Follen, Sand und Löning

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Textdaten
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Autor: Friedrich Münch
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Titel: Follen, Sand und Löning
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 722–725
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Karl und Paul Follen, Karl Ludwig Sand, Karl Löning
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Follen, Sand und Löning.


Neues Licht in altes Dunkel, aus den Erinnerungen von Friedrich Münch in Missouri.


Vorbemerkung der Redaction. Zu den Partien unserer Geschichte, welche der Aufklärung noch ganz besonders bedürfen, gehören die Zeiten der sogenannten demagogischen Umtriebe und Verfolgungen. Die Schuld an so mancher ungerechtfertigten Behauptung, welche noch heute in dieser Hinsicht ein Geschichtsschreiber vom andern auf Treue und Glauben annimmt, ruht auf einer doppelten Verschlossenheit: der der Archive, die zum Theil vielleicht aus Schamhaftigkeit zugehalten wurden, und der der zumeist betheiligten Menschen. Wer aber von all den Verhörten, Verurtheilten, Vertriebenen oder nach jahrelanger Haft Begnadigten hätte sein Erlebtes von damals aufdecken sollen? Alle, die in Deutschland blieben, waren mundtodt; dafür hatte Metternich durch die Karlsbader Beschlüsse und den deutschen Bundestag bestens gesorgt. Ehe in Deutschland die Preßverhältnisse nach zwei Volks- und zwei Fürstenerhebungen so weit vorgeschritten waren, daß die Wahrheit aus jener Zeit gedruckt werden konnte, ohne durch den Inhalt die Veröffentlicher in Strafe zu bringen, waren von den Betheiligten die meisten alt und morsch geworden, im Staatsdienste ergraut, in der Fremde verkommen oder gestorben; jenen Lebenden verging die Lust am öffentlichen Auftreten, und die Todten sind still.

Nur Wenige im sichern Auslande, wie Arnold Ruge, konnten mit der Wahrheit an den Tag treten; Andere machten sie versöhnlicher durch ein poetisches Gewand, wie Fritz Reuter, und wieder Andere, und vielleicht nicht Wenige, legten sie in einer „Hauschronik“ nieder, wie der Friedländer Niemann, der Wartburgfestredner von 1817. Viel Klarheit kann noch geschöpft werden, wenn diese reinen Quellen sich eröffnen. Und eine dieser Quellen ist’s, aus welcher wir das Nachfolgende mittheilen.

Ein Vielgenannter und ein Raschvergessener werden noch einmal an das Licht gezogen, Sand und Löning. Beide galten bis jetzt für junge überspannte Leute, „die aus eigener Bewegung und nicht, wie fälschlich behauptet worden, von einer patriotischen Vehme dazu bestellt, das Amt von Blutrichtern übernahmen.“ So behaupteten unsere Geschichtsschreiber. Und doch beweist ein Zeitgenosse jener beiden Opfern einer unglücklichen Zeit jetzt das Gegentheil.

Friedrich Münch, in den ersten dreißiger Jahren viel genannt als mit Paul Follen an der Spitze der nun auch vergessenen „Gießener Auswanderungsgesellschaft“ stehend, hat seinem dreiundsiebenzigjährigen Kopf noch die Aufgabe gestellt, seine und seiner nächsten Freunde und hessischen Landsleute Vergangenheit zu erzählen; er gestattete uns vor dem so eben beginnenden Druck Einsicht in das Manuscript und beliebige Benutzung desselben.[1] Münch war in Gießen Studiengenosse der drei sämmtlich sehr begabten Brüder Follen und in innigster Freundschaft namentlich mit Karl und Paul verbunden; er war auch Mitglied des von Karl gestifteten „Bundes der Schwarzen“, einer ursprünglich studentischen, später auch Männer-Verbindung mit rothester politischer Färbung. Solche Freunde, wie Münch und Follen, hatten kein Geheimniß vor einander, und darum ist es ganz natürlich, daß Münch über die verhängnißvollste Periode von Karl Follen’s Leben besser unterrichtet ist, als dessen Wittwe, welche eine außerdem höchst schätzenswerthe Lebensbeschreibung ihres Gatten in englischer Sprache veröffentlicht hat.

