Ludwig Dessoir (Die Gartenlaube 1875/7)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Otto Franz Gensichen
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ludwig Dessoir
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 109–111
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[109]
Ludwig Dessoir.

Am kältesten Tage dieses Winters, am 2. Januar 1875, wurde des unsterblichen Künstlers sterbliche Hülle der mütterlichen Erde übergeben. Auf dem Matthäikirchhofe bei Berlin, dort, wo die Brüder Grimm, Diesterweg und so Mancher von unvergänglichem Namen ruht, wurde auch ihm gebettet zu ewigem Schlummer. Nur seine Söhne und ein sehr kleiner Kreis von Kunstgenossen und Freunden warf ihm eine Hand voll Erde hinab auf den lorbeerbekränzten Sarg. Der bekannte Prediger Dr. Sydow, welcher bereits im Trauerhause eine geistvolle Leichenrede gehalten, sprach ein kurzes Gebet an der offenen Gruft, und schnell beendeten die Todtengräber ihr Werk.

Im herrlichsten Winterschmucke prangte die Natur. Mit blendend weißem, fußhohem Schnee waren die Felder bedeckt, und die dichtbereisten Bäume glitzerten wundervoll in den Strahlen der Nachmittagssonne. Von dem Trauerhause in der

Die Gartenlaube (1875) b 109.jpg

Ludwig Dessoir.
Nach einer Photographie.

Bendlerstraße bewegte sich der Leichenzug die Potsdamerstraße entlang, vorbei am botanischen Garten bis gegen Schöneberg. So empfindlich auch die grimmige Kälte den Leidtragenden auf dem langen Wege wurde, mit Entzücken weidete sich jedes Auge an der winterlichen Landschaft. Und jenen tiefen, beseligenden Frieden, welcher eine gleichsam erstorbene Natur bedeckte – neidlos gönnte ihn Jeder dem Heimgegangenen Meister, da ja auch er geistig schon längst erstorben war und sich innigst gesehnt hatte nach ewigem Frieden. War ihm doch überdies der Tod nicht in seiner schreckenden, sondern in seiner freundlichsten Gestalt genaht. Ohne vorhergegangene Krankheit, nach einem kräftigen und ruhigen Schlafe hatte er ihn durch plötzlichen Herz- und Lungenschlag aus den warmen Armen der Liebe kampf- und schmerzlos in seine kalten Arme genommen.

Am 15. December 1810 wurde Ludwig Dessoir zu Posen geboren. Am 30. December 1874, früh vier Uhr, ist er zu Berlin gestorben. Mit seinem großen Vorgänger Ludwig Devrient theilte er merkwürdiger Weise denselben Geburts- und Todestag. Ich habe schon früher in meinen Silhouetten „Berliner Hofschauspieler“ und in einem Aufsatze der „Vossischen Zeitung“, welcher erst ganz kürzlich erschien, sowohl Dessoir’s künstlerische Bedeutung eingehend gewürdigt, wie auch sein Leben ziemlich ausführlich beschrieben. Deshalb will ich hier weder eine kritische Studie, noch eine eigentliche biographische Skizze bieten, sondern nur ein schlichtes Wort der Erinnerung über den Heimgegangenen Freund sprechen, und Einzelnes, welches bisher unbekannt war, aus seinem Leben veröffentlichen.

Neben Ludwig Dessoir wuchsen im Hause der Eltern, welche dem Kaufmannsstande angehörten, noch vier Geschwister auf, zwei Brüder und zwei Schwestern. Alle fünf Kinder widmeten sich später der Bühne. Von den Schwestern verheirathete eine sich nachmals an den Schauspieler Lobe und wurde die Mutter des jetzigen Directors am Wiener Stadttheater, Theodor Lobe. Die andere Schwester ist spurlos verschollen.

