Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Trinitatis 09

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Am neunten Sonntage nach Trinitatis.

Evang. Luc. 16, 1–9.
1. Er sprach aber auch zu Seinen Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Haushalter; der ward vor ihm berüchtigt, als hätte er ihm seine Güter umgebracht, 2. Und er forderte ihn und sprach zu ihm: wie höre ich das von dir? Thue Rechnung von deinem Haushalten; denn du kannst hinfort nicht mehr Haushalter sein. 3. Der Haushalter sprach bei sich selbst: was soll ich thun? Mein HErr nimmt das Amt von mir; graben mag ich nicht, so schäme ich mich zu betteln. 4. Ich weiß wohl, was ich thun will, wenn ich nun von dem Amt gesetzt werde, daß sie mich in ihre Häuser nehmen. 5. Und er rief zu sich alle Schuldner seines Herrn, und sprach zu dem ersten: wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6. Er sprach: Hundert Tonnen Oels. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Brief, setze dich, und schreib flugs funfzig. 7. Darnach sprach er zu dem andern: Du aber, wie viel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Malter Waizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Brief, und schreib achtzig. 8. Und der Herr lobte den ungerechten Haushalter, daß er klüglich gethan hätte. Denn die Kinder dieser Welt sind klüger, denn die Kinder des Lichts in ihrem Geschlecht. 9. Und ich sage euch auch: Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, auf daß, wenn ihr nun darbet, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.

 DAs sechszehnte Kapitel des Evangeliums Lucä steht im strengen Zusammenhang mit dem fünfzehnten, deswegen der heutige Text in strengem Zusammenhang mit dem vom dritten Sonntage nach Trinitatis. Der HErr hatte im 15. Cap. St. Lucä die Zöllner, die sich zu Ihm gedrängt und Ruhe ihrer Seelen bei Ihm gesucht hatten, gegen die selbstgerechten und doch so neidischen und unbarmherzigen Pharisäer in Schutz genommen. In den Gleichnissen vom verlorenen Schafe, vom verlorenen Groschen, vom verlorenen Sohne hatte Er frei Seine Liebe zu den Verlorenen und Wiedergefundenen bezeugt und allen armen Sündern eine weite Thür der Gnade geöffnet. Damit nun aber ja kein Pharisäer und kein Zöllner auf den Gedanken kommen möchte, als sorge der HErr bloß für die Seligkeit der armen Sünder, als sei Ihm deren Heiligung gleichgiltig, wendet Er Sich vor den Augen und Ohren der Zöllner und der Pharisäer zu Seinen Jüngern und spricht Sein Gleichnis vom ungerechten Haushalter, welches, durch scharfe Wahrheit demüthigend, so wie durch Ermunterung zum Guten tröstlich, mit doppelter Gewalt in die Seelen der armen Sünder drang und ihnen die dringende Nothwendigkeit, aber auch die Möglichkeit der Heiligung tief ins Gedächtnis prägte.

|  Das Gleichnis vom ungerechten Haushalter hat vielen Lesern, Hörern und Auslegern mehr Noth gemacht als nöthig war. Man beobachte den Zusammenhang und die Absicht JEsu, und das Gleichnis ist klar. Unbußfertige, rohe Sünder, wie der ungerechte Haushalter wißen sich aus den Folgen und Verlegenheiten ihrer Sünden zu helfen, und bußfertigen Sündern, Gottes neugeborenen Kindern, sollte kein Weg übrig sein, sich in der Stunde des Darbens und des Gerichtes zu helfen? Sie mögen sich der Heiligung befleißigen und für gute Zeugnisse vor Gott, dem Richter alles Fleisches, sorgen, so wird die Vergebung, welche sie hier beruhigt hat, ihnen auch bleiben am Tage des Gerichts. Heiligung macht den Sünder, der Vergebung fand, hier und dort seines Heils gewisser; denn die Heiligung ist die von Gott gewollte Folge und Besiegelung der Vergebung. Das ist im Kurzen der Sinn des Gleichnisses, welches wir nun genauer betrachten wollen.