Ueber Karl Follen’s Leben und Wesen giebt Münch uns ein in vieler Beziehung neues und wahrhaft prächtiges Bild. Wir sehen ihn als Knaben im Vaterhaus, dann zu frühzeitiger Selbstständigkeit des Charakters herangereift, als freiwilligen Jäger mit den Hessen in den Befreiungskrieg ziehen, dann, heimgekehrt, den Ernst der Zeit in das Studentenleben übertragen und den Bund der Schwarzen gründen. Als Privatdocent der Rechte in Gießen fesselt er ebenso durch seine Persönlichkeit, wie seine politischen Lehren Staunen, Begeisterung und Grauen erwecken. So steht er auch in Jena da, bis die Folgen von Sand’s That ihn vertreiben. Dann als Flüchtling herumgehetzt in Deutschland, Frankreich und der Schweiz, siedelt er schließlich nach Amerika über, wirkt dort als Lehrer und Redner Außerordentliches und findet endlich (1840) bei einer Dampfschiffexplosion zwischen New-York und Boston seinen Tod in den Wellen.

Hier theilen wir aus Münch’s Manuscripte ausschließlich diejenigen Stellen mit, welche den innigen Zusammenhang von Karl Follen’s Lehren mit Sand’s und Löning’s Thaten darthun. Gestehen wollen wir aber und ganz besonders betonen, daß unsere jetzt so gesicherten und gefestigten vaterländischen Zustände dazu gehören, um solche Mittheilungen ohne Bedenken in einen Leserkreis zu bringen, wie er die „Gartenlaube“ gegenwärtig ehrt; heute weiß Jedermann, daß man solche „Grundsätze“ nicht in dieser Weise darlegt, blos um sie unter die Leute zu bringen, sondern daß man es für seine Pflicht hält, sie an das Licht zu ziehen, weil nur dadurch Wahrheit in die noch vielfach gefälschte Geschichte unseres Volkes gebracht werden kann.

Eine solche Fälschung hat die Geschichte dem Urtheil der Demagogenrichter nachgesprochen, welche für Sand’s That die deutsche Burschenschaft verantwortlich machen wollte. Trotzdem in den (weiter unten in der Anmerkung genannten) bezüglichen Schriften der Brüder Keil schon 1858 und 1865 die Beziehungen Follen’s zur Burschenschaft auf das Klarste dargelegt sind, müssen wir doch in dem siebzehnten Bande der weitverbreiteten Becker’schen Weltgeschichte (gedruckt 1867) lesen: daß „einzelne Führer (der Burschenschaft), wie z. B. der damalige Privatdocent und Doctor der Rechte Karl Follenius, der bei Gründung der Burschenschaft und auf der Wartburg besonders hervorgetreten, einen unbegrenzten Einfluß auf ihre jugendlichen Genossen ausgeübt hätten“. Nun hat zwar Follen an der Gründung der Burschenschaft in Jena gar keinen [723] Antheil gehabt, ist gar nicht beim Wartburgfest gewesen und hat in Jena mit der Burschenschaft fast immer in Hader gelebt, – aber nichtsdestoweniger hält die Geschichte die vom Demagogenrichter verhängte Verdächtigung aufrecht! –

Darum lassen wir den Mann reden, der aus eigener Quelle schöpft. Nachdem Münch erzählt hat, wie Follen im Bunde der Schwarzen von Gießen sie mit dem glühendsten Haß gegen das Königthum erfüllt und zu entschiedenen Republikanern erzogen habe, fährt er fort:

In dieser (Gießener) Zeit sprach Follen eine Lehre aus, die wohl auch schon von Anderen verkündigt und in Anwendung gebracht, niemals zuvor aber mit solcher Schärfe und schneidenden Consequenz vorgetragen worden ist, sie hieß später einfach der „Grundsatz“ oder der „Grundsatz der Unbedingten“ und lautet so:

„Dem Menschen, welcher sich selbst achtet, bleibt keine andere Wahl als seine eigene klare und wohldurchdachte Ueberzeugung zur Ausführung zu bringen. Entgegenstehende Meinungen Anderer, Hindernisse aller Art, Opfer – auch die schwersten, die er desfalls zu bringen hat – dürfen ihn nicht beirren, wenn es gilt, Das zu erringen, wovon die ganze Würde des menschlichen Daseins abhängt, nämlich ein freies und veredeltes Volkswesen. Ohne ein solches ist unser ganzes menschliches Treiben werthlos, ja des Bestehens unwürdig; denn wir sind auf den innigsten Verkehr mit anderen Menschen angewiesen.

Es ist freilich das Natürlichste, Menschlichste und dem Gesitteten das Liebste, ein solches Volksleben zusammenzubringen auf friedlichem Wege; aber wenn dies nicht sein kann, so verliert dadurch unsere Verpflichtung nichts an ihrem strengsten Ernste. Es ist am Ende bloße Feigheit oder doch Gefühlsverweichlichung, wenn wir von rechtmäßigen Mitteln zur Erlangung der Volksfreiheit reden wollen, weil ja Niemand ein Recht haben kann, sie vorzuenthalten; wir müssen sie erlangen durch jedes Mittel, welches immer sich uns bietet. Aufruhr, Tyrannenmord und Alles, was man im gewöhnlichen Leben als Verbrechen bezeichnet und mit Recht straft, muß man einfach zu den Mitteln zählen, durch welche, wenn andere Mittel fehlen, die Volksfreiheit zu erringen ist, zu den Waffen, welche gegen die Tyrannen allein uns übrig bleiben. Gegen unser sogenanntes rechtliches Handeln wissen sie vielleicht für immer sich zu schirmen, – sie müssen vor unseren Dolchen erzittern lernen. Wer aus Feigheit oder Selbstsucht eines der genannten Mittel ergreift, ist verächtlich, – wer es mit der innern Gewißheit thut, daß er das eigene Leben und alles Theuerste dem Wohle des Vaterlandes jeden Augenblick zu opfern bereit ist, steht sittlich um so höher, je mehr er nöthigen Falles ein natürliches Gefühl gegen die genannten Thaten in sich niederzukämpfen vermag.“

Den Hörern war es bei solchen Reden mitunter zu Muthe, als ob sie an einem bodenlosen Abgrunde ständen und ihnen geboten würde, den Sprung hinab zu thun. Der Consequenz war nicht zu entgehen und doch sträubte sich das Gefühl dieser gerade so streng an sittlichen Grundsätzen haltenden Jünglinge dagegen.

„Kann diese Lehre recht sein vor dem ewigen Richter?“ sagte Einer derselben.

Chr. S., einer der bereits Ueberzeugten, erwiderte: „Gut, wenn ich wegen einer That, durch welche ich mein Volk errette, ewig verdammt sein soll, so ist es besser, daß ich Einzelner die Verdammniß ertrage, als daß mein ganzes Volk länger in Knechtschaft schmachtet.“

Dies ist wohl die fürchterlichste Logik, welche jemals ausgesprochen worden ist.

Während Follen in Jena (wohin er erst 1818 kam, wo die Burschenschaft schon fest begründet und im Jenaischen Studentenleben alleinherrschend war) mit dem außerordentlichsten Erfolge Pandecten vortrug, galt es ihm natürlich weit mehr darum, für diese seine Grundsätze des politischen Handelns Propaganda zu machen, wobei er indessen auf größere Schwierigkeiten stieß, als er wohl erwartet hatte. Obzwar er unter den besseren der jüngeren und älteren Männer eine edle Freiheitsliebe antraf, die ihm wohl that, fand er wenige geneigt, auf seine praktischen Grundsätze zur Erringung der Freiheit einzugehen. Außerdem fand er in Fries (dem Philosophen) und Anderen bei Weitem streitgeübtere Gegner, als dies in Gießen der Fall gewesen war. Dennoch wich er aus seiner Stellung auch um kein Haar.