Den ältesten Bruder, einen einst gefeierten Schauspieler, trieb unglückliche Liebe in Wahnsinn und Selbstmord. Er war zehn bis zwölf Jahre älter als Ludwig, von riesiger Figur und wunderbaren Mitteln und der Liebling des Braunschweiger Hofes und Publikums. Auf Befehl des Herzogs von Braunschweig wurde er als Nero, welchen er in einem alten Stück, „Die Katakomben“, gespielt hatte, für die fürstliche Gemäldegalerie gemalt. Leider ging dieses Bild beim Brande des Braunschweiger Schlosses von 1830 zu Grunde. Charakteristisch für die allen Dessoirs eigene Energie ist die Art und Weise, wie er sich das Leben nahm. Er setzte sich bei offnen Thüren in bloßer Nachtjacke auf einen Stuhl, verstopfte sich Ohren und Nase mit Baumwolle und preßte ganz tief in seinen Mund ein feines ostindisches Taschentuch. So wurde er todt, anscheinend schlafend, gefunden. Unvermählt ist er in der Blüthe seiner Jahre heimgegangen, und sein jüngerer Bruder hat ihn nur als einen Wahnsinnigen kennen gelernt.

Der zweite Bruder lebt noch heute als reicher Mann und als Vater einer großen Familie in Amerika. Er war ursprünglich gleichfalls Schauspieler geworden, ging aber, da er in diesem Berufe nicht vorwärts kam, nach Amerika hinüber, wo er mit echt Dessoir’scher Energie sich aus bitterster Armuth zu blühendstem Wohlstande emporarbeitete. Als Straßenkehrer begann er drüben seine Laufbahn, wandte sich dann der Tischlerei zu und ist heute Inhaber eines großen Möbelmagazins. Vor etwa sechs Jahren war er in Berlin bei seinem berühmten Bruder zu Besuch. Er sah dessen „Hamlet“ und mißbilligte ihn als zu zahm; dafür legte er eine von ihm selbst verfaßte Tragödie, betitelt „Das Leben im Leben“, vor, in welcher Ludwig hinwiederum nur Spuren höheren Blödsinns erkennen konnte. Die beiden Brüder trennten sich auf Nimmerwiedersehn, ohne daß ein gegenseitiges geistiges Verständniß zwischen ihnen ermöglicht worden.

Als weitaus jüngster von den drei Brüdern mochte Ludwig Dessoir vielleicht der besondere Liebling der Mutter gewesen sein. Wenigstens erzählte er bis an sein Lebensende immer mit großer Rührung, daß seine Mutter sich fast blind geweint habe, als auch er zur Bühne ging. Auf der Bürgerschule seiner Vaterstadt hat er sich keine tiefe und breite wissenschaftliche Bildung aneignen können, zumal er schon mit vierzehn Jahren als Negerknabe Nanky in Körner’s „Toni“ die Bretter betrat. Bald darauf widmete er sich völlig der Bühne, indem er beim Director Couriol in Posen als Secretär, Rollenabschreiber, Schauspieler eintrat. Aber schon nach anderthalb Jahren mußte Couriol Concurs ankündigen, und nun begann für Dessoir ein Wanderleben bei kleinen ambulanten Bühnen, reich an Entbehrungen aller Art, aber auch reich an dem romantischen Zauber wegelagernden Zigeunerthums. Mit wahrem Behagen erzählte er später auf der Höhe seines Ruhmes von der Noth und dem Reiz dieser Lehrjahre. Sein erstes besseres Engagement fand er beim Director August Hake in Wiesbaden. Dort rückte er, sein Felleisen auf der Schulter, so ausgehungert,und bettelarm ein, daß er (es war zur Sommerszeit) mit den gefallenen Kirschen, welche er auf der Chaussee fand, wenigstens [110] etwas die Bedürfnisse seines Magens zu stillen suchte. Auf dem Wege zwischen Wiesbaden und Mainz begegnete er übrigens zum ersten Male seinem vorher nie gesehenen und nur an der Familienähnlichkeit und nach den Schilderungen der Mutter von ihm erkannten älteren Bruder, dessen einst so kräftiger Geist leider schon in unheilbarem Wahnsinn gebrochen war.