 Das Gleichnis stellt die Zöllner als ungerechte Haushalter dar, welche ihres HErrn Güter umgebracht hätten. Gleichwie der ungerechte Haushalter, der selbst nicht so viel hatte, um zu leben wie ers begehrte, in die Säckel seines Herrn griff und mit dem fremden Eigentum umgieng als wäre es sein; so hatten auch die Zöllner nicht selbst die Güter, welche sie gerne gehabt hätten, um zu praßen, darum griffen sie durch betrügerische Forderungen, die sie an die Leute in ihrem Berufe machten, in fremde, d. i. im Grunde in des HErrn, ihres Gottes, Säckel und stahlen ihm das, was er ihnen nicht gegeben hatte, noch geben wollte; sie wurden wohlhabend durch Betrug und praßten vom Raub. Sie waren dem ungerechten Haushalter im Erwerb und in der Anwendung ihres Reichtums gleich. Wenigstens wißen wir das aus dem Neuen Testamente und aus andern Zeugnissen des Altertums. Deshalb verdiente auch das ganze vormalige Leben der Zöllner die Vorwürfe der Pharisäer, so wenig auch diese selber damit gerechtfertigt waren: und wenn es dem HErrn unter Menschen, die Zöllner und Sünder gewesen waren, und ferner Zöllner und Sünder bleiben wollten, gefallen hätte, so hätten freilich die elenden Pharisäer mit ihrer Verwunderung über das Thun JEsu und mit ihrem Murren Recht gehabt.


 Das war nun aber anders und das Gleichnis stellt uns in der Verlegenheit des ungerechten Haushalters die Verlegenheit der Zöllner dar, in welche sie bei dem lebendigen Gedanken an die Rechenschaft kommen mußten. Das üble Haushalten des ungerechten Verwalters war vor die Ohren seines Herrn gekommen, wie das Gleichnis sagt, und der Herr hatte ihm deshalb Rechnung abgefordert und ihm angekündigt, daß er forthin in seinem Amte und Dienste nicht bleiben könnte. So wurde den Zöllnern durch die Predigten des HErrn eine ernste Mahnung zu Theil; seine gewaltigen Reden von Gericht und Ewigkeit hatten ihnen mit einem Male den eitlen Selbstbetrug ihres Lebens zerstört, sie kamen zur Erkenntnis, daß es ein Ende mit ihrem zeitlichen Thun nehmen müße, daß hinter dem Tode eine Frage nach ihrem Wandel gestellt, eine Verantwortung gefordert, ein Urtheil gesprochen werden würde, − und die Stimme: „Thue Rechnung von deinem Haushalten“ war aufschreckend, die Stimme: „Du kannst hinfort nicht mehr Haushalter sein“ war zerknirschend in ihre Seele gedrungen. Die armen Schwelger, die betrügerischen, ungerechten Zöllner waren in einer Verlegenheit wegen ihrer ewigen Zukunft, wie der ungerechte Haushalter im Gleichnis in einer Verlegenheit wegen seiner zeitlichen Zukunft war. − Liebe Brüder ich leugne es nicht, daß es schlimm ist, wenn man in Verlegenheit kommt; aber ich muß doch auch gestehen, daß die Verlegenheit eines armen Sünders wegen seines ewigen Heiles eine gesegnete Verlegenheit sei. Es fehlt gewis auch unter uns nicht an solchen, die zeitliches Gut übel erworben oder übel angewendet oder auch beider Sünden, wie die Zöllner, sich schuldig gemacht haben. Wenn nun diese nur auch, während wir diese Betrachtungen anstellen, in die Verlegenheit der Zöllner kämen und im Verlauf unsrer Betrachtung so mit fortgeführt würden auf dem Wege der Errettung, zum ewigen Ziel, zu den ewigen Hütten! Aber leider, leider, das Widerstreben schuldbewußter und doch stolzer Seelen ist so groß, daß es einen nicht verwundern darf, wenn die Wahrheit, welche in die Seelen dringt, nicht beßernd und heiligend durchgreifen und den Menschen retten kann. Denn die Wahrheit errettet die Unwilligen nicht, und sie hilft nicht mit Gewalt; sondern ihr Weg ist der des stillen, sanften Sausens und einer eindringenden, überwindenden Ueberzeugung.