Man hielt ihm vor, daß seine Forderungen die eines allzu stolzen Menschen seien, der auf das unvermeidlich Mangelhafte in der Welt und im menschlichen Wesen keine Rücksicht nehme, konnte ihm persönlich aber kaum diesen Stolz verargen, weil er offenbar die höchsten Forderungen immer zuerst an sich selbst stellte und nur darum auch bei Anderen keinen Widerspruch zwischen Erkenntniß, Wille und That dulden wollte. Was man in ihm zu ehren gezwungen war, scheute man sich doch zum Grundsatze des eigenen Handelns zu machen. So konnte Follen nach langem und heftigem Streiten in Jena nur drei Anhänger für seine Lehre gewinnen, unter welchen eine Judasseele war (der zuletzt in ultramontanem Dienst berüchtigte Witt, genannt v. Dörring) und ein trefflicher Jüngling, dessen Name bald genug in den weitesten Kreisen genannt werden sollte.

Im März 1819 erfolgte die Ermordung Kotzebue’s durch Sand. Das darüber fast einstimmig gefällte Urtheil geht dahin, daß es eine in dem wilden Fanatismus oder doch in der jugendlichen Ueberspannung eines sonst edlen Menschen, der sich für ein ausersehenes Werkzeug des Himmels hielt, gereifte That war, daß ein Wahn, um den kein Anderer wußte, den Mörder trieb. Das Letztere wird um so mehr allgemein angenommen, da die schärfste Inquisition nicht im Stande gewesen ist, einen Mitschuldigen oder Mitwisser aufzufinden. Mag man indessen auch die Stimmung und Ansicht, aus welcher jene That hervorging, schwärmerisch nennen, so dürfen die Leser es doch mir glauben, daß die That ebenso kühl ausgedacht war, wie sie mit entschiedenem Willen vollführt wurde, und daß alle Folgen, die sich daran knüpfen sollten, überlegt und berechnet waren, und zwar nicht in Sand’s Innerem allein. Nachgerade „waren der Worte genug gewechselt worden“, sollte es einmal zu Thaten nach Follen’s Grundsätzen kommen. Was war das zunächst Thunliche? Eine Revolution direct zu machen, ging nicht an. Aber einen allgemein als Verräther an der deutschen Ehre und Freiheit gebrandmarkten Menschen in der möglichst auffallenden Weise zu strafen und aus dem Wege zu schaffen, dadurch die ganze Nation zum Gefühl ihrer Schmach mächtig aufzuregen, Tausende anzufeuern, daß sie, dem gegebenen Beispiele folgend, auch ihre Dolche blitzen ließen, wonach dann das Volk zu den Waffen greifen und alle seine Plager todtschlagen würde, das war erreichbar und thunlich und es verstand sich also nach dem „Grundsatze“ von selbst, daß es gethan wurde. Das Falsche in der Berechnung rührt daher, daß Follen bei aller sonstigen Einsicht doch die Masse des Volkes, seine Stimmung und Anschauung nicht kannte. Es verstand die Bedeutung dieser That so wenig, daß es für den Gemordeten viel mehr Mitgefühl als für den zugleich sich selbst opfernden Mörder an den Tag legte und auch den später eingekerkerten sogenannten Demagogen kaum irgend eine Theilnahme bewies. Follen konnte so wenig durch solche Thaten wie durch Worte der großen Menge sich verständlich machen.

Und warum verrichtete Follen die That nicht selbst? Aus reiner Oekonomie; denn der Gedanke der Selbstaufopferung war ihm in der That einer der liebsten. Ihm aber war eine höhere Aufgabe gestellt; seiner konnte die künftige Revolution als eines Führers nicht entbehren – er mußte für das Schwerere, das noch kommen sollte, sich erhalten. Hätte er sich dies nicht selbst gesagt, so sagte Sand es ihm jedenfalls, und er mußte die That dem Freunde überlassen, der eben dafür und nicht für noch Bedeutenderes sich befähigt hielt. Sand hatte Follen’s Ideen vollkommen sich zu eigen gemacht und hielt sich für berufen, den Anfang zu ihrer Ausführung zu machen. So allein wird diese That verständlich, und so sollte sie auf die Nachwelt kommen.