Kaum noch dem Jünglingsalter entwachsen, stand Dessoir auf der Höhe des Ruhmes. Der eigentliche Ausgangspunkt seines Rufes wurde Leipzig, wo er von 1834 bis 1836 unter Ringelhardt sein erstes festes Engagement fand. Hier wurden seine Leistungen von Heinrich Laube, dem damaligen Redacteur der „Zeitung für die elegante Welt“ eingehend und anerkennend gewürdigt, hier durfte er bereits an die Begründung eines eigenen Herdes und Heims denken. Bei seinem Eintreffen in Leipzig fand er Fräulein Therese Reimann an der dortigen Bühne engagirt, eine bei Publicum und Kritik gleich beliebte Schauspielerin. Sie flößte ihm eine so heftige Leidenschaft ein, daß er, nach seinem eigenen Geständnisse, wie sein älterer Bruder, dem Wahnsinne würde verfallen sein, hätte er sie nicht heirathen können. Im Jahre 1835 vermählte er sich mit der Geliebten, doch wurde diese namenlos unglückliche Ehe, aus welcher sein Sohn Ferdinand Dessoir (jetzt Schauspieler am Hoftheater zu Dresden) stammt, schon nach einjähriger Dauer getrennt. Von Leipzig ging Dessoir 1836 zu kurzem Engagement nach Breslau, von dort ein Jahr später nach Pest, von wo er 1839 an das Karlsruher Hoftheater berufen wurde. Hier war er zehn Jahre hindurch thätig, bis der Badische Aufstand die Schließung des Hoftheaters gebot. Durch Professor Rötscher’s Vermittlung trat er am 1. October 1849 in den Verband des Berliner Hoftheaters, auf welchem er schon zwei Jahre früher gastirt hatte, und welchem er fortan bis zu seiner Pensionirung, 1. October 1872, dauernd angehörte.

Was er in diesen dreiundzwanzig Jahren auf der Berliner Hofbühne gewirkt, das sichert seinem Namen einen der ehrenvollsten Plätze in der Geschichte des deutschen Theaters. Und gerade hier den höchsten Ruhm zu erringen, war Arbeit doppelter Energie. Warfen doch auf diese Bretter die Gestalten zweier noch nicht allzu lange heimgegangener Meister ihre gigantischen Schatten. Ludwig Devrient und Karl Seydelmann, stand doch auf diesen Brettern ein neuer, epochemachender Genius in der Vollkraft seines Schaffens: Theodor Döring. Aber weder die Erinnerung an die großen Todten, noch die Nebenbuhlerschaft des lebenden Meisters beeinträchtigen Dessoir’s Ruhm. Auf eigenen, selbstständigen Bahnen schritt er hinauf zur Höhe seiner Kunst, und die liebende Bewunderung der Mitwelt wußte ihn dort auch dann noch festzuhalten, als ihm selbst die physischen Kräfte versagten. Ja, der begeisterte Biograph Seydelmann´s, Professor Rötscher, war der Ersten Einer, welcher der ehrfurchtsvollen Menge zu wissenschaftlichem Bewußtsein brachte, daß in Ludwig Dessoir ein neuer Genius erstanden, werth, nach dem höchsten, von Todten und Lebenden entnommenen Maßstabe gemessen zu werden.

Oft genug wurde in fetten Jahren bei den Theaterenthusiasten die Frage erörtert, wer von beiden der Größere sei, Theodor Döring oder Ludwig Dessoir. Aber ohne die Genannten in weitere Parallele mit dem Dioskurenpaare unserer classischen Dichtung setzen zu wollen, hätte man auch diesen Streit mit dem bekannten, derben Ausspruche Goethe’s abweisen können. Man solle doch nicht streiten, wer größer sei, er oder Schiller, sondern sich überhaupt freuen, daß zwei Kerle da seien, über welche es solchen Streites lohne. Und in der That, wie der Eine jener Heroen nicht den Ruhm des Anderen beeinträchtigt, so prangt der Lorbeer um Döring’s Haupt nicht minder voll und frisch, weil auch Dessoir einen reichen Kranz mit sich hinabgenommen in die Gruft.