|  Wie sich der ungerechte Haushalter aus seiner zeitlichen Verlegenheit half, zeigt uns das Gleichnis. Er rief die Schuldner seines Herrn und schrieb ihre Schuldbriefe um, daß sie seinem Herrn weniger schuldig, ihm aber, dem ungerechten Haushalter, desto verpflichteter wurden. Er bestand nun doch einmal in seiner Rechnung nicht, und vom Amt gesetzt wurde er doch: da däuchte es ihm geringes Uebel, wenn seine Verschuldung gegen seinen Herrn und die Summe seiner Veruntreuung noch größer wurde, als sie schon war: es geschah ihm deshalb doch nicht mehr, als ihm ohnehin schon bevorstand. Und die Schuldner des Herrn waren denn doch gezwungen, ihm wohlzuthun, ihn aufzunehmen in ihre Hütten. Er hatte sie ja in seiner Gewalt. Er durfte ja nur, wenn sie einmal seiner satt werden und sich seiner entledigen wollten, seinem vormaligen Herrn anzeigen, er habe sich bei seiner Rechnungslegung geirrt, der und der sei seinem Herrn noch mehr schuldig; ja, bei seiner Schlechtigkeit konnte man ihm noch mehr zutrauen, er konnte den Reuigen spielen, dem Herrn die Verfälschung der Schuldbriefe gestehen u. s. w. Was stand dann den Schuldnern bevor? Der Bösewicht bekam sie in seine Gewalt und konnte sie nach Herzenslust zu seinem Vortheil preßen. Wie half sich also dieser Abscheuliche? Er drängte die Folgen seiner früheren Sünden durch neue Sünden, die Strafen früherer Betrügereien durch neue zurück. Um die Waßer, die auf sein Land hereinstürzen wollten, abzuhalten, dämmte und stemmte er sie desto höher hinauf. Er mußte inwendig immer mehr Grauen empfinden und die Furcht vor der Zukunft mußte wachsen. Die hoch und höher aufgedämmten Waßer brausten mehr, sie konnten einmal schnell den Damm zerreißen: weh dann dem Elenden, der sich in den ungleichen Kampf mit einer wachsenden Schuld begeben hatte. Es war im Thun des Haushalters keine weitaussehende Klugheit; aber nach der kurzsichtigen Weise der Welt und da er nun einmal sich nicht bekehren und die Gnade seines Herrn anrufen wollte, war sein Verfahren doch klug zu nennen. Was kann denn ein Mensch, der sich nicht beßern will, weiter thun, als das, was ihm sicher droht, aufhalten auf eine Weile, zurückdrängen auf eine kleine Strecke? Das that der Ungerechte − er that klüglich, obschon sehr sündlich, und jenes, nicht dieses wird von seinem Herrn gelobt. Unser HErr lobte nicht einmal jenes, weil die Klugheit des Sünders viel zu kurzsichtig ist, um dem ewigen Tode zu entrinnen, und der HErr nur eine solche Klugheit, die sich für ewig hilft, nicht aber eine, die jede Minute ihre Strafe finden kann, lobt. Christus bezeichnet diese Klugheit als eine Klugheit der Kinder dieser Welt, durch welche die Kinder des Reiches und Lichtes zum Eifern gereizt werden sollen, aber zum Eifern in einer Klugheit, welche mit der des ungerechten Haushalters keine Gemeinschaft haben, sondern, ihrer und ihres Gottes in Heiligkeit und im Erfolge würdig, allem Uebel entgehen und zum sichern Frieden des ewigen Lebens geleiten soll. Dieser Welt Klugheit soll die Kinder des Lichtes nach himmlischer Weisheit begierig machen. Helfen sich jene aus den zeitlichen Verlegenheiten ihrer Sünden, so sollen diese sich um so mehr aus den ewigen Verlegenheiten helfen, weil ihnen Christus mit Seiner Weisheit beisteht und sie an Seiner Hand die Wege finden können, die von selbst in keines Menschen Herz gekommen wären. Was der HErr tadelnd sagt, daß die Kinder der Finsternis in ihrem Geschlechte klüger seien, als die Kinder des Lichts in dem ihrigen, das soll durch Seine Unterweisung und Führung anders und beßer werden.
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 Mit den Kindern des Lichtes meint der HErr nicht geborene, sondern wiedergeborene Kinder des Lichts, also Menschen und Sünder wie wir, die aber, durch Seine Gnade umgewandelt, würdig waren, Kinder des Lichtes zu heißen. Er meint Seine Jünger und insonderheit die Zöllner, welche über ihr früheres Thun betrübt, sich nun an Ihn angehängt und angeschloßen, Vergebung gefunden hatten und an der Pforte einer beßeren und heiligeren Zukunft standen. Sie wußten es ganz wohl, daß sie ungerechte Haushalter waren, sie konnten sich keineswegs verantworten, sie wären in einer unlösbaren Verlegenheit gewesen und rathlos in die Verzweiflung hingegangen, wenn sich ihnen nicht der Sohn Gottes barmherzig und gnädig genähert, ihnen das Alte vergeben und Wege gezeigt hätte, wie sie ihrer Seits die Erneuerung ihrer Seele beweisen und die Folgen ihrer einzelnen Sünden, welche durch die Vergebung nicht aufgehoben werden, sondern nur den Stachel der Verdammnis verlieren, für ihre Seelen gnädig wenden könnten. Wenn einer gleich der Hauptsache nach schon Rath für seine schuldbeladene Seele in der Vergebung, in dem Rathe Gottes zur Erlösung der Sünder die heilsamste Weisheit − nicht| eine menschliche, sondern die göttliche − fand; so bleibt es ihm dennoch ein heiliges Studium, menschlich gut zu machen, was immer gut gemacht werden kann, und damit zu beweisen, daß die heilige Vergebung sein Herz nicht leichtsinnig gemacht, sondern geheiligt hat. Beförderung dieses heiligen Studiums − wenn ichs so nennen darf − ist es zunächst, was in der ferneren Unterweisung Christi liegt. Die Zöllner hatten Mammon d. i. Geld, welcher von der Welt für eine Quelle alles Guten gehalten und wie ein Götze verehrt wird, sie hatten ungerechten Mammon, denn sie hatten ihn auf unrechtmäßige Weise gewonnen. So wie es nun mit ihnen geworden war, war ihnen dieser ungerechte Mammon eine drückende Last der Seele und es handelte sich alles Ernstes darum, was mit ihm anzufangen