Sand, durchaus religiös und sittlich gestimmt, hatte den „Grundsatz“ zu seinem höchsten Glaubenssatz erhoben, in welchem weder ein langes Schmerzenslager, noch die Todesnähe, weder Zureden, noch Drohung ihn wankend machen konnten. Sein Tod war bei ihm selbst vorausbestimmt; denn als freiwillige Selbstaufopferung sollte und mußte die That erscheinen, nicht als gemeiner Act der Rache, um die beabsichtigte Wirkung auf die Nation hervorzubringen, und es war nicht Mangel an Willen, daß er nicht auf der Stelle todt blieb. Mit der größten Besonnenheit und Ruhe hatte er die ganze lange Reise vollendet, sich das Merkwürdigste in den Städten, namentlich in Darmstadt, angesehen, mit den Freunden verkehrt, dann kühl den rechten Moment gewählt – ist es zu verwundern, wenn er auch in den [724] nachfolgenden Verhören unbeugsam bei dem Leugnen aller Mitwissenschaft Anderer beharrte? Was im gewöhnlichen Leben eine Lüge heißt, war ihm in seinem Falle eine sittliche Nothwendigkeit, mit welcher er auch vor einen höchsten Richter zu treten nicht das geringste Bedenken hatte.

Auf Follen ruhte dennoch mit Recht der größte Verdacht; denn daß mit ihm Sand vorzugsweise in der letzten Zeit Umgang gepflogen hatte, war leicht zu ermitteln. (War doch selbst das Reisegeld Sand’s aus seiner Casse geflossen.) So wurde im Mai Follen gerichtlich vorgeladen, in Weimar zu erscheinen und sich verhören zu lassen. Die Behörden hätten es sich selbst voraussagen können, daß damit einem Manne wie Follen gegenüber nichts zu erreichen war.

Um dieselbe Zeit war man dem Vorhandensein des sog. „großen Liedes“ auf die Spur gekommen; Theile davon wurden öffentlich gesungen und selbst gedruckt war es zu sehen. Follen war der Abfassung und Sand der Verbreitung[2] verdächtig, was die Vermuthung, daß Follen Sand’s Mitschuldiger war, verstärken mußte. In Folge davon wurde Follen, der seine Vorlesungen in Jena ruhig fortsetzte, im folgenden October in der Nacht von Gensd’armen überfallen. Sie sagten ihm, daß sie gekommen seien, um ihn nach Mannheim zu transportiren, woraus Follen sogleich abnahm, daß er mit Sand confrontirt werden solle. Obgleich aus tiefem Schlafe geweckt, fand Follen sogleich die vollste Besonnenheit; und als nun der Anführer der Gensd’armen vorerst seiner Papiere sich bemächtigte, nachdem Follen sich mittlerweile angekleidet hatte, galt es darum, einen Brief zu beseitigen, der ihn im höchsten Grade verdächtig machen mußte. Ruhig stellte er sich neben die Gensd’armen, that im rechten Augenblick einen Griff zwischen die Papiere, nahm den Brief weg und verbrannte ihn in dem Ofen, der zum Glück noch Feuer enthielt, bevor die Häscher nur hinlänglich von ihrem Erstaunen sich erholen konnten, um ihn darüber zur Rede zu stellen.

„Ich habe einen Brief verbrannt,“ sagte er ganz gelassen, „denn es war mein Brief, mit dem ich also thun kann, was ich will.“

Man brachte ihn vorerst nach Weimar, wo er natürlich auch wegen des verbrannten Briefes verhört wurde.

„Es betraf ein zartes Verhältniß, und es war deshalb unpassend, daß er in ungeweihte Hände kommen sollte,“ sagte Follen, und mit dieser Erklärung, unbefriedigend wie sie war, mußte man eben zufrieden sein.

