Gesammelte Schriften über Musik und Musiker/Aus den Büchern der Davidsbündler (2): I. Sechszehn neue Etuden

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1836 (Schluss) Gesammelte Schriften über Musik und Musiker (1854) von Robert Schumann
Aus den Büchern der Davidsbündler (2): I. Sechszehn neue Etuden
Aus den Büchern der Davidsbündler (2): II. Tanzliteratur


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Aus den Büchern der Davidsbündler.
I. Sechszehn neue Etuden.


Das Titelblatt hat sich verloren und ich kann ohne alle Amorbinde und Blende recensiren: denn Namen machen unfrei, und Personalienkenntniß vollends. Sollten die Etüden daher von Moscheles sein, so fürchte ich nicht, sie zu sehr tadeln zu müssen wegen Charakterschwäche, — oder von Chopin, so soll mich sein schwärmerisch Auge nicht verführen, — oder von Mendelssohn, den spür’ ich tausend Schritte weit in den Fingern und sonst, — oder von Thalberg, so soll er die Wahrheit erfahren, — oder gar von dir, Florestan, der du uns am Ende einmal mit „Violinetuden für Clavier“[H 1] überraschen wirst, wie du deren schon orchesterartige gesetzt, so soll unsern Goliathen nichts verschwiegen bleiben. Nachdem ich einen prüfenden En-gros-Blick in das Heft geworfen (ich halte viel von der Notengestaltmusik für’s Auge), so gesteh’ ich, daß es wohl nicht [4] allein an den sehr scharfen, einzeln stehenden, wie in Stein gehauenen Köpfen liegt, daß ein jeder etwas zu bedeuten und die lose verschlungenen Stimmfäden immer in einen klaren Büschel zusammen zu wachsen scheinen. Sodann sieht mich etwas ungemein Solides an, dabei Säuberliches, Geputztes, in der Art, wie sich alte Leute noch Sonntags gern anziehen, vor Allem aber etwas Wohlbekanntes, dem man schon im Leben einmal begegnet zu sein[H 2] meint. Von romantischen Gießbächen hör’ ich nichts, wohl aber von zierlichen Springbrunnen in verschnittenen Taxusalleen. Doch sind dies alles optische Ahnungen und bei Weitem sicherer schlag’ ich gleich S. 30 auf — „Moderato en carillon“:

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Carillon heißt jedenfalls Glockenspiel und ich vergleiche die Etude einem klingenden chinesischen Thurm, wenn der Wind unter die närrischen Glöckchen fährt. Sehr hübsch find’ ich sie und erachte sie eines guten Musikers würdig: ja sie hat etwas Cramersches.[H 3] Weiter — S. 32:

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Melodie scheint mir deine Stärke nicht, verschleierter Künstler, aber wie kannst du auch S. 34 innig werden. Ist es doch, als glühe in ein greises Gesicht ein Blitz von früher hinein, und verkläre es eine Weile und es sinke dann wieder ermattet auf’s Ruhebett zurück. Von Chopin ist die Etude nicht: darauf schwör’ ich. Zurück — S. 20:

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Hier könnte Moscheles seine Hand im Spiel haben, wenn sie sich nicht gar zu lang in der ursprünglichen Tonleiter bewegte: aber wie glücklich geräth sie in einer neuen Bewegung an ein Ziel:

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Weiter finde ich S. 23:

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Ludwig Berger[H 4] feilt seit langen Jahren an einem Heft: ich bekomme ihn hier stark in Verdacht. Das geht so fest durch den Harmoniestrom, ohne Bangen, auf eine seichte Stelle oder eine Untiefe zu gerathen; ja im Edur steigt es ans Land und sonnt sich auf grünem Rasen, dann aber flugs wieder in die Wellen hinein. Zurück S. 18:

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[7] – die mich irre am Componisten macht und einen fernen südlichen Anflug, ja Aehnliches von einem Quartett aus einer Bellinischen Oper hat. Ich vermuthete schon ein Oeuvre posthume von Clementi: aber hier fühl’ ich jüngste Einflüsse. Dagegen scheint mir S. 2 sehr altväterisch, S. 28 und 42 trocken und langweilig.

Was aber funkelt hier, S. 26, und duftet auf mich ein:

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Ein webendes Tonspiel von sechs und mehren Stimmen, ein glückliches Durcheinander, ein Plaudern von geliebten Lippen – und wahrhaftig, hier senk’ ich meinen Degen, denn nur ein Meister kann solches. Noch dazu macht mich dieser Gang stutzig:

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— und gar zu meiner Verwunderung steht über einer der Etuden Nro. 97. — Sollten sie am Ende gar vom alten J. B. — — —

Freilich, Eusebius, sind sie’s und ich übersetze schon seit lange an dem Titel, welcher lautet: 16 nouvelles Etudes pour le Pianoforte composées et dédiées à Mr. A. A. Klengel, organiste à la cour de sa Majesté le Roi de Saxe par son ami J. B. Cramer, membre de l’académie royale de Musique à Stockholm. Oeuv. 81. (Nro. 85–100.) Propriété des editeurs. Enrégistré dans l’archive de l’union. Vienne, chez T. Haslinger, editeur de musique etc.

Rob. Schumann.[H 5]



Anmerkungen (H)

  1. [WS] Hier spricht sich Schumann selbst als Florestan an. Gemeint sind seine je sechs Studien nach Capricen von Paganini op. 3 (1832) und op. 10 (1833) für Klavier. Schumann verwendete die Pseudonyme Florestan und Eusebius auch für die Titelblätter seiner Kompositionen (Opus 6, 9, 11 und 13) und deren Ankündigung. Siehe z. B. Neue Zeitschrift für Musik, 1838, Bd. 8, Nr. 5, S. 20. Internet Archive
  2. [WS] Vorlage: haben
  3. [WS] Johann Baptist Cramer (1771–1858) ist der Verfasser der hier besprochenen 16 nouvelles Etudes pour le Pianoforte op. 81 von 1836 (Noten bei IMSLP).
  4. [WS] Ludwig Berger (1777–1839), deutscher Komponist und Pianist, war ein Freund Schumanns, stand 1835–1838 mit ihm in Briefkontakt, gehörte zu den Davidsbündlern und war Mitarbeiter bei der Neuen Zeitschrift für Musik.
  5. [WS] Vorlage: Eusebius. Schumann unterzeichnet in der Erstausgabe (Neue Zeitschrift für Musik, 1836, Bd. 4, Nr. 47, S. 194 Internet Archive) folgerichtig mit „Rob. Schumann“, da sich ja der Verfasser des letzten Absatzes dialogisch an Eusebius wendet. Vielleicht sollte die Unterschrift ursprünglich unter dem vorletzten Absatz platziert werden.
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