war. Erstatten denen, denen er abgenommen, war zu schwer: wie kann der Zöllner alle wiederfinden, die er in seiner Zollbude vorübergehen sah und betrog? Was soll er thun? Da dient das böse Beispiel des ungerechten Haushalters zur guten Anwendung und die böse Klugheit eines Kindes der Finsternis zeigt reumüthigen Kindern des Lichtes die edle Straße. Der ungerechte Haushalter gewann sich Freunde, die ihn aufnahmen, als ihn sein Herr verstieß. Dem gemäß spricht der HErr: „Ich sage euch, machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, auf daß, wenn ihr nun darbet, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“ Es gilt also auch für die Zöllner, sich Freunde zu machen, welche zur Zeit, wo die Noth an die Seele dringt, wo die Seele ewiges Darben befürchten muß, wo der Tod und hinter ihm ein gerechtes Urtheil zu erwarten ist, zwar nicht in die eigenen Hütten aufnehmen, denn sie können es nicht und haben keine eigenen, aber fürbitten, die Reue und Beßerung des armen Sünders bezeugen und ihn dadurch zu dem HErrn und Seinem ewigen Hausfrieden einführen. Es ist also das die einfache Anleitung der himmlischen Weisheit, übel erworbenes, ungerechtes Gut, das man nicht mehr erstatten kann, zu Wohlthaten anzuwenden und zwar zu Wohlthaten gegen fromme Arme, die sich dadurch zum Gebete, zur Fürbitte bewegen laßen und dermaleins als lebendige Zeugen der wahrhaftigen Beßerung vormals gottloser Reichen auftreten können. Dem Vergelts-Gott und Gebete des frommen Armen wird hiemit allerdings eine große Kraft und dem treuen Anwenden ungerechten Mammons zu Werken der Barmherzigkeit ein reicher Segen zugeschrieben. Es wäre zu wünschen, daß die Armen ihre Fürbitte für reiche Wohlthäter, die Reichen ihre Wohlthaten für fromme Arme treuer und reichlicher fließen ließen, und es ist kaum zu begreifen, warum so einladende Verheißungen zu Gebet und Wohlthun, wie sie in diesem Evangelium vorliegen, nicht eine lockendere und reizendere Einwirkung auf reiche Geber und arme Empfänger haben.
 Der HErr spricht von den Armen, als von Freunden, welche in die ewigen Hütten aufnehmen sollen. Dies beweist uns, daß der Reiche, der sein Gut übel erworben und übel angewendet hat, jeden Falls kein Recht auf das Himmelreich hat. Es zeigt aber auch, daß der Reiche, der sein übel erworbenes Gut recht anwendet, deshalb kein Recht auf die ewigen Hütten hat, − denn einerseits geht sein Thun schon aus dem Geschenke göttlicher Vergebung und himmlischen Friedens hervor, anderer Seits wird ja nicht ihm, sondern Gott und dem armen Freunde die Aufnahme in die ewigen Hütten zugeschrieben. Doch wird damit auch den Armen, die man unterstützt hat, die Ehre der Errettung unsrer Seelen keineswegs gegeben. Man kann die Worte: „Auf daß sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten“, ganz wörtlich nehmen, ohne deshalb einerseits Christi Ehre wegzugeben, anderer Seits ein Verdienst der Werke zu lehren. Christi Verdienst bleibt vollkommen und zu unserer Seligkeit allein giltig, wie es auch in der heiligen Schrift gelehrt ist. Er ists, zu dem sich die Sünder sammeln und sammeln müßen, zu dem sich auch die Zöllner gesammelt haben. Hier ist bloß von einem − wörtlich so verstandenen − Aufnehmen und Einführen der abgeschiedenen Seelen in die ewigen Hütten die Rede. Man faße die Worte nur recht treu, recht wortgetreu, und es wird weiter nichts aus ihnen hervorgehen, als daß der ewige König diejenigen, welchen man wohlgethan hat, nachdem man sich bekehrt hatte von Geiz und Habsucht, gebrauchen will, um seine armen, bekehrten Zöllner zur Zeit ihres Abscheidens in sein liebes, lichtes Reich und zu seinem Throne einzuführen. − Indes zwingen uns doch die Umstände, unter denen ein Reicher seine Wohlthaten ausstreut, lebt und stirbt, der wunderlieblichen Verheißung und ihrem wörtlichen Verstande eine weitere Deutung anzuhängen. Es sind ja grade nicht alle die| Armen, denen ein gebeßerter Reicher wohlgethan hat, zur Zeit seines eigenen Abscheidens schon daheim: etliche können daheim sein, andere leben noch. Wenn man nun die Worte Christi von jenem ganz wörtlich verstehen kann und muß, so muß doch auch eine entsprechende Thätigkeit derer, die noch auf Erden leben, angenommen werden. Was die abgeschiedenen seliglich erfüllen dürfen, das erbitten die lebendigen Armen; jene führen ein in die ewigen Hütten, diese bitten darum. Diese geleiten ihre Wohlthäter bis zu den Pforten der Ewigkeit diesseits; jene empfangen sie an den Pforten jenseits. − Ob aber auch ein Armer, dem eine Wohlthat zufließt, gottlos wäre und das schuldige Amt der Fürbitte für seine Wohlthäter nicht ausübte; ja, ob ein gebeßerter Reicher all sein Wohlthun auf undankbare und vergeßliche Nehmer ausschüttete; der HErr bürgt ihm mit diesen Seinen süßen Worten dennoch für einen seligen Empfang. Er hat jenseits Engel und Auserwählte genug, deren höchste Freude es sein wird, bekehrte Sünderseelen in die ewigen Hütten zu sich einzuführen, und Seine heilige Kirche steht auf Erden ohne Unterlaß an den Altären und betet für die bekehrten Seelen, für ihr Leben und Sterben. Am Geleite hier, dem betenden, am Geleite dort, dem triumphirenden, fehlt es unserm Gotte und Seinen heimfahrenden Pilgern nie. Sein Auge sieht jede von Reuethränen benetzte Wohlthat sündenmüder Zöllner. Vor Ihm stehen die gottlosen, gebetlosen Armen und die dankbaren betenden als treue Zeugen wahrer Beßerung. Der stumme und der fluchende Arme reden vor Ihm laut und zum Guten. Man sei nur treu im reuevollen Wohlthun, der HErr wird alsdann den Ausgang aus der Zeit segnen und den Eingang in die Ewigkeit.