Man ließ ihn auf sein Ehrenwort hin die weitere Reise nach Mannheim unbegleitet machen. Dort wurde er auf’s Neue in das schärfste Verhör genommen, doch ohne allen Erfolg. Es blieb nur übrig, ihn mit Sand selbst zu confrontiren, was aber sicher sogar in dem Falle nutzlos gewesen sein würde, wenn der Letztere irgend wankend geworden wäre; denn durch eine etwaige Gemüthserschütterung Follen auch nur für einen Augenblick der vollsten Selbstbeherrschung zu berauben, war jedenfalls eine vergebliche Hoffnung. Wir wissen aber, daß auch Sand fest blieb bis zum letzten Augenblicke. Nach dem Eintritte in Sand’s Gefängnißzimmer wollte ihm Follen die Bruderhand reichen, was aber verhindert wurde. Wie tief ihn auch der Anblick des Freundes erschüttern mußte, der in seiner Idee gehandelt hatte, bleich auf sein Lager hingestreckt, an einer schmerzhaften Wunde leidend, deren Verheilung nur abgewartet wurde, damit er dann zum Richtplatze geschleppt würde, so hinderte dies doch die beiden Freunde nicht, sich einander und ihrer Sache treu bleibend, den ergreifenden Auftritt zu bestehen ohne den geringsten Gewinn für die Untersuchungsrichter. Als man am Schlusse Follen wieder entfernen wollte, drängte er die Umstehenden zur Seite, nahte sich rasch dem Lager des Freundes, faßte ihn in seine Arme, drückte ihn an die Bruderbrust, um dann für immer von ihm zu scheiden. Es schien ihm unwürdig, der Aeußerung des natürlichen Menschengefühls in diesem Augenblicke sich berauben zu lassen. Natürlich wurde der Scene baldigst ein Ende gemacht.

Man konnte nicht anders, als Follen völlig freisprechen, die Regierung zu Weimar mußte sich jedoch dazu verstehen, die ihm ertheilte Erlaubniß zu Vorträgen zurückzunehmen, so daß er Jena zu verlassen genöthigt war.

Ich habe nicht umhin gekonnt, in Vorstehendem von der Darstellung in dem Werke der Wittwe Follen’s wesentlich abzuweichen. Es kann Dinge geben, welche der Mann auch dem geliebtesten Wesen, der eigenen Frau, doch nicht mittheilt; ich darf aber an der Untrüglichkeit meiner eigenen Quelle keinen Augenblick zweifeln.

Karl Follen’s Grundsätze lebten in einer kleinen Zahl seiner Freunde in Gießen auch nach seiner Entfernung von da noch fort. Waren die „Schwarzen“ schon früher mit älteren Männern in engerer Verbindung gewesen, so bildete deren sogenannter „unbedingter“ Theil immer mehr einen im Ganzen kleinen Verein, zu welchem jetzt nur wenige der Studirenden gehörten; sie sahen und beriethen sich gelegentlich, und Jeder agitirte und handelte zugleich in seiner eigenen Weise. Das Wort „Bund“ oder gar „Verschwörung“ würde auf diesen ganz formlosen Verein gar nicht passen, man vertraute allein auf die Macht der gleichen Gesinnung, ohne daß Alle in dem, was sie von der nächsten Zukunft erwarteten, oder was geschehen müsse, übereinstimmten. Die in Gießen Zurückgebliebenen standen besonders mit Dr. Weidig (dem Unermüdlichsten von Allen), Advocat Heinrich Hoffmann in Darmstadt und Anderen in näherem Verkehr.

