Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise

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Textdaten
Autor: Johann Heinrich Lehnert
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Titel: Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise
Untertitel:
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Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1829]
Verlag: J. G. Hasselberg
Drucker: Gebrüder Unger
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
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Quelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg = Commons
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[i]
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[ii]
Mährchenkranz für Kinder,
der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise
geweiht
von
JOHANN HEINRICH LEHNERT,
Prediger zu Falkenrehde bei Potsdam.



Mit zehn Kupfern.


Berlin,
bei J. G. Hasselberg.


[I]
Seiner würdigen Schwiegermutter,

der

Frau Hofgärtnerinn Voß

in Sans-Souci,

zur Erinnerung

an die frohen Erzählungsabende im heitern Enkel- und Kinderkreise,


mit Liebe und Achtung zugeeignet


von


dem Verfasser. 


[III]
Vorwort.

Ob das Mährchen für Kinder gehöre, oder ihnen ganz entzogen werden müsse? Darüber sind die Urtheile noch verschieden.

Viele, – und dies sind die Einsichtsvollsten und Erfahrensten, – erklären sie für ein vortreffliches Bildungsmittel, und wollen sie auf keine Weise aus der Erziehung verbannt wissen. Einige dagegen verwerfen sie als verderblich und schädlich: denn sie meinen, daß durch diese „wunderlichen Zaubergeschichten“ der Geschmack nothwendig verderbt, die Phantasie verwöhnt, der Blick in das Leben getrübt, und der Kopf des Kindes mit lauter falschen, abentheuerlichen und verkehrten Ideen angefüllt werden müsse, gerade wie der Roman nachtheilig für die Erwachsenen wirke.

[IV] Diese Ansicht ist aber ganz falsch, weil sie gegen alle Erfahrung ist, und gilt höchstens nur von den schlechten, phantastischen Mährchen, die durch übertriebene, wunderbar wechselnde Erscheinungen und bizarre Sprünge belustigen, oder durch allerlei verführerische Liebesabentheuer bezauberter Prinzen und Prinzessinnen das unschuldige Gemüth beflecken, und mit seltsamen, wollüstigen Bildern verunreinigen. Dergleichen Mährchen gehören aber nicht in den Kreis der Kinderwelt, und wer sie da hineinzieht, versündigt sich an dem aufblühenden Geschlecht, und hat sich selbst die Schuld beizumessen, wenn er, anstatt zu nützen Schaden stiftet und verbildet.

Nur von guten Mährchen kann hier die Rede seyn, von solchen, die, mit Beseitigung alles Abentheuerlichen, Fratzenhaften und Gespensterartigen, die Phantasie und das Gemüth des Kindes durch reine, heitere Bilder und Begebenheiten angenehm beschäftigen, und wegen ihres moralischen Inhalts zugleich auch das sittliche Gefühl mannichfaltig wecken und beleben.

Solche Mährchen sind nie schädlich, und wer ihnen ihren Werth in der Erziehung absprechen wollte, der würde das geistige Bedürfniß des Kindes durchaus verkennen, und sich selbst eines der besten und bildendsten Unterhaltungsmittel für die Jugend berauben.

[V] Schon eine flüchtige Beobachtung lehrt uns, daß in den früheren Jahren des Lebens die Phantasie am kräftigsten sich regt, und daß das Wunderbare und Außerordentliche ihre eigentlichste Nahrung zu seyn scheint.

Die Phantasie ist dem Menschen vom Schöpfer als eine freundliche Gespielinn seines Geistes, als die vertrauteste Gesellschafterinn durchs Leben zugesellt; und in dem Triebe zum Wunderbaren liegt der Keim zur Vorahnung eines Höheren und Unendlichen außer uns, welche wiederum die Grundlage aller Religion ist.

Dieser, von dem weisesten Schöpfer selbst gemachten Einrichtung dürfen wir nicht, als etwas Fehlerhaftem, entgegenarbeiten, wir müssen vielmehr die zu höheren Zwecken dem Geiste verliehenen Anlagen mit gebührender Achtung und Sorgfalt bilden und leiten, damit sie nicht, sich selbst überlassen, ausschweifen und entarten, oder endlich ganz verloren gehen.

Und hierzu bietet sich uns kein kräftigeres und zweckmäßigeres Mittel dar, als eben das Mährchen, welches in dem Kindheitsalter der Völker entstanden, dem aufwachenden geistigen Leben des Kindes ganz vorzüglich zusagt, und seinem Bedürfniß befriedigend entgegen kommt.