 Gute Werke geben Zeugnis unserer Bekehrung. Unsere Bekehrung muß von der Art sein, daß sie sich aus unsern Werken beweist. Auf wahre, ernstliche, thatenreiche Bekehrung dringt der HErr. Als besondere Gnade verspricht Er solchen Bekehrten ein Entgegenkommen und ein Geleite der Zeugen unsrer Beßerung, wenn wir sterben. Das sind Sätze, welche aus unserm Evangelium deutlich hervorgehen, und was Er den Zöllnern sagen will, ist dieses: In Mir habt ihr Vergebung; nun beweiset, daß Meine Vergebung bei euch bleibt, Mein Geist in euch ist, daß es beßer mit euch geworden ist. Geht hin, ihr unwürdigen, aber begnadigten Reichen und nehmt durch eure Wohlthaten die Armen und Kranken und Nacketen zu Zeugen eurer Aenderung, weil euch die Pharisäer kein Zeugnis geben. Himmlische Weisheit ist wahre, bezeugte Bekehrung, liebethätiger Glaube. Um den thut euch um und so es euch damit gelingt, so laßet die Pharisäer zanken und murren, so lang es ihnen gefällt.


 Liebe Brüder und Freunde! Dieses Evangelium redet vom Mein und Dein, von Geiz und Habsucht. Viele sind geizig ohne Habsucht, viele habsüchtig ohne Geiz. Viele sammeln ohne Praßen, viele sammeln, um zu praßen. Etliche stehlen und betrügen, um zu geizen, etliche um zu praßen. − Habsüchtig, um zu praßen, finde ich unter euch wenige. Derjenigen aber, die habsüchtig sind ohne Praßen und geizig ohne Praßen mögen mehr sein. Es gibt wenige Reiche unter euch, es ist wahr. Aber Habsucht und Geiz finden sich nicht bloß bei den Reichen, sondern auch bei den Armen. Arme und Reiche können dem Mammon dienen; es kann das Wenige, das ein Armer hat, eben so sehr ein ungerechter Mammon sein, als die Fülle des Reichen. Ich denke, Belege hiezu könnten sich in der Nähe, wie in der Ferne genug finden.

