung durchs Evangelium alsbald begonnene, durch den Tod schnell unterbrochene Treue denselben Gnadenlohn finden könne auch in der Ewigkeit, wie die fortgesetzte Arbeit eines langen Lebens. Doch ist wohl zu überlegen, ob nicht der Blick auf murrende Belohnte die Anwendung des Gleichnisses auf den ewigen Lohn verbietet.

 Das nun Gesagte wohlerwogen, verlieren die irdischen Belohnungen und Güter Gottes einen Theil des Werthes, welchen man ihnen so gerne beilegt. Und das ist nicht umsonst also von dem HErrn gefügt. Er selbst ordnet alle irdischen Verheißungen den ewigen unter, gibt oder versagt jene auch denen, welchen Er sie selbst zuspricht, ganz je nachdem es Seinen Lieblingen zum ewigen Wohle dient. Da führt Er ein frommes Kind durch das verheißene lange Leben auf Erden zu den gleichfalls verheißenen ewigen Gütern, weil es diesem Kinde so grade dienlich ist. Dort führt Er ein gleich frommes Kind in der Hälfte seiner Jahre durch den Tod zum ewigen Besitz, weil es ihm so nützlich ist. Mit allen Seinen Thaten, mit allen Seinen Fügungen will Er unsere Augen zu den ewigen Belohnungen aufheben, und uns himmlisch gesinnt und eifrig machen, in Geduld und guten Werken nach dem ewigen Leben zu ringen.


 Liebe Brüder! Zu Christen und berufenen Heiligen, zu getauften Kindern der Gnade rede ich und von ihnen. Wir sind alle in den Weinberg Gottes berufen, manche von uns arbeiten darinnen, − ein jeder von ihnen seine Zeit; am Ende werden alle gelohnt  − aber nur wenige, die Auserwählten, werden selig. Viele sind berufen, wenige sind auserwählt. Wenn es nun möglich wäre, den Lohn von der Auswahl zu trennen und ich die Wahl hätte zwischen beiden, so nähm ich die Auswahl und den Lohn ließe ich fallen.| Müßte ich eines entbehren, so entbehrte ich den Lohn: aber Seligkeit entbehren, um deren willen ich geboren bin und gelebt habe, − nein, das wollte, − mein Gott, mein Gott! das könnte ich nicht!

 Liebe Brüder! Es arbeitet mancher immerfort um einen Erfolg und Lohn, den er alsdann mit den kalten Worten empfängt: „Nimm das Deine und geh hin!“ Ein anderer arbeitet kürzer, empfängt auf Erden aus lauter Gnade dasselbe Looß − und dazu das ewige Leben. Ein dritter scheint einen Augenblick alles zu verlieren, Vater und Mutter und Bruder und Schwester und Glück und Frieden, dann bekommt ers hundertfältig wieder, wie der HErr sagt, und in jener Welt das ewige Leben. Es giebt also Letzte, welche Erste werden, und Erste, welche Letzte werden, und unter diesen sind viele nicht auserwählt, sondern gehen mit ihrem Groschen dahin ihren Weg. Ob ich im Lohne der erste oder der letzte werde: gleichgiltig ist mirs gar nicht; aber auserwählt sein und das ewige Leben ererben von meinem HErrn, das sei mein Trost, wenn ich darbe, hungre und dürste in der Stunde des Abschieds! −

 Wir sind lange berufen; es wird Abend werden, wer weiß, wie bald! Wohl uns, wenn wir auserwählt erfunden werden! Drei mal Gott zu loben, wenn wir als auserwählte Arbeiter in Gottes Weinberg erfunden werden, wenn wir selig werden und herrlich! Seligkeit und ewiger Lohn, Gnade und Preis und Ehre und unvergängliches Wesen, der HErr hat es verbunden, will es uns beides geben, will daß wir nach beiden ringen! Dürfen wir andere Gedanken faßen? Ists recht, in unserm Streben zu trennen, was Gott vereinigt hat, − nur Seligkeit zu wollen und sonst nichts? Ists nicht eine falsche, eine träge, eine verwerfliche Demuth, mit geringer Würde im ewigen Reiche zufrieden sein zu wollen? Ists gesundes Leben, zu beten: „ich will Dich lieben ohne Lohne,“ wenn doch der HErr und Sein Lohn uns winkt, wenn Er spricht: „Ich komme und mit Mir Mein Lohn!?“ Es ist ja Sein Wille, daß wir nach ewigen Belohnungen ringen! Er zeigt uns Kronen, um uns zu reizen, zu stärken und geduldig zu machen im guten Kampfe, und wir sollen die edle, schöne Lehre von Gottes gnädigen Belohnungen Ihm nach gebrauchen, um einander zur Geduld und guten Werken zu ermuntern. So laßt uns denn anschauen die Kronen, die uns vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo JEsu, und laßt uns beten und ringen, nicht allein zu entfliehen alle dem, das gedroht ist, sondern auch zu erlangen, was verheißen ist. Und wenn wir im Guten träg gewesen, wenn die Hände laß, die Kniee strauchelnd geworden sind, weil wir nicht wußten, was es uns gilt, weil wir etwa wähnten, nach den Gnadenbelohnungen Gottes nicht streben zu sollen, weil wir es für Hochmuth hielten: so sei es nun anders und wir seien geheilt vom eitlen Wahn! Ist irgend eine Tugend, ist irgend ein Lob, ist irgend ein Lohn oder eine Krone, so wollen wir laufen und nicht müde werden − und unser Verständnis der Lehre vom Gnadenlohne, unser Eifer, es anzuwenden, komm uns zu Statten, und überzeuge so Freunde, wie Feinde, daß evangelische Christen durch die Lehre von der Gnade, für die sie leben und sterben, nicht faul, noch unfruchtbar werden, sondern mächtig und schäftig, die eigenen Seelen zu erbauen und die Aernte des Weinbergs zu fördern, auf die wir warten. Der HErr helfe uns! Amen.





  1. Vergl. mit der in dieser Predigt vorgetragenen Lehre das Concordienbuch, Müllersche Ausgabe, Apologie, p. 147 f. „Wir aber zanken nicht um das Wort Lohn etc. − wie ein Kind für dem andern.“ Lies, wenn du kannst, das Lateinische und Deutsche, und sieh dann zu: ob nicht der Inhalt dieser Predigt wie der Schrift, so auch dem Bekenntnis der Kirche treu sei.
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