Und doch hatten die beiden großen Nebenbuhler des Berliner Hoftheaters das eine Gemeinsame, daß Keiner von ihnen Künstler des einfach Schönen war. Letzteres wurde unter den Darstellern jener Epoche auf dem Berliner Hoftheater vielleicht am glücklichsten durch Hermann Hendrichs vertreten. Bei Dessoir fand immer ein Ueberragen des Ideellen über das Bildliche, Sinnliche statt, er ist der geborene Darsteller des Erhabenen. Bei Döring findet stets ein Ueberragen des Bildlichen, Sinnlichen über das Ideelle statt; er ist der geborene Darsteller des Komischen.

Dieses Ueberwiegen des Ideellen, Geistigen machte Dessoir zum gefeiertsten Liebling der Gebildeten, der Gelehrten. Wohl wußte er auch die Menge durch die dämonische Kraft seiner Leidenschaft hinzureißen, aber er blieb vorwiegend der Bewunderte auserwählter Kreise. Seinen höchsten Ruhm hat er als Shakespearedarsteller errungen, und sein Othello, welchen er 1853 gelegentlich eines Gastspiels in London spielte, wurde selbst von der englischen Presse neben und über die Leistungen von Edmund Kean, Maeready und Brooks gesetzt.

Ueber das äußere Leben des Heimgegangenen habe ich nur Wenig nachzutragen. Im Jahre 1844 hatte er sich zum zweiten Male, mit Fräulein Helene Pfeffer, der Tochter eines hochansehnlichen Pester Hauses, vermählt. Auch diese Ehe scheint keine glückliche gewesen zu sein. Dessoir selbst hat mir oft gestanden, daß er immer von einer fast wahnsinnigen Eifersucht gewesen sei, und daß der bloße Gedanke, sein Weib könne von einem anderen Manne mit begehrendem Auge angesehen werden, ihn beinahe rasend machte. Sich selbst und seiner Gattin bereitete er durch diese Eifersucht viele trübe Stunden, und das Glück der Ehe wurde völlig zerstört, als die beklagenswerthe Frau im Jahre 1859, beim Tode ihres einzigen Kindes in unheilbaren Wahnsinn verfiel. Sie lebt noch heute in der Landesirrenanstalt zu Ofen.

Dessoir konnte es nicht über sich gewinnen, die Ehe gerichtlich scheiden zu lassen. Besonders hielt ihn die warme Liebe zu seinem Schwager Ignaz Pfeffer, welchen er stets mit wahrer Verehrung als den edelsten der Menschen rühmte, von solchem Schritte zurück. Freilich entfremdete er sich seelisch und leiblich immer mehr und mehr der irrsinnigen Gattin.

Von den drei überlebenden Söhnen des Künstlers führen nur zwei den berühmten Namen Dessoir. Einer derselben, der oben erwähnte Ferdinand, ist bereits ein gefeierter Schauspieler; daß der Zweite, Max, es werden möge, war der lebhafte Wunsch des Vaters. Max Dessoir, gegenwärtig Schüler des Berliner Wilhelmsgymnasiums, war der Liebling des Verstorbenen und dürfte ihm auch in der äußeren Erscheinung am ähnlichsten werden. Den älteren der beiden illegitimen Söhne Dessoir’s, welcher auf den Namen Emil getauft ist, und jetzt etwa fünfzehn Jahre alt sein mag, kenne ich nur wenig. Er lebt gegenwärtig in Berlin, wo er sich der Handlung widmet. Der kleine Max spielte häufig genug unter dem stolzen Lächeln des Vaters zu unseren Füßen, wenn wir uns in langen Gesprächen über die Aufgaben und Gebilde der dramatischen Kunst unterhielten.

Bei seiner treuen Haushälterin Auguste Grünemeyer, der Mutter seines jüngsten Sohnes Max, fand Dessoir für seine letzten Lebensjahre die Pflege und liebevolle Hingabe, deren er so sehr bedurfte. Hatte er doch nie an einem wilden Wirthshausleben nach Ludwig Devrient´scher Manier Gefallen gefunden, liebte er doch stets ein geordnetes, behagliches Hauswesen, verlangte doch seine außerordentlich sensible Natur immer nach einem regelmäßigen Einerlei des täglichen Treibens. Letzteres wurde ihm zu besonders dringendem Bedürfniß, seit ihm im November 1867 heftige Nervenzufälle die vollkräftige Ausübung seiner Kunst unmöglich machten. Seitdem lebte er, ein Schatten seiner einstigen Größe, sich selbst zur Last.