War Sand’s That von Jena ausgegangen, so mußte die zweite der Ordnung gemäß von Gießen aus erfolgen. Und wem galt zunächst die Reihe? Unter den Fürsten war damals keiner, der sich durch auffallende Schlechtigkeit so sehr vor den andern hervorgethan hätte, daß ein Einzelner von ihnen ein passendes Opfer gewesen wäre; hätte man sie mit einem Schlage alle zermalmen können, dieser Schlag wäre ohne Zweifel geführt worden. Außerdem war es klar, daß nicht sowohl die Fürsten das Unglück, unter welchem Deutschland seufzte, über dasselbe absichtlich brachten, als daß deren Rathgeber ihren Verstand zur Unterdrückung des Volkes herliehen; es schien passend und recht, jetzt an diesen zuerst ein Exempel zu statuiren. Auf den „großen Schurken“ Metternich war es eigentlich abgesehen, und mehr als einmal wurde er zu dem Tode durch das „Freiheitsmesser“ verurtheilt. Aber wie schwer war ihm beizukommen! Die Sache mußte noch immer aufgeschoben werden, zumal da es auch fast ganz an den nöthigen Geldmitteln fehlte, und man mußte vorerst mit dem näher Liegenden und Erreichbaren sich begnügen.

Minister Ibell in Wiesbaden hatte sich binnen Kurzem zum Gegenstande des Fluches von Seiten der Bewohner des Ländchens gemacht; sein Tod mußte ja wohl Schrecken in das ganze Lager seiner Genossenschaft bringen, – das Weitere, dachte man, wird sich finden.

So saßen denn in dem Hinterstübchen einer Dorfschenke an der Grenze von Hessen und Nassau in nächtlicher Berathung drei Männer zusammen. Einer aus Gießen – Derjenige, welcher [725] dort Karl Follen’s Geist am meisten vertrat –, dann Pfarrer F. aus der Wetterau (ein Mann, der sich durch freisinnige Reden im Jahre 1813 hervorgethan hatte, den Behörden aber in keiner Art verdächtig war, weil er mit großer Klugheit handelte) und der Apothekergehülfe Löning aus dem Nassau’schen, ein jüngerer Mann, welcher erst seit Kurzem aus innerem Drange die Bekanntschaft der Vaterlandsfreunde gesucht und sich ihnen angeschlossen hatte. Man einigte sich darüber, daß Ibell fallen müsse, und wollte das Loos darüber entscheiden lassen, welcher von den Dreien das Urtheil vollstrecken solle. Es fiel auf den ersten der drei Genannten, und wäre es bei dieser Entscheidung geblieben, so hätte unfehlbar des Ministers letzte Stunde geschlagen. Löning aber beruhigte sich bei dieser Entscheidung nicht, führte (ganz genau so wie wir es im Sand’schen Falle gesehen haben) überzeugend aus, daß die beiden Anderen zu Größerem berufen und fähig seien, daß er, der weniger Bedeutende, nicht hoch in Anschlag komme, daß mit Recht ihm, dem näheren Landsmanne Ibell’s, die Rolle des Rächers zukomme, und forderte die That so bestimmt für sich, daß ihm endlich nachgegeben wurde. Niemand konnte bei diesen Verhandlungen ahnen, daß Einer von den Dreien nicht lange vorher ein zartes Verhältniß angeknüpft hatte; er hatte es unter der Voraussetzung gethan, daß die Pflicht für das Vaterland jeder anderen vorgehe, und von den wenigen Frauen, mit welchen wir umgingen, verlangten wir eben dieselbe Opferfreudigkeit, welche uns beseelte.

Löning’s körperliche Kraft und Gewandtheit waren seinem Willen nicht gleich, und so entzog sich Ibell dem gegen ihn geführten Dolchstoß. In der ersten Nacht, welche Löning in dem Gefängnisse zubrachte, während man die ausgedehntesten Vorbereitungen zu einem Verhöre traf, von welchem die wichtigsten Aufschlüsse erwartet wurden, tödtete er sich selbst durch verschluckte Stücke einer Glasscheibe; es giebt wenige gräßlichere Todesarten; aber die Möglichkeit, seine Freunde in Verdacht zu bringen, war damit abgeschnitten.