 Denen unter euch, welche sich das zu Herzen zu nehmen haben, gebe ich gemäß unserm Evangelium einen guten Rath. Macht es wie die Zöllner! Geht zu JEsu und laßt euch die höhnende, zankende, murrende Rotte der Pharisäer nicht hindern, die es, wenn sie nicht voll blinden Uebermuths wäre, gerade so machen würde und machen müßte wie ihr. Laßt euch die Gleichnisse vom verlorenen Schafe, vom verlorenen Groschen, vom verlorenen Sohne Muth machen, zum HErrn zu gehen; sie versprechen euch, wenn ihr reuevoll kommet, eine gute Aufnahme, Vergebung eurer Schuld und Frieden. Aber, meine Freunde, vergeßt auch ja nicht, daß ihr die Wahrheiten des heutigen Evangeliums kennen gelernt habet, daß der HErr die Zöllner und Sünder, welche bei Ihm verharren, zur Beßerung unterweist. Ihr seid nicht beim HErrn, wenn ihr euch nicht beßert. Es geht mit der inwendigen Beßerung allerdings nicht so schnell, wie mit der äußern, und man hat immer über einen zu langsamen Gang zu klagen. Aber so langsam es gehe, rückwärts soll es nicht gehen, wenn| man bei JEsu ist, vorwärts soll es gehen. Insonderheit seid milde gegen eure Brüder, ihr Reichen, ihr Armen; denn auch der Arme kann in hundert Fällen gegen andere hart sein, also auch milde. Vorerst aber, ihr Reichen und Armen, seid gerecht! Laßet und gebet einem jeglichen das Seine! − Und wenn euch über dem Werke eurer Heiligung zuweilen die Hand sinken, oder der Fuß straucheln will, so hebt eure Augen auf und sehet vorwärts und aufwärts − und die herrliche Stunde der Aufnahme in die ewigen Hütten, der Blick vorwärts in sie hinein mache euch wieder fröhlich und getrost, geduldig und stark, in guten Werken zu trachten nach dem ewigen Leben!
Amen.




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