[VI] Daher die allgemeine Erfahrung, daß die Kinder Alles stehen und liegen lassen, und selbst ihr liebstes Spielwerk bei Seite legen, wenn Mährchen erzählt werden; ja, es ist auffallend, daß sie ein und dasselbe Mährchen wohl hundert Mal, und mit immer gleicher Aufmerksamkeit anhören, da sie bei der Mittheilung wahrer Begebenheiten, oder sogenannter moralischer Erzählungen, nur zu bald ermüden, und Ueberdruß empfinden. Ganz natürlich! Das Kind fühlt sich nie glücklicher, als wenn es imaginirt, und sich sogar in fremde Situationen und Personen dichtet, und es erwacht daher ungern aus diesem zauberischen Traum der Wahrheit, – wie Herder sich ausdrückt.

Man befürchte übrigens gar nicht, daß dadurch die Liebe zum Wunderbaren zu sehr begünstigt, und dem Aberglauben und der Wundersucht eine schädliche Nahrung dargereicht werde! Dem aufkeimenden Kindergeiste ist Alles ein Wunder, und je mehr der Verstand über die Naturgesetze und ihre Wirkungen aufgeklärt wird, desto mehr verliert sich auch das Wunderbare, und dem Kinde bleibt späterhin nur die süße Erinnerung an die heitern Phantasie-Genüsse seines glücklichen Jugendmorgens. –

Aber das Mährchen gewährt nicht nur, neben der Bildung der Phantasie, eine ergötzliche Unterhaltung, es [VII] ist auch für die sittliche Erziehung der Jugend von großer Wirksamkeit. Denn es ist nicht zu verkennen, daß in den Mährchen ein Schatz vortrefflicher Sittenlehren enthalten ist, die wegen der ansprechenden Form, in welche sie gehüllt sind, um so eher den Eingang in die jugendlichen Herzen finden, als jene trockenen Belehrungen aus irgend einem Sitten- und Tugend-Katechismus, oder die absichtlich verfaßten moralischen Erzählungen, die oft langweilig genug sind, um alles Interesse daran zu hemmen und zu tödten. Mit Recht bemerkt daher der verewigte Herder, daß in den Mährchen eine Ernte von Weisheit und Lehre liege, und daß keine andere Dichtung dem menschlichen Herzen so feine Dinge so fein zu sagen verstehe, als eben das Mährchen.


Diese Ansichten, die ich für die richtigsten halte, haben mich bestimmt, aus dem großen Vorrathe der mir zu Gebote gestandenen Mährchen diejenigen nach sorgfältiger Prüfung auszuwählen, die mir für das frühere Kindesalter die geeignetsten schienen, und sie den Aeltern und Kinderfreunden, die gern mit den geliebten Kleinen ein Stündchen, besonders im traulichen Familienkreise, verplaudern, als einen angenehmen und bildenden Stoff darzubieten: denn erzählt, oder doch frei vorgelesen müssen die Mährchen werden, wenn sie Reiz behalten, [VIII] und Wirkung thun sollen[1]. – Wir besitzen zwar schon eine ähnliche Sammlung in zwei starken Bänden von Löhr; aber ich kann diese nicht unbedingt empfehlen. Sie enthält ein buntes Gemisch von Einheimischen und Fremdartigen, und ein großer Theil der Mährchen ist so beschaffen, daß ich Bedenken tragen würde, sie vor die Anschauung des Kindes zu bringen.

Uebrigens habe ich nicht bloß gesammelt und abgeschrieben, sondern mit mehrern der vorliegenden Mährchen, wie ich glaube, zweckmäßige Veränderungen vorgenommen, und mich bemüht, den Vortrag möglichst leicht, einfach und gemüthlich zu machen, worin die Gebrüder Grimm und ihr Namensverwandter, Alb. Ludw. Grimm, musterhaft sind.

Lehnert. 


[IX]
Inhalt.
  Seite
Frau Holle 1
Rothkäppchen 8
Die Grasmücke 12
Schneeweißchen und Rosenroth 18
Aschenbrödel 25
Die drei Federn 35
Das Himmelsschäfchen 38
Martin und Ilse 43
Von dem Maßholderbaum 47
Das Feld mit Hagebuchen 57
Der Wunderstein 60
Die Schlangenkrone 66
Die Nelke 71
Das Waldweibchen 77
Blaubart 87
Das Goldvögelchen 93
Fingerhütchen 98
König Bubu 104
Das singende Rohr 116
Der Knabe und der Vogel 122
Der kleine Däumling 128
Schneewittchen 139
[X]
 
Die drei Gärtnerssöhne 149
Das gutmüthige Mäuschen 155
Die singende Puppe 164
Dornröschen 174
Die ungleichen Brüder 184
Der Widder 195



  1. Für die erwachsenern Kinder habe ich eine eigene Sammlung, gleichzeitig mit diesem Werkchen, herausgegeben, unter dem Titel: „Lehrreiche und unterhaltende Mährchen für die erwachsenere Jugend u. s. w.“ Berlin, bei J. G. Hasselberg.