Sand’s und Löning’s Thaten äußerten in keiner Weise diejenige Wirkung auf das Volk, welche man irrig davon erwartet hatte. Die Gebildeteren verurtheilten fast durchgehends das eingeschlagene Verfahren und die Grundsätze, aus welchen es hervorging, vom sittlichen Standpunkte aus; die große Masse aber blieb völlig gleichgültig bei dieser Selbstaufopferung einzelner „Enthusiasten“. Die bald allerwärts eintretende Verfolgung und Einkerkerung der sogenannten „Demagogen“ rührte die Menge so wenig, daß man ihnen vielmehr die verschärften Maßregeln der Regierungen zur Last legte. Es blieb jenen nichts Anderes übrig, als entweder in anderen Ländern oder Welttheilen eine Zuflucht oder, einer besseren Zukunft harrend, einstweilen in unverpönten Beschäftigungen, in der Gründung eines eigenen Herdes Befriedigung zu suchen, oder aber, was Manche thaten, mit den Regierungen ihren Frieden zu machen. Das neuheranwachsende Geschlecht war keineswegs geneigt, dieselbe gefährliche Bahn zu betreten; der alte Geist verschwand schneller, als man hätte erwarten sollen, um niemals in gleicher Art wieder zu erscheinen. –

Soweit Münch. Wir müssen hinzufügen, daß auch er hier nicht den Geist der Burschenschaft meint, wie er von Jena aus über Deutschland verbreitet worden ist, sondern den Follen’schen Geist der Schwarzen von Gießen. Der Geist der echten Burschenschaft hat noch 1848 mitgefochten und 1870 mitgesiegt.



  1. Das Werk erscheint in den nächsten Wochen und unter dem Titel: „Erinnerungen aus der Zeit der ersten Anfänge von Deutschlands Wiedergeburt“, enthaltend die Biographien von Karl und Paul Follen und die Selbstbiographie Fr. Münch’s. Neustadt an der Haardt, Verlag der Witter-Gottschick’schen Buchhandlung. Mit den Bildnissen von Karl Follen und Münch. Dasselbe bedarf wohl nach unserer Mittheilung daraus keiner weiteren Empfehlung.
  2. Robert und Richard Keil, die sehr verdienten Geschichtschreiber des „Jenaischen Studentenlebens“, der „Burschenschaft“ und der „Wartburgfeste“, Werke, welche nicht nur jeder Freund der akademischen Entwickelung unserer Jugend besitzen, sondern auch jeder Geschichtsforscher beachten sollte, theilen in dem erstgenannten Buche (Leipzig, Brockhaus, 1858) S. 445 Folgendes hierüber mit: „Von Jena, von Kahla und Apolda aus und auf einer Reise nach Berlin verbreitete Sand jenes schwülstige Gedicht, das so großes Aufsehen gemacht hat, dessen Abdruck aber früher die Censur nicht zuließ. Es lautete unter dem Titel ‚Deutsche Jugend an die deutsche Menge‘ oder ‚Dreißig oder dreiunddreißig – gleichviel‘ wörtlich so:

    ‚Menschenmenge, große Menschenwüste,
    Die umsonst der Geistesfrühling grüßte,
    Reiße, krache endlich, altes Eis!
    Stürz’ in starken, stolzen Meeresstrudeln
    Hin auf Knecht und Zwingherrn, die dich hudeln,
    Sei ein Volk, ein Freistaat, werde heiß.

    Bleibt im Freiheitskampf das Herz dir frostig,
    In der Scheide wird dein Schwert dann rostig,
    Männerwille, aller Schwerter Schwert!
    Wird es gar im Fürstenkampf geschwungen,
    Bald ist es zerschroten, bald zersprungen,
    Nur im Volkskampf blitzt es unversehrt.

    Thurmhoch auf des Bürgers und des Bauern
    Nacken mögt ihr eure Zwingburg mauern,
    Fürstenmaurer, drei und dreimal zehn,
    Babels Herrenthum und faule Weichheit
    Bricht ein Blitz und Donner, Freiheit, Gleichheit,
    Gottheit aus der Menschheit Mutterweh’n.‘“

    Diese Verse, die man sogar Sand selbst zugeschrieben, sind, nach Münch’s Mittheilung, nur Theile des sogenannten „großen Liedes“, das den „Grundsatz“ und seine Einführung in’s Leben verherrlichte.