Aber er mußte spielen, da er ohne Vermögen war und sein Contract ihn zu keiner Pension berechtigte. Es gereicht Herrn Generalintendanten von Hülfen zu großer Ehre, daß er, um dem Künstler die Demüthigung eines Gnadengesuches zu ersparen, aus freien Stücken im Jahre 1872 einen neuen Contract mit Dessoir abschloß, wodurch demselben eine Pension von zweitausend Thalern jährlich gesichert wurde. Am 1. October 1872 trat Dessoir denn auch, mit Beziehung der bezeichneten Pension, in den wohlverdienten Ruhestand.

Fortan lebte er ganz zurückgezogen mit seiner Haushälterin und seinem Max. Sein alter, ihm wenige Wochen in den Tod vorangegangener Schul- und Jugendfreund Louis Czarnikow, sein trefflicher Vetter Ludwig Eichborn, der als Dichter des „Timoleon“ und „Lorenzino von Medici“ bekannte, jetzt in Leipzig ansässige Dr. Hans Marbach und der Schreiber dieser Zeilen waren fast die einzigen vertrauten Freunde, welche er in den letzten Jahren bei sich sah. Das Theater hat er fast nie mehr besucht, von seinen Collegen fand fast keiner zu ihm. Und doch, [111] wenn auch der Körper, namentlich Füße und Zunge, ihm den Dienst versagten, der Geist war frisch geblieben bis an sein Ende. Durch unermüdliches Studium hatte er die Lücken seiner Schulbildung auszufüllen gewußt und sich namentlich auf dem Gebiete der Literatur, Philosophie und Geschichte schätzenswerthe Kenntnisse erworben. Unter den Poeten waren Shakespeare und Goethe, unter den Philosophen Lessing und Schopenhauer, unter den Historikern Thomas Carlyle und Theodor Mommsen seine Lieblinge.

Durch Gastspiele in London und den bedeutendsten Städten Deutschlands hat Dessoir seinen Ruhm über Europa und weiter verbreitet. Zum letzten Male trat er als Gast auf dem Meininger Hoftheater 1870 einmal als Marcus Brutus (Julius Cäsar) auf. Gar oft erzählte er mir, daß er als freundliche Erinnerung an diese letzte Stätte neuen Triumphes den Eindruck der wunderbaren Schönheit eines jungen, goldlockigen Mädchens bewahre, welches neben ihm den Lucius spielte und ihn im vierten Acte durch Wein und Musik zu dem letzten, entscheidenden Gange stärkte. Der Genius der Poesie, glaubte er, grüße ihn noch einmal in dieser Erscheinung; aber nicht neue Kraft wurde ihm zu neuem Schaffen.

Es findet sich bei Tacitus eine ergreifende Stelle, welche mir stets als die trefflichste Grabschrift derer erschien, die so stolzer Worte würdig sind. Sie möge hier als Abschiedswort an Ludwig Dessoir stehen:

„Wenn es einen Wohnort seliger Geister giebt, wenn, nach dem Ausspruche der Weisen, eine große Seele nicht zugleich mit dem Körper der Vernichtung anheimfällt, so ruhe in Frieden und wende uns weg von schwachmüthigem Trauern und weibischem Wehklagen zur Betrachtung Deiner Tugenden, um die man nicht weinen, noch jammern soll. Durch Bewunderung vielmehr, durch immer neue Lobpreisung und, wenn unsere Kraft zureicht, durch Nacheiferung wollen wir Dich ehren. Das ist die rechte Ehrenbezeigung, das ein Liebeszeichen innigster Verbindung. Was wir an Dir geliebt, was wir bewundert haben, das bleibt und wird bleiben in den Herzen der Menschen, in der endlosen Folge der Zeiten, in der Geschichte.“

Otto Franz Gensichen.